summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-27 11:29:58 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-27 11:29:58 -0800
commit742c602743eeaad218e169ae442dafccb313659e (patch)
tree30237f10bba91d3a5f8d4df8827d30314aa2bb43
parent48c50e4fe9bb928c85ecfd9239f1fa4f5b63bd9d (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/60358-0.txt20757
-rw-r--r--old/60358-0.zipbin489417 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60358-h.zipbin594277 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60358-h/60358-h.htm22392
-rw-r--r--old/60358-h/images/cover.jpgbin78220 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60358-h/images/zier.jpgbin3438 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 43149 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..f64ce44
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #60358 (https://www.gutenberg.org/ebooks/60358)
diff --git a/old/60358-0.txt b/old/60358-0.txt
deleted file mode 100644
index 108a68a..0000000
--- a/old/60358-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,20757 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Vier Jahre in Spanien.
- Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
-
-Author: August Karl von Goeben
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60358]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-transcription was produced from images generously made
-available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State
-Library.)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1841 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht,
- wenn diese im Text mehrmals auftreten.
-
- Groß- und Kleinschreibung sind nicht konsistent und entsprechen
- nicht in allen Fällen den heutigen Schreibgewohnheiten; gleiches
- gilt für die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß).
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Vier Jahre in Spanien.
-
- Die Carlisten,
-
- ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
-
- Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege
-
- von
-
- A. von Goeben,
-
- Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im Generalstabe.
-
- Hannover, 1841.
-
- Im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung.
-
-
-
-
-Über Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet
-hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses
-Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft
-selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben,
-konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es
-dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in
-ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und
-Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers
-unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes
-und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet
-habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck
-erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die
-einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges
-Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden.
-
-Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu
-geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die
-Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu
-prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in
-den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen
-Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten
-Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos
-in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der
-einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840
-Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr
-existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem
-ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben.
-
-Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen
-ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein
-Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren
-nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die
-Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit
-nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in
-die Schranken trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche
-Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen.
-
-Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für
-mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich
-mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird
-stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das
-ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten
-Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet
-habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder
-aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den
-Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft;
-wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen.
-
-Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der
-ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs
-und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz
-anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen
-abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera
-thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr
-oder weniger detaillirt den ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem
-Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als
-Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist.
-
-Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine +Geschichte+ des
-Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem
-künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern!
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- I. Hoffnungen und Träume -- Carl V. der rechtmäßige
- König 1
-
- II. Die Gränze -- Die Carlisten -- Ereignisse in den
- baskischen Provinzen seit dem Tode Ferdinands VII.
- bis zum Frühling 1836 13
-
- III. Carl V. -- Die Linien -- Das Land und seine Bewohner
- -- Die ~fueros~ 38
-
- IV. Gefechte in Guipuzcoa -- Gefangenschaft -- Marsch
- nach Logroño 54
-
- V. Grausamkeiten der beiden Partheien, in Heer und
- Volk 77
-
- VI. Expeditionen der Generale Don Basilio Garcia --
- Gomez -- Sanz 89
-
- VII. Acht Monate im Kerker 105
-
- VIII. Krieg in den Provinzen während der zweiten Hälfte
- 1836 -- Belagerung von Bilbao -- Operationen im
- Frühlinge 1837 113
-
- IX. Befreiung -- Fünf Wochen in Navarra -- Operationen
- in den Nordprovinzen 124
-
- X. Expedition Zariategui’s -- Erstürmung von Segovia --
- Marsch auf Madrid -- Rückzug in die Gebirge 139
-
- XI. Expedition Zariategui’s -- Wiederaufnahme der
- Offensive -- Lerma -- Valladolid -- Der Alt-Castilianer
- -- Verwundung -- Vereinigung mit der Armee des Königs 158
-
- XII. Expedition des Königs -- Vereinigung mit Cabrera --
- Marsch auf Madrid -- Rückzug -- Sendung nach Vizcaya
- -- Rückkehr der Expeditionen -- Ereignisse während
- derselben 186
-
- XIII. Der Aufschwung und das Sinken der carlistischen
- Macht -- Nachtheile der Expeditionen 203
-
- XIV. Expedition von Don Basilio Garcia -- Ebro-Übergang
- -- Verwundung -- Gefangennahme 225
-
- XV. Das Hospital -- Marsch nach Madrid -- Marsch durch
- die Mancha und Andalusien nach Cadix 246
-
- XVI. Expedition von Don Basilio -- Tallada -- Die
- Cabecillas der Mancha -- Vernichtung der Division --
- Expedition des Grafen Negri -- Vernichtung derselben
- -- Peñacerrada 267
-
- XVII. Maroto -- Partheiungen unter den Carlisten --
- Operationen in den Provinzen -- Valmaseda --
- Vermählung des Königs -- Muñagorri 286
-
- XVIII. Die Casematten von Cadix -- Maroto und Espartero --
- Fünf Generale ermordet -- Auswechselung nahe --
- Schein-Operationen in Vizcaya 300
-
- XIX. Fahrt von Cadix nach Valencia -- Das Mittelländische
- Meer -- Die Huerta und ihre Bewohner -- Die
- Auswechselung 318
-
- XX. Don Ramon Cabrera, Guerrillero, General und Mensch
- -- Der Krieg in Aragon und Valencia bis zum Ende des
- Jahres 1837 -- Hungers-Gräuel 335
-
- XXI. Escalade des Castells von Morella durch achtzig
- Castilianer 351
-
- XXII. Operationen in der ersten Hälfte des Jahres 1838 --
- Tallada -- Zaragoza -- Morella -- Belagerung desselben
- durch Oraa 364
-
- XXIII. Belagerung von Morella -- Sturm -- Rückzug der
- Christinos -- Folgen 382
-
- XXIV. Operationen im Herbst 1838 -- Schlacht bei Maella --
- Repressalien-System 392
-
- XXV. Operationen in der ersten Hälfte 1839 -- Segura --
- Villafamés -- Montalban -- El Turia -- Lucena 412
-
- XXVI. Reise nach Chelva -- Das Heer Cabrera’s -- Der
- Aragonese, Valencianer und Catalan -- Action von
- Chulilla 428
-
- XXVII. Chelva -- Kampf bei Tales -- Cabrera -- Carboneras
- -- Verhältnisse und Hoffnungen im Sommer 1839 --
- Reise nach Morella -- Espartero in Aragon 444
-
- XXVIII. Maroto’s Verrath -- Vertrag von Bergara -- Carl
- V. in Frankreich -- Graf Casa Maroto 465
-
- XXIX. Marsch nach Catalonien -- Das Fürstenthum und seine
- Bewohner -- Die dortigen Carlisten -- Graf de España --
- Operationen desselben 479
-
- XXX. Vier Tage mit dem Grafen de España -- Berga -- Der
- 27. October -- General Segarra 497
-
- XXXI. Verschwörung gegen den Grafen -- Seine Ermordung. 514
-
- XXXII. Reise nach Morella -- Espartero in Luco und Bordon
- -- Baron von Rahden 522
-
- XXXIII. Operationen Espartero’s und O’Donnell’s -- Stellungen
- der Heere -- Einzelne Gefechte -- Rückzug der
- Christinos 540
-
- XXXIV. Reise mit Cabrera nach dem Ebro -- Krankheit des
- Generals 557
-
- XXXV. Die ersten Monate 1840 -- Alzaga -- Chulilla erobert
- -- Espartero als Fälscher -- Verkauf von Segura 569
-
- XXXVI. Castillote -- Marsch nach Castilien -- Don Manuel
- Matias -- El Turia und die Linie von Cañete --
- Verhältnisse daselbst 585
-
- XXXVII. Don Manuel Brusco -- Cañete -- Arbeiten und
- Streifzüge -- Fortschritte von Espartero, O’Donnell und
- Aspiroz 604
-
- XXXVIII. Eroberung von Morella, Cabrera passirt den Ebro --
- Don Remigio Cantero -- Beteta -- Palacios nach
- Frankreich 621
-
- XXXIX. Marsch nach Cañete -- Marco Valero -- Rettung --
- Cañete geräumt -- Niederlegung der Waffen -- Cabrera und
- Valmaseda nach Frankreich -- Ende des Krieges 638
-
- XL. Meuchelmord -- Reise nach Valencia und Barcelona --
- Ankunft in Frankreich 650
-
-
-
-
-I.
-
-
-In stolzen, hoffnungsreichen Träumen schwelgend durchflog ich die öden
-Steppen der Landes, welche umsonst heimische Bilder mir zu erwecken
-suchten. Meine Blicke waren gen Süden gerichtet. Dort tauchten fern
-am Horizonte einem bläulichen Gewölk ähnlich die Höhenzüge der
-Pyrenäen empor, unvergängliche Zeugen der Heldenthaten des braven
-Gebirgs-Völkchens, mit dessen siegreichen Schaaren ich mich zu
-vereinigen eilte, dessen Gefahren und Ruhm ich bald zu theilen hoffte.
-Das Herz klopfte mir lauter, die Brust schwoll von unendlichen,
-unaussprechlichen Gefühlen. Jung und unerfahren, den Kopf warm,
-das Blut glühend, träumte ich von Krieges-Thaten und Kampfes-Lust,
-malte den Augenblick mir aus, in dem die Kugeln des Feindes mich
-umzischen würden, und ich wünschte mir Flügel, um früher das ersehnte
-Ziel zu erreichen. -- Ich ahnete nicht die bittern Erfahrungen, die
-schmerzlichen Enttäuschungen, welche meiner warteten; die Phantasie
-schilderte mir die Zukunft in den lieblichen Farben, mit denen sie
-so gern ihre Kinder schmückt, ohne die finstern Schatten zuzulassen,
-welche nur zu oft ihre reizenden Erzeugnisse in Thränen des Schmerzes
-ertränken. Ich sah jene Gebirge vor mir, in denen ich bald im
-Schlachtgewühl mich tummeln, mein Blut für die Sache der Legitimität
-darbieten sollte, und ich fühlte mich glücklich in der nahen Erfüllung
-so lange gehegter Wünsche.
-
-Und wie hätte ich nicht freudig zu der Vertheidigung des Monarchen
-eilen mögen, der in heldenmüthigem Kampfe gegen übermächtige Heere
-rang, welche die Revolutionäre aufgeboten hatten, um ihre unrechtmäßige
-Herrschaft zu sichern und die Anstrengungen der treuen Anhänger ihres
-Königs niederzuschmettern? Royalist im ganzen Sinne des Wortes, auf
-immer befestigt in dieser Grundlage meiner politischen Denkungsart
-durch Alles, was des Mannes Ansichten zu leiten vermag, überzeugt, daß
-nur auf solcher Basis das Glück der Völker, Endzweck jeder Regierung,
-sicher erreicht wird; mußte ich nicht stolz sein, mein Schwert der
-Vertheidigung des wahren Souverains jenes unglücklichen Landes zu
-weihen, welches unter dem doppelten Joche der Umwälzung und der
-Usurpation schmachtend in krampfhaften Zuckungen die schweren Fesseln
-abzuschütteln strebte! Mußte ich nicht mit Freude den kühnen Männern
-mich anschließen, die, von ihren Gebirgen herab den Riesenkampf gegen
-Christina’s erdrückende Waffen bestehend, für das Recht Alles opferten
-und durch ihren Muth, ihre Ausdauer und unbeugsam scheinende Festigkeit
-Europa’s Bewunderung sich würdig machten!
-
-Ach, ihre Festigkeit +schien+ unbeugsam -- Kugeln und Schwert, Leiden
-und Gefahren vermochten nicht sie zu erschüttern, Hunger, Blöße, Tod
-waren machtlos gegen sie -- Ihre Festigkeit wich den Schmeichelworten,
-welche unter den schönen Namen des Vaterlandes und des Friedens der
-listige Feind durch ihre eigenen erkauften Anführer ihnen zuzuflüstern
-wußte; sie wich den trügerischen Versprechungen der Parthei, die so
-oft gezittert, da sie ihre Söldlinge vor den siegreichen Waffen jener
-Männer fliehen sah. Um die Rechte und Freiheiten der vaterländischen
-Provinzen zu sichern, verließen die Basken den angestammten Herrscher,
-der allein jene Sicherung ihnen gewähren konnte.
-
-Denn wie sehr auch seine erbitterten Feinde gegen ihn eifern, welche
-schimpfliche Benennungen die liberale Presse aller Länder ihm
-verschwenden mag, Carl V. ist der rechtmäßige König Spaniens, und
-weder Christina’s zahlreiche Heeresmassen, noch die spitzfindigen
-Sophismen ihrer Anhänger, vermögen die „unschuldige“[1] Isabelle von
-dem Titel einer Usurpatorinn zu befreien. Das Gesetz, durch welches
-Ferdinand VII. die Rechte seines Bruders annullirte, um der Tochter
-die Krone zu geben, die durch die bisherigen Gesetze ihr versagt war,
-konnte nie Gültigkeit erlangen, da theils es in sich den Stempel
-der höchsten Ungerechtigkeit trug, theils die äußeren Erfordernisse
-nicht gehörig beobachtet waren, welche die Staatsverfassung zu seiner
-Feststellung bestimmte.
-
-Philipp von Anjou erlangte nach langem, blutigem Kriege, in den die
-ganze westliche Hälfte Europa’s verflochten, den unbestrittenen Besitz
-des spanischen Thrones. England und die Niederlande, nach der Erwählung
-des Erzherzogs Carl zum römischen Kaiser von seiner Gelangung zur
-Krone Spaniens und der Vereinigung zweier so mächtigen Reiche unter
-Einem Haupte die traurigsten Folgen für die Unabhängigkeit der übrigen
-Staaten besorgend, wählten von zwei Übeln das kleinere, indem sie
-den Enkel Ludwigs des Vierzehnten als König von Spanien und Indien
-anerkannten, da sie doch so lange mit Aufbietung aller Kräfte und nicht
-ohne glänzende Erfolge seine Ansprüche bekämpft hatten. Nur strebten
-sie, im Friedensvertrage von Utrecht einer etwaigen spätern Vereinigung
-der spanischen und französischen Monarchieen so weit vorzubeugen, wie
-feierliche Garantieen, Entsagungen und Versprechen vorzubeugen vermögen.
-
-Philipp V. hatte seit seiner Thronbesteigung aufgehört Franzose zu
-sein; er arbeitete jetzt nur für das Wohl seines Königreiches und
-erkannte daher leicht, wie sehr es in dessen Interesse und wie wichtig
-es für Spaniens Unabhängigkeit war, jene Vereinigung mit dem mächtigen
-und übermüthigen Nachbar so viel wie möglich zu erschweren. Um dieses
-Ziel zu erreichen, und die mannichfachen sonstigen damit verknüpften
-Vortheile nicht übersehend, etablirte er das Grundgesetz, welches
-seitdem die Thronfolge in der Monarchie ordnete, und ergänzte und
-vervollkommnete dadurch die Stipulationen des Vertrages von Utrecht.
-Durch dieses Gesetz wurden die weiblichen Glieder der spanischen
-Bourbons von der Herrschaft ausgeschlossen, so lange irgend ein
-männlicher Nachkomme Philipp’s existirte; doch gestattete ihm die
-väterliche Liebe wohl nicht, die Frauen ganz auszuschließen und so
-seinen eigenen Nachkommen Fremde vorzuziehen, weshalb er anordnete,
-daß ein streng Salisches Gesetz erst in Kraft treten sollte, im Falle
-nach gänzlichem Aussterben der spanischen Bourbons das Haus Savoyen zum
-Throne gelangen würde. -- Philipp V. versäumte keine der Maßregeln,
-welche die alte spanische Verfassung möglich machte und vorschrieb,
-um seine neue Thronfolge-Ordnung zu sanctioniren: sie ward von dem
-höchsten Rath von Castilien geprüft und gebilligt, und im Jahre 1713
-legte sie der König auch den besonders zu diesem Zwecke berufenen
-und dazu von ihren Committenten mit Specialvollmachten versehenen
-Reichs-Cortes vor, welche darüber berathschlagten und sie annahmen.
-Dann ward diese Anordnung als Staats-Grundgesetz bekannt gemacht.
-
-Als solches galt sie und diente als Basis in den Verhandlungen und
-Bündnissen, die seitdem geschlossen wurden, ohne daß irgend Einer der
-nachfolgenden Könige einen Schritt zu seiner Aufhebung gethan hätte,
-bis Ferdinand VII., getrieben von seiner eben so herrschsüchtigen wie
-intriganten Gemahlinn, der Prinzessinn Maria Christina von Neapel,
-seinen Bruder, den Infanten Don Carlos, der ihm zustehenden Rechte zu
-berauben und, im Falle seine Gemahlinn in der nahe bevorstehenden
-Niederkunft mit einer Tochter ihn beschenken sollte, dieser die Krone
-zu sichern beschloß. Ferdinand’s Charakter zeichnete sich durch
-größte Neigung zur Intrigue aus. Selbst Dem, was er leichter auf dem
-geraden Wege hätte erlangen können, mochte er lieber auf krummen
-Schlangenpfaden hinschleichend zustreben; und nicht selten machte ihn
-während der langen Zeit, in der er sein Königreich dem Untergange
-zuführte, eben diese unedle Denk- und Handlungsart sein Ziel verfehlen.
-Er verleugnete auch jetzt diese Neigung nicht, wiewohl die Furcht
-vor dem Eindrucke, den sein Plan auf die zahlreichen Anhänger seines
-Bruders machen würde, das Ihrige zu dem Entschlusse beitrug, auf seines
-Vaters, Carl IV., Schultern die Last zu laden, der er sich wohl nicht
-gewachsen fühlte.
-
-Am 29. März 1830 erließ Ferdinand VII. das Decret, durch welches er den
-direkten weiblichen Nachkommen des Herrschers in der Thronfolge den
-Vorzug vor dessen männlichen Seitenverwandten einräumte. Als Hauptmotiv
-dafür ward angegeben, daß im Staatsarchive aufgefundenen Papieren
-gemäß schon Carl IV. im Jahre 1789 einen ähnlichen Gesetzesentwurf den
-Cortes vorgelegt habe, so daß Ferdinand durch die Erneuerung desselben
-nur die Absicht seines Vaters in Ausführung bringe. -- Die bald
-nachher geborene Prinzessinn Isabella ward demzufolge für eventuelle
-Thronerbinn erklärt. Der König, durch die langsam ihn aufzehrende
-Krankheit an den Rand des Grabes gebracht, widerrief zwar das neue
-Gesetz, dessen furchtbare Folgen ihm einleuchten und doch zu schwer auf
-dem Gewissen des Sterbenden lasten mochten. Da aber die augenblickliche
-Gefahr auf kurze Zeit gehoben wurde, gelang es der Königinn, ihren
-Einfluß auf den geistig und körperlich nur noch vegetirenden Gemahl so
-auszudehnen, daß sie das Gesetz unter den nichtigsten Vorwänden wieder
-in Kraft treten und bis zu Ferdinand’s Tode nicht weiter abändern ließ.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Gründe, welche die Änderung der Thronfolge-Ordnung motiviren
-sollten, sind die uralte, herkömmliche Gewohnheit der Monarchie und
-der Gesetzesentwurf Carls IV. In Betreff der ersteren finden wir seit
-der Zeit des Wahlreiches der Gothen bis zu dem Regierungs-Antritte
-Philipps V., daß, wenn die Verwirrung und das oft sich Widersprechende
-in der dunkeln Legislatur jener Zeiten keine gesetzliche Bestimmungen
-auffinden läßt, allgemein die männlichen Descendenten den weiblichen
-vorgezogen wurden; und ganz besonders in den Kronen von Castilien und
-Aragon, durch deren Vereinigung die spanische Monarchie sich bildete,
-ward dieser Grundsatz stets streng durchgeführt. Selbst als Alfonso,
-wie aus Ironie der Weise benannt, in dem von ihm verfaßten Codex die
-Frauen in der Thronfolge den Männern gleichgestellt hatte, kam diese
-Anordnung so wenig zur Ausführung, daß ihr schon bei seinem Tode und
-seinem eigenen Rathe gemäß geradezu entgegengehandelt wurde, was bei
-jeder neuen Gelegenheit sich wiederholte. Überhaupt ward dieser Codex
-nie als feste Grundlage der Gesetzgebung des Reiches angesehen und
-befolgt. -- Die weiblichen Herrscher, welche wir vereinzelt an der
-Spitze der Gothen und der kleinen christlichen Staaten der Halbinsel
-sehen, verdankten ihre Erhebung stets außerordentlichen Verhältnissen,
-Empörungen, Revolutionen oder dem Mangel an männlichen Erben, weshalb
-diese Fälle nie als Norm gelten und ein Motiv zu Ferdinands Gesetze
-abgeben konnten.
-
-Noch unhaltbarer ist die andere Veranlassung der vorgenommenen
-Gesetzes-Änderung. Der Sohn beschließt eine Ungerechtigkeit
-auszuführen, weil -- sein Vater sie vor ihm beabsichtigte. Es ist
-häufig selbst von Anhängern Christina’s an der Echtheit jener angeblich
-im Archive gefundenen Documente gezweifelt; aber vorausgesetzt, daß
-Carl IV. wirklich im Jahre 1789 eine solche Absicht gehegt hätte, so
-that er doch nie einen Schritt zu ihrer weiteren Ausführung, wozu ihm
-während der neunzehn Jahre bis zu seiner Entsagung gewiß hinreichende
-Zeit gegeben war. Ferdinand ergriff jedoch begierig den von seinem
-Vater augenblicklich und nur zur Beförderung des persönlichen
-Interesses der Königinn Marie Louise aufgefaßten Gedanken, um sich
-so den Schein einer, freilich unendlich schwachen Rechtfertigung
-zu verschaffen und wenigstens die Schuld der Erfindung von sich zu
-schieben.
-
-Beachten wir nun das Gesetz in Bezug auf seine Gültigkeit lediglich
-als solches, so drängt sich zuerst die Bemerkung auf, wie so ganz alle
-äußeren Erfordernisse vernachlässigt wurden, ohne die doch das Gesetz
-als gar nicht gegeben muß angesehen werden. Spaniens Könige sind nie
-unumschränkt gewesen; ihre Macht war von jeher in mancher Hinsicht in
-ziemlich enge Schranken gezwängt, und vor Allem standen die Cortes und
-der Rath von Castilien als Wächter der alten Staats-Verfassung da: ohne
-ihre Zustimmung konnte kein Gesetz in Kraft treten. Wir sahen oben,
-daß Philipp V. allem der Verfassung nach Nothwendigen streng Genüge
-leistete, da er seine Thronfolge-Ordnung einführte. Falls also irgend
-einem seiner Nachkommen das Recht zustand, das von dem Stifter der
-Dynastie angeordnete Erbgesetz umzustoßen, mußte dieses doch mit eben
-den Förmlichkeiten und unter Beobachtung aller durch die Verfassung
-vorgeschriebenen Bedingungen geschehen, um als gültig ins Leben treten
-zu können.
-
-Ferdinand VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s
-Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten
-zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann
-nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht
-versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht
-eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der
-König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit
-ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn
-entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand geleistet ward,
-da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der
-ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten,
-wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war
-natürlich gar nicht die Rede. -- So entsprach also das Gesetz, welches
-den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art,
-in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es
-der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt
-schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen
-Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben.
-
-Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt,
-wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls IV. Entwurf Marie
-Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse
-berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet
-wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp V. so mächtig zu seiner
-Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich
-darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und
-doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert
-Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr
-und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt
-wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er
-das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der
-Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht
-befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz
-ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten
-konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist,
-und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann
-Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es
-sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer
-Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht.
-
-Wohl suchten die Gegner Carls V., listig die Ereignisse der letzten
-zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche
-Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine
-zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen
-Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche
-Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine
-strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden;
-auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen
-und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt
-worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht.
-
-Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant
-Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes
-protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner
-Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März
-1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen
-später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps V.
-vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben steht. Ganz
-abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch nicht geboren
-war und der Infant daher im Falle der Geburt eines Prinzen durch eine
-voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines königlichen
-Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei Gründe,
-die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die
-Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen.
-
-Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner
-Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten.
-Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie
-um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien,
-Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine
-Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung
-durch seines Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß
-sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes
-kräftig sich zu widersetzen. -- Dann wußte er sehr wohl, daß das
-ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß
-gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von
-Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz
-protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April
-1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu
-heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung
-seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April
-und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch
-in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel
-gehindert hätte.
-
- * * * * *
-
-Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der
-Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung,
-staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben
-kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre
-Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt
-Carl V. der rechtmäßige König von Spanien.
-
-Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel
-sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s
-begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn
-zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen
-Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der
-sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche
-seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem
-Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe,
-unter Carl V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu setzen.
-Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie den
-Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft sich
-zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen Ämter
-und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich
-zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines
-schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß
-Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht
-schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und
-edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so
-günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich
-stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten
-Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde,
-welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und -- entwanden den
-Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft
-der ehrgeizigen Frau.
-
-Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens
-sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es
-wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie
-durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten,
-unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen
-werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie
-sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der
-überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland
-wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen
-ertheilten Monopole u. a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse
-der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten
-Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit,
-Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder
-Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder,
-Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle
-Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der
-Gewandtheit geschätzt, mit der er die kurze Zeit, während der er ein
-Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung
-benutzt.[2]
-
-Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der
-Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des
-Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr
-Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von
-Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten,
-während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen
-getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel
-die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem
-Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der
-ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren
-Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des
-im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu
-trotzen. -- Und sie triumphiren!
-
- [1] In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward die
- Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „~nuestra innocente Reyna~“
- bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den
- Christinos besonders merkwürdig.
-
- [2] Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen, welche
- unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl
- Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach
- seiner Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal,
- der Graf Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit
- wenigen Ausnahmen die Militair- und Civil-Behörden bis zu den
- untersten Beamten nur Geld zu ihrer Losung machten, wie die
- Ersteren, in Dürftigkeit aus der Verbannung zurückgekehrt,
- bald in übermüthigem Luxus glänzten und Millionen im Auslande
- niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten, bis die
- Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach dem
- Vaterlande zurückriefen; -- das wurde selbst von ihren Anhängern
- nicht geleugnet und -- -- natürlich gefunden. Armes Spanien!
- Übrigens brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit
- sich und mußte sie allgemein machen, da, so oft eine andere
- Parthei des Ruders sich bemächtigte, die der vorher herrschenden
- Angehörigen ihrer Stellen entlassen und mit ihren Familien zum
- Betteln verdammt wurden, wenn sie nicht in der fetten Zeit für
- die magere Vorrath gesammelt.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen
-Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege
-wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen.
--- Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in
-die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden
-Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte
-aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der
-von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am
-unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer
-Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und
-Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes
-Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit
-Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache
-befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde
-der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da -- schon nicht fern von
-der Gränze -- ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter
-uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald
-auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch
-nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos.
-Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach
-allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „~Eh bien, nous voici chez
-nous~“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte
-Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft
-ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden.
-
-Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die
-Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen
-den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten,
-welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei
-einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente.
-Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd
-gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles
-Strebens mir war.
-
-Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte
-Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen
-Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre
-kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren
-und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich
-ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in
-dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende
-Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die
-Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während
-Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch
-schwache Hanfsandalen[3] ihre Füße schützten. Ein scharlachfarbiges
-oder weißes Basken-Barett (~la voyna~) deckte das Haupt, der Hals
-war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung
-bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter
-schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide
-hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit
-berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf
-dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel
-enthielt.
-
-An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen
-Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser
-Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich
-höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen
-Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich
-gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen
-die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich
-erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen
-Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten
-herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen
-und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen verbreiteten
-und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne
-zittern machten.
-
- * * * * *
-
-Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen Blutes
-vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst war
-und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem mit
-politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, wo
-möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; --
-Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen
-Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen,
-dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer
-Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von
-dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.
-
-Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen
-bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des
-legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen
-in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino,
-wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten
-Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell an
-der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als ~voluntarios realistas~[4]
-vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren Herrscher aufgestanden;
-in den übrigen Theilen des Königreiches fanden ähnliche Bewegungen,
-wiewohl in kleinerem Maßstabe, Statt. Ein entscheidender Schlag
-hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der Mangel an Einheit,
-Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer späteren Epoche
-so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach Alava gezogen,
-ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner Castilianer
-mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, eine jede
-Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer deshalb
-auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest auf
-die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil seiner
-Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.
-
-Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen,
-den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie
-usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal,
-nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort
-war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, +ganz+ es zu
-behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei,
-die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten
-Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr
-sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten,
-aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten
-Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward,
-den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der
-treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit
-Schmerz seines Königs Befehle.
-
-Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen
-Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen
-Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich
-gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf
-den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich
-befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen,
-welche in stets erneuten Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden,
-die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele
-Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben
-niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch
-sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische
-Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine
-Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend
-den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die
-Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien
-lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren
-Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.
-
-Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und
-dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie,
-hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse
-hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren
-~fueros~ der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s Herrschaft
-waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das Königreich
-sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche befand, daß
-es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel durchzusetzen.
-Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese Frage mehrfach
-zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren wirklich Truppen an
-ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten sich, wie heilig diese
-auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie erkannten, welche Macht die
-Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes ihnen giebt; sie gedachten
-auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle der Gerechtigkeit stets
-für sie gesprochen, wie einst die schon beschlossene Aufhebung der
-Privilegien nur durch seinen Einfluß rückgängig gemacht wurde. Das
-brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, zauderte nicht.
-
-Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl V.
-als König von Spanien, Herren von Vizcaya proclamirend; am 3. und 4.
-October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die Stadt durch von
-San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in Vitoria erhob sich
-das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der erste Versuch blutig
-niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef ernannt, durchzog
-das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder unbewaffnet, in
-seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden niedergemetzelt,
-die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, vernichtet.
-Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo ließ den
-edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als Bürger
-und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, im Graben
-von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn gefangen
-genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, wiewohl zum
-Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die Kunde von
-dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien leicht.
--- Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne seiner
-blutigen That.
-
-Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien
-wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten
-Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen
-erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit
-hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des
-Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen.
-In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den
-festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig
-unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung
-ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des
-Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch
-wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete,
-es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. --
-Jene entrissen sie den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs
-über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die
-Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer ....
-Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein
-Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten
-Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und
-die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag,
-wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit
-Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.
-
- * * * * *
-
-Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn
-zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich
-zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es
-zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen,
-wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.
-
-Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst
-und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm,
-der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina
-sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu
-entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch
-Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die
-es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben.
-Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten
-ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er
-mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen
-standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens
-siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten
-Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswürdig
-benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so
-ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und
-Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten,
-unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern,
-Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie
-zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu
-suchen genöthigt waren.
-
-Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee -- so viele andere
-Chefs unter ihnen -- scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden
-Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone
-bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied
-die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre
-Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete
-sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf
-die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten
-den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder
-Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege
-gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie
-das Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben,
-die kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von
-England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten
-die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte
-besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das
-ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend.
-Zumalacarregui war auf seine Gebirge -- das Land im Allgemeinen --
-beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu
-bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen
-Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten
-herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen
-die Carlisten nur ein Geschütz, ~el abuelo~ -- der Großvater --
-genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten
-sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen
-halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch
-einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen
-gewesen.
-
-Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht
-der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken
-und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material
-lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.
-
-Kaum war Don Carlos in den Provinzen[5] angekommen, als General Marquis
-Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel
-operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische
-Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die
-Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen
-beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch die Größe
-und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die Bewunderung der
-Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen ihm erwarben. Nur
-von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten Mannschaft, unter des treuen
-Eraso Führung begleitet, irrte der König Monate lang durch die wilden
-Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, umringt von vier und fünf Colonnen,
-die nur diesem Zwecke bestimmt waren. Da duldete der König alle die
-Entbehrungen und Drangsale, die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten
-in den unglücklichsten Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit
-klimmte er, auf den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und
-Abgründe, wo Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger
-zu folgen vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe
-Schnee konnten als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der
-die Beute erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte
-der Monarch ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im
-Auge schweigend die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft
-diente der rauhe Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er,
-in die Decke eines seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden
-Schlaf suchte! -- Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug,
-um der Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen,
-mit immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist.
--- Und die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen
-Listen, allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur
-um Minuten sein Opfer verfehlte.
-
-Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines
-Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft
-vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie
-ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät -- am 21.
-Juli und 1. August 1834 -- hatte er rühmliche Gefechte bestanden;
-dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf
-und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor
-Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog
-die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und
-gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die
-combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie
-ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria
-und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde
-fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben,
-zurückgewiesen. -- Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui
-achtzehn Bataillone unter seinem Commando.
-
-Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen
-Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine
-herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das
-Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches
-damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr
-er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er
-sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war
-er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten.
-Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende
-Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui
-nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts -- so das wichtige ~los
-Arcos~ -- unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine
-Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in
-Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände
-gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so
-großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.
-
-Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die
-Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen
-ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General
-im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der
-Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte
-disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der
-festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden
-hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen
-in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die
-nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.
-
-So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei
-und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer günstigen Stellung im
-Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos
-sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an.
-Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s
-leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den
-Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan
-aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen,
-warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer
-Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann
-glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen
-alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und
-Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen
-konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald
-ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das
-belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen
-von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte
-die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu
-halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die
-Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten
-nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte
-von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt
-sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen
-blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der
-Christinos.
-
-Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so
-Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche
-ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald
-genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine
-wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf
-auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht
-und erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen
-Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung
-beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten
-Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen
-kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde
-geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen
-Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber
-jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so
-wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen
-und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.
-
-Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit
-und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb
-entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen
-den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen
-als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter
-civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen
-Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. -- Jedoch nur in den Heeren,
-die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! -- Die Anträge
-Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen
-die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.
-
- * * * * *
-
-Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die
-Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich
-nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben
-von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der
-Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein
-wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain
-ihm bot, in den Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden
-that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche
-es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen
-durfte. -- Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die
-Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches,
-während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich
-beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des
-Königreichs zu verhindern.
-
-Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen,
-die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui,
-dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen,
-fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte
-schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die
-Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die
-unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem
-so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen
-wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem
-Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische
-Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr
-großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer
-Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. -- Das Volk
-schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher
-ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General
-charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich
-gemacht. -- Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen,
-indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich
-machte.
-
-Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher
-die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s
-Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt,
-Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht
-mehr an ihrer Spitze sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes
-Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.
-
- * * * * *
-
-Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut,
-der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui
-nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da
-der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie
-geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches
-sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando
-begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege.
-Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem
-entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste
-Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche
-Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der
-bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen.
-Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte
-dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein
-mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt
-hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch
-den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die
-Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und
-den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war
-Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt,
-daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen
-in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen,
-der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen.
-Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das
-Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der
-Nordprovinzen behauptete.
-
-Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne
-Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald
-liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der
-exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen
-Carl V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum eifrigen
-Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe halten,
-sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene Ehrsucht
-ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg er zu den
-höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich ausgezeichnet
-zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat beschäftigt
-gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General geworden. Aber er
-hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch gezeigt, er war feiner
-Hofmann, gewandt in der Intrigue und +bei den Frauen+ beliebt; seine
-Talente, wenn auch nicht als Militair, sind hoch. In den Nordprovinzen
-zeigte er persönliche Bravour und in verwickelten Lagen viele
-Besonnenheit[6].
-
-Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des
-bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß
-im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische
-Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen
-Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile
-herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten
-sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr
-ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel
-zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die
-Provinzen mit den sogenannten Linien -- festen Plätzen, die von
-Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte
-errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt
-wie sie waren durch mobile Colonnen, das Ausbreiten seiner Herrschaft
-über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten,
-über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu
-unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs
-nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem
-Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an
-das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen
-Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie
-wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder
-zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian,
-von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von
-Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung
-vollendet hätte.
-
-In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und
-unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch die
-Regierung Carls V. in große Verlegenheit, da während einiger Zeit die
-Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast ganz unterbrochen war.
-Als der Plan aber gerade durch Theurung und in ihrer Folge entstehende
-Unzufriedenheit seine Wirkungen zu äußern begann, ward Louis Philipp
-oder sein Minister vermocht, jene Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen,
-so daß die Carlisten dem Mangel an Lebensmitteln immer aus jenem
-Königreiche abhelfen konnten.
-
-Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts
-beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück
-hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren
-und gegen den Andrang des Feindes zu decken -- waren neue Massen
-hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte
-Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April
-1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen
-Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch den
-jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu
-unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt,
-ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen
-zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische
-Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark
-bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie
-langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus
-durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung
-versagen kann. -- Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die
-Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten
-Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen
-nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem
-Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter
-denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr
-Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten.
-
-Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England
-anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem
-noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer
-Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach
-Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung
-zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters
-größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt.
-Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute
-hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende
-hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den
-häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren
-Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen
-Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten.
-
-Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division unter
-dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien
-operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf
-blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal
-thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte.
-
-So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der
-braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer
-hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl V. aber,
-im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig
-war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig
-gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte
-auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die
-Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in
-der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die
-Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen
-von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte.
-
- * * * * *
-
-Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in
-Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war
-durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische
-Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze
-die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken
-suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten
-eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur
-Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in
-große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen
-Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden
-von Bayonne aus das Fehlende. -- Die andern Forts aber fielen eines
-nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo,
-das zum Stützpunkt der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich
-Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den
-Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in
-den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte
-Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus
-Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16.
-und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in
-drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem
-Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die
-Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und
-mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren
-gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder
-errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht
-von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da
-während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter
-auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria
-entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte.
-
-Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya
-erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von
-Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde
-und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während
-der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen
-des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von
-den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde.
-Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl
-erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff
-Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone,
-welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner
-Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als
-ein gerade anlangendes englisches Dampfschiff mit seinem schweren
-Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der
-brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten
-die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen.
-
-Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit
-widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen
-unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte
-bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben.
-Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war
-der Verlust der Christinos -- mehr als die Hälfte davon Engländer --
-während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten.
-
-Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch
-Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm
-gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen
-zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia
-war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo
-er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch
-die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen.
-In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit
-schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er
-bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen
-Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang
-aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in
-Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria
-anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche
-Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt.
-Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade
-eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei
-dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst
-darzulegen.
-
-Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun
-und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend
-Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der
-Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert
-Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem
-Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie
-es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches,
-oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden
-Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt.
--- Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den
-baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich
-auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das
-Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden
-Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon
-verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch
-die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich
-beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare
-Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die
-doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche
-Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen
-sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die
-baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand
-nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon
-ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie
-durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen.
-Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre
-Vertheidiger an seinem Sturze.
-
-Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich
-die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für
-den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten Vordringen zu
-verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen
-fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche
-Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische
-Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden
-Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine
-mobile Colonne -- ~de la rivera~, des Flußthales, genannt -- stand in
-Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend
-Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während
-die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie
-von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden
-Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese
-Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen,
-großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch
-moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so
-deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte,
-um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie
-unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen
-sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber
-furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit.
-
-Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya
-stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn
-bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division
-verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten
-Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova
-mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in
-der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald
-stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene
-Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten
-Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration des
-Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen.
-Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich
-entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an.
-
-Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die
-Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San
-Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach,
-weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra[7] und
-Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der
-die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls V. verdiente: ein
-starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend, gut
-geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des Hauptheeres,
-mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren, da es zu
-immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und sie hinderte,
-irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene Vortheile zu
-benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie zurückrief.
-Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im Rücken des
-Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und die mindeste
-Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die Früchte
-der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln ihm
-überlassen blieb.
-
-Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner
-Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte.
-
- [3] Diese Hanfsandalen, ~alpargatas~, werden in dem größten Theile
- Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe getragen und
- bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben so
- niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung.
- In einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem
- viereckigen Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese
- wurden jedoch von den Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth
- getragen, während die alpargatas in der Armee allgemein waren.
-
- Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr
- gut uniformirt; so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu
- Expeditionen. Die Uniform bestand aus dem Überrock, der ohne
- Jacke etc. getragen wurde, rothen Beinkleidern, dem Barett mit
- wollenen Quasten; die Officiere trugen dunkelblaue Überröcke und
- darüber die beliebte ~zamarra~, eine elegante Jacke aus schwarzem
- Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die Quasten ihrer Baretts waren
- von Gold oder Silber. Das Gepäck der Soldaten, wie der Officiere
- war sehr einfach, da selbst diese Effecten von den Bedienten
- getragen werden mußten: nur die Capitains durften ein Pferd mit
- sich führen. -- Die christinische Armee war eben so uniformirt;
- trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige
- Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische
- Mützen. -- Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit
- ist äußerst geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an
- Allem.
-
- [4] „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den
- National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber
- mit gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher
- als diese, wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen
- großentheils gezwungen die Waffen trugen.
-
- [5] Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien gewöhnlich
- nur durch „~las provincias~“ bezeichnet.
-
- [6] Er ist erbitterter Feind Espartero’s.
-
- [7] Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich führend.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s
-den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen
-Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf
-kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht
-und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die
-schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und
-ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den
-Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz
-ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen,
-welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht ~à mon aise~,
-als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit der echten
-Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im hölzernen
-Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen Wirthin
-kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.
-
-Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte
-mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren
-die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets
-zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der
-Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir
-am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette
-anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus,
-von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden
-Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa
-den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger
-Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den
-Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen,
-da die unmittelbare Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der
-nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die
-Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere
-Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag
-und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa,
-Fuenterrabia, die ~fons rapida~ der Römer, in dem die Carlisten ein
-festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen
-des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen
-Republik gesprengt wurden.
-
-In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich
-aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier
-zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer
-Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft
-zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen,
-und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser
-Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren
-Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht
-bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte.
-Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine
-sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet
-sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das
-Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und
-schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck
-ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße
-derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur
-letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während
-doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile
-sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang
-und Fuß bestreichen können.
-
-In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente
-des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die,
-da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je
-ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an
-militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer
-ersetzen konnten -- wie brav sie auch, darin +allen+ carlistischen
-Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur,
-so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der
-sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über +sein+
-Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der
-Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend
-und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für
-ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten
-Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der
-krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus
-einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum,
-entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und
-behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit,
-die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8]
-
-Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße
-folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der
-baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken,
-nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich
-aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte,
-für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! --
-für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.
-
- * * * * *
-
-Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden.
-Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen
-Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines
-Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern
-konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein,
-regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher
-Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen,
-vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund.
-Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich
-mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es
-that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache
-Civil-Kleidung.
-
-Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine
-Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen
-Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte
-über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen,
-wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher
-Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften
-des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern
-Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung
-ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die
-Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den
-Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten
-erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und
-solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten
-und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht
-bedarf, darzulegen.
-
-Will man ~par force~ Fehler in Carl V. auffinden -- und er ist Mensch
---, so möchte ihm +der+ vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt
-nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück
-seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung
-oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V.
-hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der
-Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf
-den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen
-der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es
-sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine
-Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung
-dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in
-Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und
-großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für
-Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist
-ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen
-gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen,
-den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren,
-nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der
-Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten
-Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte.
-Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben
-müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von
-ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene
-Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem
-Versprechen nachkommen.
-
-Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben
-Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden,
-welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene
-Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit
-der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu
-ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte
-daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche
-heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität
-des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion,
-wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem
-Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom
-wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch
-die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen
-können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für
-sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie
-in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende
-Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig
-seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus
-vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem
-aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich
-aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft
-Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist
-so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien
-ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen,
-Ähnliches aufzustellen.
-
-Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand
-häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über
-Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. und die
-spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in Catalonien
-und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen Fürsten
-vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, dabei
-freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm stets
-einen edlen und entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, der
-deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird
-aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, wenn
-man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet,
-wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen
-Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft
-steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen
-der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben
-konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus
-und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang
-ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen
-Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf
-ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne
-ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines
-Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und
-Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt
-durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem
-Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden
-Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!
-
-Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde ein
-zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein.
-Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so
-viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und
-Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos
-durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen,
-hervorglänzt.
-
- * * * * *
-
-Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und
-seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet
-hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich, zum Generalstabe von
-Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen
-in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in
-das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es
-noch sehr an brauchbaren Officieren[9] gebrach. Mit dem Zustande des
-Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß
-ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer
-Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den
-Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt
-in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse
-mich dennoch angehören machten.
-
-Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der
-Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen
-Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über
-jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen
-hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten
-sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete
-Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise
-sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer
-Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte
-sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in
-einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen
-gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von
-Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte
-er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen,
-zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die
-Vorposten aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst
-gemäß angelegt.
-
-Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich
-rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder
-besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und
-mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand
-aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die
-sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von
-den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen
-Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns
-waren.
-
-Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu
-hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des
-Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand,
-um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die
-trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb;
-ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war,
-blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch
-eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren
-der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen
-Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen
-Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser
-lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem
-Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des
-Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes
-Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet,
-dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht
-sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe
-nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln,
-hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu
-meinen Füßen losreißend.
-
-Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut
-und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit,
-wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte
-ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür
-versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase
-ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend
-schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen
-gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer
-jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.
-
-Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir
-gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und
-den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen
-Provinzen -- Guipuzcoa, Vizcaya, Alava -- enthalten nebst dem kleinen
-Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem
-Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa
-zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren
-der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier
-Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete,
-Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und
-Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.
-
-Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen,
-welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch
-einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur
-die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir
-nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch
-mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich
-aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und
-schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen,
-die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in mannigfacher
-Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre
-Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in
-denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge
-und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so
-willkommene wie liebliche Abwechselung.
-
-Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten,
-geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur,
-Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre
-Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen
-Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von
-den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß
-ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen,
-unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten,
-in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten
-wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer
-jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich
-sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte
-derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der
-wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich
-unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der
-spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden
-Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie
-oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache -- in
-Spanien die Castilianische genannt -- hat in diesen Provinzen erst
-während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur
-als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen
-Theilen ganz unbekannt.
-
-Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und
-zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei
-und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur Halsstarrigkeit
-hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit
-schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch
-Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und
-anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger
-der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend
-hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich
-und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier,
-die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist
-theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre
-Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen.
--- Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in
-jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen;
-selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen
-lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch
-hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten,
-nach sich gezogen hat.
-
-Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch
-größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen
-Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut
-zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend,
-wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu
-machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten
-fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert
-wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar
-der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.[10] Oft hörte ich die
-leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern
-ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren
-und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den
-stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und
-Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des
-Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen
-und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten
-oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang,
-den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation
-verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr
-Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen[11] zu schützen, die Thaten der
-Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte
-Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken
-seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes
-für die Basken waren.
-
-Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich
-hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete
-sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich
-aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und
-nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich
-haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre
-Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der
-Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im
-Süden feurigen Wein erzeugt er im Überfluß; die Gebirge, mit schönen
-Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die
-Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete
-Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des
-Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung
-mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr
-vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen
-Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher
-hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen
-des Krieges nähere Betrachtung.
-
-Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch
-Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung der
-Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien -- ~fueros~
--- auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen Königen den
-Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein Zweifel über die
-Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche der herrschenden
-Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider den Willen der
-Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung der Privilegien
-mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als Ganzes angemessen
-sein; ungerecht bleibt sie immer.[12] Man weiß, wie Don Carlos in
-der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung dieser Angelegenheit
-aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, weil sie ungerecht,
-der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das Gefühl der Dankbarkeit
-und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher beitrug, daß die Basken
-für Carl V. sich erklärten. -- Die Rechte des Königreiches Navarra,
-wenn auch von hoher Bedeutung, sind doch nicht so ausgedehnt, wie die
-der andern drei Provinzen.
-
-Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der
-Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der
-That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar:
-sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den
-durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der
-König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen
-übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und
-Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes
-San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin
-gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen
-auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske
-Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König
-das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden
-gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt,
-so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht.
-Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes
-gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider
-Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als
-Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. --
-Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von
-der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk
-verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen
-Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist
-jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien
-die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und
-Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war.
-
-Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der
-Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte,
-ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter ungeheuren Aus-
-und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk
-verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von
-ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten
-der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und
-Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre
-Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller
-Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation,
-so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden.
-Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs
-erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen,
-während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben
-Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere,
-ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch
-weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar,
-etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen
-Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort
-die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie
-täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.
-
-So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit
-höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger
-Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende
-Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem
-Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren
-Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte
-nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das
-Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine
-Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. -- Ferdinand’s Tod
-beschleunigte den Sturm.
-
- [8] Dieser brave Officier starb den Heldentod in der kräftigsten
- Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. -- In
- den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie-
- und Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen
- hohen Grad der Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele
- ausgezeichnete Officiere, unter denen mehrere Fremde, Deutsche
- besonders.
-
- [9] Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit Kurzem
- in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich
- damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.
-
- [10] Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und Ascoytia,
- zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer
- wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein
- junges Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte
- den Namen einer Schönheit erhalten würde.
-
- [11] ~Negros~, Schwarze, wurden die Constitutionellen schon zur Zeit
- Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener früheren
- Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten,
- welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand.
-
- [12] Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von
- Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun
- mit ihrer Vernichtung beschäftigt ist.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt
-und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen,
-daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht
-des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der
-Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte
-ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die
-feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein
-Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem
-General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich
-anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich
-näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch
-standen -- oder besser lagen -- wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe
-auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber,
-die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und
-abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit
-ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen ~playeras~
--- Meeresufer-Gesänge --, die Kinder des südlichen Andalusien
-verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns
-herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen
-über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. --
-Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns.
-
-In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu
-schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er
-die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit,
-Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja
-da, den er so lange herbeigewünscht, der bewähren soll, daß er würdig
-ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen.
-
-Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die
-Jäger-Compagnie[13] des Bataillons stürzte auf das Signal, in
-Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde,
-welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen
-unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs
-gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun
-die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre;
-zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von
-häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee,
-welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein
-nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es
-niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von
-Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze ächzend, zurückgeführt zu
-sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher
-stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr
-fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß
-das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden
-möchten.
-
-Da sprengte ein Stabsofficier heran -- ohne Zweifel bringt er die Ordre
-zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts --; Aller Augen, finster
-vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige
-Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später
-in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer
-in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur
-seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich,
-zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt,
-und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite
-mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne
-glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich
-schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte
-der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der
-kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das
-uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem
-Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs
-Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten.
-
-Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und
-Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit,
-mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge
-durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen
-genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und
-stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die
-sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete
-eine Kanonenkugel über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit
-lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den
-Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen
-derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die
-englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die
-Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch,
-ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth
-ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen
-Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln
-in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber
-mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die
-kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne
-verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. -- Ha, was war das!
-Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon,
-welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen
-und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen
-jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten
-betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im
-nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein
-englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein
-Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen
-furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.
-
-Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen,
-waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die
-beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts,
-nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber
-fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete,
-was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter
-Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher
-Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder
-hüpften die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die
-Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller
-Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes
-hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt
-empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit
-Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem
-Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache
-Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält
-die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf
-die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein
-augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den
-Tod gewiß sieht -- die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.
-
-Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun
-hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem
-Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit
-gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle
-suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!
-
-Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört.
-Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern
-Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog:
-englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die
-wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns
-beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu
-bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie
-einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie
-nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die
-Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose,
-immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich,
-übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge wenige Schritte von dem
-genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen:
-weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken
-flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln
-der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den
-Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht
-von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in
-Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere -- zum kleinen Häuflein
-zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder,
-und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.
-
-An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als
-die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch
-auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg
-gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der
-allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten
-sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über
-den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein
-Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes
-versetzt zu sein.
-
- * * * * *
-
-Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die
-rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben;
-schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in
-schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen
-auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit
-zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die
-dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter ...! Sie ahnete
-wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der
-letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch ein Mal drückte er
-lautlos mir die Hand. -- Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte
-der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so
-manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte
-mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen,
-sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit
-ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.
-
-Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem
-Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im
-fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem
-kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert
-und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren -- da schließen
-sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene,
-flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.
-
- * * * * *
-
-Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während
-des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da
-unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen
-hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl
-erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt
-für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch
-den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter
-Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in
-seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen
-Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als
-Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus;
-es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen
-Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst
-verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.
-
-Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen.
-Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und
-dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben
-und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen
-verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division
-des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel
-gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen,
-öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des
-Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und
-zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen
-der Übermacht stets zurückziehen.
-
-Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem
-Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land
-beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck
-endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren,
-wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen
-Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige
-Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange
-Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen
-des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10.
-zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen
-entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der
-von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher
-Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute,
-wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten
-von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus
-spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann
-Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der
-großen Heerstraße abschneiden.
-
-In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere
-Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde
-gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie
-möglich zu erschweren[14]; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust,
-bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem
-unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand
-kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer
-wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu
-erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart
-gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie
-weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung.
-Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück,
-in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten
-sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg
-zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark
-drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen,
-ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav
-das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner
-hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die
-Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten,
-und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu
-tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.
-
-Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der
-Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur Rechten
-lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich,
-da er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt,
-dorthin zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn.
-Da die Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf
-der kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke
-eines mit Unterholz bedeckten Hügels und ... sahen, dreißig Schritte
-entfernt, ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren
-die Büchsen auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde,
-das meinige stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb
-mich bedeckend, während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in
-gestrecktem Galopp davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt
-und unter dem Pferde hervorgezogen -- eine Kugel hatte mir das Bein,
-doch nicht gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in
-die dunkeln Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir
-das Schreckliche nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem
-Gedanken: ich bin gefangen.
-
-Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung
-und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die
-meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! -- Da freilich hatte ich
-wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch
-mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers
-französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel,
-dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde
-ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den
-Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.
-
-Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung
-auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen;
-oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und
-Fuenterrabia zu nehmen, war ganz mißlungen, und er hatte lebhaft
-gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz
-suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr
-gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das
-Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone
-angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin
-auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher
-zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen
-konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit
-zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige
-Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren
-wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in
-dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu
-erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth.
-In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.
-
-Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt,
-worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des
-Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten,
-theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu
-verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt,
-keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da
-Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute
-später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume
-und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere
-sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als
-ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten
-beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben
-trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur
-der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam
-nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt,
-stellte ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf,
-näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges
-und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte
-Wesen über mir -- eine Ewigkeit schienen sie mir --, dann setzte es
-ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher
-ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein
-Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War
-es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.
-
-Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck
-und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach
-Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte
-den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau
-des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes;
-ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die
-wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres,
-immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und
-ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. --
-Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das
-Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den
-Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend,
-wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer
-Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich
-stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der
-Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem
-Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug
-durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so
-schmal ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen
-dem Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum,
-der gerade eine Straße, ~Pasages de Francia~ genannt, fassen konnte.
-~Pasages de España~ liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur mit
-seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär auf
-ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu erbauen
-erlaubte.
-
-Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls
-erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich
-im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf
-Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald
-weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und
-mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten
-forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder
-auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem
-Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten[15], fast
-alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den
-Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai
-war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte
-nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein
-britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen,
-ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei,
-dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige
-unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach
-meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps
-mich haltend, ~chapelgorris~ -- Rothhüte -- genannt, da sie wie wir
-das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte
-ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe
-einschnitt. Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den
-Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem
-Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem
-mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald
-erstiegen.
-
-Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die
-Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die
-mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und
-hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten
-zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab
-spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere:
-die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich
-ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle
-suchend. Da machte ein helles „~quien vive?~“ das Blut mir in den Adern
-gerinnen -- ich stand bewegungslos, lautlos -- nochmals ertönte nicht
-dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still.
-Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir
-schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor
-Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung
-einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich
-langsam mich umzudrehen: ein neues „~quien vive!~“ -- ich stand wie
-vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von
-der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf
-den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte
-das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten
-Posten zu entfernen.
-
-Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem
-Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit
-dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen,
-die fast mich berührend, den im Schatten eines Felsen oder Busches
-Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie
-später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel
-der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und
-körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die
-doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz,
-stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch
-die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde.
--- Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette
-zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische
-Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt,
-von Neuem ein Gefangener.
-
- * * * * *
-
-Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich
-zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht
-abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „~the spy, the spy!~“ unter
-den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt
-dem Sergeanten: „~give him to the Spaniards to shoot him~“; mit gleich
-kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der
-erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab.
-Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei
-ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe
-hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und
-verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter,
-wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten.
-Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben
-während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz
-aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen
-Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis
-lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum
-Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle
-feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend
-meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant -- im Dienste
-Christina’s General-Lieutenant -- Evans mich begleitete.
-
-Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die
-Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt
-wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist
-umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes
-und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte
-er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe,
-sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als
-Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber
-Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne
-dieses Mal gegen das ~half english~, das so guten Dienst mir leistete,
-zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der
-Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte
-Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte
-scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm
-anstand, mit Beschlag belegen lassen.
-
-Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in
-deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei
-Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter
-Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für
-schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft,
-konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk,
-haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas
-hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch
-des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt,
-sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher
-Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte
-ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur
-fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles
-mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden
-klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die
-wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.
-
-Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich
-geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden
-erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen
-standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht
-unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte.
-Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o
-Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen
-Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.
-
-Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald
-bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden
-Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem
-Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und
-auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte,
-feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder
-ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien
-die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas
-weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste
-Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin
-sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal
-aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren
-der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine
-Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit
-seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die
-Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen
-Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des
-Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die
-Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit.
-Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!
-
-Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen
-meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende
-Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht
-unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian
-ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind
-schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst
-geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke
-auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe
-isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere,
-im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben
-ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine
-schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen,
-dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt
-gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach
-der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian
-durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach
-sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht.
-Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage
-wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite
-her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher
-bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur
-Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe
-ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten
-vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an
-Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s
-englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger
-Vertheidigung.
-
-Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm,
-durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der
-Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem
-Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen
-Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich
-würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt
-die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich
-fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren
-Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes
-ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten
-seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr
-den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein
-Zweiter ihm Horaz’s schönes „~dulce et decorum est pro patria mori~“
-anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine
-einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte
-trocken: „~sed dulcius vivere pro patria~.“
-
- * * * * *
-
-Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre
-Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt
-werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das
-Castell, um auf dem Dampfschiffe ~la reyna gobernadora~ nach Santander
-eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich
-Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher
-die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei
-christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem
-Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche
-genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in
-des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten
-die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen
-Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen
-Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der
-Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während
-die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges
-häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten
-zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals
-Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im
-Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein
-Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter
-haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und
-nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich
-für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie
-verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg
-und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.
-
-Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen
-wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen
-Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner
-Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase ~Wellington’s nose~ genannt
-haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem
-er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das
-Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche
-empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht
-Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer
-Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen
-mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich
-versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des
-Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte,
-seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach
-zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen
-traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich
-begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich
-plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde,
-das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen.
-Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende
-gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander
-verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.
-
-Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem
-Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich
-nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und
-wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen
-der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in
-der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig
-zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um
-das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen
-Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem
-Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft
-Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in
-den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften
-folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt,
-stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der
-Weiber.
-
-So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend.
-Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt
-von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage
-Spaniens, nahm mich auf, oder -- noch widerlicher -- ich sah mich
-mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen
-Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche
-Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen,
-die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich
-füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem
-Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben
-wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der
-Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu
-meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten
-und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und
-den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne
-Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische
-Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die
-nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche,
-wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen +genug+ geboten wird, sie
-bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.
-
-Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen
-und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien
-sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal
-passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über
-Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten,
-in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft
-Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein
-Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute,
-viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres
-gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!
-
-General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der
-neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich
-zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda,
-Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der
-interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella
-vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des
-Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte
-Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin
-ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten
-der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der
-müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter
-Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da
-nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß
-sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf
-den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten
-auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der
-Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon
-berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte
-als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren
-Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die
-Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden
-Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte.
-Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.
-
-Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster
-der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir
-öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache
-sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so
-angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.
-
- [13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von
- denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite
- -- ~de preferencia~ -- bezeichnet werden. Sie formiren an der
- Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen
- Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden,
- oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind
- stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher
- immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des
- Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben
- davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll,
- zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants.
- Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in
- mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten --
- Unterofficier -- die Compagnie mehrere Tage lang commandiren,
- da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im
- Gegensatze der Christinos, blieben.
-
- [14] Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und
- Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn
- seine Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen,
- worauf er einen Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die
- Absolution zu ertheilen, was sogleich feierlich geschah.
-
- [15] Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur Weiber. Die
- Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und ergriffen
- die Waffen gegen ihre Unterdrücker.
-
- [16] Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu haben, und
- weigerten sich daher, ferner zu dienen.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die
-allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien
-im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und -- wie die Umstände es
-mit sich brachten -- die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen
-die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen
-ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten
-zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie
-sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken
-genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit
-den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören
-vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene
-Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser
-Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen.
-Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige
-Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu
-verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die
-Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht
-solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären
-des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen,
-die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern
-durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur
-Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald
-durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung
-Interessirten übertönt und erstickt.
-
-Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu
-überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so
-allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen suchen, wie sehr ich
-auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: --
-gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja
-am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges
-leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind:
-in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie
-unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer
-Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth
-gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der
-Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den
-Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen,
-Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
-
-Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils
-auf ihn anwendbar, nicht auf den -- stets als blutdürstigen Tiger
-bezeichneten -- General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen
-sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die
-Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später
-abgesondert einige Zeilen zu widmen.
-
-Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit,
-da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen und in den
-andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für Carl V. zu
-den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende Aufstand erstickt
-werden: in allen Städten wurden Blutgerüste errichtet, die Verdächtigen
-wurden eingekerkert, die mit den Waffen in der Hand Gefangenen sofort
-erschossen. Wir sahen früher, wie die Anhänger der unschuldigen
-Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie dort Mina, Sarsfield,
-Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung wetteiferten. Sie
-erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie brannten die Dörfer
-der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten Saaten und Vorräthe,
-schändeten die Frauen und Mädchen und opferten ohne Barmherzigkeit,
-wen immer sie den carlistischen Guerrillas angehörig oder ihnen nur
-günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle Don Santos Ladron, der
-General, der unter Ferdinand VII. an die Spitze der Getreuen sich
-gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit seinen Gefährten ward er zu
-Pamplona rücklings erschossen, worauf der Mörder, seiner Schandthat
-sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr Mord schnaubend als
-die früheren, erließ und freudig den Entschluß des Gouvernements
-ankündigte, +keinem+ Rebellen Gnade zu schenken.
-
-Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache
-sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? -- General Eraso,
-der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s
-Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den
-Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken,
-daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften,
-daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit
-ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der
-Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg
-verschönern müßten. -- So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer
-die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.
-
-Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an
-Zahl und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte
-zahllose Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht
-mehr dem Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie
-es begehrten, die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina
-und die vielen untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten
-niederzumetzeln, und beantworteten seine wiederholten Anträge für
-menschliche und völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch
-Hohn. Zumalacarregui drohete wieder und wieder: -- neue Schlächterei!
-Die Christinos hielten sich stets für die Stärkeren und daher -- sehr
-logisch -- für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr
-Übergewicht zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da
-+durfte+ Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit
-gegen den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und
-gegen die Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor:
-er befahl zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht
-getödteten Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses
-ganz wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung
-von zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die
-Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos
-bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es
-gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort:
-jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel
-verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da
-auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde
--- bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art
-der Kriegführung adoptirten.
-
-So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf
-Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen;
-doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete
-sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch
-Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem
-Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.
-
-Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit
-allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten
-wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die
-Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an
-carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl
-ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont
-hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die
-Waffen tragenden Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche
-Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den
-feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie
-nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei
-ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe
-plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder
-und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.
-
-Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen
-Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die
-baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit
-des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der
-langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der
-Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde
-hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende --
-unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen
-der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere --
-unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer
-eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth
-über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den
-glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete,
-seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade
-abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne -- und achthundert
-der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone
-der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los
-Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche
-im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während
-einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der
-Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen
-und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern
-ausdrückte, erschießen und dann die Häuser, in denen die Verwundeten
-verborgen gewesen, niederbrennen ließ.[17]
-
-Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen,
-so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die
-Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen
-Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu
-ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie
-geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und
-wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale
-der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die
-Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um
-ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.
-
-Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos?
-Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen
-können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft
-Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte,
-eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn
-zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?
-
- * * * * *
-
-Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die
-Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s,
-den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und
-Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge;
-die Christinos zögerten und widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr
-dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da
-erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling,
-ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines
-Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos
-beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in
-Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche
-Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte
-Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel
-ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich
-schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen
-Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da
-gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die
-Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu
-ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des
-allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.
-
-Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör
-gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch
-das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war,
-die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln
-mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über
-die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen
-von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig
-boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die
-Christinos. Da beeilten sie sich -- Espartero im Frühjahr 1840 --, die
-lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt,
-und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern
-angehefteten Generalordre,[18] daß fortan den Rebellen, die Widerstand
-leisteten, kein Pardon gegeben werde.
-
-In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets
-den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen
-Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne
-Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde
-ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre
-Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen
-ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des
-Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero -- Palillos --, getödtet
-ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten
-Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt -- das ungeborne
-Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s,
-aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben
-zurückzulassen;[19] gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt,
-die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und
-wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe
-alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen
-in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei
-der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten
-hinopferten; -- dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer
-dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!
-
- * * * * *
-
-So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend
-als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung aller der tausendfach
-wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen
-Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich
-mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.
-
-Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid
-erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner,
-verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu
-leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza,
-Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele
-andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden
-niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers
-zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn
-die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde
-Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude
-geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und
-Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die
-Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden
-unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte,
-die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott
-herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein
-Feind des Volkes und litt als solcher.
-
-Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel
-der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert
-Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm
-das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle
-von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich
-das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden
-zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich
-ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die
-feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung die Thore zu
-schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt,
-schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten
-erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam,
-schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil,
-nachdem es ihn geröstet hatte. -- Der commandirende General Mina
-gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die
-Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora
-del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von
-Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt,
-eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort;
-sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener
-Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze
-Garnison erschießen!
-
-Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona
-jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei,
-floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche
-Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes
-zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald
-vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels,
-welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls
-verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod
-gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der
-Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die
-Behörden blieben ruhige Zuschauer.
-
-Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei
-Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca
-erschossen, weil -- Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne
-Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des
-Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die
-Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen.
-Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s eine
-Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern
-von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die
-Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen,
-welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten
-verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel
-zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten,
-seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter
-der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder
-stellten sich gar an dessen Spitze oder -- -- wurden ermordet. Wie
-selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die
-Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten
-wußten!
-
- * * * * *
-
-Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß
-bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut
-+wehrloser+ Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich diese
-Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, der sie
-zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach besprochen,
-durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, daß mein
-Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen fordere
-ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung Spanien’s
-Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so wie ihre
-Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen sind,
-wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen
-nachgekommen sind, wo sie -- so oft vergebens -- nicht die Hand zuerst
-zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das
-Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft -- und wieder +fast+ immer
-vergebens -- haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen sie
-wütheten -- sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde zu
-edlerem Verfahren zu zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch
-auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!
-
-Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung
-zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten
-oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie
-können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben.
-Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer
-dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen
-Parthei und ihrer Führer[20] jeder Art gegenübergestellt, so weit
-sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde
-ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter
-Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz
-gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die
-nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so
-wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern
-auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.
-
- [17] Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er
- in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges
- erfuhr er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der
- Garnison geblieben, erschossen seien, was natürlich den
- sofortigen Tod der Christinos zur Folge hatte.
-
- [18] Ich las sie wiederholt.
-
- [19] Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General Narvaez,
- wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad
- gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen
- solches Übermaß der Grausamkeit.
-
- [20] Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine Puppe,
- die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei
- Seite geworfen wird.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Früher sagte ich, daß, seit General Villareal an Graf Casa Egina’s
-Statt den Oberbefehl der carlistischen Armee übernommen, eine
-plötzliche Änderung des Kriegssystems eingetreten sei. Villareal
-glaubte des Sieges sich zu versichern, da er, statt wie bisher,
-durch allmähliches Ausbreiten der Herrschaft in dem Hauptsitze des
-Aufstandes sich zu stärken, nach den andern Provinzen des Königreiches
-Truppencorps entsendete, um sie zu insurrectioniren und den etwa
-vorhandenen Krieges-Elementen einen festen Anhaltspunkt zu geben, wie
-zur Erleichterung des auf den baskischen Provinzen lastenden Druckes
-und um die Hülfsquellen von ganz Spanien sich zugänglich zu machen.
-Die Expeditionen von D. Basilio Garcia, Gomez und Sanz, rasch auf
-einander folgend oder gleichzeitig, waren die ersten Resultate der
-neuen Politik; ich werde sie, um Verwirrung zu vermeiden, nach einander
-behandeln. Später werde ich die Nachtheile zeigen, welche diese
-Expeditionen, so wie sie ausgeführt wurden, nach sich ziehen mußten;
-die Kühnheit und Gewandheit, die einige von ihnen bis tief in’s Innere
-des feindlichen Gebietes mitten zwischen weit überlegenen Divisionen
-hinführte, konnte übrigens leicht das Urtheil des Zuschauers bestechen,
-und als Beweis ihrer Zweckmäßigkeit wurde angeführt, was nur für die
-Bravour und Standhaftigkeit der Truppen, wie für die Vorzüge der
-Anführer zeugen kann.
-
-Am 15. Juni passirte D. Basilio Garcia den Ebro unterhalb Logroño mit
-3000 Mann Infanterie und 200 Pferden; er warf sich in die ~pinares~ --
-mit Fichtenwaldungen bedecktes Gebirgsland -- von Soria, nahm diese
-Stadt und wandte sich nach zweitägigem Aufenthalte daselbst nach der
-Provinz Guadalajara. Cordova hatte zu seiner Verfolgung den General
-Bernuy mit 5000 Mann ausgesendet, eine zweite Colonne unter General
-Aspiroz eilte von Madrid aus ihm entgegen. Don Basilio aber, gewandt
-beiden Divisionen ausweichend, durchzog ganz Neu-Castilien und den
-größten Theil Nieder-Aragon’s, drang in die bedeutenderen Städte, ohne
-sich jedoch irgendwo festsetzen zu können, und erhob allenthalben
-Contributionen und Mannschaft. Nachdem er so während zweier Monate
-den Krieg bis zur Mancha getragen und zwei Mal durch seine Annäherung
-Madrid in höchsten Schrecken versetzt, nahm er bei Ararzo 300 Mann
-gefangen, schlug den Angriff Bernuy’s, der ihn zum ersten Male bei
-Maranchon ereilte, mit schwerem Verluste zurück und langte am 26. Aug.
-mit 1200 Rekruten, fast 800 Gefangenen und 240 beladenen Maulthieren
-nebst bedeutenden Geldsummen in Navarra an.
-
- * * * * *
-
-Von höherem Interesse war die Expedition des General Gomez, der am 26.
-Juni 1836 Amurrio in Alava mit fünf Bataillonen und zwei Escadronen,
-2700 Mann Infanterie und 170 Pferden, verließ und, nachdem er am
-27. die feindliche Reserve-Division unter General Tello, 6000 Mann
-stark, seinen Abmarsch zu hindern bestimmt, bei Revilla gänzlich
-geschlagen, in Asturias eindrang. Der Brigadier Marquis von Bóveda
-begleitete ihn als Chef des Generalstabes. Er sollte in Asturias
-und Galicien sich festsetzen, beide Provinzen insurrectioniren, die
-dortigen carlistischen Banden um sich sammeln und organisiren und
-so versuchen, sie auf den Zustand zu heben, in dem die baskischen
-Provinzen sich befanden, mit denen sie durch das Gebirge von Santander
-leicht in Verbindung standen; die Ausführung des Planes hätte der Sache
-Christina’s verderblich werden müssen. Schon im Jahre 1835 war General
-Eraso, einer der ersten und edelsten carlistischen Feldherrn, der nach
-Zumalacarregui’s Tode den Oberbefehl, schon gleichfalls dem Tode
-nahe, ablehnte, mit einigen Bataillonen nach Asturien vorgedrungen;
-sein Versuch scheiterte jedoch an dem Grund-Typus des Charakters der
-Asturianer und Galicier, der ängstlich berechnenden Vorsicht, die
-ihnen, wie carlistisch sie gesinnt sein mochten, nicht erlaubte,
-die Waffen zu ergreifen, wo sie sofort Übel ohne Zahl aus solchen
-Schritten erwarten durften. Übrigens boten beide Provinzen große
-Vortheile für die Kriegsart der Carlisten dar, da sie sehr gebirgig
-und doch großentheils fruchtbar sind und unendlichen Reichthum an
-Vieh haben. Dagegen ist dort das Geld sehr selten, indem der Handel
-mit den Produkten des Landes trotz der günstigen Lage unbedeutend
-bleibt, daher das Sprichwort: „der Galicier hat Alles im Hause, nur
-kein Geld.“ In der That erzeugt das Land alle Bedürfnisse im Überfluß,
-und die große Sparsamkeit der Galicier, die ihnen den Ruf des Geizes
-zu Wege gebracht, macht, daß im Innern der Provinz die Bewohner eines
-jeden Hauses das irgend Nöthige aus den selbst gewonnenen Produkten zu
-verfertigen wissen.
-
-Nachdem Gomez, schon hart verfolgt, in den Gebirgen des südlichen
-Asturien manövrirt, warf er sich durch einen raschen Contremarsch auf
-die Hauptstadt Oviedo und ruhete dort drei Tage lang. General Espartero
-war ihm mit seiner Division, 9000 Mann in 12 Bataillonen, von Vizcaya
-aus gefolgt, während der General-Capitain von Alt-Castilien, General
-Manso, mit 5000 Mann von Süden gegen ihn rückte; so konnte sich Gomez,
-da er wenig Anklang fand, in Asturien nicht halten und wandte sich,
-ein kleines dort gebildetes Bataillon zurücklassend, nach Galicien,
-vereinigte einen Theil der dortigen Guerrillas und zog am 18. Juli in
-die Hauptstadt, Santiago de Compostella ein, die der General-Capitain
-des Königreiches geräumt hatte. Er ward dort mit hohem Enthusiasmus
-empfangen und konnte sofort ein starkes Bataillon aus zuströmenden
-Freiwilligen bilden. Da er jedoch nach zwei Tagen bei Annäherung der
-durch General Pardiñas verstärkten Division Espartero die Stadt geräumt
-hatte, blieben am Abend des ersten Marschtages noch siebenzehn Soldaten
-des Bataillons übrig, da die andern nach Santiago zurückgekehrt waren.
-Er durchzog, stets die feindlichen Generale täuschend, in jedem Sinne
-die Provinz, glaubte aber, da die Theilnahme gering, die gegen ihn
-operirenden Streitkräfte unendlich überlegen waren, sich nicht in ihr
-festsetzen zu können. So kehrte er, die Feinde weit zurücklassend, nach
-Asturien zurück und drang, während man in Madrid, da er in dem Winkel
-Galicien’s eingeschlossen, die Nachricht seiner Vernichtung erwartete,
-anfangs August’s in das Königreich Leon ein, dessen Hauptstadt er
-gleichfalls besetzte.
-
-Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und
-Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten
-die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede
-Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie
-cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren.
-Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich
-Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich
-machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann
-verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach
-gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen
-beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen
-Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte.
-
-Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große
-Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen
-in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte
-Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre
-Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht
-vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000 M.
-stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der
-ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen,
-gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf
-dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn
-bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.[21] Am 30.
-August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung
-im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen
-hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen,
-den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf
-und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt,
-Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen
-und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s
-die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber,
-seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon
-fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im
-Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten
-und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General
-Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden
-Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte.
-
-Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da
-die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg
-verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst
-nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier
-wohl nicht mit Grund hoffen ließ. Unendlich schlau, selbstsüchtig
-und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen
-die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht;
-sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß
-sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten,
-die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und
-Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender
-Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf
-Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl V., ob
-Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den
-Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg
-für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem
-Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und
-lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier,
-selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde
-erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte;
-denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu,
-meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns
-entschieden sehen.
-
-Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere
-Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen
-disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über
-Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann
-unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten
-carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen
-das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19.
-bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la
-Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der
-Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und
-trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers
-Villalobos ritt der Chef der feindlichen Cavallerie, Oberst Don Diego
-Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone
-nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke
-Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt,
-den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den
-Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300
-Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich
-zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix
-hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps
-verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen
-ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in
-Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur
-Verfolgung in Bewegung.
-
-Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf
-Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die
-Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger,
-zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung
-zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept.
-in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in
-Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße
-ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept.
-erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen
-Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung
-herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in
-die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung
-der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter
-die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen
-aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und
-stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich
-zurückzog, wo sie bald, 3500 M. stark mit drei Kanonen, sich ergab.
-Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen
-Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger
-Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte.
-
-Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt
-das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra
-morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division
-Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der
-General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand
-erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit
-einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada
-und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler
-drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben,
-wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu
-beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon als
-beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl V. als König. Zahlreiche
-Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von allen
-Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt. Damals
-zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm häufig
-zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich nicht
-in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm nicht
-nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen blieben,
-sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten Rekruten
-bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den feindlichen
-Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und ganz nackte
-Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer Armee als
-dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von dem Geiste
-der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die Länge nichts
-erwartet werden durfte.
-
-Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet
-und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix
-entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die
-Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die
-royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen
-ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst
-warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere
-Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die
-Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern
-der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition
-zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos
-einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren:
-überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner
-Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine
-Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die
-National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn
-sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln.
-Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez
-sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben
-mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter
-den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit,
-jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit
-den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch
-hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger
-ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl.
-Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und
-unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem
-Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich
-im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger
-allenthalben 25 und 30 ~duros~ in Silber für eine Gold-Unze -- 16
-~duros~, 84 ~francs~ -- gaben.
-
-Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen
-General gemacht werden könnte -- er ließ die Gefangenen, wenn sie
-den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen -- ist
-durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die
-Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn
-anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen
-Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft
-Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit
-Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung
-neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst,
-schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines
-edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten,
-gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so
-viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der
-Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also
-seinetwegen sterben.
-
- * * * * *
-
-Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena.
-General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche
-parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß
-einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht
-hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei
-Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer
-Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des
-schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit
-zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen
-Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch
-seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde unter Cabrera’s
-Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen
-Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron
-Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die
-Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz
-der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben
-so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de
-la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in
-zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da
-diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren.
-Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf
-Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana
-und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz
-Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte:
-ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil,
-der gleichfalls die Guadiana passirt hatte.
-
-Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald
-selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes
-System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in
-jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division
-stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher
-von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit
-neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt
-deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den
-Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und
-Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der
-Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie
-gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen
-beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete,
-den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche
-Spanien nach den baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum
-3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo,
-ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend
-und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so
-langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen
-Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten,
-die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger
-der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht
-organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er
-die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang
-in das Königreich Sevilla ein.
-
-Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals,
-der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich
-mit einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps,
-und zog durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm
-untergebenen Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche
-von dorther über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen,
-seine Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles -- ~el serrador~
--- war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß
-nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt
-blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte,
-die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich
-auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich
-fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der
-schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte,
-war dem General Rivero übertragen.
-
-Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt
-bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14.
-Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene
-von Sevilla. Vier Divisionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und
-fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden
-ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden,
-Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen
-die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda,
-nahm am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen
-hinter sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er
-in Algeciras eindrang und San Roque und das ~campo de Gibraltar~[22]
-besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet
-hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen
-hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das
-Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder --
-30000 Thlr. -- sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus.
-Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und
-dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches
-eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez
-wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so
-furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen
-theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von
-Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der
-Nachhut abgeschnitten wurden.
-
-Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach
-überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen
-Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen
-Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend
-Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen
-bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie
-die Beute nach solcher Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien
-länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten
-Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der
-Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden
-ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen.
-Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß
-fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal
-entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich
-Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit
-gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen
-die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere
-zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden,
-an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische
-Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß
-die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche
-machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte.
-
-Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am
-29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch
-außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana,
-überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros
-und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha
-und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800
-Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben,
-unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am
-8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends
-neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem
-Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien
-mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure
-Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den ersten
-Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war,
-sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in
-Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen
-Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in
-Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000
-Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und
-vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24.
-December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao
-und entsetzte die wichtige Stadt.
-
-Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend
-von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs
-Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen
-des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in
-viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den
-Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer
-durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen
-verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche
-Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen
-belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der
-Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle
-National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte;
-und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen
-Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde,
-vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück.
-
-Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition
-beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt
-und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen
-ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später
-den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und
-durch seine Rückkehr das Scheitern des Unternehmens auf Bilbao
-veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und
-Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später
-ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch
-die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt.
-
- * * * * *
-
-Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der
-General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen
-eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des
-Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei
-Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu
-seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October
-in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt,
-auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte
-kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen
-Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21.
-die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn
-verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben,
-worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort
-operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg
-gehabt.
-
- [21] Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als den
- Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie
- stets ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.
-
- [22] Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf
- Kanonenschußweite von der Festung angelegt.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu
-erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere
-Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima
-ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich
-versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches
-Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe,
-mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die
-Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie
-sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges
-hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so
-angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.
-
-Da sich in dem Depot von Logroño gar keine -- auch später sehr wenige
--- Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten
-christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster,
-achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf
-das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns
-das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den
-Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere
-andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern,
-mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und
-bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden
-Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem
-Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache
-auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte; die eine
-Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers,
-die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem
-Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten --
-die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den
-höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen
-Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle -- als
-unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft
-mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm
-eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin
-bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die
-Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren
-und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich
-sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich
-glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten
-bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte
-spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute
-davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht
-war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht
-scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu
-machen, so in Vieler Augen ihn schändend.
-
-Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen
-abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz
-genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm
-und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten
-uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die
-Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn
-zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung,
-beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer
-der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter Spanierinnen so
-selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte
-sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter:
-ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen
-beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns
-abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden
-Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem
-üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr
-schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen
-jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders
-Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin
-verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit
-stets leidenschaftlicher zu werden.
-
-Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und
-Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie
-die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste
-Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte
-dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit
-und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche
-Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie
-als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen
-Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu
-mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der
-eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis
-zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck
-des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch
-weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und
-sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit,
-Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten
-der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen -- die graziösen
-Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese
-Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und
-schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis
-die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem
-Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend
-führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die
-Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt
-ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist
-die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.
-
- * * * * *
-
-Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns
-hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu
-die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten
-verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders,
-da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd
-waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu
-verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern
-mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere
-Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging
-uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell,
-und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag
-zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein
-Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich.
-
-Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s
-angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete
-Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der
-spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des höchsten Gerichtshofes
-unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer,
-sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland
-hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs XIV. erfahren hatte, ward
-nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des Hasses, den alle
-Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden. D. Francisco, als er
-nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das Vaterland zurückkehrte,
-fand die Familien-Güter confiscirt, da sein Bruder, exaltirt liberal,
-der das Majorat inne hatte, den Christinos sich angeschlossen: so
-trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen, viele Monate lang wie
-das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen, da er, nachdem sein
-Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt war, sah er sich in
-der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem Obst, welches er auf
-dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine Cameraden, daß der
-Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen[23] für Carl V. von
-Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon carlistischem Terrain
-versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach dem Hauptquartier
-abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden die Anzeige zu
-machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu bemächtigen, und
-der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu begleiten. Als
-Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an der Brücke
-die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten glücklich
-zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten sich des
-Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst, der Besitzer
-leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die Officiere
-verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der arme
-Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er erkannt
-hatte, bei Namen zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich verrathen
-sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten. Umsonst
-erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten
-Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden
-zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt
-zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes
-gedenkend.
-
-Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier,
-welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte,
-dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem
-in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der
-Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in
-der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war
-er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute
-sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die
-Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch
-Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen
-büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu
-seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht
-gestellt -- nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft --, zum Tode
-verurtheilt und erschossen.
-
-Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen
-Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem
-Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf
-Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen
-Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde
-erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte.
-Sie starb im Herbste des Jahres 1838.
-
- * * * * *
-
-Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der
-Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot
-mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft
-lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich
-auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu.
-Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die
-Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar
-unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder
-schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann
-dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt
-ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder
-durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.
-
-So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft
-lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren,
-welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich
-mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem
-trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle
-die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der
-Erinnerung hingeschwunden -- arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in
-Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner
-Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so
-rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten
-sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer
-gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das
-ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche
-so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin,
-nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch
-der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir
-den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene
-liebe Zeit, in der wir nur die helle, freundlich lockende Seite des
-Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der
-durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter
-die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit
-kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen
-der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den
-Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte.
-
- [23] Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so viele
- Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Während General Gomez Spanien durchzog, ward die Ruhe in den
-Nord-Provinzen selten durch unbedeutende Operationen unterbrochen;
-beide Heere schienen, auf den Erfolg der Expedition gespannt, ihre
-Kräfte sparen zu wollen, da sie ja rasche Entscheidung herbeiführen
-konnte. General Garcia, commandirender General des Königreiches
-Navarra, bestand einzelne Kämpfe gegen die Fremdenlegion, indem er
-durch rasche Bewegungen irgend einen der festen Punkte des Feindes
-überraschte und zerstörte, um bei der Annäherung der Hülfs-Colonnen
-in die Gebirge sich zurückzuziehen. Cordova aber war nach der
-verunglückten Unternehmung bei Arlaban auf Pamplona marschirt, um
-das Bastan-Thal, dessen Bewohner er der constitutionellen Regierung
-geneigt wähnte, zu besetzen, dem General Evans die Hand zu reichen
-und dadurch, die Carlisten von der französischen Gränze, abschneidend
-sein Blokade-System zu vervollkommnen. Die Nachricht von der
-Vernichtung der Division Tello durch Gomez und von dem Abmarsche
-Espartero’s zur Verfolgung der Expedition zwang ihn, da Villareal am
-28. Juni Peñacerrada in Alava angegriffen, in Eilmärschen dorthin
-zurückzukehren. Villareal, die Belagerung dieser Veste aufgebend, zog
-nach Navarra und griff am 4. Juli die Linie von Zubiri an, ward aber,
-da er ein Fort derselben genommen hatte, von der Fremdenlegion und
-einigen spanischen Bataillonen zum Rückzuge genöthigt.
-
-Nach dem fehlgeschlagenen Versuche des Feindes gegen Fuenterrabia
-begnügte sich der carlistische Feldherr, durch Bedrohen der
-verschiedenen Punkte auf den entgegengesetzten Theilen des
-Kriegsschauplatzes die Christinos zu erschöpfenden Märschen zu zwingen;
-er griff am 1. August mit funfzehn Bataillonen und sechs Geschützen
-die Linie von Zubiri nochmals an, und wurde nach achtzehnstündigem
-hartnäckigem Kampfe auf das Ulzama-Thal geworfen, wo die Fremdenlegion
-durch empörende Ausschweifungen sich hervorthat und mehrere Dörfer
-niederbrannte. Die folgende mehrmonatliche Waffenruhe war nur durch die
-Operation Oraa’s auf Estella am 12. und 13. September unterbrochen.
-Cordova hatte, da durch die Ereignisse von la Granja auf Verlangen
-trunkener Sergeanten die Constitution verändert, seine Entlassung
-eingereicht und sich nach Frankreich begeben, worauf der Oberbefehl
-dem General Espartero und, da dieser krank war, interimistisch dem
-General Oráa übertragen wurde, der durch eine glänzende Waffenthat sich
-hervorthun wollte. Er vereinigte 16000 Mann und griff das von vier
-navarresischen Bataillonen vertheidigte Estella an. Die Christinos
-gelangten wiederholt bis auf die Höhen, welche die Stadt beherrschen
-und warfen Granaten in sie, wurden aber stets mit dem Bajonnett
-zurückgestürzt und zogen sich, nachdem sie 800 Mann geopfert, auf ihre
-Linien, kräftig von den Tirailleurs und dem aufgestandenen Landvolke
-verfolgt. -- In der ersten Hälfte Octobers fanden in den Linien von
-San Sebastian einige Scharmützel ohne Erfolg Statt, so wie am 8. die
-Engländer von der Stellung von Amezagana mit Verlust abgewiesen wurden.
-
-Bilbao, die bedeutendste Stadt Vizcaya’s, reich durch ausgebreiteten
-Handel, an dem schiffbaren Flusse Durango, der, mit dem Nervion
-vereinigt, einige Stunden entfernt in das Meer strömt, war noch in
-dem Besitze der Christinos; jeder Versuch, sich ihrer zu bemächtigen,
-hatte stets kraftvolle Anstrengungen der Feinde zum Entsatze veranlaßt,
-der große Führer der Carlisten, General Zumalacarregui fiel vor ihren
-Mauern. Villareal wollte Bilbao erobern, so ganz Vizcaya reinigen und
-den feindlichen Colonnen das Eindringen in die Provinz ohne solchen
-Anhaltspunkt unmöglich machen; zugleich sollte die Wegnahme der
-blühenden Hafenstadt von außen her als ~conditio sine qua non~
-und Gewährleistung wichtiger Unterstützung gefordert sein. Ihre
-Eroberung mußte den Carlisten großes moralisches Übergewicht geben, da
-die Constitutionellen sich gewöhnt hatten, auf der Behauptung dieser
-Stadt wie auf einer Lebensfrage zu bestehen; sie hätte bewiesen, daß
-die carlistische Armee nicht nur in ihren Gebirgen, sondern auch
-im regelmäßigen Kriege dem Feinde schon überlegen war. Daher sah,
-wer in Europa Interesse für eine der Partheien hegte, mit Spannung
-auf diese Belagerung. Sie wurde am 24. October 1836 von drei und
-zwanzig Bataillonen unter Villareal und Eguia eröffnet, indem die
-bisher blokirte Stadt eng eingeschlossen und zwei Batterien gegen sie
-errichtet wurden.
-
-Bilbao war nur von einer Mauer umgeben, welche durch mehrere
-vorliegende Forts und befestigte Klöster gedeckt wurde; 7000 Mann
-vertheidigten sie. Doch beruhete die Stärke der Stadt in ihrer Lage, da
-sie durch den schiffbaren Fluß, dessen Mündung das feste Portugalete
-beherrscht, mit dem Meere in Verbindung steht, von wo aus sie leicht
-mit allem Nöthigen versehen und kräftig unterstützt werden konnte --
-hauptsächlich durch die englische Flotte, welche ja seit dem Monate
-März durch ihre Mitwirkung den Carlisten so unheilsvoll geworden war.
-Auch war es unzweifelhaft, daß die Hauptarmee unter Espartero Alles
-thun würde, der bedroheten Stadt Hülfe zu bringen. In der That zog
-sie schon Ende Octobers über Valmaseda herbei, weshalb die Artillerie
-zurückgezogen und die Belagerung in eine strenge Blokade verwandelt
-wurde, während Villareal den andringenden Feind beobachtete; zwei der
-am meisten avancirten Außenwerke waren bereits genommen.
-
-Nachdem vier Ausfälle der Besatzung gänzlich mißlungen, ward die
-Belagerung am 7. mit neuer Kraft aufgenommen, zwei vorgeschobene
-Werke, das Fort Bandera und ein Kapuziner-Kloster wurden genommen, am
-10. S. Manez mit 300 Mann und sechs Kanonen erstürmt. Zehn Batterien
-wurden gegen die Stadt oder längs dem Ufer des Flusses etablirt, um
-dort die Hülfe der englischen Kriegsfahrzeuge zu verhindern, die, so
-oft sich Gelegenheit bot, die carlistischen Truppen beschossen,[24]
-und wiewohl das schlechte Wetter die Arbeiten sehr verzögerte,
-konnten die Batterien am 17. ihr Feuer eröffnen. Ein Ausfall ward mit
-Verlust abgewiesen, am 27. erstürmten ein Bataillon von Castilien
-und die Compagnien des Fremden-Bataillons mit höchster Bravour das
-feste Kloster San Agostin unmittelbar an der Mauer und von 600 Mann
-vertheidigt. Der Sturm gegen die offene Bresche wurde unternommen. 1100
-Mann gelangten bis in die hinter der Bresche aufgestellte Batterie und
-tödteten die Artilleristen neben ihren Geschützen, wurden aber, da die
-anderen Colonnen, anstatt mit Kraft nachzudringen, regungslos stehen
-blieben, von der feindlichen Reserve wieder aus der Stadt vertrieben
-und litten viel. Die Carlisten begnügten sich fortan, die Stadt zu
-bewerfen und richteten ihr ganzes Streben darauf, das Durchdringen
-Espartero’s zu verhindern, da der in Bilbao täglich zunehmende Mangel,
-falls die Entsetzung mißlang, die Garnison zur Capitulation zwingen
-mußte.
-
-Espartero war mit 20000 Mann von dem Thale von Mena nach Portugalete
-gezogen, worauf Villareal in den Gebirgs-Stellungen sich befestigte
-und am 27. und 28. November die Angriffe des Feindes abschlug, welcher
-der Brücke über den Nervion sich zu bemächtigen suchte. Am 30.
-November passirten die Christinos den Fluß auf einer Schiffbrücke,
-welche ihnen die englischen Marine-Truppen geschlagen, und griffen
-auf dem rechten Ufer, da Villareal ihnen dahin gefolgt war, am 4. und
-5. December die Stellung von Asua an; mit Nachdruck empfangen und
-nach starkem Verluste kehrten sie am 6. auf das linke Ufer zurück,
-wo die Carlisten ihnen gegenüber sich verschanzten, dazu einen Theil
-ihres Belagerungsgeschützes verwendend, wodurch sie die Einnahme der
-Stadt ganz von der Niederlage Espartero’s abhängig machten. Umsonst
-suchte dieser vorzudringen: er ward nach vergeblichen Scharmützeln
-am 12. und den folgenden Tagen genöthigt zu weichen, zog sich am 15.
-nach Portugalete zurück und ging am 19. und 20. December nochmals mit
-19 Bataillonen und zwei und zwanzig Geschützen auf das rechte Ufer
-des Nervion über, wo wieder Villareal seine Stellung ihm gegenüber
-mit dem Belagerungsgeschütz deckte. Espartero gab die Hoffnung
-des Durchdringens auf,[25] als die Ankunft der Divisionen, welche
-Gomez nach sich gezogen, ihm ein furchtbares Übergewicht verlieh.
-Nachdem am 22. und 23. leichte Scharmützel Statt gehabt, stürmten
-am Weihnachtsabend die Christinos nach dem Plan des General Oráa
-die carlistische Stellung, während 2000 Jäger in Kähnen den Fluß
-hinauffuhren, die Flanke der Belagerungsarmee zu gewinnen. Von einem
-entsetzlichen Schneesturm begünstigt, erstürmten die Feinde nach kurzem
-Kampfe die Brücke von Luchana, gegen die sie ihre ganze Artillerie
-concentrirt hatten. Die Fahrzeuge gelangten bis dahin und bemächtigten
-sich nach furchtbarem Blutbade der Batterie, welche noch das
-Debouchiren der Truppen verhinderte, worauf diese den Fluß passirten
-und die Stellung auf den Höhen von Cabras und Arriaga stürmten. Drei
-Mal gelangten die christinoschen Massen bis auf die Höhen, drei Mal
-stürzten die Carlisten mit dem Bajonnett sie hinunter: beim vierten
-Angriff behauptete sich Espartero im Besitze der Stellung, und die
-Belagerungsarmee zog in Unordnung auf Durango zurück. Am ersten
-Weihnachtstage zog das siegreiche Heer in die gerettete Stadt ein, in
-der solches Elend herrschte, daß der Gouverneur am 24. dem anfragenden
-Generale durch den Telegraphen meldete, wie er nur noch einen Tag sich
-halten könne.
-
-Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen
-Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten
-noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde
-entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres
-Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen
-verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn
-seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. --
-In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann,
-die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei
-und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die
-Fortschaffung unmöglich machte.[26] Espartero, der noch unentschlossen
-beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als
-der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen
-Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes,
-General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen
-Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana
-ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don
-Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem
-General Moreno übertragen wurde.
-
- * * * * *
-
-Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die
-größten Vorbereitungen getroffen, um im Frühjahre die Operationen mit
-entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte
-Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung
-sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen
-diese unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten
-sollte. Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in
-Bilbao, von wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen
-würde, während Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone
-verstärkt, von San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa
-besetzte, Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler
-Ulzama und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die
-carlistische Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei
-Corps zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales
--- ~de la rivera~ --, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im
-südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix,
-12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche
-Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan
-schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde,
-die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein
-so hätte das Ende des blutigen Kampfes +durch Waffengewalt+ mögen
-vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je
-zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps
-zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine
-neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren.
-
-Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit
-den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn
-Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung
-mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen,
-Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen
-Evans und Rivero besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das
-Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava
-und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden
-Divisionen sie zu decken.
-
-Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation
-an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang
-und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte,
-welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort
-stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero
-am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte
-Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an
-demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu dem
-Engpasse ~de las dos hermanas~. Evans griff nach leichtem Scharmützel
-in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und entriß nach
-blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden Carlisten das
-Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen; am 16. trieb er
-wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich her, und schon
-standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar Hernani beherrscht;
-der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen in eiligem Zuge von
-den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der Infant den Seinen zu
-Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und vier Geschütze von
-seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf das Schlachtfeld.
-Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der Anglochristinos,
-umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten Flügel richtete,
-die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die nächsten
-englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen linken
-Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht der
-englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen fort,
-und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts drang,
-lösete sich die ganze feindliche Armee in schimpflichster Verwirrung
-auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern auf dem Fuße
-verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen, welches in
-der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und rettete
-den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich fest
-sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug, nahmen
-vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten und
-Verwundeten -- 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze
-gezählt --, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100
-Gefangene.
-
-Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große
-combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen
-sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000
-Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung
-getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive
-denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt
-waren.[27] Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15.
-bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage
-Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21.
-nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten
-theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und
-belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck
-dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen
-die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr
-eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd,
-bildete es zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch
-die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde,
-so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt,
-Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken
-gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona
-gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner
-Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans
-errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die
-feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach
-Tolosa vorrückte, in dem Engpasse ~de las dos hermanas~ warf und
-mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb.
-
-So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die
-baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage
-geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von
-Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu
-neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen
-der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich
-gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen
-in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze
-des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den
-Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde.
-
-Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, -- wozu
-wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug --
-ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian
-und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen
-griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem
-Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen
-in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte
-sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun, welches von vier Compagnien
-mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die
-Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison
-behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die
-Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am
-Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in
-welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war;
-zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert
-über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an,
-dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie
-sich hülflos abgeschnitten sah.
-
-So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen
-und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren,
-um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie
-ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von
-dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in
-Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er
-zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft
-von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere
-hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in
-den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache.
-
- [24] Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so weit,
- daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem
- Strande zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht
- selten getroffen wurde.
-
- [25] In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño erklärte er
- die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz unmöglich.
-
- [26] Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher Lieutenant in
- königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine Batterie
- nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke feuerte.
- Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition 1837.
-
- [27] Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine geschickten
- Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht der
- Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man
- die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen.
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die
-Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren
-Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da
-ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht
-von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung.
-Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort
-auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten
-Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens -- am 8.
-Juni 1837 -- ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen,
-daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt
-werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach
-langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner
-Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur
-Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung
-befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen.
-Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht,
-glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang
-ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so
-herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt
-werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl
-war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.
-
-Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die
-fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült.
-Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des
-Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt
-war ich im Begriff, die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich
-zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall
-passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten
-in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt
-waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu
-passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu
-versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge
-die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit
-früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.
-
-Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in
-einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu
-bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine
-Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen
-Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich
-der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie
-stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen.
-Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir
-einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und
-wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei
-die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.
-
-Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze
-ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu
-erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig
-klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen
-des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln
-Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die
-Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines
-abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt;
-stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und Wünsche, bis
-alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche
-Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen -- sei es
-durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch
-über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich
-konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner
-Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das
-Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich
-betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb
-mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem
-linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar;
-ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten
-ruhend im Schatten -- ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln
-pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen
-und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze
-Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder
-des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau
-in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl
-ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief
-ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche
-Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.
-
-Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das
-menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre
-taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das
-eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken,
-durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit
-gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie
-veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so
-hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können,
-daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden die
-verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten
-Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu
-vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen
-Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen
-Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt,
-bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!
-
-Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich
-stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die
-Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen
-Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach
-Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden
-hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten,
-war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm,
-traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen
-suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von
-unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen
-Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle
-ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich
-zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt;
-ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich
-nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch
-seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen
-auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht
-ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem
-niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am
-Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach
-Estella zu geleiten versprochen hatte.
-
-Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden
-verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu das Glück, Niemand
-auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen.
-Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin,
-die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet
-wurden, und der Ruf der Schildwachen „~sentinela alerta~“, wie er
-in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend
-in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen
-nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die
-Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute
-Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden
-ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren,
-entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte,
-Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und
-beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen
-Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts -- im nächsten
-Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war
-unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten,
-die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger,
-die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das
-Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder
-in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft
-auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer
-wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte,
-heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur
-feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange
-Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.
-
- * * * * *
-
-Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der
-vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des carlistischen
-Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und
-durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch
-die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire
-Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem
-Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt,
-waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und
-Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig
-sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten
-beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in
-Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar
-Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia
-vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser
-als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit
-Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem
-bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten
-Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit
-und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das
-Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen
-Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte,
-daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu
-befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer
-Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich
-dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf
-das schmeichelhafteste empfangen wurde.
-
-Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes
-Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben
-ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche
-Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste
-mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von
-seiner vaterländischen Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und
-Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute.
-Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die
-Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land
-sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge
-und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres Lebens
-verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er der
-sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl V. war
-er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu durchschauen,
-welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen wußten, da
-sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so wie ihre
-Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so viel
-in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist
-siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den
-Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen
-ihrer Verrathes-Complotte sicherten.
-
-Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste
-Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn
-Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen
-Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer,
-erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen
-sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand
-sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er
-sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann
-in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu
-beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff
-Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der
-königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte.
-
-Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach dem Dörfchen
-Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur
-Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am
-Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und
-durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald
-auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit
-vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend
-Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir
-Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm
-und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während
-der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete,
-die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser
-Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel
-die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das
-gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone -- es waren
-ihrer drei vereinigt geblieben -- tönte durch die Stille der Nacht.
-Da ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von
-dem bald das bekannte „~sentinela alerta~“, weit zurück hinsterbend,
-herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern
-die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde
-befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten
-Weine seiner Umgegend bekannt.
-
-Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen
-stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich
-und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten
-geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung
-benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend.
-Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß
-hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war;
-rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt -- da tönte wieder
-der Wache Ruf[28], längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum
-dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden
-Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick
-später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt
-hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen
-bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „~Quien vive? Quien
-vive?~“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die Grenadiere
-erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die Stadt hinab, wo
-alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei, Trommelwirbel und
-Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe Compagnie innerhalb
-der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte, mit der Örtlichkeit
-vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor, dessen Wache wir
-unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste, welche wir gaben, von
-lautem ~Viva el Rey~ begleitet zerstreute sie; fünf Minuten später war
-das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia stürmte herein mit seinen
-Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen, entsendete starke Patrouillen
-und vermehrte durch wildes Feuer die Verwirrung des Feindes. Als der
-Tag anbrach, fanden wir die Stadt in unserm Besitze, da die Garnison
-mit Zurücklassung von etwa siebenzig Gefangenen in das Fort sich
-geworfen hatte. Viele unserer Soldaten hatten sich plündernd durch
-die Häuser zerstreut, und erst nach zwei Stunden gelang es durch
-unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren und Ordnung herrschend zu
-machen.
-
-Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte
-sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga,
-der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von
-Lodosa, ihn beobachtete. So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben,
-dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns
-keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein,
-Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach
-Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana
-zurückzukehren. -- Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer
-dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte.
-
- * * * * *
-
-Einige Tage nachher ward ich vom Gen. Garcia beordert, siebenzig
-Individuen der französischen Fremdenlegion, meistens Deutsche, die zu
-uns übergegangen waren, nach der französischen Gränze zu geleiten,
-da sie den Wunsch ausgesprochen hatten, nach ihrer Heimath entlassen
-zu werden. Das aus solchen Deserteurs gebildete Bataillon, welches
-mit der königlichen Expedition abmarschirt war, zeichnete sich bei
-jeder Gelegenheit ebenso durch ungemessene Bravour wie durch Mangel
-an Disciplin und durch Unordnungen, vor Allem Trunk und Diebereien,
-aus, was natürlich nur der Schwäche der Officiere zuzuschreiben ist,
-die meistens lediglich ihr pecuniäres Interesse zu fördern suchten
-und selbst ihren Theil von den durch die Soldaten gestohlenen Gemüsen
-und Obst empfingen, so daß mehrere von ihnen wegen Veruntreuung zu
-Festungsarbeit verurtheilt werden mußten. Die Mehrzahl derselben
-stammte gleichfalls von der Legion her.
-
-Die mir anvertrauten Leute, wenn auch roh und wild, betrugen sich ganz
-zu meiner Zufriedenheit. Ich passirte anderthalb Stunden von Pamplona,
-durchkreuzte längs der Zubiri-Linie das schöne Ulzama- und Bastan-Thal,
-überstieg den Höhenzug der Pyrenäen und erreichte glücklich die Gränze
-bei Zugarramurdi, wo ich das Detachement den französischen Posten
-überlieferte. Nachdem ich einige Stunden im nahen Städtchen mit den
-Officieren der dort cantonnirenden Compagnien verplaudert, ward ich
-nach Spanien zurückgeleitet und mit freudigem Staunen von dem Chef des
-Gränzcordons begrüßt, der, da ich -- ohne Zweifel höchst unvorsichtig
--- den französischen Boden betreten, überzeugt gewesen war, daß
-ich entweder auch die Provinzen verlassen wollte oder doch von den
-jenseitigen Behörden an der Rückkehr würde verhindert werden.
-
-Langsam ging ich dann, nur von einem Burschen begleitet, auf Estella
-zurück. Wieder überstieg ich jenen Gebirgszug, der durch Wildheit
-zugleich und Anmuth sich auszeichnet, indem die Berge über zwei
-Drittel ihrer Höhe mit reichem Laubholze bedeckt sind und zahllose
-kristallhelle Quellen aus ihnen hervorsprudeln; in den Thälern aber,
-die vielen Mais und Roggen erzeugen, liegen vereinzelt schöne,
-reinliche Städte, deren Bewohner die echte Treuherzigkeit und Geradheit
-der Gebirgsvölker entfalteten und ganz besonders gastfrei sich mir
-bewiesen. Dörfer oder vereinzelte Häuser finden sich erst im Bastan
-wieder, wo ich auch zuerst Truppen traf, da auf dem ganzen Striche bis
-zu der Gränzlinie das Terrain hinlänglich gegen die Einfälle der Feinde
-sicherte. Schon hatte ich auch den hohen Rücken überschritten, der das
-Bastan- vom Ulzama-Thale scheidet, und ich ruhte vom beschwerlichen
-Marsche in einem der großen, ganz carlistisch gesinnten Dörfer dieses
-Thales, von dem oft nicht eine Stunde entfernt die feindliche Linie
-sich hinzog. Nachdem ich mit meinem Wirthe, einem reichen Bauer, über
-den Krieg und die Angelegenheiten der Provinzen, unerschöpflichen Stoff
-der Unterhaltung, geplaudert, suchte ich das Bett auf und schlief
-bald fest auf fünf oder sechs über einander gethürmten Wollmatratzen,
-während der Bediente in einem Winkel des an meinen Alkoven stoßenden
-Zimmers sein Lager ausbreitete.
-
-Mitternacht mochte vorbei sein, als ein dumpfes Geräusch auf der Straße
-mich weckte; zugleich stürzte eine weibliche Gestalt mit fliegendem
-Haare, in ein langes weißes Hemd gekleidet und ein brennendes Licht
-in der Hand, in das Gemach; sie stellte sich vor mein Bett, bewegte
-mit ausdrucksvoller Heftigkeit die Arme, auf Thür und Fenster deutend,
-und verschwand lautlos, höchstes Entsetzen verrathend. Überrascht
-sprang ich auf. Da ertönten heftige Kolbenstöße gegen die Hausthür,
-der Lärm auf der Straße ward stets verworrener, und mein Thomas, der
-an das Fenster geeilt war, rief mit zitternder Stimme: „~por Dios,
-Señor, que son los christinos~!“ Ich flog an das Fenster: da stand
-tobend und fluchend ein Haufen Bewaffneter, deren Kopfbedeckung nur
-zu unzweifelhaft die verhaßten Negros erkennen ließ. In einem Sprunge
-hatte ich die Thür erreicht: schon wälzte der Lärm sich die Treppe
-herauf; ich eilte zum Fenster zurück; die kleine, kaum einen Fuß
-breite Öffnung, wie sie oft in den Wohnungen der navarresischen Bauern
-sich finden, machte Flucht unmöglich. Meine Lage, meine Gefühle waren
-entsetzlich. Wieder ein Gefangener! Schon standen die Feinde auf dem
-Vorplatze, wo die Frauen des Hauses, da der Wirth bereits durch die
-Hinterthür entflohen, umsonst sie aufzuhalten suchten. Ich befahl
-meinem Burschen, der, vor dem Kriege Mönch, zitternd mich fragte:
-„Werden sie uns tödten?“ sich ruhig niederzulegen, versteckte die
-Waffen und militairischen Kleidungsstücke unter das Bett und legte
-mich gleichfalls nieder, nachdem ich die Depechen, welche der Chef der
-Gränze als sehr wichtig für den General mir eingehändigt, oben auf den
-Himmel des Bettes geworfen hatte.
-
-Der Lärm auf dem Vorplatze dauerte fort; ich unterschied die Bitten
-der Weiber, ihre Versicherungen, kaum verständlich im gebrochenen
-Castilianisch, daß in diesem Zimmer Niemand versteckt sei, worauf die
-Feinde mit Lachen erwiederten, daß sie ja Niemanden suchten, daß nun
-Alle eins seien. Da ward die Thür aufgerissen, und schweigend, die
-Gewehre in der Hand, traten funfzehn bis zwanzig christinosche Soldaten
-herein. Der Augenblick war furchtbar: halb aufgerichtet, als sei ich so
-eben erwacht, sah ich mit hochklopfendem Herzen auf die Eindringlinge,
-ungewiß, ob Tod, ob Gefangenschaft mein Loos sei. Sie stellten in
-Ordnung ihre Gewehre an die Wand, hängten Tornister und Lederzeug daran
-auf und .... verließen in ehrerbietigem Schweigen das Zimmer. Dann
-hörte ich sie zum Strohboden hinaufsteigen.
-
-Ich sprang auf, den günstigen Augenblick zur Flucht zu benutzen,
-erstaunt und nicht meinen Augen trauend. Doch Freude strahlend trat
-die Wirthinn herein und erzählte weitschweifig, wie eine feindliche
-Compagnie, die im nahen Fort als Garnison gestanden, mit Waffen und
-Gepäck zu uns übergegangen sei; nur die Officiere und Sergeanten waren
-in Thränen zurückgeblieben, da sie umsonst durch jedes Mittel die
-Ausführung des rasch Beschlossenen zu hindern gesucht hatten. -- Eine
-Tochter des Hauses, eine unglückliche Stumme, war, so wie sie das Bett
-verlassen, zu mir geeilt, mich zu warnen, da sie die christinoschen
-Soldaten erkannt hatte, während die übrigen Frauen Alles aufboten, um
-mich zu retten und die gefürchteten Gäste von mir fern zu halten, in
-ihrer einfachen Unwissenheit aber eben dadurch mich verrathend. Am
-Morgen sah ich die Compagnie, dem Regimente von Ziguenza angehörend,
-unter dem Befehle einiger Corporale zum Abmarsch formirt: schöne,
-kräftige Leute, vollkommen bewaffnet und uniformirt. Da ich ein halbes
-Jahr später das Commando einer Compagnie im 7. Bataillon von Castilien
-erhielt, fand ich in ihr den größten Theil dieser Burschen wieder, die
-den Schrecken, den sie einst mir verursacht, durch treuste Hingebung zu
-vergelten suchten.
-
-Als ich im Anfange Julis in Estella anlangte, hatte sich General
-Uranga mit dem Operations-Corps nach dem westlichen Vizcaya gezogen,
-und Espartero, eine neue Expedition fürchtend, war ihm auf das
-~valle de Mena~ gefolgt, während Iriarte in der Rivera mit acht
-Bataillonen und der Baron das Antas mit seiner Division in Vitoria
-stehen blieb. Bald kehrte Espartero nach Logroño zurück und marschirte
-schon am 8. Juli mit zwei Divisionen über Soria auf Guadalajara,
-da er Ordre erhielt, Madrid gegen den Vormarsch der königlichen
-Expedition zu decken. Uranga beschleunigte den Abmarsch eines andern
-Corps, welches die gänzliche Entblößung Alt-Castilien’s von Truppen
-benutzen und der Armee des Königs eine Diversion machen sollte, da
-alle disponibeln Streitkräfte der Christinos auf sie sich geworfen
-hatten. Da es natürlich mein innigster Wunsch sein mußte, jetzt, da die
-Schwäche beider Heere in den Nordprovinzen keine bedeutenden Kämpfe
-erwarten ließ, dieser Division mich anzuschließen, erreichte ich, zum
-Generalstabe derselben bestimmt zu werden, und ward von dem General
-Zariategui mit Herzlichkeit aufgenommen.
-
-Nie sah ich so hohe, freudige Begeisterung die Truppen beleben, nie
-fühlte ich selbst so ganz ihre Alles überwindende Macht, wie zu jener
-Zeit, da wir, eine kleine, aber auserlesene Schaar, den Krieg in das
-Innere des Königreiches tragen und den übermüthigen Feind in seinem
-eigenen Gebiete aufsuchen sollten. Jubelnd zogen wir Alle dahin, und
-an dem Tage, an dem wir nach glorreichem Siege den Ebro passirend aus
-unsern Gebirgen in die reichen Ebenen Castilien’s hinabstiegen, sah
-ich manche dunkelgebräunte Wange von einer Thräne des herrlichsten
-Enthusiasmus genetzt. Wenn der Krieger dasteht, fest den Choc des
-Feindes erwartend, da ergreift ihn ein innerer Trotz, jeder Einzelne
-sucht sich fester hinzupflanzen, als gälte es persönlich schweren
-Stoß zurückzuweisen; sein Antlitz verfinstert sich, der Mund ist fest
-zusammengekniffen, und vielleicht zuckt ein leichtes verächtliches
-Lächeln über seine Züge, wenn er die glänzenden Escadrone heranbrausen
-sieht, deren Ohnmacht er wohl kennt, und die er schon von der
-unerschütterlichen Masse abprallend in wilder Flucht aufgelöset im
-Geiste sieht. Rückt er aber mit Vertrauen auf seine Führer und auf sich
-selbst zum entscheidenden Angriff, dann strahlt das Auge des wahren
-Soldaten von innerem Feuer, sein Kopf hebt sich im Gefühle stolzen
-Muthes, sein Schritt wird elastisch, und echte Begeisterung macht das
-Schwierigste ihm leicht, treibt ihn, durch Gefahr und Tod Heldenruhm
-und Heldenehre sich zu erkämpfen und willig dem Triumphe der gerechten
-Sache sich selbst zum Opfer zu bringen.
-
- [28] Er wird jede Viertelstunde von dem dazu bestimmten Posten
- erneuert und läuft von einem zum andern durch die ganze Chaine.
-
-
-
-
-X.
-
-
-Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien[29] bestimmte
-Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter
-dem Mariscal de Campo -- Generallieutenant -- Zariategui den Marsch
-durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus
-den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und
-7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien
-und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa;
-das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d. h. es enthielt nur seine
-Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die
-Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren
-zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann
-Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte
-Brigadier Elio.
-
-Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden
-Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der
-feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich
-parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19.
-setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein
-starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe
-Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch
-erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen
-neben dem Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der
-Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch
-Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen
-Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke
-bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das
-Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der
-General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1.
-von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine
-halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben.
-
-Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde
-abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten
-Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb
-bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute
-zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken
-Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern
-und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes
-formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit
-dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt
-durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre
-der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu
-weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe,
-von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln
-übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen
-schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf
-mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend
-und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die
-feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere
-Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos
-überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche
-Cavallerie gefangen genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht
-ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete
-uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in
-Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in
-Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand.
-
-Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben
-Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea
-auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine
-tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich
-wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf
-dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon
-bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit
-aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die
-Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter
-Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen
-auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen
-wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich
-von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen
-Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa
-vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete
-die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische
-Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug
-antraten.
-
-Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter
-dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine
-Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit
-überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den
-Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß
-passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar
-mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit
-schwerem Verluste an Menschen und Pferden, da aber zuletzt auch die
-Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum
-Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge,
-den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone
-deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer
-zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front
-gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität -- 50 Pferde --, der
-die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von
-Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone;
-nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst[30] getödtet, wurden
-die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre
-Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen
-hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten.
-Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und
-umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue
-noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst
-einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und
-Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie
-und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der
-Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber
-geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die
-auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir
-verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur
-Rückkehr uns nöthigte.
-
-Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant
-eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut
-roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In
-der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der
-beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe
-versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das
-Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur
-Zielscheibe dienten.
-
-Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der
-unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde
-waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden
-St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer
-der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten,
-einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. --
-Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu
-begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt
-schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die
-geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten
-ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder
-kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen
-des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die
-meisterhafte Leitung der Action.
-
-Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und
-da der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt
-hatte, bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem
-Ufer des Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden
-Festungen Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen ~viva
-el Rey!~ betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem
-Grün bedeckten Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen
-Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die
-Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns
-zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps
-unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken,
-welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die
-er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben.
-
- * * * * *
-
-In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General
-Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu
-bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern
-die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu
-unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie
-wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder.
-Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am
-Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen
-die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen
-als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den
-eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den
-Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die
-Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe,
-hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich
-lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen
-mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer
-Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch
-wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben.
-
-Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade
-von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der Escadron von
-Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die
-Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem
-Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme
-dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der
-Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre
-Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese
-Junta gewirkt hat.
-
-Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge
-zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst
-Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben,
-einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und
-sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein
-Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte.
-Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen
-4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich
-zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und
-rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor.
-
-Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von
-Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als
-Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken
-von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische
-Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches,
-Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von
-Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer
-umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde
-die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur
-Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die
-Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren
-würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie hinter einem großen
-Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde
-ein Officier vom Generalstabe[31] beigegeben, mich traf die Brigade
-Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die
-Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer
-sein.
-
-Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald
-von den Kugeln der Garnison -- 1500 Mann mit acht Geschützen auf der
-Mauer -- überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das
-es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine
-Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren
-zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen.
-Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen,
-hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui
-wieder zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den
-Eingang zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich
-das Gerüst errichtet; mit lautem ~viva el Rey~ stürmten wir hinauf,
-von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der
-Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht
-gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben Augenblicke
-drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die
-siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh
-allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob
-Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden.
-
- * * * * *
-
-Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell
-gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in
-den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone
-sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von
-Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große
-Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher.
-Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung
-Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen
-Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig
-allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem
-Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere
-nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben
-aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts
-ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General
-die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung
-herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus
-der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve
-abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui
-war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung
-des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem
-General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in
-dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die
-andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet
-werden: keine der Beiden rührte sich.
-
-Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die
-Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später
-auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut
-fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der
-gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar
-ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben
-umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand
-nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab
-das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen
-und ~tambour battant~, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen nach
-Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die
-Waffensammlung und die Exercier-Geschütze ~en miniature~ der Cadetten
-würden unangetastet bleiben. -- Die Erstürmung Segovia’s hatte uns etwa
-200 Mann gekostet.
-
-So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein,
-unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos,
-die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen,
-und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die
-wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen
-nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos,
-wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und
-manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt
-von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten
-Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht
-selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet,
-mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es
-mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen
-Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich
-fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der
-ernste Händedruck einiger ausgezeichneten Officiere des Cadetten-Corps
-zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den
-Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens
-erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten
-wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die
-Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt
-waren.
-
-Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte
-mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer,
-der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden
-Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ,
-worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf
-den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger
-in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche
-Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während
-wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener
-Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache
-bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der
-Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir
-den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat
-und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen
-wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese
-griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben
-messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm
-zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte,
-ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden
-Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht
-in solcher Lage spendend.
-
-Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele
-tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige
-zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar
-aufgepflanzt waren, dann fanden wir ungeheure Magazine vor, und aus
-dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die
-Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung.
-Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen
-Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und ... ließ das
-Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die
-Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend,
-sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß
-die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie
-habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere
-Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren,
-da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem
-Bildnisse Carls V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt wurden.
-
-Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht
-unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte:
-eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den
-Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie
-besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer
-Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie
-sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte
-sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das
-geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren,
-der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern,
-und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen
-findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche
-die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein
-gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind.
-
- * * * * *
-
-Indem das Bataillon -- in Skelett -- von Aragon in Segovia
-zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten
-zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid
-vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward.
-Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne
-Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der
-General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem
-Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen
-hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern
-zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und
-Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden
-anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten,
-die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz
-das Werk Christina’s waren.
-
-Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen
-höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal
-sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand VI. die Gebirge
-besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien zu verbinden.
-Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug. Morgens nur
-noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme aus der
-Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch achtzehn
-Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war. Die Stellung
-war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das Terrain
-faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe und
-ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige
-Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene
-Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen
-sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der,
-so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden
-werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck
-hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich
-zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren
-Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der
-Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von
-Vizcaya über den nahen Escurial marschirte.
-
-Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu
-jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war
-bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in
-der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere,
-die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General
-die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s
-zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt
-nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren
-feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend
-schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des
-ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo
--- 9000 Mann --, die Zahl der Nationalgarden -- acht Bataillone --
-und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen
-die Schwäche der Division Zariategui -- in Segovia nach den im
-Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und
-300 Pferde schlagfertig -- und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie
-berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit
-gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den
-Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden,
-wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte.
-
-Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur
-mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber von der Escadron
-3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner
-Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen
-Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen
-Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in
-Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die
-Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama
-eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s,
-der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz
-herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war
-ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der
-nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig
-Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte
-auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges
-erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der
-Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den
-Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge
-davon war die siegreiche Schlacht beim ~villar de los navarros~.
-
-Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen
-Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der
-Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von
-Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt,
-aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der
-genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein
-großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft
-aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen,
-denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil
-des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja
-in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und
-als endlich der nationale Bolero das Fest schloß, mußte unter dem
-donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt
-werden.
-
-Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher
-Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem
-Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der
-doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen
-zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und
-wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren,
-was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde
-alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit
-tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen
-Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver,
-mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen
-Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung
-der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde
-ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze,
-beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit,
-konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die
-Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte
-zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes
-in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der
-Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur
-zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt.
-Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere
-gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend
-etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf
-einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als
-zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem
-die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde
-später durch das Assemblee-Signal wieder zur Formation gerufen zu
-werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage
-vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr
-Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die
-feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und
-rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage
-folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern
-Stützpunkt, wieder zu gewinnen.
-
-Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen.
-Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert
-hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht
-wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung
-Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein
-versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern
-ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller
-Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von
-Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in
-Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt,
-unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde
-Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in
-denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren
-mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung
-der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie
-verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die
-errungenen Vortheile ganz benutzen können.
-
-Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und
-Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts
-von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl
-der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber
-um Mittag eine dürre Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge
-reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut
-sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden
-Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst
-zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und
-die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen
-den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten
-rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich
-die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde
-durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme
-durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem
-Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei
-des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen
-rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge
-Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte
-und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte.
-Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile
-getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß
-gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich
-in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons
-zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis
-auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie
-zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches
-wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen,
-Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun,
-den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf
-der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der
-christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt,
-nicht weiter beunruhigt wurde.
-
-Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie vor den
-Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch
-den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das
-Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in
-kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen
-eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz
-deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven
-Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir
-sterben mit unsern Brüdern.“
-
-Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und
-erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen
-Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach
-Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps
-sich entgegen zu stellen.
-
- [29] Diese Expedition, als eine der interessantesten und da meine
- Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich
- weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild
- unserer Kriegesart zu geben vermag.
-
- [30] Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs und
- zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er
- vom Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem
- nächsten Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser
- stach ihn trotz dem Zurufe zweier heransprengender Officiere
- erbarmungslos nieder. Als ich von der Verfolgung zurückkehrte,
- lag der Leichnam, ein Bild männlicher Kraft, ganz nackt neben
- dem Wege.
-
- [31] Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, war
- meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe
- sehr schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und
- Artillerie-Officieren deren Geschäfte mit übernehmen mußten.
- Bei der Expedition Zariategui befand sich ein Ingenieur und ein
- Officier der Artillerie, der bald getödtet wurde. Übrigens zogen
- die Generalstabs-Officiere die höchste Eifersucht der andern
- Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen Unternehmen
- gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter
- Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet
- und drei schwer verwundet.
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in
-beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich
-vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag,
-Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht
-in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch
-da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich
-empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch
-unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch
-der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien
--- 250 Mann, -- vier Compagnien von Alava und anderen vier von
-Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden
-Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien
-von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen
-zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne
-Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie
-seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt.
-
-Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse
-in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten
-Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo
-und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war
-eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500 M. stark,
-versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas
-beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des
-Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden
-Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr
-abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie bei
-Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu
-besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen.
-
-Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo
-seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren,
-hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann
-in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen
-beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen
-Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit
-Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es
-uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten -- ein
-einziger Posten war ausgestellt -- einen seinen Blicken offenen Grund
-unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg.
-Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch
-besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte,
-während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so
-wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das
-Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen
-würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war
-Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu
-unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe
-antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen
-sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf
-hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und
-wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn
-nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte
-empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete
-Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig
-gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra
-dort ankam, fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich
-ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare
-Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde,
-sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine
-Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und
-trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her.
-Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke
-angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die
-Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone
-auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete;
-wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher
-Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des
-Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren
-die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre
-Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem
-Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und
-Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper
-beide Divisionen befehligte.
-
-Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen,
-kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de
-los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann
-sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern
-beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf
-funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich,
-und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl V. die
-Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke der
-Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in Salas
-zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet
-werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich,
-wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen wir vor el Burgo de Osma,
-ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein Fort,
-aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef ~du
-jour~ ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben war, die
-Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines gegenüber
-liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei dem ersten
-Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden ein, so daß
-über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen Aufpflanzung, die
-auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes geschehen mußte, die
-Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison, zwei Compagnien,
-mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So Herren der ganzen
-Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen, irgend eine
-Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma, welches auf
-der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und Arando de
-Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid mit der
-Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern umgebene
-Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war; das
-als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem
-Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die
-neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort
-in Ruhe zu üben und auszubilden.
-
- * * * * *
-
-Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen
-verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur
-zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den
-vorfallenden Geschäften, d. h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und
-Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen
-Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze
-und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren
-Bereich. Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem
-Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant
-Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des
-5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma
-erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und
-zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren.
-
-Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma
-entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück
-und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte
-ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana
-den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland,
-mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste
-Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten
-benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um
-dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung
-kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem
-schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog
-und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war,
-ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff war
-fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem Quaste
-auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke bog,
-ertönte ein wilder Schrei: „~los facciosos, los facciosos~!“ Die Damen
-kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener Behendigkeit
-rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers, die so eben
-zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten in Carriere
-der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die Truppen
-unmittelbar mir folgten.
-
-Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein,
-die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer
-sich hinwandten, von der einige Schüsse mich kurz halten machten.
-Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und
-kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und
-forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein
-vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte,
-jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde
-verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an,
-wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen
-kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick
-reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich
-wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter
-mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald
-den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten
-diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit
-Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines
-Thieres zu schonen.
-
-Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe;
-die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde
-postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald
-erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige
-Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere
-Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen:
-die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie
-mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die
-Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß
-retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem
-Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir,
-seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich
-unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch
-den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt
-zurück. Bis dicht vor die Stadt setzten wir die Verfolgung fort und
-nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir
-fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger
-anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger
-auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von
-dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers
-einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen
-konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf
-Aranda zurück.
-
-Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich
-ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des
-Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte
-er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich
-meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen
-wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich
-selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir
-durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles
-englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt,
-mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen
-könne.
-
-Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung
-bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei
-Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt
-zu machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so
-daß ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können,
-aus dem ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen
-und die in der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen
-würde, wo der größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der
-That gelangte ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an
-eines jener Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig
-Fuß über dem Boden befindlichen Fenster empor. Nach wiederholtem
-Klopfen antwortete zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der
-Versicherung, daß sie persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich
-die Drohung, das Haus in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne.
-Das Fenster flog auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes
-Mädchen, kaum mit dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit
-bärtigen Grenadieren gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb
-ohnmächtig auf einen Stuhl sinkend: „~caballero, por Dios!~“[32] mir
-zuhauchte, erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume
-sie zu führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug
-gewesen war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt
-bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen,
-welche einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder;
-mehrere Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen
-Mädchens, einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals
-im väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen
-Scenen jener Nacht lachte.
-
-Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache,
-die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch
-hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein
-lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und
-die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe
-Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte
-die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne
-an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte
-ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine
-Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen donnerte: wir
-standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem
-uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei
-meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte
-zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten
-Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir
--- uns schien die Zeit eine Ewigkeit -- ein schützendes Seitengäßchen
-erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald
-mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser
-gezogen und den Wundärzten übergeben.
-
-Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche,
-die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme
-eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls
-befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders
-günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am
-wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren
-konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten
-aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden.
-Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort
-angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts
-ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren
-Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich,
-die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie
-sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch
-solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die
-Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem
-letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und
-ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder
-Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns
-empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter
-der dann der regelmäßigere Bau der Batterie vor sich gehen konnte.
-Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der
-Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen
-Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von
-denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der
-andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das
-Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand,
-die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so
-wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett
-kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.
-
-Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen
-großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben
-wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone
-heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun
-die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt
-hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten
-Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu
-belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit
-Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug
-unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer
-ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden
-in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und
-am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am
-Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten
-unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die
-Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort,
-die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet
-und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl
-Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als
-Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls erstürmt waren, in
-Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos
-zuführte.
-
-Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden
-Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige
-Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen
-Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom
-Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt,
-aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten;
-rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der
-Verwundeten -- es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief
-dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren
-Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer
-Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach
-nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde
-später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der
-Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft
-laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz
-unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht
-aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle
-geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich
-werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln
-getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen
-oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur
-noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage
-unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.
-
-Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft,
-stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen
-Tribut ab.
-
- * * * * *
-
-Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem
-ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig
-Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf
-Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten
-trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach
-dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die
-Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier
-jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt
-am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk,
-daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen
-Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch
-weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander,
-von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert
-als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf
-von den Freiwilligen ~à vive force~ genommen wären. Da der Stadt die
-gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am
-Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die
-Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster
-gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt,
-wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden,
-niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade
-verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten
-der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als
-letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia
-wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.
-
-Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben;
-da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die
-feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das
-Volk, daß wir nun bleibend Castilien eroberten und schnell den
-Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich
-kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere
-Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie,
-lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche
-Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der
-moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich,
-und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen
-rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns
-selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s,
-wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den
-verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen.
-Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen
-zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!
-
-Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des
-Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung
-empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue
-durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus
-der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge,
-die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die
-Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten
-Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es
-wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen
-Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre
-zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen
-Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des
-Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda
-errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade
-zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer
-des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer Bataillone finstere
-Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach.
-Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch
-ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet,
-wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung
-benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand,
-indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt
-bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das
-gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht,
-sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert,
-ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials
-erinnert würden.
-
-Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid
-entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die
-Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten
-Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn
-schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort
-befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter
-der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet
-waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt
-und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis
-Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald
-ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar
-neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit
-Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als
-wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt
-zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke
-erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder
-Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode
-bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die
-wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als
-Hauptstadt der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und
-35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur
-Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu
-cerniren.
-
-Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes,
-Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu
-verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter
-ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie
-hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu
-denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen
-Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem
-Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt
-war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht
-und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie
-erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich
-erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen
-und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte
-das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete
-sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den
-Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald
-der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze
-mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui
-allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet
-unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat
-wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die
-Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von
-ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit
-sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele
-Beamte und frühere Officiere Ferdinands VII., ja Isabella’s, endlich
-gar einige, die gegen uns unter den Waffen gestanden und spät erst
-aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren glänzenden
-Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten sie sich
-unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr Ehrfurcht
-noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in ihrer
-Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche alte
-Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre
-Dienste an.
-
-Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote
-standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen,
-zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren.
-Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen,
-die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des
-Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt,
-während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen,
-mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind
-sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig,
-und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche
-Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel
-etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches
-Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der
-National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen
-untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort
-sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern
-sich herablassend, zu uns übergingen.
-
-Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die
-Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative
-augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui
-mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb
-zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde.
-Gewiß war es ein großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage
-der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die
-feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie
-mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit
-der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte
-zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort
-wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung
-gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung,
-die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen
-den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich
-wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu
-erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz
-glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch
-Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war,
-durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand
-wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören.
-
-Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora
-und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner
-Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten
-Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und
-Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die
-junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes
-zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie
-den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen
-mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand
-unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone --
-von Valladolid genannt -- errichtet werden, wiewohl auf besondern
-Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg
-noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten
-erheischen werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig
-halte, das Schwerste für Carl V. mit Freudigkeit zu ertragen,
-zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone
-haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen
-Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit
-heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der
-Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch
-die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über
-sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen
-ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten.
-
-Der Charakter des Alt-Castilianers,[33] dieses Kernes der aus so vielen
-heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird
-am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten
-berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig
-erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen
-Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet,
-mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf
-ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier
-tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern
-als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den
-in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der
-Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und
-Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch
-innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern
-Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich
-die Alt-Castilianer gleich stellen. Der Bewohner Neu-Castiliens ist
-in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen
-und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort
-und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer
-aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er
-das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er
-Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach
-und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns
-und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck.
-Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt
-dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit
-durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung
-des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein
-glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er
-gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit
-und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz
-verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch;
-Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen
-Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu
-ersetzen.
-
- * * * * *
-
-Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier,
-wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer
-ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über
-alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder
-Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes
-Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer
-am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha
-in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von
-unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt und
-roh -- ~los indios de la nacion~ genannt -- den Rang ihnen streitig
-machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende Intelligenz
-entscheidet.
-
- * * * * *
-
-Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die
-Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und
-behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen,
-die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich
-mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in
-unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich
-liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die
-so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu
-erzählen wußten, den -- die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend
--- ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle
-großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter
-tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem
-Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen
-Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit
-Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik
-das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und
-von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit
-verdankten!
-
-Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht
-fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele:
-die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und ...
-Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid.
-So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben
-ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de
-Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große
-Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so würde er zu
-rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt
-zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben
-und damit den Krieg beendet haben. -- Zariategui, es ist wahr, hat in
-den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die
-Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die
-Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat
-in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun.
-Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien
-durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch
-sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen
-abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu
-lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche
-des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den
-Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division
-Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn
-nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene
-Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken
-verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was
-natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge
-haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter,
-der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des
-königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der
-Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war
-der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der
-Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt
-entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.
-
-Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher
-Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar
-geworden war: während der acht Tage, die wir üppig in Valladolid
-zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber
-zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen
-Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den
-Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue
-Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen
-einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit
-zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die
-allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.
-
-Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über
-die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation
-des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken
-kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke
-Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um
-Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von
-Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben,
-daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.
-
-Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner
-erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch[34] wild durch die
-Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich
-hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio
-besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum
-eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft
-anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen
-und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze
-auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den Straßen flog Alles
-in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten
-Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage
-zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit
-finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich
-und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen
-auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch
-ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze
-zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.
-
-Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche
-dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten
-es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der
-Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit
-treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche
-Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor
-und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie
-erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche
-Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen,
-der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten
-und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster
-und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen,
-Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen.
-Da tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter
-der Ruf: ~viva el Rey~! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu
-werfen, aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt.
-Eine neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte.
