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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Vier Jahre in Spanien. - Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang. - -Author: August Karl von Goeben - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60358] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -transcription was produced from images generously made -available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State -Library.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1841 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, - wenn diese im Text mehrmals auftreten. - - Groß- und Kleinschreibung sind nicht konsistent und entsprechen - nicht in allen Fällen den heutigen Schreibgewohnheiten; gleiches - gilt für die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß). - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Vier Jahre in Spanien. - - Die Carlisten, - - ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang. - - Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege - - von - - A. von Goeben, - - Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im Generalstabe. - - Hannover, 1841. - - Im Verlage der Hahn’schen Hofbuchhandlung. - - - - -Über Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet -hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses -Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft -selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben, -konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es -dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in -ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und -Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers -unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes -und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet -habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck -erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die -einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges -Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden. - -Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu -geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die -Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu -prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in -den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen -Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten -Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos -in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der -einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840 -Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr -existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem -ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben. - -Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen -ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein -Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren -nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die -Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit -nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in -die Schranken trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche -Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen. - -Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für -mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich -mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird -stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das -ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten -Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet -habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder -aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den -Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft; -wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen. - -Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der -ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs -und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz -anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen -abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera -thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr -oder weniger detaillirt den ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem -Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als -Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist. - -Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine +Geschichte+ des -Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem -künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern! - - - - -Inhalt. - - - Seite - - I. Hoffnungen und Träume -- Carl V. der rechtmäßige - König 1 - - II. Die Gränze -- Die Carlisten -- Ereignisse in den - baskischen Provinzen seit dem Tode Ferdinands VII. - bis zum Frühling 1836 13 - - III. Carl V. -- Die Linien -- Das Land und seine Bewohner - -- Die ~fueros~ 38 - - IV. Gefechte in Guipuzcoa -- Gefangenschaft -- Marsch - nach Logroño 54 - - V. Grausamkeiten der beiden Partheien, in Heer und - Volk 77 - - VI. Expeditionen der Generale Don Basilio Garcia -- - Gomez -- Sanz 89 - - VII. Acht Monate im Kerker 105 - - VIII. Krieg in den Provinzen während der zweiten Hälfte - 1836 -- Belagerung von Bilbao -- Operationen im - Frühlinge 1837 113 - - IX. Befreiung -- Fünf Wochen in Navarra -- Operationen - in den Nordprovinzen 124 - - X. Expedition Zariategui’s -- Erstürmung von Segovia -- - Marsch auf Madrid -- Rückzug in die Gebirge 139 - - XI. Expedition Zariategui’s -- Wiederaufnahme der - Offensive -- Lerma -- Valladolid -- Der Alt-Castilianer - -- Verwundung -- Vereinigung mit der Armee des Königs 158 - - XII. Expedition des Königs -- Vereinigung mit Cabrera -- - Marsch auf Madrid -- Rückzug -- Sendung nach Vizcaya - -- Rückkehr der Expeditionen -- Ereignisse während - derselben 186 - - XIII. Der Aufschwung und das Sinken der carlistischen - Macht -- Nachtheile der Expeditionen 203 - - XIV. Expedition von Don Basilio Garcia -- Ebro-Übergang - -- Verwundung -- Gefangennahme 225 - - XV. Das Hospital -- Marsch nach Madrid -- Marsch durch - die Mancha und Andalusien nach Cadix 246 - - XVI. Expedition von Don Basilio -- Tallada -- Die - Cabecillas der Mancha -- Vernichtung der Division -- - Expedition des Grafen Negri -- Vernichtung derselben - -- Peñacerrada 267 - - XVII. Maroto -- Partheiungen unter den Carlisten -- - Operationen in den Provinzen -- Valmaseda -- - Vermählung des Königs -- Muñagorri 286 - - XVIII. Die Casematten von Cadix -- Maroto und Espartero -- - Fünf Generale ermordet -- Auswechselung nahe -- - Schein-Operationen in Vizcaya 300 - - XIX. Fahrt von Cadix nach Valencia -- Das Mittelländische - Meer -- Die Huerta und ihre Bewohner -- Die - Auswechselung 318 - - XX. Don Ramon Cabrera, Guerrillero, General und Mensch - -- Der Krieg in Aragon und Valencia bis zum Ende des - Jahres 1837 -- Hungers-Gräuel 335 - - XXI. Escalade des Castells von Morella durch achtzig - Castilianer 351 - - XXII. Operationen in der ersten Hälfte des Jahres 1838 -- - Tallada -- Zaragoza -- Morella -- Belagerung desselben - durch Oraa 364 - - XXIII. Belagerung von Morella -- Sturm -- Rückzug der - Christinos -- Folgen 382 - - XXIV. Operationen im Herbst 1838 -- Schlacht bei Maella -- - Repressalien-System 392 - - XXV. Operationen in der ersten Hälfte 1839 -- Segura -- - Villafamés -- Montalban -- El Turia -- Lucena 412 - - XXVI. Reise nach Chelva -- Das Heer Cabrera’s -- Der - Aragonese, Valencianer und Catalan -- Action von - Chulilla 428 - - XXVII. Chelva -- Kampf bei Tales -- Cabrera -- Carboneras - -- Verhältnisse und Hoffnungen im Sommer 1839 -- - Reise nach Morella -- Espartero in Aragon 444 - - XXVIII. Maroto’s Verrath -- Vertrag von Bergara -- Carl - V. in Frankreich -- Graf Casa Maroto 465 - - XXIX. Marsch nach Catalonien -- Das Fürstenthum und seine - Bewohner -- Die dortigen Carlisten -- Graf de España -- - Operationen desselben 479 - - XXX. Vier Tage mit dem Grafen de España -- Berga -- Der - 27. October -- General Segarra 497 - - XXXI. Verschwörung gegen den Grafen -- Seine Ermordung. 514 - - XXXII. Reise nach Morella -- Espartero in Luco und Bordon - -- Baron von Rahden 522 - - XXXIII. Operationen Espartero’s und O’Donnell’s -- Stellungen - der Heere -- Einzelne Gefechte -- Rückzug der - Christinos 540 - - XXXIV. Reise mit Cabrera nach dem Ebro -- Krankheit des - Generals 557 - - XXXV. Die ersten Monate 1840 -- Alzaga -- Chulilla erobert - -- Espartero als Fälscher -- Verkauf von Segura 569 - - XXXVI. Castillote -- Marsch nach Castilien -- Don Manuel - Matias -- El Turia und die Linie von Cañete -- - Verhältnisse daselbst 585 - - XXXVII. Don Manuel Brusco -- Cañete -- Arbeiten und - Streifzüge -- Fortschritte von Espartero, O’Donnell und - Aspiroz 604 - - XXXVIII. Eroberung von Morella, Cabrera passirt den Ebro -- - Don Remigio Cantero -- Beteta -- Palacios nach - Frankreich 621 - - XXXIX. Marsch nach Cañete -- Marco Valero -- Rettung -- - Cañete geräumt -- Niederlegung der Waffen -- Cabrera und - Valmaseda nach Frankreich -- Ende des Krieges 638 - - XL. Meuchelmord -- Reise nach Valencia und Barcelona -- - Ankunft in Frankreich 650 - - - - -I. - - -In stolzen, hoffnungsreichen Träumen schwelgend durchflog ich die öden -Steppen der Landes, welche umsonst heimische Bilder mir zu erwecken -suchten. Meine Blicke waren gen Süden gerichtet. Dort tauchten fern -am Horizonte einem bläulichen Gewölk ähnlich die Höhenzüge der -Pyrenäen empor, unvergängliche Zeugen der Heldenthaten des braven -Gebirgs-Völkchens, mit dessen siegreichen Schaaren ich mich zu -vereinigen eilte, dessen Gefahren und Ruhm ich bald zu theilen hoffte. -Das Herz klopfte mir lauter, die Brust schwoll von unendlichen, -unaussprechlichen Gefühlen. Jung und unerfahren, den Kopf warm, -das Blut glühend, träumte ich von Krieges-Thaten und Kampfes-Lust, -malte den Augenblick mir aus, in dem die Kugeln des Feindes mich -umzischen würden, und ich wünschte mir Flügel, um früher das ersehnte -Ziel zu erreichen. -- Ich ahnete nicht die bittern Erfahrungen, die -schmerzlichen Enttäuschungen, welche meiner warteten; die Phantasie -schilderte mir die Zukunft in den lieblichen Farben, mit denen sie -so gern ihre Kinder schmückt, ohne die finstern Schatten zuzulassen, -welche nur zu oft ihre reizenden Erzeugnisse in Thränen des Schmerzes -ertränken. Ich sah jene Gebirge vor mir, in denen ich bald im -Schlachtgewühl mich tummeln, mein Blut für die Sache der Legitimität -darbieten sollte, und ich fühlte mich glücklich in der nahen Erfüllung -so lange gehegter Wünsche. - -Und wie hätte ich nicht freudig zu der Vertheidigung des Monarchen -eilen mögen, der in heldenmüthigem Kampfe gegen übermächtige Heere -rang, welche die Revolutionäre aufgeboten hatten, um ihre unrechtmäßige -Herrschaft zu sichern und die Anstrengungen der treuen Anhänger ihres -Königs niederzuschmettern? Royalist im ganzen Sinne des Wortes, auf -immer befestigt in dieser Grundlage meiner politischen Denkungsart -durch Alles, was des Mannes Ansichten zu leiten vermag, überzeugt, daß -nur auf solcher Basis das Glück der Völker, Endzweck jeder Regierung, -sicher erreicht wird; mußte ich nicht stolz sein, mein Schwert der -Vertheidigung des wahren Souverains jenes unglücklichen Landes zu -weihen, welches unter dem doppelten Joche der Umwälzung und der -Usurpation schmachtend in krampfhaften Zuckungen die schweren Fesseln -abzuschütteln strebte! Mußte ich nicht mit Freude den kühnen Männern -mich anschließen, die, von ihren Gebirgen herab den Riesenkampf gegen -Christina’s erdrückende Waffen bestehend, für das Recht Alles opferten -und durch ihren Muth, ihre Ausdauer und unbeugsam scheinende Festigkeit -Europa’s Bewunderung sich würdig machten! - -Ach, ihre Festigkeit +schien+ unbeugsam -- Kugeln und Schwert, Leiden -und Gefahren vermochten nicht sie zu erschüttern, Hunger, Blöße, Tod -waren machtlos gegen sie -- Ihre Festigkeit wich den Schmeichelworten, -welche unter den schönen Namen des Vaterlandes und des Friedens der -listige Feind durch ihre eigenen erkauften Anführer ihnen zuzuflüstern -wußte; sie wich den trügerischen Versprechungen der Parthei, die so -oft gezittert, da sie ihre Söldlinge vor den siegreichen Waffen jener -Männer fliehen sah. Um die Rechte und Freiheiten der vaterländischen -Provinzen zu sichern, verließen die Basken den angestammten Herrscher, -der allein jene Sicherung ihnen gewähren konnte. - -Denn wie sehr auch seine erbitterten Feinde gegen ihn eifern, welche -schimpfliche Benennungen die liberale Presse aller Länder ihm -verschwenden mag, Carl V. ist der rechtmäßige König Spaniens, und -weder Christina’s zahlreiche Heeresmassen, noch die spitzfindigen -Sophismen ihrer Anhänger, vermögen die „unschuldige“[1] Isabelle von -dem Titel einer Usurpatorinn zu befreien. Das Gesetz, durch welches -Ferdinand VII. die Rechte seines Bruders annullirte, um der Tochter -die Krone zu geben, die durch die bisherigen Gesetze ihr versagt war, -konnte nie Gültigkeit erlangen, da theils es in sich den Stempel -der höchsten Ungerechtigkeit trug, theils die äußeren Erfordernisse -nicht gehörig beobachtet waren, welche die Staatsverfassung zu seiner -Feststellung bestimmte. - -Philipp von Anjou erlangte nach langem, blutigem Kriege, in den die -ganze westliche Hälfte Europa’s verflochten, den unbestrittenen Besitz -des spanischen Thrones. England und die Niederlande, nach der Erwählung -des Erzherzogs Carl zum römischen Kaiser von seiner Gelangung zur -Krone Spaniens und der Vereinigung zweier so mächtigen Reiche unter -Einem Haupte die traurigsten Folgen für die Unabhängigkeit der übrigen -Staaten besorgend, wählten von zwei Übeln das kleinere, indem sie -den Enkel Ludwigs des Vierzehnten als König von Spanien und Indien -anerkannten, da sie doch so lange mit Aufbietung aller Kräfte und nicht -ohne glänzende Erfolge seine Ansprüche bekämpft hatten. Nur strebten -sie, im Friedensvertrage von Utrecht einer etwaigen spätern Vereinigung -der spanischen und französischen Monarchieen so weit vorzubeugen, wie -feierliche Garantieen, Entsagungen und Versprechen vorzubeugen vermögen. - -Philipp V. hatte seit seiner Thronbesteigung aufgehört Franzose zu -sein; er arbeitete jetzt nur für das Wohl seines Königreiches und -erkannte daher leicht, wie sehr es in dessen Interesse und wie wichtig -es für Spaniens Unabhängigkeit war, jene Vereinigung mit dem mächtigen -und übermüthigen Nachbar so viel wie möglich zu erschweren. Um dieses -Ziel zu erreichen, und die mannichfachen sonstigen damit verknüpften -Vortheile nicht übersehend, etablirte er das Grundgesetz, welches -seitdem die Thronfolge in der Monarchie ordnete, und ergänzte und -vervollkommnete dadurch die Stipulationen des Vertrages von Utrecht. -Durch dieses Gesetz wurden die weiblichen Glieder der spanischen -Bourbons von der Herrschaft ausgeschlossen, so lange irgend ein -männlicher Nachkomme Philipp’s existirte; doch gestattete ihm die -väterliche Liebe wohl nicht, die Frauen ganz auszuschließen und so -seinen eigenen Nachkommen Fremde vorzuziehen, weshalb er anordnete, -daß ein streng Salisches Gesetz erst in Kraft treten sollte, im Falle -nach gänzlichem Aussterben der spanischen Bourbons das Haus Savoyen zum -Throne gelangen würde. -- Philipp V. versäumte keine der Maßregeln, -welche die alte spanische Verfassung möglich machte und vorschrieb, -um seine neue Thronfolge-Ordnung zu sanctioniren: sie ward von dem -höchsten Rath von Castilien geprüft und gebilligt, und im Jahre 1713 -legte sie der König auch den besonders zu diesem Zwecke berufenen -und dazu von ihren Committenten mit Specialvollmachten versehenen -Reichs-Cortes vor, welche darüber berathschlagten und sie annahmen. -Dann ward diese Anordnung als Staats-Grundgesetz bekannt gemacht. - -Als solches galt sie und diente als Basis in den Verhandlungen und -Bündnissen, die seitdem geschlossen wurden, ohne daß irgend Einer der -nachfolgenden Könige einen Schritt zu seiner Aufhebung gethan hätte, -bis Ferdinand VII., getrieben von seiner eben so herrschsüchtigen wie -intriganten Gemahlinn, der Prinzessinn Maria Christina von Neapel, -seinen Bruder, den Infanten Don Carlos, der ihm zustehenden Rechte zu -berauben und, im Falle seine Gemahlinn in der nahe bevorstehenden -Niederkunft mit einer Tochter ihn beschenken sollte, dieser die Krone -zu sichern beschloß. Ferdinand’s Charakter zeichnete sich durch -größte Neigung zur Intrigue aus. Selbst Dem, was er leichter auf dem -geraden Wege hätte erlangen können, mochte er lieber auf krummen -Schlangenpfaden hinschleichend zustreben; und nicht selten machte ihn -während der langen Zeit, in der er sein Königreich dem Untergange -zuführte, eben diese unedle Denk- und Handlungsart sein Ziel verfehlen. -Er verleugnete auch jetzt diese Neigung nicht, wiewohl die Furcht -vor dem Eindrucke, den sein Plan auf die zahlreichen Anhänger seines -Bruders machen würde, das Ihrige zu dem Entschlusse beitrug, auf seines -Vaters, Carl IV., Schultern die Last zu laden, der er sich wohl nicht -gewachsen fühlte. - -Am 29. März 1830 erließ Ferdinand VII. das Decret, durch welches er den -direkten weiblichen Nachkommen des Herrschers in der Thronfolge den -Vorzug vor dessen männlichen Seitenverwandten einräumte. Als Hauptmotiv -dafür ward angegeben, daß im Staatsarchive aufgefundenen Papieren -gemäß schon Carl IV. im Jahre 1789 einen ähnlichen Gesetzesentwurf den -Cortes vorgelegt habe, so daß Ferdinand durch die Erneuerung desselben -nur die Absicht seines Vaters in Ausführung bringe. -- Die bald -nachher geborene Prinzessinn Isabella ward demzufolge für eventuelle -Thronerbinn erklärt. Der König, durch die langsam ihn aufzehrende -Krankheit an den Rand des Grabes gebracht, widerrief zwar das neue -Gesetz, dessen furchtbare Folgen ihm einleuchten und doch zu schwer auf -dem Gewissen des Sterbenden lasten mochten. Da aber die augenblickliche -Gefahr auf kurze Zeit gehoben wurde, gelang es der Königinn, ihren -Einfluß auf den geistig und körperlich nur noch vegetirenden Gemahl so -auszudehnen, daß sie das Gesetz unter den nichtigsten Vorwänden wieder -in Kraft treten und bis zu Ferdinand’s Tode nicht weiter abändern ließ. - - * * * * * - -Die beiden Gründe, welche die Änderung der Thronfolge-Ordnung motiviren -sollten, sind die uralte, herkömmliche Gewohnheit der Monarchie und -der Gesetzesentwurf Carls IV. In Betreff der ersteren finden wir seit -der Zeit des Wahlreiches der Gothen bis zu dem Regierungs-Antritte -Philipps V., daß, wenn die Verwirrung und das oft sich Widersprechende -in der dunkeln Legislatur jener Zeiten keine gesetzliche Bestimmungen -auffinden läßt, allgemein die männlichen Descendenten den weiblichen -vorgezogen wurden; und ganz besonders in den Kronen von Castilien und -Aragon, durch deren Vereinigung die spanische Monarchie sich bildete, -ward dieser Grundsatz stets streng durchgeführt. Selbst als Alfonso, -wie aus Ironie der Weise benannt, in dem von ihm verfaßten Codex die -Frauen in der Thronfolge den Männern gleichgestellt hatte, kam diese -Anordnung so wenig zur Ausführung, daß ihr schon bei seinem Tode und -seinem eigenen Rathe gemäß geradezu entgegengehandelt wurde, was bei -jeder neuen Gelegenheit sich wiederholte. Überhaupt ward dieser Codex -nie als feste Grundlage der Gesetzgebung des Reiches angesehen und -befolgt. -- Die weiblichen Herrscher, welche wir vereinzelt an der -Spitze der Gothen und der kleinen christlichen Staaten der Halbinsel -sehen, verdankten ihre Erhebung stets außerordentlichen Verhältnissen, -Empörungen, Revolutionen oder dem Mangel an männlichen Erben, weshalb -diese Fälle nie als Norm gelten und ein Motiv zu Ferdinands Gesetze -abgeben konnten. - -Noch unhaltbarer ist die andere Veranlassung der vorgenommenen -Gesetzes-Änderung. Der Sohn beschließt eine Ungerechtigkeit -auszuführen, weil -- sein Vater sie vor ihm beabsichtigte. Es ist -häufig selbst von Anhängern Christina’s an der Echtheit jener angeblich -im Archive gefundenen Documente gezweifelt; aber vorausgesetzt, daß -Carl IV. wirklich im Jahre 1789 eine solche Absicht gehegt hätte, so -that er doch nie einen Schritt zu ihrer weiteren Ausführung, wozu ihm -während der neunzehn Jahre bis zu seiner Entsagung gewiß hinreichende -Zeit gegeben war. Ferdinand ergriff jedoch begierig den von seinem -Vater augenblicklich und nur zur Beförderung des persönlichen -Interesses der Königinn Marie Louise aufgefaßten Gedanken, um sich -so den Schein einer, freilich unendlich schwachen Rechtfertigung -zu verschaffen und wenigstens die Schuld der Erfindung von sich zu -schieben. - -Beachten wir nun das Gesetz in Bezug auf seine Gültigkeit lediglich -als solches, so drängt sich zuerst die Bemerkung auf, wie so ganz alle -äußeren Erfordernisse vernachlässigt wurden, ohne die doch das Gesetz -als gar nicht gegeben muß angesehen werden. Spaniens Könige sind nie -unumschränkt gewesen; ihre Macht war von jeher in mancher Hinsicht in -ziemlich enge Schranken gezwängt, und vor Allem standen die Cortes und -der Rath von Castilien als Wächter der alten Staats-Verfassung da: ohne -ihre Zustimmung konnte kein Gesetz in Kraft treten. Wir sahen oben, -daß Philipp V. allem der Verfassung nach Nothwendigen streng Genüge -leistete, da er seine Thronfolge-Ordnung einführte. Falls also irgend -einem seiner Nachkommen das Recht zustand, das von dem Stifter der -Dynastie angeordnete Erbgesetz umzustoßen, mußte dieses doch mit eben -den Förmlichkeiten und unter Beobachtung aller durch die Verfassung -vorgeschriebenen Bedingungen geschehen, um als gültig ins Leben treten -zu können. - -Ferdinand VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s -Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten -zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann -nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht -versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht -eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der -König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit -ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn -entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand geleistet ward, -da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der -ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten, -wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war -natürlich gar nicht die Rede. -- So entsprach also das Gesetz, welches -den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art, -in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es -der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt -schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen -Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben. - -Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt, -wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls IV. Entwurf Marie -Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse -berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet -wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp V. so mächtig zu seiner -Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich -darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und -doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert -Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr -und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt -wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er -das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der -Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht -befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz -ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten -konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist, -und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann -Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es -sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer -Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht. - -Wohl suchten die Gegner Carls V., listig die Ereignisse der letzten -zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche -Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine -zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen -Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche -Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine -strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden; -auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen -und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt -worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht. - -Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant -Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes -protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner -Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März -1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen -später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps V. -vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben steht. Ganz -abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch nicht geboren -war und der Infant daher im Falle der Geburt eines Prinzen durch eine -voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines königlichen -Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei Gründe, -die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die -Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen. - -Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner -Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten. -Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie -um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien, -Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine -Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung -durch seines Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß -sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes -kräftig sich zu widersetzen. -- Dann wußte er sehr wohl, daß das -ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß -gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von -Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz -protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April -1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu -heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung -seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April -und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch -in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel -gehindert hätte. - - * * * * * - -Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der -Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung, -staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben -kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre -Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt -Carl V. der rechtmäßige König von Spanien. - -Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel -sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s -begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn -zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen -Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der -sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche -seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem -Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe, -unter Carl V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu setzen. -Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie den -Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft sich -zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen Ämter -und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich -zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines -schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß -Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht -schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und -edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so -günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich -stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten -Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde, -welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und -- entwanden den -Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft -der ehrgeizigen Frau. - -Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens -sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es -wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie -durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten, -unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen -werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie -sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der -überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland -wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen -ertheilten Monopole u. a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse -der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten -Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit, -Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder -Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder, -Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle -Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der -Gewandtheit geschätzt, mit der er die kurze Zeit, während der er ein -Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung -benutzt.[2] - -Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der -Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des -Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr -Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von -Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten, -während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen -getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel -die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem -Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der -ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren -Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des -im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu -trotzen. -- Und sie triumphiren! - - [1] In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward die - Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „~nuestra innocente Reyna~“ - bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den - Christinos besonders merkwürdig. - - [2] Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen, welche - unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl - Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach - seiner Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal, - der Graf Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit - wenigen Ausnahmen die Militair- und Civil-Behörden bis zu den - untersten Beamten nur Geld zu ihrer Losung machten, wie die - Ersteren, in Dürftigkeit aus der Verbannung zurückgekehrt, - bald in übermüthigem Luxus glänzten und Millionen im Auslande - niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten, bis die - Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach dem - Vaterlande zurückriefen; -- das wurde selbst von ihren Anhängern - nicht geleugnet und -- -- natürlich gefunden. Armes Spanien! - Übrigens brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit - sich und mußte sie allgemein machen, da, so oft eine andere - Parthei des Ruders sich bemächtigte, die der vorher herrschenden - Angehörigen ihrer Stellen entlassen und mit ihren Familien zum - Betteln verdammt wurden, wenn sie nicht in der fetten Zeit für - die magere Vorrath gesammelt. - - - - -II. - - -Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen -Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege -wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen. --- Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in -die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden -Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte -aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der -von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am -unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer -Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und -Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes -Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit -Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache -befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde -der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da -- schon nicht fern von -der Gränze -- ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter -uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald -auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch -nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos. -Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach -allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „~Eh bien, nous voici chez -nous~“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte -Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft -ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden. - -Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die -Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen -den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten, -welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei -einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente. -Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd -gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles -Strebens mir war. - -Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte -Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen -Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre -kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren -und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich -ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in -dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende -Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die -Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während -Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch -schwache Hanfsandalen[3] ihre Füße schützten. Ein scharlachfarbiges -oder weißes Basken-Barett (~la voyna~) deckte das Haupt, der Hals -war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung -bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter -schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide -hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit -berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf -dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel -enthielt. - -An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen -Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser -Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich -höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen -Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich -gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen -die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich -erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen -Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten -herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen -und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen verbreiteten -und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne -zittern machten. - - * * * * * - -Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen Blutes -vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst war -und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem mit -politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, wo -möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; -- -Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen -Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen, -dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer -Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von -dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz. - -Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen -bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des -legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen -in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino, -wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten -Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell an -der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als ~voluntarios realistas~[4] -vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren Herrscher aufgestanden; -in den übrigen Theilen des Königreiches fanden ähnliche Bewegungen, -wiewohl in kleinerem Maßstabe, Statt. Ein entscheidender Schlag -hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der Mangel an Einheit, -Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer späteren Epoche -so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach Alava gezogen, -ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner Castilianer -mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, eine jede -Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer deshalb -auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest auf -die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil seiner -Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich. - -Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen, -den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie -usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal, -nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort -war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, +ganz+ es zu -behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei, -die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten -Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr -sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten, -aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten -Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward, -den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der -treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit -Schmerz seines Königs Befehle. - -Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen -Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen -Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich -gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf -den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich -befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen, -welche in stets erneuten Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden, -die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele -Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben -niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch -sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische -Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine -Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend -den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die -Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien -lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren -Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte. - -Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und -dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie, -hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse -hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren -~fueros~ der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s Herrschaft -waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das Königreich -sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche befand, daß -es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel durchzusetzen. -Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese Frage mehrfach -zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren wirklich Truppen an -ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten sich, wie heilig diese -auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie erkannten, welche Macht die -Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes ihnen giebt; sie gedachten -auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle der Gerechtigkeit stets -für sie gesprochen, wie einst die schon beschlossene Aufhebung der -Privilegien nur durch seinen Einfluß rückgängig gemacht wurde. Das -brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, zauderte nicht. - -Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl V. -als König von Spanien, Herren von Vizcaya proclamirend; am 3. und 4. -October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die Stadt durch von -San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in Vitoria erhob sich -das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der erste Versuch blutig -niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef ernannt, durchzog -das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder unbewaffnet, in -seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden niedergemetzelt, -die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, vernichtet. -Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo ließ den -edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als Bürger -und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, im Graben -von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn gefangen -genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, wiewohl zum -Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die Kunde von -dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien leicht. --- Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne seiner -blutigen That. - -Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien -wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten -Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen -erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit -hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des -Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen. -In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den -festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig -unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung -ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des -Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch -wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete, -es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. -- -Jene entrissen sie den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs -über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die -Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer .... -Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein -Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten -Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und -die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag, -wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit -Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt. - - * * * * * - -Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn -zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich -zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es -zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen, -wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden. - -Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst -und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm, -der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina -sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu -entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch -Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die -es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben. -Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten -ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er -mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen -standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens -siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten -Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswürdig -benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so -ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und -Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten, -unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern, -Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie -zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu -suchen genöthigt waren. - -Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee -- so viele andere -Chefs unter ihnen -- scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden -Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone -bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied -die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre -Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete -sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf -die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten -den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder -Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege -gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie -das Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, -die kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von -England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten -die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte -besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das -ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend. -Zumalacarregui war auf seine Gebirge -- das Land im Allgemeinen -- -beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu -bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen -Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten -herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen -die Carlisten nur ein Geschütz, ~el abuelo~ -- der Großvater -- -genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten -sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen -halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch -einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen -gewesen. - -Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht -der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken -und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material -lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint. - -Kaum war Don Carlos in den Provinzen[5] angekommen, als General Marquis -Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel -operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische -Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die -Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen -beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch die Größe -und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die Bewunderung der -Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen ihm erwarben. Nur -von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten Mannschaft, unter des treuen -Eraso Führung begleitet, irrte der König Monate lang durch die wilden -Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, umringt von vier und fünf Colonnen, -die nur diesem Zwecke bestimmt waren. Da duldete der König alle die -Entbehrungen und Drangsale, die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten -in den unglücklichsten Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit -klimmte er, auf den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und -Abgründe, wo Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger -zu folgen vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe -Schnee konnten als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der -die Beute erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte -der Monarch ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im -Auge schweigend die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft -diente der rauhe Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, -in die Decke eines seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden -Schlaf suchte! -- Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, -um der Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, -mit immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. --- Und die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen -Listen, allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur -um Minuten sein Opfer verfehlte. - -Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines -Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft -vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie -ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät -- am 21. -Juli und 1. August 1834 -- hatte er rühmliche Gefechte bestanden; -dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf -und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor -Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog -die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und -gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die -combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie -ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria -und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde -fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben, -zurückgewiesen. -- Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui -achtzehn Bataillone unter seinem Commando. - -Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen -Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine -herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das -Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches -damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr -er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er -sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war -er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten. -Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende -Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui -nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts -- so das wichtige ~los -Arcos~ -- unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine -Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in -Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände -gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so -großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen. - -Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die -Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen -ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General -im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der -Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte -disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der -festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden -hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen -in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die -nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können. - -So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei -und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer günstigen Stellung im -Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos -sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an. -Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s -leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den -Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan -aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen, -warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer -Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann -glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen -alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und -Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen -konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald -ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das -belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen -von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte -die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu -halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die -Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten -nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte -von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt -sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen -blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der -Christinos. - -Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so -Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche -ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald -genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine -wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf -auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht -und erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen -Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung -beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten -Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen -kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde -geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen -Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber -jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so -wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen -und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten. - -Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit -und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb -entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen -den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen -als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter -civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen -Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. -- Jedoch nur in den Heeren, -die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! -- Die Anträge -Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen -die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück. - - * * * * * - -Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die -Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich -nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben -von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der -Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein -wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain -ihm bot, in den Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden -that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche -es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen -durfte. -- Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die -Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches, -während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich -beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des -Königreichs zu verhindern. - -Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen, -die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui, -dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen, -fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte -schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die -Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die -unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem -so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen -wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem -Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische -Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr -großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer -Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. -- Das Volk -schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher -ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General -charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich -gemacht. -- Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen, -indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich -machte. - -Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher -die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s -Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt, -Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht -mehr an ihrer Spitze sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes -Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen. - - * * * * * - -Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut, -der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui -nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da -der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie -geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches -sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando -begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege. -Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem -entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste -Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche -Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der -bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen. -Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte -dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein -mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt -hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch -den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die -Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und -den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war -Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt, -daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen -in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen, -der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen. -Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das -Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der -Nordprovinzen behauptete. - -Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne -Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald -liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der -exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen -Carl V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum eifrigen -Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe halten, -sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene Ehrsucht -ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg er zu den -höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich ausgezeichnet -zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat beschäftigt -gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General geworden. Aber er -hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch gezeigt, er war feiner -Hofmann, gewandt in der Intrigue und +bei den Frauen+ beliebt; seine -Talente, wenn auch nicht als Militair, sind hoch. In den Nordprovinzen -zeigte er persönliche Bravour und in verwickelten Lagen viele -Besonnenheit[6]. - -Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des -bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß -im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische -Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen -Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile -herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten -sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr -ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel -zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die -Provinzen mit den sogenannten Linien -- festen Plätzen, die von -Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte -errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt -wie sie waren durch mobile Colonnen, das Ausbreiten seiner Herrschaft -über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten, -über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu -unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs -nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem -Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an -das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen -Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie -wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder -zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian, -von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von -Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung -vollendet hätte. - -In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und -unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch die -Regierung Carls V. in große Verlegenheit, da während einiger Zeit die -Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast ganz unterbrochen war. -Als der Plan aber gerade durch Theurung und in ihrer Folge entstehende -Unzufriedenheit seine Wirkungen zu äußern begann, ward Louis Philipp -oder sein Minister vermocht, jene Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen, -so daß die Carlisten dem Mangel an Lebensmitteln immer aus jenem -Königreiche abhelfen konnten. - -Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts -beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück -hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren -und gegen den Andrang des Feindes zu decken -- waren neue Massen -hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte -Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April -1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen -Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch den -jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu -unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt, -ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen -zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische -Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark -bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie -langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus -durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung -versagen kann. -- Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die -Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten -Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen -nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem -Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter -denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr -Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten. - -Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England -anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem -noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer -Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach -Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung -zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters -größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt. -Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute -hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende -hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den -häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren -Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen -Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten. - -Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division unter -dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien -operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf -blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal -thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte. - -So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der -braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer -hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl V. aber, -im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig -war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig -gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte -auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die -Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in -der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die -Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen -von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte. - - * * * * * - -Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in -Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war -durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische -Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze -die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken -suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten -eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur -Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in -große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen -Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden -von Bayonne aus das Fehlende. -- Die andern Forts aber fielen eines -nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo, -das zum Stützpunkt der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich -Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den -Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in -den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte -Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus -Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16. -und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in -drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem -Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die -Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und -mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren -gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder -errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht -von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da -während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter -auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria -entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte. - -Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya -erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von -Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde -und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während -der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen -des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von -den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde. -Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl -erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff -Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone, -welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner -Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als -ein gerade anlangendes englisches Dampfschiff mit seinem schweren -Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der -brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten -die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen. - -Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit -widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen -unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte -bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben. -Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war -der Verlust der Christinos -- mehr als die Hälfte davon Engländer -- -während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten. - -Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch -Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm -gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen -zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia -war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo -er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch -die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen. -In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit -schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er -bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen -Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang -aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in -Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria -anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche -Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt. -Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade -eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei -dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst -darzulegen. - -Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun -und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend -Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der -Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert -Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem -Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie -es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches, -oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden -Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt. --- Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den -baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich -auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das -Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden -Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon -verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch -die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich -beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare -Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die -doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche -Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen -sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die -baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand -nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon -ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie -durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen. -Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre -Vertheidiger an seinem Sturze. - -Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich -die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für -den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten Vordringen zu -verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen -fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche -Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische -Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden -Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine -mobile Colonne -- ~de la rivera~, des Flußthales, genannt -- stand in -Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend -Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während -die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie -von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden -Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese -Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen, -großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch -moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so -deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte, -um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie -unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen -sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber -furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit. - -Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya -stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn -bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division -verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten -Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova -mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in -der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald -stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene -Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten -Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration des -Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen. -Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich -entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an. - -Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die -Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San -Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach, -weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra[7] und -Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der -die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls V. verdiente: ein -starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend, gut -geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des Hauptheeres, -mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren, da es zu -immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und sie hinderte, -irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene Vortheile zu -benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie zurückrief. -Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im Rücken des -Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und die mindeste -Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die Früchte -der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln ihm -überlassen blieb. - -Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner -Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte. - - [3] Diese Hanfsandalen, ~alpargatas~, werden in dem größten Theile - Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe getragen und - bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben so - niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung. - In einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem - viereckigen Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese - wurden jedoch von den Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth - getragen, während die alpargatas in der Armee allgemein waren. - - Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr - gut uniformirt; so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu - Expeditionen. Die Uniform bestand aus dem Überrock, der ohne - Jacke etc. getragen wurde, rothen Beinkleidern, dem Barett mit - wollenen Quasten; die Officiere trugen dunkelblaue Überröcke und - darüber die beliebte ~zamarra~, eine elegante Jacke aus schwarzem - Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die Quasten ihrer Baretts waren - von Gold oder Silber. Das Gepäck der Soldaten, wie der Officiere - war sehr einfach, da selbst diese Effecten von den Bedienten - getragen werden mußten: nur die Capitains durften ein Pferd mit - sich führen. -- Die christinische Armee war eben so uniformirt; - trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige - Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische - Mützen. -- Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit - ist äußerst geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an - Allem. - - [4] „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den - National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber - mit gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher - als diese, wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen - großentheils gezwungen die Waffen trugen. - - [5] Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien gewöhnlich - nur durch „~las provincias~“ bezeichnet. - - [6] Er ist erbitterter Feind Espartero’s. - - [7] Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich führend. - - - - -III. - - -Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s -den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen -Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf -kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht -und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die -schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und -ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den -Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz -ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen, -welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht ~à mon aise~, -als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit der echten -Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im hölzernen -Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen Wirthin -kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah. - -Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte -mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren -die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets -zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der -Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir -am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette -anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus, -von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden -Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa -den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger -Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den -Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen, -da die unmittelbare Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der -nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die -Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere -Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag -und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa, -Fuenterrabia, die ~fons rapida~ der Römer, in dem die Carlisten ein -festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen -des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen -Republik gesprengt wurden. - -In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich -aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier -zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer -Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft -zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, -und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser -Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren -Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht -bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. -Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine -sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet -sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das -Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und -schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck -ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße -derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur -letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während -doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile -sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang -und Fuß bestreichen können. - -In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten Talente -des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, -da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je -ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an -militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren Eifer -ersetzen konnten -- wie brav sie auch, darin +allen+ carlistischen -Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. Der Gouverneur, -so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, führte mich zu der -sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine Meinung über +sein+ -Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher Schüchternheit wie in der -Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht zu verstehen, zurückhaltend -und billigend darüber sprach, ward ich sofort von dem Gouverneur für -ein wahres Talent erklärt und glänzend fetirt. Als ich aber am nächsten -Tage, nach Überlegung dieses für meine Pflicht haltend, einige der -krassesten Fehler ihm andeutete und, da er widersprach, klar aus -einander setzte, erkannte der gute Herr seinen gestrigen Irrthum, -entschied plötzlich über meine Unwissenheit und Impertinenz und -behandelte mich demnach mit der kalten, geringschätzenden Höflichkeit, -die so sehr gegen seine vorige Herzlichkeit abstach.