-Plötzlich stürzte ein Officier mit lautem ~viva Carlos quinto~ auf den
-feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine
-halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde;
-eine Sekunde später hatten die Navarresen die Feinde durchbrochen,
-vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde
-genommen.
-
-Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie
-in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die
-Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb
-und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr
-sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt.
-Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der
-Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit
-dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen,
-längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich
-nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung
-trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben.
-Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division
-angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt
-um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und
-noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen
-sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter
-der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die
-Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains
-nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der
-Stadt uns zurück, indem Valencia[35] die Nachhut übernahm.
-
-Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen
-Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen Truppen
-unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer
-ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten,
-schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln
-und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust.
-Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen
-Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen
-herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg
-ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von
-Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die
-ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig
-Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem
-Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in
-etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir
-einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1.
-Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns
-gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.
-
-Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden
-wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte.
-Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit
-jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die
-Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen
-lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und
-in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen
-käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die
-Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer
-an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte
-sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und
-schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de
-Duero ein. Der Unglücksbote hatte die Meldung von dem Rückzuge des
-königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre
-gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.
-
-Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen,
-zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie
-vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder
-kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so
-glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und
-Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber
-auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle
-gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon
-an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem
-ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus
-zwei Compagnien Peseteros[36] bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf
-beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich
-sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn
-sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender
-wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten
-Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein
-hoffte.
-
-Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom
-linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete
-einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt
-auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die
-7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns
-in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem
-Corps des Königs zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir
-die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner
-Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke
-einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen,
-und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die
-Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der
-Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite
-ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den
-Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh.
-Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone
-eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig
-Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer
-gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu
-schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu
-erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke
-angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen.
-Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia
-das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien
-aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze
-und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das
-brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der
-General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort
-„Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren
-vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen
-ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und
-debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt
-vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen;
-schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt,
-als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten,
-unter furchtbarem Kugelregen die Geschütze einhängten und, auf die
-Maulthiere[37] sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den
-Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen!
-Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen
-zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre
-Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.
-
-Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang
-noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch
-seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug ~en échelons~ antrat, von unsern
-Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine Escadron
-des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes zu uns
-gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr nach
-Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort.
-
- [32] ~caballero~ entspricht dem ~true gentleman~ der Engländer.
-
- [33] Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien stets als
- Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz
- gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für
- sich.
-
- [34] ~la generala~ wird nur geschlagen, wenn der Feind vor den Thoren
- steht, daher bei Überfällen u. s. w.
-
- [35] Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen Expedition
- besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt,
- und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch
- Aragonesen und Castilianer ersetzt.
-
- [36] Freicorps, so genannt, weil sie eine ~peseta~ -- vier Realen --
- Sold erhielten.
-
- [37] Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen Maulthieren
- bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen.
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und
-Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18
-Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und
-1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der
-Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können,
-daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der
-Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche
-Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte
-denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des
-Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen
-Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.
-
-Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen
-Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000
-Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro
-ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein;
-noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten
-über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung
-vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken
-ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde,
-sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum
-Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer
-gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon,
-der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen
-zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde
-wurden zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward
-schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen,
-den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen
-Wunden.
-
-Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach
-durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef
-des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung
-als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes
-die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte.
-Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen
-blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene
-Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark,
-sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei
-Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die
-französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone
-gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet
-hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad,
-da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe
-verwundet, starb nach wenigen Tagen.
-
-Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache,
-für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon
-seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig
-nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem
-kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht
-die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da
-doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das
-Hauptquartier war von zahllosen ~ojalateros~[38], Officieren und
-Angestellten, die essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich
-auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage
-mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren,
-während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys,
-die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen
-über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer
-Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche
-4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich
-allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen
-und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem
-Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden,
-die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen,
-theils gefangen.
-
-Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und
-vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen
-von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und
-Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der
-feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von
-Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade
-Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s
-nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps
-bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die
-dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der
-Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten
-und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit
-einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen
-geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier
-Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke
-an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in
-die feindlichen Lanciers einhieb. Mein armer Freund, Bernhard von
-Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die
-Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den
-Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden
-Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt
-nieder.
-
-Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga,
-welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und
-durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht
-mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen
-außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche
-Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und
-die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung
-der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt
-wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden
-Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und
-auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt
-fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem
-Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot
-zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen
-eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des
-nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht
-achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben
-ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen
-sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen
-sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die
-Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und
-Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu
-ertragen wußten.
-
-Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden dem Ebro
-zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei
-Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche
-Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer
-an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden,
-und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer
-Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale,
-wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten,
-wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt,
-nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie
-beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von
-dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta
-von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli
-eingeschlossen, der Angriff ~à vive force~ aber zurückgewiesen;
-am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die
-Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von
-einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne
-Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch
-die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft
-und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des
-Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles
-verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage
-lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen,
-südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur
-Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von
-Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die
-Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den
-Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war
-ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft
-berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln
-zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.
-
-Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten,
-nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit
-einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo
-sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von
-Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja,
-damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die
-Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich
-mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von
-den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu
-operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens
-im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten;
-am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja
-vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte
-Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des
-Gebirges von Cantavieja beschränkt.
-
-Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in
-jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen
-die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht
-ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach
-Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend,
-bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen,
-el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen
-von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in
-Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb
-Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige
-gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur
-Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der
-König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in
-der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive
-ergreifen konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann
-nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von
-der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach
-dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen
-Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es
-schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe
-der letzten Wochen ganz hergestellt waren.
-
-Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera,
-als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher
-er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach
-Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu
-die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem
-Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so
-treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff,
-zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine
-ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger
-Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich
-in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei
-Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück.
-4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen
-Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen,
-wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und
-schon am 1. Sept. in Daroca ankam.
-
-Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps
-die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße
-gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere
-Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und
-rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz.
-Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei
-Vallecos, anderthalb Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter
-der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten,
-gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein
-und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre
-zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da ... erhielt er
-Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte -- Carl V. ließ den
-Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, und dieser
-Augenblick kam nie wieder.
-
-Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die
-Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur
-seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen
-Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid
-gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt
-gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In
-finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller
-Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.
-
- * * * * *
-
-Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen,
-welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind;
-doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die
-Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen
-der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General
-mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die
-Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben
-zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken
-hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s
-gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.
-
-Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera 13000
-bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann
-Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie
-und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000
-Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein,
-in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach
-vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in
-ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so
-hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt
-konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.
-
-Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick
-durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt
-gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst
-bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne
-Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die
-ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone
-würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons
-der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich
-einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren.
-Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur das
-Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu proclamiren.
-Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, die Bevölkerung
-bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die Contrerevolution
-bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee die Thore geöffnet
-und von der Menge jubelnd sich empfangen fände -- das hieß in der That
-zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes rechnen. Auch von der
-National-Garde waren die vier letzten Bataillone durch Zwang gebildet
-und bestanden durchgängig aus echt royalistisch gesinnten Männern,
-Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl gelassen war, ihre
-Laden zu schließen und ihre Familien, die Stadt verlassend, ins Elend
-zu stürzen oder als National-Gardisten sich enrolliren zu lassen. Es
-ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung später Untersuchungen
-anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem Erscheinen der Carlisten
-ihre Neigung für sie deutlich an den Tag gelegt und complottirt hatten,
-um bei dem Angriffe für sie sich zu erklären, was natürlich allen
-Widerstand beendigt hätte.
-
-Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die
-Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt
-hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den
-niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin,
-in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn
-Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der
-Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges
-und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig,
-vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu
-werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen
-gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie
-er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos
-den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.
-
-Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten
-bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie
-der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“
-ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das
-ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen
-gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem
-sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche
-oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen
-Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den
-verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich, was
-oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum
-Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.
-
-So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des
-Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs
-herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes
-Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue
-Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut
-über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich
-unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.
-
- * * * * *
-
-Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und
-Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt
-täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum
-19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, der
-gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht vom 19.
-veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen Cavallerie
-bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. Mehrere
-Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr Bitten die
-Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers die Gewehre
-nieder und gingen mit dem Rufe: ~viva Isabel segunda!~ zu ihren alten
-Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den Augen Espartero’s
-eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte seine Division
-nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach und Vernichtung
-erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem traurigsten Zustande
-waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach dem Gebirge von
-Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff Lorenzo’s auf
-die Brücke von Aranda zurückschlug, konnten die beiden Corps in dieser
-Stadt sich vereinigen.
-
- * * * * *
-
-Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem
-alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten
-Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke
-etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so
-eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten
-zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung
-mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten
-undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen
-zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich
-mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen,
-da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns
-vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde
-ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende
-Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so
-plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich
-meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar
-für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen
-vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit
-für thätigen Dienst ganz untauglich machte.
-
-Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga
-übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch
-an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig,
-die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir
-dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze
-Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend,
-überschritt die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro,
-wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset,
-und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña
-genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken
-der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr
-langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche
-aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den
-Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino,
-getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen,
-eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die
-Heilung meines Armes abzuwarten.
-
-Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als
-Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in
-angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda
-zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien
-selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt
-hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt
-erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die
-ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend,
-bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen
--- denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen -- wie die
-vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem
-Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil
-finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für
-erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer
-mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast
-mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem
-Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella,
-von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet.
-Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur Rückkehr zu seinem
-Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen
-würde, was nicht geschah.
-
-Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in
-gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt
-war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen
-Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden
-Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie
-durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten,
-rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die
-Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit
-unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen
-verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst
-geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant
-logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den
-Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann
-eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo,
-die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber
-unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos
-ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge
-nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.
-
-In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der
-Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die
-Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten
-mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von
-allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam
-kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt.
-Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der
-ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da
-siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische
-Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer mehr ein --
-gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die
-einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst
-mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava
-an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche
-der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde,
-gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht
-seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den
-Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend,
-daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen
-sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die
-Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg
-der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle
-Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des
-Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.
-
-Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt
-werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während
-die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger
-als je hingezogen wurde.
-
- * * * * *
-
-General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende
-Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in
-den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten,
-trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von
-der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt,
-um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn
-zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra,
-hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich
-Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe
-Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch zwischen dem
-östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche
-alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze
-machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich
-gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen
-Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der
-dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich
-vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die
-Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte,
-die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die
-Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe,
-und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von
-Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er
-früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur
-Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich
-erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den
-Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer,
-die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone
-verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden,
-wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen.
-
-Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog
-wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er
-beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der
-Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen
-verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine
-Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion,
-von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach
-Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen
-Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der
-portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande hatten sein Heer
-sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich
-auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese
-Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden
-indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung
-der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch
-eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt.
-
- [38] ~ojala~, wollte Gott, daß ...! Daher Die, welche sich begnügten,
- mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von den
- Soldaten ~ojalateros~ genannt.
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit
-der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der
-anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des
-plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und
-endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen
-zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen
-der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend,
-überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen
-zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte
-ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den
-ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt
-kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg
-beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material
-und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem
-der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde
-verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die
-festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren,
-durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes
-offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch
-liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch
-übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner
-eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das
-Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde
-seine furchtbaren Hindernisse entgegen!
-
-Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen
-Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß
-die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bildeten, so
-große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand
-nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls V. von Stufe zu
-Stufe völligem Untergange zuführen mußten.
-
-Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen
-beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen
-Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern
-europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von
-dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch
-durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der
-Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer
-als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde
-Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen
-Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der
-meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren
-Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche
-mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens
-übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit
-den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart.
-
-Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in
-der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und
-thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt
-zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie
-schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu
-finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit
-gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der
-Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten
-Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um
-wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der
-persönlichen Gewandtheit und Kraft als des Führers weisen Anordnungen.
-Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der
-Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch
-durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe
-den Sieg hoffen muß.
-
-So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt;
-aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten
-Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer
-militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen
-wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung
-ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer
-Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas
-sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer
-Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig
-handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die
-Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit
-sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau,
-thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und
-Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird,
-augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die
-unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen
-und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge
-sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.
-
-Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die
-Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es
-durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen
-seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen,
-Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer
-mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet,
-nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden,
-was die Erfahrung von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der
-Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die
-Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie
-ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden.
-Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht,
-als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz
-sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben
-anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen
-versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu
-senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in
-welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für
-besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt,
-von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken
-wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth,
-und das beliebte ~no importa~ setzt ihn über Alles hinweg, was
-dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine
-Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger
-Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt
-findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere
-Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge
-vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der
-Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst
-unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich
-Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles,
-während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten
-Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile
-opfern müßte.
-
-Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die
-Vertheidiger Carls V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die
-Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die
-Siege, welche sie über die in die Formen europäischer Organisation und
-Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich
-gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des
-Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche
-Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten
-durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten
-und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von
-denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern
-Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt
-von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die
-Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler
-sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer
-Macht wurden.
-
-In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die
-Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander
-geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen
-Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen
-müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne
-Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s
-fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und
-bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch
-die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer,
-die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen
-Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit
-aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der
-Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya
-vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr
-mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich
-sein mußte.
-
-Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes
-folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in weiten Windungen durch
-unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die
-Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken
-möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter
-Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und
-kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich
-hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen
-bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und
-heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset.
-Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit
-sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken
-überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen.
-
-Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche
-Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen
-geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente
-die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet
-nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in
-der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem
-Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die
-Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort
-aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen.
-Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf
-den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses
-Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind
-dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine
-Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und
-gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich
-schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen
-und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage
-seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das
-der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der
-Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können!
-
-Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der
-allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte.
-Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem
-kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters,
-führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf
-seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen
-erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere
-der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die
-Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz
-wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie
-harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht
-selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen
-ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich
-zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er
-interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch
-unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche
-augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten
-durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta
-der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen
-und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn
-viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch
-Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich
-scheinen würden.
-
-Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er
-sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne
-Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie
-die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da
-sie jede Schlucht und jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig
-waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und
-Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern
-voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den
-Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte
-der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein
-Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes
-und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter
-herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte
-der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem
-Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze
-Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten.
-
-Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten
-zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch
-schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht
-der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt
-hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete,
-hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den
-baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das
-materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes
-geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen
-Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles
-Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war
-in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte
-Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der
-Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor
-sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im
-Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge
-nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die
-Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwandelte.
-Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf
-mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege
-mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem
-versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und
-mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten
-waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz
-vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der
-Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen
-sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden
-hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die
-Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch
-Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß
-ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte
-seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen.
-
-Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den
-Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen
-und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen
-und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden,
-die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden
-sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen
-Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des
-Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen
-waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das
-von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den
-Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der
-ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um
-den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen
-Interessen ganz bei Seite setzt.
-
-In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig für die
-Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner
-erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der
-Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit
-hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus
-ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische
-Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der
-Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht
-und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie
-stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen,
-um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen
-unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für
-irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren.
-
-Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die
-obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen,
-vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte
-Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe,
-was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie
-ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer
-erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes;
-da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist
-seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er
-gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige
-Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen.
-Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung
-oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der
-Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da,
-machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte
-bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von
-mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben, während seine ganze Macht
-selten zu 8000 Mann stieg. -- Eben dieser General sah sich später an
-der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater
-seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend
-Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land
-zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da
-wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine
-Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando
-niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte.
-
- * * * * *
-
-Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten
-der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der
-französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der
-durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos.
-
-Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von
-Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie
-zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten,
-längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer
-Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen
-von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs
-war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den
-Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von
-Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von
-Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter
-Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das
-Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich
-erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet
-waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig
-Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee
-fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte von Salpeter zur
-Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die
-Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die
-von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die
-Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen,
-welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund
-für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor
-Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre,
-wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in
-ähnlicher Lage gewesen wären.
-
-Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die
-Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er
-über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die
-Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu
-beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß
-auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen
-Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern
-Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu
-befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit
-unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie
-unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag
-nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung,
-so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche
-Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich
-anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen
-läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen
-zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister
-im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen
-und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten
-Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer,
-die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und die Minister in
-Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr
-rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte
-auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des
-großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General
-den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und
-die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben,
-war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen
-erleichtern konnten.
-
- * * * * *
-
-Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains
-und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse
-endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen
-befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der
-Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören
-jener Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls V.
-eingeleitet ward.
-
-Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des
-baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann
-das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit
-festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet
-wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem
-einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten
-Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die
-Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie
-fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des
-baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte,
-freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui
-verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm
-gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein
-Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung
-der äußersten Beschwerden anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie
-mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein
-Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte
-Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten
-seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen
-Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung
-verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam
-und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den
-Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen
-Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit -- und sie in ihrer
-höchsten Strenge -- war der einzige Leitstern seiner Handlungen,
-Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem
-Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit
-und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das
-Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten.
-
-Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich
-ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und
-ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete
-Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die
-Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde,
-nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl,
-ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche
-in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer,
-welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die
-Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität
-sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter
-ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen
-Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der
-nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der
-ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit
-Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das
-Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder
-Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus,
-welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet
-waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge
-Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja
-stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter
-Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille
-entsprangen rasch aus solcher Wurzel.
-
-Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von
-Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen
-zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft
-hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet
-werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die,
-kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde
-entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen
-bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über
-siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur
-durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion
-für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da
-sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in
-Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien
-zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen
-und verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken
-nie verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte,
-konnte doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden,
-der die ersten Vertheidiger Carls V. unwiderstehlich machte. Sie wurden
-täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten
-mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges gegen
-die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen
-Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den
-Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu
-betrachten.
-
-Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil.
-Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes
-seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu
-schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende
-desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um
-nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die
-er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage
-der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer
-die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an
-ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben
-hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für
-die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum
-dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande,
-unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr;
-der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde,
-und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß
-allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer
-den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden
-den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen
-und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie
-selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen
-zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr
-Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn
-das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu
-werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch
-bedeutende Erfolge, wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit
-zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung
-dieses Zustandes zu beleben.
-
-Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich
-schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche
-Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so
-wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr
-ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten;
-daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe
-die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun
-wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren
-versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten,
-Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst
-gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst
-blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das
-geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit
-des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der
-carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener
-Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen.
-
- * * * * *
-
-Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken
-an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern,
-wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint;
-es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt
-wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen
-der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel
-von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges
-entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt waren,
-anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden
-Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die
-Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so
-unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten
-alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes
-Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen
-Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist,
-wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen
-und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge,
-oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante
-Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre
-Verhältnisse etwas näher zu betrachten.
-
-Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ,
-gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den
-Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen,
-ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos
-in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu
-entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl
-ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche
-bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen
-Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain,
-dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist
-natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente
-fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die
-Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger
-aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen
-Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition,
-um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht
-auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und
-Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im
-Besitze von Anhaltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt
-die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die
-Carlisten im Auge zu behalten.
-
-Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben,
-die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen,
-und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich
-zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern
-entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden.
-Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und
-die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden
-Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen
-sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab;
-wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen,
-welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten
-und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in
-die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie
-nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die
-nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen
-Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die
-Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie
-einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem
-Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief,
-und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und
-Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt.
-
-Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt
-zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene
-Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen
-Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich
-ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit
-vollendet sein, wenn schon andere Corps da sind, die Niederlage ihrer
-Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern.
-Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten,
-von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken?
-Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod
-gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden,
-oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo
-keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen
-ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt
-also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es
-aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß.
-
-Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig
-und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der
-Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche
-Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen
-Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner
-ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen?
-Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung
-so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte,
-kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln
-mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen
-zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der
-Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich
-anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen
-des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des
-Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische
-aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht
-mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr
-aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu
-widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn er dies
-bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der
-Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf
-schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe.
-
-Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie
-unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann
-sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden,
-sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen,
-den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum
-Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu
-durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des
-Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald
-wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und
-dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so
-ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen.
-
-Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale
-gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es
-denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie
-der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben
-konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und
-Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts
-Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen
-Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui
-später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in
-Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen
-Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der
-carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch
-zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen
-Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während
-die Expeditionen gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des
-Krieges herbeiführen mußten -- was gethan werden konnte, hat das Jahr
-1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, --
-daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich
-schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer
-besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf
-fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen
-Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem
-Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim
-Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer
-Kraft sich zu widersetzen.
-
- * * * * *
-
-Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände,
-welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so
-kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht
-zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst
-Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen
-viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen
-sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der +Tod des
-großen Zumalacarregui+ und die +Unzulänglichkeit+ seiner Nachfolger
-im Commando, wodurch der +Eifersucht+ und den bis dahin stummen
-+Intriguen+ der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der Provinzen auf
-einander, der in schwächender +Uneinigkeit+ und +Unzufriedenheit+
-sich kund gab; die +Erschöpfung+ des Landes und der +Überdruß+ der
-Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der drückende +Geldmangel+;
-die +Elemente+, aus denen später die Truppen bestanden; endlich die
-+Expeditionen+.
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-Seit der Rückkehr der Armee nach den Nordprovinzen waren mit dem
-lebhaftesten Eifer und Thätigkeit die Organisation und neue Ausrüstung
-der Bataillone betrieben, und ganz besonders wurde gearbeitet, die
-Corps von Castilien, bestimmt, schnell wieder den Ebro zu neuer
-Expedition zu passiren, auf den besten Fuß zu setzen. Die Truppen waren
-abgerissen und von Allem entblößt angelangt, weshalb die königlichen
-Fabriken mit nie gesehener Lebhaftigkeit mit der Anfertigung von
-Waffen und Munition beschäftigt wurden, während von Frankreich große
-Quantitäten Tuch, Schuhzeug, Schwefel und Salpeter so wie die zur
-Ergänzung der Escadronen nöthigen Pferde ankamen. Zugleich wurden
-die vielen aus Castilien durch Zariategui hergeführten Rekruten
-einexercirt, und die Anführer strebten, die im Sommer etwas geschwächte
-Kriegszucht wiederherzustellen, und so den Erfolg der neuen Operationen
-zu erleichtern. Da meine Wunde geheilt war, bat ich gegen Ende
-Novembers um Bestimmung zu einem der castilianischen Bataillone, um mit
-diesen auszuziehen und dadurch mehr Gelegenheit zu thätigem Wirken zu
-erhalten, als ich nördlich vom Ebro erwarten durfte; die 6. Compagnie
-des 7. Bataillons von Castilien ward mir als ältesten Premierlieutenant
-anvertraut, da der Capitain in einem Scharmützel bei Bilbao kurz vorher
-getödtet war.
-
-Am 19. December musterte der König das aus 12 Bataillonen zu 500 Mann
-und aus 5 Escadronen bestehende Corps von Castilien zwischen Amurrio
-und Llodio. Hohe Hoffnungen erregte der Anblick dieser schönen Truppen,
-die glänzend equipirt, wie nie zuvor die Carlisten, und aus jungen,
-kraftvollen Kriegern, die meistens lange erprobt, zusammengesetzt,
-mit enthusiastischen Viva’s ihren König begrüßten und jubelnd die
-Nachricht empfingen, daß sie wiederum ausziehen würden, den gehaßten
-Feind aufzusuchen und die Befreiung der noch unter seinem Joche
-seufzenden vaterländischen Provinzen zu versuchen. Die dritte Division
-setzte sich sofort in Marsch, durchkreuzte schnell in zwei Colonnen
-Guipozcoa und Navarra und vereinigte sich am 27. Dec. in der Gegend
-von los Arcos mit der Cavallerie, die auf dem beschlossenen Zuge sie
-begleiten sollte.
-
-Ein Tagesbefehl des Mariscal de Campo D. Basilio Garcia verkündete
-am folgenden Morgen der Division, daß er mit Stolz den ehrenvollen
-Auftrag übernommen habe, dem ersehnten Kampfe gegen die Schaaren
-der Revolution sie zuzuführen. Er empfahl den Chefs und Officieren
-die Aufrechterhaltung der strengsten Disciplin und drohete harte
-Strafe denen, welche Ausschweifungen oder sonstige Beleidigungen
-gegen Bauer und Bürger sich zu Schulden kommen ließen. Mehr durch
-unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen, als
-durch hohe kriegerische Talente ausgezeichnet besaß Don Basilio den Ruf
-persönlicher Bravour, und das Glück, durch das er von seiner ersten
-kurzen Expedition im Jahre 1836 mit Beute reich beladen nebst vielen
-Rekruten zurückgekommen war, hatte wohl bedeutend zu seiner jetzigen
-Wahl beigetragen. Doch kann man sich nicht verhehlen, daß er sehr guter
-Brigade-Chef, der in untergeordneter Stellung häufig sich hervorgethan,
-nicht der schwierigen Aufgabe gewachsen war, die er über sich genommen
-hatte. Der Mangel an einer hinlänglichen Zahl ergebener zugleich und
-fähiger Anführer nöthigte Carl V. oft, Männer, welche ihre bisherigen
-Posten glänzend ausgefüllt hatten, zu höheren zu berufen, denen ihre
-Kräfte nicht mehr angemessen waren, wodurch die einen und die andern
-ungenügend besetzt wurden. Don Basilio hatte nicht die Eigenschaften,
-die allein in einem Unternehmen, wie die zu beginnende Expedition es
-war, Erfolg ihm versprechen konnten; die traurigste Erfahrung hat
-gezeigt, wie sehr es ihm an Festigkeit, raschem Überblick und kühner
-Entschlossenheit gebrach, die doch so höchst wichtig, und deren Mangel
-endlich den gänzlichen Untergang der ihm anvertrauten braven Division
-herbeiführte.
-
-Der Brigadier Marquis von Santa Olalla, ein Mann von hohem Talente
-und nie rastender Thätigkeit, stand an der Spitze des Generalstabes;
-doch wurden seine Anstrengungen durch hohes Alter und damit verbundene
-Gebrechlichkeit leider sehr gelähmt. Oberst Fulgocio, ausgezeichnet
-als Edelmann, als Anführer und als Soldat, commandirte die aus den
-Bataillonen 7. von Castilien und 1. von Valencia bestehende erste
-Brigade, Oberst Bosque, mehr geeignet zum kleinen Guerrilla-Kriege,
-in dem er sich hervorthat, als zur Leitung des regelmäßigen
-Liniengefechtes, die zweite, die Bataillone 1. und 2. von Aragon in
-sich fassend. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität,
-mit der ich unter Zariategui zusammen gefochten hatte, und 1. von
-Aragon; sie zählten etwa 150 Pferde. Eine vierpfündige Bergkanone, von
-Maulthieren getragen, begleitete die Division, so wie ein bedeutender
-Convoy von Munition, deren Erlangung nach Passirung des Ebro nur
-möglich war, wenn man dem Feinde sie entriß; funfzig Gewehrschmiede, zu
-der an Waffenfabriken Mangel leidenden Armee Cabrera’s bestimmt, waren
-uns aggregirt.
-
-Nachdem am Morgen des 28. Decembers Rationen für mehrere Tage dem
-Corps ausgetheilt, langten wir Nachmittags um 4 Uhr in dem reizenden
-Städtchen los Arcos an, wo die Bürgerschaft mit Wein, Speck, Stockfisch
-und Brod uns erwartete; mit anbrechender Dämmerung setzten wir dem Ebro
-zu uns in Marsch. Eine unendliche Menschenmenge umringte uns bei dem
-Abzuge, den Freiwilligen irgend einen Leckerbissen, einige ersparte
-Silbermünzen zusteckend und der Klageruf der Frauen: „~los pobres, que
-ya son perdidos!~“ tönte weithin uns nach: der gesunde Verstand des
-Volkes theilte nicht den Wahn, der zu bald auch in unserm Verderben
-sich kund that.
-
-Um 9 Uhr langte die Division nach vorsichtigem Marsche auf dem Ufer des
-Ebro an. Die Furth von Mendavia, zwischen den feindlichen Festungen
-von Logroño und Lodosa gelegen, war zum Übergangspunkte ausersehen;
-doch erklärten die Führer alsbald, daß der durch häufige Gebirgsregen
-angeschwollene Fluß diese Furth, die beste der ganzen Gegend, ungangbar
-gemacht habe. Eine zweite, etwas höher liegend, ward fast ohne Hoffnung
-auf Erfolg aufgesucht, und bald durchlief die Reihen in leisem Gemurmel
-die Nachricht, daß der Übergang schwer, aber möglich sei. Gerade um
-diese Zeit verkündeten die Madrider Zeitungen jubelnd, wie nun schon
-der Ebro, die sicherste Schutzwehr der christinoschen Provinzen, den
-drohend vorbereiteten Einfällen der Carlisten auf lange Zeit eine
-unübersteigliche Barriere entgegensetze. Schnell zeigten wir ihnen, daß
-solche Hindernisse den Muth unserer braven Freiwilligen nicht brechen
-konnten, daß sie die Fluthen des mit der Winterkälte verbündeten
-Stromes zu überwinden vermochten, wie sie sich nicht scheuten, den
-Massen der Revolutionsheere zu trotzen.
-
-Es war eine jener trüben, stürmisch kalten Nächte, welche in den
-Gebirgen Spanien’s so oft in nordisches Clima uns zu versetzen
-schienen. Finsteres Gewölk, schwer auf einander gethürmt, durchflog den
-Horizont, tausend phantastische Gebilde an einander reihend, zwischen
-denen hie und da der matte Schein eines Sternes blinkte. Schneidender
-Nordostwind führte von den Schneegefilden der Pyrenäen erstarrende
-Kälte uns zu, während vor uns laut brausend der Ebro seine Wassermassen
-dahin wälzte, aus denen die Wogen durch das Aufzischen weißen Schaumes
-auf der dunkeln Fläche hervortraten, deren Gränze die Schatten der
-Nacht dem ängstlich forschenden Auge verhüllten. Regungslos standen die
-Bataillone in Colonnen formirt auf dem Ufer, mit stummen Grauen auf das
-Rauschen der mächtigen Wasser horchend; ich gedachte der Lieben in der
-schönen friedlichen Heimath: ob ich wohl je sie wieder in die Arme
-schließe! Da tönte ein Commandowort durch die lautlose Stille, und die
-Jäger-Compagnien warfen sich halb entkleidet in den Fluß, um auf dem
-andern Ufer Position nehmend den Übergang zu decken. In gedrängtem Zuge
-folgten ihnen die übrigen Truppen.
-
-Keine Vorbereitung war getroffen, den Übergang der Division zu
-erleichtern, und die Cavallerie, welche stromaufwärts in einer Linie
-sich aufstellend die Kraft der Wogen zu brechen bestimmt war, sah
-sich durch die grimmige Kälte schnell gezwungen, an das andere Ufer
-zu passiren. Da drang ein langer, wilder Schrei durch die Nacht, ein
-Schrei des Todes. Ungeheures Entsetzen ergriff die Herzen der stumm
-in Erwartung Dastehenden, athemlos von kaltem Schauder durchrieselt,
-starrten Alle auf die tobende, schäumende Fluth. Klagelaute, Weherufe
-der Verzweiflung ertönten und starben, immer wiederholt, immer grauser
-die Brust uns durchschneidend, stromabwärts in die Finsterniß hin. Die
-unwiderstehliche Gewalt der Fluthen riß die Cameraden mit sich fort,
-wir hörten ihr flehendes Jammergeschrei und konnten nicht helfen; eine
-Bildsäule stand ich kraftlos, gedankenlos, jede Fiber angespannt, wie
-zum eigenen Todeskampfe, mit starrem, weit offenem Auge das furchtbare
-Dunkel vergeblich durchforschend; das Haar sträubte sich mir, das
-einzige Mal im Leben. Da traf eine Stimme mein Ohr, meine innerste
-Seele, eine liebe, theure Stimme; nein! zu gewiß war es, herzzerreißend
-drang eines lieben Gefährten Hülferuf zu mir -- ich hörte, ich empfand
-nichts mehr. An der Spitze meiner braven Freiwilligen fand ich mich auf
-dem andern Ufer des Flusses, als das Bataillon sich dort formirte. Spät
-entsann ich mich alles Geschehenen.
-
-Herrlich hatten sich unsere wackeren Burschen bewährt, deren
-Standhaftigkeit durch das Schrecklichste nicht erschüttert wurde.
-Während ihrer sterbenden Cameraden Jammergeschrei: „Ich ertrinke, um
-Gottes willen, ich ertrinke!“ zu ihnen tönte und bald, dumpfer und
-dumpfer werdend, im Brausen der Wogen verhallte, während erstarrte
-Körper, mit Mühe dem wilden Element entrissen, durch die Reihen
-leblos dem nahen Dorfe zugetragen wurden, stürzten die Compagnien
-ungeschwächten Muthes mit dem Rufe: „Es lebe der König!“ in den Strom,
-der ihnen gleich furchtbares Geschick drohete. Um Mitternacht befanden
-sich alle Corps auf der Südseite des Ebro und richteten ihren Marsch
-gegen den nahen ihm parallel laufenden Gebirgszug.
-
-Don Basilio entwickelte bei diesem Übergange zuerst den Mangel an
-Vorsicht, der ihm so oft verderblich werden und der sehr Vielen der ihm
-anvertraueten Krieger frühen, leicht vermiedenen Tod bringen sollte.
-Ein bloßes Tau, als Stütze gegen den Andrang der Wassermassen über
-den Fluß gespannt, hätte den Schmerz uns erspart, zwischen funfzig
-und sechzig unserer Genossen, unter ihnen drei Officiere, rettungslos
-fortgerissen zu sehen. Um der, Manchem bis an die Schultern reichenden
-und durch grimmige Kälte doppelt gefährlichen, Fluth widerstehen zu
-können, stemmten sich die Freiwilligen auf das mit aufgestecktem
-Bajonnett verlängerte Gewehr, und mehrere unter ihnen wurden durch
-die Ungeschicktheit, mit der Hinter- oder Nebenleute die Stütze
-handhabten, in Fuß und Bein verwundet, während andere, da sie schon
-den schlüpfrigen Boden unter sich schwinden fühlten, alles Lästige
-in der Noth von sich werfend, überglücklich das Ufer ohne Waffen
-und Gepäck erreichten. Einige wurden, durch die Kälte des Wassers
-und des Windes zugleich erstarrt, als sie kaum in den Fluß getreten
-waren, bewegungslos zurückgebracht, Maulthiere und Pferde wurden
-fortgeschwemmt, und einzelne kühne Reiter strebten umsonst, mit eigener
-Aufopferung überall Hülfe zu leisten.
-
-Mehr als zweihundert Mann, die schwächsten an Geist und Körper, und
-fünf Officiere mit ihnen, waren, durch die Gefahr zurückgeschreckt,
-in Navarra geblieben und gingen, nachdem sie die Nacht in Mendavia
-zugebracht hatten, nach Estella, worauf der König die Officiere, zu
-gemeinen Soldaten degradirt, zu den dortigen Bataillonen bestimmte.
-Der General in Anerkennung der Festigkeit und des Enthusiasmus, welche
-die Division bei dem Übergange an den Tag gelegt, schlug Sr. Majestät
-vor, als Zeichen seiner königlichen Gnade eine Auszeichnungs-Medaille
-ihr zu verleihen. Als die Expedition durch die gegen sie verschworenen
-Elemente und die Schwächen ihres Anführers mehr, als durch der Feinde
-überlegene Schaaren nach dem heldenmüthigsten Widerstande ganz
-vernichtet war, als die Mehrzahl fechtend gefallen, einige, nicht
-weniger rühmlich, verwundet in den Hospitälern der Christinos als
-Gefangene schmachteten -- nur 250 Mann entkamen zu dem Heere Cabrera’s
--- geruhete der König, den Officieren, die den Ebro passirt und dem
-Tode entgangen waren, einen Grad zu verleihen.
-
-Unter den Schlachtopfern jener Nacht befand sich Gustav Philippron,
-ein junger holländischer Officier, ausgezeichnet durch Bravour und
-militairische Ausbildung wie durch seine Entschiedenheit für die Sache,
-deren Vertheidigung er sich gewidmet hatte. Wenige Minuten vor seinem
-Tode fand ich ihn, wie er auf einem der Maulthiere behaglich reitend
-seine Compagnie der Furth zuführte, in der so eben der Übergang begann,
-und lachend wünschte ich ihm Glück, daß er so das Unangenehme der Nässe
-zu vermeiden gewußt. Die Mitte des Stromes hatte mein armer Freund
-erreicht, als das Maulthier, auf den glatten Steinen ausgleitend,
-nach kurzem Kampfe hingerissen wurde; die ihm unmittelbar folgenden
-Seinen sahen den geliebten Officier in der Dunkelheit verschwinden,
-hörten in der Ferne seinen durchdringenden Hülferuf und mußten hülflos
-ihn hinsterben lassen, da jeder Schritt von der vorgezeichneten Bahn
-gleichen unabwendbaren Tod brachte. Mehrfach hatte Philippron gegen
-mich geäußert, daß er überzeugt sei, er werde im Wasser umkommen, wie
-sein Vater beim Bade, sein älterer Bruder, dem Vaterlande gegen die
-empörten Belgier dienend, in der Schelde ertrunken sei. -- Von Allen,
-die ich liebte, und durch engere Bande mir verbunden hielt, sollte
-allein ich den Untergang unserer braven Armee überleben! Glücklich
-ruhen sie längst von den Mühen, die so reichlich ihnen wurden;
-glücklich, da sie im glorreichen Kampfe für das, was sie als recht und
-wahr erkannt, auf dem Felde der Ehre bluten durften, glücklicher noch,
-daß sie nicht sehen mußten, wie Niedrigkeit und Verrath im Untergange
-der gerechten Sache triumphirten. Ehre sei den Braven!
-
- * * * * *
-
-Unser kleines Corps, am Morgen nach dem Übergange den Rapporten gemäß
-in allen Waffengattungen 1968 Mann stark, wandte also dem unter dem
-Namen der ~pinares de Soria~ bekannten Gebirgszuge sich zu, der, als
-iberisches Gebirge bei den Quellen des Ebro von dem Hauptstamme der
-Pyrenäen sich losreißend, gen Südosten unter mannichfachen Benennungen
-bis Unter-Aragon und Neu-Castilien sich erstreckt, wo er mit der
-Sierra morena in Verbindung steht. Der König hatte dem General Cabrera
-Befehl ertheilt, eine der Divisionen seiner Armee unserem Anführer zu
-untergeben, damit dieser mit den vereinten Streitkräften den Krieg
-nach der Mancha und den anderen Central-Provinzen Spaniens tragen
-und die dort unter verschiedenen selbstständigen Partheigängern
-gebildeten carlistischen Guerillas organisiren und combiniren könne,
-um dem Kriege daselbst, der bisher mehr in Raub und Plünderung als im
-Kampfe bestanden, regelmäßigere und entscheidendere Gestalt zu geben.
-Große Schwierigkeiten bot der Auftrag. Nicht nur waren die Truppen
-zu fürchten, welche, nun fast unthätig in der Mancha garnisonirend,
-bei der Ankunft der Expedition Leben gewannen; selbst die Division
-durften wir nicht als gefährlichsten Feind ansehen, welche 4000 Mann
-Infanterie und 300 Pferde stark unter General Uribarri von Espartero
-zu unserer Verfolgung gesandt war, und auf der kürzesten ihnen
-offenen Marschlinie uns zuvorzukommen und abzuschneiden strebte. Die
-größten Schwierigkeiten drohten uns in der offenen, ebenen Gestalt
-jener Provinz, welche die Überlegenheit des Feindes und besonders die
-seiner schönen Cavallerie so sehr begünstigte, wie in dem Charakter
-unserer dortigen Alliirten, die gewohnt, ohne Disciplin und Zwang nach
-eigenem Gutdünken zu verfahren, mit Widerwillen und selbst mit offener
-Widersetzung das Joch der Kriegszucht und der festen Ordnung empfingen,
-durch das Don Basilio zu Soldaten, würdig des Namens von Carlisten, sie
-umzuwandeln beschloß.
-
-In starken Märschen eilten wir der Vereinigung mit dem Heere Cabrera’s
-entgegen und zogen schon am 2. Januar in das alte Calatayud ein, unter
-den Römern Hauptort der Provinz; wir hatten noch keinen Feind getroffen
-und waren von den Einwohnern überall auf eine Art aufgenommen, die
-ihr freudiges Erstaunen über die hohe Disciplin und die Schonung
-aussprach, welche sie von den Truppen beider Partheien, die sonst in
-diesen Gegenden gehauset, so selten erfahren hatten. Die Garnison von
-Calatayud hatte sich nebst den National-Gardisten in das über der Stadt
-angelegte Castell eingeschlossen, wo sie, da wir uns begnügten, die
-nöthigen Rationen und die Contribution zu erheben, und nicht dabei
-gestört wurden, ganz unangetastet blieb. Auch in den übrigen Punkten
-Aragon’s, in denen wir feindliche Forts trafen, fand kein Act von
-Feindseligkeit Statt; während der Nacht ruheten wir sorglos in den oft
-wenige Schritte von den Verschanzungen entfernten Häusern.
-
-Oráa hatte sich, unser Durchdringen zu Cabrera zu verhindern, mit
-einem Theile der Armee des Centrum nach Daroca und Cariñena gezogen,
-wodurch wir gezwungen wurden, südlich der Provinz Cuenca uns
-zuzuwenden. Da begannen die Drangsale, durch die unsere Expedition
-eben so erschöpfend als unglücklich werden sollte. Himmel und Erde
-verbanden sich, ihr stets besiegte, stets neu und schreckender sich
-aufthürmende Hindernisse entgegenzuwerfen. Furchtbare, nie aufhörende
-Regengüsse verwandelten die Wege in tiefe Sumpfgründe und machten
-es fast unmöglich, den schmalen Gebirgspfaden zu folgen, deren
-Schlüpfrigkeit dem Fuße keinen festen Stützpunkt mehr darbot, während
-jeder Fehltritt Zerschmetterung auf den Felsen des Abgrundes drohete.
-Jedes Gebirgswasser ward zum reißenden Strome, der die leichten
-Brücken und Stege fortriß und nur auf Kosten der unwiederbringlichen
-Zeit, oft mit Verlust von Menschenleben, überschritten werden konnte;
-aus jeder Schlucht, jeder Vertiefung bildete sich ein tiefer See, zu
-weiten Umwegen nöthigend und die Beschwerden der ermatteten Leute
-verdoppelnd. Die elenden, weit entlegenen Dörfer reichten nicht hin,
-selbst so kleiner Truppenzahl die nöthigen Lebensmittel zu liefern;
-Mangel an allem Nothwendigen ward stündlich mehr fühlbar, Krankheiten
-fingen an einzureißen, und die braven Freiwilligen, nach ermüdendem
-Marsche zitternd von Nässe und Kälte, mußten oft auf der Straße neben
-einem erlöschenden Feuer Erholung und Stärke für die Strapatzen des
-folgenden Tages suchen, da die Officiere und Beamten, welche der Glanz
-und Prunk liebende General in großer Zahl um sich hatte, nebst denen
-der Legitimität für die Compagnien kaum einige erbärmliche Häuser frei
-ließen.
-
-Solche das Hauptquartier begleitende, im Gefechte unsichtbare, sonst
-überall sich vordrängende und Alles prätendirende Männer jedes Ranges,
-wie sie fast immer die Divisionen begleiteten, wurden von den Soldaten
-sehr treffend Blutigel genannt; doch saugen +sie+, wo sie einmal
-sich angehängt, unersättlich, bis sie das Herzblut getrunken haben.
-Eine Thatsache mag als Beispiel ihrer Selbstsucht und rücksichtslosen
-Habgier angeführt sein. Die erste Sorge des spanischen Soldaten beim
-Einrücken in die Ortschaften ist, die als Feldflasche ihm dienende
-Bockshaut mit Wein zu füllen, dessen Entbehrung, wiewohl er nie
-trunken, ihm drückender ist als die des Brodes selbst. Wie groß
-mußte das Staunen unserer erschöpften Krieger sein, da sie jetzt
-täglich die Thüren der Wirthshäuser durch Ordonnanzen besetzt fanden,
-welche barsch mit der Erklärung sie zurückwiesen, der Wein sei auf
-Befehl des Generals mit Beschlag belegt! Doch rasch verwandelte sich
-dieses Staunen in drohenden Unwillen, als die Truppen erfuhren, daß
-der General, weit entfernt, solchen Mißbrauch anzuordnen, gar nicht
-von der Maßregel in Kenntniß gesetzt sei; daß einige Nichtsthuer zu
-diesem Mittel gegriffen, um sich Wein zu sichern und ihre Taschen zu
-füllen, da sie den Rest desselben, unter dem Vorwande der Ordre des
-Generals den Wirthen ohne Entschädigung genommen, bei dem Abmarsche
-heimlich verkauften. Don Basilio verdiente nie den sonst den spanischen
-Generalen so oft mit Recht gemachten Vorwurf der Selbstsucht und des
-Unterschleifes, er verabscheute das entehrende Verbrechen und strafte
-es schwer: ein Oberstlieutenant und ein Civilbeamter wurden am 9.
-Januar wegen unbefugter Beschlagnahme und Defraudirung von Wein vor der
-Front der Division erschossen.
-
-Man glaube nicht, daß nur in den carlistischen Corps dergleichen
-Mißbräuche sich fanden. Gewiß waren sie auch in ihnen häufig, und
-besonders diejenigen Beamten, denen die Herbeischaffung der täglichen
-Bedürfnisse oblag, und von deren Amte Unterschleif ja unzertrennlich
-zu sein scheint, ließen die schreiendsten Räubereien durchgängig sich
-zu Schulden kommen: während die Truppen in Gegenden, die an Vieh und
-Getreide Überfluß hatten, oft am Nothwendigsten Mangel litten, wußten
-sie ihre Koffer mit dem Golde des Landmannes zu füllen, indem sie,
-mit den Magistraten den Gewinn theilend, ihn zwangen, die zehnfach
-geforderten Lebensmittel in Geld zu liefern. Wohl ward hin und wieder
-solch ein Erbärmlicher erschossen, aber das half für Tage kaum, während
-der Unwille des seinen Unterdrückern fluchenden Volkes nie aufhören
-konnte. Noch weit mehr breitete sich jedoch diese Raubmethode in
-dem Heere Christina’s aus. Generale, Anführer, Officiere nahmen in
-ihm an diesen Ungerechtigkeiten Theil, die vollkommene systematische
-Aussaugung des Landes ward mehr noch als des Feindes Verfolgung
-betrieben, und da ich als Gefangener oft in nähere Berührung mit den
-Officieren der revolutionären Armee zu treten genöthigt war, ward ich
-durch die Frechheit empört, mit der sie ihrer Gewandheit in solchen
-Diebeskünsten wie des ehrenvollsten Talentes stets sich rühmten.
-
- * * * * *
-
-Die stets zunehmenden Drangsale bei fortwährend forcirten Märschen
-mußten den Etat des kleinen Corps sehr herabbringen; eine lange Reihe
-Kranker folgte auf Eseln und Maulthieren dem Zuge und Mancher, der
-augenblickliche Ruhe suchend hinter dem Nachtrabe zurückblieb, fand
-unter den Händen der Nationalen den Tod, während Andere, entmuthigt und
-unfähig, so viele Leiden länger zu tragen, ihre Waffenbrüder verließen
-und dem gehaßten Feinde sich hingaben. Die Gesänge, welche den Marsch
-der spanischen Soldaten begleiten und zur Ertragung der höchsten
-Beschwerden ihn ermuntern, waren längst verstummt; finsteres Schweigen
-herrschte die langgedehnten Marsch-Colonnen hinab und artete fast in
-die fühllose Niedergeschlagenheit aus, die dem Mann, durch physisches
-und moralisches Dulden besiegt, die Kraft zum Handeln und zum Denken
-raubt. Da ertönte am Morgen des 13. Januars 1838 der Ruf, feindliche
-Truppen seien vor kurzem durch das Dorf gezogen, welches so eben unser
-Vortrab betrat; die ersten Bataillone erhielten Befehl, im Lauftritt
-vorwärts zu gehen. Neues Leben beseelte unsere Freiwilligen; das Elend,
-die Mattigkeit waren vergessen, Scherze und Gesänge erschallten, und
-viele Kranke selbst schlossen ihrem Corps sich an, da der ersehnte
-Augenblick des Kampfes nahe schien. Bald brachte die Cavallerie etwa
-vierzig Gefangene, meistens Nachzügler, zurück; wir erfuhren, daß
-wir auf die von den Nordprovinzen zu unserer Verfolgung gesandte
-Division gestoßen waren, welche, durch an sich gezogene Detachements
-und National-Garden auf mehr als 5000 Mann verstärkt, nach Cuenca
-marschirte, wo sie von den Strapatzen der letzten Wochen auszuruhen
-gehofft hatte. Die beiden Divisionen hatten wenige Stunden von einander
-entfernt übernachtet, ohne die geringste Nachricht davon erhalten zu
-haben, so daß erst der Zufall, der auf dem Durchschnittspunkt der
-beiden Marschlinien sie sich einander treffen ließ, den Generalen die
-Nähe des Feindes anzeigte.
-
-Die Überlegenheit der Christinos bewog Don Basilio, nicht den Kampf
-zu suchen, weshalb er den beschwerenden Munitions-Convoy unter dem
-Schutze eines Bataillons von Aragon vorausschickte und mit den andern
-drei Bataillonen und der Cavallerie, auf Alles gefaßt, langsam in
-derselben Richtung folgte. Auf seine Übermacht vertrauend eilte
-Uribarri gegen uns, und schnell waren die Jäger-Compagnien in lebhaftes
-Feuer engagirt, während die feindliche Cavallerie unsere Rechte zu
-überflügeln suchte, da dort das Terrain ihre Bewegungen gestattete.
-Doch D. Basilio führte die in Masse gebildeten Bataillone, die
-bedrohete Flanke durch die Escadrone deckend, bis zu einem nahen Defilé
-zurück und nahm dort Position, worauf der Feind, ohne einen Versuch
-zur Forcirung der starken, in der Front durch ein schroffes Ravin
-geschützten Stellung zu machen, sich zurückzog und nur einige leichte
-Truppen zur Beobachtung uns gegenüber ließ.
-
-Wenn die Division bis zum Anbruche der Dunkelheit diese Position
-festgehalten hätte, so würden wir unter dem Schutze der Nacht
-unsern Marsch mit Sicherheit fortgesetzt haben, ohne einem Kampfe
-uns auszusetzen, dessen unglücklicher Ausgang vorher gesehen werden
-und unheilsvoll auf die ganze Expedition wirken konnte. Der General
-beschloß Anderes. Kaum sah er die feindlichen Truppen in einiger
-Entfernung, als er den Bataillonen zu defiliren befahl, während alle
-Elite-Compagnien den Rücken deckten und die beiden Escadrone auf dem
-etwas freierem Terrain zu unserer Linken folgten. Bald begann wiederum
-das Feuer hinter uns, ohne jedoch unsern Marsch zu unterbrechen; doch
-nach und nach nahm es zu und näherte sich rasch, schon waren die
-Jäger und Grenadiere nicht mehr im Stande, den stark aufdrängenden
-Feind zurückzuhalten, und um 2 Uhr Nachmittags wurden die Bataillone
-genöthigt, in Schlachtordnung sich aufzustellen. Kaum nahmen wir
-unsern Posten auf dem äußersten linken Flügel ein, als wir eine dunkle
-feindliche Masse, deren Tirailleurs-Linie unsere Jäger vor sich
-her trieb, anrücken sahen; eine zweite Colonne suchte unsere Linke
-zu überflügeln, weshalb zwei Compagnien entsendet wurden, sich ihr
-entgegenzustellen. Als das feindliche Bataillon bis auf hundert Schritt
-herangekommen, zogen seine Tirailleurs sich rechts und links, und
-mit dem wilden Gebrüll, ohne daß der Spanier nie angreifen zu können
-glaubt, avancirte es im Sturmschritt. Fest erwarteten wir sie, Gewehr
-im Arm. Schon waren sie kaum vierzig Schritt entfernt, da ertönte
-hell das Commandowort „Feuer!“, ein dichter Kugelregen lichtete die
-Reihen, und mit gefälltem Bajonnett stürzten wir auf die Wankenden, die
-in Unordnung entflohen, bis sie, eine kleine Ebene durchschreitend,
-jenseit einer schroffen Schlucht von ihrer Reserve aufgenommen wurden.
-Wir eilten den errungenen Vortheil zu benutzen, als auf der Ebene
-zwei feindliche Escadrone hervorbrachen, deren eine gegen uns sich
-wandte, aus dem sofort gebildeten Carré mit Kugeln begrüßt, jedoch in
-ehrerbietiger Ferne blieb, während die zweite auf die beiden Compagnien
-sich warf, welche in Tirailleurs aufgelöset unsere Linke deckten.
-
-Entsetzen ergriff mich, da ich die eine der Compagnien zaudern, dann
-ungewiß sich verwirren und, anstatt wie die zweite in Haufen sich zu
-vereinigen, ungeordnet den nicht nahen Gebüsch zueilen sah. Jubelnd
-holten die Reiter sie ein und säbelten die Wehrlosen nieder; mehrere
-Freiwillige lagen zu Boden gestreckt, andere erflehten, hoch die
-umgekehrten Kolben emporhaltend, den so selten gewährten Pardon;
-da stutzten die feindlichen Dragoner, und um den Hügel jagten die
-Officiere der Legitimität zur Rettung ihrer Gefährten heran. Selbst
-in Unordnung gerathen entflohen die Christinos, auf dem Fuße von den
-Unsern verfolgt; die zweite feindliche Escadron suchte die Flüchtigen
-aufzunehmen, wurde aber selbst mit fortgerissen und fand wie jene erst
-hinter ihrer Infanterie Schutz.
-
-Unser Commandeur war ungewiß, welche Maßregeln er ergreifen sollte.
-Vor uns stand in fester Stellung der weit stärkere Feind, das uns
-zunächst aufgestellte Aragon blieb unbeweglich trotz der Zeichen, durch
-die es bei unserm Vorgehen zu correspondirender Bewegung aufgefordert
-war, weither verkündete sogar das stets mehr zurück sich ziehende
-Feuer bedeutendes Vordringen der Christinos. Keine Ordre des Generals
-erfolgte, so daß jeder Chef, wie so oft der Fall war, nach eigener
-Eingebung handeln mußte. Rasch entschied sein Muth den unseren zum
-Vordringen, um durch Bedrohung des feindlichen rechten Flügels dem
-bedrängten Valencia Luft zu machen. Oberst Fulgocio stellte sich an
-die Spitze des Bataillons und führte es vorwärts: unter dem lebhaften
-Feuer des Feindes stiegen wir die steile Felswand zur Schlucht hinab,
-erkletterten mit lautem ~viva el Rey~ mühsam die entgegengesetzte Höhe
-und sahen uns Meister der Stellung, von der die Christinos erstaunt
-gewichen waren. Doch ehe wir uns zu ordnen vermocht, eilte ihre
-Reserve in Masse zum Angriffe vor, durchbrach im ersten Drange unsere
-Linie und stürzte in das Ravin uns zurück, mit dichtem Kugelregen uns
-überschüttend, wie wir im Rückzuge die Felsen hinaufsteigen mußten.
-Da sahen wir Aragon eilig weichen; rechts und links fielen die
-Freiwilligen, die Reihen mischten sich und löseten sich auf, wildes
-Geschrei ertönte, und in Verwirrung floh das Bataillon. Umsonst
-suchten wenige Officiere durch Bitten und Drohen die Fliehenden
-zum Stehen zu bringen, umsonst durchbohrte Fulgocio, der das Pferd
-zurücklassend der Erste beim Angriff, der Letzte auf dem Rückzuge
-gewesen war, ergrimmt einen der Freiwilligen; es war unmöglich, die
-wenige Minuten vorher so braven Soldaten zu ermuthigen, und der auf
-dem Fuße uns verfolgende Feind machte alle Anstrengungen der Officiere
-vergeblich.
-
-Da fühlte ich einen leichten Schlag an die Schulter, und baumelnd
-sank mein rechter Arm am Körper nieder, während der Säbel der Hand
-entglitt: eine Flintenkugel hatte den Oberarm, der Schulter nahe,
-zerschmettert. Langsam schlich ich unter dem Pfeifen der Kugeln zurück,
-bis Oberst Fulgocio mich zwang, sein Pferd zu besteigen, auf dem ich,
-nachdem die Bataillone sich gesammelt hatten, dem Rückzuge bis zum
-nächsten Dorfe folgte, wo den Truppen Brod und Wein ausgetheilt wurde,
-Kraft zum nöthigen Nachtmarsche ihnen zu geben. Unser Verlust stieg
-auf etwa zweihundert Mann, der des Feindes war bei seiner Übermacht
-weit bedeutender, denn unser kleines Corps, wiewohl besiegt, hatte
-sich seiner würdig gezeigt in hartnäckiger, blutiger Gegenwehr. Die
-Christinos, weit entfernt, uns unmittelbar zu verfolgen, kehrten nach
-den nächsten Dörfern zurück und büßten so die Vortheile ein, welche ihr
-Sieg bei der gänzlichen Erschöpfung unserer Soldaten ihnen darbot.
-
- * * * * *
-
-In zehrendem Schmerze lag ich auf meinem Lager in dem Feldhospitale;
-die Wundärzte hatten erklärt, daß der Knochen des Armes gänzlich
-zerschmettert sei und daß meine Fortführung im Gefolge der Expedition
-nothwendig schnellen Tod nach sich ziehen müsse: ich sollte
-zurückgelassen werden. Entsetzliches Geschick! Umsonst sträubte ich
-mich, umsonst flehte ich und betheuerte, daß ich den Tod dem mir
-bestimmten Loose vorziehe. Das Urtheil war gesprochen, ich blieb
-verdammt, wieder den verabscheuten Trabanten der Usurpation in die
-Hände zu fallen, nochmals alle die Drangsale zu dulden, welche von
-solcher Gefangenschaft unzertrennbar sind. Verzweiflungsvoll klagte ich
-das Geschick an, daß es zum Spielballe seines Hasses mich erkoren; ich
-wünschte mir den Tod im Übermaße des bittern Schmerzes und beneidete
-die, welche an jenem Tage neben mir das glorreiche Ziel ihrer Laufbahn
-erreicht hatten.
-
-Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins
-Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt,
-seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum
-Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten
-drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein
-langer, kräftiger Händedruck ... schon rief der helle Hörnerklang zum
-Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie
-viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir
-den Vertheidigern Carls V. mich vereinigen durfte, hatten die Meisten
-unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der kleinen
-Division.
-
-Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen
-herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd;
-langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe
-trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung
-unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos
-suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das
-Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab.
-Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten
-sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild
-sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen,
-unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in
-schrecklichen Zuckungen ihr Leben aushauchten, oder in leisem Gewimmer
-die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht
-mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie
-tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen
-die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß
-er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden
-Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere
-Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe
-und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige
-Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester,
-erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte.
-
-Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige
-Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren
-während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer
-Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte,
-erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm
-von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an
-Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem
-Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die
-Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu
-nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen
-Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein,
-und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir
-finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten
-wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu
-äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk
-Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir
-zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen
-sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln
-sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung scharfe Stiche
-durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den
-schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme
-sitzend die Ankunft der Feinde.
-
-Las Cuevas -- die Höhlen -- liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein
-Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen
-Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des
-Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während
-die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht.
-Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal
-übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es
-umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster
-da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der
-zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen
-wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem
-Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten.
-Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte
-Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange
-dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der
-Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des
-Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend,
-den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement
-Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange
-des Ortes zu.
-
-An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn
-richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen
-Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er,
-ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter
-Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner
-Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer
-Sicherheit auf und ließ für die Armen, um die seit dem Abend Keiner
-sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der
-That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann
-mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger
-den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten
-die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres
-herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth
-besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß
-sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe
-rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf
-besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die
-übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten
-Hospitale übergeben wurden.
-
-Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt
-hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres
-mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze
-zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr
-und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben
-Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich
-vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages
-Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und
-Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine
-Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm
-immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden
-nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward
-nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren,
-es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den
-höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum
-Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der
-hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt aus und stürzte
-von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß,
-machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den
-zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige
-Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein
-gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang
-der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden
-Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen
-brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der
-Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von
-dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten,
-die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten.
-
-Vom Generalstabsarzte untersucht ward ich auf seinen Bericht in
-Carascosa zurückgelassen und am Tage darauf langsam und möglichst
-bequem nach Cuenca abgeführt, in dessen Hospital ich endlich die Pflege
-und vor Allem die Ruhe zu finden hoffte, deren Entbehrung in meinem
-Zustande die grausamste Qual war.
-
-
-
-
-XV.
-
-
-Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben.
-Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück,
-die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten
-Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich
-geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit,
-Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd,
-meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie
-sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten
-Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation
-Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung,
-ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit
-meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf
-Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt
-ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und
-dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern
-Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und
-das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern;
-mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke
-schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln
-der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen
-verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der
-Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die
-andern Unglücklichen versagt war. -- Sollte man möglich glauben, daß
-Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und
-der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!
-
-Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend
-schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten
-erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen
-Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette
-vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben
-sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten
-berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen
-Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des
-Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause
-Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von
-jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden,
-Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend,
-welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von
-sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche
-und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward
-am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund
-Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht
-und ein wenig rohes Öl darüber gegossen -- ~la sopa~ -- ausgetheilt.
-Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß
-die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie
-nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter
-den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und
-Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die
-Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie
-bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende
-von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben
-aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden?
-
-Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale
-angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle der Kranken mitwirken
-sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist,
-durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen -- denn das
-Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen
-noch tiefer zu stürzen -- sich zu bereichern und möglichsten Vortheil
-sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich
-ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland
-spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen,
-wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt,
-folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe,
-was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber,
-vom General en Chef zum Corporal -- der Soldat wurde stets von allen
-geschunden -- zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden
-fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen
-Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und
-verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt
-wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen
-diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie
-beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe
-Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens
-ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in
-ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht
-und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und
-jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel
-irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die
-Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen
-durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine
-Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie
-ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an
-das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde
-Sicherheit zu suchen genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen
-Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten.
-
-Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von
-der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige
-mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten,
-die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere
-zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen.
-Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus
-der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als
-Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu
-tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das
-Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand,
-angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter
-... Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der
-entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur
-wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und
-solchen Jammer sich zu denken.
-
-Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber
-überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche
-Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit
-nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich
-hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen
-wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin
-zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte
-der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem
-mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines
-Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem
-Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine
-junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem
-Widerlichen, was das Hospital für die zarten Gefühle des Weibes haben
-muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen.
-Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu
-meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen,
-die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei
-Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und
-uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als
-Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum
-entgingen sie dem allgemeinen Verderben.
-
- * * * * *
-
-Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt
-auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit
-vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid
-hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große
-Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange
-gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und
-überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt,
-die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft
-die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene
-Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit
-ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker
-der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich
-für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir
-immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung
-commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll -- wie
-in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten -- gewesen wäre. Er hatte
-lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien
-in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und
-Rechte, wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt;
-er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des
-Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein
-Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere
-Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich
-gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener
-Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein,
-sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand,
-daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge
-beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich.
-Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines
-rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur
-Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich
-schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend
-gewesen; ich blieb.
-
-Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr
-vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz geführt
-hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke mir
-wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren sich
-in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, als wir
-eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt vor uns in
-ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah ich Madrid
-wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach Segovia’s
-Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen die Satelliten
-der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu zerschmettern hofften,
-und jetzt ...! Wie konnte so kurze Zeit so viel Schweres, so viel
-Furchtbares mit sich bringen?
-
-Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der
-schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so
-weit das Auge reicht, schattige Alleen, von prachtvollen Gebäuden
-und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz
-leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die
-wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme
-bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s
-im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit
-seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung.
-Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen;
-einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten
-Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten
-zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die
-Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit
-vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche
-National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich
-waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet
-hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der
-christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu
-höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien
-fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten,
-dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen.
-Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben,
-indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte,
-bereitwillig sie zu beschützen eilten.
-
-Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich
-anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel
-gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich
-Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß
-langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus
-dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die
-Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam
-regelmäßigen Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war
-mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente
-eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer
-trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen
-spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen,
-die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt,
-eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die
-Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren
-Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit
-der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache
-der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache
-in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und
-sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.
-
-Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so
-angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich
-hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch
-ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die
-Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen
-konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer
-zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen
-nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht
-zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre
-es leicht gewesen -- und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen
-gemacht -- gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu
-bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des
-niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich
-für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um
-selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden
-Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben war fortwährend
-bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei
-die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu
-verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und
-durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen
-hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden
-Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der
-National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter
-Aufstände und Emeuten.
-
-Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage
-nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde
-und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte
-sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem
-Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir
-Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von
-denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und
-die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht
-gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen
-unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um
-uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge
-Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und
-Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen
-wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall.
-
-Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der
-physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für
-Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend,
-sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s
-Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum
-war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter
-den Füßen der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das
-matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen
-Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung
-keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend
-schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde
--- jede Viertelstunde -- auf den Boden, unempfindlich für Alles im
-Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold,
-Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst
-für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa
-noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da
-hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das
-Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die
-Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen
-Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen
-sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier
-nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten
-trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei.
-
-In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß
-ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der
-majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine
-Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die
-fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich
-schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha
-aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick
-über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines
-Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen
-sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele
-Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die
-Bewohner der Mancha machen eben so traurigen Eindruck und flößen den
-tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand
-ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas[39] -- die
-Höhlen --, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen
-bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder,
-augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren,
-spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend,
-da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt,
-die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend,
-dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem
-nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes
-Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief
-sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel,
-so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer
-Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge
-und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die
-Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr
--- welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende
-kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu
-helfen!
-
-Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde
-verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder
-Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich
-leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln
-Massen der Sierra morena -- der gebräunten Kette -- sich erheben,
-welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens
-überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet, daß
-Ferdinand VII., um von dem kühnsten zugleich und edelsten derselben
-das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß, durch den der
-König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension zusicherte. Den
-Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber -- als Mann,
-welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat -- verdient
-er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als freiwilligem
-oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt bleiben mußte.
-Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit, ließ er die
-praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften, sich
-angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die ihre
-Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und er
-beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen,
-für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner
-Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn,
-wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen
-trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen -- den Chefs derselben ward
-endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen
--- entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von
-ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten
-zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie
-enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden
-Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die
-Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich
-der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende
-Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert
-Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen
-geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den
-dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und
-ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen
-selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete
-Physiognomie hervorbringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer
-regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war
-unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches
-Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte
-ich den Gefährten.
-
- * * * * *
-
-Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene,
-auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt
-todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den
-Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen
-werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden
-angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu
-weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die
-Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den
-Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich,
-ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des
-herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina,
-nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen
-Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich
-winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der
-Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher
-das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen
-Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten
-wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich
-ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem
-alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in
-seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem
-Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es,
-ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt wurde.
-Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir
-cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft
-und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth,
-welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein
-Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen
-Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im
-Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige
-Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in
-weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem
-Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse,
-welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der
-deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte;
-ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein
-Tropfen Wasser sichtbar.
-
-Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in
-immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze
-war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein
-frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend,
-hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her
-erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren
-Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch
-die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe
-und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf-
-und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen
-und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen
-mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der
-Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat,
-weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die
-Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden
-Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten
-Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte
-und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen
-oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche
-das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt.
-Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen,
-eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig
-von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft
-liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die
-so herrlich uns anregen.
-
-Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten
-erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins
-Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber
-unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz
-der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am
-längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s
-Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen
-war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge,
-im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst
-zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu
-überlassen.
-
-So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische
-Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm
-mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten
-der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und
-von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er
-in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in
-wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz
-verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen
-entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern von
-Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut
-sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden.
-Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den
-Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln
-vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter
-zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres
-Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn
-den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um
-solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese
-Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen,
-da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen
-dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine
-Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht
-gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den
-Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren.
-
-Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients
-sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser,
-ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen,
-mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische
-Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten
-Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu
-verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen
-geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum
-Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite
-Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane
-uns versetzen.
-
-Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine
-Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender
-Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte
-der Guadalquivir, ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus,
-bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von
-dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach
-Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle
-Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum
-Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse
-der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob
-sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend
-und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt.
-Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie,
-mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten
-Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke
-gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in
-deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht.
-
-Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem
-grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen
-und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz
-und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen,
-den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich
-zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche
-wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein,
-da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten,
-die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse
-erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir
-angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein
-Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade
-hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das
-bitterste mich fühlen zu lassen.
-
-Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadalquivir
-zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la
-Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos,
-durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,[40] und rasteten
-in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit
-erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das
-Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt,
-den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König
-wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der
-französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher
-Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner
-Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie
-der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen
-wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort
--- Cadix -- aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne
-weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe.
-Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir
-der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de
-Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste
-des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine
-Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer
-armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch
-unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne
-helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute
-meiner Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen
-waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen.
-
-Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der
-wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen
-konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien
-und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem
-Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa
-es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche
-Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen
-der ~tasa de plata~ -- der Silbertasse -- ihm erwarben. Ein
-anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die
-Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr
-sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien.
-Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch
-den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu
-geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens
-gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen;
-noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters
-Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt.
-
-Durch seine Lage auf einer kleinen Felseninsel wird Cadix zur
-außerordentlich starken Festung gemacht, während die Nähe des festen
-Landes ihm erlaubt, den höchsten Einfluß auf die dortigen Ereignisse zu
-üben, wie in den Kriegen und Umwälzungen, welche in diesem Jahrhunderte
-die Halbinsel zerrütteten, mehrfach sich bewährt hat. Die Entfernung
-von der Küste reicht hin, um gegen eine Belagerung von dort aus wie
-gegen die Wirkung auch der schwersten Kanonen die Stadt zu sichern,
-doch vermögen große Mörser ihre Geschosse bis zu ihr zu schleudern; so
-verursachten die Franzosen in dem einen Stadtviertel, bis in welches
-sie ihre Bomben trieben, einige Verheerung, da sie die gewaltigen
-Mörser, welche später als Trophäe nach England gebracht wurden, nahe am
-Strande aufgepflanzt hatten. Eine zwei Stunden lange, schmale Landenge
-verbindet die Festung mit der Isla de Leon und der auf derselben
-liegenden Stadt San Fernando, die, gleichfalls stark befestigt und
-durch einen Wassergraben ganz vom Lande getrennt, als Außenwerk von
-Cadix betrachtet werden darf. Jene Enge, künstlich erhoben, ist so
-schmal, daß die auf ihr hinlaufende Chaussée zu beiden Seiten vom Meere
-bespült und zur Zeit der höchsten Ebbe von grundlosem Moraste umgeben,
-oft aber von den Wellen bedeckt ist; sie wird durch starke Cortaduras
--- Abschnitte -- gedeckt und kann in wenigen Minuten ganz vernichtet
-werden.
-
-Noch gehören mehrere bedeutende, zum Theil auf abgesonderten Inselchen
-angelegte und hauptsächlich zur Deckung des Zuganges zum Hafen
-bestimmte Forts in das Vertheidigungs-System der Festung, welche,
-so lange der thätige Erfindungsgeist nicht mit neuen, furchtbareren
-Angriffsmitteln uns bekannt macht, als von der Landseite aus unnehmbar
-betrachtet werden darf.
-
-So war ich endlich auf dem Punkte angelangt, der nach dem furchtbar
-mühevollen Marsche noch traurigere Ruhe mir gewähren sollte. Nachdem
-wir einige Tage in dem Stadtgefängnisse, einem der ausgezeichnetsten
-Gebäude der Stadt, zugebracht hatten, wurden wir nach den Casematten
-gebracht, die vom Meere bespült und schauerlich feuchtkalt zu unserer
-Aufnahme bestimmt waren. In tiefe Kerker, die durch die Thür Licht
-und Luft erhielten, waren je dreißig bis vierzig gefangene Officiere
-eingeschlossen, während die Unterofficiere und Soldaten in der
-großen Caserne von la Isla zurückblieben. Unter den Unglücklichen,
-die abgezehrt und bleich uns zu begrüßen kamen, fand ich einige der
-Cameraden, die mit mir aus den baskischen Provinzen abmarschirt waren,
-und viele andere, welche wir dort zurückgelassen hatten, mißmuthig über
-die Entscheidung, die sie noch unthätig zu bleiben verdammte. Tief
-bewegt lernte ich die unendlichen Leiden kennen, die sie bestanden,
-und vernahm die Kunde von dem rühmlichen Tode so Vieler, die ich einst
-trauernd scheiden sah, deren Glück ich oft beneidet hatte; mit innigem
-Schmerze hörte ich die Schilderung von dem Untergange der kleinen,
-schönen Division, da sie, wie die Tausende anderer Braven, nutzlos dem
-unvermeidlichen Verderben geweiht war.
-
- [39] Nicht mit dem gleichnamigen Dorfe der Provinz Cuenca zu
- verwechseln, in dem ich gefangen genommen war.
-
- [40] Ferdinand VII. ließ Bäcker, Mehl, Wasser und alles zum Backen
- Nöthige von Alcalá nach Madrid bringen, ohne doch so gutes Brod
- dort schaffen zu können; die Luft soll Schuld daran sein. Jenes
- Brod ist in der That schöner als das beste Biscuit und wird auf
- Maulthieren nach Lissabon, Madrid und selbst Barcelona versendet.
-
-
-
-
-XVI.
-
-
-Don Basilio Garcia war, wie ich früher erwähnte, von der Hauptarmee der
-Nordprovinzen in den letzten Tagen des Jahres 1837 entsendet worden,
-um in der Provinz Cuenca und in la Mancha,[41] zu deren commandirendem
-General er ernannt war, zu operiren, die dort existirenden zahlreichen
-Carlisten-Guerrillas zu vereinigen und durch bessere Organisation
-dem Feinde sie furchtbar zu machen. Er sollte daher zuerst nach
-Aragon ziehen, da Cabrera Befehl hatte, eine seiner Divisionen Don
-Basilio zu untergeben. Oráa vereitelte, indem er in Daroca sich
-aufstellte, den Versuch der Division, von Calatayud aus nach Cantavieja
-durchzudringen, und schob sie, auf der Straße nach Teruel ihren Marsch
-cotoyirend, nach der Provinz Cuenca, wo wir am 13. Januar 1838 auf die
-Verfolgungs-Division Uribarri trafen und, von der Übermacht erdrückt,
-geworfen wurden.
-
-Von Aragon abgeschnitten wandte sich Don Basilio in forcirten Märschen
-nach der Mancha und erreichte die Sierra von Toledo, wo er sofort eine
-kleine gegen Palillos operirende Colonne ganz vernichtete. Wenige Tage
-später begegnete er, ohne daß einer der beiden Anführer von des andern
-Expedition Kunde gehabt hatte, dem Corps des Brigadier Tallada von
-der Armee Cabrera’s; es war von Chelva zu einem Zuge nach der Mancha
-und Andalusien abmarschirt. Don Basilio wünschte, daß diese Division
-sich ihm anschließen möge, weßhalb er, da Tallada, dessen Truppen
-weit zahlreicher waren, gar keine Neigung zeigte, ohne besonderen
-Befehl Cabrera’s sich ihm unterzuordnen, so weit nachgab, daß sie
-gemeinschaftlich die Leitung des Corps übernehmen wollten, bis Cabrera
-entschieden habe, welche seiner Divisionen dem königlichen Befehle
-gemäß zu Don Basilio’s Disposition gestellt sei. Die beiden Chefs
-durchzogen darauf die Mancha, überstiegen die Sierra morena und drangen
-in das Königreich Jaen -- Andalusien -- vor, wobei Tallada durch
-gelegentliche Eigenmächtigkeiten seine Selbstständigkeit schien darthun
-zu wollen.
-
-Am 3. Februar stand seine Division, 3500 Mann Infanterie in fünf
-Bataillonen und 300 Pferden stark, in Baeza, die der Nordarmee, nur
-1600 Mann Infanterie und 140 Pferde, in dem drei Viertelstunden
-entfernten Ubeda, nahe dem Guadalquivir, als Don Basilio die Nachricht
-erhielt, daß General Pardiñas, der das Commando der Colonne Uribarri’s
-übernommen, verstärkt durch die mobilen Truppen der Mancha über den
-Paß des Despeñaperros die Sierra morena überschritten habe und zum
-Angriffe heranziehend in la Carolina angekommen sei. Er ließ sofort den
-Brigadier Tallada auffordern, entweder durch einen forcirten Marsch dem
-Feinde entgegenzugehen und ihn überrascht anzugreifen, oder, was er
-selbst rieth, durch einen Nachtmarsch in den Rücken der Christinos sich
-zu werfen, den Paß des Despeñaperros zu besetzen und so, Andalusien
-und die Mancha zugleich bedrohend, jeden Umstand zu benutzen. Tallada
-antwortete, seine Truppen bedürften der Ruhe, und wies auch den Antrag,
-eine concentrirte Stellung bei Ubeda zu nehmen, mit dem Bemerken ab,
-daß er dafür einstände, daß der Feind gar nicht an einen Angriff denke.
-
-Bei Tagesanbruch ertönte zugleich mit der Nachricht, Pardiñas sei
-wenige tausend Schritte von den Vorposten entfernt, lebhaftes Feuer
-von Baeza her. Don Basilio sandte einen Adjudanten an Tallada mit
-der Bitte, nur eine halbe Stunde sich zu halten, da er zu seiner
-Hülfe herbeifliege. Der Adjudant fand die ganze schöne Division in
-furchtbarer Unordnung, wie eine große Heerde von den feindlichen
-Massen vor sich her gejagt, Tallada selbst außer sich[42] und erhielt
-von ihm, da er ihn aufforderte, seine Leute zu sammeln, die Antwort,
-wie er nicht einmal für sich, geschweige für seine Leute einstehen
-könne. Erst als die Bataillone der Nordarmee mit Festigkeit den
-Sturm der Christinos ausgehalten hatten und selbst durch kraftvolle
-Bajonnettangriffe sie zurückdrängten, kam er in Etwas zur Besinnung
-und ordnete sein Corps zu geregelterem Rückzuge, dem die Division
-Don Basilio’s deckend sich anschloß, zwei Stunden weit bot sie unter
-stetem Feuer dem Andrange der feindlichen Infanterie und Cavallerie
-die Stirn, bis diese, ohne einen Gefangenen ihr abgenommen zu haben,
-die Verfolgung einstellten. Pardiñas schrieb die Rettung des Corps
-Tallada’s, welches 300 Gefangene einbüßte, der bewundernswürdigen
-Bravour der Truppen Don Basilio’s zu.
-
-Dieser drang in die Provinz Murcia ein. Entsetzliche Leiden
-warteten dort der Freiwilligen, indem Regen und Schnee Wochen lang
-ununterbrochen auf sie herabstürmten und die Gebirge ungangbar
-machten; die Lebensmittel fehlten mehr und mehr, die Leute marschirten
-bald barfuß, und ihre Uniformen hingen in Fetzen herab. Da trennte
-sich Tallada eigenmächtig von dem Expeditions-Corps, um nach
-Valencia zurückzukehren: er ward am 27. Februar, da er eben den
-Jucar überschritten hatte, von Pardiñas in Castriel überfallen,
-nach der gänzlichen Vernichtung seiner Division gefangen und der
-Gerechtigkeit gemäß erschossen. Don Basilio aber, da die geringen
-Streitkräfte, welche ihm blieben, durch die Drangsale täglich mehr
-zusammengeschmolzen waren, wandte sich wieder nach der Mancha und
-vereinigte sich mit den dort hausenden Partheigängern.
-
- * * * * *
-
-Drei Cabecillas hatten sich in diesem Theile Neu-Castiliens besonders
-hervorgethan: Jara hatte einige tausend Mann Infanterie gebildet, d. h.
-Bauern gesammelt, die nicht exercirt und ohne Uniform größtentheils mit
-Büchsen und Jagdflinten bewaffnet waren; Orejita führte ein Bataillon
-und etwa funfzig Pferde; Don Vicenta Rojero -- Palillos genannt --
-commandirte mehrere Escadrone Reiter, deren Zahl den Umständen nach
-zwischen sechshundert und tausend schwankte. Diesen Chefs schlossen
-sich mehrere Partheigänger an, die gewöhnlich in Estremadura sich
-aufhielten, aber häufig nach der Mancha hinein streiften und
-gleichfalls 800 bis 1000 Pferde vereinigen konnten.
-
-Alle diese verschiedenen Banden nannten sich Carlisten und wollten für
-eifrige Verfechter der Religion gelten, während sie die Sache, welche
-sie zu vertheidigen vorgaben, durch fluchwürdige Excesse schändeten.
-Ich spreche nicht davon, daß sie die Feinde, welche in ihre Hände
-fielen, unbarmherzig opferten: sie thaten Recht daran. Wie konnten
-Männer anders verfahren, die, weil sie schwächer waren, durch die
-Gegner von den Wohlthaten jedes Vertrages ausgeschlossen wurden, die
-Alles, was ihnen angehörte, ihnen nahestand, getödtet, verwüstet und
-vernichtet sahen? Früher habe ich erzählt, durch welche Gräuel die
-Christinos den Aufstand in diesen Provinzen zu unterdrücken suchten;
-sie konnten nach solchen Schauder erregenden Thaten nie Schonung
-erwarten. Nein -- wenn jene Männer, zur Raserei getrieben, mit Feuer
-und Schwerdt gegen die Liberalen das Werk der Rache übten, handelten
-sie nur gerecht und erfüllten ihre Pflicht; denn da wäre Milde und
-Verzeihen zur verächtlichen, unvermeidliches Verderben nach sich
-ziehenden Schwäche geworden.
-
-Aber Entehrung häuften sie auf sich selbst, und sie schändeten
-die Sache, für die sie zu kämpfen vorgaben, indem sie ihrer
-Rache Wuth von den Erbärmlichen, die sie hervorgerufen, auf das
-ganze Menschengeschlecht ausdehnten und -- zu Räuberbanden sich
-erniedrigten. Von ihren Gebirgen aus -- denn auch die Reiter hatten
-ihre Zufluchtsorte in den schroffsten Gebirgen gesucht, welche die
-prachtvollen Pferde mit erstaunlicher Ausdauer auf und ab kletterten
--- durchstreiften sie die umliegenden Provinzen, mordeten und
-brannten; sie plünderten die Reisenden und die Waaren, welche nur in
-großen Convoys mit Bedeckung von Truppen transportirt werden konnten,
-schleppten die Gefangenen in ihre Schlupfwinkel und ermordeten sie,
-wenn nicht bald reiches Lösegeld aus ihren Händen sie rettete.
-Auch die unglücklichen Bauern blieben nicht verschont. Ihre Ernte
-wurde häufig zum Futter abgemähet und fortgebracht, wenn nicht gar
-muthwillig zerstört, die Maulthiere auf dem Felde aufgefangen und
-erst gegen Auszahlung großer Summen herausgegeben. So sanken diese
-Banden zu verzweifelten Räubern im ganzen Sinne des Wortes herab,
-die, wo sie erschienen, Tod und Elend in ihrem Gefolge führten. Die
-Carlisten, d. h. die Männer, welche in den regelmäßigen Heeren für die
-Aufrechthaltung der Rechte ihres Königs ehrenvollen Kampf kämpften,
-wollten natürlich nie jenen Schaaren der Mancha den Ehrennamen von
-Carlisten zugestehen. Die Christinos aber benutzten schlau die von
-Jenen verübten Gräuel, um den Anhängern Carls V., unter deren
-Namen sie verbreitet wurden, den Abscheu der Welt zu erregen.
-
-Übrigens waren diese Banden doppelt furchtbar, durch die hohe
-individuelle Bravour, durch welche sie, wiewohl nicht organisirt
-und ohne Disciplin, nicht selten den gegen sie operirenden Truppen
-verderblich wurden. Vor Allem zeichnete die Cavallerie Palillo’s durch
-seltene Todesverachtung, ja Verwegenheit sich aus und erwies dem
-Expeditions-Corps während der kurzen Zeit, die es mit ihm vereinigt
-blieb, wiederholt große Dienste. Die Bewaffnung der Reiter bestand in
-Säbel, Pistolen und dem Trabuco, jenem gefürchteten Carabiner, dessen
-Lauf von der Schwanzschraube zu der Mündung allmählich sich erweitert
-und mit einer Handvoll Kugeln, oft funfzehn bis zwanzig Stück, geladen
-wird. Er kann nur auf geringe Entfernungen gebraucht werden und wird
-neben der rechten Seite frei auf dem linken Arm ruhend abgedrückt,
-da der Rückstoß anderes Anlegen nicht erlaubt; seine Wirkung ist
-ungeheuer, indem die Geschosse wie die Cartätsche einen Streukegel
-bilden, der Alles vor sich niederreißt. Die christinosche Cavallerie
-ward bei dem Anblicke der Trabucos, mit denen die Palillos unbeweglich
-bis auf wenige Schritt ihre Annäherung abzuwarten pflegten, von
-panischen Schrecken ergriffen, und es sind Beispiele vorgekommen, daß
-ein Mann, mit dieser Waffe versehen, eine Straße oder eine Brücke mit
-Erfolg gegen feindliche Detachements vertheidigte.
-
-Solche waren die Banden, welche Don Basilio um sich vereinigen,
-denen er Ordnung und Kriegszucht einflößen, die er an regelmäßigen,
-ehrenvollen Kampf gewöhnen und dadurch der Sache nützlich machen
-sollte, der sie dem Namen nach angehörten. Leider war er nicht der Mann
-für so schwierigen Auftrag, der eisernen Willen, Entschlossenheit,
-Kraft und -- Glück erforderte. Don Basilio besaß keine dieser
-Gaben. Im Anfange freilich, da er nur den Eingebungen der wahrhaft
-ausgezeichneten Männer folgte, die ihn umgaben, des Marquis von Santa
-Olalla, seines Secretairs, des Oberstlieutenant Alcalde, des Obersten
-Fulgocio und so vieler anderer Chefs, die fast ohne Ausnahme auf diesem
-für die Division so glorreichen wie unglücklichen Zuge getödtet wurden
-oder in Gefangenschaft fielen; da waren seine Maßregeln trefflich, und
-der Erfolg schien sie krönen zu wollen. Er nahm das schon von Gomez
-eroberte Almaden und in wenigen Tagen fünf andere kleine Forts[43],
-an denen alle Versuche der Partheigänger gescheitert waren, wodurch
-er ihre Achtung vor seiner überlegenen Macht erzwang. Dann erließ er
-strenge Strafbefehle gegen Jeden, der ein Vergehen gegen die Disciplin
-oder die geringste Erpressung und Beleidigung der Einwohner sich
-zu Schulden kommen ließe. Wer des Diebstahls überwiesen war, wurde
-ohne Gnade erschossen, wer ohne Erlaubniß auf eine Stunde sein Corps
-verließ, wurde erschossen; die Christinos selbst rühmten, daß Don
-Basilio mit ihren Generalen gemeinschaftlich auf die Banditen Jagd
-mache, die bisher jene Provinzen infestirten.
-
-Da er so den ersten, dringendsten Schritt gethan, um die Räuber in
-Soldaten umzuschaffen, strebte er, möglichst sie zu organisiren und
-zugleich zu überwachen, indem er viele seiner besten Officiere unter
-die Corps von Palillos, Jara und Orejita vertheilte. Auch wollte er
-Einigkeit und Combination in ihre Operationen bringen und hoffte, wenn
-er einigermaßen an militairisches Handeln sie gewöhnt, um seine kleine
-Division als den Kern ein furchtbares Corps zu bilden, welches im
-Innern Castiliens, im wahren Centrum der Monarchie, von entscheidendem
-Einflusse auf den Krieg werden mußte. So weit war Alles gut.
-
-Bald jedoch verdarb die Schwäche des Generals, der unglückliche Gang
-der Ereignisse und die Abneigung der Cabecillas, was die Kraft kaum
-erreicht hatte und nur Kraft erhalten konnte. Orejita war der einzige
-unter den Chefs der Mancha, welcher wahrhaft das Beste der Sache im
-Auge hatte und daher mit Eifer die Pläne des Generals adoptirte; bald
-ward er auf einem Zuge durch den südlichen Theil der Sierra Morena
-von überlegener Zahl überrascht, sein noch nicht ganz ausgebildetes
-Bataillon von der feindlichen Cavallerie niedergeritten und vernichtet,
-er selbst mit fast allen seinen Officieren getödtet. Jara und Palillos
-dagegen beugten sich nur gezwungen augenblicklich unter die Zucht, die
-Don Basilio etablirt hatte; ein Jeder suchte den Andern zu verdrängen
-und bei dem General herabzusetzen, da sie, Beide das Commando in
-Anspruch nehmend, die höchste Eifersucht und selbst Haß gegen einander
-hegten, der verschiedene Male blutige Streitigkeiten unter ihren
-Truppen erzeugt hatte. Beider Streben aber war auf Unabhängigkeit und
-auf Abschütteln der lästigen Controle gerichtet, die seit der Ankunft
-der Expeditions-Division auf jeder ihrer Bewegungen lastete.
-
-Die Lage Don Basilio’s war in der That schwierig; anstatt aber mit nie
-rastender Thätigkeit und Energie lediglich dem ihm vorgesteckten Ziele
-nachzugehen, anstatt auf jede Art die beiden Anführer zur Einigkeit
-und zum Befördern der einzigen, endlichen Sieg verheißenden Kriegsart
-zu bewegen, gab er bald dem Einem, bald dem Andern Gehör, begünstigte
-den gerade Gegenwärtigen und regte dadurch die Leidenschaften immer
-mehr auf. Vielleicht mochte er glauben, durch Intrigue und Schlauheit
-leichter sie zu bändigen, als mit Gewalt, da daraus wohl offene
-Widersetzlichkeit ihrer Schaaren gegen ihn und folglich gänzliches
-Fehlschlagen des Zweckes seiner Expedition hervorgehen konnte. Nach
-und nach gewann Jara, der listig und fein ihm zu schmeicheln wußte,
-sein Vertrauen und nahm ihn gegen den geraden, derben Palillos durch
-vielfache Verleumdungen ein, bis dieser, über die wiederholt erlittenen
-Zurücksetzungen erbittert, zur großen Freude seiner Reiter ganz von Don
-Basilio sich trennte. Da machte der General unkluger Weise die Spaltung
-auf immer unheilbar, indem er laut drohete, Palillos zu erschießen,
-wenn er seiner habhaft würde. Palillos sprach die gleiche Drohung
-gegen den General aus und that entschieden feindselige Schritte gegen
-die Division, fing auch sein altes Plünderungswesen von neuem an. Don
-Basilio ließ mehrere Reiter, die er zerstreut getroffen, füsiliren;
-Palillos drohte Repressalien auszuüben: offener Krieg war im Begriffe
-auszubrechen. Da erkannte Don Basilio, daß der Zweck des Zuges ganz
-verfehlt und nun unerreichbar sei, daß längeres Verweilen in der Mancha
-der Sache nur noch schaden könne. Er entschloß sich schweren Herzens,
-das Unmögliche aufzugeben und die Rettung der Trümmer seines braven
-Corps zu versuchen. Es sollte nur in der Vernichtung das Ende seiner
-Leiden finden.
-
-Am 26. März hatte die Miniatur-Division in Valdepeñas auf der großen
-Heerstraße von Madrid nach Sevilla und Cadix ein glorreiches Gefecht
-bestanden, da sie vom General Flinter, seit seiner Auswechselung nach
-Gomez Expedition commandirender General der Mancha, mit 5000 Mann
-am Mittage angegriffen wurde; die Christinos hatten alle Zugänge
-der Stadt besetzt und mehrere Gefangene in den Häusern gemacht,
-ehe -- unglaubliche Nachlässigkeit des Generals! -- die Nachricht
-ihrer Annäherung bekannt wurde. Dennoch brachen, als endlich der
-Generalmarsch sie aufschreckte, die Bataillone compagnieweise, wie sie
-einquartiert waren, durch die Feinde sich Bahn, formirten sich auf
-dem Felde in Sturm-Colonnen und kehrten sofort zum Angriffe zurück.
-Bis zur Mitte der Stadt drangen sie mit aufgepflanztem Bajonnett vor,
-so den größten Theil der Gefährten rettend, welche, da sie vorher das
-freie Feld nicht hatten erreichen können, aus den Fenstern der Häuser
-die Feinde niederschossen. Nur dreißig Mann Infanterie und fast die
-ganze Escadron der Legitimität, welche vom Feinde in ihrem Quartier
-überrascht war, fielen in die Hände der Christinos, wogegen die
-Division auf dem Rückzuge, den sie unverfolgt bewerkstelligte, vierzig
-Gefangene fortführte.
-
-Mehrere Wochen hindurch wurde das Corps in höchst aufreibenden
-und schwächenden Märschen umhergeschleppt, während Don Basilio
-noch immer die Ausführung seiner Pläne in Bezug auf die Cabecillas
-hoffte. Täglich fanden Gefechte mit den überlegenen Feinden Statt,
-stets rühmlich, und die Truppen, schon auf 1300 Mann geschmolzen,
-zeichneten sich fortwährend durch herrliche Standhaftigkeit und Muth
-aus, die leider ihr Führer nicht so kräftig benutzte, wie die Lage
-der Dinge unumgänglich erheischte. Er scheute sich, mit dem Feinde
-zusammenzutreffen, da Erfolg doch nur durch entschlossenes Angreifen
-auch der größten Schwierigkeiten unter solchen Verhältnissen möglich
-wurde. Da kam die Trauerkunde von dem Tode Orejita’s; der Bruch mit
-Palillos entschied sich; bald langte Jara an -- ohne Corps: seine
-Brigade war durch eigene Schuld in ungünstigster Stellung angegriffen,
-zersprengt, vernichtet. Jara ward sofort verhaftet und vor ein
-Kriegsgericht gestellt. Don Basilio aber, nun ganz auf sich beschränkt,
-wandte sich mit den 1100 Mann, die ihm blieben, von vier feindlichen
-Divisionen gedrängt und selbst von Palillos angefeindet, nach
-Estremadura und drang in die Provinz Salamanca ein, von wo er wohl mit
-dem in Alt-Castilien operirenden Corps des Grafen Negri in Verbindung
-zu treten hoffte.
-
-In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ruhte Don Basilio in Vejar, keines
-Angriffes gewärtig, da der Feind am Morgen jenes Tages siebenzehn
-Meilen entfernt war; Pardiñas aber, der am nächsten ihn verfolgte,
-marschirte die ganze Nacht hindurch und war, von Einwohnern von Vejar
-geführt, der Stadt nahe, als die Diana die Carlisten zum Weitermarsch
-rief. Bei dem Klange der Trommeln und Hörner stutzten die Truppen,
-da sie ihre Annäherung verrathen glaubten; der junge feurige General
-stellte sich, ein Gewehr in der Hand, an die Spitze seiner Grenadiere
-und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die carlistischen Bataillone
-marschirten dem Sammelplatze zu, als das Feuer von den Eingängen der
-Stadt her die Nähe der Gefahr ihnen verkündete, da die Christinos von
-ihren Guiden über Felder und Gärten mit Vermeidung der ausgestellten
-Vorposten bis innerhalb der Mauern geleitet waren.
-
-Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in den Straßen. Mit fünffacher
-Übermacht stürmten die Christinos, ihrem kühnen General folgend,
-gegen den Marktplatz; die Carlisten stürzten mit dem Bajonnett ihnen
-entgegen, trotz der Überraschung der gewohnten Bravour treu. Aber von
-allen Seiten gedrängt sahen sie ihre Reihen schnell gelichtet und
-wichen kämpfend; schon betrat Pardiñas den Marktplatz, als er den
-Oberst Fulgocio, in Ferdinand’s Garde einst sein Camerad, zu Pferde vor
-einigen hundert Mann, den Überresten seiner Brigade, halten sah, zu
-festem Widerstand sie ermunternd. „Ergieb Dich, Fulgocio, ergieb Dich!“
-rief Pardiñas ihm zu; doch der heldenmüthige Fulgocio, edel wie wenige
-Spanier, antwortete laut: „Während mein Schwerdt mich schützt, ergebe
-ich mich nicht!“ und sank von Kugeln durchbohrt zur Erde. Seine kleine
-Schaar ward nach verzweifeltem Ringen gebrochen und niedergestreckt, da
-sie Pardon nicht gab noch forderte; alle ihre Anführer waren vor ihr
-gefallen. Zweihundert Mann, die in das Stadthaus sich eingeschlossen,
-ergaben sich, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten.
-
-Don Basilio war wie durch Wunder aus einem Fenster seines Logis und
-über mehrere Dächer hinweg entkommen, da schon die Thüren des Hauses
-vom Feinde besetzt waren. Mit 250 Mann, dem Reste des Corps, welches
-durch seine Sorglosigkeit in Märschen und Überfällen -- doch stets
-glorreich kämpfend -- vernichtet ward, gelang es ihm, nach Aragon
-durchzudringen und der Armee Cabrera’s sich anzuschließen. Alle die
-besten Chefs und Officiere der Division, unter ihnen der General
-Marquis von Santa Olalla, Chef des Generalstabes, ein Brigade-
-und drei Bataillons-Commandeure waren gefallen; Wenige, darunter
-Oberstlieutenant Alcalde vom Generalstabe und der Commandeur des
-Bataillons von Valencia, Beide verwundet, fielen in die Hände der
-Christinos. Auch Jara, der kein gutes Loos erwarten mochte, hatte
-freiwillig als Gefangener sich ausgeliefert.
-
-Unter den Todten befand sich mein Chef und Freund, der Commandeur des
-7. Bataillons von Castilien, Oberstlieutenant Sabi, fast in jedem
-Gefechte verwundet und immer gleich unerschrocken. Mit noch offener
-Wunde verließ er die Nordprovinzen, um im Anfange der Action von
-Sotoca wiederum von einer Kugel getroffen zu werden. Dann fiel er bei
-Valdepeñas in die Gewalt der Christinos, die Brust bis zum Rücken
-durchbohrt; gegen einen dort gefangenen Escadrons-Chef ausgewechselt,
-so wie er transportirt werden konnte, fiel er an der Spitze von 140
-Mann, der kleinen Schaar, die von seinem Bataillon ihm geblieben, als
-er, wiewohl noch schwach und ohne Commando, gegen den anstürmenden
-Feind sie begleitete. So viele treue Gefährten sanken da in die frühe
-Gruft! Von allen Officieren meines Bataillons retteten sich nur zwei
-nach Aragon; der eine von ihnen ward dort bei der Belagerung von
-Morella getödtet, mir lieb wie ein Bruder. Glücklich, glücklich preise
-ich sie: sie ruhen in dem Schooße der Heimath, sie kennen nicht,
-wie ihre trauernden Gefährten, den bittern, erdrückenden Schmerz,
-verrathen, verkauft dem Monarchen, für dessen Rechte sie ihr Blut
-vergossen, in die kalte Fremde folgen zu müssen, ihren König gefangen
-schmachten zu sehen und das Vaterland unter dem Joche revolutionairer
-Anarchie seufzend zu wissen. Sie errangen sich herrliches,
-beneidenswerthes Loos!
-
- * * * * *
-
-Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das
-Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so
-bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro
-zu spielen, wozu er, der Navarrese, das Corps von Castilien benutzte.
-Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in
-der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete
-sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich
-mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig
-geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen.
-
-Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem
-Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete.
-Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im
-Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei
-Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando
-derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem
-Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz
-Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin --
-und wie ging es unter! -- Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und
-Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er
-nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher
-Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte
-wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet!
-
-Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details
-verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und
-Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen
-lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer
-Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den
-Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu
-widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher
-in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde.
-Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches
-dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser
-Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man nicht die Absicht, doch
-auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt,
-denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die
-Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war
-Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen
-Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum,
-nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug
-der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher
-Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem
-Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche
-Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und
-Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und
-Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward
-nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri
-hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und
-rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch
-unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren
-waffenlos, vertheidigungslos -- und ergeben folgten sie ihrem Führer;
-seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt
--- und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden,
-mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie
-marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren.
-
-Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und
-erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte
-Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum
-Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen
-Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra,
-verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero
-sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos
-aufgebrochen, es abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen,
-mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die
-Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen,
-einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug
-sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den
-Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht
-und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede
-Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch
-und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie
-hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt
-gefunden.
-
-Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch
-rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen
-zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu
-belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt
-Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt,
-da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten
-Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden
-Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet
-er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest
-den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf
-der Führer Stimme Feuer geben. -- -- Die Gewehre sinken aus den
-erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver
-untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk
-vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen
-Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht
-Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer -- fielen wehrlos in des
-übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete.
-
-So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach
-der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem
-anregen durfte; seine beiden Theile sanken gleich brav, gleich nutzlos
-hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war
-glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen
-die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen
-auch des Feindes Bewunderung davon tragend.
-
- * * * * *
-
-Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und
-hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen
-unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem
-auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte
-Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen
-gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile
-seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich
-denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen
-neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz
-entsendete,[44] mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen
-Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der
-Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand
-nahmen.
-
-Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero
-so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das
-Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß
-er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava,
-welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach
-umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die
-reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete
-und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem
-Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze
-derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so
-viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere
-die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen
-Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer
-Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind
-benutzen konnte.
-
-Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann,
-von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000
-Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ
-das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja
-er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der
-Artillerie unendlich erschwert wäre; dagegen nahm er eine Stellung
-zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem
-heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand,
-bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für
-Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann
-mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des
-Generals -- der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die
-Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen
-blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte -- nur auf drei Tage mit
-Schießbedarf versehen war.
-
-Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche
-im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon
-Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich
-von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche
-Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete.
-Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische
-Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der
-Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden,
-wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß
-entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden
-Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein
-einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung
-stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der
-schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese
-Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst
-an die Spitze der Husaren,[45] warf im glänzenden Choc das Bataillon
-von Navarra über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren
-Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von
-Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit
-Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen;
-in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut
-und floh in wilder Auflösung.
-
-Der Feind nahm fast die ganze Artillerie der Carlisten, von der
-Espartero mehrere in den Fabriken der Provinzen verfertigte Geschütze
-wegen ihrer besondern Schönheit als Merkwürdigkeit nach Madrid sandte,
-auch machte er eine bedeutende Zahl Gefangener. Am Nachmittage zog er
-in Peñacerrada ein, da die Garnison, so wie sie die deckende Armee
-auf der Flucht und die Christinos im Begriff sah, ganz die Festung
-einzuschließen, ohne Mittel zu längerer Vertheidigung sie verließ und
-in die Gebirge sich rettete. Der moralische Eindruck dieses Sieges
-war außerordentlich: gewiß ist er der größte und wichtigste, den
-Espartero mit den Waffen in der Hand je errungen hat, und Muthlosigkeit
-verbreitete sich bei der Nachricht des Geschehenen durch die Provinzen.
-Drei Tage später ward Guergué, als General en Chef ganz untauglich, des
-Oberbefehls enthoben.
-
- [41] La Mancha umfaßt die Provinzen Toledo und Ciudad Real, beide zu
- Neu-Castilien gehörend.
-
- [42] Tallada nahm kurz vor seiner Bereinigung mit Don Basilio einige
- Compagnien der königlichen Garde gefangen, und ließ die
- Officiere derselben trotz der zugestandenen Capitulation niedrig
- ermorden -- aus Habsucht. Seit dem Augenblicke dieser Schandthat
- wich alle Energie, die vorher ihn ausgezeichnet hatte, von ihm,
- und ein furchtsames Schwanken und Geistesabwesenheit lähmten
- seine Talente, wie er denn von Unglück zu Unglück dem schnellen
- Untergange zueilte.
-
- [43] Jedes bedeutende Dorf in der Mancha war zum Schutze gegen die
- Banden befestigt.
-
- [44] Da die Züge Merino’s, deren Résumé Abmarsch, Aufenthalt in den
- Wäldern und Vernichtung ist, keine nähere Erörterung verdienen,
- erwähne ich ihrer hier kurz. Eine unbegreifliche Verblendung
- ließ diesen Greis, der längst sich überlebt hatte und dessen
- Ruhm seine Thaten weit überragt, in dem Jahre 1838 mehrfach
- zum Anführer kleiner Corps bestimmen, die er denn auch so
- trefflich zu handhaben wußte, daß er jedes Mal ganz ohne
- Truppen zurückkam. Es scheint wahrlich, daß es damals den
- Heerführern der Basken nur darauf ankam, der Castilianer sich
- zu entledigen, gleichviel auf welche Art. -- Merino hatte zu
- seiner Zeit nur Cavallerie geführt und hatte gar keinen Begriff
- von der Infanterie; doch gab man stets ihm solche. Er verließ
- die Provinzen mit zwei Bataillonen, verlor sie, entkam nach
- Aragon, nahm dort das Commando der Castilianer-Bataillone, die
- von Zariategui dorthin sich gerettet hatten, zog, nachdem er der
- Belagerung von Morella beigewohnt, gegen Cabrera’s Willen -- auf
- höheren Befehl -- damit aus, verlor sie, kehrte nach Navarra
- zurück, erhielt neue drei Bataillone und verlor sie wieder in
- Castilien. Von da an blieb er unthätig. Es ist bekannt, wie
- der Gram ihn tödtete, da er bei Maroto’s Verrath im verhaßten
- Franzosenlande Zuflucht suchen mußte.
-
- [45] Espartero soll persönlich sehr brav sein und zeigt dieses
- gern, indem er sich an die Spitze seiner angreifenden Escadrone
- stellt. Doch erzählten mir christinosche Officiere, welche bei
- jenem Angriffe sich befanden, daß Espartero, da die Husaren von
- Arleban mit Festigkeit chargirten, schweigend sein Pferd wandte
- und von der Tete zu der Queue der Colonne ritt.
-
-
-
-
-XVII.
-
-
-Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im
-Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien
-gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von
-Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen
-Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche
-in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule
-machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in
-Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner
-Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade
-in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef
-des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche
-die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem
-er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht
-fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes
-Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene
-Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande
-zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet
-hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. --
-Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist
-fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des
-Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit
-durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein
-Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die
-Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief
-liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu
-haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht.
-
-Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die
-Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee
-der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun,
-auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen
-können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto
-hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne
-doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben.
-Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte
-er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen
-und wurde -- sein erstes selbstständiges Commando -- im Jahre 1836
-zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem
-ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem
-Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden --
-denn andere Namen verdienten sie nicht -- der dortigen Carlisten zu
-bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen
-und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß,
-aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht
-fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die
-Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er,
-persönlich seine Pläne zu betreiben.
-
-Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die
-Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel
-zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen
-beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber,
-die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren
-Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete
-Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn
-vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache
-die +gerechte+ war, Alle, welche bereit waren, für ihn den letzten
-Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich gemäßigt:
-sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre persönlichen
-Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und betrieb den
-Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, möge nun
-Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich möglichst
-fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende sich an,
-theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher Verzagtheit. Wie
-empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen Verhältnissen des
-Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht selten als schönes
-Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und muß denen als
-Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. Es giebt
-Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, „Alles
-oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich begnügen
-wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In solchem
-Falle fanden sich die Carlisten.
-
-An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn
-des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten
-ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine
-Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch
-solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften
-folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener
-Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß
-auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon
-streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen
-Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie
-wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo,
-Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres
-gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von
-Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre Zwecke
-zu täuschen und sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne aber
-gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen es ahnete;
-vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, hinreißen zu
-dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die Lockung groß,
-ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, verkaufte das ihm
-anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der so hoch ihn gehoben
-hatte; er ward zum Verräther! -- Ehe er aber den entscheidenden
-Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich befreien, die,
-treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als Gegner sich ihm
-darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln durchschauten und
-ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, was förderlich
-war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend vollendete der
-Verrath sein Werk.
-
- * * * * *
-
-Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl
-geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller
-Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich
-erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge
-wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die
-Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und
-gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet;
-selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern
-geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte,
-wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.
-
-Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum
-Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand --
-wohl zu besserm Zwecke -- gespendet, die seit langer Zeit leeren
-Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne
-zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten.
-Während er also sie gehorchen lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse
-mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte
-Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst
-überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig
-ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui.
-Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie
-die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde,
-mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die
-Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der
-das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden
-Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten
-Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen
-diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm
-stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich
-ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des
-Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und
-so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit
-ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber
-noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte,
-waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten
-und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der
-Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und
--- so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an
-dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr!
-sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in
-freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!
-
-Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem
-Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu
-benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und
-Norden zugleich entscheidende Schläge versuchten: Morella, Solsona
-und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens
-gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere
-Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder
-erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.
-
-Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher
-theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara[46] machen, wozu
-der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr
-günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf
-den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18
-Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in
-dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt
-und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und
-Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen
-von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die
-Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen
-anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den
-carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen
-Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück
-und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon
-auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen
-werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst
-besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt,
-alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten
-und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen
-Einwohner die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter
-ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die
-Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit
-ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.
-
-Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in
-großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt,
-und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen
-der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph
-nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene
-Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt,
-daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem
-moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben;
-ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn
-aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben
-auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten
-niederzuschlagen. -- Espartero spatzierte fortwährend von einem der
-festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je
-einen Schritt zur Ausführung zu thun.
-
-Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen
-konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit
-dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in
-Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen
-hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die
-Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die
-seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine
-Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben
-und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister
-traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit
-des liberalisirten Spaniens. -- Vielleicht war es nicht die Absicht
-des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich
-entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine
-Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere
-Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer
-so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter
-Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen
-durfte. -- Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit
-Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß
-diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung
-zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so
-opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze
-einst desto sicherer und leichter zu erfassen. -- Wie dem auch sei,
-ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die
-Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort,
-da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen
-Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und
-Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.
-
-Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen.
-Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu
-gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann
-mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der
-Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am
-6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen
-Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt
-wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte ...
-Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella
-war ganz aufgegeben! -- Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte
-einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere
-Niederlagen unmittelbar hinter einander gelitten; ein anderes Corps
-sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s
-Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer
-Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren,
-durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den
-feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da
-dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach
-überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem
-Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden
-Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya
-in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.
-
-Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam,
-Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich
-ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen
-Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz-
-und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps
-eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras
-von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger,
-hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob
-Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten
-krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner
-Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra
-überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder
-kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der
-Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den
-baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen,
-da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit
-Beute beladen anlangte.
-
- * * * * *
-
-So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte,
-wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao
-und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit
-die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in
-die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum
-der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19.
-September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen
-Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona
-heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht
-ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes
-Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der
-Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.[47] Doch da
-Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch
-Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain
-ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches
-den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke
-des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung
-mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der
-bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden
-carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und
-zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte
-die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie
-ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la
-Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis
-der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter
-denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s, der als
-Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400
-Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes
-gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende
-Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre
-Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu
-setzen.
-
-Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie
-als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen
-ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von
-Asturien.[48] Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut,
-da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. wohl
-sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der
-Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter
-den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen
-Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde
-Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige
-Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen,
-oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen
-in Cadix’ Casematten belebten! -- Andere wollten den Augenblick für
-unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten,
-ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten
-und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten,
-ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht,
-welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden Charakter ihr
-gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten Gemäßigten,
-vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre wahren Zwecke bis
-zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war sie, ohne es zu
-ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.
-
-Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein
-Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien.
-Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der
-Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte
-einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den
-vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter
-Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und
-ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung
-jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also
-Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken
-betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „~paz y
-fueros~“ -- Friede und Privilegien --. Vielleicht wäre sein Plan besser
-ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten gehegt und
-mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie hätte dieser
-nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des Mannes zu hemmen,
-ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, die Waffen in der
-Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit Aufopferung der
-heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch seine Habgier
-zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg +seinen+ Verkauf unnütz oder
-weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen würde!
-
-Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches
-Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen
-zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden
-suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge.
-Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet
-ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt -- man
-sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken -- auf
-einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich
-ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war Muñagorri
-stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden
-lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen -- wie so oft
-in Spanien der Fall war -- endete desto unbeachteter und erfolgloser,
-je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und
-Besorgnisse erregt hatte.
-
- * * * * *
-
-Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden
-Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten
-unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die
-Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende
-General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in
-der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang.
-Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die
-zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung,
-wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog
-und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich
-selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action,
-welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don
-Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen
-suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl
-jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und
-Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es
-auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf
-Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach
-Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr
-von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim
-Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde
-hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die
-Schwere des deutschen Armes fühlbar machte.
-
-Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die
-Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio[49] an der
-Küste von Afrika, Carl V. proclamirten und mit den Gefangenen, die fast
-alle wegen politischer Verbrechen, d. h. wegen Anhänglichkeit an ihren
-König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich vereinigten. Auch
-in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke angezettelt und
-entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz Malaga entfloh;
-Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt und genöthigt,
-eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward, daß Garnison
-und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt würden, um der
-carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig hinzuzusetzen,
-daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein Befehl des
-Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft wurden.
-
- [46] Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war
- sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus
- jede Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in
- den Straßen, und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke
- offen. Espartero ließ es am Ende des Krieges sprengen.
-
- [47] Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir die
- Action, wie ich sie gebe.
-
- [48] ~Principe de Asturias~ ist der Titel der spanischen Kronprinzen.
-
- [49] Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika finden
- sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta.
-
-
-
-
-XVIII.
-
-
-Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix
-hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens,
-war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des
-Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung
-auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten.
-Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist
-und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das
-duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im
-Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter
-Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet,
-mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten
-auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den
-Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu,
-in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und
-bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm
-helfen konnten. -- Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung,
-jede Communication uns abzuschneiden.
-
-Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war
-zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und
-Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder
-erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den
-Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des
-Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben
-aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile
-nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefangenen
-zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen
-Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns
-hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere[50] durch das
-Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha
-oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der
-verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben
-entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen,
-fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos,
-unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und
-doch noch hoffend -- da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln --
-eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch .... ha!.. sie sind
-nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die
-Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes ~viva~!
-
-Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher
-knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.
-
-Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu
-ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache
-Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten
-der Revolution davon trugen. Der Tod -- wenn ein Übel -- war ja nur
-ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre
-Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod!
-Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere
-Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen
-der Christinos zu sein“,[51] nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die
-Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend,
-um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden
-sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl
-beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel
-erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward
-auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend
-durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf
-und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden
-andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele
-und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der
-Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen
-Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem
-Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende
-Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen
-weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe
-ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie
-verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum
-Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen
-Feldes[52] vertauschen sollten.
-
-War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in
-der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht.
-Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte
-schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft
-trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die
-Andern zu Gomez und des Grafen Negri Corps, Einige zur Division
-Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den
-Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden;
-doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen
-und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen.
-Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich
-aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf
-vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der
-Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl
-nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte
-sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den
-Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher
-Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl,
-fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte
-Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der
-Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte -- besser:
-im Blut ertränkte -- bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den
-Ihrigen.
-
- * * * * *
-
-Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer
-ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen,
-welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto
-gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General
-hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu
-verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber
-das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen,
-dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind
-folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger
-bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut
-lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte
-Mährchen erzählten, während die schändenden Thaten, welche ihn
-zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer
-der Vergessenheit gesenkt wurden.
-
-Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum
-ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung
-ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht
-eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit
-Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die
-ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und
-die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten
-den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in
-Schranken zu halten vermag.
-
-O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und
-Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu
-hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte
-ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so
-oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte!
-Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht
-getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit;
-schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in
-dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen.
-
- * * * * *
-
-Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk
-der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem
-Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich
-gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil
-den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend,
-umgaben den betrogenen Monarchen, der -- wie zu oft der Edele --
-solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche
-einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch
-noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben;
-noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung
-Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt,
-welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten
-und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen
-zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war
-beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten
-seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit
-waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und
-das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde,
-verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt
-hatte.
-
-Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung
-sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale,
-welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren
-Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk,
-beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen
-erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen
-Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des
-Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction
-zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische
-Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand
-schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage
-den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge;
-er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft
-erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen.
-
-So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche
-während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge
-von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten,
-nehmen und den größern Theil dieser Provinz erobern sollten. Den
-Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit
-vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem
-für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige
-Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe
-Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich
-gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen
-ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt.
-
-Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte,
-erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet;
-einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden
-Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten
-befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant
-Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra
-ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er
-wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef
-die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens
-beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona
-und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen
-gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken
-herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos
-erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel
-mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens
-einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines
-Monarchen die fünf Generale füsilirt.
-
-Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde
-unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die
-unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche
-Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche
-sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein betäubender Schlag
-getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale
-gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe
-auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand
-ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character,
-seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen
-Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig
-gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia,
-der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er
-die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung
-er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer
-gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern
-Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen
-möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten
-makellos, keinen Angriff scheuend. -- Und dennoch! auf der andern Seite
-stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen
-unserer Parthei! -- Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel
-und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das
-gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich
-Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit
-auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die
-sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener
-Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot?
-
-Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig;
-ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und
-erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen
-Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der
-vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie
-vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister
-von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu
-vereinigen: man wußte ja nicht, ob man den Freund sah oder einen
-versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht
-genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue
-Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen.
-
-Da erschien eine Proclamation Carls V., welche Maroto’s Verfahren
-als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er ward
-für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben. Die
-Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt und
-den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den
-König geübt; mehrere Anführer -- so Valmaseda und Don Basilio Garcia
--- rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das
-königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht
-Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er
-im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich
-stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er
-sei zu den Christinos übergegangen.
-
-Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die
-Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die
-auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der
-Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten
-Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren
-Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den
-unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst
-die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer
-neuen Proclamation erklärte Carl V., daß er von der Unschuld und dem
-Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen
-als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das
-frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und
-Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König
-erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte,
-triumphirend mächtiger da als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende
-Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt.
-Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so
-viel Blut gehoben hatten.
-
-Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten,
-mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio
-Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten
-und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit
-den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu
-dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend,
-das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den
-Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte
-Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen
-Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles,
-seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten
-die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden
-Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen
-General, um König zu sein.
-
-Der erste Act des Trauerspieles war vollendet.
-
- * * * * *
-
-Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige
-Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und
-berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines
-Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche
-zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten,
-drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche
-Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen!
-
-Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle Gefangenen,
-welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des
-Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig
-Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm
-täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen
-befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der
-Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren
-der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der
-Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum
-Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als
-solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt
-werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul
-von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und
-sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur
-die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder
-eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte,
-manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und,
-unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten
-Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur
-Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde
-hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu
-versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des
-britischen Consul als höchstes Gesetz gelten.
-
-Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens
-nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir
-siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß
-ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte
-nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für
-tausendfache Gräuel! -- Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches
-Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So
-viele mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte
-sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen
-Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein
-und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er
-an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem
-schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden
-Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen
-des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen
-gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die
-Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz
-der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen
-der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an
-das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen
-trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der
-Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm,
-und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder
-heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu
-weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück.
-
-Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den
-verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich
-empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche
-zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der
-ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins
-bis zur Juli-Revolution als Officier in Carls X. Schweizer-Garde,
-nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er,
-getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien
-eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück
-wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen,
-wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem
-Expeditions-Corps des Grafen Negri nach Castilien und befand sich
-unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente
-Wuth wehrlos den Feinden überlieferte.
-
-Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich
-die Aufmerksamkeit auf sich -- ich hörte die Spanier, denen solche
-kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes
-Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn
-vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und
-Leiden des Herrn sie dargestellt sehen --; die erhabenen Eigenschaften
-des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick
-hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den,
-der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten.
-Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an
-einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und
-Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch
-trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte
-ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines
-Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle
-für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den
-verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet.
-
-Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das
-sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen
-unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben
-ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes
-Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis
-überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten
-Kohlen wedelnd anfachte.
-
-Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung
-Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an, in der von
-Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach
-Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste
-einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen
-andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen
-in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich
-von dem Freunde. -- Als wenige Monate später der Übertritt Carls V.
-nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach
-der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf
-Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den
-Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien
-zurück.
-
- * * * * *
-
-Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die
-beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der
-Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend
-zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte,
-begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel
-seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der
-Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens
-war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet.
-
-Früher sagte ich, wie Maroto während des Winters durch die Anlegung
-mehrerer befestigter Punkte seine Herrschaft nach Alt-Castilien
-hinein ausgedehnt und zugleich Vizcaya gegen Angriffe von Westen
-her gedeckt hatte; die hauptsächlichste dieser Befestigungen war
-die des Fleckens Ramales in der Provinz Santander, über dem ein
-sehr starkes, regelmäßiges Castell errichtet war. In dem Orte
-war eine Kanonengießerei, die bei der Annäherung der Christinos
-zurückgezogen wurde. Aller jener festen Punkte sollte also Espartero
-sich bemächtigen, um dann nach Vizcaya vordringen zu können; Maroto
-zog sich vor den anrückenden Feinden langsam auf Ramales zurück.
-Schon nicht fern von diesem Punkte ward der Marsch der Christinos
-plötzlich aufgehalten: eine Höhle, in der Mitte einer senkrechten
-Felswand und nur mit Leitern zu ersteigen, war von dreißig Mann und
-einem Vierpfünder besetzt, welcher vollkommen die einzige durch die
-Schlucht sich windende Straße beherrschte. Drei schwere Geschütze
-wurden sofort gegen die Höhle aufgepflanzt und zwangen am folgenden
-Tage die Besatzung, sich zu ergeben, so daß der Zug fortgesetzt werden
-konnte. Mehrere kleine Forts, um nicht unnütz die Zeit zu verlieren,
-ergaben sich sofort, andere wurden geräumt; nur in Ramales, als dem
-wichtigsten Punkte, sollte der Schein eines kräftigen Widerstandes
-gerettet werden, weshalb Maroto eine ausgesuchte Garnison unter sehr
-entschlossenem Gouverneur in das Fort legte. Nachdem er am 30. April
-die herrlichsten Stellungen, wie jene Gebirge nur sie bieten konnten
-und wie sie stets den Heeren der Christinos ganz unzugänglich gewesen,
-nach kurzem Scharmützel mit den feindlichen Massen verlassen und so
-die Zugänge zum Fort ihnen frei gegeben hatte, stellte er mit seinen
-vierzehn Bataillonen rückwärts nahe demselben sich auf.
-
-Espartero drang sogleich vor und errichtete die Batterien, während
-er eilf Bataillone der Garde dem carlistischen Heere zur Beobachtung
-gegenüber placirte; Maroto that keinen Schuß auf sie, sich mit der
-Rolle des müssigen Zuschauers begnügend. Bald begannen die Batterien,
-auf sehr große Distance angelegt, ihr Feuer gegen die Wälle des Forts,
-ohne den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen, und setzten
-es mehrere Tage lang mit großer Lebhaftigkeit und vielem Lärmen
-fort. Dann, da die Kanonen keine Wirkung hervorgebracht hatten,
-sandte Espartero seine zwei Bataillone Guiden vorwärts, welche, kaum
-belästigt, bis zum Fuße des Glacis drangen, dort sich etablirten
-und hinter Parapeten ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer gegen die Werke
-eröffneten. Es ist leicht zu erachten, welchen Effekt diese neue
-Belagerungsmethode haben mußte; viel Pulver wurde verknallt, und die
-Garnison des Forts lachte darüber. Doch das wurde wohl langweilig,
-und für das damit Beabsichtigte war genug gethan; so kam denn am
-dritten Tage dieses Feuerns -- am 8. Mai -- ein Expresser Maroto’s und
-brachte dem Gouverneur des Forts die Ordre, da keine Hülfe möglich,
-also Vertheidigung unnütz sei, unter möglichst guten Bedingungen zu
-capituliren, worauf die Garnison, gegen welche eben so viele feindliche
-Gefangene abgeliefert wurden, das Fort übergab und zu der carlistischen
-Armee zurückkehrte, die bereits auf dem Rückzuge begriffen war. Die
-Christinos fanden die Werke im besten Zustande und die Magazine mit
-allem Nöthigen überfüllt; Espartero sandte pompöse Berichte nach
-Madrid, in denen er die unbegränzte Todesverachtung der nie besiegten
-Vertheidiger der Constitution und der unschuldigen Königinn auf das
-glänzendste hervorhob und ehrend die Bravour der feindlichen Armee und
-die Festigkeit der Garnison anerkannte. Maroto erließ Proclamationen
-in gleichem Sinne und überhäufte die Vertheidiger des Forts mit
-Ehrenbezeugungen, die sie erröthend empfingen, seine Armee mit
-schmeichelhaftem Lobe und Belohnungen, während sie fortwährend ohne
-Schwerdtschlag sich zurückzog.[53]
-
-Am 10. Mai ergab sich Guardamino, worauf die christinosche Armee in
-Vizcaya vordrang, ohne daß Maroto eine der unnehmbaren Positionen, an
-denen so oft die Feldherren der Usurpation gescheitert, zum Schlagen
-benutzt oder einen Versuch gemacht hätte, in den wilden Schluchten und
-Ketten, so gefürchtet vom Feinde, den Eroberungen desselben ein Ziel
-zu setzen. Im Gegentheil, Valmaseda, Arciniaga und die andern festen
-Punkte Vizcaya’s, mit so vielem Blute behauptet, unter so vielen
-Beschwerden befestigt, wurden ohne Widerstand verlassen; am 22. Mai
-besetzte Espartero Orduña, die Hauptstadt der Provinz, und eilte, zum
-Waffenplatze sie umzuschaffen. Selbst die berühmte Peña de Orduña, den
-Paß über den Hochrücken der Pyrenäen, den hundert Mann gegen ein Heer
-vertheidigen, fand er unbesetzt.
-
-Schrecken, Entsetzen ergriff die Basken, ihr Vertrauen wich, da sie
-so Unerhörtes, nie für möglich Gehaltenes sahen; wo waren die Zeiten,
-in denen der große Zumalacarregui seine Landsleute zu Kampf und
-Sieg führte? Die Verschworenen aber streuten heimlich mannigfache
-Gerüchte aus über Transaction und bald zu hoffenden Frieden, dessen
-Herrlichkeiten sie listig dem geängsteten Volke in den schönsten Farben
-ausmalten.
-
-Während Espartero in Vizcaya vorwärts marschirte, war Don Diego Leon
-in Navarra thätig gewesen. Die Carlisten hatten wenige Stunden von
-Pamplona entfernt eine Brücke über die Arga geschlagen und sie durch
-eine regelmäßige Verschanzung, das Fort von Velascoain, gedeckt; ihnen
-war dadurch der Übergang über jenen Fluß gesichert, und sie konnten
-nach Belieben das feindliche Navarra bis Ober-Aragon hin durchstreifen.
-General Leon zog mit vierzehn Bataillonen gegen dieses Fort, zu dessen
-Unterstützung zwei navarresische Bataillone, spät durch andere zwei
-verstärkt, dort waren.[54] Das Kanonenfeuer, am 29. und 30. April mit
-großer Lebhaftigkeit und Kraft unterhalten, brachte gar keine Wirkung
-auf die Besatzung hervor, weshalb General Leon, ein entschieden
-braver Mann, nachdem er die Jäger-Compagnien bis zum Fuße der Werke
-vorgeschoben, an der Spitze seiner Bataillone unter dem heftigsten
-Feuer der Garnison den Fluß passirte. Einige Bataillone drangen zum
-Sturm in geschlossenen Massen vorwärts, während die andern rechts und
-links vom Fort gegen die carlistischen Bataillone sich wandten. In
-Gefahr, abgeschnitten zu werden, und ganz ohne Hoffnung auf Entsatz
-verließ die Garnison die Verschanzungen, in denen der Feind fünf
-schwere Geschütze erbeutete.
-
-Don Diego Leon ward von diesem Siege -- er hatte wiederholt der
-Sache der Constitution sehr wichtige Dienste geleistet -- zum Grafen
-von Velascoain ernannt; Espartero aber, weil er ohne Sieg der Armee
-Maroto’s in das Innere von Vizcaya gefolgt war, erhielt den Titel des
-Herzogs des Sieges -- duque de la victoria --, den einst mit mehr Recht
-Carl V. dem getödteten Zumalacarregui verliehen hatte, das Andenken des
-unbesiegten Helden zu ehren.
-
-Der zweite Act des großen Trauerspieles war vollendet!
-
- [50] Es befanden sich zwischen dreihundert und vierhundert Officiere
- in Cadix, den Expeditionen Negri’s, Don Basilio Garcia’s und
- Merino’s, dem Heere Cabrera’s und den Partheigängern der Mancha
- angehörend. Letztere wurden später alle erschossen.
-
- [51] Ihre Lieblings-Phrase: „~ya les haremos à Ustedes sentir lo que
- es el ser prisionero nuestro~.“
-
- [52] Die Spanier bezeichnen den Kirchhof mit dem Namen des ~campo
- santo~.
-
- [53] Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe, übereinstimmend
- von christinoschen und carlistischen Officieren, welche als
- Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren.
-
- [54] Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger
- zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den
- feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten
- konnte. Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den
- Nordprovinzen.
-
-
-
-
-XIX.
-
-
-Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden,
-welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen
-entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles
-zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von
-den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise,
-uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in
-Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In
-dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters,
-die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden,
-die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers
-Munde, ertönte -- noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl --
-schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die
-Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele
-Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich
-schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt,
-die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den
-Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt,
-in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich
-uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln
-überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende
-Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie
-Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern
-die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend.
-Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht
-ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu.
-
-Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer,
-nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu
-können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit
-außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche
-wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie
-aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und
-langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten
-Schiffen. Unsere Bedeckung -- ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen
--- bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten,
-während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte
-die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf
-die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches
-Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für
-eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung
-gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem
-andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils
-erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal,
-welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die
-Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt
-sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen
-Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte
-entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns
-escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen
-seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos
-unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz
-gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns
-zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß
-sein.
-
-Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach
-Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste
-entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in der höchsten Pracht
-entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten
-in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der
-das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo
-umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand
-versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste
-Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg
-erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten
-vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die
-gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit
-sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel
-Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen
-dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick
-mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße
-des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit
-an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt
-durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden
-Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den
-Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der
-einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein.
-
-Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer
-mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch
-einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu
-beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den
-dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben
-lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den
-Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr
-reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen
-die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte.
-Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken scharf über die
-niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des
-stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach
-von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe
-der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse
-empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt
-der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs XIV. ihnen
-die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst in
-eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter
-den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den
-Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als
-Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und
-die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben
-sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel
-zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden
-Rivalen unterliegen.
-
-Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße
-von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden
-Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen
-vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem
-Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt
-auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende
-Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen
-construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den
-Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche
-Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte.
-
-Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an
-Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern
-der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der
-Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche
-jetzt über den ganzen Erdball hin das Loos der Nationen lenken, auf
-lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind
-sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege
-alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige
-Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands
-Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen
-in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als
-Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden
-Roma für ihre Nachkommen +die+ Männer halten, deren schlaffer,
-knechtischer Geist selbst den +Gedanken+ der Thaten ihrer Vorfahren
-nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst Carthago in
-seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß als Feldherr
-und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die Herrschaft der
-Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß längst, daß ein
-Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften Indiens und bis
-in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was ward aus der
-pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen durfte, deren
-Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen Reichthümer
-der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren Herrscher sich
-rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe? Was ward aus
-Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter schmähliches
-Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch nur die
-alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin Stadt
-zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens Belagerung
-ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha gebeut
-in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch
-Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten
-beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die
-erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen! --
-
-O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! -- Und das Meer unter allen
-Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen.
-
- * * * * *
-
-Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar
-getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia
-zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril
-passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche
-Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende
-Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne
-glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht
-endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die
-sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und
-her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene
-täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich
-schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und
-erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen
-das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr
-auffiel.
-
-Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner
-schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont
-überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die
-Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen
-Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten
-Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und
-banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die
-Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum
-warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt,
-etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf
-einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte über uns,
-wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und
-das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen.
-Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten
-Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst
-von seiner Last befreit war.
-
-Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige
-Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen
-und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das
-Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch
-auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser
-überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände
-einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über
-uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf
-zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche
-es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer
-ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit
-Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf
-dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten,
-in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten.
-
-Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf
-dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war
-mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende
-Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und
-Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie
-das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten.
-Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem
-Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben
-einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um
-nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig über das Verdeck
-hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das
-Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen
-meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die
-Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit
-erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser
-von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den
-Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei
-ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden
-Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben
-Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten
-und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich
-zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon.
-
-Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte.
-Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der
-vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur
-Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn
-zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht
-unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht
-ergänzen.
-
-Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte
-wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend
-und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber
-erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die
-später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande
-fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns
-befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder
-angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren,
--- ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander
-wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen -- überwachten
-wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld die Zubereitung des Mahles.
-Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit,
-durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen
-Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff
-vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens
-blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches
-Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada
-am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt,
-während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild
-der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche
-Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der
-Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße
-noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos,
-begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der
-spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von
-Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend.
-
-Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich
-aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend
-in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens
-Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt
-von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge.
-Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s
-Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus
-Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald
-langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die
-finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere
-zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte
-des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse
-fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen
-in der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend
-weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche
-hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen
-die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme
-der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte
-schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den
-Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet
-hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn
-priesen.
-
-Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre
-zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine
-Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine
-drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße
-führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden
-nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte
-Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den
-Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten
-versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand
-entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten
-Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren
-und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus
-dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth
-der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt
-waren.
-
-Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer,
-durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist,
-versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde
-Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten
-Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit
-Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie
-bestimmt, am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus
-unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro
-abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst
-insultirt und beschimpft.
-
- * * * * *
-
-Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier
-Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem
-Namen der Huerta -- des Fruchtgartens -- von Valencia bekannt ist,
-so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie
-die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu
-sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten
-Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit
-über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend
-ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu
-hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in
-unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des
-Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne
-schützend.
-
-Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist
-nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten
-zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche,
-dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten
-Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu
-begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen,
-was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe
-kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie
-leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich
-vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte
-Fremde Alles dort bewundert, was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur
-reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte.
-
-Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von
-Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige
-Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und
-selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte
-gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch
-in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten
-scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich
-und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren
-trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.
-
-Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich
-scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten
-in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an
-geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine
-heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der
-durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem
-herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen
-Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und
-noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro
-bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf
-Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln
-durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug
-fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit;
-doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren
-seiner Wuth zurückgelassen.
-
-Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig,
-lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den
-Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die
-stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen ihrer Voreltern
-treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch
-eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die
-phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima
-angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes
-Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen
-Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite
-schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten;
-das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum
-Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder
-Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen
-Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen
-Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine
-Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln
-Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre
-Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher,
-die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit
-Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges
-Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein
-Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen
-arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas
-mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene
-drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was
-der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.
-
-Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die
-wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß
-die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl
-ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine
-L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden
-dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte,
-stets wieder getäuschte Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am
-Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch
-endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick.
-Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür
-der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten
-unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen,
-und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte
-Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert,
-sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten,
-daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee
-Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix
-zurückbleiben mußten.[55]
-
-Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen
-den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig
-betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen;
-kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur
-Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links,
-wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne
-die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen
-Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen,
-die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt
-hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit
-der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch
-sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen weithin in dem Grunde
-der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten
-und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.
-
-Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren
-gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige
-Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der
-Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos
-umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann
-schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.
-
-Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute
-der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene
-Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im
-Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den
-Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich
-schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns
-Wehrlose gehäuft hatten.
-
-Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen
-Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten,
-die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen
-Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel
-und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das
-Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend
-ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis
-Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier
-so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch
-mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen
-Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden
-Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen
-Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher
-ausgewählt, damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die
-Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir
-in Thätigkeit gesetzt würden.
-
-Unwillig, ferner müssig zu sein -- ich hatte nur zu lange in
-gezwungener Muße mich aufgezehrt -- eilte ich zu unserm Commandeur,
-um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen
-Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.
-
- [55] Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, sein
- Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen.
- Er wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers
- gerettet, dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie
- dann, da ein Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem
- zu überlassen, indem er vor dem feindlichen Chef des Depots
- unauflösbar den Contract einging. Juan, ein braver, biederer
- Sohn des Gebirges, kernig an Körper und Geist und Herz, jeder
- Falschheit unfähig und sie hassend mit der ganzen, herrlichen
- Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich ewige Rache
- athmend, wie unerschütterlich fester Freund -- Juan hörte die
- Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste
- Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in
- ungewisse Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in
- unsere Casematte eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor
- und las den zwei und dreißig, die wir zusammen dort wohnten,
- die Verpflichtung vor, welche Ruiz gegen ihn eingegangen;
- zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun schändlich sein Wort
- gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben und sagte ihm
- ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, dann
- mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach
- in Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten
- verflossen, ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte
- Ruiz das eine derselben dar mit den Worten: „Waffen haben wir
- nicht -- nimm dieses und wehre Dich gut; denn wehrst Du Dich,
- so schlage ich Dich todt, und wehrst Du Dich nicht, so schlage
- ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere sahen gleichmüthig
- dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von Ruiz, der den
- Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte sich
- in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett
- zu ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe,
- um Rettung, bis er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm
- hob, in Todesangst mit weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und
- mein Bett sich warf, unsere Kniee flehend umklammerte und --
- unter den Betten verschwand. Dem Einflusse meines Freundes
- gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und durch die
- Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute eines
- solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem
- wieder auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot
- übergeben, der ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er
- entschloß sich dann, für Isabella Parthei zu nehmen, und ward
- aufgenommen.
-
-
-
-
-XX.
-
-
-Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der
-Theologie und Inhaber einer kleinen ~capellania~ bei seiner
-Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands VII.
-seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche in den
-Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte Carls V.
-zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt stellte er sich an
-die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen Schulcameraden,
-sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und warf sich mit
-ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau sich erweiternden
-Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro ausläuft und jene
-Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe von dem des
-Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und thatendurstig,
-durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich aus, wie
-durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung der
-schwierigsten Unternehmungen.
-
-Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des
-jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er
-an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen
-gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.
-
-Miralles -- el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt,
-welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820
-hatte -- Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele
-unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle
-dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist
-mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward
-anfangs als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und
-Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft
-der Rationirung des Bataillons ihm oblag.
-
-Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und
-Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines
-Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle
-eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit
-seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich
-oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich
-weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so
-daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er
-während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in
-den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig
-glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte,
-wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen
-nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen
-mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen
-gemacht.
-
-Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm
-unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der
-unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche
-Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung,
-Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende
-Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte,
-dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche
-schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen,
-ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit,
-ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival,
-etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte
-Cabrera drei neue, starke Bataillone und einige Escadrone Lanciers
-bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste
-Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der
-er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche,
-sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das
-Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile
-unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter
-seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere
-Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen;
-zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da
-glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich
-mehr hindernd und erschwerend hervor.
-
-Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und
-der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera,
-der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum
-Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia.
-Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die
-Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht
-beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia
-die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la
-Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt
-und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten
-wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange
-reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten
-bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren,
-bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte
-Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles
-vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s
-erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges
-nicht heraustreten durfte.
-
-So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee
-von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden
-Provinzen. -- Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch
-dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die
-Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt
-werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie
-wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die
-Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden
-verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf
-empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern
-hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind
-Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert,
-geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend,
-den Carlisten sich anzuschließen.
-
-Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem,
-auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in
-den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über
-strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen
-Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie
-gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten,
-Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.
-
-So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf
-seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem
-Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords
-Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu
-werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde,
-ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer
-der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf
-menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln von
-seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten
-Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu
-erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen
-Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen
-stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum
-Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee
-zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und
-pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige
-Ortsbehörden verfahren mußte.
-
-Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung
-die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger
-Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes
-Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich
-stäupen und dann aus der Stadt jagen. -- Mina, der General-Capitain
-von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der
-Schandthat gegeben.
-
-Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose
-Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen;
-Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei.
-„Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus
-Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen
-Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren
-Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen
-Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit
-des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster
-Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich,
-das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt,
-dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde
-kein Pardon zugestanden werden soll.“ Als Repressalie aber für den
-Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn
-des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die
-Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen
-erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig
-Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher
-Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.
-
-Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der
-verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was
-lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am
-schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn
-den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder
-Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung
-der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe
-hervorgerufen hatten.
-
-Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über
-Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste,
-wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören
-wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden,
-da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die
-feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen
-Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es
-abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht.
-Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten
-in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,[56] richtete er an den
-General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung
-der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von
-jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30.
-Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen
-und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza
-eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die
-Nationalen erschießend. -- Diese wie die Voluntarios Realistas waren
-+nach dem Gesetze+ stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen
-will, trete in die Armee ein. -- Von den dreißig Frauen, die ferner für
-seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.
-
-Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes
-sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner
-Schlachtopfer sah!
-
-Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das
-Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist
-ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten
-geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den
-besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden
-sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg
-möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht
-vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die
-Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien
-die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten,
-während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz
-unerwähnt blieben.
-
-Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was
-er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam
-ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem
-Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte.
-Vorzüglich litten darunter die Magistrate und Behörden der Distrikte,
-welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden abwechselnd
-ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das Befohlene
-ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, +freiwillig+
-dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber Cabrera mit aller
-Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die Liebe und
-Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so hohem Grade
-besaß.
-
-Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der
-Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die
-Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte
-er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine
-Donnerstimme: „~á ellos, carajo, no hay cuartel~!“ -- Vorwärts, kein
-Pardon! -- Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, blieb
-er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein einziges
-Beispiel von +überlegter+ Grausamkeit mit Ausnahme der natürlichen
-Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie überlegt nennen
-darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.
-
- * * * * *
-
-Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles
-bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener
-Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung
-kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit
-der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante
-schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden,
-worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich
-trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr
-nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.
-
-Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um
-mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und
-Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den
-kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova
-einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete
-Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha
-und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon,
-einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort
-von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem
-Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht
-wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch
-im wirklich carlistischen Gebiete -- in Navarra -- Sicherheit zu
-suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen
-Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten
-Officiers -- des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet,
-von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen
-wollte -- die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten
-nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des
-Schlafes bedurften.[57] In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera
-unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde
-niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera,
-der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz
-Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine
-geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden
-blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen
-treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano -- la Diosa genannt
--- gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße
-verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von
-Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten
-Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen
-zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie
-Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den
-Seinen zu.
-
-Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in
-dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave
-Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte
-des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die
-untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch
-Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und
-Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen
-der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil
-oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch
-welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.
-
-So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen,
-selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz
-Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am
-31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente
-und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten
-zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an
-dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche
-Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden,
-durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur
-Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der
-Stadt erwarteten, um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten
-Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre
-ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth
-anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen
-Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.
-
-Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich
-gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch
-die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von
-Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge
-des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin
-gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen
-exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837
-eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an
-die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach
-den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General
-Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s
-heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten
-vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger
-von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal
-gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet,
-der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest
-standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von
-neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber
-rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon
-de la Plana.
-
-Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche
-Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition
-nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh
-zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.
-
-Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig. Er
-drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar
-bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester
-Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und
-jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu
-leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte
-er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee
-des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell
-wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von
-Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete
-und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die
-reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor
-Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der
-Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten
-entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern
-Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte
-Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero
--- welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons
-Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte,
-um auch sie später zu verrathen -- am 27. April die Festung Cantavieja
-durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache
-Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.
-
-In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die
-zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von
-Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in
-diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie
-je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer
-geworden, dem der erste Feldherr Christina’s -- denn Oráa verdient den
-Namen -- entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und
-disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte, und
-der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine
-reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.
-
-Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,[58] wo er seine
-Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land
-übersäet war -- die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste,
-befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie
-ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können -- eroberte, die
-Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner
-streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder
-das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der
-bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur
-Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten
-ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze
-herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den
-Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing
-dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe,
-dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen
-Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen
-Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang
-ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei
-Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni
-bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr
-gehindert.
-
-Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während der
-Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid
-zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen
-Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee
-sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm
-untergebenen Provinzen antrat.
-
-Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte
-sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca,
-in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien
-der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen
-und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division
-das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich
-umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu
-ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten,
-der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen
-Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie
-nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen
-Reiterei ihn gesichert hätte. --
-
-Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia
-einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers
-über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem
-südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und
-Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges
-kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia
-zurück. -- Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der
-Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben,
-denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.
-
-Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend,
-nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa,
-in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt
-zog General San Miguel, einer der fähigsten Anführer der Feinde,
-von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur
-halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum
-Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren
-Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte.
-Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da
-er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am
-Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des
-südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine
-Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und
-die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. --
-Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.
-
- * * * * *
-
-Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten
-Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken
-Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag
-hervorgebracht haben.
-
-Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später
-zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt
-hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in
-andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem
-Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich
-fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft;
-das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas
-Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone
-blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während
-ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.
-
-Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft,
-der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros
-herrührend, wo der König das Corps des General Buerens vernichtete.
-Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen
-solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem
-feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an
-allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm
-nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen,
-es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine
-geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen
-bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so
-wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl
-als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses
-nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der
-Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit
-im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere
-Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar
-Hungers sterben.
-
-Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe,
-sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.
-
-Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten
-hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang
-spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles,
-was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das
-Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte
-in tödtlicher Entkräftung hin, und -- -- die Überlebenden zehrten
-gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.
-
-Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in
-Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa
-lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die
-Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und -- -- schimpften Cabrera als
-blutgierigen Tiger!
-
- [56] Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke über
- Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach
- seiner Mutter Ermordung gemacht habe.
-
- [57] Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen
- -- täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land -- aus
- eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt
- niedergefallen.
-
- [58] Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt südlich vom
- Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon
- umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon,
- Cabrera untergeben.
-
-
-
-
-XXI.
-
-
-Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der
-königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in
-der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um
-ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte
-bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte
-des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das
-beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone
-aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und
-Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten
-ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in
-die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die
-junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt,
-daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war,
-ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte.
-
-Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef
-dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria
-sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht
-befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe
-aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm
-vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse,
-weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im
-Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat
-nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei;
-weil zwei Colonnen von Burgos und Soria zu ihrer Verfolgung eilten;
-weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen
-Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde,
-welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders
-begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach
-Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen.
-
-Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse
-beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln.
-Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die
-Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen
-das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener
-Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten:
-wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort
-zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche
-Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps
-fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen
-Fehler -- bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen
--- vergessen machte.
-
-Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer
-beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte
-von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete
-sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete
-unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen
-Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu
-ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei
-Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia,
-wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich
-zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein
-jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen
-Festung Morella zu übernehmen.
-
-Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hochgebirge,
-welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen
-Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr
-seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte.
-Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison
-versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen
-Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten
--- im wahren Centrum ihres Gebietes liegend -- nicht selten sehr
-hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll
-entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der
-feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.
-
-Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch
-senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder
-besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete,
-von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte,
-Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange
-des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von
-Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die
-Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine
-ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco
-y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des
-Landes.
-
-So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und
-von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el
-Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend,
-und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um
-die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten
-von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden
-massiven Masadas -- Bauernhöfe, große Scheunen -- besetzten und durch
-geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.
-
-Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen;
-Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt,
-ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der
-rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in
-der ganz verwüsteten Landschaft -- da bei dem Mangel jenes Winters
-die Magazine nichts lieferten -- konnten die nöthigen Lebensmittel
-nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig
-Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da
-weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden.
-Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle
-mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige
-Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das
-fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder
-das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt -- es war
-nur ein Thor der Festung offen -- zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft
-scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen,
-oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten,
-da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz
-unschädlich machte.
-
-Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen
-sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes
-Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr
-sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer,
-ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste
-Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich
-auch hier nicht.
-
- * * * * *
-
-Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der
-Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn
-kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch
-braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat
-mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der
-Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte
-ihrer nicht viele rühmen mag.
-
-„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die
-Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil
-wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß
-wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit
-dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei,
-durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir
-auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells
-uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses ... Wer könnte jene
-furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel
-erregt! -- Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner
-Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und
-dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten
-Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit
-Gottes Hülfe erstiegen werden.“
-
-„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner
-Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber
-für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und
-Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten
-Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu
-her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich
-unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen
-Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit unsere Fürsorge
-und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den
-häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte
-ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten:
-so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig,
-wohin ich sie auch führen mochte.“
-
-„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den
-Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz
-aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel
-über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine
-Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen
-Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er
-wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die
-Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun
-am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht
-länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit,
-der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte,
-mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst
-mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage
-vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau
-das Castell kannte, zum Führer anbot.“
-
-„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht
-der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann
-in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte,
-und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die
-erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem
-Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die
-Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze
-Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth
-fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zurücktrete; aber Alle
-antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen
-nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten
-und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ
-endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem
-ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich
-niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“
-
-„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal
-Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil
-sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des
-Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle,
-wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere
-Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann
-umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine
-Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden
-Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging,
-der Andere ihn schloß.“
-
-„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen
-zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die
-Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam
-vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und
-der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden!
-Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des
-Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten,
-nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte,
-schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten,
-um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken.
-Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter
-auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein
-schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit
-den Leitern bis oben hätte hinkommen können.[59] Dort stiegen wir
-einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden
-hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie
-leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären
-sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an
-den Felsen sich gelehnt hätten.“
-
-„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die
-mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen;
-grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde
-schwebten -- jeder Fehltritt sicherer Tod --, eben so hoch über uns die
-senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht,
-die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der
-unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht
-da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften
-Gastadores[60], die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie
-sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“
-
-„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte
-der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die
-Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf
-der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu
-der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche
-hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß
-er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte
-und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche
-Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf --
-schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt
-in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief
-mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „~cabo de guardia, los
-facciosos~!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“
-
-„Mit lautem ~viva el Rey~ stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann
-stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer
-begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt
-her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch
-den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte
-die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte
-uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten,
-stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, da
-ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl dann,
-rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „~viva el Rey, viva Cabrera!
-acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!~“ durch einander rufen,
-als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung dort oben. Die
-Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus dem Gebäude
-hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu entkommen,
-zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“
-
-„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt
-beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt.
-Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der
-Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die
-Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten
-herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen
-unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“
-
-„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang
-langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor
-vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu
-klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten
-und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der
-Stürmenden hinabrollen, so daß die ganze Felsenwand mit spielend
-hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten
-dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges.
-Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte
-und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich
-beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in
-die Stadt zurück. -- Morella war unser.“
-
-„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die
-braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der
-Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. -- Dann befahl
-ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu
-geben.“
-
-So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur
-und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht
-bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in
-lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; -- und plötzlich ertönte
-wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt,
-das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare
-Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben
-ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten
-waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter
-fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos
-das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. -- Da trat
-geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien
-erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle
-Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme -- das Glück verkündende
-Zeichen des Sieges!
-
-In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre
-Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem
-fliehenden Feinde entgegenzuschicken.
-
- * * * * *
-
-Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten
-Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß
-die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß
-Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache.
-Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen,
-als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. -- Der Gouverneur
-Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo
-führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150
-Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden
-von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und
-eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella
-und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer
-Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm
-achtzehn Mann von derselben gefangen.
-
-Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen
-an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare
-Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein
-finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die
-Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit einem
-Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren Straßen
-jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig Mann unter
-einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um fortan unter
-dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem ~viva Carlos Quinto!~
-ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser Entschluß in
-solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.
-
-Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten,
-sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt
-wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz
-abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau
-bezeichneten Häuser der dem revolutionairen Gouvernement günstig
-Gesinnten[61] zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider
-sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben
-stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig
-den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben,
-weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem
-Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.
-
-Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche
-Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer,
-noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen
-den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von
-Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede
-Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger
-zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters,
-der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der
-Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend
-sich zeigen!
-
-Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in
-Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien
-wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er
-langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den
-Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der
-Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als
-Oberstlieutenant ihn kannte.
-
-So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten
-begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im
-vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches die Grundlage und
-den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte
-er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm
-aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach
-einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt
-am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem
-fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt
-der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie
-Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication
-auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia
-ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu
-steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde.
-
-Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive
-sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung
-gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser
-Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure
-Hülfsquellen sich geöffnet hätte.
-
- [59] Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß.
-
- [60] Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs.
-
- [61] Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau, die der
- Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen!
-
-
-
-
-XXII.
-
-
-Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche
-durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr
-allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich
-die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien
-entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne
-Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen
-und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt.
-
-Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés
-und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie
-nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der
-Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr
-erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich
-machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb
-gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und
-durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war.
-Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten
-an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen
-bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten
-unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten
-Hasses und der Verzweiflung kämpften.
-
-Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella
-genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener
-Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die
-Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur
-Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen -- in den unwegsamen
-Sierras stets der schwierigste Punkt --, nach Lucena durchdrang.
-Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten
-Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende
-Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra
-capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der
-Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der
-bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon
-zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des
-Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher
-durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.
-
-Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage
-zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden,
-wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon
-getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht
-alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens,
-dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch
-Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche
-den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse
-so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er
-unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich
-und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein
-Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die
-Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten
-Districte.
-
-Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz
-Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die
-in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben
-und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die
-Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre
-Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich
-zu bemächtigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. -- Seine
-eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit;
-sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich
-ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die
-Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die
-Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn
-auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.
-
-Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte
-durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte
-das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia
-von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.
-
-Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner
-Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort
-auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die
-Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft,
-vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am
-26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von
-feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne
-Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die
-Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde,
-sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel
-zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der
-Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele
-Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl
-Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der
-Nacht der Division sich anschließen könnten.
-
-Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen
-Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort.
-Wähnend, daß die National-Gardisten der Umgegend sich genähert hätten,
-um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier
-die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den
-Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen,
-falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt,
-die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand
-besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden
-sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit
-den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung
-herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die
-Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem
-andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten
-ergaben sich.
-
-Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier
-Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am
-andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige
-der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere
-füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends
-eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen
-ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die
-Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten,
-worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung
-Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.
-
-Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich.
-Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war
-die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die
-so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich
-gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die
-entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte
-Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu
-zu errichtenden Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour
-ausgezeichnet,[62] war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder
-ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm
-verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals
-hatte er noch nie unabhängig commandirt.
-
-Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne
-nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie,
-was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort:
-„gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen
-und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer
-der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung
-zu nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „~carajo, que tontadas!~“
--- Dummheiten! -- doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die
-Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts
-und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das
-eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten
-Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene
-aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. ~Tambour battant~ kam der
-Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die
-ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte.
-Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos,
-die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur
-Verfolgung zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren
-halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte.
-
-Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der
-neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen
-Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes
-fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der
-ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo;
-er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu
-selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht.
-
-Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie
-wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit
-vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt.
-Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden
-Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division
-warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage
-überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren
-beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken
-Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst
-aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden
-Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die
-Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf
-der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca
-weiterzog.
-
-Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März
-drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß
-mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte
-sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten,
-wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell
-sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem
-Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon ward
-abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte,
-gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100
-Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung
-der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte
-sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging,
-mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis
-Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz
-Aragon.
-
-So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr
-geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so
-bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem
-südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der
-Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division
-von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser
-Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem
-Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung
-beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie
-dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa
-150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri
-noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals
-vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee.
-
-Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung
-seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die
-Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte,
-für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen
-Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die
-Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand
-zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres
-sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen
-Vortheile und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes,
-welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich
-die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu
-können.
-
-Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll
-durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung,
-wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen
-beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen
-Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina,
-Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines
-Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs
-bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem
-Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen.
-
-Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand
-Cabrera gegenüber. --
-
- * * * * *
-
-Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings
-1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges
-energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den
-furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten
-bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen.
-Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das
-carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner
-vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya
-zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine
-Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf
-Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien,
-die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España,
-welcher kaum das Commando derselben übernommen, nur zuchtlose Haufen
-vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen
-mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den
-Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines
-Königs systematisch betreiben.
-
-Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen
-vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte
-in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht
-gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln
-und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die
-concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella
-war.[63] General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana,
-Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor;
-trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon
-und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden
-Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und
-standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden
-stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen
-die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben,
-Tod verkündend winkte.
-
-Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen
-Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines
-untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen
-Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee
-seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu
-machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und
-anzugreifen, die Communicationen ihr abzuschneiden und durch strengste
-Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben.
-
-Er besetzte demnach mit einem kleinen Theile seiner Truppen die Muela
-de la Garumba, eine nahe Morella steil sich erhebende und bis über el
-Orcajo sich hinziehende Bergmasse, die, zum Hochplateau erweitert,
-zur Erhaltung der Verbindung mit Cantavieja von Wichtigkeit war; mit
-den übrigen Bataillonen stellte er theils dem andringenden Oráa sich
-entgegen, theils occupirte er die oft durch Schluchten und über wildes
-Gebirge führenden Wege nach Alcañiz und suchte die Herbeiführung der
-schweren Artillerie und der Convoys möglichst zu erschweren. Seine
-Armee bestand -- einige Rekruten-Bataillone waren unbewaffnet -- aus
-sechszehn Bataillonen in drei Divisionen und aus neun Escadronen,
-da das Lanciers-Regiment von Tortosa dem Grafen de España zu Hülfe
-gesendet war. Dazu kam die castilianische Brigade, jetzt unter Merino’s
-Befehl, und die Trümmer der Expedition von Don Basilio Garcia und Negri
-als ~batallon espedicionario~ und ~escuadron del conde Negri~. Da aber
-die Corps ohne Ausnahme durch die Unglücksfälle der letzten fünf Monate
-sehr geschwächt waren, zählten sie nur 9700 Mann Infanterie, von denen
-1300 -- von Aragon und Tortosa -- die Besatzung der Festung und des
-Castells bildeten. Die Cavallerie enthielt fast 1000 Pferde.
-
-Morella’s Befestigungswerke hatten Nichts mit den Meisterwerken
-eines Vauban oder Coehorn gemein. Ganz abgesehen davon, daß die
-Vertheidigung durch die Lage der Stadt und noch mehr des Castells
-lediglich bohrend wurde, und daß kein vorliegendes Werk die Mauern
-gegen den unmittelbaren Angriff deckte, waren diese schwachen Mauern
-mit den unregelmäßig vertheilten flankirenden Thürmen wohl darauf
-berechnet, dem Stoße des ehernen Widderkopfes zu widerstehen; aber der
-Alles niederschmetternden Gewalt des Pulvers mußten sie augenblicklich
-unterliegen. Und doch waren sie Alles, was Kunst für die Vertheidigung
-der Festung gethan hatte. Desto mehr begünstigten sie ihre Lage und die
-Eigenschaften des sie umgebenden Terrains.
-
-Die Mauer ist rings umher auf ungeheure Felsmassen basirt, welche,
-bald unmittelbar zu ihrem Fuße, bald mehr oder weniger -- doch nur
-unmittelbar neben dem Castell über funfzig Schritt -- vorspringend,
-zwölf, dreißig, an einzelnen Stellen selbst funfzig und mehr Fuß tief
-perpendiculär sich hinabsenken. Sie bilden daher die eigentliche Mauer
-der Stadt, indem sie, sollte auch in das künstliche Werk Bresche
-geöffnet sein, den Sturm fast unmöglich machen oder doch, wo etwa
-einzelne Einschnitte oder Schluchten, die sehr selten sind, weniger
-steil auf die Höhe der Felsen führen, den Stürmenden zwingen, unter
-dem wirksamsten Feuer der Belagerten auf weiten Umwegen emporklimmend
-der Bresche zu nahen. Eben diese Felsbildung macht die Anwendung der
-Minen dem Belagerer unzulässig, während wiederum die Lage der Stadt
-auf hohem isolirten Berge gegen sehr wenige Punkte die Aufstellung von
-Bresche-Batterien erlaubt, da die umliegenden Höhenpunkte fast alle
-entweder zu weit entfernt sind oder, bedeutend niedriger, die Wirkung
-der Geschütze unendlich schwächen, wo nicht ganz vereiteln. Einige
-dieser Höhen sind selbst dem Fußgänger nur mit Gefahr zugänglich, für
-Artillerie also impracticabel.
-
-Der Belagerer hat also, um Bresche zu legen, doppelte Schwierigkeit
-zu überwinden: die Mauer muß von der Stelle, auf der die Batterie
-errichtet werden kann, wirksam zu erreichen sein, und das
-zwischenliegende Terrain muß nach geöffneter Bresche den Sturm
-gestatten.
-
-Solcher Punkte aber findet sich in der That nur einer: nahe dem Thore
-San Miguel im Norden der Stadt, wo, etwa fünfhundert Schritt von ihr
-entfernt, die Höhe la Querola sich erhebt, während der Zugang zu der
-Mauer möglich bleibt; doch ist der Sturm auch hier mit großen Gefahren
-verbunden, da auf Pistolenschußweite ein Felsabsatz erklimmt oder
-die gewöhnliche unter dem Feuer der Festung in starken Windungen zum
-Thore hinaufführende Straße erstiegen werden muß. Dort finden sich denn
-auch dicht neben einander die Spuren mehrerer Breschen. Denn Morella
-war stets von politischer und militairischer Bedeutsamkeit; durch
-seine Lage auf den Grenzen von Valencia, Catalonien und Aragon, deren
-Communicationen es beherrscht, und seines Castells mehr noch als der
-Stadt wegen für wichtige Festung gehalten, hatte es seit den frühesten
-Zeiten während der Kriege der kleinen christlichen Könige unter sich
-und gegen die Araber, wie im Successions-Kriege und in dem Kampfe des
-spanischen Volkes gegen Napoleons Massen manche Belagerung ertragen und
-oft seinen Herrn wechseln müssen.
-
-Nur zwei alte Breschen finden sich an andern Stellen der Mauer. Die
-eine, nicht zweihundert Schritt vom Fuße des Castells entfernt,
-ward durch den General Starhemberg geöffnet -- noch jetzt von den
-Spaniern als ~el gran capitan~ bezeichnet --; sie bot zwar die größte
-Bequemlichkeit zum Sturm dar, da das Terrain zwischen ihr und der
-Batterie ganz eben, aber diese Batterie war kaum hundert Schritt von
-der Festung entfernt, und dicht hinter ihr fällt der Fels wenigstens
-sechszig Fuß furchtbar schroff hinunter, so daß nur ein Fußsteig
-in vielen Windungen hinaufführt. Und ein schwindelfreier Kopf ist
-nöthig, um diesen Fußsteig zu benutzen! Es müssen daher ganz besondere
-Verhältnisse obgewaltet haben -- etwa gänzliche Entblößung der
-Veste von Artillerie -- damit Starhemberg dort am Fuße des Castells
-die Batterie etabliren und die Geschütze entweder jenen Felsen
-hinaufschaffen, oder längs der Mauer auf dem gewöhnlichen Fahrwege in
-die Batterie sie führen konnte. Übrigens war dem wackern Deutschen
-solche Kühnheit dennoch fruchtlos; als die Bresche bei der Annäherung
-einer Entsatzarmee erstürmt war, fand er eine unmittelbar dahinter
-liegende Kirche in einen Abschnitt verwandelt, den er ~à vive force~
-nicht nehmen konnte, so daß er die Belagerung aufheben mußte.
-
-Die zweite Bresche war gerade auf der entgegengesetzten Seite der
-Festung nach Osten hin geöffnet. Eine zu beiden Seiten von wilden
-Felsmassen hoch umgränzte Schlucht, die dem Beschauer durch Kunst
-in den Granit gebildet zu sein scheint, führt sanft steigend bis
-unmittelbar zum Fuße der Mauer, und da der senkrechte Felsen, auf dem
-diese gegründet ist, nur drei Fuß hoch über jenen Einschnitt sich
-erhebt, würde hier im Vergleich mit den andern Seiten der Festung,
-der Sturm sehr leicht sein. Die Batterie dagegen konnte nur auf den
-etwa 700 Schritt entfernten Rocas de Beneito angelegt sein, die,
-selbst von den Bergbewohnern für unzugänglich gehalten, der Placirung
-des schweren Geschützes gewaltige Hindernisse entgegensetzen, deren
-Überwindung mit Bewunderung für die Männer uns erfüllt, welche solches
-vollbracht haben. Auch diese Bresche soll aus den ersten Jahren des
-Erbfolgekrieges herstammen; ich konnte nicht erfahren, von wem.
-
-Die Franzosen fanden die Veste unbesetzt. Als Marschall Suchet in
-der Mitte des Jahres 1813 hinter den Ebro, Valencia räumend, sich
-zurückzog, blieb eine Besatzung von 300 Mann in Morella und schloß
-sich beim Anrücken der Spanier in das Castell ein. Fortwährend von
-einigen Bataillonen blockirt und gelegentlich durch eine Mörserbatterie
-beworfen, hielt sie sich bis zum Anfange des folgenden Jahres, worauf
-sie capitulirte, selbst die Bedingungen vorschreibend. So wie sie aber
-die Stadt betraten, warfen sich die Einwohner auf sie und plünderten
-sie aus; dann wurden sie gefangen fortgeschleppt, anstatt den
-Bedingungen gemäß nach Frankreich geführt zu werden. --
-
-Doch zurück zu 1838.
-
- * * * * *
-
-Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner
-Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem
-weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen
-eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der
-Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem,
-unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen
-bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als
-Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone
-machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit
-überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch
-persönliche Bravour -- er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere --,
-durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder
-der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen;
-und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die
-Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln
-durchbohrt, erbeutet zu haben.
-
-Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche
-an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe
-ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur
-Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des
-Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete.
-
-Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch
-die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche
-Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und
-verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und
-endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im
-Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der
-unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen
-schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es
-reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und
-Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er,
-während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen,
-zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu
-sorgen.
-
-Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen:
-Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und
-in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps
-hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber
-vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur
-möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die
-Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja
-stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran,
-ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes
-Wirthshaus,[64] besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle
-Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von
-letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt
-und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen
-Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und
-zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver
-verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt
-waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der
-Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf
-die äußersten Fälle aufsparen.
-
-Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht
-waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta
-de Monroyo, drei Leguas von Morella, vor, da ganze Divisionen
-unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden
-Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche
-an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den
-vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr
-zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9.
-fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden
-Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager
-hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen
-der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern
-behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der
-Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze -- acht Kanonen
-und drei Mörser -- aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr
-Feuer gegen die Mauern der Stadt.
-
-Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden
-Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung
-und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als
-Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte,
-welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst
-befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung
-gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte; er
-verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in Forts und
-traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder sonstigem
-Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser zu öffnen,
-da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der Abwesenheit
-der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen führte, denen
-jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison, der Elite des
-Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert ~voluntarios
-realistas~ aus den Bürgern von Morella angeschlossen, die während der
-ganzen Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die übrigen Einwohner
-waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste befürchtend. Alles,
-was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale, das einzige
-bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von der hohen
-Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn auch als
-Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht zum Dienste
-berufene Mannschaft dienen.
-
-Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim
-Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem
-obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre
-Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte,
-daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet
-war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer
-zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die
-Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie
-ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser
-und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in
-ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige
-in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten
-empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren
-tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt,
-und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der
-Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte.
-
-In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf
-Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke
-Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern
-besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite
-Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen
-Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese Arbeit
-kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend
-lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte.
-
-Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit
-Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten.
-
- [62] Es ist sehr natürlich, daß in höheren Chargen Männer sich
- fanden, die eben nur brav waren, da ja nebst Ausdauer die
- Bravour das hauptsächlichste Erforderniß des Guerillero in den
- ersten Kriegsjahren war. -- Später zeigte sich der Scharfblick
- der Commandirenden in der Art, wie sie jeden Officier dahin zu
- postiren wußten, wo seine individuellen Gaben am meisten in
- Wirksamkeit traten.
-
- [63] Die Bewegungen und Gefechte der beiden Heere und der einzelnen
- Divisionen sind vom General Baron von Rahden in seinem Werke
- über „Cabrera“ genau und im Detail gegeben.
-
- [64] Alle Gebäude in diesem Theile Spaniens sind massiv.
-
-
-
-
-XXIII.
-
-
-Die Lage der christinoschen Armee vor Morella wurde mit jeder Stunde
-schwieriger. Der empfindlichste Mangel an Lebensmitteln machte sich im
-Lager geltend, die Transporte, welche mit großen Opfern herbeigeschafft
-werden konnten, reichten nicht mehr hin für so gehäufte Bedürfnisse,
-und als dann Llagostera, der fortwährend auf der Communications-Linie
-mit Alcañiz operirte, den letzten, sehnlich erwarteten Convoy auffing
-und fast ganz verbrannte, blieb dem Heerführer der Christinos nur die
-Alternative: „Einnahme der Festung oder rascher Rückzug.“ Oráa ließ
-die Bresche recognosciren, nachdem er nochmals umsonst die Besatzung
-zur Übergabe aufgefordert hatte. Der Ingenieur meldete, daß sie
-practicabel, wiewohl sehr schwer zu ersteigen sei; daß aber die hinter
-ihr aufgeführte Brustwehr jeden Erfolg sehr zweifelhaft mache. Da
-keine Wahl blieb, wurde der Sturm auf die Nacht vom 15. zum 16. August
-festgesetzt.
-
-Um Mitternacht rückten die Colonnen der Stürmenden vorwärts. Die erste
-wandte sich gerade gegen die Bresche und gelangte unbemerkt bis an
-den Fuß der hier nicht hohen Felswand, welche sie ersteigen mußte;
-die andere unter Leitung des früheren Gouverneurs der Stadt, Oberst
-Portillo, zog den Fahrweg hinan; zwei kleinere Haufen zur Rechten
-und zur Linken waren bestimmt, die Aufmerksamkeit der Belagerten zu
-theilen. -- Diese hatten die Compagnien Grenadiere von Tortosa und
-Jäger der Guiden von Aragon mit dem schweren Werke der Vertheidigung
-der Bresche beauftragt, während die Reste dieser Bataillone zu beiden
-Seiten die Thürme und die Schießscharten der Mauer besetzt hielten.
-Drei andere Bataillone von Tortosa und Aragon, am Abend in die Stadt
-gezogen, waren als Reserve in Masse aufgestellt, um sich sofort auf
-den eingedrungenen Feind zu werfen, oder standen in den barrikadirten
-Häusern längs der Angriffsfront.
-
-Die Sappeurs arbeiteten indessen thätig an den Abschnitten, die
-allenthalben in der Stadt geöffnet wurden, und richteten die
-terassenförmig dem Umfange des Castells parallel laufenden Straßen
-zur Vertheidigung ein; die ~voluntarios realistas~ bewachten rings
-die Mauer. Da der Sturm mit Zuversicht erwartet wurde, befand sich
-Jedermann seit dem Anbruche der Nacht auf seinem Posten. Auch Graf
-Negri, selbst Alles überwachend, logirte in dem der Bresche nächsten
-Thurme; er ermahnte die Freiwilligen, nicht eher Feuer zu geben, bis
-der Feind den Fuß der Bresche erreicht habe.
-
-Da ward das Geräusch der nahenden Massen gehört. Rasch entzündet
-wirbelte der ungeheure Holzstoß seine Flammen gen Himmel, die ganze
-Weite der Bresche in züngelnde Gluth hüllend und weit in die Nacht
-hinaus leuchtend. Kaum funfzig Schritt von der Bresche waren die Feinde
-entfernt. Sie hielten einen Augenblick hinter dem Felsenabsatz, dann
-schwangen sie sich mit wildem Gebrüll hinauf und stürmten rasend den
-Feuerwogen zu, die ihnen entgegenzuckten; von den Musikchören der
-ganzen Armee erschallte zugleich die Revolutions-Hymne Riego’s, zu
-fanatischer Wuth sie zu entflammen, während alle Regimenter, die Blicke
-auf das furchtbar erhabene Schauspiel gerichtet, in Schlachtordnung
-aufgestellt waren. -- Todtenstille herrschte in der Stadt; der
-blutrothe Schein der Flammen zeigte den Anstürmenden die dunkeln Massen
-der Carlisten ihrer harrend, die Gewehre zum Schuß bereit.
-
-Mit Muth griffen die Christinos an, deren beste Bataillone ausgewählt
-waren. Unter dem lauten Rufe: „~viva Isabel segunda! viva la
-constitucion!~“ erreichten sie den Fuß der Bresche, schon betraten
-sie die Trümmer, da übertönte ihr Geschrei und das Prasseln des
-Scheiterhaufens donnernd das Commandowort „Feuer!“ Die ersten Reihen
-der Stürmenden lagen zu Boden gestreckt, aber gleich fest drangen die
-Nachfolgenden über die Leichen ihrer Cameraden vorwärts. Die Kugeln aus
-der Bresche und von der Mauer zu beiden Seiten schlugen sie nieder, und
-nach langem vergeblichem Streben, die Trümmer zu erklimmen, wichen die
-Ermüdeten hinter die schützende Felsenwand zurück.
-
-Auch Portillo’s Colonne war mit Festigkeit vorgerückt. Eine finstere
-Masse erstieg sie langsam den vielfach sich schlängelnden Fahrweg,
-anfangs unbelästigt, da Aller Augen auf die Bresche gerichtet waren,
-deren helle Gluth malerisch die grausige Scene erleuchtete. Aber
-bald sprüheten die Mauern auch auf sie Tod und Zerstörung hinab.
-Unerschüttert drang die Colonne auf ihrem gefährlichen Marsche vor, der
-in der wirksamsten Schußweite längs einem Theile der Mauer hinführte;
-das Feuer wurde mit jedem Augenblicke heftiger, große Steine wurden
-von den Thürmen des San Martin-Thores herabgeschleudert, und die
-Soldaten fielen in dichten Haufen. Da stand die Colonne regungslos,
-weder vordringend noch weichend, als Oberst Portillo wüthend vorwärts
-stürzte: von den Seinen verspottet und verachtet hatte er geschworen,
-die schimpflich verlorene Veste zu nehmen oder unter ihren Mauern
-zu sterben. Sein Schwur ward erfüllt. Mit wildem Fluche schleuderte
-er seinen Degen über die Mauer hinein in die Stadt, die er nicht zu
-bewahren gewußt, und sank gräßlich lästernd, von fünf Kugeln zum Tode
-getroffen. Als der Führer gefallen war, stürzte die Masse gelichtet und
-schwankend zurück und vereinigte sich, rechts sich schiebend, hinter
-dem Felsen mit den Gefährten, die so eben von der Bresche gewichen
-waren. -- Oberst Portillo blieb am Fuße der Mauer liegen.
-
-Bald waren die Truppen von neuem geordnet und durch ein Bataillon
-verstärkt, das gefürchtetste der christinoschen Armee: die Jäger von
-Oporto, aus deutschen Abenteurern bestehend, waren zum Sturm beordert.
-Wieder erklimmte die Masse den Felsen und stürmte gegen die Bresche,
-nicht mehr in der majestätischen Ordnung wie vorher, -- wild und
-gedrängt mit fanatischem Freiheitsgeheule; nur die Fremden schritten
-lautlos und fest wie zur Parade nach dem gleichmäßigen Tacte der
-herüberrauschenden Janitscharen-Musik. Wieder wurden die Trümmer der
-Bresche mit den Leichen der Wüthenden bedeckt, und zerstreut flohen die
-Verschonten. Die Jäger von Oporto allein wichen nicht, sie erstiegen
-die Bresche, oben auf ihr, von Flammen umspielt, suchten sie den Weg
-durch die brennenden Stoffe und stürzten dort unter den tödtlichen
-Kugeln in die Gluth. Doch das Feuer vor ihnen und dahinter eine neue
-Mauer, Verderben speiend, machte alle Anstrengungen vergeblich: die
-Deutschen wichen, Morella war gerettet.
-
-Umsonst ermunterten die Officiere ihre Compagnien zu nochmaligem Sturm,
-finsteres Schweigen antwortete ihren Bitten, ihren Drohungen, und die
-Soldaten rührten sich nicht hinter dem Felsen, der sie deckte. Um drei
-Uhr Morgens zogen die abgeschlagenen Truppen entmuthigt und die Reihen
-gelichtet ins Lager zurück.
-
- * * * * *
-
-Der 16. August verging unter steten, blutigen Scharmützeln der beiden
-Armeen, da die Carlisten so eben einen Transport Pulver erhalten
-hatten; zugleich spielte die Artillerie fortwährend gegen die
-Festung, den neuen letzten Versuch der Christinos vorzubereiten und
-die Ausbesserung der Bresche zu verhindern. Denn noch einen Versuch
-wollte Oráa machen und zwar ohne Aufschub: seine Soldaten aßen seit
-drei Tagen nur geröstetes Korn, die Pferde hatten alles Getreide der
-Felder aufgezehrt und fielen schon häufig. Der Sturm sollte bei Tage
-unternommen werden, da die Führer der beim ersten Angriffe angewendeten
-Corps das Mißlingen desselben der Verwirrung im Dunkel der Nacht
-und dem Umstande zuschrieben, daß weder die Braven durch Hoffnung
-auf Auszeichnung getrieben wären, noch die Feigen Schmach und Strafe
-gefürchtet hätten, weil ja beide unbekannt blieben.
-
-Am 17. August bei Anbruch des Tages gaben drei Kanonenschüsse das
-Signal zum Sturm. Dreizehn Bataillone griffen in fünf Colonnen die
-Festung von drei Seiten an; aber nur die gegen die Bresche gerichtete
-Masse, die Regimenter Ciudad-Real und Ceuta, kämpfte brav. Sie gelangte
-auch dieses Mal bis auf die Trümmer -- der Kugelregen trieb sie wieder
-und wieder zurück, bis endlich Muthlosigkeit die Schaar ergriff, da sie
-ihre Chefs und die besten Officiere fallen sahen. In wilder Verwirrung
-flohen sie dem verschanzten Lager zu, mit Kraft von den Bataillonen
-Guiden und Tortosa verfolgt, welche unter des Grafen Negri Führung,
-durch die Bresche hinabsteigend, auf die Fliehenden sich warfen und
-ihnen ein leichtes Geschütz abnahmen. Die zur Escalade bestimmten
-Colonnen hatten nirgends den Fuß der Mauer erreicht.
-
-Nachdem Oráa am 17. wiederum die Stadt mit allen Mörsern und Haubitzen
-beworfen und dadurch unnütz große Verwüstungen unter den Häusern
-angerichtet hatte, brannte er während der Nacht alle Masadas der
-Umgegend nieder und begann am 18. den Rückzug auf Alcañiz, die
-Unternehmung aufgebend, die er mit so unendlichem Aufwande vorbereitet,
-deren Erfolg er als unfehlbar verkündet hatte.
-
-Da, wie gesagt, die carlistische Armee ganz von Munition entblößt war
--- jeder Soldat erhielt am 18. Morgens eilf Patronen von einem gerade
-angelangten Transport -- kehrte Cabrera nach Morella zurück, die
-weitere Verfolgung oder vielmehr Beobachtung der abziehenden Feinde
-der Division von Castilien unter Merino überlassend, nachdem er sie am
-18. und 19. von Position zu Position, fast immer mit dem Bajonnett,
-gedrängt und einige hundert Gefangene ihnen abgenommen hatte. Den
-Truppen war auch nicht eine Patrone geblieben. Eben dieser empfindliche
-Mangel, durch den Cabrera verhindert wurde, den errungenen Vortheil bis
-zur Vernichtung des christinoschen Heeres zu verfolgen, war auch die
-Ursache, daß der General während der letzten Tage der Belagerung mit
-den Divisionen eine ganz secundäre Rolle spielte und besonders während
-der Stürme, bei denen energisches Handeln von außen her entscheidend
-sein konnte, als nur passiver Zuschauer dastand. Wie oft dankten
-die Feinde des Königs ihre Siege oder ihre Rettung dem ungeheuren
-Mißverhältnisse zwischen den materiellen Mitteln der kämpfenden Heere!
-
-Dennoch waren die Folgen des mißlungenen Unternehmens gegen Morella
-unberechenbar. Die feindliche Armee hatte in den tausendfachen Kämpfen
-und Strapatzen der letzten vier Wochen einen Verlust von 7000 bis 8000
-Mann, einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke, gehabt, von denen
-über 5000 auf dem Kampfplatze oder in den Hospitälern in Folge der
-Verwundung durch bronzene Kugeln starben.
-
-Durch gänzlichen Mangel an Blei waren nämlich die Carlisten genöthigt,
-jedes Metall, welches sie erlangen konnten, zu ihren Flintenkugeln
-zu benutzen, so daß, wenn nicht augenblicklich Hülfe kam, durch das
-Ausscheiden von Gift in der Wunde diese tödtlich werden mußte. Oráa
-protestirte gegen den Gebrauch solcher Kugeln als dem Völkerrechte
-zuwider, worauf Cabrera sich bereit erklärte, sofort der gewöhnlichen
-Kugeln ausschließlich sich zu bedienen, wenn ihm Oráa das zum Guß
-derselben nöthige Blei verabfolgen ließe. Da auf diese Forderung weiter
-keine Antwort erfolgte, fand die Anwendung der tödtlichen Geschosse
-ferner Statt. Die revolutionairen Blätter aber schrien über die
-Barbarei und Unmenschlichkeit des Feindes, der solche Waffen gebrauche!
-
-Jenem ungeheuren Verluste der Christinos gegenüber hatte die
-carlistische Armee während der Dauer der Belagerungs-Operationen nur
-1400 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt, wie denn alle Umstände
-solche Ungleichheit natürlich machten.
-
-Weit höher jedoch als dieser materielle Vortheil war der in seinen
-Folgen so viel wichtigere moralische Einfluß zu schätzen, welchen die
-Aufhebung der Belagerung von Morella auf die beiden Heere, dann auf das
-Volk und auf den Krieg ausübte. Der Nimbus der Unwiderstehlichkeit war
-nun von der Armee der Christinos gewichen, denn bis dahin rühmte sie
-sich, daß, wohin ihre Massen sich wendeten, sie immer durchdrängen und
-die leichten Schaaren der Facciosos zerstieben machten oder vor sich
-niederschmetterten; sie behaupteten, daß die Carlisten im geregelten
-Kampfe ihnen nie widerstehen, ihrem Sturme nie Stand halten könnten;
-sie pochten auf ihre Organisation und Massen-Taktik und schrieben
-die einzelnen Siege, welche sie den noch immer als Horden und Banden
-bezeichneten Feinden zugestanden, nur der Überraschung und der
-Benutzung des günstigen Terrains zu.
-
-Jetzt änderten sie plötzlich ihre Sprache gegen und über jene
-verachteten Schaaren. Eine Unternehmung, zu der die Blüthe der Armee
-unter allen ihren ausgezeichnetsten Generalen sich vereinigt hatte, und
-für welche die umfassendsten Vorbereitungen getroffen waren, war ganz
-mißlungen; eine Operation, bei der sie ihre gerühmte Überlegenheit so
-vollkommen entwickeln konnten, hatte in entschiedener, schimpflicher
-Niederlage geendet. Das Selbstvertrauen der Christinos war dahin, und
-mit ihm schwanden alle die Vorzüge und die moralische Macht, die sie
-noch immer behauptet hatten. Die Armee des Centrum, wiewohl sogleich
-durch mehrere Brigaden der Nordarmee und aus dem Innern verstärkt,
-erlangte jene Überlegenheit nie wieder.
-
-Dagegen erkannten die Freiwilligen, was sie vermochten, und die
-Vortheile anerkennend, welche die Organisation und militairische
-Ausbildung der Feinde neben ihren großen materiellen Hülfsquellen
-ihnen gaben, hielten sie sich jetzt für unüberwindlich, da sie ja über
-das Alles so herrlichen Sieg davongetragen hatten. Das Volk aber sah
-von nun an die Sache der Carlisten als die entschieden siegreiche;
-demnach wagte es entweder offener seine Neigung darzuthun, oder es
-schmiegte sich leicht unter das ihm unabwendbar scheinende Verhängniß.
-
-Die Folgen aber dieses Schlages für die Operationen der Armeen und
-für den Krieg im Allgemeinen waren von entscheidendem Gewichte; der
-Verrath eines Maroto war nöthig, um sie zu paralysiren. Der ganze große
-Vernichtungsplan der Feinde war vereitelt, in sich zusammengefallen;
-sie sahen sich nicht nur im westlichen Spanien geschlagen und selbst
-schwer bedroht, auch Espartero gab auf die Nachricht davon sogleich
-sein Unternehmen auf Estella und auf Navarra auf, zu seiner alten
-Unthätigkeit zurückkehrend. Die müssigen Schreier der Puerta del Sol,
-die im Voraus gejubelt hatten, wagten nun, den greisen Führer der
-Armee des Centrum, den General, der Alles gethan, was der General
-thun konnte, weil er eine Niederlage erlitten hatte, als Verräther
-zu bezeichnen und des Einverständnisses mit Cabrera zu zeihen.
-Wenige Wochen vorher war er der Held, auf den allein sie vertrauten,
-überschüttet mit Preis und Schmeichelei. Das ist der Liberalismus der
-Spanier!
-
-Den General Cabrera belohnte seines Königs Gnade für so herrlich
-errungene Erfolge durch den Titel des Grafen von Morella, den das
-Cabinet Maria Christina’s für Oráa, den Sieger, bestimmt hatte;
-zugleich ward er zum General -- ~teniente general~, dem General der
-Infanterie oder der Cavallerie entsprechend -- ernannt, als welcher er
-die Provinzen Aragon, Valencia, Murcia und Cuenca commandirte. Fünf
-Jahre hatten dem armen Studenten hingereicht, um in der Vertheidigung
-der Rechte seines Königs von Stufe zu Stufe die höchsten Grade und
-Ehren sich zu verdienen und, gefürchtet vom Feinde, die Hoffnung
-der Seinen, an der Spitze eines von ihm selbst im Kampfe gegen
-die Usurpation gebildeten Heeres über vier mächtige Provinzen zu
-herrschen;[65] in fünf Jahren hatte der unbekannte Jüngling, der mit
-einem Stock bewaffnete Guerrillero, europäischen, geschichtlichen Ruhm
-sich erworben.
-
-Auch die Armee ward nach dem Vorschlage des Generals reich belohnt;
-die Divisions-Chefs und Brigadiers Don Domingo Forcadell und Don Luis
-Llagostera, der ganz besonders durch Thätigkeit und Einsicht sich
-hervorgethan hatte, wurden zu General-Lieutenants -- ~mariscales de
-campo~ -- erhoben und als zweite commandirende Generale den einzelnen
-Provinzen vorgesetzt.
-
-Die Armee unter dem Oberbefehle des Grafen von Morella bestand nach der
-Belagerung von Morella aus folgenden Truppen.
-
-Die Division vom Ebro, unter dem unmittelbaren Befehle des Generals en
-Chef, enthielt die Brigade von Tortosa, 3 Bataillone unter dem Oberst
-Palacios, stets um die Person des Generals und von den übrigen Truppen
-als seine Garde bezeichnet; und die Brigade von Mora, 2 Bataillone
-unter Oberst Feliu, nebst dem Regiment Lanciers von Tortosa, unter
-Oberst Gil. 3200 Mann Infanterie und in 4 Escadronen 350 Pferde.
-
-Die Division von Aragon unter dem Mariscal de Campo Llagostera bestand
-aus 6 Bataillonen, durch die Verluste des Frühjahres sehr geschwächt,
-und 2 Regimentern Lanciers, 2400 Mann Infanterie und in 5 Escadronen
-330 Pferde.
-
-Die Division von Valencia zählte 6 Bataillone und ein Regiment Lanciers
-unter dem Mariscal de Campo Forcadell. 3800 Mann Infanterie und in 4
-Escadronen 320 Pferde.
-
-Die Division von Murcia -- früher del Turia und unter Tallada
-vernichtet -- unter dem Oberst Arnau ward organisirt und enthielt
-jetzt 2 Bataillone und 2 Escadrone. 700 Mann Infanterie und 120 Pferde.
-
-So sah sich Cabrera an der Spitze von etwa 10000 Mann Infanterie und
-1100 Pferden. Dazu kamen das Artillerie- und das Genie-Corps, letzteres
-bis dahin nur aus Sappeurs mit nicht wissenschaftlichen Officieren
-bestehend, und die ~voluntarios realistas~, welche ihre Wohnsitze
-nicht verließen, nebst einigen kleinen Freicorps, die kaum 200 Mann
-stark waren.
-
-Merino marschirte alsbald mit den Bataillonen von Castilien ab; ebenso
-kehrten Graf Negri und Don Basilio mit den Reitern des ersteren durch
-einen kühnen Zug nach Navarra zurück. Don Basilio’s 200 Mann traten zur
-Brigade von Tortosa über.
-
- [65] Denn Cabrera herrschte in ihnen; nur die festen Städte
- gehorchten dem Feinde.
-
-
-
-
-XXIV.
-
-
-Oráa hatte die Belagerung von Morella aufgehoben. Die Beobachtung des
-geschlagenen Feindes der Division von Castilien überlassend, eilte
-Cabrera mit zwei Divisionen der fruchtbaren Huerta von Valencia zu,
-den glorreichen Sieg thätig zu benutzen: am 24. August schon stand er
-vor den Thoren der Hauptstadt, die wenige Tage vorher durch glänzende
-Feste die Eroberung von Morella gefeiert hatte, da die Nachricht davon
-als unzweifelhaft verbreitet war. Auch jetzt empfing das Jubelgeläute
-aller Glocken die carlistische Armee, denn Niemand zweifelte, daß der
-wilde Cabrera nach dem Verluste seiner Festung und geschlagen vor
-dem siegreichen Heere Christina’s auf der Flucht begriffen sei und
-unmittelbar von demselben verfolgt werde.
-
-Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall
-Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und
-Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit
-den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des
-Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen
-Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im
-Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von
-Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten
-und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf
-dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen!
-
-Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich
-Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf
-die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s gleichfalls nach dem Königreiche
-Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den
-Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während
-Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne
-hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition
-waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen
-Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die
-von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch
-Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem
-Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen.
-
-Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch
-befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der
-Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés
-beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber
-durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen
-wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne
-Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken
-erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte.
-
-General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den
-gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde,
-verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen.
-An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des
-Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle
-spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister
-General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die
-Ursachen jener Niederlage zu erforschen.
-
-Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora
-den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken
-maurischen Castell auf dem südlichen Ufer jenes Flusses, welches er
-sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen
-Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des
-drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa
-schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen
-Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte
-jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung
-während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro
-zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine
-Artillerie nach Miravet gesendet hatte.
-
-Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges
-Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden
-Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des
-Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset
-befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division
-vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset
-belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines
-legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer
-herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen
-möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte
-die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf
-jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für
-Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und
-eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden
-erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen,
-ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“
-
-Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen
-Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt
-entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich
-zu, da sie bei den unter den Posten nicht ungewöhnlichen Gesprächen
-sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für
-Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der
-gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete
-und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu
-den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich
-nicht.
-
- * * * * *
-
-Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt
-war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung
-mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer
-zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale,
-einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst
-günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in
-den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während
-Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte.
-
-Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der
-ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen,
-brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von
-Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch
-aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings
-Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen.
-Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf
-erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der
-Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so
-daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte
-die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von
-Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700
-Pferde stark.
-
-Da Cabrera mehrere Bataillone von Aragon erwartete, verließ er am
-Morgen des 1. Octobers seine Stellung, um die Vereinigung mit ihnen
-zu erleichtern. Zugleich brach auch Pardiñas von Maella auf, um den
-Heranmarsch der Verstärkung zu begünstigen, die von Caspe aus zu ihm
-stoßen sollte.[66]
-
-Von Maella nach Favara, Südwest zu Nordost, erstreckt sich ein etwa
-drei Stunden langer Höhenzug, dessen obere, ganz kahle Fläche, ein
-Hochplateau bildend, in seiner größten Breite -- anderthalb Stunden
-von jedem der beiden Orte -- etwa eine halbe Stunde beträgt. Die
-Verbindungswege zwischen ihnen laufen zu beiden Seiten dieser Höhe in
-dem Grunde der sie cotoyirenden Thäler hin, von dem das nordwestliche,
-in dessen Tiefe das Flüßchen Nonaspe sich hinschlängelt, reich bebaut
-und hauptsächlich mit Weingärten und mit Olivengehölzen bedeckt ist,
-auch ist die Höhe dorthin sehr sanft abgedacht. Das andere südöstliche
-Ravin ist durch steil abfallende Wände gebildet und durch rauhe,
-vorspringende Felsmassen verengt; es ist mit Ausnahme von wenigen
-Olivenbäumen ganz ohne Cultur.
-
-Pardiñas, die von Caspe herführenden Wege zu decken, schlug natürlich,
-links sich wendend, den Weg längs dem Flusse ein, um nach der
-Vereinigung mit der erwarteten Verstärkung Cabrera anzugreifen,
-während dieser, ohne von der Absicht und dem Ausbruch jenes Generals
-Nachricht zu haben, von Favara aus gleichfalls links das schroffere
-südöstliche Thal hinabzog, da die Bataillone, denen er die Hand reichen
-wollte, von Süden her naheten.
-
-Die Eclaireurs der beiden Corps, längs den Flanken der Marschcolonnen
-schwärmend, trafen sich auf der Mitte des Plateaus und eröffneten
-alsbald das Feuer. Die beiden Generale schickten den Kämpfenden
-Verstärkung auf Verstärkung und zogen sich, ihrem Vortrabe folgend,
-nach und nach auf die Höhe des Plateaus, wo die Divisionen in
-Schlachtordnung auf einander stießen, so daß die Avantgarde einer jeden
-der Arrieregarde der andern gegenüberstand, welche die Christinos
-jedoch bedeutend zurückgehalten hatten. Die Front der Carlisten war
-jetzt nach Norden gerichtet.
-
-Die feindliche Cavallerie der Avantgarde stürzte sich auf die beiden
-Bataillone von Mora, welche den rechten Flügel der Carlisten bildeten,
-durchbrach sie, noch nicht geordnet, und säbelte sie furchtbar nieder.
-Das Regiment von Tortosa sprengte zu ihrer Rettung herbei, und sie
-konnten, von den Guiden von Aragon aufgenommen, sich rasch formiren
-und wieder vordringen. Die Lanciers von Tortosa aber wurden durch
-einen neuen, heftigen Choc gleichfalls geworfen und verloren eine
-große Zahl Todter, da die Christinos Alle, welche sie einholten, mit
-dem Rufe: „heute giebt es keinen Pardon für Euch!“ erbarmungslos
-niederstachen, wiewohl diese, von den Pferden springend, sich gefangen
-gaben.[67] Zugleich griff Pardiñas mit seiner Infanterie des Centrum
-die Bataillone von Tortosa an, welche auf vierzig Schritt Entfernung
-mit Bataillons-Salven die Massen empfingen und dann mit dem Bajonnett
-ihnen entgegenstürmten. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück.
-Die braven Tortosiner wichen nicht, und die Bataillone von Cordova
-und Afrika, eben so brav, drangen immer wieder zu wildem Angriffe. So
-ward die Infanterie beider Corps in furchtbarem Handgemenge vermischt,
-aus dem die Losungsworte ~viva Carlos quinto! und viva Isabel
-segunda!~ verwirrt durch einander tönten, da nicht eine einzige
-Compagnie in sich geschlossen geblieben war.
-
-Cabrera erkannte, daß der Augenblick der Entscheidung da war: ein
-Cavallerie-Angriff in solchem Chaos mußte Wunder thun. Er beorderte
-einige der Escadrone herbei, die so eben auf dem rechten Flügel die
-Fortschritte der feindlichen Reiter wieder gehemmt hatten. Aber ehe sie
-anlangten, stürzte er, schon leicht verwundet, an der Spitze seiner
-Ordonnanzen, kaum 60 Reiter, in die Mitte des Getümmels der Infanterie,
-mit dem Rufe: «~hay cuartel, abajo las armas!~» -- es giebt Pardon,
-nieder mit den Waffen! -- die Christinos betäubend. Die verwegene
-That hatte den herrlichsten Erfolg. Die Feinde überall mit der
-Infanterie von Tortosa gemischt, konnten sich nicht in Massen formiren;
-allgemeine Bestürzung, panischer Schrecken ergriff sie, und Pelotons,
-Compagnien und ungeordnete Haufen, wie sie aus dem Handgemenge sich
-vereinigen konnten, streckten die Waffen, Alles verloren wähnend,
-da sie die Cavallerie der Carlisten in ihrer Mitte sahen. Wenige
-flohen. Die Ordonnanzen und die herangezogenen Escadrone von Tortosa,
-der Infanterie das Werk der Entwaffnung überlassend, jagten an dem
-erstarrten Haufen der Christinos vorüber, die zagend die Gewehre
-niederwarfen, bis sie wieder und wieder die ganze Linie durchkreuzt
-hatten.
-
-In einer Viertelstunde war das Unglaubliche vollbracht. Zugleich
-warf sich der linke Flügel Cabrera’s auf den zurückgezogenen, auf
-dem Abhange stehenden Nachtrab der Feinde, bei welchem sämmtliche
-Bagage sich befand. Er war sofort zerstreut und floh in gränzenloser
-Verwirrung auf Caspe, die Vernichtung der schönen Division verkündend,
-worauf die zur Verstärkung derselben bestimmten Truppen dort blieben.
-
-Pardiñas hatte sich umsonst bemühet, das Gefecht wieder herzustellen;
-in Verzweiflung stürzte er mit der Cavallerie des linken Flügels zur
-Rettung seiner schon aufgelöseten Bataillone, aber die Escadrone wurden
-durch die Festigkeit einiger Compagnien von Tortosa geworfen und durch
-einen Chor der Lanciers ganz zerstreut und, in die Schlucht gedrängt,
-größtentheils gefangen. Bald war an die Stelle des wilden Tumultes
-majestätische Ruhe getreten, nur durch den jubelnden Siegesruf: ~viva
-el Rey!~ unterbrochen.
-
-Schon verwundet, das Pferd unter ihm getödtet, floh Pardiñas allein
-und zu Fuß dem Ravin zu, durch welches Cabrera’s Armee heraufgezogen
-war. Vom Oberstlieutenant Rufo, einem Adjudanten des Generales, zu
-Pferde verfolgt, gelangte er bis zu dem Grunde des Thales, vermochte
-aber, geschwächt durch Blutverlust, nicht mehr, die entgegengesetzte,
-steile Höhe zu ersteigen. Er ergriff das Gewehr eines Grenadiers, der
-gleichfalls fliehend an ihm vorübereilte, und zerschmetterte durch
-einen Schuß den Arm Rufo’s, da dieser ihn aufforderte, sich zu ergeben.
-Das Feuer hatte schon ganz aufgehört; so zog dieser vereinzelte Schuß
-einige Ordonnanzen herbei, welche, den Adjudanten ihres Generales
-verwundet sehend, den feindlichen Anführer niederhieben, wiewohl er als
-Pardiñas sich kund gab.[68]
-
-Oberstlieutenant Rufo, mit einer Schwester des Grafen von Morella
-verlobt, starb einige Wochen nach der Action in Valderobles, da die
-sogenannten Wundärzte nicht sogleich zur schwierigen Amputation
-geschritten waren. Die Nachricht von der Verwundung des Geliebten warf
-seine Braut, die liebenswürdigste von den drei reizenden Schwestern
-des Generals, auf das Krankenlager; sie überlebte nur um einen Tag die
-Schreckenskunde von seinem Tode.
-
-Der Sieg nach einstündigem, furchtbarem Ringen war vollkommen. 3500
-Mann waren gefangen, über 4000 Gewehre, zwei Geschütze, 350 Pferde und
-die ganze reiche Bagage wurden auf dem Schlachtfelde erbeutet. Nur 800
-bis 900 Mann, zum Theil unbewaffnet, entkamen nach Alcañiz und Caspe,
-wo sie die größte Bestürzung verbreiteten, die bald durch das ganze
-christinosche Spanien wiederhallte. -- Der Verlust der Carlisten war
-sehr bedeutend, wie solcher Kampf ihn mit sich brachte, sie zählten
-ungefähr 1200 Mann Todter und Verwundeter, ein Viertel ihrer ganzen
-Stärke.
-
-Nach dem Siegestage von Maella entsendete Cabrera drei Bataillone und
-zwei Escadrone unter dem Oberst Polo nach Castilien, wo sie bis in die
-Mancha vordrangen und, ohne Widerstand zu finden, einen großen Convoy
-von Lebensmitteln sammelten -- der Winter war ja nahe. -- Er selbst
-durchstreifte mit der Division vom Ebro Nieder-Aragon bis an die Thore
-von Zaragoza, während sein Adjudant, Oberst Garcia, der wegen seiner
-mannichfachen militairischen Kenntnisse bei dem gänzlichen Mangel an
-Genie-Officieren[69] deren Functionen versah, die Blockade von Caspe
-leitete. Llagostera aber drang von neuem in die Ebene von Valencia und
-bis in das Königreich Murcia vor; bei seiner Rückkehr traf er auf den
-General Borso und ward am 2. December bei Chiva geworfen, wobei er
-etwa 200 Gefangene einbüßte, welche erschossen wurden, da schon das
-Repressalien-System in Kraft getreten war. Doch später davon.
-
-So wie das Belagerungsgeschütz dort anlangte, war Cabrera nach Caspe
-geeilt; er ließ sofort die Batterien errichten, beschoß die Stadt
-kräftig und hatte sich schon in einigen Häusern unmittelbar neben der
-Mauer festgesetzt, als General van Hahlen mit starkem Corps zum Entsatz
-nahete. Auf seiner Flanke und in den Communicationen bedrohet, zog
-Cabrera seine Artillerie am 18. October zurück, hob die Belagerung
-auf und wandte sich nach dem Königreiche Valencia, wo Forcadell durch
-Überfall des Castells von Villamaleja sich bemächtigt hatte. Da van
-Hahlen sich sofort dahin in Bewegung setzte, stand der carlistische
-Feldherr nach einigen Gewaltmärschen wieder in Aragon und erneuerte die
-Belagerung von Caspe, die auch dann fehlschlug, weil Niemand in der
-Armee sich fand, der eine Mine, welche nothwendig war, mit gehöriger
-Wirkung anzulegen wußte.
-
-Cabrera durchzog in den letzten Tagen des Novembers noch ein Mal die
-fruchtbare Huerta und machte einen vergeblichen Versuch, Lucena in
-Valencia durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, worauf er nach Morella
-ging, da die Witterung für den Augenblick jede Operation unmöglich
-machte. Mehrere Monate verflossen in anscheinender Unthätigkeit.
-General van Hahlen begnügte sich, Convoys nach den vorgeschobenen
-Festungen zu escortiren und im Halbkreise auf der großen Straße
-von Castellon nach Valencia, Teruel, Daroca und Zaragoza um das
-carlistische Gebiet in beobachtender Ferne sich zu bewegen. Der
-Graf von Morella aber arbeitete an der Completirung und Ausbildung
-der Armee, ersetzte das Vernichtete und Mangelnde und traf alle
-Vorbereitungen, um mit dem Frühjahre kräftig die Offensive ergreifen
-zu können, da die glänzenden Erfolge des letzten Feldzuges die
-Überlegenheit des carlistischen Heeres unter Cabrera’s Leitung factisch
-dargethan hatten.
-
-Cabrera ward schon von den Anhängern Carls V. als der Mann
-betrachtet, der den Krieg beenden und dem Könige den Weg zu dem
-Throne seiner Väter öffnen würde; in ihm concentrirten sich jetzt
-alle Hoffnungen. Von der Armee der Nordprovinzen erwartete, wünschte
-man nur noch, daß sie sich halten und so die ihr gegenüber stehenden
-Truppen dort fesseln möge. An endlichen Sieg durch sie dachte Niemand
-mehr: „Das Übrige wird schon Cabrera thun“ klang vertrauensvoll aus
-Aller Munde. -- Wer hätte ahnen mögen, daß Verrath die Waffenthaten
-des jugendlichen Helden vergeblich machen und das sinkende Gebäude der
-Revolution stützen werde!
-
- * * * * *
-
-Der Winter von 1838 zu 1839 sticht in der Geschichte des spanischen
-Bürgerkrieges blutig durch eine lange Reihe systematischer Metzeleien
-hervor, die das Gefühl mehr empören müssen als alle die Gräuel,
-welche in den ersten Jahren des Krieges verübt wurden, weil diese
-durch die Leidenschaft des Augenblickes und die Verhältnisse eine
-theilweise Entschuldigung finden könnten, während jene, nachdem lange
-schon menschlicherer Kriegsgebrauch herrschend gewesen, mit kalter
-Berechnung und an Unglücklichen Statt fanden, die, seit längerer Zeit
-schon gefangen, eben deshalb gegen jede Gefahr gesichert und unter
-den Schutz von Allem gestellt erschienen, was die Leidenschaften des
-Menschen bändigen kann. Ich will die Umstände darlegen, welche jene
-Blutscenen veranlaßten, die natürlich ganz und allein dem carlistischen
-General zugeschrieben wurden und gegen ihn den Abscheu der Welt häuften.
-
-Als ich in der Armee Cabrera’s ausgewechselt wurde, war ich, wie hoch
-ich die militairischen Eigenschaften dieses Anführers stellte, von eben
-so hohen Vorurtheilen gegen ihn als Menschen befangen. Ich betrachtete
-die Darstellung, welche die Blätter des liberalisirten Spanien von
-seiner Grausamkeit, seinem Blutdurst und den zahllosen Schandthaten
-gaben, die ihm zugeschrieben wurden, als übertrieben zwar, aber doch in
-ihren Grundstrichen wahr und gegründet. Daher konnte ich, wie sehr auch
-der blutige Krieg mit Scenen von Härte und Rücksichtslosigkeit mich
-vertraut gemacht, ja mich gewöhnt hatte, mit Gleichgültigkeit den Tod
-und das Elend der Menschen bloß als materiellen Verlust oder Gewinnst
-zu berechnen, dennoch nur mit Grauen auf den Mann sehen, der so jedes
-höhere Gefühl verleugnete, der ohne Veranlassung mit Wollust das Blut
-seiner Mitmenschen stromweise vergoß, und der in Anderer Jammer sein
-Vergnügen, sein Glück fand. Denn so schilderten ihn die Christinos,
-doch mit unendlich stärker aufgetragenen Farben.
-
-Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen
-gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in
-häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von
-Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich
-ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu
-machen.
-
-So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera,
-so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten
-betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz,
-welcher für den Carlisten stets die Person des Helden Cabrera umgiebt,
-geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe
-ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That
-konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen,
-meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber,
-sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger,
-wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir
-aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte.
-
-Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge
-war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem
-andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt
-ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er
-vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan,
-so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat
-es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich
-war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth
-der Revolutions-Männer zügeln konnte -- sei es, indem er in ihrem
-Blute diese Wuth erstickte -- wehrlos die treuen Unterthanen seines
-Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die
-feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt
-immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets
-gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel
-wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich
-mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie
-schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse
-ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner
-sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das
-Leben zu erhalten.
-
-Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera
-abermals, wie früher erwähnt wurde, menschlichere Art der Kriegführung
-geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn
-ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde,
-doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun
-gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt
-fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen.
-Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen
-sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu
-verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann
-drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das
-Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde!
-
-So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was
-seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können.
-Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten
-Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von
-Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der
-Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin
-hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete,
-deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu
-nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen
-des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes
-aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in
-solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die
-Action von Maella bot den Vorwand dazu.
-
-Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels
-anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die
-fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß,
-von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten,
-schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem
-Rufe hin: „~hoy no hay cuartel para vosotros!~“ -- heute giebt es
-keinen Pardon für Euch! -- Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden
-so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen
-Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn
-der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit
-Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen.
-
-Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein
-großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs
-angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa,
-welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben
-ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth
-allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher
-ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie
-niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten,
-demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe.
-Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs
-an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht
-behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden.
-
-Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den
-Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich
-bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon
-zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß
-die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert
-hatten, forderte das Volk -- der Pöbel wird bei den Christinos das
-Volk genannt, -- forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden
-laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst
-nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen
-dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth
-der Schreier abzulenken, und die Überzahl der Gefangenen in Cabrera’s
-Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der
-Revolution würdig.
-
-In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten
-der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern,
-die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien
-entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer
-Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche
-Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der
-empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich
-den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche
-Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht
-nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben
-der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem
-Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die
-Mittel zu schrecklicher Repressalie böten.
-
-Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu,
-welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben
-sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen
-wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn
-er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und
-christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre
-Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem
-Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei
-in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen.
-Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen
-sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden,
-wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur
-Flucht entdeckt waren.
-
-Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu
-el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende
-Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem
-nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in
-der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten;
-Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen
-ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen
-Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja,
-durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.[70] Auch
-in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf.
-Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den
-Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. -- Sieben
-und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend,
-wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die
-verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots
-aufhängen.
-
-Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten
-sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen
-zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben
-und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte
-mit Repressalien. -- Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den
-Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen
-Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera
-befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß
-strengste Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. -- Van
-Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.
-
-Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in
-den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen,
-Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza,
-dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen
-und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der
-Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die
-überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche,
-da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta
-nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle
-seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß
-hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder
-Kampf auf Leben und Tod!
-
-Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der
-Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in
-Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht
-Carlisten -- die einzigen noch vorhandenen, -- in jeder kleinern Stadt
-verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den
-General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem
-Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu
-strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation
-Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich
-füsilirte wieder eben so viele Christinos.
-
-Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in
-ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in
-Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das
-Leben kosteten,[71] zogen eben so viele Schlächtereien der Gefangenen
-und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in
-seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die
-Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und
-erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde
-Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn
-auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller
-strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht
-aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von
-Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den
-carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den
-Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren
-der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes
-seinen Zorn fühlen zu lassen.
-
-Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben
-so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera
-auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die
-Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen
-Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung
-des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies.
-So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den
-höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und
-mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen
-seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten
-viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß
-die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen
-würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils
-bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus
-solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit
-benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich
-losreißend, den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich
-anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten
-zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde,
-während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine
-Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In
-einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge
-bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem
-Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.
-
-Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche
-jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich
-will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält
-keinen Pardon.“
-
- [66] Die folgende Action war eine der entscheidendsten und
- merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das
- Terrain beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang
- des Kampfes für die eine Division so völlig vernichtend war.
- Daher erregte sie zu jener Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei,
- weshalb ich sie näher detailliren werde. -- Die Notizen sammelte
- ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde selbst von Bauern und
- später von vielen Officieren, welche dort mit fochten. Ich muß
- gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft klarer war, als
- die von Manchem dieser Officiere. -- Die Bauern als ~bagageros~
- waren übrigens Augenzeugen.
-
- [67] Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges gewiß,
- die Ordre, keinen Pardon zu geben.
-
- [68] In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas, über den
- die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben,
- gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn
- wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier
- gefallen sei. -- Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version
- überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen
- empfing; so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur
- von Cañete, der bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte
- und hohen Antheil an dem Siege hatte.
-
- [69] Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der Vertheidigung
- von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der
- Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio
- dorthin zurückgekehrt.
-
- [70] Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher bis in
- das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich
- nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus -- er
- nahm Theil an der Escalade von Morella -- ward Officier und
- wurde dann gefangen und füsilirt.
-
- [71] Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar, General
- Mendez Vigo, wurde ermordet.
-
-
-
-
-XXV.
-
-
-Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit
-Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß,
-waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den
-britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend
-erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen -- der unter den
-obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger
-bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort
-ausgebessert hätte -- aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung
-der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen
-Carls V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte
-Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend,
-konnte sehr wenig leisten.
-
-So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die
-vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet
-wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende
-des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit
-finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des
-Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der
-Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit
-und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten.
-
-Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien
-das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen -- und was hätte es
-Größeres für ihn thun können! --: ein mit zehntausend Gewehren von
-England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste
-von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten
-dirigirt waren. Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht
-der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche
-Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand
-laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der
-die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es
-endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne
-Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am
-folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter
-in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den
-Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona.
-
-Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze
-von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses
-neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine
-solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift
-leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst
-ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum
-unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten,
-da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu
-hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch
-die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den
-langwierigen Kampf zu enden.
-
-Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die
-Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die
-carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes
-standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das
-Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem
-Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen;
-sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß
-zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich von
-Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis
-zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend,
-bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte -- Segura
-sollte befestigt werden.
-
-Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die
-feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen
-hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete
-Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz
-zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach
-Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen
-vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt.
-Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die
-Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen
-Montalban blockirte.
-
-Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker
-jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und
-einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben
-wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der
-General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig.
-So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in
-seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt
-und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht
-waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die
-Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel
-beitrug.
-
-Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister
-des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht,
-den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung
-desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße
-von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt
-mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch
-die weit in das bisher feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er
-sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren
-offensiven Operationen gewonnen.
-
-Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht,
-welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden
-Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück,
-während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an
-sich zog: Segura -- so lautete die bestimmte Ordre des Madrider
-Cabinets -- sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine
-Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum
-commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden
-Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann
-Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen
-und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa
-zwei Stunden von Segura, vor.
-
-Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die
-unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell
-gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen
-Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs
-aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr
-überlegenen Feind.
-
-Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die
-carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf
-Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und
-bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke
-Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die
-rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken
-Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie
-allgemein geworden.
-
-Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt hielten,[72]
-flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf
-die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die
-Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst
-Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon
-von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und
-kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der
-Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und
-die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest
-sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie
-nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.
-
-Die carlistische Armee -- wenn man acht Bataillone mit einigen
-Escadronen so nennen darf -- floh in Unordnung auf Armillas zurück,
-zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura.
-Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen,
-blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch
-möglich, daß Cabrera -- echt guerrilleromäßig -- nach einer Stunde
-seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch
-die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend
-wieder zum Kampf führen konnte.
-
-Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos endlich gegen
-das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen;
-ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken
-liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden
-Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend
-ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre
-Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend
-zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf
-Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt,
-der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige
-Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und
-800 Gefangene ihm abgenommen hatte.
-
-Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die +Recognoscirung+[73]
-des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt habe, der Obergeneral
-van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten werde. Dieser rückte
-denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr bedächtig über Muniesa
-heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung rückwärts von Segura
-genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das Castell; er
-führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und zwölf
-Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er
-wiederum genau die Werke und -- -- zog sich aus Zaragoza zurück, ohne
-einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.
-
-Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man
-nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von
-Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als
-solchen betrachten will. Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme
-von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten.
-Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera
-unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General
-Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der
-Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen[74]
-und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl
-nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben,
-worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums
-trat.
-
-Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch
-Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden
-Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte,
-bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle
-desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung
-des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone
-fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde
-für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses
-Königreiches operirte.
-
- * * * * *
-
-Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des
-Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und
-Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während
-er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe,
-Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos
-zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen
-Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine
-kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division
-Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der
-reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.
-
-Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche,
-die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht
-des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz
-unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht
-werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige
-Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher
-Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den
-Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt
-wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende
-Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche
-getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden
-flohen.
-
-Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von
-Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann
-konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die
-braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder
-vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge
-zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner
-hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll
-ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu
-können!“
-
-Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg
-ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich
-Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her
-zurück, die Belagerung aufhebend.
-
-Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz y Polo mit drei
-Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition
-nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara
-vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur
-sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia
-zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca
-zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und
-Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt
-hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung
-jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie
-die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge,
-Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt
-das Commando übernommen hatte.
-
-Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses
-Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer
-Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft
-nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen
-Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als
-Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee
-ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah,
-wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges
-dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia
-die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen,
-während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den
-glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz
-vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon
-drohend errichtet hatte.
-
-Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und
-festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm
-designirten Orte verhindern zu können, da Llagostera die Belagerung
-von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben
-leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von
-Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.[75] Es war vorauszusehen,
-daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit
-dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste
-thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur
-aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und
-stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.
-
-In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und
-noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts
-errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte
-und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf
-seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an
-demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien
-zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine
-Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.
-
-In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen;
-die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann.
-Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze
-von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur
-Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe,
-schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche
-Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die
-Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich
-brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas, als
-Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet,
-nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte,
-das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden
-Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald
-das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere
-Artillerie in das Gebirge gebracht war.
-
-Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die
-Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt
-wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet,
-wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte
-gänzlich an der Festigkeit der Garnison.
-
-Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm
-selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen
-Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara
-detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum
-Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er
-auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die
-jedoch für seine Streitkräfte -- neun Bataillone und sieben Escadrone
--- zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe
-zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung
-des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb
-Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde
-weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen
-einzigen Gefangenen gemacht hätte.
-
-Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er
-die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An
-demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit
-erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.
-
-Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel
-aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte
-der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich
-gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s[76]
-angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die
-Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm
-auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten
-kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine -- ungeheuer in
-Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund
-Pulver -- ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen
-gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am
-8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.
-
-Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja
-ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch
-einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten.
-Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm
-wankte und -- fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein
-furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über
-der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine
-schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes
-hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde
-verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die
-Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche
-entflohen war, hatte ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser
-sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.
-
-Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und
-zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem
-Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete
-dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich
-führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war;
-fast kein Mann war ohne Wunde geblieben.
-
-Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der
-weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die
-Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange
-wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war
-mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei
-der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden
-auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und
-Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei
-sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher
-bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in
-der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die
-herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen
-hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher
-Auszeichnung.
-
- * * * * *
-
-Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft
-entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste
-Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch
-im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von
-Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe
-nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem
-Einflusse mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus
-stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen.
-
-Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem
-Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der
-Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el
-Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren
-hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen
-Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die
-dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera
-bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt
-ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la
-Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte,
-mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt
-wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ.
-
-General O’Donell,[77] bisher commandirender General in Guipuzcoa, war
-so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte
-mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und
-griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora
-an, wo sie -- öfter wiederholter Fehler -- eine ausgedehnte Stellung
-nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische
-Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien,
-wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend mit
-seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite
-drängte.
-
-Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia
-operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella
-über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten
-in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von
-Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte,
-nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung
-der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die
-Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein.
-
-Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn
-für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des
-Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten
-Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid
-der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als
-seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige
-Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe
-dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu
-befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört
-zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten
-dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich
-bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s
-erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und
-höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit
-acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle
-seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos
-in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen
-Guerrilla .... in die Festungen sich einzuschließen.
-
-Durch die Anlegung des Castells von Beteta -- einst ein maurisches
-Schloß -- machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen
-Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es
-durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten.
-
-O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des
-kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda
-befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst
-den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich
-an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese
-hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell
-nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser
-abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog
-ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte
-Stellung.[78]
-
- [72] Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter guten Chefs
- stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche jeden
- Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa,
- gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte,
- fortwährend glänzend sich auszeichnete. -- In dieser Action
- durchlief bei dem Anblicke des manövrirenden Feindes ein
- dumpfes Murmeln die Reihen von Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie
- manövriren, wir sind verloren!“ in gänzlicher Unordnung davon
- liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen sie that.
-
- [73] Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer
- Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren
- Schwierigkeiten durch die Gebirge mit sich zu schleppen.
-
- [74] In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten Verfolger
- der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar, vermied
- er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen.
-
- [75] Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr schätzbare
- Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch die
- demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr
- genau.
-
- [76] Llagostera verstand Nichts von Artillerie und Genie-Wesen,
- dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd.
- Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im
- Felde; doch nicht sehr unternehmend und rasch.
-
- [77] Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten Spanien’s.
- In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den vier
- Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen,
- der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und
- aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto!
-
- [78] Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so detaillirt,
- wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General Baron
- von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat,
- daß ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte.
-
-
-
-
-XXVI.
-
-
-Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei.
-Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem
-Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas
-in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die
-Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung
-der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt
-waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten
-rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht,
-unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit
-der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die
-Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.
-
-Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich
-der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das
-des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt
-wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des
-Abscheues würdige Schandthaten trübte.
-
-Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes,
-angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und
-meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich
-konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender
-Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach
-dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah
-mich erstaunt an und -- -- schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab.
-Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere
-zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen
-würden, wenn Jemand von uns, anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen,
-selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie
-compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.
-
-Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem
-Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn
-Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher
-Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum
-Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu
-Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er durch
-Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so hervorthat,
-daß er den rühmenden Beinamen des ~pico de oro~ -- des Goldschnabels
--- sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das carlistische Gebiet
-zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner Cameraden nach Chelva
-im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, wie unsere Lage und
-Verhältnisse näher kennen zu lernen.
-
-Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten --
-Sierras -- des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen
-nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen,
-dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen
-bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander
-gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt
-so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend
-hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit
-stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so
-steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast
-immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden,
-welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die
-mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese
-nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne
-grünbraune Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden
-Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein
-lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang
-das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen
-gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf
-den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der
-Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den
-lieblicheren Thälern zueilt.
-
-Und dann die Wege![79] Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne
-Herzklopfen diese -- was hier Wege genannt wird -- betritt; wie kann
-er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere
-sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und
-abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens
-Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein
-Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes
-unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich
-zum Verderben hinunterreißen zu müssen.
-
-Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend
-abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich
-endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während
-die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten
-meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf
-den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden
-betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich
-an. -- Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. --
-Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit zugleich entwickeln dann
-die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten
-beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden
-Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer
-Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher
-mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.
-
-Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser
-Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die
-Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im
-wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind.
-Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte
-üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch
-Maulthiere und Esel ersetzt ist.
-
-So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach
-gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des
-Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl
-der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und
-oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich
-erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen
-losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,[80] so war doch der
-sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche
-Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen
-Weizen bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt;
-und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr
-und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und
-bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch
-gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate
-lang durch keinen Regenguß gemildert wird.
-
-Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler
-zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft
-auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil
-abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das
-Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte -- ~masadas~,
-~masias~ --, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut
-zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das
-Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es
-erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm
-angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche,
-selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt,
-durch die Gefilde befruchtend sich hin.
-
-Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und
-recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein
-einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen
-Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur
-Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe,
-als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es
-aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte,
-die freilich spärlich genug ausfallen mußte.
-
-Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig
-Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende
-heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen,
-wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann begünstigte, aus der
-drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und
-gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die
-ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles
-war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim
-Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung
-der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.
-
- * * * * *
-
-Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden
-carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes
-es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie
-sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern,
-Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich
-in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der
-Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den
-Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet
-werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede
-der beiden andern Völkerschaften.
-
-Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber
-zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit,
-welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch
-die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person
-ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher
-Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen
-die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von
-Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den
-entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose
-Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese
-tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in
-den krassesten Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der
-Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste
-Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat,
-aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,[81] der
-Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem
-Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie
-wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend
-umschweben.
-
-Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der
-Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch
-strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar
-in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der
-Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder
-zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon
-unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder
-Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das
-Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte -- so des Angriffes auf
-Zaragoza. -- Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine
-grobe Härte -- auch er ist Aragonese, -- weit mehr noch durch manche
-andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich
-zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich
-durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.
-
-Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine
-feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als
-Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden
-Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig
-Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher
-Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt.
-Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu
-müssen.
-
-Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer.
-Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus,
-der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung
-zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten,
-ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs
-langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft
-sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden:
-er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich
-dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz
-entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig
-und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem
-Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm
-durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht
-sich lächelnd zurück und -- erwartet den wehrlosen Feind hinter einer
-Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu
-kühlen.
-
-Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff,
-wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so
-sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen
-Guerrilleros geeignet,[82] denen der Kampf fast nur in Überfällen,
-Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten
-Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia
-immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als
-die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.
-
-Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen
-der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden
-augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter
-Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie
-aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu
-zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie
-liefen leicht mit den Pferden um die Wette. -- Daher schlug Cabrera
-alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom
-Ebro.
-
-Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre
-beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern,
-den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern
-wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen
-sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und
-Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner
-des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der
-sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von
-dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen
-Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden
-Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz
-frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und
-Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der
-Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie
-dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die
-Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen.
-
-In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl
-die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde
-und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war,
-als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach
-entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber
-selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit,
-und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf
-sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren,
-dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in
-Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und
-ertrugen standhaft jede Beschwerde.
-
-Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die
-Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie
-focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und
-entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach
-und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben.
-Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den
-sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre,
-und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen
-Führers sich würdig zu zeigen.
-
-Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa
-über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera
-alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch
-eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in
-jener Brigade geöffneten Lücken[83] bestimmte. Und was hätte er mehr
-thun können, um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour,
-unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten
-Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung
-stand sie freilich weit hinter ihnen.
-
-Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner
-Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie
-ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die
-Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen
-Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in
-der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen
-das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht
-gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia,
-im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera
-mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das
-westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte.
-
- * * * * *
-
-Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen
-nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden
-Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben
-Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en
-Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte,
-die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege
-in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte,
-daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern,
-da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen
-uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung
-und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich
-auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren.
-
-Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige
-Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten
-der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren.
-Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen
-Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom
-Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine
-ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie
-wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze
-gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am
-2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche
-Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien,
-welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade
-Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei
-Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene
-Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne
-Arévalo’s zu operiren.
-
-Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten
-Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein
-isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur
-Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia
-nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und
-die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern
-zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute,
-die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in
-dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod
-und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer[84]
-die Nachricht brachte, daß die Negros nur noch eine kleine Stunde
-entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die
-Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem
-Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und
-so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.
-
-Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen
-zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone,
-welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar
-gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt.
-Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa
-vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden
-dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla
-zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem
-vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar
-wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und
-rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine
-starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf
-beide Flügel vertheilt.
-
-Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den
-Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia
-angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden
-Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde,
-jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe,
-nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte,
-den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der
-Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige
-Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden
-Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die
-Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte
-eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf
-die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein
-nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei
-Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick
-wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung
-entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt,
-drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: ~viva el Rey!~ die beiden
-Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld wieder, wobei
-sie zwanzig Gefangene machten.
-
-Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die
-carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend,
-und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin
-gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien,
-welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und
-bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone
-in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen
-erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl
-die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in
-Chulilla ließ.
-
-Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind
-herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte
-Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere
-Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß,
-wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer
-Jubelschrei: ~son los nuestros!~ -- die Unseren! -- durch die Linie der
-Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten durch den
-aufquellenden Staub. Die drei Escadrone, welche Arévalo in dem Dorfe
-zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen Ufer den
-Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke Ufer
-zurückgekehrt.
-
-Mit dem Losungsrufe ~viva Carlos quinto!~ stürmten sie gegen das
-nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend,
-zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst
-dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo
-gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs
-Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach
-allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das
-eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut,
-da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere
-stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war
-die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden
-ward bis zum Abend fortgesetzt.
-
-Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen
-und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen
-wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig
-Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere
-hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo
-sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der
-Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind,
-welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen
-gar keinen Gebrauch gemacht.
-
-Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung
-einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division
-von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den
-General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der
-Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht
-wieder im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile
-der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu
-carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe
-die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus
-jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen
-Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut,
-da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.
-
- [79] Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem
- nicht unpassenden Ausdruck der ~caminos reales de perdices~ --
- Rebhühner-Chausseen. --
-
- [80] Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche Sage
- und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando --
- Roland -- durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge
- hinabgeworfen haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher
- Gestalt sichtbar ist. Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte
- in einem Felsen: Orlando öffnete sie mit einem Hiebe seines
- Schwerdtes im Kampfe gegen die Araber u. s. w.
-
- [81] Als ~Nuestra Señora del pilar de Zaragoza~ -- unsere Herrin von
- der Säule von Zaragoza -- in ganz Aragon enthusiastisch verehrt.
- Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule stehende
- Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der
- Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen
- zu versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der
- Jungfrau seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er
- habe gar nicht die gehörigen Formen beachtet und sich benommen,
- als ob er zu hoch stehe, um ihre Jungfrau anzubeten.
-
- [82] Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die
- Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten.
-
- [83] Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den Augen
- des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß
- sie endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die
- Officiere aber fielen natürlich stets die Ersten.
-
- [84] Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie selten
- die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste
- Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während
- der Nacht jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß
- die Truppen durch mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt
- waren.
-
-
-
-
-XXVII.
-
-
-Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste
-Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu
-sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte
-mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem
-reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete
-Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler
-höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den
-nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig
-ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen
-die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s
-Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in
-seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle
-des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von
-Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte.
-
-So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei
-Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva --
-unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa
-geschlagen wurde -- und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo
-wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von
-da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den
-Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von
-Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit
-uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von
-Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren.
-
-Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen
-Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so
-vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte.
-
-Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von
-Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva
-an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher
-Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz
-Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften
-sich befinden. Auch Oberst Polo -- seit kurzem mit einer Schwester
-des Grafen von Morella vermählt -- welcher mit fünf Bataillonen zu
-einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General
-den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales
-einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch
-la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen
-zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden.
-
-Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und
-Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter
-Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die
-nächste Zukunft Großes bringen werde.
-
-Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte
-hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke,
-eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General
-O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden,
-daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln[85] Armee, 17
-Bataillone und 11 Escadrone mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte,
-während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen -- doch
-mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung
-fand -- in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der
-Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter
-Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte.
-
-Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7
-Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den
-vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit
-nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen
-nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und
-Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich
-habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn
-unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er
-noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit,
-die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia
-bedrohend.
-
-Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn
-Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht
-gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug
-erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte,
-während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche
-Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem
-Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen
-Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu
-betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem
-Blute von Tausenden seiner Krieger.[86]
-
-Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das
-kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit
-unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine
-größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so
-entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten
-harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort
-erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten
-sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6.
-jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das
-Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines
-vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit
-Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten
-Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen
-die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die
-Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten.
-
-Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der
-Carlisten[87] von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie
-mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone
-vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen,
-den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera
-baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich
-dann der beiden Thürme -- ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt
--- und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem Sturme
-auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe
-demselben aufführten.
-
-Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs
-mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden
-Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von
-Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den
-Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der
-am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch
-die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte,
-fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison
-hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre
-erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem
-Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.
-
-O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst
-in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt,
-da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich
-von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten
-Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die
-Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren
-der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu
-unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera,
-den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die
-Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung
-von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in
-Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am
-6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe
-Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes
-gefangen fortführte.
-
-Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne
-weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu
-stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte
-bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne
-Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche
-Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines
-Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten
-den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen,
-der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen
-gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.
-
-Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die
-schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel
-auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el
-Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von
-Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der
-kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000
-Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen.
-Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die
-vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia
-nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps
-im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte,
-während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst
-Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen
-Alcañiz und Caspe blokirte.
-
- * * * * *
-
-Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich
-ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich
-in den kühnen Zügen etwas Wildes, Unheimliches zu erkennen glaubte,
-was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere
-desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur
-nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen,
-welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden
-Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und,
-wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu
-dringen scheinen. -- Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht
-gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen
-und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze
-aufgedrückt.
-
-Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu
-mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung
-gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der
-Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut
-sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und
-Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und
-die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit,
-welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen
-Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen
-vermochte.
-
-Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen
-wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen
-mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß
-noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen
-Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern
-oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende
-Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder
-grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging,
-wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der
-Natur Angemessene mir wohl bekannt war, die Unvorsichtigteit, bei
-dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts
-Übeles erwartend.
-
-Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete
-mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen:
-„Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung,
-daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der
-Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz:
-„Vorwand, ~carajo~!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln Arévalo’s,
-der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich nicht
-enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen würde,
-der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz wäre.
-„Aber ~carajo~, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte Cabrera los. --
-„So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu dem Heere des
-Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.
-
-In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn
-an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie
-wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten,
-welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als
-ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den
-Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm
-kommen würde.
-
-Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich
-Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu,
-daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am
-wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht
-den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so
-den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen
-sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“
-
-Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen Charakter
-selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch,
-daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß
-demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s
-aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge,
-konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so
-wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte
-ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. -- Während der
-folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem
-Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.
-
-Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener
-Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen
-von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen
-Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war
-keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant
-oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen
-abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden
-und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre
-niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus
-seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die
-eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.
-
-War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die
-Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen;
-bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der
-Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte
-Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details
-prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden
-auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder -- in Spanien sind
-sie alle anerkannte Spitzbuben -- um furchtbar sie anzudonnern oder gar
-einen aus ihnen auf der Stelle erschießen zu lassen,[88] wenn durch
-ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben
-waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich
-öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen
-in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages
-sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine
-Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.
-
- * * * * *
-
-Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen
-Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige
-Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch
-Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so
-hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung
-eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten
-schien.
-
-Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten
-wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von
-mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General
-examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in
-scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten
-des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der
-Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei
-Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie
-den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen
-daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen
-abzuschneiden.
-
-Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell,
-der einige Bataillone von seiner Division und vier Escadrone uns
-zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron
-von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt,
-als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der
-fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft
-anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „~los
-tenemos, Señores!~“ -- wir haben sie! -- und Blitze sprühten aus den
-leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier
-Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen
-Cuenca zu erreichen.
-
-Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder
-Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die
-Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen.
-Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die
-Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem
-Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne
-nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere
-Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch
-vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht.
-Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht
-achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein,
-und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da
-schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber -- ein Jeder
-wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige
-Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana,
-die Feinde zum Morgen-Appell rufend.
-
-Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen,
-während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich
-vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr
-Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum Sturm gegen die Häuser
-vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich
-massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren.
-
-In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein
-halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein
-Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und
-eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach
-Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des
-Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend,
-ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich
-und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna
-Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben
-hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger
-feuerten.
-
-Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend,
-keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des
-Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der
-Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich
-befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte.
-
-Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten,
-war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung
-zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus
-mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos
-verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über
-ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige
-Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu
-ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden
-auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend
-rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das
-ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde Geschrei der Fechtenden
-und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander
-tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig
-Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen
-waren, uns schon über 300 Mann gekostet.
-
-Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht
-hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend
-nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem
-Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben,
-wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde.
-Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die
-Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die
-Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren,
-retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort
-in den nächsten Dörfern untergebracht.
-
-Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare
-Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen
-veranlaßten,[89] er jammerte über seine armen Burschen, wie sie
-fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden;
-dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze
-wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer
-Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den
-gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ
-und dann, da sie kaum gegessen hatten -- an Kochen war natürlich
-nicht zu denken, -- zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie
-schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten. Zwei
-Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus
-besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst
-dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden
-Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend.
-
-So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend
-einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden
-sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich
-entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt
-und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig
-der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde
-vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner
-Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe
-Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine
-Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch
-eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt.
-
-Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos
-zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein
-lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit
-mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem
-General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander
-gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine
-Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte,
-das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie
-flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen
-gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem
-die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer
-gefallen waren.
-
-Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer
-krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er rasch sich um,
-und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden
-Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand,
-~carajo~?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen
-Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen
-Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die
-Teufel alle nieder!“ zurief.
-
-Mit lautem ~viva el Rey! viva Cabrera!~ stürmten wir vorwärts. Nach
-fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die herrlichen
-Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden gefüllt;
-schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden Gebäude.
-
-In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich,
-wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen
-überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten;
-sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die
-Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern,
-als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth
-hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein
-Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich
-messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. -- Mein Entschluß, Aragon
-zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter
-Anstrengung in den Kampf mich stürzte.
-
-Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand,
-wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr
-erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen,
-nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages
-hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne,
-nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte,
-und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung
-eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der Christinos
-kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers,
-unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert
-aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet,
-sich zeigte und zu capituliren begehrte.
-
-Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen,
-wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen
-Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der
-Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen
-der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der
-feindlichen Soldaten -- wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser
-Verlangen sofort zurückgezogen.
-
-Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem
-jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach,
-seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß
-ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde.
-Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte
-Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt
-zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln
-daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe,
-im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und
-vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr
-hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei,
-Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die
-Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch
-geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen
-nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.
-
-Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so
-daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620
-Mann waren unter den Trümmern des Dorfes und in der Action Forcadell’s
-umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von
-Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast
-4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des
-Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr
-als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.
-
-Cabrera -- ich muß es hier wiederholen -- während er im Getümmel des
-Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah,
-keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden
-Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die
-Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit,
-welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras
-wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie
-behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die
-Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre
-Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber
-dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe
-die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer
-Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß
-er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er:
-„Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“
-Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für
-die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf
-Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und
-bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die
-Aussaat.
-
- * * * * *
-
-Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach
-dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu.
-Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber
-erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem
-ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in
-dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen
-emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in
-Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der
-zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen
-und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die
-Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten
-Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem
-Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten
-Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich
-beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem
-Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine
-Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein
-starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere
-beordert war.
-
-Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht
-hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam
-nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte.
-Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der
-wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras
-von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im
-Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht
-mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das
-Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht
-durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die
-Hütte anziehend zu machen weiß.
-
-Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und
-mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt,
-die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen
-wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des
-Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher
-hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten,
-wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und
-ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt[90] die Sierra’s
-durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den
-verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.
-
-Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von
-Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende
-sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage
-die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch
-die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die
-Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns
-gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde
-uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken
-von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.
-
-Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von
-seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar
-war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die
-Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich
-gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz
-so vieler von der Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis
-zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff
-mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf
-dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint;
-als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer
-furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches
-Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden,
-die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem
-schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten
-die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die
-gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über
-ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?
-
-Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien
-mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten,
-als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt,
-während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen
-Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung
-von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte
-Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General
-mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über
-Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr
-existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen
-können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche
-Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und
-vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das
-feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu
-sichern.
-
-In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland
-Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von
-der Hauptstadt entfernt, des nahen, herrlichen Triumphes gewiß[91] --
-da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen
-in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem
-schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V.
-nach Frankreich erhalten.
-
-Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die
-Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von
-dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches
-die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung
-zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen
-zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe
-sich vorzubereiten.
-
- [85] Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit Garnisonen
- u. s. w. war etwa 60000 Mann.
-
- [86] O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen Krieg
- gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein
- Ziel, aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil
- dadurch einer Niederlage gleich wurde.
-
- [87] Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu unterhalten, oft
- auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die Carlisten
- ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige
- Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche
- Führer durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden
- Nachrichten von seinem Irrthum überzeugt.
-
- [88] Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen von
- diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz
- geübt wurde.
-
- [89] Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern. Auch
- geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets
- die ersten Schritte thun mußte.
-
- [90] Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien
- bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett
- der Basken adoptirten.
-
- [91] Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem
- Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf
- vielmehr aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s
- Absicht war, Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und
- durch angelegte Festungen -- wie Cañete, Beteta -- in ihm sich
- festzusetzen, bis er, wie er selbst sich ausdrückte, eine
- Kette von Forts errichtet hätte, deren letztes in die Fenster
- Maria Christina’s hineinschauen und auf immer den Trotz des
- revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. --
- Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht
- Espartero’s Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte.
-
-
-
-
-XXVIII.
-
-
-Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren
-Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als
-ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie
-einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl,
-wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt
-sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten
-Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die
-Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle
-niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes,
-wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen.
-
-Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als
-gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! -- Und doch, sind
-nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern
-zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen
-Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer
-Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken
-ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange
-umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren
-ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der
-gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter
-den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?!
-
-Sie sind es -- -- aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der
-Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen
-Tagen, die Krieger Carls V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres
-der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten, unangefochten zieht es
-über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über
-einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen
-naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit
-sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei,
-daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung
-seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend
-sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde.
-
-Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie
-fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der
-Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn
-vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit
-hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten
-Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen,
-im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.
-
-Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren
-Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist
-der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben
-aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht,
-wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr
-seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten
-Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie
-Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den
-erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem
-Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht
-geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher,
-seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und
-aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.
-
-Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche Niedrigkeit
-zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um ihn geworfene
-Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu spät die Wahrheit ihm
-klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend floh, wo entschlossene
-Maßregeln und Energie die Schandthat zwar nicht mehr verhüten, aber
-doch ihre Wirkungen schwächen und sie weniger entscheidend machen
-konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf dem bisherigen Kriegstheater
-sich halten konnte, an der Spitze der ihm gebliebenen, stets
-entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung mit den Armeen sich
-durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon für ihn kämpften, ließ
-der König nach der Gränze von Frankreich sie zusammendrängen und zog
-sich endlich mit ihnen in dieses Königreich zurück.
-
-Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer
-gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu
-vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften
-Carls V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht,
-wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu
-regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und
-eisernen Willen erforderte.
-
-Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft
-der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre
-Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie
-auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten
-Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur
-Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird
-es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des
-Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte
-Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.
-
-Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei,
-mag er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den
-Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend, daß sie nicht bloß dem
-Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu
-auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für
-den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da
-allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise
-bestimmte.
-
- * * * * *
-
-Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander
-und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen
-Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von
-Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña[92] den Feind
-sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht
-des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das
-Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand
-entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere
-Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich
-gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich
-glühender wurde.
-
-Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne
-schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die
-Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen.
-Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und
-Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren
-und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren
-Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre
-Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig
-klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht
-daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des
-Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge
-des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die
-Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward,
-Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr
-gegen Madrid zu ziehen.
-
-Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer
-Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich
-mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren
-erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in
-immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die
-Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe
-der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl V.
-+frei+!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast alle
-Bataillone von Navarra an.
-
-Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß
-schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung
-nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen,
-dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen
-General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu
-treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht
-geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr König,
-nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage
-beurtheilt. Selbst als die +Gemäßigten+, von denen er umringt war,
-zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen
-ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der
-Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte,
-die Fortschritte der Royalisten zu hemmen, sofort die am meisten ihm
-ergebenen Truppen ihnen entgegen.
-
-So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des
-Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu
-entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun
-nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe
-die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.
-
-Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger
-zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern
-Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer
-Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ
-Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria
-und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück,
-nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero,
-auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf.
-Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den
-höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden
-Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten
-fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch
-in Bergara ein.
-
-Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde
-gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung
-der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon
-ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die ~vivas~
-gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue
-wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da
-legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die
-Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen
-vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die
-Verbündeten Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als
-hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene
-Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.
-
-Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da
-die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde
-gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm
-die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen
-anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und
-vor der Front der Divisionen füsilirt wären. -- Aber Carl V., nicht
-mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und Rebellen
-betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich auf’s
-Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra ein, den
-Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ zurufend.
-
-Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und
-stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den
-folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich
-Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er,
-begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre,
-Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone -- die
-Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien
--- nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer
-der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm
-gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten
-noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten
-alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich
-gemacht war.
-
-Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf
-Maroto eine Anrede an die Christinos hielt, während Espartero zu den
-bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die
-Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken
-werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem
-Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als
-Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche
-zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. -- So hatte Maroto seinen
-Verrath vollbracht!
-
-Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein
-abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht
-unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen,
-wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der
-überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt,
-und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die
-Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht
-etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen
-Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen
-Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach
-Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.
-
-Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von
-Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt
-sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den
-Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der
-Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja
-stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren,
-beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war,
-und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß
-der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die
-Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles
-Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte Royalisten und
-entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten
--- die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den
-Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.
-
-Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu
-friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese
-Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des
-Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen
-einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren;
-die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu
-werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten,
-ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den
-Philippinen einschiffen.
-
-Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters
-durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie
-kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der
-revolutionairen Schaaren.
-
- * * * * *
-
-Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya
-und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich
-zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren
-nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte
-sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken
-benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte.
-
-Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann;
-alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und
-1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten
-königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit
-solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß
-leicht gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große
-Expedition, mit der Carl V. im Jahre 1837 bis an die Thore von Madrid
-gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen auszog.
-
-Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er,
-entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu
-dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl
-die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen
-Provinz zu kämpfen,[93] Zweifel erregen; und nach dem geringsten
-Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt
-und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry,
-in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich
-von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra
-vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s
-Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der
-am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über
-das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die
-französische Gränze.
-
-Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König
-von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich
-noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden
-Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam
-von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen
-rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu
-behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der Übermacht,
-wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die
-feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der
-Gränze.
-
-So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr
-möglich. Carl V. betrat, ein Flüchtling, das französische Gebiet,
-nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit jeder
-Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen im
-Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen
-hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem
-Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt.
-Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von
-Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die
-französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ,
-ist allgemein bekannt und gewürdigt.
-
-Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen,
-viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General
-Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro,
-Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt,
-Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere,
-die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen.
-Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron,
-das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und
-die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das
-fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und
-Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten.
-
-Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem
-Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara
-in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen
-Provinzen gänzlich beendigt.
-
-Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu beklagen, einen
-Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung
-Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze
-der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt
-hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu
-verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten
-geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares
-Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die
-Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit
-gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen;
-und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande
-zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der
-Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer
-herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen
-ihre Vorgesetzten zu verfahren.
-
-Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in
-einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in
-der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der
-untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen
-tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“
-
-So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des
-liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit
-Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien
-waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s
-als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht
-zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt
-wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen,
-durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit
-Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken
-wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als schon
-ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war.
-
-Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten
-Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es
-treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen
-Herrscher zu opfern.
-
-Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum
-Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche
-das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des
-schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte!
-Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. -- Und Schande den Elenden, die
-wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen!
-
-Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren
-Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an,
-öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den
-Grafenstand[94] erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes
-ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener
-Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero,
-Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen
-und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt.
-
-Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig
-ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und
-zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon
-aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien
-zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er
-hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die
-er heranführte, hinreichen werde, um die kleine Schaar des Grafen
-von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch
-ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten
-Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des
-Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte
-angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum
-letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand
-zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten,
-durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte!
-
- [92] Orduña ist die einzige ~ciudad~ und die alte Hauptstadt der
- Provinz, wiewohl oft die ~villa~ -- Stadt zweiter Classe --
- Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird.
-
- [93] Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So wie der
- Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat,
- unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets
- unzufrieden, indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach
- Navarra!“
-
- [94] Als Graf Casa-Maroto.
-
-
-
-
-XXIX.
-
-
-Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien
-anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem
-Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen
-wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die
-Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich
-doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt
-sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres
-die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es
-nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen
-sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand,
-die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast
-als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf
-und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte,
-die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte.
-Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß
-bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten
-wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer
-Erwartung entsagen!
-
-Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer
-nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit
-Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten
-Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen
-Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen -- ich wähnte,
-den letzten -- Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das
-trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald
-wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.
-
-So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die
-Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das
-Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je
-mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig,
-aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die
-bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen
-hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen
-und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die
-reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich
-winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s
-uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten
-umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege
-zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem
-Wanderer.
-
-Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen
-hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen
-Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als
-hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine
-Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als
-ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und
-majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch
-steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen
-Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren
-fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet
-den Strom umkränzten -- da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in
-tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies
-die Thränen und das Elend einführten, ihre steten Begleiterinnen. --
-Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht
-sie bewohnte.
-
-Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro
-der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische
-Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen
-~coup de main~, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu sichern.
-Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich von hoher
-Wichtigkeit.
-
-Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche
-Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des
-carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication
-interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste
-Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg
-die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements,
-welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte,
-passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an
-demselben Tage den Fluß.
-
-Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte
-ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom
-überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der
-Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn
-das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem
-Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich
-fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu
-früh sein Grab! -- Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen
-waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte
-wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige
-Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und
-thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des
-Kampfes und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach
-Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt
-sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!
-
-Sorglos! -- Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit
-die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren
-Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten
-wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so
-schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden,
-und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig
-und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in
-das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der
-Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen
-werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten,
-siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.
-
-Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher
-angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes
-Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher
-jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht
-uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer
-würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei,
-und dann ... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das
-Werk des Verrathes!
-
-Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte
-etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem,
-so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die
-zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen
-der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da
-war es glorreich, besiegt zu sein. -- Wie oft drängt sich das Gebet
-jenes Helden uns auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor
-den Feinden werde ich selbst mich schützen!“
-
- * * * * *
-
-Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem
-eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt
-waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich
-fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort
-nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns
-fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und
-scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich
-durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen.
-Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde
-entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben,
-das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;[95] und
-wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten
-Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das
-Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.
-
-Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei
-Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische,
-die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun
-hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung,
-von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte
-für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und
-Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir
-es waren, der gefährliche Umstand, daß die christinoschen Autoritäten
-sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten,
-was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem
-Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei
-nie von den Truppen der andern belästigt.[96]
-
-Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren
-ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur
-Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte
-unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und
-einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie
-überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem
-hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als
-carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von
-der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu
-sollen.
-
-Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns
-gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der
-commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von
-España, an demselben Tage angekommen war.
-
-Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne
-Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch
-Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und
-besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten
-Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen
-Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und
-Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und
-auch in den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in
-jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird,
-an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer
-gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm
-über sich herrschen zu sehen, und jeder ~Austriaco~ ist sicher, bis
-in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme zu
-finden. Der Franzose aber, der verachtete ~Gavacho~, findet nur Haß und
-nicht selten martervollen Tod.
-
-Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr
-verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach-
-oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten
-längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten
-bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht
-sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in
-hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste
-Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort
-auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die
-Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel
-blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus
-geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen
-Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.
-
-Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen
-wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des
-Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen
-andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und
-Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben
-Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und
-fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die
-einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch die Thäler zerstreut
-sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.
-
-Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen
-Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist.
-Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen --
-daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer
-Landes treibt, -- wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause
-des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten
-~heréu~,[97] als Knechte zu bleiben.
-
-Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und
-weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös,
-und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während
-sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese
-treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele.
--- Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich,
-der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten
-Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten
-Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch
-sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt.
-Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und
-Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie
-zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der
-sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern
-weichen.
-
- * * * * *
-
-Sofort nach Ferdinand’s VII. Tode erhoben sich auch in den Hochgebirgen
-von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines rechtmäßigen
-Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen sie Raub und
-Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine ganz unbekannte
-Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was ihnen beliebte,
-die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter einander und strebten
-vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen, den unglücklichen
-Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte, durch ihr
-Plünderungs-System zu Grunde richtend.
-
-Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen
-Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die
-Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene
-machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen
-höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach
-überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den
-Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht
-einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen
-sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder
-Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über
-die Bewohner der Mancha brachten.
-
-Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division
-von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu
-vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich
-zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen
-scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung
-sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden,
-die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué
-genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen
-zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen
-Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach
-Navarra geführt zu werden forderten.
-
-Dann im Jahre 1836 übertrug Carl V. dem General Maroto das Commando des
-Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen wohl geeignet
-zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte von Anfang
-an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen, und für
-einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte Haufen erst
-befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut zu machende
-Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die Widerstrebenden
-zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich nach Frankreich
-zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils durch Mangel an
-Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch weniger aus.
-
-Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges -- wenn er solchen Namen
-verdient -- erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite
-hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten
-Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes
-durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in
-der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der
-Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. -- Gehen wir sogleich zu
-dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer
-umgeschaffen wurden.
-
- * * * * *
-
-Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen
-Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien
-emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals
-ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die
-selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug,
-eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes,
-der in Spanien den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward;
-erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles
-entbunden.
-
-In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps,
-mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl
-operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente.
-Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so
-selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus.
-Unter Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner
-ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit
-Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps
-der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.
-
-Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die
-ultraroyalistische Revolution aus -- wenn eine Revolution, deren Zweck
-ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch
-genannt werden darf! -- durch die Ferdinand VII. zur Entlassung seines
-zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand
-verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel
-zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España
-ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter
-des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten
-Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere
-über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit
-unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. -- Eine ungeheure Anzahl
-der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so
-viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.
-
-Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im
-Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s
-vegetirte, durch General Llauder abgelöset wurde, worauf er nach
-Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem
-Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und
-nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht
-und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten
-nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und
-waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher
-Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn
-sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.
-
-Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe
-standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde
-leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem
-seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.
-
-Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises,
-er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum,
-und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch
-despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch
-die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb
-ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen
-Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen
-sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen
-Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den
-Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn
-verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.
-
-Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des Fürstenthumes,
-als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem geordneten
-Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte er die
-französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und Carlisten
-wie Christinos zitterten, da sie dem gefürchteten Greise das Commando
-übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die Furcht und
-die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España erregt
-hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen hohen
-Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die
-geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse,
-ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und
-es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und
-Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des
-alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich
-aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz
-unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde
-Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs
-sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der
-Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.
-
-Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so
-viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden,
-welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine
-Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch
-Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.[98] Die
-Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets
-vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren
-Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem
-Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis
-sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an
-Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter versuchten Chefs, die
-unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.
-
-Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die
-einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch
-Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction
-zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen
-Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und
-Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede
-Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen
-Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht
-jenes Ehrgefühl und den ~esprit de corps~ einzuflößen, die so
-unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen.
-Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf
-gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu
-vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben.
-Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche
-namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.
-
-Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine
-Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz
-vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend
-machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle
-Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm
-bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche,
-daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm
-regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber,
-welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth
-des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen,
-setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit
-entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt
-waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu
-klagen.
-
-Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und
-alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so
-daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den
-Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche
-der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte,
-gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis
-dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten
-ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete.
-
-Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen
-Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten,
-sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge
-Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde
-hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer,
-gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die
-Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da
-sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit
-zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz
-ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der
-gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte
-Erfahrungen bewährt.
-
-Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken
-hatten; -- denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden
-im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die
-andern Provinzen litten. -- Wie oft hörte ich während meines kurzen
-Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet;
-wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick
-preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm!
-
- * * * * *
-
-Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er
-nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen verherrlichte, gelang es
-ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in
-Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga,
-in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der
-Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses
-vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde,
-die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend,
-mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche
-Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft
-weiter ausgedehnt.
-
-Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in
-Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten
-sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt
-als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward
-der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen
-Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der
-kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger
-ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall
-der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die
-Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei
-der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch
-der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger
-wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war.
-Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht;
-die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche
-niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust
-der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht
-Capitains sieben außer Gefecht gesetzt.
-
-Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: ~aqui fué
-Ripoll~. -- Hier stand Ripoll. --
-
-Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung nicht.
-Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die
-Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach
-Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die
-Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen
-zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der
-feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des
-energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten
-unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde,
-demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte.
-
-Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte,
-nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen,
-dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die
-mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten,
-irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers
-seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er
-wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und
-der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie
-für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser
-ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés
-begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde,
-von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten,
-und kehrte wieder um.
-
-España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers;
-er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner
-gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die
-Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der
-Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so
-hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches
-ihm die Thore öffnete.
-
-Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem
-Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht
-zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und
-erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero
-zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende
-Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng
-blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln
-fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der
-That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine
-Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige
-Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da,
-wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu
-durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines
-Generals ausführen durfte.
-
- [95] In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als hundert
- und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie solche
- Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte;
- dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten.
-
- [96] Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der Graf de
- España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher wären
- sie schwerlich so verschont geblieben.
-
- [97] Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der
- französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von
- den Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte
- und Wendungen finden sich auch in ihr.
-
- [98] Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die Feinde ein,
- daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen Garde
- Ferdinand’s VII. verglichen werden könne.
-
-
-
-
-XXX.
-
-
-In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum
-Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier
-überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den
-beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als
-arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und
-verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten;
-ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die
-Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo
-der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und
-daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur
-dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem
-jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne
-weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen.
-Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen,
-indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“[99]
-
-Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend,
-da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen
-Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge
-der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem
-Feinde gegenüber zu stellen, oder mir zu erlauben, nach dem Heere
-von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu
-kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch
-schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.
-
-Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören
-und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt
-und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich
-munter machte.
-
-Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der
-General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der
-er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden
-Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem
-dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General
-auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in
-das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der
-uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte
-mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.
-
-Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes
-große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war.
-Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der
-Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein
-Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit,
-wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes
-Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen
-Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich
-in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme
-Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß
-sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er,
-obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen
-hege. Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht
-und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht
-gerechtfertigt werde.
-
-Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über
-ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s
-auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon
-bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet
-sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des
-Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen
-gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus,
-seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere,
-bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche
-Niedrigkeit nicht fassen.
-
-Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin
-begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich
-zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere
-in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend
-verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich
-zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden,
-der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem
-Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera
-abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht
-nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen
-sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige
-in seinen Umgebungen zähle.
-
-Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des
-Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben
-mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten
-die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf
-belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem
-ungeheuren Sprachrohre, wie sie auf Schiffen üblich sind, den
-vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung
-lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen
-gigantischen Ziegenbock,[100] den er Maroto getauft hatte. Dazwischen
-befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des
-Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war,
-funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem
-vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine
-Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der
-Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht
-verursachte.
-
-Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service
-bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da
-die übrige Gesellschaft -- der General aus Politik -- nach der Sitte
-der Catalonier aus der Flasche -- ~el porró~ -- trank, die, mit einer
-langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird, daß
-der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund fällt,
-ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur Seite
-falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht.
-Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit
-dieses ~porró~ bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn sofort
-zerbricht und nicht selten dem Fremden, d. h. Jedem, der nicht Catalan
-ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder
-Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst
-so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein
-Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht,
-dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar
-zu machen.
-
-Nachdem der General nach Tische auf der Flur, die als Empfang
-und Speisezimmer, Gesellschaftslocal und Bureau zugleich diente,
-spatzieren gegangen war, setzte er sich behaglich in der Küche neben
-dem knisternden Feuer nieder. Da fragte er mich plötzlich, was ich
-denn zu thun gedenke, wenn ich nicht in Catalonien bliebe? Ob ich
-nach Frankreich ginge?[101] Ich erwiederte, daß ich ihn ersuchte, mir
-in dem Falle den Paß zur Rückkehr nach Aragon zu geben, da ich jetzt
-im Augenblick der Gefahr unter keiner Bedingung die Meinen verlassen
-würde. Aber lächelnd meine Hand ergreifend, sagte er mir, daß ich ihm
-zwar einen impertinenten Brief geschrieben hätte, nicht bedenkend, daß
-ich unter Spaniern sei; daß ich aber dennoch bei ihm bleiben und an ihm
-einen Vater haben würde. „Ich liebe die Deutschen, und nützlich werden
-Sie mir auch sein.“
-
-Mein Entzücken bei der so unerwartet gütigen, wie schmeichelhaften
-Entscheidung des gepriesenen Feldherrn war unendlich. Ich war
-entschlossen, des ehrenden Vertrauens stets mich würdig zu zeigen.
-
-An demselben Nachmittage war ich schon dem Generalstabe der Armee
-zugetheilt, und der Graf ließ mir ein Zimmer in seinem Logis
-anweisen mit dem Bedeuten, daß ich fortan ganz als seinem Haushalt
-angehörig mich zu betrachten habe. Am Abend schon beschäftigte er
-mich mit vergleichendem Ordnen von Karten, Plänen und Croquis, die
-trefflich geeignet waren, um der genauesten Kenntniß des Terrains ein
-vollständiges Dementi zu geben.
-
-Wie verschieden hatten sich doch meine Gefühle mit meiner Lage
-gestaltet, seit ich vier und zwanzig Stunden früher als Arrestant und
-mein Geschick verfluchend im Schlafe Vergessenheit und Trost suchte.
-
- * * * * *
-
-Am folgenden Tage bewunderte ich bei einer Revue die Bataillone,
-die, einfach, aber geschmackvoll uniformirt, mit Präcision und
-militairischer Haltung manövrirten; auch ward die Strenge und
-Heftigkeit des Generals mehrfach bemerkbar. Selbst höhere Officiere
-wurden stark getadelt, und mehrere Subalterne wanderten vom
-Exercierplatze direct zur Wache, wogegen den Soldaten im vollen Maße
-die ihren Anstrengungen gebührende Anerkennung ward. Ich lernte dort
-mehrere untergeordnete Anführer kennen, unter denen der loyale General
-Ivañez -- ~el Llarj de Copons~, der Lange von Copons genannt, da er
-vielleicht der höchste Mann in Spanien ist -- und Oberst Camps, Chef
-und Organisateur der Cavallerie des Fürstenthumes, ein ausgezeichneter
-Officier, der schon unter Ferdinand VII. und später in Navarra diente,
-und unter Freund und Feind wegen der Kraft seines Armes bekannt. Es
-wird behauptet, daß er mehrere Male feindlichen Reitern Kopf und
-Brust mit einem Hiebe seines aus zwei Klingen zusammen geschmiedeten
-Schwerdtes[102] gespalten, und einen andern quer durch den Leib in zwei
-Stücke getrennt habe, so daß der untere Theil auf dem davonjagenden
-Pferde sitzen blieb.
-
-Am 25. October Mittags ward das Hauptquartier nach dem nur zwei Stunden
-von Casserras entfernten Berga verlegt. Der Abmarsch, wie gewöhnlich,
-ganz durch Laune entschieden, war so plötzlich, daß der Graf fünf
-Minuten nach dem Entschlusse schon mit wenigen Begleitern und
-escortirt von der Compagnie Miñones auf dem Wege war. Eine halbe Stunde
-später von einem Auftrage zurückkommend, fand ich das Haus leer; ein
-Reitpferd des Grafen, welches er mir überlassen hatte, bis man für mich
-ein anderes dem Feinde abgenommen habe, ward sogleich von einem mich
-erwartenden Miñon[103] vorgeführt.
-
-Bald holte ich einen Officier ein, der auf einem Maulthiere gleichfalls
-Berga zuritt, und ich erkannte einen der beiden mit mir arretirten
-Cameraden; er war vom General, der ihn nicht sehen wollte, zu einem
-Depot fern im Gebirge bestimmt, dem Verbannungspunkte der Officiere,
-welche de España nicht in seinem Heere haben wollte. Der seit der
-Ankunft desselben seines Commando’s beraubte Brigadier Don Bartolomé
-Porredon -- ~el Ros de Eroles~, der Rothe von Eroles, gewöhnlich
-genannt -- befehligte es. Mein Gefährte, da er meine neue Stellung
-kannte, zeigte sich natürlich kriechend artig -- das liegt einmal in
-der Natur des modernen Spaniers; übrigens war er ein guter Soldat
-und hatte sich wohl nur durch den Umstand, daß er in Amerika gegen
-die insurgirten Colonien gefochten, den Widerwillen des Grafen
-zugezogen, indem dieser behauptete, daß alle Welt als Schurke von dort
-zurückgekehrt sei, welchen Satz er mit vielen merkwürdigen Beispielen
-belegte.
-
-Bitter klagte der Arme über sein Schicksal. Er war aus Moyá gebürtig,
-der Stadt, welche nicht lange vorher durch die Unseren erstürmt war,
-und so eben hatte er erfahren, da er hieher gekommen war, um den
-Seinen näher zu sein, und dadurch Unterstützung sich zu sichern, daß
-sein väterliches Haus ganz niedergebrannt und der einzige Bruder, vor
-längerer Zeit als Carlist gefangen, nach der Insel Cuba deportirt sei;
-das Schicksal seines Vaters war ihm unbekannt. Nach fast zehnjähriger
-Abwesenheit fand er so seine Heimath wieder! Umsonst suchte ich zu
-trösten, und in der That war Trost da schwer.
-
-So zogen wir langsam der Festung zu, die fast versteckt zwischen
-den hohen Felsgebirgen liegt, welche von beiden Seiten dicht sie
-umschließen; auf ihnen waren Forts angelegt, die durch sich kreuzendes
-Feuer den Übergang über jene Kette fast unmöglich machten. Auf der
-andern Seite ist die Stadt von sanft abgedachten Hügeln umgeben, die,
-dem Plane des Baron von Rahden gemäß, zur Anlage von regelmäßigen und
-ziemlich ausgedehnten Verschanzungen sehr glücklich benutzt wurden,
-so daß hinter ihnen und auf die Festung gestützt eine Division, wie
-in einem verschanzten Lager, mit Vortheil gegen ein weit überlegenes
-Heer sich vertheidigen und, von Position auf Position weichend, den
-Fortschritt des Feindes höchst blutig, ja, einem Heere wie dem des
-General Valdés ganz unmöglich machen konnte. -- Leider ward der Plan
-nicht bis zur Vollendung ausgeführt.
-
-Schon waren wir den am weitesten vorgeschobenen Werken nahe, als
-uns ein Haufen Gefangener begegnete, um, von der Arbeit ruhend, ihr
-Mittagsmahl einzunehmen. Des Jammers gedenkend, den ich ja selbst vor
-kurzem noch gelitten, ritt ich langsam vorbei; da erregte ein Schrei
-hinter mir meine Aufmerksamkeit: ich sah meinen Gefährten in den Armen
-eines Greises, der, die eingefallenen Schläfen mit wenigen Silberhaaren
-bedeckt, mein Mitleid rege gemacht hatte, wie er tief gebeugt und
-auf einen Stab gelehnt mühsam einherwankte. Der Sohn hatte in dem
-Gefangenen seinen achtzigjährigen Vater erkannt.
-
-Die Scene war herzzerreißend, und ich fühlte die Brust, wie nie mehr,
-mir schmerzhaft zusammengepreßt; als ich mich umwandte, sah ich den
-bärtigen Miñon mit derbem Fluche eine Thräne sich trocknend. Erst nach
-langer sprachloser Umarmung konnte der Sohn sich losreißen, schnelle
-Hülfe versprechend. Als wir in Berga anlangten, erklärte der Wicht, er
-wage nicht, vom General seines Vaters Freiheit zu erbitten: ein solcher
-Schritt für einen Negro würde ihn nur compromittiren. Demnach legte er
-sich ruhig nieder, die Siesta zu schlafen! -- Der Graf hatte doch wohl
-Recht in seinem Urtheile!
-
-Natürlich ward der Greis nebst einem Großsohn, der mit ihm in dem Fort
-von Moyá gefangen war, noch an demselben Tage in Freiheit gesetzt.
-
- * * * * *
-
-Der Graf bewohnte ein großes, massives Haus, ~el palacio~ genannt,
-außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen. Die Thüren waren durch
-Tamboure gedeckt, die Fenster des Erdgeschosses durch crenelirtes
-Gemäuer geschlossen, und Alles im Innern, wie im Äußern war auf die
-höchste Vertheidigungsfähigkeit berechnet. Übrigens herrschte hier
-dieselbe Einfachheit, welche in Casserras auffiel, und dieselbe
-ununterbrochene Thätigkeit. Die Aufmerksamkeit des Grafen war
-besonders auf die Verbesserung der Artillerie und auf die dieser Waffe
-correspondirenden Fabriken und Materialien gerichtet, und mehrfach
-äußerte er, als ich mit ihm die Werkstätten und Magazine durchschritt,
-seinen Verdruß über die geringe Anzahl von Feldgeschützen, die ihm zu
-Gebote stand, und deren Vermehrung durch den Mangel an passendem Metall
-sehr erschwert ward.
-
-De España beabsichtigte, um dem Heere von Aragon durch eine Diversion
-Hülfe zu bringen, mit der größeren Hälfte seiner Macht nach Süden in
-die fruchtbaren Ebenen des Ebro-Thales die Operationen zu verlegen,
-deren Erfolg unberechenbar werden mußte, da er, im Besitze mehrerer
-Übergangspuncte über den Strom, die Flanke und den Rücken Espartero’s
-bedroht hätte, als dieser von Zaragoza aus gegen Cabrera’s Heer
-vordrang. Oberst Camps, deshalb nach Morella gesendet, war so eben
-zurückgekehrt und hatte die Nachricht überbracht, daß Cabrera
-einwillige, die Escadrone Valmaseda’s zur Verfügung España’s nach
-Catalonien zu senden, da es diesem so sehr an Cavallerie für den
-Krieg in der Ebene fehlte. Es ward dem greisen Krieger nicht die Zeit
-gelassen, seinen Plan auszuführen.
-
-Am Nachmittage dieses Tages wurden zwei Officiere erschossen, da sie
-geäußert hatten, das Beste sei, den hoffnungslosen Kampf aufzugeben
-und wie Maroto möglichst gut zu accordiren. Ein anderer Elender, ein
-Ex-Mönch, war wenige Tage vorher gehängt, überführt und geständig, mit
-Gift zur Ermordung des Grafen von España von Barcelona gekommen zu
-sein; ein Club der Exaltados hatte ihn zu dem Verbrechen gedungen.
-
-Doch wie sehr ich mich sträube, ich muß endlich zu der blutigen
-Katastrophe kommen, durch welche die Sache des Royalismus eines
-Vertheidigers beraubt wurde, wie während des Bürgerkrieges nur zwei
-sich fanden, die an Kraft, Talent und Wollen ihm zur Seite gestellt
-werden konnten.
-
-Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele
-Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche
-Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga
-deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der
-Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren,
-sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung
-der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige
-Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem
-Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen Miñones
-und Kosacken,[104] nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia,
-wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim
-Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat
-stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte
-ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation
-abmarschiren würden.
-
-Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer
-tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer
-durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten,
-wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein
-gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten.
-
-So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut genug,
-um mich manche Worte, wie ~maldito gavacho~ und ähnliche Ehrentitel,
-verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst und Vocal der
-Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen erstaunt dem
-Treiben zusah, und mir kurz sagte: „~puede Usted marcharse, capitan~.“
--- Sie können gehen -- Wohin? fragte ich natürlich; „~al infierno!~“
--- zur Hölle. -- Das war nicht sehr klar und noch weniger artig; daher
-fragte ich finster, wo der Graf sei? Einen Augenblick blickte der
-Vocal mir starr in die Augen, dann erwiederte er mit kurzem, widerlich
-aus der Gurgel tönenden Lachen: „~carajo~, der Alte ist weit von hier;
-gehen Sie nur zum Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig
-erklärend, immer noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten
-unter allen den gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der
-höchsten Grade so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“
-
-Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel
-ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich
-griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch
-kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide
-entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging
-ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache
-noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten
-Begleiter des Generals.
-
-Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der
-Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu
-sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen
-aber waren auf immer verschwunden.
-
-Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über
-die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und
-diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen
-sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall
-Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem
-Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie
-wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu
-lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort
-dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht
-kannte.
-
-Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit höhnisch
-triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher
-am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten
-Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten
-Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten.
-
-Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im
-Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl,
-vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner
-der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als
-Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin
-als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen
-ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten
-Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung
-einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig
-sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in
-seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte.
-
-Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem
-Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen
-Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt
-hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich
-bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn
-und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl
-geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden
-darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn
-über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht,
-ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die
-Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten,
-wie sie nur wollten.
-
-Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die
-Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze
-des Generals ihnen sich anschloß, den sein König ihm vorgesetzt hatte;
-er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter
-unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer
-Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte,
-auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als
-die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag,
-seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten
-verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde
-sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes
-Verbrechens fürchtend. -- So weit führt Schwäche!
-
- * * * * *
-
-Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir
-bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der
-Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt
-sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte
-den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache
-dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht
-schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich
-vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren
-jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage
-vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach
-wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich
-anschauten und höhnisch unter einander zischelten.
-
-Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre
-Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten,
-der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald
-dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte
-mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des
-leidend nach vorn gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit,
-unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle
-Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln
-den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem
-General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt,
-da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,[105] ihn um
-Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe
-schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei,
-zu einem Depot gehen.
-
-Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm,
-daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande
-müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des
-Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert
-sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. -- „Wie Sie wollen, ich
-wünsche glückliche Reise.“ --
-
-Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur
-Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera
-zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm
-geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon
-zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen
-Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher
-Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich
-nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß
-wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen
-Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter
-des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung mit Stolz
-entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um
-Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als
-Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie
-zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten.
-
- [99] Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich
- bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen
- hatte, erfuhr er, daß die Anführer und Officiere der zu
- bändigenden Horden selbst ihre Leute zum Widerstreben reizten
- und jede seiner Maßregeln und Handlungen bekrittelten
- oder gar lächerlich machten. Er versammelte sie auf der
- Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt ihm eine
- heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General,
- der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und
- drohete, im Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. -- Da die
- disciplinwidrigen Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die
- Officiere wieder versammelt, der Hund ward gebunden von der
- Wache her gebracht, und der Graf erklärte ihm, daß er, trotz
- der Warnung desselben Verbrechens schuldig, nun erschossen
- werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund füsilirt. -- Dann
- wandte sich der General zu den Officieren mit den Worten.
- „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ -- Niemand
- gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles
- weiter zu treiben.
-
- Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht
- besoldet würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der
- That erhielten sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt
- wurde, wenig mehr als die so reichlich bedachten Soldaten. --
- España lud eines Tages das Officier-Corps zum Frühstück ein.
- Eine Schüssel mit gesalzenen Häringen ward aufgetragen, ihr
- folgte eine andere mit gekochten Häringen, dann eine dritte
- mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder eine mit gerösteten
- Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, und kristallhelles
- Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig angeregten
- Durstes vorhanden. -- Erstaunt sahen die Officiere sich an, da
- sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten
- Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei
- auf Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße
- gern wilde Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen -- denn
- ich bin gewaltig lecker, meine Herren! -- und ich tränke gern
- Xerez oder Champagner. Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird
- nicht bezahlt, ich bin meinem Könige in den jetzigen Umständen
- ein so leichtes Opfer schuldig; und Häringe, zwei Stück für
- einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. Dann werde ich
- durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das kostet
- aber gar nichts. -- Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges
- Frühstück in den Hotels von Barcelona!“
-
- [100] Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele mit
- sich, besonders Hunde und Ziegen.
-
- [101] Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er glaubte
- vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die
- Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich
- deshalb. So bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich
- natürlich ablehnte.
-
- [102] Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu gebrauchen,
- weil er ihm zu leicht ist.