[8] - -Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße -folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der -baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, -nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich -aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, -für dessen Rechte kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! -- -für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin. - - * * * * * - -Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. -Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen -Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines -Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern -konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, -regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher -Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, -vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. -Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich -mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es -that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache -Civil-Kleidung. - -Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine -Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen -Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte -über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, -wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher -Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften -des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern -Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung -ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die -Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den -Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten -erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und -solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten -und den König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht -bedarf, darzulegen. - -Will man ~par force~ Fehler in Carl V. auffinden -- und er ist Mensch ---, so möchte ihm +der+ vor allen aufzubürden sein, daß er seine Geburt -nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben wäre, das Glück -seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, durch Empörung -oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern sollte. Carl V. -hat in der That alle die Eigenschaften, deren Zusammentreffen in der -Person des Fürsten bei friedlicher Regierung die Blüthe des Landes auf -den möglichen Höhepunkt treiben mag, und selten wurden sie von einigen -der Schatten verdunkelt, welche ja alles Menschliche, wie erhaben es -sei, trüben. Er ist mild und herablassend, streng beflissen, seine -Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich in der Vollbringung -dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, enthaltsam in -Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen nachsichtig und -großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für Niedere wie für -Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. Sein Wort ist -ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den er offen -gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen Zusagen, -den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft verloren, -nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, was während der -Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr geleisteten -Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen hatte. -Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte sterben -müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen von -ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene -Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem -Versprechen nachkommen. - -Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben -Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, -welche den König auszeichnen, selten in seiner Erziehung. Die eigene -Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit -der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu -ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte -daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche -heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität -des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, -wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem -Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom -wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch -die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen -können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für -sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie -in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende -Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig -seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus -vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem -aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich -aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft -Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, ist -so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in Spanien -ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn gekommen, -Ähnliches aufzustellen. - -Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand -häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über -Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. und die -spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in Catalonien -und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen Fürsten -vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, dabei -freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm stets -einen edlen und entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, der -deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird -aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, wenn -man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet, -wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen -Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft -steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen -der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben -konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus -und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang -ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen -Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf -ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne -ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines -Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und -Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt -durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem -Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden -Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge! - -Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde ein -zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein. -Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so -viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und -Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos -durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen, -hervorglänzt. - - * * * * * - -Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und -seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet -hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich, zum Generalstabe von -Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen -in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in -das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es -noch sehr an brauchbaren Officieren[9] gebrach. Mit dem Zustande des -Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß -ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer -Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den -Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt -in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse -mich dennoch angehören machten. - -Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der -Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen -Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über -jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen -hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten -sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete -Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise -sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer -Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte -sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in -einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen -gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von -Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte -er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen, -zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die -Vorposten aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst -gemäß angelegt. - -Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich -rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder -besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und -mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand -aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die -sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von -den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen -Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns -waren. - -Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu -hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des -Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand, -um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die -trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb; -ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war, -blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch -eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren -der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen -Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen -Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser -lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem -Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des -Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes -Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet, -dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht -sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe -nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln, -hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu -meinen Füßen losreißend. - -Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut -und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit, -wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte -ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür -versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase -ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend -schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen -gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer -jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten. - -Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir -gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und -den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen -Provinzen -- Guipuzcoa, Vizcaya, Alava -- enthalten nebst dem kleinen -Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem -Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa -zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren -der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier -Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete, -Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und -Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten. - -Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen, -welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch -einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur -die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir -nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch -mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich -aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und -schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen, -die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in mannigfacher -Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre -Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in -denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge -und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so -willkommene wie liebliche Abwechselung. - -Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten, -geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur, -Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre -Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen -Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von -den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß -ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen, -unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten, -in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten -wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer -jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich -sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte -derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der -wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich -unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der -spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden -Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie -oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache -- in -Spanien die Castilianische genannt -- hat in diesen Provinzen erst -während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur -als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen -Theilen ganz unbekannt. - -Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und -zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei -und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur Halsstarrigkeit -hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit -schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch -Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und -anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger -der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend -hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich -und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier, -die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist -theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre -Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen. --- Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in -jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen; -selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen -lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch -hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten, -nach sich gezogen hat. - -Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch -größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen -Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut -zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend, -wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu -machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten -fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert -wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar -der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.[10] Oft hörte ich die -leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern -ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren -und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den -stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und -Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des -Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen -und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten -oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang, -den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation -verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr -Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen[11] zu schützen, die Thaten der -Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte -Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken -seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes -für die Basken waren. - -Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich -hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete -sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich -aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und -nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich -haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre -Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der -Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im -Süden feurigen Wein erzeugt er im Überfluß; die Gebirge, mit schönen -Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die -Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete -Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des -Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung -mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr -vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen -Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher -hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen -des Krieges nähere Betrachtung. - -Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch -Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung der -Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien -- ~fueros~ --- auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen Königen den -Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein Zweifel über die -Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche der herrschenden -Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider den Willen der -Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung der Privilegien -mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als Ganzes angemessen -sein; ungerecht bleibt sie immer.[12] Man weiß, wie Don Carlos in -der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung dieser Angelegenheit -aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, weil sie ungerecht, -der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das Gefühl der Dankbarkeit -und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher beitrug, daß die Basken -für Carl V. sich erklärten. -- Die Rechte des Königreiches Navarra, -wenn auch von hoher Bedeutung, sind doch nicht so ausgedehnt, wie die -der andern drei Provinzen. - -Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der -Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der -That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar: -sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den -durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der -König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen -übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und -Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes -San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin -gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen -auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske -Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König -das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden -gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt, -so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht. -Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes -gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider -Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als -Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. -- -Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von -der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk -verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen -Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist -jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien -die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und -Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war. - -Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der -Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte, -ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter ungeheuren Aus- -und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk -verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von -ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten -der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und -Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre -Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller -Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation, -so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden. -Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs -erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen, -während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben -Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere, -ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch -weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar, -etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen -Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort -die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie -täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank. - -So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit -höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger -Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende -Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem -Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren -Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte -nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das -Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine -Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. -- Ferdinand’s Tod -beschleunigte den Sturm. - - [8] Dieser brave Officier starb den Heldentod in der kräftigsten - Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. -- In - den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- - und Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen - hohen Grad der Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele - ausgezeichnete Officiere, unter denen mehrere Fremde, Deutsche - besonders. - - [9] Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit Kurzem - in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich - damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben. - - [10] Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und Ascoytia, - zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer - wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein - junges Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte - den Namen einer Schönheit erhalten würde. - - [11] ~Negros~, Schwarze, wurden die Constitutionellen schon zur Zeit - Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener früheren - Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten, - welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand. - - [12] Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von - Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun - mit ihrer Vernichtung beschäftigt ist. - - - - -IV. - - -Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt -und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen, -daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht -des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der -Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte -ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die -feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein -Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem -General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich -anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich -näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch -standen -- oder besser lagen -- wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe -auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber, -die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und -abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit -ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen ~playeras~ --- Meeresufer-Gesänge --, die Kinder des südlichen Andalusien -verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns -herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen -über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. -- -Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns. - -In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu -schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er -die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit, -Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja -da, den er so lange herbeigewünscht, der bewähren soll, daß er würdig -ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen. - -Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die -Jäger-Compagnie[13] des Bataillons stürzte auf das Signal, in -Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde, -welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen -unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs -gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun -die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre; -zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von -häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee, -welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein -nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es -niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von -Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze ächzend, zurückgeführt zu -sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher -stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr -fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß -das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden -möchten. - -Da sprengte ein Stabsofficier heran -- ohne Zweifel bringt er die Ordre -zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts --; Aller Augen, finster -vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige -Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später -in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer -in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur -seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich, -zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt, -und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite -mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne -glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich -schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte -der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der -kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das -uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem -Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs -Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten. - -Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und -Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit, -mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge -durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen -genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und -stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die -sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete -eine Kanonenkugel über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit -lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den -Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen -derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die -englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die -Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch, -ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth -ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen -Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln -in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber -mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die -kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne -verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. -- Ha, was war das! -Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon, -welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen -und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen -jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten -betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im -nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein -englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein -Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen -furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen. - -Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen, -waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die -beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts, -nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber -fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete, -was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter -Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher -Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder -hüpften die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die -Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller -Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes -hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt -empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit -Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem -Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache -Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält -die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf -die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein -augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den -Tod gewiß sieht -- die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden. - -Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun -hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem -Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit -gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle -suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt! - -Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört. -Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern -Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog: -englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die -wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns -beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu -bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie -einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie -nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die -Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose, -immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich, -übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge wenige Schritte von dem -genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen: -weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken -flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln -der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den -Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht -von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in -Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere -- zum kleinen Häuflein -zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder, -und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen. - -An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als -die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch -auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg -gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der -allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten -sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über -den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein -Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes -versetzt zu sein. - - * * * * * - -Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die -rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben; -schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in -schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen -auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit -zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die -dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter ...! Sie ahnete -wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der -letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch ein Mal drückte er -lautlos mir die Hand. -- Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte -der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so -manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte -mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen, -sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit -ein neues Glück, noch zarter, sich schafft. - -Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem -Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im -fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem -kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert -und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren -- da schließen -sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene, -flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen. - - * * * * * - -Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während -des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da -unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen -hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl -erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt -für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch -den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter -Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in -seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen -Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als -Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus; -es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen -Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst -verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte. - -Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen. -Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und -dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben -und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen -verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division -des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel -gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen, -öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des -Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und -zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen -der Übermacht stets zurückziehen. - -Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem -Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land -beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck -endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren, -wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen -Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige -Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange -Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen -des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10. -zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen -entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der -von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher -Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute, -wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten -von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus -spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann -Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der -großen Heerstraße abschneiden. - -In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere -Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde -gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie -möglich zu erschweren[14]; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust, -bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem -unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand -kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer -wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu -erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart -gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie -weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung. -Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück, -in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten -sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg -zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark -drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen, -ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav -das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner -hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die -Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten, -und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu -tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen. - -Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der -Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur Rechten -lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, -da er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, -dorthin zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. -Da die Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf -der kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke -eines mit Unterholz bedeckten Hügels und ... sahen, dreißig Schritte -entfernt, ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren -die Büchsen auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, -das meinige stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb -mich bedeckend, während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in -gestrecktem Galopp davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt -und unter dem Pferde hervorgezogen -- eine Kugel hatte mir das Bein, -doch nicht gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in -die dunkeln Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir -das Schreckliche nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem -Gedanken: ich bin gefangen. - -Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung -und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die -meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! -- Da freilich hatte ich -wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch -mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers -französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel, -dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde -ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den -Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert. - -Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung -auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen; -oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und -Fuenterrabia zu nehmen, war ganz mißlungen, und er hatte lebhaft -gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz -suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr -gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das -Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone -angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin -auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher -zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen -konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit -zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige -Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren -wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in -dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu -erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth. -In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten. - -Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt, -worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des -Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten, -theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu -verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt, -keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da -Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute -später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume -und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere -sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als -ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten -beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben -trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur -der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam -nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt, -stellte ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf, -näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges -und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte -Wesen über mir -- eine Ewigkeit schienen sie mir --, dann setzte es -ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher -ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein -Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War -es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben. - -Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck -und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach -Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte -den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau -des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes; -ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die -wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres, -immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und -ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. -- -Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das -Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den -Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend, -wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer -Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich -stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der -Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem -Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug -durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so -schmal ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen -dem Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, -der gerade eine Straße, ~Pasages de Francia~ genannt, fassen konnte. -~Pasages de España~ liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur mit -seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär auf -ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu erbauen -erlaubte. - -Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls -erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich -im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf -Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald -weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und -mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten -forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder -auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem -Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten[15], fast -alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den -Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai -war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte -nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein -britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen, -ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei, -dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige -unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach -meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps -mich haltend, ~chapelgorris~ -- Rothhüte -- genannt, da sie wie wir -das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte -ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe -einschnitt. Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den -Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem -Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem -mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald -erstiegen. - -Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die -Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die -mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und -hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten -zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab -spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere: -die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich -ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle -suchend. Da machte ein helles „~quien vive?~“ das Blut mir in den Adern -gerinnen -- ich stand bewegungslos, lautlos -- nochmals ertönte nicht -dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still. -Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir -schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor -Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung -einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich -langsam mich umzudrehen: ein neues „~quien vive!~“ -- ich stand wie -vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von -der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf -den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte -das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten -Posten zu entfernen. - -Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem -Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit -dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen, -die fast mich berührend, den im Schatten eines Felsen oder Busches -Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie -später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel -der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und -körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die -doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz, -stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch -die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde. --- Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette -zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische -Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt, -von Neuem ein Gefangener. - - * * * * * - -Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich -zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht -abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „~the spy, the spy!~“ unter -den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl kalt -dem Sergeanten: „~give him to the Spaniards to shoot him~“; mit gleich -kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu folgen. Doch der -erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine andere Wendung gab. -Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier mich unterhalten, wobei -ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene Gefangene Todesstrafe -hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit vorwärts gegangen und -verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm nach Passages hinunter, -wo wir mit einigen andern Engländern mehrere Flaschen leeren mußten. -Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach San Sebastian und blieben -während der Nacht auf dem Dampfschiffe Isabel, dessen Bemannung ganz -aus Engländern bestand. Nachdem wir trotz der mir offen ausgesprochenen -Ansicht Aller, daß ich am andern Tage würde erschossen werden, bis -lange nach Mitternacht gescherzt und getrunken, schlief ich bis zum -Frühstück auf einem Sopha, worauf einer der Officiere, nachdem alle -feierlich den Abschiedstrunk mir gereicht und herzlich Gutes wünschend -meine Hand gedrückt hatten, zum Oberstlieutenant -- im Dienste -Christina’s General-Lieutenant -- Evans mich begleitete. - -Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die -Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt -wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist -umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes -und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte -er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, -sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als -Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber -Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. Ohne -dieses Mal gegen das ~half english~, das so guten Dienst mir leistete, -zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der dem Gouverneur der -Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in das mir bestimmte -Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein Spanier, mich hatte -scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande Alles, was ihm -anstand, mit Beschlag belegen lassen. - -Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in -deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei -Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter -Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für -schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, -konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, -haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas -hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch -des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, -sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren daher ein herrlicher -Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte -ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur -fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles -mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden -klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die -wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte. - -Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich -geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden -erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen -standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht -unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. -Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o -Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen -Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte. - -Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald -bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden -Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem -Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und -auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, -feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder -ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien -die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas -weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste -Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin -sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal -aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren -der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine -Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit -seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die -Gebirgsreihen, zu denen die Carlisten nach der Ankunft der englischen -Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des -Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die -Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. -Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft! - -Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen -meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende -Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht -unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian -ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind -schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst -geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke -auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe -isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, -im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben -ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine -schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, -dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt -gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach -der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian -durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach -sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. -Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage -wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite -her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher -bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur -Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe -ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten -vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an -Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s -englisch-spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger -Vertheidigung. - -Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, -durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der -Trunkenheit und wegen Insubordination[16] als Arrestanten auf dem -Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen -Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich -würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt -die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich -fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, deren -Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen Elendes -ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der Soldaten -seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er nicht mehr -den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, worauf ein -Zweiter ihm Horaz’s schönes „~dulce et decorum est pro patria mori~“ -anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen Mantel, seine -einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, erwiederte -trocken: „~sed dulcius vivere pro patria~.“ - - * * * * * - -Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre -Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt -werden. Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das -Castell, um auf dem Dampfschiffe ~la reyna gobernadora~ nach Santander -eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich -Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher -die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei -christinosche Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem -Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche -genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in -des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten -die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen -Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen -Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der -Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während -die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges -häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten -zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals -Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im -Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein -Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter -haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und -nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich -für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie -verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg -und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes. - -Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen -wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen -Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen seiner -Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase ~Wellington’s nose~ genannt -haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem Detachement, dem -er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich an Bord das -Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und Wünsche -empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte von acht -Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick englischer -Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim Fortgehen -mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich -versichern zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des -Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, -seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach -zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen -traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich -begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich -plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, -das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. -Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende -gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander -verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog. - -Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem -Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich -nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und -wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen -der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in -der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig -zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um -das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen -Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem -Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft -Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in -den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften -folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, -stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der -Weiber. - -So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. -Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt -von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage -Spaniens, nahm mich auf, oder -- noch widerlicher -- ich sah mich -mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen -Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche -Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, -die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich -füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem -Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben -wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der -Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu -meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten -und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und -den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne -Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische -Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die -nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, -wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen +genug+ geboten wird, sie -bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern. - -Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen -und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien -sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal -passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über -Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, -in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft -Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein -Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, -viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres -gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen! - -General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der -neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach Frankreich sich -zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, -Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der -interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella -vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des -Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte -Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin -ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten -der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der -müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter -Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da -nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß -sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf -den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten -auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der -Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon -berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte -als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren -Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die -Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden -Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. -Mehrere Verwundungen waren vorgekommen. - -Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster -der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir -öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache -sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so -angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde. - - [13] Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, von - denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite - -- ~de preferencia~ -- bezeichnet werden. Sie formiren an der - Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen - Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, - oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind - stets die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher - immer unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des - Bataillons, auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben - davonkommen. Die Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, - zählt einen Capitain, zwei Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. - Im Kriege führt sie natürlich oft ein Seconde-Lieutenant, in - mehreren Fällen sah ich selbst einen zweiten Sergeanten -- - Unterofficier -- die Compagnie mehrere Tage lang commandiren, - da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, ganz im - Gegensatze der Christinos, blieben. - - [14] Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und - Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn - seine Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, - worauf er einen Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die - Absolution zu ertheilen, was sogleich feierlich geschah. - - [15] Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur Weiber. Die - Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und ergriffen - die Waffen gegen ihre Unterdrücker. - - [16] Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu haben, und - weigerten sich daher, ferner zu dienen. - - - - -V. - - -Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die -allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien -im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und -- wie die Umstände es -mit sich brachten -- die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen -die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen -ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten -zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie -sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken -genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit -den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören -vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene -Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser -Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen. -Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige -Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu -verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die -Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht -solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären -des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen, -die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern -durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur -Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald -durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung -Interessirten übertönt und erstickt. - -Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu -überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so -allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen suchen, wie sehr ich -auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: -- -gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja -am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges -leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind: -in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie -unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer -Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth -gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der -Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den -Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen, -Gleiches mit Gleichem zu vergelten. - -Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils -auf ihn anwendbar, nicht auf den -- stets als blutdürstigen Tiger -bezeichneten -- General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen -sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die -Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später -abgesondert einige Zeilen zu widmen. - -Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit, -da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen und in den -andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für Carl V. zu -den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende Aufstand erstickt -werden: in allen Städten wurden Blutgerüste errichtet, die Verdächtigen -wurden eingekerkert, die mit den Waffen in der Hand Gefangenen sofort -erschossen. Wir sahen früher, wie die Anhänger der unschuldigen -Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie dort Mina, Sarsfield, -Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung wetteiferten. Sie -erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie brannten die Dörfer -der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten Saaten und Vorräthe, -schändeten die Frauen und Mädchen und opferten ohne Barmherzigkeit, -wen immer sie den carlistischen Guerrillas angehörig oder ihnen nur -günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle Don Santos Ladron, der -General, der unter Ferdinand VII. an die Spitze der Getreuen sich -gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit seinen Gefährten ward er zu -Pamplona rücklings erschossen, worauf der Mörder, seiner Schandthat -sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr Mord schnaubend als -die früheren, erließ und freudig den Entschluß des Gouvernements -ankündigte, +keinem+ Rebellen Gnade zu schenken. - -Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache -sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? -- General Eraso, -der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s -Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den -Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, -daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, -daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit -ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der -Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg -verschönern müßten. -- So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer -die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s. - -Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an -Zahl und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte -zahllose Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht -mehr dem Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie -es begehrten, die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina -und die vielen untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten -niederzumetzeln, und beantworteten seine wiederholten Anträge für -menschliche und völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch -Hohn. Zumalacarregui drohete wieder und wieder: -- neue Schlächterei! -Die Christinos hielten sich stets für die Stärkeren und daher -- sehr -logisch -- für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr -Übergewicht zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da -+durfte+ Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit -gegen den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und -gegen die Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: -er befahl zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht -getödteten Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses -ganz wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung -von zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die -Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos -bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es -gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort: -jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel -verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da -auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde --- bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art -der Kriegführung adoptirten. - -So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf -Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen; -doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete -sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch -Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem -Blutvergießen willkommenes Ende zu machen. - -Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit -allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten -wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die -Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an -carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl -ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont -hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die -Waffen tragenden Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche -Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den -feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie -nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei -ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe -plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder -und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse. - -Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen -Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die -baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit -des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der -langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der -Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde -hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende -- -unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen -der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere -- -unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer -eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth -über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den -glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete, -seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade -abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne -- und achthundert -der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone -der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los -Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche -im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während -einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der -Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen -und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern -ausdrückte, erschießen und dann die Häuser, in denen die Verwundeten -verborgen gewesen, niederbrennen ließ.[17] - -Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen, -so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die -Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen -Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu -ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie -geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und -wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale -der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die -Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um -ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren. - -Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos? -Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen -können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft -Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte, -eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn -zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte? - - * * * * * - -Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die -Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s, -den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und -Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge; -die Christinos zögerten und widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr -dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da -erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling, -ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines -Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos -beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in -Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche -Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte -Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel -ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich -schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen -Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da -gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die -Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu -ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des -allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen. - -Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör -gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch -das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war, -die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln -mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über -die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen -von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig -boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die -Christinos. Da beeilten sie sich -- Espartero im Frühjahr 1840 --, die -lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt, -und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern -angehefteten Generalordre,[18] daß fortan den Rebellen, die Widerstand -leisteten, kein Pardon gegeben werde. - -In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets -den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen -Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne -Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde -ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre -Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen -ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des -Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero -- Palillos --, getödtet -ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten -Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt -- das ungeborne -Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s, -aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben -zurückzulassen;[19] gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, -die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und -wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe -alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen -in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei -der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten -hinopferten; -- dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer -dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig! - - * * * * * - -So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend -als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung aller der tausendfach -wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen -Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich -mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten. - -Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid -erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner, -verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu -leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza, -Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele -andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden -niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers -zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn -die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde -Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude -geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und -Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die -Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden -unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte, -die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott -herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein -Feind des Volkes und litt als solcher. - -Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel -der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert -Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm -das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle -von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich -das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden -zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich -ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die -feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung die Thore zu -schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt, -schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten -erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam, -schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil, -nachdem es ihn geröstet hatte. -- Der commandirende General Mina -gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die -Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora -del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von -Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt, -eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort; -sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener -Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze -Garnison erschießen! - -Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona -jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei, -floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche -Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes -zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald -vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels, -welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls -verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod -gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der -Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die -Behörden blieben ruhige Zuschauer. - -Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei -Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca -erschossen, weil -- Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne -Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des -Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die -Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen. -Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s eine -Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern -von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die -Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen, -welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten -verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel -zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten, -seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter -der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder -stellten sich gar an dessen Spitze oder -- -- wurden ermordet. Wie -selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die -Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten -wußten! - - * * * * * - -Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß -bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut -+wehrloser+ Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich diese -Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, der sie -zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach besprochen, -durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, daß mein -Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen fordere -ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung Spanien’s -Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so wie ihre -Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen sind, -wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen -nachgekommen sind, wo sie -- so oft vergebens -- nicht die Hand zuerst -zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das -Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft -- und wieder +fast+ immer -vergebens -- haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen sie -wütheten -- sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde zu -edlerem Verfahren zu zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch -auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne! - -Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung -zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten -oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie -können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben. -Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer -dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen -Parthei und ihrer Führer[20] jeder Art gegenübergestellt, so weit -sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde -ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter -Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz -gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die -nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so -wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern -auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind. - - [17] Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er - in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges - erfuhr er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der - Garnison geblieben, erschossen seien, was natürlich den - sofortigen Tod der Christinos zur Folge hatte. - - [18] Ich las sie wiederholt. - - [19] Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General Narvaez, - wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad - gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen - solches Übermaß der Grausamkeit. - - [20] Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine Puppe, - die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei - Seite geworfen wird. - - - - -VI. - - -Früher sagte ich, daß, seit General Villareal an Graf Casa Egina’s -Statt den Oberbefehl der carlistischen Armee übernommen, eine -plötzliche Änderung des Kriegssystems eingetreten sei. Villareal -glaubte des Sieges sich zu versichern, da er, statt wie bisher, -durch allmähliches Ausbreiten der Herrschaft in dem Hauptsitze des -Aufstandes sich zu stärken, nach den andern Provinzen des Königreiches -Truppencorps entsendete, um sie zu insurrectioniren und den etwa -vorhandenen Krieges-Elementen einen festen Anhaltspunkt zu geben, wie -zur Erleichterung des auf den baskischen Provinzen lastenden Druckes -und um die Hülfsquellen von ganz Spanien sich zugänglich zu machen. -Die Expeditionen von D. Basilio Garcia, Gomez und Sanz, rasch auf -einander folgend oder gleichzeitig, waren die ersten Resultate der -neuen Politik; ich werde sie, um Verwirrung zu vermeiden, nach einander -behandeln. Später werde ich die Nachtheile zeigen, welche diese -Expeditionen, so wie sie ausgeführt wurden, nach sich ziehen mußten; -die Kühnheit und Gewandheit, die einige von ihnen bis tief in’s Innere -des feindlichen Gebietes mitten zwischen weit überlegenen Divisionen -hinführte, konnte übrigens leicht das Urtheil des Zuschauers bestechen, -und als Beweis ihrer Zweckmäßigkeit wurde angeführt, was nur für die -Bravour und Standhaftigkeit der Truppen, wie für die Vorzüge der -Anführer zeugen kann. - -Am 15. Juni passirte D. Basilio Garcia den Ebro unterhalb Logroño mit -3000 Mann Infanterie und 200 Pferden; er warf sich in die ~pinares~ -- -mit Fichtenwaldungen bedecktes Gebirgsland -- von Soria, nahm diese -Stadt und wandte sich nach zweitägigem Aufenthalte daselbst nach der -Provinz Guadalajara. Cordova hatte zu seiner Verfolgung den General -Bernuy mit 5000 Mann ausgesendet, eine zweite Colonne unter General -Aspiroz eilte von Madrid aus ihm entgegen. Don Basilio aber, gewandt -beiden Divisionen ausweichend, durchzog ganz Neu-Castilien und den -größten Theil Nieder-Aragon’s, drang in die bedeutenderen Städte, ohne -sich jedoch irgendwo festsetzen zu können, und erhob allenthalben -Contributionen und Mannschaft. Nachdem er so während zweier Monate -den Krieg bis zur Mancha getragen und zwei Mal durch seine Annäherung -Madrid in höchsten Schrecken versetzt, nahm er bei Ararzo 300 Mann -gefangen, schlug den Angriff Bernuy’s, der ihn zum ersten Male bei -Maranchon ereilte, mit schwerem Verluste zurück und langte am 26. Aug. -mit 1200 Rekruten, fast 800 Gefangenen und 240 beladenen Maulthieren -nebst bedeutenden Geldsummen in Navarra an. - - * * * * * - -Von höherem Interesse war die Expedition des General Gomez, der am 26. -Juni 1836 Amurrio in Alava mit fünf Bataillonen und zwei Escadronen, -2700 Mann Infanterie und 170 Pferden, verließ und, nachdem er am -27. die feindliche Reserve-Division unter General Tello, 6000 Mann -stark, seinen Abmarsch zu hindern bestimmt, bei Revilla gänzlich -geschlagen, in Asturias eindrang. Der Brigadier Marquis von Bóveda -begleitete ihn als Chef des Generalstabes. Er sollte in Asturias -und Galicien sich festsetzen, beide Provinzen insurrectioniren, die -dortigen carlistischen Banden um sich sammeln und organisiren und -so versuchen, sie auf den Zustand zu heben, in dem die baskischen -Provinzen sich befanden, mit denen sie durch das Gebirge von Santander -leicht in Verbindung standen; die Ausführung des Planes hätte der Sache -Christina’s verderblich werden müssen. Schon im Jahre 1835 war General -Eraso, einer der ersten und edelsten carlistischen Feldherrn, der nach -Zumalacarregui’s Tode den Oberbefehl, schon gleichfalls dem Tode -nahe, ablehnte, mit einigen Bataillonen nach Asturien vorgedrungen; -sein Versuch scheiterte jedoch an dem Grund-Typus des Charakters der -Asturianer und Galicier, der ängstlich berechnenden Vorsicht, die -ihnen, wie carlistisch sie gesinnt sein mochten, nicht erlaubte, -die Waffen zu ergreifen, wo sie sofort Übel ohne Zahl aus solchen -Schritten erwarten durften. Übrigens boten beide Provinzen große -Vortheile für die Kriegsart der Carlisten dar, da sie sehr gebirgig -und doch großentheils fruchtbar sind und unendlichen Reichthum an -Vieh haben. Dagegen ist dort das Geld sehr selten, indem der Handel -mit den Produkten des Landes trotz der günstigen Lage unbedeutend -bleibt, daher das Sprichwort: „der Galicier hat Alles im Hause, nur -kein Geld.“ In der That erzeugt das Land alle Bedürfnisse im Überfluß, -und die große Sparsamkeit der Galicier, die ihnen den Ruf des Geizes -zu Wege gebracht, macht, daß im Innern der Provinz die Bewohner eines -jeden Hauses das irgend Nöthige aus den selbst gewonnenen Produkten zu -verfertigen wissen. - -Nachdem Gomez, schon hart verfolgt, in den Gebirgen des südlichen -Asturien manövrirt, warf er sich durch einen raschen Contremarsch auf -die Hauptstadt Oviedo und ruhete dort drei Tage lang. General Espartero -war ihm mit seiner Division, 9000 Mann in 12 Bataillonen, von Vizcaya -aus gefolgt, während der General-Capitain von Alt-Castilien, General -Manso, mit 5000 Mann von Süden gegen ihn rückte; so konnte sich Gomez, -da er wenig Anklang fand, in Asturien nicht halten und wandte sich, -ein kleines dort gebildetes Bataillon zurücklassend, nach Galicien, -vereinigte einen Theil der dortigen Guerrillas und zog am 18. Juli in -die Hauptstadt, Santiago de Compostella ein, die der General-Capitain -des Königreiches geräumt hatte. Er ward dort mit hohem Enthusiasmus -empfangen und konnte sofort ein starkes Bataillon aus zuströmenden -Freiwilligen bilden. Da er jedoch nach zwei Tagen bei Annäherung der -durch General Pardiñas verstärkten Division Espartero die Stadt geräumt -hatte, blieben am Abend des ersten Marschtages noch siebenzehn Soldaten -des Bataillons übrig, da die andern nach Santiago zurückgekehrt waren. -Er durchzog, stets die feindlichen Generale täuschend, in jedem Sinne -die Provinz, glaubte aber, da die Theilnahme gering, die gegen ihn -operirenden Streitkräfte unendlich überlegen waren, sich nicht in ihr -festsetzen zu können. So kehrte er, die Feinde weit zurücklassend, nach -Asturien zurück und drang, während man in Madrid, da er in dem Winkel -Galicien’s eingeschlossen, die Nachricht seiner Vernichtung erwartete, -anfangs August’s in das Königreich Leon ein, dessen Hauptstadt er -gleichfalls besetzte. - -Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und -Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten -die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede -Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie -cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren. -Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich -Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich -machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann -verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach -gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen -beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen -Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte. - -Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große -Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen -in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte -Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre -Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht -vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000 M. -stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der -ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen, -gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf -dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn -bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.[21] Am 30. -August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung -im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen -hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen, -den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf -und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt, -Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen -und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s -die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber, -seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon -fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im -Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten -und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General -Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden -Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte. - -Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da -die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg -verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst -nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier -wohl nicht mit Grund hoffen ließ. Unendlich schlau, selbstsüchtig -und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen -die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht; -sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß -sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten, -die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und -Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender -Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf -Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl V., ob -Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den -Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg -für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem -Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und -lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier, -selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde -erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte; -denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu, -meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns -entschieden sehen. - -Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere -Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen -disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über -Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann -unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten -carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen -das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19. -bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la -Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der -Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und -trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers -Villalobos ritt der Chef der feindlichen Cavallerie, Oberst Don Diego -Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone -nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke -Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt, -den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den -Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300 -Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich -zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix -hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps -verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen -ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in -Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur -Verfolgung in Bewegung. - -Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf -Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die -Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger, -zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung -zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept. -in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in -Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße -ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept. -erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen -Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung -herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in -die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung -der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter -die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen -aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und -stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich -zurückzog, wo sie bald, 3500 M. stark mit drei Kanonen, sich ergab. -Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen -Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger -Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte. - -Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt -das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra -morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division -Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der -General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand -erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit -einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada -und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler -drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben, -wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu -beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon als -beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl V. als König. Zahlreiche -Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von allen -Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt. Damals -zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm häufig -zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich nicht -in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm nicht -nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen blieben, -sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten Rekruten -bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den feindlichen -Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und ganz nackte -Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer Armee als -dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von dem Geiste -der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die Länge nichts -erwartet werden durfte. - -Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet -und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix -entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die -Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die -royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen -ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst -warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere -Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die -Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern -der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition -zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos -einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren: -überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner -Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine -Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die -National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn -sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln. -Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez -sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben -mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter -den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit, -jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit -den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch -hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger -ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl. -Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und -unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem -Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich -im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger -allenthalben 25 und 30 ~duros~ in Silber für eine Gold-Unze -- 16 -~duros~, 84 ~francs~ -- gaben. - -Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen -General gemacht werden könnte -- er ließ die Gefangenen, wenn sie -den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen -- ist -durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die -Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn -anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen -Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft -Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit -Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung -neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst, -schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines -edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten, -gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so -viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der -Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also -seinetwegen sterben. - - * * * * * - -Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena. -General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche -parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß -einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht -hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei -Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer -Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des -schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit -zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen -Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch -seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde unter Cabrera’s -Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen -Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron -Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die -Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz -der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben -so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de -la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in -zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da -diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren. -Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf -Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana -und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz -Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte: -ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil, -der gleichfalls die Guadiana passirt hatte. - -Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald -selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes -System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in -jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division -stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher -von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit -neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt -deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den -Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und -Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der -Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie -gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen -beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete, -den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche -Spanien nach den baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum -3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo, -ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend -und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so -langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen -Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten, -die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger -der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht -organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er -die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang -in das Königreich Sevilla ein. - -Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals, -der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich -mit einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps, -und zog durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm -untergebenen Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche -von dorther über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen, -seine Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles -- ~el serrador~ --- war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß -nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt -blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte, -die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich -auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich -fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der -schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte, -war dem General Rivero übertragen. - -Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt -bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14. -Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene -von Sevilla. Vier Divisionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und -fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden -ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden, -Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen -die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda, -nahm am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen -hinter sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er -in Algeciras eindrang und San Roque und das ~campo de Gibraltar~[22] -besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet -hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen -hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das -Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder -- -30000 Thlr. -- sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus. -Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und -dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches -eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez -wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so -furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen -theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von -Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der -Nachhut abgeschnitten wurden. - -Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach -überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen -Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen -Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend -Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen -bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie -die Beute nach solcher Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien -länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten -Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der -Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden -ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen. -Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß -fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal -entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich -Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit -gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen -die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere -zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden, -an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische -Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß -die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche -machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte. - -Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am -29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch -außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana, -überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros -und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha -und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800 -Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben, -unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am -8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends -neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem -Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien -mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure -Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den ersten -Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war, -sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in -Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen -Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in -Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000 -Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und -vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24. -December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao -und entsetzte die wichtige Stadt. - -Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend -von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs -Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen -des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in -viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den -Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer -durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen -verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche -Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen -belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der -Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle -National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte; -und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen -Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde, -vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück. - -Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition -beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt -und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen -ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später -den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und -durch seine Rückkehr das Scheitern des Unternehmens auf Bilbao -veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und -Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später -ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch -die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt. - - * * * * * - -Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der -General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen -eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des -Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei -Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu -seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October -in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt, -auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte -kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen -Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21. -die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn -verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben, -worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort -operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg -gehabt. - - [21] Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als den - Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie - stets ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten. - - [22] Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf - Kanonenschußweite von der Festung angelegt. - - - - -VII. - - -Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu -erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere -Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima -ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich -versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches -Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe, -mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die -Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie -sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges -hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so -angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann. - -Da sich in dem Depot von Logroño gar keine -- auch später sehr wenige --- Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten -christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster, -achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf -das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns -das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den -Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere -andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern, -mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und -bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden -Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem -Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache -auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte; die eine -Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers, -die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem -Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten -- -die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den -höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen -Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle -- als -unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft -mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm -eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin -bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die -Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren -und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich -sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich -glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten -bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte -spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute -davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht -war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht -scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu -machen, so in Vieler Augen ihn schändend. - -Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen -abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz -genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm -und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten -uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die -Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn -zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung, -beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer -der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter Spanierinnen so -selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte -sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter: -ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen -beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns -abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden -Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem -üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr -schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen -jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders -Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin -verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit -stets leidenschaftlicher zu werden. - -Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und -Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie -die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste -Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte -dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit -und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche -Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie -als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen -Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu -mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der -eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis -zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck -des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch -weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und -sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit, -Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten -der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen -- die graziösen -Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese -Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und -schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis -die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem -Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend -führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die -Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt -ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist -die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen. - - * * * * * - -Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns -hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu -die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten -verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders, -da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd -waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu -verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern -mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere -Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging -uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell, -und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag -zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein -Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich. - -Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s -angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete -Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der -spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des höchsten Gerichtshofes -unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer, -sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland -hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs XIV. erfahren hatte, ward -nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des Hasses, den alle -Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden. D. Francisco, als er -nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das Vaterland zurückkehrte, -fand die Familien-Güter confiscirt, da sein Bruder, exaltirt liberal, -der das Majorat inne hatte, den Christinos sich angeschlossen: so -trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen, viele Monate lang wie -das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen, da er, nachdem sein -Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt war, sah er sich in -der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem Obst, welches er auf -dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine Cameraden, daß der -Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen[23] für Carl V. von -Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon carlistischem Terrain -versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach dem Hauptquartier -abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden die Anzeige zu -machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu bemächtigen, und -der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu begleiten. Als -Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an der Brücke -die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten glücklich -zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten sich des -Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst, der Besitzer -leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die Officiere -verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der arme -Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er erkannt -hatte, bei Namen zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich verrathen -sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten. Umsonst -erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten -Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden -zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt -zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes -gedenkend. - -Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier, -welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte, -dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem -in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der -Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in -der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war -er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute -sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die -Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch -Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen -büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu -seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht -gestellt -- nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft --, zum Tode -verurtheilt und erschossen. - -Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen -Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem -Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf -Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen -Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde -erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte. -Sie starb im Herbste des Jahres 1838. - - * * * * * - -Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der -Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot -mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft -lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich -auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu. -Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die -Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar -unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder -schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann -dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt -ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder -durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich. - -So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft -lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren, -welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich -mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem -trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle -die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der -Erinnerung hingeschwunden -- arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in -Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner -Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so -rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten -sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer -gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das -ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche -so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin, -nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch -der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir -den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene -liebe Zeit, in der wir nur die helle, freundlich lockende Seite des -Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der -durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter -die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit -kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen -der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den -Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte. - - [23] Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so viele - Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind. - - - - -VIII. - - -Während General Gomez Spanien durchzog, ward die Ruhe in den -Nord-Provinzen selten durch unbedeutende Operationen unterbrochen; -beide Heere schienen, auf den Erfolg der Expedition gespannt, ihre -Kräfte sparen zu wollen, da sie ja rasche Entscheidung herbeiführen -konnte. General Garcia, commandirender General des Königreiches -Navarra, bestand einzelne Kämpfe gegen die Fremdenlegion, indem er -durch rasche Bewegungen irgend einen der festen Punkte des Feindes -überraschte und zerstörte, um bei der Annäherung der Hülfs-Colonnen -in die Gebirge sich zurückzuziehen. Cordova aber war nach der -verunglückten Unternehmung bei Arlaban auf Pamplona marschirt, um -das Bastan-Thal, dessen Bewohner er der constitutionellen Regierung -geneigt wähnte, zu besetzen, dem General Evans die Hand zu reichen -und dadurch, die Carlisten von der französischen Gränze, abschneidend -sein Blokade-System zu vervollkommnen. Die Nachricht von der -Vernichtung der Division Tello durch Gomez und von dem Abmarsche -Espartero’s zur Verfolgung der Expedition zwang ihn, da Villareal am -28. Juni Peñacerrada in Alava angegriffen, in Eilmärschen dorthin -zurückzukehren. Villareal, die Belagerung dieser Veste aufgebend, zog -nach Navarra und griff am 4. Juli die Linie von Zubiri an, ward aber, -da er ein Fort derselben genommen hatte, von der Fremdenlegion und -einigen spanischen Bataillonen zum Rückzuge genöthigt. - -Nach dem fehlgeschlagenen Versuche des Feindes gegen Fuenterrabia -begnügte sich der carlistische Feldherr, durch Bedrohen der -verschiedenen Punkte auf den entgegengesetzten Theilen des -Kriegsschauplatzes die Christinos zu erschöpfenden Märschen zu zwingen; -er griff am 1. August mit funfzehn Bataillonen und sechs Geschützen -die Linie von Zubiri nochmals an, und wurde nach achtzehnstündigem -hartnäckigem Kampfe auf das Ulzama-Thal geworfen, wo die Fremdenlegion -durch empörende Ausschweifungen sich hervorthat und mehrere Dörfer -niederbrannte. Die folgende mehrmonatliche Waffenruhe war nur durch die -Operation Oraa’s auf Estella am 12. und 13. September unterbrochen. -Cordova hatte, da durch die Ereignisse von la Granja auf Verlangen -trunkener Sergeanten die Constitution verändert, seine Entlassung -eingereicht und sich nach Frankreich begeben, worauf der Oberbefehl -dem General Espartero und, da dieser krank war, interimistisch dem -General Oráa übertragen wurde, der durch eine glänzende Waffenthat sich -hervorthun wollte. Er vereinigte 16000 Mann und griff das von vier -navarresischen Bataillonen vertheidigte Estella an. Die Christinos -gelangten wiederholt bis auf die Höhen, welche die Stadt beherrschen -und warfen Granaten in sie, wurden aber stets mit dem Bajonnett -zurückgestürzt und zogen sich, nachdem sie 800 Mann geopfert, auf ihre -Linien, kräftig von den Tirailleurs und dem aufgestandenen Landvolke -verfolgt. -- In der ersten Hälfte Octobers fanden in den Linien von -San Sebastian einige Scharmützel ohne Erfolg Statt, so wie am 8. die -Engländer von der Stellung von Amezagana mit Verlust abgewiesen wurden. - -Bilbao, die bedeutendste Stadt Vizcaya’s, reich durch ausgebreiteten -Handel, an dem schiffbaren Flusse Durango, der, mit dem Nervion -vereinigt, einige Stunden entfernt in das Meer strömt, war noch in -dem Besitze der Christinos; jeder Versuch, sich ihrer zu bemächtigen, -hatte stets kraftvolle Anstrengungen der Feinde zum Entsatze veranlaßt, -der große Führer der Carlisten, General Zumalacarregui fiel vor ihren -Mauern. Villareal wollte Bilbao erobern, so ganz Vizcaya reinigen und -den feindlichen Colonnen das Eindringen in die Provinz ohne solchen -Anhaltspunkt unmöglich machen; zugleich sollte die Wegnahme der -blühenden Hafenstadt von außen her als ~conditio sine qua non~ -und Gewährleistung wichtiger Unterstützung gefordert sein. Ihre -Eroberung mußte den Carlisten großes moralisches Übergewicht geben, da -die Constitutionellen sich gewöhnt hatten, auf der Behauptung dieser -Stadt wie auf einer Lebensfrage zu bestehen; sie hätte bewiesen, daß -die carlistische Armee nicht nur in ihren Gebirgen, sondern auch -im regelmäßigen Kriege dem Feinde schon überlegen war. Daher sah, -wer in Europa Interesse für eine der Partheien hegte, mit Spannung -auf diese Belagerung. Sie wurde am 24. October 1836 von drei und -zwanzig Bataillonen unter Villareal und Eguia eröffnet, indem die -bisher blokirte Stadt eng eingeschlossen und zwei Batterien gegen sie -errichtet wurden. - -Bilbao war nur von einer Mauer umgeben, welche durch mehrere -vorliegende Forts und befestigte Klöster gedeckt wurde; 7000 Mann -vertheidigten sie. Doch beruhete die Stärke der Stadt in ihrer Lage, da -sie durch den schiffbaren Fluß, dessen Mündung das feste Portugalete -beherrscht, mit dem Meere in Verbindung steht, von wo aus sie leicht -mit allem Nöthigen versehen und kräftig unterstützt werden konnte -- -hauptsächlich durch die englische Flotte, welche ja seit dem Monate -März durch ihre Mitwirkung den Carlisten so unheilsvoll geworden war. -Auch war es unzweifelhaft, daß die Hauptarmee unter Espartero Alles -thun würde, der bedroheten Stadt Hülfe zu bringen. In der That zog -sie schon Ende Octobers über Valmaseda herbei, weshalb die Artillerie -zurückgezogen und die Belagerung in eine strenge Blokade verwandelt -wurde, während Villareal den andringenden Feind beobachtete; zwei der -am meisten avancirten Außenwerke waren bereits genommen. - -Nachdem vier Ausfälle der Besatzung gänzlich mißlungen, ward die -Belagerung am 7. mit neuer Kraft aufgenommen, zwei vorgeschobene -Werke, das Fort Bandera und ein Kapuziner-Kloster wurden genommen, am -10. S. Manez mit 300 Mann und sechs Kanonen erstürmt. Zehn Batterien -wurden gegen die Stadt oder längs dem Ufer des Flusses etablirt, um -dort die Hülfe der englischen Kriegsfahrzeuge zu verhindern, die, so -oft sich Gelegenheit bot, die carlistischen Truppen beschossen,[24] -und wiewohl das schlechte Wetter die Arbeiten sehr verzögerte, -konnten die Batterien am 17. ihr Feuer eröffnen. Ein Ausfall ward mit -Verlust abgewiesen, am 27. erstürmten ein Bataillon von Castilien -und die Compagnien des Fremden-Bataillons mit höchster Bravour das -feste Kloster San Agostin unmittelbar an der Mauer und von 600 Mann -vertheidigt. Der Sturm gegen die offene Bresche wurde unternommen. 1100 -Mann gelangten bis in die hinter der Bresche aufgestellte Batterie und -tödteten die Artilleristen neben ihren Geschützen, wurden aber, da die -anderen Colonnen, anstatt mit Kraft nachzudringen, regungslos stehen -blieben, von der feindlichen Reserve wieder aus der Stadt vertrieben -und litten viel. Die Carlisten begnügten sich fortan, die Stadt zu -bewerfen und richteten ihr ganzes Streben darauf, das Durchdringen -Espartero’s zu verhindern, da der in Bilbao täglich zunehmende Mangel, -falls die Entsetzung mißlang, die Garnison zur Capitulation zwingen -mußte. - -Espartero war mit 20000 Mann von dem Thale von Mena nach Portugalete -gezogen, worauf Villareal in den Gebirgs-Stellungen sich befestigte -und am 27. und 28. November die Angriffe des Feindes abschlug, welcher -der Brücke über den Nervion sich zu bemächtigen suchte. Am 30. -November passirten die Christinos den Fluß auf einer Schiffbrücke, -welche ihnen die englischen Marine-Truppen geschlagen, und griffen -auf dem rechten Ufer, da Villareal ihnen dahin gefolgt war, am 4. und -5. December die Stellung von Asua an; mit Nachdruck empfangen und -nach starkem Verluste kehrten sie am 6. auf das linke Ufer zurück, -wo die Carlisten ihnen gegenüber sich verschanzten, dazu einen Theil -ihres Belagerungsgeschützes verwendend, wodurch sie die Einnahme der -Stadt ganz von der Niederlage Espartero’s abhängig machten. Umsonst -suchte dieser vorzudringen: er ward nach vergeblichen Scharmützeln -am 12. und den folgenden Tagen genöthigt zu weichen, zog sich am 15. -nach Portugalete zurück und ging am 19. und 20. December nochmals mit -19 Bataillonen und zwei und zwanzig Geschützen auf das rechte Ufer -des Nervion über, wo wieder Villareal seine Stellung ihm gegenüber -mit dem Belagerungsgeschütz deckte. Espartero gab die Hoffnung -des Durchdringens auf,[25] als die Ankunft der Divisionen, welche -Gomez nach sich gezogen, ihm ein furchtbares Übergewicht verlieh. -Nachdem am 22. und 23. leichte Scharmützel Statt gehabt, stürmten -am Weihnachtsabend die Christinos nach dem Plan des General Oráa -die carlistische Stellung, während 2000 Jäger in Kähnen den Fluß -hinauffuhren, die Flanke der Belagerungsarmee zu gewinnen. Von einem -entsetzlichen Schneesturm begünstigt, erstürmten die Feinde nach kurzem -Kampfe die Brücke von Luchana, gegen die sie ihre ganze Artillerie -concentrirt hatten. Die Fahrzeuge gelangten bis dahin und bemächtigten -sich nach furchtbarem Blutbade der Batterie, welche noch das -Debouchiren der Truppen verhinderte, worauf diese den Fluß passirten -und die Stellung auf den Höhen von Cabras und Arriaga stürmten. Drei -Mal gelangten die christinoschen Massen bis auf die Höhen, drei Mal -stürzten die Carlisten mit dem Bajonnett sie hinunter: beim vierten -Angriff behauptete sich Espartero im Besitze der Stellung, und die -Belagerungsarmee zog in Unordnung auf Durango zurück. Am ersten -Weihnachtstage zog das siegreiche Heer in die gerettete Stadt ein, in -der solches Elend herrschte, daß der Gouverneur am 24. dem anfragenden -Generale durch den Telegraphen meldete, wie er nur noch einen Tag sich -halten könne. - -Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen -Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten -noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde -entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres -Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen -verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn -seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. -- -In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann, -die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei -und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die -Fortschaffung unmöglich machte.[26] Espartero, der noch unentschlossen -beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als -der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen -Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes, -General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen -Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana -ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don -Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem -General Moreno übertragen wurde. - - * * * * * - -Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die -größten Vorbereitungen getroffen, um im Frühjahre die Operationen mit -entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte -Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung -sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen -diese unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten -sollte. Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in -Bilbao, von wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen -würde, während Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone -verstärkt, von San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa -besetzte, Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler -Ulzama und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die -carlistische Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei -Corps zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales --- ~de la rivera~ --, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im -südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix, -12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche -Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan -schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde, -die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein -so hätte das Ende des blutigen Kampfes +durch Waffengewalt+ mögen -vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je -zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps -zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine -neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren. - -Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit -den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn -Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung -mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen, -Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen -Evans und Rivero besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das -Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava -und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden -Divisionen sie zu decken. - -Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation -an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang -und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte, -welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort -stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero -am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte -Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an -demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu dem -Engpasse ~de las dos hermanas~. Evans griff nach leichtem Scharmützel -in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und entriß nach -blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden Carlisten das -Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen; am 16. trieb er -wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich her, und schon -standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar Hernani beherrscht; -der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen in eiligem Zuge von -den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der Infant den Seinen zu -Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und vier Geschütze von -seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf das Schlachtfeld. -Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der Anglochristinos, -umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten Flügel richtete, -die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die nächsten -englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen linken -Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht der -englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen fort, -und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts drang, -lösete sich die ganze feindliche Armee in schimpflichster Verwirrung -auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern auf dem Fuße -verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen, welches in -der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und rettete -den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich fest -sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug, nahmen -vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten und -Verwundeten -- 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze -gezählt --, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100 -Gefangene. - -Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große -combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen -sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000 -Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung -getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive -denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt -waren.[27] Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15. -bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage -Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21. -nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten -theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und -belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck -dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen -die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr -eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd, -bildete es zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch -die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde, -so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt, -Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken -gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona -gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner -Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans -errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die -feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach -Tolosa vorrückte, in dem Engpasse ~de las dos hermanas~ warf und -mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb. - -So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die -baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage -geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von -Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu -neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen -der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich -gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen -in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze -des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den -Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde. - -Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, -- wozu -wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug -- -ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian -und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen -griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem -Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen -in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte -sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun, welches von vier Compagnien -mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die -Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison -behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die -Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am -Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in -welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war; -zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert -über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an, -dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie -sich hülflos abgeschnitten sah. - -So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen -und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren, -um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie -ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von -dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in -Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er -zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft -von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere -hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in -den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache. - - [24] Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so weit, - daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem - Strande zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht - selten getroffen wurde. - - [25] In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño erklärte er - die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz unmöglich. - - [26] Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher Lieutenant in - königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine Batterie - nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke feuerte. - Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition 1837. - - [27] Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine geschickten - Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht der - Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man - die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen. - - - - -IX. - - -Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die -Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren -Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da -ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht -von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung. -Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort -auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten -Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens -- am 8. -Juni 1837 -- ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen, -daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt -werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach -langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner -Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur -Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung -befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen. -Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht, -glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang -ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so -herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt -werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl -war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen. - -Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die -fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült. -Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des -Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt -war ich im Begriff, die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich -zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall -passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten -in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt -waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu -passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu -versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge -die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit -früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen. - -Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in -einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu -bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine -Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen -Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich -der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie -stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen. -Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir -einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und -wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei -die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge. - -Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze -ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu -erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig -klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen -des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln -Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die -Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines -abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt; -stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und Wünsche, bis -alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche -Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen -- sei es -durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch -über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich -konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner -Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das -Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich -betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb -mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem -linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar; -ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten -ruhend im Schatten -- ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln -pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen -und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze -Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder -des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau -in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl -ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief -ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche -Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang. - -Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das -menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre -taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das -eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken, -durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit -gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie -veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so -hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, -daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden die -verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten -Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu -vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen -Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen -Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt, -bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen! - -Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich -stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die -Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen -Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach -Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden -hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, -war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm, -traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen -suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von -unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen -Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle -ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich -zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; -ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich -nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch -seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen -auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht -ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem -niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am -Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach -Estella zu geleiten versprochen hatte. - -Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden -verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu das Glück, Niemand -auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen. -Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin, -die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet -wurden, und der Ruf der Schildwachen „~sentinela alerta~“, wie er -in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend -in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen -nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die -Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute -Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden -ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren, -entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte, -Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und -beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen -Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts -- im nächsten -Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war -unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten, -die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger, -die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das -Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder -in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft -auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer -wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte, -heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur -feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange -Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren. - - * * * * * - -Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der -vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des carlistischen -Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und -durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch -die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire -Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem -Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt, -waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und -Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig -sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten -beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in -Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar -Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia -vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser -als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit -Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem -bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten -Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit -und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das -Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen -Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte, -daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu -befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer -Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich -dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf -das schmeichelhafteste empfangen wurde. - -Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes -Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben -ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche -Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste -mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von -seiner vaterländischen Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und -Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute. -Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die -Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land -sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge -und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres Lebens -verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er der -sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl V. war -er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu durchschauen, -welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen wußten, da -sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so wie ihre -Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so viel -in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist -siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den -Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen -ihrer Verrathes-Complotte sicherten. - -Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste -Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn -Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen -Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, -erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen -sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand -sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er -sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann -in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu -beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff -Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der -königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte. - -Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach dem Dörfchen -Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur -Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am -Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und -durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald -auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit -vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend -Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir -Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm -und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während -der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete, -die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser -Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel -die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das -gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone -- es waren -ihrer drei vereinigt geblieben -- tönte durch die Stille der Nacht. -Da ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von -dem bald das bekannte „~sentinela alerta~“, weit zurück hinsterbend, -herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern -die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde -befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten -Weine seiner Umgegend bekannt. - -Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen -stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich -und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten -geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung -benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend. -Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß -hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war; -rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt -- da tönte wieder -der Wache Ruf[28], längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum -dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden -Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick -später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt -hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen -bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „~Quien vive? Quien -vive?~“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die Grenadiere -erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die Stadt hinab, wo -alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei, Trommelwirbel und -Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe Compagnie innerhalb -der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte, mit der Örtlichkeit -vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor, dessen Wache wir -unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste, welche wir gaben, von -lautem ~Viva el Rey~ begleitet zerstreute sie; fünf Minuten später war -das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia stürmte herein mit seinen -Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen, entsendete starke Patrouillen -und vermehrte durch wildes Feuer die Verwirrung des Feindes. Als der -Tag anbrach, fanden wir die Stadt in unserm Besitze, da die Garnison -mit Zurücklassung von etwa siebenzig Gefangenen in das Fort sich -geworfen hatte. Viele unserer Soldaten hatten sich plündernd durch -die Häuser zerstreut, und erst nach zwei Stunden gelang es durch -unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren und Ordnung herrschend zu -machen. - -Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte -sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga, -der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von -Lodosa, ihn beobachtete. So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben, -dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns -keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein, -Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach -Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana -zurückzukehren. -- Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer -dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte. - - * * * * * - -Einige Tage nachher ward ich vom Gen. Garcia beordert, siebenzig -Individuen der französischen Fremdenlegion, meistens Deutsche, die zu -uns übergegangen waren, nach der französischen Gränze zu geleiten, -da sie den Wunsch ausgesprochen hatten, nach ihrer Heimath entlassen -zu werden. Das aus solchen Deserteurs gebildete Bataillon, welches -mit der königlichen Expedition abmarschirt war, zeichnete sich bei -jeder Gelegenheit ebenso durch ungemessene Bravour wie durch Mangel -an Disciplin und durch Unordnungen, vor Allem Trunk und Diebereien, -aus, was natürlich nur der Schwäche der Officiere zuzuschreiben ist, -die meistens lediglich ihr pecuniäres Interesse zu fördern suchten -und selbst ihren Theil von den durch die Soldaten gestohlenen Gemüsen -und Obst empfingen, so daß mehrere von ihnen wegen Veruntreuung zu -Festungsarbeit verurtheilt werden mußten. Die Mehrzahl derselben -stammte gleichfalls von der Legion her. - -Die mir anvertrauten Leute, wenn auch roh und wild, betrugen sich ganz -zu meiner Zufriedenheit. Ich passirte anderthalb Stunden von Pamplona, -durchkreuzte längs der Zubiri-Linie das schöne Ulzama- und Bastan-Thal, -überstieg den Höhenzug der Pyrenäen und erreichte glücklich die Gränze -bei Zugarramurdi, wo ich das Detachement den französischen Posten -überlieferte. Nachdem ich einige Stunden im nahen Städtchen mit den -Officieren der dort cantonnirenden Compagnien verplaudert, ward ich -nach Spanien zurückgeleitet und mit freudigem Staunen von dem Chef des -Gränzcordons begrüßt, der, da ich -- ohne Zweifel höchst unvorsichtig --- den französischen Boden betreten, überzeugt gewesen war, daß -ich entweder auch die Provinzen verlassen wollte oder doch von den -jenseitigen Behörden an der Rückkehr würde verhindert werden. - -Langsam ging ich dann, nur von einem Burschen begleitet, auf Estella -zurück. Wieder überstieg ich jenen Gebirgszug, der durch Wildheit -zugleich und Anmuth sich auszeichnet, indem die Berge über zwei -Drittel ihrer Höhe mit reichem Laubholze bedeckt sind und zahllose -kristallhelle Quellen aus ihnen hervorsprudeln; in den Thälern aber, -die vielen Mais und Roggen erzeugen, liegen vereinzelt schöne, -reinliche Städte, deren Bewohner die echte Treuherzigkeit und Geradheit -der Gebirgsvölker entfalteten und ganz besonders gastfrei sich mir -bewiesen. Dörfer oder vereinzelte Häuser finden sich erst im Bastan -wieder, wo ich auch zuerst Truppen traf, da auf dem ganzen Striche bis -zu der Gränzlinie das Terrain hinlänglich gegen die Einfälle der Feinde -sicherte. Schon hatte ich auch den hohen Rücken überschritten, der das -Bastan- vom Ulzama-Thale scheidet, und ich ruhte vom beschwerlichen -Marsche in einem der großen, ganz carlistisch gesinnten Dörfer dieses -Thales, von dem oft nicht eine Stunde entfernt die feindliche Linie -sich hinzog. Nachdem ich mit meinem Wirthe, einem reichen Bauer, über -den Krieg und die Angelegenheiten der Provinzen, unerschöpflichen Stoff -der Unterhaltung, geplaudert, suchte ich das Bett auf und schlief -bald fest auf fünf oder sechs über einander gethürmten Wollmatratzen, -während der Bediente in einem Winkel des an meinen Alkoven stoßenden -Zimmers sein Lager ausbreitete. - -Mitternacht mochte vorbei sein, als ein dumpfes Geräusch auf der Straße -mich weckte; zugleich stürzte eine weibliche Gestalt mit fliegendem -Haare, in ein langes weißes Hemd gekleidet und ein brennendes Licht -in der Hand, in das Gemach; sie stellte sich vor mein Bett, bewegte -mit ausdrucksvoller Heftigkeit die Arme, auf Thür und Fenster deutend, -und verschwand lautlos, höchstes Entsetzen verrathend. Überrascht -sprang ich auf. Da ertönten heftige Kolbenstöße gegen die Hausthür, -der Lärm auf der Straße ward stets verworrener, und mein Thomas, der -an das Fenster geeilt war, rief mit zitternder Stimme: „~por Dios, -Señor, que son los christinos~!“ Ich flog an das Fenster: da stand -tobend und fluchend ein Haufen Bewaffneter, deren Kopfbedeckung nur -zu unzweifelhaft die verhaßten Negros erkennen ließ. In einem Sprunge -hatte ich die Thür erreicht: schon wälzte der Lärm sich die Treppe -herauf; ich eilte zum Fenster zurück; die kleine, kaum einen Fuß -breite Öffnung, wie sie oft in den Wohnungen der navarresischen Bauern -sich finden, machte Flucht unmöglich. Meine Lage, meine Gefühle waren -entsetzlich. Wieder ein Gefangener! Schon standen die Feinde auf dem -Vorplatze, wo die Frauen des Hauses, da der Wirth bereits durch die -Hinterthür entflohen, umsonst sie aufzuhalten suchten. Ich befahl -meinem Burschen, der, vor dem Kriege Mönch, zitternd mich fragte: -„Werden sie uns tödten?“ sich ruhig niederzulegen, versteckte die -Waffen und militairischen Kleidungsstücke unter das Bett und legte -mich gleichfalls nieder, nachdem ich die Depechen, welche der Chef der -Gränze als sehr wichtig für den General mir eingehändigt, oben auf den -Himmel des Bettes geworfen hatte. - -Der Lärm auf dem Vorplatze dauerte fort; ich unterschied die Bitten -der Weiber, ihre Versicherungen, kaum verständlich im gebrochenen -Castilianisch, daß in diesem Zimmer Niemand versteckt sei, worauf die -Feinde mit Lachen erwiederten, daß sie ja Niemanden suchten, daß nun -Alle eins seien. Da ward die Thür aufgerissen, und schweigend, die -Gewehre in der Hand, traten funfzehn bis zwanzig christinosche Soldaten -herein. Der Augenblick war furchtbar: halb aufgerichtet, als sei ich so -eben erwacht, sah ich mit hochklopfendem Herzen auf die Eindringlinge, -ungewiß, ob Tod, ob Gefangenschaft mein Loos sei. Sie stellten in -Ordnung ihre Gewehre an die Wand, hängten Tornister und Lederzeug daran -auf und .... verließen in ehrerbietigem Schweigen das Zimmer. Dann -hörte ich sie zum Strohboden hinaufsteigen. - -Ich sprang auf, den günstigen Augenblick zur Flucht zu benutzen, -erstaunt und nicht meinen Augen trauend. Doch Freude strahlend trat -die Wirthinn herein und erzählte weitschweifig, wie eine feindliche -Compagnie, die im nahen Fort als Garnison gestanden, mit Waffen und -Gepäck zu uns übergegangen sei; nur die Officiere und Sergeanten waren -in Thränen zurückgeblieben, da sie umsonst durch jedes Mittel die -Ausführung des rasch Beschlossenen zu hindern gesucht hatten. -- Eine -Tochter des Hauses, eine unglückliche Stumme, war, so wie sie das Bett -verlassen, zu mir geeilt, mich zu warnen, da sie die christinoschen -Soldaten erkannt hatte, während die übrigen Frauen Alles aufboten, um -mich zu retten und die gefürchteten Gäste von mir fern zu halten, in -ihrer einfachen Unwissenheit aber eben dadurch mich verrathend. Am -Morgen sah ich die Compagnie, dem Regimente von Ziguenza angehörend, -unter dem Befehle einiger Corporale zum Abmarsch formirt: schöne, -kräftige Leute, vollkommen bewaffnet und uniformirt. Da ich ein halbes -Jahr später das Commando einer Compagnie im 7. Bataillon von Castilien -erhielt, fand ich in ihr den größten Theil dieser Burschen wieder, die -den Schrecken, den sie einst mir verursacht, durch treuste Hingebung zu -vergelten suchten. - -Als ich im Anfange Julis in Estella anlangte, hatte sich General -Uranga mit dem Operations-Corps nach dem westlichen Vizcaya gezogen, -und Espartero, eine neue Expedition fürchtend, war ihm auf das -~valle de Mena~ gefolgt, während Iriarte in der Rivera mit acht -Bataillonen und der Baron das Antas mit seiner Division in Vitoria -stehen blieb. Bald kehrte Espartero nach Logroño zurück und marschirte -schon am 8. Juli mit zwei Divisionen über Soria auf Guadalajara, -da er Ordre erhielt, Madrid gegen den Vormarsch der königlichen -Expedition zu decken. Uranga beschleunigte den Abmarsch eines andern -Corps, welches die gänzliche Entblößung Alt-Castilien’s von Truppen -benutzen und der Armee des Königs eine Diversion machen sollte, da -alle disponibeln Streitkräfte der Christinos auf sie sich geworfen -hatten. Da es natürlich mein innigster Wunsch sein mußte, jetzt, da die -Schwäche beider Heere in den Nordprovinzen keine bedeutenden Kämpfe -erwarten ließ, dieser Division mich anzuschließen, erreichte ich, zum -Generalstabe derselben bestimmt zu werden, und ward von dem General -Zariategui mit Herzlichkeit aufgenommen. - -Nie sah ich so hohe, freudige Begeisterung die Truppen beleben, nie -fühlte ich selbst so ganz ihre Alles überwindende Macht, wie zu jener -Zeit, da wir, eine kleine, aber auserlesene Schaar, den Krieg in das -Innere des Königreiches tragen und den übermüthigen Feind in seinem -eigenen Gebiete aufsuchen sollten. Jubelnd zogen wir Alle dahin, und -an dem Tage, an dem wir nach glorreichem Siege den Ebro passirend aus -unsern Gebirgen in die reichen Ebenen Castilien’s hinabstiegen, sah -ich manche dunkelgebräunte Wange von einer Thräne des herrlichsten -Enthusiasmus genetzt. Wenn der Krieger dasteht, fest den Choc des -Feindes erwartend, da ergreift ihn ein innerer Trotz, jeder Einzelne -sucht sich fester hinzupflanzen, als gälte es persönlich schweren -Stoß zurückzuweisen; sein Antlitz verfinstert sich, der Mund ist fest -zusammengekniffen, und vielleicht zuckt ein leichtes verächtliches -Lächeln über seine Züge, wenn er die glänzenden Escadrone heranbrausen -sieht, deren Ohnmacht er wohl kennt, und die er schon von der -unerschütterlichen Masse abprallend in wilder Flucht aufgelöset im -Geiste sieht. Rückt er aber mit Vertrauen auf seine Führer und auf sich -selbst zum entscheidenden Angriff, dann strahlt das Auge des wahren -Soldaten von innerem Feuer, sein Kopf hebt sich im Gefühle stolzen -Muthes, sein Schritt wird elastisch, und echte Begeisterung macht das -Schwierigste ihm leicht, treibt ihn, durch Gefahr und Tod Heldenruhm -und Heldenehre sich zu erkämpfen und willig dem Triumphe der gerechten -Sache sich selbst zum Opfer zu bringen. - - [28] Er wird jede Viertelstunde von dem dazu bestimmten Posten - erneuert und läuft von einem zum andern durch die ganze Chaine. - - - - -X. - - -Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien[29] bestimmte -Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter -dem Mariscal de Campo -- Generallieutenant -- Zariategui den Marsch -durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus -den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und -7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien -und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa; -das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d. h. es enthielt nur seine -Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die -Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren -zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann -Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte -Brigadier Elio. - -Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden -Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der -feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich -parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19. -setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein -starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe -Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch -erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen -neben dem Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der -Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch -Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen -Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke -bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das -Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der -General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1. -von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine -halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben. - -Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde -abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten -Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb -bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute -zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken -Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern -und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes -formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit -dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt -durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre -der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu -weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe, -von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln -übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen -schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf -mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend -und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die -feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere -Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos -überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche -Cavallerie gefangen genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht -ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete -uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in -Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in -Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand. - -Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben -Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea -auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine -tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich -wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf -dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon -bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit -aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die -Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter -Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen -auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen -wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich -von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen -Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa -vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete -die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische -Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug -antraten. - -Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter -dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine -Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit -überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den -Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß -passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar -mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit -schwerem Verluste an Menschen und Pferden, da aber zuletzt auch die -Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum -Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge, -den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone -deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer -zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front -gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität -- 50 Pferde --, der -die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von -Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone; -nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst[30] getödtet, wurden -die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre -Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen -hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten. -Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und -umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue -noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst -einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und -Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie -und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der -Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber -geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die -auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir -verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur -Rückkehr uns nöthigte. - -Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant -eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut -roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In -der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der -beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe -versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das -Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur -Zielscheibe dienten. - -Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der -unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde -waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden -St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer -der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten, -einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. -- -Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu -begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt -schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die -geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten -ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder -kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen -des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die -meisterhafte Leitung der Action. - -Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und -da der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt -hatte, bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem -Ufer des Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden -Festungen Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen ~viva -el Rey!~ betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem -Grün bedeckten Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen -Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die -Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns -zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps -unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken, -welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die -er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben. - - * * * * * - -In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General -Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu -bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern -die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu -unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie -wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder. -Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am -Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen -die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen -als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den -eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den -Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die -Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe, -hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich -lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen -mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer -Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch -wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben. - -Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade -von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der Escadron von -Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die -Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem -Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme -dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der -Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre -Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese -Junta gewirkt hat. - -Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge -zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst -Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben, -einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und -sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein -Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte. -Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen -4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich -zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und -rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor. - -Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von -Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als -Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken -von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische -Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches, -Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von -Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer -umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde -die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur -Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die -Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren -würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie hinter einem großen -Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde -ein Officier vom Generalstabe[31] beigegeben, mich traf die Brigade -Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die -Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer -sein. - -Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald -von den Kugeln der Garnison -- 1500 Mann mit acht Geschützen auf der -Mauer -- überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das -es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine -Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren -zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen. -Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen, -hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui -wieder zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den -Eingang zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich -das Gerüst errichtet; mit lautem ~viva el Rey~ stürmten wir hinauf, -von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der -Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht -gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben Augenblicke -drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die -siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh -allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob -Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden. - - * * * * * - -Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell -gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in -den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone -sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von -Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große -Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher. -Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung -Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen -Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig -allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem -Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere -nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben -aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts -ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General -die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung -herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus -der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve -abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui -war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung -des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem -General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in -dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die -andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet -werden: keine der Beiden rührte sich. - -Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die -Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später -auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut -fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der -gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar -ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben -umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand -nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab -das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen -und ~tambour battant~, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen nach -Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die -Waffensammlung und die Exercier-Geschütze ~en miniature~ der Cadetten -würden unangetastet bleiben. -- Die Erstürmung Segovia’s hatte uns etwa -200 Mann gekostet. - -So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein, -unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos, -die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen, -und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die -wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen -nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos, -wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und -manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt -von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten -Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht -selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet, -mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es -mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen -Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich -fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der -ernste Händedruck einiger ausgezeichneten Officiere des Cadetten-Corps -zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den -Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens -erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten -wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die -Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt -waren. - -Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte -mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer, -der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden -Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ, -worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf -den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger -in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche -Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während -wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener -Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache -bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der -Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir -den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat -und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen -wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese -griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben -messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm -zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte, -ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden -Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht -in solcher Lage spendend. - -Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele -tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige -zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar -aufgepflanzt waren, dann fanden wir ungeheure Magazine vor, und aus -dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die -Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung. -Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen -Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und ... ließ das -Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die -Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend, -sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß -die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie -habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere -Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren, -da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem -Bildnisse Carls V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt wurden. - -Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht -unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte: -eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den -Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie -besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer -Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie -sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte -sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das -geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren, -der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern, -und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen -findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche -die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein -gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind. - - * * * * * - -Indem das Bataillon -- in Skelett -- von Aragon in Segovia -zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten -zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid -vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward. -Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne -Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der -General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem -Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen -hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern -zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und -Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden -anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten, -die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz -das Werk Christina’s waren. - -Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen -höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal -sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand VI. die Gebirge -besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien zu verbinden. -Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug. Morgens nur -noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme aus der -Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch achtzehn -Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war. Die Stellung -war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das Terrain -faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe und -ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige -Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene -Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen -sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der, -so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden -werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck -hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich -zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren -Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der -Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von -Vizcaya über den nahen Escurial marschirte. - -Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu -jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war -bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in -der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere, -die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General -die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s -zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt -nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren -feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend -schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des -ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo --- 9000 Mann --, die Zahl der Nationalgarden -- acht Bataillone -- -und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen -die Schwäche der Division Zariategui -- in Segovia nach den im -Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und -300 Pferde schlagfertig -- und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie -berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit -gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den -Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden, -wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte. - -Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur -mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber von der Escadron -3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner -Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen -Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen -Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in -Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die -Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama -eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s, -der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz -herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war -ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der -nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig -Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte -auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges -erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der -Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den -Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge -davon war die siegreiche Schlacht beim ~villar de los navarros~. - -Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen -Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der -Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von -Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt, -aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der -genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein -großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft -aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen, -denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil -des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja -in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und -als endlich der nationale Bolero das Fest schloß, mußte unter dem -donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt -werden. - -Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher -Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem -Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der -doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen -zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und -wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren, -was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde -alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit -tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen -Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver, -mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen -Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung -der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde -ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze, -beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit, -konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die -Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte -zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes -in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der -Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur -zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt. -Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere -gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend -etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf -einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als -zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem -die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde -später durch das Assemblee-Signal wieder zur Formation gerufen zu -werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage -vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr -Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die -feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und -rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage -folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern -Stützpunkt, wieder zu gewinnen. - -Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen. -Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert -hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht -wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung -Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein -versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern -ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller -Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von -Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in -Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt, -unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde -Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in -denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren -mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung -der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie -verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die -errungenen Vortheile ganz benutzen können. - -Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und -Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts -von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl -der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber -um Mittag eine dürre Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge -reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut -sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden -Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst -zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und -die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen -den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten -rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich -die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde -durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme -durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem -Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei -des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen -rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge -Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte -und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte. -Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile -getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß -gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich -in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons -zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis -auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie -zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches -wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen, -Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun, -den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf -der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der -christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt, -nicht weiter beunruhigt wurde. - -Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie vor den -Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch -den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das -Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in -kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen -eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz -deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven -Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir -sterben mit unsern Brüdern.“ - -Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und -erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen -Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach -Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps -sich entgegen zu stellen. - - [29] Diese Expedition, als eine der interessantesten und da meine - Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich - weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild - unserer Kriegesart zu geben vermag. - - [30] Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs und - zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er - vom Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem - nächsten Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser - stach ihn trotz dem Zurufe zweier heransprengender Officiere - erbarmungslos nieder. Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, - lag der Leichnam, ein Bild männlicher Kraft, ganz nackt neben - dem Wege. - - [31] Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, war - meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe - sehr schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und - Artillerie-Officieren deren Geschäfte mit übernehmen mußten. - Bei der Expedition Zariategui befand sich ein Ingenieur und ein - Officier der Artillerie, der bald getödtet wurde. Übrigens zogen - die Generalstabs-Officiere die höchste Eifersucht der andern - Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen Unternehmen - gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter - Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet - und drei schwer verwundet. - - - - -XI. - - -Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in -beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich -vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag, -Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht -in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch -da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich -empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch -unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch -der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien --- 250 Mann, -- vier Compagnien von Alava und anderen vier von -Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden -Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien -von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen -zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne -Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie -seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt. - -Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse -in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten -Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo -und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war -eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500 M. stark, -versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas -beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des -Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden -Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr -abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie bei -Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu -besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen. - -Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo -seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren, -hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann -in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen -beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen -Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit -Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es -uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten -- ein -einziger Posten war ausgestellt -- einen seinen Blicken offenen Grund -unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg. -Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch -besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte, -während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so -wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das -Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen -würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war -Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu -unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe -antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen -sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf -hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und -wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn -nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte -empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete -Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig -gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra -dort ankam, fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich -ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare -Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde, -sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine -Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und -trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her. -Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke -angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die -Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone -auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete; -wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher -Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des -Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren -die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre -Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem -Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und -Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper -beide Divisionen befehligte. - -Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen, -kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de -los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann -sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern -beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf -funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich, -und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl V. die -Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke der -Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in Salas -zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet -werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich, -wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen wir vor el Burgo de Osma, -ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein Fort, -aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef ~du -jour~ ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben war, die -Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines gegenüber -liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei dem ersten -Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden ein, so daß -über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen Aufpflanzung, die -auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes geschehen mußte, die -Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison, zwei Compagnien, -mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So Herren der ganzen -Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen, irgend eine -Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma, welches auf -der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und Arando de -Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid mit der -Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern umgebene -Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war; das -als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem -Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die -neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort -in Ruhe zu üben und auszubilden. - - * * * * * - -Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen -verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur -zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den -vorfallenden Geschäften, d. h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und -Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen -Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze -und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren -Bereich. Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem -Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant -Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des -5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma -erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und -zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren. - -Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma -entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück -und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte -ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana -den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland, -mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste -Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten -benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um -dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung -kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem -schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog -und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war, -ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff war -fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem Quaste -auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke bog, -ertönte ein wilder Schrei: „~los facciosos, los facciosos~!“ Die Damen -kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener Behendigkeit -rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers, die so eben -zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten in Carriere -der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die Truppen -unmittelbar mir folgten. - -Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein, -die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer -sich hinwandten, von der einige Schüsse mich kurz halten machten. -Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und -kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und -forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein -vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte, -jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde -verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an, -wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen -kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick -reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich -wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter -mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald -den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten -diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit -Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines -Thieres zu schonen. - -Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe; -die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde -postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald -erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige -Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere -Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen: -die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie -mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die -Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß -retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem -Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir, -seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich -unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch -den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt -zurück. Bis dicht vor die Stadt setzten wir die Verfolgung fort und -nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir -fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger -anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger -auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von -dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers -einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen -konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf -Aranda zurück. - -Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich -ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des -Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte -er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich -meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen -wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich -selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir -durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles -englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt, -mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen -könne. - -Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung -bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei -Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt -zu machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so -daß ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, -aus dem ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen -und die in der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen -würde, wo der größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der -That gelangte ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an -eines jener Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig -Fuß über dem Boden befindlichen Fenster empor. Nach wiederholtem -Klopfen antwortete zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der -Versicherung, daß sie persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich -die Drohung, das Haus in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. -Das Fenster flog auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes -Mädchen, kaum mit dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit -bärtigen Grenadieren gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb -ohnmächtig auf einen Stuhl sinkend: „~caballero, por Dios!~“[32] mir -zuhauchte, erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume -sie zu führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug -gewesen war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt -bei dem ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, -welche einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; -mehrere Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen -Mädchens, einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals -im väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen -Scenen jener Nacht lachte. - -Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache, -die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch -hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein -lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und -die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe -Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte -die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne -an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte -ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine -Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen donnerte: wir -standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem -uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei -meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte -zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten -Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir --- uns schien die Zeit eine Ewigkeit -- ein schützendes Seitengäßchen -erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald -mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser -gezogen und den Wundärzten übergeben. - -Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche, -die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme -eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls -befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders -günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am -wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren -konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten -aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden. -Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort -angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts -ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren -Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich, -die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie -sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch -solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die -Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem -letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und -ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder -Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns -empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter -der dann der regelmäßigere Bau der Batterie vor sich gehen konnte. -Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der -Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen -Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von -denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der -andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das -Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand, -die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so -wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett -kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab. - -Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen -großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben -wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone -heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun -die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt -hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten -Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu -belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit -Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug -unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer -ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden -in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und -am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am -Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten -unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die -Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort, -die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet -und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl -Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als -Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls erstürmt waren, in -Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos -zuführte. - -Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden -Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige -Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen -Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom -Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt, -aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten; -rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der -Verwundeten -- es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief -dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren -Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer -Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach -nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde -später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der -Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft -laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz -unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht -aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle -geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich -werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln -getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen -oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur -noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage -unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog. - -Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft, -stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen -Tribut ab. - - * * * * * - -Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem -ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig -Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf -Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten -trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach -dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die -Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier -jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt -am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk, -daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen -Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch -weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander, -von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert -als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf -von den Freiwilligen ~à vive force~ genommen wären. Da der Stadt die -gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am -Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die -Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster -gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt, -wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden, -niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade -verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten -der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als -letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia -wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war. - -Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben; -da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die -feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das -Volk, daß wir nun bleibend Castilien eroberten und schnell den -Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich -kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere -Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie, -lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche -Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der -moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich, -und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen -rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns -selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s, -wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den -verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen. -Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen -zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren! - -Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des -Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung -empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue -durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus -der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge, -die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die -Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten -Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es -wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen -Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre -zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen -Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des -Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda -errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade -zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer -des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer Bataillone finstere -Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach. -Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch -ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet, -wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung -benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand, -indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt -bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das -gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht, -sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert, -ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials -erinnert würden. - -Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid -entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die -Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten -Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn -schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort -befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter -der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet -waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt -und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis -Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald -ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar -neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit -Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als -wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt -zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke -erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder -Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode -bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die -wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als -Hauptstadt der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und -35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur -Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu -cerniren. - -Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes, -Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu -verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter -ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie -hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu -denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen -Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem -Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt -war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht -und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie -erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich -erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen -und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte -das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete -sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den -Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald -der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze -mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui -allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet -unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat -wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die -Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von -ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit -sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele -Beamte und frühere Officiere Ferdinands VII., ja Isabella’s, endlich -gar einige, die gegen uns unter den Waffen gestanden und spät erst -aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren glänzenden -Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten sie sich -unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr Ehrfurcht -noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in ihrer -Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche alte -Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre -Dienste an. - -Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote -standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen, -zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren. -Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen, -die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des -Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt, -während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen, -mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind -sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig, -und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche -Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel -etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches -Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der -National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen -untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort -sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern -sich herablassend, zu uns übergingen. - -Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die -Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative -augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui -mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb -zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde. -Gewiß war es ein großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage -der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die -feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie -mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit -der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte -zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort -wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung -gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung, -die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen -den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich -wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu -erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz -glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch -Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war, -durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand -wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören. - -Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora -und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner -Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten -Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und -Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die -junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes -zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie -den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen -mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand -unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone -- -von Valladolid genannt -- errichtet werden, wiewohl auf besondern -Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg -noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten -erheischen werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig -halte, das Schwerste für Carl V. mit Freudigkeit zu ertragen, -zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone -haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen -Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit -heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der -Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch -die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über -sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen -ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten. - -Der Charakter des Alt-Castilianers,[33] dieses Kernes der aus so vielen -heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird -am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten -berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig -erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen -Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet, -mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf -ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier -tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern -als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den -in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der -Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und -Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch -innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern -Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich -die Alt-Castilianer gleich stellen. Der Bewohner Neu-Castiliens ist -in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen -und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort -und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer -aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er -das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er -Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach -und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns -und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck. -Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt -dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit -durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung -des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein -glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er -gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit -und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz -verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch; -Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen -Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu -ersetzen. - - * * * * * - -Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier, -wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer -ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über -alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder -Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes -Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer -am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha -in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von -unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt und -roh -- ~los indios de la nacion~ genannt -- den Rang ihnen streitig -machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende Intelligenz -entscheidet. - - * * * * * - -Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die -Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und -behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen, -die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich -mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in -unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich -liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die -so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu -erzählen wußten, den -- die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend --- ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle -großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter -tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem -Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen -Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit -Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik -das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und -von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit -verdankten! - -Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht -fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele: -die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und ... -Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid. -So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben -ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de -Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große -Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so würde er zu -rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt -zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben -und damit den Krieg beendet haben. -- Zariategui, es ist wahr, hat in -den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die -Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die -Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat -in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun. -Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien -durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch -sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen -abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu -lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche -des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den -Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division -Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn -nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene -Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken -verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was -natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge -haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter, -der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des -königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der -Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war -der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der -Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt -entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen. - -Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher -Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar -geworden war: während der acht Tage, die wir üppig in Valladolid -zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber -zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen -Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den -Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue -Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen -einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit -zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die -allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln. - -Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über -die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation -des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken -kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke -Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um -Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von -Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben, -daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen. - -Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner -erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch[34] wild durch die -Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich -hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio -besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum -eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft -anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen -und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze -auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den Straßen flog Alles -in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten -Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage -zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit -finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich -und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen -auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch -ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze -zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte. - -Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche -dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten -es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der -Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit -treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche -Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor -und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie -erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche -Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen, -der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten -und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster -und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen, -Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. -Da tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter -der Ruf: ~viva el Rey~! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu -werfen, aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. -Eine neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. -Plötzlich stürzte ein Officier mit lautem ~viva Carlos quinto~ auf den -feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine -halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde; -eine Sekunde später hatten die Navarresen die Feinde durchbrochen, -vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde -genommen. - -Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie -in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die -Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb -und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr -sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt. -Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der -Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit -dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen, -längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich -nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung -trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben. -Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division -angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt -um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und -noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen -sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter -der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die -Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains -nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der -Stadt uns zurück, indem Valencia[35] die Nachhut übernahm. - -Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen -Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen Truppen -unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer -ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten, -schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln -und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust. -Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen -Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen -herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg -ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von -Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die -ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig -Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem -Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in -etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir -einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1. -Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns -gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid. - -Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden -wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte. -Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit -jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die -Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen -lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und -in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen -käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die -Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer -an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte -sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und -schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de -Duero ein. Der Unglücksbote hatte die Meldung von dem Rückzuge des -königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre -gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten. - -Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen, -zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie -vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder -kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so -glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und -Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber -auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle -gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon -an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem -ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus -zwei Compagnien Peseteros[36] bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf -beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich -sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn -sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender -wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten -Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein -hoffte. - -Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom -linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete -einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt -auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die -7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns -in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem -Corps des Königs zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir -die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner -Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke -einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen, -und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die -Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der -Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite -ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den -Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh. -Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone -eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig -Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer -gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu -schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu -erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke -angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen. -Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia -das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien -aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze -und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das -brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der -General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort -„Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren -vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen -ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und -debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt -vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen; -schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt, -als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten, -unter furchtbarem Kugelregen die Geschütze einhängten und, auf die -Maulthiere[37] sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den -Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen! -Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen -zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre -Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab. - -Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang -noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch -seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug ~en échelons~ antrat, von unsern -Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine Escadron -des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes zu uns -gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr nach -Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort. - - [32] ~caballero~ entspricht dem ~true gentleman~ der Engländer. - - [33] Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien stets als - Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz - gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für - sich. - - [34] ~la generala~ wird nur geschlagen, wenn der Feind vor den Thoren - steht, daher bei Überfällen u. s. w. - - [35] Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen Expedition - besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt, - und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch - Aragonesen und Castilianer ersetzt. - - [36] Freicorps, so genannt, weil sie eine ~peseta~ -- vier Realen -- - Sold erhielten. - - [37] Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen Maulthieren - bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen. - - - - -XII. - - -Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und -Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18 -Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und -1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der -Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können, -daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der -Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche -Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte -denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des -Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen -Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden. - -Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen -Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000 -Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro -ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein; -noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten -über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung -vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken -ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde, -sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum -Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer -gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon, -der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen -zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde -wurden zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward -schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen, -den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen -Wunden. - -Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach -durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef -des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung -als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes -die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte. -Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen -blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene -Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark, -sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei -Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die -französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone -gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet -hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad, -da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe -verwundet, starb nach wenigen Tagen. - -Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache, -für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon -seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig -nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem -kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht -die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da -doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das -Hauptquartier war von zahllosen ~ojalateros~[38], Officieren und -Angestellten, die essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich -auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage -mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren, -während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys, -die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen -über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer -Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche -4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich -allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen -und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem -Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden, -die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen, -theils gefangen. - -Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und -vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen -von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und -Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der -feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von -Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade -Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s -nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps -bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die -dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der -Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten -und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit -einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen -geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier -Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke -an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in -die feindlichen Lanciers einhieb. Mein armer Freund, Bernhard von -Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die -Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den -Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden -Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt -nieder. - -Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga, -welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und -durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht -mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen -außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche -Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und -die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung -der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt -wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden -Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und -auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt -fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem -Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot -zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen -eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des -nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht -achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben -ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen -sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen -sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die -Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und -Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu -ertragen wußten. - -Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden dem Ebro -zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei -Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche -Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer -an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden, -und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer -Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale, -wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten, -wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt, -nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie -beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von -dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta -von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli -eingeschlossen, der Angriff ~à vive force~ aber zurückgewiesen; -am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die -Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von -einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne -Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch -die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft -und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des -Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles -verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage -lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen, -südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur -Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von -Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die -Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den -Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war -ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft -berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln -zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen. - -Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten, -nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit -einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo -sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von -Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja, -damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die -Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich -mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von -den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu -operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens -im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten; -am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja -vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte -Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des -Gebirges von Cantavieja beschränkt. - -Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in -jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen -die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht -ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach -Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend, -bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen, -el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen -von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in -Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb -Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige -gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur -Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der -König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in -der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive -ergreifen konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann -nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von -der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach -dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen -Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es -schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe -der letzten Wochen ganz hergestellt waren. - -Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera, -als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher -er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach -Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu -die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem -Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so -treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff, -zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine -ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger -Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich -in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei -Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück. -4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen -Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen, -wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und -schon am 1. Sept. in Daroca ankam. - -Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps -die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße -gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere -Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und -rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz. -Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei -Vallecos, anderthalb Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter -der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten, -gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein -und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre -zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da ... erhielt er -Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte -- Carl V. ließ den -Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, und dieser -Augenblick kam nie wieder. - -Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die -Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur -seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen -Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid -gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt -gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In -finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller -Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß. - - * * * * * - -Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen, -welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind; -doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die -Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen -der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General -mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die -Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben -zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken -hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s -gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet. - -Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera 13000 -bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann -Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie -und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000 -Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein, -in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach -vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in -ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so -hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt -konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden. - -Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick -durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt -gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst -bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne -Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die -ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone -würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons -der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich -einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren. -Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur das -Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu proclamiren. -Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, die Bevölkerung -bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die Contrerevolution -bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee die Thore geöffnet -und von der Menge jubelnd sich empfangen fände -- das hieß in der That -zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes rechnen. Auch von der -National-Garde waren die vier letzten Bataillone durch Zwang gebildet -und bestanden durchgängig aus echt royalistisch gesinnten Männern, -Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl gelassen war, ihre -Laden zu schließen und ihre Familien, die Stadt verlassend, ins Elend -zu stürzen oder als National-Gardisten sich enrolliren zu lassen. Es -ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung später Untersuchungen -anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem Erscheinen der Carlisten -ihre Neigung für sie deutlich an den Tag gelegt und complottirt hatten, -um bei dem Angriffe für sie sich zu erklären, was natürlich allen -Widerstand beendigt hätte. - -Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die -Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt -hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den -niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin, -in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn -Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der -Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges -und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig, -vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu -werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen -gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie -er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos -den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen. - -Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten -bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie -der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“ -ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das -ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen -gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem -sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche -oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen -Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den -verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich, was -oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum -Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten. - -So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des -Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs -herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes -Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue -Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut -über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich -unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte. - - * * * * * - -Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und -Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt -täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum -19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, der -gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht vom 19. -veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen Cavallerie -bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. Mehrere -Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr Bitten die -Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers die Gewehre -nieder und gingen mit dem Rufe: ~viva Isabel segunda!