-
- [103] Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden
- Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die
- linke Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich
- in Gold gestickt. -- De España und Cabrera wählten Beide diese
- Miñones zu ihrer persönlichen Bedeckung.
-
- [104] Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden beritten
- gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen,
- auf denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu
- fürchten war, zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder
- etwas ihr Ähnlichem -- etwa einer Stange mit einem beliebigen
- scharfen Eisen -- bewaffnet, oft ohne Sattel und mit einem
- Strick statt des Zügels, sahen diese Reiter abenteuerlich
- genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den Flüssen von
- Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet,
- Llobregat und Ter bezeichnend.
-
- [105] Ich habe in der That nichts von einem Chef des Generalstabes
- gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit Hülfe
- seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete.
-
-
-
-
-XXXI.
-
-
-Der Graf de España hatte, wie ich weiter oben erzählte, unter
-Ferdinand VII. den Auftrag erhalten, die Empörung der sogenannten
-Ultra-Royalisten[106] in Catalonien zu unterdrücken; er vollführte ihn
-eben so rasch wie vollständig, und bald war dem Fürstenthume Friede
-und Ruhe wiedergegeben. Ich erwähnte dort der Tausende, die mit dem
-Leben ihre verbrecherischen Anschläge büßten; Alle aber, auf denen
-der leiseste Verdacht der Theilnahme haftete, wurden deportirt oder
-hatten Jahre lang den Jammer eines spanischen Gefängnisses zu dulden.
-Die Feinde des Grafen, und ihrer waren viele, behaupteten, er habe
-die Provinz in einen weiten Kirchhof verwandelt, und die Ruhe, welche
-er schuf, sei die Ruhe des Grabes. Ohne die zahllosen Wohlthaten zu
-beachten, welche seine Verwaltung nach hergestellter Ordnung über
-das Land ausschüttete, wollten sie nur die Blutströme sehen, deren
-Vergießung zur Verhütung weit schrecklicheren Unheils unumgänglich war,
-und sie urtheilten so einseitiger Ansicht gemäß.
-
-Unzeitige Milde ist oft grausamer, als die härteste Strenge. Hätte de
-España mit der revolutionairen Bewegung temporisirt, hätte er nicht
-mit eiserner Faust durch einen Schlag sie niedergeschmettert, so würde
-schon damals das ganze Königreich in Elend und Blut ertränkt sein.
-Denn die Grundsätze, welche jener Aufstand verfocht, waren die des
-politischen und religiösen Fanatismus, der, unduldsam gegen Alles,
-was um einen Grad tiefer oder höher steht, keine andere Mittel zur
-Befestigung seiner Herrschaft kennt, als das Beil des Henkers, die
-Flammen des Auto da Fé und alle die Schrecken, durch die in andern
-Jahrhunderten die Inquisition ihre Opfer verfolgte.
-
-Als der Graf de España im Jahre 1838 nach Catalonien zurückkehrte,
-fand er die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die Mehrzahl der
-Theilnehmer jener früheren Empörung hatte sich nun den carlistischen
-Banden angeschlossen, und Viele, die damals, vom Grafen als Verbrecher
-bestraft, in den Gefängnissen geschmachtet hatten oder gar nach
-Afrika’s Giftküste deportirt waren, hielten jetzt die ersten Stellen im
-Heere und in der Regierungs-Junta inne; noch Mehrere haßten in ihm den
-Feind, durch den ihre Verwandten und Genossen Tod oder schwere Leiden
-fanden. Sie alle unterwarfen sich ihm nur durch die Macht des Zwanges
-und durch die Furcht, die beim Nennen seines Namens sie durchbebte.
-
-Mit diesen Unzufriedenen verbanden sich natürlich alle diejenigen,
-welche des neuen Generals Strenge und Gerechtigkeitsliebe hinderte, das
-alte Raubsystem fortzusetzen, welches doch ihr Hauptzweck war in dem
-Kampfe, den sie unter dem Vorwande des Carlismus unternommen hatten.
-
-Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben,
-deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die
-Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung
-aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig
-dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren
-glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier,
-wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie
-geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung
-der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der
-alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch
-ihren Haß meisterlich zu verbergen und heuchelten tiefste Ergebenheit,
-enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die
-zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten,
-um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe
-stoßen könnten.
-
-Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden
-umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und
-damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange,
-ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es
-ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen
-in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben;
-der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität
-unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl,
-daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. -- Da erschallte die
-Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs
-nach Frankreich.
-
-Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten
-existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander.
-Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen
-und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und
-Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze
-der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die
-vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend
-und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen
-Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und
-dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt.
-Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta
-zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die
-Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer
-mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne
-Ausnahme selbst schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß
-der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch
-natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert
-ward.
-
-Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine
-Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet
-und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch
-war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte
-einige Male -- wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen
-ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den
-Widerstand niederzuschlagen -- verzögernd in den raschen Gang seiner
-Organisations- und Operationspläne eingegriffen.
-
-Da, als Carl V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl erkennend,
-daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur die
-höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf de
-España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward in
-dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle
-ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte.
-
-Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe
-auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde
-des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die
-übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt
-zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den
-General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die
-Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache
-Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen
-designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der
-stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant
-des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann,
-schloß den Verschworenen sich an. Es kam nun darauf an, den Greis
-hülflos in ihre Gewalt zu führen.[107]
-
- * * * * *
-
-Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des
-Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung
-einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant
-Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden
-sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine
-Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement
-Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause
-der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste
-Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu,
-empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die
-fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um
-sie holen zu lassen.
-
-Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht
-in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne
-Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen
-Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten
-Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer
-von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „~ya está hecho!~“ --
-es ist geschehen. -- Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella,
-Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung,
-er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich
-traten aus einem Cabinett zwei bis an die Zähne bewaffnete, dort
-verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei
-Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung
-ihn niederzuschießen.
-
-Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte
-sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die
-Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen
-den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt
-besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen,
-jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer
-eingeschlossen.
-
-So wie der Graf sich erholte, ward er, noch auf der Erde ausgestreckt,
-mit Schmähungen und Mißhandlungen überhäuft, bis ein Maulthier
-herbeigeführt war, auf das er, nur mit seiner Uniform bekleidet,
-gehoben wurde, ohne daß ihm gestattet wäre, Etwas von seinem
-Privat-Eigenthume mit sich zu nehmen. Zwei Vocale, unter ihnen wieder
-Ferrer, der glühendste Feind des Gestürzten, wurden beauftragt, ihn
-nach Frankreich. zu geleiten; mit ihnen vereinigten sich auf dem Wege
-dahin mehrere Chefs, auch der Ros de Eroles, alle rachgierig und
-nach dem Blute des edlen Greises dürstend. Die Mißhandlungen wurden
-von jedem neu Hinzukommenden wiederholt, das Empörendste ward an dem
-Hülflosen, dem man Bauerntracht angelegt hatte, ausgeübt, Schandthaten,
-wie nur Spanier sie erdenken mögen, verwildert und an alle Gräuel
-gewöhnt durch die schaudervollen Scenen, deren Theater ihr Vaterland
-seit dem Anfange dieses Jahrhunderts war.
-
-Umsonst flehte der Gemarterte, fast siebenzigjährige Mann um
-raschen Tod -- er hatte ja die Hoffnung, Frankreichs Gränze zu
-erreichen, längst aufgegeben --; umsonst suchte er die Peiniger zu
-leidenschaftlicher Wuth zu reizen, indem er ihr Verbrechen, ihren
-niedrigen Undank ihnen vorwarf und zeigte, wie sie zu Verräthern an
-dem Könige wurden, dem sie zu dienen vorgaben. Von Hof zu Hof durch
-die finstern Schluchten des Gebirges der Gränze parallel geschleppt,
-duldete der Greis, der Feldherr während drei Tage, was immer seiner
-Henker Wuth ihn zu quälen ersinnen konnte. Und er bewährte bis zum
-letzten Augenblicke die hohe Standhaftigkeit, durch die er während
-seiner ganzen Laufbahn sich auszeichnete.
-
-Da endlich naheten seine Begleiter der Gränze; noch ein Mal belebte
-ein schwacher Hoffnungsstrahl die Brust des Grafen: wann schwände dem
-Menschen ganz die Hoffnung! Aber plötzlich wird angehalten und der
-Dulder, durch Erschöpfung schon dem Tode nahe, ist vom Maulthiere
-gehoben, und losgebunden; er sieht vor seinen Füßen eine dunkle Tiefe,
-in deren Grunde der Segre schäumend über die Felsen sich Bahn bricht.
-Errathend, was seiner hattet, erfleht der Greis, sich bekreuzend, die
-Gnade der heiligen Jungfrau und fordert dann die Elenden auf, ihr Werk
-zu vollenden.
-
-Doch ein junger Officier stürzt athemlos herbei: Don Mariano Ortéu,
-der Adjudant des Grafen und sein Liebling -- noch kommt er zu rechter
-Zeit, um zu retten und zu rächen! Der Graf, als er ihn erblickt, haucht
-schwach mit bittend hoffnungsvollem Tone: „Mariano!“ -- Das Ungeheuer
-drückt hohnlächelnd sein Pistol ab und durchbohrt die Brust seines
-Generals, seines Wohlthäters, Güte und Liebe mit Mord vergeltend.
-
-Der Sterbende ward gebunden in den Fluß gestürzt, auf dessen Ufern
-nach einigen Tagen Landleute den zerschmetterten Leichnam, kaum noch
-kenntlich, fanden; trauernd beerdigten sie die Überreste des verehrten
-und gefürchteten Grafen de España auf dem Friedhofe ihres Dörfchens.
-
-Die Mörder aber kehrten im Triumph nach Berga zurück und erfrechten
-sich selbst, das Andenken ihres Opfers zu schänden, indem sie in einer
-allgemein verbreiteten Proclamation als Verräther ihn darstellten,
-der, ein zweiter Maroto, seine Armee dem Feinde habe verkaufen wollen.
-Die Verleumdung fand überall die gebührende Verachtung. Der edle Graf
-de España wird stets als ein Märtyrer seiner Treue und nie wankenden
-Loyalität in dem Andenken aller guten Spanier eben so hoch stehen, wie
-er lange schon als General und als gerechter Mann die Achtung und das
-Vertrauen seines Fürsten und die Bewunderung Aller sich erworben hatte,
-die seine Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen wußten.
-
-Das Heer empfing die Nachricht von der Absetzung und dann von dem
-Tode seines Anführers mit Staunen, welches mehrfach selbst in Gährung
-überging. Aber auch Segarra hatte bis dahin die Achtung und Liebe der
-Soldaten genossen, und er wußte für den Augenblick ihre Unruhe durch
-Freigebigkeit und durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Heeres
-hinzuhalten, bis bald der Versuch des General Valdés, das bedrängte
-Solsona mit Lebensmitteln zu versehen, ihre kriegerische Thätigkeit
-ganz in Anspruch nahm. Und der Soldat, gewohnt zu gehorchen und Andere
-für sich denken zu lassen, ist ja so leicht getäuscht, so leicht
-gelenkt, wenn er nur begriffen ist.
-
-Viele Officiere aber verließen die Armee Cataloniens, unwillig, unter
-den Mördern des Chefs weiter zu dienen, den ihres Königs Weisheit ihnen
-gegeben hatte. Einige schlossen sich der Armee des Grafen von Morella
-an; die meisten, unter ihnen General Ivañez -- el Llarj de Copons
---, Oberst Camps und Perez Davila, Commandeur der ersten Division,
-verzweifelnd, da solche That unbestraft bleiben konnte, wanderten nach
-Frankreich aus.
-
- [106] Die Aufrührer Cataloniens gegen Ferdinand’s rechtmäßige
- Regierung und die Edlen, welche in Estella von dem Verräther
- Maroto gemordet wurden, sind mit dem einen Namen von
- Ultra-Royalisten bezeichnet!
-
- [107] Ich erzähle die Schandthat, wie sie im Januar 1840 im
- Hauptquartiere des Grafen von Morella von Cataloniern berichtet
- ward, welche hoch genug standen, um genau unterrichtet zu sein.
-
-
-
-
-XXXII.
-
-
-In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von
-Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen
-betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war
-am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die
-Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch
-herdringen. -- Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und
-eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter
-mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.
-
-Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom
-General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der
-Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als
-Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr,
-die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit
-drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage
-wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht
-erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth
-nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie
-unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt,
-hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den
-Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das
-schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten
-Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone
-ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt,
-war seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne
-getrennt, der, ein echter, freiwilliger Royalist in den Schaaren,
-welche Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung
-derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde,
-weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger
-seines Königs zu fechten.
-
-Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten,
-wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und
-Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie
-auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der
-christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie
-auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten,
-das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem
-Mayor[108] sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen
-ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich
-das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches
-Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich
-vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig
-der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den
-Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um
-von den Einwohnern die Bedürfnisse -- Maulthiere, Rationen und Führer
--- sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die
-dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch
-zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.
-
-Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen machen
-mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch
-fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß
-nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich
-marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten
-Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend
-einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie
-sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die
-Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich
-befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet.
-Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf
-er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die
-Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften
-vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps
-erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht
-ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht
-ganz sicher.
-
-Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in
-ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines
-Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete,
-immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu
-ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.
-
- * * * * *
-
-Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war
-die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie
-mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten
-Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei
-unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um
-Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden
-Weibern begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich
-von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.
-
-Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem
-Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen
-errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt,
-welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie
-die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt
-ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe
-an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie
-anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit
-aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war
-die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache
-unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des
-Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden
-Höhen unsern Blicken verdeckt war.
-
-Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu
-folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft,
-die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor
-sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von
-den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes
-Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm
-Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen.
-Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt
-durch einige derbe Stöße zu beschleunigen.
-
-Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit
-dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten.
-Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt
-entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war
-schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute
-niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte;
-an Flucht aber war nicht mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens
-tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was
-thun? -- Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln:
-rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das
-Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören.
-Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit
-den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst
-im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen?
-
-Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das
-Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem
-Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage
-dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den
-Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts
-von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende
-Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir,
-glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren
-Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die
-Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben
-Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen.
-
-Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von
-Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet:
-das Signal, daß ~facciosos~ die Linie passirten. Ich beschleunigte
-den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps
-der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend
-eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief
-eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern
-der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen.
-
-Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort,
-wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ,
-wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes Äußere hatte, wie man
-in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die
-unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten,
-mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf
-den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in
-die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich
-windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen.
-
-Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die
-schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast
-unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende
-Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen
-Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem
-jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem
-Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer,
-welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen
-diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe,
-dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen
-um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen
-pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die
-Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen.
-
-Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir
-bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich
-daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben
-dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür
-verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße
-ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde.
-
-Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir
-meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche
-Frage: „und warum nicht, ~carajo~?“ antwortete er mit tausend
-Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm
-verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick
-sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht
-geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer,
-welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht
-hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des
-nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem
-Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden
-benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend
-vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten.
-
-Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand
-schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren
-Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt
-des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite
-des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten
-nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten
-Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe,
-der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes
-zogen wir weiter dem Süden zu.
-
-Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders
-gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir
-aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns
-anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe
-Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei
-zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden
-herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich
-in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur
-sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit
-bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und
-lauschend, sah ich dunkele Reihen, von Gewehren überblitzt, sich
-uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers
-Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied.
-
-Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion
-in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser
-Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl
-viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte
-Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine
-Anrede ihres Führers erwiederten.
-
-Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die
-malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin
-ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder
-gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst
-vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder
-Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu
-sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn
-auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch
-durch jene Farben hervorstachen.
-
-Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch
-ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit
-ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute,
-echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen
-Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese
-Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah,
-an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und
-in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge
-langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der
-carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie
-das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine
-menschliche Wohnung, und Wochen lang war er in den unzugänglichen
-Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln
-beschrankt.
-
-Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich
-wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine
-Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig
-ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem
-befreundeten Flix zurück.
-
- * * * * *
-
-Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch
-sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige
-Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der
-Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem
-Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde
-beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix
-zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter
-eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen.
-
-Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger
-Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella
-entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig
-sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon
-als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und
-zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu
-erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die
-Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne
-Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu
-finden.
-
-Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor
-wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue
-Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in der Hand zu lösen sei, stand
-er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel
-seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung
-auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg,
-einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde.
-Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des
-Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt
-über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er
-ungehindert sich aufgestellt hatte -- zu welchem Zweck, möchten wohl
-seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen,
-als er selbst --; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern
-Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren -- wenn auch
-nicht Ehre -- und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte.
-
-Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift[109] sind die
-Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie
-sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden.
--- Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor!
-
-In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher
-bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß
-es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und
-Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach
-alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon
-oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht
-war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und
-Mantel von Kugeln getroffen waren. Die Thäter, zwei durch das Gold
-Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione
-geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten
-ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode.
-
-Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja
-dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang
-nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der
-Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses
-mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren,
-sogleich erschießen ließ.
-
- * * * * *
-
-Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen,
-und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir
-vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam.
-Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr
-von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf
-Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich
-aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser
-ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl
-die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit
-Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte.
-
-So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende
-des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein
-gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das
-Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte,
-trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten
-behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte,
-dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm, welche
-ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die
-Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen
-und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und
-den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich
-sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die
-Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen
-mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen,
-vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren
-werde.
-
-Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden
-sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos
-schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm,
-wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische
-Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich
-gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward,
-zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und
-bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen --
-sein höchster Wunsch und sein Stolz --; da freilich schätzte ich mich
-glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione
-und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen
-konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen,
-der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte.
-
-Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden,
-in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der
-General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs
-auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher
-Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß
-des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust
-zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und
-gedemüthigt sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der
-Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und
-durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte
-bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit
-die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella.
-
-Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch
-dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte
-ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann
-sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht
-begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so
-weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende
-Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave
-Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich
-entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel
-Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef
-sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können.
-
-Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von
-Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach
-Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf
-dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den
-vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel
-zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher
-Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena
-empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere,
-vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes
-Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er
-nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er
-war in dem Kriege gegen Napoleon -- Gott weiß, wie? -- zum Capitain,
-in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum
-Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort
-in den Ruhestand zurück versetzt.
-
-Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen
-selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe
-besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er
-denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets
-auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen
-vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten
-Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen
-könne.
-
-Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden
-und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn
-zu schonen wünschte,[110] dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich
-seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage
-ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair
-reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen,
-wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche
-solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen,
-da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem
-gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes
-mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd
-mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach
-vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen
-die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon
-will es so! -- Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rückständigen
-Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den
-Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln.
-
-Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers,
-den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß
-Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da,
-als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit
-des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen
-ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den
-jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein
-Belagerungsgeschütz heranschleppte.
-
-Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer
-Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne,
-da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so
-übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich
-bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem
-niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit:
-„Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden,
-mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch
-dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen
-entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen
-Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden
-sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem
-Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was
-mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt
-blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so
-hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in
-Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen.
-
-Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm widerlich
-seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können.
-
-Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem
-Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei
-verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich
-in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines
-der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war
-merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl
-getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines
-Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter
-entbehrten Genüsse zu verschaffen.
-
-Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von
-Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die
-ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der
-Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft,
-die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und
-des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und
-doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der
-Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der
-augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen
-Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über
-die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns
-füllte; -- eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer
-nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie
-schildert --. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende
-Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir
-uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der
-Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher
-vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte;
-dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über uns
-selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden
-Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen
-aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf.
-
- * * * * *
-
-Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald
-theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich
-abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden,
-der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und
-seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er
-Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem
-Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren
-Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während
-der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls V. bei
-dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des
-gefeierten Feldherrn angefertigt hatte.
-
-Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der
-Armee sich befand -- denn einige Schurken, die von der französischen
-und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren,
-verdienten nicht, so genannt zu werden -- von dem Manne, dessen
-freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war
-herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der
-Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so
-hohe Stufe gehoben hatte.
-
-Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der
-Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete
-geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden -- er war
-im November zum Brigade-General ernannt -- wenn auch oft von Gefahren
-bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines
-der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés
-erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes
-wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der
-Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm.
-
- [108] ~El mayor~, der Älteste, nannten die einfachen Gebirgsbewohner
- in ihrer unbegränzten Ehrfurcht jeden Officier; gewohnt, den
- Ältesten der Familie mit höchstem Respekt zu behandeln, trugen
- sie die Benennung auch auf die Militairs über, denen solcher
- Respekt bewiesen ward.
-
- [109] Diese Blätter werden Belege für Alles liefern, dessen ich den
- Siegesherzog hier anklage.
-
- [110] Ein beachtenswerther Zug in dem jungen General war seine hohe
- Achtung und Rücksicht für alle altgedienten Soldaten.
-
-
-
-
-XXXIII.
-
-
-Espartero, nachdem er die baskischen Provinzen erkauft, war in den
-letzten Tagen Septembers von Navarra aufgebrochen, um sein Werk durch
-die Unterwerfung des Gebirgslandes zu vollenden, in dem der Graf von
-Morella als Stellvertreter Carls V. befehligte. Er führte 40 Bataillone
-und 16 Escadrone von der Nordarmee nach Aragon; die Bataillone waren
-durch die neue im Sommer gemachte Aushebung von 40000 Mann auf den
-höchsten Etat gebracht, den sie während des Krieges je gehabt hatten:
-sie enthielten nach den Aussagen von Augenzeugen, wie nach dem, was
-ich später von den Christinos selbst hörte, in ihren acht Compagnien
-1100 bis 1200 Mann. Die drei Heeres-Divisionen und die der Avantgarde,
-in welche jene Masse eingetheilt war, wurden von den erprobtesten
-Führern der Christinos commandirt; der frühere Vicekönig von Navarra,
-Don Diego Leon, Graf von Velascoain, befehligte die neun Bataillone
-starke königliche Garde. Mit Espartero war auch der berüchtigte
-Schleichhändler Martin Zurbano, genannt Barea, von der usurpatorischen
-Regierung mit dem Grade eines Obersten belohnt, nach Aragon gekommen;
-sein Freicorps zählte fast 3000 Mann Infanterie und 200 Pferde.
-
-Die Armee des Centrum, unter dem Oberbefehl des Generals O’Donnell im
-Königreiche Valencia stehend, war aus 24 bis 26 Bataillonen und etwa 20
-Escadronen zusammengesetzt, da der Rest als Garnisons der zahlreichen
-Festungen beschäftigt war. O’Donnell zog mit 21 Bataillonen und 7
-Escadronen nach Teruel, um von dort aus in Verbindung mit Espartero die
-entscheidenden Operationen zu beginnen. So gebe ich die unter diesen
-beiden Chefs vereinigten Streitkräfte gewiß nicht zu stark an, indem
-ich ihre Zahl auf 75000 bis 80000 Mann schätze.
-
-Der Graf von Morella befand sich, da er die Nachricht von dem Verrathe
-Maroto’s und dem Anmarsche der Nordarmee erhielt, mit 12 Bataillonen
-und 800 Pferden weit im Innern Castilien’s, wo kein feindliches
-Corps seine Fortschritte hinderte. Er eilte sofort zur Deckung des
-Hochplateaus, von dem hinab er bisher siegreich nach allen Seiten sich
-ausgedehnt hatte; am 6. October langte er in Morella an und traf sofort
-die Maßregeln, welche zum kräftigen Empfange des Feindes beitragen
-konnten.
-
-Die Armee unter seinem unmittelbaren Commando bestand aus folgenden
-Truppen:
-
-Die Division von Aragon unter General Llagostera enthielt 9 Bataillone,
-von denen zwei erst kürzlich bewaffnet waren, und 6 Escadrone; die
-Division von Valencia unter General Forcadell 7 Bataillone, von denen
-das eine neu gebildet, und 4 Escadrone; die Division vom Ebro in der
-1. Brigade, Tortosa, unter Oberst Palacios 4 Bataillone, in der 2.
-Brigade, Mora, unter Oberst Feliú 3 Bataillone und 4 Escadrone.
-
-Dazu kamen das Schützen-Freibataillon des Oberst Bosque, das
-Sappeurs-Bataillon und das Bataillon der Artillerie, so daß die Armee
-aus 26 Bataillonen und 14 Escadronen oder 14000 Mann Infanterie und
-1300 Pferden bestand.
-
-Die Brigade, welche, 4 Bataillone und 2 Escadrone stark, jenseit
-der Heerstraße von Teruel nach Segorbe stand und die Festungen des
-Turia nebst Cañete und Beteta kaum hinlänglich garnisoniren konnte,
-darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie zu den diesseitigen
-Operationen gar nicht mitwirkte, der Feind auch zwei überlegene
-Colonnen unabhängig ihr entgegengestellt hatte; ebenso wenig die beiden
-Escadrone, mit denen Valmaseda nach Catalonien und im December, von
-dort zurückkommend, nach Neu-Castilien abging.
-
-14000 Mann und 1300 Pferde sollten dem Angriffe von 80000 Mann
-begegnen! Doch hatte jene Minderzahl den Vortheil des Terrains für
-sich, so wie die Stütze, welche ihre Forts und der Geist der Einwohner
-ihnen gewährten; dagegen machte wieder das Terrain den Gebrauch ihrer
-herrlichen Cavallerie unmöglich, weshalb diese größtentheils entsendet
-wurde, um in Flanke und Rücken des Feindes seine Communicationen
-zu erschweren. Aber dieses kleine Heer wurde furchtbar durch die
-gränzenlose Hingebung der Krieger, ihre unwandelbare Treue und vor
-Allem ihr Vertrauen auf den Führer, den sie stets an ihrer Spitze auf
-dem Pfade des Sieges und der Ehre gesehen hatten. Unendlich war der
-Enthusiasmus, den der Anblick des geliebten Generals, ein ermunterndes
-Wort aus seinem Munde in den Freiwilligen erregte; und die friedlichen
-Einwohner begrüßten mit eifrigen Wünschen für sein Glück den Feldherrn,
-der gegen Feind und Freund so brav wie gerecht sie geschützt, und den
-sie daher als rettenden Engel zu betrachten sich gewöhnt hatten.
-
-Cabrera unterließ Nichts, was diesen Geist des Heeres und des Volkes
-erhalten und heben konnte. Er erließ Proclamationen, in denen er mit
-schwarzen Zügen den Verrath -- wiewohl nicht in seinen ganzen Folgen
--- schilderte, der den König gezwungen hatte, das angestammte Reich
-zu meiden. Er sprach dann in feurigen Worten zu den Herzen seiner
-Kameraden; er erinnerte sie an die zahllosen Unbilde und die Schmach,
-welche die Männer der Revolution auf Alles gehäuft hatten, was ihnen
-theuer und heilig sein mußte; er rief die Gefahren und die Drangsale
-ihnen ins Gedächtniß, die sie unter seiner Leitung erduldet, und aus
-denen die Hülfe des Höchsten sie stets mit Ehre und Ruhm gerettet, die
-Siege, welche sie so oft, weit schwächer und wo schon Rettung unmöglich
-schien, über die prunkenden Massen der erbitterten Negros davongetragen
-hatten. Er zeigte, wie von dem Augenblicke an, in dem er mit funfzehn
-Mann und ohne Waffen den Kampf begonnen für die Vertheidigung seines
-Königs und seiner Religion, wie er da, von Schritt zu Schritt durch
-die himmlische Vorsehung geleitet, endlich ein glänzendes Heer habe
-bilden, und, der anfangs Verachtete und einem wilden Thiere gleich von
-Schlucht zu Schlucht Verfolgte, die übermüthigen Feinde im Sitze ihrer
-Macht bedrohen können.
-
-Er forderte schließlich seine treuen Streitgenossen auf, nicht zu
-verzagen, da sie nun die jauchzenden Schaaren der Christinos sich
-heranwälzen sahen, er bat sie, vertrauensvoll und brav, wie bisher,
-ihrem Führer zu folgen, der stets der Erste sein werde, wo Gefahr und
-Ehre lockten, und er versprach ihnen, wenn sie standhaft aushielten in
-dem großen Kampfe, bei dem die Frucht aller ihrer Anstrengungen auf
-dem Spiele stand, den Schutz der gnädigen Himmelsköniginn, der hehren
-Jungfrau der Schmerzen, die nie zugeben werde, daß ihre frommen Kämpen
-unter den Streichen der alles Heilige verspottenden Trabanten der
-Revolution erlägen.
-
-Und der Aufruf ihres Generals entflammte zu höchstem Feuer die
-Begeisterung der wackern Soldaten. Sie alle schwuren, bis zum Tod
-ihrem Eide treu zu bleiben, und als Cabrera zu Morella die Garnison
-versammelte und, wie jeder Unteranführer in seinem Corps es thun mußte,
-öffentlich erklärte, daß jetzt alle die, welche nicht den Muth in sich
-fühlten zur Fortsetzung des schweren Kampfes, bis das Begonnene ganz
-vollbracht sei, frei und unangetastet in die Heimath sich zurückziehen
-könnten, daß aber von dem folgenden Tage an der Soldat, welcher
-von seinem Corps sich entferne, ohne Gnade erschossen würde -- da
-antwortete ihm ein allgemeines, dreimal wiederholtes: „~viva el Rey!~“
-von dem den Freiwilligen fast eben so vertrauten „~viva Don Ramon!~“
-begleitet, und nicht Einer fand sich unter den braven Burschen,[111]
-der von des Generals Aufforderung Gebrauch gemacht hätte.
-
-Zugleich bemühete sich der General, viele der Mißbräuche abzuschaffen,
-die ganz besonders in die Verwaltung sich eingeschlichen hatten, und
-von denen er, bei seiner eigenen Uneigennützigkeit des Argwohnes
-kaum fähig, durch bittere Erfahrungen kürzlich überzeugt war: die
-Hülfsquellen des Landes, so wie die Beute, welche die kühnen Züge
-Cabrera’s durch Castilien, Valencia und Murcia schafften, wurden auf
-die unverantwortlichste Art vergeudet oder noch häufiger benutzt,
-die Habgier Einzelner zu befriedigen. Daher fehlten nicht selten die
-dringendsten Bedürfnisse, und -- was ein furchtbarer Donnerschlag für
-Cabrera war, der Ähnliches nicht ahnete, da die Freiwilligen nie eine
-Klage deshalb erhoben -- die Bataillone waren fast ein Jahr mit ihrem
-Solde im Rückstande.
-
-Der General-Intendant des Heeres, Bocos de Bustamente, der bisher die
-ganze Administration leitete, wurde seiner Stelle entsetzt und die
-Junta aufgelöset, da sie, anstatt zu ordnen und zu leiten, nur die
-schon so schwierigen Verhältnisse mehr und mehr verwickelte. Leider
-konnte der General den Blutsaugern nicht die Millionen entreißen,
-mit denen sie auf Kosten des Heeres, des Landes und der Sache, deren
-eifrige Vertheidiger sie sich nannten, ihre Zukunft zu sichern gewußt
-hatten.
-
-An die Stelle der aufgelöseten ward eine ~Real Junta militar de
-administracion y govierno~ gebildet, die unter dem Vorsitze des
-Generals en Chef fast ganz aus Militairs höherer Grade zusammengesetzt
-war, welche durch strenge Pflichterfüllung, Entschiedenheit in
-ihren politischen Ansichten und Redlichkeit solchen Vertrauens
-würdig schienen. Bald zeigte es sich, wie auch der am schärfsten
-Blickende getäuscht wird, und wohl noch mehr, wie Versuchung dem
-Besten gefährlich ist: im Frühjahr gingen drei der Vocale und unter
-ihnen derjenige, welcher mit Recht als der Tüchtigste, Thätigste und
-Einflußreichste unter den Gliedern der Junta gerühmt wurde, der Oberst
-Villalonga, zu Espartero über, da sie den gänzlichen Fall der Parthei
-unvermeidlich nahe sahen. Sie nahmen die Casse der Junta mit sich. --
-Viele Enttäuschungen warteten des edlen Cabrera!
-
-In eben dieser Zeit ward ein Mann in Morella ergriffen, der, Jedermann
-unbekannt, seit einigen Tagen dort sich umhertrieb und, so wie der
-General in der Festung anlangte, zu ihm sich zu drängen suchte. Da
-er nicht Auskunft über sich geben wollte, durch seine Reden aber
-den Verdacht böser Absichten fast zur Gewißheit steigerte, ward ihm
-erklärt, daß er, falls er nicht gestehe, wer er sei und weshalb er
-dorthin gekommen, unverzüglich erschossen werde. Um ihn noch mehr
-einzuschüchtern, wurde er selbst in ~capilla~ gesetzt, und ein Priester
-sollte zu christlichem Tode ihn vorbereiten. Schäumend vor Wuth gab
-er sich da, weil er ja doch sterben müsse, als Mörder an, der von den
-Radicalen zu Barcelona gedungen sei, die Welt von dem gefürchtetsten
-Vertheidiger der Legitimität zu befreien. Er rühmte sich zugleich, an
-der Ermordung des gefangenen Obersten O’Donnell und der Seinen, so
-wie an der Niedermetzelung der Mönche thätig Theil genommen, ja ein
-Stück jenes unglücklichen Opfers geröstet und verzehrt zu haben; dann
-versprach er wieder, im Fall ihm das Leben geschenkt werde, Espartero
-in der Mitte seiner Garde niederzustoßen. Der Mann, plump, frech und
-erbärmlich feig zugleich, war gewiß sehr schlecht gewählt für das
-Geschäft, dem er sich unterzogen hatte. Sein abgeschlagenes Haupt ward
-zur Warnung auf einem Galgen vor der Stadt aufgesteckt. Vor seinem Tode
-erklärte er, daß mit ihm noch zwei Banditen von Barcelona abgesendet
-seien, die jedoch meines Wissens nie versuchten, die beschlossene
-Schandthat auszuführen.
-
- * * * * *
-
-Espartero rückte in der zweiten Hälfte Octobers mit den 35 Bataillonen,
-die er persönlich führte, von Norden gegen die Gebirgsmasse vor,
-welche den Grundsitz der carlistischen Macht bildete, und zu
-deren Vertheidigung Cabrera seine Truppen concentrirt hatte. Sie
-konnte als eine große Veste angesehen werden, in der Morella und
-Cantavieja, durch Lage, Kunst -- so glaubte man wenigstens -- und
-noch mehr durch die Schwierigkeit der Annäherung besonders stark, den
-Haupt-Vertheidigungskörper, die vorliegenden Forts Cullá, Alcalá la
-Selva, Aliaga, Villarluengo und Castillote die Außenwerke, das weit
-vorgeschobene Segura aber, so wie die Festungen des Turia im Südwesten
-und Villamaleja im Süden, selbstständige detachirte Werke bildeten,
-welche in Flanke oder Rücken dem angreifenden Feinde sehr gefährlich
-werden konnten.
-
-Cabrera sandte deshalb Llagostera mit einem starken Corps, um
-bei Segura sich aufzustellen, von wo dieser jedoch, da Espartero
-unaufgehalten über Muniesa und am 26. October selbst bis Calanda
-vordrang und so die schwächste Seite der Gebirgsveste bedrohete, auf
-Castillote sich zog und dort Espartero sich entgegenstellte.
-
-Zugleich hatte O’Donnell von Teruel seine 21 Bataillone herangeführt
-und war sofort bis Villarroyo vorgedrungen, worauf er das Städtchen
-Camarillas als Depot und Anhaltspunkt befestigen ließ, zu welchem
-Zwecke Espartero Estercuel ausersah, indem er auch Montalban, um
-Segura in Schach zu halten, wieder befestigen und diese Puncte durch
-mehrere feste Posten links mit Calanda und rechts mit den von O’Donnell
-besetzten Orten und bis Teruel verband, so im Halbkreis eine Linie,
-ähnlich denen der Nordprovinzen, um das eingeengte Gebiet der Carlisten
-ziehend.
-
-Eine Colonne von 8 Bataillonen befehligte der Brigade-General Don
-Juan Cabañero, der, früher in Cabrera’s Armee die Division von Aragon
-befehligend, mit Maroto zu den Christinos übergegangen war und sich
-der besondern Gunst des Siegesherzoges erfreute, da er genau mit dem
-Kriegsschauplatze bekannt war und versprochen hatte, seine früheren
-Cameraden zu bearbeiten. So gab er ein treffliches Werkzeug ab für die
-Bestechungspläne seines neuen Anführers.
-
-Kleinere abgesonderte Detachements sollten die Communicationen sichern,
-das Land besetzen und dadurch seine Hülfsquellen den Carlisten
-unzugänglich machen und auch wohl die Bewohner, indem sie das ganze
-Land von den Schaaren der Christinos überschwemmt sahen, heilsame
-Furcht vor der Macht des gerühmten Feldherrn lehren. So schweifte
-Martin Barea in dem Gebiete von Montalban und Segura, das Bataillon der
-portugiesischen Fremdenlegion, welches so lange schon unter Borso di
-Carminati’s Befehlen brav gegen Cabrera gekämpft hatte und aus einer
-Brigade zu einem Bataillon zusammengeschmolzen war, zwischen Segura und
-der großen Heerstraße umher.
-
-Bisher hatten die Feinde, wenn auch stets von unsern Colonnen
-beobachtet und oft in günstigen Stellungen aufgehalten, keinen
-ernstlichen Widerstand gefunden, und jubelnd wähnten sie, daß die
-Kraft unserer Krieger gebrochen sei, und daß rasches Vorwärtsschreiten
-ihnen hinreiche, um der leichten Beute sich zu versichern. Viele
-glaubten selbst, daß Cabrera nur die Unterwerfung verzögere, um bessere
-Bedingungen für sich und die Seinen zu erpressen. Espartero hatte
-schon seine Siegeskünste in Thätigkeit gesetzt; wenn das Gold über den
-Obergeneral nichts vermochte, sollte es bei den Untergebenen desto mehr
-seine Macht bethätigen. Er erließ Proclamationen, in denen er das Volk
-aufforderte, sich ihm anzuschließen, um die Segnungen des Friedens zu
-erringen; den carlistischen Soldaten versprach er eine Geldbelohnung
-und die Entlassung in die Heimath, wenn sie den tollen Widerstand
-aufgäben und zu den siegreichen Truppen der unschuldigen Königinn
-übergingen, während er den Officieren, die sich ihm präsentiren
-würden, Anstellung in den Graden, die sie erlangt, und selbst
-Bestätigung der Orden und sonstigen Auszeichnungen zusagte, welche
-ihnen im Kampfe gegen seine eigenen Truppen geworden waren.
-
-Diese waren die ersten Schritte, die er zu der Ausführung seines
-Lieblingssystemes that; wollte Gott, daß alle andern eben so nichtigen
-Erfolg gehabt hätten!
-
- * * * * *
-
-O’Donnell drang vorwärts, um seinem Gefährten die Hand zu reichen
-und zugleich die Aufmerksamkeit Cabrera’s auf sich zu ziehen. Am
-30. October griff er Fortanete an, zu dessen Vertheidigung Cabrera
-rasch herbeieilte und in der That mit vier Bataillonen, die er dort
-vereinigte und erst am folgenden Morgen mit andern zwei verstärkte,
-den Ort bis zum Abend des 31. hielt. Am 1. November bereitete er sich,
-den ermatteten Feind von neuem zu bestürmen, als er durch einen Spion
-die Nachricht erhielt, daß Espartero am Tage vorher von Calanda über
-dem Mas de las Matas mit seiner ganzen Macht vorgedrungen sei, Morella
-sowohl wie Cantavieja bedrohend; und daß Cabañero Einverständniß mit
-einigen Officieren angezettelt habe, welche ihm am Abend desselben
-Tages die Festung Cantavieja einhändigen würden.
-
-Fortanete aufgebend flog der General, nur von seinen Adjudanten und
-Miñones begleitet, der bedroheten Veste zu; am Tage nachher wurden die
-Schuldigen erschossen, und kaum gelang es dem verrätherischen Cabañero,
-mit seiner Colonne durch die Schluchten, ihm sämmtlich wohlbekannt, den
-Massen Espartero’s wiederum sich anzuschließen. Da war es, als abermals
-die gedungenen Mörder das Leben des Grafen von Morella bedrohten, über
-dessen Haupte ein schützender Genius zu schweben schien, die Elenden
-blendend, welche gegen ihn die Hand zu erheben wagten.
-
-In las Parras hatte Espartero sein Hauptquartier aufgeschlagen,
-während die Garden unter General Leon die Dörfer Luco und Bordon, vier
-bis fünf Stunden von Morella, besetzt hielten. O’Donnell ging bis
-la Cañada vor, welches er leicht nahm; aber seine Versuche, darüber
-hinauszudringen, um mit Espartero in Verbindung zu treten, blieben ganz
-fruchtlos und kosteten ihm viele Menschen. In eben diesen Stellungen
-befanden sich die beiden feindlichen Armeen, als ich von Catalonien
-zurückkehrte, und ein bunteres Durcheinanderwerfen der christinoschen
-und carlistischen Truppen schien ganz unmöglich zu sein und kann
-nur durch die Eigenschaften des Terrains erklärt werden, welches so
-furchtbar gebrochen, mit unzugänglichen Felsmassen und tief gefurchten
-Schluchten durchzogen ist, daß die Corps häufig auf geradem Wege wohl
-kaum eine Viertelstunde von einander entfernt waren, während sie, um
-sich zu treffen, Stunden langen mühsamen Marsch zu machen hatten. --
-In einem regelmäßigen Kriege würde ein ähnliches Gebirge für durchaus
-impracticabel erklärt werden.
-
-Espartero stand, wie gesagt, in las Parras, Luco und Bordon,[112]
-die Front gegen el Orcajo, die beiden Hauptfestungen der Carlisten
-bedrohend; seine ganze Cavallerie war im Mas de las Matas concentrirt
-und deckte so die Verbindung mit Calanda, welches jedoch vom Obersten
-Bosque blokirt wurde, der selbst unter dem Schutz des Terrains drei Mal
-den Ort überfiel, die Thorwache niederhieb und Officiere und Leute von
-den Straßen gefangen fortführte, ehe die christinoschen Truppen unter
-die Waffen kamen. Es durften daher nur Colonnen von einigen tausend
-Mann von Calanda zum Heere und nach dem Hauptdepot Alcañiz geschickt
-werden oder von dort kommen.
-
-Dieser Linie parallel zwischen ihr und Morella und den Weg nach dem
-Orcajo deckend, welches ein äußerst wichtiger Punkt war, da dort die
-Straßen nach jenen beiden Festungen rechts und links abgehen, standen
-von Monroyo bis Olocau vier Bataillone, die aber sofort verstärkt
-werden konnten. Cabrera selbst blieb, nur von seiner Compagnie Miñones
-und den Ordonnanzen gedeckt, in Zurita, drei Viertelstunden von dem mit
-Truppen überladenen Luco. An der andern Seite der feindlichen Position
-lag das starke Castillote, eine Stunde von las Parras und dem Mas de
-las Matas entfernt. Dort stand, auf das Fort gestützt, Llagostera mit
-einem Theile seiner Division, die er in glücklichen Zügen und mit
-überraschender Thätigkeit -- da er gewöhnlich sehr langsam sich zeigte
--- bis tief in das nun feindliche Gebiet hinein, nach Segura und über
-dasselbe hinaus führte.
-
-In der Nacht vom 6. zum 7. November überraschte er in Barrachina
-das Fremdenbataillon, welches ihn zwanzig Stunden entfernt wähnte,
-und brachte ihm einen Verlust von 300 Todten bei: die fremden Corps
-hatten keinen Pardon. Den kleinen Rest rettete der entschlossene
-Muth desselben, da er ohne Munition der schon genommenen Kirche sich
-bemächtigte, in der das Bataillon seinen Pulvervorrath niedergelegt
-hatte, und in ihr sich vertheidigte.
-
-Zwischen jener Armee und der O’Donnell’s, die in Fortanete und la
-Cañada sich verbarrikadirte, standen die carlistischen Bataillone
-in Pitarque, Tronchon und Mirambel, während O’Donnell’s rechter
-Flügel durch drei Bataillone in Val de Linares, sein Rücken gar durch
-die beiden Festungen Aliaga und Alcalá la Selva und den auf sie
-gestützten Freicorps bedroht und seine Communicationen natürlich ganz
-abgeschnitten waren.
-
-Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen
-konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne
-Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen
-Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan
-dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden
-sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und
-dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch
-die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der
-bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da
-er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie
-denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen
-Vorbereitungen getroffen waren!
-
-Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf
-den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine
-Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen,
-damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe
-des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige
-Speculation gewesen. -- Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen
-der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die
-carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von
-Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht
-ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch
-rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten,
-vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die
-Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts
-gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte.
-
-Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das
-geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder
-und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues
-Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht,
-daß wenn das Entwickeln seiner ungeheuern Übermacht und das kühne
-Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine
-unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug
-allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken,
-daß es ihn und seine Massen -- und was kann Schlimmeres dem begegnen,
-der moralisch zu wirken sucht? -- zum Gegenstande des Spottes und der
-Verachtung machen mußte?
-
-Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero zu
-solch einem ~faux pas~ bewogen wurde, Motive, die mit dem alten
-System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für
-seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig
-unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern,
-um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr
-Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen
-Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren
-Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem
-Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten
-an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von
-versuchter Bestechung[113] zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete,
-wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.
-
-Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen
-in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit
-Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er
-ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen
-einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er
-Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel
-zurückzuweisen wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der
-menschlichen Natur -- das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht!
--- wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele,
-die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen
-wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf
-den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen
-vermochte.
-
- * * * * *
-
-Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der
-Christinos unbeweglich in ihren Dörfern -- die Besetzung der Cañada
-durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen --; sie
-hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war
-auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun,
-so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration
-ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen
-Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu
-einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche
-zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten
-vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.
-
-Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte
-Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu
-bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig
-vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die
-wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen
-in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones
-bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die
-Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft
-verlor.
-
-Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen
-Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der
-Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der
-Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf
-oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen
-Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der
-verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er
-sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach
-Cantavieja und Morella.
-
-Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea
-neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von
-den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort
-machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß
-der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in
-höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname
-und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser
-Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen
-angekündigt wurde.
-
-Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon
-von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten
-O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien
-gefangen.
-
-Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge
-waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er
-sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an
-Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand,
-dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte
-sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der
-bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen
-Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm ihm
-einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung
-seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen
-erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um
-seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die
-Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar
-wurde. -- Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu
-beginnen.
-
-So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu
-unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit
-drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige
-Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt
-der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die
-Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht
-vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich
-auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche
-zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt
-wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen
-und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten
-Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach
-Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie
-4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu
-erkaufen.
-
-Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen
-noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich
-wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839
-geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der
-Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue
-Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten
-Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen
-könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt,
-daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles
-geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. -- Seine Wahl war
-rasch getroffen.
-
-Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur
-Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum
-26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel
-angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen
-die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in
-der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit
-Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige
-zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden
-christinoschen Corps den Ort verlassen hatte.
-
-Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode
-Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt
-schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge
-den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit
-ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu
-erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April
-1840 sein Commando.
-
- [111] Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis zwanzigjährige
- Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des Krieges
- sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue
- besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps.
-
- [112] General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera eine
- Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt,
- welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und
- Operationen Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn
- bekämpfenden Heere zu empfehlen ist.
-
- [113] Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende Anerbietungen
- von Seiten Espartero’s geblieben.
-
-
-
-
-XXXIV.
-
-
-Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das
-Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José
-Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig
-gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt
-waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls
-über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s
-in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte;
-man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen.
-Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die
-Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells
-beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu
-krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten
-Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich
-erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar
-nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf
-weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten
-Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn
-fern hielten.
-
-Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt
-und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja,
-der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet.
-Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die
-Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch,
-so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps
-immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden Mahnungen
-des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern,
-daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella
-sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des
-regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen
-Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der
-von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des
-Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig
-dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte.
-
-Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war
-dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei,
-die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen,
-trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah,
-befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten;
-die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des
-peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem
-wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und
-unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es
-ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis
-auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade
-dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung.
-Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach
-dreitägiger Beschießung.
-
-Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung
-rasch -- zum Theil mit Pallisaden -- geschlossen, um sie gegen einen
-Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben
-Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent
-von neuem zu erbauen -- er fand nie gut, was nicht von ihm selbst
-herrührte. -- Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt
-werden.
-
-Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen,
-so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo
-vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja
-inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá
-südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von
-Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco
-in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe
-befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die
-Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter
-uns vertheilt.
-
-Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen
-Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der
-Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach
-Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte
-ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit
-Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu
-fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten
-waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte.
-Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben,
-durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war
-im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von
-Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach
-Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena
-reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. -- Doch sollte ich
-noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.
-
- * * * * *
-
-Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General
-gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein,
-da ich ihn begleiten würde; er entließ mich erst nach mehreren Fragen
-und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr.
-Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da
-der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich
-befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh,
-daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem
-Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den
-treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s
-in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.
-
-Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche
-Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung
-mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das
-ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das
-etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet,
-einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit
-großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt
-ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den
-doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem
-Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu
-verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya
-ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche
-Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.
-
-Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa
-sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden
-in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die
-Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt
-werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd
-in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen;
-wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich noch nicht begreifen.
-Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast
-unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir
-befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen
-seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde
-Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen
-Studenten bewundern ließen.
-
-Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte
-Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen -- denn Cabrera wollte
-Alles selbst sehen und überall anordnen -- langten wir endlich auf
-dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir
-begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten
-Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich
-ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die
-Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General
-selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des
-Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit.
-Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern,
-die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die
-eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren -- und deshalb war das
-Land weit umher hart bedrückt!
-
-So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren
-der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den
-Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten
-lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu
-versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu
-den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren,
-zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.
-
-Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine
-Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die entschieden
-royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und
-viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die
-Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische
-Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der
-niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin
-sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die
-Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage
-des Flusses frei zu erhalten.
-
-Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung
-von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte,
-den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb
-stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt
-und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles
-die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die
-Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz
-unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine
-sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von
-Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei
-die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht
-mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.
-
-Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine
-Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich
-wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß
-ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger[114]
-ausgesehen habe, als der Franzose, der einst für die Christinos bei
-ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der
-gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid
-zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen
-Regierung entdeckt und erschossen war!
-
- * * * * *
-
-Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der
-verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit
-Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so
-viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit
-dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen
-Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen
-zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein
-Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten
-gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er
-am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen
-hat, der mache, daß er fortkomme!“ -- Einer jener Officiere wurde kurz
-nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf
-einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und
-sofort füsilirt.
-
-Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die
-Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva,
-eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas
-entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen
-des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf
-Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von
-dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben
-Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von unserer
-Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter
-zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber
-abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte;
-so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die
-Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend.
-Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63
-Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.
-
-Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein
-leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen
-existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl,
-Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern
-verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare
-Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.
-
-Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher,
-in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend,
-der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort:
-Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht
-unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben
-so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet
-hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt
-und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der
-Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo
-Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen
-jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch
-keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der
-Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein-
-und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine
-chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele sehr,
-daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt
-hätte.
-
-Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter
-Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da
-ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später
-irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den
-General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche
-direkt widersprechend ist. -- Die rasch angewandten Mittel linderten
-für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine
-Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner
-früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er
-nie ganz genesen sollte.
-
-Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe
-verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort
-die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von
-zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine
-Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen
-Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet
-werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf
-den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller
-Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste
-Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte
-eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.
-
-Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen,
-der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger
-Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die
-Trauerbotschaft von seinem Tode! -- Verzweiflung ergriff die Bewohner
-Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt
-hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt
-uns aufrecht, ohne ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem
-Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote,
-welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der
-schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch
-gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in
-die Brust zurückdrängen.
-
-Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet
-in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen
-der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er
-eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde
-zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben,
-und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt,
-daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte.
-Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt,
-um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß
-seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider
-Blätter spotteten,[115] nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er
-Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.
-
-Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel
-gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den
-leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte
-er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz,
-den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem
-edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache,
-welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange
-Cabrera lebte, die Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den
-seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten.
-Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich
-unschädlich zu machen.
-
-Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella
-gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen,
-mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung
-gehaltene ~Te Deum~ zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, daß
-die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle
-nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit
-Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten
-Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose
-Rindergefechte -- wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht
-ganz ausgewachsene Rinder gewählt -- die gaffende und jauchzende Menge.
-
-Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das
-geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht
-wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen
-lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen
-sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des
-Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten
-Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht
-abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach
-wieder an die Spitze der Armee sich stellte.
-
-Dem Anschein nach! -- Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held,
-welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von
-Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet,
-sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit
-hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die
-Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath
-oder durch die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem
-andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner
-Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die
-starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen
-Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.
-
-Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem
-nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch
-viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige
-catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!
-
-Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er
-hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz
-vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend
-die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft
-freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde
-gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick
-die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen
-Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner
-selbst unwürdig handeln konnte.
-
-Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von
-Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den
-himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December
-unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie
-und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre
-vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber
-steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer
-und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate,
-während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über
-ihn zu wählen.
-
- [114] Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes
- ~franmason~ zur Bezeichnung eines wild revolutionairen
- Menschen, da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler
- und Leiter der anarchischen Complotte erschienen.
-
- [115] Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit kleiner
- scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist,
- welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich
- von Madrid aus übersehen wurden.
-
-
-
-
-XXXV.
-
-
-Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen
-mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung
-der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo
-und Cantavieja -- während der letzten sechs Wochen unter stetem
-Schneegestöber -- gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich
-sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem
-Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung
-war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos
-gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie
-auch bringen möge, rasch da sei.
-
-Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen.
-Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten
-zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch
-auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System
-eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer
-den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der
-Corps auszuzahlen, so daß z. B. im Januar 1840 der Sold des Monats
-April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und
-Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich
-gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern
-Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis
-vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung
-kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während
-jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen
-auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da
-Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder,
-wenn uneigennützig -- und das fand sich nicht häufig --, etwa zur
-Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem
-Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat
-auszuzahlen.
-
-Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend
-eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte
-indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich
-die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich
-buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und
-Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb
-Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit
-möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie
-viel Zeit bei Tische.
-
-An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des
-Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem
-Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die
-Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn
-sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie
-erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt
-für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer
-Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps
-mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings
-um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um
-den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend
-verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das
-Zeichnen der Pläne u. s. w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des
-Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube
-verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des
-Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen
-die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen.
-
-Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft
-eines Freundes, des Genie-Capitains -- er fiel als Oberstlieutenant
-bei der letzten Belagerung von Morella -- Don José Maria Verdeja
-Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch
-die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium
-der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe
-Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera
-schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn
-nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise
-ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten,
-war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz
-erfüllt.
-
-Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung
-einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem
-Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort
-durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum
-Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen
-war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General
-am 16. December auf immer erkrankte! -- Von dort nun kam Verdeja, wenn
-ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten
-Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel
-an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu
-hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche
-Forderungen ihn unterstützte.
-
-Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit
-den königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand VII. in
-hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität
-beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen
-und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und
-ehrgeizig und hatte daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von
-Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem
-Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer
-zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte
-Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan,
-und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im
-Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor
-Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen
-Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch
-festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein
-Stolz nicht verletzt wurde.
-
-Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und
-ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse
-an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und
-vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe
-gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine
-Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber
-zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten
-ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die
-Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite
-herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben
-blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue
-Schwierigkeiten uns aufzuthürmen.
-
-Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen
-Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche
-verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling
-immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren
-Vorbereitungen vorwärts kamen!
-
-Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht
-über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der
-Oberst und klagte, den General von Rahden zurückwünschend, sein
-Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er
-versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen -- „wenn ich nur
-wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren,
-der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir,
-Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir
-dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom
-Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete
-durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und
-ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken
-General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der
-entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend
-verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen
-jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter,
-den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen
-Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und
--- -- Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!
-
-Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und
-bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab,
-selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.
-
-Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit.
-Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und
-in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom
-Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war,
-ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren
-Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte.
-Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren
-Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die
-Last mit ihm theile; ebenso verlangte er mehrere Subaltern-Officiere.
-Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend
-einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten
-Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die
-Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie
-gewährt haben.
-
-Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora
-de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen -- Vejis, el
-Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta --, die eine Linie
-von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht
-waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte
-genügen könne. -- Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich
-sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in
-Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.
-
-Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung
-von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles
-Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch
-war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem
-wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage
-ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als
-ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung
-mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch
-feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere
-Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht
-sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und
-Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit
-dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung
-und Veränderung.
-
- * * * * *
-
-So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er
-die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand
-zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden
-vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in
-großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen
-versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von
-Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen
-Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.
-
-Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich
-wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten,
-suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu
-wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht
-gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte
-Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen
-Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten
-zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem
-nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen
-die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. -- Zu
-Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und
-den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick
-beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und
-flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen
-Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine
-Truppen dringen möchten.
-
-Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem
-Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den
-fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ
-viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das
-Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen
-in die Hand, damit sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten.
-Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener
-Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit
-des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren
-mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem
-Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre
-Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen.
-
-O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee
-ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von
-Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen
-zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten,
-Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen
-die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit
-derselben liegende leicht befestigte Manzanera.
-
-Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im
-Thale des Guadalaviar -- Rio Blanco -- den Übergang über denselben
-beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten
-öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß.
-Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden
-der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz
-stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die
-künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte,
-daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie
-von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten.
-Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse
-aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte
-der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal
-wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe
-zurückgeschleudert.
-
-Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte
-eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten
-sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken
-von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch
-den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden
-erwartete. -- Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem ~real
-vitalicio~ -- einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien gewöhnliche
-Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten --; die Officiere
-bekamen einen Grad.
-
-Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur
-Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf
-der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras
-befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr
-aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete.
-
-Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte,
-überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las
-Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im
-März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher
-bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte.
-
- * * * * *
-
-Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen
-Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt
-gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß
-Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner
-Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche,
-lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend
-zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch
-einen der -- in der Ordre mit Namen bezeichneten -- Adjudanten und
-Ordonnanz-Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich
-durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre
-gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte
-Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung
-aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf
-Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der
-kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser
-so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung
-auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General
-erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und
-während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte.
-
-Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt
-hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie
-ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt
-habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner
-sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch
-noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift
-des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen
-nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. -- Ich selbst
-sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre.
-
-Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am
-9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in
-Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen
-Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten
-zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein
-Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt,
-gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten
-Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich
-umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt wurde,
-verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und
-in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den
-Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit
-schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben
-derselben Form, welche Arzneimittel enthielten.
-
-Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals
-niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten
-entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und
-Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung
-der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des
-Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem
-feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die
-Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand
-sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas.
-
-Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete
-nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne
-sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum
-Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher
-Verrath Gold und Ämter und selbst -- Schande den sogenannten Liberalen
-Spaniens! -- Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres
-Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag
-sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen,
-der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre
-Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es
-den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu
-operiren.
-
-Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich
-dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die
-Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen, daß auch der
-Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet
-überrascht werden mußte.
-
-Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen,
-war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter
-den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein
-Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende
-Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen
-dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in
-seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando
-drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und
-ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige
-Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem
-kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz.
-
-Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer
-auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von
-Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem
-Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht,
-während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht
-sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen
-Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die
-Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er
-noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere
-wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier
-getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando.
-
-Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um
-nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am
-folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog
-Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die
-Garnison abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand,
-am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich
-versperrt.
-
-Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten
-seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit
-Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen
-fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung
-in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief
-perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer
-Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu
-machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot.
-
-Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem
-Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten
-stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von
-der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer
-Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch
-am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit
-der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen sei.
-Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere erklärten
-entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne, und der
-Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern Compagnien,
-führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den Schutt
-aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die Ergebung
-zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die braven
-Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells; die
-Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „~viva Don Ramon~; diese wollen uns
-opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet.
-
-So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende
-Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die Gewalt der
-Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte
-ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel
-mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe
-fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein
-einziges demontirt war.
-
-Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe
-Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste
-von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn
-von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der
-Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie
-selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden.
-
-Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue
-gefallen, während der Capitain der Grenadiere -- welcher ~garde du
-corps~ Ferdinands VII., Secondelieutenant in der Armee, gewesen war
--- nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen, seine Chefs
-und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als Werkzeug diente,
-ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos überliefert hatte, als
-Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten geschmückt, ohne Scham
-in den Standquartieren der Christinos sich zeigte, bis er nach Cuba,
-wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero aber, nachdem er prahlende
-Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt hatte, zog sich in seine
-alten Stellungen zurück, über weitere Ausdehnung seines Systems zu
-brüten.
-
-Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von
-Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer
-hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt
-und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht.
-Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher
-Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller
-folgte. Noch war diese That in ihren Folgen besonders unheilbringend,
-da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des
-wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen
-Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte.
-
-Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich
-lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter
-hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich
-ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern
-befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von
-Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen.
-„So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“
-fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand
-mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht
-sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles
-beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des
-Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze
-überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein
-Dank- und Jubelfest mir sein!“
-
- * * * * *
-
-Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu
-erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich
-bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor,
-da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht
-alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich
-angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ.
-Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl
-auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch
-volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den
-ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer sie auch fehlten,
-da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je
-ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der
-Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten,
-selbst ihr Wort brechend, zu strafen.
-
-Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der
-Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und
-Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer
-Pflicht sie abwendig zu machen suchte.
-
-
-
-
-XXXVI.
-
-
-Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia
-anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee
-bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid
-anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben
-so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche
-vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche
-Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende
-erstarren zu wollen.
-
-Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen.
-Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen
-der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote
-so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das
-Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der
-todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde
-hintönend.
-
-Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von den
-Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte ihres
-Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, daß sie
-durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich eingetretene
-strenge Wetter 2300 Mann ~hors de combat~ zählten -- der carlistische
-Bericht gab 4500 Mann an --. Das Castell, von einem hohen Felsen hinab
-den Flecken beherrschend, hatte nur einen Zugang, gegen den neunzehn
-schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die Garnison, nachdem sie den
-achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich am 26. März, nur noch 270
-Mann stark, da alle künstlichen Werke der Angriffsfronte demolirt waren
-und die im Angesicht des Forts stehenden carlistischen Truppen keine
-Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.
-
-Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil
-er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote
-entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die
-Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war,
-im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven
-Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo
-erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da
-er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit
-Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der
-Provinz Guadalajara zurückkehrte.
-
-Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und
-von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir
-ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde
-mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig
-Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz
-dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war
-wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße
-von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern,
-Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.
-
-Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von
-Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren.
-Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant
-in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung
-mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die
-erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei
-wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen
-und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla
-hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der
-Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga hatte ihn in Morella
-arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für
-ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen
-Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her
-gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen
-sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im
-Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte
-übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße
-stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die
-prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm
-geliehen hatte.
-
-In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen
-Matias und mit ihm -- die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag
-aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche
-Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und
-unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als
-geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde
-in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch
-erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen,
-welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein
-mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für
-meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen
-wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter
-der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in
-unserm Reiseplane -- wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren
--- treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.
-
-Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde
-zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die
-Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des
-Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil
-aus solcher Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge
-auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu
-lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht
-dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.
-
-Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit
-besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im
-Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich
-dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so
-gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada
-und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn
-und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß
-den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain
-durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht
-wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der
-eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.
-
-Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt
-waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns
-in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum
-von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen,
-die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.
-
-Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit.
-Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit
-einem Knittel auf einen der ~bagageros~ los, der auf dem kaum sechs Fuß
-breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben demselben
-tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein Sappeur
-den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem Abgrunde
-zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; aber seine
-Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch mit den Händen
-unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die Tiefe
-fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.
-
-Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen
-Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste
-Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen
-und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine
-Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen,
-wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr
-gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent,
-und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt
-forderte er -- und mit Recht --, daß Zurita, da er sich an seinem
-Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich
-begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten,
-daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir
-vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in
-Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes,
-bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen
-Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche
-die erstarrten Glieder auf.
-
-Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur
-Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl
-die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen
-Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die
-Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem
-Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. -- Ich
-erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht
-auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen
-die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die
-übrigens stets unruhiger und nur durch größte Festigkeit, gepaart mit
-guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie
-gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden
-wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß
-sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.
-
-Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches
-er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung,
-war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff
-nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der
-Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben
-zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den
-Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.
-
-Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte
-war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten
-Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren,
-daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren
-zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und
-ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des
-Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich
-endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau
-unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel
-von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten
-Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war
-gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen
-desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten
-Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde
-den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu
-erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit
-einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen.
-
-In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung
-eines -- wie er es nannte -- Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte
-er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen,
-zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit
-hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens
-achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt
-durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz
-flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein
-Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt
-übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger
-als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt
-war.
-
-Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier
-zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt
-und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden
-fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden
-zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem
-Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in
-den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter,
-wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen.
-Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für
-möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon
-und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte,
-herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende
-Sommerwärme versetzt waren.
-
-Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere
-zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der
-gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe
-am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch
-während des Tages aus dem Bereiche des Feindes gelangen zu können.
-Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant
-Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in
-la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt
-vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe
-Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu
-bekümmern schien.
-
-Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur,
-wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten
-aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren
-seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich
-und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch
-nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die
-traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt.
-
-Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur
-Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole,
-das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum
-Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen.
-Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht
-anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche
-erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich
-selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr
-beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts,
-die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde
-Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel
-zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber
-war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem
-nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen
-Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder
-gefangen zu sein.
-
-Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von
-Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die
-Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion
-die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem
-Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant
-d’armes von Olva -- bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger
-Dienste wegen gerühmt! -- während der Nacht angelangt war. Matias hatte
-alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants
-Norma mit sich genommen.
-
-Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive
-zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft
-durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis
-zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu
-treiben vermag!
-
-Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die
-Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander
-entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten
-vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie
-abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen und
-wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt, langte
-ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März in Cañete --
-Neu-Castilien, Provinz Cuenca -- von Brusco und dem Premierlieutenant
-Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen gegen den
-Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’ Desertion
-ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der Anwesenheit
-einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke über
-dreihundert und achtzig Unzen Gold -- ~la onza~, die größte Goldmünze
-Spaniens, gilt 84 ~francs~ -- zusammengewonnen hatte.
-
-Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen
-Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren Escadronen von
-Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer
-Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der
-Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten
-nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der
-Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und
-friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen,
-bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen.
-
- * * * * *
-
-Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche
-und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle
-Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien
-ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge
-der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese
-Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und
-es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz
-Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche
-Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der
-Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt
-wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in
-ihr richteten.
-
-Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen
-beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838
-vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern
-derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps
-zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete.
-
-Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von
-Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug,
-und als der General nun seine Operationen über den engen Kreis,
-in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die
-Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung
-des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die
-Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß
-es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die
-Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes
-gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen
-könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des
-mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen
-umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge
-von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht
-befestigt.
-
-Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser
-Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der
-Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den
-Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei
-Escadronen organisirt hatte.
-
-Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine
-Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die
-Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich
-zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf
-denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht
-Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit
-dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im
-Sommer 1839, als die Carlisten -- da die Feinde ihnen schon nicht mehr
-entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich
-zurückzogen -- bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten,
-dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid
-entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend.
-
-So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im östlichen
-Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter
-an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht
-in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich
-schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen
-Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den
-Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung
-des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen,
-und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die
-nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben,
-da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar
-wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes
-mehr vertheidigungsfähig, beschränkten.
-
-Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie,
-von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend,
-nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete,
-während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen
-Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und
-Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu
-sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg
-entscheidend, sie unnütz machte.
-
-Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war
-nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den
-Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches
-Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die
-Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen
-Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken
-pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden,
-d. h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor
-ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen Respect verschaffte. Die
-Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher,
-und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft
-auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen,
-da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und
-flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets
-bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen.
-
-Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge
-Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das
-Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier
-mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne
-durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen
-sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera
-unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem
-Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals
-glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde,
-und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive
-zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung.
-
-Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den
-einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz
-unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo -- und seit
-dem Monate März Brigadier Palacios -- war commandirender General im
-Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser
-Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht
-wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem
-unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten
-daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen,
-weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines
-Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht
-unterziehen wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu
-helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen?
-
-Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General
-von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus
-Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in
-seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen.
-Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend.
-
-So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann
-behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz
-unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps,
-welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die
-Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer
-hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse
-es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen
-zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es
-thaten -- eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme
--- verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera
-erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils
-seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die
-Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art
-waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam
-sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den
-Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte.
-
- * * * * *
-
-Gewiß ist es unbegreiflich, daß die Christinos die außerordentliche
-Schwäche ihrer Gegner im Turia und in Castilien nicht eher wahrnahmen
-oder, falls sie davon unterrichtet waren, sie nicht lange vorher
-vernichteten.
-
-Im Turia befehligte, wie gesagt, im Frühjahre 1840 der Brigadier
-Palacios. Die ganze Macht, welche er vorfand, bestand aus drei
-Bataillonen und zwei Escadronen, 2200 Mann Infanterie und 180 Pferden,
-welche noch dazu die drei Forts von Vejis, Alpuente und el Collado
-garnisoniren mußten. Die beiden letzteren lernte ich auf einer
-Inspections-Reise kurz vor dem Verluste von Alpuente kennen. Dieses war
-ein kleines Städtchen, über dem auf einer felsigen Höhe das Castell
-prangte, so massiv gebaut, daß seine Mauern an einzelnen Stellen,
-ganz der sonst üblichen Befestigungsart in jenem Kriege zuwider, über
-dreißig Fuß Dicke hatten. Auch war es mit starken Erdwällen versehen,
-die sonst gleichfalls selten sich fanden, da der Spanier allgemein die
-bloßen Mauern weit höher schätzt, und es enthielt für die Magazine
-sowohl, als für die Garnison bombenfeste unterirdische Räume, die
-Nichts zu wünschen übrig ließen. Die Werke vertheidigten und flankirten
-sich wechselseitig sehr gut, und da der aus dem härtesten Felsen
-bestehende Grund den Gebrauch der Minen sehr erschwerte, durfte das
-Castell als ausgezeichnet vertheidigungsfähig angesehen werden.
-
-Der letzte Gouverneur von Alpuente war ein Catalan, ganz ohne
-Erziehung, roh und leidenschaftlich, der, ohne lesen und schreiben
-zu können, durch persönliche Bravour auf dem Schlachtfelde vom
-Soldaten zum Oberstlieutenant sich emporgeschwungen hatte. Durch einen
-beklagenswerthen Mißgriff war ihm solch ein Posten anvertraut. Als
-er belagert wurde, zeigte sich, daß sein beim Angriff und in offener
-Schlacht so stürmischer Muth nicht mit der ausdauernden Festigkeit
-und Kaltblütigkeit gepaart war, die allein in der Vertheidigung
-seines Castells ohne Aussicht auf Hülfe und fast ganz ohne Artillerie
-gegen überreichlich damit versehene Feinde ein ehrenvolles Ende ihm
-versichern konnten, wo der Sieg nicht mehr möglich war.
-
-El Collado aber ist ein wenige Meilen nördlich von Alpuente gelegener
-Berg, so hoch, daß das Hinaufreiten mich eine gute Stunde kostete. Auf
-der etwa fünfhundert Schritt langen und hundert und funfzig Schritt
-breiten Ebene auf dem Gipfel desselben war ein Fort construirt,
-welches weit die umliegenden Berge überragte und nach allen Seiten
-hin eine weite Fernsicht über Aragon, Valencia und Castilla gewährte.
-Hinlänglich mit allen Bedürfnissen versehen und gut vertheidigt durfte
-es, wenn solche Bezeichnung überall gebraucht werden kann, uneinnehmbar
-genannt werden, da es mit seiner schweren Artillerie alle Zugänge
-vollkommen beherrschte, während Minen auch hier nicht anwendbar waren.
-Das Fort hatte gleichfalls sehr gute bombenfeste Gewölbe, so wie eine
-erprobte Besatzung und einen tüchtigen Gouverneur. Er hielt sich noch,
-als Cabrera bereits nach Frankreich übergetreten war.
-
-Hierher hatte der General im Sommer 1839 einen Theil seines schweren
-Geschützes gesandt, welches dann bei dem Anmarsche Espartero’s nicht
-vollständig zurückgebracht werden konnte, wodurch in Morella und
-Cantavieja der Mangel an Artillerie später sehr empfindlich wurde.
-So befanden sich im Collado neun Achtzehn- und Vierundzwanzigpfünder
-nebst mehreren Haubitzen und Mörsern; vier von ihnen waren nach Cañete
-bestimmt, langten aber nie dort an, da der im Turia commandirende
-General unter verschiedenen Vorwänden, deren die Nähe des überlegenen
-Feindes so viele darbot, den Transport stets aufzuschieben wußte.
-
-Wir sahen, wie den Streitkräften Palacios’ gegenüber General Aspiroz
-in Chulilla, Chelva, Tuejar und Titaguas sich festgesetzt hatte. Bald
-befestigte er auch Aras und erwartete nur die bessere Jahreszeit,
-um mit seinen 8000 Mann und dem Belagerungs-Park, den Valencia ihm
-geliefert, der andern carlistischen Forts sich zu bemächtigen.
-
-Der Gouverneur von Cañete, Oberst Don Eliodoro Gil, hatte als Besatzung
-seiner Festung ein neu gebildetes Bataillon von Castilien, aus 700
-+Conscribirten+ bestehend -- die übrigen Bataillone waren aus
-Freiwilligen zusammengesetzt --; erst vier Compagnien waren bewaffnet,
-von denen die erste in Castiel Favib stand. Dann hatte er ein Freicorps
-als Grundlage eines andern Bataillons gebildet, in zwei Compagnien etwa
-250 Freiwillige stark, die sämmtlich, wiewohl zum Theil mit Büchsen,
-bewaffnet waren, und eine Escadron Kosacken, denen des Grafen de España
-ähnlich; beide unregelmäßige Corps hatten jedoch sehr gute Officiere.
-Den Kern seiner Macht aber bildeten 40 Burschen von den Bataillonen von
-Tortosa, welche in der letzten Expedition Polo’s krank zurückgeblieben
-waren und, bald geheilt, unter dem Befehl eines Capitains ihrer
-Brigade, Don José Echevarria, standen, der, ausgezeichnet durch Talent
-und Wissen, schnell das ~fac totum~ des Gouverneurs wurde. Er war mir
-eng befreundet, da wir in den Nordprovinzen und während der Expedition
-Don Basilio Garcia’s zusammen gedient und dann vereint die Leiden der
-Gefangenschaft ertragen hatten.
-
-Mit diesen 650 Mann und 80 Pferden Bewaffneter und etwa 400
-Unbewaffneten beherrschte -- man darf es so nennen -- Oberst Gil die
-ganze Provinz Cuenca und machte gelegentlich Streifzüge bis tief nach
-Aragon hinein und selbst in die Mancha, von wo er Vieh, Getreide
-und sonstige Lebensmittel, so wie Contributionen eintrieb. Denn für
-Sold und Unterhalt der Seinen, so wie für die tausend täglich sich
-darbietenden Ausgaben mußte er selbst alles Nöthige anschaffen, da er
-von der Hauptarmee gar Nichts geliefert bekam. Die Bewohner der Provinz
-aber wurden mit Menschen und Thieren zum Festungsbau zugezogen, ohne
-daß die Colonne Balboa’s in Cuenca oder die zahlreichen feindlichen
-Besatzungen wirksam ihm sich widersetzt hätten.
-
-Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen
-200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er
-im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die so
-eben ausgewechselt waren, nachdem sie Jahre lang in den Kerkern der
-Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann, begierig,
-so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen waren
-bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150 Mann
-stark war. Mit dem Bataillone „~fidelidad al Rey~“ -- Treue dem Könige
--- wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen Escadronen
-machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den Provinzen
-Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit nicht
-immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete.
-
- * * * * *
-
-Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus
-seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja
-und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe,
-weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und
-bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten
-Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den
-Verrath kämpfen durfte -- so weile ich auch länger bei der Schilderung
-der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der
-carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick
-in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher
-Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und
-unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den
-unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen
-Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes
-machten, um ihre Bedürfnisse -- vor Allem Waffen und Lebensmittel --
-sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn
-ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn
-erwarten konnten.
-
-Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die
-jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen
-hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die
-Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten,
-wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da
-das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten
-begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte
-nicht stets hätte überwiegend sein müssen.
-
-Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und
-Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich
-in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles
-Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der
-selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und
-stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das
-Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener
-Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden
-umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer
-Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch
-weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und
-List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich
-entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren.
-
-Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses
-Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem
-freudig zu trotzen.
-
-
-
-
-XXXVII.
-
-
-Don Manuel Brusco war Lieutenant im Geniecorps der portugiesischen
-Armee unter Don Miguel und zeichnete sich vor Oporto mehrfach aus; er
-verließ sein Vaterland bei dem unglücklichen Ausgange des Krieges und
-hielt sich längere Zeit in England und Frankreich auf. Zu Paris hatte
-er ein besonderes Glück an der verrufenen Roulette-Tafel, da er niedrig
-spielend ein Fünffrankenstück unbemerkt liegen ließ, welches wieder
-und wieder gewann, bis endlich die Bankhalter baten, der Eigenthümer
-möge genau erklären, auf welchen Nummern er spiele, da der große Haufen
-Gold und Papiere dieses nicht mehr erkennen ließ. Brusco sah ruhig
-dem Spiele zu und schwieg, als auf die Frage der Banquiers einige
-Nahestehenden erklärten, daß ihm das Geld gehöre. Da es von sonst
-Niemand reclamirt wurde, steckte er freudig erstaunt den Gewinnst ein
-und fand bei näherer Untersuchung, daß er vierzig und einige tausend
-Francs betrug.
-
-Er benutzte das ihm so zugefallene Geld zu einer Reise durch die
-Niederlande, Deutschland und die Schweiz, indem er besonders die
-Schlachtfelder besuchte und studirte, worauf er, da sein Geld rasch dem
-Ende nahete, im Jahr 1836 nach Navarra ging, um Carl V. seine Dienste
-anzubieten.
-
-Da er thätiger zu kämpfen wünschte, als es dort im Geniecorps möglich
-war, trat er in das 4. Bataillon von Castilien ein, verließ mit der
-königlichen Expedition die Provinzen und fiel bei dem Übergange über
-den Cinca mit den Trümmern des braven Bataillons in die Hände der
-Feinde. In Zaragoza erduldete er alle Leiden der Gefangenschaft, bis
-Cabrera Ende 1838 ihn auswechselte, anfangs in seinem Generalstabe
-placirte und dann überall benutzte, wo seine hohen Kenntnisse als
-Ingenieur anwendbar waren. Brusco erwarb sich die Achtung des Generals
-in hohem Grade, ward nach der Ankunft des Baron von Rahden zu dessen
-Adjudanten ernannt und im Sommer 1839 mit den Festungen im Turia
-beauftragt, wo seine unermüdliche Thätigkeit weiten Spielraum fand.
--- Auch er entkam, als der Widerstand aufgehört hatte, verwundet nach
-Frankreich.
-
-Die Stellung des Ingenieurs hat in Spanien sehr viele Vorzüge; aber
-nirgends war sie so angenehm, wie die unsere dort in Neu-Castilien.
-Dem spanischen Reglement gemäß empfängt der Ingenieur Instructionen
-nur von den Chefs seines eigenen Corps -- als ~cuerpo facultativo~
-das erste der Armee -- und ist ihnen allein verantwortlich; er ist
-ganz unabhängig von den übrigen Waffengattungen, mit deren Commandeurs
-er nur berathet, ihre Mitwirkung, wo er deren bedarf, fordern kann,
-aber nicht ihren Befehlen untergeben ist. Da uns nun die Verbindung
-mit unserm Chef in Morella fast immer abgeschnitten war, wir auch
-dessen Resolutionen natürlich nie erwarten durften, so waren wir ganz
-selbständig und standen eben so wohl da als Haupt in unserm Districte,
-wie Palacios, Gil und Valmaseda in den ihrigen. Nur galt es, mit
-Festigkeit unsere vielfach angefochtenen Rechte aufrecht zu halten.
-
-Und zwar war dieser unser District so weit ausgedehnt, wie jene
-Anführer ihre Herrschaft auszudehnen vermochten, da wir dort alle
-Bedürfnisse für unsere Festungsbauten einzutreiben berechtigt waren,
-weshalb wir denn häufig Kriegszüge auf eigene Faust unternahmen. Wir
-hatten nemlich zu unserer Verfügung zwei Compagnien Sappeurs, über
-250 Mann, lauter ausgesuchte Leute, da das Sappeurscorps, so wie die
-Artillerie, unter den Rekruten auswählte, ehe sie durch Loos den
-Bataillonen zugetheilt wurden. Sie waren vollkommen und selbst mit
-Pracht in Bewaffnung und Kleidung ausgerüstet, indem alle Bedürfnisse
-von Cuenca, Valencia und selbst Madrid hergeschmuggelt wurden. Geld
-dazu war stets im Überfluß, da der General bei der Bildung derselben
-befohlen hatte, in die Casse der Sappeurs ein Sechstel der wegen nicht
-geleisteter Festungsarbeiten von den Provinzen zu zahlenden Strafgelder
-abzuliefern, was oft außerordentlich große Summen ausmachte, so daß
-Sold, Arbeitslohn und Rationen, Alles doppelt so stark wie die der
-Linientruppen, stets regelmäßig bezahlt wurden. Bei der Katastrophe im
-Juni enthielt meine Casse für die Befestigung des einzigen Cañete über
-9000 Duros in Silber, die dem Feinde in die Hände fielen.
-
-Sowohl wegen unserer schönen Compagnien, als auch, weil sie bei
-tausend Gelegenheiten unser nicht wohl entbehren konnten, suchte
-ein Jeder der Chefs uns zu sich zu ziehen und durch Bezeugung der
-größten Rücksichten festzuhalten. Es bestand aber unter uns selbst
-ein eigenes Verhältniß, da ich, als Infanterie-Officier dem Corps nur
-aggregirt, in den lediglich die Functionen desselben betreffenden
-Angelegenheiten das Commando über den effectiven Ingenieurs-Capitain
-nicht glaubte übernehmen zu können, während Brusco, da ich älterer
-Capitain war, gleichfalls sich weigerte, die Oberleitung beizubehalten.
-Als kurz nachher Beider Avancement zum Grad von Oberstlieutenant der
-Infanterie[116] anlangte, blieb die Lage der Dinge ganz dieselbe.
-
-Wir beschlossen also, gemeinschaftlich an der Spitze des Corps zu
-stehen und uns in die Geschäfte und die Verantwortlichkeit, so wie
-in die Vortheile brüderlich zu theilen. Die letzteren waren aber auch
-in pecuniärer Hinsicht bedeutend, da wir Stellen versahen, die nach
-dem Reglement nur Brigadegeneralen zukamen, deren gesetzlich fixirte
-Gratificationen nach einer von Brusco früher erwirkten Ordre des
-Generals uns ausgezahlt wurden.
-
-Da die Befestigungen im Turia so weit vollendet waren, daß sie unserer
-Gegenwart nicht mehr bedurften, übernahm ich die Leitung der Werke von
-Cañete und Castiel Favib nebst der gelegentlichen Inspection des Turia,
-während Brusco die Arbeiten in Beteta und diejenigen übernahm, welche
-bei den Operationen Valmaseda’s in das Innere nöthig würden. Er reisete
-daher einige Tage später nach seinem Punkte ab, wo bereits der größere
-Theil der zweiten Compagnie, die ihm geblieben, sich befand; die erste
-unter Premierlieutenant Norma, 130 Mann stark, behielt ich bei mir.
-Nachdem ich den mit mir angelangten Lieutenant Losada in Castiel Favib
-installirt und die Festungen im Turia besucht hatte, kehrte ich nach
-der Mitte des Aprils nach Cañete zurück.
-
-Die Stadt liegt an dem südlichen Abhange des Gebirgszuges, welcher, als
-Sierra de Albarracin bekannt, den Tajo dem atlantischen und die kaum
-drei Viertelstunden von diesem und von einander entfernt entspringenden
-Flüsse Guadalaviar und Xucar dem mittelländischen Meere zusendet und
-durch das Gebirge von Cuenca mit der Sierra morena zusammenhängt. Die
-Provinz, wiewohl von mehreren schrofferen Ketten durchzogen, bietet im
-Allgemeinen zwischen niedrigen Bergreihen breite, ebene Thäler dar und
-ist fruchtbar. Doch hatte die Kriegsplage schon seit Jahren so schwer
-darauf gelastet, daß es keine Hülfsquellen mehr lieferte, indem die
-Einwohner nur noch das für den eigenen Unterhalt und die geforderten
-Abgaben gerade nöthige Land bestellten und das übrige unbebaut liegen
-ließen.
-
-Die Truppen mußten deshalb weither ihre Subsistenzmittel herzuführen,
-wobei sehr Viel durch Schleichhändler geschah, die aus den reichen
-Ebenen Valencia’s mit Gefahr des Lebens -- die Christinos erschossen
-jeden Maulthiertreiber, der, freiwillig nach unsern Festungen reisend,
-von ihnen aufgefangen wurde -- aber auch mit ungeheurem Gewinne
-Lebensmittel jeder Art und selbst die mannigfachsten Delicatessen
-brachten. Täglich langten solche Caravanen, oft auch mit sorgfältig
-versteckten Waffen, militairischen Abzeichen, Tuch und sogar Pulver
-beladen, aus den umliegenden Provinzen an, und da das Gouvernement
-durch die weithin eingetriebenen Contributionen reichlich mit Geld
-versehen waren, die Truppen auch regelmäßig ihren Sold erhielten, fand
-Alles raschen Absatz.
-
-Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling
-schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand VII. eine Escadron in
-einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang des Aufstandes
-kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und Valencia,
-häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal unermüdet
-sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß, der seine
-hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des herrlichen
-Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte.
-
-Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt
-Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten
-Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit
-und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja
-diese zuweilen zu weit trieb, wie er z. B. meinen unumgänglichen und
-pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich
-durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien,
-Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in
-jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb
-ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit
-Jammer kennen lernte. Zugleich war der Oberst sehr uneigennützig, auch
-dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter,
-stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin
-etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen
-winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen
-Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs
-gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges
-Zaudern und Schwanken unvermeidlich.
-
- * * * * *
-
-Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß
-starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige
-Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt
-der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer
-und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des
-Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie
-von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und
-dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß.
-
-Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier
-abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen
-beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung
-fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil
-dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß
-tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines
-kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine -- wenn auch mit
-unendlicher Schwierigkeit -- ersteigbare Bresche zuließ, weshalb
-dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende
-Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr
-von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines
-Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke
-Redoute dort anlegte.
-
-Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der
-Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke
-gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte.
-Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren
-oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem
-Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der
-Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt,
-während -- bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit -- unter der
-Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen
-geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten
-Artillerie spotten konnten.
-
-Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes
-eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten
-Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den
-Felsen gehauen und gesprengt[117] wurde. Ein starkes Blockhaus auf
-der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges
-befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der
-die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten
-das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht
-die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie
-zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine
-tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige
-Haubitze -- der spanische Fuß ist um etwa ein Zehntel größer, als
-der des rheinländischen Maßes -- und zwei siebenzöllige Morteretes,
-sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte;
-sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns
-bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an.
-
-Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und
-Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst
-bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie
-aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und
-etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das
-für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung
-nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen
-waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und
-Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und
-noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit
-gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie
-auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von
-Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden
-Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern --
-als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch
---, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ.
-
-Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen
-könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der
-Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht
-zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen
-getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt
-trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so
-geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und
-Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst
-die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an,
-die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete
-fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten
-Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei
-amüsirten wir uns trefflich.
-
-Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung
-der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und
-Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl
-Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen
-Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des
-Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann
-ihre Güter sequestrirt wurden.
-
-Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche
-Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich
-anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also
-für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen
-und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon
-hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz
-und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die
-Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig
-beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die
-Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich
-hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig
-Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum
-Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen,
-welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung
-des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von
-300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war,
-ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen
-höhern Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum
-meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke
-verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte.
-
-Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt
-hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen,
-ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen,
-um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen
-Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. -- Während ich nach
-Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke
-die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute
-gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil
-Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes
-Salvacañete gesteckt wurde.
-
-Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da
-ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte
-und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit
-dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten
-einherschritt.
-
-Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der
-ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann
-desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben
-hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in
-~capilla~, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine
-rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten,
-mich um seine Begnadigung zu bitten,[118] worauf ich persönlich ihn
-zu sprechen ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen
-erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen,
-und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat
-Carls V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich so
-ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem
-Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. -- Meine Wahl reute
-mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu!
-
-Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich
-häuften -- die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des
-Unterganges uns nahete -- mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt
-werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach
-der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer
-Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei
-meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im
-Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren
-Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach
-Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab,
-durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha,
-überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem
-bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von
-der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps
-unterwegs wieder entkommen war.
-
-Jener wurde am Tage nachher füsilirt und .... in derselben Nacht ließen
-sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am
-Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem
-Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt
-aufgestellt hatte. -- Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit
-Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem
-Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten
-Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich,
-unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um
-einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse
-in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß
-er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch
-konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr
-furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend,
-mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich
-natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen.
-
- * * * * *
-
-Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden
-Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben
-drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten
-trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet
-hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten
-täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von
-Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden.
-
-Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos
-von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier -- vor dem Kriege
-Schleichhändler -- Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte,
-überfiel mit seinem Freicorps am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone
-von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene
-ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit
-den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die
-Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet,
-bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf
-Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot.
-
-Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung
-mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte
-General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April
-nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte
-eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten
-Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein,
-welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte,
-um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch
-vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu
-bemächtigen.
-
-Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig
-den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive
-sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu
-versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute
-bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer,
-so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne
-Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen
-gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich
-zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner
-Treuen zugeschaut hatte?! --
-
-O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils
-schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller
-Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann gekostet hatte, ergab sich am 15.
-die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie
-beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá
-la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den
-Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen
-niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun
-konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte
-Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den
-feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war
-das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen
-waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der
-schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da
-die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den
-zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.
-
-Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und
-öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt
-hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn
-dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben,
-nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort
-das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn
-er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein
-Braver und haben schon zu Viel gethan.“
-
-Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem
-Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten
-Belagerung von Morella sich anschickte.
-
-Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten
-Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf
-drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens,
-auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber
-gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite von einer durch eine Ebene
-mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren
-Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun
-durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich
-vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen[119] ein Flickwerk entstanden,
-welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus
-einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar
-gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander
-hinderten und unnütz machten.
-
-Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie
-die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und
-sich auf Morella zurückzogen.
-
-Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner
-hatten sämmtlich als ~voluntarios realistas~ die Waffen ergriffen
-und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in
-Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und
-Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde,
-da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war,
-vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!
-
-O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um
-in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden,
-traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des
-alten Feuers noch einmal -- leider ohne weitere Folge -- aufzulodern
-schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem
-furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Terrain
-zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500
-Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher
-carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen
-hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen
-seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef
-des Generalstabes getödtet.
-
-Cabrera aber ... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem
-Schicksale! --
-
-Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm,
-der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen
-wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des
-Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte!
-
- * * * * *
-
-Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in
-Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen
-Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen
-Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben.
-Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde
-Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings
-um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit
-auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab
-der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell,
-eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch
-nicht die Spur einer Bresche da war!
-
-Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht
-erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe
-sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger
-unaufgehalten die Werke erklimmte und in das Innere des Castells
-gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der
-ganze Verlust der Belagerer bestand in -- einem Officier und drei Mann!
-Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach
-kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm.
-
- [116] Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des
- Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in
- der spanischen Armee von einer Charge zur andern stets
- zwei Avancements Statt: das erste Mal erhält z. B. der
- Secondelieutenant, -- und so alle Chargen bis zum Obersten
- -- den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er sich zum
- zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als
- graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die
- Anciennetät in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung
- zum Grade.
-
- [117] Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell hinweg bis
- auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße --
- fabelhaft scheinende Entfernung -- geschleudert und traf ein
- armes Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine
- Stunde nachher starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im
- Felsen viele Unglücksfälle vor.
-
- [118] Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den
- spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe
- über seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast
- nie Statt finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und
- Christinos Zeuge, daß der Anführer einen bei einem Diebstahl
- ertappten oder insubordinirten Soldaten und selbst Bauern, die
- des Spionirens +verdächtig+ waren oder, wie so oft, gezwungen
- für den Feind Papiere überbringen mußten, augenblicklich
- niederknieen und füsiliren ließ. -- Früher erwähnte ich, daß
- ich als unabhängiger Corps-Chef dastand.
-
- [119] Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von dem
- eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht
- weiter beachtet.
-
-
-
-
-XXXVIII.
-
-
-Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von
-Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten
-Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte
-Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht
-wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben,
-dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu
-sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.
-
-Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten
-hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das
-knisternde Feuer -- denn die Abende waren noch immer sehr frisch,
-so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war -- und
-unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen
-mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter
-von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das
-Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie
-brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von
-Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand
-der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein
-Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern
-Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle
-Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella
-bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei,
-und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde
-verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe
-versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie Sappeurs
-und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!
-
-Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des
-Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und
-ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir
-berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede
-Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen
-oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir
-selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und
-Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung
-in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares
-Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns
-sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur
-noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit
-uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen
-Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren
-König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische
-Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen
-Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen,
-auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine
-Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter
-Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene
-Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn
-wir des Triumphes durch sie gewiß wären.
-
-Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken,
-Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe
-Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die
-Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen
-sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem
-Platze sowohl, als nach Cañete für Artillerie her, während Palacios
-und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine
-thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte
-Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde
-durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.
-
-Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines
-Morgens -- es war an einem der ersten Tage Juni’s -- Brusco, vom
-Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte:
-„Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ -- Wenn
-auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten
-Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer
-entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des
-schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend,
-erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet
-sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und
-seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft
-und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in
-denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht
-erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. -- Und dann die
-theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!
-
-Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte,
-hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene
-Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich
-verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu
-hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen,
-und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung -- und auch mit ihrer
-Blindheit -- der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst
-entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt
-weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig
-auszuführen, noch das nöthige Material, besonders an Artillerie,
-zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man
-bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der
-Armee berechnet war, wie sie von Cabrera -- dem Cabrera der sechs
-ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December -- nicht
-anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte
-Arbeiten unnütz wurden.
-
-Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach
-Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden
-Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten
-Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen,
-unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die
-jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.
-
-Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem
-jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs,
-zwei Compagnien Artillerie, dreihundert ~voluntarios realistas~
-von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert
-bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu
-verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro
-Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell
-und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig
-Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der
-brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.
-
-Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro
-Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf
-Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war.
-So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt
-Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am
-25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und
-die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer
-mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande
-der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro,
-in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit
-Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich
-zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden.
-
-Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner
-Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu
-bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann
-ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung
-hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während
-in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage
-der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger
-Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer
-verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin
-flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen
-Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine
-Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden,
-um in seinem Lager ihn anzugreifen.
-
-Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in
-der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten
-Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison,
-2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen
-Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten
-und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt
-zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der
-Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden
-zurückgewiesen, und das Bombardement begann von neuem. Am Morgen ergab
-sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion.
-
-Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien
-sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten
-der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos;
-der Krieg war beendigt. --
-
-Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell
-getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und
-einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien,
-commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser
-Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps
-des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung.
-
- * * * * *
-
-Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro
-überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen,
-rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm
-Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von
-Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der
-Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine
-Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den
-Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete.
-
-Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die
-doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die
-Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die
-Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt.
-Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel
-bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden,
-eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der Sache,
-welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir
-verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis
-zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und
-kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur
-Nothwendigkeit wurde.
-
-Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn
-hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und
-ohne Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „~Al pinar,
-al pinar!~“ -- in das Waldgebirge! -- war ihr Losungsgeschrei. Dann
-schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten,
-daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges
-abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch
-machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei,
-unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen,
-was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte.
-
-Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß
-durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern
-mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns
-verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria
-nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem
-so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom
-Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta,
-dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung
-Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im
-entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco
-dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps
-zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das
-Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs.
-
-Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung einer
-werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu
-können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838
-schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges
-Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine
-Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische
-Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie,
-wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude
-brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen ~la hermosa
-facciosa~ -- die schöne Rebellinn -- bekannt, ward durch ihre Reize
-nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.
-
-Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden
-Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich
-kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte.
-Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in
-das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita
-Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern
-waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca
-zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten
-sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet.
-Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden
-in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie
-sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita,
-als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie
-liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an
-jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend
-die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr
-auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz
-auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.
-
-In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so
-exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß
-mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene
-Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren
-und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er
-überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß
-die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter
-willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen
-werde.
-
-Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der
-Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß
-ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies
-der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die
-Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer
-Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er
-schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so
-viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der
-Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera
-dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des
-Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden
-Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher
-stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die
-ungereimtesten Hoffnungen täuschen.
-
-So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee
-durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden
-werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich
-hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die
-Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und
-aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen
-verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion ward zu
-Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die
-heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und
-hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger
-des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil
-zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig -- von entfernten
-Orten her -- gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber,
-welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen
-Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch
-wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen
-der Generalordre gemäß abhielten.
-
-Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und
-war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach
-Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den
-Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung
-der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er
-auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die
-hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald
-werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.
-
-Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war
-unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie
-nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein
-Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit -- jeder
-Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu
-augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten
-eine Drohung zum Scherz ausgesprochen -- wenn ich deshalb schwieg und
-dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach
-verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio
-zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere Verhältnisse, ich
-schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei,
-daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme
-war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles
-unempfindlich.
-
-Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf
-dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den
-Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann
-und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der
-Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für
-jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz
-ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem
-Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte
-aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte
-Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde
-Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!
-
-Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches
-Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich
-nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am
-Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach
-Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs,
-mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn
-geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. -- Mit erleichtertem
-Herzen sah ich der Zukunft entgegen.
-
- * * * * *
-
-Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta -- Provinz Guadalajara
--- an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur
-von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung
-marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der
-geraden Linie unterbrach, hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen
-und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens
-im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der
-Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis
-vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und
-Rücken der Sierra de Cuenca.
-
-Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen
-und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien
-vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos,
-Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche
-Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz,
-nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte
-besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal
-gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen
-Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte
-nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa
-hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des
-Bataillons ~fidelidad al Rey~ nebst einigen Pferden disponirte; er
-wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.
-
-Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen
-Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem
-traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in
-Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch in
-der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda den dort
-befindlichen Lieutenant ~du genie~ mit sich nach Castilien genommen
-hatte, dieser auch in seiner untergeordneten Stellung zu schwach
-war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich entgegenzustellen.
-In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar Nachtheiliges
-gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich mich weigern mußte,
-die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle Vertheidigung zu
-übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden Verhältnissen solcher
-Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!
-
-Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch
-Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem
-Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser
-versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte.
-Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem
-Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt,
-und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein
-Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell
-sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.
-
-Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen
-Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben
-von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs
-zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen
-habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich
-sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche
-Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit
-einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls
-mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte
-er, daß sie noch erwartet werde. -- Wir stimmten vollkommen mit dem
-vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach
-Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.
-
-Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten
-Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend,
-ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den
-Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der
-verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die
-Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu
-nehmen, als er fortbringen könne. Frauen und Kinder liefen schreiend
-durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze
-rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt,
-stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen
-der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu
-abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen,
-verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten
-Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda
-uns nach Castilien riefen.
-
-Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine
-Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta
-de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche
-Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge
-in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk
-gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie
-im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen
-würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen
-und alsbald wiederkehren.
-
-Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios
-mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh
-Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin
-fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort
-erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo
-aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem
-eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. -- Drei Bataillone
-und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee
-abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf
-Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von
-sieben Bataillonen und neun Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über
-700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. --
-
-Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann
-während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der
-am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser
-Stadt gereiset war,[120] so wie die von Ziguenza in jene einmündende
-Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert
-Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den
-Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.
-
-Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich
-nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie
-groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht
-dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete
-sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort
-auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo
-denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der
-Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß
-gesetzt sei.
-
-Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf
-die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten
-verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern
-sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des
-Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß
-beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf
-solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete
-besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem
-spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um
-den Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und
-werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen
-vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete
-gelangen könne.
-
-Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich
-wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in
-abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen
-zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die
-Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen,
-den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in
-die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich
-die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: -- ja, da ward
-mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich,
-den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze
-zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und
-meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche
-hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und
-lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht
-opfern würden.
-
-Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter
-den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die
-Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend
-mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten;
-und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und
-unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle
--- und da war die Wahl nicht leicht -- die furchtbare, so bitter
-empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen
-in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie
-zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos
-theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin rief mich vor Allem
-die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige
-fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten,
-ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre
-lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern,
-meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das
-ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das
-höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?
-
-Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das
-Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück.
-Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein
-subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen
-lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den
-Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach
-Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich
-verlierenden Colonnen zuwerfend. -- Meine Sappeurs aber, wiewohl sie
-schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich
-sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den
-Burschen Anderes erwarten?
-
- [120] Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese Fürstinnen
- habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.
-
-
-
-
-XXXIX.
-
-
-Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich
-während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen
-traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison
-einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz
-zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt
-und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit
-Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als
-die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe
-Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß
-die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte.
-Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.
-
-Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren
-schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz
-zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das
-Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden
-widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben;
-seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig
-Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte
-Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später
-hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen
-gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.
-
-Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege
-von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in
-Aragon, mich dirigirte, da der Feind mit Sicherheit auf dem geraden
-Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden
-mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis
-nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.
-
-Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement
-aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten
-und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch
-siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden
-wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit
-zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus
-der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig
-war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige
-Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen
-Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten.
-Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie
-die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode
-entgegengingen.
-
-Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur
-noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie
-konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel
-hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen,
-er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit
-wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange
-vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe
-ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit
-meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.
-
-Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden,
-aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin
-bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt und die Quellen von vier
-bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich
-Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so
-eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine
-beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz
-noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand
-erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von
-düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit
-einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. -- Auch sie waren
-davon gegangen!
-
-Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte.
-Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die
-Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen
-nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein
-augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich
-so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts
-Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das
-erschütterte mich.
-
-Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin,
-wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere
-Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe
-ich -- bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte
-freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich
-bewegte.
-
- * * * * *
-
-In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des
-Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb
-ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich
-dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend
-vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe,
-welche, 6000 Mann stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort
-entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen,
-Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen
-Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder
-die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht
-mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu
-können.
-
-Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend,
-da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen.
-Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale
-versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den
-reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen
-Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen
-tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer,
-welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen
-trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib
-überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren
-hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen
-oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen
-ihnen Alles.
-
-Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren,
-hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den
-wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf
-die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des
-Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war,
-diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann
-den schmalen Fußsteig hinauf.
-
-Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der
-vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem
-Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar
-wurden. Ich berieth mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln,
-als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns
-aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder,
-Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte
-eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die
-Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte.
-Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur
-durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten
-raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang
-vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts
-konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu
-fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des
-Entsetzens: „~por Dios, misericordia~!“ Nur der brave Bauer zagte
-nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während
-ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde,
-Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin
-von den Kugeln der Feinde verfolgt.
-
-Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir
-fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei
-zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung
-auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag.
-Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten
-Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen
-einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos
-wollte ich uns nicht schlachten lassen.
-
-Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich
-vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz,
-die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte,
-gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher
-glückliche Tag, der mit ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste
-vor.[121] Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr
-rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem
-dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die
-Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte
-leise: „~nos mataran, Señor?~“ -- werden sie uns todtschießen? -- „Noch
-haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen bieten
-konnte.
-
-Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von
-Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne
-Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine
-Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen
-Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz
-bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern,
-mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von
-uns ein Rascheln im Holze hörbar -- war es unser Bauer oder nahten die
-suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete
-mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft -- wozu ihn
-wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch,
-bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte
-jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren,
-welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und
-eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß
-sie endlich uns gefunden habe.
-
-Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie
-einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros,
-welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien,
-überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte
-Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen
-und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen
-hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. --
-Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in
-neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich
-wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in
-mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. -- Von seiner Redlichkeit hing
-unser Leben ab.
-
-Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden,
-da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu
-Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den
-sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit
-einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines
-Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die
-Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die
-Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war.
-Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war
-nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache
-nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen.
-So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen
-Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben.
-Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein,
-um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der
-Gränze zuzueilen.
-
-Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige
-Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren beim Anbruche der Nacht
-der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei
-war.
-
-Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die
-Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr
-anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde.
-Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am
-folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone
-antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am
-Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete
-geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800
-Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn
-möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte
-mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen
-Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren,
-zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie
-zogen ihrer Heimath zu.
-
-Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen
-Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen
-Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend.
-Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst
-Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu
-brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen
-Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß
-sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der
-Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie
-daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte
-sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er
-könne, dem väterlichen Hause zuzueilen.
-
-Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca
-gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich
-auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder Paß nach Frankreich zu
-erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten,
-nach allen Seiten hin zerstreut.
-
- * * * * *
-
-So war denn Alles vorbei. -- Blutenden Herzens zog ich nach Royuela,
-Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers
-versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen
-Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der
-feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit
-zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze
-zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort
-bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die
-Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich
-ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am
-Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die
-Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich
-früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter
-Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung
-hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere
-Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu
-finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren
-Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die
-Bedauernswerthen üben ließ.
-
-Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis
-zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen
-war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen
-Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte.
-
-Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat, als ich den
-triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft,
-ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den
-verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im
-Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten
-Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig
-gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel
-unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen
-Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes -- vielleicht auf immer --
-beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution,
-welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht
-hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der,
-niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! --
-Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der
-Rache, welche nie erlöscht.
-
- * * * * *
-
-Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu
-geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne
-wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen
-Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg
-entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der
-Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden.
-
-Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von
-ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen
-westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen,
-der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt
-hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich
-einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400
-Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen wurden.
-Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos
-mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie
-führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze
-zu erreichen.
-
-Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen
-Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande
-zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und
-geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich
-durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses
-Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt.
-Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich
-zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in
-feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser
-Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen
-sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt.
-
-Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann
-Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm
-abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle
-aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr
-geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie
-dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit
-den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald
-nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen
-untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten
-und zählten nur noch 5000 Mann.
-
-Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten
-Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen
-Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de
-España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer
-der Schandthat wurden arretirt und sogleich erschossen; die meisten
-hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht
-gerettet.
-
-Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung
-der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und
-übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch
-die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von
-Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden.
-Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich,
-ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer,
-fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt
-nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich
-Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen
-bald einzelne Officiere sich anschlossen. -- Am 6. Juli führte Cabrera
-etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000
-Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach
-Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren
-Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich
-größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich,
-und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung
-des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten
-der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und
-vernichtet.
-
-Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht
-hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über
-das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich
-befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph
-würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als
-überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer
-Umtriebe werden.
-
- [121] Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein Tagebuch
- notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit
- den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von
- glühendem Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von
- Royuela hat mich nicht verlassen; er schläft an meiner Seite.
- -- O Spanien! O meine Heimath!“
-
-
-
-
-XL.
-
-
-Vom Gouverneur von Teruel mit hoher Artigkeit empfangen, entging ich
-nicht den Insulten des Nationalgarden-Pöbels, besonders, da ich das
-weiße Barett der Carlisten nicht ablegte und nie verheimlichte, daß
-ich nur durch die Macht der Verhältnisse gezwungen und mit bitterem
-Schmerze jetzt dem Kampfe für die Sache des Royalismus entsagte. Am
-Nachmittage wurden einige hundert Gefangene von den Truppen von Cañete,
-so wie die Besatzung von Beteta eingebracht. Wuthgeheul begrüßte sie,
-und trotz dem kräftigen Einschreiten des Militairs wurden mehrere der
-Unglücklichen durch Steine schwer verletzt. Ein armer Priester aber,
-der früher in der Stadt angestellt gewesen war, hatte, die Wuth der
-Elenden fürchtend, -- er hatte die päpstlichen Indulgenz-Bullen, deren
-Ertrag für die Kriegscasse der Carlisten vom Papst bestimmt war, in der
-Provinz Teruel verkauft und dabei manche Härte ausgeübt -- vom Chef
-der Escorte erlangt, mit zwei Soldaten in einem Gartenhäuschen bis zum
-Anbruche der Nacht zu bleiben. Eine rasende Schaar flog auf die Kunde
-davon hinaus und bemächtigte sich des Priesters; +Weiber+ mordeten
-ihn unter langen, entsetzlichen Martern und Gräueln mit Scheeren und
-Nadeln.
-
-Am 21. Juni Morgens verließ ich zu Fuß Teruel, die werthvollsten
-Gegenstände, welche ich gerettet, in einem Pakete tragend. Ich ahnete
-nicht, daß Gefahr existiren könne, oder sorgte sie nicht in meinen
-düstern Gedanken, weshalb ich ganz allein den Marsch nach Frankreich
-antrat. Ein halbes Stündchen war ich gegangen, als ein Mann keuchend
-mich einholte und mir im Namen des Gouverneurs befahl, zu diesem
-zurückzukehren. Kaum waren wir hundert Schritt weit zurückgegangen,
-als ein zweiter Kerl, in einen zerlumpten rothen Mantel gehüllt, sich
-uns zugesellte und auf meine andere Seite trat; eine kleine Strecke
-weiter trafen wir zwei ähnliche Menschen im Chausseegraben sitzend,
-welche bei unserer Annäherung sich erhoben.
-
-Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel
-und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet
-hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch
-die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem
-Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord! Ich
-versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig den
-Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „~carajo~, ich habe lange Lust,
-solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust. Blitzschnell
-wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den Kopf in dem
-Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an der Seite
-nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel, durch die
-rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der Brust,
-drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm.
-
-Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die
-Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen
-wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch
-den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das
-Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb
-abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien.
-
-Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur
-erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken,
-fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige
-Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war
-unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale
-wurden übrigens über zwanzig entwaffnete Carlisten, mehr oder
-weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen
-Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen
-waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum
-erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl
-der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach
-allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen
-Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen -- durch Mord!
-
-Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen
-schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia
-ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet
-und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte,
-nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt
-im Kampfe mit den Carlisten, -- zwei von ihnen waren im Scharmützel
-mit meiner eigenen Streifparthie verwundet -- die zarteste Rücksicht
-gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg
-wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun
-ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten.
-Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben.
-Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung
-des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und
-Bewunderung versagen.
-
-Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen,
-die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die
-abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den
-valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro
-aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich
-früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich
-ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster,
-mit dem sie wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die
-Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich
-so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich
-einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren,
-bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend.
-Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen
-große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern
-bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen
-Zufluchtsort verlasse.
-
-Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie
-so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend
-auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen
-sollte; und jetzt ...!
-
-Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß
-unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen
-Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit
-die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem
-kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende
-Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln
-umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche
-Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir
-bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde
-gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir,
-drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten
-Fläche zubrachten. Unter Carl IV. ward dort die Grundlage zu
-einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle
-Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt
-sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit
-funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf
-günstigere Zeiten verschieben.
-
-Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch
-den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner
-Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur
-Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte
-der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige
-Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von
-Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr
-Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit
-ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen
-hervorrief.
-
-Die Königinn Wittwe befand sich seit einiger Zeit mit ihren Töchtern
-in Barcelona nebst den Generalen Espartero, dem Siegesherzoge, Leon,
-Grafen von Velascoain und O’Donnell, welche ich kurz nach der Landung
-auf der Parade sah. Espartero ist von untersetzter Statur und dunkel
-gebräunten Antlitzes mit feurigen Augen und scharf markirten, listigen
-Zügen; in seinem Auftreten und Wesen malten sich unendlicher Stolz und
-Eitelkeit. Er stand zu jener Epoche auf dem Gipfel der Volksgunst und
-war von dem Heere angebetet. Vivas empfingen, Deputationen begrüßten
-ihn bei jedem Schritte, selbst über die Regentinn ihn erhebend, da er
-gerade durch eine Proclamation entschieden gegen das Regierungssystem
-sich ausgesprochen hatte. Espartero war schon der wahre Herrscher
-Spaniens. Neben ihm zog die starke imponirende Gestalt des Generals
-Leon die Aufmerksamkeit an: ein dichter schwarzer Bart, aus dem die
-Augen dunkel blitzten, bedeckte das ganze Gesicht und gab ihm einen
-besonders finstern Ausdruck. Augenscheinlich herrschte Kälte zwischen
-ihm und dem Oberfeldherrn. O’Donnell dagegen, wohlbeleibt, mit dem
-feststehenden Lächeln auf den immer sich gleichen Zügen, denen die
-scharf gebogene Adlernase einen Anstrich von Energie verlieh, machte
-sich Viel mit Espartero zu schaffen und schien durch freundliches
-Grüßen der Gruppen rechts und links das Wohlwollen des Volkes zu
-erstreben.
-
-Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, längs der Küste nordwärts
-mich richtend. Da ich in der Nacht unter einer Hecke mich niedergelegt
-hatte, ward ich durch einen lauten Ruf geweckt; zwei Männer mit
-Büchsen standen vor mir und forderten, indem sie sich als Carabineros
--- ein militairisch organisirtes Corps Zollwächter -- zu erkennen
-gaben, meinen Paß. Als ich ihn hervorzog, ergriff einer derselben
-das Taschenbuch und blätterte darin umher. Todesschrecken machte mir
-das Blut erstarren: durch eine Unvorsichtigkeit, welche mir später
-unbegreiflich war, befand sich in dem Taschenbuche ein Päckchen Briefe,
-welche mir in Angelegenheiten des Dienstes nach Cañete geschrieben
-waren. Der Carabinero zog alsbald das unheilsvolle Packet hervor und
-fragte mich mit dem Ausrufe: „~carajo~, wie viele Briefe!“ von wem sie
-wären. „Von meiner Familie“ war die Antwort. Im ungewissen Lichte des
-Mondes betrachtete er einen jeden Brief einzeln und gab sie endlich mir
-zurück, der ich, kaum athmend, das Resultat der Untersuchung erwartete.
-Er zündete dann eine Laterne an und las sorgfältig den Paß, während
-ich, jeden Verdacht zu vermeiden, die Brieftasche ruhig in der Hand
-hielt. Nachdem sie jedes Wort des englischen Passes studirt hatten
-und natürlich, da sie nicht eine Silbe verstanden, befriedigt waren,
-verließen sie mich, gegen die Gefahren des Weges durch das Gebirge mich
-warnend. Tief aufathmend dankte ich für die Rettung aus der Gefahr, der
-ich mich übrigens nicht wieder aussetzte. Die Carabineros waren stets
-unsere blutgierigsten Feinde, die weder Pardon gaben noch erhielten!
-
-Über Gerona und Figueras langte ich am 15. August Abends nach
-unendlichen Mühseligkeiten und Entbehrungen -- Brombeeren waren von
-Barcelona her meine einzige Nahrung -- bei Perthus auf der Gränze von
-Frankreich an. Als ich die Brücke überschritt, welche die beiden
-Königreiche verbindet, zitterte ich, wie nie im Leben, und jubelte und
-dankte Gott, daß er schützend aus diesem Spanien mich befreit hatte,
-aus den Klauen spanischer Volksaufklärer.
-
-Nachdem ich den Zug der Pyrenäen, welcher schmal, aber rauh, bis
-ins Meer sich hineinzieht, überstiegen, befand ich mich am Mittage
-des folgenden Tages in Perpignan. Der Präfect der Ost-Pyrenäen
-und der commandirende General der Militair-Division stellten mir
-die Alternative, entweder mit meinem Grade in die Fremdenlegion
-einzutreten,[122] für welchen Fall sofort Gelder angeboten wurden, oder
-aber unmittelbar nach Deutschland abzugehen. Da ich das Ansinnen der
-Franzosen -- vielleicht etwas derbe -- zurückstieß und der Präfect es
-für eine passende Rache hielt, mir die Erlaubniß zum Aufenthalte, bis
-ich mir Hülfsmittel verschaffte, zu verweigern, trat ich am 18. August
-den mühevollen Marsch nach dem Vaterlande an.
-
- [122] Von den mit Cabrera übergetretenen Carlisten hatten etwa 800
- Mann in der Fremdenlegion Dienste genommen, so wie dreißig
- Officiere, denen ihr effectiver Rang zugesichert ward. Ein
- Bataillon ward daraus gebildet, welches bald nach Afrika
- abging. Die übrigen Carlisten weigerten sich trotz aller
- Aufforderungen, Versprechungen und Vexationen, Ludwig Philipp
- zu dienen.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. ***
-
-***** This file should be named 60358-0.txt or 60358-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60358/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-transcription was produced from images generously made
-available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State
-Library.)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/60358-0.zip b/old/60358-0.zip
deleted file mode 100644
index 52c75f9..0000000
--- a/old/60358-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60358-h.zip b/old/60358-h.zip
deleted file mode 100644
index b9828d8..0000000
--- a/old/60358-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60358-h/60358-h.htm b/old/60358-h/60358-h.htm
deleted file mode 100644
index 87476eb..0000000
--- a/old/60358-h/60358-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,22392 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Vier Jahre in Spanien, by August Karl von Goeben.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-
-div.einleitung {
- width: 90%;
- margin: auto 5%;
- line-height: 1.25;}
-
-h1,h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;}
-
-.s1 {font-size: 225%;}
-h1,h2 {font-size: 175%;}
-.s3 {font-size: 125%;}
-.s4 {font-size: 110%;}
-.s5 {font-size: 90%;}
-
-h1 {page-break-before: always;}
-
-h2.nobreak {
- page-break-before: avoid;
- padding-top: 3em;}
-
-h2.unsichtbar {
- visibility: hidden;
- font-size: 0.1em;}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;}
-
-p.p0,p.center {text-indent: 0;}
-
-.mtop1 {margin-top: 1em;}
-.mtop2 {margin-top: 2em;}
-.mbot2 {margin-bottom: 2em;}
-.mbot3 {margin-bottom: 3em;}
-.mleft0_2 {margin-left: 0.2em;}
-
-.padtop1 {padding-top: 1em;}
-.padtop3 {padding-top: 3em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- clear: both;}
-
-hr.tb {width: 15%; margin: 1.5em 42.5%;}
-
-hr.r5 {width: 5%; margin: 1em 47.5%;}
-hr.r10 {width: 10%; margin: 1em 45%;}
-hr.r20 {width: 20%; margin: 1em 40%;}
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;}
-
-table.inhalt {
- font-size: 95%;
- width: 80%;
- margin: auto 10%;}
-
-.vat {vertical-align: top;}
-.vab {vertical-align: bottom;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 95%;
- font-size: 70%;
- text-align: right;
- text-indent: 0;
- letter-spacing: 0;
- font-style: normal;
- color: #999999;} /* page numbers */
-
-.center {text-align: center;}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.antiqua {font-style: italic;}
-
-.initial {
- font-size: 200%;
- font-weight: bold;
- line-height: 1;}
-
-.gesperrt {
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em; }
-
-em.gesperrt {
- font-style: normal; }
-
-/* Images */
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;}
-
-img {max-width: 100%; height: auto;}
-
-img.w5em {width: 5em; height: auto;}
-img.w8em {width: 8em; height: auto;}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {
- border: thin black dotted;
- background-color: #ffffcc;
- color: black;
- margin: 1.5em auto;}
-
-.footnote {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
- font-size: 0.9em;}
-
-.footnote p {text-indent: 0;}
-
-.footnote .label {
- position: absolute;
- right: 84%;
- text-align: right;}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;}
-
-.nohtml {visibility: hidden; display: none;}
-
-@media handheld {
-
-.pagenum {visibility: hidden; display: none;}
-
-.nohtml {visibility: visible; display: inline;}
-
-em.gesperrt {
- font-family: sans-serif, serif;
- font-size: 90%;
- margin-right: 0;}
-
-table.inhalt {
- width: 100%;
- margin: auto;}
-
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Vier Jahre in Spanien.
- Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang.
-
-Author: August Karl von Goeben
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60358]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-transcription was produced from images generously made
-available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State
-Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1841 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn
-diese im Text mehrmals auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Groß- und Kleinschreibung sind nicht konsistent und
-entsprechen nicht in allen Fällen den heutigen Schreibgewohnheiten;
-gleiches gilt für die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß).</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<h1>Vier Jahre in Spanien.</h1>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s1 center"><b>Die Carlisten,</b></p>
-
-<p class="s3 center mbot2"><b>ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr
-Untergang.</b></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s4 center mtop2">Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege</p>
-
-<p class="s5 center mtop2 mbot2"><span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span></p>
-
-<p class="s3 center"><b>A. von Goeben,</b></p>
-
-<p class="s5 center">Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im
-Generalstabe.</p>
-
-<div class="figcenter padtop3">
- <a id="zier" name="zier">
- <img class="w5em mtop1 mbot3" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Titelseite" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center padtop1">Hannover, <span class="s4">1841.</span></p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="s5 center mbot2"><span class="mleft0_2">I</span><span class="mleft0_2">m</span>
-<span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span><span class="mleft0_2">e</span>
-<span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span>
-<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">n</span>’<span class="mleft0_2">s</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span>
-<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">f</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">g</span>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iii" id="Seite_iii">[S. iii]</a></span></p>
-
-<h2 class="unsichtbar" title="Einleitung">&nbsp;</h2>
-
-</div>
-
-<div class="einleitung">
-
-<p><span class="initial">Ü</span>ber Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet
-hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses
-Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft
-selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben,
-konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es
-dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in
-ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und
-Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers
-unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes
-und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet
-habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck
-erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die
-einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges
-Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iv" id="Seite_iv">[S. iv]</a></span></p>
-
-<p>Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu
-geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die
-Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu
-prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in
-den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen
-Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten
-Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos
-in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der
-einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840
-Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr
-existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem
-ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben.</p>
-
-<p>Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen
-ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein
-Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren
-nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die
-Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit
-nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in
-die Schranken<span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span> trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche
-Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen.</p>
-
-<p>Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für
-mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich
-mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird
-stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das
-ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten
-Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet
-habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder
-aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den
-Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft;
-wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen.</p>
-
-<p>Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der
-ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs
-und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz
-anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen
-abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera
-thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr
-oder weniger detaillirt den<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem
-Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als
-Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist.</p>
-
-<p>Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine <em class="gesperrt">Geschichte</em> des
-Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem
-künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern!</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="inhalt" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Hoffnungen und Träume &mdash; Carl&nbsp;V. der rechtmäßige König
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#I">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die Gränze &mdash; Die Carlisten &mdash; Ereignisse in den
- baskischen Provinzen seit dem Tode Ferdinands&nbsp;VII. bis zum
- Frühling 1836
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#II">13</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Carl&nbsp;V. &mdash; Die Linien &mdash; Das Land und seine Bewohner
- &mdash; Die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#III">38</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">IV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Gefechte in Guipuzcoa &mdash; Gefangenschaft &mdash; Marsch nach
- Logroño
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#IV">54</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">V.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Grausamkeiten der beiden Partheien, in Heer und Volk
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#V">77</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expeditionen der Generale Don Basilio Garcia &mdash; Gomez &mdash;
- Sanz
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VI">89</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Acht Monate im Kerker
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VII">105</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Krieg in den Provinzen während der zweiten Hälfte 1836 &mdash;
- Belagerung von Bilbao &mdash; Operationen im Frühlinge 1837
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VIII">113</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">IX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Befreiung &mdash; Fünf Wochen in Navarra &mdash; Operationen in den
- Nordprovinzen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#IX">124</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">X.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expedition Zariategui’s &mdash; Erstürmung von Segovia &mdash;
- Marsch auf Madrid &mdash; Rückzug in die Gebirge
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#X">139</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expedition Zariategui’s &mdash; Wiederaufnahme der Offensive &mdash;
- Lerma &mdash; Valladolid &mdash; Der Alt-Castilianer &mdash;
- Verwundung &mdash; Vereinigung mit der Armee des Königs
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XI">158</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expedition des Königs &mdash; Vereinigung mit Cabrera &mdash; Marsch
- auf Madrid &mdash; Rückzug &mdash; Sendung nach Vizcaya &mdash;
- Rückkehr der Expeditionen &mdash; Ereignisse während derselben
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XII">186</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Der Aufschwung und das Sinken der carlistischen Macht &mdash;
- Nachtheile der Expeditionen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIII">203</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expedition von Don Basilio Garcia &mdash; Ebro-Übergang &mdash;
- Verwundung &mdash; Gefangennahme
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIV">225</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Das Hospital &mdash; Marsch nach Madrid &mdash; Marsch durch die
- Mancha und Andalusien nach Cadix
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XV">246</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Expedition von Don Basilio &mdash; Tallada &mdash; Die Cabecillas
- der Mancha &mdash; Vernichtung der Division &mdash; Expedition des
- Grafen Negri &mdash; Vernichtung derselben &mdash; Peñacerrada
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVI">267</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Maroto &mdash; Partheiungen unter den Carlisten &mdash; Operationen
- in den Provinzen &mdash; Valmaseda &mdash; Vermählung des Königs
- &mdash; Muñagorri
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVII">286</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die Casematten von Cadix &mdash; Maroto und Espartero &mdash;
- Fünf Generale ermordet &mdash; Auswechselung nahe &mdash;
- Schein-Operationen in Vizcaya
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVIII">300</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Fahrt von Cadix nach Valencia &mdash; Das Mittelländische
- Meer &mdash; Die Huerta und ihre Bewohner &mdash; Die Auswechselung
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIX">318</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Don Ramon Cabrera, Guerrillero, General und Mensch &mdash;
- Der Krieg in Aragon und Valencia bis zum Ende des Jahres
- 1837 &mdash; Hungers-Gräuel
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XX">335</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span>
- <div class="right">XXI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Escalade des Castells von Morella durch achtzig Castilianer
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXI">351</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Operationen in der ersten Hälfte des Jahres 1838 &mdash; Tallada
- &mdash; Zaragoza &mdash; Morella &mdash; Belagerung desselben
- durch Oraa
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXII">364</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Belagerung von Morella &mdash; Sturm &mdash; Rückzug der Christinos
- &mdash; Folgen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXIII">382</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Operationen im Herbst 1838 &mdash; Schlacht bei Maella &mdash;
- Repressalien-System
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXIV">392</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Operationen in der ersten Hälfte 1839 &mdash; Segura &mdash;
- Villafamés &mdash; Montalban &mdash; El Turia &mdash; Lucena
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXV">412</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Reise nach Chelva &mdash; Das Heer Cabrera’s &mdash; Der Aragonese,
- Valencianer und Catalan &mdash; Action von Chulilla
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXVI">428</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Chelva &mdash; Kampf bei Tales &mdash; Cabrera &mdash; Carboneras
- &mdash; Verhältnisse und Hoffnungen im Sommer 1839 &mdash; Reise
- nach Morella &mdash; Espartero in Aragon
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXVII">444</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Maroto’s Verrath &mdash; Vertrag von Bergara &mdash; Carl&nbsp;V.
- in Frankreich &mdash; Graf Casa Maroto
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXVIII">465</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Marsch nach Catalonien &mdash; Das Fürstenthum und seine
- Bewohner &mdash; Die dortigen Carlisten &mdash; Graf de España
- &mdash; Operationen desselben
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXIX">479</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Vier Tage mit dem Grafen de España &mdash; Berga &mdash; Der
- 27. October &mdash; General Segarra
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXX">497</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Verschwörung gegen den Grafen &mdash; Seine Ermordung.
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXI">514</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Reise nach Morella &mdash; Espartero in Luco und Bordon
- &mdash; Baron von Rahden
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXII">522</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Operationen Espartero’s und O’Donnell’s &mdash; Stellungen
- der Heere &mdash; Einzelne Gefechte &mdash; Rückzug der Christinos
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXIII">540</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Reise mit Cabrera nach dem Ebro &mdash; Krankheit des Generals
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXIV">557</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die ersten Monate 1840 &mdash; Alzaga &mdash; Chulilla erobert
- &mdash; Espartero als Fälscher &mdash; Verkauf von Segura
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXV">569</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXVI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Castillote &mdash; Marsch nach Castilien &mdash; Don Manuel
- Matias &mdash; El Turia und die Linie von Cañete &mdash;
- Verhältnisse daselbst
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXVI">585</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXVII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Don Manuel Brusco &mdash; Cañete &mdash; Arbeiten und Streifzüge
- &mdash; Fortschritte von Espartero, O’Donnell und Aspiroz
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXVII">604</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXVIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Eroberung von Morella, Cabrera passirt den Ebro &mdash;
- Don Remigio Cantero &mdash; Beteta &mdash; Palacios nach Frankreich
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXVIII">621</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXIX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Marsch nach Cañete &mdash; Marco Valero &mdash; Rettung &mdash;
- Cañete geräumt &mdash; Niederlegung der Waffen &mdash; Cabrera
- und Valmaseda nach Frankreich &mdash; Ende des Krieges
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXIX">638</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XL.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Meuchelmord &mdash; Reise nach Valencia und Barcelona &mdash;
- Ankunft in Frankreich
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XL">650</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">I</span>n stolzen, hoffnungsreichen Träumen schwelgend durchflog ich die öden
-Steppen der Landes, welche umsonst heimische Bilder mir zu erwecken
-suchten. Meine Blicke waren gen Süden gerichtet. Dort tauchten fern
-am Horizonte einem bläulichen Gewölk ähnlich die Höhenzüge der
-Pyrenäen empor, unvergängliche Zeugen der Heldenthaten des braven
-Gebirgs-Völkchens, mit dessen siegreichen Schaaren ich mich zu
-vereinigen eilte, dessen Gefahren und Ruhm ich bald zu theilen hoffte.
-Das Herz klopfte mir lauter, die Brust schwoll von unendlichen,
-unaussprechlichen Gefühlen. Jung und unerfahren, den Kopf warm,
-das Blut glühend, träumte ich von Krieges-Thaten und Kampfes-Lust,
-malte den Augenblick mir aus, in dem die Kugeln des Feindes mich
-umzischen würden, und ich wünschte mir Flügel, um früher das ersehnte
-Ziel zu erreichen. &mdash; Ich ahnete nicht die bittern Erfahrungen, die
-schmerzlichen Enttäuschungen, welche meiner warteten; die Phantasie
-schilderte mir die Zukunft in den lieblichen Farben, mit denen sie
-so gern ihre Kinder schmückt, ohne die finstern Schatten zuzulassen,
-welche nur zu oft ihre reizenden Erzeugnisse in Thränen des Schmerzes
-ertränken. Ich sah jene Gebirge vor mir, in denen ich bald im
-Schlachtgewühl mich tummeln, mein Blut für die Sache der Legitimität
-darbieten sollte, und ich fühlte mich glücklich in der nahen Erfüllung
-so lange gehegter Wünsche.</p>
-
-<p>Und wie hätte ich nicht freudig zu der Vertheidigung des Monarchen
-eilen mögen, der in heldenmüthigem Kampfe gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> übermächtige Heere
-rang, welche die Revolutionäre aufgeboten hatten, um ihre unrechtmäßige
-Herrschaft zu sichern und die Anstrengungen der treuen Anhänger ihres
-Königs niederzuschmettern? Royalist im ganzen Sinne des Wortes, auf
-immer befestigt in dieser Grundlage meiner politischen Denkungsart
-durch Alles, was des Mannes Ansichten zu leiten vermag, überzeugt, daß
-nur auf solcher Basis das Glück der Völker, Endzweck jeder Regierung,
-sicher erreicht wird; mußte ich nicht stolz sein, mein Schwert der
-Vertheidigung des wahren Souverains jenes unglücklichen Landes zu
-weihen, welches unter dem doppelten Joche der Umwälzung und der
-Usurpation schmachtend in krampfhaften Zuckungen die schweren Fesseln
-abzuschütteln strebte! Mußte ich nicht mit Freude den kühnen Männern
-mich anschließen, die, von ihren Gebirgen herab den Riesenkampf gegen
-Christina’s erdrückende Waffen bestehend, für das Recht Alles opferten
-und durch ihren Muth, ihre Ausdauer und unbeugsam scheinende Festigkeit
-Europa’s Bewunderung sich würdig machten!</p>
-
-<p>Ach, ihre Festigkeit <em class="gesperrt">schien</em> unbeugsam &mdash; Kugeln und Schwert,
-Leiden und Gefahren vermochten nicht sie zu erschüttern, Hunger,
-Blöße, Tod waren machtlos gegen sie &mdash; Ihre Festigkeit wich den
-Schmeichelworten, welche unter den schönen Namen des Vaterlandes und
-des Friedens der listige Feind durch ihre eigenen erkauften Anführer
-ihnen zuzuflüstern wußte; sie wich den trügerischen Versprechungen
-der Parthei, die so oft gezittert, da sie ihre Söldlinge vor den
-siegreichen Waffen jener Männer fliehen sah. Um die Rechte und
-Freiheiten der vaterländischen Provinzen zu sichern, verließen die
-Basken den angestammten Herrscher, der allein jene Sicherung ihnen
-gewähren konnte.</p>
-
-<p>Denn wie sehr auch seine erbitterten Feinde gegen ihn eifern, welche
-schimpfliche Benennungen die liberale Presse aller Länder ihm
-verschwenden mag, Carl&nbsp;V. ist der rechtmäßige König<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Spaniens,
-und weder Christina’s zahlreiche Heeresmassen, noch die spitzfindigen
-Sophismen ihrer Anhänger, vermögen die „unschuldige“<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Isabelle
-von dem Titel einer Usurpatorinn zu befreien. Das Gesetz, durch
-welches Ferdinand&nbsp;VII. die Rechte seines Bruders annullirte,
-um der Tochter die Krone zu geben, die durch die bisherigen Gesetze
-ihr versagt war, konnte nie Gültigkeit erlangen, da theils es in
-sich den Stempel der höchsten Ungerechtigkeit trug, theils die
-äußeren Erfordernisse nicht gehörig beobachtet waren, welche die
-Staatsverfassung zu seiner Feststellung bestimmte.</p>
-
-<p>Philipp von Anjou erlangte nach langem, blutigem Kriege, in den die
-ganze westliche Hälfte Europa’s verflochten, den unbestrittenen Besitz
-des spanischen Thrones. England und die Niederlande, nach der Erwählung
-des Erzherzogs Carl zum römischen Kaiser von seiner Gelangung zur
-Krone Spaniens und der Vereinigung zweier so mächtigen Reiche unter
-Einem Haupte die traurigsten Folgen für die Unabhängigkeit der übrigen
-Staaten besorgend, wählten von zwei Übeln das kleinere, indem sie
-den Enkel Ludwigs des Vierzehnten als König von Spanien und Indien
-anerkannten, da sie doch so lange mit Aufbietung aller Kräfte und nicht
-ohne glänzende Erfolge seine Ansprüche bekämpft hatten. Nur strebten
-sie, im Friedensvertrage von Utrecht einer etwaigen spätern Vereinigung
-der spanischen und französischen Monarchieen so weit vorzubeugen, wie
-feierliche Garantieen, Entsagungen und Versprechen vorzubeugen vermögen.</p>
-
-<p>Philipp&nbsp;V. hatte seit seiner Thronbesteigung aufgehört Franzose
-zu sein; er arbeitete jetzt nur für das Wohl seines<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Königreiches und
-erkannte daher leicht, wie sehr es in dessen Interesse und wie wichtig
-es für Spaniens Unabhängigkeit war, jene Vereinigung mit dem mächtigen
-und übermüthigen Nachbar so viel wie möglich zu erschweren. Um dieses
-Ziel zu erreichen, und die mannichfachen sonstigen damit verknüpften
-Vortheile nicht übersehend, etablirte er das Grundgesetz, welches
-seitdem die Thronfolge in der Monarchie ordnete, und ergänzte und
-vervollkommnete dadurch die Stipulationen des Vertrages von Utrecht.
-Durch dieses Gesetz wurden die weiblichen Glieder der spanischen
-Bourbons von der Herrschaft ausgeschlossen, so lange irgend ein
-männlicher Nachkomme Philipp’s existirte; doch gestattete ihm die
-väterliche Liebe wohl nicht, die Frauen ganz auszuschließen und so
-seinen eigenen Nachkommen Fremde vorzuziehen, weshalb er anordnete,
-daß ein streng Salisches Gesetz erst in Kraft treten sollte, im Falle
-nach gänzlichem Aussterben der spanischen Bourbons das Haus Savoyen
-zum Throne gelangen würde. &mdash; Philipp&nbsp;V. versäumte keine der
-Maßregeln, welche die alte spanische Verfassung möglich machte und
-vorschrieb, um seine neue Thronfolge-Ordnung zu sanctioniren: sie ward
-von dem höchsten Rath von Castilien geprüft und gebilligt, und im Jahre
-1713 legte sie der König auch den besonders zu diesem Zwecke berufenen
-und dazu von ihren Committenten mit Specialvollmachten versehenen
-Reichs-Cortes vor, welche darüber berathschlagten und sie annahmen.