~ zu ihren alten -Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den Augen Espartero’s -eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte seine Division -nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach und Vernichtung -erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem traurigsten Zustande -waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach dem Gebirge von -Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff Lorenzo’s auf -die Brücke von Aranda zurückschlug, konnten die beiden Corps in dieser -Stadt sich vereinigen. - - * * * * * - -Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem -alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten -Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke -etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so -eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten -zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung -mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten -undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen -zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich -mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen, -da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns -vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde -ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende -Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so -plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich -meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar -für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen -vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit -für thätigen Dienst ganz untauglich machte. - -Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga -übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch -an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig, -die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir -dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze -Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend, -überschritt die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro, -wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset, -und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña -genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken -der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr -langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche -aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den -Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino, -getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen, -eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die -Heilung meines Armes abzuwarten. - -Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als -Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in -angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda -zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien -selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt -hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt -erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die -ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend, -bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen --- denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen -- wie die -vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem -Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil -finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für -erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer -mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast -mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem -Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella, -von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet. -Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur Rückkehr zu seinem -Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen -würde, was nicht geschah. - -Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in -gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt -war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen -Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden -Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie -durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten, -rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die -Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit -unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen -verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst -geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant -logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den -Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann -eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo, -die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber -unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos -ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge -nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können. - -In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der -Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die -Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten -mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von -allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam -kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt. -Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der -ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da -siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische -Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer mehr ein -- -gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die -einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst -mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava -an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche -der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde, -gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht -seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den -Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend, -daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen -sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die -Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg -der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle -Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des -Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt. - -Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt -werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während -die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger -als je hingezogen wurde. - - * * * * * - -General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende -Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in -den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten, -trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von -der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt, -um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn -zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra, -hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich -Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe -Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch zwischen dem -östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche -alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze -machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich -gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen -Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der -dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich -vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die -Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte, -die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die -Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe, -und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von -Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er -früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur -Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich -erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den -Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer, -die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone -verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden, -wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen. - -Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog -wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er -beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der -Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen -verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine -Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion, -von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach -Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen -Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der -portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande hatten sein Heer -sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich -auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese -Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden -indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung -der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch -eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt. - - [38] ~ojala~, wollte Gott, daß ...! Daher Die, welche sich begnügten, - mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von den - Soldaten ~ojalateros~ genannt. - - - - -XIII. - - -Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit -der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der -anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des -plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und -endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen -zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen -der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend, -überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen -zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte -ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den -ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt -kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg -beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material -und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem -der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde -verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die -festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren, -durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes -offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch -liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch -übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner -eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das -Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde -seine furchtbaren Hindernisse entgegen! - -Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen -Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß -die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bildeten, so -große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand -nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls V. von Stufe zu -Stufe völligem Untergange zuführen mußten. - -Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen -beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen -Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern -europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von -dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch -durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der -Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer -als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde -Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen -Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der -meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren -Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche -mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens -übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit -den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart. - -Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in -der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und -thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt -zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie -schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu -finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit -gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der -Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten -Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um -wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der -persönlichen Gewandtheit und Kraft als des Führers weisen Anordnungen. -Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der -Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch -durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe -den Sieg hoffen muß. - -So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt; -aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten -Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer -militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen -wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung -ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer -Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas -sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer -Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig -handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die -Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit -sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau, -thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und -Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird, -augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die -unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen -und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge -sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen. - -Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die -Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es -durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen -seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen, -Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer -mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet, -nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden, -was die Erfahrung von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der -Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die -Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie -ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden. -Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht, -als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz -sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben -anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen -versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu -senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in -welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für -besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt, -von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken -wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth, -und das beliebte ~no importa~ setzt ihn über Alles hinweg, was -dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine -Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger -Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt -findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere -Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge -vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der -Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst -unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich -Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles, -während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten -Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile -opfern müßte. - -Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die -Vertheidiger Carls V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die -Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die -Siege, welche sie über die in die Formen europäischer Organisation und -Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich -gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des -Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche -Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten -durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten -und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von -denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern -Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt -von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die -Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler -sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer -Macht wurden. - -In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die -Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander -geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen -Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen -müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne -Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s -fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und -bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch -die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer, -die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen -Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit -aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der -Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya -vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr -mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich -sein mußte. - -Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes -folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in weiten Windungen durch -unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die -Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken -möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter -Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und -kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich -hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen -bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und -heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset. -Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit -sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken -überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen. - -Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche -Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen -geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente -die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet -nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in -der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem -Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die -Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort -aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen. -Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf -den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses -Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind -dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine -Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und -gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich -schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen -und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage -seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das -der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der -Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können! - -Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der -allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte. -Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem -kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters, -führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf -seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen -erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere -der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die -Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz -wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie -harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht -selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen -ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich -zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er -interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch -unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche -augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten -durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta -der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen -und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn -viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch -Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich -scheinen würden. - -Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er -sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne -Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie -die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da -sie jede Schlucht und jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig -waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und -Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern -voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den -Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte -der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein -Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes -und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter -herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte -der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem -Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze -Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten. - -Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten -zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch -schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht -der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt -hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete, -hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den -baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das -materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes -geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen -Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles -Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war -in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte -Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der -Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor -sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im -Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge -nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die -Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwandelte. -Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf -mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege -mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem -versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und -mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten -waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz -vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der -Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen -sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden -hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die -Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch -Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß -ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte -seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen. - -Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den -Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen -und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen -und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden, -die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden -sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen -Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des -Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen -waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das -von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den -Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der -ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um -den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen -Interessen ganz bei Seite setzt. - -In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig für die -Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner -erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der -Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit -hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus -ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische -Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der -Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht -und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie -stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen, -um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen -unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für -irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren. - -Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die -obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen, -vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte -Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe, -was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie -ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer -erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes; -da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist -seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er -gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige -Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen. -Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung -oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der -Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da, -machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte -bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von -mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben, während seine ganze Macht -selten zu 8000 Mann stieg. -- Eben dieser General sah sich später an -der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater -seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend -Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land -zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da -wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine -Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando -niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte. - - * * * * * - -Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten -der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der -französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der -durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos. - -Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von -Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie -zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten, -längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer -Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen -von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs -war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den -Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von -Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von -Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter -Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das -Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich -erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet -waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig -Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee -fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte von Salpeter zur -Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die -Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die -von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die -Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen, -welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund -für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor -Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre, -wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in -ähnlicher Lage gewesen wären. - -Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die -Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er -über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die -Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu -beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß -auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen -Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern -Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu -befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit -unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie -unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag -nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung, -so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche -Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich -anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen -läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen -zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister -im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen -und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten -Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer, -die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und die Minister in -Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr -rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte -auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des -großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General -den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und -die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben, -war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen -erleichtern konnten. - - * * * * * - -Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains -und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse -endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen -befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der -Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören -jener Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls V. -eingeleitet ward. - -Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des -baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann -das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit -festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet -wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem -einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten -Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die -Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie -fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des -baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte, -freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui -verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm -gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein -Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung -der äußersten Beschwerden anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie -mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein -Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte -Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten -seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen -Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung -verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam -und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den -Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen -Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit -- und sie in ihrer -höchsten Strenge -- war der einzige Leitstern seiner Handlungen, -Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem -Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit -und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das -Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten. - -Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich -ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und -ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete -Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die -Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde, -nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl, -ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche -in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer, -welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die -Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität -sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter -ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen -Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der -nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der -ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit -Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das -Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder -Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus, -welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet -waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge -Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja -stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter -Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille -entsprangen rasch aus solcher Wurzel. - -Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von -Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen -zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft -hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet -werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die, -kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde -entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen -bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über -siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur -durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion -für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da -sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in -Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien -zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen -und verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken -nie verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte, -konnte doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden, -der die ersten Vertheidiger Carls V. unwiderstehlich machte. Sie wurden -täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten -mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges gegen -die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen -Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den -Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu -betrachten. - -Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil. -Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes -seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu -schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende -desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um -nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die -er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage -der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer -die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an -ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben -hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für -die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum -dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande, -unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr; -der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde, -und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß -allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer -den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden -den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen -und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie -selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen -zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr -Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn -das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu -werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch -bedeutende Erfolge, wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit -zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung -dieses Zustandes zu beleben. - -Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich -schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche -Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so -wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr -ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten; -daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe -die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun -wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren -versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten, -Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst -gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst -blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das -geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit -des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der -carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener -Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen. - - * * * * * - -Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken -an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern, -wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint; -es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt -wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen -der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel -von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges -entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt waren, -anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden -Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die -Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so -unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten -alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes -Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen -Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist, -wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen -und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge, -oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante -Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre -Verhältnisse etwas näher zu betrachten. - -Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ, -gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den -Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen, -ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos -in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu -entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl -ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche -bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen -Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain, -dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist -natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente -fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die -Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger -aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen -Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition, -um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht -auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und -Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im -Besitze von Anhaltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt -die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die -Carlisten im Auge zu behalten. - -Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben, -die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen, -und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich -zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern -entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden. -Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und -die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden -Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen -sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab; -wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen, -welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten -und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in -die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie -nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die -nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen -Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die -Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie -einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem -Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief, -und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und -Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt. - -Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt -zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene -Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen -Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich -ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit -vollendet sein, wenn schon andere Corps da sind, die Niederlage ihrer -Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern. -Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten, -von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken? -Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod -gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden, -oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo -keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen -ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt -also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es -aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß. - -Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig -und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der -Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche -Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen -Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner -ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen? -Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung -so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte, -kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln -mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen -zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der -Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich -anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen -des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des -Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische -aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht -mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr -aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu -widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn er dies -bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der -Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf -schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe. - -Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie -unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann -sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden, -sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen, -den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum -Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu -durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des -Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald -wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und -dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so -ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen. - -Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale -gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es -denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie -der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben -konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und -Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts -Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen -Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui -später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in -Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen -Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der -carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch -zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen -Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während -die Expeditionen gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des -Krieges herbeiführen mußten -- was gethan werden konnte, hat das Jahr -1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, -- -daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich -schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer -besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf -fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen -Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem -Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim -Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer -Kraft sich zu widersetzen. - - * * * * * - -Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände, -welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so -kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht -zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst -Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen -viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen -sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der +Tod des -großen Zumalacarregui+ und die +Unzulänglichkeit+ seiner Nachfolger -im Commando, wodurch der +Eifersucht+ und den bis dahin stummen -+Intriguen+ der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der Provinzen auf -einander, der in schwächender +Uneinigkeit+ und +Unzufriedenheit+ -sich kund gab; die +Erschöpfung+ des Landes und der +Überdruß+ der -Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der drückende +Geldmangel+; -die +Elemente+, aus denen später die Truppen bestanden; endlich die -+Expeditionen+. - - - - -XIV. - - -Seit der Rückkehr der Armee nach den Nordprovinzen waren mit dem -lebhaftesten Eifer und Thätigkeit die Organisation und neue Ausrüstung -der Bataillone betrieben, und ganz besonders wurde gearbeitet, die -Corps von Castilien, bestimmt, schnell wieder den Ebro zu neuer -Expedition zu passiren, auf den besten Fuß zu setzen. Die Truppen waren -abgerissen und von Allem entblößt angelangt, weshalb die königlichen -Fabriken mit nie gesehener Lebhaftigkeit mit der Anfertigung von -Waffen und Munition beschäftigt wurden, während von Frankreich große -Quantitäten Tuch, Schuhzeug, Schwefel und Salpeter so wie die zur -Ergänzung der Escadronen nöthigen Pferde ankamen. Zugleich wurden -die vielen aus Castilien durch Zariategui hergeführten Rekruten -einexercirt, und die Anführer strebten, die im Sommer etwas geschwächte -Kriegszucht wiederherzustellen, und so den Erfolg der neuen Operationen -zu erleichtern. Da meine Wunde geheilt war, bat ich gegen Ende -Novembers um Bestimmung zu einem der castilianischen Bataillone, um mit -diesen auszuziehen und dadurch mehr Gelegenheit zu thätigem Wirken zu -erhalten, als ich nördlich vom Ebro erwarten durfte; die 6. Compagnie -des 7. Bataillons von Castilien ward mir als ältesten Premierlieutenant -anvertraut, da der Capitain in einem Scharmützel bei Bilbao kurz vorher -getödtet war. - -Am 19. December musterte der König das aus 12 Bataillonen zu 500 Mann -und aus 5 Escadronen bestehende Corps von Castilien zwischen Amurrio -und Llodio. Hohe Hoffnungen erregte der Anblick dieser schönen Truppen, -die glänzend equipirt, wie nie zuvor die Carlisten, und aus jungen, -kraftvollen Kriegern, die meistens lange erprobt, zusammengesetzt, -mit enthusiastischen Viva’s ihren König begrüßten und jubelnd die -Nachricht empfingen, daß sie wiederum ausziehen würden, den gehaßten -Feind aufzusuchen und die Befreiung der noch unter seinem Joche -seufzenden vaterländischen Provinzen zu versuchen. Die dritte Division -setzte sich sofort in Marsch, durchkreuzte schnell in zwei Colonnen -Guipozcoa und Navarra und vereinigte sich am 27. Dec. in der Gegend -von los Arcos mit der Cavallerie, die auf dem beschlossenen Zuge sie -begleiten sollte. - -Ein Tagesbefehl des Mariscal de Campo D. Basilio Garcia verkündete -am folgenden Morgen der Division, daß er mit Stolz den ehrenvollen -Auftrag übernommen habe, dem ersehnten Kampfe gegen die Schaaren -der Revolution sie zuzuführen. Er empfahl den Chefs und Officieren -die Aufrechterhaltung der strengsten Disciplin und drohete harte -Strafe denen, welche Ausschweifungen oder sonstige Beleidigungen -gegen Bauer und Bürger sich zu Schulden kommen ließen. Mehr durch -unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen, als -durch hohe kriegerische Talente ausgezeichnet besaß Don Basilio den Ruf -persönlicher Bravour, und das Glück, durch das er von seiner ersten -kurzen Expedition im Jahre 1836 mit Beute reich beladen nebst vielen -Rekruten zurückgekommen war, hatte wohl bedeutend zu seiner jetzigen -Wahl beigetragen. Doch kann man sich nicht verhehlen, daß er sehr guter -Brigade-Chef, der in untergeordneter Stellung häufig sich hervorgethan, -nicht der schwierigen Aufgabe gewachsen war, die er über sich genommen -hatte. Der Mangel an einer hinlänglichen Zahl ergebener zugleich und -fähiger Anführer nöthigte Carl V. oft, Männer, welche ihre bisherigen -Posten glänzend ausgefüllt hatten, zu höheren zu berufen, denen ihre -Kräfte nicht mehr angemessen waren, wodurch die einen und die andern -ungenügend besetzt wurden. Don Basilio hatte nicht die Eigenschaften, -die allein in einem Unternehmen, wie die zu beginnende Expedition es -war, Erfolg ihm versprechen konnten; die traurigste Erfahrung hat -gezeigt, wie sehr es ihm an Festigkeit, raschem Überblick und kühner -Entschlossenheit gebrach, die doch so höchst wichtig, und deren Mangel -endlich den gänzlichen Untergang der ihm anvertrauten braven Division -herbeiführte. - -Der Brigadier Marquis von Santa Olalla, ein Mann von hohem Talente -und nie rastender Thätigkeit, stand an der Spitze des Generalstabes; -doch wurden seine Anstrengungen durch hohes Alter und damit verbundene -Gebrechlichkeit leider sehr gelähmt. Oberst Fulgocio, ausgezeichnet -als Edelmann, als Anführer und als Soldat, commandirte die aus den -Bataillonen 7. von Castilien und 1. von Valencia bestehende erste -Brigade, Oberst Bosque, mehr geeignet zum kleinen Guerrilla-Kriege, -in dem er sich hervorthat, als zur Leitung des regelmäßigen -Liniengefechtes, die zweite, die Bataillone 1. und 2. von Aragon in -sich fassend. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, -mit der ich unter Zariategui zusammen gefochten hatte, und 1. von -Aragon; sie zählten etwa 150 Pferde. Eine vierpfündige Bergkanone, von -Maulthieren getragen, begleitete die Division, so wie ein bedeutender -Convoy von Munition, deren Erlangung nach Passirung des Ebro nur -möglich war, wenn man dem Feinde sie entriß; funfzig Gewehrschmiede, zu -der an Waffenfabriken Mangel leidenden Armee Cabrera’s bestimmt, waren -uns aggregirt. - -Nachdem am Morgen des 28. Decembers Rationen für mehrere Tage dem -Corps ausgetheilt, langten wir Nachmittags um 4 Uhr in dem reizenden -Städtchen los Arcos an, wo die Bürgerschaft mit Wein, Speck, Stockfisch -und Brod uns erwartete; mit anbrechender Dämmerung setzten wir dem Ebro -zu uns in Marsch. Eine unendliche Menschenmenge umringte uns bei dem -Abzuge, den Freiwilligen irgend einen Leckerbissen, einige ersparte -Silbermünzen zusteckend und der Klageruf der Frauen: „~los pobres, que -ya son perdidos!~“ tönte weithin uns nach: der gesunde Verstand des -Volkes theilte nicht den Wahn, der zu bald auch in unserm Verderben -sich kund that. - -Um 9 Uhr langte die Division nach vorsichtigem Marsche auf dem Ufer des -Ebro an. Die Furth von Mendavia, zwischen den feindlichen Festungen -von Logroño und Lodosa gelegen, war zum Übergangspunkte ausersehen; -doch erklärten die Führer alsbald, daß der durch häufige Gebirgsregen -angeschwollene Fluß diese Furth, die beste der ganzen Gegend, ungangbar -gemacht habe. Eine zweite, etwas höher liegend, ward fast ohne Hoffnung -auf Erfolg aufgesucht, und bald durchlief die Reihen in leisem Gemurmel -die Nachricht, daß der Übergang schwer, aber möglich sei. Gerade um -diese Zeit verkündeten die Madrider Zeitungen jubelnd, wie nun schon -der Ebro, die sicherste Schutzwehr der christinoschen Provinzen, den -drohend vorbereiteten Einfällen der Carlisten auf lange Zeit eine -unübersteigliche Barriere entgegensetze. Schnell zeigten wir ihnen, daß -solche Hindernisse den Muth unserer braven Freiwilligen nicht brechen -konnten, daß sie die Fluthen des mit der Winterkälte verbündeten -Stromes zu überwinden vermochten, wie sie sich nicht scheuten, den -Massen der Revolutionsheere zu trotzen. - -Es war eine jener trüben, stürmisch kalten Nächte, welche in den -Gebirgen Spanien’s so oft in nordisches Clima uns zu versetzen -schienen. Finsteres Gewölk, schwer auf einander gethürmt, durchflog den -Horizont, tausend phantastische Gebilde an einander reihend, zwischen -denen hie und da der matte Schein eines Sternes blinkte. Schneidender -Nordostwind führte von den Schneegefilden der Pyrenäen erstarrende -Kälte uns zu, während vor uns laut brausend der Ebro seine Wassermassen -dahin wälzte, aus denen die Wogen durch das Aufzischen weißen Schaumes -auf der dunkeln Fläche hervortraten, deren Gränze die Schatten der -Nacht dem ängstlich forschenden Auge verhüllten. Regungslos standen die -Bataillone in Colonnen formirt auf dem Ufer, mit stummen Grauen auf das -Rauschen der mächtigen Wasser horchend; ich gedachte der Lieben in der -schönen friedlichen Heimath: ob ich wohl je sie wieder in die Arme -schließe! Da tönte ein Commandowort durch die lautlose Stille, und die -Jäger-Compagnien warfen sich halb entkleidet in den Fluß, um auf dem -andern Ufer Position nehmend den Übergang zu decken. In gedrängtem Zuge -folgten ihnen die übrigen Truppen. - -Keine Vorbereitung war getroffen, den Übergang der Division zu -erleichtern, und die Cavallerie, welche stromaufwärts in einer Linie -sich aufstellend die Kraft der Wogen zu brechen bestimmt war, sah -sich durch die grimmige Kälte schnell gezwungen, an das andere Ufer -zu passiren. Da drang ein langer, wilder Schrei durch die Nacht, ein -Schrei des Todes. Ungeheures Entsetzen ergriff die Herzen der stumm -in Erwartung Dastehenden, athemlos von kaltem Schauder durchrieselt, -starrten Alle auf die tobende, schäumende Fluth. Klagelaute, Weherufe -der Verzweiflung ertönten und starben, immer wiederholt, immer grauser -die Brust uns durchschneidend, stromabwärts in die Finsterniß hin. Die -unwiderstehliche Gewalt der Fluthen riß die Cameraden mit sich fort, -wir hörten ihr flehendes Jammergeschrei und konnten nicht helfen; eine -Bildsäule stand ich kraftlos, gedankenlos, jede Fiber angespannt, wie -zum eigenen Todeskampfe, mit starrem, weit offenem Auge das furchtbare -Dunkel vergeblich durchforschend; das Haar sträubte sich mir, das -einzige Mal im Leben. Da traf eine Stimme mein Ohr, meine innerste -Seele, eine liebe, theure Stimme; nein! zu gewiß war es, herzzerreißend -drang eines lieben Gefährten Hülferuf zu mir -- ich hörte, ich empfand -nichts mehr. An der Spitze meiner braven Freiwilligen fand ich mich auf -dem andern Ufer des Flusses, als das Bataillon sich dort formirte. Spät -entsann ich mich alles Geschehenen. - -Herrlich hatten sich unsere wackeren Burschen bewährt, deren -Standhaftigkeit durch das Schrecklichste nicht erschüttert wurde. -Während ihrer sterbenden Cameraden Jammergeschrei: „Ich ertrinke, um -Gottes willen, ich ertrinke!“ zu ihnen tönte und bald, dumpfer und -dumpfer werdend, im Brausen der Wogen verhallte, während erstarrte -Körper, mit Mühe dem wilden Element entrissen, durch die Reihen -leblos dem nahen Dorfe zugetragen wurden, stürzten die Compagnien -ungeschwächten Muthes mit dem Rufe: „Es lebe der König!“ in den Strom, -der ihnen gleich furchtbares Geschick drohete. Um Mitternacht befanden -sich alle Corps auf der Südseite des Ebro und richteten ihren Marsch -gegen den nahen ihm parallel laufenden Gebirgszug. - -Don Basilio entwickelte bei diesem Übergange zuerst den Mangel an -Vorsicht, der ihm so oft verderblich werden und der sehr Vielen der ihm -anvertraueten Krieger frühen, leicht vermiedenen Tod bringen sollte. -Ein bloßes Tau, als Stütze gegen den Andrang der Wassermassen über -den Fluß gespannt, hätte den Schmerz uns erspart, zwischen funfzig -und sechzig unserer Genossen, unter ihnen drei Officiere, rettungslos -fortgerissen zu sehen. Um der, Manchem bis an die Schultern reichenden -und durch grimmige Kälte doppelt gefährlichen, Fluth widerstehen zu -können, stemmten sich die Freiwilligen auf das mit aufgestecktem -Bajonnett verlängerte Gewehr, und mehrere unter ihnen wurden durch -die Ungeschicktheit, mit der Hinter- oder Nebenleute die Stütze -handhabten, in Fuß und Bein verwundet, während andere, da sie schon -den schlüpfrigen Boden unter sich schwinden fühlten, alles Lästige -in der Noth von sich werfend, überglücklich das Ufer ohne Waffen -und Gepäck erreichten. Einige wurden, durch die Kälte des Wassers -und des Windes zugleich erstarrt, als sie kaum in den Fluß getreten -waren, bewegungslos zurückgebracht, Maulthiere und Pferde wurden -fortgeschwemmt, und einzelne kühne Reiter strebten umsonst, mit eigener -Aufopferung überall Hülfe zu leisten. - -Mehr als zweihundert Mann, die schwächsten an Geist und Körper, und -fünf Officiere mit ihnen, waren, durch die Gefahr zurückgeschreckt, -in Navarra geblieben und gingen, nachdem sie die Nacht in Mendavia -zugebracht hatten, nach Estella, worauf der König die Officiere, zu -gemeinen Soldaten degradirt, zu den dortigen Bataillonen bestimmte. -Der General in Anerkennung der Festigkeit und des Enthusiasmus, welche -die Division bei dem Übergange an den Tag gelegt, schlug Sr. Majestät -vor, als Zeichen seiner königlichen Gnade eine Auszeichnungs-Medaille -ihr zu verleihen. Als die Expedition durch die gegen sie verschworenen -Elemente und die Schwächen ihres Anführers mehr, als durch der Feinde -überlegene Schaaren nach dem heldenmüthigsten Widerstande ganz -vernichtet war, als die Mehrzahl fechtend gefallen, einige, nicht -weniger rühmlich, verwundet in den Hospitälern der Christinos als -Gefangene schmachteten -- nur 250 Mann entkamen zu dem Heere Cabrera’s --- geruhete der König, den Officieren, die den Ebro passirt und dem -Tode entgangen waren, einen Grad zu verleihen. - -Unter den Schlachtopfern jener Nacht befand sich Gustav Philippron, -ein junger holländischer Officier, ausgezeichnet durch Bravour und -militairische Ausbildung wie durch seine Entschiedenheit für die Sache, -deren Vertheidigung er sich gewidmet hatte. Wenige Minuten vor seinem -Tode fand ich ihn, wie er auf einem der Maulthiere behaglich reitend -seine Compagnie der Furth zuführte, in der so eben der Übergang begann, -und lachend wünschte ich ihm Glück, daß er so das Unangenehme der Nässe -zu vermeiden gewußt. Die Mitte des Stromes hatte mein armer Freund -erreicht, als das Maulthier, auf den glatten Steinen ausgleitend, -nach kurzem Kampfe hingerissen wurde; die ihm unmittelbar folgenden -Seinen sahen den geliebten Officier in der Dunkelheit verschwinden, -hörten in der Ferne seinen durchdringenden Hülferuf und mußten hülflos -ihn hinsterben lassen, da jeder Schritt von der vorgezeichneten Bahn -gleichen unabwendbaren Tod brachte. Mehrfach hatte Philippron gegen -mich geäußert, daß er überzeugt sei, er werde im Wasser umkommen, wie -sein Vater beim Bade, sein älterer Bruder, dem Vaterlande gegen die -empörten Belgier dienend, in der Schelde ertrunken sei. -- Von Allen, -die ich liebte, und durch engere Bande mir verbunden hielt, sollte -allein ich den Untergang unserer braven Armee überleben! Glücklich -ruhen sie längst von den Mühen, die so reichlich ihnen wurden; -glücklich, da sie im glorreichen Kampfe für das, was sie als recht und -wahr erkannt, auf dem Felde der Ehre bluten durften, glücklicher noch, -daß sie nicht sehen mußten, wie Niedrigkeit und Verrath im Untergange -der gerechten Sache triumphirten. Ehre sei den Braven! - - * * * * * - -Unser kleines Corps, am Morgen nach dem Übergange den Rapporten gemäß -in allen Waffengattungen 1968 Mann stark, wandte also dem unter dem -Namen der ~pinares de Soria~ bekannten Gebirgszuge sich zu, der, als -iberisches Gebirge bei den Quellen des Ebro von dem Hauptstamme der -Pyrenäen sich losreißend, gen Südosten unter mannichfachen Benennungen -bis Unter-Aragon und Neu-Castilien sich erstreckt, wo er mit der -Sierra morena in Verbindung steht. Der König hatte dem General Cabrera -Befehl ertheilt, eine der Divisionen seiner Armee unserem Anführer zu -untergeben, damit dieser mit den vereinten Streitkräften den Krieg -nach der Mancha und den anderen Central-Provinzen Spaniens tragen -und die dort unter verschiedenen selbstständigen Partheigängern -gebildeten carlistischen Guerillas organisiren und combiniren könne, -um dem Kriege daselbst, der bisher mehr in Raub und Plünderung als im -Kampfe bestanden, regelmäßigere und entscheidendere Gestalt zu geben. -Große Schwierigkeiten bot der Auftrag. Nicht nur waren die Truppen -zu fürchten, welche, nun fast unthätig in der Mancha garnisonirend, -bei der Ankunft der Expedition Leben gewannen; selbst die Division -durften wir nicht als gefährlichsten Feind ansehen, welche 4000 Mann -Infanterie und 300 Pferde stark unter General Uribarri von Espartero -zu unserer Verfolgung gesandt war, und auf der kürzesten ihnen -offenen Marschlinie uns zuvorzukommen und abzuschneiden strebte. Die -größten Schwierigkeiten drohten uns in der offenen, ebenen Gestalt -jener Provinz, welche die Überlegenheit des Feindes und besonders die -seiner schönen Cavallerie so sehr begünstigte, wie in dem Charakter -unserer dortigen Alliirten, die gewohnt, ohne Disciplin und Zwang nach -eigenem Gutdünken zu verfahren, mit Widerwillen und selbst mit offener -Widersetzung das Joch der Kriegszucht und der festen Ordnung empfingen, -durch das Don Basilio zu Soldaten, würdig des Namens von Carlisten, sie -umzuwandeln beschloß. - -In starken Märschen eilten wir der Vereinigung mit dem Heere Cabrera’s -entgegen und zogen schon am 2. Januar in das alte Calatayud ein, unter -den Römern Hauptort der Provinz; wir hatten noch keinen Feind getroffen -und waren von den Einwohnern überall auf eine Art aufgenommen, die -ihr freudiges Erstaunen über die hohe Disciplin und die Schonung -aussprach, welche sie von den Truppen beider Partheien, die sonst in -diesen Gegenden gehauset, so selten erfahren hatten. Die Garnison von -Calatayud hatte sich nebst den National-Gardisten in das über der Stadt -angelegte Castell eingeschlossen, wo sie, da wir uns begnügten, die -nöthigen Rationen und die Contribution zu erheben, und nicht dabei -gestört wurden, ganz unangetastet blieb. Auch in den übrigen Punkten -Aragon’s, in denen wir feindliche Forts trafen, fand kein Act von -Feindseligkeit Statt; während der Nacht ruheten wir sorglos in den oft -wenige Schritte von den Verschanzungen entfernten Häusern. - -Oráa hatte sich, unser Durchdringen zu Cabrera zu verhindern, mit -einem Theile der Armee des Centrum nach Daroca und Cariñena gezogen, -wodurch wir gezwungen wurden, südlich der Provinz Cuenca uns -zuzuwenden. Da begannen die Drangsale, durch die unsere Expedition -eben so erschöpfend als unglücklich werden sollte. Himmel und Erde -verbanden sich, ihr stets besiegte, stets neu und schreckender sich -aufthürmende Hindernisse entgegenzuwerfen. Furchtbare, nie aufhörende -Regengüsse verwandelten die Wege in tiefe Sumpfgründe und machten -es fast unmöglich, den schmalen Gebirgspfaden zu folgen, deren -Schlüpfrigkeit dem Fuße keinen festen Stützpunkt mehr darbot, während -jeder Fehltritt Zerschmetterung auf den Felsen des Abgrundes drohete. -Jedes Gebirgswasser ward zum reißenden Strome, der die leichten -Brücken und Stege fortriß und nur auf Kosten der unwiederbringlichen -Zeit, oft mit Verlust von Menschenleben, überschritten werden konnte; -aus jeder Schlucht, jeder Vertiefung bildete sich ein tiefer See, zu -weiten Umwegen nöthigend und die Beschwerden der ermatteten Leute -verdoppelnd. Die elenden, weit entlegenen Dörfer reichten nicht hin, -selbst so kleiner Truppenzahl die nöthigen Lebensmittel zu liefern; -Mangel an allem Nothwendigen ward stündlich mehr fühlbar, Krankheiten -fingen an einzureißen, und die braven Freiwilligen, nach ermüdendem -Marsche zitternd von Nässe und Kälte, mußten oft auf der Straße neben -einem erlöschenden Feuer Erholung und Stärke für die Strapatzen des -folgenden Tages suchen, da die Officiere und Beamten, welche der Glanz -und Prunk liebende General in großer Zahl um sich hatte, nebst denen -der Legitimität für die Compagnien kaum einige erbärmliche Häuser frei -ließen. - -Solche das Hauptquartier begleitende, im Gefechte unsichtbare, sonst -überall sich vordrängende und Alles prätendirende Männer jedes Ranges, -wie sie fast immer die Divisionen begleiteten, wurden von den Soldaten -sehr treffend Blutigel genannt; doch saugen +sie+, wo sie einmal -sich angehängt, unersättlich, bis sie das Herzblut getrunken haben. -Eine Thatsache mag als Beispiel ihrer Selbstsucht und rücksichtslosen -Habgier angeführt sein. Die erste Sorge des spanischen Soldaten beim -Einrücken in die Ortschaften ist, die als Feldflasche ihm dienende -Bockshaut mit Wein zu füllen, dessen Entbehrung, wiewohl er nie -trunken, ihm drückender ist als die des Brodes selbst. Wie groß -mußte das Staunen unserer erschöpften Krieger sein, da sie jetzt -täglich die Thüren der Wirthshäuser durch Ordonnanzen besetzt fanden, -welche barsch mit der Erklärung sie zurückwiesen, der Wein sei auf -Befehl des Generals mit Beschlag belegt! Doch rasch verwandelte sich -dieses Staunen in drohenden Unwillen, als die Truppen erfuhren, daß -der General, weit entfernt, solchen Mißbrauch anzuordnen, gar nicht -von der Maßregel in Kenntniß gesetzt sei; daß einige Nichtsthuer zu -diesem Mittel gegriffen, um sich Wein zu sichern und ihre Taschen zu -füllen, da sie den Rest desselben, unter dem Vorwande der Ordre des -Generals den Wirthen ohne Entschädigung genommen, bei dem Abmarsche -heimlich verkauften. Don Basilio verdiente nie den sonst den spanischen -Generalen so oft mit Recht gemachten Vorwurf der Selbstsucht und des -Unterschleifes, er verabscheute das entehrende Verbrechen und strafte -es schwer: ein Oberstlieutenant und ein Civilbeamter wurden am 9. -Januar wegen unbefugter Beschlagnahme und Defraudirung von Wein vor der -Front der Division erschossen. - -Man glaube nicht, daß nur in den carlistischen Corps dergleichen -Mißbräuche sich fanden. Gewiß waren sie auch in ihnen häufig, und -besonders diejenigen Beamten, denen die Herbeischaffung der täglichen -Bedürfnisse oblag, und von deren Amte Unterschleif ja unzertrennlich -zu sein scheint, ließen die schreiendsten Räubereien durchgängig sich -zu Schulden kommen: während die Truppen in Gegenden, die an Vieh und -Getreide Überfluß hatten, oft am Nothwendigsten Mangel litten, wußten -sie ihre Koffer mit dem Golde des Landmannes zu füllen, indem sie, -mit den Magistraten den Gewinn theilend, ihn zwangen, die zehnfach -geforderten Lebensmittel in Geld zu liefern. Wohl ward hin und wieder -solch ein Erbärmlicher erschossen, aber das half für Tage kaum, während -der Unwille des seinen Unterdrückern fluchenden Volkes nie aufhören -konnte. Noch weit mehr breitete sich jedoch diese Raubmethode in -dem Heere Christina’s aus. Generale, Anführer, Officiere nahmen in -ihm an diesen Ungerechtigkeiten Theil, die vollkommene systematische -Aussaugung des Landes ward mehr noch als des Feindes Verfolgung -betrieben, und da ich als Gefangener oft in nähere Berührung mit den -Officieren der revolutionären Armee zu treten genöthigt war, ward ich -durch die Frechheit empört, mit der sie ihrer Gewandheit in solchen -Diebeskünsten wie des ehrenvollsten Talentes stets sich rühmten. - - * * * * * - -Die stets zunehmenden Drangsale bei fortwährend forcirten Märschen -mußten den Etat des kleinen Corps sehr herabbringen; eine lange Reihe -Kranker folgte auf Eseln und Maulthieren dem Zuge und Mancher, der -augenblickliche Ruhe suchend hinter dem Nachtrabe zurückblieb, fand -unter den Händen der Nationalen den Tod, während Andere, entmuthigt und -unfähig, so viele Leiden länger zu tragen, ihre Waffenbrüder verließen -und dem gehaßten Feinde sich hingaben. Die Gesänge, welche den Marsch -der spanischen Soldaten begleiten und zur Ertragung der höchsten -Beschwerden ihn ermuntern, waren längst verstummt; finsteres Schweigen -herrschte die langgedehnten Marsch-Colonnen hinab und artete fast in -die fühllose Niedergeschlagenheit aus, die dem Mann, durch physisches -und moralisches Dulden besiegt, die Kraft zum Handeln und zum Denken -raubt. Da ertönte am Morgen des 13. Januars 1838 der Ruf, feindliche -Truppen seien vor kurzem durch das Dorf gezogen, welches so eben unser -Vortrab betrat; die ersten Bataillone erhielten Befehl, im Lauftritt -vorwärts zu gehen. Neues Leben beseelte unsere Freiwilligen; das Elend, -die Mattigkeit waren vergessen, Scherze und Gesänge erschallten, und -viele Kranke selbst schlossen ihrem Corps sich an, da der ersehnte -Augenblick des Kampfes nahe schien. Bald brachte die Cavallerie etwa -vierzig Gefangene, meistens Nachzügler, zurück; wir erfuhren, daß -wir auf die von den Nordprovinzen zu unserer Verfolgung gesandte -Division gestoßen waren, welche, durch an sich gezogene Detachements -und National-Garden auf mehr als 5000 Mann verstärkt, nach Cuenca -marschirte, wo sie von den Strapatzen der letzten Wochen auszuruhen -gehofft hatte. Die beiden Divisionen hatten wenige Stunden von einander -entfernt übernachtet, ohne die geringste Nachricht davon erhalten zu -haben, so daß erst der Zufall, der auf dem Durchschnittspunkt der -beiden Marschlinien sie sich einander treffen ließ, den Generalen die -Nähe des Feindes anzeigte. - -Die Überlegenheit der Christinos bewog Don Basilio, nicht den Kampf -zu suchen, weshalb er den beschwerenden Munitions-Convoy unter dem -Schutze eines Bataillons von Aragon vorausschickte und mit den andern -drei Bataillonen und der Cavallerie, auf Alles gefaßt, langsam in -derselben Richtung folgte. Auf seine Übermacht vertrauend eilte -Uribarri gegen uns, und schnell waren die Jäger-Compagnien in lebhaftes -Feuer engagirt, während die feindliche Cavallerie unsere Rechte zu -überflügeln suchte, da dort das Terrain ihre Bewegungen gestattete. -Doch D. Basilio führte die in Masse gebildeten Bataillone, die -bedrohete Flanke durch die Escadrone deckend, bis zu einem nahen Defilé -zurück und nahm dort Position, worauf der Feind, ohne einen Versuch -zur Forcirung der starken, in der Front durch ein schroffes Ravin -geschützten Stellung zu machen, sich zurückzog und nur einige leichte -Truppen zur Beobachtung uns gegenüber ließ. - -Wenn die Division bis zum Anbruche der Dunkelheit diese Position -festgehalten hätte, so würden wir unter dem Schutze der Nacht -unsern Marsch mit Sicherheit fortgesetzt haben, ohne einem Kampfe -uns auszusetzen, dessen unglücklicher Ausgang vorher gesehen werden -und unheilsvoll auf die ganze Expedition wirken konnte. Der General -beschloß Anderes. Kaum sah er die feindlichen Truppen in einiger -Entfernung, als er den Bataillonen zu defiliren befahl, während alle -Elite-Compagnien den Rücken deckten und die beiden Escadrone auf dem -etwas freierem Terrain zu unserer Linken folgten. Bald begann wiederum -das Feuer hinter uns, ohne jedoch unsern Marsch zu unterbrechen; doch -nach und nach nahm es zu und näherte sich rasch, schon waren die -Jäger und Grenadiere nicht mehr im Stande, den stark aufdrängenden -Feind zurückzuhalten, und um 2 Uhr Nachmittags wurden die Bataillone -genöthigt, in Schlachtordnung sich aufzustellen. Kaum nahmen wir -unsern Posten auf dem äußersten linken Flügel ein, als wir eine dunkle -feindliche Masse, deren Tirailleurs-Linie unsere Jäger vor sich -her trieb, anrücken sahen; eine zweite Colonne suchte unsere Linke -zu überflügeln, weshalb zwei Compagnien entsendet wurden, sich ihr -entgegenzustellen. Als das feindliche Bataillon bis auf hundert Schritt -herangekommen, zogen seine Tirailleurs sich rechts und links, und -mit dem wilden Gebrüll, ohne daß der Spanier nie angreifen zu können -glaubt, avancirte es im Sturmschritt. Fest erwarteten wir sie, Gewehr -im Arm. Schon waren sie kaum vierzig Schritt entfernt, da ertönte -hell das Commandowort „Feuer!“, ein dichter Kugelregen lichtete die -Reihen, und mit gefälltem Bajonnett stürzten wir auf die Wankenden, die -in Unordnung entflohen, bis sie, eine kleine Ebene durchschreitend, -jenseit einer schroffen Schlucht von ihrer Reserve aufgenommen wurden. -Wir eilten den errungenen Vortheil zu benutzen, als auf der Ebene -zwei feindliche Escadrone hervorbrachen, deren eine gegen uns sich -wandte, aus dem sofort gebildeten Carré mit Kugeln begrüßt, jedoch in -ehrerbietiger Ferne blieb, während die zweite auf die beiden Compagnien -sich warf, welche in Tirailleurs aufgelöset unsere Linke deckten. - -Entsetzen ergriff mich, da ich die eine der Compagnien zaudern, dann -ungewiß sich verwirren und, anstatt wie die zweite in Haufen sich zu -vereinigen, ungeordnet den nicht nahen Gebüsch zueilen sah. Jubelnd -holten die Reiter sie ein und säbelten die Wehrlosen nieder; mehrere -Freiwillige lagen zu Boden gestreckt, andere erflehten, hoch die -umgekehrten Kolben emporhaltend, den so selten gewährten Pardon; -da stutzten die feindlichen Dragoner, und um den Hügel jagten die -Officiere der Legitimität zur Rettung ihrer Gefährten heran. Selbst -in Unordnung gerathen entflohen die Christinos, auf dem Fuße von den -Unsern verfolgt; die zweite feindliche Escadron suchte die Flüchtigen -aufzunehmen, wurde aber selbst mit fortgerissen und fand wie jene erst -hinter ihrer Infanterie Schutz. - -Unser Commandeur war ungewiß, welche Maßregeln er ergreifen sollte. -Vor uns stand in fester Stellung der weit stärkere Feind, das uns -zunächst aufgestellte Aragon blieb unbeweglich trotz der Zeichen, durch -die es bei unserm Vorgehen zu correspondirender Bewegung aufgefordert -war, weither verkündete sogar das stets mehr zurück sich ziehende -Feuer bedeutendes Vordringen der Christinos. Keine Ordre des Generals -erfolgte, so daß jeder Chef, wie so oft der Fall war, nach eigener -Eingebung handeln mußte. Rasch entschied sein Muth den unseren zum -Vordringen, um durch Bedrohung des feindlichen rechten Flügels dem -bedrängten Valencia Luft zu machen. Oberst Fulgocio stellte sich an -die Spitze des Bataillons und führte es vorwärts: unter dem lebhaften -Feuer des Feindes stiegen wir die steile Felswand zur Schlucht hinab, -erkletterten mit lautem ~viva el Rey~ mühsam die entgegengesetzte Höhe -und sahen uns Meister der Stellung, von der die Christinos erstaunt -gewichen waren. Doch ehe wir uns zu ordnen vermocht, eilte ihre -Reserve in Masse zum Angriffe vor, durchbrach im ersten Drange unsere -Linie und stürzte in das Ravin uns zurück, mit dichtem Kugelregen uns -überschüttend, wie wir im Rückzuge die Felsen hinaufsteigen mußten. -Da sahen wir Aragon eilig weichen; rechts und links fielen die -Freiwilligen, die Reihen mischten sich und löseten sich auf, wildes -Geschrei ertönte, und in Verwirrung floh das Bataillon. Umsonst -suchten wenige Officiere durch Bitten und Drohen die Fliehenden -zum Stehen zu bringen, umsonst durchbohrte Fulgocio, der das Pferd -zurücklassend der Erste beim Angriff, der Letzte auf dem Rückzuge -gewesen war, ergrimmt einen der Freiwilligen; es war unmöglich, die -wenige Minuten vorher so braven Soldaten zu ermuthigen, und der auf -dem Fuße uns verfolgende Feind machte alle Anstrengungen der Officiere -vergeblich. - -Da fühlte ich einen leichten Schlag an die Schulter, und baumelnd -sank mein rechter Arm am Körper nieder, während der Säbel der Hand -entglitt: eine Flintenkugel hatte den Oberarm, der Schulter nahe, -zerschmettert. Langsam schlich ich unter dem Pfeifen der Kugeln zurück, -bis Oberst Fulgocio mich zwang, sein Pferd zu besteigen, auf dem ich, -nachdem die Bataillone sich gesammelt hatten, dem Rückzuge bis zum -nächsten Dorfe folgte, wo den Truppen Brod und Wein ausgetheilt wurde, -Kraft zum nöthigen Nachtmarsche ihnen zu geben. Unser Verlust stieg -auf etwa zweihundert Mann, der des Feindes war bei seiner Übermacht -weit bedeutender, denn unser kleines Corps, wiewohl besiegt, hatte -sich seiner würdig gezeigt in hartnäckiger, blutiger Gegenwehr. Die -Christinos, weit entfernt, uns unmittelbar zu verfolgen, kehrten nach -den nächsten Dörfern zurück und büßten so die Vortheile ein, welche ihr -Sieg bei der gänzlichen Erschöpfung unserer Soldaten ihnen darbot. - - * * * * * - -In zehrendem Schmerze lag ich auf meinem Lager in dem Feldhospitale; -die Wundärzte hatten erklärt, daß der Knochen des Armes gänzlich -zerschmettert sei und daß meine Fortführung im Gefolge der Expedition -nothwendig schnellen Tod nach sich ziehen müsse: ich sollte -zurückgelassen werden. Entsetzliches Geschick! Umsonst sträubte ich -mich, umsonst flehte ich und betheuerte, daß ich den Tod dem mir -bestimmten Loose vorziehe. Das Urtheil war gesprochen, ich blieb -verdammt, wieder den verabscheuten Trabanten der Usurpation in die -Hände zu fallen, nochmals alle die Drangsale zu dulden, welche von -solcher Gefangenschaft unzertrennbar sind. Verzweiflungsvoll klagte ich -das Geschick an, daß es zum Spielballe seines Hasses mich erkoren; ich -wünschte mir den Tod im Übermaße des bittern Schmerzes und beneidete -die, welche an jenem Tage neben mir das glorreiche Ziel ihrer Laufbahn -erreicht hatten. - -Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins -Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt, -seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum -Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten -drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein -langer, kräftiger Händedruck ... schon rief der helle Hörnerklang zum -Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie -viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir -den Vertheidigern Carls V. mich vereinigen durfte, hatten die Meisten -unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der kleinen -Division. - -Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen -herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd; -langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe -trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung -unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos -suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das -Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab. -Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten -sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild -sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen, -unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in -schrecklichen Zuckungen ihr Leben aushauchten, oder in leisem Gewimmer -die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht -mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie -tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen -die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß -er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden -Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere -Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe -und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige -Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester, -erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte. - -Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige -Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren -während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer -Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte, -erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm -von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an -Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem -Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die -Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu -nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen -Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein, -und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir -finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten -wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu -äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk -Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir -zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen -sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln -sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung scharfe Stiche -durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den -schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme -sitzend die Ankunft der Feinde. - -Las Cuevas -- die Höhlen -- liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein -Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen -Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des -Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während -die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht. -Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal -übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es -umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster -da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der -zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen -wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem -Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten. -Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte -Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange -dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der -Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des -Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend, -den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement -Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange -des Ortes zu. - -An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn -richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen -Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er, -ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter -Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner -Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer -Sicherheit auf und ließ für die Armen, um die seit dem Abend Keiner -sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der -That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann -mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger -den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten -die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres -herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth -besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß -sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe -rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf -besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die -übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten -Hospitale übergeben wurden. - -Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt -hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres -mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze -zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr -und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben -Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich -vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages -Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und -Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine -Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm -immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden -nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward -nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren, -es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den -höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum -Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der -hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt aus und stürzte -von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß, -machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den -zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige -Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein -gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang -der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden -Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen -brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der -Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von -dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten, -die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten. - -Vom Generalstabsarzte untersucht ward ich auf seinen Bericht in -Carascosa zurückgelassen und am Tage darauf langsam und möglichst -bequem nach Cuenca abgeführt, in dessen Hospital ich endlich die Pflege -und vor Allem die Ruhe zu finden hoffte, deren Entbehrung in meinem -Zustande die grausamste Qual war. - - - - -XV. - - -Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben. -Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück, -die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten -Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich -geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit, -Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd, -meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie -sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten -Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation -Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung, -ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit -meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf -Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt -ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und -dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern -Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und -das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern; -mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke -schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln -der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen -verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der -Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die -andern Unglücklichen versagt war. -- Sollte man möglich glauben, daß -Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und -der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte! - -Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend -schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten -erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen -Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette -vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben -sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten -berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen -Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des -Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause -Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von -jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden, -Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend, -welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von -sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche -und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward -am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund -Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht -und ein wenig rohes Öl darüber gegossen -- ~la sopa~ -- ausgetheilt. -Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß -die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie -nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter -den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und -Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die -Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie -bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende -von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben -aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden? - -Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale -angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle der Kranken mitwirken -sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist, -durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen -- denn das -Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen -noch tiefer zu stürzen -- sich zu bereichern und möglichsten Vortheil -sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich -ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland -spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen, -wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt, -folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe, -was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber, -vom General en Chef zum Corporal -- der Soldat wurde stets von allen -geschunden -- zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden -fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen -Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und -verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt -wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen -diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie -beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe -Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens -ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in -ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht -und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und -jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel -irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die -Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen -durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine -Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie -ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an -das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde -Sicherheit zu suchen genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen -Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten. - -Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von -der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige -mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten, -die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere -zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen. -Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus -der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als -Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu -tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das -Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand, -angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter -... Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der -entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur -wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und -solchen Jammer sich zu denken. - -Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber -überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche -Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit -nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich -hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen -wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin -zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte -der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem -mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines -Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem -Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine -junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem -Widerlichen, was das Hospital für die zarten Gefühle des Weibes haben -muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen. -Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu -meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen, -die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei -Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und -uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als -Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum -entgingen sie dem allgemeinen Verderben. - - * * * * * - -Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt -auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit -vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid -hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große -Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange -gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und -überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt, -die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft -die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene -Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit -ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker -der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich -für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir -immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung -commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll -- wie -in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten -- gewesen wäre. Er hatte -lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien -in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und -Rechte, wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt; -er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des -Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein -Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere -Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich -gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener -Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein, -sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand, -daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge -beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich. -Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines -rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur -Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich -schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend -gewesen; ich blieb. - -Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr -vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz geführt -hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke mir -wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren sich -in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, als wir -eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt vor uns in -ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah ich Madrid -wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach Segovia’s -Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen die Satelliten -der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu zerschmettern hofften, -und jetzt ...! Wie konnte so kurze Zeit so viel Schweres, so viel -Furchtbares mit sich bringen? - -Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der -schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so -weit das Auge reicht, schattige Alleen, von prachtvollen Gebäuden -und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz -leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die -wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme -bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s -im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit -seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung. -Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen; -einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten -Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten -zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die -Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit -vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche -National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich -waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet -hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der -christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu -höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien -fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten, -dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen. -Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben, -indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte, -bereitwillig sie zu beschützen eilten. - -Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich -anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel -gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich -Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß -langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus -dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die -Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam -regelmäßigen Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war -mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente -eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer -trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen -spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen, -die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt, -eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die -Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren -Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit -der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache -der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache -in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und -sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte. - -Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so -angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich -hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch -ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die -Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen -konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer -zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen -nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht -zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre -es leicht gewesen -- und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen -gemacht -- gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu -bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des -niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich -für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um -selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden -Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben war fortwährend -bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei -die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu -verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und -durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen -hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden -Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der -National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter -Aufstände und Emeuten. - -Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage -nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde -und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte -sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem -Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir -Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von -denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und -die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht -gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen -unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um -uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge -Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und -Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen -wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall. - -Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der -physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für -Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend, -sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s -Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum -war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter -den Füßen der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das -matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen -Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung -keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend -schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde --- jede Viertelstunde -- auf den Boden, unempfindlich für Alles im -Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold, -Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst -für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa -noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da -hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das -Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die -Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen -Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen -sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier -nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten -trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei. - -In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß -ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der -majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine -Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die -fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich -schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha -aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick -über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines -Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen -sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele -Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die -Bewohner der Mancha machen eben so traurigen Eindruck und flößen den -tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand -ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas[39] -- die -Höhlen --, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen -bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder, -augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren, -spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend, -da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt, -die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend, -dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem -nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes -Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief -sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel, -so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer -Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge -und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die -Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr --- welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende -kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu -helfen! - -Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde -verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder -Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich -leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln -Massen der Sierra morena -- der gebräunten Kette -- sich erheben, -welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens -überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet, daß -Ferdinand VII., um von dem kühnsten zugleich und edelsten derselben -das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß, durch den der -König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension zusicherte. Den -Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber -- als Mann, -welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat -- verdient -er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als freiwilligem -oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt bleiben mußte. -Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit, ließ er die -praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften, sich -angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die ihre -Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und er -beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen, -für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner -Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn, -wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen -trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen -- den Chefs derselben ward -endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen --- entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von -ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten -zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie -enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden -Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die -Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich -der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende -Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert -Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen -geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den -dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und -ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen -selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete -Physiognomie hervorbringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer -regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war -unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches -Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte -ich den Gefährten. - - * * * * * - -Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene, -auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt -todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den -Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen -werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden -angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu -weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die -Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den -Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich, -ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des -herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina, -nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen -Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich -winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der -Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher -das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen -Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten -wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich -ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem -alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in -seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem -Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es, -ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt wurde. -Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir -cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft -und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth, -welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein -Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen -Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im -Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige -Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in -weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem -Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse, -welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der -deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte; -ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein -Tropfen Wasser sichtbar. - -Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in -immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze -war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein -frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend, -hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her -erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren -Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch -die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe -und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf- -und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen -und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen -mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der -Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat, -weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die -Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden -Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten -Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte -und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen -oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche -das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt. -Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen, -eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig -von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft -liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die -so herrlich uns anregen. - -Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten -erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins -Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber -unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz -der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am -längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s -Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen -war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge, -im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst -zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu -überlassen. - -So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische -Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm -mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten -der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und -von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er -in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in -wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz -verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen -entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern von -Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut -sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden. -Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den -Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln -vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter -zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres -Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn -den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um -solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese -Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen, -da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen -dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine -Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht -gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den -Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren. - -Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients -sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser, -ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen, -mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische -Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten -Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu -verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen -geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum -Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite -Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane -uns versetzen. - -Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine -Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender -Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte -der Guadalquivir, ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus, -bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von -dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach -Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle -Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum -Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse -der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob -sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend -und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt. -Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie, -mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten -Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke -gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in -deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht. - -Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem -grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen -und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz -und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen, -den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich -zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche -wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein, -da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten, -die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse -erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir -angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein -Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade -hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das -bitterste mich fühlen zu lassen. - -Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadalquivir -zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la -Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos, -durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,[40] und rasteten -in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit -erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das -Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt, -den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König -wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der -französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher -Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner -Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie -der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen -wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort --- Cadix -- aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne -weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe. -Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir -der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de -Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste -des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine -Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer -armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch -unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne -helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute -meiner Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen -waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen. - -Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der -wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen -konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien -und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem -Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa -es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche -Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen -der ~tasa de plata~ -- der Silbertasse -- ihm erwarben. Ein -anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die -Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr -sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien. -Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch -den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu -geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens -gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen; -noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters -Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt. - -Durch seine Lage auf einer kleinen Felseninsel wird Cadix zur -außerordentlich starken Festung gemacht, während die Nähe des festen -Landes ihm erlaubt, den höchsten Einfluß auf die dortigen Ereignisse zu -üben, wie in den Kriegen und Umwälzungen, welche in diesem Jahrhunderte -die Halbinsel zerrütteten, mehrfach sich bewährt hat. Die Entfernung -von der Küste reicht hin, um gegen eine Belagerung von dort aus wie -gegen die Wirkung auch der schwersten Kanonen die Stadt zu sichern, -doch vermögen große Mörser ihre Geschosse bis zu ihr zu schleudern; so -verursachten die Franzosen in dem einen Stadtviertel, bis in welches -sie ihre Bomben trieben, einige Verheerung, da sie die gewaltigen -Mörser, welche später als Trophäe nach England gebracht wurden, nahe am -Strande aufgepflanzt hatten. Eine zwei Stunden lange, schmale Landenge -verbindet die Festung mit der Isla de Leon und der auf derselben -liegenden Stadt San Fernando, die, gleichfalls stark befestigt und -durch einen Wassergraben ganz vom Lande getrennt, als Außenwerk von -Cadix betrachtet werden darf. Jene Enge, künstlich erhoben, ist so -schmal, daß die auf ihr hinlaufende Chaussée zu beiden Seiten vom Meere -bespült und zur Zeit der höchsten Ebbe von grundlosem Moraste umgeben, -oft aber von den Wellen bedeckt ist; sie wird durch starke Cortaduras --- Abschnitte -- gedeckt und kann in wenigen Minuten ganz vernichtet -werden. - -Noch gehören mehrere bedeutende, zum Theil auf abgesonderten Inselchen -angelegte und hauptsächlich zur Deckung des Zuganges zum Hafen -bestimmte Forts in das Vertheidigungs-System der Festung, welche, -so lange der thätige Erfindungsgeist nicht mit neuen, furchtbareren -Angriffsmitteln uns bekannt macht, als von der Landseite aus unnehmbar -betrachtet werden darf. - -So war ich endlich auf dem Punkte angelangt, der nach dem furchtbar -mühevollen Marsche noch traurigere Ruhe mir gewähren sollte. Nachdem -wir einige Tage in dem Stadtgefängnisse, einem der ausgezeichnetsten -Gebäude der Stadt, zugebracht hatten, wurden wir nach den Casematten -gebracht, die vom Meere bespült und schauerlich feuchtkalt zu unserer -Aufnahme bestimmt waren. In tiefe Kerker, die durch die Thür Licht -und Luft erhielten, waren je dreißig bis vierzig gefangene Officiere -eingeschlossen, während die Unterofficiere und Soldaten in der -großen Caserne von la Isla zurückblieben. Unter den Unglücklichen, -die abgezehrt und bleich uns zu begrüßen kamen, fand ich einige der -Cameraden, die mit mir aus den baskischen Provinzen abmarschirt waren, -und viele andere, welche wir dort zurückgelassen hatten, mißmuthig über -die Entscheidung, die sie noch unthätig zu bleiben verdammte. Tief -bewegt lernte ich die unendlichen Leiden kennen, die sie bestanden, -und vernahm die Kunde von dem rühmlichen Tode so Vieler, die ich einst -trauernd scheiden sah, deren Glück ich oft beneidet hatte; mit innigem -Schmerze hörte ich die Schilderung von dem Untergange der kleinen, -schönen Division, da sie, wie die Tausende anderer Braven, nutzlos dem -unvermeidlichen Verderben geweiht war. - - [39] Nicht mit dem gleichnamigen Dorfe der Provinz Cuenca zu - verwechseln, in dem ich gefangen genommen war. - - [40] Ferdinand VII. ließ Bäcker, Mehl, Wasser und alles zum Backen - Nöthige von Alcalá nach Madrid bringen, ohne doch so gutes Brod - dort schaffen zu können; die Luft soll Schuld daran sein. Jenes - Brod ist in der That schöner als das beste Biscuit und wird auf - Maulthieren nach Lissabon, Madrid und selbst Barcelona versendet. - - - - -XVI. - - -Don Basilio Garcia war, wie ich früher erwähnte, von der Hauptarmee der -Nordprovinzen in den letzten Tagen des Jahres 1837 entsendet worden, -um in der Provinz Cuenca und in la Mancha,[41] zu deren commandirendem -General er ernannt war, zu operiren, die dort existirenden zahlreichen -Carlisten-Guerrillas zu vereinigen und durch bessere Organisation -dem Feinde sie furchtbar zu machen. Er sollte daher zuerst nach -Aragon ziehen, da Cabrera Befehl hatte, eine seiner Divisionen Don -Basilio zu untergeben. Oráa vereitelte, indem er in Daroca sich -aufstellte, den Versuch der Division, von Calatayud aus nach Cantavieja -durchzudringen, und schob sie, auf der Straße nach Teruel ihren Marsch -cotoyirend, nach der Provinz Cuenca, wo wir am 13. Januar 1838 auf die -Verfolgungs-Division Uribarri trafen und, von der Übermacht erdrückt, -geworfen wurden. - -Von Aragon abgeschnitten wandte sich Don Basilio in forcirten Märschen -nach der Mancha und erreichte die Sierra von Toledo, wo er sofort eine -kleine gegen Palillos operirende Colonne ganz vernichtete. Wenige Tage -später begegnete er, ohne daß einer der beiden Anführer von des andern -Expedition Kunde gehabt hatte, dem Corps des Brigadier Tallada von -der Armee Cabrera’s; es war von Chelva zu einem Zuge nach der Mancha -und Andalusien abmarschirt. Don Basilio wünschte, daß diese Division -sich ihm anschließen möge, weßhalb er, da Tallada, dessen Truppen -weit zahlreicher waren, gar keine Neigung zeigte, ohne besonderen -Befehl Cabrera’s sich ihm unterzuordnen, so weit nachgab, daß sie -gemeinschaftlich die Leitung des Corps übernehmen wollten, bis Cabrera -entschieden habe, welche seiner Divisionen dem königlichen Befehle -gemäß zu Don Basilio’s Disposition gestellt sei. Die beiden Chefs -durchzogen darauf die Mancha, überstiegen die Sierra morena und drangen -in das Königreich Jaen -- Andalusien -- vor, wobei Tallada durch -gelegentliche Eigenmächtigkeiten seine Selbstständigkeit schien darthun -zu wollen. - -Am 3. Februar stand seine Division, 3500 Mann Infanterie in fünf -Bataillonen und 300 Pferden stark, in Baeza, die der Nordarmee, nur -1600 Mann Infanterie und 140 Pferde, in dem drei Viertelstunden -entfernten Ubeda, nahe dem Guadalquivir, als Don Basilio die Nachricht -erhielt, daß General Pardiñas, der das Commando der Colonne Uribarri’s -übernommen, verstärkt durch die mobilen Truppen der Mancha über den -Paß des Despeñaperros die Sierra morena überschritten habe und zum -Angriffe heranziehend in la Carolina angekommen sei. Er ließ sofort den -Brigadier Tallada auffordern, entweder durch einen forcirten Marsch dem -Feinde entgegenzugehen und ihn überrascht anzugreifen, oder, was er -selbst rieth, durch einen Nachtmarsch in den Rücken der Christinos sich -zu werfen, den Paß des Despeñaperros zu besetzen und so, Andalusien -und die Mancha zugleich bedrohend, jeden Umstand zu benutzen. Tallada -antwortete, seine Truppen bedürften der Ruhe, und wies auch den Antrag, -eine concentrirte Stellung bei Ubeda zu nehmen, mit dem Bemerken ab, -daß er dafür einstände, daß der Feind gar nicht an einen Angriff denke. - -Bei Tagesanbruch ertönte zugleich mit der Nachricht, Pardiñas sei -wenige tausend Schritte von den Vorposten entfernt, lebhaftes Feuer -von Baeza her. Don Basilio sandte einen Adjudanten an Tallada mit -der Bitte, nur eine halbe Stunde sich zu halten, da er zu seiner -Hülfe herbeifliege. Der Adjudant fand die ganze schöne Division in -furchtbarer Unordnung, wie eine große Heerde von den feindlichen -Massen vor sich her gejagt, Tallada selbst außer sich[42] und erhielt -von ihm, da er ihn aufforderte, seine Leute zu sammeln, die Antwort, -wie er nicht einmal für sich, geschweige für seine Leute einstehen -könne. Erst als die Bataillone der Nordarmee mit Festigkeit den -Sturm der Christinos ausgehalten hatten und selbst durch kraftvolle -Bajonnettangriffe sie zurückdrängten, kam er in Etwas zur Besinnung -und ordnete sein Corps zu geregelterem Rückzuge, dem die Division -Don Basilio’s deckend sich anschloß, zwei Stunden weit bot sie unter -stetem Feuer dem Andrange der feindlichen Infanterie und Cavallerie -die Stirn, bis diese, ohne einen Gefangenen ihr abgenommen zu haben, -die Verfolgung einstellten. Pardiñas schrieb die Rettung des Corps -Tallada’s, welches 300 Gefangene einbüßte, der bewundernswürdigen -Bravour der Truppen Don Basilio’s zu. - -Dieser drang in die Provinz Murcia ein. Entsetzliche Leiden -warteten dort der Freiwilligen, indem Regen und Schnee Wochen lang -ununterbrochen auf sie herabstürmten und die Gebirge ungangbar -machten; die Lebensmittel fehlten mehr und mehr, die Leute marschirten -bald barfuß, und ihre Uniformen hingen in Fetzen herab. Da trennte -sich Tallada eigenmächtig von dem Expeditions-Corps, um nach -Valencia zurückzukehren: er ward am 27. Februar, da er eben den -Jucar überschritten hatte, von Pardiñas in Castriel überfallen, -nach der gänzlichen Vernichtung seiner Division gefangen und der -Gerechtigkeit gemäß erschossen. Don Basilio aber, da die geringen -Streitkräfte, welche ihm blieben, durch die Drangsale täglich mehr -zusammengeschmolzen waren, wandte sich wieder nach der Mancha und -vereinigte sich mit den dort hausenden Partheigängern. - - * * * * * - -Drei Cabecillas hatten sich in diesem Theile Neu-Castiliens besonders -hervorgethan: Jara hatte einige tausend Mann Infanterie gebildet, d. h. -Bauern gesammelt, die nicht exercirt und ohne Uniform größtentheils mit -Büchsen und Jagdflinten bewaffnet waren; Orejita führte ein Bataillon -und etwa funfzig Pferde; Don Vicenta Rojero -- Palillos genannt -- -commandirte mehrere Escadrone Reiter, deren Zahl den Umständen nach -zwischen sechshundert und tausend schwankte. Diesen Chefs schlossen -sich mehrere Partheigänger an, die gewöhnlich in Estremadura sich -aufhielten, aber häufig nach der Mancha hinein streiften und -gleichfalls 800 bis 1000 Pferde vereinigen konnten. - -Alle diese verschiedenen Banden nannten sich Carlisten und wollten für -eifrige Verfechter der Religion gelten, während sie die Sache, welche -sie zu vertheidigen vorgaben, durch fluchwürdige Excesse schändeten. -Ich spreche nicht davon, daß sie die Feinde, welche in ihre Hände -fielen, unbarmherzig opferten: sie thaten Recht daran. Wie konnten -Männer anders verfahren, die, weil sie schwächer waren, durch die -Gegner von den Wohlthaten jedes Vertrages ausgeschlossen wurden, die -Alles, was ihnen angehörte, ihnen nahestand, getödtet, verwüstet und -vernichtet sahen? Früher habe ich erzählt, durch welche Gräuel die -Christinos den Aufstand in diesen Provinzen zu unterdrücken suchten; -sie konnten nach solchen Schauder erregenden Thaten nie Schonung -erwarten. Nein -- wenn jene Männer, zur Raserei getrieben, mit Feuer -und Schwerdt gegen die Liberalen das Werk der Rache übten, handelten -sie nur gerecht und erfüllten ihre Pflicht; denn da wäre Milde und -Verzeihen zur verächtlichen, unvermeidliches Verderben nach sich -ziehenden Schwäche geworden. - -Aber Entehrung häuften sie auf sich selbst, und sie schändeten -die Sache, für die sie zu kämpfen vorgaben, indem sie ihrer -Rache Wuth von den Erbärmlichen, die sie hervorgerufen, auf das -ganze Menschengeschlecht ausdehnten und -- zu Räuberbanden sich -erniedrigten. Von ihren Gebirgen aus -- denn auch die Reiter hatten -ihre Zufluchtsorte in den schroffsten Gebirgen gesucht, welche die -prachtvollen Pferde mit erstaunlicher Ausdauer auf und ab kletterten --- durchstreiften sie die umliegenden Provinzen, mordeten und -brannten; sie plünderten die Reisenden und die Waaren, welche nur in -großen Convoys mit Bedeckung von Truppen transportirt werden konnten, -schleppten die Gefangenen in ihre Schlupfwinkel und ermordeten sie, -wenn nicht bald reiches Lösegeld aus ihren Händen sie rettete. -Auch die unglücklichen Bauern blieben nicht verschont. Ihre Ernte -wurde häufig zum Futter abgemähet und fortgebracht, wenn nicht gar -muthwillig zerstört, die Maulthiere auf dem Felde aufgefangen und -erst gegen Auszahlung großer Summen herausgegeben. So sanken diese -Banden zu verzweifelten Räubern im ganzen Sinne des Wortes herab, -die, wo sie erschienen, Tod und Elend in ihrem Gefolge führten. Die -Carlisten, d. h. die Männer, welche in den regelmäßigen Heeren für die -Aufrechthaltung der Rechte ihres Königs ehrenvollen Kampf kämpften, -wollten natürlich nie jenen Schaaren der Mancha den Ehrennamen von -Carlisten zugestehen. Die Christinos aber benutzten schlau die von -Jenen verübten Gräuel, um den Anhängern Carls V., unter deren -Namen sie verbreitet wurden, den Abscheu der Welt zu erregen. - -Übrigens waren diese Banden doppelt furchtbar, durch die hohe -individuelle Bravour, durch welche sie, wiewohl nicht organisirt -und ohne Disciplin, nicht selten den gegen sie operirenden Truppen -verderblich wurden. Vor Allem zeichnete die Cavallerie Palillo’s durch -seltene Todesverachtung, ja Verwegenheit sich aus und erwies dem -Expeditions-Corps während der kurzen Zeit, die es mit ihm vereinigt -blieb, wiederholt große Dienste. Die Bewaffnung der Reiter bestand in -Säbel, Pistolen und dem Trabuco, jenem gefürchteten Carabiner, dessen -Lauf von der Schwanzschraube zu der Mündung allmählich sich erweitert -und mit einer Handvoll Kugeln, oft funfzehn bis zwanzig Stück, geladen -wird. Er kann nur auf geringe Entfernungen gebraucht werden und wird -neben der rechten Seite frei auf dem linken Arm ruhend abgedrückt, -da der Rückstoß anderes Anlegen nicht erlaubt; seine Wirkung ist -ungeheuer, indem die Geschosse wie die Cartätsche einen Streukegel -bilden, der Alles vor sich niederreißt. Die christinosche Cavallerie -ward bei dem Anblicke der Trabucos, mit denen die Palillos unbeweglich -bis auf wenige Schritt ihre Annäherung abzuwarten pflegten, von -panischen Schrecken ergriffen, und es sind Beispiele vorgekommen, daß -ein Mann, mit dieser Waffe versehen, eine Straße oder eine Brücke mit -Erfolg gegen feindliche Detachements vertheidigte. - -Solche waren die Banden, welche Don Basilio um sich vereinigen, -denen er Ordnung und Kriegszucht einflößen, die er an regelmäßigen, -ehrenvollen Kampf gewöhnen und dadurch der Sache nützlich machen -sollte, der sie dem Namen nach angehörten. Leider war er nicht der Mann -für so schwierigen Auftrag, der eisernen Willen, Entschlossenheit, -Kraft und -- Glück erforderte. Don Basilio besaß keine dieser -Gaben. Im Anfange freilich, da er nur den Eingebungen der wahrhaft -ausgezeichneten Männer folgte, die ihn umgaben, des Marquis von Santa -Olalla, seines Secretairs, des Oberstlieutenant Alcalde, des Obersten -Fulgocio und so vieler anderer Chefs, die fast ohne Ausnahme auf diesem -für die Division so glorreichen wie unglücklichen Zuge getödtet wurden -oder in Gefangenschaft fielen; da waren seine Maßregeln trefflich, und -der Erfolg schien sie krönen zu wollen. Er nahm das schon von Gomez -eroberte Almaden und in wenigen Tagen fünf andere kleine Forts[43], -an denen alle Versuche der Partheigänger gescheitert waren, wodurch -er ihre Achtung vor seiner überlegenen Macht erzwang. Dann erließ er -strenge Strafbefehle gegen Jeden, der ein Vergehen gegen die Disciplin -oder die geringste Erpressung und Beleidigung der Einwohner sich -zu Schulden kommen ließe. Wer des Diebstahls überwiesen war, wurde -ohne Gnade erschossen, wer ohne Erlaubniß auf eine Stunde sein Corps -verließ, wurde erschossen; die Christinos selbst rühmten, daß Don -Basilio mit ihren Generalen gemeinschaftlich auf die Banditen Jagd -mache, die bisher jene Provinzen infestirten. - -Da er so den ersten, dringendsten Schritt gethan, um die Räuber in -Soldaten umzuschaffen, strebte er, möglichst sie zu organisiren und -zugleich zu überwachen, indem er viele seiner besten Officiere unter -die Corps von Palillos, Jara und Orejita vertheilte. Auch wollte er -Einigkeit und Combination in ihre Operationen bringen und hoffte, wenn -er einigermaßen an militairisches Handeln sie gewöhnt, um seine kleine -Division als den Kern ein furchtbares Corps zu bilden, welches im -Innern Castiliens, im wahren Centrum der Monarchie, von entscheidendem -Einflusse auf den Krieg werden mußte. So weit war Alles gut. - -Bald jedoch verdarb die Schwäche des Generals, der unglückliche Gang -der Ereignisse und die Abneigung der Cabecillas, was die Kraft kaum -erreicht hatte und nur Kraft erhalten konnte. Orejita war der einzige -unter den Chefs der Mancha, welcher wahrhaft das Beste der Sache im -Auge hatte und daher mit Eifer die Pläne des Generals adoptirte; bald -ward er auf einem Zuge durch den südlichen Theil der Sierra Morena -von überlegener Zahl überrascht, sein noch nicht ganz ausgebildetes -Bataillon von der feindlichen Cavallerie niedergeritten und vernichtet, -er selbst mit fast allen seinen Officieren getödtet. Jara und Palillos -dagegen beugten sich nur gezwungen augenblicklich unter die Zucht, die -Don Basilio etablirt hatte; ein Jeder suchte den Andern zu verdrängen -und bei dem General herabzusetzen, da sie, Beide das Commando in -Anspruch nehmend, die höchste Eifersucht und selbst Haß gegen einander -hegten, der verschiedene Male blutige Streitigkeiten unter ihren -Truppen erzeugt hatte. Beider Streben aber war auf Unabhängigkeit und -auf Abschütteln der lästigen Controle gerichtet, die seit der Ankunft -der Expeditions-Division auf jeder ihrer Bewegungen lastete. - -Die Lage Don Basilio’s war in der That schwierig; anstatt aber mit nie -rastender Thätigkeit und Energie lediglich dem ihm vorgesteckten Ziele -nachzugehen, anstatt auf jede Art die beiden Anführer zur Einigkeit -und zum Befördern der einzigen, endlichen Sieg verheißenden Kriegsart -zu bewegen, gab er bald dem Einem, bald dem Andern Gehör, begünstigte -den gerade Gegenwärtigen und regte dadurch die Leidenschaften immer -mehr auf. Vielleicht mochte er glauben, durch Intrigue und Schlauheit -leichter sie zu bändigen, als mit Gewalt, da daraus wohl offene -Widersetzlichkeit ihrer Schaaren gegen ihn und folglich gänzliches -Fehlschlagen des Zweckes seiner Expedition hervorgehen konnte. Nach -und nach gewann Jara, der listig und fein ihm zu schmeicheln wußte, -sein Vertrauen und nahm ihn gegen den geraden, derben Palillos durch -vielfache Verleumdungen ein, bis dieser, über die wiederholt erlittenen -Zurücksetzungen erbittert, zur großen Freude seiner Reiter ganz von Don -Basilio sich trennte. Da machte der General unkluger Weise die Spaltung -auf immer unheilbar, indem er laut drohete, Palillos zu erschießen, -wenn er seiner habhaft würde. Palillos sprach die gleiche Drohung -gegen den General aus und that entschieden feindselige Schritte gegen -die Division, fing auch sein altes Plünderungswesen von neuem an. Don -Basilio ließ mehrere Reiter, die er zerstreut getroffen, füsiliren; -Palillos drohte Repressalien auszuüben: offener Krieg war im Begriffe -auszubrechen. Da erkannte Don Basilio, daß der Zweck des Zuges ganz -verfehlt und nun unerreichbar sei, daß längeres Verweilen in der Mancha -der Sache nur noch schaden könne. Er entschloß sich schweren Herzens, -das Unmögliche aufzugeben und die Rettung der Trümmer seines braven -Corps zu versuchen. Es sollte nur in der Vernichtung das Ende seiner -Leiden finden. - -Am 26. März hatte die Miniatur-Division in Valdepeñas auf der großen -Heerstraße von Madrid nach Sevilla und Cadix ein glorreiches Gefecht -bestanden, da sie vom General Flinter, seit seiner Auswechselung nach -Gomez Expedition commandirender General der Mancha, mit 5000 Mann -am Mittage angegriffen wurde; die Christinos hatten alle Zugänge -der Stadt besetzt und mehrere Gefangene in den Häusern gemacht, -ehe -- unglaubliche Nachlässigkeit des Generals! -- die Nachricht -ihrer Annäherung bekannt wurde. Dennoch brachen, als endlich der -Generalmarsch sie aufschreckte, die Bataillone compagnieweise, wie sie -einquartiert waren, durch die Feinde sich Bahn, formirten sich auf -dem Felde in Sturm-Colonnen und kehrten sofort zum Angriffe zurück. -Bis zur Mitte der Stadt drangen sie mit aufgepflanztem Bajonnett vor, -so den größten Theil der Gefährten rettend, welche, da sie vorher das -freie Feld nicht hatten erreichen können, aus den Fenstern der Häuser -die Feinde niederschossen. Nur dreißig Mann Infanterie und fast die -ganze Escadron der Legitimität, welche vom Feinde in ihrem Quartier -überrascht war, fielen in die Hände der Christinos, wogegen die -Division auf dem Rückzuge, den sie unverfolgt bewerkstelligte, vierzig -Gefangene fortführte. - -Mehrere Wochen hindurch wurde das Corps in höchst aufreibenden -und schwächenden Märschen umhergeschleppt, während Don Basilio -noch immer die Ausführung seiner Pläne in Bezug auf die Cabecillas -hoffte. Täglich fanden Gefechte mit den überlegenen Feinden Statt, -stets rühmlich, und die Truppen, schon auf 1300 Mann geschmolzen, -zeichneten sich fortwährend durch herrliche Standhaftigkeit und Muth -aus, die leider ihr Führer nicht so kräftig benutzte, wie die Lage -der Dinge unumgänglich erheischte. Er scheute sich, mit dem Feinde -zusammenzutreffen, da Erfolg doch nur durch entschlossenes Angreifen -auch der größten Schwierigkeiten unter solchen Verhältnissen möglich -wurde. Da kam die Trauerkunde von dem Tode Orejita’s; der Bruch mit -Palillos entschied sich; bald langte Jara an -- ohne Corps: seine -Brigade war durch eigene Schuld in ungünstigster Stellung angegriffen, -zersprengt, vernichtet. Jara ward sofort verhaftet und vor ein -Kriegsgericht gestellt. Don Basilio aber, nun ganz auf sich beschränkt, -wandte sich mit den 1100 Mann, die ihm blieben, von vier feindlichen -Divisionen gedrängt und selbst von Palillos angefeindet, nach -Estremadura und drang in die Provinz Salamanca ein, von wo er wohl mit -dem in Alt-Castilien operirenden Corps des Grafen Negri in Verbindung -zu treten hoffte. - -In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ruhte Don Basilio in Vejar, keines -Angriffes gewärtig, da der Feind am Morgen jenes Tages siebenzehn -Meilen entfernt war; Pardiñas aber, der am nächsten ihn verfolgte, -marschirte die ganze Nacht hindurch und war, von Einwohnern von Vejar -geführt, der Stadt nahe, als die Diana die Carlisten zum Weitermarsch -rief. Bei dem Klange der Trommeln und Hörner stutzten die Truppen, -da sie ihre Annäherung verrathen glaubten; der junge feurige General -stellte sich, ein Gewehr in der Hand, an die Spitze seiner Grenadiere -und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die carlistischen Bataillone -marschirten dem Sammelplatze zu, als das Feuer von den Eingängen der -Stadt her die Nähe der Gefahr ihnen verkündete, da die Christinos von -ihren Guiden über Felder und Gärten mit Vermeidung der ausgestellten -Vorposten bis innerhalb der Mauern geleitet waren. - -Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in den Straßen. Mit fünffacher -Übermacht stürmten die Christinos, ihrem kühnen General folgend, -gegen den Marktplatz; die Carlisten stürzten mit dem Bajonnett ihnen -entgegen, trotz der Überraschung der gewohnten Bravour treu. Aber von -allen Seiten gedrängt sahen sie ihre Reihen schnell gelichtet und -wichen kämpfend; schon betrat Pardiñas den Marktplatz, als er den -Oberst Fulgocio, in Ferdinand’s Garde einst sein Camerad, zu Pferde vor -einigen hundert Mann, den Überresten seiner Brigade, halten sah, zu -festem Widerstand sie ermunternd. „Ergieb Dich, Fulgocio, ergieb Dich!“ -rief Pardiñas ihm zu; doch der heldenmüthige Fulgocio, edel wie wenige -Spanier, antwortete laut: „Während mein Schwerdt mich schützt, ergebe -ich mich nicht!“ und sank von Kugeln durchbohrt zur Erde. Seine kleine -Schaar ward nach verzweifeltem Ringen gebrochen und niedergestreckt, da -sie Pardon nicht gab noch forderte; alle ihre Anführer waren vor ihr -gefallen. Zweihundert Mann, die in das Stadthaus sich eingeschlossen, -ergaben sich, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten. - -Don Basilio war wie durch Wunder aus einem Fenster seines Logis und -über mehrere Dächer hinweg entkommen, da schon die Thüren des Hauses -vom Feinde besetzt waren. Mit 250 Mann, dem Reste des Corps, welches -durch seine Sorglosigkeit in Märschen und Überfällen -- doch stets -glorreich kämpfend -- vernichtet ward, gelang es ihm, nach Aragon -durchzudringen und der Armee Cabrera’s sich anzuschließen. Alle die -besten Chefs und Officiere der Division, unter ihnen der General -Marquis von Santa Olalla, Chef des Generalstabes, ein Brigade- -und drei Bataillons-Commandeure waren gefallen; Wenige, darunter -Oberstlieutenant Alcalde vom Generalstabe und der Commandeur des -Bataillons von Valencia, Beide verwundet, fielen in die Hände der -Christinos. Auch Jara, der kein gutes Loos erwarten mochte, hatte -freiwillig als Gefangener sich ausgeliefert. - -Unter den Todten befand sich mein Chef und Freund, der Commandeur des -7. Bataillons von Castilien, Oberstlieutenant Sabi, fast in jedem -Gefechte verwundet und immer gleich unerschrocken. Mit noch offener -Wunde verließ er die Nordprovinzen, um im Anfange der Action von -Sotoca wiederum von einer Kugel getroffen zu werden. Dann fiel er bei -Valdepeñas in die Gewalt der Christinos, die Brust bis zum Rücken -durchbohrt; gegen einen dort gefangenen Escadrons-Chef ausgewechselt, -so wie er transportirt werden konnte, fiel er an der Spitze von 140 -Mann, der kleinen Schaar, die von seinem Bataillon ihm geblieben, als -er, wiewohl noch schwach und ohne Commando, gegen den anstürmenden -Feind sie begleitete. So viele treue Gefährten sanken da in die frühe -Gruft! Von allen Officieren meines Bataillons retteten sich nur zwei -nach Aragon; der eine von ihnen ward dort bei der Belagerung von -Morella getödtet, mir lieb wie ein Bruder. Glücklich, glücklich preise -ich sie: sie ruhen in dem Schooße der Heimath, sie kennen nicht, -wie ihre trauernden Gefährten, den bittern, erdrückenden Schmerz, -verrathen, verkauft dem Monarchen, für dessen Rechte sie ihr Blut -vergossen, in die kalte Fremde folgen zu müssen, ihren König gefangen -schmachten zu sehen und das Vaterland unter dem Joche revolutionairer -Anarchie seufzend zu wissen. Sie errangen sich herrliches, -beneidenswerthes Loos! - - * * * * * - -Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das -Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so -bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro -zu spielen, wozu er, der Navarrese, das Corps von Castilien benutzte. -Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in -der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete -sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich -mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig -geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen. - -Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem -Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete. -Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im -Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei -Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando -derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem -Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz -Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin -- -und wie ging es unter! -- Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und -Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er -nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher -Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte -wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet! - -Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details -verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und -Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen -lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer -Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den -Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu -widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher -in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde. -Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches -dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser -Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man nicht die Absicht, doch -auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt, -denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die -Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war -Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen -Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum, -nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug -der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher -Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem -Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche -Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und -Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und -Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward -nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri -hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und -rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch -unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren -waffenlos, vertheidigungslos -- und ergeben folgten sie ihrem Führer; -seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt --- und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden, -mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie -marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren. - -Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und -erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte -Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum -Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen -Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra, -verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero -sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos -aufgebrochen, es abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen, -mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die -Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen, -einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug -sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den -Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht -und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede -Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch -und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie -hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt -gefunden. - -Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch -rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen -zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu -belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt -Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt, -da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten -Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden -Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet -er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest -den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf -der Führer Stimme Feuer geben. -- -- Die Gewehre sinken aus den -erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver -untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk -vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen -Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht -Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer -- fielen wehrlos in des -übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete. - -So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach -der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem -anregen durfte; seine beiden Theile sanken gleich brav, gleich nutzlos -hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war -glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen -die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen -auch des Feindes Bewunderung davon tragend. - - * * * * * - -Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und -hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen -unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem -auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte -Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen -gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile -seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich -denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen -neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz -entsendete,[44] mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen -Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der -Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand -nahmen. - -Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero -so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das -Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß -er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava, -welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach -umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die -reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete -und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem -Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze -derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so -viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere -die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen -Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer -Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind -benutzen konnte. - -Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann, -von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000 -Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ -das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja -er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der -Artillerie unendlich erschwert wäre; dagegen nahm er eine Stellung -zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem -heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand, -bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für -Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann -mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des -Generals -- der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die -Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen -blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte -- nur auf drei Tage mit -Schießbedarf versehen war. - -Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche -im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon -Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich -von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche -Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete. -Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische -Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der -Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden, -wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß -entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden -Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein -einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung -stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der -schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese -Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst -an die Spitze der Husaren,[45] warf im glänzenden Choc das Bataillon -von Navarra über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren -Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von -Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit -Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen; -in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut -und floh in wilder Auflösung. - -Der Feind nahm fast die ganze Artillerie der Carlisten, von der -Espartero mehrere in den Fabriken der Provinzen verfertigte Geschütze -wegen ihrer besondern Schönheit als Merkwürdigkeit nach Madrid sandte, -auch machte er eine bedeutende Zahl Gefangener. Am Nachmittage zog er -in Peñacerrada ein, da die Garnison, so wie sie die deckende Armee -auf der Flucht und die Christinos im Begriff sah, ganz die Festung -einzuschließen, ohne Mittel zu längerer Vertheidigung sie verließ und -in die Gebirge sich rettete. Der moralische Eindruck dieses Sieges -war außerordentlich: gewiß ist er der größte und wichtigste, den -Espartero mit den Waffen in der Hand je errungen hat, und Muthlosigkeit -verbreitete sich bei der Nachricht des Geschehenen durch die Provinzen. -Drei Tage später ward Guergué, als General en Chef ganz untauglich, des -Oberbefehls enthoben. - - [41] La Mancha umfaßt die Provinzen Toledo und Ciudad Real, beide zu - Neu-Castilien gehörend. - - [42] Tallada nahm kurz vor seiner Bereinigung mit Don Basilio einige - Compagnien der königlichen Garde gefangen, und ließ die - Officiere derselben trotz der zugestandenen Capitulation niedrig - ermorden -- aus Habsucht. Seit dem Augenblicke dieser Schandthat - wich alle Energie, die vorher ihn ausgezeichnet hatte, von ihm, - und ein furchtsames Schwanken und Geistesabwesenheit lähmten - seine Talente, wie er denn von Unglück zu Unglück dem schnellen - Untergange zueilte. - - [43] Jedes bedeutende Dorf in der Mancha war zum Schutze gegen die - Banden befestigt. - - [44] Da die Züge Merino’s, deren Résumé Abmarsch, Aufenthalt in den - Wäldern und Vernichtung ist, keine nähere Erörterung verdienen, - erwähne ich ihrer hier kurz. Eine unbegreifliche Verblendung - ließ diesen Greis, der längst sich überlebt hatte und dessen - Ruhm seine Thaten weit überragt, in dem Jahre 1838 mehrfach - zum Anführer kleiner Corps bestimmen, die er denn auch so - trefflich zu handhaben wußte, daß er jedes Mal ganz ohne - Truppen zurückkam. Es scheint wahrlich, daß es damals den - Heerführern der Basken nur darauf ankam, der Castilianer sich - zu entledigen, gleichviel auf welche Art. -- Merino hatte zu - seiner Zeit nur Cavallerie geführt und hatte gar keinen Begriff - von der Infanterie; doch gab man stets ihm solche. Er verließ - die Provinzen mit zwei Bataillonen, verlor sie, entkam nach - Aragon, nahm dort das Commando der Castilianer-Bataillone, die - von Zariategui dorthin sich gerettet hatten, zog, nachdem er der - Belagerung von Morella beigewohnt, gegen Cabrera’s Willen -- auf - höheren Befehl -- damit aus, verlor sie, kehrte nach Navarra - zurück, erhielt neue drei Bataillone und verlor sie wieder in - Castilien. Von da an blieb er unthätig. Es ist bekannt, wie - der Gram ihn tödtete, da er bei Maroto’s Verrath im verhaßten - Franzosenlande Zuflucht suchen mußte. - - [45] Espartero soll persönlich sehr brav sein und zeigt dieses - gern, indem er sich an die Spitze seiner angreifenden Escadrone - stellt. Doch erzählten mir christinosche Officiere, welche bei - jenem Angriffe sich befanden, daß Espartero, da die Husaren von - Arleban mit Festigkeit chargirten, schweigend sein Pferd wandte - und von der Tete zu der Queue der Colonne ritt. - - - - -XVII. - - -Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im -Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien -gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von -Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen -Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche -in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule -machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in -Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner -Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade -in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef -des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche -die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem -er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht -fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes -Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene -Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande -zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet -hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. -- -Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist -fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des -Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit -durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein -Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die -Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief -liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu -haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht. - -Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die -Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee -der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun, -auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen -können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto -hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne -doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben. -Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte -er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen -und wurde -- sein erstes selbstständiges Commando -- im Jahre 1836 -zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem -ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem -Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden -- -denn andere Namen verdienten sie nicht -- der dortigen Carlisten zu -bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen -und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß, -aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht -fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die -Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er, -persönlich seine Pläne zu betreiben. - -Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die -Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel -zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen -beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber, -die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren -Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete -Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn -vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache -die +gerechte+ war, Alle, welche bereit waren, für ihn den letzten -Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich gemäßigt: -sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre persönlichen -Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und betrieb den -Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, möge nun -Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich möglichst -fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende sich an, -theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher Verzagtheit. Wie -empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen Verhältnissen des -Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht selten als schönes -Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und muß denen als -Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. Es giebt -Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, „Alles -oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich begnügen -wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In solchem -Falle fanden sich die Carlisten. - -An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn -des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten -ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine -Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch -solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften -folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener -Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß -auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon -streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen -Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie -wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo, -Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres -gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von -Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre Zwecke -zu täuschen und sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne aber -gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen es ahnete; -vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, hinreißen zu -dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die Lockung groß, -ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, verkaufte das ihm -anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der so hoch ihn gehoben -hatte; er ward zum Verräther! -- Ehe er aber den entscheidenden -Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich befreien, die, -treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als Gegner sich ihm -darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln durchschauten und -ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, was förderlich -war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend vollendete der -Verrath sein Werk. - - * * * * * - -Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl -geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller -Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich -erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge -wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die -Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und -gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet; -selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern -geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte, -wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten. - -Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum -Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand -- -wohl zu besserm Zwecke -- gespendet, die seit langer Zeit leeren -Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne -zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten. -Während er also sie gehorchen lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse -mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte -Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst -überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig -ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui. -Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie -die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde, -mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die -Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der -das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden -Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten -Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen -diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm -stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich -ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des -Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und -so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit -ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber -noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte, -waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten -und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der -Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und --- so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an -dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr! -sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in -freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah! - -Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem -Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu -benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und -Norden zugleich entscheidende Schläge versuchten: Morella, Solsona -und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens -gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere -Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder -erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen. - -Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher -theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara[46] machen, wozu -der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr -günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf -den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18 -Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in -dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt -und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und -Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen -von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die -Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen -anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den -carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen -Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück -und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon -auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen -werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst -besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt, -alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten -und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen -Einwohner die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter -ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die -Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit -ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen. - -Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in -großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt, -und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen -der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph -nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene -Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt, -daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem -moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben; -ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn -aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben -auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten -niederzuschlagen. -- Espartero spatzierte fortwährend von einem der -festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je -einen Schritt zur Ausführung zu thun. - -Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen -konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit -dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in -Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen -hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die -Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die -seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine -Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben -und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister -traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit -des liberalisirten Spaniens. -- Vielleicht war es nicht die Absicht -des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich -entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine -Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere -Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer -so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter -Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen -durfte. -- Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit -Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß -diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung -zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so -opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze -einst desto sicherer und leichter zu erfassen. -- Wie dem auch sei, -ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die -Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort, -da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen -Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und -Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß. - -Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen. -Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu -gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann -mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der -Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am -6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen -Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt -wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte ... -Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella -war ganz aufgegeben! -- Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte -einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere -Niederlagen unmittelbar hinter einander gelitten; ein anderes Corps -sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s -Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer -Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren, -durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den -feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da -dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach -überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem -Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden -Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya -in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging. - -Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam, -Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich -ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen -Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz- -und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps -eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras -von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger, -hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob -Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten -krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner -Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra -überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder -kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der -Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den -baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen, -da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit -Beute beladen anlangte. - - * * * * * - -So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte, -wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao -und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit -die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in -die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum -der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19. -September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen -Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona -heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht -ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes -Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der -Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.[47] Doch da -Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch -Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain -ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches -den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke -des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung -mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der -bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden -carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und -zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte -die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie -ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la -Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis -der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter -denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s, der als -Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400 -Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes -gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende -Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre -Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu -setzen. - -Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie -als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen -ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von -Asturien.[48] Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut, -da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. wohl -sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der -Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter -den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen -Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde -Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige -Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen, -oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen -in Cadix’ Casematten belebten! -- Andere wollten den Augenblick für -unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten, -ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten -und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten, -ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht, -welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden Charakter ihr -gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten Gemäßigten, -vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre wahren Zwecke bis -zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war sie, ohne es zu -ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig. - -Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein -Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien. -Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der -Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte -einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den -vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter -Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und -ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung -jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also -Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken -betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „~paz y -fueros~“ -- Friede und Privilegien --. Vielleicht wäre sein Plan besser -ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten gehegt und -mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie hätte dieser -nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des Mannes zu hemmen, -ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, die Waffen in der -Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit Aufopferung der -heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch seine Habgier -zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg +seinen+ Verkauf unnütz oder -weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen würde! - -Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches -Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen -zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden -suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge. -Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet -ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt -- man -sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken -- auf -einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich -ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war Muñagorri -stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden -lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen -- wie so oft -in Spanien der Fall war -- endete desto unbeachteter und erfolgloser, -je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und -Besorgnisse erregt hatte. - - * * * * * - -Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden -Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten -unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die -Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende -General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in -der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang. -Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die -zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung, -wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog -und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich -selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action, -welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don -Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen -suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl -jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und -Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es -auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf -Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach -Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr -von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim -Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde -hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die -Schwere des deutschen Armes fühlbar machte. - -Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die -Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio[49] an der -Küste von Afrika, Carl V. proclamirten und mit den Gefangenen, die fast -alle wegen politischer Verbrechen, d. h. wegen Anhänglichkeit an ihren -König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich vereinigten. Auch -in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke angezettelt und -entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz Malaga entfloh; -Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt und genöthigt, -eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward, daß Garnison -und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt würden, um der -carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig hinzuzusetzen, -daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein Befehl des -Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft wurden. - - [46] Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war - sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus - jede Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in - den Straßen, und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke - offen. Espartero ließ es am Ende des Krieges sprengen. - - [47] Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir die - Action, wie ich sie gebe. - - [48] ~Principe de Asturias~ ist der Titel der spanischen Kronprinzen. - - [49] Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika finden - sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta. - - - - -XVIII. - - -Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix -hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens, -war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des -Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung -auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten. -Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist -und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das -duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im -Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter -Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet, -mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten -auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den -Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu, -in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und -bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm -helfen konnten. -- Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung, -jede Communication uns abzuschneiden. - -Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war -zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und -Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder -erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den -Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des -Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben -aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile -nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefangenen -zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen -Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns -hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere[50] durch das -Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha -oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der -verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben -entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen, -fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos, -unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und -doch noch hoffend -- da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln -- -eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch .... ha!.. sie sind -nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die -Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes ~viva~! - -Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher -knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß. - -Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu -ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache -Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten -der Revolution davon trugen. Der Tod -- wenn ein Übel -- war ja nur -ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre -Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod! -Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere -Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen -der Christinos zu sein“,[51] nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die -Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend, -um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden -sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl -beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel -erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward -auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend -durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf -und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden -andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele -und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der -Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen -Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem -Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende -Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen -weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe -ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie -verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum -Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen -Feldes[52] vertauschen sollten. - -War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in -der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht. -Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte -schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft -trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die -Andern zu Gomez und des Grafen Negri Corps, Einige zur Division -Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den -Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden; -doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen -und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen. -Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich -aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf -vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der -Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl -nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte -sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den -Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher -Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl, -fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte -Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der -Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte -- besser: -im Blut ertränkte -- bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den -Ihrigen. - - * * * * * - -Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer -ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen, -welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto -gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General -hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu -verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber -das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen, -dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind -folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger -bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut -lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte -Mährchen erzählten, während die schändenden Thaten, welche ihn -zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer -der Vergessenheit gesenkt wurden. - -Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum -ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung -ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht -eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit -Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die -ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und -die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten -den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in -Schranken zu halten vermag. - -O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und -Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu -hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte -ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so -oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte! -Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht -getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit; -schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in -dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen. - - * * * * * - -Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk -der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem -Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich -gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil -den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend, -umgaben den betrogenen Monarchen, der -- wie zu oft der Edele -- -solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche -einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch -noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben; -noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung -Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt, -welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten -und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen -zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war -beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten -seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit -waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und -das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde, -verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt -hatte. - -Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung -sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale, -welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren -Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk, -beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen -erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen -Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des -Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction -zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische -Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand -schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage -den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge; -er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft -erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen. - -So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche -während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge -von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten, -nehmen und den größern Theil dieser Provinz erobern sollten. Den -Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit -vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem -für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige -Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe -Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich -gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen -ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt. - -Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte, -erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet; -einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden -Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten -befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant -Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra -ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er -wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef -die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens -beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona -und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen -gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken -herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos -erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel -mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens -einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines -Monarchen die fünf Generale füsilirt. - -Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde -unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die -unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche -Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche -sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein betäubender Schlag -getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale -gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe -auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand -ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character, -seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen -Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig -gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia, -der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er -die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung -er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer -gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern -Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen -möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten -makellos, keinen Angriff scheuend. -- Und dennoch! auf der andern Seite -stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen -unserer Parthei! -- Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel -und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das -gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich -Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit -auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die -sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener -Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot? - -Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig; -ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und -erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen -Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der -vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie -vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister -von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu -vereinigen: man wußte ja nicht, ob man den Freund sah oder einen -versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht -genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue -Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen. - -Da erschien eine Proclamation Carls V., welche Maroto’s Verfahren -als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er ward -für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben. Die -Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt und -den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den -König geübt; mehrere Anführer -- so Valmaseda und Don Basilio Garcia --- rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das -königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht -Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er -im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich -stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er -sei zu den Christinos übergegangen. - -Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die -Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die -auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der -Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten -Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren -Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den -unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst -die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer -neuen Proclamation erklärte Carl V., daß er von der Unschuld und dem -Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen -als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das -frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und -Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König -erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte, -triumphirend mächtiger da als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende -Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt. -Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so -viel Blut gehoben hatten. - -Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten, -mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio -Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten -und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit -den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu -dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend, -das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den -Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte -Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen -Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles, -seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten -die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden -Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen -General, um König zu sein. - -Der erste Act des Trauerspieles war vollendet. - - * * * * * - -Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige -Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und -berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines -Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche -zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten, -drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche -Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen! - -Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle Gefangenen, -welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des -Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig -Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm -täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen -befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der -Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren -der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der -Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum -Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als -solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt -werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul -von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und -sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur -die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder -eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte, -manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und, -unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten -Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur -Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde -hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu -versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des -britischen Consul als höchstes Gesetz gelten. - -Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens -nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir -siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß -ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte -nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für -tausendfache Gräuel! -- Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches -Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So -viele mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte -sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen -Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein -und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er -an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem -schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden -Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen -des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen -gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die -Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz -der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen -der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an -das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen -trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der -Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm, -und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder -heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu -weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück. - -Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den -verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich -empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche -zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der -ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins -bis zur Juli-Revolution als Officier in Carls X. Schweizer-Garde, -nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er, -getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien -eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück -wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen, -wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem -Expeditions-Corps des Grafen Negri nach Castilien und befand sich -unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente -Wuth wehrlos den Feinden überlieferte. - -Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich -die Aufmerksamkeit auf sich -- ich hörte die Spanier, denen solche -kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes -Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn -vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und -Leiden des Herrn sie dargestellt sehen --; die erhabenen Eigenschaften -des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick -hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den, -der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten. -Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an -einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und -Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch -trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte -ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines -Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle -für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den -verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet. - -Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das -sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen -unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben -ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes -Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis -überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten -Kohlen wedelnd anfachte. - -Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung -Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an, in der von -Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach -Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste -einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen -andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen -in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich -von dem Freunde. -- Als wenige Monate später der Übertritt Carls V. -nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach -der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf -Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den -Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien -zurück. - - * * * * * - -Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die -beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der -Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend -zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte, -begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel -seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der -Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens -war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet. - -Früher sagte ich, wie Maroto während des Winters durch die Anlegung -mehrerer befestigter Punkte seine Herrschaft nach Alt-Castilien -hinein ausgedehnt und zugleich Vizcaya gegen Angriffe von Westen -her gedeckt hatte; die hauptsächlichste dieser Befestigungen war -die des Fleckens Ramales in der Provinz Santander, über dem ein -sehr starkes, regelmäßiges Castell errichtet war. In dem Orte -war eine Kanonengießerei, die bei der Annäherung der Christinos -zurückgezogen wurde. Aller jener festen Punkte sollte also Espartero -sich bemächtigen, um dann nach Vizcaya vordringen zu können; Maroto -zog sich vor den anrückenden Feinden langsam auf Ramales zurück. -Schon nicht fern von diesem Punkte ward der Marsch der Christinos -plötzlich aufgehalten: eine Höhle, in der Mitte einer senkrechten -Felswand und nur mit Leitern zu ersteigen, war von dreißig Mann und -einem Vierpfünder besetzt, welcher vollkommen die einzige durch die -Schlucht sich windende Straße beherrschte. Drei schwere Geschütze -wurden sofort gegen die Höhle aufgepflanzt und zwangen am folgenden -Tage die Besatzung, sich zu ergeben, so daß der Zug fortgesetzt werden -konnte. Mehrere kleine Forts, um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, -ergaben sich sofort, andere wurden geräumt; nur in Ramales, als dem -wichtigsten Punkte, sollte der Schein eines kräftigen Widerstandes -gerettet werden, weshalb Maroto eine ausgesuchte Garnison unter sehr -entschlossenem Gouverneur in das Fort legte. Nachdem er am 30. April -die herrlichsten Stellungen, wie jene Gebirge nur sie bieten konnten -und wie sie stets den Heeren der Christinos ganz unzugänglich gewesen, -nach kurzem Scharmützel mit den feindlichen Massen verlassen und so -die Zugänge zum Fort ihnen frei gegeben hatte, stellte er mit seinen -vierzehn Bataillonen rückwärts nahe demselben sich auf. - -Espartero drang sogleich vor und errichtete die Batterien, während -er eilf Bataillone der Garde dem carlistischen Heere zur Beobachtung -gegenüber placirte; Maroto that keinen Schuß auf sie, sich mit der -Rolle des müssigen Zuschauers begnügend. Bald begannen die Batterien, -auf sehr große Distance angelegt, ihr Feuer gegen die Wälle des Forts, -ohne den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen, und setzten -es mehrere Tage lang mit großer Lebhaftigkeit und vielem Lärmen -fort. Dann, da die Kanonen keine Wirkung hervorgebracht hatten, -sandte Espartero seine zwei Bataillone Guiden vorwärts, welche, kaum -belästigt, bis zum Fuße des Glacis drangen, dort sich etablirten -und hinter Parapeten ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer gegen die Werke -eröffneten. Es ist leicht zu erachten, welchen Effekt diese neue -Belagerungsmethode haben mußte; viel Pulver wurde verknallt, und die -Garnison des Forts lachte darüber. Doch das wurde wohl langweilig, -und für das damit Beabsichtigte war genug gethan; so kam denn am -dritten Tage dieses Feuerns -- am 8. Mai -- ein Expresser Maroto’s und -brachte dem Gouverneur des Forts die Ordre, da keine Hülfe möglich, -also Vertheidigung unnütz sei, unter möglichst guten Bedingungen zu -capituliren, worauf die Garnison, gegen welche eben so viele feindliche -Gefangene abgeliefert wurden, das Fort übergab und zu der carlistischen -Armee zurückkehrte, die bereits auf dem Rückzuge begriffen war. Die -Christinos fanden die Werke im besten Zustande und die Magazine mit -allem Nöthigen überfüllt; Espartero sandte pompöse Berichte nach -Madrid, in denen er die unbegränzte Todesverachtung der nie besiegten -Vertheidiger der Constitution und der unschuldigen Königinn auf das -glänzendste hervorhob und ehrend die Bravour der feindlichen Armee und -die Festigkeit der Garnison anerkannte. Maroto erließ Proclamationen -in gleichem Sinne und überhäufte die Vertheidiger des Forts mit -Ehrenbezeugungen, die sie erröthend empfingen, seine Armee mit -schmeichelhaftem Lobe und Belohnungen, während sie fortwährend ohne -Schwerdtschlag sich zurückzog.[53] - -Am 10. Mai ergab sich Guardamino, worauf die christinosche Armee in -Vizcaya vordrang, ohne daß Maroto eine der unnehmbaren Positionen, an -denen so oft die Feldherren der Usurpation gescheitert, zum Schlagen -benutzt oder einen Versuch gemacht hätte, in den wilden Schluchten und -Ketten, so gefürchtet vom Feinde, den Eroberungen desselben ein Ziel -zu setzen. Im Gegentheil, Valmaseda, Arciniaga und die andern festen -Punkte Vizcaya’s, mit so vielem Blute behauptet, unter so vielen -Beschwerden befestigt, wurden ohne Widerstand verlassen; am 22. Mai -besetzte Espartero Orduña, die Hauptstadt der Provinz, und eilte, zum -Waffenplatze sie umzuschaffen. Selbst die berühmte Peña de Orduña, den -Paß über den Hochrücken der Pyrenäen, den hundert Mann gegen ein Heer -vertheidigen, fand er unbesetzt. - -Schrecken, Entsetzen ergriff die Basken, ihr Vertrauen wich, da sie -so Unerhörtes, nie für möglich Gehaltenes sahen; wo waren die Zeiten, -in denen der große Zumalacarregui seine Landsleute zu Kampf und -Sieg führte? Die Verschworenen aber streuten heimlich mannigfache -Gerüchte aus über Transaction und bald zu hoffenden Frieden, dessen -Herrlichkeiten sie listig dem geängsteten Volke in den schönsten Farben -ausmalten. - -Während Espartero in Vizcaya vorwärts marschirte, war Don Diego Leon -in Navarra thätig gewesen. Die Carlisten hatten wenige Stunden von -Pamplona entfernt eine Brücke über die Arga geschlagen und sie durch -eine regelmäßige Verschanzung, das Fort von Velascoain, gedeckt; ihnen -war dadurch der Übergang über jenen Fluß gesichert, und sie konnten -nach Belieben das feindliche Navarra bis Ober-Aragon hin durchstreifen. -General Leon zog mit vierzehn Bataillonen gegen dieses Fort, zu dessen -Unterstützung zwei navarresische Bataillone, spät durch andere zwei -verstärkt, dort waren.[54] Das Kanonenfeuer, am 29. und 30. April mit -großer Lebhaftigkeit und Kraft unterhalten, brachte gar keine Wirkung -auf die Besatzung hervor, weshalb General Leon, ein entschieden -braver Mann, nachdem er die Jäger-Compagnien bis zum Fuße der Werke -vorgeschoben, an der Spitze seiner Bataillone unter dem heftigsten -Feuer der Garnison den Fluß passirte. Einige Bataillone drangen zum -Sturm in geschlossenen Massen vorwärts, während die andern rechts und -links vom Fort gegen die carlistischen Bataillone sich wandten. In -Gefahr, abgeschnitten zu werden, und ganz ohne Hoffnung auf Entsatz -verließ die Garnison die Verschanzungen, in denen der Feind fünf -schwere Geschütze erbeutete. - -Don Diego Leon ward von diesem Siege -- er hatte wiederholt der -Sache der Constitution sehr wichtige Dienste geleistet -- zum Grafen -von Velascoain ernannt; Espartero aber, weil er ohne Sieg der Armee -Maroto’s in das Innere von Vizcaya gefolgt war, erhielt den Titel des -Herzogs des Sieges -- duque de la victoria --, den einst mit mehr Recht -Carl V. dem getödteten Zumalacarregui verliehen hatte, das Andenken des -unbesiegten Helden zu ehren. - -Der zweite Act des großen Trauerspieles war vollendet! - - [50] Es befanden sich zwischen dreihundert und vierhundert Officiere - in Cadix, den Expeditionen Negri’s, Don Basilio Garcia’s und - Merino’s, dem Heere Cabrera’s und den Partheigängern der Mancha - angehörend. Letztere wurden später alle erschossen. - - [51] Ihre Lieblings-Phrase: „~ya les haremos à Ustedes sentir lo que - es el ser prisionero nuestro~.“ - - [52] Die Spanier bezeichnen den Kirchhof mit dem Namen des ~campo - santo~. - - [53] Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe, übereinstimmend - von christinoschen und carlistischen Officieren, welche als - Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren. - - [54] Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger - zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den - feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten - konnte. Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den - Nordprovinzen. - - - - -XIX. - - -Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden, -welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen -entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles -zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von -den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise, -uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in -Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In -dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters, -die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden, -die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers -Munde, ertönte -- noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl -- -schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die -Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele -Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich -schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt, -die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den -Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt, -in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich -uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln -überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende -Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie -Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern -die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend. -Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht -ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu. - -Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer, -nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu -können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit -außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche -wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie -aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und -langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten -Schiffen. Unsere Bedeckung -- ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen --- bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten, -während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte -die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf -die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches -Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für -eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung -gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem -andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils -erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal, -welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die -Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt -sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen -Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte -entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns -escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen -seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos -unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz -gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns -zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß -sein. - -Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach -Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste -entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in der höchsten Pracht -entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten -in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der -das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo -umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand -versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste -Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg -erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten -vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die -gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit -sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel -Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen -dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick -mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße -des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit -an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt -durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden -Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den -Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der -einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein. - -Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer -mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch -einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu -beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den -dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben -lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den -Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr -reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen -die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte. -Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken scharf über die -niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des -stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach -von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe -der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse -empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt -der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs XIV. ihnen -die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst in -eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter -den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den -Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als -Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und -die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben -sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel -zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden -Rivalen unterliegen. - -Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße -von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden -Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen -vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem -Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt -auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende -Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen -construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den -Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche -Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte. - -Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an -Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern -der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der -Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche -jetzt über den ganzen Erdball hin das Loos der Nationen lenken, auf -lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind -sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege -alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige -Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands -Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen -in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als -Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden -Roma für ihre Nachkommen +die+ Männer halten, deren schlaffer, -knechtischer Geist selbst den +Gedanken+ der Thaten ihrer Vorfahren -nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst Carthago in -seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß als Feldherr -und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die Herrschaft der -Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß längst, daß ein -Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften Indiens und bis -in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was ward aus der -pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen durfte, deren -Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen Reichthümer -der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren Herrscher sich -rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe? Was ward aus -Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter schmähliches -Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch nur die -alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin Stadt -zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens Belagerung -ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha gebeut -in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch -Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten -beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die -erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen! -- - -O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! -- Und das Meer unter allen -Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen. - - * * * * * - -Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar -getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia -zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril -passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche -Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende -Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne -glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht -endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die -sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und -her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene -täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich -schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und -erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen -das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr -auffiel. - -Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner -schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont -überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die -Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen -Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten -Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und -banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die -Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum -warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt, -etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf -einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte über uns, -wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und -das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen. -Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten -Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst -von seiner Last befreit war. - -Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige -Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen -und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das -Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch -auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser -überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände -einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über -uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf -zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche -es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer -ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit -Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf -dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten, -in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten. - -Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf -dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war -mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende -Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und -Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie -das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten. -Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem -Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben -einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um -nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig über das Verdeck -hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das -Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen -meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die -Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit -erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser -von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den -Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei -ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden -Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben -Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten -und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich -zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon. - -Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte. -Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der -vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur -Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn -zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht -unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht -ergänzen. - -Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte -wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend -und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber -erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die -später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande -fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns -befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder -angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren, --- ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander -wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen -- überwachten -wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld die Zubereitung des Mahles. -Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit, -durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen -Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff -vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens -blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches -Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada -am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, -während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild -der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche -Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der -Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße -noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos, -begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der -spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von -Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend. - -Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich -aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend -in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens -Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt -von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge. -Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s -Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus -Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald -langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die -finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere -zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte -des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse -fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen -in der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend -weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche -hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen -die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme -der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte -schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den -Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet -hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn -priesen. - -Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre -zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine -Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine -drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße -führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden -nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte -Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den -Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten -versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand -entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten -Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren -und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus -dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth -der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt -waren. - -Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer, -durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist, -versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde -Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten -Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit -Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie -bestimmt, am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus -unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro -abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst -insultirt und beschimpft. - - * * * * * - -Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier -Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem -Namen der Huerta -- des Fruchtgartens -- von Valencia bekannt ist, -so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie -die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu -sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten -Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit -über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend -ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu -hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in -unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des -Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne -schützend. - -Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist -nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten -zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche, -dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten -Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu -begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen, -was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe -kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie -leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich -vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte -Fremde Alles dort bewundert, was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur -reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte. - -Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von -Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige -Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und -selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte -gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch -in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten -scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich -und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren -trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen. - -Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich -scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten -in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an -geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine -heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der -durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem -herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen -Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und -noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro -bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf -Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln -durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug -fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit; -doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren -seiner Wuth zurückgelassen. - -Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig, -lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den -Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die -stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen ihrer Voreltern -treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch -eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die -phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima -angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes -Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen -Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite -schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten; -das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum -Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder -Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen -Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen -Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine -Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln -Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre -Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher, -die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit -Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges -Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein -Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen -arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas -mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene -drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was -der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet. - -Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die -wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß -die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl -ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine -L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden -dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte, -stets wieder getäuschte Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am -Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch -endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick. -Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür -der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten -unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen, -und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte -Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert, -sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten, -daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee -Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix -zurückbleiben mußten.[55] - -Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen -den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig -betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen; -kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur -Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links, -wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne -die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen -Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen, -die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt -hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit -der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch -sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen weithin in dem Grunde -der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten -und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf. - -Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren -gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige -Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der -Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos -umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann -schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden. - -Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute -der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene -Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im -Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den -Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich -schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns -Wehrlose gehäuft hatten. - -Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen -Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten, -die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen -Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel -und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das -Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend -ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis -Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier -so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch -mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen -Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden -Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen -Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher -ausgewählt, damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die -Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir -in Thätigkeit gesetzt würden. - -Unwillig, ferner müssig zu sein -- ich hatte nur zu lange in -gezwungener Muße mich aufgezehrt -- eilte ich zu unserm Commandeur, -um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen -Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte. - - [55] Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, sein - Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. - Er wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers - gerettet, dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie - dann, da ein Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem - zu überlassen, indem er vor dem feindlichen Chef des Depots - unauflösbar den Contract einging. Juan, ein braver, biederer - Sohn des Gebirges, kernig an Körper und Geist und Herz, jeder - Falschheit unfähig und sie hassend mit der ganzen, herrlichen - Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich ewige Rache - athmend, wie unerschütterlich fester Freund -- Juan hörte die - Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste - Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in - ungewisse Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in - unsere Casematte eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor - und las den zwei und dreißig, die wir zusammen dort wohnten, - die Verpflichtung vor, welche Ruiz gegen ihn eingegangen; - zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun schändlich sein Wort - gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben und sagte ihm - ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, dann - mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach - in Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten - verflossen, ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte - Ruiz das eine derselben dar mit den Worten: „Waffen haben wir - nicht -- nimm dieses und wehre Dich gut; denn wehrst Du Dich, - so schlage ich Dich todt, und wehrst Du Dich nicht, so schlage - ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere sahen gleichmüthig - dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von Ruiz, der den - Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte sich - in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett - zu ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, - um Rettung, bis er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm - hob, in Todesangst mit weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und - mein Bett sich warf, unsere Kniee flehend umklammerte und -- - unter den Betten verschwand. Dem Einflusse meines Freundes - gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und durch die - Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute eines - solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem - wieder auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot - übergeben, der ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er - entschloß sich dann, für Isabella Parthei zu nehmen, und ward - aufgenommen. - - - - -XX. - - -Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der -Theologie und Inhaber einer kleinen ~capellania~ bei seiner -Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands VII. -seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche in den -Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte Carls V. -zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt stellte er sich an -die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen Schulcameraden, -sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und warf sich mit -ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau sich erweiternden -Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro ausläuft und jene -Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe von dem des -Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und thatendurstig, -durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich aus, wie -durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung der -schwierigsten Unternehmungen. - -Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des -jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er -an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen -gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben. - -Miralles -- el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt, -welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820 -hatte -- Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele -unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle -dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist -mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward -anfangs als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und -Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft -der Rationirung des Bataillons ihm oblag. - -Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und -Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines -Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle -eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit -seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich -oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich -weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so -daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er -während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in -den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig -glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte, -wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen -nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen -mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen -gemacht. - -Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm -unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der -unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche -Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung, -Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende -Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte, -dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche -schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen, -ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit, -ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival, -etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte -Cabrera drei neue, starke Bataillone und einige Escadrone Lanciers -bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste -Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der -er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche, -sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das -Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile -unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter -seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere -Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen; -zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da -glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich -mehr hindernd und erschwerend hervor. - -Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und -der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera, -der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum -Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia. -Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die -Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht -beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia -die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la -Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt -und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten -wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange -reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten -bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren, -bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte -Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles -vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s -erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges -nicht heraustreten durfte. - -So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee -von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden -Provinzen. -- Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch -dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die -Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt -werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie -wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die -Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden -verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf -empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern -hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind -Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert, -geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend, -den Carlisten sich anzuschließen. - -Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem, -auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in -den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über -strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen -Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie -gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten, -Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend. - -So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf -seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem -Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords -Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu -werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde, -ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer -der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf -menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln von -seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten -Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu -erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen -Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen -stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum -Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee -zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und -pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige -Ortsbehörden verfahren mußte. - -Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung -die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger -Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes -Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich -stäupen und dann aus der Stadt jagen. -- Mina, der General-Capitain -von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der -Schandthat gegeben. - -Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose -Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen; -Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei. -„Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus -Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen -Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren -Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen -Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit -des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster -Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich, -das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt, -dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde -kein Pardon zugestanden werden soll.“ Als Repressalie aber für den -Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn -des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die -Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen -erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig -Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher -Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen. - -Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der -verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was -lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am -schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn -den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder -Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung -der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe -hervorgerufen hatten. - -Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über -Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste, -wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören -wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden, -da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die -feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen -Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es -abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht. -Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten -in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,[56] richtete er an den -General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung -der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von -jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30. -Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen -und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza -eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die -Nationalen erschießend. -- Diese wie die Voluntarios Realistas waren -+nach dem Gesetze+ stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen -will, trete in die Armee ein. -- Von den dreißig Frauen, die ferner für -seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert. - -Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes -sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner -Schlachtopfer sah! - -Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das -Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist -ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten -geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den -besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden -sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg -möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht -vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die -Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien -die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten, -während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz -unerwähnt blieben. - -Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was -er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam -ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem -Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte. -Vorzüglich litten darunter die Magistrate und Behörden der Distrikte, -welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden abwechselnd -ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das Befohlene -ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, +freiwillig+ -dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber Cabrera mit aller -Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die Liebe und -Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so hohem Grade -besaß. - -Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der -Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die -Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte -er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine -Donnerstimme: „~á ellos, carajo, no hay cuartel~!“ -- Vorwärts, kein -Pardon! -- Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, blieb -er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein einziges -Beispiel von +überlegter+ Grausamkeit mit Ausnahme der natürlichen -Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie überlegt nennen -darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden. - - * * * * * - -Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles -bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener -Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung -kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit -der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante -schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden, -worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich -trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr -nach den ihm untergebenen Provinzen forderte. - -Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um -mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und -Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den -kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova -einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete -Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha -und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon, -einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort -von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem -Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht -wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch -im wirklich carlistischen Gebiete -- in Navarra -- Sicherheit zu -suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen -Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten -Officiers -- des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet, -von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen -wollte -- die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten -nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des -Schlafes bedurften.