-Dann ward diese Anordnung als Staats-Grundgesetz bekannt gemacht.</p>
-
-<p>Als solches galt sie und diente als Basis in den Verhandlungen und
-Bündnissen, die seitdem geschlossen wurden, ohne daß irgend Einer
-der nachfolgenden Könige einen Schritt zu seiner Aufhebung gethan
-hätte, bis Ferdinand&nbsp;VII., getrieben von seiner eben so
-herrschsüchtigen wie intriganten Gemahlinn, der Prinzessinn Maria
-Christina von Neapel, seinen Bruder, den Infanten Don Carlos, der ihm
-zustehenden Rechte zu berauben und, im Falle seine Gemahlinn in der
-nahe bevorstehenden<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Niederkunft mit einer Tochter ihn beschenken
-sollte, dieser die Krone zu sichern beschloß. Ferdinand’s Charakter
-zeichnete sich durch größte Neigung zur Intrigue aus. Selbst Dem, was
-er leichter auf dem geraden Wege hätte erlangen können, mochte er
-lieber auf krummen Schlangenpfaden hinschleichend zustreben; und nicht
-selten machte ihn während der langen Zeit, in der er sein Königreich
-dem Untergange zuführte, eben diese unedle Denk- und Handlungsart
-sein Ziel verfehlen. Er verleugnete auch jetzt diese Neigung nicht,
-wiewohl die Furcht vor dem Eindrucke, den sein Plan auf die zahlreichen
-Anhänger seines Bruders machen würde, das Ihrige zu dem Entschlusse
-beitrug, auf seines Vaters, Carl&nbsp;IV., Schultern die Last zu
-laden, der er sich wohl nicht gewachsen fühlte.</p>
-
-<p>Am 29. März 1830 erließ Ferdinand&nbsp;VII. das Decret, durch
-welches er den direkten weiblichen Nachkommen des Herrschers in
-der Thronfolge den Vorzug vor dessen männlichen Seitenverwandten
-einräumte. Als Hauptmotiv dafür ward angegeben, daß im Staatsarchive
-aufgefundenen Papieren gemäß schon Carl&nbsp;IV. im Jahre 1789
-einen ähnlichen Gesetzesentwurf den Cortes vorgelegt habe, so daß
-Ferdinand durch die Erneuerung desselben nur die Absicht seines
-Vaters in Ausführung bringe. &mdash; Die bald nachher geborene Prinzessinn
-Isabella ward demzufolge für eventuelle Thronerbinn erklärt. Der König,
-durch die langsam ihn aufzehrende Krankheit an den Rand des Grabes
-gebracht, widerrief zwar das neue Gesetz, dessen furchtbare Folgen ihm
-einleuchten und doch zu schwer auf dem Gewissen des Sterbenden lasten
-mochten. Da aber die augenblickliche Gefahr auf kurze Zeit gehoben
-wurde, gelang es der Königinn, ihren Einfluß auf den geistig und
-körperlich nur noch vegetirenden Gemahl so auszudehnen, daß sie das
-Gesetz unter den nichtigsten Vorwänden wieder in Kraft treten und bis
-zu Ferdinand’s Tode nicht weiter abändern ließ.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p>Die beiden Gründe, welche die Änderung der Thronfolge-Ordnung
-motiviren sollten, sind die uralte, herkömmliche Gewohnheit der
-Monarchie und der Gesetzesentwurf Carls&nbsp;IV. In Betreff der
-ersteren finden wir seit der Zeit des Wahlreiches der Gothen bis zu
-dem Regierungs-Antritte Philipps&nbsp;V., daß, wenn die Verwirrung
-und das oft sich Widersprechende in der dunkeln Legislatur jener
-Zeiten keine gesetzliche Bestimmungen auffinden läßt, allgemein
-die männlichen Descendenten den weiblichen vorgezogen wurden; und
-ganz besonders in den Kronen von Castilien und Aragon, durch deren
-Vereinigung die spanische Monarchie sich bildete, ward dieser Grundsatz
-stets streng durchgeführt. Selbst als Alfonso, wie aus Ironie der
-Weise benannt, in dem von ihm verfaßten Codex die Frauen in der
-Thronfolge den Männern gleichgestellt hatte, kam diese Anordnung so
-wenig zur Ausführung, daß ihr schon bei seinem Tode und seinem eigenen
-Rathe gemäß geradezu entgegengehandelt wurde, was bei jeder neuen
-Gelegenheit sich wiederholte. Überhaupt ward dieser Codex nie als feste
-Grundlage der Gesetzgebung des Reiches angesehen und befolgt. &mdash; Die
-weiblichen Herrscher, welche wir vereinzelt an der Spitze der Gothen
-und der kleinen christlichen Staaten der Halbinsel sehen, verdankten
-ihre Erhebung stets außerordentlichen Verhältnissen, Empörungen,
-Revolutionen oder dem Mangel an männlichen Erben, weshalb diese Fälle
-nie als Norm gelten und ein Motiv zu Ferdinands Gesetze abgeben konnten.</p>
-
-<p>Noch unhaltbarer ist die andere Veranlassung der vorgenommenen
-Gesetzes-Änderung. Der Sohn beschließt eine Ungerechtigkeit
-auszuführen, weil &mdash; sein Vater sie vor ihm beabsichtigte. Es ist
-häufig selbst von Anhängern Christina’s an der Echtheit jener angeblich
-im Archive gefundenen Documente gezweifelt; aber vorausgesetzt, daß
-Carl&nbsp;IV. wirklich im Jahre 1789 eine solche Absicht gehegt
-hätte, so that er doch nie einen Schritt zu ihrer weiteren Ausführung,
-wozu ihm während der<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> neunzehn Jahre bis zu seiner Entsagung gewiß
-hinreichende Zeit gegeben war. Ferdinand ergriff jedoch begierig
-den von seinem Vater augenblicklich und nur zur Beförderung des
-persönlichen Interesses der Königinn Marie Louise aufgefaßten
-Gedanken, um sich so den Schein einer, freilich unendlich schwachen
-Rechtfertigung zu verschaffen und wenigstens die Schuld der Erfindung
-von sich zu schieben.</p>
-
-<p>Beachten wir nun das Gesetz in Bezug auf seine Gültigkeit lediglich
-als solches, so drängt sich zuerst die Bemerkung auf, wie so ganz alle
-äußeren Erfordernisse vernachlässigt wurden, ohne die doch das Gesetz
-als gar nicht gegeben muß angesehen werden. Spaniens Könige sind nie
-unumschränkt gewesen; ihre Macht war von jeher in mancher Hinsicht in
-ziemlich enge Schranken gezwängt, und vor Allem standen die Cortes und
-der Rath von Castilien als Wächter der alten Staats-Verfassung da: ohne
-ihre Zustimmung konnte kein Gesetz in Kraft treten. Wir sahen oben, daß
-Philipp&nbsp;V. allem der Verfassung nach Nothwendigen streng Genüge
-leistete, da er seine Thronfolge-Ordnung einführte. Falls also irgend
-einem seiner Nachkommen das Recht zustand, das von dem Stifter der
-Dynastie angeordnete Erbgesetz umzustoßen, mußte dieses doch mit eben
-den Förmlichkeiten und unter Beobachtung aller durch die Verfassung
-vorgeschriebenen Bedingungen geschehen, um als gültig ins Leben treten
-zu können.</p>
-
-<p>Ferdinand&nbsp;VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s
-Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten
-zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann
-nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht
-versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht
-eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der
-König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit
-ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn
-entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> geleistet ward,
-da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der
-ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten,
-wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war
-natürlich gar nicht die Rede. &mdash; So entsprach also das Gesetz, welches
-den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art,
-in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es
-der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt
-schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen
-Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben.</p>
-
-<p>Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt,
-wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls&nbsp;IV. Entwurf Marie
-Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse
-berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet
-wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp&nbsp;V. so mächtig zu seiner
-Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich
-darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und
-doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert
-Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr
-und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt
-wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er
-das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der
-Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht
-befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz
-ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten
-konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist,
-und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann
-Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es
-sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer
-Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Wohl suchten die Gegner Carls&nbsp;V., listig die Ereignisse der
-letzten zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche
-Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine
-zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen
-Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche
-Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine
-strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden;
-auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen
-und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt
-worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht.</p>
-
-<p>Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant
-Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes
-protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner
-Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März
-1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen
-später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps
-V. vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben
-steht. Ganz abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch
-nicht geboren war und der Infant daher im Falle der Geburt eines
-Prinzen durch eine voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines
-königlichen Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei
-Gründe, die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die
-Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen.</p>
-
-<p>Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner
-Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten.
-Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie
-um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien,
-Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine
-Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung
-durch seines<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß
-sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes
-kräftig sich zu widersetzen. &mdash; Dann wußte er sehr wohl, daß das
-ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß
-gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von
-Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz
-protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April
-1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu
-heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung
-seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April
-und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch
-in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel
-gehindert hätte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der
-Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung,
-staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben
-kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre
-Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt Carl
-V. der rechtmäßige König von Spanien.</p>
-
-<p>Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel
-sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s
-begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn
-zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen
-Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der
-sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche
-seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem
-Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe,
-unter Carl&nbsp;V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu
-setzen. Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>
-den Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft
-sich zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen
-Ämter und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich
-zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines
-schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß
-Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht
-schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und
-edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so
-günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich
-stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten
-Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde,
-welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und &mdash; entwanden den
-Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft
-der ehrgeizigen Frau.</p>
-
-<p>Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens
-sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es
-wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie
-durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten,
-unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen
-werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie
-sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der
-überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland
-wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen
-ertheilten Monopole u.&nbsp;a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse
-der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten
-Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit,
-Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder
-Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder,
-Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle
-Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der
-Gewandtheit geschätzt, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> er die kurze Zeit, während der er ein
-Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung
-benutzt.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
-
-<p>Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der
-Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des
-Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr
-Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von
-Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten,
-während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen
-getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel
-die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem
-Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der
-ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren
-Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des
-im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu
-trotzen. &mdash; Und sie triumphiren!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward
-die Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">nuestra innocente Reyna</span>“
-bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den Christinos
-besonders merkwürdig.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen,
-welche unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl
-Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach seiner
-Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal, der Graf
-Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit wenigen Ausnahmen
-die Militair- und Civil-Behörden bis zu den untersten Beamten nur
-Geld zu ihrer Losung machten, wie die Ersteren, in Dürftigkeit aus
-der Verbannung zurückgekehrt, bald in übermüthigem Luxus glänzten und
-Millionen im Auslande niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten,
-bis die Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach
-dem Vaterlande zurückriefen; &mdash; das wurde selbst von ihren Anhängern
-nicht geleugnet und &mdash;&nbsp;&mdash; natürlich gefunden. Armes Spanien! Übrigens
-brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit sich und mußte
-sie allgemein machen, da, so oft eine andere Parthei des Ruders sich
-bemächtigte, die der vorher herrschenden Angehörigen ihrer Stellen
-entlassen und mit ihren Familien zum Betteln verdammt wurden, wenn sie
-nicht in der fetten Zeit für die magere Vorrath gesammelt.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier1" name="zier1">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 1" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen
-Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege
-wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen.
-&mdash; Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in
-die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden
-Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte
-aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der
-von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am
-unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer
-Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und
-Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes
-Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit
-Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache
-befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde
-der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da &mdash; schon nicht fern von
-der Gränze &mdash; ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter
-uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald
-auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch
-nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos.
-Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach
-allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">Eh bien, nous voici chez
-nous</span>“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft
-ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden.</p>
-
-<p>Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die
-Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen
-den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten,
-welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei
-einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente.
-Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd
-gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles
-Strebens mir war.</p>
-
-<p>Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte
-Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen
-Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre
-kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren
-und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich
-ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in
-dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende
-Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die
-Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während
-Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch
-schwache Hanfsandalen<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> ihre Füße schützten. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> scharlachfarbiges
-oder weißes Basken-Barett (<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la voyna</span>) deckte das Haupt, der Hals
-war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung
-bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter
-schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide
-hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit
-berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf
-dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel
-enthielt.</p>
-
-<p>An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen
-Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser
-Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich
-höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen
-Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich
-gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen
-die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich
-erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen
-Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten
-herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen
-und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> verbreiteten
-und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne
-zittern machten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ferdinand&nbsp;VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen
-Blutes vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst
-war und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem
-mit politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen,
-wo möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; &mdash;
-Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen
-Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen,
-dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer
-Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von
-dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.</p>
-
-<p>Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen
-bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des
-legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen
-in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino,
-wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten
-Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell
-an der Spitze von mehr denn 20000&nbsp;M., alle als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios
-realistas</span><a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren
-Herrscher aufgestanden; in den übrigen Theilen des Königreiches fanden
-ähnliche Bewegungen, wiewohl in kleinerem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Maßstabe, Statt. Ein
-entscheidender Schlag hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der
-Mangel an Einheit, Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer
-späteren Epoche so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach
-Alava gezogen, ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner
-Castilianer mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten,
-eine jede Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer
-deshalb auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest
-auf die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil
-seiner Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.</p>
-
-<p>Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen,
-den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie
-usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl&nbsp;V., damals in Portugal,
-nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort
-war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, <em class="gesperrt">ganz</em> es zu
-behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei,
-die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten
-Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr
-sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten,
-aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten
-Unterschrift Carls&nbsp;V. versehen, durch die ihm geboten ward,
-den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der
-treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit
-Schmerz seines Königs Befehle.</p>
-
-<p>Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen
-Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen
-Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich
-gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf
-den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich
-befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen,
-welche in stets erneuten<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden,
-die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele
-Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben
-niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch
-sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische
-Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine
-Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend
-den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die
-Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien
-lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren
-Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.</p>
-
-<p>Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und
-dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie,
-hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse
-hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span> der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s
-Herrschaft waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das
-Königreich sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche
-befand, daß es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel
-durchzusetzen. Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese
-Frage mehrfach zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren
-wirklich Truppen an ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten
-sich, wie heilig diese auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie
-erkannten, welche Macht die Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes
-ihnen giebt; sie gedachten auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle
-der Gerechtigkeit stets für sie gesprochen, wie einst die schon
-beschlossene Aufhebung der Privilegien nur durch seinen Einfluß
-rückgängig gemacht wurde. Das brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar,
-zauderte nicht.</p>
-
-<p>Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl
-V. als König von Spanien, Herren von Vizcaya<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> proclamirend;
-am 3. und 4. October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die
-Stadt durch von San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in
-Vitoria erhob sich das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der
-erste Versuch blutig niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef
-ernannt, durchzog das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder
-unbewaffnet, in seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden
-niedergemetzelt, die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert,
-vernichtet. Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo
-ließ den edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als
-Bürger und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt,
-im Graben von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn
-gefangen genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt,
-wiewohl zum Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die
-Kunde von dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien
-leicht. &mdash; Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne
-seiner blutigen That.</p>
-
-<p>Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien
-wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten
-Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen
-erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit
-hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des
-Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen.
-In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den
-festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig
-unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung
-ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des
-Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch
-wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete,
-es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. &mdash;
-Jene entrissen sie<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs
-über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die
-Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer....
-Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein
-Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten
-Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und
-die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag,
-wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit
-Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn
-zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich
-zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es
-zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen,
-wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.</p>
-
-<p>Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst
-und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm,
-der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina
-sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu
-entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch
-Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die
-es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben.
-Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten
-ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er
-mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen
-standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens
-siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten
-Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswür<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>dig
-benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so
-ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und
-Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten,
-unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern,
-Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie
-zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu
-suchen genöthigt waren.</p>
-
-<p>Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee &mdash; so viele andere
-Chefs unter ihnen &mdash; scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden
-Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone
-bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied
-die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre
-Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete
-sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf
-die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten
-den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder
-Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege
-gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie das
-Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, die
-kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl&nbsp;V. selbst, von
-England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten
-die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte
-besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das
-ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend.
-Zumalacarregui war auf seine Gebirge &mdash; das Land im Allgemeinen &mdash;
-beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu
-bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen
-Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten
-herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen
-die Carlisten nur ein Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>schütz, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el abuelo</span> &mdash; der Großvater &mdash;
-genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten
-sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen
-halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch
-einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen
-gewesen.</p>
-
-<p>Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht
-der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken
-und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material
-lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.</p>
-
-<p>Kaum war Don Carlos in den Provinzen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> angekommen, als General Marquis
-Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel
-operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische
-Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die
-Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen
-beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl&nbsp;V. durch
-die Größe und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die
-Bewunderung der Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen
-ihm erwarben. Nur von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten
-Mannschaft, unter des treuen Eraso Führung begleitet, irrte der König
-Monate lang durch die wilden Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt,
-umringt von vier und fünf Colonnen, die nur diesem Zwecke bestimmt
-waren. Da duldete der König alle die Entbehrungen und Drangsale,
-die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten in den unglücklichsten
-Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit klimmte er, auf
-den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und Abgründe, wo
-Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> zu folgen
-vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe Schnee konnten
-als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der die Beute
-erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte der Monarch
-ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im Auge schweigend
-die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft diente der rauhe
-Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, in die Decke eines
-seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden Schlaf suchte! &mdash;
-Carl&nbsp;V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, um der
-Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, mit
-immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. &mdash; Und
-die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen Listen,
-allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur um
-Minuten sein Opfer verfehlte.</p>
-
-<p>Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines
-Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft
-vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie
-ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät &mdash; am 21.
-Juli und 1. August 1834 &mdash; hatte er rühmliche Gefechte bestanden;
-dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf
-und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor
-Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog
-die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und
-gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die
-combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie
-ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria
-und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde
-fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben,
-zurückgewiesen. &mdash; Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui
-achtzehn Bataillone unter seinem Commando.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-<p>Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen
-Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine
-herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das
-Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches
-damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr
-er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er
-sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war
-er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten.
-Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende
-Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui
-nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts &mdash; so das wichtige <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los
-Arcos</span> &mdash; unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine
-Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in
-Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände
-gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so
-großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.</p>
-
-<p>Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die
-Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen
-ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General
-im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der
-Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte
-disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der
-festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden
-hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen
-in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die
-nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.</p>
-
-<p>So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei
-und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> günstigen Stellung im
-Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos
-sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an.
-Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s
-leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den
-Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan
-aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen,
-warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer
-Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann
-glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen
-alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und
-Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen
-konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald
-ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das
-belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen
-von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte
-die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu
-halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die
-Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten
-nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte
-von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt
-sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen
-blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der
-Christinos.</p>
-
-<p>Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so
-Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche
-ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald
-genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine
-wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf
-auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen
-Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung
-beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten
-Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen
-kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde
-geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen
-Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber
-jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so
-wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen
-und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.</p>
-
-<p>Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit
-und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb
-entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen
-den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen
-als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter
-civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen
-Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. &mdash; Jedoch nur in den Heeren,
-die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! &mdash; Die Anträge
-Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen
-die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die
-Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich
-nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben
-von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der
-Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein
-wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain
-ihm bot, in den<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden
-that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche
-es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen
-durfte. &mdash; Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die
-Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches,
-während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich
-beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des
-Königreichs zu verhindern.</p>
-
-<p>Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen,
-die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui,
-dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen,
-fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte
-schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die
-Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die
-unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem
-so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen
-wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem
-Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische
-Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr
-großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer
-Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. &mdash; Das Volk
-schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher
-ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General
-charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich
-gemacht. &mdash; Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen,
-indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich
-machte.</p>
-
-<p>Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher
-die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s
-Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt,
-Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht
-mehr an ihrer Spitze<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes
-Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut,
-der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui
-nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da
-der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie
-geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches
-sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando
-begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege.
-Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem
-entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste
-Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche
-Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der
-bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen.
-Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte
-dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein
-mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt
-hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch
-den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die
-Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und
-den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war
-Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt,
-daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen
-in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen,
-der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen.
-Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das
-Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der
-Nordprovinzen behauptete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne
-Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald
-liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der
-exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen
-Carl&nbsp;V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum
-eifrigen Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe
-halten, sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene
-Ehrsucht ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg
-er zu den höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich
-ausgezeichnet zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat
-beschäftigt gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General
-geworden. Aber er hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch
-gezeigt, er war feiner Hofmann, gewandt in der Intrigue und <em class="gesperrt">bei
-den Frauen</em> beliebt; seine Talente, wenn auch nicht als Militair,
-sind hoch. In den Nordprovinzen zeigte er persönliche Bravour und in
-verwickelten Lagen viele Besonnenheit<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p>
-
-<p>Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des
-bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß
-im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische
-Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen
-Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile
-herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten
-sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr
-ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel
-zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die
-Provinzen mit den sogenannten Linien &mdash; festen Plätzen, die von
-Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte
-errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt
-wie sie waren durch mobile Colonnen, das<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Ausbreiten seiner Herrschaft
-über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten,
-über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu
-unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs
-nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem
-Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an
-das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen
-Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie
-wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder
-zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian,
-von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von
-Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung
-vollendet hätte.</p>
-
-<p>In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und
-unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch
-die Regierung Carls&nbsp;V. in große Verlegenheit, da während
-einiger Zeit die Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast
-ganz unterbrochen war. Als der Plan aber gerade durch Theurung
-und in ihrer Folge entstehende Unzufriedenheit seine Wirkungen zu
-äußern begann, ward Louis Philipp oder sein Minister vermocht, jene
-Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen, so daß die Carlisten dem Mangel an
-Lebensmitteln immer aus jenem Königreiche abhelfen konnten.</p>
-
-<p>Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts
-beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück
-hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren
-und gegen den Andrang des Feindes zu decken &mdash; waren neue Massen
-hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte
-Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April
-1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen
-Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> den
-jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu
-unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt,
-ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen
-zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische
-Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark
-bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie
-langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus
-durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung
-versagen kann. &mdash; Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die
-Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten
-Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen
-nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem
-Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter
-denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr
-Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten.</p>
-
-<p>Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England
-anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem
-noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer
-Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach
-Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung
-zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters
-größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt.
-Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute
-hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende
-hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den
-häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren
-Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen
-Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten.</p>
-
-<p>Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> unter
-dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien
-operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf
-blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal
-thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte.</p>
-
-<p>So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der
-braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer
-hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl&nbsp;V.
-aber, im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig
-war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig
-gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte
-auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die
-Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in
-der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die
-Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen
-von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in
-Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war
-durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische
-Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze
-die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken
-suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten
-eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur
-Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in
-große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen
-Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden
-von Bayonne aus das Fehlende. &mdash; Die andern Forts aber fielen eines
-nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo,
-das zum Stützpunkt<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich
-Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den
-Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in
-den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte
-Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus
-Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16.
-und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in
-drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem
-Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die
-Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und
-mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren
-gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder
-errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht
-von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da
-während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter
-auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria
-entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte.</p>
-
-<p>Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya
-erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von
-Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde
-und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während
-der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen
-des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von
-den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde.
-Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl
-erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff
-Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone,
-welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner
-Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als
-ein gerade anlangendes englisches<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Dampfschiff mit seinem schweren
-Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der
-brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten
-die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen.</p>
-
-<p>Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit
-widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen
-unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte
-bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben.
-Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war
-der Verlust der Christinos &mdash; mehr als die Hälfte davon Engländer &mdash;
-während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten.</p>
-
-<p>Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch
-Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm
-gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen
-zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia
-war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo
-er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch
-die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen.
-In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit
-schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er
-bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen
-Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang
-aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in
-Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria
-anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche
-Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt.
-Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade
-eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei
-dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst
-darzulegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<p>Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun
-und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend
-Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der
-Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert
-Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem
-Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie
-es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches,
-oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden
-Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt.
-&mdash; Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den
-baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich
-auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das
-Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden
-Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon
-verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch
-die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich
-beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare
-Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die
-doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche
-Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen
-sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die
-baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand
-nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon
-ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie
-durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen.
-Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre
-Vertheidiger an seinem Sturze.</p>
-
-<p>Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich
-die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für
-den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Vordringen zu
-verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen
-fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche
-Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische
-Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden
-Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine
-mobile Colonne &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de la rivera</span>, des Flußthales, genannt &mdash; stand
-in Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend
-Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während
-die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie
-von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden
-Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese
-Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen,
-großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch
-moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so
-deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte,
-um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie
-unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen
-sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber
-furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit.</p>
-
-<p>Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya
-stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn
-bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division
-verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten
-Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova
-mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in
-der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald
-stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene
-Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten
-Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> des
-Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen.
-Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich
-entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an.</p>
-
-<p>Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die
-Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San
-Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach,
-weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> und
-Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der
-die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls&nbsp;V. verdiente:
-ein starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend,
-gut geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des
-Hauptheeres, mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren,
-da es zu immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und
-sie hinderte, irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene
-Vortheile zu benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie
-zurückrief. Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im
-Rücken des Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und
-die mindeste Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die
-Früchte der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln
-ihm überlassen blieb.</p>
-
-<p>Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner
-Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Diese Hanfsandalen, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">alpargatas</span>, werden in dem
-größten Theile Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe
-getragen und bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben
-so niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung. In
-einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem viereckigen
-Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese wurden jedoch von den
-Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth getragen, während die
-alpargatas in der Armee allgemein waren.</p>
-
-<p>Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr gut uniformirt;
-so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu Expeditionen. Die Uniform
-bestand aus dem Überrock, der ohne Jacke etc. getragen wurde, rothen
-Beinkleidern, dem Barett mit wollenen Quasten; die Officiere trugen
-dunkelblaue Überröcke und darüber die beliebte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">zamarra</span>, eine
-elegante Jacke aus schwarzem Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die
-Quasten ihrer Baretts waren von Gold oder Silber. Das Gepäck der
-Soldaten, wie der Officiere war sehr einfach, da selbst diese Effecten
-von den Bedienten getragen werden mußten: nur die Capitains durften
-ein Pferd mit sich führen. &mdash; Die christinische Armee war eben so
-uniformirt; trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige
-Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische Mützen.
-&mdash; Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit ist äußerst
-geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an Allem.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den
-National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber mit
-gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher als diese,
-wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen großentheils
-gezwungen die Waffen trugen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien
-gewöhnlich nur durch „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">las provincias</span>“ bezeichnet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Er ist erbitterter Feind Espartero’s.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich
-führend.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier2" name="zier2">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 2" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s
-den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen
-Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf
-kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht
-und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die
-schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und
-ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den
-Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz
-ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen,
-welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à mon
-aise</span>, als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit
-der echten Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im
-hölzernen Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen
-Wirthin kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.</p>
-
-<p>Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte
-mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren
-die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets
-zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der
-Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir
-am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette
-anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus,
-von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden
-Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa
-den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger
-Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den
-Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen,
-da die unmittelbare<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der
-nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die
-Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere
-Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag
-und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa,
-Fuenterrabia, die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fons rapida</span> der Römer, in dem die Carlisten ein
-festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen
-des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen
-Republik gesprengt wurden.</p>
-
-<p>In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich
-aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier
-zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer
-Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft
-zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen,
-und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser
-Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren
-Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht
-bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte.
-Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine
-sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet
-sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das
-Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und
-schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck
-ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße
-derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur
-letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während
-doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile
-sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang
-und Fuß bestreichen können.</p>
-
-<p>In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Talente
-des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die,
-da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je
-ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an
-militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren
-Eifer ersetzen konnten &mdash; wie brav sie auch, darin <em class="gesperrt">allen</em>
-carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten.
-Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier,
-führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine
-Meinung über <em class="gesperrt">sein</em> Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher
-Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht
-zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich
-sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend
-fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für
-meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete
-und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der
-gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine
-Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der
-kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige
-Herzlichkeit abstach.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
-
-<p>Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße
-folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der
-baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken,
-nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls&nbsp;V. damals sich
-aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte,
-für dessen Rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! &mdash;
-für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden.
-Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen
-Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines
-Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern
-konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein,
-regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher
-Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen,
-vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund.
-Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich
-mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es
-that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache
-Civil-Kleidung.</p>
-
-<p>Es ist viel über den Privat-Character Carls&nbsp;V. wie über seine
-Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen
-Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte
-über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen,
-wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher
-Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften
-des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern
-Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung
-ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die
-Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den
-Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten
-erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und
-solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten
-und den<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht
-bedarf, darzulegen.</p>
-
-<p>Will man <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">par force</span> Fehler in Carl&nbsp;V. auffinden &mdash; und er
-ist Mensch &mdash;, so möchte ihm <em class="gesperrt">der</em> vor allen aufzubürden sein, daß
-er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben
-wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk,
-durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern
-sollte. Carl&nbsp;V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren
-Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung
-die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und
-selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles
-Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend,
-streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich
-in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig,
-enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen
-nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für
-Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes.
-Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den
-er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen
-Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft
-verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs&nbsp;XVIII. Heere das,
-was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr
-geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen
-hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte
-sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen
-von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene
-Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem
-Versprechen nachkommen.</p>
-
-<p>Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben
-Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden,
-welche den König auszeichnen, selten in seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> Erziehung. Die eigene
-Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit
-der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu
-ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte
-daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche
-heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität
-des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion,
-wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem
-Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom
-wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch
-die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen
-können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für
-sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie
-in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende
-Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig
-seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus
-vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem
-aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich
-aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft
-Carls&nbsp;V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde,
-ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in
-Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn
-gekommen, Ähnliches aufzustellen.</p>
-
-<p>Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand
-häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über
-Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls&nbsp;IV.
-und die spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in
-Catalonien und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen
-Fürsten vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen,
-dabei freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm
-stets einen edlen und<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden,
-der deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird
-aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl&nbsp;V. blicken,
-wenn man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet,
-wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen
-Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft
-steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen
-der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben
-konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus
-und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang
-ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen
-Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf
-ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne
-ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines
-Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und
-Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt
-durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem
-Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden
-Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!</p>
-
-<p>Carl&nbsp;V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde
-ein zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein.
-Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so
-viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und
-Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos
-durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen,
-hervorglänzt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und
-seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet
-hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> zum Generalstabe von
-Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen
-in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in
-das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es
-noch sehr an brauchbaren Officieren<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> gebrach. Mit dem Zustande des
-Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß
-ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer
-Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den
-Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt
-in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse
-mich dennoch angehören machten.</p>
-
-<p>Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der
-Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen
-Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über
-jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen
-hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten
-sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete
-Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise
-sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer
-Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte
-sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in
-einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen
-gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von
-Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte
-er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen,
-zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die
-Vorposten<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst
-gemäß angelegt.</p>
-
-<p>Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich
-rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder
-besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und
-mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand
-aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die
-sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von
-den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen
-Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns
-waren.</p>
-
-<p>Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu
-hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des
-Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand,
-um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die
-trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb;
-ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war,
-blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch
-eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren
-der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen
-Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen
-Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser
-lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem
-Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des
-Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes
-Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet,
-dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht
-sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe
-nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln,
-hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu
-meinen Füßen losreißend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut
-und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit,
-wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte
-ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür
-versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase
-ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend
-schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen
-gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer
-jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.</p>
-
-<p>Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir
-gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und
-den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen
-Provinzen &mdash; Guipuzcoa, Vizcaya, Alava &mdash; enthalten nebst dem kleinen
-Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem
-Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa
-zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren
-der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier
-Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete,
-Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und
-Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.</p>
-
-<p>Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen,
-welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch
-einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur
-die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir
-nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch
-mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich
-aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und
-schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen,
-die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in man<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>nigfacher
-Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre
-Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in
-denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge
-und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so
-willkommene wie liebliche Abwechselung.</p>
-
-<p>Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten,
-geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur,
-Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre
-Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen
-Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von
-den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß
-ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen,
-unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten,
-in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten
-wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer
-jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich
-sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte
-derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der
-wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich
-unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der
-spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden
-Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie
-oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache &mdash; in
-Spanien die Castilianische genannt &mdash; hat in diesen Provinzen erst
-während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur
-als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen
-Theilen ganz unbekannt.</p>
-
-<p>Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und
-zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei
-und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> Halsstarrigkeit
-hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit
-schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch
-Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und
-anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger
-der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend
-hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich
-und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier,
-die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist
-theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre
-Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen.
-&mdash; Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in
-jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen;
-selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen
-lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch
-hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten,
-nach sich gezogen hat.</p>
-
-<p>Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch
-größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen
-Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut
-zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend,
-wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu
-machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten
-fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert
-wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar
-der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Oft hörte ich die
-leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern
-ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren
-und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den
-stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und
-Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des
-Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen
-und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten
-oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang,
-den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation
-verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr
-Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> zu schützen, die Thaten der
-Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte
-Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken
-seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes
-für die Basken waren.</p>
-
-<p>Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich
-hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete
-sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich
-aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und
-nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich
-haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre
-Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der
-Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im
-Süden feurigen Wein erzeugt er im Über<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>fluß; die Gebirge, mit schönen
-Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die
-Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete
-Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des
-Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung
-mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr
-vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen
-Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher
-hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen
-des Krieges nähere Betrachtung.</p>
-
-<p>Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch
-Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung
-der Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien &mdash;
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span> &mdash; auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen
-Königen den Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein
-Zweifel über die Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche
-der herrschenden Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider
-den Willen der Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung
-der Privilegien mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als
-Ganzes angemessen sein; ungerecht bleibt sie immer.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Man weiß, wie
-Don Carlos in der Commission, der Ferdinand&nbsp;VII. die Prüfung
-dieser Angelegenheit aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach,
-weil sie ungerecht, der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das
-Gefühl der Dankbarkeit und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher
-beitrug, daß die Basken für Carl&nbsp;V. sich erklärten. &mdash; Die
-Rechte des Königreiches Navarra, wenn auch von hoher Bedeutung, sind
-doch nicht so ausgedehnt, wie die der andern drei Provinzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p>Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der
-Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der
-That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar:
-sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den
-durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der
-König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen
-übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und
-Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes
-San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin
-gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen
-auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske
-Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König
-das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden
-gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt,
-so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht.
-Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes
-gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider
-Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als
-Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. &mdash;
-Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von
-der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk
-verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen
-Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist
-jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien
-die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und
-Civilämtern, bei Hofe u.&nbsp;s.&nbsp;w. früher von hoher Wichtigkeit war.</p>
-
-<p>Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der
-Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte,
-ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> ungeheuren Aus-
-und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk
-verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von
-ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten
-der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und
-Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre
-Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller
-Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation,
-so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden.
-Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs
-erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen,
-während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben
-Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere,
-ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch
-weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar,
-etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen
-Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort
-die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie
-täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.</p>
-
-<p>So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit
-höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger
-Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende
-Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem
-Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren
-Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte
-nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das
-Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine
-Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. &mdash; Ferdinand’s Tod
-beschleunigte den Sturm.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Dieser brave Officier starb den Heldentod in der
-kräftigsten Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. &mdash;
-In den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- und
-Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen hohen Grad der
-Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele ausgezeichnete Officiere,
-unter denen mehrere Fremde, Deutsche besonders.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit
-Kurzem in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich
-damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und
-Ascoytia, zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer
-wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein junges
-Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte den Namen
-einer Schönheit erhalten würde.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Negros</span>, Schwarze, wurden die Constitutionellen
-schon zur Zeit Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener
-früheren Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten,
-welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von
-Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun mit
-ihrer Vernichtung beschäftigt ist.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier3" name="zier3">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 3" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt
-und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen,
-daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht
-des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der
-Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte
-ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die
-feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein
-Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem
-General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich
-anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich
-näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch
-standen &mdash; oder besser lagen &mdash; wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe
-auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber,
-die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und
-abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit
-ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">playeras</span>
-&mdash; Meeresufer-Gesänge &mdash;, die Kinder des südlichen Andalusien
-verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns
-herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen
-über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. &mdash;
-Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns.</p>
-
-<p>In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu
-schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er
-die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit,
-Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja
-da, den er so lange herbei<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>gewünscht, der bewähren soll, daß er würdig
-ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen.</p>
-
-<p>Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die
-Jäger-Compagnie<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> des Bataillons stürzte auf das Signal, in
-Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde,
-welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen
-unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs
-gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun
-die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre;
-zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von
-häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee,
-welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein
-nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es
-niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von
-Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> ächzend, zurückgeführt zu
-sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher
-stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr
-fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß
-das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden
-möchten.</p>
-
-<p>Da sprengte ein Stabsofficier heran &mdash; ohne Zweifel bringt er die Ordre
-zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts &mdash;; Aller Augen, finster
-vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige
-Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später
-in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer
-in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur
-seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich,
-zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt,
-und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite
-mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne
-glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich
-schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte
-der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der
-kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das
-uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem
-Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs
-Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten.</p>
-
-<p>Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und
-Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit,
-mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge
-durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen
-genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und
-stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die
-sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete
-eine Kanonenkugel<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit
-lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den
-Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen
-derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die
-englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die
-Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch,
-ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth
-ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen
-Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln
-in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber
-mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die
-kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne
-verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. &mdash; Ha, was war das!
-Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon,
-welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen
-und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen
-jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten
-betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im
-nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein
-englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein
-Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen
-furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.</p>
-
-<p>Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen,
-waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die
-beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts,
-nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber
-fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete,
-was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter
-Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher
-Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder
-hüpften<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die
-Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller
-Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes
-hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt
-empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit
-Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem
-Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache
-Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält
-die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf
-die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein
-augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den
-Tod gewiß sieht &mdash; die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.</p>
-
-<p>Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun
-hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem
-Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit
-gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle
-suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!</p>
-
-<p>Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört.
-Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern
-Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog:
-englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die
-wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns
-beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu
-bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie
-einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie
-nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die
-Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose,
-immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich,
-übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> wenige Schritte von dem
-genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen:
-weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken
-flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln
-der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den
-Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht
-von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in
-Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere &mdash; zum kleinen Häuflein
-zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder,
-und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.</p>
-
-<p>An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als
-die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch
-auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg
-gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der
-allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten
-sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über
-den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein
-Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes
-versetzt zu sein.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die
-rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben;
-schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in
-schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen
-auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit
-zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die
-dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter...! Sie ahnete
-wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der
-letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> ein Mal drückte er
-lautlos mir die Hand. &mdash; Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte
-der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so
-manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte
-mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen,
-sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit
-ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem
-Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im
-fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem
-kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert
-und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren &mdash; da schließen
-sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene,
-flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während
-des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da
-unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen
-hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl
-erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt
-für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch
-den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter
-Ferdinand&nbsp;VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in
-seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen
-Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als
-Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus;
-es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen
-Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst
-verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen.
-Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und
-dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben
-und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen
-verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division
-des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel
-gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen,
-öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des
-Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und
-zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen
-der Übermacht stets zurückziehen.</p>
-
-<p>Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem
-Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land
-beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck
-endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren,
-wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen
-Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige
-Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange
-Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen
-des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10.
-zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen
-entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der
-von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher
-Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute,
-wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten
-von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus
-spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann
-Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der
-großen Heerstraße abschneiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
-
-<p>In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere
-Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde
-gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie
-möglich zu erschweren<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust,
-bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem
-unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand
-kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer
-wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu
-erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart
-gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie
-weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung.
-Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück,
-in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten
-sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg
-zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark
-drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen,
-ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav
-das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner
-hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die
-Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten,
-und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu
-tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.</p>
-
-<p>Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der
-Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Rechten
-lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, da
-er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, dorthin
-zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. Da die
-Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf der
-kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke eines
-mit Unterholz bedeckten Hügels und... sahen, dreißig Schritte entfernt,
-ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren die Büchsen
-auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, das meinige
-stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb mich bedeckend,
-während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in gestrecktem Galopp
-davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt und unter dem
-Pferde hervorgezogen &mdash; eine Kugel hatte mir das Bein, doch nicht
-gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in die dunkeln
-Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir das Schreckliche
-nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem Gedanken: ich bin
-gefangen.</p>
-
-<p>Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung
-und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die
-meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! &mdash; Da freilich hatte ich
-wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch
-mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers
-französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel,
-dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde
-ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den
-Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.</p>
-
-<p>Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung
-auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen;
-oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und
-Fuenterrabia zu nehmen, war ganz miß<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>lungen, und er hatte lebhaft
-gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz
-suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr
-gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das
-Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone
-angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin
-auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher
-zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen
-konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit
-zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige
-Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren
-wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in
-dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu
-erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth.
-In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.</p>
-
-<p>Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt,
-worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des
-Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten,
-theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu
-verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt,
-keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da
-Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute
-später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume
-und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere
-sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als
-ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten
-beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben
-trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur
-der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam
-nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt,
-stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf,
-näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges
-und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte
-Wesen über mir &mdash; eine Ewigkeit schienen sie mir &mdash;, dann setzte es
-ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher
-ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein
-Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War
-es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.</p>
-
-<p>Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck
-und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach
-Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte
-den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau
-des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes;
-ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die
-wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres,
-immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und
-ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. &mdash;
-Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das
-Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den
-Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend,
-wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer
-Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich
-stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der
-Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem
-Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug
-durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so schmal
-ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen dem
-Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, der
-gerade eine Straße, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Pasages de Francia</span> genannt, fassen konnte.
-<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span><span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Pasages de España</span> liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur
-mit seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär
-auf ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu
-erbauen erlaubte.</p>
-
-<p>Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls
-erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich
-im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf
-Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald
-weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und
-mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten
-forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder
-auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem
-Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>, fast
-alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den
-Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai
-war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte
-nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein
-britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen,
-ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei,
-dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige
-unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach
-meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps mich
-haltend, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">chapelgorris</span> &mdash; Rothhüte &mdash; genannt, da sie wie wir
-das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte
-ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe
-einschnitt.<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den
-Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem
-Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem
-mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald
-erstiegen.</p>
-
-<p>Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die
-Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die
-mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und
-hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten
-zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab
-spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere:
-die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich
-ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle
-suchend. Da machte ein helles „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">quien vive?</span>“ das Blut mir in den
-Adern gerinnen &mdash; ich stand bewegungslos, lautlos &mdash; nochmals ertönte
-nicht dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still.
-Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir
-schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor
-Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung
-einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich
-langsam mich umzudrehen: ein neues „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">quien vive!</span>“ &mdash; ich stand
-wie vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von
-der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf
-den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte
-das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten
-Posten zu entfernen.</p>
-
-<p>Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem
-Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit
-dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen,
-die fast mich berührend, den im Schatten<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> eines Felsen oder Busches
-Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie
-später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel
-der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und
-körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die
-doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz,
-stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch
-die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde.
-&mdash; Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette
-zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische
-Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt,
-von Neuem ein Gefangener.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich
-zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht
-abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">the spy, the spy!</span>“
-unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl
-kalt dem Sergeanten: „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">give him to the Spaniards to shoot him</span>“;
-mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu
-folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine
-andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier
-mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene
-Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit
-vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm
-nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere
-Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach
-San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe
-Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir
-trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern
-Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt
-und ge<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>trunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf
-einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir
-gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum
-Oberstlieutenant &mdash; im Dienste Christina’s General-Lieutenant &mdash; Evans
-mich begleitete.</p>
-
-<p>Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die
-Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt
-wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist
-umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes
-und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte
-er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe,
-sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als
-Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber
-Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde.
-Ohne dieses Mal gegen das <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">half english</span>, das so guten Dienst
-mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der
-dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in
-das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein
-Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande
-Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.</p>
-
-<p>Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in
-deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei
-Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter
-Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für
-schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft,
-konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk,
-haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas
-hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch
-des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt,
-sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> daher ein herrlicher
-Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte
-ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur
-fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles
-mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden
-klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die
-wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.</p>
-
-<p>Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich
-geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden
-erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen
-standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht
-unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte.
-Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o
-Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen
-Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.</p>
-
-<p>Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald
-bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden
-Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem
-Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und
-auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte,
-feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder
-ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien
-die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas
-weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste
-Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin
-sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal
-aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren
-der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine
-Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit
-seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die
-Gebirgsreihen, zu denen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> die Carlisten nach der Ankunft der englischen
-Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des
-Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die
-Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit.
-Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!</p>
-
-<p>Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen
-meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende
-Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht
-unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian
-ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind
-schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst
-geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke
-auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe
-isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere,
-im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben
-ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine
-schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen,
-dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt
-gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach
-der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian
-durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach
-sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht.
-Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage
-wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite
-her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher
-bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur
-Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe
-ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten
-vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an
-Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s
-englisch-<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger
-Vertheidigung.</p>
-
-<p>Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm,
-durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der
-Trunkenheit und wegen Insubordination<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> als Arrestanten auf dem
-Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen
-Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich
-würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt
-die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich
-fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere,
-deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen
-Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der
-Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er
-nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne,
-worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „<span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">dulce et decorum est pro
-patria mori</span>“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen
-Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt,
-erwiederte trocken: „<span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">sed dulcius vivere pro patria</span>.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre
-Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden.
-Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell,
-um auf dem Dampfschiffe <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la reyna gobernadora</span> nach Santander
-eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich
-Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher
-die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei
-christinosche<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem
-Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche
-genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in
-des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten
-die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen
-Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen
-Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der
-Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während
-die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges
-häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten
-zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals
-Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im
-Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein
-Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter
-haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und
-nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich
-für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie
-verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg
-und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.</p>
-
-<p>Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen
-wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen
-Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen
-seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">Wellington’s
-nose</span> genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem
-Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich
-an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und
-Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte
-von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick
-englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim
-Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich
-versichern<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des
-Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte,
-seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach
-zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen
-traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich
-begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich
-plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde,
-das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen.
-Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende
-gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander
-verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.</p>
-
-<p>Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem
-Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich
-nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und
-wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen
-der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in
-der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig
-zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um
-das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen
-Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem
-Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft
-Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in
-den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften
-folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt,
-stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der
-Weiber.</p>
-
-<p>So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend.
-Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt
-von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage
-Spaniens, nahm mich auf, oder &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> noch widerlicher &mdash; ich sah mich
-mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen
-Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche
-Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen,
-die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich
-füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem
-Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben
-wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der
-Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu
-meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten
-und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und
-den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne
-Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische
-Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die
-nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche,
-wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen <em class="gesperrt">genug</em> geboten wird, sie
-bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.</p>
-
-<p>Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen
-und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien
-sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal
-passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über
-Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten,
-in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft
-Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein
-Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute,
-viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres
-gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!</p>
-
-<p>General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der
-neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Frankreich sich
-zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda,
-Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der
-interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella
-vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des
-Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte
-Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin
-ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten
-der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der
-müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter
-Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da
-nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß
-sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf
-den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten
-auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der
-Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon
-berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte
-als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren
-Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die
-Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden
-Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte.
-Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster
-der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir
-öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache
-sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so
-angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien,
-von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite
-&mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de preferencia</span> &mdash; bezeichnet werden. Sie formiren an der
-Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen
-Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden,
-oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets
-die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer
-unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons,
-auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die
-Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei
-Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich
-oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen
-zweiten Sergeanten &mdash; Unterofficier &mdash; die Compagnie mehrere Tage lang
-commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten,
-ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und
-Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn seine
-Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, worauf er einen
-Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die Absolution zu ertheilen,
-was sogleich feierlich geschah.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur
-Weiber. Die Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und
-ergriffen die Waffen gegen ihre Unterdrücker.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu
-haben, und weigerten sich daher, ferner zu dienen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier4" name="zier4">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 4" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die
-allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien
-im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und &mdash; wie die Umstände es
-mit sich brachten &mdash; die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen
-die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen
-ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten
-zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie
-sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken
-genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit
-den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören
-vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene
-Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser
-Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen.
-Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige
-Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu
-verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die
-Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht
-solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären
-des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen,
-die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern
-durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur
-Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald
-durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung
-Interessirten übertönt und erstickt.</p>
-
-<p>Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu
-überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so
-allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen su<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>chen, wie sehr ich
-auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: &mdash;
-gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja
-am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges
-leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind:
-in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie
-unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer
-Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth
-gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der
-Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den
-Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen,
-Gleiches mit Gleichem zu vergelten.</p>
-
-<p>Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils
-auf ihn anwendbar, nicht auf den &mdash; stets als blutdürstigen Tiger
-bezeichneten &mdash; General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen
-sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die
-Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später
-abgesondert einige Zeilen zu widmen.</p>
-
-<p>Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit,
-da kurz nach Ferdinands&nbsp;VII. Tode die baskischen Provinzen
-und in den andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für
-Carl&nbsp;V. zu den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende
-Aufstand erstickt werden: in allen Städten wurden Blutgerüste
-errichtet, die Verdächtigen wurden eingekerkert, die mit den Waffen
-in der Hand Gefangenen sofort erschossen. Wir sahen früher, wie die
-Anhänger der unschuldigen Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie
-dort Mina, Sarsfield, Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung
-wetteiferten. Sie erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie
-brannten die Dörfer der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten
-Saaten und Vorräthe, schändeten die Frauen und Mädchen und opferten
-ohne Barmherzigkeit, wen immer sie den carlistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Guerrillas
-angehörig oder ihnen nur günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle
-Don Santos Ladron, der General, der unter Ferdinand&nbsp;VII. an
-die Spitze der Getreuen sich gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit
-seinen Gefährten ward er zu Pamplona rücklings erschossen, worauf der
-Mörder, seiner Schandthat sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr
-Mord schnaubend als die früheren, erließ und freudig den Entschluß des
-Gouvernements ankündigte, <em class="gesperrt">keinem</em> Rebellen Gnade zu schenken.</p>
-
-<p>Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache
-sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? &mdash; General Eraso,
-der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s
-Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den
-Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken,
-daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften,
-daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit
-ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der
-Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg
-verschönern müßten. &mdash; So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer
-die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.</p>
-
-<p>Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an Zahl
-und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte zahllose
-Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht mehr dem
-Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie es begehrten,
-die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina und die vielen
-untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten niederzumetzeln,
-und beantworteten seine wiederholten Anträge für menschliche und
-völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch Hohn. Zumalacarregui
-drohete wieder und wieder: &mdash; neue Schlächterei! Die Christinos
-hielten sich stets für die Stärkeren und daher &mdash; sehr logisch &mdash;
-für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Übergewicht
-zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da <em class="gesperrt">durfte</em>
-Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit gegen
-den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und gegen die
-Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: er befahl
-zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht getödteten
-Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses ganz
-wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung von
-zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die
-Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos
-bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es
-gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort:
-jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel
-verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da
-auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde
-&mdash; bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art
-der Kriegführung adoptirten.</p>
-
-<p>So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf
-Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen;
-doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete
-sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch
-Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem
-Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.</p>
-
-<p>Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit
-allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten
-wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die
-Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an
-carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl
-ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont
-hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die
-Waffen tragenden<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche
-Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den
-feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie
-nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei
-ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe
-plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder
-und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.</p>
-
-<p>Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen
-Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die
-baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit
-des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der
-langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der
-Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde
-hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende &mdash;
-unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen
-der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere &mdash;
-unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer
-eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth
-über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den
-glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete,
-seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade
-abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne &mdash; und achthundert
-der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone
-der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los
-Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche
-im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während
-einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der
-Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen
-und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern
-ausdrückte, erschießen und dann die Häu<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>ser, in denen die Verwundeten
-verborgen gewesen, niederbrennen ließ.<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a></p>
-
-<p>Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen,
-so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die
-Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen
-Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu
-ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie
-geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und
-wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale
-der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die
-Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um
-ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.</p>
-
-<p>Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos?
-Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen
-können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft
-Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte,
-eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn
-zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die
-Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s,
-den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und
-Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge;
-die Christinos zögerten und<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr
-dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da
-erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling,
-ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines
-Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos
-beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in
-Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche
-Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte
-Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel
-ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich
-schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen
-Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da
-gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die
-Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu
-ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des
-allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.</p>
-
-<p>Carl&nbsp;V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör
-gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch
-das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war,
-die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln
-mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über
-die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen
-von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig
-boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die
-Christinos. Da beeilten sie sich &mdash; Espartero im Frühjahr 1840 &mdash;, die
-lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt,
-und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern
-angehefteten Generalordre,<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> daß fortan<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> den Rebellen, die Widerstand
-leisteten, kein Pardon gegeben werde.</p>
-
-<p>In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets
-den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen
-Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne
-Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde
-ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre
-Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen
-ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des
-Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero &mdash; Palillos &mdash;, getödtet
-ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten
-Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt &mdash; das ungeborne
-Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s,
-aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben
-zurückzulassen;<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt,
-die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und
-wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe
-alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen
-in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei
-der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten
-hinopferten; &mdash; dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer
-dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend
-als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> aller der tausendfach
-wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen
-Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich
-mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.</p>
-
-<p>Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid
-erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner,
-verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu
-leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza,
-Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele
-andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden
-niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers
-zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn
-die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde
-Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude
-geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und
-Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die
-Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden
-unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte,
-die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott
-herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein
-Feind des Volkes und litt als solcher.</p>
-
-<p>Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel
-der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert
-Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm
-das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle
-von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich
-das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden
-zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich
-ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die
-feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> die Thore zu
-schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt,
-schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten
-erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam,
-schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil,
-nachdem es ihn geröstet hatte. &mdash; Der commandirende General Mina
-gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die
-Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora
-del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von
-Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt,
-eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort;
-sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener
-Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze
-Garnison erschießen!</p>
-
-<p>Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona
-jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei,
-floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche
-Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes
-zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald
-vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels,
-welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls
-verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod
-gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der
-Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die
-Behörden blieben ruhige Zuschauer.</p>
-
-<p>Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei
-Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca
-erschossen, weil &mdash; Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne
-Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des
-Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die
-Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-Carl&nbsp;V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s
-eine Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern
-von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die
-Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen,
-welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten
-verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel
-zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten,
-seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter
-der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder
-stellten sich gar an dessen Spitze oder &mdash;&nbsp;&mdash; wurden ermordet. Wie
-selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die
-Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten
-wußten!</p>
-
-<p class="mtop2">Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß
-bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut
-<em class="gesperrt">wehrloser</em> Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich
-diese Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund,
-der sie zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach
-besprochen, durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet,
-daß mein Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen
-fordere ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung
-Spanien’s Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so
-wie ihre Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen
-sind, wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen
-nachgekommen sind, wo sie &mdash; so oft vergebens &mdash; nicht die Hand zuerst
-zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das
-Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft &mdash; und wieder <em class="gesperrt">fast</em>
-immer vergebens &mdash; haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen
-sie wütheten &mdash; sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde
-zu edlerem Verfahren zu<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch
-auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!</p>
-
-<p>Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung
-zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten
-oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie
-können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben.
-Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer
-dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen
-Parthei und ihrer Führer<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> jeder Art gegenübergestellt, so weit
-sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde
-ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter
-Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz
-gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die
-nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so
-wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern
-auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er
-in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges erfuhr
-er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der Garnison geblieben,
-erschossen seien, was natürlich den sofortigen Tod der Christinos zur
-Folge hatte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Ich las sie wiederholt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General
-Narvaez, wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad
-gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen solches
-Übermaß der Grausamkeit.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine
-Puppe, die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei
-Seite geworfen wird.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier5" name="zier5">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 5" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Früher sagte ich, daß, seit General Villareal an Graf Casa Egina’s
-Statt den Oberbefehl der carlistischen Armee übernommen, eine
-plötzliche Änderung des Kriegssystems eingetreten sei. Villareal
-glaubte des Sieges sich zu versichern, da er, statt wie bisher,
-durch allmähliches Ausbreiten der Herrschaft in dem Hauptsitze des
-Aufstandes sich zu stärken, nach den andern Provinzen des Königreiches
-Truppencorps entsendete, um sie zu insurrectioniren und den etwa
-vorhandenen Krieges-Elementen einen festen Anhaltspunkt zu geben, wie
-zur Erleichterung des auf den baskischen Provinzen lastenden Druckes
-und um die Hülfsquellen von ganz Spanien sich zugänglich zu machen.
-Die Expeditionen von D. Basilio Garcia, Gomez und Sanz, rasch auf
-einander folgend oder gleichzeitig, waren die ersten Resultate der
-neuen Politik; ich werde sie, um Verwirrung zu vermeiden, nach einander
-behandeln. Später werde ich die Nachtheile zeigen, welche diese
-Expeditionen, so wie sie ausgeführt wurden, nach sich ziehen mußten;
-die Kühnheit und Gewandheit, die einige von ihnen bis tief in’s Innere
-des feindlichen Gebietes mitten zwischen weit überlegenen Divisionen
-hinführte, konnte übrigens leicht das Urtheil des Zuschauers bestechen,
-und als Beweis ihrer Zweckmäßigkeit wurde angeführt, was nur für die
-Bravour und Standhaftigkeit der Truppen, wie für die Vorzüge der
-Anführer zeugen kann.</p>
-
-<p>Am 15. Juni passirte D. Basilio Garcia den Ebro unterhalb Logroño
-mit 3000 Mann Infanterie und 200 Pferden; er warf sich in die
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pinares</span> &mdash; mit Fichtenwaldungen bedecktes Gebirgsland &mdash; von
-Soria, nahm diese Stadt und wandte sich nach zweitägigem Aufenthalte
-daselbst nach der Provinz Guadalajara. Cordova hatte zu seiner
-Verfolgung den General Bernuy<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> mit 5000 Mann ausgesendet, eine zweite
-Colonne unter General Aspiroz eilte von Madrid aus ihm entgegen. Don
-Basilio aber, gewandt beiden Divisionen ausweichend, durchzog ganz
-Neu-Castilien und den größten Theil Nieder-Aragon’s, drang in die
-bedeutenderen Städte, ohne sich jedoch irgendwo festsetzen zu können,
-und erhob allenthalben Contributionen und Mannschaft. Nachdem er so
-während zweier Monate den Krieg bis zur Mancha getragen und zwei Mal
-durch seine Annäherung Madrid in höchsten Schrecken versetzt, nahm er
-bei Ararzo 300 Mann gefangen, schlug den Angriff Bernuy’s, der ihn
-zum ersten Male bei Maranchon ereilte, mit schwerem Verluste zurück
-und langte am 26. Aug. mit 1200 Rekruten, fast 800 Gefangenen und 240
-beladenen Maulthieren nebst bedeutenden Geldsummen in Navarra an.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Von höherem Interesse war die Expedition des General Gomez, der am 26.
-Juni 1836 Amurrio in Alava mit fünf Bataillonen und zwei Escadronen,
-2700 Mann Infanterie und 170 Pferden, verließ und, nachdem er am
-27. die feindliche Reserve-Division unter General Tello, 6000 Mann
-stark, seinen Abmarsch zu hindern bestimmt, bei Revilla gänzlich
-geschlagen, in Asturias eindrang. Der Brigadier Marquis von Bóveda
-begleitete ihn als Chef des Generalstabes. Er sollte in Asturias
-und Galicien sich festsetzen, beide Provinzen insurrectioniren, die
-dortigen carlistischen Banden um sich sammeln und organisiren und
-so versuchen, sie auf den Zustand zu heben, in dem die baskischen
-Provinzen sich befanden, mit denen sie durch das Gebirge von Santander
-leicht in Verbindung standen; die Ausführung des Planes hätte der Sache
-Christina’s verderblich werden müssen. Schon im Jahre 1835 war General
-Eraso, einer der ersten und edelsten carlistischen Feldherrn, der nach
-Zumalacarregui’s Tode den Oberbefehl, schon gleichfalls dem<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Tode
-nahe, ablehnte, mit einigen Bataillonen nach Asturien vorgedrungen;
-sein Versuch scheiterte jedoch an dem Grund-Typus des Charakters der
-Asturianer und Galicier, der ängstlich berechnenden Vorsicht, die
-ihnen, wie carlistisch sie gesinnt sein mochten, nicht erlaubte,
-die Waffen zu ergreifen, wo sie sofort Übel ohne Zahl aus solchen
-Schritten erwarten durften. Übrigens boten beide Provinzen große
-Vortheile für die Kriegsart der Carlisten dar, da sie sehr gebirgig
-und doch großentheils fruchtbar sind und unendlichen Reichthum an
-Vieh haben. Dagegen ist dort das Geld sehr selten, indem der Handel
-mit den Produkten des Landes trotz der günstigen Lage unbedeutend
-bleibt, daher das Sprichwort: „der Galicier hat Alles im Hause, nur
-kein Geld.“ In der That erzeugt das Land alle Bedürfnisse im Überfluß,
-und die große Sparsamkeit der Galicier, die ihnen den Ruf des Geizes
-zu Wege gebracht, macht, daß im Innern der Provinz die Bewohner eines
-jeden Hauses das irgend Nöthige aus den selbst gewonnenen Produkten zu
-verfertigen wissen.</p>
-
-<p>Nachdem Gomez, schon hart verfolgt, in den Gebirgen des südlichen
-Asturien manövrirt, warf er sich durch einen raschen Contremarsch auf
-die Hauptstadt Oviedo und ruhete dort drei Tage lang. General Espartero
-war ihm mit seiner Division, 9000 Mann in 12 Bataillonen, von Vizcaya
-aus gefolgt, während der General-Capitain von Alt-Castilien, General
-Manso, mit 5000 Mann von Süden gegen ihn rückte; so konnte sich Gomez,
-da er wenig Anklang fand, in Asturien nicht halten und wandte sich,
-ein kleines dort gebildetes Bataillon zurücklassend, nach Galicien,
-vereinigte einen Theil der dortigen Guerrillas und zog am 18. Juli in
-die Hauptstadt, Santiago de Compostella ein, die der General-Capitain
-des Königreiches geräumt hatte. Er ward dort mit hohem Enthusiasmus
-empfangen und konnte sofort ein starkes Bataillon aus zuströmenden
-Freiwilligen bilden. Da er jedoch nach zwei Tagen bei Annäherung der<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-durch General Pardiñas verstärkten Division Espartero die Stadt geräumt
-hatte, blieben am Abend des ersten Marschtages noch siebenzehn Soldaten
-des Bataillons übrig, da die andern nach Santiago zurückgekehrt waren.
-Er durchzog, stets die feindlichen Generale täuschend, in jedem Sinne
-die Provinz, glaubte aber, da die Theilnahme gering, die gegen ihn
-operirenden Streitkräfte unendlich überlegen waren, sich nicht in ihr
-festsetzen zu können. So kehrte er, die Feinde weit zurücklassend, nach
-Asturien zurück und drang, während man in Madrid, da er in dem Winkel
-Galicien’s eingeschlossen, die Nachricht seiner Vernichtung erwartete,
-anfangs August’s in das Königreich Leon ein, dessen Hauptstadt er
-gleichfalls besetzte.</p>
-
-<p>Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und
-Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten
-die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede
-Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie
-cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren.
-Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich
-Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich
-machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann
-verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach
-gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen
-beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen
-Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte.</p>
-
-<p>Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große
-Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen
-in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte
-Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre
-Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht
-vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000&nbsp;M.<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der
-ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen,
-gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf
-dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn
-bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Am 30.
-August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung
-im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen
-hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen,
-den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf
-und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt,
-Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen
-und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s
-die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber,
-seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon
-fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im
-Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten
-und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General
-Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden
-Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte.</p>
-
-<p>Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da
-die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg
-verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst
-nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier
-wohl nicht mit Grund hoffen ließ.<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Unendlich schlau, selbstsüchtig
-und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen
-die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht;
-sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß
-sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten,
-die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und
-Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender
-Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf
-Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl&nbsp;V., ob
-Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den
-Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg
-für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem
-Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und
-lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier,
-selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde
-erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte;
-denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu,
-meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns
-entschieden sehen.</p>
-
-<p>Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere
-Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen
-disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über
-Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann
-unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten
-carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen
-das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19.
-bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la
-Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der
-Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und
-trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers
-Villalobos ritt der Chef der feindlichen Caval<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>lerie, Oberst Don Diego
-Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone
-nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke
-Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt,
-den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den
-Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300
-Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich
-zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix
-hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps
-verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen
-ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in
-Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur
-Verfolgung in Bewegung.</p>
-
-<p>Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf
-Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die
-Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger,
-zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung
-zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept.
-in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in
-Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße
-ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept.
-erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen
-Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung
-herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in
-die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung
-der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter
-die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen
-aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und
-stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich
-zurückzog, wo sie bald, 3500&nbsp;M.<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> stark mit drei Kanonen, sich ergab.
-Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen
-Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger
-Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte.</p>
-
-<p>Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt
-das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra
-morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division
-Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der
-General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand
-erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit
-einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada
-und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler
-drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben,
-wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu
-beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon
-als beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl&nbsp;V. als König.
-Zahlreiche Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von
-allen Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt.
-Damals zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm
-häufig zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich
-nicht in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm
-nicht nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen
-blieben, sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten
-Rekruten bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den
-feindlichen Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und
-ganz nackte Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer
-Armee als dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von
-dem Geiste der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die
-Länge nichts erwartet werden durfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet
-und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix
-entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die
-Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die
-royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen
-ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst
-warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere
-Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die
-Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern
-der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition
-zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos
-einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren:
-überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner
-Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine
-Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die
-National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn
-sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln.
-Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez
-sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben
-mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter
-den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit,
-jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit
-den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch
-hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger
-ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl.
-Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und
-unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem
-Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich
-im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger
-allenthalben<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> 25 und 30 <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">duros</span> in Silber für eine Gold-Unze &mdash; 16
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">duros</span>, 84 <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">francs</span> &mdash; gaben.</p>
-
-<p>Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen
-General gemacht werden könnte &mdash; er ließ die Gefangenen, wenn sie
-den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen &mdash; ist
-durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die
-Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn
-anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen
-Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft
-Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit
-Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung
-neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst,
-schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines
-edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten,
-gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so
-viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der
-Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also
-seinetwegen sterben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena.
-General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche
-parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß
-einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht
-hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei
-Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer
-Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des
-schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit
-zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen
-Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch
-seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> unter Cabrera’s
-Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen
-Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron
-Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die
-Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz
-der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben
-so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de
-la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in
-zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da
-diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren.
-Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf
-Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana
-und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz
-Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte:
-ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil,
-der gleichfalls die Guadiana passirt hatte.</p>
-
-<p>Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald
-selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes
-System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in
-jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division
-stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher
-von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit
-neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt
-deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den
-Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und
-Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der
-Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie
-gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen
-beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete,
-den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche
-Spanien nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum
-3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo,
-ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend
-und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so
-langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen
-Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten,
-die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger
-der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht
-organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er
-die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang
-in das Königreich Sevilla ein.</p>
-
-<p>Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals,
-der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich mit
-einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps, und zog
-durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm untergebenen
-Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche von dorther
-über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen, seine
-Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el serrador</span>
-&mdash; war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß
-nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt
-blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte,
-die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich
-auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich
-fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der
-schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte,
-war dem General Rivero übertragen.</p>
-
-<p>Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt
-bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14.
-Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene
-von Sevilla. Vier Divi<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>sionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und
-fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden
-ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden,
-Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen
-die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda, nahm
-am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen hinter
-sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er in
-Algeciras eindrang und San Roque und das <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">campo de Gibraltar</span><a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>
-besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet
-hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen
-hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das
-Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder &mdash;
-30000 Thlr. &mdash; sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus.
-Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und
-dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches
-eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez
-wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so
-furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen
-theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von
-Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der
-Nachhut abgeschnitten wurden.</p>
-
-<p>Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach
-überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen
-Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen
-Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend
-Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen
-bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie
-die Beute nach solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien
-länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten
-Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der
-Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden
-ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen.
-Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß
-fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal
-entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich
-Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit
-gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen
-die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere
-zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden,
-an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische
-Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß
-die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche
-machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte.</p>
-
-<p>Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am
-29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch
-außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana,
-überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros
-und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha
-und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800
-Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben,
-unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am
-8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends
-neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem
-Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien
-mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure
-Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> ersten
-Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war,
-sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in
-Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen
-Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in
-Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000
-Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und
-vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24.
-December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao
-und entsetzte die wichtige Stadt.</p>
-
-<p>Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend
-von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs
-Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen
-des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in
-viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den
-Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer
-durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen
-verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche
-Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen
-belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der
-Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle
-National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte;
-und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen
-Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde,
-vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück.</p>
-
-<p>Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition
-beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt
-und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen
-ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später
-den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und
-durch seine Rückkehr das Scheitern des<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Unternehmens auf Bilbao
-veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und
-Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später
-ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch
-die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der
-General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen
-eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des
-Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei
-Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu
-seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October
-in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt,
-auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte
-kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen
-Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21.
-die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn
-verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben,
-worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort
-operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg
-gehabt.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als
-den Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie stets
-ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf
-Kanonenschußweite von der Festung angelegt.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier6" name="zier6">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 6" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VII">VII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu
-erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere
-Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima
-ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich
-versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches
-Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe,
-mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die
-Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie
-sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges
-hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so
-angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.</p>
-
-<p>Da sich in dem Depot von Logroño gar keine &mdash; auch später sehr wenige
-&mdash; Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten
-christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster,
-achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf
-das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns
-das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den
-Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere
-andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern,
-mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und
-bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden
-Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem
-Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache
-auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte;<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> die eine
-Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers,
-die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem
-Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten &mdash;
-die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den
-höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen
-Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle &mdash; als
-unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft
-mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm
-eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin
-bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die
-Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren
-und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich
-sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich
-glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten
-bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte
-spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute
-davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht
-war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht
-scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu
-machen, so in Vieler Augen ihn schändend.</p>
-
-<p>Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen
-abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz
-genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm
-und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten
-uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die
-Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn
-zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung,
-beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer
-der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Spanierinnen so
-selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte
-sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter:
-ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen
-beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns
-abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden
-Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem
-üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr
-schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen
-jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders
-Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin
-verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit
-stets leidenschaftlicher zu werden.</p>
-
-<p>Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und
-Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie
-die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste
-Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte
-dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit
-und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche
-Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie
-als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen
-Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu
-mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der
-eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis
-zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck
-des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch
-weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und
-sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit,
-Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten
-der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen &mdash; die gra<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>ziösen
-Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese
-Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und
-schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis
-die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem
-Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend
-führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die
-Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt
-ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist
-die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns
-hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu
-die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten
-verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders,
-da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd
-waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu
-verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern
-mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere
-Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging
-uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell,
-und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag
-zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein
-Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich.</p>
-
-<p>Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s
-angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete
-Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der
-spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> höchsten Gerichtshofes
-unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer,
-sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland
-hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs&nbsp;XIV. erfahren
-hatte, ward nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des
-Hasses, den alle Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden.
-D. Francisco, als er nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das
-Vaterland zurückkehrte, fand die Familien-Güter confiscirt, da sein
-Bruder, exaltirt liberal, der das Majorat inne hatte, den Christinos
-sich angeschlossen: so trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen,
-viele Monate lang wie das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen,
-da er, nachdem sein Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt
-war, sah er sich in der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem
-Obst, welches er auf dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine
-Cameraden, daß der Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>
-für Carl&nbsp;V. von Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon
-carlistischem Terrain versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach
-dem Hauptquartier abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden
-die Anzeige zu machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu
-bemächtigen, und der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu
-begleiten. Als Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an
-der Brücke die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten
-glücklich zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten
-sich des Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst,
-der Besitzer leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die
-Officiere verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der
-arme Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er
-erkannt hatte, bei Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich
-verrathen sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten.
-Umsonst erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten
-Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden
-zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt
-zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes
-gedenkend.</p>
-
-<p>Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier,
-welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte,
-dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem
-in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der
-Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in
-der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war
-er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute
-sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die
-Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch
-Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen
-büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu
-seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht
-gestellt &mdash; nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft &mdash;, zum Tode
-verurtheilt und erschossen.</p>
-
-<p>Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen
-Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem
-Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf
-Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen
-Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde
-erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte.
-Sie starb im Herbste des Jahres 1838.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der
-Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot
-mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft
-lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich
-auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu.
-Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die
-Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar
-unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder
-schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann
-dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt
-ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder
-durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.</p>
-
-<p>So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft
-lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren,
-welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich
-mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem
-trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle
-die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der
-Erinnerung hingeschwunden &mdash; arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in
-Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner
-Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so
-rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten
-sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer
-gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das
-ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche
-so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin,
-nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch
-der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir
-den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene
-liebe Zeit, in der wir nur die helle,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> freundlich lockende Seite des
-Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der
-durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter
-die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit
-kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen
-der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den
-Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so
-viele Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind.</p></div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier7" name="zier7">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 7" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Während General Gomez Spanien durchzog, ward die Ruhe in den
-Nord-Provinzen selten durch unbedeutende Operationen unterbrochen;
-beide Heere schienen, auf den Erfolg der Expedition gespannt, ihre
-Kräfte sparen zu wollen, da sie ja rasche Entscheidung herbeiführen
-konnte. General Garcia, commandirender General des Königreiches
-Navarra, bestand einzelne Kämpfe gegen die Fremdenlegion, indem er
-durch rasche Bewegungen irgend einen der festen Punkte des Feindes
-überraschte und zerstörte, um bei der Annäherung der Hülfs-Colonnen
-in die Gebirge sich zurückzuziehen. Cordova aber war nach der
-verunglückten Unternehmung bei Arlaban auf Pamplona marschirt, um
-das Bastan-Thal, dessen Bewohner er der constitutionellen Regierung
-geneigt wähnte, zu besetzen, dem General Evans die Hand zu reichen
-und dadurch, die Carlisten von der französischen Gränze, abschneidend
-sein Blokade-System zu vervollkommnen. Die Nachricht von der
-Vernichtung der Division Tello durch Gomez und von dem Abmarsche
-Espartero’s zur Verfolgung der Expedition zwang ihn, da Villareal am
-28. Juni Peñacerrada in Alava angegriffen, in Eilmärschen dorthin
-zurückzukehren. Villareal, die Belagerung dieser Veste aufgebend, zog
-nach Navarra und griff am 4. Juli die Linie von Zubiri an, ward aber,
-da er ein Fort derselben genommen hatte, von der Fremdenlegion und
-einigen spanischen Bataillonen zum Rückzuge genöthigt.</p>
-
-<p>Nach dem fehlgeschlagenen Versuche des Feindes gegen Fuenterrabia
-begnügte sich der carlistische Feldherr, durch Bedrohen der
-verschiedenen Punkte auf den entgegengesetzten Theilen des
-Kriegsschauplatzes die Christinos zu erschöpfenden Märschen zu zwingen;
-er griff am 1. August mit funfzehn Bataillonen und sechs Geschützen
-die Linie von Zubiri nochmals an,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> und wurde nach achtzehnstündigem
-hartnäckigem Kampfe auf das Ulzama-Thal geworfen, wo die Fremdenlegion
-durch empörende Ausschweifungen sich hervorthat und mehrere Dörfer
-niederbrannte. Die folgende mehrmonatliche Waffenruhe war nur durch die
-Operation Oraa’s auf Estella am 12. und 13. September unterbrochen.
-Cordova hatte, da durch die Ereignisse von la Granja auf Verlangen
-trunkener Sergeanten die Constitution verändert, seine Entlassung
-eingereicht und sich nach Frankreich begeben, worauf der Oberbefehl
-dem General Espartero und, da dieser krank war, interimistisch dem
-General Oráa übertragen wurde, der durch eine glänzende Waffenthat sich
-hervorthun wollte. Er vereinigte 16000 Mann und griff das von vier
-navarresischen Bataillonen vertheidigte Estella an. Die Christinos
-gelangten wiederholt bis auf die Höhen, welche die Stadt beherrschen
-und warfen Granaten in sie, wurden aber stets mit dem Bajonnett
-zurückgestürzt und zogen sich, nachdem sie 800 Mann geopfert, auf ihre
-Linien, kräftig von den Tirailleurs und dem aufgestandenen Landvolke
-verfolgt. &mdash; In der ersten Hälfte Octobers fanden in den Linien von
-San Sebastian einige Scharmützel ohne Erfolg Statt, so wie am 8. die
-Engländer von der Stellung von Amezagana mit Verlust abgewiesen wurden.</p>
-
-<p>Bilbao, die bedeutendste Stadt Vizcaya’s, reich durch ausgebreiteten
-Handel, an dem schiffbaren Flusse Durango, der, mit dem Nervion
-vereinigt, einige Stunden entfernt in das Meer strömt, war noch in
-dem Besitze der Christinos; jeder Versuch, sich ihrer zu bemächtigen,
-hatte stets kraftvolle Anstrengungen der Feinde zum Entsatze veranlaßt,
-der große Führer der Carlisten, General Zumalacarregui fiel vor ihren
-Mauern. Villareal wollte Bilbao erobern, so ganz Vizcaya reinigen und
-den feindlichen Colonnen das Eindringen in die Provinz ohne solchen
-Anhaltspunkt unmöglich machen; zugleich sollte die Wegnahme der
-blühenden Hafenstadt von außen her als <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">conditio sine qua non</span>
-und Gewährleistung wichtiger Unterstützung gefordert<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> sein. Ihre
-Eroberung mußte den Carlisten großes moralisches Übergewicht geben, da
-die Constitutionellen sich gewöhnt hatten, auf der Behauptung dieser
-Stadt wie auf einer Lebensfrage zu bestehen; sie hätte bewiesen, daß
-die carlistische Armee nicht nur in ihren Gebirgen, sondern auch
-im regelmäßigen Kriege dem Feinde schon überlegen war. Daher sah,
-wer in Europa Interesse für eine der Partheien hegte, mit Spannung
-auf diese Belagerung. Sie wurde am 24. October 1836 von drei und
-zwanzig Bataillonen unter Villareal und Eguia eröffnet, indem die
-bisher blokirte Stadt eng eingeschlossen und zwei Batterien gegen sie
-errichtet wurden.</p>
-
-<p>Bilbao war nur von einer Mauer umgeben, welche durch mehrere
-vorliegende Forts und befestigte Klöster gedeckt wurde; 7000 Mann
-vertheidigten sie. Doch beruhete die Stärke der Stadt in ihrer Lage, da
-sie durch den schiffbaren Fluß, dessen Mündung das feste Portugalete
-beherrscht, mit dem Meere in Verbindung steht, von wo aus sie leicht
-mit allem Nöthigen versehen und kräftig unterstützt werden konnte &mdash;
-hauptsächlich durch die englische Flotte, welche ja seit dem Monate
-März durch ihre Mitwirkung den Carlisten so unheilsvoll geworden war.
-Auch war es unzweifelhaft, daß die Hauptarmee unter Espartero Alles
-thun würde, der bedroheten Stadt Hülfe zu bringen. In der That zog
-sie schon Ende Octobers über Valmaseda herbei, weshalb die Artillerie
-zurückgezogen und die Belagerung in eine strenge Blokade verwandelt
-wurde, während Villareal den andringenden Feind beobachtete; zwei der
-am meisten avancirten Außenwerke waren bereits genommen.</p>
-
-<p>Nachdem vier Ausfälle der Besatzung gänzlich mißlungen, ward die
-Belagerung am 7. mit neuer Kraft aufgenommen, zwei vorgeschobene
-Werke, das Fort Bandera und ein Kapuziner-Kloster wurden genommen, am
-10. S. Manez mit 300 Mann und sechs Kanonen erstürmt. Zehn Batterien
-wurden gegen die Stadt oder längs dem Ufer des Flusses etablirt, um
-dort<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> die Hülfe der englischen Kriegsfahrzeuge zu verhindern, die, so
-oft sich Gelegenheit bot, die carlistischen Truppen beschossen,<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>
-und wiewohl das schlechte Wetter die Arbeiten sehr verzögerte,
-konnten die Batterien am 17. ihr Feuer eröffnen. Ein Ausfall ward mit
-Verlust abgewiesen, am 27. erstürmten ein Bataillon von Castilien
-und die Compagnien des Fremden-Bataillons mit höchster Bravour das
-feste Kloster San Agostin unmittelbar an der Mauer und von 600 Mann
-vertheidigt. Der Sturm gegen die offene Bresche wurde unternommen. 1100
-Mann gelangten bis in die hinter der Bresche aufgestellte Batterie und
-tödteten die Artilleristen neben ihren Geschützen, wurden aber, da die
-anderen Colonnen, anstatt mit Kraft nachzudringen, regungslos stehen
-blieben, von der feindlichen Reserve wieder aus der Stadt vertrieben
-und litten viel. Die Carlisten begnügten sich fortan, die Stadt zu
-bewerfen und richteten ihr ganzes Streben darauf, das Durchdringen
-Espartero’s zu verhindern, da der in Bilbao täglich zunehmende Mangel,
-falls die Entsetzung mißlang, die Garnison zur Capitulation zwingen
-mußte.</p>
-
-<p>Espartero war mit 20000 Mann von dem Thale von Mena nach Portugalete
-gezogen, worauf Villareal in den Gebirgs-Stellungen sich befestigte
-und am 27. und 28. November die Angriffe des Feindes abschlug, welcher
-der Brücke über den Nervion sich zu bemächtigen suchte. Am 30.
-November passirten die Christinos den Fluß auf einer Schiffbrücke,
-welche ihnen die englischen Marine-Truppen geschlagen, und griffen
-auf dem rechten Ufer, da Villareal ihnen dahin gefolgt war, am 4. und
-5. December die Stellung von Asua an; mit Nachdruck empfangen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> und
-nach starkem Verluste kehrten sie am 6. auf das linke Ufer zurück,
-wo die Carlisten ihnen gegenüber sich verschanzten, dazu einen Theil
-ihres Belagerungsgeschützes verwendend, wodurch sie die Einnahme der
-Stadt ganz von der Niederlage Espartero’s abhängig machten. Umsonst
-suchte dieser vorzudringen: er ward nach vergeblichen Scharmützeln
-am 12. und den folgenden Tagen genöthigt zu weichen, zog sich am 15.
-nach Portugalete zurück und ging am 19. und 20. December nochmals mit
-19 Bataillonen und zwei und zwanzig Geschützen auf das rechte Ufer
-des Nervion über, wo wieder Villareal seine Stellung ihm gegenüber
-mit dem Belagerungsgeschütz deckte. Espartero gab die Hoffnung
-des Durchdringens auf,<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> als die Ankunft der Divisionen, welche
-Gomez nach sich gezogen, ihm ein furchtbares Übergewicht verlieh.
-Nachdem am 22. und 23. leichte Scharmützel Statt gehabt, stürmten
-am Weihnachtsabend die Christinos nach dem Plan des General Oráa
-die carlistische Stellung, während 2000 Jäger in Kähnen den Fluß
-hinauffuhren, die Flanke der Belagerungsarmee zu gewinnen. Von einem
-entsetzlichen Schneesturm begünstigt, erstürmten die Feinde nach kurzem
-Kampfe die Brücke von Luchana, gegen die sie ihre ganze Artillerie
-concentrirt hatten. Die Fahrzeuge gelangten bis dahin und bemächtigten
-sich nach furchtbarem Blutbade der Batterie, welche noch das
-Debouchiren der Truppen verhinderte, worauf diese den Fluß passirten
-und die Stellung auf den Höhen von Cabras und Arriaga stürmten. Drei
-Mal gelangten die christinoschen Massen bis auf die Höhen, drei Mal
-stürzten die Carlisten mit dem Bajonnett sie hinunter: beim vierten
-Angriff behauptete sich Espartero im Besitze der Stellung, und die
-Belagerungsarmee zog in Unordnung auf Durango zurück. Am ersten
-Weihnachtstage zog das siegreiche Heer in die gerettete Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ein, in
-der solches Elend herrschte, daß der Gouverneur am 24. dem anfragenden
-Generale durch den Telegraphen meldete, wie er nur noch einen Tag sich
-halten könne.</p>
-
-<p>Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen
-Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten
-noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde
-entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres
-Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen
-verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn
-seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. &mdash;
-In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann,
-die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei
-und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die
-Fortschaffung unmöglich machte.<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Espartero, der noch unentschlossen
-beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als
-der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen
-Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes,
-General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen
-Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana
-ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don
-Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem
-General Moreno übertragen wurde.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die
-größten Vorbereitungen getroffen, um im<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> Frühjahre die Operationen mit
-entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte
-Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung
-sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen diese
-unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten sollte.
-Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in Bilbao, von
-wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen würde, während
-Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone verstärkt, von
-San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa besetzte,
-Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler Ulzama
-und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die carlistische
-Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei Corps
-zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales &mdash;
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de la rivera</span> &mdash;, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im
-südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix,
-12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche
-Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan
-schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde,
-die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein
-so hätte das Ende des blutigen Kampfes <em class="gesperrt">durch Waffengewalt</em> mögen
-vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je
-zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps
-zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine
-neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren.</p>
-
-<p>Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit
-den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn
-Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung
-mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen,
-Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen
-Evans und Rivero<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das
-Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava
-und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden
-Divisionen sie zu decken.</p>
-
-<p>Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation
-an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang
-und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte,
-welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort
-stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero
-am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte
-Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an
-demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu
-dem Engpasse <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de las dos hermanas</span>. Evans griff nach leichtem
-Scharmützel in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und
-entriß nach blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden
-Carlisten das Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen;
-am 16. trieb er wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich
-her, und schon standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar
-Hernani beherrscht; der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen
-in eiligem Zuge von den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der
-Infant den Seinen zu Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und
-vier Geschütze von seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf
-das Schlachtfeld. Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der
-Anglochristinos, umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten
-Flügel richtete, die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die
-nächsten englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen
-linken Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht
-der englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen
-fort, und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts
-drang, lösete sich die<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> ganze feindliche Armee in schimpflichster
-Verwirrung auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern
-auf dem Fuße verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen,
-welches in der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und
-rettete den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich
-fest sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug,
-nahmen vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten
-und Verwundeten &mdash; 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze
-gezählt &mdash;, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100
-Gefangene.</p>
-
-<p>Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große
-combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen
-sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000
-Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung
-getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive
-denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt
-waren.<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15.
-bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage
-Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21.
-nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten
-theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und
-belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck
-dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen
-die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr
-eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd,
-bildete es<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch
-die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde,
-so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt,
-Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken
-gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona
-gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner
-Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans
-errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die
-feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach
-Tolosa vorrückte, in dem Engpasse <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de las dos hermanas</span> warf und
-mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb.</p>
-
-<p>So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die
-baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage
-geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von
-Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu
-neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen
-der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich
-gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen
-in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze
-des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den
-Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde.</p>
-
-<p>Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, &mdash; wozu
-wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug &mdash;
-ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian
-und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen
-griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem
-Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen
-in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte
-sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun,<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> welches von vier Compagnien
-mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die
-Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison
-behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die
-Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am
-Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in
-welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war;
-zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert
-über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an,
-dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie
-sich hülflos abgeschnitten sah.</p>
-
-<p>So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen
-und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren,
-um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie
-ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von
-dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in
-Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er
-zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft
-von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere
-hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in
-den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so
-weit, daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem Strande
-zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht selten getroffen
-wurde.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño
-erklärte er die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz
-unmöglich.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher
-Lieutenant in königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine
-Batterie nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke
-feuerte. Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition
-1837.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine
-geschickten Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht
-der Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man
-die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier8" name="zier8">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 8" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="IX">IX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die
-Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren
-Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da
-ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht
-von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung.
-Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort
-auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten
-Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens &mdash; am 8.
-Juni 1837 &mdash; ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen,
-daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt
-werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach
-langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner
-Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur
-Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung
-befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen.
-Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht,
-glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang
-ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so
-herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt
-werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl
-war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die
-fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült.
-Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des
-Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt
-war ich im Begriff,<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich
-zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall
-passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten
-in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt
-waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu
-passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu
-versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge
-die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit
-früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.</p>
-
-<p>Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in
-einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu
-bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine
-Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen
-Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich
-der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie
-stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen.
-Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir
-einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und
-wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei
-die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.</p>
-
-<p>Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze
-ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu
-erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig
-klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen
-des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln
-Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die
-Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines
-abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt;
-stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Wünsche, bis
-alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche
-Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen &mdash; sei es
-durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch
-über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich
-konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner
-Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das
-Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich
-betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb
-mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem
-linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar;
-ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten
-ruhend im Schatten &mdash; ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln
-pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen
-und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze
-Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder
-des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau
-in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl
-ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief
-ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche
-Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.</p>
-
-<p>Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das
-menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre
-taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das
-eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken,
-durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit
-gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie
-veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so
-hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können,
-daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> die
-verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten
-Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu
-vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen
-Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen
-Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt,
-bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!</p>
-
-<p>Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich
-stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die
-Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen
-Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach
-Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden
-hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten,
-war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm,
-traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen
-suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von
-unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen
-Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle
-ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich
-zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt;
-ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich
-nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch
-seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen
-auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht
-ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem
-niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am
-Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach
-Estella zu geleiten versprochen hatte.</p>
-
-<p>Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden
-verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> das Glück, Niemand
-auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen.
-Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin,
-die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet
-wurden, und der Ruf der Schildwachen „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">sentinela alerta</span>“, wie er
-in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend
-in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen
-nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die
-Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute
-Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden
-ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren,
-entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte,
-Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und
-beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen
-Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts &mdash; im nächsten
-Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war
-unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten,
-die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger,
-die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das
-Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder
-in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft
-auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer
-wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte,
-heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur
-feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange
-Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der
-vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des car<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>listischen
-Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und
-durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch
-die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire
-Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem
-Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt,
-waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und
-Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig
-sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten
-beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in
-Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar
-Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia
-vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser
-als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit
-Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem
-bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten
-Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit
-und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das
-Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen
-Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte,
-daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu
-befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer
-Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich
-dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf
-das schmeichelhafteste empfangen wurde.</p>
-
-<p>Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes
-Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben
-ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche
-Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste
-mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von
-seiner vaterländischen<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und
-Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute.
-Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die
-Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land
-sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge
-und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres
-Lebens verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er
-der sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl
-V. war er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu
-durchschauen, welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen
-wußten, da sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so
-wie ihre Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so
-viel in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist
-siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den
-Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen
-ihrer Verrathes-Complotte sicherten.</p>
-
-<p>Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste
-Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn
-Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen
-Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer,
-erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen
-sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand
-sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er
-sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann
-in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu
-beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff
-Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der
-königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte.</p>
-
-<p>Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> dem Dörfchen
-Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur
-Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am
-Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und
-durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald
-auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit
-vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend
-Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir
-Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm
-und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während
-der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete,
-die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser
-Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel
-die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das
-gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone &mdash; es waren
-ihrer drei vereinigt geblieben &mdash; tönte durch die Stille der Nacht. Da
-ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von dem
-bald das bekannte „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">sentinela alerta</span>“, weit zurück hinsterbend,
-herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern
-die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde
-befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten
-Weine seiner Umgegend bekannt.</p>
-
-<p>Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen
-stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich
-und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten
-geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung
-benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend.
-Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß
-hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war;
-rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt &mdash; da tönte wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-der Wache Ruf<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum
-dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden
-Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick
-später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt
-hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen
-bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Quien vive?
-Quien vive?</span>“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die
-Grenadiere erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die
-Stadt hinab, wo alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei,
-Trommelwirbel und Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe
-Compagnie innerhalb der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte,
-mit der Örtlichkeit vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor,
-dessen Wache wir unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste,
-welche wir gaben, von lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Viva el Rey</span> begleitet zerstreute
-sie; fünf Minuten später war das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia
-stürmte herein mit seinen Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen,
-entsendete starke Patrouillen und vermehrte durch wildes Feuer die
-Verwirrung des Feindes. Als der Tag anbrach, fanden wir die Stadt in
-unserm Besitze, da die Garnison mit Zurücklassung von etwa siebenzig
-Gefangenen in das Fort sich geworfen hatte. Viele unserer Soldaten
-hatten sich plündernd durch die Häuser zerstreut, und erst nach zwei
-Stunden gelang es durch unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren
-und Ordnung herrschend zu machen.</p>
-
-<p>Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte
-sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga,
-der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von
-Lodosa, ihn beobachtete.<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben,
-dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns
-keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein,
-Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach
-Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana
-zurückzukehren. &mdash; Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer
-dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Einige Tage nachher ward ich vom Gen. Garcia beordert, siebenzig
-Individuen der französischen Fremdenlegion, meistens Deutsche, die zu
-uns übergegangen waren, nach der französischen Gränze zu geleiten,
-da sie den Wunsch ausgesprochen hatten, nach ihrer Heimath entlassen
-zu werden. Das aus solchen Deserteurs gebildete Bataillon, welches
-mit der königlichen Expedition abmarschirt war, zeichnete sich bei
-jeder Gelegenheit ebenso durch ungemessene Bravour wie durch Mangel
-an Disciplin und durch Unordnungen, vor Allem Trunk und Diebereien,
-aus, was natürlich nur der Schwäche der Officiere zuzuschreiben ist,
-die meistens lediglich ihr pecuniäres Interesse zu fördern suchten
-und selbst ihren Theil von den durch die Soldaten gestohlenen Gemüsen
-und Obst empfingen, so daß mehrere von ihnen wegen Veruntreuung zu
-Festungsarbeit verurtheilt werden mußten. Die Mehrzahl derselben
-stammte gleichfalls von der Legion her.</p>
-
-<p>Die mir anvertrauten Leute, wenn auch roh und wild, betrugen sich ganz
-zu meiner Zufriedenheit. Ich passirte anderthalb Stunden von Pamplona,
-durchkreuzte längs der Zubiri-Linie das schöne Ulzama- und Bastan-Thal,
-überstieg den Höhenzug der Pyrenäen und erreichte glücklich die Gränze
-bei Zugarramurdi, wo ich das Detachement den französischen Posten
-überlieferte. Nachdem ich einige Stunden im nahen Städtchen mit den
-Officieren der dort cantonnirenden Compagnien ver<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>plaudert, ward ich
-nach Spanien zurückgeleitet und mit freudigem Staunen von dem Chef des
-Gränzcordons begrüßt, der, da ich &mdash; ohne Zweifel höchst unvorsichtig
-&mdash; den französischen Boden betreten, überzeugt gewesen war, daß
-ich entweder auch die Provinzen verlassen wollte oder doch von den
-jenseitigen Behörden an der Rückkehr würde verhindert werden.</p>
-
-<p>Langsam ging ich dann, nur von einem Burschen begleitet, auf Estella
-zurück. Wieder überstieg ich jenen Gebirgszug, der durch Wildheit
-zugleich und Anmuth sich auszeichnet, indem die Berge über zwei
-Drittel ihrer Höhe mit reichem Laubholze bedeckt sind und zahllose
-kristallhelle Quellen aus ihnen hervorsprudeln; in den Thälern aber,
-die vielen Mais und Roggen erzeugen, liegen vereinzelt schöne,
-reinliche Städte, deren Bewohner die echte Treuherzigkeit und Geradheit
-der Gebirgsvölker entfalteten und ganz besonders gastfrei sich mir
-bewiesen. Dörfer oder vereinzelte Häuser finden sich erst im Bastan
-wieder, wo ich auch zuerst Truppen traf, da auf dem ganzen Striche bis
-zu der Gränzlinie das Terrain hinlänglich gegen die Einfälle der Feinde
-sicherte. Schon hatte ich auch den hohen Rücken überschritten, der das
-Bastan- vom Ulzama-Thale scheidet, und ich ruhte vom beschwerlichen
-Marsche in einem der großen, ganz carlistisch gesinnten Dörfer dieses
-Thales, von dem oft nicht eine Stunde entfernt die feindliche Linie
-sich hinzog. Nachdem ich mit meinem Wirthe, einem reichen Bauer, über
-den Krieg und die Angelegenheiten der Provinzen, unerschöpflichen Stoff
-der Unterhaltung, geplaudert, suchte ich das Bett auf und schlief
-bald fest auf fünf oder sechs über einander gethürmten Wollmatratzen,
-während der Bediente in einem Winkel des an meinen Alkoven stoßenden
-Zimmers sein Lager ausbreitete.</p>
-
-<p>Mitternacht mochte vorbei sein, als ein dumpfes Geräusch auf der Straße
-mich weckte; zugleich stürzte eine weibliche Gestalt mit fliegendem
-Haare, in ein langes weißes Hemd gekleidet und ein brennendes Licht
-in der Hand, in das Gemach;<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> sie stellte sich vor mein Bett, bewegte
-mit ausdrucksvoller Heftigkeit die Arme, auf Thür und Fenster deutend,
-und verschwand lautlos, höchstes Entsetzen verrathend. Überrascht
-sprang ich auf. Da ertönten heftige Kolbenstöße gegen die Hausthür,
-der Lärm auf der Straße ward stets verworrener, und mein Thomas, der
-an das Fenster geeilt war, rief mit zitternder Stimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">por Dios,
-Señor, que son los christinos</span>!“ Ich flog an das Fenster: da stand
-tobend und fluchend ein Haufen Bewaffneter, deren Kopfbedeckung nur
-zu unzweifelhaft die verhaßten Negros erkennen ließ. In einem Sprunge
-hatte ich die Thür erreicht: schon wälzte der Lärm sich die Treppe
-herauf; ich eilte zum Fenster zurück; die kleine, kaum einen Fuß
-breite Öffnung, wie sie oft in den Wohnungen der navarresischen Bauern
-sich finden, machte Flucht unmöglich. Meine Lage, meine Gefühle waren
-entsetzlich. Wieder ein Gefangener! Schon standen die Feinde auf dem
-Vorplatze, wo die Frauen des Hauses, da der Wirth bereits durch die
-Hinterthür entflohen, umsonst sie aufzuhalten suchten. Ich befahl
-meinem Burschen, der, vor dem Kriege Mönch, zitternd mich fragte:
-„Werden sie uns tödten?“ sich ruhig niederzulegen, versteckte die
-Waffen und militairischen Kleidungsstücke unter das Bett und legte
-mich gleichfalls nieder, nachdem ich die Depechen, welche der Chef der
-Gränze als sehr wichtig für den General mir eingehändigt, oben auf den
-Himmel des Bettes geworfen hatte.</p>
-
-<p>Der Lärm auf dem Vorplatze dauerte fort; ich unterschied die Bitten
-der Weiber, ihre Versicherungen, kaum verständlich im gebrochenen
-Castilianisch, daß in diesem Zimmer Niemand versteckt sei, worauf die
-Feinde mit Lachen erwiederten, daß sie ja Niemanden suchten, daß nun
-Alle eins seien. Da ward die Thür aufgerissen, und schweigend, die
-Gewehre in der Hand, traten funfzehn bis zwanzig christinosche Soldaten
-herein. Der Augenblick war furchtbar: halb aufgerichtet, als sei ich so
-eben erwacht, sah ich mit hochklopfendem Herzen auf die Eindring<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>linge,
-ungewiß, ob Tod, ob Gefangenschaft mein Loos sei. Sie stellten in
-Ordnung ihre Gewehre an die Wand, hängten Tornister und Lederzeug daran
-auf und.... verließen in ehrerbietigem Schweigen das Zimmer. Dann hörte
-ich sie zum Strohboden hinaufsteigen.</p>
-
-<p>Ich sprang auf, den günstigen Augenblick zur Flucht zu benutzen,
-erstaunt und nicht meinen Augen trauend. Doch Freude strahlend trat
-die Wirthinn herein und erzählte weitschweifig, wie eine feindliche
-Compagnie, die im nahen Fort als Garnison gestanden, mit Waffen und
-Gepäck zu uns übergegangen sei; nur die Officiere und Sergeanten waren
-in Thränen zurückgeblieben, da sie umsonst durch jedes Mittel die
-Ausführung des rasch Beschlossenen zu hindern gesucht hatten. &mdash; Eine
-Tochter des Hauses, eine unglückliche Stumme, war, so wie sie das Bett
-verlassen, zu mir geeilt, mich zu warnen, da sie die christinoschen
-Soldaten erkannt hatte, während die übrigen Frauen Alles aufboten, um
-mich zu retten und die gefürchteten Gäste von mir fern zu halten, in
-ihrer einfachen Unwissenheit aber eben dadurch mich verrathend. Am
-Morgen sah ich die Compagnie, dem Regimente von Ziguenza angehörend,
-unter dem Befehle einiger Corporale zum Abmarsch formirt: schöne,
-kräftige Leute, vollkommen bewaffnet und uniformirt. Da ich ein halbes
-Jahr später das Commando einer Compagnie im 7. Bataillon von Castilien
-erhielt, fand ich in ihr den größten Theil dieser Burschen wieder, die
-den Schrecken, den sie einst mir verursacht, durch treuste Hingebung zu
-vergelten suchten.</p>
-
-<p>Als ich im Anfange Julis in Estella anlangte, hatte sich General
-Uranga mit dem Operations-Corps nach dem westlichen Vizcaya gezogen,
-und Espartero, eine neue Expedition fürchtend, war ihm auf das
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">valle de Mena</span> gefolgt, während Iriarte in der Rivera mit acht
-Bataillonen und der Baron das Antas mit seiner Division in Vitoria
-stehen blieb. Bald kehrte Espartero nach Logroño zurück und marschirte
-schon am 8. Juli<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> mit zwei Divisionen über Soria auf Guadalajara,
-da er Ordre erhielt, Madrid gegen den Vormarsch der königlichen
-Expedition zu decken. Uranga beschleunigte den Abmarsch eines andern
-Corps, welches die gänzliche Entblößung Alt-Castilien’s von Truppen
-benutzen und der Armee des Königs eine Diversion machen sollte, da
-alle disponibeln Streitkräfte der Christinos auf sie sich geworfen
-hatten. Da es natürlich mein innigster Wunsch sein mußte, jetzt, da die
-Schwäche beider Heere in den Nordprovinzen keine bedeutenden Kämpfe
-erwarten ließ, dieser Division mich anzuschließen, erreichte ich, zum
-Generalstabe derselben bestimmt zu werden, und ward von dem General
-Zariategui mit Herzlichkeit aufgenommen.</p>
-
-<p>Nie sah ich so hohe, freudige Begeisterung die Truppen beleben, nie
-fühlte ich selbst so ganz ihre Alles überwindende Macht, wie zu jener
-Zeit, da wir, eine kleine, aber auserlesene Schaar, den Krieg in das
-Innere des Königreiches tragen und den übermüthigen Feind in seinem
-eigenen Gebiete aufsuchen sollten. Jubelnd zogen wir Alle dahin, und
-an dem Tage, an dem wir nach glorreichem Siege den Ebro passirend aus
-unsern Gebirgen in die reichen Ebenen Castilien’s hinabstiegen, sah
-ich manche dunkelgebräunte Wange von einer Thräne des herrlichsten
-Enthusiasmus genetzt. Wenn der Krieger dasteht, fest den Choc des
-Feindes erwartend, da ergreift ihn ein innerer Trotz, jeder Einzelne
-sucht sich fester hinzupflanzen, als gälte es persönlich schweren
-Stoß zurückzuweisen; sein Antlitz verfinstert sich, der Mund ist fest
-zusammengekniffen, und vielleicht zuckt ein leichtes verächtliches
-Lächeln über seine Züge, wenn er die glänzenden Escadrone heranbrausen
-sieht, deren Ohnmacht er wohl kennt, und die er schon von der
-unerschütterlichen Masse abprallend in wilder Flucht aufgelöset im
-Geiste sieht. Rückt er aber mit Vertrauen auf seine Führer und auf sich
-selbst zum entscheidenden Angriff, dann strahlt das Auge des wahren
-Soldaten von innerem Feuer, sein Kopf hebt sich im Gefühle stolzen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-Muthes, sein Schritt wird elastisch, und echte Begeisterung macht das
-Schwierigste ihm leicht, treibt ihn, durch Gefahr und Tod Heldenruhm
-und Heldenehre sich zu erkämpfen und willig dem Triumphe der gerechten
-Sache sich selbst zum Opfer zu bringen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Er wird jede Viertelstunde von dem dazu bestimmten Posten
-erneuert und läuft von einem zum andern durch die ganze Chaine.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier9" name="zier9">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 9" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="X">X.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> bestimmte
-Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter
-dem Mariscal de Campo &mdash; Generallieutenant &mdash; Zariategui den Marsch
-durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus
-den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und
-7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien
-und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa;
-das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d.&nbsp;h. es enthielt nur seine
-Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die
-Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren
-zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann
-Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte
-Brigadier Elio.</p>
-
-<p>Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden
-Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der
-feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich
-parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19.
-setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein
-starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe
-Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch
-erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen
-neben dem<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der
-Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch
-Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen
-Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke
-bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das
-Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der
-General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1.
-von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine
-halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben.</p>
-
-<p>Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde
-abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten
-Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb
-bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute
-zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken
-Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern
-und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes
-formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit
-dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt
-durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre
-der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu
-weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe,
-von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln
-übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen
-schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf
-mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend
-und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die
-feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere
-Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos
-überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche
-Cavallerie gefangen<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht
-ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete
-uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in
-Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in
-Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand.</p>
-
-<p>Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben
-Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea
-auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine
-tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich
-wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf
-dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon
-bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit
-aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die
-Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter
-Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen
-auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen
-wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich
-von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen
-Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa
-vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete
-die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische
-Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug
-antraten.</p>
-
-<p>Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter
-dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine
-Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit
-überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den
-Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß
-passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar
-mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit
-schwerem Verluste an Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> und Pferden, da aber zuletzt auch die
-Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum
-Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge,
-den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone
-deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer
-zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front
-gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität &mdash; 50 Pferde &mdash;, der
-die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von
-Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone;
-nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> getödtet, wurden
-die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre
-Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen
-hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten.
-Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und
-umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue
-noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst
-einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und
-Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie
-und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der
-Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber
-geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die
-auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur
-Rückkehr uns nöthigte.</p>
-
-<p>Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant
-eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut
-roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In
-der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der
-beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe
-versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das
-Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur
-Zielscheibe dienten.</p>
-
-<p>Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der
-unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde
-waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden
-St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer
-der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten,
-einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. &mdash;
-Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu
-begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt
-schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die
-geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten
-ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder
-kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen
-des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die
-meisterhafte Leitung der Action.</p>
-
-<p>Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und da
-der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt hatte,
-bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem Ufer des
-Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden Festungen
-Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el
-Rey!</span> betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem
-Grün bedeckten<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen
-Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die
-Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns
-zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps
-unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken,
-welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die
-er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General
-Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu
-bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern
-die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu
-unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie
-wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder.
-Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am
-Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen
-die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen
-als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den
-eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den
-Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die
-Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe,
-hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich
-lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen
-mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer
-Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch
-wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben.</p>
-
-<p>Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade
-von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> Escadron von
-Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die
-Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem
-Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme
-dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der
-Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre
-Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese
-Junta gewirkt hat.</p>
-
-<p>Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge
-zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst
-Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben,
-einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und
-sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein
-Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte.
-Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen
-4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich
-zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und
-rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor.</p>
-
-<p>Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von
-Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als
-Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken
-von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische
-Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches,
-Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von
-Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer
-umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde
-die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur
-Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die
-Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren
-würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> hinter einem großen
-Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde
-ein Officier vom Generalstabe<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> beigegeben, mich traf die Brigade
-Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die
-Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer
-sein.</p>
-
-<p>Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald
-von den Kugeln der Garnison &mdash; 1500 Mann mit acht Geschützen auf der
-Mauer &mdash; überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das
-es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine
-Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren
-zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen.
-Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen,
-hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui wieder
-zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den Eingang
-zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich das
-Gerüst errichtet; mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> stürmten wir hinauf,
-von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der
-Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht
-gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> Augenblicke
-drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die
-siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh
-allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob
-Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden.</p>
-
-<p class="mtop2">Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell
-gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in
-den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone
-sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von
-Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große
-Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher.
-Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung
-Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen
-Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig
-allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem
-Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere
-nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben
-aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts
-ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General
-die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung
-herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus
-der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve
-abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui
-war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung
-des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem
-General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in
-dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die
-andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet
-werden: keine der Beiden rührte sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p>Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die
-Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später
-auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut
-fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der
-gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar
-ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben
-umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand
-nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab
-das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen
-und <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">tambour battant</span>, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen
-nach Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die
-Waffensammlung und die Exercier-Geschütze <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">en miniature</span> der
-Cadetten würden unangetastet bleiben. &mdash; Die Erstürmung Segovia’s hatte
-uns etwa 200 Mann gekostet.</p>
-
-<p>So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein,
-unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos,
-die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen,
-und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die
-wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen
-nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos,
-wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und
-manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt
-von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten
-Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht
-selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet,
-mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es
-mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen
-Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich
-fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der
-ernste Händedruck einiger ausgezeichneten<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Officiere des Cadetten-Corps
-zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den
-Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens
-erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten
-wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die
-Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt
-waren.</p>
-
-<p>Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte
-mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer,
-der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden
-Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ,
-worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf
-den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger
-in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche
-Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während
-wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener
-Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache
-bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der
-Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir
-den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat
-und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen
-wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese
-griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben
-messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm
-zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte,
-ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden
-Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht
-in solcher Lage spendend.</p>
-
-<p>Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele
-tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige
-zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar
-aufgepflanzt waren, dann fanden wir<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> ungeheure Magazine vor, und aus
-dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die
-Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung.
-Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen
-Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und... ließ das
-Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die
-Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend,
-sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß
-die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie
-habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere
-Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren,
-da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem
-Bildnisse Carls&nbsp;V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt
-wurden.</p>
-
-<p>Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht
-unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte:
-eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den
-Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie
-besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer
-Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie
-sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte
-sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das
-geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren,
-der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern,
-und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen
-findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche
-die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein
-gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p>
-
-<p>Indem das Bataillon &mdash; in Skelett &mdash; von Aragon in Segovia
-zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten
-zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid
-vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward.
-Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne
-Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der
-General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem
-Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen
-hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern
-zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und
-Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden
-anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten,
-die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz
-das Werk Christina’s waren.</p>
-
-<p>Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen
-höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal
-sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand&nbsp;VI. die
-Gebirge besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien
-zu verbinden. Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug.
-Morgens nur noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme
-aus der Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch
-achtzehn Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war.
-Die Stellung war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das
-Terrain faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe
-und ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige
-Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene
-Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen
-sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der,
-so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck
-hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich
-zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren
-Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der
-Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von
-Vizcaya über den nahen Escurial marschirte.</p>
-
-<p>Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu
-jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war
-bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in
-der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere,
-die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General
-die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s
-zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt
-nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren
-feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend
-schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des
-ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo
-&mdash; 9000 Mann &mdash;, die Zahl der Nationalgarden &mdash; acht Bataillone &mdash;
-und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen
-die Schwäche der Division Zariategui &mdash; in Segovia nach den im
-Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und
-300 Pferde schlagfertig &mdash; und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie
-berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit
-gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den
-Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden,
-wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte.</p>
-
-<p>Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur
-mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> von der Escadron
-3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner
-Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen
-Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen
-Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in
-Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die
-Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama
-eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s,
-der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz
-herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war
-ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der
-nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig
-Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte
-auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges
-erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der
-Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den
-Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge
-davon war die siegreiche Schlacht beim <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">villar de los navarros</span>.</p>
-
-<p>Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen
-Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der
-Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von
-Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt,
-aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der
-genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein
-großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft
-aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen,
-denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil
-des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja
-in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und
-als endlich der nationale Bolero<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> das Fest schloß, mußte unter dem
-donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt
-werden.</p>
-
-<p>Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher
-Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem
-Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der
-doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen
-zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und
-wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren,
-was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde
-alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit
-tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen
-Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver,
-mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen
-Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung
-der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde
-ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze,
-beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit,
-konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die
-Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte
-zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes
-in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der
-Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur
-zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt.
-Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere
-gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend
-etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf
-einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als
-zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem
-die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde
-später durch das Assemblee-<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>Signal wieder zur Formation gerufen zu
-werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage
-vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr
-Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die
-feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und
-rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage
-folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern
-Stützpunkt, wieder zu gewinnen.</p>
-
-<p>Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen.
-Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert
-hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht
-wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung
-Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein
-versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern
-ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller
-Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von
-Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in
-Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt,
-unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde
-Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in
-denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren
-mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung
-der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie
-verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die
-errungenen Vortheile ganz benutzen können.</p>
-
-<p>Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und
-Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts
-von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl
-der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber
-um Mittag eine dürre<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge
-reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut
-sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden
-Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst
-zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und
-die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen
-den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten
-rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich
-die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde
-durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme
-durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem
-Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei
-des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen
-rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge
-Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte
-und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte.
-Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile
-getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß
-gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich
-in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons
-zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis
-auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie
-zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches
-wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen,
-Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun,
-den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf
-der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der
-christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt,
-nicht weiter beunruhigt wurde.</p>
-
-<p>Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> vor den
-Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch
-den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das
-Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in
-kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen
-eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz
-deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven
-Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir
-sterben mit unsern Brüdern.“</p>
-
-<p>Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und
-erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen
-Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach
-Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps
-sich entgegen zu stellen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Diese Expedition, als eine der interessantesten und da
-meine Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich
-weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild unserer
-Kriegesart zu geben vermag.</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs
-und zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er vom
-Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem nächsten
-Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser stach ihn trotz
-dem Zurufe zweier heransprengender Officiere erbarmungslos nieder.
-Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, lag der Leichnam, ein Bild
-männlicher Kraft, ganz nackt neben dem Wege.</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen,
-war meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe sehr
-schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und Artillerie-Officieren
-deren Geschäfte mit übernehmen mußten. Bei der Expedition Zariategui
-befand sich ein Ingenieur und ein Officier der Artillerie, der bald
-getödtet wurde. Übrigens zogen die Generalstabs-Officiere die höchste
-Eifersucht der andern Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen
-Unternehmen gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter
-Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet und drei
-schwer verwundet.</p>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier10" name="zier10">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 10" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XI">XI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in
-beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich
-vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag,
-Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht
-in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch
-da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich
-empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch
-unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch
-der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien
-&mdash; 250 Mann, &mdash; vier Compagnien von Alava und anderen vier von
-Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden
-Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien
-von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen
-zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne
-Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie
-seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt.</p>
-
-<p>Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse
-in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten
-Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo
-und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war
-eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500&nbsp;M. stark,
-versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas
-beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des
-Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden
-Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr
-abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> bei
-Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu
-besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen.</p>
-
-<p>Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo
-seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren,
-hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann
-in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen
-beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen
-Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit
-Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es
-uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten &mdash; ein
-einziger Posten war ausgestellt &mdash; einen seinen Blicken offenen Grund
-unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg.
-Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch
-besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte,
-während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so
-wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das
-Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen
-würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war
-Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu
-unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe
-antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen
-sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf
-hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und
-wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn
-nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte
-empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete
-Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig
-gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra
-dort ankam,<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich
-ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare
-Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde,
-sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine
-Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und
-trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her.
-Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke
-angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die
-Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone
-auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete;
-wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher
-Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des
-Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren
-die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre
-Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem
-Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und
-Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper
-beide Divisionen befehligte.</p>
-
-<p>Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen,
-kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de
-los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann
-sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern
-beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf
-funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich,
-und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl&nbsp;V.
-die Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke
-der Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in
-Salas zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet
-werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich,
-wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> wir vor el Burgo de
-Osma, ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein
-Fort, aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef
-<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">du jour</span> ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben
-war, die Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines
-gegenüber liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei
-dem ersten Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden
-ein, so daß über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen
-Aufpflanzung, die auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes
-geschehen mußte, die Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison,
-zwei Compagnien, mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So
-Herren der ganzen Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen,
-irgend eine Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma,
-welches auf der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und
-Arando de Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid
-mit der Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern
-umgebene Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war;
-das als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem
-Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die
-neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort
-in Ruhe zu üben und auszubilden.</p>
-
-<p class="mtop2">Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen
-verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur
-zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den
-vorfallenden Geschäften, d.&nbsp;h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und
-Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen
-Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze
-und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren
-Bereich.<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem
-Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant
-Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des
-5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma
-erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und
-zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren.</p>
-
-<p>Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma
-entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück
-und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte
-ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana
-den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland,
-mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste
-Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten
-benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um
-dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung
-kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem
-schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog
-und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war,
-ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff
-war fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem
-Quaste auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke
-bog, ertönte ein wilder Schrei: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los facciosos, los facciosos</span>!“
-Die Damen kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener
-Behendigkeit rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers,
-die so eben zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten
-in Carriere der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die
-Truppen unmittelbar mir folgten.</p>
-
-<p>Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein,
-die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer
-sich hinwandten, von der einige Schüsse<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> mich kurz halten machten.
-Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und
-kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und
-forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein
-vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte,
-jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde
-verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an,
-wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen
-kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick
-reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich
-wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter
-mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald
-den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten
-diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit
-Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines
-Thieres zu schonen.</p>
-
-<p>Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe;
-die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde
-postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald
-erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige
-Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere
-Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen:
-die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie
-mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die
-Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß
-retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem
-Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir,
-seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich
-unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch
-den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt
-zurück. Bis dicht vor die Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> setzten wir die Verfolgung fort und
-nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir
-fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger
-anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger
-auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von
-dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers
-einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen
-konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf
-Aranda zurück.</p>
-
-<p>Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich
-ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des
-Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte
-er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich
-meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen
-wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich
-selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir
-durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles
-englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt,
-mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen
-könne.</p>
-
-<p>Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung
-bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei
-Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt zu
-machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so daß
-ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, aus dem
-ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen und die in
-der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen würde, wo der
-größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der That gelangte
-ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an eines jener
-Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig Fuß über dem
-Boden befindlichen Fenster<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> empor. Nach wiederholtem Klopfen antwortete
-zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der Versicherung, daß sie
-persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich die Drohung, das Haus
-in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. Das Fenster flog
-auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes Mädchen, kaum mit
-dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit bärtigen Grenadieren
-gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb ohnmächtig auf einen
-Stuhl sinkend: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caballero, por Dios!</span>“<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> mir zuhauchte,
-erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume sie zu
-führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug gewesen
-war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt bei dem
-ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, welche
-einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; mehrere
-Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen Mädchens,
-einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals im
-väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen Scenen
-jener Nacht lachte.</p>
-
-<p>Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache,
-die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch
-hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein
-lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und
-die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe
-Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte
-die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne
-an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte
-ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine
-Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> donnerte: wir
-standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem
-uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei
-meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte
-zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten
-Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir
-&mdash; uns schien die Zeit eine Ewigkeit &mdash; ein schützendes Seitengäßchen
-erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald
-mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser
-gezogen und den Wundärzten übergeben.</p>
-
-<p>Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche,
-die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme
-eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls
-befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders
-günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am
-wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren
-konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten
-aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden.
-Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort
-angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts
-ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren
-Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich,
-die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie
-sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch
-solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die
-Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem
-letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und
-ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder
-Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns
-empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter
-der dann der regelmäßigere<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> Bau der Batterie vor sich gehen konnte.
-Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der
-Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen
-Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von
-denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der
-andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das
-Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand,
-die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so
-wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett
-kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.</p>
-
-<p>Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen
-großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben
-wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone
-heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun
-die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt
-hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten
-Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu
-belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit
-Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug
-unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer
-ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden
-in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und
-am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am
-Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten
-unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die
-Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort,
-die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet
-und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl
-Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als
-Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> erstürmt waren, in
-Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos
-zuführte.</p>
-
-<p>Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden
-Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige
-Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen
-Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom
-Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt,
-aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten;
-rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der
-Verwundeten &mdash; es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief
-dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren
-Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer
-Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach
-nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde
-später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der
-Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft
-laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz
-unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht
-aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle
-geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich
-werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln
-getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen
-oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur
-noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage
-unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.</p>
-
-<p>Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft,
-stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen
-Tribut ab.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p>Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem
-ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig
-Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf
-Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten
-trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach
-dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die
-Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier
-jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt
-am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk,
-daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen
-Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch
-weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander,
-von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert
-als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf von
-den Freiwilligen <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive force</span> genommen wären. Da der Stadt die
-gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am
-Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die
-Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster
-gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt,
-wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden,
-niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade
-verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten
-der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als
-letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia
-wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.</p>
-
-<p>Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben;
-da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die
-feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das
-Volk, daß wir nun bleibend Castilien<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> eroberten und schnell den
-Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich
-kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere
-Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie,
-lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche
-Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der
-moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich,
-und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen
-rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns
-selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s,
-wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den
-verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen.
-Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen
-zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!</p>
-
-<p>Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des
-Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung
-empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue
-durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus
-der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge,
-die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die
-Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten
-Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es
-wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen
-Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre
-zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen
-Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des
-Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda
-errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade
-zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer
-des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Bataillone finstere
-Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach.
-Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch
-ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet,
-wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung
-benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand,
-indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt
-bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das
-gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht,
-sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert,
-ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials
-erinnert würden.</p>
-
-<p>Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid
-entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die
-Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten
-Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn
-schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort
-befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter
-der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet
-waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt
-und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis
-Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald
-ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar
-neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit
-Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als
-wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt
-zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke
-erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder
-Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode
-bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die
-wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als
-Hauptstadt<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und
-35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur
-Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu
-cerniren.</p>
-
-<p>Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes,
-Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu
-verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter
-ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie
-hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu
-denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen
-Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem
-Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt
-war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht
-und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie
-erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich
-erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen
-und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte
-das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete
-sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den
-Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald
-der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze
-mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui
-allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet
-unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat
-wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die
-Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von
-ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit
-sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele
-Beamte und frühere Officiere Ferdinands&nbsp;VII., ja Isabella’s,
-endlich gar einige, die gegen uns unter den Waffen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> gestanden und
-spät erst aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren
-glänzenden Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten
-sie sich unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr
-Ehrfurcht noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in
-ihrer Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche
-alte Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre
-Dienste an.</p>
-
-<p>Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote
-standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen,
-zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren.
-Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen,
-die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des
-Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt,
-während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen,
-mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind
-sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig,
-und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche
-Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel
-etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches
-Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der
-National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen
-untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort
-sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern
-sich herablassend, zu uns übergingen.</p>
-
-<p>Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die
-Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative
-augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui
-mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb
-zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde.
-Gewiß war es ein<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage
-der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die
-feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie
-mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit
-der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte
-zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort
-wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung
-gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung,
-die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen
-den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich
-wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu
-erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz
-glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch
-Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war,
-durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand
-wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören.</p>
-
-<p>Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora
-und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner
-Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten
-Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und
-Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die
-junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes
-zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie
-den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen
-mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand
-unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone &mdash;
-von Valladolid genannt &mdash; errichtet werden, wiewohl auf besondern
-Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg
-noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten
-erheischen<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig
-halte, das Schwerste für Carl&nbsp;V. mit Freudigkeit zu ertragen,
-zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone
-haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen
-Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit
-heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der
-Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch
-die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über
-sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen
-ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten.</p>
-
-<p>Der Charakter des Alt-Castilianers,<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> dieses Kernes der aus so vielen
-heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird
-am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten
-berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig
-erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen
-Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet,
-mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf
-ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier
-tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern
-als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den
-in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der
-Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und
-Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch
-innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern
-Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich
-die Alt-Castilianer gleich stellen.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> Der Bewohner Neu-Castiliens ist
-in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen
-und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort
-und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer
-aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er
-das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er
-Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach
-und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns
-und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck.
-Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt
-dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit
-durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung
-des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein
-glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er
-gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit
-und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz
-verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch;
-Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen
-Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu
-ersetzen.</p>
-
-<p class="mtop2">Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier,
-wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer
-ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über
-alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder
-Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes
-Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer
-am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha
-in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von
-unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt
-und roh &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los indios de la nacion</span> genannt<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> &mdash; den Rang ihnen
-streitig machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende
-Intelligenz entscheidet.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die
-Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und
-behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen,
-die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich
-mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in
-unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich
-liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die
-so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu
-erzählen wußten, den &mdash; die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend
-&mdash; ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle
-großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter
-tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem
-Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen
-Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit
-Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik
-das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und
-von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit
-verdankten!</p>
-
-<p>Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht
-fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele:
-die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und...
-Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid.
-So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben
-ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de
-Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große
-Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> würde er zu
-rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt
-zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben
-und damit den Krieg beendet haben. &mdash; Zariategui, es ist wahr, hat in
-den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die
-Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die
-Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat
-in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun.
-Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien
-durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch
-sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen
-abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu
-lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche
-des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den
-Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division
-Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn
-nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene
-Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken
-verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was
-natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge
-haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter,
-der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des
-königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der
-Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war
-der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der
-Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt
-entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.</p>
-
-<p>Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher
-Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar
-geworden war: während der acht Tage, die<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> wir üppig in Valladolid
-zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber
-zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen
-Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den
-Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue
-Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen
-einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit
-zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die
-allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.</p>
-
-<p>Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über
-die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation
-des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken
-kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke
-Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um
-Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von
-Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben,
-daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.</p>
-
-<p>Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner
-erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> wild durch die
-Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich
-hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio
-besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum
-eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft
-anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen
-und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze
-auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> Straßen flog Alles
-in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten
-Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage
-zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit
-finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich
-und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen
-auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch
-ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze
-zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.</p>
-
-<p>Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche
-dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten
-es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der
-Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit
-treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche
-Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor
-und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie
-erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche
-Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen,
-der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten
-und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster
-und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen,
-Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. Da
-tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter der Ruf:
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span>! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu werfen,
-aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. Eine
-neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. Plötzlich
-stürzte ein Officier mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto</span> auf den
-feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine
-halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde;
-eine Sekunde später hatten die Navarresen<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> die Feinde durchbrochen,
-vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde
-genommen.</p>
-
-<p>Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie
-in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die
-Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb
-und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr
-sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt.
-Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der
-Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit
-dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen,
-längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich
-nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung
-trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben.
-Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division
-angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt
-um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und
-noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen
-sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter
-der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die
-Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains
-nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der
-Stadt uns zurück, indem Valencia<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> die Nachhut übernahm.</p>
-
-<p>Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen
-Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Truppen
-unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer
-ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten,
-schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln
-und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust.
-Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen
-Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen
-herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg
-ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von
-Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die
-ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig
-Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem
-Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in
-etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir
-einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1.
-Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns
-gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.</p>
-
-<p>Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden
-wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte.
-Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit
-jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die
-Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen
-lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und
-in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen
-käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die
-Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer
-an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte
-sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und
-schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de
-Duero ein. Der Unglücksbote<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> hatte die Meldung von dem Rückzuge des
-königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre
-gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.</p>
-
-<p>Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen,
-zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie
-vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder
-kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so
-glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und
-Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber
-auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle
-gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon
-an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem
-ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus
-zwei Compagnien Peseteros<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf
-beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich
-sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn
-sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender
-wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten
-Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein
-hoffte.</p>
-
-<p>Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom
-linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete
-einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt
-auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die
-7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns
-in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem
-Corps des Königs<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir
-die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner
-Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke
-einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen,
-und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die
-Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der
-Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite
-ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den
-Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh.
-Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone
-eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig
-Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer
-gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu
-schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu
-erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke
-angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen.
-Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia
-das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien
-aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze
-und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das
-brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der
-General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort
-„Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren
-vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen
-ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und
-debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt
-vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen;
-schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt,
-als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten,
-unter furchtbarem Kugelregen die<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Geschütze einhängten und, auf die
-Maulthiere<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den
-Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen!
-Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen
-zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre
-Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.</p>
-
-<p>Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang
-noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch
-seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">en échelons</span> antrat, von
-unsern Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine
-Escadron des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes
-zu uns gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr
-nach Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caballero</span> entspricht dem <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">true gentleman</span> der
-Engländer.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien
-stets als Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz
-gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für sich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la generala</span> wird nur geschlagen, wenn der Feind
-vor den Thoren steht, daher bei Überfällen u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen
-Expedition besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt,
-und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch Aragonesen
-und Castilianer ersetzt.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Freicorps, so genannt, weil sie eine <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">peseta</span> &mdash;
-vier Realen &mdash; Sold erhielten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen
-Maulthieren bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen.</p></div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier11" name="zier11">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 11" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XII">XII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und
-Irun zerstörte, verließ Carl&nbsp;V. Navarra an der Spitze von 18
-Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und
-1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der
-Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können,
-daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der
-Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche
-Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte
-denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des
-Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen
-Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.</p>
-
-<p>Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen
-Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000
-Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro
-ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein;
-noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten
-über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung
-vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken
-ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde,
-sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum
-Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer
-gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon,
-der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen
-zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde
-wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward
-schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen,
-den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen
-Wunden.</p>
-
-<p>Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach
-durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef
-des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung
-als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes
-die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte.
-Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen
-blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene
-Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark,
-sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei
-Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die
-französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone
-gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet
-hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad,
-da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe
-verwundet, starb nach wenigen Tagen.</p>
-
-<p>Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache,
-für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon
-seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig
-nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem
-kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht
-die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da
-doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das
-Hauptquartier war von zahllosen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojalateros</span><a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, Officieren und
-Angestellten, die<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich
-auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage
-mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren,
-während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys,
-die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen
-über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer
-Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche
-4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich
-allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen
-und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem
-Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden,
-die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen,
-theils gefangen.</p>
-
-<p>Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und
-vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen
-von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und
-Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der
-feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von
-Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade
-Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s
-nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps
-bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die
-dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der
-Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten
-und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit
-einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen
-geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier
-Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke
-an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in
-die feindlichen Lanciers einhieb. Mein<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> armer Freund, Bernhard von
-Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die
-Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den
-Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden
-Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt
-nieder.</p>
-
-<p>Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga,
-welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und
-durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht
-mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen
-außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche
-Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und
-die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung
-der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt
-wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden
-Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und
-auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt
-fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem
-Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot
-zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen
-eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des
-nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht
-achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben
-ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen
-sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen
-sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die
-Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und
-Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu
-ertragen wußten.</p>
-
-<p>Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> dem Ebro
-zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei
-Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche
-Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer
-an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden,
-und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer
-Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale,
-wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten,
-wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt,
-nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie
-beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von
-dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta
-von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli
-eingeschlossen, der Angriff <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive force</span> aber zurückgewiesen;
-am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die
-Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von
-einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne
-Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch
-die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft
-und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des
-Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles
-verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage
-lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen,
-südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur
-Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von
-Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die
-Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den
-Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war
-ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft
-berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln
-zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten,
-nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit
-einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo
-sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von
-Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja,
-damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die
-Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich
-mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von
-den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu
-operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens
-im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten;
-am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja
-vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte
-Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des
-Gebirges von Cantavieja beschränkt.</p>
-
-<p>Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in
-jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen
-die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht
-ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach
-Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend,
-bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen,
-el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen
-von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in
-Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb
-Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige
-gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur
-Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der
-König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in
-der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive
-ergreifen<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann
-nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von
-der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach
-dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen
-Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es
-schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe
-der letzten Wochen ganz hergestellt waren.</p>
-
-<p>Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera,
-als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher
-er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach
-Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu
-die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem
-Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so
-treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff,
-zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine
-ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger
-Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich
-in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei
-Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück.
-4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen
-Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen,
-wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und
-schon am 1. Sept. in Daroca ankam.</p>
-
-<p>Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps
-die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße
-gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere
-Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und
-rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz.
-Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei
-Vallecos, anderthalb<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter
-der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten,
-gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein
-und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre
-zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da... erhielt er
-Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte &mdash; Carl&nbsp;V.
-ließ den Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt,
-und dieser Augenblick kam nie wieder.</p>
-
-<p>Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die
-Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur
-seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen
-Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid
-gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt
-gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In
-finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller
-Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen,
-welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind;
-doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die
-Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen
-der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General
-mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die
-Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben
-zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken
-hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s
-gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.</p>
-
-<p>Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> 13000
-bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann
-Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie
-und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000
-Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein,
-in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach
-vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in
-ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so
-hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt
-konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.</p>
-
-<p>Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick
-durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt
-gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst
-bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne
-Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die
-ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone
-würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons
-der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich
-einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren.
-Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur
-das Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl&nbsp;V. zu
-proclamiren. Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde,
-die Bevölkerung bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die
-Contrerevolution bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee
-die Thore geöffnet und von der Menge jubelnd sich empfangen fände
-&mdash; das hieß in der That zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes
-rechnen. Auch von der National-Garde waren die vier letzten Bataillone
-durch Zwang gebildet und bestanden durchgängig aus echt royalistisch
-gesinnten Männern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl
-gelassen war, ihre Laden zu schließen und ihre Familien,<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> die Stadt
-verlassend, ins Elend zu stürzen oder als National-Gardisten sich
-enrolliren zu lassen. Es ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung
-später Untersuchungen anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem
-Erscheinen der Carlisten ihre Neigung für sie deutlich an den Tag
-gelegt und complottirt hatten, um bei dem Angriffe für sie sich zu
-erklären, was natürlich allen Widerstand beendigt hätte.</p>
-
-<p>Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die
-Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt
-hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den
-niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin,
-in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn
-Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der
-Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges
-und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig,
-vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu
-werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen
-gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie
-er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos
-den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.</p>
-
-<p>Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten
-bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie
-der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“
-ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das
-ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen
-gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem
-sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche
-oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen
-Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den
-verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> was
-oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum
-Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.</p>
-
-<p>So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des
-Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs
-herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes
-Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue
-Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut
-über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich
-unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und
-Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt
-täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum
-19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá,
-der gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht
-vom 19. veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen
-Cavallerie bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen.
-Mehrere Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr
-Bitten die Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers
-die Gewehre nieder und gingen mit dem Rufe: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Isabel segunda!</span>
-zu ihren alten Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den
-Augen Espartero’s eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte
-seine Division nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach
-und Vernichtung erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem
-traurigsten Zustande waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach
-dem Gebirge von Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff
-Lorenzo’s auf die Brücke von Aranda zu<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>rückschlug, konnten die beiden
-Corps in dieser Stadt sich vereinigen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem
-alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten
-Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke
-etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so
-eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten
-zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung
-mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten
-undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen
-zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich
-mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen,
-da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns
-vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde
-ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende
-Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so
-plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich
-meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar
-für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen
-vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit
-für thätigen Dienst ganz untauglich machte.</p>
-
-<p>Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga
-übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch
-an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig,
-die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir
-dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze
-Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend,
-überschritt<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro,
-wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset,
-und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña
-genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken
-der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr
-langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche
-aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den
-Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino,
-getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen,
-eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die
-Heilung meines Armes abzuwarten.</p>
-
-<p>Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als
-Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in
-angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda
-zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien
-selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt
-hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt
-erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die
-ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend,
-bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen
-&mdash; denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen &mdash; wie die
-vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem
-Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil
-finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für
-erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer
-mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast
-mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem
-Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella,
-von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet.
-Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> Rückkehr zu seinem
-Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen
-würde, was nicht geschah.</p>
-
-<p>Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in
-gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt
-war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen
-Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden
-Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie
-durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten,
-rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die
-Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit
-unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen
-verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst
-geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant
-logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den
-Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann
-eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo,
-die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber
-unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos
-ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge
-nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.</p>
-
-<p>In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der
-Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die
-Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten
-mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von
-allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam
-kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt.
-Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der
-ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da
-siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische
-Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> mehr ein &mdash;
-gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die
-einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst
-mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava
-an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche
-der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde,
-gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht
-seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den
-Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend,
-daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen
-sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die
-Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg
-der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle
-Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des
-Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.</p>
-
-<p>Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt
-werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während
-die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger
-als je hingezogen wurde.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende
-Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in
-den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten,
-trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von
-der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt,
-um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn
-zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra,
-hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich
-Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe
-Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> zwischen dem
-östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche
-alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze
-machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich
-gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen
-Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der
-dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich
-vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die
-Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte,
-die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die
-Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe,
-und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von
-Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er
-früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur
-Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich
-erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den
-Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer,
-die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone
-verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden,
-wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen.</p>
-
-<p>Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog
-wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er
-beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der
-Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen
-verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine
-Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion,
-von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach
-Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen
-Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der
-portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> hatten sein Heer
-sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich
-auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese
-Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden
-indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung
-der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch
-eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojala</span>, wollte Gott, daß...! Daher Die, welche sich
-begnügten, mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von
-den Soldaten <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojalateros</span> genannt.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier12" name="zier12">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 12" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIII">XIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit
-der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der
-anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des
-plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und
-endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen
-zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen
-der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend,
-überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen
-zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte
-ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den
-ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt
-kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg
-beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material
-und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem
-der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde
-verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die
-festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren,
-durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes
-offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch
-liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch
-übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner
-eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das
-Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde
-seine furchtbaren Hindernisse entgegen!</p>
-
-<p>Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen
-Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß
-die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bilde<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>ten, so
-große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand
-nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls&nbsp;V. von
-Stufe zu Stufe völligem Untergange zuführen mußten.</p>
-
-<p>Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen
-beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen
-Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern
-europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von
-dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch
-durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der
-Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer
-als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde
-Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen
-Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der
-meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren
-Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche
-mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens
-übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit
-den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart.</p>
-
-<p>Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in
-der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und
-thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt
-zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie
-schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu
-finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit
-gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der
-Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten
-Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um
-wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der
-persönlichen Gewandtheit und Kraft als<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> des Führers weisen Anordnungen.
-Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der
-Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch
-durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe
-den Sieg hoffen muß.</p>
-
-<p>So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt;
-aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten
-Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer
-militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen
-wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung
-ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer
-Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas
-sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer
-Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig
-handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die
-Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit
-sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau,
-thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und
-Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird,
-augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die
-unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen
-und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge
-sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.</p>
-
-<p>Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die
-Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es
-durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen
-seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen,
-Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer
-mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet,
-nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden,
-was die Erfahrung<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der
-Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die
-Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie
-ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden.
-Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht,
-als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz
-sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben
-anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen
-versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu
-senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in
-welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für
-besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt,
-von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken
-wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth,
-und das beliebte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">no importa</span> setzt ihn über Alles hinweg, was
-dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine
-Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger
-Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt
-findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere
-Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge
-vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der
-Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst
-unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich
-Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles,
-während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten
-Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile
-opfern müßte.</p>
-
-<p>Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die
-Vertheidiger Carls&nbsp;V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die
-Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die
-Siege, welche sie über die in die Formen europäischer<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Organisation und
-Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich
-gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des
-Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche
-Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten
-durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten
-und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von
-denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern
-Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt
-von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die
-Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler
-sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer
-Macht wurden.</p>
-
-<p>In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die
-Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander
-geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen
-Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen
-müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne
-Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s
-fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und
-bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch
-die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer,
-die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen
-Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit
-aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der
-Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya
-vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr
-mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich
-sein mußte.</p>
-
-<p>Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes
-folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> weiten Windungen durch
-unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die
-Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken
-möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter
-Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und
-kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich
-hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen
-bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und
-heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset.
-Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit
-sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken
-überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen.</p>
-
-<p>Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche
-Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen
-geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente
-die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet
-nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in
-der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem
-Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die
-Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort
-aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen.
-Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf
-den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses
-Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind
-dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine
-Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und
-gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich
-schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen
-und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage
-seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der
-Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können!</p>
-
-<p>Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der
-allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte.
-Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem
-kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters,
-führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf
-seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen
-erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere
-der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die
-Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz
-wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie
-harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht
-selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen
-ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich
-zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er
-interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch
-unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche
-augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten
-durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta
-der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen
-und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn
-viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch
-Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich
-scheinen würden.</p>
-
-<p>Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er
-sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne
-Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie
-die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da
-sie jede Schlucht und<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig
-waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und
-Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern
-voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den
-Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte
-der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein
-Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes
-und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter
-herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte
-der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem
-Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze
-Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten.</p>
-
-<p>Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten
-zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch
-schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht
-der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt
-hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete,
-hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den
-baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das
-materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes
-geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen
-Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles
-Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war
-in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte
-Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der
-Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor
-sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im
-Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge
-nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die
-Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwan<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>delte.
-Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf
-mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege
-mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem
-versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und
-mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten
-waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz
-vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der
-Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen
-sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden
-hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die
-Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch
-Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß
-ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte
-seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen.</p>
-
-<p>Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den
-Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen
-und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen
-und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden,
-die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden
-sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen
-Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des
-Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen
-waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das
-von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den
-Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der
-ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um
-den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen
-Interessen ganz bei Seite setzt.</p>
-
-<p>In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> für die
-Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner
-erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der
-Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit
-hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus
-ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische
-Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der
-Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht
-und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie
-stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen,
-um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen
-unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für
-irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren.</p>
-
-<p>Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die
-obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen,
-vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte
-Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe,
-was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie
-ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer
-erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes;
-da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist
-seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er
-gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige
-Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen.
-Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung
-oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der
-Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da,
-machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte
-bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von
-mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> während seine ganze Macht
-selten zu 8000 Mann stieg. &mdash; Eben dieser General sah sich später an
-der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater
-seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend
-Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land
-zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da
-wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine
-Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando
-niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten
-der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der
-französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der
-durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos.</p>
-
-<p>Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von
-Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie
-zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten,
-längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer
-Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen
-von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs
-war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den
-Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von
-Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von
-Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter
-Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das
-Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich
-erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet
-waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig
-Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee
-fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> von Salpeter zur
-Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die
-Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die
-von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die
-Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen,
-welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund
-für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor
-Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre,
-wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in
-ähnlicher Lage gewesen wären.</p>
-
-<p>Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die
-Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er
-über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die
-Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu
-beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß
-auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen
-Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern
-Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu
-befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit
-unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie
-unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag
-nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung,
-so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche
-Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich
-anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen
-läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen
-zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister
-im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen
-und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten
-Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer,
-die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> die Minister in
-Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr
-rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte
-auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des
-großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General
-den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und
-die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben,
-war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen
-erleichtern konnten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains
-und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse
-endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen
-befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der
-Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören jener
-Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls&nbsp;V.
-eingeleitet ward.</p>
-
-<p>Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des
-baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann
-das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit
-festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet
-wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem
-einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten
-Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die
-Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie
-fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des
-baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte,
-freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui
-verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm
-gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein
-Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung
-der äußersten Beschwerden<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie
-mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein
-Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte
-Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten
-seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen
-Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung
-verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam
-und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den
-Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen
-Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit &mdash; und sie in ihrer
-höchsten Strenge &mdash; war der einzige Leitstern seiner Handlungen,
-Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem
-Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit
-und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das
-Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten.</p>
-
-<p>Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich
-ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und
-ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete
-Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die
-Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde,
-nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl,
-ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche
-in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer,
-welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die
-Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität
-sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter
-ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen
-Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der
-nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit
-Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das
-Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder
-Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus,
-welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet
-waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge
-Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja
-stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter
-Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille
-entsprangen rasch aus solcher Wurzel.</p>
-
-<p>Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von
-Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen
-zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft
-hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet
-werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die,
-kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde
-entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen
-bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über
-siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur
-durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion
-für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da
-sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in
-Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien
-zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen und
-verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken nie
-verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte, konnte
-doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden, der die
-ersten Vertheidiger Carls&nbsp;V. unwiderstehlich machte. Sie wurden
-täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten
-mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> gegen
-die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen
-Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den
-Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu
-betrachten.</p>
-
-<p>Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil.
-Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes
-seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu
-schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende
-desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um
-nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die
-er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage
-der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer
-die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an
-ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben
-hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für
-die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum
-dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande,
-unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr;
-der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde,
-und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß
-allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer
-den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden
-den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen
-und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie
-selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen
-zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr
-Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn
-das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu
-werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch
-bedeutende Erfolge,<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit
-zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung
-dieses Zustandes zu beleben.</p>
-
-<p>Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich
-schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche
-Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so
-wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr
-ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten;
-daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe
-die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun
-wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren
-versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten,
-Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst
-gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst
-blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das
-geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit
-des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der
-carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener
-Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken
-an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern,
-wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint;
-es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt
-wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen
-der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel
-von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges
-entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt wa<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>ren,
-anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden
-Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die
-Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so
-unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten
-alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes
-Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen
-Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist,
-wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen
-und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge,
-oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante
-Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre
-Verhältnisse etwas näher zu betrachten.</p>
-
-<p>Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ,
-gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den
-Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen,
-ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos
-in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu
-entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl
-ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche
-bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen
-Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain,
-dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist
-natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente
-fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die
-Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger
-aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen
-Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition,
-um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht
-auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und
-Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im
-Besitze von An<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>haltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt
-die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die
-Carlisten im Auge zu behalten.</p>
-
-<p>Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben,
-die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen,
-und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich
-zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern
-entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden.
-Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und
-die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden
-Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen
-sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab;
-wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen,
-welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten
-und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in
-die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie
-nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die
-nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen
-Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die
-Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie
-einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem
-Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief,
-und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und
-Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt.</p>
-
-<p>Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt
-zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene
-Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen
-Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich
-ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit
-vollendet sein, wenn schon andere<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> Corps da sind, die Niederlage ihrer
-Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern.
-Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten,
-von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken?
-Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod
-gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden,
-oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo
-keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen
-ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt
-also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es
-aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß.</p>
-
-<p>Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig
-und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der
-Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche
-Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen
-Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner
-ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen?
-Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung
-so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte,
-kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln
-mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen
-zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der
-Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich
-anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen
-des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des
-Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische
-aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht
-mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr
-aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu
-widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> er dies
-bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der
-Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf
-schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe.</p>
-
-<p>Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie
-unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann
-sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden,
-sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen,
-den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum
-Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu
-durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des
-Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald
-wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und
-dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so
-ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen.</p>
-
-<p>Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale
-gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es
-denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie
-der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben
-konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und
-Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts
-Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen
-Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui
-später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in
-Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen
-Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der
-carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch
-zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen
-Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während
-die Expeditionen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des
-Krieges herbeiführen mußten &mdash; was gethan werden konnte, hat das Jahr
-1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, &mdash;
-daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich
-schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer
-besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf
-fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen
-Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem
-Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim
-Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer
-Kraft sich zu widersetzen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände,
-welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so
-kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht
-zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst
-Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen
-viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen
-sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der <em class="gesperrt">Tod des
-großen Zumalacarregui</em> und die <em class="gesperrt">Unzulänglichkeit</em> seiner
-Nachfolger im Commando, wodurch der <em class="gesperrt">Eifersucht</em> und den bis dahin
-stummen <em class="gesperrt">Intriguen</em> der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der
-Provinzen auf einander, der in schwächender <em class="gesperrt">Uneinigkeit</em> und
-<em class="gesperrt">Unzufriedenheit</em> sich kund gab; die <em class="gesperrt">Erschöpfung</em> des Landes
-und der <em class="gesperrt">Überdruß</em> der Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der
-drückende <em class="gesperrt">Geldmangel</em>; die <em class="gesperrt">Elemente</em>, aus denen später die
-Truppen bestanden; endlich die <em class="gesperrt">Expeditionen</em>.</p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier13" name="zier13">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 13" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIV">XIV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Seit der Rückkehr der Armee nach den Nordprovinzen waren mit dem
-lebhaftesten Eifer und Thätigkeit die Organisation und neue Ausrüstung
-der Bataillone betrieben, und ganz besonders wurde gearbeitet, die
-Corps von Castilien, bestimmt, schnell wieder den Ebro zu neuer
-Expedition zu passiren, auf den besten Fuß zu setzen. Die Truppen waren
-abgerissen und von Allem entblößt angelangt, weshalb die königlichen
-Fabriken mit nie gesehener Lebhaftigkeit mit der Anfertigung von
-Waffen und Munition beschäftigt wurden, während von Frankreich große
-Quantitäten Tuch, Schuhzeug, Schwefel und Salpeter so wie die zur
-Ergänzung der Escadronen nöthigen Pferde ankamen. Zugleich wurden
-die vielen aus Castilien durch Zariategui hergeführten Rekruten
-einexercirt, und die Anführer strebten, die im Sommer etwas geschwächte
-Kriegszucht wiederherzustellen, und so den Erfolg der neuen Operationen
-zu erleichtern. Da meine Wunde geheilt war, bat ich gegen Ende
-Novembers um Bestimmung zu einem der castilianischen Bataillone, um mit
-diesen auszuziehen und dadurch mehr Gelegenheit zu thätigem Wirken zu
-erhalten, als ich nördlich vom Ebro erwarten durfte; die 6. Compagnie
-des 7. Bataillons von Castilien ward mir als ältesten Premierlieutenant
-anvertraut, da der Capitain in einem Scharmützel bei Bilbao kurz vorher
-getödtet war.</p>
-
-<p>Am 19. December musterte der König das aus 12 Bataillonen zu 500 Mann
-und aus 5 Escadronen bestehende Corps von Castilien zwischen Amurrio
-und Llodio. Hohe Hoffnungen erregte der Anblick dieser schönen Truppen,
-die glänzend equipirt, wie nie zuvor die Carlisten, und aus jungen,
-kraftvollen Kriegern, die meistens lange erprobt, zusammengesetzt,
-mit enthusiastischen Viva’s ihren König begrüßten und jubelnd die<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>
-Nachricht empfingen, daß sie wiederum ausziehen würden, den gehaßten
-Feind aufzusuchen und die Befreiung der noch unter seinem Joche
-seufzenden vaterländischen Provinzen zu versuchen. Die dritte Division
-setzte sich sofort in Marsch, durchkreuzte schnell in zwei Colonnen
-Guipozcoa und Navarra und vereinigte sich am 27. Dec. in der Gegend
-von los Arcos mit der Cavallerie, die auf dem beschlossenen Zuge sie
-begleiten sollte.</p>
-
-<p>Ein Tagesbefehl des Mariscal de Campo D. Basilio Garcia verkündete
-am folgenden Morgen der Division, daß er mit Stolz den ehrenvollen
-Auftrag übernommen habe, dem ersehnten Kampfe gegen die Schaaren
-der Revolution sie zuzuführen. Er empfahl den Chefs und Officieren
-die Aufrechterhaltung der strengsten Disciplin und drohete harte
-Strafe denen, welche Ausschweifungen oder sonstige Beleidigungen
-gegen Bauer und Bürger sich zu Schulden kommen ließen. Mehr durch
-unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen, als
-durch hohe kriegerische Talente ausgezeichnet besaß Don Basilio den Ruf
-persönlicher Bravour, und das Glück, durch das er von seiner ersten
-kurzen Expedition im Jahre 1836 mit Beute reich beladen nebst vielen
-Rekruten zurückgekommen war, hatte wohl bedeutend zu seiner jetzigen
-Wahl beigetragen. Doch kann man sich nicht verhehlen, daß er sehr guter
-Brigade-Chef, der in untergeordneter Stellung häufig sich hervorgethan,
-nicht der schwierigen Aufgabe gewachsen war, die er über sich genommen
-hatte. Der Mangel an einer hinlänglichen Zahl ergebener zugleich und
-fähiger Anführer nöthigte Carl&nbsp;V. oft, Männer, welche ihre
-bisherigen Posten glänzend ausgefüllt hatten, zu höheren zu berufen,
-denen ihre Kräfte nicht mehr angemessen waren, wodurch die einen und
-die andern ungenügend besetzt wurden. Don Basilio hatte nicht die
-Eigenschaften, die allein in einem Unternehmen, wie die zu beginnende
-Expedition es war, Erfolg ihm versprechen konnten; die traurigste
-Erfahrung hat gezeigt, wie sehr es ihm an Festigkeit, raschem Überblick
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> kühner Entschlossenheit gebrach, die doch so höchst wichtig, und
-deren Mangel endlich den gänzlichen Untergang der ihm anvertrauten
-braven Division herbeiführte.</p>
-
-<p>Der Brigadier Marquis von Santa Olalla, ein Mann von hohem Talente
-und nie rastender Thätigkeit, stand an der Spitze des Generalstabes;
-doch wurden seine Anstrengungen durch hohes Alter und damit verbundene
-Gebrechlichkeit leider sehr gelähmt. Oberst Fulgocio, ausgezeichnet
-als Edelmann, als Anführer und als Soldat, commandirte die aus den
-Bataillonen 7. von Castilien und 1. von Valencia bestehende erste
-Brigade, Oberst Bosque, mehr geeignet zum kleinen Guerrilla-Kriege,
-in dem er sich hervorthat, als zur Leitung des regelmäßigen
-Liniengefechtes, die zweite, die Bataillone 1. und 2. von Aragon in
-sich fassend. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität,
-mit der ich unter Zariategui zusammen gefochten hatte, und 1. von
-Aragon; sie zählten etwa 150 Pferde. Eine vierpfündige Bergkanone, von
-Maulthieren getragen, begleitete die Division, so wie ein bedeutender
-Convoy von Munition, deren Erlangung nach Passirung des Ebro nur
-möglich war, wenn man dem Feinde sie entriß; funfzig Gewehrschmiede, zu
-der an Waffenfabriken Mangel leidenden Armee Cabrera’s bestimmt, waren
-uns aggregirt.</p>
-
-<p>Nachdem am Morgen des 28. Decembers Rationen für mehrere Tage dem
-Corps ausgetheilt, langten wir Nachmittags um 4 Uhr in dem reizenden
-Städtchen los Arcos an, wo die Bürgerschaft mit Wein, Speck, Stockfisch
-und Brod uns erwartete; mit anbrechender Dämmerung setzten wir dem Ebro
-zu uns in Marsch. Eine unendliche Menschenmenge umringte uns bei dem
-Abzuge, den Freiwilligen irgend einen Leckerbissen, einige ersparte
-Silbermünzen zusteckend und der Klageruf der Frauen: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los pobres,
-que ya son perdidos!</span>“ tönte weithin uns nach: der gesunde Verstand
-des Volkes theilte nicht den Wahn, der zu bald auch in unserm Verderben
-sich kund that.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<p>Um 9 Uhr langte die Division nach vorsichtigem Marsche auf dem Ufer des
-Ebro an. Die Furth von Mendavia, zwischen den feindlichen Festungen
-von Logroño und Lodosa gelegen, war zum Übergangspunkte ausersehen;
-doch erklärten die Führer alsbald, daß der durch häufige Gebirgsregen
-angeschwollene Fluß diese Furth, die beste der ganzen Gegend, ungangbar
-gemacht habe. Eine zweite, etwas höher liegend, ward fast ohne Hoffnung
-auf Erfolg aufgesucht, und bald durchlief die Reihen in leisem Gemurmel
-die Nachricht, daß der Übergang schwer, aber möglich sei. Gerade um
-diese Zeit verkündeten die Madrider Zeitungen jubelnd, wie nun schon
-der Ebro, die sicherste Schutzwehr der christinoschen Provinzen, den
-drohend vorbereiteten Einfällen der Carlisten auf lange Zeit eine
-unübersteigliche Barriere entgegensetze. Schnell zeigten wir ihnen, daß
-solche Hindernisse den Muth unserer braven Freiwilligen nicht brechen
-konnten, daß sie die Fluthen des mit der Winterkälte verbündeten
-Stromes zu überwinden vermochten, wie sie sich nicht scheuten, den
-Massen der Revolutionsheere zu trotzen.</p>
-
-<p>Es war eine jener trüben, stürmisch kalten Nächte, welche in den
-Gebirgen Spanien’s so oft in nordisches Clima uns zu versetzen
-schienen. Finsteres Gewölk, schwer auf einander gethürmt, durchflog den
-Horizont, tausend phantastische Gebilde an einander reihend, zwischen
-denen hie und da der matte Schein eines Sternes blinkte. Schneidender
-Nordostwind führte von den Schneegefilden der Pyrenäen erstarrende
-Kälte uns zu, während vor uns laut brausend der Ebro seine Wassermassen
-dahin wälzte, aus denen die Wogen durch das Aufzischen weißen Schaumes
-auf der dunkeln Fläche hervortraten, deren Gränze die Schatten der
-Nacht dem ängstlich forschenden Auge verhüllten. Regungslos standen die
-Bataillone in Colonnen formirt auf dem Ufer, mit stummen Grauen auf das
-Rauschen der mächtigen Wasser horchend; ich gedachte der Lieben in der
-schönen friedlichen Heimath: ob ich wohl je sie wieder in die Arme<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>
-schließe! Da tönte ein Commandowort durch die lautlose Stille, und die
-Jäger-Compagnien warfen sich halb entkleidet in den Fluß, um auf dem
-andern Ufer Position nehmend den Übergang zu decken. In gedrängtem Zuge
-folgten ihnen die übrigen Truppen.</p>
-
-<p>Keine Vorbereitung war getroffen, den Übergang der Division zu
-erleichtern, und die Cavallerie, welche stromaufwärts in einer Linie
-sich aufstellend die Kraft der Wogen zu brechen bestimmt war, sah
-sich durch die grimmige Kälte schnell gezwungen, an das andere Ufer
-zu passiren. Da drang ein langer, wilder Schrei durch die Nacht, ein
-Schrei des Todes. Ungeheures Entsetzen ergriff die Herzen der stumm
-in Erwartung Dastehenden, athemlos von kaltem Schauder durchrieselt,
-starrten Alle auf die tobende, schäumende Fluth. Klagelaute, Weherufe
-der Verzweiflung ertönten und starben, immer wiederholt, immer grauser
-die Brust uns durchschneidend, stromabwärts in die Finsterniß hin. Die
-unwiderstehliche Gewalt der Fluthen riß die Cameraden mit sich fort,
-wir hörten ihr flehendes Jammergeschrei und konnten nicht helfen; eine
-Bildsäule stand ich kraftlos, gedankenlos, jede Fiber angespannt, wie
-zum eigenen Todeskampfe, mit starrem, weit offenem Auge das furchtbare
-Dunkel vergeblich durchforschend; das Haar sträubte sich mir, das
-einzige Mal im Leben. Da traf eine Stimme mein Ohr, meine innerste
-Seele, eine liebe, theure Stimme; nein! zu gewiß war es, herzzerreißend
-drang eines lieben Gefährten Hülferuf zu mir &mdash; ich hörte, ich empfand
-nichts mehr. An der Spitze meiner braven Freiwilligen fand ich mich auf
-dem andern Ufer des Flusses, als das Bataillon sich dort formirte. Spät
-entsann ich mich alles Geschehenen.</p>
-
-<p>Herrlich hatten sich unsere wackeren Burschen bewährt, deren
-Standhaftigkeit durch das Schrecklichste nicht erschüttert wurde.
-Während ihrer sterbenden Cameraden Jammergeschrei: „Ich ertrinke, um
-Gottes willen, ich ertrinke!“ zu ihnen tönte<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> und bald, dumpfer und
-dumpfer werdend, im Brausen der Wogen verhallte, während erstarrte
-Körper, mit Mühe dem wilden Element entrissen, durch die Reihen
-leblos dem nahen Dorfe zugetragen wurden, stürzten die Compagnien
-ungeschwächten Muthes mit dem Rufe: „Es lebe der König!“ in den Strom,
-der ihnen gleich furchtbares Geschick drohete. Um Mitternacht befanden
-sich alle Corps auf der Südseite des Ebro und richteten ihren Marsch
-gegen den nahen ihm parallel laufenden Gebirgszug.</p>
-
-<p>Don Basilio entwickelte bei diesem Übergange zuerst den Mangel an
-Vorsicht, der ihm so oft verderblich werden und der sehr Vielen der ihm
-anvertraueten Krieger frühen, leicht vermiedenen Tod bringen sollte.
-Ein bloßes Tau, als Stütze gegen den Andrang der Wassermassen über
-den Fluß gespannt, hätte den Schmerz uns erspart, zwischen funfzig
-und sechzig unserer Genossen, unter ihnen drei Officiere, rettungslos
-fortgerissen zu sehen. Um der, Manchem bis an die Schultern reichenden
-und durch grimmige Kälte doppelt gefährlichen, Fluth widerstehen zu
-können, stemmten sich die Freiwilligen auf das mit aufgestecktem
-Bajonnett verlängerte Gewehr, und mehrere unter ihnen wurden durch
-die Ungeschicktheit, mit der Hinter- oder Nebenleute die Stütze
-handhabten, in Fuß und Bein verwundet, während andere, da sie schon
-den schlüpfrigen Boden unter sich schwinden fühlten, alles Lästige
-in der Noth von sich werfend, überglücklich das Ufer ohne Waffen
-und Gepäck erreichten. Einige wurden, durch die Kälte des Wassers
-und des Windes zugleich erstarrt, als sie kaum in den Fluß getreten
-waren, bewegungslos zurückgebracht, Maulthiere und Pferde wurden
-fortgeschwemmt, und einzelne kühne Reiter strebten umsonst, mit eigener
-Aufopferung überall Hülfe zu leisten.</p>
-
-<p>Mehr als zweihundert Mann, die schwächsten an Geist und Körper, und
-fünf Officiere mit ihnen, waren, durch die Gefahr zurückgeschreckt,
-in Navarra geblieben und gingen, nachdem sie<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> die Nacht in Mendavia
-zugebracht hatten, nach Estella, worauf der König die Officiere, zu
-gemeinen Soldaten degradirt, zu den dortigen Bataillonen bestimmte.
-Der General in Anerkennung der Festigkeit und des Enthusiasmus, welche
-die Division bei dem Übergange an den Tag gelegt, schlug Sr. Majestät
-vor, als Zeichen seiner königlichen Gnade eine Auszeichnungs-Medaille
-ihr zu verleihen. Als die Expedition durch die gegen sie verschworenen
-Elemente und die Schwächen ihres Anführers mehr, als durch der Feinde
-überlegene Schaaren nach dem heldenmüthigsten Widerstande ganz
-vernichtet war, als die Mehrzahl fechtend gefallen, einige, nicht
-weniger rühmlich, verwundet in den Hospitälern der Christinos als
-Gefangene schmachteten &mdash; nur 250 Mann entkamen zu dem Heere Cabrera’s
-&mdash; geruhete der König, den Officieren, die den Ebro passirt und dem
-Tode entgangen waren, einen Grad zu verleihen.</p>
-
-<p>Unter den Schlachtopfern jener Nacht befand sich Gustav Philippron,
-ein junger holländischer Officier, ausgezeichnet durch Bravour und
-militairische Ausbildung wie durch seine Entschiedenheit für die Sache,
-deren Vertheidigung er sich gewidmet hatte. Wenige Minuten vor seinem
-Tode fand ich ihn, wie er auf einem der Maulthiere behaglich reitend
-seine Compagnie der Furth zuführte, in der so eben der Übergang begann,
-und lachend wünschte ich ihm Glück, daß er so das Unangenehme der Nässe
-zu vermeiden gewußt. Die Mitte des Stromes hatte mein armer Freund
-erreicht, als das Maulthier, auf den glatten Steinen ausgleitend,
-nach kurzem Kampfe hingerissen wurde; die ihm unmittelbar folgenden
-Seinen sahen den geliebten Officier in der Dunkelheit verschwinden,
-hörten in der Ferne seinen durchdringenden Hülferuf und mußten hülflos
-ihn hinsterben lassen, da jeder Schritt von der vorgezeichneten Bahn
-gleichen unabwendbaren Tod brachte. Mehrfach hatte Philippron gegen
-mich geäußert, daß er überzeugt sei, er werde im Wasser umkommen, wie
-sein Vater beim Bade, sein älterer Bruder, dem Vaterlande<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> gegen die
-empörten Belgier dienend, in der Schelde ertrunken sei. &mdash; Von Allen,
-die ich liebte, und durch engere Bande mir verbunden hielt, sollte
-allein ich den Untergang unserer braven Armee überleben! Glücklich
-ruhen sie längst von den Mühen, die so reichlich ihnen wurden;
-glücklich, da sie im glorreichen Kampfe für das, was sie als recht und
-wahr erkannt, auf dem Felde der Ehre bluten durften, glücklicher noch,
-daß sie nicht sehen mußten, wie Niedrigkeit und Verrath im Untergange
-der gerechten Sache triumphirten. Ehre sei den Braven!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unser kleines Corps, am Morgen nach dem Übergange den Rapporten gemäß
-in allen Waffengattungen 1968 Mann stark, wandte also dem unter dem
-Namen der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pinares de Soria</span> bekannten Gebirgszuge sich zu, der,
-als iberisches Gebirge bei den Quellen des Ebro von dem Hauptstamme
-der Pyrenäen sich losreißend, gen Südosten unter mannichfachen
-Benennungen bis Unter-Aragon und Neu-Castilien sich erstreckt, wo er
-mit der Sierra morena in Verbindung steht. Der König hatte dem General
-Cabrera Befehl ertheilt, eine der Divisionen seiner Armee unserem
-Anführer zu untergeben, damit dieser mit den vereinten Streitkräften
-den Krieg nach der Mancha und den anderen Central-Provinzen Spaniens
-tragen und die dort unter verschiedenen selbstständigen Partheigängern
-gebildeten carlistischen Guerillas organisiren und combiniren könne,
-um dem Kriege daselbst, der bisher mehr in Raub und Plünderung als im
-Kampfe bestanden, regelmäßigere und entscheidendere Gestalt zu geben.
-Große Schwierigkeiten bot der Auftrag. Nicht nur waren die Truppen
-zu fürchten, welche, nun fast unthätig in der Mancha garnisonirend,
-bei der Ankunft der Expedition Leben gewannen; selbst die Division
-durften wir nicht als gefährlichsten Feind ansehen, welche 4000 Mann
-Infanterie und 300 Pferde stark unter General Uribarri von Espartero
-zu unserer Verfolgung<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> gesandt war, und auf der kürzesten ihnen
-offenen Marschlinie uns zuvorzukommen und abzuschneiden strebte. Die
-größten Schwierigkeiten drohten uns in der offenen, ebenen Gestalt
-jener Provinz, welche die Überlegenheit des Feindes und besonders die
-seiner schönen Cavallerie so sehr begünstigte, wie in dem Charakter
-unserer dortigen Alliirten, die gewohnt, ohne Disciplin und Zwang nach
-eigenem Gutdünken zu verfahren, mit Widerwillen und selbst mit offener
-Widersetzung das Joch der Kriegszucht und der festen Ordnung empfingen,
-durch das Don Basilio zu Soldaten, würdig des Namens von Carlisten, sie
-umzuwandeln beschloß.</p>
-
-<p>In starken Märschen eilten wir der Vereinigung mit dem Heere Cabrera’s
-entgegen und zogen schon am 2. Januar in das alte Calatayud ein, unter
-den Römern Hauptort der Provinz; wir hatten noch keinen Feind getroffen
-und waren von den Einwohnern überall auf eine Art aufgenommen, die
-ihr freudiges Erstaunen über die hohe Disciplin und die Schonung
-aussprach, welche sie von den Truppen beider Partheien, die sonst in
-diesen Gegenden gehauset, so selten erfahren hatten. Die Garnison von
-Calatayud hatte sich nebst den National-Gardisten in das über der Stadt
-angelegte Castell eingeschlossen, wo sie, da wir uns begnügten, die
-nöthigen Rationen und die Contribution zu erheben, und nicht dabei
-gestört wurden, ganz unangetastet blieb. Auch in den übrigen Punkten
-Aragon’s, in denen wir feindliche Forts trafen, fand kein Act von
-Feindseligkeit Statt; während der Nacht ruheten wir sorglos in den oft
-wenige Schritte von den Verschanzungen entfernten Häusern.</p>
-
-<p>Oráa hatte sich, unser Durchdringen zu Cabrera zu verhindern, mit
-einem Theile der Armee des Centrum nach Daroca und Cariñena gezogen,
-wodurch wir gezwungen wurden, südlich der Provinz Cuenca uns
-zuzuwenden. Da begannen die Drangsale, durch die unsere Expedition
-eben so erschöpfend als unglücklich werden sollte. Himmel und Erde
-verbanden sich, ihr stets<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> besiegte, stets neu und schreckender sich
-aufthürmende Hindernisse entgegenzuwerfen. Furchtbare, nie aufhörende
-Regengüsse verwandelten die Wege in tiefe Sumpfgründe und machten
-es fast unmöglich, den schmalen Gebirgspfaden zu folgen, deren
-Schlüpfrigkeit dem Fuße keinen festen Stützpunkt mehr darbot, während
-jeder Fehltritt Zerschmetterung auf den Felsen des Abgrundes drohete.
-Jedes Gebirgswasser ward zum reißenden Strome, der die leichten
-Brücken und Stege fortriß und nur auf Kosten der unwiederbringlichen
-Zeit, oft mit Verlust von Menschenleben, überschritten werden konnte;
-aus jeder Schlucht, jeder Vertiefung bildete sich ein tiefer See, zu
-weiten Umwegen nöthigend und die Beschwerden der ermatteten Leute
-verdoppelnd. Die elenden, weit entlegenen Dörfer reichten nicht hin,
-selbst so kleiner Truppenzahl die nöthigen Lebensmittel zu liefern;
-Mangel an allem Nothwendigen ward stündlich mehr fühlbar, Krankheiten
-fingen an einzureißen, und die braven Freiwilligen, nach ermüdendem
-Marsche zitternd von Nässe und Kälte, mußten oft auf der Straße neben
-einem erlöschenden Feuer Erholung und Stärke für die Strapatzen des
-folgenden Tages suchen, da die Officiere und Beamten, welche der Glanz
-und Prunk liebende General in großer Zahl um sich hatte, nebst denen
-der Legitimität für die Compagnien kaum einige erbärmliche Häuser frei
-ließen.</p>
-
-<p>Solche das Hauptquartier begleitende, im Gefechte unsichtbare, sonst
-überall sich vordrängende und Alles prätendirende Männer jedes Ranges,
-wie sie fast immer die Divisionen begleiteten, wurden von den Soldaten
-sehr treffend Blutigel genannt; doch saugen <em class="gesperrt">sie</em>, wo sie einmal
-sich angehängt, unersättlich, bis sie das Herzblut getrunken haben.
-Eine Thatsache mag als Beispiel ihrer Selbstsucht und rücksichtslosen
-Habgier angeführt sein. Die erste Sorge des spanischen Soldaten beim
-Einrücken in die Ortschaften ist, die als Feldflasche ihm dienende
-Bockshaut mit Wein zu füllen, dessen Entbehrung, wiewohl er<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> nie
-trunken, ihm drückender ist als die des Brodes selbst. Wie groß
-mußte das Staunen unserer erschöpften Krieger sein, da sie jetzt
-täglich die Thüren der Wirthshäuser durch Ordonnanzen besetzt fanden,
-welche barsch mit der Erklärung sie zurückwiesen, der Wein sei auf
-Befehl des Generals mit Beschlag belegt! Doch rasch verwandelte sich
-dieses Staunen in drohenden Unwillen, als die Truppen erfuhren, daß
-der General, weit entfernt, solchen Mißbrauch anzuordnen, gar nicht
-von der Maßregel in Kenntniß gesetzt sei; daß einige Nichtsthuer zu
-diesem Mittel gegriffen, um sich Wein zu sichern und ihre Taschen zu
-füllen, da sie den Rest desselben, unter dem Vorwande der Ordre des
-Generals den Wirthen ohne Entschädigung genommen, bei dem Abmarsche
-heimlich verkauften. Don Basilio verdiente nie den sonst den spanischen
-Generalen so oft mit Recht gemachten Vorwurf der Selbstsucht und des
-Unterschleifes, er verabscheute das entehrende Verbrechen und strafte
-es schwer: ein Oberstlieutenant und ein Civilbeamter wurden am 9.
-Januar wegen unbefugter Beschlagnahme und Defraudirung von Wein vor der
-Front der Division erschossen.</p>
-
-<p>Man glaube nicht, daß nur in den carlistischen Corps dergleichen
-Mißbräuche sich fanden. Gewiß waren sie auch in ihnen häufig, und
-besonders diejenigen Beamten, denen die Herbeischaffung der täglichen
-Bedürfnisse oblag, und von deren Amte Unterschleif ja unzertrennlich
-zu sein scheint, ließen die schreiendsten Räubereien durchgängig sich
-zu Schulden kommen: während die Truppen in Gegenden, die an Vieh und
-Getreide Überfluß hatten, oft am Nothwendigsten Mangel litten, wußten
-sie ihre Koffer mit dem Golde des Landmannes zu füllen, indem sie,
-mit den Magistraten den Gewinn theilend, ihn zwangen, die zehnfach
-geforderten Lebensmittel in Geld zu liefern. Wohl ward hin und wieder
-solch ein Erbärmlicher erschossen, aber das half für Tage kaum, während
-der Unwille des seinen Unterdrückern fluchenden Volkes nie aufhören
-konnte. Noch weit mehr breitete<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> sich jedoch diese Raubmethode in
-dem Heere Christina’s aus. Generale, Anführer, Officiere nahmen in
-ihm an diesen Ungerechtigkeiten Theil, die vollkommene systematische
-Aussaugung des Landes ward mehr noch als des Feindes Verfolgung
-betrieben, und da ich als Gefangener oft in nähere Berührung mit den
-Officieren der revolutionären Armee zu treten genöthigt war, ward ich
-durch die Frechheit empört, mit der sie ihrer Gewandheit in solchen
-Diebeskünsten wie des ehrenvollsten Talentes stets sich rühmten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die stets zunehmenden Drangsale bei fortwährend forcirten Märschen
-mußten den Etat des kleinen Corps sehr herabbringen; eine lange Reihe
-Kranker folgte auf Eseln und Maulthieren dem Zuge und Mancher, der
-augenblickliche Ruhe suchend hinter dem Nachtrabe zurückblieb, fand
-unter den Händen der Nationalen den Tod, während Andere, entmuthigt und
-unfähig, so viele Leiden länger zu tragen, ihre Waffenbrüder verließen
-und dem gehaßten Feinde sich hingaben. Die Gesänge, welche den Marsch
-der spanischen Soldaten begleiten und zur Ertragung der höchsten
-Beschwerden ihn ermuntern, waren längst verstummt; finsteres Schweigen
-herrschte die langgedehnten Marsch-Colonnen hinab und artete fast in
-die fühllose Niedergeschlagenheit aus, die dem Mann, durch physisches
-und moralisches Dulden besiegt, die Kraft zum Handeln und zum Denken
-raubt. Da ertönte am Morgen des 13. Januars 1838 der Ruf, feindliche
-Truppen seien vor kurzem durch das Dorf gezogen, welches so eben unser
-Vortrab betrat; die ersten Bataillone erhielten Befehl, im Lauftritt
-vorwärts zu gehen. Neues Leben beseelte unsere Freiwilligen; das Elend,
-die Mattigkeit waren vergessen, Scherze und Gesänge erschallten, und
-viele Kranke selbst schlossen ihrem Corps sich an, da der ersehnte
-Augenblick des Kampfes nahe schien. Bald brachte die Cavallerie etwa
-vierzig Gefangene,<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> meistens Nachzügler, zurück; wir erfuhren, daß
-wir auf die von den Nordprovinzen zu unserer Verfolgung gesandte
-Division gestoßen waren, welche, durch an sich gezogene Detachements
-und National-Garden auf mehr als 5000 Mann verstärkt, nach Cuenca
-marschirte, wo sie von den Strapatzen der letzten Wochen auszuruhen
-gehofft hatte. Die beiden Divisionen hatten wenige Stunden von einander
-entfernt übernachtet, ohne die geringste Nachricht davon erhalten zu
-haben, so daß erst der Zufall, der auf dem Durchschnittspunkt der
-beiden Marschlinien sie sich einander treffen ließ, den Generalen die
-Nähe des Feindes anzeigte.</p>
-
-<p>Die Überlegenheit der Christinos bewog Don Basilio, nicht den Kampf
-zu suchen, weshalb er den beschwerenden Munitions-Convoy unter dem
-Schutze eines Bataillons von Aragon vorausschickte und mit den andern
-drei Bataillonen und der Cavallerie, auf Alles gefaßt, langsam in
-derselben Richtung folgte. Auf seine Übermacht vertrauend eilte
-Uribarri gegen uns, und schnell waren die Jäger-Compagnien in lebhaftes
-Feuer engagirt, während die feindliche Cavallerie unsere Rechte zu
-überflügeln suchte, da dort das Terrain ihre Bewegungen gestattete.
-Doch D. Basilio führte die in Masse gebildeten Bataillone, die
-bedrohete Flanke durch die Escadrone deckend, bis zu einem nahen Defilé
-zurück und nahm dort Position, worauf der Feind, ohne einen Versuch
-zur Forcirung der starken, in der Front durch ein schroffes Ravin
-geschützten Stellung zu machen, sich zurückzog und nur einige leichte
-Truppen zur Beobachtung uns gegenüber ließ.</p>
-
-<p>Wenn die Division bis zum Anbruche der Dunkelheit diese Position
-festgehalten hätte, so würden wir unter dem Schutze der Nacht
-unsern Marsch mit Sicherheit fortgesetzt haben, ohne einem Kampfe
-uns auszusetzen, dessen unglücklicher Ausgang vorher gesehen werden
-und unheilsvoll auf die ganze Expedition wirken konnte. Der General
-beschloß Anderes. Kaum sah er<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> die feindlichen Truppen in einiger
-Entfernung, als er den Bataillonen zu defiliren befahl, während alle
-Elite-Compagnien den Rücken deckten und die beiden Escadrone auf dem
-etwas freierem Terrain zu unserer Linken folgten. Bald begann wiederum
-das Feuer hinter uns, ohne jedoch unsern Marsch zu unterbrechen; doch
-nach und nach nahm es zu und näherte sich rasch, schon waren die
-Jäger und Grenadiere nicht mehr im Stande, den stark aufdrängenden
-Feind zurückzuhalten, und um 2 Uhr Nachmittags wurden die Bataillone
-genöthigt, in Schlachtordnung sich aufzustellen. Kaum nahmen wir
-unsern Posten auf dem äußersten linken Flügel ein, als wir eine dunkle
-feindliche Masse, deren Tirailleurs-Linie unsere Jäger vor sich
-her trieb, anrücken sahen; eine zweite Colonne suchte unsere Linke
-zu überflügeln, weshalb zwei Compagnien entsendet wurden, sich ihr
-entgegenzustellen. Als das feindliche Bataillon bis auf hundert Schritt
-herangekommen, zogen seine Tirailleurs sich rechts und links, und
-mit dem wilden Gebrüll, ohne daß der Spanier nie angreifen zu können
-glaubt, avancirte es im Sturmschritt. Fest erwarteten wir sie, Gewehr
-im Arm. Schon waren sie kaum vierzig Schritt entfernt, da ertönte
-hell das Commandowort „Feuer!“, ein dichter Kugelregen lichtete die
-Reihen, und mit gefälltem Bajonnett stürzten wir auf die Wankenden, die
-in Unordnung entflohen, bis sie, eine kleine Ebene durchschreitend,
-jenseit einer schroffen Schlucht von ihrer Reserve aufgenommen wurden.
-Wir eilten den errungenen Vortheil zu benutzen, als auf der Ebene
-zwei feindliche Escadrone hervorbrachen, deren eine gegen uns sich
-wandte, aus dem sofort gebildeten Carré mit Kugeln begrüßt, jedoch in
-ehrerbietiger Ferne blieb, während die zweite auf die beiden Compagnien
-sich warf, welche in Tirailleurs aufgelöset unsere Linke deckten.</p>
-
-<p>Entsetzen ergriff mich, da ich die eine der Compagnien zaudern, dann
-ungewiß sich verwirren und, anstatt wie die zweite in Haufen sich zu
-vereinigen, ungeordnet den nicht nahen<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Gebüsch zueilen sah. Jubelnd
-holten die Reiter sie ein und säbelten die Wehrlosen nieder; mehrere
-Freiwillige lagen zu Boden gestreckt, andere erflehten, hoch die
-umgekehrten Kolben emporhaltend, den so selten gewährten Pardon;
-da stutzten die feindlichen Dragoner, und um den Hügel jagten die
-Officiere der Legitimität zur Rettung ihrer Gefährten heran. Selbst
-in Unordnung gerathen entflohen die Christinos, auf dem Fuße von den
-Unsern verfolgt; die zweite feindliche Escadron suchte die Flüchtigen
-aufzunehmen, wurde aber selbst mit fortgerissen und fand wie jene erst
-hinter ihrer Infanterie Schutz.</p>
-
-<p>Unser Commandeur war ungewiß, welche Maßregeln er ergreifen sollte.
-Vor uns stand in fester Stellung der weit stärkere Feind, das uns
-zunächst aufgestellte Aragon blieb unbeweglich trotz der Zeichen,
-durch die es bei unserm Vorgehen zu correspondirender Bewegung
-aufgefordert war, weither verkündete sogar das stets mehr zurück sich
-ziehende Feuer bedeutendes Vordringen der Christinos. Keine Ordre
-des Generals erfolgte, so daß jeder Chef, wie so oft der Fall war,
-nach eigener Eingebung handeln mußte. Rasch entschied sein Muth den
-unseren zum Vordringen, um durch Bedrohung des feindlichen rechten
-Flügels dem bedrängten Valencia Luft zu machen. Oberst Fulgocio
-stellte sich an die Spitze des Bataillons und führte es vorwärts:
-unter dem lebhaften Feuer des Feindes stiegen wir die steile Felswand
-zur Schlucht hinab, erkletterten mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> mühsam
-die entgegengesetzte Höhe und sahen uns Meister der Stellung, von der
-die Christinos erstaunt gewichen waren. Doch ehe wir uns zu ordnen
-vermocht, eilte ihre Reserve in Masse zum Angriffe vor, durchbrach
-im ersten Drange unsere Linie und stürzte in das Ravin uns zurück,
-mit dichtem Kugelregen uns überschüttend, wie wir im Rückzuge die
-Felsen hinaufsteigen mußten. Da sahen wir Aragon eilig weichen; rechts
-und links fielen die Freiwilligen, die Reihen mischten sich und
-löseten sich auf, wildes Geschrei ertönte, und in Verwirrung floh das
-Ba<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>taillon. Umsonst suchten wenige Officiere durch Bitten und Drohen
-die Fliehenden zum Stehen zu bringen, umsonst durchbohrte Fulgocio,
-der das Pferd zurücklassend der Erste beim Angriff, der Letzte auf
-dem Rückzuge gewesen war, ergrimmt einen der Freiwilligen; es war
-unmöglich, die wenige Minuten vorher so braven Soldaten zu ermuthigen,
-und der auf dem Fuße uns verfolgende Feind machte alle Anstrengungen
-der Officiere vergeblich.</p>
-
-<p>Da fühlte ich einen leichten Schlag an die Schulter, und baumelnd
-sank mein rechter Arm am Körper nieder, während der Säbel der Hand
-entglitt: eine Flintenkugel hatte den Oberarm, der Schulter nahe,
-zerschmettert. Langsam schlich ich unter dem Pfeifen der Kugeln zurück,
-bis Oberst Fulgocio mich zwang, sein Pferd zu besteigen, auf dem ich,
-nachdem die Bataillone sich gesammelt hatten, dem Rückzuge bis zum
-nächsten Dorfe folgte, wo den Truppen Brod und Wein ausgetheilt wurde,
-Kraft zum nöthigen Nachtmarsche ihnen zu geben. Unser Verlust stieg
-auf etwa zweihundert Mann, der des Feindes war bei seiner Übermacht
-weit bedeutender, denn unser kleines Corps, wiewohl besiegt, hatte
-sich seiner würdig gezeigt in hartnäckiger, blutiger Gegenwehr. Die
-Christinos, weit entfernt, uns unmittelbar zu verfolgen, kehrten nach
-den nächsten Dörfern zurück und büßten so die Vortheile ein, welche ihr
-Sieg bei der gänzlichen Erschöpfung unserer Soldaten ihnen darbot.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In zehrendem Schmerze lag ich auf meinem Lager in dem Feldhospitale;
-die Wundärzte hatten erklärt, daß der Knochen des Armes gänzlich
-zerschmettert sei und daß meine Fortführung im Gefolge der Expedition
-nothwendig schnellen Tod nach sich ziehen müsse: ich sollte
-zurückgelassen werden. Entsetzliches Geschick! Umsonst sträubte ich
-mich, umsonst flehte ich und betheuerte, daß ich den Tod dem mir
-bestimmten Loose vorziehe. Das Urtheil<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> war gesprochen, ich blieb
-verdammt, wieder den verabscheuten Trabanten der Usurpation in die
-Hände zu fallen, nochmals alle die Drangsale zu dulden, welche von
-solcher Gefangenschaft unzertrennbar sind. Verzweiflungsvoll klagte ich
-das Geschick an, daß es zum Spielballe seines Hasses mich erkoren; ich
-wünschte mir den Tod im Übermaße des bittern Schmerzes und beneidete
-die, welche an jenem Tage neben mir das glorreiche Ziel ihrer Laufbahn
-erreicht hatten.</p>
-
-<p>Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins
-Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt,
-seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum
-Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten
-drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein
-langer, kräftiger Händedruck... schon rief der helle Hörnerklang zum
-Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie
-viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir
-den Vertheidigern Carls&nbsp;V. mich vereinigen durfte, hatten die
-Meisten unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der
-kleinen Division.</p>
-
-<p>Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen
-herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd;
-langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe
-trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung
-unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos
-suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das
-Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab.
-Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten
-sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild
-sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen,
-unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in
-schrecklichen Zuckungen ihr Leben aus<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>hauchten, oder in leisem Gewimmer
-die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht
-mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie
-tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen
-die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß
-er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden
-Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere
-Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe
-und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige
-Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester,
-erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte.</p>
-
-<p>Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige
-Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren
-während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer
-Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte,
-erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm
-von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an
-Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem
-Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die
-Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu
-nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen
-Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein,
-und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir
-finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten
-wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu
-äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk
-Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir
-zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen
-sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln
-sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> scharfe Stiche
-durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den
-schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme
-sitzend die Ankunft der Feinde.</p>
-
-<p>Las Cuevas &mdash; die Höhlen &mdash; liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein
-Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen
-Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des
-Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während
-die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht.
-Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal
-übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es
-umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster
-da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der
-zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen
-wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem
-Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten.
-Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte
-Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange
-dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der
-Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des
-Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend,
-den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement
-Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange
-des Ortes zu.</p>
-
-<p>An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn
-richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen
-Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er,
-ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter
-Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner
-Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer
-Sicherheit auf und ließ für<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> die Armen, um die seit dem Abend Keiner
-sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der
-That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann
-mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger
-den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten
-die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres
-herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth
-besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß
-sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe
-rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf
-besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die
-übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten
-Hospitale übergeben wurden.</p>
-
-<p>Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt
-hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres
-mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze
-zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr
-und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben
-Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich
-vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages
-Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und
-Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine
-Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm
-immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden
-nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward
-nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren,
-es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den
-höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum
-Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der
-hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> aus und stürzte
-von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß,
-machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den
-zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige
-Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein
-gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang
-der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden
-Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen
-brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der
-Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von
-dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten,
-die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten.</p>
-
-<p>Vom Generalstabsarzte untersucht ward ich auf seinen Bericht in
-Carascosa zurückgelassen und am Tage darauf langsam und möglichst
-bequem nach Cuenca abgeführt, in dessen Hospital ich endlich die Pflege
-und vor Allem die Ruhe zu finden hoffte, deren Entbehrung in meinem
-Zustande die grausamste Qual war.</p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier14" name="zier14">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 14" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XV">XV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben.
-Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück,
-die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten
-Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich
-geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit,
-Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd,
-meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie
-sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten
-Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation
-Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung,
-ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit
-meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf
-Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt
-ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und
-dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern
-Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und
-das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern;
-mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke
-schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln
-der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen
-verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der
-Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die
-andern Unglücklichen versagt war. &mdash; Sollte man möglich glauben, daß
-Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und
-der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p>
-
-<p>Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend
-schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten
-erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen
-Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette
-vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben
-sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten
-berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen
-Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des
-Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause
-Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von
-jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden,
-Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend,
-welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von
-sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche
-und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward
-am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund
-Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht und
-ein wenig rohes Öl darüber gegossen &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la sopa</span> &mdash; ausgetheilt.
-Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß
-die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie
-nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter
-den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und
-Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die
-Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie
-bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende
-von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben
-aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden?</p>
-
-<p>Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale
-angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> der Kranken mitwirken
-sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist,
-durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen &mdash; denn das
-Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen
-noch tiefer zu stürzen &mdash; sich zu bereichern und möglichsten Vortheil
-sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich
-ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland
-spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen,
-wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt,
-folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe,
-was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber,
-vom General en Chef zum Corporal &mdash; der Soldat wurde stets von allen
-geschunden &mdash; zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden
-fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen
-Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und
-verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt
-wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen
-diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie
-beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe
-Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens
-ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in
-ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht
-und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und
-jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel
-irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die
-Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen
-durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine
-Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie
-ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an
-das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde
-Sicherheit zu suchen<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen
-Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten.</p>
-
-<p>Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von
-der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige
-mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten,
-die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere
-zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen.
-Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus
-der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als
-Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu
-tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das
-Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand,
-angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter...
-Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der
-entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur
-wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und
-solchen Jammer sich zu denken.</p>
-
-<p>Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber
-überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche
-Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit
-nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich
-hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen
-wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin
-zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte
-der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem
-mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines
-Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem
-Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine
-junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem
-Widerlichen, was das Hospital<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> für die zarten Gefühle des Weibes haben
-muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen.
-Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu
-meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen,
-die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei
-Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und
-uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als
-Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum
-entgingen sie dem allgemeinen Verderben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt
-auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit
-vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid
-hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große
-Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange
-gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und
-überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt,
-die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft
-die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene
-Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit
-ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker
-der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich
-für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir
-immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung
-commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll &mdash; wie
-in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten &mdash; gewesen wäre. Er hatte
-lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien
-in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und
-Rechte,<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt;
-er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des
-Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein
-Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere
-Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich
-gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener
-Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein,
-sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand,
-daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge
-beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich.
-Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines
-rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur
-Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich
-schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend
-gewesen; ich blieb.</p>
-
-<p>Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr
-vorher Carl&nbsp;V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz
-geführt hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke
-mir wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren
-sich in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da,
-als wir eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt
-vor uns in ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah
-ich Madrid wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach
-Segovia’s Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen
-die Satelliten der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu
-zerschmettern hofften, und jetzt...! Wie konnte so kurze Zeit so viel
-Schweres, so viel Furchtbares mit sich bringen?</p>
-
-<p>Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der
-schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so
-weit das Auge reicht, schattige Alleen,<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> von prachtvollen Gebäuden
-und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz
-leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die
-wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme
-bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s
-im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit
-seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung.
-Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen;
-einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten
-Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten
-zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die
-Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit
-vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche
-National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich
-waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet
-hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der
-christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu
-höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien
-fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten,
-dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen.
-Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben,
-indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte,
-bereitwillig sie zu beschützen eilten.</p>
-
-<p>Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich
-anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel
-gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich
-Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß
-langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus
-dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die
-Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam
-regelmäßigen<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war
-mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente
-eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer
-trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen
-spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen,
-die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt,
-eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die
-Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren
-Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit
-der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache
-der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache
-in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und
-sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.</p>
-
-<p>Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so
-angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich
-hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch
-ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die
-Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen
-konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer
-zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen
-nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht
-zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre
-es leicht gewesen &mdash; und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen
-gemacht &mdash; gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu
-bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des
-niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich
-für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um
-selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden
-Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> war fortwährend
-bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei
-die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu
-verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und
-durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen
-hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden
-Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der
-National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter
-Aufstände und Emeuten.</p>
-
-<p>Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage
-nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde
-und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte
-sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem
-Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir
-Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von
-denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und
-die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht
-gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen
-unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um
-uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge
-Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und
-Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen
-wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall.</p>
-
-<p>Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der
-physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für
-Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend,
-sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s
-Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum
-war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter
-den Füßen<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das
-matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen
-Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung
-keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend
-schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde
-&mdash; jede Viertelstunde &mdash; auf den Boden, unempfindlich für Alles im
-Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold,
-Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst
-für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa
-noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da
-hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das
-Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die
-Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen
-Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen
-sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier
-nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten
-trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei.</p>
-
-<p>In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß
-ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der
-majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine
-Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die
-fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich
-schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha
-aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick
-über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines
-Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen
-sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele
-Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die
-Bewohner der Mancha machen eben so<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> traurigen Eindruck und flößen den
-tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand
-ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> &mdash; die
-Höhlen &mdash;, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen
-bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder,
-augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren,
-spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend,
-da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt,
-die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend,
-dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem
-nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes
-Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief
-sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel,
-so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer
-Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge
-und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die
-Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr
-&mdash; welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende
-kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu
-helfen!</p>
-
-<p>Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde
-verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder
-Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich
-leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln
-Massen der Sierra morena &mdash; der gebräunten Kette &mdash; sich erheben,
-welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens
-überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet,
-daß Ferdinand VII<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>., um von dem kühnsten zugleich und edelsten
-derselben das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß,
-durch den der König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension
-zusicherte. Den Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber
-&mdash; als Mann, welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat
-&mdash; verdient er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als
-freiwilligem oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt
-bleiben mußte. Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit,
-ließ er die praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften,
-sich angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die
-ihre Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und
-er beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen,
-für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner
-Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn,
-wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen
-trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen &mdash; den Chefs derselben ward
-endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen
-&mdash; entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von
-ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten
-zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie
-enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden
-Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die
-Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich
-der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende
-Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert
-Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen
-geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den
-dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und
-ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen
-selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete
-Physiognomie hervor<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>bringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer
-regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war
-unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches
-Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte
-ich den Gefährten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene,
-auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt
-todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den
-Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen
-werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden
-angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu
-weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die
-Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den
-Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich,
-ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des
-herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina,
-nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen
-Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich
-winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der
-Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher
-das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen
-Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten
-wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich
-ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem
-alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in
-seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem
-Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es,
-ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> wurde.
-Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir
-cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft
-und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth,
-welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein
-Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen
-Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im
-Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige
-Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in
-weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem
-Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse,
-welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der
-deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte;
-ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein
-Tropfen Wasser sichtbar.</p>
-
-<p>Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in
-immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze
-war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein
-frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend,
-hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her
-erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren
-Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch
-die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe
-und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf-
-und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen
-und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen
-mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der
-Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat,
-weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die
-Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>
-Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten
-Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte
-und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen
-oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche
-das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt.
-Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen,
-eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig
-von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft
-liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die
-so herrlich uns anregen.</p>
-
-<p>Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten
-erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins
-Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber
-unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz
-der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am
-längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s
-Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen
-war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge,
-im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst
-zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu
-überlassen.</p>
-
-<p>So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische
-Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm
-mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten
-der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und
-von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er
-in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in
-wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz
-verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen
-entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> von
-Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut
-sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden.
-Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den
-Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln
-vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter
-zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres
-Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn
-den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um
-solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese
-Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen,
-da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen
-dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine
-Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht
-gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den
-Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren.</p>
-
-<p>Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients
-sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser,
-ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen,
-mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische
-Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten
-Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu
-verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen
-geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum
-Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite
-Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane
-uns versetzen.</p>
-
-<p>Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine
-Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender
-Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte
-der Guadalquivir,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus,
-bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von
-dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach
-Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle
-Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum
-Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse
-der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob
-sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend
-und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt.
-Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie,
-mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten
-Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke
-gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in
-deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht.</p>
-
-<p>Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem
-grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen
-und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz
-und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen,
-den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich
-zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche
-wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein,
-da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten,
-die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse
-erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir
-angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein
-Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade
-hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das
-bitterste mich fühlen zu lassen.</p>
-
-<p>Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadal<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>quivir
-zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la
-Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos,
-durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> und rasteten
-in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit
-erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das
-Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt,
-den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König
-wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der
-französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher
-Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner
-Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie
-der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen
-wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort
-&mdash; Cadix &mdash; aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne
-weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe.
-Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir
-der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de
-Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste
-des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine
-Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer
-armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch
-unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne
-helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute
-meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen
-waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der
-wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen
-konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien
-und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem
-Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa
-es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche
-Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen
-der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">tasa de plata</span> &mdash; der Silbertasse &mdash; ihm erwarben. Ein
-anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die
-Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr
-sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien.
-Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch
-den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu
-geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens
-gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen;
-noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters
-Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt.</p>
-
-<p>Durch seine Lage auf einer kleinen Felseninsel wird Cadix zur
-außerordentlich starken Festung gemacht, während die Nähe des festen
-Landes ihm erlaubt, den höchsten Einfluß auf die dortigen Ereignisse zu
-üben, wie in den Kriegen und Umwälzungen, welche in diesem Jahrhunderte
-die Halbinsel zerrütteten, mehrfach sich bewährt hat. Die Entfernung
-von der Küste reicht hin, um gegen eine Belagerung von dort aus wie
-gegen die Wirkung auch der schwersten Kanonen die Stadt zu sichern,
-doch vermögen große Mörser ihre Geschosse bis zu ihr zu schleudern; so
-verursachten die Franzosen in dem einen Stadtviertel, bis in welches
-sie ihre Bomben trieben, einige Verheerung, da<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> sie die gewaltigen
-Mörser, welche später als Trophäe nach England gebracht wurden, nahe am
-Strande aufgepflanzt hatten. Eine zwei Stunden lange, schmale Landenge
-verbindet die Festung mit der Isla de Leon und der auf derselben
-liegenden Stadt San Fernando, die, gleichfalls stark befestigt und
-durch einen Wassergraben ganz vom Lande getrennt, als Außenwerk von
-Cadix betrachtet werden darf. Jene Enge, künstlich erhoben, ist so
-schmal, daß die auf ihr hinlaufende Chaussée zu beiden Seiten vom Meere
-bespült und zur Zeit der höchsten Ebbe von grundlosem Moraste umgeben,
-oft aber von den Wellen bedeckt ist; sie wird durch starke Cortaduras
-&mdash; Abschnitte &mdash; gedeckt und kann in wenigen Minuten ganz vernichtet
-werden.</p>
-
-<p>Noch gehören mehrere bedeutende, zum Theil auf abgesonderten Inselchen
-angelegte und hauptsächlich zur Deckung des Zuganges zum Hafen
-bestimmte Forts in das Vertheidigungs-System der Festung, welche,
-so lange der thätige Erfindungsgeist nicht mit neuen, furchtbareren
-Angriffsmitteln uns bekannt macht, als von der Landseite aus unnehmbar
-betrachtet werden darf.</p>
-
-<p>So war ich endlich auf dem Punkte angelangt, der nach dem furchtbar
-mühevollen Marsche noch traurigere Ruhe mir gewähren sollte. Nachdem
-wir einige Tage in dem Stadtgefängnisse, einem der ausgezeichnetsten
-Gebäude der Stadt, zugebracht hatten, wurden wir nach den Casematten
-gebracht, die vom Meere bespült und schauerlich feuchtkalt zu unserer
-Aufnahme bestimmt waren. In tiefe Kerker, die durch die Thür Licht
-und Luft erhielten, waren je dreißig bis vierzig gefangene Officiere
-eingeschlossen, während die Unterofficiere und Soldaten in der
-großen Caserne von la Isla zurückblieben. Unter den Unglücklichen,
-die abgezehrt und bleich uns zu begrüßen kamen, fand ich einige der
-Cameraden, die mit mir aus den baskischen Provinzen abmarschirt waren,
-und viele andere, welche wir dort zurückgelassen hatten, mißmuthig über
-die Entscheidung, die sie noch unthätig zu bleiben verdammte. Tief
-bewegt lernte ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> unendlichen Leiden kennen, die sie bestanden,
-und vernahm die Kunde von dem rühmlichen Tode so Vieler, die ich einst
-trauernd scheiden sah, deren Glück ich oft beneidet hatte; mit innigem
-Schmerze hörte ich die Schilderung von dem Untergange der kleinen,
-schönen Division, da sie, wie die Tausende anderer Braven, nutzlos dem
-unvermeidlichen Verderben geweiht war.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Nicht mit dem gleichnamigen Dorfe der Provinz Cuenca zu
-verwechseln, in dem ich gefangen genommen war.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Ferdinand&nbsp;VII. ließ Bäcker, Mehl, Wasser und
-alles zum Backen Nöthige von Alcalá nach Madrid bringen, ohne doch so
-gutes Brod dort schaffen zu können; die Luft soll Schuld daran sein.
-Jenes Brod ist in der That schöner als das beste Biscuit und wird auf
-Maulthieren nach Lissabon, Madrid und selbst Barcelona versendet.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier15" name="zier15">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 15" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XVI">XVI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Don Basilio Garcia war, wie ich früher erwähnte, von der Hauptarmee der
-Nordprovinzen in den letzten Tagen des Jahres 1837 entsendet worden,
-um in der Provinz Cuenca und in la Mancha,<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> zu deren commandirendem
-General er ernannt war, zu operiren, die dort existirenden zahlreichen
-Carlisten-Guerrillas zu vereinigen und durch bessere Organisation
-dem Feinde sie furchtbar zu machen. Er sollte daher zuerst nach
-Aragon ziehen, da Cabrera Befehl hatte, eine seiner Divisionen Don
-Basilio zu untergeben. Oráa vereitelte, indem er in Daroca sich
-aufstellte, den Versuch der Division, von Calatayud aus nach Cantavieja
-durchzudringen, und schob sie, auf der Straße nach Teruel ihren Marsch
-cotoyirend, nach der Provinz Cuenca, wo wir am 13. Januar 1838 auf die
-Verfolgungs-Division Uribarri trafen und, von der Übermacht erdrückt,
-geworfen wurden.</p>
-
-<p>Von Aragon abgeschnitten wandte sich Don Basilio in forcirten Märschen
-nach der Mancha und erreichte die Sierra von Toledo, wo er sofort eine
-kleine gegen Palillos operirende Colonne ganz vernichtete. Wenige Tage
-später begegnete er, ohne daß einer der beiden Anführer von des andern
-Expedition Kunde gehabt hatte, dem Corps des Brigadier Tallada von
-der Armee Cabrera’s; es war von Chelva zu einem Zuge nach der Mancha
-und Andalusien abmarschirt. Don Basilio wünschte, daß diese Division
-sich ihm anschließen möge, weßhalb er, da Tallada, dessen Truppen
-weit zahlreicher waren, gar keine Neigung zeigte,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> ohne besonderen
-Befehl Cabrera’s sich ihm unterzuordnen, so weit nachgab, daß sie
-gemeinschaftlich die Leitung des Corps übernehmen wollten, bis Cabrera
-entschieden habe, welche seiner Divisionen dem königlichen Befehle
-gemäß zu Don Basilio’s Disposition gestellt sei. Die beiden Chefs
-durchzogen darauf die Mancha, überstiegen die Sierra morena und drangen
-in das Königreich Jaen &mdash; Andalusien &mdash; vor, wobei Tallada durch
-gelegentliche Eigenmächtigkeiten seine Selbstständigkeit schien darthun
-zu wollen.</p>
-
-<p>Am 3. Februar stand seine Division, 3500 Mann Infanterie in fünf
-Bataillonen und 300 Pferden stark, in Baeza, die der Nordarmee, nur
-1600 Mann Infanterie und 140 Pferde, in dem drei Viertelstunden
-entfernten Ubeda, nahe dem Guadalquivir, als Don Basilio die Nachricht
-erhielt, daß General Pardiñas, der das Commando der Colonne Uribarri’s
-übernommen, verstärkt durch die mobilen Truppen der Mancha über den
-Paß des Despeñaperros die Sierra morena überschritten habe und zum
-Angriffe heranziehend in la Carolina angekommen sei. Er ließ sofort den
-Brigadier Tallada auffordern, entweder durch einen forcirten Marsch dem
-Feinde entgegenzugehen und ihn überrascht anzugreifen, oder, was er
-selbst rieth, durch einen Nachtmarsch in den Rücken der Christinos sich
-zu werfen, den Paß des Despeñaperros zu besetzen und so, Andalusien
-und die Mancha zugleich bedrohend, jeden Umstand zu benutzen. Tallada
-antwortete, seine Truppen bedürften der Ruhe, und wies auch den Antrag,
-eine concentrirte Stellung bei Ubeda zu nehmen, mit dem Bemerken ab,
-daß er dafür einstände, daß der Feind gar nicht an einen Angriff denke.</p>
-
-<p>Bei Tagesanbruch ertönte zugleich mit der Nachricht, Pardiñas sei
-wenige tausend Schritte von den Vorposten entfernt, lebhaftes Feuer
-von Baeza her. Don Basilio sandte einen Adjudanten an Tallada mit
-der Bitte, nur eine halbe Stunde sich zu halten, da er zu seiner
-Hülfe herbeifliege. Der Adjudant<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> fand die ganze schöne Division in
-furchtbarer Unordnung, wie eine große Heerde von den feindlichen
-Massen vor sich her gejagt, Tallada selbst außer sich<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> und erhielt
-von ihm, da er ihn aufforderte, seine Leute zu sammeln, die Antwort,
-wie er nicht einmal für sich, geschweige für seine Leute einstehen
-könne. Erst als die Bataillone der Nordarmee mit Festigkeit den
-Sturm der Christinos ausgehalten hatten und selbst durch kraftvolle
-Bajonnettangriffe sie zurückdrängten, kam er in Etwas zur Besinnung
-und ordnete sein Corps zu geregelterem Rückzuge, dem die Division
-Don Basilio’s deckend sich anschloß, zwei Stunden weit bot sie unter
-stetem Feuer dem Andrange der feindlichen Infanterie und Cavallerie
-die Stirn, bis diese, ohne einen Gefangenen ihr abgenommen zu haben,
-die Verfolgung einstellten. Pardiñas schrieb die Rettung des Corps
-Tallada’s, welches 300 Gefangene einbüßte, der bewundernswürdigen
-Bravour der Truppen Don Basilio’s zu.</p>
-
-<p>Dieser drang in die Provinz Murcia ein. Entsetzliche Leiden
-warteten dort der Freiwilligen, indem Regen und Schnee Wochen lang
-ununterbrochen auf sie herabstürmten und die Gebirge ungangbar
-machten; die Lebensmittel fehlten mehr und mehr, die Leute marschirten
-bald barfuß, und ihre Uniformen hingen in Fetzen herab. Da trennte
-sich Tallada eigenmächtig von dem Expeditions-Corps, um nach
-Valencia zurückzukehren: er ward am 27. Februar, da er eben den
-Jucar überschritten<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> hatte, von Pardiñas in Castriel überfallen,
-nach der gänzlichen Vernichtung seiner Division gefangen und der
-Gerechtigkeit gemäß erschossen. Don Basilio aber, da die geringen
-Streitkräfte, welche ihm blieben, durch die Drangsale täglich mehr
-zusammengeschmolzen waren, wandte sich wieder nach der Mancha und
-vereinigte sich mit den dort hausenden Partheigängern.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Drei Cabecillas hatten sich in diesem Theile Neu-Castiliens besonders
-hervorgethan: Jara hatte einige tausend Mann Infanterie gebildet, d.&nbsp;h.
-Bauern gesammelt, die nicht exercirt und ohne Uniform größtentheils mit
-Büchsen und Jagdflinten bewaffnet waren; Orejita führte ein Bataillon
-und etwa funfzig Pferde; Don Vicenta Rojero &mdash; Palillos genannt &mdash;
-commandirte mehrere Escadrone Reiter, deren Zahl den Umständen nach
-zwischen sechshundert und tausend schwankte. Diesen Chefs schlossen
-sich mehrere Partheigänger an, die gewöhnlich in Estremadura sich
-aufhielten, aber häufig nach der Mancha hinein streiften und
-gleichfalls 800 bis 1000 Pferde vereinigen konnten.</p>
-
-<p>Alle diese verschiedenen Banden nannten sich Carlisten und wollten für
-eifrige Verfechter der Religion gelten, während sie die Sache, welche
-sie zu vertheidigen vorgaben, durch fluchwürdige Excesse schändeten.
-Ich spreche nicht davon, daß sie die Feinde, welche in ihre Hände
-fielen, unbarmherzig opferten: sie thaten Recht daran. Wie konnten
-Männer anders verfahren, die, weil sie schwächer waren, durch die
-Gegner von den Wohlthaten jedes Vertrages ausgeschlossen wurden, die
-Alles, was ihnen angehörte, ihnen nahestand, getödtet, verwüstet und
-vernichtet sahen? Früher habe ich erzählt, durch welche Gräuel die
-Christinos den Aufstand in diesen Provinzen zu unterdrücken suchten;
-sie konnten nach solchen Schauder erregenden Thaten nie Schonung
-erwarten. Nein &mdash; wenn jene Männer, zur Raserei<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> getrieben, mit Feuer
-und Schwerdt gegen die Liberalen das Werk der Rache übten, handelten
-sie nur gerecht und erfüllten ihre Pflicht; denn da wäre Milde und
-Verzeihen zur verächtlichen, unvermeidliches Verderben nach sich
-ziehenden Schwäche geworden.</p>
-
-<p>Aber Entehrung häuften sie auf sich selbst, und sie schändeten
-die Sache, für die sie zu kämpfen vorgaben, indem sie ihrer
-Rache Wuth von den Erbärmlichen, die sie hervorgerufen, auf das
-ganze Menschengeschlecht ausdehnten und &mdash; zu Räuberbanden sich
-erniedrigten. Von ihren Gebirgen aus &mdash; denn auch die Reiter hatten
-ihre Zufluchtsorte in den schroffsten Gebirgen gesucht, welche die
-prachtvollen Pferde mit erstaunlicher Ausdauer auf und ab kletterten
-&mdash; durchstreiften sie die umliegenden Provinzen, mordeten und
-brannten; sie plünderten die Reisenden und die Waaren, welche nur in
-großen Convoys mit Bedeckung von Truppen transportirt werden konnten,
-schleppten die Gefangenen in ihre Schlupfwinkel und ermordeten sie,
-wenn nicht bald reiches Lösegeld aus ihren Händen sie rettete.
-Auch die unglücklichen Bauern blieben nicht verschont. Ihre Ernte
-wurde häufig zum Futter abgemähet und fortgebracht, wenn nicht gar
-muthwillig zerstört, die Maulthiere auf dem Felde aufgefangen und
-erst gegen Auszahlung großer Summen herausgegeben. So sanken diese
-Banden zu verzweifelten Räubern im ganzen Sinne des Wortes herab,
-die, wo sie erschienen, Tod und Elend in ihrem Gefolge führten. Die
-Carlisten, d.&nbsp;h. die Männer, welche in den regelmäßigen Heeren für die
-Aufrechthaltung der Rechte ihres Königs ehrenvollen Kampf kämpften,
-wollten natürlich nie jenen Schaaren der Mancha den Ehrennamen von
-Carlisten zugestehen. Die Christinos aber benutzten schlau die von
-Jenen verübten Gräuel, um den Anhängern Carls&nbsp;V., unter deren
-Namen sie verbreitet wurden, den Abscheu der Welt zu erregen.</p>
-
-<p>Übrigens waren diese Banden doppelt furchtbar, durch die hohe
-individuelle Bravour, durch welche sie, wiewohl nicht or<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span>ganisirt
-und ohne Disciplin, nicht selten den gegen sie operirenden Truppen
-verderblich wurden. Vor Allem zeichnete die Cavallerie Palillo’s durch
-seltene Todesverachtung, ja Verwegenheit sich aus und erwies dem
-Expeditions-Corps während der kurzen Zeit, die es mit ihm vereinigt
-blieb, wiederholt große Dienste. Die Bewaffnung der Reiter bestand in
-Säbel, Pistolen und dem Trabuco, jenem gefürchteten Carabiner, dessen
-Lauf von der Schwanzschraube zu der Mündung allmählich sich erweitert
-und mit einer Handvoll Kugeln, oft funfzehn bis zwanzig Stück, geladen
-wird. Er kann nur auf geringe Entfernungen gebraucht werden und wird
-neben der rechten Seite frei auf dem linken Arm ruhend abgedrückt,
-da der Rückstoß anderes Anlegen nicht erlaubt; seine Wirkung ist
-ungeheuer, indem die Geschosse wie die Cartätsche einen Streukegel
-bilden, der Alles vor sich niederreißt. Die christinosche Cavallerie
-ward bei dem Anblicke der Trabucos, mit denen die Palillos unbeweglich
-bis auf wenige Schritt ihre Annäherung abzuwarten pflegten, von
-panischen Schrecken ergriffen, und es sind Beispiele vorgekommen, daß
-ein Mann, mit dieser Waffe versehen, eine Straße oder eine Brücke mit
-Erfolg gegen feindliche Detachements vertheidigte.</p>
-
-<p>Solche waren die Banden, welche Don Basilio um sich vereinigen,
-denen er Ordnung und Kriegszucht einflößen, die er an regelmäßigen,
-ehrenvollen Kampf gewöhnen und dadurch der Sache nützlich machen
-sollte, der sie dem Namen nach angehörten. Leider war er nicht der Mann
-für so schwierigen Auftrag, der eisernen Willen, Entschlossenheit,
-Kraft und &mdash; Glück erforderte. Don Basilio besaß keine dieser
-Gaben. Im Anfange freilich, da er nur den Eingebungen der wahrhaft
-ausgezeichneten Männer folgte, die ihn umgaben, des Marquis von Santa
-Olalla, seines Secretairs, des Oberstlieutenant Alcalde, des Obersten
-Fulgocio und so vieler anderer Chefs, die fast ohne Ausnahme auf diesem
-für die Division so glorreichen wie unglücklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Zuge getödtet wurden
-oder in Gefangenschaft fielen; da waren seine Maßregeln trefflich, und
-der Erfolg schien sie krönen zu wollen. Er nahm das schon von Gomez
-eroberte Almaden und in wenigen Tagen fünf andere kleine Forts<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>,
-an denen alle Versuche der Partheigänger gescheitert waren, wodurch
-er ihre Achtung vor seiner überlegenen Macht erzwang. Dann erließ er
-strenge Strafbefehle gegen Jeden, der ein Vergehen gegen die Disciplin
-oder die geringste Erpressung und Beleidigung der Einwohner sich
-zu Schulden kommen ließe. Wer des Diebstahls überwiesen war, wurde
-ohne Gnade erschossen, wer ohne Erlaubniß auf eine Stunde sein Corps
-verließ, wurde erschossen; die Christinos selbst rühmten, daß Don
-Basilio mit ihren Generalen gemeinschaftlich auf die Banditen Jagd
-mache, die bisher jene Provinzen infestirten.</p>
-
-<p>Da er so den ersten, dringendsten Schritt gethan, um die Räuber in
-Soldaten umzuschaffen, strebte er, möglichst sie zu organisiren und
-zugleich zu überwachen, indem er viele seiner besten Officiere unter
-die Corps von Palillos, Jara und Orejita vertheilte. Auch wollte er
-Einigkeit und Combination in ihre Operationen bringen und hoffte, wenn
-er einigermaßen an militairisches Handeln sie gewöhnt, um seine kleine
-Division als den Kern ein furchtbares Corps zu bilden, welches im
-Innern Castiliens, im wahren Centrum der Monarchie, von entscheidendem
-Einflusse auf den Krieg werden mußte. So weit war Alles gut.</p>
-
-<p>Bald jedoch verdarb die Schwäche des Generals, der unglückliche Gang
-der Ereignisse und die Abneigung der Cabecillas, was die Kraft kaum
-erreicht hatte und nur Kraft erhalten konnte. Orejita war der einzige
-unter den Chefs der Mancha, welcher wahrhaft das Beste der Sache im
-Auge hatte und daher mit<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Eifer die Pläne des Generals adoptirte; bald
-ward er auf einem Zuge durch den südlichen Theil der Sierra Morena
-von überlegener Zahl überrascht, sein noch nicht ganz ausgebildetes
-Bataillon von der feindlichen Cavallerie niedergeritten und vernichtet,
-er selbst mit fast allen seinen Officieren getödtet. Jara und Palillos
-dagegen beugten sich nur gezwungen augenblicklich unter die Zucht, die
-Don Basilio etablirt hatte; ein Jeder suchte den Andern zu verdrängen
-und bei dem General herabzusetzen, da sie, Beide das Commando in
-Anspruch nehmend, die höchste Eifersucht und selbst Haß gegen einander
-hegten, der verschiedene Male blutige Streitigkeiten unter ihren
-Truppen erzeugt hatte. Beider Streben aber war auf Unabhängigkeit und
-auf Abschütteln der lästigen Controle gerichtet, die seit der Ankunft
-der Expeditions-Division auf jeder ihrer Bewegungen lastete.</p>
-
-<p>Die Lage Don Basilio’s war in der That schwierig; anstatt aber mit nie
-rastender Thätigkeit und Energie lediglich dem ihm vorgesteckten Ziele
-nachzugehen, anstatt auf jede Art die beiden Anführer zur Einigkeit
-und zum Befördern der einzigen, endlichen Sieg verheißenden Kriegsart
-zu bewegen, gab er bald dem Einem, bald dem Andern Gehör, begünstigte
-den gerade Gegenwärtigen und regte dadurch die Leidenschaften immer
-mehr auf. Vielleicht mochte er glauben, durch Intrigue und Schlauheit
-leichter sie zu bändigen, als mit Gewalt, da daraus wohl offene
-Widersetzlichkeit ihrer Schaaren gegen ihn und folglich gänzliches
-Fehlschlagen des Zweckes seiner Expedition hervorgehen konnte. Nach
-und nach gewann Jara, der listig und fein ihm zu schmeicheln wußte,
-sein Vertrauen und nahm ihn gegen den geraden, derben Palillos durch
-vielfache Verleumdungen ein, bis dieser, über die wiederholt erlittenen
-Zurücksetzungen erbittert, zur großen Freude seiner Reiter ganz von Don
-Basilio sich trennte. Da machte der General unkluger Weise die Spaltung
-auf immer unheilbar, indem er laut drohete, Palillos zu erschießen,
-wenn er seiner habhaft würde. Palillos sprach die<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> gleiche Drohung
-gegen den General aus und that entschieden feindselige Schritte gegen
-die Division, fing auch sein altes Plünderungswesen von neuem an. Don
-Basilio ließ mehrere Reiter, die er zerstreut getroffen, füsiliren;
-Palillos drohte Repressalien auszuüben: offener Krieg war im Begriffe
-auszubrechen. Da erkannte Don Basilio, daß der Zweck des Zuges ganz
-verfehlt und nun unerreichbar sei, daß längeres Verweilen in der Mancha
-der Sache nur noch schaden könne. Er entschloß sich schweren Herzens,
-das Unmögliche aufzugeben und die Rettung der Trümmer seines braven
-Corps zu versuchen. Es sollte nur in der Vernichtung das Ende seiner
-Leiden finden.</p>
-
-<p>Am 26. März hatte die Miniatur-Division in Valdepeñas auf der großen
-Heerstraße von Madrid nach Sevilla und Cadix ein glorreiches Gefecht
-bestanden, da sie vom General Flinter, seit seiner Auswechselung nach
-Gomez Expedition commandirender General der Mancha, mit 5000 Mann
-am Mittage angegriffen wurde; die Christinos hatten alle Zugänge
-der Stadt besetzt und mehrere Gefangene in den Häusern gemacht,
-ehe &mdash; unglaubliche Nachlässigkeit des Generals! &mdash; die Nachricht
-ihrer Annäherung bekannt wurde. Dennoch brachen, als endlich der
-Generalmarsch sie aufschreckte, die Bataillone compagnieweise, wie sie
-einquartiert waren, durch die Feinde sich Bahn, formirten sich auf
-dem Felde in Sturm-Colonnen und kehrten sofort zum Angriffe zurück.
-Bis zur Mitte der Stadt drangen sie mit aufgepflanztem Bajonnett vor,
-so den größten Theil der Gefährten rettend, welche, da sie vorher das
-freie Feld nicht hatten erreichen können, aus den Fenstern der Häuser
-die Feinde niederschossen. Nur dreißig Mann Infanterie und fast die
-ganze Escadron der Legitimität, welche vom Feinde in ihrem Quartier
-überrascht war, fielen in die Hände der Christinos, wogegen die
-Division auf dem Rückzuge, den sie unverfolgt bewerkstelligte, vierzig
-Gefangene fortführte.</p>
-
-<p>Mehrere Wochen hindurch wurde das Corps in höchst auf<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>reibenden
-und schwächenden Märschen umhergeschleppt, während Don Basilio
-noch immer die Ausführung seiner Pläne in Bezug auf die Cabecillas
-hoffte. Täglich fanden Gefechte mit den überlegenen Feinden Statt,
-stets rühmlich, und die Truppen, schon auf 1300 Mann geschmolzen,
-zeichneten sich fortwährend durch herrliche Standhaftigkeit und Muth
-aus, die leider ihr Führer nicht so kräftig benutzte, wie die Lage
-der Dinge unumgänglich erheischte. Er scheute sich, mit dem Feinde
-zusammenzutreffen, da Erfolg doch nur durch entschlossenes Angreifen
-auch der größten Schwierigkeiten unter solchen Verhältnissen möglich
-wurde. Da kam die Trauerkunde von dem Tode Orejita’s; der Bruch mit
-Palillos entschied sich; bald langte Jara an &mdash; ohne Corps: seine
-Brigade war durch eigene Schuld in ungünstigster Stellung angegriffen,
-zersprengt, vernichtet. Jara ward sofort verhaftet und vor ein
-Kriegsgericht gestellt. Don Basilio aber, nun ganz auf sich beschränkt,
-wandte sich mit den 1100 Mann, die ihm blieben, von vier feindlichen
-Divisionen gedrängt und selbst von Palillos angefeindet, nach
-Estremadura und drang in die Provinz Salamanca ein, von wo er wohl mit
-dem in Alt-Castilien operirenden Corps des Grafen Negri in Verbindung
-zu treten hoffte.</p>
-
-<p>In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ruhte Don Basilio in Vejar, keines
-Angriffes gewärtig, da der Feind am Morgen jenes Tages siebenzehn
-Meilen entfernt war; Pardiñas aber, der am nächsten ihn verfolgte,
-marschirte die ganze Nacht hindurch und war, von Einwohnern von Vejar
-geführt, der Stadt nahe, als die Diana die Carlisten zum Weitermarsch
-rief. Bei dem Klange der Trommeln und Hörner stutzten die Truppen,
-da sie ihre Annäherung verrathen glaubten; der junge feurige General
-stellte sich, ein Gewehr in der Hand, an die Spitze seiner Grenadiere
-und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die carlistischen Bataillone
-marschirten dem Sammelplatze zu, als das Feuer von den Eingängen der
-Stadt her die Nähe der Gefahr<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> ihnen verkündete, da die Christinos von
-ihren Guiden über Felder und Gärten mit Vermeidung der ausgestellten
-Vorposten bis innerhalb der Mauern geleitet waren.</p>
-
-<p>Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in den Straßen. Mit fünffacher
-Übermacht stürmten die Christinos, ihrem kühnen General folgend,
-gegen den Marktplatz; die Carlisten stürzten mit dem Bajonnett ihnen
-entgegen, trotz der Überraschung der gewohnten Bravour treu. Aber von
-allen Seiten gedrängt sahen sie ihre Reihen schnell gelichtet und
-wichen kämpfend; schon betrat Pardiñas den Marktplatz, als er den
-Oberst Fulgocio, in Ferdinand’s Garde einst sein Camerad, zu Pferde vor
-einigen hundert Mann, den Überresten seiner Brigade, halten sah, zu
-festem Widerstand sie ermunternd. „Ergieb Dich, Fulgocio, ergieb Dich!“
-rief Pardiñas ihm zu; doch der heldenmüthige Fulgocio, edel wie wenige
-Spanier, antwortete laut: „Während mein Schwerdt mich schützt, ergebe
-ich mich nicht!“ und sank von Kugeln durchbohrt zur Erde. Seine kleine
-Schaar ward nach verzweifeltem Ringen gebrochen und niedergestreckt, da
-sie Pardon nicht gab noch forderte; alle ihre Anführer waren vor ihr
-gefallen. Zweihundert Mann, die in das Stadthaus sich eingeschlossen,
-ergaben sich, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten.</p>
-
-<p>Don Basilio war wie durch Wunder aus einem Fenster seines Logis und
-über mehrere Dächer hinweg entkommen, da schon die Thüren des Hauses
-vom Feinde besetzt waren. Mit 250 Mann, dem Reste des Corps, welches
-durch seine Sorglosigkeit in Märschen und Überfällen &mdash; doch stets
-glorreich kämpfend &mdash; vernichtet ward, gelang es ihm, nach Aragon
-durchzudringen und der Armee Cabrera’s sich anzuschließen. Alle die
-besten Chefs und Officiere der Division, unter ihnen der General
-Marquis von Santa Olalla, Chef des Generalstabes, ein Brigade-
-und drei Bataillons-Commandeure waren gefallen; Wenige, darunter
-Oberstlieutenant Alcalde vom Generalstabe<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> und der Commandeur des
-Bataillons von Valencia, Beide verwundet, fielen in die Hände der
-Christinos. Auch Jara, der kein gutes Loos erwarten mochte, hatte
-freiwillig als Gefangener sich ausgeliefert.</p>
-
-<p>Unter den Todten befand sich mein Chef und Freund, der Commandeur des
-7. Bataillons von Castilien, Oberstlieutenant Sabi, fast in jedem
-Gefechte verwundet und immer gleich unerschrocken. Mit noch offener
-Wunde verließ er die Nordprovinzen, um im Anfange der Action von
-Sotoca wiederum von einer Kugel getroffen zu werden. Dann fiel er bei
-Valdepeñas in die Gewalt der Christinos, die Brust bis zum Rücken
-durchbohrt; gegen einen dort gefangenen Escadrons-Chef ausgewechselt,
-so wie er transportirt werden konnte, fiel er an der Spitze von 140
-Mann, der kleinen Schaar, die von seinem Bataillon ihm geblieben, als
-er, wiewohl noch schwach und ohne Commando, gegen den anstürmenden
-Feind sie begleitete. So viele treue Gefährten sanken da in die frühe
-Gruft! Von allen Officieren meines Bataillons retteten sich nur zwei
-nach Aragon; der eine von ihnen ward dort bei der Belagerung von
-Morella getödtet, mir lieb wie ein Bruder. Glücklich, glücklich preise
-ich sie: sie ruhen in dem Schooße der Heimath, sie kennen nicht,
-wie ihre trauernden Gefährten, den bittern, erdrückenden Schmerz,
-verrathen, verkauft dem Monarchen, für dessen Rechte sie ihr Blut
-vergossen, in die kalte Fremde folgen zu müssen, ihren König gefangen
-schmachten zu sehen und das Vaterland unter dem Joche revolutionairer
-Anarchie seufzend zu wissen. Sie errangen sich herrliches,
-beneidenswerthes Loos!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das
-Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so
-bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro
-zu spielen, wozu er, der<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> Navarrese, das Corps von Castilien benutzte.
-Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in
-der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete
-sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich
-mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig
-geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen.</p>
-
-<p>Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem
-Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete.
-Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im
-Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei
-Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando
-derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem
-Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz
-Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin &mdash;
-und wie ging es unter! &mdash; Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und
-Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er
-nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher
-Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte
-wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet!</p>
-
-<p>Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details
-verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und
-Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen
-lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer
-Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den
-Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu
-widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher
-in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde.
-Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches
-dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser
-Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> nicht die Absicht, doch
-auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt,
-denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die
-Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war
-Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen
-Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum,
-nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug
-der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher
-Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem
-Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche
-Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und
-Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und
-Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward
-nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri
-hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und
-rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch
-unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren
-waffenlos, vertheidigungslos &mdash; und ergeben folgten sie ihrem Führer;
-seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt
-&mdash; und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden,
-mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie
-marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren.</p>
-
-<p>Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und
-erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte
-Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum
-Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen
-Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra,
-verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero
-sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos
-aufgebrochen, es<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen,
-mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die
-Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen,
-einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug
-sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den
-Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht
-und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede
-Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch
-und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie
-hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt
-gefunden.</p>
-
-<p>Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch
-rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen
-zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu
-belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt
-Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt,
-da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten
-Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden
-Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet
-er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest
-den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf
-der Führer Stimme Feuer geben. &mdash;&nbsp;&mdash; Die Gewehre sinken aus den
-erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver
-untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk
-vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen
-Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht
-Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer &mdash; fielen wehrlos in des
-übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete.</p>
-
-<p>So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach
-der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem
-anregen durfte; seine beiden Theile sanken<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> gleich brav, gleich nutzlos
-hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war
-glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen
-die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen
-auch des Feindes Bewunderung davon tragend.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und
-hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen
-unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem
-auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte
-Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen
-gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile
-seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich
-denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen
-neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz
-entsendete,<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>
-Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der
-Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand
-nahmen.</p>
-
-<p>Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero
-so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das
-Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß
-er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava,
-welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach
-umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die
-reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete
-und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem
-Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze
-derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so
-viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere
-die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen
-Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer
-Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind
-benutzen konnte.</p>
-
-<p>Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann,
-von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000
-Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ
-das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja
-er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der
-Artillerie unendlich erschwert<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> wäre; dagegen nahm er eine Stellung
-zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem
-heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand,
-bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für
-Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann
-mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des
-Generals &mdash; der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die
-Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen
-blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte &mdash; nur auf drei Tage mit
-Schießbedarf versehen war.</p>
-
-<p>Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche
-im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon
-Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich
-von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche
-Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete.
-Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische
-Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der
-Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden,
-wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß
-entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden
-Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein
-einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung
-stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der
-schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese
-Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst
-an die Spitze der Husaren,<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> warf im glänzenden Choc das Bataillon
-von Navarra<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren
-Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von
-Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit
-Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen;
-in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut
-und floh in wilder Auflösung.</p>
-
-<p>Der Feind nahm fast die ganze Artillerie der Carlisten, von der
-Espartero mehrere in den Fabriken der Provinzen verfertigte Geschütze
-wegen ihrer besondern Schönheit als Merkwürdigkeit nach Madrid sandte,
-auch machte er eine bedeutende Zahl Gefangener. Am Nachmittage zog er
-in Peñacerrada ein, da die Garnison, so wie sie die deckende Armee
-auf der Flucht und die Christinos im Begriff sah, ganz die Festung
-einzuschließen, ohne Mittel zu längerer Vertheidigung sie verließ und
-in die Gebirge sich rettete. Der moralische Eindruck dieses Sieges
-war außerordentlich: gewiß ist er der größte und wichtigste, den
-Espartero mit den Waffen in der Hand je errungen hat, und Muthlosigkeit
-verbreitete sich bei der Nachricht des Geschehenen durch die Provinzen.
-Drei Tage später ward Guergué, als General en Chef ganz untauglich, des
-Oberbefehls enthoben.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> La Mancha umfaßt die Provinzen Toledo und Ciudad Real,
-beide zu Neu-Castilien gehörend.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Tallada nahm kurz vor seiner Bereinigung mit Don
-Basilio einige Compagnien der königlichen Garde gefangen, und ließ
-die Officiere derselben trotz der zugestandenen Capitulation niedrig
-ermorden &mdash; aus Habsucht. Seit dem Augenblicke dieser Schandthat wich
-alle Energie, die vorher ihn ausgezeichnet hatte, von ihm, und ein
-furchtsames Schwanken und Geistesabwesenheit lähmten seine Talente, wie
-er denn von Unglück zu Unglück dem schnellen Untergange zueilte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Jedes bedeutende Dorf in der Mancha war zum Schutze gegen
-die Banden befestigt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Da die Züge Merino’s, deren Résumé Abmarsch, Aufenthalt
-in den Wäldern und Vernichtung ist, keine nähere Erörterung verdienen,
-erwähne ich ihrer hier kurz. Eine unbegreifliche Verblendung ließ
-diesen Greis, der längst sich überlebt hatte und dessen Ruhm seine
-Thaten weit überragt, in dem Jahre 1838 mehrfach zum Anführer kleiner
-Corps bestimmen, die er denn auch so trefflich zu handhaben wußte, daß
-er jedes Mal ganz ohne Truppen zurückkam. Es scheint wahrlich, daß es
-damals den Heerführern der Basken nur darauf ankam, der Castilianer
-sich zu entledigen, gleichviel auf welche Art. &mdash; Merino hatte zu
-seiner Zeit nur Cavallerie geführt und hatte gar keinen Begriff von der
-Infanterie; doch gab man stets ihm solche. Er verließ die Provinzen
-mit zwei Bataillonen, verlor sie, entkam nach Aragon, nahm dort das
-Commando der Castilianer-Bataillone, die von Zariategui dorthin sich
-gerettet hatten, zog, nachdem er der Belagerung von Morella beigewohnt,
-gegen Cabrera’s Willen &mdash; auf höheren Befehl &mdash; damit aus, verlor sie,
-kehrte nach Navarra zurück, erhielt neue drei Bataillone und verlor
-sie wieder in Castilien. Von da an blieb er unthätig. Es ist bekannt,
-wie der Gram ihn tödtete, da er bei Maroto’s Verrath im verhaßten
-Franzosenlande Zuflucht suchen mußte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Espartero soll persönlich sehr brav sein und zeigt dieses
-gern, indem er sich an die Spitze seiner angreifenden Escadrone stellt.
-Doch erzählten mir christinosche Officiere, welche bei jenem Angriffe
-sich befanden, daß Espartero, da die Husaren von Arleban mit Festigkeit
-chargirten, schweigend sein Pferd wandte und von der Tete zu der Queue
-der Colonne ritt.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier16" name="zier16">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 16" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XVII">XVII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im
-Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien
-gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von
-Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen
-Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche
-in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule
-machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in
-Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner
-Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade
-in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef
-des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche
-die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem
-er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht
-fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes
-Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene
-Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande
-zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet
-hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. &mdash;
-Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist
-fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des
-Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit
-durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein
-Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die
-Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief
-liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu
-haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-<p>Dieser war der Mann, den Carl&nbsp;V. berief, um durch sein Talent die
-Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee
-der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun,
-auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen
-können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto
-hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne
-doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben.
-Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte
-er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen
-und wurde &mdash; sein erstes selbstständiges Commando &mdash; im Jahre 1836
-zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem
-ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem
-Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden &mdash;
-denn andere Namen verdienten sie nicht &mdash; der dortigen Carlisten zu
-bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen
-und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß,
-aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht
-fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die
-Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er,
-persönlich seine Pläne zu betreiben.</p>
-
-<p>Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die
-Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel
-zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen
-beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber,
-die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren
-Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete
-Parthei, d.&nbsp;h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn
-vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache
-die <em class="gesperrt">gerechte</em> war, Alle, welche bereit waren, für ihn den
-letzten<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich
-gemäßigt: sie widmete sich der Vertheidigung Carls&nbsp;V., um ihre
-persönlichen Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und
-betrieb den Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte,
-möge nun Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich
-möglichst fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende
-sich an, theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher
-Verzagtheit. Wie empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen
-Verhältnissen des Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht
-selten als schönes Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und
-muß denen als Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen.
-Es giebt Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen,
-„Alles oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich
-begnügen wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In
-solchem Falle fanden sich die Carlisten.</p>
-
-<p>An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn
-des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten
-ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine
-Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch
-solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften
-folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener
-Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß
-auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon
-streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen
-Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie
-wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo,
-Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres
-gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von
-Beira, mit der Carl&nbsp;V. sich zu vermählen gut fand, über ihre
-Zwecke zu täuschen und<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne
-aber gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen
-es ahnete; vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan,
-hinreißen zu dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die
-Lockung groß, ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich,
-verkaufte das ihm anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der
-so hoch ihn gehoben hatte; er ward zum Verräther! &mdash; Ehe er aber den
-entscheidenden Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich
-befreien, die, treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als
-Gegner sich ihm darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln
-durchschauten und ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht,
-was förderlich war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend
-vollendete der Verrath sein Werk.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl
-geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller
-Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich
-erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge
-wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die
-Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und
-gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet;
-selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern
-geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte,
-wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.</p>
-
-<p>Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum
-Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand &mdash;
-wohl zu besserm Zwecke &mdash; gespendet, die seit langer Zeit leeren
-Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne
-zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten.
-Während er also sie gehorchen<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse
-mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte
-Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst
-überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig
-ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui.
-Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie
-die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde,
-mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die
-Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der
-das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden
-Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten
-Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen
-diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm
-stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich
-ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des
-Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und
-so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit
-ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber
-noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte,
-waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten
-und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der
-Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und
-&mdash; so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an
-dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr!
-sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in
-freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!</p>
-
-<p>Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem
-Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu
-benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und
-Norden zugleich entscheidende Schläge<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> versuchten: Morella, Solsona
-und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens
-gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere
-Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder
-erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.</p>
-
-<p>Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher
-theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> machen, wozu
-der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr
-günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf
-den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18
-Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in
-dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt
-und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und
-Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen
-von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die
-Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen
-anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den
-carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen
-Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück
-und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon
-auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen
-werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst
-besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt,
-alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten
-und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen
-Einwohner<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter
-ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die
-Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit
-ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.</p>
-
-<p>Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in
-großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt,
-und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen
-der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph
-nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene
-Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt,
-daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem
-moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben;
-ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn
-aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben
-auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten
-niederzuschlagen. &mdash; Espartero spatzierte fortwährend von einem der
-festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je
-einen Schritt zur Ausführung zu thun.</p>
-
-<p>Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen
-konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit
-dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in
-Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen
-hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die
-Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die
-seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine
-Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben
-und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister
-traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit
-des liberalisirten Spaniens. &mdash; Vielleicht war es<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> nicht die Absicht
-des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich
-entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine
-Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere
-Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer
-so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter
-Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen
-durfte. &mdash; Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit
-Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß
-diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung
-zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so
-opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze
-einst desto sicherer und leichter zu erfassen. &mdash; Wie dem auch sei,
-ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die
-Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort,
-da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen
-Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und
-Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.</p>
-
-<p>Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen.
-Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu
-gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann
-mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der
-Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am
-6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen
-Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt
-wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte...
-Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella
-war ganz aufgegeben! &mdash; Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte
-einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere
-Niederlagen unmittelbar<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> hinter einander gelitten; ein anderes Corps
-sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s
-Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer
-Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren,
-durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den
-feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da
-dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach
-überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem
-Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden
-Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya
-in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.</p>
-
-<p>Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam,
-Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich
-ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen
-Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz-
-und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps
-eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras
-von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger,
-hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob
-Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten
-krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner
-Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra
-überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder
-kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der
-Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den
-baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen,
-da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit
-Beute beladen anlangte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte,
-wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao
-und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit
-die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in
-die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum
-der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19.
-September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen
-Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona
-heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht
-ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes
-Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der
-Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> Doch da
-Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch
-Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain
-ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches
-den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke
-des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung
-mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der
-bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden
-carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und
-zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte
-die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie
-ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la
-Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis
-der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter
-denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> der als
-Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400
-Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes
-gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende
-Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre
-Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu
-setzen.</p>
-
-<p>Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie
-als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen
-ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls&nbsp;V., der Prinz von
-Asturien.<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut,
-da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl&nbsp;V.
-wohl sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der
-Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter
-den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen
-Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde
-Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige
-Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen,
-oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen
-in Cadix’ Casematten belebten! &mdash; Andere wollten den Augenblick für
-unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten,
-ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten
-und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten,
-ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht,
-welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls&nbsp;V. milden
-Charakter ihr gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten
-Gemäßigten, vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre
-wahren Zwecke bis zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war
-sie, ohne es zu ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p>
-
-<p>Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein
-Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien.
-Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der
-Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte
-einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den
-vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter
-Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und
-ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung
-jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also
-Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken
-betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">paz
-y fueros</span>“ &mdash; Friede und Privilegien &mdash;. Vielleicht wäre sein Plan
-besser ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten
-gehegt und mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie
-hätte dieser nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des
-Mannes zu hemmen, ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege,
-die Waffen in der Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit
-Aufopferung der heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch
-seine Habgier zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg <em class="gesperrt">seinen</em>
-Verkauf unnütz oder weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen
-würde!</p>
-
-<p>Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches
-Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen
-zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden
-suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge.
-Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet
-ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt &mdash; man
-sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken &mdash; auf
-einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich
-ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Muñagorri
-stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden
-lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen &mdash; wie so oft
-in Spanien der Fall war &mdash; endete desto unbeachteter und erfolgloser,
-je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und
-Besorgnisse erregt hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden
-Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten
-unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die
-Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende
-General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in
-der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang.
-Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die
-zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung,
-wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog
-und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich
-selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action,
-welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don
-Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen
-suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl
-jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und
-Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es
-auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf
-Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach
-Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr
-von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim
-Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde
-hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die
-Schwere des deutschen Armes fühlbar machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p>
-
-<p>Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die
-Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> an der
-Küste von Afrika, Carl&nbsp;V. proclamirten und mit den Gefangenen,
-die fast alle wegen politischer Verbrechen, d.&nbsp;h. wegen Anhänglichkeit
-an ihren König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich
-vereinigten. Auch in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke
-angezettelt und entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz
-Malaga entfloh; Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt
-und genöthigt, eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward,
-daß Garnison und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt
-würden, um der carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig
-hinzuzusetzen, daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein
-Befehl des Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft
-wurden.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war
-sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus jede
-Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in den Straßen,
-und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke offen. Espartero ließ
-es am Ende des Krieges sprengen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir
-die Action, wie ich sie gebe.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Principe de Asturias</span> ist der Titel der spanischen
-Kronprinzen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika
-finden sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier17" name="zier17">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 17" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XVIII">XVIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix
-hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens,
-war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des
-Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung
-auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten.
-Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist
-und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das
-duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im
-Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter
-Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet,
-mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten
-auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den
-Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu,
-in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und
-bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm
-helfen konnten. &mdash; Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung,
-jede Communication uns abzuschneiden.</p>
-
-<p>Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war
-zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und
-Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder
-erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den
-Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des
-Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben
-aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile
-nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefan<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span>genen
-zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen
-Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns
-hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> durch das
-Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha
-oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der
-verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben
-entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen,
-fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos,
-unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und
-doch noch hoffend &mdash; da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln &mdash;
-eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch.... ha!.. sie sind
-nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die
-Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva</span>!</p>
-
-<p>Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher
-knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.</p>
-
-<p>Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu
-ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache
-Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten
-der Revolution davon trugen. Der Tod &mdash; wenn ein Übel &mdash; war ja nur
-ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre
-Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod!
-Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere
-Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen
-der Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> zu sein“,<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die
-Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend,
-um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden
-sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl
-beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel
-erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward
-auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend
-durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf
-und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden
-andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele
-und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der
-Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen
-Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem
-Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende
-Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen
-weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe
-ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie
-verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum
-Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen
-Feldes<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> vertauschen sollten.</p>
-
-<p>War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in
-der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht.
-Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte
-schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft
-trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die
-Andern zu Gomez und des Grafen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> Negri Corps, Einige zur Division
-Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den
-Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden;
-doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen
-und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen.
-Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich
-aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf
-vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der
-Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl
-nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte
-sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den
-Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher
-Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl,
-fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte
-Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der
-Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte &mdash; besser:
-im Blut ertränkte &mdash; bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den
-Ihrigen.</p>
-
-<p class="mtop2">Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer
-ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen,
-welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto
-gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General
-hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu
-verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber
-das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen,
-dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind
-folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger
-bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut
-lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte
-Mährchen erzählten, während die schändenden Tha<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span>ten, welche ihn
-zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer
-der Vergessenheit gesenkt wurden.</p>
-
-<p>Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum
-ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung
-ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht
-eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit
-Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die
-ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und
-die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten
-den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in
-Schranken zu halten vermag.</p>
-
-<p>O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und
-Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu
-hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte
-ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so
-oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte!
-Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht
-getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit;
-schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in
-dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk
-der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem
-Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich
-gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil
-den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend,
-umgaben den betrogenen Monarchen, der &mdash; wie zu oft der Edele &mdash;
-solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche
-einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>
-noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben;
-noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung
-Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt,
-welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten
-und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen
-zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war
-beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten
-seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit
-waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und
-das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde,
-verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt
-hatte.</p>
-
-<p>Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung
-sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale,
-welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren
-Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk,
-beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen
-erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen
-Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des
-Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction
-zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische
-Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand
-schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage
-den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge;
-er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft
-erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen.</p>
-
-<p>So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche
-während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge
-von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten,
-nehmen und den größern Theil dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> Provinz erobern sollten. Den
-Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit
-vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem
-für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige
-Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe
-Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich
-gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen
-ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt.</p>
-
-<p>Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte,
-erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet;
-einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden
-Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten
-befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant
-Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra
-ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er
-wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef
-die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens
-beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona
-und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen
-gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken
-herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos
-erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel
-mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens
-einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines
-Monarchen die fünf Generale füsilirt.</p>
-
-<p>Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde
-unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die
-unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche
-Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche
-sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> betäubender Schlag
-getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale
-gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe
-auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand
-ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character,
-seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen
-Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig
-gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia,
-der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er
-die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung
-er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer
-gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern
-Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen
-möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten
-makellos, keinen Angriff scheuend. &mdash; Und dennoch! auf der andern Seite
-stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen
-unserer Parthei! &mdash; Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel
-und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das
-gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich
-Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit
-auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die
-sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener
-Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot?</p>
-
-<p>Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig;
-ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und
-erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen
-Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der
-vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie
-vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister
-von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu
-vereinigen: man wußte<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> ja nicht, ob man den Freund sah oder einen
-versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht
-genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue
-Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen.</p>
-
-<p>Da erschien eine Proclamation Carls&nbsp;V., welche Maroto’s
-Verfahren als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er
-ward für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben.
-Die Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt
-und den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den
-König geübt; mehrere Anführer &mdash; so Valmaseda und Don Basilio Garcia
-&mdash; rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das
-königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht
-Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er
-im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich
-stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er
-sei zu den Christinos übergegangen.</p>
-
-<p>Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die
-Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die
-auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der
-Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten
-Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren
-Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den
-unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst
-die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer
-neuen Proclamation erklärte Carl&nbsp;V., daß er von der Unschuld und
-dem Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen
-als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das
-frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und
-Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König
-erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte,
-triumphirend mächtiger da<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende
-Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt.
-Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so
-viel Blut gehoben hatten.</p>
-
-<p>Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten,
-mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio
-Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten
-und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit
-den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu
-dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend,
-das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den
-Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte
-Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen
-Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles,
-seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten
-die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden
-Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen
-General, um König zu sein.</p>
-
-<p>Der erste Act des Trauerspieles war vollendet.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige
-Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und
-berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines
-Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche
-zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten,
-drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche
-Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen!</p>
-
-<p>Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> Gefangenen,
-welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des
-Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig
-Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm
-täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen
-befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der
-Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren
-der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der
-Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum
-Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als
-solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt
-werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul
-von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und
-sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur
-die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder
-eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte,
-manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und,
-unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten
-Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur
-Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde
-hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu
-versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des
-britischen Consul als höchstes Gesetz gelten.</p>
-
-<p>Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens
-nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir
-siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß
-ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte
-nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für
-tausendfache Gräuel! &mdash; Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches
-Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So
-viele<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte
-sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen
-Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein
-und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er
-an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem
-schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden
-Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen
-des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen
-gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die
-Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz
-der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen
-der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an
-das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen
-trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der
-Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm,
-und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder
-heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu
-weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück.</p>
-
-<p>Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den
-verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich
-empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche
-zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der
-ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins bis
-zur Juli-Revolution als Officier in Carls&nbsp;X. Schweizer-Garde,
-nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er,
-getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien
-eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück
-wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen,
-wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem
-Expeditions-Corps des Grafen Negri nach<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> Castilien und befand sich
-unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente
-Wuth wehrlos den Feinden überlieferte.</p>
-
-<p>Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich
-die Aufmerksamkeit auf sich &mdash; ich hörte die Spanier, denen solche
-kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes
-Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn
-vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und
-Leiden des Herrn sie dargestellt sehen &mdash;; die erhabenen Eigenschaften
-des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick
-hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den,
-der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten.
-Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an
-einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und
-Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch
-trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte
-ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines
-Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle
-für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den
-verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet.</p>
-
-<p>Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das
-sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen
-unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben
-ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes
-Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis
-überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten
-Kohlen wedelnd anfachte.</p>
-
-<p>Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung
-Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an,<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> in der von
-Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach
-Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste
-einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen
-andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen
-in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich von
-dem Freunde. &mdash; Als wenige Monate später der Übertritt Carls&nbsp;V.
-nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach
-der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf
-Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den
-Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien
-zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die
-beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der
-Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend
-zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte,
-begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel
-seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der
-Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens
-war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet.</p>
-
-<p>Früher sagte ich, wie Maroto während des Winters durch die Anlegung
-mehrerer befestigter Punkte seine Herrschaft nach Alt-Castilien
-hinein ausgedehnt und zugleich Vizcaya gegen Angriffe von Westen
-her gedeckt hatte; die hauptsächlichste dieser Befestigungen war
-die des Fleckens Ramales in der Provinz Santander, über dem ein
-sehr starkes, regelmäßiges Castell errichtet war. In dem Orte
-war eine Kanonengießerei, die bei der Annäherung der Christinos
-zurückgezogen wurde. Aller jener festen Punkte sollte also Espartero
-sich bemächtigen, um dann nach Vizcaya vordringen zu können; Maroto
-zog sich vor den<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> anrückenden Feinden langsam auf Ramales zurück.
-Schon nicht fern von diesem Punkte ward der Marsch der Christinos
-plötzlich aufgehalten: eine Höhle, in der Mitte einer senkrechten
-Felswand und nur mit Leitern zu ersteigen, war von dreißig Mann und
-einem Vierpfünder besetzt, welcher vollkommen die einzige durch die
-Schlucht sich windende Straße beherrschte. Drei schwere Geschütze
-wurden sofort gegen die Höhle aufgepflanzt und zwangen am folgenden
-Tage die Besatzung, sich zu ergeben, so daß der Zug fortgesetzt werden
-konnte. Mehrere kleine Forts, um nicht unnütz die Zeit zu verlieren,
-ergaben sich sofort, andere wurden geräumt; nur in Ramales, als dem
-wichtigsten Punkte, sollte der Schein eines kräftigen Widerstandes
-gerettet werden, weshalb Maroto eine ausgesuchte Garnison unter sehr
-entschlossenem Gouverneur in das Fort legte. Nachdem er am 30. April
-die herrlichsten Stellungen, wie jene Gebirge nur sie bieten konnten
-und wie sie stets den Heeren der Christinos ganz unzugänglich gewesen,
-nach kurzem Scharmützel mit den feindlichen Massen verlassen und so
-die Zugänge zum Fort ihnen frei gegeben hatte, stellte er mit seinen
-vierzehn Bataillonen rückwärts nahe demselben sich auf.</p>
-
-<p>Espartero drang sogleich vor und errichtete die Batterien, während
-er eilf Bataillone der Garde dem carlistischen Heere zur Beobachtung
-gegenüber placirte; Maroto that keinen Schuß auf sie, sich mit der
-Rolle des müssigen Zuschauers begnügend. Bald begannen die Batterien,
-auf sehr große Distance angelegt, ihr Feuer gegen die Wälle des Forts,
-ohne den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen, und setzten
-es mehrere Tage lang mit großer Lebhaftigkeit und vielem Lärmen
-fort. Dann, da die Kanonen keine Wirkung hervorgebracht hatten,
-sandte Espartero seine zwei Bataillone Guiden vorwärts, welche, kaum
-belästigt, bis zum Fuße des Glacis drangen, dort sich etablirten
-und hinter Parapeten ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer gegen die Werke
-eröffneten. Es ist leicht zu erachten, welchen Effekt diese neue<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span>
-Belagerungsmethode haben mußte; viel Pulver wurde verknallt, und die
-Garnison des Forts lachte darüber. Doch das wurde wohl langweilig,
-und für das damit Beabsichtigte war genug gethan; so kam denn am
-dritten Tage dieses Feuerns &mdash; am 8. Mai &mdash; ein Expresser Maroto’s und
-brachte dem Gouverneur des Forts die Ordre, da keine Hülfe möglich,
-also Vertheidigung unnütz sei, unter möglichst guten Bedingungen zu
-capituliren, worauf die Garnison, gegen welche eben so viele feindliche
-Gefangene abgeliefert wurden, das Fort übergab und zu der carlistischen
-Armee zurückkehrte, die bereits auf dem Rückzuge begriffen war. Die
-Christinos fanden die Werke im besten Zustande und die Magazine mit
-allem Nöthigen überfüllt; Espartero sandte pompöse Berichte nach
-Madrid, in denen er die unbegränzte Todesverachtung der nie besiegten
-Vertheidiger der Constitution und der unschuldigen Königinn auf das
-glänzendste hervorhob und ehrend die Bravour der feindlichen Armee und
-die Festigkeit der Garnison anerkannte. Maroto erließ Proclamationen
-in gleichem Sinne und überhäufte die Vertheidiger des Forts mit
-Ehrenbezeugungen, die sie erröthend empfingen, seine Armee mit
-schmeichelhaftem Lobe und Belohnungen, während sie fortwährend ohne
-Schwerdtschlag sich zurückzog.<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a></p>
-
-<p>Am 10. Mai ergab sich Guardamino, worauf die christinosche Armee in
-Vizcaya vordrang, ohne daß Maroto eine der unnehmbaren Positionen, an
-denen so oft die Feldherren der Usurpation gescheitert, zum Schlagen
-benutzt oder einen Versuch gemacht hätte, in den wilden Schluchten und
-Ketten, so gefürchtet vom Feinde, den Eroberungen desselben ein Ziel
-zu setzen. Im Gegentheil, Valmaseda, Arciniaga und die andern festen
-Punkte Vizcaya’s, mit so vielem Blute behauptet, unter so vie<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>len
-Beschwerden befestigt, wurden ohne Widerstand verlassen; am 22. Mai
-besetzte Espartero Orduña, die Hauptstadt der Provinz, und eilte, zum
-Waffenplatze sie umzuschaffen. Selbst die berühmte Peña de Orduña, den
-Paß über den Hochrücken der Pyrenäen, den hundert Mann gegen ein Heer
-vertheidigen, fand er unbesetzt.</p>
-
-<p>Schrecken, Entsetzen ergriff die Basken, ihr Vertrauen wich, da sie
-so Unerhörtes, nie für möglich Gehaltenes sahen; wo waren die Zeiten,
-in denen der große Zumalacarregui seine Landsleute zu Kampf und
-Sieg führte? Die Verschworenen aber streuten heimlich mannigfache
-Gerüchte aus über Transaction und bald zu hoffenden Frieden, dessen
-Herrlichkeiten sie listig dem geängsteten Volke in den schönsten Farben
-ausmalten.</p>
-
-<p>Während Espartero in Vizcaya vorwärts marschirte, war Don Diego Leon
-in Navarra thätig gewesen. Die Carlisten hatten wenige Stunden von
-Pamplona entfernt eine Brücke über die Arga geschlagen und sie durch
-eine regelmäßige Verschanzung, das Fort von Velascoain, gedeckt; ihnen
-war dadurch der Übergang über jenen Fluß gesichert, und sie konnten
-nach Belieben das feindliche Navarra bis Ober-Aragon hin durchstreifen.
-General Leon zog mit vierzehn Bataillonen gegen dieses Fort, zu dessen
-Unterstützung zwei navarresische Bataillone, spät durch andere zwei
-verstärkt, dort waren.<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> Das Kanonenfeuer, am 29. und 30. April mit
-großer Lebhaftigkeit und Kraft unterhalten, brachte gar keine Wirkung
-auf die Besatzung hervor, weshalb General Leon, ein entschieden
-braver Mann, nachdem er die Jäger-Compagnien bis zum Fuße der Werke
-vorgeschoben,<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> an der Spitze seiner Bataillone unter dem heftigsten
-Feuer der Garnison den Fluß passirte. Einige Bataillone drangen zum
-Sturm in geschlossenen Massen vorwärts, während die andern rechts und
-links vom Fort gegen die carlistischen Bataillone sich wandten. In
-Gefahr, abgeschnitten zu werden, und ganz ohne Hoffnung auf Entsatz
-verließ die Garnison die Verschanzungen, in denen der Feind fünf
-schwere Geschütze erbeutete.</p>
-
-<p>Don Diego Leon ward von diesem Siege &mdash; er hatte wiederholt der
-Sache der Constitution sehr wichtige Dienste geleistet &mdash; zum Grafen
-von Velascoain ernannt; Espartero aber, weil er ohne Sieg der Armee
-Maroto’s in das Innere von Vizcaya gefolgt war, erhielt den Titel des
-Herzogs des Sieges &mdash; duque de la victoria &mdash;, den einst mit mehr Recht
-Carl&nbsp;V. dem getödteten Zumalacarregui verliehen hatte, das Andenken des
-unbesiegten Helden zu ehren.</p>
-
-<p>Der zweite Act des großen Trauerspieles war vollendet!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Es befanden sich zwischen dreihundert und vierhundert
-Officiere in Cadix, den Expeditionen Negri’s, Don Basilio Garcia’s
-und Merino’s, dem Heere Cabrera’s und den Partheigängern der Mancha
-angehörend. Letztere wurden später alle erschossen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Ihre Lieblings-Phrase: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ya les haremos à Ustedes
-sentir lo que es el ser prisionero nuestro</span>.“</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Die Spanier bezeichnen den Kirchhof mit dem Namen des
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">campo santo</span>.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe,
-übereinstimmend von christinoschen und carlistischen Officieren, welche
-als Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger
-zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den
-feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten konnte.
-Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den Nordprovinzen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier18" name="zier18">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 18" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XIX">XIX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden,
-welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen
-entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles
-zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von
-den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise,
-uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in
-Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In
-dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters,
-die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden,
-die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers
-Munde, ertönte &mdash; noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl &mdash;
-schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die
-Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele
-Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich
-schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt,
-die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den
-Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt,
-in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich
-uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln
-überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende
-Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie
-Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern
-die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend.
-Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht
-ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span></p>
-
-<p>Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer,
-nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu
-können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit
-außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche
-wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie
-aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und
-langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten
-Schiffen. Unsere Bedeckung &mdash; ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen
-&mdash; bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten,
-während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte
-die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf
-die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches
-Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für
-eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung
-gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem
-andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils
-erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal,
-welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die
-Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt
-sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen
-Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte
-entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns
-escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen
-seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos
-unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz
-gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns
-zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß
-sein.</p>
-
-<p>Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach
-Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste
-entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> der höchsten Pracht
-entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten
-in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der
-das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo
-umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand
-versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste
-Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg
-erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten
-vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die
-gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit
-sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel
-Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen
-dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick
-mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße
-des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit
-an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt
-durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden
-Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den
-Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der
-einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein.</p>
-
-<p>Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer
-mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch
-einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu
-beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den
-dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben
-lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den
-Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr
-reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen
-die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte.
-Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> scharf über die
-niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des
-stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach
-von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe
-der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse
-empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt
-der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs&nbsp;XIV.
-ihnen die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst
-in eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter
-den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den
-Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als
-Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und
-die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben
-sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel
-zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden
-Rivalen unterliegen.</p>
-
-<p>Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße
-von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden
-Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen
-vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem
-Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt
-auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende
-Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen
-construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den
-Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche
-Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte.</p>
-
-<p>Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an
-Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern
-der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der
-Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche
-jetzt über den ganzen Erdball hin<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> das Loos der Nationen lenken, auf
-lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind
-sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege
-alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige
-Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands
-Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen
-in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als
-Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden
-Roma für ihre Nachkommen <em class="gesperrt">die</em> Männer halten, deren schlaffer,
-knechtischer Geist selbst den <em class="gesperrt">Gedanken</em> der Thaten ihrer
-Vorfahren nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst
-Carthago in seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß
-als Feldherr und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die
-Herrschaft der Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß
-längst, daß ein Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften
-Indiens und bis in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was
-ward aus der pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen
-durfte, deren Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen
-Reichthümer der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren
-Herrscher sich rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe?
-Was ward aus Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter
-schmähliches Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch
-nur die alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin
-Stadt zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens
-Belagerung ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha
-gebeut in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch
-Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten
-beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die
-erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p>
-
-<p>O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! &mdash; Und das Meer unter allen
-Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar
-getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia
-zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril
-passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche
-Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende
-Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne
-glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht
-endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die
-sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und
-her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene
-täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich
-schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und
-erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen
-das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr
-auffiel.</p>
-
-<p>Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner
-schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont
-überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die
-Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen
-Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten
-Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und
-banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die
-Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum
-warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt,
-etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf
-einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> über uns,
-wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und
-das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen.
-Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten
-Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst
-von seiner Last befreit war.</p>
-
-<p>Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige
-Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen
-und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das
-Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch
-auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser
-überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände
-einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über
-uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf
-zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche
-es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer
-ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit
-Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf
-dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten,
-in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten.</p>
-
-<p>Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf
-dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war
-mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende
-Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und
-Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie
-das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten.
-Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem
-Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben
-einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um
-nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> über das Verdeck
-hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das
-Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen
-meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die
-Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit
-erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser
-von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den
-Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei
-ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden
-Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben
-Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten
-und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich
-zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon.</p>
-
-<p>Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte.
-Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der
-vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur
-Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn
-zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht
-unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht
-ergänzen.</p>
-
-<p>Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte
-wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend
-und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber
-erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die
-später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande
-fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns
-befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder
-angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren,
-&mdash; ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander
-wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen &mdash; überwachten
-wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> die Zubereitung des Mahles.
-Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit,
-durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen
-Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff
-vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens
-blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches
-Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada
-am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt,
-während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild
-der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche
-Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der
-Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße
-noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos,
-begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der
-spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von
-Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend.</p>
-
-<p>Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich
-aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend
-in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens
-Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt
-von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge.
-Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s
-Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus
-Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald
-langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die
-finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere
-zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte
-des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse
-fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen
-in<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend
-weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche
-hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen
-die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme
-der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte
-schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den
-Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet
-hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn
-priesen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre
-zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine
-Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine
-drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße
-führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden
-nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte
-Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den
-Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten
-versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand
-entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten
-Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren
-und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus
-dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth
-der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt
-waren.</p>
-
-<p>Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer,
-durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist,
-versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde
-Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten
-Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit
-Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie
-bestimmt,<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus
-unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro
-abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst
-insultirt und beschimpft.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier
-Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem
-Namen der Huerta &mdash; des Fruchtgartens &mdash; von Valencia bekannt ist,
-so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie
-die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu
-sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten
-Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit
-über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend
-ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu
-hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in
-unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des
-Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne
-schützend.</p>
-
-<p>Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist
-nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten
-zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche,
-dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten
-Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu
-begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen,
-was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe
-kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie
-leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich
-vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte
-Fremde Alles dort bewundert,<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur
-reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte.</p>
-
-<p>Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von
-Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige
-Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und
-selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte
-gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch
-in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten
-scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich
-und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren
-trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.</p>
-
-<p>Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich
-scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten
-in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an
-geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine
-heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der
-durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem
-herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen
-Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und
-noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro
-bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf
-Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln
-durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug
-fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit;
-doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren
-seiner Wuth zurückgelassen.</p>
-
-<p>Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig,
-lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den
-Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die
-stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> ihrer Voreltern
-treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch
-eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die
-phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima
-angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes
-Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen
-Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite
-schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten;
-das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum
-Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder
-Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen
-Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen
-Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine
-Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln
-Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre
-Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher,
-die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit
-Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges
-Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein
-Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen
-arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas
-mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene
-drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was
-der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.</p>
-
-<p>Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die
-wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß
-die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl
-ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine
-L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden
-dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte,
-stets wieder getäuschte<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am
-Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch
-endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick.
-Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür
-der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten
-unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen,
-und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte
-Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert,
-sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten,
-daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee
-Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix
-zurückbleiben mußten.<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p>
-
-<p>Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen
-den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig
-betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen;
-kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur
-Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links,
-wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne
-die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen
-Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen,
-die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt
-hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit
-der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch
-sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> weithin in dem Grunde
-der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten
-und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren
-gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige
-Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der
-Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos
-umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann
-schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.</p>
-
-<p>Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute
-der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene
-Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im
-Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den
-Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich
-schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns
-Wehrlose gehäuft hatten.</p>
-
-<p>Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen
-Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten,
-die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen
-Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel
-und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das
-Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend
-ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis
-Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier
-so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch
-mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen
-Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden
-Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen
-Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher
-ausgewählt,<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die
-Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir
-in Thätigkeit gesetzt würden.</p>
-
-<p>Unwillig, ferner müssig zu sein &mdash; ich hatte nur zu lange in
-gezwungener Muße mich aufgezehrt &mdash; eilte ich zu unserm Commandeur,
-um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen
-Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen,
-sein Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. Er
-wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers gerettet,
-dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie dann, da ein
-Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem zu überlassen,
-indem er vor dem feindlichen Chef des Depots unauflösbar den Contract
-einging. Juan, ein braver, biederer Sohn des Gebirges, kernig an Körper
-und Geist und Herz, jeder Falschheit unfähig und sie hassend mit der
-ganzen, herrlichen Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich
-ewige Rache athmend, wie unerschütterlich fester Freund &mdash; Juan hörte
-die Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste
-Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in ungewisse
-Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in unsere Casematte
-eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor und las den zwei und
-dreißig, die wir zusammen dort wohnten, die Verpflichtung vor, welche
-Ruiz gegen ihn eingegangen; zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun
-schändlich sein Wort gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben
-und sagte ihm ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten,
-dann mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach in
-Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten verflossen,
-ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte Ruiz das eine derselben
-dar mit den Worten: „Waffen haben wir nicht &mdash; nimm dieses und wehre
-Dich gut; denn wehrst Du Dich, so schlage ich Dich todt, und wehrst
-Du Dich nicht, so schlage ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere
-sahen gleichmüthig dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von
-Ruiz, der den Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte
-sich in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett zu
-ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, um Rettung, bis
-er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm hob, in Todesangst mit
-weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und mein Bett sich warf, unsere Kniee
-flehend umklammerte und &mdash; unter den Betten verschwand. Dem Einflusse
-meines Freundes gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und
-durch die Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute
-eines solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem wieder
-auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot übergeben, der
-ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er entschloß sich dann,
-für Isabella Parthei zu nehmen, und ward aufgenommen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier19" name="zier19">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 19" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XX">XX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der
-Theologie und Inhaber einer kleinen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capellania</span> bei seiner
-Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands
-VII. seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche
-in den Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte
-Carls&nbsp;V. zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt
-stellte er sich an die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen
-Schulcameraden, sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und
-warf sich mit ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau
-sich erweiternden Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro
-ausläuft und jene Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe
-von dem des Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und
-thatendurstig, durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich
-aus, wie durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung
-der schwierigsten Unternehmungen.</p>
-
-<p>Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des
-jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er
-an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen
-gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.</p>
-
-<p>Miralles &mdash; el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt,
-welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820
-hatte &mdash; Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele
-unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle
-dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist
-mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward
-anfangs<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und
-Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft
-der Rationirung des Bataillons ihm oblag.</p>
-
-<p>Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und
-Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines
-Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle
-eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit
-seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich
-oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich
-weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so
-daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er
-während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in
-den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig
-glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte,
-wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen
-nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen
-mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen
-gemacht.</p>
-
-<p>Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm
-unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der
-unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche
-Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung,
-Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende
-Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte,
-dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche
-schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen,
-ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit,
-ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival,
-etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte
-Cabrera drei neue, starke Bataillone<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span> und einige Escadrone Lanciers
-bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste
-Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der
-er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche,
-sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das
-Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile
-unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter
-seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere
-Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen;
-zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da
-glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich
-mehr hindernd und erschwerend hervor.</p>
-
-<p>Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und
-der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera,
-der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum
-Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia.
-Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die
-Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht
-beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia
-die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la
-Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt
-und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten
-wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange
-reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten
-bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren,
-bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte
-Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles
-vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s
-erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges
-nicht heraustreten durfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span></p>
-
-<p>So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee
-von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden
-Provinzen. &mdash; Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch
-dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die
-Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt
-werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie
-wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die
-Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden
-verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf
-empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern
-hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind
-Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert,
-geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend,
-den Carlisten sich anzuschließen.</p>
-
-<p>Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem,
-auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in
-den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über
-strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen
-Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie
-gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten,
-Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.</p>
-
-<p>So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf
-seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem
-Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords
-Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu
-werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde,
-ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer
-der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf
-menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> von
-seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten
-Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu
-erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen
-Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen
-stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum
-Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee
-zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und
-pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige
-Ortsbehörden verfahren mußte.</p>
-
-<p>Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung
-die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger
-Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes
-Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich
-stäupen und dann aus der Stadt jagen. &mdash; Mina, der General-Capitain
-von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der
-Schandthat gegeben.</p>
-
-<p>Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose
-Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen;
-Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei.
-„Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus
-Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen
-Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren
-Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen
-Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit
-des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster
-Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich,
-das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt,
-dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde
-kein Pardon zugestanden<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> werden soll.“ Als Repressalie aber für den
-Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn
-des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die
-Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen
-erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig
-Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher
-Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.</p>
-
-<p>Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der
-verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was
-lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am
-schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn
-den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder
-Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung
-der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe
-hervorgerufen hatten.</p>
-
-<p>Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über
-Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste,
-wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören
-wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden,
-da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die
-feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen
-Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es
-abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht.
-Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten
-in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> richtete<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> er an den
-General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung
-der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von
-jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30.
-Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen
-und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza
-eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die
-Nationalen erschießend. &mdash; Diese wie die Voluntarios Realistas waren
-<em class="gesperrt">nach dem Gesetze</em> stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen
-will, trete in die Armee ein. &mdash; Von den dreißig Frauen, die ferner für
-seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.</p>
-
-<p>Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes
-sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner
-Schlachtopfer sah!</p>
-
-<p>Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das
-Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist
-ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten
-geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den
-besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden
-sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg
-möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht
-vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die
-Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien
-die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten,
-während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz
-unerwähnt blieben.</p>
-
-<p>Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was
-er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam
-ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem
-Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte.
-Vorzüglich litten<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> darunter die Magistrate und Behörden der
-Distrikte, welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden
-abwechselnd ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das
-Befohlene ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war,
-<em class="gesperrt">freiwillig</em> dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber
-Cabrera mit aller Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die
-Liebe und Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so
-hohem Grade besaß.</p>
-
-<p>Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der
-Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die
-Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte
-er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine
-Donnerstimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">á ellos, carajo, no hay cuartel</span>!“ &mdash; Vorwärts,
-kein Pardon! &mdash; Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war,
-blieb er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein
-einziges Beispiel von <em class="gesperrt">überlegter</em> Grausamkeit mit Ausnahme der
-natürlichen Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie
-überlegt nennen darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles
-bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener
-Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung
-kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit
-der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante
-schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden,
-worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich
-trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr
-nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span></p>
-
-<p>Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um
-mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und
-Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den
-kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova
-einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete
-Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha
-und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon,
-einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort
-von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem
-Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht
-wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch
-im wirklich carlistischen Gebiete &mdash; in Navarra &mdash; Sicherheit zu
-suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen
-Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten
-Officiers &mdash; des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet,
-von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen
-wollte &mdash; die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten
-nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des
-Schlafes bedurften.<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera
-unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde
-niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera,
-der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz
-Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine
-geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>
-blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen
-treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano &mdash; la Diosa genannt
-&mdash; gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße
-verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von
-Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten
-Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen
-zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie
-Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den
-Seinen zu.</p>
-
-<p>Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in
-dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave
-Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte
-des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die
-untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch
-Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und
-Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen
-der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil
-oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch
-welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.</p>
-
-<p>So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen,
-selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz
-Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am
-31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente
-und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten
-zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an
-dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche
-Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden,
-durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur
-Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der
-Stadt erwarteten,<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten
-Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre
-ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth
-anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen
-Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.</p>
-
-<p>Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich
-gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch
-die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von
-Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge
-des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin
-gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen
-exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837
-eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an
-die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach
-den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General
-Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s
-heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten
-vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger
-von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal
-gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet,
-der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest
-standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von
-neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber
-rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon
-de la Plana.</p>
-
-<p>Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche
-Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition
-nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh
-zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.</p>
-
-<p>Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig.<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> Er
-drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar
-bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester
-Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und
-jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu
-leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte
-er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee
-des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell
-wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von
-Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete
-und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die
-reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor
-Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der
-Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten
-entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern
-Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte
-Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero
-&mdash; welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons
-Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte,
-um auch sie später zu verrathen &mdash; am 27. April die Festung Cantavieja
-durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache
-Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.</p>
-
-<p>In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die
-zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von
-Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in
-diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie
-je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer
-geworden, dem der erste Feldherr Christina’s &mdash; denn Oráa verdient den
-Namen &mdash; entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und
-disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte,<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span> und
-der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine
-reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.</p>
-
-<p>Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> wo er seine
-Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land
-übersäet war &mdash; die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste,
-befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie
-ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können &mdash; eroberte, die
-Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner
-streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder
-das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der
-bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur
-Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten
-ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze
-herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den
-Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing
-dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe,
-dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen
-Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen
-Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang
-ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei
-Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni
-bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr
-gehindert.</p>
-
-<p>Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> der
-Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid
-zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen
-Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee
-sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm
-untergebenen Provinzen antrat.</p>
-
-<p>Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte
-sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca,
-in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien
-der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen
-und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division
-das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich
-umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu
-ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten,
-der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen
-Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie
-nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen
-Reiterei ihn gesichert hätte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia
-einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers
-über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem
-südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und
-Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges
-kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia
-zurück. &mdash; Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der
-Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben,
-denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.</p>
-
-<p>Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend,
-nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa,
-in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt
-zog General San Mi<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>guel, einer der fähigsten Anführer der Feinde,
-von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur
-halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum
-Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren
-Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte.
-Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da
-er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am
-Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des
-südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine
-Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und
-die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. &mdash;
-Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten
-Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken
-Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag
-hervorgebracht haben.</p>
-
-<p>Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später
-zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt
-hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in
-andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem
-Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich
-fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft;
-das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas
-Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone
-blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während
-ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.</p>
-
-<p>Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft,
-der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros
-herrührend, wo der König das<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> Corps des General Buerens vernichtete.
-Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen
-solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem
-feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an
-allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm
-nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen,
-es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine
-geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen
-bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so
-wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl
-als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses
-nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der
-Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit
-im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere
-Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar
-Hungers sterben.</p>
-
-<p>Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe,
-sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.</p>
-
-<p>Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten
-hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang
-spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles,
-was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das
-Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte
-in tödtlicher Entkräftung hin, und &mdash;&nbsp;&mdash; die Überlebenden zehrten
-gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.</p>
-
-<p>Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in
-Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa
-lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die
-Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und &mdash;&nbsp;&mdash; schimpften Cabrera als
-blutgierigen Tiger!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke
-über Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach
-seiner Mutter Ermordung gemacht habe.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen
-&mdash; täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land &mdash; aus
-eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt
-niedergefallen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt
-südlich vom Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon
-umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon, Cabrera
-untergeben.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier20" name="zier20">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 20" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXI">XXI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der
-königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in
-der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um
-ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte
-bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte
-des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das
-beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone
-aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und
-Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten
-ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in
-die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die
-junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt,
-daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war,
-ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte.</p>
-
-<p>Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef
-dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria
-sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht
-befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe
-aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm
-vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse,
-weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im
-Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat
-nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei;
-weil zwei Colonnen von Burgos und<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> Soria zu ihrer Verfolgung eilten;
-weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen
-Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde,
-welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders
-begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach
-Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen.</p>
-
-<p>Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse
-beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln.
-Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die
-Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen
-das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener
-Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten:
-wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort
-zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche
-Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps
-fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen
-Fehler &mdash; bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen
-&mdash; vergessen machte.</p>
-
-<p>Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer
-beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte
-von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete
-sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete
-unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen
-Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu
-ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei
-Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia,
-wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich
-zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein
-jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen
-Festung Morella zu übernehmen.</p>
-
-<p>Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hoch<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>gebirge,
-welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen
-Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr
-seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte.
-Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison
-versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen
-Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten
-&mdash; im wahren Centrum ihres Gebietes liegend &mdash; nicht selten sehr
-hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll
-entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der
-feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.</p>
-
-<p>Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch
-senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder
-besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete,
-von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte,
-Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange
-des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von
-Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die
-Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine
-ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco
-y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des
-Landes.</p>
-
-<p>So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und
-von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el
-Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend,
-und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um
-die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten
-von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden
-massiven Masadas &mdash; Bauernhöfe, große Scheunen<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> &mdash; besetzten und durch
-geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.</p>
-
-<p>Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen;
-Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt,
-ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der
-rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in
-der ganz verwüsteten Landschaft &mdash; da bei dem Mangel jenes Winters
-die Magazine nichts lieferten &mdash; konnten die nöthigen Lebensmittel
-nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig
-Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da
-weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden.
-Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle
-mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige
-Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das
-fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder
-das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt &mdash; es war
-nur ein Thor der Festung offen &mdash; zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft
-scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen,
-oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten,
-da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz
-unschädlich machte.</p>
-
-<p>Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen
-sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes
-Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr
-sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer,
-ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste
-Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich
-auch hier nicht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p>
-
-<p>Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der
-Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn
-kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch
-braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat
-mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der
-Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte
-ihrer nicht viele rühmen mag.</p>
-
-<p>„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die
-Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil
-wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß
-wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit
-dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei,
-durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir
-auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells
-uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses... Wer könnte jene
-furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel
-erregt! &mdash; Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner
-Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und
-dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten
-Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit
-Gottes Hülfe erstiegen werden.“</p>
-
-<p>„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner
-Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber
-für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und
-Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten
-Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu
-her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich
-unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen
-Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span> unsere Fürsorge
-und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den
-häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte
-ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten:
-so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig,
-wohin ich sie auch führen mochte.“</p>
-
-<p>„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den
-Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz
-aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel
-über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine
-Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen
-Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er
-wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die
-Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun
-am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht
-länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit,
-der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte,
-mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst
-mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage
-vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau
-das Castell kannte, zum Führer anbot.“</p>
-
-<p>„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht
-der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann
-in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte,
-und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die
-erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem
-Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die
-Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze
-Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth
-fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zu<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span>rücktrete; aber Alle
-antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen
-nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten
-und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ
-endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem
-ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich
-niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“</p>
-
-<p>„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal
-Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil
-sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des
-Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle,
-wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere
-Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann
-umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine
-Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden
-Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging,
-der Andere ihn schloß.“</p>
-
-<p>„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen
-zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die
-Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam
-vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und
-der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden!
-Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des
-Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten,
-nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte,
-schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten,
-um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken.
-Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter
-auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein
-schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit
-den Leitern bis oben hätte<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> hinkommen können.<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> Dort stiegen wir
-einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden
-hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie
-leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären
-sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an
-den Felsen sich gelehnt hätten.“</p>
-
-<p>„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die
-mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen;
-grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde
-schwebten &mdash; jeder Fehltritt sicherer Tod &mdash;, eben so hoch über uns die
-senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht,
-die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der
-unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht
-da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften
-Gastadores<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>, die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie
-sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“</p>
-
-<p>„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte
-der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die
-Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf
-der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu
-der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche
-hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß
-er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte
-und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche
-Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf &mdash;
-schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt
-in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief
-mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">cabo<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> de guardia, los
-facciosos</span>!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“</p>
-
-<p>„Mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann
-stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer
-begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt
-her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch
-den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte
-die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte
-uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten,
-stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses,
-da ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl
-dann, rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey, viva
-Cabrera! acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!</span>“ durch
-einander rufen, als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung
-dort oben. Die Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus
-dem Gebäude hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu
-entkommen, zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“</p>
-
-<p>„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt
-beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt.
-Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der
-Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die
-Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten
-herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen
-unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“</p>
-
-<p>„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang
-langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor
-vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu
-klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten
-und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der
-Stürmenden hinabrollen,<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> so daß die ganze Felsenwand mit spielend
-hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten
-dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges.
-Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte
-und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich
-beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in
-die Stadt zurück. &mdash; Morella war unser.“</p>
-
-<p>„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die
-braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der
-Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. &mdash; Dann befahl
-ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu
-geben.“</p>
-
-<p>So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur
-und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht
-bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in
-lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; &mdash; und plötzlich ertönte
-wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt,
-das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare
-Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben
-ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten
-waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter
-fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos
-das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. &mdash; Da trat
-geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien
-erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle
-Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme &mdash; das Glück verkündende
-Zeichen des Sieges!</p>
-
-<p>In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre
-Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem
-fliehenden Feinde entgegenzuschicken.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span></p>
-
-<p>Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten
-Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß
-die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß
-Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache.
-Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen,
-als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. &mdash; Der Gouverneur
-Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo
-führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150
-Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden
-von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und
-eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella
-und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer
-Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm
-achtzehn Mann von derselben gefangen.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen
-an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare
-Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein
-finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die
-Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit
-einem Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren
-Straßen jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig
-Mann unter einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um
-fortan unter dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva
-Carlos Quinto!</span> ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser
-Entschluß in solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.</p>
-
-<p>Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten,
-sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt
-wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz
-abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau
-bezeichneten Häuser der dem<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> revolutionairen Gouvernement günstig
-Gesinnten<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider
-sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben
-stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig
-den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben,
-weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem
-Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.</p>
-
-<p>Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche
-Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer,
-noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen
-den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von
-Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede
-Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger
-zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters,
-der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der
-Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend
-sich zeigen!</p>
-
-<p>Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in
-Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien
-wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er
-langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den
-Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der
-Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als
-Oberstlieutenant ihn kannte.</p>
-
-<p>So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten
-begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im
-vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> die Grundlage und
-den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte
-er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm
-aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach
-einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt
-am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem
-fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt
-der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie
-Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication
-auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia
-ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu
-steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde.</p>
-
-<p>Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive
-sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung
-gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser
-Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure
-Hülfsquellen sich geöffnet hätte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau,
-die der Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen!</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier21" name="zier21">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 21" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXII">XXII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche
-durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr
-allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich
-die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien
-entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne
-Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen
-und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt.</p>
-
-<p>Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés
-und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie
-nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der
-Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr
-erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich
-machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb
-gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und
-durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war.
-Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten
-an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen
-bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten
-unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten
-Hasses und der Verzweiflung kämpften.</p>
-
-<p>Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella
-genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener
-Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die
-Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur
-Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen &mdash; in den unwegsamen
-Sierras stets der<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> schwierigste Punkt &mdash;, nach Lucena durchdrang.
-Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten
-Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende
-Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra
-capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der
-Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der
-bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon
-zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des
-Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher
-durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.</p>
-
-<p>Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage
-zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden,
-wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon
-getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht
-alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens,
-dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch
-Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche
-den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse
-so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er
-unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich
-und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein
-Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die
-Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten
-Districte.</p>
-
-<p>Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz
-Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die
-in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben
-und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die
-Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre
-Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich
-zu bemäch<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span>tigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. &mdash; Seine
-eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit;
-sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich
-ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die
-Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die
-Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn
-auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.</p>
-
-<p>Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte
-durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte
-das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia
-von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.</p>
-
-<p>Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner
-Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort
-auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die
-Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft,
-vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am
-26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von
-feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne
-Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die
-Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde,
-sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel
-zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der
-Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele
-Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl
-Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der
-Nacht der Division sich anschließen könnten.</p>
-
-<p>Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen
-Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort.
-Wähnend, daß die National-Gardisten<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> der Umgegend sich genähert hätten,
-um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier
-die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den
-Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen,
-falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt,
-die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand
-besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden
-sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit
-den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung
-herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die
-Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem
-andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten
-ergaben sich.</p>
-
-<p>Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier
-Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am
-andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige
-der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere
-füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends
-eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen
-ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die
-Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten,
-worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung
-Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.</p>
-
-<p>Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich.
-Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war
-die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die
-so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich
-gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die
-entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte
-Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu
-zu errichtenden<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour
-ausgezeichnet,<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder
-ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm
-verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals
-hatte er noch nie unabhängig commandirt.</p>
-
-<p>Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne
-nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie,
-was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort:
-„gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen
-und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer
-der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung zu
-nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo, que tontadas!</span>“
-&mdash; Dummheiten! &mdash; doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die
-Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts
-und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das
-eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten
-Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene
-aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">Tambour battant</span> kam
-der Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die
-ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte.
-Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos,
-die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur
-Verfolgung<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span> zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren
-halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte.</p>
-
-<p>Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der
-neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen
-Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes
-fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der
-ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo;
-er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu
-selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht.</p>
-
-<p>Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie
-wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit
-vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt.
-Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden
-Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division
-warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage
-überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren
-beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken
-Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst
-aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden
-Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die
-Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf
-der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca
-weiterzog.</p>
-
-<p>Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März
-drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß
-mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte
-sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten,
-wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell
-sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem
-Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> ward
-abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte,
-gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100
-Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung
-der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte
-sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging,
-mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis
-Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz
-Aragon.</p>
-
-<p>So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr
-geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so
-bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem
-südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der
-Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division
-von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser
-Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem
-Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung
-beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie
-dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa
-150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri
-noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals
-vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee.</p>
-
-<p>Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung
-seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die
-Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte,
-für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen
-Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die
-Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand
-zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres
-sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen
-Vortheile<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes,
-welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich
-die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu
-können.</p>
-
-<p>Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll
-durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung,
-wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen
-beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen
-Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina,
-Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines
-Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs
-bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem
-Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen.</p>
-
-<p>Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand
-Cabrera gegenüber.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings
-1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges
-energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den
-furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten
-bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen.
-Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das
-carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner
-vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya
-zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine
-Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf
-Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien,
-die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España,
-welcher kaum das Commando derselben<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> übernommen, nur zuchtlose Haufen
-vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen
-mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den
-Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines
-Königs systematisch betreiben.</p>
-
-<p>Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen
-vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte
-in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht
-gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln
-und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die
-concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella
-war.<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana,
-Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor;
-trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon
-und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden
-Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und
-standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden
-stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen
-die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben,
-Tod verkündend winkte.</p>
-
-<p>Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen
-Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines
-untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen
-Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee
-seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu
-machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und
-anzugreifen, die Communicationen<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> ihr abzuschneiden und durch strengste
-Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben.</p>
-
-<p>Er besetzte demnach mit einem kleinen Theile seiner Truppen die Muela
-de la Garumba, eine nahe Morella steil sich erhebende und bis über el
-Orcajo sich hinziehende Bergmasse, die, zum Hochplateau erweitert,
-zur Erhaltung der Verbindung mit Cantavieja von Wichtigkeit war; mit
-den übrigen Bataillonen stellte er theils dem andringenden Oráa sich
-entgegen, theils occupirte er die oft durch Schluchten und über wildes
-Gebirge führenden Wege nach Alcañiz und suchte die Herbeiführung der
-schweren Artillerie und der Convoys möglichst zu erschweren. Seine
-Armee bestand &mdash; einige Rekruten-Bataillone waren unbewaffnet &mdash; aus
-sechszehn Bataillonen in drei Divisionen und aus neun Escadronen,
-da das Lanciers-Regiment von Tortosa dem Grafen de España zu Hülfe
-gesendet war. Dazu kam die castilianische Brigade, jetzt unter Merino’s
-Befehl, und die Trümmer der Expedition von Don Basilio Garcia und
-Negri als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">batallon espedicionario</span> und <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">escuadron del conde
-Negri</span>. Da aber die Corps ohne Ausnahme durch die Unglücksfälle der
-letzten fünf Monate sehr geschwächt waren, zählten sie nur 9700 Mann
-Infanterie, von denen 1300 &mdash; von Aragon und Tortosa &mdash; die Besatzung
-der Festung und des Castells bildeten. Die Cavallerie enthielt fast
-1000 Pferde.</p>
-
-<p>Morella’s Befestigungswerke hatten Nichts mit den Meisterwerken
-eines Vauban oder Coehorn gemein. Ganz abgesehen davon, daß die
-Vertheidigung durch die Lage der Stadt und noch mehr des Castells
-lediglich bohrend wurde, und daß kein vorliegendes Werk die Mauern
-gegen den unmittelbaren Angriff deckte, waren diese schwachen Mauern
-mit den unregelmäßig vertheilten flankirenden Thürmen wohl darauf
-berechnet, dem Stoße des ehernen Widderkopfes zu widerstehen; aber der
-Alles niederschmetternden Gewalt des Pulvers mußten sie augenblicklich
-unterliegen. Und doch waren sie Alles, was Kunst für die<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> Vertheidigung
-der Festung gethan hatte. Desto mehr begünstigten sie ihre Lage und die
-Eigenschaften des sie umgebenden Terrains.</p>
-
-<p>Die Mauer ist rings umher auf ungeheure Felsmassen basirt, welche,
-bald unmittelbar zu ihrem Fuße, bald mehr oder weniger &mdash; doch nur
-unmittelbar neben dem Castell über funfzig Schritt &mdash; vorspringend,
-zwölf, dreißig, an einzelnen Stellen selbst funfzig und mehr Fuß tief
-perpendiculär sich hinabsenken. Sie bilden daher die eigentliche Mauer
-der Stadt, indem sie, sollte auch in das künstliche Werk Bresche
-geöffnet sein, den Sturm fast unmöglich machen oder doch, wo etwa
-einzelne Einschnitte oder Schluchten, die sehr selten sind, weniger
-steil auf die Höhe der Felsen führen, den Stürmenden zwingen, unter
-dem wirksamsten Feuer der Belagerten auf weiten Umwegen emporklimmend
-der Bresche zu nahen. Eben diese Felsbildung macht die Anwendung der
-Minen dem Belagerer unzulässig, während wiederum die Lage der Stadt
-auf hohem isolirten Berge gegen sehr wenige Punkte die Aufstellung von
-Bresche-Batterien erlaubt, da die umliegenden Höhenpunkte fast alle
-entweder zu weit entfernt sind oder, bedeutend niedriger, die Wirkung
-der Geschütze unendlich schwächen, wo nicht ganz vereiteln. Einige
-dieser Höhen sind selbst dem Fußgänger nur mit Gefahr zugänglich, für
-Artillerie also impracticabel.</p>
-
-<p>Der Belagerer hat also, um Bresche zu legen, doppelte Schwierigkeit
-zu überwinden: die Mauer muß von der Stelle, auf der die Batterie
-errichtet werden kann, wirksam zu erreichen sein, und das
-zwischenliegende Terrain muß nach geöffneter Bresche den Sturm
-gestatten.</p>
-
-<p>Solcher Punkte aber findet sich in der That nur einer: nahe dem Thore
-San Miguel im Norden der Stadt, wo, etwa fünfhundert Schritt von ihr
-entfernt, die Höhe la Querola sich erhebt, während der Zugang zu der
-Mauer möglich bleibt; doch ist der Sturm auch hier mit großen Gefahren
-verbunden,<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> da auf Pistolenschußweite ein Felsabsatz erklimmt oder
-die gewöhnliche unter dem Feuer der Festung in starken Windungen zum
-Thore hinaufführende Straße erstiegen werden muß. Dort finden sich denn
-auch dicht neben einander die Spuren mehrerer Breschen. Denn Morella
-war stets von politischer und militairischer Bedeutsamkeit; durch
-seine Lage auf den Grenzen von Valencia, Catalonien und Aragon, deren
-Communicationen es beherrscht, und seines Castells mehr noch als der
-Stadt wegen für wichtige Festung gehalten, hatte es seit den frühesten
-Zeiten während der Kriege der kleinen christlichen Könige unter sich
-und gegen die Araber, wie im Successions-Kriege und in dem Kampfe des
-spanischen Volkes gegen Napoleons Massen manche Belagerung ertragen und
-oft seinen Herrn wechseln müssen.</p>
-
-<p>Nur zwei alte Breschen finden sich an andern Stellen der Mauer. Die
-eine, nicht zweihundert Schritt vom Fuße des Castells entfernt, ward
-durch den General Starhemberg geöffnet &mdash; noch jetzt von den Spaniern
-als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el gran capitan</span> bezeichnet &mdash;; sie bot zwar die größte
-Bequemlichkeit zum Sturm dar, da das Terrain zwischen ihr und der
-Batterie ganz eben, aber diese Batterie war kaum hundert Schritt von
-der Festung entfernt, und dicht hinter ihr fällt der Fels wenigstens
-sechszig Fuß furchtbar schroff hinunter, so daß nur ein Fußsteig
-in vielen Windungen hinaufführt. Und ein schwindelfreier Kopf ist
-nöthig, um diesen Fußsteig zu benutzen! Es müssen daher ganz besondere
-Verhältnisse obgewaltet haben &mdash; etwa gänzliche Entblößung der
-Veste von Artillerie &mdash; damit Starhemberg dort am Fuße des Castells
-die Batterie etabliren und die Geschütze entweder jenen Felsen
-hinaufschaffen, oder längs der Mauer auf dem gewöhnlichen Fahrwege in
-die Batterie sie führen konnte. Übrigens war dem wackern Deutschen
-solche Kühnheit dennoch fruchtlos; als die Bresche bei der Annäherung
-einer Entsatzarmee erstürmt war, fand er eine unmittelbar dahinter
-liegende<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span> Kirche in einen Abschnitt verwandelt, den er <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive
-force</span> nicht nehmen konnte, so daß er die Belagerung aufheben mußte.</p>
-
-<p>Die zweite Bresche war gerade auf der entgegengesetzten Seite der
-Festung nach Osten hin geöffnet. Eine zu beiden Seiten von wilden
-Felsmassen hoch umgränzte Schlucht, die dem Beschauer durch Kunst
-in den Granit gebildet zu sein scheint, führt sanft steigend bis
-unmittelbar zum Fuße der Mauer, und da der senkrechte Felsen, auf dem
-diese gegründet ist, nur drei Fuß hoch über jenen Einschnitt sich
-erhebt, würde hier im Vergleich mit den andern Seiten der Festung,
-der Sturm sehr leicht sein. Die Batterie dagegen konnte nur auf den
-etwa 700 Schritt entfernten Rocas de Beneito angelegt sein, die,
-selbst von den Bergbewohnern für unzugänglich gehalten, der Placirung
-des schweren Geschützes gewaltige Hindernisse entgegensetzen, deren
-Überwindung mit Bewunderung für die Männer uns erfüllt, welche solches
-vollbracht haben. Auch diese Bresche soll aus den ersten Jahren des
-Erbfolgekrieges herstammen; ich konnte nicht erfahren, von wem.</p>
-
-<p>Die Franzosen fanden die Veste unbesetzt. Als Marschall Suchet in
-der Mitte des Jahres 1813 hinter den Ebro, Valencia räumend, sich
-zurückzog, blieb eine Besatzung von 300 Mann in Morella und schloß
-sich beim Anrücken der Spanier in das Castell ein. Fortwährend von
-einigen Bataillonen blockirt und gelegentlich durch eine Mörserbatterie
-beworfen, hielt sie sich bis zum Anfange des folgenden Jahres, worauf
-sie capitulirte, selbst die Bedingungen vorschreibend. So wie sie aber
-die Stadt betraten, warfen sich die Einwohner auf sie und plünderten
-sie aus; dann wurden sie gefangen fortgeschleppt, anstatt den
-Bedingungen gemäß nach Frankreich geführt zu werden.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Doch zurück zu 1838.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span></p>
-
-<p>Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner
-Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem
-weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen
-eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der
-Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem,
-unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen
-bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als
-Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone
-machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit
-überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch
-persönliche Bravour &mdash; er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere &mdash;,
-durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder
-der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen;
-und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die
-Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln
-durchbohrt, erbeutet zu haben.</p>
-
-<p>Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche
-an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe
-ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur
-Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des
-Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete.</p>
-
-<p>Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch
-die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche
-Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und
-verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und
-endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im
-Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der
-unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen
-schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span>
-reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und
-Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er,
-während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen,
-zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu
-sorgen.</p>
-
-<p>Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen:
-Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und
-in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps
-hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber
-vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur
-möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die
-Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja
-stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran,
-ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes
-Wirthshaus,<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle
-Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von
-letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt
-und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen
-Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und
-zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver
-verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt
-waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der
-Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf
-die äußersten Fälle aufsparen.</p>
-
-<p>Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht
-waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta
-de Monroyo, drei Leguas von Mo<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span>rella, vor, da ganze Divisionen
-unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden
-Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche
-an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den
-vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr
-zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9.
-fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden
-Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager
-hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen
-der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern
-behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der
-Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze &mdash; acht Kanonen
-und drei Mörser &mdash; aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr
-Feuer gegen die Mauern der Stadt.</p>
-
-<p>Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden
-Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung
-und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als
-Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte,
-welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst
-befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung
-gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte;
-er verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in
-Forts und traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder
-sonstigem Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser
-zu öffnen, da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der
-Abwesenheit der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen
-führte, denen jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison,
-der Elite des Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> aus den Bürgern von Morella angeschlossen,
-die während der ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span> Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die
-übrigen Einwohner waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste
-befürchtend. Alles, was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale,
-das einzige bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von
-der hohen Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn
-auch als Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht
-zum Dienste berufene Mannschaft dienen.</p>
-
-<p>Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim
-Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem
-obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre
-Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte,
-daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet
-war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer
-zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die
-Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie
-ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser
-und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in
-ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige
-in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten
-empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren
-tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt,
-und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der
-Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte.</p>
-
-<p>In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf
-Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke
-Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern
-besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite
-Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen
-Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> Arbeit
-kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend
-lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte.</p>
-
-<p>Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit
-Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Es ist sehr natürlich, daß in höheren Chargen Männer sich
-fanden, die eben nur brav waren, da ja nebst Ausdauer die Bravour das
-hauptsächlichste Erforderniß des Guerillero in den ersten Kriegsjahren
-war. &mdash; Später zeigte sich der Scharfblick der Commandirenden in
-der Art, wie sie jeden Officier dahin zu postiren wußten, wo seine
-individuellen Gaben am meisten in Wirksamkeit traten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Die Bewegungen und Gefechte der beiden Heere und der
-einzelnen Divisionen sind vom General Baron von Rahden in seinem Werke
-über „Cabrera“ genau und im Detail gegeben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Alle Gebäude in diesem Theile Spaniens sind massiv.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier22" name="zier22">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 22" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXIII">XXIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Lage der christinoschen Armee vor Morella wurde mit jeder Stunde
-schwieriger. Der empfindlichste Mangel an Lebensmitteln machte sich im
-Lager geltend, die Transporte, welche mit großen Opfern herbeigeschafft
-werden konnten, reichten nicht mehr hin für so gehäufte Bedürfnisse,
-und als dann Llagostera, der fortwährend auf der Communications-Linie
-mit Alcañiz operirte, den letzten, sehnlich erwarteten Convoy auffing
-und fast ganz verbrannte, blieb dem Heerführer der Christinos nur die
-Alternative: „Einnahme der Festung oder rascher Rückzug.“ Oráa ließ
-die Bresche recognosciren, nachdem er nochmals umsonst die Besatzung
-zur Übergabe aufgefordert hatte. Der Ingenieur meldete, daß sie
-practicabel, wiewohl sehr schwer zu ersteigen sei; daß aber die hinter
-ihr aufgeführte Brustwehr jeden Erfolg sehr zweifelhaft mache. Da
-keine Wahl blieb, wurde der Sturm auf die Nacht vom 15. zum 16. August
-festgesetzt.</p>
-
-<p>Um Mitternacht rückten die Colonnen der Stürmenden vorwärts. Die erste
-wandte sich gerade gegen die Bresche und gelangte unbemerkt bis an
-den Fuß der hier nicht hohen Felswand, welche sie ersteigen mußte;
-die andere unter Leitung des früheren Gouverneurs der Stadt, Oberst
-Portillo, zog den Fahrweg hinan; zwei kleinere Haufen zur Rechten
-und zur Linken waren bestimmt, die Aufmerksamkeit der Belagerten zu
-theilen. &mdash; Diese hatten die Compagnien Grenadiere von Tortosa und
-Jäger der Guiden von Aragon mit dem schweren Werke der Vertheidigung
-der Bresche beauftragt, während die Reste dieser Bataillone zu beiden
-Seiten die Thürme und die Schießscharten der Mauer besetzt hielten.
-Drei andere Bataillone von Tortosa und Aragon, am Abend in die Stadt
-gezogen, waren als Reserve in Masse<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> aufgestellt, um sich sofort auf
-den eingedrungenen Feind zu werfen, oder standen in den barrikadirten
-Häusern längs der Angriffsfront.</p>
-
-<p>Die Sappeurs arbeiteten indessen thätig an den Abschnitten, die
-allenthalben in der Stadt geöffnet wurden, und richteten die
-terassenförmig dem Umfange des Castells parallel laufenden Straßen zur
-Vertheidigung ein; die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> bewachten rings
-die Mauer. Da der Sturm mit Zuversicht erwartet wurde, befand sich
-Jedermann seit dem Anbruche der Nacht auf seinem Posten. Auch Graf
-Negri, selbst Alles überwachend, logirte in dem der Bresche nächsten
-Thurme; er ermahnte die Freiwilligen, nicht eher Feuer zu geben, bis
-der Feind den Fuß der Bresche erreicht habe.</p>
-
-<p>Da ward das Geräusch der nahenden Massen gehört. Rasch entzündet
-wirbelte der ungeheure Holzstoß seine Flammen gen Himmel, die ganze
-Weite der Bresche in züngelnde Gluth hüllend und weit in die Nacht
-hinaus leuchtend. Kaum funfzig Schritt von der Bresche waren die Feinde
-entfernt. Sie hielten einen Augenblick hinter dem Felsenabsatz, dann
-schwangen sie sich mit wildem Gebrüll hinauf und stürmten rasend den
-Feuerwogen zu, die ihnen entgegenzuckten; von den Musikchören der
-ganzen Armee erschallte zugleich die Revolutions-Hymne Riego’s, zu
-fanatischer Wuth sie zu entflammen, während alle Regimenter, die Blicke
-auf das furchtbar erhabene Schauspiel gerichtet, in Schlachtordnung
-aufgestellt waren. &mdash; Todtenstille herrschte in der Stadt; der
-blutrothe Schein der Flammen zeigte den Anstürmenden die dunkeln Massen
-der Carlisten ihrer harrend, die Gewehre zum Schuß bereit.</p>
-
-<p>Mit Muth griffen die Christinos an, deren beste Bataillone ausgewählt
-waren. Unter dem lauten Rufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Isabel segunda! viva la
-constitucion!</span>“ erreichten sie den Fuß der Bresche, schon betraten
-sie die Trümmer, da übertönte ihr Geschrei und das Prasseln des
-Scheiterhaufens donnernd das Commandowort<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> „Feuer!“ Die ersten Reihen
-der Stürmenden lagen zu Boden gestreckt, aber gleich fest drangen die
-Nachfolgenden über die Leichen ihrer Cameraden vorwärts. Die Kugeln aus
-der Bresche und von der Mauer zu beiden Seiten schlugen sie nieder, und
-nach langem vergeblichem Streben, die Trümmer zu erklimmen, wichen die
-Ermüdeten hinter die schützende Felsenwand zurück.</p>
-
-<p>Auch Portillo’s Colonne war mit Festigkeit vorgerückt. Eine finstere
-Masse erstieg sie langsam den vielfach sich schlängelnden Fahrweg,
-anfangs unbelästigt, da Aller Augen auf die Bresche gerichtet waren,
-deren helle Gluth malerisch die grausige Scene erleuchtete. Aber
-bald sprüheten die Mauern auch auf sie Tod und Zerstörung hinab.
-Unerschüttert drang die Colonne auf ihrem gefährlichen Marsche vor, der
-in der wirksamsten Schußweite längs einem Theile der Mauer hinführte;
-das Feuer wurde mit jedem Augenblicke heftiger, große Steine wurden
-von den Thürmen des San Martin-Thores herabgeschleudert, und die
-Soldaten fielen in dichten Haufen. Da stand die Colonne regungslos,
-weder vordringend noch weichend, als Oberst Portillo wüthend vorwärts
-stürzte: von den Seinen verspottet und verachtet hatte er geschworen,
-die schimpflich verlorene Veste zu nehmen oder unter ihren Mauern
-zu sterben. Sein Schwur ward erfüllt. Mit wildem Fluche schleuderte
-er seinen Degen über die Mauer hinein in die Stadt, die er nicht zu
-bewahren gewußt, und sank gräßlich lästernd, von fünf Kugeln zum Tode
-getroffen. Als der Führer gefallen war, stürzte die Masse gelichtet und
-schwankend zurück und vereinigte sich, rechts sich schiebend, hinter
-dem Felsen mit den Gefährten, die so eben von der Bresche gewichen
-waren. &mdash; Oberst Portillo blieb am Fuße der Mauer liegen.</p>
-
-<p>Bald waren die Truppen von neuem geordnet und durch ein Bataillon
-verstärkt, das gefürchtetste der christinoschen Armee: die Jäger von
-Oporto, aus deutschen Abenteurern bestehend,<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> waren zum Sturm beordert.
-Wieder erklimmte die Masse den Felsen und stürmte gegen die Bresche,
-nicht mehr in der majestätischen Ordnung wie vorher, &mdash; wild und
-gedrängt mit fanatischem Freiheitsgeheule; nur die Fremden schritten
-lautlos und fest wie zur Parade nach dem gleichmäßigen Tacte der
-herüberrauschenden Janitscharen-Musik. Wieder wurden die Trümmer der
-Bresche mit den Leichen der Wüthenden bedeckt, und zerstreut flohen die
-Verschonten. Die Jäger von Oporto allein wichen nicht, sie erstiegen
-die Bresche, oben auf ihr, von Flammen umspielt, suchten sie den Weg
-durch die brennenden Stoffe und stürzten dort unter den tödtlichen
-Kugeln in die Gluth. Doch das Feuer vor ihnen und dahinter eine neue
-Mauer, Verderben speiend, machte alle Anstrengungen vergeblich: die
-Deutschen wichen, Morella war gerettet.</p>
-
-<p>Umsonst ermunterten die Officiere ihre Compagnien zu nochmaligem Sturm,
-finsteres Schweigen antwortete ihren Bitten, ihren Drohungen, und die
-Soldaten rührten sich nicht hinter dem Felsen, der sie deckte. Um drei
-Uhr Morgens zogen die abgeschlagenen Truppen entmuthigt und die Reihen
-gelichtet ins Lager zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der 16. August verging unter steten, blutigen Scharmützeln der beiden
-Armeen, da die Carlisten so eben einen Transport Pulver erhalten
-hatten; zugleich spielte die Artillerie fortwährend gegen die
-Festung, den neuen letzten Versuch der Christinos vorzubereiten und
-die Ausbesserung der Bresche zu verhindern. Denn noch einen Versuch
-wollte Oráa machen und zwar ohne Aufschub: seine Soldaten aßen seit
-drei Tagen nur geröstetes Korn, die Pferde hatten alles Getreide der
-Felder aufgezehrt und fielen schon häufig. Der Sturm sollte bei Tage
-unternommen werden, da die Führer der beim ersten Angriffe angewendeten
-Corps das Mißlingen desselben der Verwirrung im<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> Dunkel der Nacht
-und dem Umstande zuschrieben, daß weder die Braven durch Hoffnung
-auf Auszeichnung getrieben wären, noch die Feigen Schmach und Strafe
-gefürchtet hätten, weil ja beide unbekannt blieben.</p>
-
-<p>Am 17. August bei Anbruch des Tages gaben drei Kanonenschüsse das
-Signal zum Sturm. Dreizehn Bataillone griffen in fünf Colonnen die
-Festung von drei Seiten an; aber nur die gegen die Bresche gerichtete
-Masse, die Regimenter Ciudad-Real und Ceuta, kämpfte brav. Sie gelangte
-auch dieses Mal bis auf die Trümmer &mdash; der Kugelregen trieb sie wieder
-und wieder zurück, bis endlich Muthlosigkeit die Schaar ergriff, da sie
-ihre Chefs und die besten Officiere fallen sahen. In wilder Verwirrung
-flohen sie dem verschanzten Lager zu, mit Kraft von den Bataillonen
-Guiden und Tortosa verfolgt, welche unter des Grafen Negri Führung,
-durch die Bresche hinabsteigend, auf die Fliehenden sich warfen und
-ihnen ein leichtes Geschütz abnahmen. Die zur Escalade bestimmten
-Colonnen hatten nirgends den Fuß der Mauer erreicht.</p>
-
-<p>Nachdem Oráa am 17. wiederum die Stadt mit allen Mörsern und Haubitzen
-beworfen und dadurch unnütz große Verwüstungen unter den Häusern
-angerichtet hatte, brannte er während der Nacht alle Masadas der
-Umgegend nieder und begann am 18. den Rückzug auf Alcañiz, die
-Unternehmung aufgebend, die er mit so unendlichem Aufwande vorbereitet,
-deren Erfolg er als unfehlbar verkündet hatte.</p>
-
-<p>Da, wie gesagt, die carlistische Armee ganz von Munition entblößt war
-&mdash; jeder Soldat erhielt am 18. Morgens eilf Patronen von einem gerade
-angelangten Transport &mdash; kehrte Cabrera nach Morella zurück, die
-weitere Verfolgung oder vielmehr Beobachtung der abziehenden Feinde
-der Division von Castilien unter Merino überlassend, nachdem er sie am
-18. und 19. von Position zu Position, fast immer mit dem Bajonnett,
-gedrängt und einige hundert Gefangene ihnen abgenommen hatte. Den<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span>
-Truppen war auch nicht eine Patrone geblieben. Eben dieser empfindliche
-Mangel, durch den Cabrera verhindert wurde, den errungenen Vortheil bis
-zur Vernichtung des christinoschen Heeres zu verfolgen, war auch die
-Ursache, daß der General während der letzten Tage der Belagerung mit
-den Divisionen eine ganz secundäre Rolle spielte und besonders während
-der Stürme, bei denen energisches Handeln von außen her entscheidend
-sein konnte, als nur passiver Zuschauer dastand. Wie oft dankten
-die Feinde des Königs ihre Siege oder ihre Rettung dem ungeheuren
-Mißverhältnisse zwischen den materiellen Mitteln der kämpfenden Heere!</p>
-
-<p>Dennoch waren die Folgen des mißlungenen Unternehmens gegen Morella
-unberechenbar. Die feindliche Armee hatte in den tausendfachen Kämpfen
-und Strapatzen der letzten vier Wochen einen Verlust von 7000 bis 8000
-Mann, einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke, gehabt, von denen
-über 5000 auf dem Kampfplatze oder in den Hospitälern in Folge der
-Verwundung durch bronzene Kugeln starben.</p>
-
-<p>Durch gänzlichen Mangel an Blei waren nämlich die Carlisten genöthigt,
-jedes Metall, welches sie erlangen konnten, zu ihren Flintenkugeln
-zu benutzen, so daß, wenn nicht augenblicklich Hülfe kam, durch das
-Ausscheiden von Gift in der Wunde diese tödtlich werden mußte. Oráa
-protestirte gegen den Gebrauch solcher Kugeln als dem Völkerrechte
-zuwider, worauf Cabrera sich bereit erklärte, sofort der gewöhnlichen
-Kugeln ausschließlich sich zu bedienen, wenn ihm Oráa das zum Guß
-derselben nöthige Blei verabfolgen ließe. Da auf diese Forderung weiter
-keine Antwort erfolgte, fand die Anwendung der tödtlichen Geschosse
-ferner Statt. Die revolutionairen Blätter aber schrien über die
-Barbarei und Unmenschlichkeit des Feindes, der solche Waffen gebrauche!</p>
-
-<p>Jenem ungeheuren Verluste der Christinos gegenüber hatte die
-carlistische Armee während der Dauer der Belagerungs-<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span>Operationen nur
-1400 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt, wie denn alle Umstände
-solche Ungleichheit natürlich machten.</p>
-
-<p>Weit höher jedoch als dieser materielle Vortheil war der in seinen
-Folgen so viel wichtigere moralische Einfluß zu schätzen, welchen die
-Aufhebung der Belagerung von Morella auf die beiden Heere, dann auf das
-Volk und auf den Krieg ausübte. Der Nimbus der Unwiderstehlichkeit war
-nun von der Armee der Christinos gewichen, denn bis dahin rühmte sie
-sich, daß, wohin ihre Massen sich wendeten, sie immer durchdrängen und
-die leichten Schaaren der Facciosos zerstieben machten oder vor sich
-niederschmetterten; sie behaupteten, daß die Carlisten im geregelten
-Kampfe ihnen nie widerstehen, ihrem Sturme nie Stand halten könnten;
-sie pochten auf ihre Organisation und Massen-Taktik und schrieben
-die einzelnen Siege, welche sie den noch immer als Horden und Banden
-bezeichneten Feinden zugestanden, nur der Überraschung und der
-Benutzung des günstigen Terrains zu.</p>
-
-<p>Jetzt änderten sie plötzlich ihre Sprache gegen und über jene
-verachteten Schaaren. Eine Unternehmung, zu der die Blüthe der Armee
-unter allen ihren ausgezeichnetsten Generalen sich vereinigt hatte, und
-für welche die umfassendsten Vorbereitungen getroffen waren, war ganz
-mißlungen; eine Operation, bei der sie ihre gerühmte Überlegenheit so
-vollkommen entwickeln konnten, hatte in entschiedener, schimpflicher
-Niederlage geendet. Das Selbstvertrauen der Christinos war dahin, und
-mit ihm schwanden alle die Vorzüge und die moralische Macht, die sie
-noch immer behauptet hatten. Die Armee des Centrum, wiewohl sogleich
-durch mehrere Brigaden der Nordarmee und aus dem Innern verstärkt,
-erlangte jene Überlegenheit nie wieder.</p>
-
-<p>Dagegen erkannten die Freiwilligen, was sie vermochten, und die
-Vortheile anerkennend, welche die Organisation und militairische
-Ausbildung der Feinde neben ihren großen materiellen<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> Hülfsquellen
-ihnen gaben, hielten sie sich jetzt für unüberwindlich, da sie ja über
-das Alles so herrlichen Sieg davongetragen hatten. Das Volk aber sah
-von nun an die Sache der Carlisten als die entschieden siegreiche;
-demnach wagte es entweder offener seine Neigung darzuthun, oder es
-schmiegte sich leicht unter das ihm unabwendbar scheinende Verhängniß.</p>
-
-<p>Die Folgen aber dieses Schlages für die Operationen der Armeen und
-für den Krieg im Allgemeinen waren von entscheidendem Gewichte; der
-Verrath eines Maroto war nöthig, um sie zu paralysiren. Der ganze große
-Vernichtungsplan der Feinde war vereitelt, in sich zusammengefallen;
-sie sahen sich nicht nur im westlichen Spanien geschlagen und selbst
-schwer bedroht, auch Espartero gab auf die Nachricht davon sogleich
-sein Unternehmen auf Estella und auf Navarra auf, zu seiner alten
-Unthätigkeit zurückkehrend. Die müssigen Schreier der Puerta del Sol,
-die im Voraus gejubelt hatten, wagten nun, den greisen Führer der
-Armee des Centrum, den General, der Alles gethan, was der General
-thun konnte, weil er eine Niederlage erlitten hatte, als Verräther
-zu bezeichnen und des Einverständnisses mit Cabrera zu zeihen.
-Wenige Wochen vorher war er der Held, auf den allein sie vertrauten,
-überschüttet mit Preis und Schmeichelei. Das ist der Liberalismus der
-Spanier!</p>
-
-<p>Den General Cabrera belohnte seines Königs Gnade für so herrlich
-errungene Erfolge durch den Titel des Grafen von Morella, den das
-Cabinet Maria Christina’s für Oráa, den Sieger, bestimmt hatte;
-zugleich ward er zum General &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">teniente general</span>, dem General
-der Infanterie oder der Cavallerie entsprechend &mdash; ernannt, als welcher
-er die Provinzen Aragon, Valencia, Murcia und Cuenca commandirte. Fünf
-Jahre hatten dem armen Studenten hingereicht, um in der Vertheidigung
-der Rechte seines Königs von Stufe zu Stufe die höchsten Grade und
-Ehren sich zu verdienen und, gefürchtet vom Feinde,<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span> die Hoffnung
-der Seinen, an der Spitze eines von ihm selbst im Kampfe gegen
-die Usurpation gebildeten Heeres über vier mächtige Provinzen zu
-herrschen;<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> in fünf Jahren hatte der unbekannte Jüngling, der mit
-einem Stock bewaffnete Guerrillero, europäischen, geschichtlichen Ruhm
-sich erworben.</p>
-
-<p>Auch die Armee ward nach dem Vorschlage des Generals reich belohnt;
-die Divisions-Chefs und Brigadiers Don Domingo Forcadell und Don Luis
-Llagostera, der ganz besonders durch Thätigkeit und Einsicht sich
-hervorgethan hatte, wurden zu General-Lieutenants &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">mariscales
-de campo</span> &mdash; erhoben und als zweite commandirende Generale den
-einzelnen Provinzen vorgesetzt.</p>
-
-<p>Die Armee unter dem Oberbefehle des Grafen von Morella bestand nach der
-Belagerung von Morella aus folgenden Truppen.</p>
-
-<p>Die Division vom Ebro, unter dem unmittelbaren Befehle des Generals en
-Chef, enthielt die Brigade von Tortosa, 3 Bataillone unter dem Oberst
-Palacios, stets um die Person des Generals und von den übrigen Truppen
-als seine Garde bezeichnet; und die Brigade von Mora, 2 Bataillone
-unter Oberst Feliu, nebst dem Regiment Lanciers von Tortosa, unter
-Oberst Gil. 3200 Mann Infanterie und in 4 Escadronen 350 Pferde.</p>
-
-<p>Die Division von Aragon unter dem Mariscal de Campo Llagostera bestand
-aus 6 Bataillonen, durch die Verluste des Frühjahres sehr geschwächt,
-und 2 Regimentern Lanciers, 2400 Mann Infanterie und in 5 Escadronen
-330 Pferde.</p>
-
-<p>Die Division von Valencia zählte 6 Bataillone und ein Regiment Lanciers
-unter dem Mariscal de Campo Forcadell. 3800 Mann Infanterie und in 4
-Escadronen 320 Pferde.</p>
-
-<p>Die Division von Murcia &mdash; früher del Turia und unter Tallada
-vernichtet &mdash; unter dem Oberst Arnau ward organisirt<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> und enthielt
-jetzt 2 Bataillone und 2 Escadrone. 700 Mann Infanterie und 120 Pferde.</p>
-
-<p>So sah sich Cabrera an der Spitze von etwa 10000 Mann Infanterie und
-1100 Pferden. Dazu kamen das Artillerie- und das Genie-Corps, letzteres
-bis dahin nur aus Sappeurs mit nicht wissenschaftlichen Officieren
-bestehend, und die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span>, welche ihre Wohnsitze
-nicht verließen, nebst einigen kleinen Freicorps, die kaum 200 Mann
-stark waren.</p>
-
-<p>Merino marschirte alsbald mit den Bataillonen von Castilien ab; ebenso
-kehrten Graf Negri und Don Basilio mit den Reitern des ersteren durch
-einen kühnen Zug nach Navarra zurück. Don Basilio’s 200 Mann traten zur
-Brigade von Tortosa über.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Denn Cabrera herrschte in ihnen; nur die festen Städte
-gehorchten dem Feinde.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier23" name="zier23">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 23" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXIV">XXIV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Oráa hatte die Belagerung von Morella aufgehoben. Die Beobachtung des
-geschlagenen Feindes der Division von Castilien überlassend, eilte
-Cabrera mit zwei Divisionen der fruchtbaren Huerta von Valencia zu,
-den glorreichen Sieg thätig zu benutzen: am 24. August schon stand er
-vor den Thoren der Hauptstadt, die wenige Tage vorher durch glänzende
-Feste die Eroberung von Morella gefeiert hatte, da die Nachricht davon
-als unzweifelhaft verbreitet war. Auch jetzt empfing das Jubelgeläute
-aller Glocken die carlistische Armee, denn Niemand zweifelte, daß der
-wilde Cabrera nach dem Verluste seiner Festung und geschlagen vor
-dem siegreichen Heere Christina’s auf der Flucht begriffen sei und
-unmittelbar von demselben verfolgt werde.</p>
-
-<p>Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall
-Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und
-Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit
-den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des
-Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen
-Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im
-Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von
-Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten
-und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf
-dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen!</p>
-
-<p>Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich
-Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf
-die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> gleichfalls nach dem Königreiche
-Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den
-Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während
-Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne
-hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition
-waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen
-Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die
-von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch
-Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem
-Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen.</p>
-
-<p>Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch
-befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der
-Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés
-beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber
-durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen
-wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne
-Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken
-erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte.</p>
-
-<p>General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den
-gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde,
-verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen.
-An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des
-Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle
-spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister
-General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die
-Ursachen jener Niederlage zu erforschen.</p>
-
-<p>Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora
-den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken
-maurischen Castell auf dem südlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span> Ufer jenes Flusses, welches er
-sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen
-Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des
-drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa
-schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen
-Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte
-jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung
-während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro
-zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine
-Artillerie nach Miravet gesendet hatte.</p>
-
-<p>Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges
-Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden
-Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des
-Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset
-befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division
-vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset
-belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines
-legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer
-herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen
-möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte
-die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf
-jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für
-Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und
-eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden
-erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen,
-ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“</p>
-
-<p>Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen
-Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt
-entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich
-zu, da sie bei den unter den Posten nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> ungewöhnlichen Gesprächen
-sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für
-Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der
-gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete
-und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu
-den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich
-nicht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt
-war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung
-mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer
-zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale,
-einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst
-günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in
-den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während
-Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte.</p>
-
-<p>Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der
-ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen,
-brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von
-Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch
-aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings
-Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen.
-Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf
-erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der
-Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so
-daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte
-die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von
-Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700
-Pferde stark.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span></p>
-
-<p>Da Cabrera mehrere Bataillone von Aragon erwartete, verließ er am
-Morgen des 1. Octobers seine Stellung, um die Vereinigung mit ihnen
-zu erleichtern. Zugleich brach auch Pardiñas von Maella auf, um den
-Heranmarsch der Verstärkung zu begünstigen, die von Caspe aus zu ihm
-stoßen sollte.<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a></p>
-
-<p>Von Maella nach Favara, Südwest zu Nordost, erstreckt sich ein etwa
-drei Stunden langer Höhenzug, dessen obere, ganz kahle Fläche, ein
-Hochplateau bildend, in seiner größten Breite &mdash; anderthalb Stunden
-von jedem der beiden Orte &mdash; etwa eine halbe Stunde beträgt. Die
-Verbindungswege zwischen ihnen laufen zu beiden Seiten dieser Höhe in
-dem Grunde der sie cotoyirenden Thäler hin, von dem das nordwestliche,
-in dessen Tiefe das Flüßchen Nonaspe sich hinschlängelt, reich bebaut
-und hauptsächlich mit Weingärten und mit Olivengehölzen bedeckt ist,
-auch ist die Höhe dorthin sehr sanft abgedacht. Das andere südöstliche
-Ravin ist durch steil abfallende Wände gebildet und durch rauhe,
-vorspringende Felsmassen verengt; es ist mit Ausnahme von wenigen
-Olivenbäumen ganz ohne Cultur.</p>
-
-<p>Pardiñas, die von Caspe herführenden Wege zu decken, schlug natürlich,
-links sich wendend, den Weg längs dem Flusse ein, um nach der
-Vereinigung mit der erwarteten Verstärkung<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span> Cabrera anzugreifen,
-während dieser, ohne von der Absicht und dem Ausbruch jenes Generals
-Nachricht zu haben, von Favara aus gleichfalls links das schroffere
-südöstliche Thal hinabzog, da die Bataillone, denen er die Hand reichen
-wollte, von Süden her naheten.</p>
-
-<p>Die Eclaireurs der beiden Corps, längs den Flanken der Marschcolonnen
-schwärmend, trafen sich auf der Mitte des Plateaus und eröffneten
-alsbald das Feuer. Die beiden Generale schickten den Kämpfenden
-Verstärkung auf Verstärkung und zogen sich, ihrem Vortrabe folgend,
-nach und nach auf die Höhe des Plateaus, wo die Divisionen in
-Schlachtordnung auf einander stießen, so daß die Avantgarde einer jeden
-der Arrieregarde der andern gegenüberstand, welche die Christinos
-jedoch bedeutend zurückgehalten hatten. Die Front der Carlisten war
-jetzt nach Norden gerichtet.</p>
-
-<p>Die feindliche Cavallerie der Avantgarde stürzte sich auf die beiden
-Bataillone von Mora, welche den rechten Flügel der Carlisten bildeten,
-durchbrach sie, noch nicht geordnet, und säbelte sie furchtbar nieder.
-Das Regiment von Tortosa sprengte zu ihrer Rettung herbei, und sie
-konnten, von den Guiden von Aragon aufgenommen, sich rasch formiren
-und wieder vordringen. Die Lanciers von Tortosa aber wurden durch
-einen neuen, heftigen Choc gleichfalls geworfen und verloren eine
-große Zahl Todter, da die Christinos Alle, welche sie einholten, mit
-dem Rufe: „heute giebt es keinen Pardon für Euch!“ erbarmungslos
-niederstachen, wiewohl diese, von den Pferden springend, sich gefangen
-gaben.<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> Zugleich griff Pardiñas mit seiner Infanterie des Centrum
-die Bataillone von Tortosa an, welche auf vierzig Schritt Entfernung
-mit Bataillons-Salven die Massen<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span> empfingen und dann mit dem Bajonnett
-ihnen entgegenstürmten. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück.
-Die braven Tortosiner wichen nicht, und die Bataillone von Cordova
-und Afrika, eben so brav, drangen immer wieder zu wildem Angriffe. So
-ward die Infanterie beider Corps in furchtbarem Handgemenge vermischt,
-aus dem die Losungsworte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto! und viva Isabel
-segunda!</span> verwirrt durch einander tönten, da nicht eine einzige
-Compagnie in sich geschlossen geblieben war.</p>
-
-<p>Cabrera erkannte, daß der Augenblick der Entscheidung da war: ein
-Cavallerie-Angriff in solchem Chaos mußte Wunder thun. Er beorderte
-einige der Escadrone herbei, die so eben auf dem rechten Flügel die
-Fortschritte der feindlichen Reiter wieder gehemmt hatten. Aber ehe
-sie anlangten, stürzte er, schon leicht verwundet, an der Spitze
-seiner Ordonnanzen, kaum 60 Reiter, in die Mitte des Getümmels der
-Infanterie, mit dem Rufe: «<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">hay cuartel, abajo las armas!</span>» &mdash;
-es giebt Pardon, nieder mit den Waffen! &mdash; die Christinos betäubend.
-Die verwegene That hatte den herrlichsten Erfolg. Die Feinde überall
-mit der Infanterie von Tortosa gemischt, konnten sich nicht in Massen
-formiren; allgemeine Bestürzung, panischer Schrecken ergriff sie,
-und Pelotons, Compagnien und ungeordnete Haufen, wie sie aus dem
-Handgemenge sich vereinigen konnten, streckten die Waffen, Alles
-verloren wähnend, da sie die Cavallerie der Carlisten in ihrer Mitte
-sahen. Wenige flohen. Die Ordonnanzen und die herangezogenen Escadrone
-von Tortosa, der Infanterie das Werk der Entwaffnung überlassend,
-jagten an dem erstarrten Haufen der Christinos vorüber, die zagend
-die Gewehre niederwarfen, bis sie wieder und wieder die ganze Linie
-durchkreuzt hatten.</p>
-
-<p>In einer Viertelstunde war das Unglaubliche vollbracht. Zugleich
-warf sich der linke Flügel Cabrera’s auf den zurückgezogenen, auf
-dem Abhange stehenden Nachtrab der Feinde, bei<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span> welchem sämmtliche
-Bagage sich befand. Er war sofort zerstreut und floh in gränzenloser
-Verwirrung auf Caspe, die Vernichtung der schönen Division verkündend,
-worauf die zur Verstärkung derselben bestimmten Truppen dort blieben.</p>
-
-<p>Pardiñas hatte sich umsonst bemühet, das Gefecht wieder herzustellen;
-in Verzweiflung stürzte er mit der Cavallerie des linken Flügels zur
-Rettung seiner schon aufgelöseten Bataillone, aber die Escadrone wurden
-durch die Festigkeit einiger Compagnien von Tortosa geworfen und durch
-einen Chor der Lanciers ganz zerstreut und, in die Schlucht gedrängt,
-größtentheils gefangen. Bald war an die Stelle des wilden Tumultes
-majestätische Ruhe getreten, nur durch den jubelnden Siegesruf: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva
-el Rey!</span> unterbrochen.</p>
-
-<p>Schon verwundet, das Pferd unter ihm getödtet, floh Pardiñas allein
-und zu Fuß dem Ravin zu, durch welches Cabrera’s Armee heraufgezogen
-war. Vom Oberstlieutenant Rufo, einem Adjudanten des Generales, zu
-Pferde verfolgt, gelangte er bis zu dem Grunde des Thales, vermochte
-aber, geschwächt durch Blutverlust, nicht mehr, die entgegengesetzte,
-steile Höhe zu ersteigen. Er ergriff das Gewehr eines Grenadiers, der
-gleichfalls fliehend an ihm vorübereilte, und zerschmetterte durch
-einen Schuß den Arm Rufo’s, da dieser ihn aufforderte, sich zu ergeben.
-Das Feuer hatte schon ganz aufgehört; so zog dieser vereinzelte Schuß
-einige Ordonnanzen herbei, welche, den Adjudanten ihres Generales
-verwundet sehend, den feindlichen Anführer niederhieben, wiewohl er als
-Pardiñas sich kund gab.<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span></p>
-
-<p>Oberstlieutenant Rufo, mit einer Schwester des Grafen von Morella
-verlobt, starb einige Wochen nach der Action in Valderobles, da die
-sogenannten Wundärzte nicht sogleich zur schwierigen Amputation
-geschritten waren. Die Nachricht von der Verwundung des Geliebten warf
-seine Braut, die liebenswürdigste von den drei reizenden Schwestern
-des Generals, auf das Krankenlager; sie überlebte nur um einen Tag die
-Schreckenskunde von seinem Tode.</p>
-
-<p>Der Sieg nach einstündigem, furchtbarem Ringen war vollkommen. 3500
-Mann waren gefangen, über 4000 Gewehre, zwei Geschütze, 350 Pferde und
-die ganze reiche Bagage wurden auf dem Schlachtfelde erbeutet. Nur 800
-bis 900 Mann, zum Theil unbewaffnet, entkamen nach Alcañiz und Caspe,
-wo sie die größte Bestürzung verbreiteten, die bald durch das ganze
-christinosche Spanien wiederhallte. &mdash; Der Verlust der Carlisten war
-sehr bedeutend, wie solcher Kampf ihn mit sich brachte, sie zählten
-ungefähr 1200 Mann Todter und Verwundeter, ein Viertel ihrer ganzen
-Stärke.</p>
-
-<p>Nach dem Siegestage von Maella entsendete Cabrera drei Bataillone und
-zwei Escadrone unter dem Oberst Polo nach Castilien, wo sie bis in die
-Mancha vordrangen und, ohne Widerstand zu finden, einen großen Convoy
-von Lebensmitteln sammelten &mdash; der Winter war ja nahe. &mdash; Er selbst
-durchstreifte mit der Division vom Ebro Nieder-Aragon bis an die Thore
-von Zaragoza, während sein Adjudant, Oberst Garcia, der wegen seiner
-mannichfachen militairischen Kenntnisse bei dem gänzlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Mangel an
-Genie-Officieren<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> deren Functionen versah, die Blockade von Caspe
-leitete. Llagostera aber drang von neuem in die Ebene von Valencia und
-bis in das Königreich Murcia vor; bei seiner Rückkehr traf er auf den
-General Borso und ward am 2. December bei Chiva geworfen, wobei er
-etwa 200 Gefangene einbüßte, welche erschossen wurden, da schon das
-Repressalien-System in Kraft getreten war. Doch später davon.</p>
-
-<p>So wie das Belagerungsgeschütz dort anlangte, war Cabrera nach Caspe
-geeilt; er ließ sofort die Batterien errichten, beschoß die Stadt
-kräftig und hatte sich schon in einigen Häusern unmittelbar neben der
-Mauer festgesetzt, als General van Hahlen mit starkem Corps zum Entsatz
-nahete. Auf seiner Flanke und in den Communicationen bedrohet, zog
-Cabrera seine Artillerie am 18. October zurück, hob die Belagerung
-auf und wandte sich nach dem Königreiche Valencia, wo Forcadell durch
-Überfall des Castells von Villamaleja sich bemächtigt hatte. Da van
-Hahlen sich sofort dahin in Bewegung setzte, stand der carlistische
-Feldherr nach einigen Gewaltmärschen wieder in Aragon und erneuerte die
-Belagerung von Caspe, die auch dann fehlschlug, weil Niemand in der
-Armee sich fand, der eine Mine, welche nothwendig war, mit gehöriger
-Wirkung anzulegen wußte.</p>
-
-<p>Cabrera durchzog in den letzten Tagen des Novembers noch ein Mal die
-fruchtbare Huerta und machte einen vergeblichen Versuch, Lucena in
-Valencia durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, worauf er nach Morella
-ging, da die Witterung für den Augenblick jede Operation unmöglich
-machte. Mehrere Monate verflossen in anscheinender Unthätigkeit.
-General van Hahlen begnügte sich, Convoys nach den vorgeschobenen
-Festungen<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span> zu escortiren und im Halbkreise auf der großen Straße
-von Castellon nach Valencia, Teruel, Daroca und Zaragoza um das
-carlistische Gebiet in beobachtender Ferne sich zu bewegen. Der
-Graf von Morella aber arbeitete an der Completirung und Ausbildung
-der Armee, ersetzte das Vernichtete und Mangelnde und traf alle
-Vorbereitungen, um mit dem Frühjahre kräftig die Offensive ergreifen
-zu können, da die glänzenden Erfolge des letzten Feldzuges die
-Überlegenheit des carlistischen Heeres unter Cabrera’s Leitung factisch
-dargethan hatten.</p>
-
-<p>Cabrera ward schon von den Anhängern Carls&nbsp;V. als der Mann
-betrachtet, der den Krieg beenden und dem Könige den Weg zu dem
-Throne seiner Väter öffnen würde; in ihm concentrirten sich jetzt
-alle Hoffnungen. Von der Armee der Nordprovinzen erwartete, wünschte
-man nur noch, daß sie sich halten und so die ihr gegenüber stehenden
-Truppen dort fesseln möge. An endlichen Sieg durch sie dachte Niemand
-mehr: „Das Übrige wird schon Cabrera thun“ klang vertrauensvoll aus
-Aller Munde. &mdash; Wer hätte ahnen mögen, daß Verrath die Waffenthaten
-des jugendlichen Helden vergeblich machen und das sinkende Gebäude der
-Revolution stützen werde!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Winter von 1838 zu 1839 sticht in der Geschichte des spanischen
-Bürgerkrieges blutig durch eine lange Reihe systematischer Metzeleien
-hervor, die das Gefühl mehr empören müssen als alle die Gräuel,
-welche in den ersten Jahren des Krieges verübt wurden, weil diese
-durch die Leidenschaft des Augenblickes und die Verhältnisse eine
-theilweise Entschuldigung finden könnten, während jene, nachdem lange
-schon menschlicherer Kriegsgebrauch herrschend gewesen, mit kalter
-Berechnung und an Unglücklichen Statt fanden, die, seit längerer Zeit
-schon gefangen, eben deshalb gegen jede Gefahr gesichert und unter<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span>
-den Schutz von Allem gestellt erschienen, was die Leidenschaften des
-Menschen bändigen kann. Ich will die Umstände darlegen, welche jene
-Blutscenen veranlaßten, die natürlich ganz und allein dem carlistischen
-General zugeschrieben wurden und gegen ihn den Abscheu der Welt häuften.</p>
-
-<p>Als ich in der Armee Cabrera’s ausgewechselt wurde, war ich, wie hoch
-ich die militairischen Eigenschaften dieses Anführers stellte, von eben
-so hohen Vorurtheilen gegen ihn als Menschen befangen. Ich betrachtete
-die Darstellung, welche die Blätter des liberalisirten Spanien von
-seiner Grausamkeit, seinem Blutdurst und den zahllosen Schandthaten
-gaben, die ihm zugeschrieben wurden, als übertrieben zwar, aber doch in
-ihren Grundstrichen wahr und gegründet. Daher konnte ich, wie sehr auch
-der blutige Krieg mit Scenen von Härte und Rücksichtslosigkeit mich
-vertraut gemacht, ja mich gewöhnt hatte, mit Gleichgültigkeit den Tod
-und das Elend der Menschen bloß als materiellen Verlust oder Gewinnst
-zu berechnen, dennoch nur mit Grauen auf den Mann sehen, der so jedes
-höhere Gefühl verleugnete, der ohne Veranlassung mit Wollust das Blut
-seiner Mitmenschen stromweise vergoß, und der in Anderer Jammer sein
-Vergnügen, sein Glück fand. Denn so schilderten ihn die Christinos,
-doch mit unendlich stärker aufgetragenen Farben.</p>
-
-<p>Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen
-gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in
-häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von
-Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich
-ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu
-machen.</p>
-
-<p>So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera,
-so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten
-betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz,
-welcher für den Carlisten stets die<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> Person des Helden Cabrera umgiebt,
-geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe
-ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That
-konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen,
-meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber,
-sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger,
-wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir
-aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte.</p>
-
-<p>Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge
-war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem
-andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt
-ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er
-vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan,
-so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat
-es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich
-war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth
-der Revolutions-Männer zügeln konnte &mdash; sei es, indem er in ihrem
-Blute diese Wuth erstickte &mdash; wehrlos die treuen Unterthanen seines
-Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die
-feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt
-immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets
-gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel
-wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich
-mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie
-schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse
-ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner
-sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das
-Leben zu erhalten.</p>
-
-<p>Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera
-abermals, wie früher erwähnt wurde,<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> menschlichere Art der Kriegführung
-geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn
-ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde,
-doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun
-gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt
-fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen.
-Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen
-sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu
-verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann
-drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das
-Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde!</p>
-
-<p>So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was
-seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können.
-Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten
-Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von
-Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der
-Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin
-hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete,
-deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu
-nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen
-des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes
-aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in
-solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die
-Action von Maella bot den Vorwand dazu.</p>
-
-<p>Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels
-anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die
-fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß,
-von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten,
-schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem
-Rufe hin: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">hoy no hay<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> cuartel para vosotros!</span>“ &mdash; heute giebt
-es keinen Pardon für Euch! &mdash; Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden
-so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen
-Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn
-der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit
-Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen.</p>
-
-<p>Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein
-großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs
-angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa,
-welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben
-ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth
-allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher
-ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie
-niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten,
-demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe.
-Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs
-an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht
-behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden.</p>
-
-<p>Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den
-Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich
-bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon
-zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß
-die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert
-hatten, forderte das Volk &mdash; der Pöbel wird bei den Christinos das
-Volk genannt, &mdash; forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden
-laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst
-nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen
-dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth
-der Schreier abzulenken, und die Überzahl<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> der Gefangenen in Cabrera’s
-Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der
-Revolution würdig.</p>
-
-<p>In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten
-der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern,
-die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien
-entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer
-Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche
-Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der
-empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich
-den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche
-Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht
-nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben
-der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem
-Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die
-Mittel zu schrecklicher Repressalie böten.</p>
-
-<p>Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu,
-welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben
-sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen
-wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn
-er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und
-christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre
-Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem
-Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei
-in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen.
-Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen
-sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden,
-wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur
-Flucht entdeckt waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span></p>
-
-<p>Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu
-el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende
-Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem
-nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in
-der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten;
-Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen
-ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen
-Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja,
-durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> Auch
-in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf.
-Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den
-Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. &mdash; Sieben
-und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend,
-wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die
-verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots
-aufhängen.</p>
-
-<p>Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten
-sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen
-zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben
-und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte
-mit Repressalien. &mdash; Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den
-Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen
-Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera
-befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß
-strengste<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. &mdash; Van
-Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.</p>
-
-<p>Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in
-den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen,
-Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza,
-dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen
-und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der
-Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die
-überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche,
-da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta
-nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle
-seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß
-hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder
-Kampf auf Leben und Tod!</p>
-
-<p>Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der
-Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in
-Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht
-Carlisten &mdash; die einzigen noch vorhandenen, &mdash; in jeder kleinern Stadt
-verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den
-General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem
-Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu
-strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation
-Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich
-füsilirte wieder eben so viele Christinos.</p>
-
-<p>Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in
-ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in
-Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das
-Leben kosteten,<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a> zogen eben so viele Schlächtereien<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> der Gefangenen
-und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in
-seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die
-Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und
-erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde
-Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn
-auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller
-strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht
-aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von
-Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den
-carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den
-Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren
-der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes
-seinen Zorn fühlen zu lassen.</p>
-
-<p>Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben
-so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera
-auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die
-Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen
-Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung
-des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies.
-So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den
-höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und
-mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen
-seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten
-viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß
-die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen
-würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils
-bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus
-solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit
-benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich
-losreißend,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span> den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich
-anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten
-zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde,
-während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine
-Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In
-einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge
-bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem
-Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.</p>
-
-<p>Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche
-jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich
-will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält
-keinen Pardon.“</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Die folgende Action war eine der entscheidendsten und
-merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das Terrain
-beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang des Kampfes für
-die eine Division so völlig vernichtend war. Daher erregte sie zu jener
-Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, weshalb ich sie näher detailliren
-werde. &mdash; Die Notizen sammelte ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde
-selbst von Bauern und später von vielen Officieren, welche dort
-mit fochten. Ich muß gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft
-klarer war, als die von Manchem dieser Officiere. &mdash; Die Bauern als
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">bagageros</span> waren übrigens Augenzeugen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges
-gewiß, die Ordre, keinen Pardon zu geben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas,
-über den die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben,
-gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn
-wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier
-gefallen sei. &mdash; Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version
-überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen empfing;
-so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur von Cañete, der
-bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte und hohen Antheil an dem
-Siege hatte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der
-Vertheidigung von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der
-Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio dorthin
-zurückgekehrt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher
-bis in das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich
-nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus &mdash; er nahm Theil
-an der Escalade von Morella &mdash; ward Officier und wurde dann gefangen
-und füsilirt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar,
-General Mendez Vigo, wurde ermordet.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier24" name="zier24">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 24" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXV">XXV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit
-Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß,
-waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den
-britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend
-erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen &mdash; der unter den
-obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger
-bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort
-ausgebessert hätte &mdash; aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung
-der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen
-Carls&nbsp;V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte
-Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend,
-konnte sehr wenig leisten.</p>
-
-<p>So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die
-vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet
-wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende
-des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit
-finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des
-Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der
-Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit
-und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten.</p>
-
-<p>Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien
-das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen &mdash; und was hätte es
-Größeres für ihn thun können! &mdash;: ein mit zehntausend Gewehren von
-England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste
-von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten
-dirigirt waren.<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht
-der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche
-Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand
-laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der
-die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es
-endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne
-Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am
-folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter
-in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den
-Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona.</p>
-
-<p>Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze
-von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses
-neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine
-solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift
-leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst
-ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum
-unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten,
-da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu
-hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch
-die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den
-langwierigen Kampf zu enden.</p>
-
-<p>Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die
-Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die
-carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes
-standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das
-Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem
-Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen;
-sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß
-zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich<span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span> von
-Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis
-zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend,
-bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte &mdash; Segura
-sollte befestigt werden.</p>
-
-<p>Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die
-feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen
-hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete
-Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz
-zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach
-Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen
-vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt.
-Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die
-Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen
-Montalban blockirte.</p>
-
-<p>Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker
-jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und
-einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben
-wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der
-General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig.
-So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in
-seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt
-und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht
-waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die
-Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel
-beitrug.</p>
-
-<p>Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister
-des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht,
-den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung
-desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße
-von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt
-mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch
-die weit in das bisher<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er
-sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren
-offensiven Operationen gewonnen.</p>
-
-<p>Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht,
-welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden
-Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück,
-während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an
-sich zog: Segura &mdash; so lautete die bestimmte Ordre des Madrider
-Cabinets &mdash; sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine
-Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum
-commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden
-Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann
-Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen
-und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa
-zwei Stunden von Segura, vor.</p>
-
-<p>Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die
-unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell
-gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen
-Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs
-aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr
-überlegenen Feind.</p>
-
-<p>Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die
-carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf
-Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und
-bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke
-Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die
-rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken
-Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie
-allgemein geworden.</p>
-
-<p>Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> hielten,<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a>
-flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf
-die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die
-Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst
-Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon
-von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und
-kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der
-Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und
-die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest
-sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie
-nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.</p>
-
-<p>Die carlistische Armee &mdash; wenn man acht Bataillone mit einigen
-Escadronen so nennen darf &mdash; floh in Unordnung auf Armillas zurück,
-zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura.
-Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen,
-blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch
-möglich, daß Cabrera &mdash; echt guerrilleromäßig &mdash; nach einer Stunde
-seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch
-die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend
-wieder zum Kampf führen konnte.</p>
-
-<p>Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> endlich gegen
-das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen;
-ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken
-liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden
-Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend
-ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre
-Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend
-zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf
-Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt,
-der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige
-Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und
-800 Gefangene ihm abgenommen hatte.</p>
-
-<p>Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die
-<em class="gesperrt">Recognoscirung</em><a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt
-habe, der Obergeneral van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten
-werde. Dieser rückte denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr
-bedächtig über Muniesa heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung
-rückwärts von Segura genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das
-Castell; er führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und
-zwölf Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er
-wiederum genau die Werke und &mdash;&nbsp;&mdash; zog sich aus Zaragoza zurück, ohne
-einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.</p>
-
-<p>Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man
-nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von
-Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als
-solchen betrachten will.<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme
-von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten.
-Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera
-unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General
-Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der
-Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a>
-und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl
-nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben,
-worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums
-trat.</p>
-
-<p>Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch
-Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden
-Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte,
-bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle
-desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung
-des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone
-fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde
-für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses
-Königreiches operirte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des
-Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und
-Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während
-er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe,
-Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos
-zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span>
-Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine
-kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division
-Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der
-reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.</p>
-
-<p>Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche,
-die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht
-des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz
-unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht
-werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige
-Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher
-Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den
-Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt
-wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende
-Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche
-getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden
-flohen.</p>
-
-<p>Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von
-Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann
-konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die
-braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder
-vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge
-zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner
-hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll
-ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu
-können!“</p>
-
-<p>Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg
-ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich
-Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her
-zurück, die Belagerung aufhebend.</p>
-
-<p>Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span> y Polo mit drei
-Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition
-nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara
-vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur
-sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia
-zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca
-zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und
-Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt
-hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung
-jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie
-die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge,
-Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt
-das Commando übernommen hatte.</p>
-
-<p>Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses
-Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer
-Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft
-nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen
-Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als
-Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee
-ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah,
-wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges
-dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia
-die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen,
-während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den
-glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz
-vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon
-drohend errichtet hatte.</p>
-
-<p>Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und
-festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm
-designirten Orte verhindern zu können,<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span> da Llagostera die Belagerung
-von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben
-leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von
-Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Es war vorauszusehen,
-daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit
-dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste
-thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur
-aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und
-stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.</p>
-
-<p>In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und
-noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts
-errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte
-und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf
-seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an
-demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien
-zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine
-Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.</p>
-
-<p>In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen;
-die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann.
-Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze
-von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur
-Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe,
-schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche
-Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die
-Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich
-brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas,<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> als
-Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet,
-nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte,
-das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden
-Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald
-das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere
-Artillerie in das Gebirge gebracht war.</p>
-
-<p>Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die
-Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt
-wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet,
-wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte
-gänzlich an der Festigkeit der Garnison.</p>
-
-<p>Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm
-selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen
-Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara
-detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum
-Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er
-auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die
-jedoch für seine Streitkräfte &mdash; neun Bataillone und sieben Escadrone
-&mdash; zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe
-zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung
-des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb
-Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde
-weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen
-einzigen Gefangenen gemacht hätte.</p>
-
-<p>Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er
-die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An
-demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit
-erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span></p>
-
-<p>Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel
-aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte
-der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich
-gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s<a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a>
-angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die
-Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm
-auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten
-kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine &mdash; ungeheuer in
-Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund
-Pulver &mdash; ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen
-gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am
-8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.</p>
-
-<p>Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja
-ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch
-einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten.
-Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm
-wankte und &mdash; fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein
-furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über
-der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine
-schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes
-hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde
-verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die
-Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche
-entflohen war, hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser
-sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und
-zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem
-Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete
-dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich
-führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war;
-fast kein Mann war ohne Wunde geblieben.</p>
-
-<p>Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der
-weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die
-Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange
-wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war
-mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei
-der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden
-auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und
-Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei
-sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher
-bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in
-der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die
-herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen
-hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher
-Auszeichnung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft
-entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste
-Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch
-im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von
-Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe
-nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem
-Einflusse<span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span> mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus
-stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen.</p>
-
-<p>Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem
-Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der
-Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el
-Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren
-hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen
-Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die
-dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera
-bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt
-ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la
-Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte,
-mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt
-wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ.</p>
-
-<p>General O’Donell,<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> bisher commandirender General in Guipuzcoa, war
-so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte
-mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und
-griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora
-an, wo sie &mdash; öfter wiederholter Fehler &mdash; eine ausgedehnte Stellung
-nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische
-Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien,
-wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span> mit
-seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite
-drängte.</p>
-
-<p>Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia
-operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella
-über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten
-in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von
-Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte,
-nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung
-der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die
-Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein.</p>
-
-<p>Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn
-für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des
-Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten
-Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid
-der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als
-seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige
-Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe
-dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu
-befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört
-zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten
-dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich
-bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s
-erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und
-höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit
-acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle
-seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos
-in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen
-Guerrilla.... in die Festungen sich einzuschließen.</p>
-
-<p>Durch die Anlegung des Castells von Beteta &mdash; einst ein<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span> maurisches
-Schloß &mdash; machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen
-Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es
-durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten.</p>
-
-<p>O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des
-kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda
-befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst
-den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich
-an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese
-hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell
-nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser
-abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog
-ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte
-Stellung.<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter
-guten Chefs stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche
-jeden Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa,
-gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte, fortwährend
-glänzend sich auszeichnete. &mdash; In dieser Action durchlief bei dem
-Anblicke des manövrirenden Feindes ein dumpfes Murmeln die Reihen von
-Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie manövriren, wir sind verloren!“ in
-gänzlicher Unordnung davon liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen
-sie that.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer
-Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren Schwierigkeiten
-durch die Gebirge mit sich zu schleppen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten
-Verfolger der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar,
-vermied er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr
-schätzbare Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch
-die demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr genau.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Llagostera verstand Nichts von Artillerie und
-Genie-Wesen, dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd.
-Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im Felde; doch
-nicht sehr unternehmend und rasch.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten
-Spanien’s. In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den
-vier Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen,
-der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und
-aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto!</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so
-detaillirt, wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General
-Baron von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat, daß
-ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier25" name="zier25">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 25" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXVI">XXVI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei.
-Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem
-Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas
-in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die
-Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung
-der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt
-waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten
-rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht,
-unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit
-der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die
-Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.</p>
-
-<p>Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich
-der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das
-des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt
-wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des
-Abscheues würdige Schandthaten trübte.</p>
-
-<p>Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes,
-angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und
-meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich
-konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender
-Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach
-dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah
-mich erstaunt an und &mdash;&nbsp;&mdash; schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab.
-Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere
-zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen
-würden, wenn Jemand von uns,<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span> anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen,
-selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie
-compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.</p>
-
-<p>Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem
-Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn
-Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher
-Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum
-Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu
-Ferdinands&nbsp;VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er
-durch Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so
-hervorthat, daß er den rühmenden Beinamen des <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pico de oro</span> &mdash;
-des Goldschnabels &mdash; sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das
-carlistische Gebiet zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner
-Cameraden nach Chelva im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk,
-wie unsere Lage und Verhältnisse näher kennen zu lernen.</p>
-
-<p>Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten &mdash;
-Sierras &mdash; des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen
-nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen,
-dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen
-bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander
-gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt
-so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend
-hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit
-stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so
-steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast
-immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden,
-welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die
-mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese
-nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne
-grünbraune<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden
-Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein
-lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang
-das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen
-gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf
-den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der
-Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den
-lieblicheren Thälern zueilt.</p>
-
-<p>Und dann die Wege!<a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne
-Herzklopfen diese &mdash; was hier Wege genannt wird &mdash; betritt; wie kann
-er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere
-sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und
-abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens
-Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein
-Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes
-unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich
-zum Verderben hinunterreißen zu müssen.</p>
-
-<p>Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend
-abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich
-endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während
-die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten
-meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf
-den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden
-betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich
-an. &mdash; Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. &mdash;
-Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit<span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span> zugleich entwickeln dann
-die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten
-beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden
-Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer
-Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher
-mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.</p>
-
-<p>Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser
-Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die
-Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im
-wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind.
-Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte
-üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch
-Maulthiere und Esel ersetzt ist.</p>
-
-<p>So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach
-gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des
-Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl
-der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und
-oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich
-erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen
-losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> so war doch der
-sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche
-Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen
-Weizen<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span> bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt;
-und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr
-und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und
-bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch
-gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate
-lang durch keinen Regenguß gemildert wird.</p>
-
-<p>Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler
-zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft
-auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil
-abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das
-Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">masadas</span>,
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">masias</span> &mdash;, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut
-zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das
-Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es
-erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm
-angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche,
-selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt,
-durch die Gefilde befruchtend sich hin.</p>
-
-<p>Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und
-recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein
-einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen
-Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur
-Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe,
-als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es
-aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte,
-die freilich spärlich genug ausfallen mußte.</p>
-
-<p>Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig
-Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende
-heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen,
-wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann<span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span> begünstigte, aus der
-drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und
-gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die
-ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles
-war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim
-Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung
-der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden
-carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes
-es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie
-sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern,
-Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich
-in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der
-Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den
-Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet
-werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede
-der beiden andern Völkerschaften.</p>
-
-<p>Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber
-zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit,
-welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch
-die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person
-ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher
-Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen
-die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von
-Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den
-entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose
-Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese
-tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in
-den krassesten<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span> Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der
-Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste
-Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat,
-aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> der
-Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem
-Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie
-wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend
-umschweben.</p>
-
-<p>Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der
-Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch
-strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar
-in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der
-Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder
-zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon
-unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder
-Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das
-Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte &mdash; so des Angriffes auf
-Zaragoza. &mdash; Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine
-grobe Härte &mdash; auch er ist Aragonese, &mdash; weit mehr noch durch manche
-andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich
-zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich
-durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span></p>
-
-<p>Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine
-feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als
-Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden
-Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig
-Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher
-Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt.
-Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu
-müssen.</p>
-
-<p>Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer.
-Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus,
-der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung
-zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten,
-ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs
-langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft
-sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden:
-er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich
-dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz
-entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig
-und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem
-Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm
-durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht
-sich lächelnd zurück und &mdash; erwartet den wehrlosen Feind hinter einer
-Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu
-kühlen.</p>
-
-<p>Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff,
-wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so
-sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen
-Guerrilleros geeignet,<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> denen der Kampf<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span> fast nur in Überfällen,
-Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten
-Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia
-immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als
-die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.</p>
-
-<p>Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen
-der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden
-augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter
-Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie
-aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu
-zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie
-liefen leicht mit den Pferden um die Wette. &mdash; Daher schlug Cabrera
-alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom
-Ebro.</p>
-
-<p>Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre
-beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern,
-den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern
-wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen
-sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und
-Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner
-des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der
-sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von
-dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen
-Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden
-Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz
-frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und
-Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der
-Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie
-dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die
-Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span></p>
-
-<p>In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl
-die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde
-und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war,
-als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach
-entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber
-selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit,
-und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf
-sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren,
-dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in
-Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und
-ertrugen standhaft jede Beschwerde.</p>
-
-<p>Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die
-Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie
-focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und
-entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach
-und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben.
-Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den
-sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre,
-und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen
-Führers sich würdig zu zeigen.</p>
-
-<p>Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa
-über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera
-alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch
-eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in
-jener Brigade geöffneten Lücken<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> bestimmte. Und was hätte er mehr
-thun können,<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour,
-unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten
-Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung
-stand sie freilich weit hinter ihnen.</p>
-
-<p>Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner
-Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie
-ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die
-Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen
-Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in
-der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen
-das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht
-gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia,
-im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera
-mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das
-westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen
-nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden
-Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben
-Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en
-Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte,
-die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege
-in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte,
-daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern,
-da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen
-uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung
-und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich
-auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span></p>
-
-<p>Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige
-Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten
-der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren.
-Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen
-Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom
-Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine
-ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie
-wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze
-gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am
-2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche
-Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien,
-welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade
-Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei
-Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene
-Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne
-Arévalo’s zu operiren.</p>
-
-<p>Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten
-Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein
-isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur
-Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia
-nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und
-die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern
-zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute,
-die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in
-dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod
-und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a>
-die Nachricht brachte, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> Negros nur noch eine kleine Stunde
-entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die
-Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem
-Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und
-so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.</p>
-
-<p>Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen
-zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone,
-welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar
-gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt.
-Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa
-vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden
-dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla
-zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem
-vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar
-wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und
-rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine
-starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf
-beide Flügel vertheilt.</p>
-
-<p>Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den
-Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia
-angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden
-Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde,
-jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe,
-nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte,
-den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span>
-Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige
-Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden
-Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die
-Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte
-eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf
-die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein
-nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei
-Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick
-wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung
-entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt,
-drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey!</span>
-die beiden Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld
-wieder, wobei sie zwanzig Gefangene machten.</p>
-
-<p>Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die
-carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend,
-und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin
-gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien,
-welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und
-bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone
-in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen
-erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl
-die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in
-Chulilla ließ.</p>
-
-<p>Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind
-herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte
-Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere
-Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß,
-wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer
-Jubelschrei: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">son los nuestros!</span> &mdash; die Unseren! &mdash; durch die
-Linie der Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten
-durch den aufquellenden Staub.<span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span> Die drei Escadrone, welche Arévalo in
-dem Dorfe zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen
-Ufer den Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke
-Ufer zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Mit dem Losungsrufe <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto!</span> stürmten sie gegen das
-nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend,
-zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst
-dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo
-gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs
-Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach
-allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das
-eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut,
-da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere
-stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war
-die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden
-ward bis zum Abend fortgesetzt.</p>
-
-<p>Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen
-und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen
-wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig
-Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere
-hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo
-sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der
-Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind,
-welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen
-gar keinen Gebrauch gemacht.</p>
-
-<p>Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung
-einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division
-von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den
-General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der
-Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht
-wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span> im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile
-der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu
-carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe
-die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus
-jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen
-Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut,
-da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem
-nicht unpassenden Ausdruck der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caminos reales de perdices</span> &mdash;
-Rebhühner-Chausseen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche
-Sage und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando &mdash; Roland
-&mdash; durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge hinabgeworfen
-haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher Gestalt sichtbar ist.
-Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte in einem Felsen: Orlando
-öffnete sie mit einem Hiebe seines Schwerdtes im Kampfe gegen die
-Araber u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Nuestra Señora del pilar de Zaragoza</span> &mdash; unsere
-Herrin von der Säule von Zaragoza &mdash; in ganz Aragon enthusiastisch
-verehrt. Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule
-stehende Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der
-Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen zu
-versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der Jungfrau
-seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er habe gar nicht die
-gehörigen Formen beachtet und sich benommen, als ob er zu hoch stehe,
-um ihre Jungfrau anzubeten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die
-Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den
-Augen des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß sie
-endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die Officiere aber
-fielen natürlich stets die Ersten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie
-selten die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste
-Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während der Nacht
-jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß die Truppen durch
-mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt waren.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier26" name="zier26">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 26" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXVII">XXVII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste
-Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu
-sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte
-mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem
-reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete
-Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler
-höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den
-nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig
-ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen
-die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s
-Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in
-seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle
-des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von
-Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte.</p>
-
-<p>So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei
-Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva &mdash;
-unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa
-geschlagen wurde &mdash; und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo
-wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von
-da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den
-Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von
-Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit
-uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von
-Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span></p>
-
-<p>Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen
-Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so
-vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte.</p>
-
-<p>Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von
-Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva
-an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher
-Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz
-Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften
-sich befinden. Auch Oberst Polo &mdash; seit kurzem mit einer Schwester
-des Grafen von Morella vermählt &mdash; welcher mit fünf Bataillonen zu
-einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General
-den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales
-einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch
-la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen
-zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden.</p>
-
-<p>Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und
-Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter
-Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die
-nächste Zukunft Großes bringen werde.</p>
-
-<p>Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte
-hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke,
-eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General
-O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden,
-daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> Armee, 17
-Bataillone und 11 Escadrone<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte,
-während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen &mdash; doch
-mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung
-fand &mdash; in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der
-Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter
-Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte.</p>
-
-<p>Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7
-Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den
-vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit
-nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen
-nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und
-Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich
-habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn
-unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er
-noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit,
-die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia
-bedrohend.</p>
-
-<p>Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn
-Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht
-gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug
-erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte,
-während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche
-Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem
-Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen
-Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu
-betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem
-Blute von Tausenden seiner Krieger.<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span></p>
-
-<p>Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das
-kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit
-unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine
-größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so
-entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten
-harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort
-erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten
-sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6.
-jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das
-Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines
-vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit
-Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten
-Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen
-die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die
-Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten.</p>
-
-<p>Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der
-Carlisten<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie
-mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone
-vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen,
-den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera
-baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich
-dann der beiden Thürme &mdash; ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt
-&mdash; und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span> Sturme
-auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe
-demselben aufführten.</p>
-
-<p>Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs
-mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden
-Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von
-Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den
-Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der
-am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch
-die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte,
-fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison
-hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre
-erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem
-Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.</p>
-
-<p>O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst
-in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt,
-da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich
-von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten
-Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die
-Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren
-der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu
-unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera,
-den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die
-Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung
-von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in
-Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am
-6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe
-Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes
-gefangen fortführte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span></p>
-
-<p>Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne
-weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu
-stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte
-bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne
-Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche
-Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines
-Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten
-den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen,
-der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen
-gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.</p>
-
-<p>Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die
-schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel
-auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el
-Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von
-Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der
-kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000
-Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen.
-Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die
-vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia
-nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps
-im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte,
-während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst
-Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen
-Alcañiz und Caspe blokirte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich
-ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich
-in den kühnen Zügen etwas Wildes,<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span> Unheimliches zu erkennen glaubte,
-was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere
-desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur
-nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen,
-welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden
-Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und,
-wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu
-dringen scheinen. &mdash; Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht
-gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen
-und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze
-aufgedrückt.</p>
-
-<p>Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu
-mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung
-gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der
-Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut
-sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und
-Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und
-die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit,
-welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen
-Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen
-vermochte.</p>
-
-<p>Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen
-wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen
-mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß
-noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen
-Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern
-oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende
-Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder
-grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging,
-wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der
-Natur Angemessene mir wohl bekannt war,<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span> die Unvorsichtigteit, bei
-dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts
-Übeles erwartend.</p>
-
-<p>Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete
-mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen:
-„Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung,
-daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der
-Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz:
-„Vorwand, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln
-Arévalo’s, der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich
-nicht enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen
-würde, der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz
-wäre. „Aber <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte
-Cabrera los. &mdash; „So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu
-dem Heere des Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.</p>
-
-<p>In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn
-an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie
-wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten,
-welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als
-ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den
-Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm
-kommen würde.</p>
-
-<p>Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich
-Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu,
-daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am
-wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht
-den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so
-den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen
-sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“</p>
-
-<p>Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen<span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span> Charakter
-selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch,
-daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß
-demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s
-aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge,
-konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so
-wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte
-ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. &mdash; Während der
-folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem
-Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.</p>
-
-<p>Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener
-Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen
-von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen
-Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war
-keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant
-oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen
-abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden
-und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre
-niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus
-seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die
-eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.</p>
-
-<p>War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die
-Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen;
-bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der
-Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte
-Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details
-prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden
-auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder &mdash; in Spanien sind
-sie alle anerkannte Spitzbuben &mdash; um furchtbar sie anzudonnern oder gar
-einen aus ihnen auf<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span> der Stelle erschießen zu lassen,<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a> wenn durch
-ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben
-waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich
-öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen
-in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages
-sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine
-Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen
-Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige
-Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch
-Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so
-hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung
-eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten
-schien.</p>
-
-<p>Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten
-wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von
-mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General
-examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in
-scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten
-des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der
-Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei
-Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie
-den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen
-daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen
-abzuschneiden.</p>
-
-<p>Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell,
-der einige Bataillone von seiner Division<span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span> und vier Escadrone uns
-zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron
-von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt,
-als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der
-fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft
-anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los
-tenemos, Señores!</span>“ &mdash; wir haben sie! &mdash; und Blitze sprühten aus den
-leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier
-Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen
-Cuenca zu erreichen.</p>
-
-<p>Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder
-Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die
-Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen.
-Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die
-Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem
-Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne
-nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere
-Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch
-vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht.
-Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht
-achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein,
-und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da
-schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber &mdash; ein Jeder
-wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige
-Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana,
-die Feinde zum Morgen-Appell rufend.</p>
-
-<p>Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen,
-während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich
-vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr
-Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> Sturm gegen die Häuser
-vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich
-massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren.</p>
-
-<p>In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein
-halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein
-Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und
-eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach
-Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des
-Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend,
-ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich
-und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna
-Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben
-hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger
-feuerten.</p>
-
-<p>Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend,
-keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des
-Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der
-Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich
-befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte.</p>
-
-<p>Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten,
-war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung
-zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus
-mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos
-verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über
-ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige
-Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu
-ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden
-auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend
-rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das
-ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span> Geschrei der Fechtenden
-und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander
-tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig
-Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen
-waren, uns schon über 300 Mann gekostet.</p>
-
-<p>Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht
-hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend
-nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem
-Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben,
-wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde.
-Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die
-Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die
-Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren,
-retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort
-in den nächsten Dörfern untergebracht.</p>
-
-<p>Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare
-Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen
-veranlaßten,<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> er jammerte über seine armen Burschen, wie sie
-fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden;
-dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze
-wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer
-Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den
-gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ
-und dann, da sie kaum gegessen hatten &mdash; an Kochen war natürlich
-nicht zu denken, &mdash; zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie
-schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten.<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span> Zwei
-Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus
-besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst
-dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden
-Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend.</p>
-
-<p>So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend
-einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden
-sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich
-entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt
-und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig
-der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde
-vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner
-Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe
-Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine
-Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch
-eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt.</p>
-
-<p>Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos
-zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein
-lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit
-mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem
-General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander
-gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine
-Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte,
-das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie
-flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen
-gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem
-die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer
-gefallen waren.</p>
-
-<p>Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer
-krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> rasch sich um,
-und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden
-Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand,
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen
-Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen
-Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die
-Teufel alle nieder!“ zurief.</p>
-
-<p>Mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey! viva Cabrera!</span> stürmten wir vorwärts.
-Nach fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die
-herrlichen Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden
-gefüllt; schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden
-Gebäude.</p>
-
-<p>In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich,
-wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen
-überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten;
-sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die
-Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern,
-als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth
-hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein
-Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich
-messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. &mdash; Mein Entschluß, Aragon
-zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter
-Anstrengung in den Kampf mich stürzte.</p>
-
-<p>Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand,
-wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr
-erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen,
-nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages
-hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne,
-nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte,
-und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung
-eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> Christinos
-kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers,
-unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert
-aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet,
-sich zeigte und zu capituliren begehrte.</p>
-
-<p>Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen,
-wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen
-Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der
-Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen
-der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der
-feindlichen Soldaten &mdash; wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser
-Verlangen sofort zurückgezogen.</p>
-
-<p>Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem
-jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach,
-seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß
-ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde.
-Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte
-Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt
-zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln
-daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe,
-im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und
-vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr
-hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei,
-Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die
-Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch
-geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen
-nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.</p>
-
-<p>Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so
-daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620
-Mann waren unter den Trümmern<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span> des Dorfes und in der Action Forcadell’s
-umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von
-Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast
-4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des
-Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr
-als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.</p>
-
-<p>Cabrera &mdash; ich muß es hier wiederholen &mdash; während er im Getümmel des
-Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah,
-keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden
-Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die
-Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit,
-welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras
-wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie
-behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die
-Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre
-Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber
-dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe
-die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer
-Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß
-er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er:
-„Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“
-Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für
-die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf
-Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und
-bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die
-Aussaat.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p>
-
-<p>Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach
-dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu.
-Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber
-erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem
-ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in
-dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen
-emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in
-Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der
-zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen
-und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die
-Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten
-Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem
-Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten
-Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich
-beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem
-Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine
-Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein
-starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere
-beordert war.</p>
-
-<p>Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht
-hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam
-nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte.
-Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der
-wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras
-von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im
-Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht
-mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das
-Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht
-durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die
-Hütte anziehend zu machen weiß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p>
-
-<p>Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und
-mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt,
-die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen
-wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des
-Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher
-hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten,
-wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und
-ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt<a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a> die Sierra’s
-durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den
-verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.</p>
-
-<p>Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von
-Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende
-sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage
-die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch
-die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die
-Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns
-gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde
-uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken
-von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.</p>
-
-<p>Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von
-seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar
-war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die
-Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich
-gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz
-so vieler von der<span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span> Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis
-zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff
-mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf
-dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint;
-als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer
-furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches
-Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden,
-die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem
-schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten
-die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die
-gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über
-ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?</p>
-
-<p>Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien
-mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten,
-als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt,
-während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen
-Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung
-von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte
-Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General
-mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über
-Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr
-existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen
-können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche
-Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und
-vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das
-feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu
-sichern.</p>
-
-<p>In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland
-Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von
-der Hauptstadt entfernt, des nahen,<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> herrlichen Triumphes gewiß<a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> &mdash;
-da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen
-in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem
-schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls&nbsp;V.
-nach Frankreich erhalten.</p>
-
-<p>Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die
-Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von
-dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches
-die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung
-zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen
-zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe
-sich vorzubereiten.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit
-Garnisonen u.&nbsp;s.&nbsp;w. war etwa 60000 Mann.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen
-Krieg gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein Ziel,
-aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil dadurch einer
-Niederlage gleich wurde.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu
-unterhalten, oft auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die
-Carlisten ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige
-Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche Führer
-durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden Nachrichten von
-seinem Irrthum überzeugt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen
-von diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz
-geübt wurde.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern.
-Auch geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets die
-ersten Schritte thun mußte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien
-bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett der
-Basken adoptirten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem
-Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf vielmehr
-aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s Absicht war,
-Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und durch angelegte Festungen
-&mdash; wie Cañete, Beteta &mdash; in ihm sich festzusetzen, bis er, wie er
-selbst sich ausdrückte, eine Kette von Forts errichtet hätte, deren
-letztes in die Fenster Maria Christina’s hineinschauen und auf immer
-den Trotz des revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. &mdash;
-Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht Espartero’s
-Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier27" name="zier27">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 27" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXVIII">XXVIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren
-Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als
-ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie
-einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl,
-wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt
-sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten
-Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die
-Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle
-niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes,
-wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen.</p>
-
-<p>Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als
-gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! &mdash; Und doch, sind
-nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern
-zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen
-Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer
-Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken
-ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange
-umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren
-ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der
-gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter
-den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?!</p>
-
-<p>Sie sind es &mdash;&nbsp;&mdash; aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der
-Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen
-Tagen, die Krieger Carls&nbsp;V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres
-der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span> unangefochten zieht es
-über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über
-einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen
-naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit
-sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei,
-daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung
-seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend
-sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde.</p>
-
-<p>Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie
-fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der
-Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn
-vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit
-hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten
-Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen,
-im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.</p>
-
-<p>Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren
-Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist
-der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben
-aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht,
-wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr
-seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten
-Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie
-Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den
-erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem
-Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht
-geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher,
-seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und
-aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.</p>
-
-<p>Es ist nicht zu verwundern, daß Carl&nbsp;V. unfähig, solche<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span>
-Niedrigkeit zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um
-ihn geworfene Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu
-spät die Wahrheit ihm klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend
-floh, wo entschlossene Maßregeln und Energie die Schandthat zwar
-nicht mehr verhüten, aber doch ihre Wirkungen schwächen und sie
-weniger entscheidend machen konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf
-dem bisherigen Kriegstheater sich halten konnte, an der Spitze der
-ihm gebliebenen, stets entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung
-mit den Armeen sich durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon
-für ihn kämpften, ließ der König nach der Gränze von Frankreich sie
-zusammendrängen und zog sich endlich mit ihnen in dieses Königreich
-zurück.</p>
-
-<p>Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer
-gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu
-vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften Carls
-V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht,
-wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu
-regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und
-eisernen Willen erforderte.</p>
-
-<p>Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft
-der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre
-Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie
-auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten
-Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur
-Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird
-es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des
-Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte
-Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.</p>
-
-<p>Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, mag
-er nun Carl&nbsp;V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den
-Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend,<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> daß sie nicht bloß dem
-Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu
-auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für
-den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da
-allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise
-bestimmte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander
-und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen
-Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von
-Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> den Feind
-sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht
-des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das
-Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand
-entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere
-Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich
-gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich
-glühender wurde.</p>
-
-<p>Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne
-schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die
-Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen.
-Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und
-Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren
-und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren
-Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span>
-Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig
-klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht
-daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des
-Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge
-des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die
-Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward,
-Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr
-gegen Madrid zu ziehen.</p>
-
-<p>Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer
-Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich
-mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren
-erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in
-immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die
-Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe
-der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl
-V. <em class="gesperrt">frei</em>!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast
-alle Bataillone von Navarra an.</p>
-
-<p>Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß
-schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung
-nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen,
-dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen
-General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu
-treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht
-geschwankt haben. Aber Carl&nbsp;V. war in der That nicht mehr
-König, nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage
-beurtheilt. Selbst als die <em class="gesperrt">Gemäßigten</em>, von denen er umringt war,
-zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen
-ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der
-Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte,
-die Fortschritte der Royalisten<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span> zu hemmen, sofort die am meisten ihm
-ergebenen Truppen ihnen entgegen.</p>
-
-<p>So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des
-Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu
-entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun
-nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe
-die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.</p>
-
-<p>Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger
-zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern
-Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer
-Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ
-Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria
-und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück,
-nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero,
-auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf.
-Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den
-höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden
-Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten
-fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch
-in Bergara ein.</p>
-
-<p>Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde
-gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung
-der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon
-ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">vivas</span>
-gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue
-wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da
-legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die
-Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen
-vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die
-Verbündeten<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span> Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als
-hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene
-Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.</p>
-
-<p>Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da
-die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde
-gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm
-die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen
-anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und
-vor der Front der Divisionen füsilirt wären. &mdash; Aber Carl&nbsp;V.,
-nicht mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und
-Rebellen betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich
-auf’s Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra
-ein, den Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“
-zurufend.</p>
-
-<p>Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und
-stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den
-folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich
-Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er,
-begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre,
-Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone &mdash; die
-Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien
-&mdash; nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer
-der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm
-gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten
-noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten
-alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich
-gemacht war.</p>
-
-<p>Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf
-Maroto eine Anrede an die Christinos hielt,<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span> während Espartero zu den
-bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die
-Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken
-werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem
-Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als
-Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche
-zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. &mdash; So hatte Maroto seinen
-Verrath vollbracht!</p>
-
-<p>Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein
-abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht
-unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen,
-wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der
-überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt,
-und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die
-Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht
-etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen
-Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen
-Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach
-Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.</p>
-
-<p>Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von
-Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt
-sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den
-Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der
-Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja
-stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren,
-beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war,
-und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß
-der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die
-Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles
-Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span> Royalisten und
-entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten
-&mdash; die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den
-Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.</p>
-
-<p>Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu
-friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese
-Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des
-Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen
-einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren;
-die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu
-werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten,
-ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den
-Philippinen einschiffen.</p>
-
-<p>Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters
-durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie
-kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der
-revolutionairen Schaaren.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya
-und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich
-zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren
-nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte
-sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken
-benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte.</p>
-
-<p>Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann;
-alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und
-1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten
-königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit
-solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß
-leicht<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große
-Expedition, mit der Carl&nbsp;V. im Jahre 1837 bis an die Thore von
-Madrid gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen
-auszog.</p>
-
-<p>Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er,
-entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu
-dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl
-die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen
-Provinz zu kämpfen,<a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> Zweifel erregen; und nach dem geringsten
-Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt
-und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry,
-in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich
-von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra
-vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s
-Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der
-am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über
-das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die
-französische Gränze.</p>
-
-<p>Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König
-von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich
-noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden
-Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam
-von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen
-rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu
-behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> Übermacht,
-wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die
-feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der
-Gränze.</p>
-
-<p>So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr
-möglich. Carl&nbsp;V. betrat, ein Flüchtling, das französische
-Gebiet, nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit
-jeder Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen
-im Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen
-hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem
-Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt.
-Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von
-Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die
-französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ,
-ist allgemein bekannt und gewürdigt.</p>
-
-<p>Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen,
-viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General
-Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro,
-Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt,
-Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere,
-die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen.
-Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron,
-das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und
-die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das
-fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und
-Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten.</p>
-
-<p>Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem
-Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara
-in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen
-Provinzen gänzlich beendigt.</p>
-
-<p>Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu<span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span> beklagen, einen
-Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung
-Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze
-der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt
-hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu
-verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten
-geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares
-Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die
-Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit
-gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen;
-und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande
-zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der
-Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer
-herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen
-ihre Vorgesetzten zu verfahren.</p>
-
-<p>Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in
-einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in
-der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der
-untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen
-tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“</p>
-
-<p>So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des
-liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit
-Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien
-waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s
-als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht
-zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt
-wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen,
-durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit
-Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken
-wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span> schon
-ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war.</p>
-
-<p>Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten
-Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es
-treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen
-Herrscher zu opfern.</p>
-
-<p>Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum
-Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche
-das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des
-schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte!
-Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. &mdash; Und Schande den Elenden, die
-wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen!</p>
-
-<p>Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren
-Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an,
-öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den
-Grafenstand<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes
-ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener
-Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero,
-Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen
-und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt.</p>
-
-<p>Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig
-ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und
-zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon
-aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien
-zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er
-hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die
-er heranführte, hinreichen<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span> werde, um die kleine Schaar des Grafen
-von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch
-ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten
-Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des
-Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte
-angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum
-letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand
-zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten,
-durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Orduña ist die einzige <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ciudad</span> und die alte
-Hauptstadt der Provinz, wiewohl oft die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">villa</span> &mdash; Stadt zweiter
-Classe &mdash; Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So
-wie der Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat,
-unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets unzufrieden,
-indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach Navarra!“</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Als Graf Casa-Maroto.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier28" name="zier28">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 28" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXIX">XXIX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien
-anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem
-Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen
-wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die
-Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich
-doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt
-sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres
-die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es
-nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen
-sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand,
-die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast
-als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf
-und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte,
-die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte.
-Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß
-bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten
-wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer
-Erwartung entsagen!</p>
-
-<p>Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer
-nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit
-Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten
-Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen
-Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen &mdash; ich wähnte,
-den letzten &mdash; Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span>
-trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald
-wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.</p>
-
-<p>So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die
-Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das
-Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je
-mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig,
-aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die
-bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen
-hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen
-und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die
-reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich
-winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s
-uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten
-umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege
-zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem
-Wanderer.</p>
-
-<p>Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen
-hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen
-Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als
-hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine
-Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als
-ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und
-majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch
-steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen
-Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren
-fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet
-den Strom umkränzten &mdash; da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in
-tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies
-die Thränen und das Elend einführten, ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span> steten Begleiterinnen. &mdash;
-Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht
-sie bewohnte.</p>
-
-<p>Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro
-der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische
-Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen
-<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">coup de main</span>, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu
-sichern. Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich
-von hoher Wichtigkeit.</p>
-
-<p>Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche
-Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des
-carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication
-interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste
-Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg
-die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements,
-welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte,
-passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an
-demselben Tage den Fluß.</p>
-
-<p>Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte
-ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom
-überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der
-Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn
-das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem
-Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich
-fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu
-früh sein Grab! &mdash; Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen
-waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte
-wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige
-Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und
-thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des
-Kampfes<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span> und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach
-Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt
-sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!</p>
-
-<p>Sorglos! &mdash; Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit
-die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren
-Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten
-wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so
-schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden,
-und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig
-und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in
-das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der
-Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen
-werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten,
-siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.</p>
-
-<p>Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher
-angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes
-Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher
-jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht
-uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer
-würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei,
-und dann... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das
-Werk des Verrathes!</p>
-
-<p>Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte
-etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem,
-so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die
-zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen
-der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da
-war es glorreich, besiegt zu sein. &mdash; Wie oft drängt sich das Gebet
-jenes Helden uns<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span> auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor
-den Feinden werde ich selbst mich schützen!“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem
-eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt
-waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich
-fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort
-nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns
-fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und
-scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich
-durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen.
-Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde
-entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben,
-das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> und
-wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten
-Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das
-Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.</p>
-
-<p>Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei
-Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische,
-die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun
-hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung,
-von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte
-für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und
-Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir
-es waren, der gefährliche<span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span> Umstand, daß die christinoschen Autoritäten
-sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten,
-was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem
-Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei
-nie von den Truppen der andern belästigt.<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a></p>
-
-<p>Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren
-ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur
-Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte
-unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und
-einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie
-überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem
-hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als
-carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von
-der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu
-sollen.</p>
-
-<p>Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns
-gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der
-commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von
-España, an demselben Tage angekommen war.</p>
-
-<p>Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne
-Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch
-Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und
-besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten
-Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen
-Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und
-Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und
-auch in<span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span> den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in
-jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird,
-an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer
-gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm
-über sich herrschen zu sehen, und jeder <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Austriaco</span> ist sicher,
-bis in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme
-zu finden. Der Franzose aber, der verachtete <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Gavacho</span>, findet nur
-Haß und nicht selten martervollen Tod.</p>
-
-<p>Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr
-verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach-
-oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten
-längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten
-bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht
-sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in
-hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste
-Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort
-auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die
-Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel
-blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus
-geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen
-Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.</p>
-
-<p>Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen
-wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des
-Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen
-andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und
-Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben
-Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und
-fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die
-einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span> die Thäler zerstreut
-sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.</p>
-
-<p>Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen
-Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist.
-Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen &mdash;
-daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer
-Landes treibt, &mdash; wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause
-des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">heréu</span>,<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> als Knechte zu bleiben.</p>
-
-<p>Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und
-weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös,
-und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während
-sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese
-treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele.
-&mdash; Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich,
-der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten
-Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten
-Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch
-sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt.
-Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und
-Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie
-zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der
-sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern
-weichen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span></p>
-
-<p>Sofort nach Ferdinand’s&nbsp;VII. Tode erhoben sich auch in den
-Hochgebirgen von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines
-rechtmäßigen Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen
-sie Raub und Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine
-ganz unbekannte Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was
-ihnen beliebte, die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter
-einander und strebten vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen,
-den unglücklichen Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte,
-durch ihr Plünderungs-System zu Grunde richtend.</p>
-
-<p>Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen
-Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die
-Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene
-machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen
-höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach
-überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den
-Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht
-einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen
-sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder
-Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über
-die Bewohner der Mancha brachten.</p>
-
-<p>Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division
-von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu
-vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich
-zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen
-scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung
-sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden,
-die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué
-genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen
-zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span>
-Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach
-Navarra geführt zu werden forderten.</p>
-
-<p>Dann im Jahre 1836 übertrug Carl&nbsp;V. dem General Maroto das
-Commando des Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen
-wohl geeignet zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte
-von Anfang an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen,
-und für einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte
-Haufen erst befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut
-zu machende Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die
-Widerstrebenden zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich
-nach Frankreich zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils
-durch Mangel an Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch
-weniger aus.</p>
-
-<p>Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges &mdash; wenn er solchen Namen
-verdient &mdash; erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite
-hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten
-Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes
-durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in
-der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der
-Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. &mdash; Gehen wir sogleich zu
-dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer
-umgeschaffen wurden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen
-Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien
-emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals
-ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die
-selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug,
-eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes,
-der in Spanien<span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span> den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward;
-erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles
-entbunden.</p>
-
-<p>In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps,
-mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl
-operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente.
-Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so
-selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. Unter
-Ferdinand&nbsp;VII., während dessen Regierung, so wie in seiner
-ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit
-Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps
-der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.</p>
-
-<p>Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die
-ultraroyalistische Revolution aus &mdash; wenn eine Revolution, deren Zweck
-ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch
-genannt werden darf! &mdash; durch die Ferdinand&nbsp;VII. zur Entlassung
-seines zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand
-verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel
-zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España
-ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter
-des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten
-Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere
-über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit
-unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. &mdash; Eine ungeheure Anzahl
-der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so
-viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.</p>
-
-<p>Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im
-Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s
-vegetirte, durch General Llauder<span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span> abgelöset wurde, worauf er nach
-Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem
-Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und
-nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht
-und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten
-nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und
-waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher
-Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn
-sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.</p>
-
-<p>Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe
-standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde
-leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem
-seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.</p>
-
-<p>Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises,
-er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum,
-und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch
-despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch
-die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb
-ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen
-Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen
-sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen
-Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den
-Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn
-verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.</p>
-
-<p>Diesen Mann stellte Carl&nbsp;V. wiederum an die Spitze des
-Fürstenthumes, als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem
-geordneten Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte
-er die französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und
-Carlisten wie Christinos zitterten, da sie dem<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span> gefürchteten Greise
-das Commando übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die
-Furcht und die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España
-erregt hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen
-hohen Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die
-geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse,
-ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und
-es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und
-Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des
-alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich
-aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz
-unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde
-Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs
-sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der
-Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.</p>
-
-<p>Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so
-viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden,
-welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine
-Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch
-Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.<a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> Die
-Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets
-vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren
-Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem
-Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis
-sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an
-Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span> versuchten Chefs, die
-unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.</p>
-
-<p>Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die
-einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch
-Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction
-zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen
-Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und
-Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede
-Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen
-Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht
-jenes Ehrgefühl und den <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">esprit de corps</span> einzuflößen, die so
-unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen.
-Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf
-gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu
-vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben.
-Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche
-namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.</p>
-
-<p>Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine
-Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz
-vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend
-machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle
-Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm
-bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche,
-daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm
-regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber,
-welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth
-des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen,
-setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit
-entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt
-waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu
-klagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span></p>
-
-<p>Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und
-alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so
-daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den
-Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche
-der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte,
-gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis
-dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten
-ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete.</p>
-
-<p>Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen
-Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten,
-sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge
-Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde
-hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer,
-gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die
-Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da
-sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit
-zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz
-ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der
-gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte
-Erfahrungen bewährt.</p>
-
-<p>Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken
-hatten; &mdash; denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden
-im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die
-andern Provinzen litten. &mdash; Wie oft hörte ich während meines kurzen
-Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet;
-wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick
-preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er
-nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span> verherrlichte, gelang es
-ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in
-Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga,
-in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der
-Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses
-vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde,
-die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend,
-mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche
-Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft
-weiter ausgedehnt.</p>
-
-<p>Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in
-Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten
-sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt
-als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward
-der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen
-Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der
-kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger
-ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall
-der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die
-Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei
-der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch
-der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger
-wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war.
-Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht;
-die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche
-niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust
-der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht
-Capitains sieben außer Gefecht gesetzt.</p>
-
-<p>Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">aqui fué
-Ripoll</span>. &mdash; Hier stand Ripoll.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung<span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span> nicht.
-Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die
-Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach
-Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die
-Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen
-zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der
-feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des
-energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten
-unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde,
-demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte.</p>
-
-<p>Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte,
-nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen,
-dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die
-mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten,
-irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers
-seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er
-wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und
-der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie
-für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser
-ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés
-begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde,
-von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten,
-und kehrte wieder um.</p>
-
-<p>España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers;
-er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner
-gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die
-Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der
-Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so
-hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches
-ihm die Thore öffnete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span></p>
-
-<p>Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem
-Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht
-zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und
-erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero
-zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende
-Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng
-blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln
-fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der
-That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine
-Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige
-Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da,
-wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu
-durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines
-Generals ausführen durfte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als
-hundert und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie
-solche Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte;
-dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der
-Graf de España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher
-wären sie schwerlich so verschont geblieben.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der
-französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von den
-Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte und
-Wendungen finden sich auch in ihr.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die
-Feinde ein, daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen
-Garde Ferdinand’s&nbsp;VII. verglichen werden könne.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier29" name="zier29">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 29" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXX">XXX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum
-Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier
-überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den
-beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als
-arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und
-verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten;
-ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die
-Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo
-der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und
-daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur
-dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem
-jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne
-weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen.
-Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen,
-indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span></p>
-
-<p>Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend,
-da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen
-Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge
-der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem
-Feinde gegenüber zu stellen,<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span> oder mir zu erlauben, nach dem Heere
-von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu
-kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch
-schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.</p>
-
-<p>Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören
-und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt
-und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich
-munter machte.</p>
-
-<p>Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der
-General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der
-er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden
-Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem
-dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General
-auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in
-das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der
-uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte
-mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.</p>
-
-<p>Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes
-große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war.
-Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der
-Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein
-Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit,
-wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes
-Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen
-Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich
-in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme
-Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß
-sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er,
-obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen
-hege.<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span> Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht
-und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht
-gerechtfertigt werde.</p>
-
-<p>Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über
-ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s
-auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon
-bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet
-sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des
-Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen
-gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus,
-seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere,
-bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche
-Niedrigkeit nicht fassen.</p>
-
-<p>Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin
-begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich
-zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere
-in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend
-verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich
-zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden,
-der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem
-Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera
-abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht
-nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen
-sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige
-in seinen Umgebungen zähle.</p>
-
-<p>Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des
-Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben
-mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten
-die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf
-belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem
-ungeheuren Sprachrohre, wie sie<span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span> auf Schiffen üblich sind, den
-vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung
-lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen
-gigantischen Ziegenbock,<a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> den er Maroto getauft hatte. Dazwischen
-befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des
-Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war,
-funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem
-vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine
-Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der
-Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht
-verursachte.</p>
-
-<p>Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service
-bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da
-die übrige Gesellschaft &mdash; der General aus Politik &mdash; nach der Sitte
-der Catalonier aus der Flasche &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el porró</span> &mdash; trank, die, mit
-einer langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird,
-daß der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund
-fällt, ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur
-Seite falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht.
-Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit
-dieses <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">porró</span> bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn
-sofort zerbricht und nicht selten dem Fremden, d.&nbsp;h. Jedem, der nicht
-Catalan ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder
-Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst
-so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein
-Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht,
-dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar
-zu machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem der General nach Tische auf der Flur, die als Empfang
-und Speisezimmer, Gesellschaftslocal und Bureau zugleich diente,
-spatzieren gegangen war, setzte er sich behaglich in der Küche neben
-dem knisternden Feuer nieder. Da fragte er mich plötzlich, was ich
-denn zu thun gedenke, wenn ich nicht in Catalonien bliebe? Ob ich
-nach Frankreich ginge?<a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> Ich erwiederte, daß ich ihn ersuchte, mir
-in dem Falle den Paß zur Rückkehr nach Aragon zu geben, da ich jetzt
-im Augenblick der Gefahr unter keiner Bedingung die Meinen verlassen
-würde. Aber lächelnd meine Hand ergreifend, sagte er mir, daß ich ihm
-zwar einen impertinenten Brief geschrieben hätte, nicht bedenkend, daß
-ich unter Spaniern sei; daß ich aber dennoch bei ihm bleiben und an ihm
-einen Vater haben würde. „Ich liebe die Deutschen, und nützlich werden
-Sie mir auch sein.“</p>
-
-<p>Mein Entzücken bei der so unerwartet gütigen, wie schmeichelhaften
-Entscheidung des gepriesenen Feldherrn war unendlich. Ich war
-entschlossen, des ehrenden Vertrauens stets mich würdig zu zeigen.</p>
-
-<p>An demselben Nachmittage war ich schon dem Generalstabe der Armee
-zugetheilt, und der Graf ließ mir ein Zimmer in seinem Logis
-anweisen mit dem Bedeuten, daß ich fortan ganz als seinem Haushalt
-angehörig mich zu betrachten habe. Am Abend schon beschäftigte er
-mich mit vergleichendem Ordnen von Karten, Plänen und Croquis, die
-trefflich geeignet waren, um der genauesten Kenntniß des Terrains ein
-vollständiges Dementi zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span></p>
-
-<p>Wie verschieden hatten sich doch meine Gefühle mit meiner Lage
-gestaltet, seit ich vier und zwanzig Stunden früher als Arrestant und
-mein Geschick verfluchend im Schlafe Vergessenheit und Trost suchte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am folgenden Tage bewunderte ich bei einer Revue die Bataillone,
-die, einfach, aber geschmackvoll uniformirt, mit Präcision und
-militairischer Haltung manövrirten; auch ward die Strenge und
-Heftigkeit des Generals mehrfach bemerkbar. Selbst höhere Officiere
-wurden stark getadelt, und mehrere Subalterne wanderten vom
-Exercierplatze direct zur Wache, wogegen den Soldaten im vollen Maße
-die ihren Anstrengungen gebührende Anerkennung ward. Ich lernte dort
-mehrere untergeordnete Anführer kennen, unter denen der loyale General
-Ivañez &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el Llarj de Copons</span>, der Lange von Copons genannt, da
-er vielleicht der höchste Mann in Spanien ist &mdash; und Oberst Camps, Chef
-und Organisateur der Cavallerie des Fürstenthumes, ein ausgezeichneter
-Officier, der schon unter Ferdinand&nbsp;VII. und später in Navarra
-diente, und unter Freund und Feind wegen der Kraft seines Armes
-bekannt. Es wird behauptet, daß er mehrere Male feindlichen Reitern
-Kopf und Brust mit einem Hiebe seines aus zwei Klingen zusammen
-geschmiedeten Schwerdtes<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> gespalten, und einen andern quer durch
-den Leib in zwei Stücke getrennt habe, so daß der untere Theil auf dem
-davonjagenden Pferde sitzen blieb.</p>
-
-<p>Am 25. October Mittags ward das Hauptquartier nach dem nur zwei Stunden
-von Casserras entfernten Berga verlegt. Der Abmarsch, wie gewöhnlich,
-ganz durch Laune entschieden, war so plötzlich, daß der Graf fünf
-Minuten nach dem Entschlusse<span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span> schon mit wenigen Begleitern und
-escortirt von der Compagnie Miñones auf dem Wege war. Eine halbe Stunde
-später von einem Auftrage zurückkommend, fand ich das Haus leer; ein
-Reitpferd des Grafen, welches er mir überlassen hatte, bis man für mich
-ein anderes dem Feinde abgenommen habe, ward sogleich von einem mich
-erwartenden Miñon<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a> vorgeführt.</p>
-
-<p>Bald holte ich einen Officier ein, der auf einem Maulthiere gleichfalls
-Berga zuritt, und ich erkannte einen der beiden mit mir arretirten
-Cameraden; er war vom General, der ihn nicht sehen wollte, zu einem
-Depot fern im Gebirge bestimmt, dem Verbannungspunkte der Officiere,
-welche de España nicht in seinem Heere haben wollte. Der seit der
-Ankunft desselben seines Commando’s beraubte Brigadier Don Bartolomé
-Porredon &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el Ros de Eroles</span>, der Rothe von Eroles, gewöhnlich
-genannt &mdash; befehligte es. Mein Gefährte, da er meine neue Stellung
-kannte, zeigte sich natürlich kriechend artig &mdash; das liegt einmal in
-der Natur des modernen Spaniers; übrigens war er ein guter Soldat
-und hatte sich wohl nur durch den Umstand, daß er in Amerika gegen
-die insurgirten Colonien gefochten, den Widerwillen des Grafen
-zugezogen, indem dieser behauptete, daß alle Welt als Schurke von dort
-zurückgekehrt sei, welchen Satz er mit vielen merkwürdigen Beispielen
-belegte.</p>
-
-<p>Bitter klagte der Arme über sein Schicksal. Er war aus Moyá gebürtig,
-der Stadt, welche nicht lange vorher durch die Unseren erstürmt war,
-und so eben hatte er erfahren, da er hieher gekommen war, um den
-Seinen näher zu sein, und dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span> Unterstützung sich zu sichern, daß
-sein väterliches Haus ganz niedergebrannt und der einzige Bruder, vor
-längerer Zeit als Carlist gefangen, nach der Insel Cuba deportirt sei;
-das Schicksal seines Vaters war ihm unbekannt. Nach fast zehnjähriger
-Abwesenheit fand er so seine Heimath wieder! Umsonst suchte ich zu
-trösten, und in der That war Trost da schwer.</p>
-
-<p>So zogen wir langsam der Festung zu, die fast versteckt zwischen
-den hohen Felsgebirgen liegt, welche von beiden Seiten dicht sie
-umschließen; auf ihnen waren Forts angelegt, die durch sich kreuzendes
-Feuer den Übergang über jene Kette fast unmöglich machten. Auf der
-andern Seite ist die Stadt von sanft abgedachten Hügeln umgeben, die,
-dem Plane des Baron von Rahden gemäß, zur Anlage von regelmäßigen und
-ziemlich ausgedehnten Verschanzungen sehr glücklich benutzt wurden,
-so daß hinter ihnen und auf die Festung gestützt eine Division, wie
-in einem verschanzten Lager, mit Vortheil gegen ein weit überlegenes
-Heer sich vertheidigen und, von Position auf Position weichend, den
-Fortschritt des Feindes höchst blutig, ja, einem Heere wie dem des
-General Valdés ganz unmöglich machen konnte. &mdash; Leider ward der Plan
-nicht bis zur Vollendung ausgeführt.</p>
-
-<p>Schon waren wir den am weitesten vorgeschobenen Werken nahe, als
-uns ein Haufen Gefangener begegnete, um, von der Arbeit ruhend, ihr
-Mittagsmahl einzunehmen. Des Jammers gedenkend, den ich ja selbst vor
-kurzem noch gelitten, ritt ich langsam vorbei; da erregte ein Schrei
-hinter mir meine Aufmerksamkeit: ich sah meinen Gefährten in den Armen
-eines Greises, der, die eingefallenen Schläfen mit wenigen Silberhaaren
-bedeckt, mein Mitleid rege gemacht hatte, wie er tief gebeugt und
-auf einen Stab gelehnt mühsam einherwankte. Der Sohn hatte in dem
-Gefangenen seinen achtzigjährigen Vater erkannt.</p>
-
-<p>Die Scene war herzzerreißend, und ich fühlte die Brust,<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span> wie nie mehr,
-mir schmerzhaft zusammengepreßt; als ich mich umwandte, sah ich den
-bärtigen Miñon mit derbem Fluche eine Thräne sich trocknend. Erst nach
-langer sprachloser Umarmung konnte der Sohn sich losreißen, schnelle
-Hülfe versprechend. Als wir in Berga anlangten, erklärte der Wicht, er
-wage nicht, vom General seines Vaters Freiheit zu erbitten: ein solcher
-Schritt für einen Negro würde ihn nur compromittiren. Demnach legte er
-sich ruhig nieder, die Siesta zu schlafen! &mdash; Der Graf hatte doch wohl
-Recht in seinem Urtheile!</p>
-
-<p>Natürlich ward der Greis nebst einem Großsohn, der mit ihm in dem Fort
-von Moyá gefangen war, noch an demselben Tage in Freiheit gesetzt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Graf bewohnte ein großes, massives Haus, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el palacio</span> genannt,
-außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen. Die Thüren waren durch
-Tamboure gedeckt, die Fenster des Erdgeschosses durch crenelirtes
-Gemäuer geschlossen, und Alles im Innern, wie im Äußern war auf die
-höchste Vertheidigungsfähigkeit berechnet. Übrigens herrschte hier
-dieselbe Einfachheit, welche in Casserras auffiel, und dieselbe
-ununterbrochene Thätigkeit. Die Aufmerksamkeit des Grafen war
-besonders auf die Verbesserung der Artillerie und auf die dieser Waffe
-correspondirenden Fabriken und Materialien gerichtet, und mehrfach
-äußerte er, als ich mit ihm die Werkstätten und Magazine durchschritt,
-seinen Verdruß über die geringe Anzahl von Feldgeschützen, die ihm zu
-Gebote stand, und deren Vermehrung durch den Mangel an passendem Metall
-sehr erschwert ward.</p>
-
-<p>De España beabsichtigte, um dem Heere von Aragon durch eine Diversion
-Hülfe zu bringen, mit der größeren Hälfte seiner Macht nach Süden in
-die fruchtbaren Ebenen des Ebro-Thales die Operationen zu verlegen,
-deren Erfolg unberechenbar werden<span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span> mußte, da er, im Besitze mehrerer
-Übergangspuncte über den Strom, die Flanke und den Rücken Espartero’s
-bedroht hätte, als dieser von Zaragoza aus gegen Cabrera’s Heer
-vordrang. Oberst Camps, deshalb nach Morella gesendet, war so eben
-zurückgekehrt und hatte die Nachricht überbracht, daß Cabrera
-einwillige, die Escadrone Valmaseda’s zur Verfügung España’s nach
-Catalonien zu senden, da es diesem so sehr an Cavallerie für den
-Krieg in der Ebene fehlte. Es ward dem greisen Krieger nicht die Zeit
-gelassen, seinen Plan auszuführen.</p>
-
-<p>Am Nachmittage dieses Tages wurden zwei Officiere erschossen, da sie
-geäußert hatten, das Beste sei, den hoffnungslosen Kampf aufzugeben
-und wie Maroto möglichst gut zu accordiren. Ein anderer Elender, ein
-Ex-Mönch, war wenige Tage vorher gehängt, überführt und geständig, mit
-Gift zur Ermordung des Grafen von España von Barcelona gekommen zu
-sein; ein Club der Exaltados hatte ihn zu dem Verbrechen gedungen.</p>
-
-<p>Doch wie sehr ich mich sträube, ich muß endlich zu der blutigen
-Katastrophe kommen, durch welche die Sache des Royalismus eines
-Vertheidigers beraubt wurde, wie während des Bürgerkrieges nur zwei
-sich fanden, die an Kraft, Talent und Wollen ihm zur Seite gestellt
-werden konnten.</p>
-
-<p>Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele
-Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche
-Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga
-deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der
-Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren,
-sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung
-der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige
-Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem
-Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen<span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span> Miñones
-und Kosacken,<a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia,
-wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim
-Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat
-stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte
-ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation
-abmarschiren würden.</p>
-
-<p>Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer
-tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer
-durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten,
-wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein
-gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten.</p>
-
-<p>So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut
-genug, um mich manche Worte, wie <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">maldito gavacho</span> und ähnliche
-Ehrentitel, verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst
-und Vocal der Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen
-erstaunt dem Treiben zusah, und mir kurz sagte: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">puede Usted
-marcharse, capitan</span>.“ &mdash; Sie können gehen &mdash; Wohin? fragte ich
-natürlich; „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">al infierno!</span>“ &mdash; zur Hölle. &mdash; Das war nicht sehr
-klar und noch weniger artig; daher fragte ich finster, wo der Graf
-sei? Einen Augenblick blickte<span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span> der Vocal mir starr in die Augen,
-dann erwiederte er mit kurzem, widerlich aus der Gurgel tönenden
-Lachen: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, der Alte ist weit von hier; gehen Sie nur zum
-Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig erklärend, immer
-noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten unter allen den
-gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der höchsten Grade
-so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“</p>
-
-<p>Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel
-ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich
-griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch
-kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide
-entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging
-ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache
-noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten
-Begleiter des Generals.</p>
-
-<p>Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der
-Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu
-sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen
-aber waren auf immer verschwunden.</p>
-
-<p>Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über
-die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und
-diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen
-sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall
-Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem
-Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie
-wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu
-lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort
-dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht
-kannte.</p>
-
-<p>Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span> höhnisch
-triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher
-am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten
-Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten
-Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten.</p>
-
-<p>Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im
-Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl,
-vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner
-der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als
-Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin
-als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen
-ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten
-Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung
-einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig
-sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in
-seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte.</p>
-
-<p>Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem
-Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen
-Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt
-hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich
-bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn
-und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl
-geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden
-darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn
-über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht,
-ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die
-Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten,
-wie sie nur wollten.</p>
-
-<p>Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die
-Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze
-des Generals ihnen sich anschloß, den<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span> sein König ihm vorgesetzt hatte;
-er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter
-unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer
-Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte,
-auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als
-die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag,
-seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten
-verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde
-sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes
-Verbrechens fürchtend. &mdash; So weit führt Schwäche!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir
-bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der
-Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt
-sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte
-den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache
-dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht
-schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich
-vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren
-jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage
-vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach
-wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich
-anschauten und höhnisch unter einander zischelten.</p>
-
-<p>Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre
-Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten,
-der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald
-dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte
-mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des
-leidend nach vorn<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span> gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit,
-unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle
-Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln
-den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem
-General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt,
-da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> ihn um
-Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe
-schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei,
-zu einem Depot gehen.</p>
-
-<p>Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm,
-daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande
-müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des
-Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert
-sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. &mdash; „Wie Sie wollen, ich
-wünsche glückliche Reise.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur
-Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera
-zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm
-geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon
-zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen
-Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher
-Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich
-nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß
-wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen
-Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter
-des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span> mit Stolz
-entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um
-Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als
-Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie
-zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich
-bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen hatte, erfuhr
-er, daß die Anführer und Officiere der zu bändigenden Horden selbst
-ihre Leute zum Widerstreben reizten und jede seiner Maßregeln und
-Handlungen bekrittelten oder gar lächerlich machten. Er versammelte
-sie auf der Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt
-ihm eine heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General,
-der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und drohete, im
-Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. &mdash; Da die disciplinwidrigen
-Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die Officiere wieder
-versammelt, der Hund ward gebunden von der Wache her gebracht, und der
-Graf erklärte ihm, daß er, trotz der Warnung desselben Verbrechens
-schuldig, nun erschossen werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund
-füsilirt. &mdash; Dann wandte sich der General zu den Officieren mit den
-Worten. „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ &mdash; Niemand
-gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles weiter
-zu treiben.</p>
-
-<p>Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht besoldet
-würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der That erhielten
-sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt wurde, wenig mehr als
-die so reichlich bedachten Soldaten. &mdash; España lud eines Tages das
-Officier-Corps zum Frühstück ein. Eine Schüssel mit gesalzenen
-Häringen ward aufgetragen, ihr folgte eine andere mit gekochten
-Häringen, dann eine dritte mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder
-eine mit gerösteten Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch,
-und kristallhelles Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig
-angeregten Durstes vorhanden. &mdash; Erstaunt sahen die Officiere sich
-an, da sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten
-Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei auf
-Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße gern wilde
-Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen &mdash; denn ich bin gewaltig
-lecker, meine Herren! &mdash; und ich tränke gern Xerez oder Champagner.
-Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird nicht bezahlt, ich bin meinem
-Könige in den jetzigen Umständen ein so leichtes Opfer schuldig; und
-Häringe, zwei Stück für einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut.
-Dann werde ich durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das
-kostet aber gar nichts. &mdash; Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges
-Frühstück in den Hotels von Barcelona!“</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele
-mit sich, besonders Hunde und Ziegen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er
-glaubte vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die
-Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich deshalb. So
-bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich natürlich ablehnte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu
-gebrauchen, weil er ihm zu leicht ist.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden
-Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die linke
-Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich in Gold
-gestickt. &mdash; De España und Cabrera wählten Beide diese Miñones zu ihrer
-persönlichen Bedeckung.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden
-beritten gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen, auf
-denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu fürchten war,
-zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder etwas ihr Ähnlichem
-&mdash; etwa einer Stange mit einem beliebigen scharfen Eisen &mdash; bewaffnet,
-oft ohne Sattel und mit einem Strick statt des Zügels, sahen diese
-Reiter abenteuerlich genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den
-Flüssen von Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet,
-Llobregat und Ter bezeichnend.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> Ich habe in der That nichts von einem Chef des
-Generalstabes gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit
-Hülfe seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier30" name="zier30">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 30" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXI">XXXI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Graf de España hatte, wie ich weiter oben erzählte, unter Ferdinand
-VII. den Auftrag erhalten, die Empörung der sogenannten
-Ultra-Royalisten<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> in Catalonien zu unterdrücken; er vollführte ihn
-eben so rasch wie vollständig, und bald war dem Fürstenthume Friede
-und Ruhe wiedergegeben. Ich erwähnte dort der Tausende, die mit dem
-Leben ihre verbrecherischen Anschläge büßten; Alle aber, auf denen
-der leiseste Verdacht der Theilnahme haftete, wurden deportirt oder
-hatten Jahre lang den Jammer eines spanischen Gefängnisses zu dulden.
-Die Feinde des Grafen, und ihrer waren viele, behaupteten, er habe
-die Provinz in einen weiten Kirchhof verwandelt, und die Ruhe, welche
-er schuf, sei die Ruhe des Grabes. Ohne die zahllosen Wohlthaten zu
-beachten, welche seine Verwaltung nach hergestellter Ordnung über
-das Land ausschüttete, wollten sie nur die Blutströme sehen, deren
-Vergießung zur Verhütung weit schrecklicheren Unheils unumgänglich war,
-und sie urtheilten so einseitiger Ansicht gemäß.</p>
-
-<p>Unzeitige Milde ist oft grausamer, als die härteste Strenge. Hätte de
-España mit der revolutionairen Bewegung temporisirt, hätte er nicht
-mit eiserner Faust durch einen Schlag sie niedergeschmettert, so würde
-schon damals das ganze Königreich in Elend und Blut ertränkt sein.
-Denn die Grundsätze, welche jener Aufstand verfocht, waren die des
-politischen und religiösen Fanatismus, der, unduldsam gegen Alles,
-was um einen Grad<span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span> tiefer oder höher steht, keine andere Mittel zur
-Befestigung seiner Herrschaft kennt, als das Beil des Henkers, die
-Flammen des Auto da Fé und alle die Schrecken, durch die in andern
-Jahrhunderten die Inquisition ihre Opfer verfolgte.</p>
-
-<p>Als der Graf de España im Jahre 1838 nach Catalonien zurückkehrte,
-fand er die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die Mehrzahl der
-Theilnehmer jener früheren Empörung hatte sich nun den carlistischen
-Banden angeschlossen, und Viele, die damals, vom Grafen als Verbrecher
-bestraft, in den Gefängnissen geschmachtet hatten oder gar nach
-Afrika’s Giftküste deportirt waren, hielten jetzt die ersten Stellen im
-Heere und in der Regierungs-Junta inne; noch Mehrere haßten in ihm den
-Feind, durch den ihre Verwandten und Genossen Tod oder schwere Leiden
-fanden. Sie alle unterwarfen sich ihm nur durch die Macht des Zwanges
-und durch die Furcht, die beim Nennen seines Namens sie durchbebte.</p>
-
-<p>Mit diesen Unzufriedenen verbanden sich natürlich alle diejenigen,
-welche des neuen Generals Strenge und Gerechtigkeitsliebe hinderte, das
-alte Raubsystem fortzusetzen, welches doch ihr Hauptzweck war in dem
-Kampfe, den sie unter dem Vorwande des Carlismus unternommen hatten.</p>
-
-<p>Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben,
-deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die
-Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung
-aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig
-dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren
-glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier,
-wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie
-geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung
-der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der
-alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch
-ihren Haß meisterlich zu verbergen<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span> und heuchelten tiefste Ergebenheit,
-enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die
-zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten,
-um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe
-stoßen könnten.</p>
-
-<p>Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden
-umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und
-damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange,
-ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es
-ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen
-in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben;
-der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität
-unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl,
-daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. &mdash; Da erschallte die
-Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs
-nach Frankreich.</p>
-
-<p>Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten
-existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander.
-Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen
-und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und
-Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze
-der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die
-vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend
-und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen
-Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und
-dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt.
-Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta
-zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die
-Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer
-mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne
-Ausnahme selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span> schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß
-der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch
-natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert
-ward.</p>
-
-<p>Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine
-Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet
-und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch
-war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte
-einige Male &mdash; wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen
-ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den
-Widerstand niederzuschlagen &mdash; verzögernd in den raschen Gang seiner
-Organisations- und Operationspläne eingegriffen.</p>
-
-<p>Da, als Carl&nbsp;V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl
-erkennend, daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur
-die höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf
-de España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward
-in dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle
-ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte.</p>
-
-<p>Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe
-auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde
-des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die
-übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt
-zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den
-General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die
-Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache
-Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen
-designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der
-stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant
-des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann,
-schloß den Verschworenen<span class="pagenum"><a name="Seite_518" id="Seite_518">[S. 518]</a></span> sich an. Es kam nun darauf an, den Greis
-hülflos in ihre Gewalt zu führen.<a name="FNAnker_107_107" id="FNAnker_107_107"></a><a href="#Fussnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des
-Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung
-einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant
-Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden
-sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine
-Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement
-Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause
-der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste
-Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu,
-empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die
-fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um
-sie holen zu lassen.</p>
-
-<p>Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht
-in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne
-Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen
-Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten
-Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer
-von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ya está hecho!</span>“
-&mdash; es ist geschehen. &mdash; Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella,
-Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung,
-er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich
-traten aus einem Cabinett zwei bis an<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span> die Zähne bewaffnete, dort
-verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei
-Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung
-ihn niederzuschießen.</p>
-
-<p>Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte
-sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die
-Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen
-den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt
-besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen,
-jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer
-eingeschlossen.</p>
-
-<p>So wie der Graf sich erholte, ward er, noch auf der Erde ausgestreckt,
-mit Schmähungen und Mißhandlungen überhäuft, bis ein Maulthier
-herbeigeführt war, auf das er, nur mit seiner Uniform bekleidet,
-gehoben wurde, ohne daß ihm gestattet wäre, Etwas von seinem
-Privat-Eigenthume mit sich zu nehmen. Zwei Vocale, unter ihnen wieder
-Ferrer, der glühendste Feind des Gestürzten, wurden beauftragt, ihn
-nach Frankreich. zu geleiten; mit ihnen vereinigten sich auf dem Wege
-dahin mehrere Chefs, auch der Ros de Eroles, alle rachgierig und
-nach dem Blute des edlen Greises dürstend. Die Mißhandlungen wurden
-von jedem neu Hinzukommenden wiederholt, das Empörendste ward an dem
-Hülflosen, dem man Bauerntracht angelegt hatte, ausgeübt, Schandthaten,
-wie nur Spanier sie erdenken mögen, verwildert und an alle Gräuel
-gewöhnt durch die schaudervollen Scenen, deren Theater ihr Vaterland
-seit dem Anfange dieses Jahrhunderts war.</p>
-
-<p>Umsonst flehte der Gemarterte, fast siebenzigjährige Mann um
-raschen Tod &mdash; er hatte ja die Hoffnung, Frankreichs Gränze zu
-erreichen, längst aufgegeben &mdash;; umsonst suchte er die Peiniger zu
-leidenschaftlicher Wuth zu reizen, indem er ihr Verbrechen, ihren
-niedrigen Undank ihnen vorwarf und zeigte, wie sie zu Verräthern an
-dem Könige wurden, dem sie zu dienen<span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span> vorgaben. Von Hof zu Hof durch
-die finstern Schluchten des Gebirges der Gränze parallel geschleppt,
-duldete der Greis, der Feldherr während drei Tage, was immer seiner
-Henker Wuth ihn zu quälen ersinnen konnte. Und er bewährte bis zum
-letzten Augenblicke die hohe Standhaftigkeit, durch die er während
-seiner ganzen Laufbahn sich auszeichnete.</p>
-
-<p>Da endlich naheten seine Begleiter der Gränze; noch ein Mal belebte
-ein schwacher Hoffnungsstrahl die Brust des Grafen: wann schwände dem
-Menschen ganz die Hoffnung! Aber plötzlich wird angehalten und der
-Dulder, durch Erschöpfung schon dem Tode nahe, ist vom Maulthiere
-gehoben, und losgebunden; er sieht vor seinen Füßen eine dunkle Tiefe,
-in deren Grunde der Segre schäumend über die Felsen sich Bahn bricht.
-Errathend, was seiner hattet, erfleht der Greis, sich bekreuzend, die
-Gnade der heiligen Jungfrau und fordert dann die Elenden auf, ihr Werk
-zu vollenden.</p>
-
-<p>Doch ein junger Officier stürzt athemlos herbei: Don Mariano Ortéu,
-der Adjudant des Grafen und sein Liebling &mdash; noch kommt er zu rechter
-Zeit, um zu retten und zu rächen! Der Graf, als er ihn erblickt, haucht
-schwach mit bittend hoffnungsvollem Tone: „Mariano!“ &mdash; Das Ungeheuer
-drückt hohnlächelnd sein Pistol ab und durchbohrt die Brust seines
-Generals, seines Wohlthäters, Güte und Liebe mit Mord vergeltend.</p>
-
-<p>Der Sterbende ward gebunden in den Fluß gestürzt, auf dessen Ufern
-nach einigen Tagen Landleute den zerschmetterten Leichnam, kaum noch
-kenntlich, fanden; trauernd beerdigten sie die Überreste des verehrten
-und gefürchteten Grafen de España auf dem Friedhofe ihres Dörfchens.</p>
-
-<p>Die Mörder aber kehrten im Triumph nach Berga zurück und erfrechten
-sich selbst, das Andenken ihres Opfers zu schänden, indem sie in einer
-allgemein verbreiteten Proclamation als Verräther ihn darstellten,
-der, ein zweiter Maroto, seine Armee dem Feinde habe verkaufen wollen.
-Die Verleumdung fand<span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span> überall die gebührende Verachtung. Der edle Graf
-de España wird stets als ein Märtyrer seiner Treue und nie wankenden
-Loyalität in dem Andenken aller guten Spanier eben so hoch stehen, wie
-er lange schon als General und als gerechter Mann die Achtung und das
-Vertrauen seines Fürsten und die Bewunderung Aller sich erworben hatte,
-die seine Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen wußten.</p>
-
-<p>Das Heer empfing die Nachricht von der Absetzung und dann von dem
-Tode seines Anführers mit Staunen, welches mehrfach selbst in Gährung
-überging. Aber auch Segarra hatte bis dahin die Achtung und Liebe der
-Soldaten genossen, und er wußte für den Augenblick ihre Unruhe durch
-Freigebigkeit und durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Heeres
-hinzuhalten, bis bald der Versuch des General Valdés, das bedrängte
-Solsona mit Lebensmitteln zu versehen, ihre kriegerische Thätigkeit
-ganz in Anspruch nahm. Und der Soldat, gewohnt zu gehorchen und Andere
-für sich denken zu lassen, ist ja so leicht getäuscht, so leicht
-gelenkt, wenn er nur begriffen ist.</p>
-
-<p>Viele Officiere aber verließen die Armee Cataloniens, unwillig, unter
-den Mördern des Chefs weiter zu dienen, den ihres Königs Weisheit ihnen
-gegeben hatte. Einige schlossen sich der Armee des Grafen von Morella
-an; die meisten, unter ihnen General Ivañez &mdash; el Llarj de Copons
-&mdash;, Oberst Camps und Perez Davila, Commandeur der ersten Division,
-verzweifelnd, da solche That unbestraft bleiben konnte, wanderten nach
-Frankreich aus.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> Die Aufrührer Cataloniens gegen Ferdinand’s rechtmäßige
-Regierung und die Edlen, welche in Estella von dem Verräther Maroto
-gemordet wurden, sind mit dem einen Namen von Ultra-Royalisten
-bezeichnet!</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_107_107" id="Fussnote_107_107"></a><a href="#FNAnker_107_107"><span class="label">[107]</span></a> Ich erzähle die Schandthat, wie sie im Januar 1840 im
-Hauptquartiere des Grafen von Morella von Cataloniern berichtet ward,
-welche hoch genug standen, um genau unterrichtet zu sein.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier31" name="zier31">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 31" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXII">XXXII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von
-Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen
-betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war
-am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die
-Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch
-herdringen. &mdash; Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und
-eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter
-mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.</p>
-
-<p>Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom
-General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der
-Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als
-Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr,
-die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit
-drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage
-wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht
-erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth
-nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie
-unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt,
-hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den
-Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das
-schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten
-Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone
-ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, war
-seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne getrennt,
-der, ein echter, freiwilliger Royalist in den<span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span> Schaaren, welche
-Carnicer nach Ferdinand’s&nbsp;VII. Tode bildete, bei der Vernichtung
-derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde,
-weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger
-seines Königs zu fechten.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten,
-wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und
-Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie
-auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der
-christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie
-auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten,
-das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem
-Mayor<a name="FNAnker_108_108" id="FNAnker_108_108"></a><a href="#Fussnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen
-ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich
-das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches
-Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich
-vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig
-der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den
-Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um
-von den Einwohnern die Bedürfnisse &mdash; Maulthiere, Rationen und Führer
-&mdash; sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die
-dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch
-zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.</p>
-
-<p>Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span> machen
-mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch
-fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß
-nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich
-marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten
-Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend
-einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie
-sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die
-Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich
-befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet.
-Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf
-er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die
-Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften
-vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps
-erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht
-ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht
-ganz sicher.</p>
-
-<p>Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in
-ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines
-Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete,
-immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu
-ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war
-die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie
-mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten
-Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei
-unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um
-Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden
-Weibern<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span> begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich
-von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.</p>
-
-<p>Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem
-Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen
-errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt,
-welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie
-die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt
-ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe
-an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie
-anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit
-aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war
-die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache
-unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des
-Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden
-Höhen unsern Blicken verdeckt war.</p>
-
-<p>Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu
-folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft,
-die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor
-sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von
-den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes
-Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm
-Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen.
-Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt
-durch einige derbe Stöße zu beschleunigen.</p>
-
-<p>Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit
-dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten.
-Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt
-entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war
-schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute
-niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte;
-an Flucht aber war nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span> mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens
-tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was
-thun? &mdash; Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln:
-rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das
-Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören.
-Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit
-den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst
-im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen?</p>
-
-<p>Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das
-Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem
-Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage
-dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den
-Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts
-von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende
-Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir,
-glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren
-Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die
-Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben
-Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen.</p>
-
-<p>Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von
-Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet:
-das Signal, daß <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">facciosos</span> die Linie passirten. Ich beschleunigte
-den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps
-der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend
-eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief
-eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern
-der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen.</p>
-
-<p>Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort,
-wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ,
-wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes<span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span> Äußere hatte, wie man
-in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die
-unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten,
-mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf
-den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in
-die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich
-windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen.</p>
-
-<p>Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die
-schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast
-unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende
-Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen
-Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem
-jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem
-Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer,
-welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen
-diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe,
-dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen
-um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen
-pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die
-Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen.</p>
-
-<p>Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir
-bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich
-daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben
-dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür
-verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße
-ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde.</p>
-
-<p>Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir
-meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche
-Frage: „und warum nicht, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>?“ antwortete er<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span> mit tausend
-Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm
-verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick
-sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht
-geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer,
-welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht
-hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des
-nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem
-Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden
-benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend
-vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten.</p>
-
-<p>Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand
-schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren
-Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt
-des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite
-des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten
-nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten
-Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe,
-der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes
-zogen wir weiter dem Süden zu.</p>
-
-<p>Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders
-gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir
-aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns
-anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe
-Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei
-zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden
-herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich
-in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur
-sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit
-bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und
-lauschend, sah ich dunkele Reihen, von<span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span> Gewehren überblitzt, sich
-uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers
-Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied.</p>
-
-<p>Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion
-in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser
-Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl
-viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte
-Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine
-Anrede ihres Führers erwiederten.</p>
-
-<p>Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die
-malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin
-ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder
-gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst
-vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder
-Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu
-sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn
-auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch
-durch jene Farben hervorstachen.</p>
-
-<p>Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch
-ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit
-ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute,
-echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen
-Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese
-Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah,
-an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und
-in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge
-langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der
-carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie
-das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine
-menschliche Wohnung,<span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span> und Wochen lang war er in den unzugänglichen
-Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln
-beschrankt.</p>
-
-<p>Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich
-wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine
-Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig
-ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem
-befreundeten Flix zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch
-sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige
-Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der
-Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem
-Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde
-beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix
-zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter
-eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen.</p>
-
-<p>Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger
-Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella
-entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig
-sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon
-als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und
-zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu
-erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die
-Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne
-Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu
-finden.</p>
-
-<p>Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor
-wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue
-Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in<span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span> der Hand zu lösen sei, stand
-er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel
-seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung
-auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg,
-einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde.
-Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des
-Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt
-über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er
-ungehindert sich aufgestellt hatte &mdash; zu welchem Zweck, möchten wohl
-seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen,
-als er selbst &mdash;; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern
-Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren &mdash; wenn auch
-nicht Ehre &mdash; und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte.</p>
-
-<p>Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift<a name="FNAnker_109_109" id="FNAnker_109_109"></a><a href="#Fussnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> sind die
-Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie
-sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden.
-&mdash; Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor!</p>
-
-<p>In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher
-bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß
-es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und
-Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach
-alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon
-oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht
-war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und
-Mantel von Kugeln getroffen waren. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_532" id="Seite_532">[S. 532]</a></span> Thäter, zwei durch das Gold
-Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione
-geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten
-ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode.</p>
-
-<p>Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja
-dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang
-nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der
-Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses
-mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren,
-sogleich erschießen ließ.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen,
-und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir
-vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam.
-Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr
-von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf
-Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich
-aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser
-ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl
-die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit
-Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte.</p>
-
-<p>So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende
-des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein
-gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das
-Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte,
-trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten
-behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte,
-dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm,<span class="pagenum"><a name="Seite_533" id="Seite_533">[S. 533]</a></span> welche
-ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die
-Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen
-und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und
-den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich
-sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die
-Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen
-mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen,
-vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren
-werde.</p>
-
-<p>Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden
-sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos
-schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm,
-wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische
-Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich
-gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward,
-zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und
-bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen &mdash;
-sein höchster Wunsch und sein Stolz &mdash;; da freilich schätzte ich mich
-glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione
-und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen
-konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen,
-der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte.</p>
-
-<p>Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden,
-in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der
-General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs
-auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher
-Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß
-des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust
-zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und
-gedemüthigt<span class="pagenum"><a name="Seite_534" id="Seite_534">[S. 534]</a></span> sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der
-Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und
-durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte
-bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit
-die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella.</p>
-
-<p>Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch
-dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte
-ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann
-sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht
-begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so
-weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende
-Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave
-Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich
-entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel
-Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef
-sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können.</p>
-
-<p>Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von
-Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach
-Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf
-dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den
-vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel
-zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher
-Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena
-empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere,
-vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes
-Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er
-nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er
-war in dem Kriege gegen Napoleon &mdash; Gott weiß, wie? &mdash; zum Capitain,<span class="pagenum"><a name="Seite_535" id="Seite_535">[S. 535]</a></span>
-in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum
-Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort
-in den Ruhestand zurück versetzt.</p>
-
-<p>Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen
-selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe
-besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er
-denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets
-auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen
-vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten
-Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen
-könne.</p>
-
-<p>Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden
-und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn
-zu schonen wünschte,<a name="FNAnker_110_110" id="FNAnker_110_110"></a><a href="#Fussnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a> dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich
-seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage
-ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair
-reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen,
-wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche
-solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen,
-da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem
-gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes
-mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd
-mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach
-vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen
-die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon
-will es so! &mdash; Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rück<span class="pagenum"><a name="Seite_536" id="Seite_536">[S. 536]</a></span>ständigen
-Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den
-Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln.</p>
-
-<p>Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers,
-den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß
-Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da,
-als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit
-des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen
-ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den
-jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein
-Belagerungsgeschütz heranschleppte.</p>
-
-<p>Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer
-Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne,
-da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so
-übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich
-bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem
-niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit:
-„Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden,
-mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch
-dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen
-entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen
-Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden
-sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem
-Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was
-mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt
-blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so
-hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in
-Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen.</p>
-
-<p>Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_537" id="Seite_537">[S. 537]</a></span> widerlich
-seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können.</p>
-
-<p>Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem
-Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei
-verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich
-in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines
-der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war
-merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl
-getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines
-Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter
-entbehrten Genüsse zu verschaffen.</p>
-
-<p>Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von
-Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die
-ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der
-Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft,
-die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und
-des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und
-doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der
-Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der
-augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen
-Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über
-die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns
-füllte; &mdash; eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer
-nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie
-schildert &mdash;. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende
-Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir
-uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der
-Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher
-vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte;
-dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über<span class="pagenum"><a name="Seite_538" id="Seite_538">[S. 538]</a></span> uns
-selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden
-Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen
-aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald
-theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich
-abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden,
-der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und
-seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er
-Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem
-Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren
-Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während
-der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls&nbsp;V.
-bei dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des
-gefeierten Feldherrn angefertigt hatte.</p>
-
-<p>Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der
-Armee sich befand &mdash; denn einige Schurken, die von der französischen
-und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren,
-verdienten nicht, so genannt zu werden &mdash; von dem Manne, dessen
-freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war
-herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der
-Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so
-hohe Stufe gehoben hatte.</p>
-
-<p>Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der
-Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete
-geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden &mdash; er war
-im November zum Brigade-General<span class="pagenum"><a name="Seite_539" id="Seite_539">[S. 539]</a></span> ernannt &mdash; wenn auch oft von Gefahren
-bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines
-der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés
-erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes
-wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der
-Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_108_108" id="Fussnote_108_108"></a><a href="#FNAnker_108_108"><span class="label">[108]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">El mayor</span>, der Älteste, nannten die einfachen
-Gebirgsbewohner in ihrer unbegränzten Ehrfurcht jeden Officier;
-gewohnt, den Ältesten der Familie mit höchstem Respekt zu behandeln,
-trugen sie die Benennung auch auf die Militairs über, denen solcher
-Respekt bewiesen ward.</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_109_109" id="Fussnote_109_109"></a><a href="#FNAnker_109_109"><span class="label">[109]</span></a> Diese Blätter werden Belege für Alles liefern, dessen
-ich den Siegesherzog hier anklage.</p>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_110_110" id="Fussnote_110_110"></a><a href="#FNAnker_110_110"><span class="label">[110]</span></a> Ein beachtenswerther Zug in dem jungen General war seine
-hohe Achtung und Rücksicht für alle altgedienten Soldaten.</p>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier32" name="zier32">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 32" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_540" id="Seite_540">[S. 540]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXIII">XXXIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Espartero, nachdem er die baskischen Provinzen erkauft, war in den
-letzten Tagen Septembers von Navarra aufgebrochen, um sein Werk durch
-die Unterwerfung des Gebirgslandes zu vollenden, in dem der Graf von
-Morella als Stellvertreter Carls&nbsp;V. befehligte. Er führte
-40 Bataillone und 16 Escadrone von der Nordarmee nach Aragon; die
-Bataillone waren durch die neue im Sommer gemachte Aushebung von 40000
-Mann auf den höchsten Etat gebracht, den sie während des Krieges je
-gehabt hatten: sie enthielten nach den Aussagen von Augenzeugen, wie
-nach dem, was ich später von den Christinos selbst hörte, in ihren
-acht Compagnien 1100 bis 1200 Mann. Die drei Heeres-Divisionen und die
-der Avantgarde, in welche jene Masse eingetheilt war, wurden von den
-erprobtesten Führern der Christinos commandirt; der frühere Vicekönig
-von Navarra, Don Diego Leon, Graf von Velascoain, befehligte die
-neun Bataillone starke königliche Garde. Mit Espartero war auch der
-berüchtigte Schleichhändler Martin Zurbano, genannt Barea, von der
-usurpatorischen Regierung mit dem Grade eines Obersten belohnt, nach
-Aragon gekommen; sein Freicorps zählte fast 3000 Mann Infanterie und
-200 Pferde.</p>
-
-<p>Die Armee des Centrum, unter dem Oberbefehl des Generals O’Donnell im
-Königreiche Valencia stehend, war aus 24 bis 26 Bataillonen und etwa 20
-Escadronen zusammengesetzt, da der Rest als Garnisons der zahlreichen
-Festungen beschäftigt war. O’Donnell zog mit 21 Bataillonen und 7
-Escadronen nach Teruel, um von dort aus in Verbindung mit Espartero die
-entscheidenden Operationen zu beginnen. So gebe ich die unter diesen
-beiden Chefs vereinigten Streitkräfte gewiß nicht zu stark an, indem
-ich ihre Zahl auf 75000 bis 80000 Mann schätze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_541" id="Seite_541">[S. 541]</a></span></p>
-
-<p>Der Graf von Morella befand sich, da er die Nachricht von dem Verrathe
-Maroto’s und dem Anmarsche der Nordarmee erhielt, mit 12 Bataillonen
-und 800 Pferden weit im Innern Castilien’s, wo kein feindliches
-Corps seine Fortschritte hinderte. Er eilte sofort zur Deckung des
-Hochplateaus, von dem hinab er bisher siegreich nach allen Seiten sich
-ausgedehnt hatte; am 6. October langte er in Morella an und traf sofort
-die Maßregeln, welche zum kräftigen Empfange des Feindes beitragen
-konnten.</p>
-
-<p>Die Armee unter seinem unmittelbaren Commando bestand aus folgenden
-Truppen:</p>
-
-<p>Die Division von Aragon unter General Llagostera enthielt 9 Bataillone,
-von denen zwei erst kürzlich bewaffnet waren, und 6 Escadrone; die
-Division von Valencia unter General Forcadell 7 Bataillone, von denen
-das eine neu gebildet, und 4 Escadrone; die Division vom Ebro in der
-1. Brigade, Tortosa, unter Oberst Palacios 4 Bataillone, in der 2.
-Brigade, Mora, unter Oberst Feliú 3 Bataillone und 4 Escadrone.</p>
-
-<p>Dazu kamen das Schützen-Freibataillon des Oberst Bosque, das
-Sappeurs-Bataillon und das Bataillon der Artillerie, so daß die Armee
-aus 26 Bataillonen und 14 Escadronen oder 14000 Mann Infanterie und
-1300 Pferden bestand.</p>
-
-<p>Die Brigade, welche, 4 Bataillone und 2 Escadrone stark, jenseit
-der Heerstraße von Teruel nach Segorbe stand und die Festungen des
-Turia nebst Cañete und Beteta kaum hinlänglich garnisoniren konnte,
-darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie zu den diesseitigen
-Operationen gar nicht mitwirkte, der Feind auch zwei überlegene
-Colonnen unabhängig ihr entgegengestellt hatte; ebenso wenig die beiden
-Escadrone, mit denen Valmaseda nach Catalonien und im December, von
-dort zurückkommend, nach Neu-Castilien abging.</p>
-
-<p>14000 Mann und 1300 Pferde sollten dem Angriffe von 80000 Mann
-begegnen! Doch hatte jene Minderzahl den<span class="pagenum"><a name="Seite_542" id="Seite_542">[S. 542]</a></span> Vortheil des Terrains für
-sich, so wie die Stütze, welche ihre Forts und der Geist der Einwohner
-ihnen gewährten; dagegen machte wieder das Terrain den Gebrauch ihrer
-herrlichen Cavallerie unmöglich, weshalb diese größtentheils entsendet
-wurde, um in Flanke und Rücken des Feindes seine Communicationen
-zu erschweren. Aber dieses kleine Heer wurde furchtbar durch die
-gränzenlose Hingebung der Krieger, ihre unwandelbare Treue und vor
-Allem ihr Vertrauen auf den Führer, den sie stets an ihrer Spitze auf
-dem Pfade des Sieges und der Ehre gesehen hatten. Unendlich war der
-Enthusiasmus, den der Anblick des geliebten Generals, ein ermunterndes
-Wort aus seinem Munde in den Freiwilligen erregte; und die friedlichen
-Einwohner begrüßten mit eifrigen Wünschen für sein Glück den Feldherrn,
-der gegen Feind und Freund so brav wie gerecht sie geschützt, und den
-sie daher als rettenden Engel zu betrachten sich gewöhnt hatten.</p>
-
-<p>Cabrera unterließ Nichts, was diesen Geist des Heeres und des Volkes
-erhalten und heben konnte. Er erließ Proclamationen, in denen er mit
-schwarzen Zügen den Verrath &mdash; wiewohl nicht in seinen ganzen Folgen
-&mdash; schilderte, der den König gezwungen hatte, das angestammte Reich
-zu meiden. Er sprach dann in feurigen Worten zu den Herzen seiner
-Kameraden; er erinnerte sie an die zahllosen Unbilde und die Schmach,
-welche die Männer der Revolution auf Alles gehäuft hatten, was ihnen
-theuer und heilig sein mußte; er rief die Gefahren und die Drangsale
-ihnen ins Gedächtniß, die sie unter seiner Leitung erduldet, und aus
-denen die Hülfe des Höchsten sie stets mit Ehre und Ruhm gerettet, die
-Siege, welche sie so oft, weit schwächer und wo schon Rettung unmöglich
-schien, über die prunkenden Massen der erbitterten Negros davongetragen
-hatten. Er zeigte, wie von dem Augenblicke an, in dem er mit funfzehn
-Mann und ohne Waffen den Kampf begonnen für die Vertheidigung seines
-Königs und seiner Religion, wie er da, von<span class="pagenum"><a name="Seite_543" id="Seite_543">[S. 543]</a></span> Schritt zu Schritt durch
-die himmlische Vorsehung geleitet, endlich ein glänzendes Heer habe
-bilden, und, der anfangs Verachtete und einem wilden Thiere gleich von
-Schlucht zu Schlucht Verfolgte, die übermüthigen Feinde im Sitze ihrer
-Macht bedrohen können.</p>
-
-<p>Er forderte schließlich seine treuen Streitgenossen auf, nicht zu
-verzagen, da sie nun die jauchzenden Schaaren der Christinos sich
-heranwälzen sahen, er bat sie, vertrauensvoll und brav, wie bisher,
-ihrem Führer zu folgen, der stets der Erste sein werde, wo Gefahr und
-Ehre lockten, und er versprach ihnen, wenn sie standhaft aushielten in
-dem großen Kampfe, bei dem die Frucht aller ihrer Anstrengungen auf
-dem Spiele stand, den Schutz der gnädigen Himmelsköniginn, der hehren
-Jungfrau der Schmerzen, die nie zugeben werde, daß ihre frommen Kämpen
-unter den Streichen der alles Heilige verspottenden Trabanten der
-Revolution erlägen.</p>
-
-<p>Und der Aufruf ihres Generals entflammte zu höchstem Feuer die
-Begeisterung der wackern Soldaten. Sie alle schwuren, bis zum Tod
-ihrem Eide treu zu bleiben, und als Cabrera zu Morella die Garnison
-versammelte und, wie jeder Unteranführer in seinem Corps es thun mußte,
-öffentlich erklärte, daß jetzt alle die, welche nicht den Muth in
-sich fühlten zur Fortsetzung des schweren Kampfes, bis das Begonnene
-ganz vollbracht sei, frei und unangetastet in die Heimath sich
-zurückziehen könnten, daß aber von dem folgenden Tage an der Soldat,
-welcher von seinem Corps sich entferne, ohne Gnade erschossen würde &mdash;
-da antwortete ihm ein allgemeines, dreimal wiederholtes: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el
-Rey!</span>“ von dem den Freiwilligen fast eben so vertrauten „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva
-Don Ramon!</span>“ begleitet, und nicht Einer fand sich unter den braven
-Burschen,<a name="FNAnker_111_111" id="FNAnker_111_111"></a><a href="#Fussnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> der von des Generals Aufforderung Gebrauch gemacht
-hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_544" id="Seite_544">[S. 544]</a></span></p>
-
-<p>Zugleich bemühete sich der General, viele der Mißbräuche abzuschaffen,
-die ganz besonders in die Verwaltung sich eingeschlichen hatten, und
-von denen er, bei seiner eigenen Uneigennützigkeit des Argwohnes
-kaum fähig, durch bittere Erfahrungen kürzlich überzeugt war: die
-Hülfsquellen des Landes, so wie die Beute, welche die kühnen Züge
-Cabrera’s durch Castilien, Valencia und Murcia schafften, wurden auf
-die unverantwortlichste Art vergeudet oder noch häufiger benutzt,
-die Habgier Einzelner zu befriedigen. Daher fehlten nicht selten die
-dringendsten Bedürfnisse, und &mdash; was ein furchtbarer Donnerschlag für
-Cabrera war, der Ähnliches nicht ahnete, da die Freiwilligen nie eine
-Klage deshalb erhoben &mdash; die Bataillone waren fast ein Jahr mit ihrem
-Solde im Rückstande.</p>
-
-<p>Der General-Intendant des Heeres, Bocos de Bustamente, der bisher die
-ganze Administration leitete, wurde seiner Stelle entsetzt und die
-Junta aufgelöset, da sie, anstatt zu ordnen und zu leiten, nur die
-schon so schwierigen Verhältnisse mehr und mehr verwickelte. Leider
-konnte der General den Blutsaugern nicht die Millionen entreißen,
-mit denen sie auf Kosten des Heeres, des Landes und der Sache, deren
-eifrige Vertheidiger sie sich nannten, ihre Zukunft zu sichern gewußt
-hatten.</p>
-
-<p>An die Stelle der aufgelöseten ward eine <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Real Junta militar de
-administracion y govierno</span> gebildet, die unter dem Vorsitze des
-Generals en Chef fast ganz aus Militairs höherer Grade zusammengesetzt
-war, welche durch strenge Pflichterfüllung, Entschiedenheit in
-ihren politischen Ansichten und Redlichkeit solchen Vertrauens
-würdig schienen. Bald zeigte es sich, wie auch der am schärfsten
-Blickende getäuscht wird, und wohl noch mehr, wie Versuchung dem
-Besten gefährlich ist: im Frühjahr<span class="pagenum"><a name="Seite_545" id="Seite_545">[S. 545]</a></span> gingen drei der Vocale und unter
-ihnen derjenige, welcher mit Recht als der Tüchtigste, Thätigste und
-Einflußreichste unter den Gliedern der Junta gerühmt wurde, der Oberst
-Villalonga, zu Espartero über, da sie den gänzlichen Fall der Parthei
-unvermeidlich nahe sahen. Sie nahmen die Casse der Junta mit sich. &mdash;
-Viele Enttäuschungen warteten des edlen Cabrera!</p>
-
-<p>In eben dieser Zeit ward ein Mann in Morella ergriffen, der, Jedermann
-unbekannt, seit einigen Tagen dort sich umhertrieb und, so wie der
-General in der Festung anlangte, zu ihm sich zu drängen suchte. Da
-er nicht Auskunft über sich geben wollte, durch seine Reden aber
-den Verdacht böser Absichten fast zur Gewißheit steigerte, ward ihm
-erklärt, daß er, falls er nicht gestehe, wer er sei und weshalb er
-dorthin gekommen, unverzüglich erschossen werde. Um ihn noch mehr
-einzuschüchtern, wurde er selbst in <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capilla</span> gesetzt, und ein
-Priester sollte zu christlichem Tode ihn vorbereiten. Schäumend vor
-Wuth gab er sich da, weil er ja doch sterben müsse, als Mörder an,
-der von den Radicalen zu Barcelona gedungen sei, die Welt von dem
-gefürchtetsten Vertheidiger der Legitimität zu befreien. Er rühmte sich
-zugleich, an der Ermordung des gefangenen Obersten O’Donnell und der
-Seinen, so wie an der Niedermetzelung der Mönche thätig Theil genommen,
-ja ein Stück jenes unglücklichen Opfers geröstet und verzehrt zu haben;
-dann versprach er wieder, im Fall ihm das Leben geschenkt werde,
-Espartero in der Mitte seiner Garde niederzustoßen. Der Mann, plump,
-frech und erbärmlich feig zugleich, war gewiß sehr schlecht gewählt
-für das Geschäft, dem er sich unterzogen hatte. Sein abgeschlagenes
-Haupt ward zur Warnung auf einem Galgen vor der Stadt aufgesteckt. Vor
-seinem Tode erklärte er, daß mit ihm noch zwei Banditen von Barcelona
-abgesendet seien, die jedoch meines Wissens nie versuchten, die
-beschlossene Schandthat auszuführen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_546" id="Seite_546">[S. 546]</a></span></p>
-
-<p>Espartero rückte in der zweiten Hälfte Octobers mit den 35 Bataillonen,
-die er persönlich führte, von Norden gegen die Gebirgsmasse vor,
-welche den Grundsitz der carlistischen Macht bildete, und zu
-deren Vertheidigung Cabrera seine Truppen concentrirt hatte. Sie
-konnte als eine große Veste angesehen werden, in der Morella und
-Cantavieja, durch Lage, Kunst &mdash; so glaubte man wenigstens &mdash; und
-noch mehr durch die Schwierigkeit der Annäherung besonders stark, den
-Haupt-Vertheidigungskörper, die vorliegenden Forts Cullá, Alcalá la
-Selva, Aliaga, Villarluengo und Castillote die Außenwerke, das weit
-vorgeschobene Segura aber, so wie die Festungen des Turia im Südwesten
-und Villamaleja im Süden, selbstständige detachirte Werke bildeten,
-welche in Flanke oder Rücken dem angreifenden Feinde sehr gefährlich
-werden konnten.</p>
-
-<p>Cabrera sandte deshalb Llagostera mit einem starken Corps, um
-bei Segura sich aufzustellen, von wo dieser jedoch, da Espartero
-unaufgehalten über Muniesa und am 26. October selbst bis Calanda
-vordrang und so die schwächste Seite der Gebirgsveste bedrohete, auf
-Castillote sich zog und dort Espartero sich entgegenstellte.</p>
-
-<p>Zugleich hatte O’Donnell von Teruel seine 21 Bataillone herangeführt
-und war sofort bis Villarroyo vorgedrungen, worauf er das Städtchen
-Camarillas als Depot und Anhaltspunkt befestigen ließ, zu welchem
-Zwecke Espartero Estercuel ausersah, indem er auch Montalban, um
-Segura in Schach zu halten, wieder befestigen und diese Puncte durch
-mehrere feste Posten links mit Calanda und rechts mit den von O’Donnell
-besetzten Orten und bis Teruel verband, so im Halbkreis eine Linie,
-ähnlich denen der Nordprovinzen, um das eingeengte Gebiet der Carlisten
-ziehend.</p>
-
-<p>Eine Colonne von 8 Bataillonen befehligte der Brigade-General Don
-Juan Cabañero, der, früher in Cabrera’s Armee die Division von Aragon
-befehligend, mit Maroto zu den Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_547" id="Seite_547">[S. 547]</a></span> übergegangen war und sich
-der besondern Gunst des Siegesherzoges erfreute, da er genau mit dem
-Kriegsschauplatze bekannt war und versprochen hatte, seine früheren
-Cameraden zu bearbeiten. So gab er ein treffliches Werkzeug ab für die
-Bestechungspläne seines neuen Anführers.</p>
-
-<p>Kleinere abgesonderte Detachements sollten die Communicationen sichern,
-das Land besetzen und dadurch seine Hülfsquellen den Carlisten
-unzugänglich machen und auch wohl die Bewohner, indem sie das ganze
-Land von den Schaaren der Christinos überschwemmt sahen, heilsame
-Furcht vor der Macht des gerühmten Feldherrn lehren. So schweifte
-Martin Barea in dem Gebiete von Montalban und Segura, das Bataillon der
-portugiesischen Fremdenlegion, welches so lange schon unter Borso di
-Carminati’s Befehlen brav gegen Cabrera gekämpft hatte und aus einer
-Brigade zu einem Bataillon zusammengeschmolzen war, zwischen Segura und
-der großen Heerstraße umher.</p>
-
-<p>Bisher hatten die Feinde, wenn auch stets von unsern Colonnen
-beobachtet und oft in günstigen Stellungen aufgehalten, keinen
-ernstlichen Widerstand gefunden, und jubelnd wähnten sie, daß die
-Kraft unserer Krieger gebrochen sei, und daß rasches Vorwärtsschreiten
-ihnen hinreiche, um der leichten Beute sich zu versichern. Viele
-glaubten selbst, daß Cabrera nur die Unterwerfung verzögere, um bessere
-Bedingungen für sich und die Seinen zu erpressen. Espartero hatte
-schon seine Siegeskünste in Thätigkeit gesetzt; wenn das Gold über den
-Obergeneral nichts vermochte, sollte es bei den Untergebenen desto mehr
-seine Macht bethätigen. Er erließ Proclamationen, in denen er das Volk
-aufforderte, sich ihm anzuschließen, um die Segnungen des Friedens zu
-erringen; den carlistischen Soldaten versprach er eine Geldbelohnung
-und die Entlassung in die Heimath, wenn sie den tollen Widerstand
-aufgäben und zu den siegreichen Truppen der unschuldigen Königinn
-übergingen, während er den Officieren, die sich ihm präsentiren
-würden,<span class="pagenum"><a name="Seite_548" id="Seite_548">[S. 548]</a></span> Anstellung in den Graden, die sie erlangt, und selbst
-Bestätigung der Orden und sonstigen Auszeichnungen zusagte, welche
-ihnen im Kampfe gegen seine eigenen Truppen geworden waren.</p>
-
-<p>Diese waren die ersten Schritte, die er zu der Ausführung seines
-Lieblingssystemes that; wollte Gott, daß alle andern eben so nichtigen
-Erfolg gehabt hätten!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>O’Donnell drang vorwärts, um seinem Gefährten die Hand zu reichen
-und zugleich die Aufmerksamkeit Cabrera’s auf sich zu ziehen. Am
-30. October griff er Fortanete an, zu dessen Vertheidigung Cabrera
-rasch herbeieilte und in der That mit vier Bataillonen, die er dort
-vereinigte und erst am folgenden Morgen mit andern zwei verstärkte,
-den Ort bis zum Abend des 31. hielt. Am 1. November bereitete er sich,
-den ermatteten Feind von neuem zu bestürmen, als er durch einen Spion
-die Nachricht erhielt, daß Espartero am Tage vorher von Calanda über
-dem Mas de las Matas mit seiner ganzen Macht vorgedrungen sei, Morella
-sowohl wie Cantavieja bedrohend; und daß Cabañero Einverständniß mit
-einigen Officieren angezettelt habe, welche ihm am Abend desselben
-Tages die Festung Cantavieja einhändigen würden.</p>
-
-<p>Fortanete aufgebend flog der General, nur von seinen Adjudanten und
-Miñones begleitet, der bedroheten Veste zu; am Tage nachher wurden die
-Schuldigen erschossen, und kaum gelang es dem verrätherischen Cabañero,
-mit seiner Colonne durch die Schluchten, ihm sämmtlich wohlbekannt, den
-Massen Espartero’s wiederum sich anzuschließen. Da war es, als abermals
-die gedungenen Mörder das Leben des Grafen von Morella bedrohten, über
-dessen Haupte ein schützender Genius zu schweben schien, die Elenden
-blendend, welche gegen ihn die Hand zu erheben wagten.</p>
-
-<p>In las Parras hatte Espartero sein Hauptquartier aufge<span class="pagenum"><a name="Seite_549" id="Seite_549">[S. 549]</a></span>schlagen,
-während die Garden unter General Leon die Dörfer Luco und Bordon, vier
-bis fünf Stunden von Morella, besetzt hielten. O’Donnell ging bis
-la Cañada vor, welches er leicht nahm; aber seine Versuche, darüber
-hinauszudringen, um mit Espartero in Verbindung zu treten, blieben ganz
-fruchtlos und kosteten ihm viele Menschen. In eben diesen Stellungen
-befanden sich die beiden feindlichen Armeen, als ich von Catalonien
-zurückkehrte, und ein bunteres Durcheinanderwerfen der christinoschen
-und carlistischen Truppen schien ganz unmöglich zu sein und kann
-nur durch die Eigenschaften des Terrains erklärt werden, welches so
-furchtbar gebrochen, mit unzugänglichen Felsmassen und tief gefurchten
-Schluchten durchzogen ist, daß die Corps häufig auf geradem Wege wohl
-kaum eine Viertelstunde von einander entfernt waren, während sie, um
-sich zu treffen, Stunden langen mühsamen Marsch zu machen hatten. &mdash;
-In einem regelmäßigen Kriege würde ein ähnliches Gebirge für durchaus
-impracticabel erklärt werden.</p>
-
-<p>Espartero stand, wie gesagt, in las Parras, Luco und Bordon,<a name="FNAnker_112_112" id="FNAnker_112_112"></a><a href="#Fussnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a>
-die Front gegen el Orcajo, die beiden Hauptfestungen der Carlisten
-bedrohend; seine ganze Cavallerie war im Mas de las Matas concentrirt
-und deckte so die Verbindung mit Calanda, welches jedoch vom Obersten
-Bosque blokirt wurde, der selbst unter dem Schutz des Terrains drei Mal
-den Ort überfiel, die Thorwache niederhieb und Officiere und Leute von
-den Straßen gefangen fortführte, ehe die christinoschen Truppen unter
-die Waffen kamen. Es durften daher nur Colonnen von<span class="pagenum"><a name="Seite_550" id="Seite_550">[S. 550]</a></span> einigen tausend
-Mann von Calanda zum Heere und nach dem Hauptdepot Alcañiz geschickt
-werden oder von dort kommen.</p>
-
-<p>Dieser Linie parallel zwischen ihr und Morella und den Weg nach dem
-Orcajo deckend, welches ein äußerst wichtiger Punkt war, da dort die
-Straßen nach jenen beiden Festungen rechts und links abgehen, standen
-von Monroyo bis Olocau vier Bataillone, die aber sofort verstärkt
-werden konnten. Cabrera selbst blieb, nur von seiner Compagnie Miñones
-und den Ordonnanzen gedeckt, in Zurita, drei Viertelstunden von dem mit
-Truppen überladenen Luco. An der andern Seite der feindlichen Position
-lag das starke Castillote, eine Stunde von las Parras und dem Mas de
-las Matas entfernt. Dort stand, auf das Fort gestützt, Llagostera mit
-einem Theile seiner Division, die er in glücklichen Zügen und mit
-überraschender Thätigkeit &mdash; da er gewöhnlich sehr langsam sich zeigte
-&mdash; bis tief in das nun feindliche Gebiet hinein, nach Segura und über
-dasselbe hinaus führte.</p>
-
-<p>In der Nacht vom 6. zum 7. November überraschte er in Barrachina
-das Fremdenbataillon, welches ihn zwanzig Stunden entfernt wähnte,
-und brachte ihm einen Verlust von 300 Todten bei: die fremden Corps
-hatten keinen Pardon. Den kleinen Rest rettete der entschlossene
-Muth desselben, da er ohne Munition der schon genommenen Kirche sich
-bemächtigte, in der das Bataillon seinen Pulvervorrath niedergelegt
-hatte, und in ihr sich vertheidigte.</p>
-
-<p>Zwischen jener Armee und der O’Donnell’s, die in Fortanete und la
-Cañada sich verbarrikadirte, standen die carlistischen Bataillone
-in Pitarque, Tronchon und Mirambel, während O’Donnell’s rechter
-Flügel durch drei Bataillone in Val de Linares, sein Rücken gar durch
-die beiden Festungen Aliaga und Alcalá la Selva und den auf sie
-gestützten Freicorps bedroht und seine Communicationen natürlich ganz
-abgeschnitten waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_551" id="Seite_551">[S. 551]</a></span></p>
-
-<p>Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen
-konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne
-Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen
-Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan
-dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden
-sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und
-dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch
-die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der
-bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da
-er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie
-denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen
-Vorbereitungen getroffen waren!</p>
-
-<p>Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf
-den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine
-Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen,
-damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe
-des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige
-Speculation gewesen. &mdash; Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen
-der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die
-carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von
-Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht
-ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch
-rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten,
-vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die
-Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts
-gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte.</p>
-
-<p>Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das
-geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder
-und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues
-Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht,
-daß wenn das Entwickeln<span class="pagenum"><a name="Seite_552" id="Seite_552">[S. 552]</a></span> seiner ungeheuern Übermacht und das kühne
-Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine
-unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug
-allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken,
-daß es ihn und seine Massen &mdash; und was kann Schlimmeres dem begegnen,
-der moralisch zu wirken sucht? &mdash; zum Gegenstande des Spottes und der
-Verachtung machen mußte?</p>
-
-<p>Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero
-zu solch einem <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">faux pas</span> bewogen wurde, Motive, die mit dem alten
-System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für
-seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig
-unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern,
-um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr
-Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen
-Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren
-Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem
-Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten
-an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von
-versuchter Bestechung<a name="FNAnker_113_113" id="FNAnker_113_113"></a><a href="#Fussnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete,
-wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.</p>
-
-<p>Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen
-in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit
-Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er
-ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen
-einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er
-Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel
-zurückzuweisen<span class="pagenum"><a name="Seite_553" id="Seite_553">[S. 553]</a></span> wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der
-menschlichen Natur &mdash; das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht!
-&mdash; wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele,
-die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen
-wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf
-den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen
-vermochte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der
-Christinos unbeweglich in ihren Dörfern &mdash; die Besetzung der Cañada
-durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen &mdash;; sie
-hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war
-auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun,
-so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration
-ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen
-Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu
-einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche
-zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten
-vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.</p>
-
-<p>Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte
-Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu
-bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig
-vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die
-wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen
-in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones
-bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die
-Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft
-verlor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_554" id="Seite_554">[S. 554]</a></span></p>
-
-<p>Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen
-Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der
-Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der
-Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf
-oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen
-Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der
-verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er
-sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach
-Cantavieja und Morella.</p>
-
-<p>Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea
-neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von
-den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort
-machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß
-der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in
-höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname
-und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser
-Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen
-angekündigt wurde.</p>
-
-<p>Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon
-von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten
-O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien
-gefangen.</p>
-
-<p>Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge
-waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er
-sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an
-Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand,
-dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte
-sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der
-bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen
-Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm<span class="pagenum"><a name="Seite_555" id="Seite_555">[S. 555]</a></span> ihm
-einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung
-seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen
-erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um
-seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die
-Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar
-wurde. &mdash; Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu
-beginnen.</p>
-
-<p>So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu
-unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit
-drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige
-Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt
-der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die
-Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht
-vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich
-auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche
-zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt
-wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen
-und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten
-Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach
-Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie
-4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu
-erkaufen.</p>
-
-<p>Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen
-noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich
-wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839
-geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der
-Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue
-Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten
-Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen<span class="pagenum"><a name="Seite_556" id="Seite_556">[S. 556]</a></span>
-könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt,
-daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles
-geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. &mdash; Seine Wahl war
-rasch getroffen.</p>
-
-<p>Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur
-Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum
-26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel
-angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen
-die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in
-der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit
-Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige
-zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden
-christinoschen Corps den Ort verlassen hatte.</p>
-
-<p>Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode
-Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt
-schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge
-den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit
-ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu
-erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April
-1840 sein Commando.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_111_111" id="Fussnote_111_111"></a><a href="#FNAnker_111_111"><span class="label">[111]</span></a> Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis
-zwanzigjährige Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des
-Krieges sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue
-besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_112_112" id="Fussnote_112_112"></a><a href="#FNAnker_112_112"><span class="label">[112]</span></a> General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera
-eine Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt,
-welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und Operationen
-Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn bekämpfenden Heere
-zu empfehlen ist.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_113_113" id="Fussnote_113_113"></a><a href="#FNAnker_113_113"><span class="label">[113]</span></a> Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende
-Anerbietungen von Seiten Espartero’s geblieben.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier33" name="zier33">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 33" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_557" id="Seite_557">[S. 557]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXIV">XXXIV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das
-Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José
-Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig
-gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt
-waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls
-über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s
-in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte;
-man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen.
-Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die
-Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells
-beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu
-krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten
-Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich
-erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar
-nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf
-weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten
-Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn
-fern hielten.</p>
-
-<p>Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt
-und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja,
-der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet.
-Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die
-Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch,
-so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps
-immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden<span class="pagenum"><a name="Seite_558" id="Seite_558">[S. 558]</a></span> Mahnungen
-des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern,
-daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella
-sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des
-regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen
-Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der
-von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des
-Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig
-dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte.</p>
-
-<p>Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war
-dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei,
-die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen,
-trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah,
-befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten;
-die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des
-peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem
-wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und
-unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es
-ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis
-auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade
-dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung.
-Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach
-dreitägiger Beschießung.</p>
-
-<p>Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung
-rasch &mdash; zum Theil mit Pallisaden &mdash; geschlossen, um sie gegen einen
-Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben
-Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent
-von neuem zu erbauen &mdash; er fand nie gut, was nicht von ihm selbst
-herrührte. &mdash; Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_559" id="Seite_559">[S. 559]</a></span></p>
-
-<p>Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen,
-so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo
-vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja
-inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá
-südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von
-Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco
-in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe
-befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die
-Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter
-uns vertheilt.</p>
-
-<p>Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen
-Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der
-Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach
-Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte
-ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit
-Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu
-fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten
-waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte.
-Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben,
-durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war
-im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von
-Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach
-Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena
-reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. &mdash; Doch sollte ich
-noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General
-gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein,
-da ich ihn begleiten würde; er entließ<span class="pagenum"><a name="Seite_560" id="Seite_560">[S. 560]</a></span> mich erst nach mehreren Fragen
-und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr.
-Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da
-der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich
-befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh,
-daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem
-Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den
-treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s
-in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.</p>
-
-<p>Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche
-Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung
-mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das
-ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das
-etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet,
-einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit
-großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt
-ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den
-doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem
-Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu
-verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya
-ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche
-Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.</p>
-
-<p>Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa
-sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden
-in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die
-Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt
-werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd
-in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen;
-wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich<span class="pagenum"><a name="Seite_561" id="Seite_561">[S. 561]</a></span> noch nicht begreifen.
-Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast
-unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir
-befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen
-seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde
-Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen
-Studenten bewundern ließen.</p>
-
-<p>Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte
-Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen &mdash; denn Cabrera wollte
-Alles selbst sehen und überall anordnen &mdash; langten wir endlich auf
-dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir
-begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten
-Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich
-ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die
-Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General
-selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des
-Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit.
-Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern,
-die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die
-eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren &mdash; und deshalb war das
-Land weit umher hart bedrückt!</p>
-
-<p>So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren
-der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den
-Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten
-lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu
-versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu
-den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren,
-zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.</p>
-
-<p>Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine
-Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die ent<span class="pagenum"><a name="Seite_562" id="Seite_562">[S. 562]</a></span>schieden
-royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und
-viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die
-Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische
-Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der
-niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin
-sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die
-Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage
-des Flusses frei zu erhalten.</p>
-
-<p>Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung
-von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte,
-den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb
-stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt
-und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles
-die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die
-Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz
-unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine
-sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von
-Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei
-die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht
-mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.</p>
-
-<p>Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine
-Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich
-wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß
-ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger<a name="FNAnker_114_114" id="FNAnker_114_114"></a><a href="#Fussnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a>
-ausgesehen habe, als der Franzose, der<span class="pagenum"><a name="Seite_563" id="Seite_563">[S. 563]</a></span> einst für die Christinos bei
-ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der
-gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid
-zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen
-Regierung entdeckt und erschossen war!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der
-verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit
-Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so
-viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit
-dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen
-Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen
-zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein
-Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten
-gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er
-am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen
-hat, der mache, daß er fortkomme!“ &mdash; Einer jener Officiere wurde kurz
-nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf
-einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und
-sofort füsilirt.</p>
-
-<p>Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die
-Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva,
-eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas
-entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen
-des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf
-Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von
-dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben
-Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von<span class="pagenum"><a name="Seite_564" id="Seite_564">[S. 564]</a></span> unserer
-Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter
-zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber
-abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte;
-so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die
-Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend.
-Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63
-Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.</p>
-
-<p>Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein
-leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen
-existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl,
-Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern
-verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare
-Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.</p>
-
-<p>Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher,
-in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend,
-der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort:
-Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht
-unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben
-so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet
-hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt
-und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der
-Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo
-Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen
-jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch
-keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der
-Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein-
-und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine
-chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele<span class="pagenum"><a name="Seite_565" id="Seite_565">[S. 565]</a></span> sehr,
-daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt
-hätte.</p>
-
-<p>Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter
-Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da
-ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später
-irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den
-General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche
-direkt widersprechend ist. &mdash; Die rasch angewandten Mittel linderten
-für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine
-Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner
-früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er
-nie ganz genesen sollte.</p>
-
-<p>Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe
-verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort
-die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von
-zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine
-Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen
-Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet
-werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf
-den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller
-Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste
-Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte
-eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.</p>
-
-<p>Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen,
-der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger
-Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die
-Trauerbotschaft von seinem Tode! &mdash; Verzweiflung ergriff die Bewohner
-Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt
-hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt
-uns aufrecht, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_566" id="Seite_566">[S. 566]</a></span> ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem
-Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote,
-welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der
-schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch
-gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in
-die Brust zurückdrängen.</p>
-
-<p>Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet
-in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen
-der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er
-eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde
-zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben,
-und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt,
-daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte.
-Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt,
-um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß
-seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider
-Blätter spotteten,<a name="FNAnker_115_115" id="FNAnker_115_115"></a><a href="#Fussnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a> nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er
-Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.</p>
-
-<p>Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel
-gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den
-leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte
-er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz,
-den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem
-edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache,
-welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange
-Cabrera lebte, die<span class="pagenum"><a name="Seite_567" id="Seite_567">[S. 567]</a></span> Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den
-seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten.
-Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich
-unschädlich zu machen.</p>
-
-<p>Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella
-gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen,
-mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung
-gehaltene <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te Deum</span> zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an,
-daß die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle
-nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit
-Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten
-Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose
-Rindergefechte &mdash; wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht
-ganz ausgewachsene Rinder gewählt &mdash; die gaffende und jauchzende Menge.</p>
-
-<p>Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das
-geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht
-wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen
-lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen
-sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des
-Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten
-Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht
-abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach
-wieder an die Spitze der Armee sich stellte.</p>
-
-<p>Dem Anschein nach! &mdash; Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held,
-welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von
-Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet,
-sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit
-hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die
-Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath
-oder durch<span class="pagenum"><a name="Seite_568" id="Seite_568">[S. 568]</a></span> die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem
-andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner
-Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die
-starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen
-Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.</p>
-
-<p>Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem
-nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch
-viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige
-catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!</p>
-
-<p>Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er
-hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz
-vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend
-die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft
-freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde
-gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick
-die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen
-Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner
-selbst unwürdig handeln konnte.</p>
-
-<p>Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von
-Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den
-himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December
-unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie
-und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre
-vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber
-steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer
-und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate,
-während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über
-ihn zu wählen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_114_114" id="Fussnote_114_114"></a><a href="#FNAnker_114_114"><span class="label">[114]</span></a> Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">franmason</span> zur Bezeichnung eines wild revolutionairen Menschen,
-da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler und Leiter der
-anarchischen Complotte erschienen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_115_115" id="Fussnote_115_115"></a><a href="#FNAnker_115_115"><span class="label">[115]</span></a> Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit
-kleiner scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist,
-welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich von Madrid
-aus übersehen wurden.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier34" name="zier34">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 34" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_569" id="Seite_569">[S. 569]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXV">XXXV.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen
-mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung
-der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo
-und Cantavieja &mdash; während der letzten sechs Wochen unter stetem
-Schneegestöber &mdash; gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich
-sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem
-Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung
-war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos
-gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie
-auch bringen möge, rasch da sei.</p>
-
-<p>Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen.
-Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten
-zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch
-auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System
-eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer
-den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der
-Corps auszuzahlen, so daß z.&nbsp;B. im Januar 1840 der Sold des Monats
-April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und
-Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich
-gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern
-Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis
-vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung
-kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während
-jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen
-auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da
-Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder,
-wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_570" id="Seite_570">[S. 570]</a></span> uneigennützig &mdash; und das fand sich nicht häufig &mdash;, etwa zur
-Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem
-Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat
-auszuzahlen.</p>
-
-<p>Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend
-eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte
-indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich
-die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich
-buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und
-Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb
-Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit
-möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie
-viel Zeit bei Tische.</p>
-
-<p>An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des
-Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem
-Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die
-Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn
-sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie
-erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt
-für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer
-Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps
-mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings
-um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um
-den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend
-verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das
-Zeichnen der Pläne u.&nbsp;s.&nbsp;w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des
-Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube
-verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des
-Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen
-die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_571" id="Seite_571">[S. 571]</a></span></p>
-
-<p>Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft
-eines Freundes, des Genie-Capitains &mdash; er fiel als Oberstlieutenant
-bei der letzten Belagerung von Morella &mdash; Don José Maria Verdeja
-Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch
-die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium
-der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe
-Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera
-schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn
-nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise
-ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten,
-war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz
-erfüllt.</p>
-
-<p>Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung
-einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem
-Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort
-durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum
-Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen
-war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General
-am 16. December auf immer erkrankte! &mdash; Von dort nun kam Verdeja, wenn
-ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten
-Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel
-an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu
-hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche
-Forderungen ihn unterstützte.</p>
-
-<p>Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit den
-königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand&nbsp;VII. in
-hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität
-beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen
-und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und
-ehrgeizig und hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_572" id="Seite_572">[S. 572]</a></span> daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von
-Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem
-Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer
-zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte
-Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan,
-und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im
-Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor
-Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen
-Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch
-festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein
-Stolz nicht verletzt wurde.</p>
-
-<p>Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und
-ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse
-an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und
-vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe
-gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine
-Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber
-zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten
-ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die
-Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite
-herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben
-blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue
-Schwierigkeiten uns aufzuthürmen.</p>
-
-<p>Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen
-Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche
-verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling
-immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren
-Vorbereitungen vorwärts kamen!</p>
-
-<p>Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht
-über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der
-Oberst und klagte, den General von<span class="pagenum"><a name="Seite_573" id="Seite_573">[S. 573]</a></span> Rahden zurückwünschend, sein
-Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er
-versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen &mdash; „wenn ich nur
-wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren,
-der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir,
-Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir
-dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom
-Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete
-durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und
-ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken
-General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der
-entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend
-verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen
-jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter,
-den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen
-Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und
-&mdash;&nbsp;&mdash; Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!</p>
-
-<p>Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und
-bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab,
-selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.</p>
-
-<p>Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit.
-Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und
-in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom
-Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war,
-ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren
-Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte.
-Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren
-Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die
-Last mit ihm theile; ebenso verlangte er<span class="pagenum"><a name="Seite_574" id="Seite_574">[S. 574]</a></span> mehrere Subaltern-Officiere.
-Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend
-einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten
-Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die
-Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie
-gewährt haben.</p>
-
-<p>Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora
-de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen &mdash; Vejis, el
-Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta &mdash;, die eine Linie
-von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht
-waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte
-genügen könne. &mdash; Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich
-sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in
-Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.</p>
-
-<p>Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung
-von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles
-Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch
-war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem
-wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage
-ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als
-ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung
-mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch
-feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere
-Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht
-sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und
-Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit
-dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung
-und Veränderung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_575" id="Seite_575">[S. 575]</a></span></p>
-
-<p>So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er
-die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand
-zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden
-vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in
-großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen
-versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von
-Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen
-Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.</p>
-
-<p>Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich
-wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten,
-suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu
-wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht
-gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte
-Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen
-Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten
-zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem
-nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen
-die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. &mdash; Zu
-Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und
-den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick
-beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und
-flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen
-Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine
-Truppen dringen möchten.</p>
-
-<p>Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem
-Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den
-fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ
-viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das
-Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen
-in die Hand, damit<span class="pagenum"><a name="Seite_576" id="Seite_576">[S. 576]</a></span> sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten.
-Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener
-Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit
-des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren
-mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem
-Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre
-Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen.</p>
-
-<p>O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee
-ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von
-Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen
-zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten,
-Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen
-die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit
-derselben liegende leicht befestigte Manzanera.</p>
-
-<p>Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im
-Thale des Guadalaviar &mdash; Rio Blanco &mdash; den Übergang über denselben
-beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten
-öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß.
-Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden
-der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz
-stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die
-künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte,
-daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie
-von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten.
-Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse
-aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte
-der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal
-wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe
-zurückgeschleudert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_577" id="Seite_577">[S. 577]</a></span></p>
-
-<p>Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte
-eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten
-sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken
-von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch
-den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden
-erwartete. &mdash; Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">real vitalicio</span> &mdash; einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien
-gewöhnliche Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten &mdash;; die
-Officiere bekamen einen Grad.</p>
-
-<p>Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur
-Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf
-der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras
-befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr
-aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete.</p>
-
-<p>Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte,
-überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las
-Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im
-März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher
-bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen
-Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt
-gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß
-Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner
-Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche,
-lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend
-zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch
-einen der &mdash; in der Ordre mit Namen bezeichneten &mdash; Adjudanten und
-Ordonnanz-<span class="pagenum"><a name="Seite_578" id="Seite_578">[S. 578]</a></span>Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich
-durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre
-gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte
-Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung
-aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf
-Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der
-kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser
-so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung
-auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General
-erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und
-während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte.</p>
-
-<p>Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt
-hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie
-ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt
-habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner
-sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch
-noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift
-des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen
-nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. &mdash; Ich selbst
-sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre.</p>
-
-<p>Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am
-9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in
-Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen
-Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten
-zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein
-Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt,
-gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten
-Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich
-umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt<span class="pagenum"><a name="Seite_579" id="Seite_579">[S. 579]</a></span> wurde,
-verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und
-in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den
-Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit
-schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben
-derselben Form, welche Arzneimittel enthielten.</p>
-
-<p>Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals
-niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten
-entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und
-Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung
-der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des
-Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem
-feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die
-Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand
-sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas.</p>
-
-<p>Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete
-nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne
-sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum
-Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher
-Verrath Gold und Ämter und selbst &mdash; Schande den sogenannten Liberalen
-Spaniens! &mdash; Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres
-Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag
-sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen,
-der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre
-Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es
-den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu
-operiren.</p>
-
-<p>Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich
-dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die
-Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen,<span class="pagenum"><a name="Seite_580" id="Seite_580">[S. 580]</a></span> daß auch der
-Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet
-überrascht werden mußte.</p>
-
-<p>Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen,
-war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter
-den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein
-Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende
-Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen
-dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in
-seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando
-drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und
-ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige
-Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem
-kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz.</p>
-
-<p>Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer
-auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von
-Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem
-Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht,
-während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht
-sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen
-Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die
-Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er
-noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere
-wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier
-getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando.</p>
-
-<p>Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um
-nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am
-folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog
-Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die
-Garnison<span class="pagenum"><a name="Seite_581" id="Seite_581">[S. 581]</a></span> abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand,
-am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich
-versperrt.</p>
-
-<p>Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten
-seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit
-Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen
-fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung
-in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief
-perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer
-Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu
-machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot.</p>
-
-<p>Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem
-Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten
-stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von
-der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer
-Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch
-am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit
-der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen
-sei. Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere
-erklärten entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne,
-und der Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern
-Compagnien, führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den
-Schutt aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die
-Ergebung zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die
-braven Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells;
-die Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Don Ramon</span>; diese
-wollen uns opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet.</p>
-
-<p>So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende
-Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die<span class="pagenum"><a name="Seite_582" id="Seite_582">[S. 582]</a></span> Gewalt der
-Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte
-ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel
-mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe
-fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein
-einziges demontirt war.</p>
-
-<p>Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe
-Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste
-von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn
-von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der
-Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie
-selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden.</p>
-
-<p>Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue
-gefallen, während der Capitain der Grenadiere &mdash; welcher <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">garde du
-corps</span> Ferdinands&nbsp;VII., Secondelieutenant in der Armee,
-gewesen war &mdash; nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen,
-seine Chefs und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als
-Werkzeug diente, ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos
-überliefert hatte, als Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten
-geschmückt, ohne Scham in den Standquartieren der Christinos sich
-zeigte, bis er nach Cuba, wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero
-aber, nachdem er prahlende Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt
-hatte, zog sich in seine alten Stellungen zurück, über weitere
-Ausdehnung seines Systems zu brüten.</p>
-
-<p>Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von
-Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer
-hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt
-und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht.
-Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher
-Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller
-folgte. Noch war diese<span class="pagenum"><a name="Seite_583" id="Seite_583">[S. 583]</a></span> That in ihren Folgen besonders unheilbringend,
-da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des
-wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen
-Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte.</p>
-
-<p>Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich
-lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter
-hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich
-ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern
-befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von
-Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen.
-„So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“
-fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand
-mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht
-sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles
-beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des
-Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze
-überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein
-Dank- und Jubelfest mir sein!“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu
-erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich
-bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor,
-da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht
-alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich
-angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ.
-Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl
-auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch
-volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den
-ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer<span class="pagenum"><a name="Seite_584" id="Seite_584">[S. 584]</a></span> sie auch fehlten,
-da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je
-ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der
-Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten,
-selbst ihr Wort brechend, zu strafen.</p>
-
-<p>Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der
-Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und
-Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer
-Pflicht sie abwendig zu machen suchte.</p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier35" name="zier35">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 35" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_585" id="Seite_585">[S. 585]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXVI">XXXVI.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia
-anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee
-bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid
-anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben
-so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche
-vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche
-Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende
-erstarren zu wollen.</p>
-
-<p>Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen.
-Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen
-der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote
-so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das
-Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der
-todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde
-hintönend.</p>
-
-<p>Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von
-den Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte
-ihres Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden,
-daß sie durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich
-eingetretene strenge Wetter 2300 Mann <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">hors de combat</span> zählten
-&mdash; der carlistische Bericht gab 4500 Mann an &mdash;. Das Castell, von
-einem hohen Felsen hinab den Flecken beherrschend, hatte nur einen
-Zugang, gegen den neunzehn schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die
-Garnison, nachdem sie den achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich
-am 26. März, nur noch 270 Mann stark, da alle künstlichen Werke der
-Angriffsfronte demolirt waren und die im Angesicht des Forts stehenden
-carlistischen Truppen keine Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_586" id="Seite_586">[S. 586]</a></span></p>
-
-<p>Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil
-er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote
-entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die
-Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war,
-im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven
-Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo
-erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da
-er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit
-Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der
-Provinz Guadalajara zurückkehrte.</p>
-
-<p>Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und
-von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir
-ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde
-mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig
-Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz
-dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war
-wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße
-von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern,
-Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.</p>
-
-<p>Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von
-Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren.
-Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant
-in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung
-mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die
-erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei
-wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen
-und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla
-hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der
-Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga<span class="pagenum"><a name="Seite_587" id="Seite_587">[S. 587]</a></span> hatte ihn in Morella
-arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für
-ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen
-Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her
-gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen
-sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im
-Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte
-übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße
-stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die
-prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm
-geliehen hatte.</p>
-
-<p>In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen
-Matias und mit ihm &mdash; die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag
-aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche
-Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und
-unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als
-geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde
-in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch
-erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen,
-welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein
-mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für
-meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen
-wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter
-der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in
-unserm Reiseplane &mdash; wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren
-&mdash; treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.</p>
-
-<p>Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde
-zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die
-Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des
-Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil
-aus solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_588" id="Seite_588">[S. 588]</a></span> Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge
-auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu
-lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht
-dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.</p>
-
-<p>Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit
-besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im
-Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich
-dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so
-gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada
-und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn
-und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß
-den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain
-durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht
-wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der
-eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.</p>
-
-<p>Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt
-waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns
-in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum
-von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen,
-die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.</p>
-
-<p>Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit.
-Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit
-einem Knittel auf einen der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">bagageros</span> los, der auf dem kaum
-sechs Fuß breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben
-demselben tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein
-Sappeur den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem
-Abgrunde zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter;
-aber seine Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch<span class="pagenum"><a name="Seite_589" id="Seite_589">[S. 589]</a></span> mit
-den Händen unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die
-Tiefe fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen
-Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste
-Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen
-und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine
-Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen,
-wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr
-gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent,
-und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt
-forderte er &mdash; und mit Recht &mdash;, daß Zurita, da er sich an seinem
-Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich
-begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten,
-daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir
-vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in
-Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes,
-bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen
-Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche
-die erstarrten Glieder auf.</p>
-
-<p>Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur
-Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl
-die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen
-Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die
-Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem
-Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. &mdash; Ich
-erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht
-auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen
-die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die
-übrigens stets unruhiger und nur<span class="pagenum"><a name="Seite_590" id="Seite_590">[S. 590]</a></span> durch größte Festigkeit, gepaart mit
-guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie
-gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden
-wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß
-sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.</p>
-
-<p>Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches
-er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung,
-war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff
-nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der
-Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben
-zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den
-Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.</p>
-
-<p>Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte
-war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten
-Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren,
-daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren
-zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und
-ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des
-Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich
-endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau
-unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel
-von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten
-Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war
-gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen
-desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten
-Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde
-den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu
-erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit
-einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_591" id="Seite_591">[S. 591]</a></span></p>
-
-<p>In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung
-eines &mdash; wie er es nannte &mdash; Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte
-er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen,
-zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit
-hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens
-achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt
-durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz
-flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein
-Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt
-übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger
-als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt
-war.</p>
-
-<p>Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier
-zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt
-und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden
-fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden
-zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem
-Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in
-den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter,
-wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen.
-Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für
-möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon
-und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte,
-herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende
-Sommerwärme versetzt waren.</p>
-
-<p>Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere
-zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der
-gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe
-am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch
-während des Tages aus dem<span class="pagenum"><a name="Seite_592" id="Seite_592">[S. 592]</a></span> Bereiche des Feindes gelangen zu können.
-Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant
-Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in
-la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt
-vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe
-Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu
-bekümmern schien.</p>
-
-<p>Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur,
-wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten
-aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren
-seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich
-und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch
-nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die
-traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt.</p>
-
-<p>Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur
-Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole,
-das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum
-Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen.
-Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht
-anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche
-erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich
-selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr
-beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts,
-die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde
-Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel
-zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber
-war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem
-nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen
-Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder
-gefangen zu sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_593" id="Seite_593">[S. 593]</a></span></p>
-
-<p>Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von
-Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die
-Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion
-die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem
-Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant
-d’armes von Olva &mdash; bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger
-Dienste wegen gerühmt! &mdash; während der Nacht angelangt war. Matias hatte
-alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants
-Norma mit sich genommen.</p>
-
-<p>Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive
-zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft
-durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis
-zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu
-treiben vermag!</p>
-
-<p>Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die
-Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander
-entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten
-vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie
-abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen
-und wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt,
-langte ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März
-in Cañete &mdash; Neu-Castilien, Provinz Cuenca &mdash; von Brusco und dem
-Premierlieutenant Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen
-gegen den Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’
-Desertion ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der
-Anwesenheit einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke
-über dreihundert und achtzig Unzen Gold &mdash; <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la onza</span>, die größte
-Goldmünze Spaniens, gilt 84 <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">francs</span> &mdash; zusammengewonnen hatte.</p>
-
-<p>Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen
-Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren<span class="pagenum"><a name="Seite_594" id="Seite_594">[S. 594]</a></span> Escadronen von
-Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer
-Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der
-Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten
-nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der
-Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und
-friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen,
-bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche
-und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle
-Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien
-ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge
-der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese
-Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und
-es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz
-Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche
-Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der
-Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt
-wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in
-ihr richteten.</p>
-
-<p>Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen
-beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838
-vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern
-derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps
-zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete.</p>
-
-<p>Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von
-Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug,
-und als der General nun seine Operationen über<span class="pagenum"><a name="Seite_595" id="Seite_595">[S. 595]</a></span> den engen Kreis,
-in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die
-Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung
-des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die
-Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß
-es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die
-Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes
-gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen
-könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des
-mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen
-umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge
-von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht
-befestigt.</p>
-
-<p>Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser
-Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der
-Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den
-Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei
-Escadronen organisirt hatte.</p>
-
-<p>Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine
-Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die
-Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich
-zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf
-denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht
-Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit
-dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im
-Sommer 1839, als die Carlisten &mdash; da die Feinde ihnen schon nicht mehr
-entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich
-zurückzogen &mdash; bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten,
-dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid
-entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend.</p>
-
-<p>So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im<span class="pagenum"><a name="Seite_596" id="Seite_596">[S. 596]</a></span> östlichen
-Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter
-an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht
-in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich
-schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen
-Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den
-Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung
-des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen,
-und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die
-nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben,
-da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar
-wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes
-mehr vertheidigungsfähig, beschränkten.</p>
-
-<p>Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie,
-von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend,
-nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete,
-während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen
-Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und
-Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu
-sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg
-entscheidend, sie unnütz machte.</p>
-
-<p>Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war
-nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den
-Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches
-Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die
-Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen
-Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken
-pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden,
-d.&nbsp;h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor
-ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_597" id="Seite_597">[S. 597]</a></span> Respect verschaffte. Die
-Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher,
-und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft
-auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen,
-da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und
-flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets
-bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen.</p>
-
-<p>Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge
-Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das
-Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier
-mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne
-durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen
-sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera
-unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem
-Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals
-glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde,
-und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive
-zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung.</p>
-
-<p>Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den
-einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz
-unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo &mdash; und seit
-dem Monate März Brigadier Palacios &mdash; war commandirender General im
-Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser
-Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht
-wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem
-unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten
-daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen,
-weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines
-Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht
-unterziehen<span class="pagenum"><a name="Seite_598" id="Seite_598">[S. 598]</a></span> wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu
-helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen?</p>
-
-<p>Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General
-von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus
-Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in
-seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen.
-Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend.</p>
-
-<p>So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann
-behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz
-unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps,
-welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die
-Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer
-hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse
-es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen
-zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es
-thaten &mdash; eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme
-&mdash; verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera
-erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils
-seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die
-Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art
-waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam
-sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den
-Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gewiß ist es unbegreiflich, daß die Christinos die außerordentliche
-Schwäche ihrer Gegner im Turia und in Castilien nicht eher wahrnahmen
-oder, falls sie davon unterrichtet waren, sie nicht lange vorher
-vernichteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_599" id="Seite_599">[S. 599]</a></span></p>
-
-<p>Im Turia befehligte, wie gesagt, im Frühjahre 1840 der Brigadier
-Palacios. Die ganze Macht, welche er vorfand, bestand aus drei
-Bataillonen und zwei Escadronen, 2200 Mann Infanterie und 180 Pferden,
-welche noch dazu die drei Forts von Vejis, Alpuente und el Collado
-garnisoniren mußten. Die beiden letzteren lernte ich auf einer
-Inspections-Reise kurz vor dem Verluste von Alpuente kennen. Dieses war
-ein kleines Städtchen, über dem auf einer felsigen Höhe das Castell
-prangte, so massiv gebaut, daß seine Mauern an einzelnen Stellen,
-ganz der sonst üblichen Befestigungsart in jenem Kriege zuwider, über
-dreißig Fuß Dicke hatten. Auch war es mit starken Erdwällen versehen,
-die sonst gleichfalls selten sich fanden, da der Spanier allgemein die
-bloßen Mauern weit höher schätzt, und es enthielt für die Magazine
-sowohl, als für die Garnison bombenfeste unterirdische Räume, die
-Nichts zu wünschen übrig ließen. Die Werke vertheidigten und flankirten
-sich wechselseitig sehr gut, und da der aus dem härtesten Felsen
-bestehende Grund den Gebrauch der Minen sehr erschwerte, durfte das
-Castell als ausgezeichnet vertheidigungsfähig angesehen werden.</p>
-
-<p>Der letzte Gouverneur von Alpuente war ein Catalan, ganz ohne
-Erziehung, roh und leidenschaftlich, der, ohne lesen und schreiben
-zu können, durch persönliche Bravour auf dem Schlachtfelde vom
-Soldaten zum Oberstlieutenant sich emporgeschwungen hatte. Durch einen
-beklagenswerthen Mißgriff war ihm solch ein Posten anvertraut. Als
-er belagert wurde, zeigte sich, daß sein beim Angriff und in offener
-Schlacht so stürmischer Muth nicht mit der ausdauernden Festigkeit
-und Kaltblütigkeit gepaart war, die allein in der Vertheidigung
-seines Castells ohne Aussicht auf Hülfe und fast ganz ohne Artillerie
-gegen überreichlich damit versehene Feinde ein ehrenvolles Ende ihm
-versichern konnten, wo der Sieg nicht mehr möglich war.</p>
-
-<p>El Collado aber ist ein wenige Meilen nördlich von Alpuente gelegener
-Berg, so hoch, daß das Hinaufreiten mich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_600" id="Seite_600">[S. 600]</a></span> gute Stunde kostete. Auf
-der etwa fünfhundert Schritt langen und hundert und funfzig Schritt
-breiten Ebene auf dem Gipfel desselben war ein Fort construirt,
-welches weit die umliegenden Berge überragte und nach allen Seiten
-hin eine weite Fernsicht über Aragon, Valencia und Castilla gewährte.
-Hinlänglich mit allen Bedürfnissen versehen und gut vertheidigt durfte
-es, wenn solche Bezeichnung überall gebraucht werden kann, uneinnehmbar
-genannt werden, da es mit seiner schweren Artillerie alle Zugänge
-vollkommen beherrschte, während Minen auch hier nicht anwendbar waren.
-Das Fort hatte gleichfalls sehr gute bombenfeste Gewölbe, so wie eine
-erprobte Besatzung und einen tüchtigen Gouverneur. Er hielt sich noch,
-als Cabrera bereits nach Frankreich übergetreten war.</p>
-
-<p>Hierher hatte der General im Sommer 1839 einen Theil seines schweren
-Geschützes gesandt, welches dann bei dem Anmarsche Espartero’s nicht
-vollständig zurückgebracht werden konnte, wodurch in Morella und
-Cantavieja der Mangel an Artillerie später sehr empfindlich wurde.
-So befanden sich im Collado neun Achtzehn- und Vierundzwanzigpfünder
-nebst mehreren Haubitzen und Mörsern; vier von ihnen waren nach Cañete
-bestimmt, langten aber nie dort an, da der im Turia commandirende
-General unter verschiedenen Vorwänden, deren die Nähe des überlegenen
-Feindes so viele darbot, den Transport stets aufzuschieben wußte.</p>
-
-<p>Wir sahen, wie den Streitkräften Palacios’ gegenüber General Aspiroz
-in Chulilla, Chelva, Tuejar und Titaguas sich festgesetzt hatte. Bald
-befestigte er auch Aras und erwartete nur die bessere Jahreszeit,
-um mit seinen 8000 Mann und dem Belagerungs-Park, den Valencia ihm
-geliefert, der andern carlistischen Forts sich zu bemächtigen.</p>
-
-<p>Der Gouverneur von Cañete, Oberst Don Eliodoro Gil, hatte als Besatzung
-seiner Festung ein neu gebildetes Bataillon von Castilien, aus 700
-<em class="gesperrt">Conscribirten</em> bestehend &mdash; die übrigen<span class="pagenum"><a name="Seite_601" id="Seite_601">[S. 601]</a></span> Bataillone waren aus
-Freiwilligen zusammengesetzt &mdash;; erst vier Compagnien waren bewaffnet,
-von denen die erste in Castiel Favib stand. Dann hatte er ein Freicorps
-als Grundlage eines andern Bataillons gebildet, in zwei Compagnien etwa
-250 Freiwillige stark, die sämmtlich, wiewohl zum Theil mit Büchsen,
-bewaffnet waren, und eine Escadron Kosacken, denen des Grafen de España
-ähnlich; beide unregelmäßige Corps hatten jedoch sehr gute Officiere.
-Den Kern seiner Macht aber bildeten 40 Burschen von den Bataillonen von
-Tortosa, welche in der letzten Expedition Polo’s krank zurückgeblieben
-waren und, bald geheilt, unter dem Befehl eines Capitains ihrer
-Brigade, Don José Echevarria, standen, der, ausgezeichnet durch Talent
-und Wissen, schnell das <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">fac totum</span> des Gouverneurs wurde. Er war mir
-eng befreundet, da wir in den Nordprovinzen und während der Expedition
-Don Basilio Garcia’s zusammen gedient und dann vereint die Leiden der
-Gefangenschaft ertragen hatten.</p>
-
-<p>Mit diesen 650 Mann und 80 Pferden Bewaffneter und etwa 400
-Unbewaffneten beherrschte &mdash; man darf es so nennen &mdash; Oberst Gil die
-ganze Provinz Cuenca und machte gelegentlich Streifzüge bis tief nach
-Aragon hinein und selbst in die Mancha, von wo er Vieh, Getreide
-und sonstige Lebensmittel, so wie Contributionen eintrieb. Denn für
-Sold und Unterhalt der Seinen, so wie für die tausend täglich sich
-darbietenden Ausgaben mußte er selbst alles Nöthige anschaffen, da er
-von der Hauptarmee gar Nichts geliefert bekam. Die Bewohner der Provinz
-aber wurden mit Menschen und Thieren zum Festungsbau zugezogen, ohne
-daß die Colonne Balboa’s in Cuenca oder die zahlreichen feindlichen
-Besatzungen wirksam ihm sich widersetzt hätten.</p>
-
-<p>Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen
-200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er
-im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die
-so eben ausgewechselt waren, nachdem<span class="pagenum"><a name="Seite_602" id="Seite_602">[S. 602]</a></span> sie Jahre lang in den Kerkern
-der Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann,
-begierig, so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen
-waren bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150
-Mann stark war. Mit dem Bataillone „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fidelidad al Rey</span>“ &mdash; Treue
-dem Könige &mdash; wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen
-Escadronen machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den
-Provinzen Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit
-nicht immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus
-seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja
-und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe,
-weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und
-bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten
-Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den
-Verrath kämpfen durfte &mdash; so weile ich auch länger bei der Schilderung
-der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der
-carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick
-in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher
-Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und
-unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den
-unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen
-Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes
-machten, um ihre Bedürfnisse &mdash; vor Allem Waffen und Lebensmittel &mdash;
-sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn
-ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn
-erwarten konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_603" id="Seite_603">[S. 603]</a></span></p>
-
-<p>Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die
-jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen
-hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die
-Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten,
-wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da
-das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten
-begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte
-nicht stets hätte überwiegend sein müssen.</p>
-
-<p>Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und
-Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich
-in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles
-Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der
-selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und
-stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das
-Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener
-Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden
-umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer
-Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch
-weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und
-List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich
-entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren.</p>
-
-<p>Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses
-Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem
-freudig zu trotzen.</p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier36" name="zier36">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 36" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_604" id="Seite_604">[S. 604]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXVII">XXXVII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Don Manuel Brusco war Lieutenant im Geniecorps der portugiesischen
-Armee unter Don Miguel und zeichnete sich vor Oporto mehrfach aus; er
-verließ sein Vaterland bei dem unglücklichen Ausgange des Krieges und
-hielt sich längere Zeit in England und Frankreich auf. Zu Paris hatte
-er ein besonderes Glück an der verrufenen Roulette-Tafel, da er niedrig
-spielend ein Fünffrankenstück unbemerkt liegen ließ, welches wieder
-und wieder gewann, bis endlich die Bankhalter baten, der Eigenthümer
-möge genau erklären, auf welchen Nummern er spiele, da der große Haufen
-Gold und Papiere dieses nicht mehr erkennen ließ. Brusco sah ruhig
-dem Spiele zu und schwieg, als auf die Frage der Banquiers einige
-Nahestehenden erklärten, daß ihm das Geld gehöre. Da es von sonst
-Niemand reclamirt wurde, steckte er freudig erstaunt den Gewinnst ein
-und fand bei näherer Untersuchung, daß er vierzig und einige tausend
-Francs betrug.</p>
-
-<p>Er benutzte das ihm so zugefallene Geld zu einer Reise durch die
-Niederlande, Deutschland und die Schweiz, indem er besonders die
-Schlachtfelder besuchte und studirte, worauf er, da sein Geld rasch dem
-Ende nahete, im Jahr 1836 nach Navarra ging, um Carl&nbsp;V. seine
-Dienste anzubieten.</p>
-
-<p>Da er thätiger zu kämpfen wünschte, als es dort im Geniecorps möglich
-war, trat er in das 4. Bataillon von Castilien ein, verließ mit der
-königlichen Expedition die Provinzen und fiel bei dem Übergange über
-den Cinca mit den Trümmern des braven Bataillons in die Hände der
-Feinde. In Zaragoza erduldete er alle Leiden der Gefangenschaft, bis
-Cabrera Ende 1838 ihn auswechselte, anfangs in seinem Generalstabe
-placirte und dann überall benutzte, wo seine hohen Kenntnisse als
-Ingenieur<span class="pagenum"><a name="Seite_605" id="Seite_605">[S. 605]</a></span> anwendbar waren. Brusco erwarb sich die Achtung des Generals
-in hohem Grade, ward nach der Ankunft des Baron von Rahden zu dessen
-Adjudanten ernannt und im Sommer 1839 mit den Festungen im Turia
-beauftragt, wo seine unermüdliche Thätigkeit weiten Spielraum fand.
-&mdash; Auch er entkam, als der Widerstand aufgehört hatte, verwundet nach
-Frankreich.</p>
-
-<p>Die Stellung des Ingenieurs hat in Spanien sehr viele Vorzüge; aber
-nirgends war sie so angenehm, wie die unsere dort in Neu-Castilien. Dem
-spanischen Reglement gemäß empfängt der Ingenieur Instructionen nur
-von den Chefs seines eigenen Corps &mdash; als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">cuerpo facultativo</span>
-das erste der Armee &mdash; und ist ihnen allein verantwortlich; er ist
-ganz unabhängig von den übrigen Waffengattungen, mit deren Commandeurs
-er nur berathet, ihre Mitwirkung, wo er deren bedarf, fordern kann,
-aber nicht ihren Befehlen untergeben ist. Da uns nun die Verbindung
-mit unserm Chef in Morella fast immer abgeschnitten war, wir auch
-dessen Resolutionen natürlich nie erwarten durften, so waren wir ganz
-selbständig und standen eben so wohl da als Haupt in unserm Districte,
-wie Palacios, Gil und Valmaseda in den ihrigen. Nur galt es, mit
-Festigkeit unsere vielfach angefochtenen Rechte aufrecht zu halten.</p>
-
-<p>Und zwar war dieser unser District so weit ausgedehnt, wie jene
-Anführer ihre Herrschaft auszudehnen vermochten, da wir dort alle
-Bedürfnisse für unsere Festungsbauten einzutreiben berechtigt waren,
-weshalb wir denn häufig Kriegszüge auf eigene Faust unternahmen. Wir
-hatten nemlich zu unserer Verfügung zwei Compagnien Sappeurs, über
-250 Mann, lauter ausgesuchte Leute, da das Sappeurscorps, so wie die
-Artillerie, unter den Rekruten auswählte, ehe sie durch Loos den
-Bataillonen zugetheilt wurden. Sie waren vollkommen und selbst mit
-Pracht in Bewaffnung und Kleidung ausgerüstet, indem alle Bedürfnisse
-von Cuenca, Valencia und selbst Madrid hergeschmuggelt<span class="pagenum"><a name="Seite_606" id="Seite_606">[S. 606]</a></span> wurden. Geld
-dazu war stets im Überfluß, da der General bei der Bildung derselben
-befohlen hatte, in die Casse der Sappeurs ein Sechstel der wegen nicht
-geleisteter Festungsarbeiten von den Provinzen zu zahlenden Strafgelder
-abzuliefern, was oft außerordentlich große Summen ausmachte, so daß
-Sold, Arbeitslohn und Rationen, Alles doppelt so stark wie die der
-Linientruppen, stets regelmäßig bezahlt wurden. Bei der Katastrophe im
-Juni enthielt meine Casse für die Befestigung des einzigen Cañete über
-9000 Duros in Silber, die dem Feinde in die Hände fielen.</p>
-
-<p>Sowohl wegen unserer schönen Compagnien, als auch, weil sie bei
-tausend Gelegenheiten unser nicht wohl entbehren konnten, suchte
-ein Jeder der Chefs uns zu sich zu ziehen und durch Bezeugung der
-größten Rücksichten festzuhalten. Es bestand aber unter uns selbst
-ein eigenes Verhältniß, da ich, als Infanterie-Officier dem Corps nur
-aggregirt, in den lediglich die Functionen desselben betreffenden
-Angelegenheiten das Commando über den effectiven Ingenieurs-Capitain
-nicht glaubte übernehmen zu können, während Brusco, da ich älterer
-Capitain war, gleichfalls sich weigerte, die Oberleitung beizubehalten.
-Als kurz nachher Beider Avancement zum Grad von Oberstlieutenant der
-Infanterie<a name="FNAnker_116_116" id="FNAnker_116_116"></a><a href="#Fussnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> anlangte, blieb die Lage der Dinge ganz dieselbe.</p>
-
-<p>Wir beschlossen also, gemeinschaftlich an der Spitze des Corps zu
-stehen und uns in die Geschäfte und die Verant<span class="pagenum"><a name="Seite_607" id="Seite_607">[S. 607]</a></span>wortlichkeit, so wie
-in die Vortheile brüderlich zu theilen. Die letzteren waren aber auch
-in pecuniärer Hinsicht bedeutend, da wir Stellen versahen, die nach
-dem Reglement nur Brigadegeneralen zukamen, deren gesetzlich fixirte
-Gratificationen nach einer von Brusco früher erwirkten Ordre des
-Generals uns ausgezahlt wurden.</p>
-
-<p>Da die Befestigungen im Turia so weit vollendet waren, daß sie unserer
-Gegenwart nicht mehr bedurften, übernahm ich die Leitung der Werke von
-Cañete und Castiel Favib nebst der gelegentlichen Inspection des Turia,
-während Brusco die Arbeiten in Beteta und diejenigen übernahm, welche
-bei den Operationen Valmaseda’s in das Innere nöthig würden. Er reisete
-daher einige Tage später nach seinem Punkte ab, wo bereits der größere
-Theil der zweiten Compagnie, die ihm geblieben, sich befand; die erste
-unter Premierlieutenant Norma, 130 Mann stark, behielt ich bei mir.
-Nachdem ich den mit mir angelangten Lieutenant Losada in Castiel Favib
-installirt und die Festungen im Turia besucht hatte, kehrte ich nach
-der Mitte des Aprils nach Cañete zurück.</p>
-
-<p>Die Stadt liegt an dem südlichen Abhange des Gebirgszuges, welcher, als
-Sierra de Albarracin bekannt, den Tajo dem atlantischen und die kaum
-drei Viertelstunden von diesem und von einander entfernt entspringenden
-Flüsse Guadalaviar und Xucar dem mittelländischen Meere zusendet und
-durch das Gebirge von Cuenca mit der Sierra morena zusammenhängt. Die
-Provinz, wiewohl von mehreren schrofferen Ketten durchzogen, bietet im
-Allgemeinen zwischen niedrigen Bergreihen breite, ebene Thäler dar und
-ist fruchtbar. Doch hatte die Kriegsplage schon seit Jahren so schwer
-darauf gelastet, daß es keine Hülfsquellen mehr lieferte, indem die
-Einwohner nur noch das für den eigenen Unterhalt und die geforderten
-Abgaben gerade nöthige Land bestellten und das übrige unbebaut liegen
-ließen.</p>
-
-<p>Die Truppen mußten deshalb weither ihre Subsistenzmittel<span class="pagenum"><a name="Seite_608" id="Seite_608">[S. 608]</a></span> herzuführen,
-wobei sehr Viel durch Schleichhändler geschah, die aus den reichen
-Ebenen Valencia’s mit Gefahr des Lebens &mdash; die Christinos erschossen
-jeden Maulthiertreiber, der, freiwillig nach unsern Festungen reisend,
-von ihnen aufgefangen wurde &mdash; aber auch mit ungeheurem Gewinne
-Lebensmittel jeder Art und selbst die mannigfachsten Delicatessen
-brachten. Täglich langten solche Caravanen, oft auch mit sorgfältig
-versteckten Waffen, militairischen Abzeichen, Tuch und sogar Pulver
-beladen, aus den umliegenden Provinzen an, und da das Gouvernement
-durch die weithin eingetriebenen Contributionen reichlich mit Geld
-versehen waren, die Truppen auch regelmäßig ihren Sold erhielten, fand
-Alles raschen Absatz.</p>
-
-<p>Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling
-schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand&nbsp;VII. eine
-Escadron in einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang
-des Aufstandes kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und
-Valencia, häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal
-unermüdet sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß,
-der seine hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des
-herrlichen Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte.</p>
-
-<p>Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt
-Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten
-Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit
-und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja
-diese zuweilen zu weit trieb, wie er z.&nbsp;B. meinen unumgänglichen und
-pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich
-durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien,
-Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in
-jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb
-ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit
-Jammer kennen lernte. Zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_609" id="Seite_609">[S. 609]</a></span> war der Oberst sehr uneigennützig, auch
-dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter,
-stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin
-etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen
-winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen
-Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs
-gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges
-Zaudern und Schwanken unvermeidlich.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß
-starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige
-Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt
-der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer
-und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des
-Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie
-von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und
-dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß.</p>
-
-<p>Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier
-abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen
-beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung
-fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil
-dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß
-tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines
-kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine &mdash; wenn auch mit
-unendlicher Schwierigkeit &mdash; ersteigbare Bresche zuließ, weshalb
-dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende
-Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr
-von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines
-Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke
-Redoute dort anlegte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_610" id="Seite_610">[S. 610]</a></span></p>
-
-<p>Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der
-Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke
-gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte.
-Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren
-oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem
-Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der
-Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt,
-während &mdash; bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit &mdash; unter der
-Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen
-geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten
-Artillerie spotten konnten.</p>
-
-<p>Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes
-eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten
-Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den
-Felsen gehauen und gesprengt<a name="FNAnker_117_117" id="FNAnker_117_117"></a><a href="#Fussnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a> wurde. Ein starkes Blockhaus auf
-der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges
-befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der
-die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten
-das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht
-die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie
-zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine
-tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige
-Haubitze &mdash; der spanische Fuß ist um<span class="pagenum"><a name="Seite_611" id="Seite_611">[S. 611]</a></span> etwa ein Zehntel größer, als
-der des rheinländischen Maßes &mdash; und zwei siebenzöllige Morteretes,
-sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte;
-sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns
-bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an.</p>
-
-<p>Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und
-Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst
-bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie
-aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und
-etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das
-für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung
-nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen
-waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und
-Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und
-noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit
-gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie
-auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von
-Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden
-Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern &mdash;
-als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch
-&mdash;, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ.</p>
-
-<p>Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen
-könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der
-Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht
-zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen
-getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt
-trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so
-geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und
-Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_612" id="Seite_612">[S. 612]</a></span>
-die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an,
-die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete
-fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten
-Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei
-amüsirten wir uns trefflich.</p>
-
-<p>Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung
-der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und
-Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl
-Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen
-Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des
-Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann
-ihre Güter sequestrirt wurden.</p>
-
-<p>Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche
-Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich
-anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also
-für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen
-und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon
-hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz
-und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die
-Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig
-beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die
-Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich
-hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig
-Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum
-Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen,
-welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung
-des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von
-300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war,
-ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen
-höhern<span class="pagenum"><a name="Seite_613" id="Seite_613">[S. 613]</a></span> Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum
-meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke
-verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte.</p>
-
-<p>Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt
-hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen,
-ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen,
-um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen
-Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. &mdash; Während ich nach
-Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke
-die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute
-gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil
-Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes
-Salvacañete gesteckt wurde.</p>
-
-<p>Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da
-ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte
-und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit
-dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten
-einherschritt.</p>
-
-<p>Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der
-ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann
-desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben
-hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in
-<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capilla</span>, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine
-rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten,
-mich um seine Begnadigung zu bitten,<a name="FNAnker_118_118" id="FNAnker_118_118"></a><a href="#Fussnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a> worauf ich persönlich ihn
-zu sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_614" id="Seite_614">[S. 614]</a></span> ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen
-erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen,
-und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat
-Carls&nbsp;V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich
-so ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem
-Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. &mdash; Meine Wahl reute
-mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu!</p>
-
-<p>Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich
-häuften &mdash; die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des
-Unterganges uns nahete &mdash; mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt
-werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach
-der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer
-Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei
-meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im
-Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren
-Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach
-Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab,
-durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha,
-überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem
-bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von
-der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps
-unterwegs wieder entkommen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_615" id="Seite_615">[S. 615]</a></span></p>
-
-<p>Jener wurde am Tage nachher füsilirt und.... in derselben Nacht ließen
-sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am
-Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem
-Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt
-aufgestellt hatte. &mdash; Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit
-Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem
-Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten
-Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich,
-unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um
-einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse
-in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß
-er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch
-konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr
-furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend,
-mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich
-natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden
-Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben
-drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten
-trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet
-hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten
-täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von
-Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden.</p>
-
-<p>Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos
-von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier &mdash; vor dem Kriege
-Schleichhändler &mdash; Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte,
-überfiel mit seinem Freicorps<span class="pagenum"><a name="Seite_616" id="Seite_616">[S. 616]</a></span> am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone
-von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene
-ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit
-den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die
-Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet,
-bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf
-Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot.</p>
-
-<p>Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung
-mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte
-General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April
-nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte
-eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten
-Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein,
-welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte,
-um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch
-vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu
-bemächtigen.</p>
-
-<p>Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig
-den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive
-sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu
-versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute
-bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer,
-so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne
-Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen
-gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich
-zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner
-Treuen zugeschaut hatte?!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils
-schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller
-Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_617" id="Seite_617">[S. 617]</a></span> gekostet hatte, ergab sich am 15.
-die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie
-beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá
-la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den
-Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen
-niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun
-konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte
-Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den
-feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war
-das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen
-waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der
-schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da
-die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den
-zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.</p>
-
-<p>Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und
-öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt
-hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn
-dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben,
-nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort
-das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn
-er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein
-Braver und haben schon zu Viel gethan.“</p>
-
-<p>Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem
-Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten
-Belagerung von Morella sich anschickte.</p>
-
-<p>Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten
-Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf
-drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens,
-auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber
-gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite<span class="pagenum"><a name="Seite_618" id="Seite_618">[S. 618]</a></span> von einer durch eine Ebene
-mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren
-Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun
-durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich
-vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen<a name="FNAnker_119_119" id="FNAnker_119_119"></a><a href="#Fussnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> ein Flickwerk entstanden,
-welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus
-einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar
-gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander
-hinderten und unnütz machten.</p>
-
-<p>Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie
-die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und
-sich auf Morella zurückzogen.</p>
-
-<p>Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner
-hatten sämmtlich als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> die Waffen ergriffen
-und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in
-Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und
-Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde,
-da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war,
-vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!</p>
-
-<p>O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um
-in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden,
-traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des
-alten Feuers noch einmal &mdash; leider ohne weitere Folge &mdash; aufzulodern
-schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem
-furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Ter<span class="pagenum"><a name="Seite_619" id="Seite_619">[S. 619]</a></span>rain
-zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500
-Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher
-carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen
-hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen
-seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef
-des Generalstabes getödtet.</p>
-
-<p>Cabrera aber... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem
-Schicksale!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm,
-der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen
-wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des
-Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in
-Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen
-Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen
-Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben.
-Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde
-Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings
-um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit
-auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab
-der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell,
-eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch
-nicht die Spur einer Bresche da war!</p>
-
-<p>Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht
-erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe
-sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger
-unaufgehalten die Werke erklimmte und in<span class="pagenum"><a name="Seite_620" id="Seite_620">[S. 620]</a></span> das Innere des Castells
-gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der
-ganze Verlust der Belagerer bestand in &mdash; einem Officier und drei Mann!
-Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach
-kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_116_116" id="Fussnote_116_116"></a><a href="#FNAnker_116_116"><span class="label">[116]</span></a> Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des
-Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in der spanischen
-Armee von einer Charge zur andern stets zwei Avancements Statt: das
-erste Mal erhält z.&nbsp;B. der Secondelieutenant, &mdash; und so alle Chargen
-bis zum Obersten &mdash; den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er
-sich zum zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als
-graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die Anciennetät
-in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung zum Grade.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_117_117" id="Fussnote_117_117"></a><a href="#FNAnker_117_117"><span class="label">[117]</span></a> Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell
-hinweg bis auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße &mdash;
-fabelhaft scheinende Entfernung &mdash; geschleudert und traf ein armes
-Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine Stunde nachher
-starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im Felsen viele Unglücksfälle
-vor.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_118_118" id="Fussnote_118_118"></a><a href="#FNAnker_118_118"><span class="label">[118]</span></a> Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den
-spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe über
-seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast nie Statt
-finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und Christinos Zeuge, daß
-der Anführer einen bei einem Diebstahl ertappten oder insubordinirten
-Soldaten und selbst Bauern, die des Spionirens <em class="gesperrt">verdächtig</em> waren
-oder, wie so oft, gezwungen für den Feind Papiere überbringen mußten,
-augenblicklich niederknieen und füsiliren ließ. &mdash; Früher erwähnte ich,
-daß ich als unabhängiger Corps-Chef dastand.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_119_119" id="Fussnote_119_119"></a><a href="#FNAnker_119_119"><span class="label">[119]</span></a> Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von
-dem eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht
-weiter beachtet.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier37" name="zier37">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 37" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_621" id="Seite_621">[S. 621]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXVIII">XXXVIII.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von
-Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten
-Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte
-Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht
-wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben,
-dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu
-sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.</p>
-
-<p>Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten
-hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das
-knisternde Feuer &mdash; denn die Abende waren noch immer sehr frisch,
-so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war &mdash; und
-unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen
-mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter
-von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das
-Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie
-brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von
-Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand
-der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein
-Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern
-Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle
-Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella
-bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei,
-und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde
-verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe
-versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie<span class="pagenum"><a name="Seite_622" id="Seite_622">[S. 622]</a></span> Sappeurs
-und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!</p>
-
-<p>Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des
-Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und
-ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir
-berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede
-Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen
-oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir
-selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und
-Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung
-in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares
-Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns
-sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur
-noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit
-uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen
-Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren
-König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische
-Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen
-Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen,
-auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine
-Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter
-Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene
-Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn
-wir des Triumphes durch sie gewiß wären.</p>
-
-<p>Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken,
-Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe
-Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die
-Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen
-sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem
-Platze sowohl, als nach<span class="pagenum"><a name="Seite_623" id="Seite_623">[S. 623]</a></span> Cañete für Artillerie her, während Palacios
-und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine
-thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte
-Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde
-durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.</p>
-
-<p>Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines
-Morgens &mdash; es war an einem der ersten Tage Juni’s &mdash; Brusco, vom
-Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte:
-„Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ &mdash; Wenn
-auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten
-Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer
-entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des
-schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend,
-erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet
-sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und
-seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft
-und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in
-denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht
-erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. &mdash; Und dann die
-theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!</p>
-
-<p>Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte,
-hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene
-Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich
-verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu
-hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen,
-und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung &mdash; und auch mit ihrer
-Blindheit &mdash; der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst
-entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt
-weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig
-auszuführen, noch das nöthige Material, besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_624" id="Seite_624">[S. 624]</a></span> an Artillerie,
-zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man
-bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der
-Armee berechnet war, wie sie von Cabrera &mdash; dem Cabrera der sechs
-ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December &mdash; nicht
-anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte
-Arbeiten unnütz wurden.</p>
-
-<p>Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach
-Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden
-Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten
-Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen,
-unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die
-jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.</p>
-
-<p>Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem
-jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs,
-zwei Compagnien Artillerie, dreihundert <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span>
-von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert
-bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu
-verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro
-Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell
-und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig
-Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der
-brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.</p>
-
-<p>Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro
-Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf
-Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war.
-So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt
-Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am
-25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und<span class="pagenum"><a name="Seite_625" id="Seite_625">[S. 625]</a></span>
-die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer
-mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande
-der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro,
-in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit
-Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich
-zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden.</p>
-
-<p>Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner
-Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu
-bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann
-ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung
-hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während
-in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage
-der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger
-Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer
-verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin
-flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen
-Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine
-Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden,
-um in seinem Lager ihn anzugreifen.</p>
-
-<p>Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in
-der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten
-Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison,
-2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen
-Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten
-und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt
-zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der
-Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden
-zurückgewiesen, und das Bombardement begann<span class="pagenum"><a name="Seite_626" id="Seite_626">[S. 626]</a></span> von neuem. Am Morgen ergab
-sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion.</p>
-
-<p>Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien
-sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten
-der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos;
-der Krieg war beendigt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell
-getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und
-einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien,
-commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser
-Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps
-des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro
-überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen,
-rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm
-Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von
-Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der
-Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine
-Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den
-Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete.</p>
-
-<p>Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die
-doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die
-Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die
-Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt.
-Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel
-bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden,
-eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der<span class="pagenum"><a name="Seite_627" id="Seite_627">[S. 627]</a></span> Sache,
-welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir
-verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis
-zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und
-kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur
-Nothwendigkeit wurde.</p>
-
-<p>Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn
-hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und ohne
-Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Al pinar, al
-pinar!</span>“ &mdash; in das Waldgebirge! &mdash; war ihr Losungsgeschrei. Dann
-schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten,
-daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges
-abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch
-machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei,
-unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen,
-was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte.</p>
-
-<p>Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß
-durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern
-mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns
-verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria
-nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem
-so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom
-Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta,
-dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung
-Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im
-entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco
-dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps
-zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das
-Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs.</p>
-
-<p>Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung<span class="pagenum"><a name="Seite_628" id="Seite_628">[S. 628]</a></span> einer
-werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu
-können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838
-schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges
-Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine
-Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische
-Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie,
-wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude
-brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la hermosa
-facciosa</span> &mdash; die schöne Rebellinn &mdash; bekannt, ward durch ihre Reize
-nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.</p>
-
-<p>Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden
-Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich
-kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte.
-Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in
-das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita
-Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern
-waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca
-zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten
-sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet.
-Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden
-in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie
-sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita,
-als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie
-liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an
-jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend
-die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr
-auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz
-auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_629" id="Seite_629">[S. 629]</a></span></p>
-
-<p>In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so
-exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß
-mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene
-Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren
-und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er
-überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß
-die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter
-willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen
-werde.</p>
-
-<p>Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der
-Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß
-ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies
-der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die
-Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer
-Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er
-schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so
-viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der
-Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera
-dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des
-Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden
-Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher
-stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die
-ungereimtesten Hoffnungen täuschen.</p>
-
-<p>So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee
-durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden
-werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich
-hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die
-Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und
-aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen
-verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion<span class="pagenum"><a name="Seite_630" id="Seite_630">[S. 630]</a></span> ward zu
-Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die
-heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und
-hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger
-des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil
-zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig &mdash; von entfernten
-Orten her &mdash; gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber,
-welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen
-Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch
-wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen
-der Generalordre gemäß abhielten.</p>
-
-<p>Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und
-war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach
-Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den
-Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung
-der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er
-auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die
-hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald
-werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.</p>
-
-<p>Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war
-unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie
-nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein
-Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit &mdash; jeder
-Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu
-augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten
-eine Drohung zum Scherz ausgesprochen &mdash; wenn ich deshalb schwieg und
-dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach
-verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio
-zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_631" id="Seite_631">[S. 631]</a></span> Verhältnisse, ich
-schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei,
-daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme
-war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles
-unempfindlich.</p>
-
-<p>Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf
-dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den
-Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann
-und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der
-Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für
-jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz
-ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem
-Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte
-aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte
-Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde
-Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!</p>
-
-<p>Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches
-Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich
-nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am
-Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach
-Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs,
-mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn
-geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. &mdash; Mit erleichtertem
-Herzen sah ich der Zukunft entgegen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta &mdash; Provinz Guadalajara
-&mdash; an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur
-von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung
-marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der
-geraden Linie unterbrach,<span class="pagenum"><a name="Seite_632" id="Seite_632">[S. 632]</a></span> hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen
-und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens
-im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der
-Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis
-vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und
-Rücken der Sierra de Cuenca.</p>
-
-<p>Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen
-und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien
-vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos,
-Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche
-Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz,
-nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte
-besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal
-gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen
-Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte
-nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa
-hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des
-Bataillons <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fidelidad al Rey</span> nebst einigen Pferden disponirte; er
-wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.</p>
-
-<p>Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen
-Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem
-traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in
-Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch
-in der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda
-den dort befindlichen Lieutenant <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">du genie</span> mit sich nach
-Castilien genommen hatte, dieser auch in seiner untergeordneten
-Stellung zu schwach war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich
-entgegenzustellen. In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar
-Nachtheiliges gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich
-mich weigern mußte, die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle
-Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_633" id="Seite_633">[S. 633]</a></span> zu übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden
-Verhältnissen solcher Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!</p>
-
-<p>Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch
-Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem
-Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser
-versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte.
-Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem
-Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt,
-und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein
-Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell
-sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.</p>
-
-<p>Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen
-Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben
-von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs
-zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen
-habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich
-sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche
-Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit
-einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls
-mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte
-er, daß sie noch erwartet werde. &mdash; Wir stimmten vollkommen mit dem
-vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach
-Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten
-Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend,
-ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den
-Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der
-verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die
-Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu
-nehmen, als er fortbringen<span class="pagenum"><a name="Seite_634" id="Seite_634">[S. 634]</a></span> könne. Frauen und Kinder liefen schreiend
-durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze
-rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt,
-stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen
-der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu
-abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen,
-verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten
-Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda
-uns nach Castilien riefen.</p>
-
-<p>Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine
-Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta
-de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche
-Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge
-in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk
-gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie
-im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen
-würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen
-und alsbald wiederkehren.</p>
-
-<p>Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios
-mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh
-Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin
-fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort
-erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo
-aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem
-eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. &mdash; Drei Bataillone
-und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee
-abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf
-Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von
-sieben Bataillonen und neun<span class="pagenum"><a name="Seite_635" id="Seite_635">[S. 635]</a></span> Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über
-700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann
-während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der
-am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser
-Stadt gereiset war,<a name="FNAnker_120_120" id="FNAnker_120_120"></a><a href="#Fussnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> so wie die von Ziguenza in jene einmündende
-Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert
-Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den
-Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.</p>
-
-<p>Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich
-nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie
-groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht
-dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete
-sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort
-auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo
-denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der
-Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß
-gesetzt sei.</p>
-
-<p>Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf
-die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten
-verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern
-sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des
-Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß
-beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf
-solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete
-besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem
-spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um
-den<span class="pagenum"><a name="Seite_636" id="Seite_636">[S. 636]</a></span> Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und
-werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen
-vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete
-gelangen könne.</p>
-
-<p>Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich
-wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in
-abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen
-zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die
-Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen,
-den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in
-die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich
-die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: &mdash; ja, da ward
-mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich,
-den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze
-zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und
-meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche
-hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und
-lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht
-opfern würden.</p>
-
-<p>Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter
-den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die
-Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend
-mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten;
-und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und
-unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle
-&mdash; und da war die Wahl nicht leicht &mdash; die furchtbare, so bitter
-empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen
-in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie
-zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos
-theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin<span class="pagenum"><a name="Seite_637" id="Seite_637">[S. 637]</a></span> rief mich vor Allem
-die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige
-fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten,
-ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre
-lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern,
-meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das
-ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das
-höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?</p>
-
-<p>Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das
-Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück.
-Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein
-subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen
-lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den
-Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach
-Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich
-verlierenden Colonnen zuwerfend. &mdash; Meine Sappeurs aber, wiewohl sie
-schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich
-sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den
-Burschen Anderes erwarten?</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_120_120" id="Fussnote_120_120"></a><a href="#FNAnker_120_120"><span class="label">[120]</span></a> Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese
-Fürstinnen habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier38" name="zier38">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 38" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_638" id="Seite_638">[S. 638]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XXXIX">XXXIX.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich
-während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen
-traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison
-einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz
-zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt
-und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit
-Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als
-die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe
-Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß
-die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte.
-Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.</p>
-
-<p>Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren
-schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz
-zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das
-Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden
-widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben;
-seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig
-Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte
-Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später
-hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen
-gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.</p>
-
-<p>Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege
-von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in
-Aragon, mich dirigirte, da der<span class="pagenum"><a name="Seite_639" id="Seite_639">[S. 639]</a></span> Feind mit Sicherheit auf dem geraden
-Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden
-mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis
-nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.</p>
-
-<p>Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement
-aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten
-und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch
-siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden
-wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit
-zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus
-der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig
-war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige
-Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen
-Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten.
-Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie
-die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode
-entgegengingen.</p>
-
-<p>Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur
-noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie
-konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel
-hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen,
-er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit
-wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange
-vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe
-ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit
-meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.</p>
-
-<p>Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden,
-aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin
-bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt<span class="pagenum"><a name="Seite_640" id="Seite_640">[S. 640]</a></span> und die Quellen von vier
-bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich
-Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so
-eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine
-beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz
-noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand
-erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von
-düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit
-einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. &mdash; Auch sie waren
-davon gegangen!</p>
-
-<p>Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte.
-Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die
-Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen
-nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein
-augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich
-so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts
-Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das
-erschütterte mich.</p>
-
-<p>Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin,
-wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere
-Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe
-ich &mdash; bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte
-freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich
-bewegte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des
-Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb
-ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich
-dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend
-vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe,
-welche, 6000 Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_641" id="Seite_641">[S. 641]</a></span> stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort
-entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen,
-Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen
-Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder
-die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht
-mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu
-können.</p>
-
-<p>Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend,
-da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen.
-Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale
-versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den
-reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen
-Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen
-tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer,
-welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen
-trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib
-überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren
-hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen
-oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen
-ihnen Alles.</p>
-
-<p>Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren,
-hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den
-wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf
-die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des
-Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war,
-diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann
-den schmalen Fußsteig hinauf.</p>
-
-<p>Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der
-vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem
-Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar
-wurden. Ich berieth mit ihm über die zu<span class="pagenum"><a name="Seite_642" id="Seite_642">[S. 642]</a></span> ergreifenden Maßregeln,
-als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns
-aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder,
-Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte
-eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die
-Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte.
-Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur
-durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten
-raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang
-vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts
-konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu
-fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des
-Entsetzens: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">por Dios, misericordia</span>!“ Nur der brave Bauer zagte
-nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während
-ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde,
-Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin
-von den Kugeln der Feinde verfolgt.</p>
-
-<p>Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir
-fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei
-zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung
-auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag.
-Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten
-Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen
-einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos
-wollte ich uns nicht schlachten lassen.</p>
-
-<p>Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich
-vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz,
-die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte,
-gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher
-glückliche Tag, der mit<span class="pagenum"><a name="Seite_643" id="Seite_643">[S. 643]</a></span> ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste
-vor.<a name="FNAnker_121_121" id="FNAnker_121_121"></a><a href="#Fussnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a> Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr
-rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem
-dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die
-Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte
-leise: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">nos mataran, Señor?</span>“ &mdash; werden sie uns todtschießen? &mdash;
-„Noch haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen
-bieten konnte.</p>
-
-<p>Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von
-Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne
-Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine
-Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen
-Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz
-bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern,
-mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von
-uns ein Rascheln im Holze hörbar &mdash; war es unser Bauer oder nahten die
-suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete
-mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft &mdash; wozu ihn
-wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch,
-bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte
-jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren,
-welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und
-eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß
-sie endlich uns gefunden habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_644" id="Seite_644">[S. 644]</a></span></p>
-
-<p>Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie
-einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros,
-welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien,
-überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte
-Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen
-und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen
-hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. &mdash;
-Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in
-neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich
-wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in
-mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. &mdash; Von seiner Redlichkeit hing
-unser Leben ab.</p>
-
-<p>Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden,
-da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu
-Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den
-sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit
-einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines
-Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die
-Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die
-Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war.
-Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war
-nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache
-nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen.
-So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen
-Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben.
-Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein,
-um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der
-Gränze zuzueilen.</p>
-
-<p>Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige
-Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren<span class="pagenum"><a name="Seite_645" id="Seite_645">[S. 645]</a></span> beim Anbruche der Nacht
-der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei
-war.</p>
-
-<p>Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die
-Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr
-anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde.
-Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am
-folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone
-antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am
-Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete
-geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800
-Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn
-möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte
-mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen
-Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren,
-zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie
-zogen ihrer Heimath zu.</p>
-
-<p>Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen
-Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen
-Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend.
-Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst
-Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu
-brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen
-Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß
-sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der
-Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie
-daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte
-sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er
-könne, dem väterlichen Hause zuzueilen.</p>
-
-<p>Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca
-gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich
-auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder<span class="pagenum"><a name="Seite_646" id="Seite_646">[S. 646]</a></span> Paß nach Frankreich zu
-erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten,
-nach allen Seiten hin zerstreut.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>So war denn Alles vorbei. &mdash; Blutenden Herzens zog ich nach Royuela,
-Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers
-versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen
-Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der
-feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit
-zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze
-zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort
-bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die
-Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich
-ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am
-Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die
-Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich
-früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter
-Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung
-hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere
-Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu
-finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren
-Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die
-Bedauernswerthen üben ließ.</p>
-
-<p>Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis
-zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen
-war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen
-Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte.</p>
-
-<p>Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat,<span class="pagenum"><a name="Seite_647" id="Seite_647">[S. 647]</a></span> als ich den
-triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft,
-ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den
-verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im
-Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten
-Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig
-gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel
-unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen
-Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes &mdash; vielleicht auf immer &mdash;
-beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution,
-welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht
-hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der,
-niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! &mdash;
-Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der
-Rache, welche nie erlöscht.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu
-geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne
-wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen
-Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg
-entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der
-Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden.</p>
-
-<p>Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von
-ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen
-westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen,
-der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt
-hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich
-einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400
-Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen<span class="pagenum"><a name="Seite_648" id="Seite_648">[S. 648]</a></span> wurden.
-Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos
-mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie
-führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze
-zu erreichen.</p>
-
-<p>Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen
-Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande
-zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und
-geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich
-durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses
-Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt.
-Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich
-zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in
-feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser
-Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen
-sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt.</p>
-
-<p>Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann
-Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm
-abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle
-aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr
-geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie
-dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit
-den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald
-nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen
-untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten
-und zählten nur noch 5000 Mann.</p>
-
-<p>Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten
-Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen
-Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de
-España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer
-der Schandthat wurden arretirt<span class="pagenum"><a name="Seite_649" id="Seite_649">[S. 649]</a></span> und sogleich erschossen; die meisten
-hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht
-gerettet.</p>
-
-<p>Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung
-der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und
-übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch
-die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von
-Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden.
-Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich,
-ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer,
-fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt
-nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich
-Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen
-bald einzelne Officiere sich anschlossen. &mdash; Am 6. Juli führte Cabrera
-etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000
-Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach
-Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren
-Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich
-größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich,
-und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung
-des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten
-der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und
-vernichtet.</p>
-
-<p>Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht
-hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über
-das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich
-befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph
-würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als
-überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer
-Umtriebe werden.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_121_121" id="Fussnote_121_121"></a><a href="#FNAnker_121_121"><span class="label">[121]</span></a> Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein
-Tagebuch notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit
-den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von glühendem
-Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von Royuela hat mich
-nicht verlassen; er schläft an meiner Seite. &mdash; O Spanien! O meine
-Heimath!“</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier39" name="zier39">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 39" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_650" id="Seite_650">[S. 650]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="XL">XL.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Vom Gouverneur von Teruel mit hoher Artigkeit empfangen, entging ich
-nicht den Insulten des Nationalgarden-Pöbels, besonders, da ich das
-weiße Barett der Carlisten nicht ablegte und nie verheimlichte, daß
-ich nur durch die Macht der Verhältnisse gezwungen und mit bitterem
-Schmerze jetzt dem Kampfe für die Sache des Royalismus entsagte. Am
-Nachmittage wurden einige hundert Gefangene von den Truppen von Cañete,
-so wie die Besatzung von Beteta eingebracht. Wuthgeheul begrüßte sie,
-und trotz dem kräftigen Einschreiten des Militairs wurden mehrere der
-Unglücklichen durch Steine schwer verletzt. Ein armer Priester aber,
-der früher in der Stadt angestellt gewesen war, hatte, die Wuth der
-Elenden fürchtend, &mdash; er hatte die päpstlichen Indulgenz-Bullen, deren
-Ertrag für die Kriegscasse der Carlisten vom Papst bestimmt war, in der
-Provinz Teruel verkauft und dabei manche Härte ausgeübt &mdash; vom Chef
-der Escorte erlangt, mit zwei Soldaten in einem Gartenhäuschen bis zum
-Anbruche der Nacht zu bleiben. Eine rasende Schaar flog auf die Kunde
-davon hinaus und bemächtigte sich des Priesters; <em class="gesperrt">Weiber</em> mordeten
-ihn unter langen, entsetzlichen Martern und Gräueln mit Scheeren und
-Nadeln.</p>
-
-<p>Am 21. Juni Morgens verließ ich zu Fuß Teruel, die werthvollsten
-Gegenstände, welche ich gerettet, in einem Pakete tragend. Ich ahnete
-nicht, daß Gefahr existiren könne, oder sorgte sie nicht in meinen
-düstern Gedanken, weshalb ich ganz allein den Marsch nach Frankreich
-antrat. Ein halbes Stündchen war ich gegangen, als ein Mann keuchend
-mich einholte und mir im Namen des Gouverneurs befahl, zu diesem
-zurückzukehren. Kaum waren wir hundert Schritt weit zurückgegangen,<span class="pagenum"><a name="Seite_651" id="Seite_651">[S. 651]</a></span>
-als ein zweiter Kerl, in einen zerlumpten rothen Mantel gehüllt, sich
-uns zugesellte und auf meine andere Seite trat; eine kleine Strecke
-weiter trafen wir zwei ähnliche Menschen im Chausseegraben sitzend,
-welche bei unserer Annäherung sich erhoben.</p>
-
-<p>Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel
-und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet
-hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch
-die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem
-Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord!
-Ich versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig
-den Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, ich habe
-lange Lust, solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust.
-Blitzschnell wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den
-Kopf in dem Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an
-der Seite nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel,
-durch die rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der
-Brust, drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm.</p>
-
-<p>Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die
-Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen
-wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch
-den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das
-Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb
-abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien.</p>
-
-<p>Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur
-erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken,
-fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige
-Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war
-unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale
-wurden übrigens über zwanzig<span class="pagenum"><a name="Seite_652" id="Seite_652">[S. 652]</a></span> entwaffnete Carlisten, mehr oder
-weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen
-Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen
-waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum
-erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl
-der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach
-allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen
-Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen &mdash; durch Mord!</p>
-
-<p>Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen
-schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia
-ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet
-und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte,
-nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt
-im Kampfe mit den Carlisten, &mdash; zwei von ihnen waren im Scharmützel
-mit meiner eigenen Streifparthie verwundet &mdash; die zarteste Rücksicht
-gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg
-wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun
-ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten.
-Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben.
-Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung
-des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und
-Bewunderung versagen.</p>
-
-<p>Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen,
-die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die
-abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den
-valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro
-aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich
-früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich
-ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster,
-mit dem sie<span class="pagenum"><a name="Seite_653" id="Seite_653">[S. 653]</a></span> wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die
-Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich
-so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich
-einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren,
-bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend.
-Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen
-große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern
-bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen
-Zufluchtsort verlasse.</p>
-
-<p>Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie
-so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend
-auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen
-sollte; und jetzt...!</p>
-
-<p>Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß
-unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen
-Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit
-die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem
-kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende
-Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln
-umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche
-Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir
-bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde
-gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir,
-drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten
-Fläche zubrachten. Unter Carl&nbsp;IV. ward dort die Grundlage zu
-einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle
-Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt
-sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit
-funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf
-günstigere Zeiten verschieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_654" id="Seite_654">[S. 654]</a></span></p>
-
-<p>Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch
-den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner
-Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur
-Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte
-der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige
-Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von
-Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr
-Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit
-ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen
-hervorrief.</p>
-
-<p>Die Königinn Wittwe befand sich seit einiger Zeit mit ihren Töchtern
-in Barcelona nebst den Generalen Espartero, dem Siegesherzoge, Leon,
-Grafen von Velascoain und O’Donnell, welche ich kurz nach der Landung
-auf der Parade sah. Espartero ist von untersetzter Statur und dunkel
-gebräunten Antlitzes mit feurigen Augen und scharf markirten, listigen
-Zügen; in seinem Auftreten und Wesen malten sich unendlicher Stolz und
-Eitelkeit. Er stand zu jener Epoche auf dem Gipfel der Volksgunst und
-war von dem Heere angebetet. Vivas empfingen, Deputationen begrüßten
-ihn bei jedem Schritte, selbst über die Regentinn ihn erhebend, da er
-gerade durch eine Proclamation entschieden gegen das Regierungssystem
-sich ausgesprochen hatte. Espartero war schon der wahre Herrscher
-Spaniens. Neben ihm zog die starke imponirende Gestalt des Generals
-Leon die Aufmerksamkeit an: ein dichter schwarzer Bart, aus dem die
-Augen dunkel blitzten, bedeckte das ganze Gesicht und gab ihm einen
-besonders finstern Ausdruck. Augenscheinlich herrschte Kälte zwischen
-ihm und dem Oberfeldherrn. O’Donnell dagegen, wohlbeleibt, mit dem
-feststehenden Lächeln auf den immer sich gleichen Zügen, denen die
-scharf gebogene Adlernase einen Anstrich von Energie verlieh, machte
-sich Viel mit Espartero zu schaffen und schien durch freundliches
-Grüßen<span class="pagenum"><a name="Seite_655" id="Seite_655">[S. 655]</a></span> der Gruppen rechts und links das Wohlwollen des Volkes zu
-erstreben.</p>
-
-<p>Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, längs der Küste nordwärts
-mich richtend. Da ich in der Nacht unter einer Hecke mich niedergelegt
-hatte, ward ich durch einen lauten Ruf geweckt; zwei Männer mit
-Büchsen standen vor mir und forderten, indem sie sich als Carabineros
-&mdash; ein militairisch organisirtes Corps Zollwächter &mdash; zu erkennen
-gaben, meinen Paß. Als ich ihn hervorzog, ergriff einer derselben
-das Taschenbuch und blätterte darin umher. Todesschrecken machte mir
-das Blut erstarren: durch eine Unvorsichtigkeit, welche mir später
-unbegreiflich war, befand sich in dem Taschenbuche ein Päckchen Briefe,
-welche mir in Angelegenheiten des Dienstes nach Cañete geschrieben
-waren. Der Carabinero zog alsbald das unheilsvolle Packet hervor und
-fragte mich mit dem Ausrufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, wie viele Briefe!“ von wem
-sie wären. „Von meiner Familie“ war die Antwort. Im ungewissen Lichte
-des Mondes betrachtete er einen jeden Brief einzeln und gab sie endlich
-mir zurück, der ich, kaum athmend, das Resultat der Untersuchung
-erwartete. Er zündete dann eine Laterne an und las sorgfältig den Paß,
-während ich, jeden Verdacht zu vermeiden, die Brieftasche ruhig in der
-Hand hielt. Nachdem sie jedes Wort des englischen Passes studirt hatten
-und natürlich, da sie nicht eine Silbe verstanden, befriedigt waren,
-verließen sie mich, gegen die Gefahren des Weges durch das Gebirge mich
-warnend. Tief aufathmend dankte ich für die Rettung aus der Gefahr, der
-ich mich übrigens nicht wieder aussetzte. Die Carabineros waren stets
-unsere blutgierigsten Feinde, die weder Pardon gaben noch erhielten!</p>
-
-<p>Über Gerona und Figueras langte ich am 15. August Abends nach
-unendlichen Mühseligkeiten und Entbehrungen &mdash; Brombeeren waren von
-Barcelona her meine einzige Nahrung &mdash; bei Perthus auf der Gränze von
-Frankreich an. Als ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_656" id="Seite_656">[S. 656]</a></span> Brücke überschritt, welche die beiden
-Königreiche verbindet, zitterte ich, wie nie im Leben, und jubelte und
-dankte Gott, daß er schützend aus diesem Spanien mich befreit hatte,
-aus den Klauen spanischer Volksaufklärer.</p>
-
-<p>Nachdem ich den Zug der Pyrenäen, welcher schmal, aber rauh, bis
-ins Meer sich hineinzieht, überstiegen, befand ich mich am Mittage
-des folgenden Tages in Perpignan. Der Präfect der Ost-Pyrenäen
-und der commandirende General der Militair-Division stellten mir
-die Alternative, entweder mit meinem Grade in die Fremdenlegion
-einzutreten,<a name="FNAnker_122_122" id="FNAnker_122_122"></a><a href="#Fussnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> für welchen Fall sofort Gelder angeboten wurden, oder
-aber unmittelbar nach Deutschland abzugehen. Da ich das Ansinnen der
-Franzosen &mdash; vielleicht etwas derbe &mdash; zurückstieß und der Präfect es
-für eine passende Rache hielt, mir die Erlaubniß zum Aufenthalte, bis
-ich mir Hülfsmittel verschaffte, zu verweigern, trat ich am 18. August
-den mühevollen Marsch nach dem Vaterlande an.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_122_122" id="Fussnote_122_122"></a><a href="#FNAnker_122_122"><span class="label">[122]</span></a> Von den mit Cabrera übergetretenen Carlisten hatten
-etwa 800 Mann in der Fremdenlegion Dienste genommen, so wie dreißig
-Officiere, denen ihr effectiver Rang zugesichert ward. Ein Bataillon
-ward daraus gebildet, welches bald nach Afrika abging. Die übrigen
-Carlisten weigerten sich trotz aller Aufforderungen, Versprechungen und
-Vexationen, Ludwig Philipp zu dienen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier40" name="zier40">
- <img class="w8em" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung Ende Kapitel 40" /></a>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. ***
-
-***** This file should be named 60358-h.htm or 60358-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60358/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-transcription was produced from images generously made
-available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State
-Library.)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/60358-h/images/cover.jpg b/old/60358-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index c341069..0000000
--- a/old/60358-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60358-h/images/zier.jpg b/old/60358-h/images/zier.jpg
deleted file mode 100644
index d8dc198..0000000
--- a/old/60358-h/images/zier.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