[57] In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera -unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde -niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera, -der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz -Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine -geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden -blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen -treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano -- la Diosa genannt --- gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße -verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von -Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten -Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen -zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie -Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den -Seinen zu. - -Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in -dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave -Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte -des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die -untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch -Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und -Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen -der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil -oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch -welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte. - -So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen, -selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz -Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am -31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente -und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten -zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an -dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche -Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden, -durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur -Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der -Stadt erwarteten, um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten -Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre -ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth -anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen -Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte. - -Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich -gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch -die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von -Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge -des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin -gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen -exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837 -eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an -die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach -den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General -Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s -heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten -vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger -von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal -gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet, -der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest -standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von -neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber -rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon -de la Plana. - -Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche -Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition -nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh -zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam. - -Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig. Er -drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar -bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester -Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und -jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu -leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte -er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee -des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell -wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von -Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete -und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die -reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor -Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der -Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten -entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern -Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte -Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero --- welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons -Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte, -um auch sie später zu verrathen -- am 27. April die Festung Cantavieja -durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache -Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte. - -In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die -zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von -Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in -diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie -je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer -geworden, dem der erste Feldherr Christina’s -- denn Oráa verdient den -Namen -- entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und -disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte, und -der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine -reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte. - -Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,[58] wo er seine -Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land -übersäet war -- die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste, -befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie -ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können -- eroberte, die -Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner -streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder -das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der -bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur -Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten -ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze -herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den -Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing -dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe, -dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen -Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen -Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang -ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei -Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni -bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr -gehindert. - -Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während der -Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid -zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen -Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee -sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm -untergebenen Provinzen antrat. - -Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte -sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca, -in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien -der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen -und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division -das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich -umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu -ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten, -der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen -Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie -nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen -Reiterei ihn gesichert hätte. -- - -Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia -einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers -über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem -südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und -Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges -kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia -zurück. -- Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der -Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben, -denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern. - -Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend, -nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa, -in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt -zog General San Miguel, einer der fähigsten Anführer der Feinde, -von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur -halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum -Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren -Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte. -Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da -er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am -Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des -südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine -Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und -die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. -- -Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten. - - * * * * * - -Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten -Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken -Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag -hervorgebracht haben. - -Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später -zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt -hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in -andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem -Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich -fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft; -das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas -Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone -blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während -ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt. - -Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft, -der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros -herrührend, wo der König das Corps des General Buerens vernichtete. -Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen -solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem -feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an -allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm -nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen, -es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine -geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen -bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so -wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl -als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses -nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der -Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit -im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere -Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar -Hungers sterben. - -Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe, -sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe. - -Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten -hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang -spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles, -was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das -Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte -in tödtlicher Entkräftung hin, und -- -- die Überlebenden zehrten -gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden. - -Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in -Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa -lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die -Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und -- -- schimpften Cabrera als -blutgierigen Tiger! - - [56] Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke über - Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach - seiner Mutter Ermordung gemacht habe. - - [57] Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen - -- täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land -- aus - eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt - niedergefallen. - - [58] Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt südlich vom - Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon - umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon, - Cabrera untergeben. - - - - -XXI. - - -Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der -königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in -der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um -ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte -bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte -des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das -beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone -aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und -Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten -ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in -die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die -junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt, -daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war, -ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte. - -Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef -dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria -sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht -befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe -aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm -vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse, -weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im -Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat -nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei; -weil zwei Colonnen von Burgos und Soria zu ihrer Verfolgung eilten; -weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen -Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde, -welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders -begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach -Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen. - -Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse -beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln. -Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die -Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen -das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener -Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten: -wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort -zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche -Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps -fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen -Fehler -- bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen --- vergessen machte. - -Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer -beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte -von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete -sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete -unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen -Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu -ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei -Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia, -wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich -zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein -jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen -Festung Morella zu übernehmen. - -Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hochgebirge, -welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen -Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr -seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte. -Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison -versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen -Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten --- im wahren Centrum ihres Gebietes liegend -- nicht selten sehr -hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll -entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der -feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien. - -Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch -senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder -besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete, -von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte, -Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange -des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von -Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die -Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine -ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco -y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des -Landes. - -So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und -von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el -Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend, -und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um -die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten -von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden -massiven Masadas -- Bauernhöfe, große Scheunen -- besetzten und durch -geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten. - -Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen; -Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt, -ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der -rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in -der ganz verwüsteten Landschaft -- da bei dem Mangel jenes Winters -die Magazine nichts lieferten -- konnten die nöthigen Lebensmittel -nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig -Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da -weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden. -Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle -mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige -Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das -fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder -das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt -- es war -nur ein Thor der Festung offen -- zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft -scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen, -oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten, -da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz -unschädlich machte. - -Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen -sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes -Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr -sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer, -ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste -Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich -auch hier nicht. - - * * * * * - -Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der -Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn -kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch -braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat -mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der -Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte -ihrer nicht viele rühmen mag. - -„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die -Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil -wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß -wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit -dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei, -durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir -auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells -uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses ... Wer könnte jene -furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel -erregt! -- Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner -Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und -dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten -Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit -Gottes Hülfe erstiegen werden.“ - -„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner -Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber -für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und -Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten -Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu -her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich -unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen -Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit unsere Fürsorge -und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den -häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte -ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten: -so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig, -wohin ich sie auch führen mochte.“ - -„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den -Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz -aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel -über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine -Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen -Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er -wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die -Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun -am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht -länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit, -der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte, -mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst -mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage -vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau -das Castell kannte, zum Führer anbot.“ - -„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht -der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann -in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte, -und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die -erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem -Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die -Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze -Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth -fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zurücktrete; aber Alle -antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen -nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten -und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ -endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem -ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich -niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“ - -„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal -Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil -sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des -Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle, -wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere -Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann -umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine -Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden -Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging, -der Andere ihn schloß.“ - -„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen -zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die -Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam -vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und -der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden! -Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des -Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten, -nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte, -schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten, -um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken. -Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter -auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein -schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit -den Leitern bis oben hätte hinkommen können.[59] Dort stiegen wir -einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden -hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie -leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären -sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an -den Felsen sich gelehnt hätten.“ - -„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die -mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen; -grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde -schwebten -- jeder Fehltritt sicherer Tod --, eben so hoch über uns die -senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht, -die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der -unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht -da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften -Gastadores[60], die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie -sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“ - -„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte -der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die -Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf -der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu -der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche -hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß -er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte -und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche -Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf -- -schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt -in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief -mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „~cabo de guardia, los -facciosos~!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“ - -„Mit lautem ~viva el Rey~ stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann -stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer -begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt -her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch -den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte -die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte -uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten, -stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, da -ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl dann, -rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „~viva el Rey, viva Cabrera! -acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!~“ durch einander rufen, -als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung dort oben. Die -Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus dem Gebäude -hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu entkommen, -zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“ - -„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt -beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt. -Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der -Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die -Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten -herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen -unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“ - -„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang -langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor -vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu -klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten -und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der -Stürmenden hinabrollen, so daß die ganze Felsenwand mit spielend -hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten -dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges. -Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte -und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich -beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in -die Stadt zurück. -- Morella war unser.“ - -„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die -braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der -Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. -- Dann befahl -ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu -geben.“ - -So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur -und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht -bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in -lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; -- und plötzlich ertönte -wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt, -das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare -Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben -ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten -waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter -fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos -das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. -- Da trat -geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien -erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle -Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme -- das Glück verkündende -Zeichen des Sieges! - -In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre -Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem -fliehenden Feinde entgegenzuschicken. - - * * * * * - -Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten -Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß -die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß -Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache. -Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen, -als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. -- Der Gouverneur -Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo -führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150 -Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden -von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und -eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella -und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer -Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm -achtzehn Mann von derselben gefangen. - -Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen -an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare -Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein -finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die -Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit einem -Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren Straßen -jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig Mann unter -einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um fortan unter -dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem ~viva Carlos Quinto!~ -ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser Entschluß in -solchem Augenblicke sehr verdächtig schien. - -Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten, -sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt -wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz -abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau -bezeichneten Häuser der dem revolutionairen Gouvernement günstig -Gesinnten[61] zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider -sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben -stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig -den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben, -weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem -Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen. - -Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche -Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer, -noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen -den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von -Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede -Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger -zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters, -der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der -Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend -sich zeigen! - -Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in -Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien -wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er -langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den -Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der -Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als -Oberstlieutenant ihn kannte. - -So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten -begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im -vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches die Grundlage und -den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte -er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm -aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach -einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt -am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem -fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt -der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie -Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication -auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia -ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu -steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde. - -Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive -sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung -gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser -Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure -Hülfsquellen sich geöffnet hätte. - - [59] Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß. - - [60] Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs. - - [61] Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau, die der - Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen! - - - - -XXII. - - -Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche -durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr -allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich -die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien -entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne -Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen -und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt. - -Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés -und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie -nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der -Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr -erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich -machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb -gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und -durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war. -Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten -an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen -bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten -unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten -Hasses und der Verzweiflung kämpften. - -Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella -genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener -Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die -Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur -Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen -- in den unwegsamen -Sierras stets der schwierigste Punkt --, nach Lucena durchdrang. -Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten -Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende -Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra -capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der -Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der -bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon -zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des -Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher -durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war. - -Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage -zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden, -wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon -getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht -alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens, -dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch -Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche -den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse -so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er -unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich -und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein -Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die -Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten -Districte. - -Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz -Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die -in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben -und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die -Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre -Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich -zu bemächtigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. -- Seine -eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit; -sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich -ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die -Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die -Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn -auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen. - -Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte -durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte -das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia -von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren. - -Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner -Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort -auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die -Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft, -vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am -26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von -feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne -Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die -Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde, -sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel -zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der -Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele -Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl -Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der -Nacht der Division sich anschließen könnten. - -Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen -Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort. -Wähnend, daß die National-Gardisten der Umgegend sich genähert hätten, -um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier -die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den -Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen, -falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt, -die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand -besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden -sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit -den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung -herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die -Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem -andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten -ergaben sich. - -Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier -Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am -andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige -der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere -füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends -eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen -ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die -Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten, -worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung -Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte. - -Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich. -Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war -die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die -so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich -gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die -entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte -Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu -zu errichtenden Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour -ausgezeichnet,[62] war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder -ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm -verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals -hatte er noch nie unabhängig commandirt. - -Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne -nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie, -was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort: -„gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen -und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer -der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung -zu nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „~carajo, que tontadas!~“ --- Dummheiten! -- doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die -Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts -und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das -eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten -Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene -aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. ~Tambour battant~ kam der -Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die -ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte. -Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos, -die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur -Verfolgung zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren -halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte. - -Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der -neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen -Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes -fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der -ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo; -er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu -selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht. - -Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie -wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit -vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt. -Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden -Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division -warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage -überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren -beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken -Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst -aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden -Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die -Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf -der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca -weiterzog. - -Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März -drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß -mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte -sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten, -wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell -sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem -Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon ward -abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte, -gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100 -Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung -der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte -sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging, -mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis -Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz -Aragon. - -So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr -geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so -bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem -südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der -Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division -von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser -Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem -Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung -beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie -dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa -150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri -noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals -vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee. - -Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung -seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die -Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte, -für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen -Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die -Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand -zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres -sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen -Vortheile und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes, -welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich -die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu -können. - -Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll -durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung, -wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen -beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen -Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina, -Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines -Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs -bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem -Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen. - -Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand -Cabrera gegenüber. -- - - * * * * * - -Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings -1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges -energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den -furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten -bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen. -Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das -carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner -vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya -zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine -Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf -Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien, -die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España, -welcher kaum das Commando derselben übernommen, nur zuchtlose Haufen -vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen -mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den -Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines -Königs systematisch betreiben. - -Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen -vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte -in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht -gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln -und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die -concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella -war.[63] General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana, -Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor; -trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon -und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden -Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und -standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden -stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen -die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben, -Tod verkündend winkte. - -Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen -Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines -untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen -Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee -seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu -machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und -anzugreifen, die Communicationen ihr abzuschneiden und durch strengste -Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben. - -Er besetzte demnach mit einem kleinen Theile seiner Truppen die Muela -de la Garumba, eine nahe Morella steil sich erhebende und bis über el -Orcajo sich hinziehende Bergmasse, die, zum Hochplateau erweitert, -zur Erhaltung der Verbindung mit Cantavieja von Wichtigkeit war; mit -den übrigen Bataillonen stellte er theils dem andringenden Oráa sich -entgegen, theils occupirte er die oft durch Schluchten und über wildes -Gebirge führenden Wege nach Alcañiz und suchte die Herbeiführung der -schweren Artillerie und der Convoys möglichst zu erschweren. Seine -Armee bestand -- einige Rekruten-Bataillone waren unbewaffnet -- aus -sechszehn Bataillonen in drei Divisionen und aus neun Escadronen, -da das Lanciers-Regiment von Tortosa dem Grafen de España zu Hülfe -gesendet war. Dazu kam die castilianische Brigade, jetzt unter Merino’s -Befehl, und die Trümmer der Expedition von Don Basilio Garcia und Negri -als ~batallon espedicionario~ und ~escuadron del conde Negri~. Da aber -die Corps ohne Ausnahme durch die Unglücksfälle der letzten fünf Monate -sehr geschwächt waren, zählten sie nur 9700 Mann Infanterie, von denen -1300 -- von Aragon und Tortosa -- die Besatzung der Festung und des -Castells bildeten. Die Cavallerie enthielt fast 1000 Pferde. - -Morella’s Befestigungswerke hatten Nichts mit den Meisterwerken -eines Vauban oder Coehorn gemein. Ganz abgesehen davon, daß die -Vertheidigung durch die Lage der Stadt und noch mehr des Castells -lediglich bohrend wurde, und daß kein vorliegendes Werk die Mauern -gegen den unmittelbaren Angriff deckte, waren diese schwachen Mauern -mit den unregelmäßig vertheilten flankirenden Thürmen wohl darauf -berechnet, dem Stoße des ehernen Widderkopfes zu widerstehen; aber der -Alles niederschmetternden Gewalt des Pulvers mußten sie augenblicklich -unterliegen. Und doch waren sie Alles, was Kunst für die Vertheidigung -der Festung gethan hatte. Desto mehr begünstigten sie ihre Lage und die -Eigenschaften des sie umgebenden Terrains. - -Die Mauer ist rings umher auf ungeheure Felsmassen basirt, welche, -bald unmittelbar zu ihrem Fuße, bald mehr oder weniger -- doch nur -unmittelbar neben dem Castell über funfzig Schritt -- vorspringend, -zwölf, dreißig, an einzelnen Stellen selbst funfzig und mehr Fuß tief -perpendiculär sich hinabsenken. Sie bilden daher die eigentliche Mauer -der Stadt, indem sie, sollte auch in das künstliche Werk Bresche -geöffnet sein, den Sturm fast unmöglich machen oder doch, wo etwa -einzelne Einschnitte oder Schluchten, die sehr selten sind, weniger -steil auf die Höhe der Felsen führen, den Stürmenden zwingen, unter -dem wirksamsten Feuer der Belagerten auf weiten Umwegen emporklimmend -der Bresche zu nahen. Eben diese Felsbildung macht die Anwendung der -Minen dem Belagerer unzulässig, während wiederum die Lage der Stadt -auf hohem isolirten Berge gegen sehr wenige Punkte die Aufstellung von -Bresche-Batterien erlaubt, da die umliegenden Höhenpunkte fast alle -entweder zu weit entfernt sind oder, bedeutend niedriger, die Wirkung -der Geschütze unendlich schwächen, wo nicht ganz vereiteln. Einige -dieser Höhen sind selbst dem Fußgänger nur mit Gefahr zugänglich, für -Artillerie also impracticabel. - -Der Belagerer hat also, um Bresche zu legen, doppelte Schwierigkeit -zu überwinden: die Mauer muß von der Stelle, auf der die Batterie -errichtet werden kann, wirksam zu erreichen sein, und das -zwischenliegende Terrain muß nach geöffneter Bresche den Sturm -gestatten. - -Solcher Punkte aber findet sich in der That nur einer: nahe dem Thore -San Miguel im Norden der Stadt, wo, etwa fünfhundert Schritt von ihr -entfernt, die Höhe la Querola sich erhebt, während der Zugang zu der -Mauer möglich bleibt; doch ist der Sturm auch hier mit großen Gefahren -verbunden, da auf Pistolenschußweite ein Felsabsatz erklimmt oder -die gewöhnliche unter dem Feuer der Festung in starken Windungen zum -Thore hinaufführende Straße erstiegen werden muß. Dort finden sich denn -auch dicht neben einander die Spuren mehrerer Breschen. Denn Morella -war stets von politischer und militairischer Bedeutsamkeit; durch -seine Lage auf den Grenzen von Valencia, Catalonien und Aragon, deren -Communicationen es beherrscht, und seines Castells mehr noch als der -Stadt wegen für wichtige Festung gehalten, hatte es seit den frühesten -Zeiten während der Kriege der kleinen christlichen Könige unter sich -und gegen die Araber, wie im Successions-Kriege und in dem Kampfe des -spanischen Volkes gegen Napoleons Massen manche Belagerung ertragen und -oft seinen Herrn wechseln müssen. - -Nur zwei alte Breschen finden sich an andern Stellen der Mauer. Die -eine, nicht zweihundert Schritt vom Fuße des Castells entfernt, -ward durch den General Starhemberg geöffnet -- noch jetzt von den -Spaniern als ~el gran capitan~ bezeichnet --; sie bot zwar die größte -Bequemlichkeit zum Sturm dar, da das Terrain zwischen ihr und der -Batterie ganz eben, aber diese Batterie war kaum hundert Schritt von -der Festung entfernt, und dicht hinter ihr fällt der Fels wenigstens -sechszig Fuß furchtbar schroff hinunter, so daß nur ein Fußsteig -in vielen Windungen hinaufführt. Und ein schwindelfreier Kopf ist -nöthig, um diesen Fußsteig zu benutzen! Es müssen daher ganz besondere -Verhältnisse obgewaltet haben -- etwa gänzliche Entblößung der -Veste von Artillerie -- damit Starhemberg dort am Fuße des Castells -die Batterie etabliren und die Geschütze entweder jenen Felsen -hinaufschaffen, oder längs der Mauer auf dem gewöhnlichen Fahrwege in -die Batterie sie führen konnte. Übrigens war dem wackern Deutschen -solche Kühnheit dennoch fruchtlos; als die Bresche bei der Annäherung -einer Entsatzarmee erstürmt war, fand er eine unmittelbar dahinter -liegende Kirche in einen Abschnitt verwandelt, den er ~à vive force~ -nicht nehmen konnte, so daß er die Belagerung aufheben mußte. - -Die zweite Bresche war gerade auf der entgegengesetzten Seite der -Festung nach Osten hin geöffnet. Eine zu beiden Seiten von wilden -Felsmassen hoch umgränzte Schlucht, die dem Beschauer durch Kunst -in den Granit gebildet zu sein scheint, führt sanft steigend bis -unmittelbar zum Fuße der Mauer, und da der senkrechte Felsen, auf dem -diese gegründet ist, nur drei Fuß hoch über jenen Einschnitt sich -erhebt, würde hier im Vergleich mit den andern Seiten der Festung, -der Sturm sehr leicht sein. Die Batterie dagegen konnte nur auf den -etwa 700 Schritt entfernten Rocas de Beneito angelegt sein, die, -selbst von den Bergbewohnern für unzugänglich gehalten, der Placirung -des schweren Geschützes gewaltige Hindernisse entgegensetzen, deren -Überwindung mit Bewunderung für die Männer uns erfüllt, welche solches -vollbracht haben. Auch diese Bresche soll aus den ersten Jahren des -Erbfolgekrieges herstammen; ich konnte nicht erfahren, von wem. - -Die Franzosen fanden die Veste unbesetzt. Als Marschall Suchet in -der Mitte des Jahres 1813 hinter den Ebro, Valencia räumend, sich -zurückzog, blieb eine Besatzung von 300 Mann in Morella und schloß -sich beim Anrücken der Spanier in das Castell ein. Fortwährend von -einigen Bataillonen blockirt und gelegentlich durch eine Mörserbatterie -beworfen, hielt sie sich bis zum Anfange des folgenden Jahres, worauf -sie capitulirte, selbst die Bedingungen vorschreibend. So wie sie aber -die Stadt betraten, warfen sich die Einwohner auf sie und plünderten -sie aus; dann wurden sie gefangen fortgeschleppt, anstatt den -Bedingungen gemäß nach Frankreich geführt zu werden. -- - -Doch zurück zu 1838. - - * * * * * - -Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner -Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem -weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen -eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der -Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem, -unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen -bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als -Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone -machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit -überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch -persönliche Bravour -- er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere --, -durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder -der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen; -und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die -Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln -durchbohrt, erbeutet zu haben. - -Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche -an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe -ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur -Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des -Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete. - -Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch -die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche -Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und -verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und -endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im -Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der -unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen -schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es -reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und -Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er, -während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen, -zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu -sorgen. - -Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen: -Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und -in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps -hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber -vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur -möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die -Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja -stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran, -ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes -Wirthshaus,[64] besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle -Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von -letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt -und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen -Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und -zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver -verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt -waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der -Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf -die äußersten Fälle aufsparen. - -Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht -waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta -de Monroyo, drei Leguas von Morella, vor, da ganze Divisionen -unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden -Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche -an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den -vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr -zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9. -fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden -Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager -hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen -der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern -behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der -Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze -- acht Kanonen -und drei Mörser -- aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr -Feuer gegen die Mauern der Stadt. - -Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden -Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung -und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als -Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte, -welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst -befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung -gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte; er -verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in Forts und -traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder sonstigem -Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser zu öffnen, -da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der Abwesenheit -der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen führte, denen -jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison, der Elite des -Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert ~voluntarios -realistas~ aus den Bürgern von Morella angeschlossen, die während der -ganzen Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die übrigen Einwohner -waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste befürchtend. Alles, -was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale, das einzige -bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von der hohen -Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn auch als -Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht zum Dienste -berufene Mannschaft dienen. - -Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim -Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem -obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre -Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte, -daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet -war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer -zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die -Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie -ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser -und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in -ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige -in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten -empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren -tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt, -und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der -Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte. - -In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf -Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke -Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern -besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite -Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen -Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese Arbeit -kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend -lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte. - -Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit -Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten. - - [62] Es ist sehr natürlich, daß in höheren Chargen Männer sich - fanden, die eben nur brav waren, da ja nebst Ausdauer die - Bravour das hauptsächlichste Erforderniß des Guerillero in den - ersten Kriegsjahren war. -- Später zeigte sich der Scharfblick - der Commandirenden in der Art, wie sie jeden Officier dahin zu - postiren wußten, wo seine individuellen Gaben am meisten in - Wirksamkeit traten. - - [63] Die Bewegungen und Gefechte der beiden Heere und der einzelnen - Divisionen sind vom General Baron von Rahden in seinem Werke - über „Cabrera“ genau und im Detail gegeben. - - [64] Alle Gebäude in diesem Theile Spaniens sind massiv. - - - - -XXIII. - - -Die Lage der christinoschen Armee vor Morella wurde mit jeder Stunde -schwieriger. Der empfindlichste Mangel an Lebensmitteln machte sich im -Lager geltend, die Transporte, welche mit großen Opfern herbeigeschafft -werden konnten, reichten nicht mehr hin für so gehäufte Bedürfnisse, -und als dann Llagostera, der fortwährend auf der Communications-Linie -mit Alcañiz operirte, den letzten, sehnlich erwarteten Convoy auffing -und fast ganz verbrannte, blieb dem Heerführer der Christinos nur die -Alternative: „Einnahme der Festung oder rascher Rückzug.“ Oráa ließ -die Bresche recognosciren, nachdem er nochmals umsonst die Besatzung -zur Übergabe aufgefordert hatte. Der Ingenieur meldete, daß sie -practicabel, wiewohl sehr schwer zu ersteigen sei; daß aber die hinter -ihr aufgeführte Brustwehr jeden Erfolg sehr zweifelhaft mache. Da -keine Wahl blieb, wurde der Sturm auf die Nacht vom 15. zum 16. August -festgesetzt. - -Um Mitternacht rückten die Colonnen der Stürmenden vorwärts. Die erste -wandte sich gerade gegen die Bresche und gelangte unbemerkt bis an -den Fuß der hier nicht hohen Felswand, welche sie ersteigen mußte; -die andere unter Leitung des früheren Gouverneurs der Stadt, Oberst -Portillo, zog den Fahrweg hinan; zwei kleinere Haufen zur Rechten -und zur Linken waren bestimmt, die Aufmerksamkeit der Belagerten zu -theilen. -- Diese hatten die Compagnien Grenadiere von Tortosa und -Jäger der Guiden von Aragon mit dem schweren Werke der Vertheidigung -der Bresche beauftragt, während die Reste dieser Bataillone zu beiden -Seiten die Thürme und die Schießscharten der Mauer besetzt hielten. -Drei andere Bataillone von Tortosa und Aragon, am Abend in die Stadt -gezogen, waren als Reserve in Masse aufgestellt, um sich sofort auf -den eingedrungenen Feind zu werfen, oder standen in den barrikadirten -Häusern längs der Angriffsfront. - -Die Sappeurs arbeiteten indessen thätig an den Abschnitten, die -allenthalben in der Stadt geöffnet wurden, und richteten die -terassenförmig dem Umfange des Castells parallel laufenden Straßen -zur Vertheidigung ein; die ~voluntarios realistas~ bewachten rings -die Mauer. Da der Sturm mit Zuversicht erwartet wurde, befand sich -Jedermann seit dem Anbruche der Nacht auf seinem Posten. Auch Graf -Negri, selbst Alles überwachend, logirte in dem der Bresche nächsten -Thurme; er ermahnte die Freiwilligen, nicht eher Feuer zu geben, bis -der Feind den Fuß der Bresche erreicht habe. - -Da ward das Geräusch der nahenden Massen gehört. Rasch entzündet -wirbelte der ungeheure Holzstoß seine Flammen gen Himmel, die ganze -Weite der Bresche in züngelnde Gluth hüllend und weit in die Nacht -hinaus leuchtend. Kaum funfzig Schritt von der Bresche waren die Feinde -entfernt. Sie hielten einen Augenblick hinter dem Felsenabsatz, dann -schwangen sie sich mit wildem Gebrüll hinauf und stürmten rasend den -Feuerwogen zu, die ihnen entgegenzuckten; von den Musikchören der -ganzen Armee erschallte zugleich die Revolutions-Hymne Riego’s, zu -fanatischer Wuth sie zu entflammen, während alle Regimenter, die Blicke -auf das furchtbar erhabene Schauspiel gerichtet, in Schlachtordnung -aufgestellt waren. -- Todtenstille herrschte in der Stadt; der -blutrothe Schein der Flammen zeigte den Anstürmenden die dunkeln Massen -der Carlisten ihrer harrend, die Gewehre zum Schuß bereit. - -Mit Muth griffen die Christinos an, deren beste Bataillone ausgewählt -waren. Unter dem lauten Rufe: „~viva Isabel segunda! viva la -constitucion!~“ erreichten sie den Fuß der Bresche, schon betraten -sie die Trümmer, da übertönte ihr Geschrei und das Prasseln des -Scheiterhaufens donnernd das Commandowort „Feuer!“ Die ersten Reihen -der Stürmenden lagen zu Boden gestreckt, aber gleich fest drangen die -Nachfolgenden über die Leichen ihrer Cameraden vorwärts. Die Kugeln aus -der Bresche und von der Mauer zu beiden Seiten schlugen sie nieder, und -nach langem vergeblichem Streben, die Trümmer zu erklimmen, wichen die -Ermüdeten hinter die schützende Felsenwand zurück. - -Auch Portillo’s Colonne war mit Festigkeit vorgerückt. Eine finstere -Masse erstieg sie langsam den vielfach sich schlängelnden Fahrweg, -anfangs unbelästigt, da Aller Augen auf die Bresche gerichtet waren, -deren helle Gluth malerisch die grausige Scene erleuchtete. Aber -bald sprüheten die Mauern auch auf sie Tod und Zerstörung hinab. -Unerschüttert drang die Colonne auf ihrem gefährlichen Marsche vor, der -in der wirksamsten Schußweite längs einem Theile der Mauer hinführte; -das Feuer wurde mit jedem Augenblicke heftiger, große Steine wurden -von den Thürmen des San Martin-Thores herabgeschleudert, und die -Soldaten fielen in dichten Haufen. Da stand die Colonne regungslos, -weder vordringend noch weichend, als Oberst Portillo wüthend vorwärts -stürzte: von den Seinen verspottet und verachtet hatte er geschworen, -die schimpflich verlorene Veste zu nehmen oder unter ihren Mauern -zu sterben. Sein Schwur ward erfüllt. Mit wildem Fluche schleuderte -er seinen Degen über die Mauer hinein in die Stadt, die er nicht zu -bewahren gewußt, und sank gräßlich lästernd, von fünf Kugeln zum Tode -getroffen. Als der Führer gefallen war, stürzte die Masse gelichtet und -schwankend zurück und vereinigte sich, rechts sich schiebend, hinter -dem Felsen mit den Gefährten, die so eben von der Bresche gewichen -waren. -- Oberst Portillo blieb am Fuße der Mauer liegen. - -Bald waren die Truppen von neuem geordnet und durch ein Bataillon -verstärkt, das gefürchtetste der christinoschen Armee: die Jäger von -Oporto, aus deutschen Abenteurern bestehend, waren zum Sturm beordert. -Wieder erklimmte die Masse den Felsen und stürmte gegen die Bresche, -nicht mehr in der majestätischen Ordnung wie vorher, -- wild und -gedrängt mit fanatischem Freiheitsgeheule; nur die Fremden schritten -lautlos und fest wie zur Parade nach dem gleichmäßigen Tacte der -herüberrauschenden Janitscharen-Musik. Wieder wurden die Trümmer der -Bresche mit den Leichen der Wüthenden bedeckt, und zerstreut flohen die -Verschonten. Die Jäger von Oporto allein wichen nicht, sie erstiegen -die Bresche, oben auf ihr, von Flammen umspielt, suchten sie den Weg -durch die brennenden Stoffe und stürzten dort unter den tödtlichen -Kugeln in die Gluth. Doch das Feuer vor ihnen und dahinter eine neue -Mauer, Verderben speiend, machte alle Anstrengungen vergeblich: die -Deutschen wichen, Morella war gerettet. - -Umsonst ermunterten die Officiere ihre Compagnien zu nochmaligem Sturm, -finsteres Schweigen antwortete ihren Bitten, ihren Drohungen, und die -Soldaten rührten sich nicht hinter dem Felsen, der sie deckte. Um drei -Uhr Morgens zogen die abgeschlagenen Truppen entmuthigt und die Reihen -gelichtet ins Lager zurück. - - * * * * * - -Der 16. August verging unter steten, blutigen Scharmützeln der beiden -Armeen, da die Carlisten so eben einen Transport Pulver erhalten -hatten; zugleich spielte die Artillerie fortwährend gegen die -Festung, den neuen letzten Versuch der Christinos vorzubereiten und -die Ausbesserung der Bresche zu verhindern. Denn noch einen Versuch -wollte Oráa machen und zwar ohne Aufschub: seine Soldaten aßen seit -drei Tagen nur geröstetes Korn, die Pferde hatten alles Getreide der -Felder aufgezehrt und fielen schon häufig. Der Sturm sollte bei Tage -unternommen werden, da die Führer der beim ersten Angriffe angewendeten -Corps das Mißlingen desselben der Verwirrung im Dunkel der Nacht -und dem Umstande zuschrieben, daß weder die Braven durch Hoffnung -auf Auszeichnung getrieben wären, noch die Feigen Schmach und Strafe -gefürchtet hätten, weil ja beide unbekannt blieben. - -Am 17. August bei Anbruch des Tages gaben drei Kanonenschüsse das -Signal zum Sturm. Dreizehn Bataillone griffen in fünf Colonnen die -Festung von drei Seiten an; aber nur die gegen die Bresche gerichtete -Masse, die Regimenter Ciudad-Real und Ceuta, kämpfte brav. Sie gelangte -auch dieses Mal bis auf die Trümmer -- der Kugelregen trieb sie wieder -und wieder zurück, bis endlich Muthlosigkeit die Schaar ergriff, da sie -ihre Chefs und die besten Officiere fallen sahen. In wilder Verwirrung -flohen sie dem verschanzten Lager zu, mit Kraft von den Bataillonen -Guiden und Tortosa verfolgt, welche unter des Grafen Negri Führung, -durch die Bresche hinabsteigend, auf die Fliehenden sich warfen und -ihnen ein leichtes Geschütz abnahmen. Die zur Escalade bestimmten -Colonnen hatten nirgends den Fuß der Mauer erreicht. - -Nachdem Oráa am 17. wiederum die Stadt mit allen Mörsern und Haubitzen -beworfen und dadurch unnütz große Verwüstungen unter den Häusern -angerichtet hatte, brannte er während der Nacht alle Masadas der -Umgegend nieder und begann am 18. den Rückzug auf Alcañiz, die -Unternehmung aufgebend, die er mit so unendlichem Aufwande vorbereitet, -deren Erfolg er als unfehlbar verkündet hatte. - -Da, wie gesagt, die carlistische Armee ganz von Munition entblößt war --- jeder Soldat erhielt am 18. Morgens eilf Patronen von einem gerade -angelangten Transport -- kehrte Cabrera nach Morella zurück, die -weitere Verfolgung oder vielmehr Beobachtung der abziehenden Feinde -der Division von Castilien unter Merino überlassend, nachdem er sie am -18. und 19. von Position zu Position, fast immer mit dem Bajonnett, -gedrängt und einige hundert Gefangene ihnen abgenommen hatte. Den -Truppen war auch nicht eine Patrone geblieben. Eben dieser empfindliche -Mangel, durch den Cabrera verhindert wurde, den errungenen Vortheil bis -zur Vernichtung des christinoschen Heeres zu verfolgen, war auch die -Ursache, daß der General während der letzten Tage der Belagerung mit -den Divisionen eine ganz secundäre Rolle spielte und besonders während -der Stürme, bei denen energisches Handeln von außen her entscheidend -sein konnte, als nur passiver Zuschauer dastand. Wie oft dankten -die Feinde des Königs ihre Siege oder ihre Rettung dem ungeheuren -Mißverhältnisse zwischen den materiellen Mitteln der kämpfenden Heere! - -Dennoch waren die Folgen des mißlungenen Unternehmens gegen Morella -unberechenbar. Die feindliche Armee hatte in den tausendfachen Kämpfen -und Strapatzen der letzten vier Wochen einen Verlust von 7000 bis 8000 -Mann, einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke, gehabt, von denen -über 5000 auf dem Kampfplatze oder in den Hospitälern in Folge der -Verwundung durch bronzene Kugeln starben. - -Durch gänzlichen Mangel an Blei waren nämlich die Carlisten genöthigt, -jedes Metall, welches sie erlangen konnten, zu ihren Flintenkugeln -zu benutzen, so daß, wenn nicht augenblicklich Hülfe kam, durch das -Ausscheiden von Gift in der Wunde diese tödtlich werden mußte. Oráa -protestirte gegen den Gebrauch solcher Kugeln als dem Völkerrechte -zuwider, worauf Cabrera sich bereit erklärte, sofort der gewöhnlichen -Kugeln ausschließlich sich zu bedienen, wenn ihm Oráa das zum Guß -derselben nöthige Blei verabfolgen ließe. Da auf diese Forderung weiter -keine Antwort erfolgte, fand die Anwendung der tödtlichen Geschosse -ferner Statt. Die revolutionairen Blätter aber schrien über die -Barbarei und Unmenschlichkeit des Feindes, der solche Waffen gebrauche! - -Jenem ungeheuren Verluste der Christinos gegenüber hatte die -carlistische Armee während der Dauer der Belagerungs-Operationen nur -1400 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt, wie denn alle Umstände -solche Ungleichheit natürlich machten. - -Weit höher jedoch als dieser materielle Vortheil war der in seinen -Folgen so viel wichtigere moralische Einfluß zu schätzen, welchen die -Aufhebung der Belagerung von Morella auf die beiden Heere, dann auf das -Volk und auf den Krieg ausübte. Der Nimbus der Unwiderstehlichkeit war -nun von der Armee der Christinos gewichen, denn bis dahin rühmte sie -sich, daß, wohin ihre Massen sich wendeten, sie immer durchdrängen und -die leichten Schaaren der Facciosos zerstieben machten oder vor sich -niederschmetterten; sie behaupteten, daß die Carlisten im geregelten -Kampfe ihnen nie widerstehen, ihrem Sturme nie Stand halten könnten; -sie pochten auf ihre Organisation und Massen-Taktik und schrieben -die einzelnen Siege, welche sie den noch immer als Horden und Banden -bezeichneten Feinden zugestanden, nur der Überraschung und der -Benutzung des günstigen Terrains zu. - -Jetzt änderten sie plötzlich ihre Sprache gegen und über jene -verachteten Schaaren. Eine Unternehmung, zu der die Blüthe der Armee -unter allen ihren ausgezeichnetsten Generalen sich vereinigt hatte, und -für welche die umfassendsten Vorbereitungen getroffen waren, war ganz -mißlungen; eine Operation, bei der sie ihre gerühmte Überlegenheit so -vollkommen entwickeln konnten, hatte in entschiedener, schimpflicher -Niederlage geendet. Das Selbstvertrauen der Christinos war dahin, und -mit ihm schwanden alle die Vorzüge und die moralische Macht, die sie -noch immer behauptet hatten. Die Armee des Centrum, wiewohl sogleich -durch mehrere Brigaden der Nordarmee und aus dem Innern verstärkt, -erlangte jene Überlegenheit nie wieder. - -Dagegen erkannten die Freiwilligen, was sie vermochten, und die -Vortheile anerkennend, welche die Organisation und militairische -Ausbildung der Feinde neben ihren großen materiellen Hülfsquellen -ihnen gaben, hielten sie sich jetzt für unüberwindlich, da sie ja über -das Alles so herrlichen Sieg davongetragen hatten. Das Volk aber sah -von nun an die Sache der Carlisten als die entschieden siegreiche; -demnach wagte es entweder offener seine Neigung darzuthun, oder es -schmiegte sich leicht unter das ihm unabwendbar scheinende Verhängniß. - -Die Folgen aber dieses Schlages für die Operationen der Armeen und -für den Krieg im Allgemeinen waren von entscheidendem Gewichte; der -Verrath eines Maroto war nöthig, um sie zu paralysiren. Der ganze große -Vernichtungsplan der Feinde war vereitelt, in sich zusammengefallen; -sie sahen sich nicht nur im westlichen Spanien geschlagen und selbst -schwer bedroht, auch Espartero gab auf die Nachricht davon sogleich -sein Unternehmen auf Estella und auf Navarra auf, zu seiner alten -Unthätigkeit zurückkehrend. Die müssigen Schreier der Puerta del Sol, -die im Voraus gejubelt hatten, wagten nun, den greisen Führer der -Armee des Centrum, den General, der Alles gethan, was der General -thun konnte, weil er eine Niederlage erlitten hatte, als Verräther -zu bezeichnen und des Einverständnisses mit Cabrera zu zeihen. -Wenige Wochen vorher war er der Held, auf den allein sie vertrauten, -überschüttet mit Preis und Schmeichelei. Das ist der Liberalismus der -Spanier! - -Den General Cabrera belohnte seines Königs Gnade für so herrlich -errungene Erfolge durch den Titel des Grafen von Morella, den das -Cabinet Maria Christina’s für Oráa, den Sieger, bestimmt hatte; -zugleich ward er zum General -- ~teniente general~, dem General der -Infanterie oder der Cavallerie entsprechend -- ernannt, als welcher er -die Provinzen Aragon, Valencia, Murcia und Cuenca commandirte. Fünf -Jahre hatten dem armen Studenten hingereicht, um in der Vertheidigung -der Rechte seines Königs von Stufe zu Stufe die höchsten Grade und -Ehren sich zu verdienen und, gefürchtet vom Feinde, die Hoffnung -der Seinen, an der Spitze eines von ihm selbst im Kampfe gegen -die Usurpation gebildeten Heeres über vier mächtige Provinzen zu -herrschen;[65] in fünf Jahren hatte der unbekannte Jüngling, der mit -einem Stock bewaffnete Guerrillero, europäischen, geschichtlichen Ruhm -sich erworben. - -Auch die Armee ward nach dem Vorschlage des Generals reich belohnt; -die Divisions-Chefs und Brigadiers Don Domingo Forcadell und Don Luis -Llagostera, der ganz besonders durch Thätigkeit und Einsicht sich -hervorgethan hatte, wurden zu General-Lieutenants -- ~mariscales de -campo~ -- erhoben und als zweite commandirende Generale den einzelnen -Provinzen vorgesetzt. - -Die Armee unter dem Oberbefehle des Grafen von Morella bestand nach der -Belagerung von Morella aus folgenden Truppen. - -Die Division vom Ebro, unter dem unmittelbaren Befehle des Generals en -Chef, enthielt die Brigade von Tortosa, 3 Bataillone unter dem Oberst -Palacios, stets um die Person des Generals und von den übrigen Truppen -als seine Garde bezeichnet; und die Brigade von Mora, 2 Bataillone -unter Oberst Feliu, nebst dem Regiment Lanciers von Tortosa, unter -Oberst Gil. 3200 Mann Infanterie und in 4 Escadronen 350 Pferde. - -Die Division von Aragon unter dem Mariscal de Campo Llagostera bestand -aus 6 Bataillonen, durch die Verluste des Frühjahres sehr geschwächt, -und 2 Regimentern Lanciers, 2400 Mann Infanterie und in 5 Escadronen -330 Pferde. - -Die Division von Valencia zählte 6 Bataillone und ein Regiment Lanciers -unter dem Mariscal de Campo Forcadell. 3800 Mann Infanterie und in 4 -Escadronen 320 Pferde. - -Die Division von Murcia -- früher del Turia und unter Tallada -vernichtet -- unter dem Oberst Arnau ward organisirt und enthielt -jetzt 2 Bataillone und 2 Escadrone. 700 Mann Infanterie und 120 Pferde. - -So sah sich Cabrera an der Spitze von etwa 10000 Mann Infanterie und -1100 Pferden. Dazu kamen das Artillerie- und das Genie-Corps, letzteres -bis dahin nur aus Sappeurs mit nicht wissenschaftlichen Officieren -bestehend, und die ~voluntarios realistas~, welche ihre Wohnsitze -nicht verließen, nebst einigen kleinen Freicorps, die kaum 200 Mann -stark waren. - -Merino marschirte alsbald mit den Bataillonen von Castilien ab; ebenso -kehrten Graf Negri und Don Basilio mit den Reitern des ersteren durch -einen kühnen Zug nach Navarra zurück. Don Basilio’s 200 Mann traten zur -Brigade von Tortosa über. - - [65] Denn Cabrera herrschte in ihnen; nur die festen Städte - gehorchten dem Feinde. - - - - -XXIV. - - -Oráa hatte die Belagerung von Morella aufgehoben. Die Beobachtung des -geschlagenen Feindes der Division von Castilien überlassend, eilte -Cabrera mit zwei Divisionen der fruchtbaren Huerta von Valencia zu, -den glorreichen Sieg thätig zu benutzen: am 24. August schon stand er -vor den Thoren der Hauptstadt, die wenige Tage vorher durch glänzende -Feste die Eroberung von Morella gefeiert hatte, da die Nachricht davon -als unzweifelhaft verbreitet war. Auch jetzt empfing das Jubelgeläute -aller Glocken die carlistische Armee, denn Niemand zweifelte, daß der -wilde Cabrera nach dem Verluste seiner Festung und geschlagen vor -dem siegreichen Heere Christina’s auf der Flucht begriffen sei und -unmittelbar von demselben verfolgt werde. - -Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall -Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und -Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit -den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des -Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen -Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im -Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von -Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten -und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf -dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen! - -Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich -Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf -die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s gleichfalls nach dem Königreiche -Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den -Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während -Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne -hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition -waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen -Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die -von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch -Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem -Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen. - -Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch -befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der -Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés -beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber -durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen -wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne -Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken -erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte. - -General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den -gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde, -verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen. -An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des -Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle -spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister -General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die -Ursachen jener Niederlage zu erforschen. - -Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora -den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken -maurischen Castell auf dem südlichen Ufer jenes Flusses, welches er -sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen -Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des -drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa -schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen -Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte -jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung -während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro -zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine -Artillerie nach Miravet gesendet hatte. - -Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges -Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden -Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des -Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset -befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division -vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset -belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines -legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer -herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen -möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte -die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf -jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für -Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und -eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden -erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen, -ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“ - -Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen -Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt -entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich -zu, da sie bei den unter den Posten nicht ungewöhnlichen Gesprächen -sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für -Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der -gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete -und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu -den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich -nicht. - - * * * * * - -Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt -war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung -mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer -zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale, -einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst -günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in -den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während -Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte. - -Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der -ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen, -brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von -Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch -aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings -Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen. -Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf -erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der -Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so -daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte -die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von -Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700 -Pferde stark. - -Da Cabrera mehrere Bataillone von Aragon erwartete, verließ er am -Morgen des 1. Octobers seine Stellung, um die Vereinigung mit ihnen -zu erleichtern. Zugleich brach auch Pardiñas von Maella auf, um den -Heranmarsch der Verstärkung zu begünstigen, die von Caspe aus zu ihm -stoßen sollte.[66] - -Von Maella nach Favara, Südwest zu Nordost, erstreckt sich ein etwa -drei Stunden langer Höhenzug, dessen obere, ganz kahle Fläche, ein -Hochplateau bildend, in seiner größten Breite -- anderthalb Stunden -von jedem der beiden Orte -- etwa eine halbe Stunde beträgt. Die -Verbindungswege zwischen ihnen laufen zu beiden Seiten dieser Höhe in -dem Grunde der sie cotoyirenden Thäler hin, von dem das nordwestliche, -in dessen Tiefe das Flüßchen Nonaspe sich hinschlängelt, reich bebaut -und hauptsächlich mit Weingärten und mit Olivengehölzen bedeckt ist, -auch ist die Höhe dorthin sehr sanft abgedacht. Das andere südöstliche -Ravin ist durch steil abfallende Wände gebildet und durch rauhe, -vorspringende Felsmassen verengt; es ist mit Ausnahme von wenigen -Olivenbäumen ganz ohne Cultur. - -Pardiñas, die von Caspe herführenden Wege zu decken, schlug natürlich, -links sich wendend, den Weg längs dem Flusse ein, um nach der -Vereinigung mit der erwarteten Verstärkung Cabrera anzugreifen, -während dieser, ohne von der Absicht und dem Ausbruch jenes Generals -Nachricht zu haben, von Favara aus gleichfalls links das schroffere -südöstliche Thal hinabzog, da die Bataillone, denen er die Hand reichen -wollte, von Süden her naheten. - -Die Eclaireurs der beiden Corps, längs den Flanken der Marschcolonnen -schwärmend, trafen sich auf der Mitte des Plateaus und eröffneten -alsbald das Feuer. Die beiden Generale schickten den Kämpfenden -Verstärkung auf Verstärkung und zogen sich, ihrem Vortrabe folgend, -nach und nach auf die Höhe des Plateaus, wo die Divisionen in -Schlachtordnung auf einander stießen, so daß die Avantgarde einer jeden -der Arrieregarde der andern gegenüberstand, welche die Christinos -jedoch bedeutend zurückgehalten hatten. Die Front der Carlisten war -jetzt nach Norden gerichtet. - -Die feindliche Cavallerie der Avantgarde stürzte sich auf die beiden -Bataillone von Mora, welche den rechten Flügel der Carlisten bildeten, -durchbrach sie, noch nicht geordnet, und säbelte sie furchtbar nieder. -Das Regiment von Tortosa sprengte zu ihrer Rettung herbei, und sie -konnten, von den Guiden von Aragon aufgenommen, sich rasch formiren -und wieder vordringen. Die Lanciers von Tortosa aber wurden durch -einen neuen, heftigen Choc gleichfalls geworfen und verloren eine -große Zahl Todter, da die Christinos Alle, welche sie einholten, mit -dem Rufe: „heute giebt es keinen Pardon für Euch!“ erbarmungslos -niederstachen, wiewohl diese, von den Pferden springend, sich gefangen -gaben.[67] Zugleich griff Pardiñas mit seiner Infanterie des Centrum -die Bataillone von Tortosa an, welche auf vierzig Schritt Entfernung -mit Bataillons-Salven die Massen empfingen und dann mit dem Bajonnett -ihnen entgegenstürmten. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück. -Die braven Tortosiner wichen nicht, und die Bataillone von Cordova -und Afrika, eben so brav, drangen immer wieder zu wildem Angriffe. So -ward die Infanterie beider Corps in furchtbarem Handgemenge vermischt, -aus dem die Losungsworte ~viva Carlos quinto! und viva Isabel -segunda!~ verwirrt durch einander tönten, da nicht eine einzige -Compagnie in sich geschlossen geblieben war. - -Cabrera erkannte, daß der Augenblick der Entscheidung da war: ein -Cavallerie-Angriff in solchem Chaos mußte Wunder thun. Er beorderte -einige der Escadrone herbei, die so eben auf dem rechten Flügel die -Fortschritte der feindlichen Reiter wieder gehemmt hatten. Aber ehe sie -anlangten, stürzte er, schon leicht verwundet, an der Spitze seiner -Ordonnanzen, kaum 60 Reiter, in die Mitte des Getümmels der Infanterie, -mit dem Rufe: «~hay cuartel, abajo las armas!~» -- es giebt Pardon, -nieder mit den Waffen! -- die Christinos betäubend. Die verwegene -That hatte den herrlichsten Erfolg. Die Feinde überall mit der -Infanterie von Tortosa gemischt, konnten sich nicht in Massen formiren; -allgemeine Bestürzung, panischer Schrecken ergriff sie, und Pelotons, -Compagnien und ungeordnete Haufen, wie sie aus dem Handgemenge sich -vereinigen konnten, streckten die Waffen, Alles verloren wähnend, -da sie die Cavallerie der Carlisten in ihrer Mitte sahen. Wenige -flohen. Die Ordonnanzen und die herangezogenen Escadrone von Tortosa, -der Infanterie das Werk der Entwaffnung überlassend, jagten an dem -erstarrten Haufen der Christinos vorüber, die zagend die Gewehre -niederwarfen, bis sie wieder und wieder die ganze Linie durchkreuzt -hatten. - -In einer Viertelstunde war das Unglaubliche vollbracht. Zugleich -warf sich der linke Flügel Cabrera’s auf den zurückgezogenen, auf -dem Abhange stehenden Nachtrab der Feinde, bei welchem sämmtliche -Bagage sich befand. Er war sofort zerstreut und floh in gränzenloser -Verwirrung auf Caspe, die Vernichtung der schönen Division verkündend, -worauf die zur Verstärkung derselben bestimmten Truppen dort blieben. - -Pardiñas hatte sich umsonst bemühet, das Gefecht wieder herzustellen; -in Verzweiflung stürzte er mit der Cavallerie des linken Flügels zur -Rettung seiner schon aufgelöseten Bataillone, aber die Escadrone wurden -durch die Festigkeit einiger Compagnien von Tortosa geworfen und durch -einen Chor der Lanciers ganz zerstreut und, in die Schlucht gedrängt, -größtentheils gefangen. Bald war an die Stelle des wilden Tumultes -majestätische Ruhe getreten, nur durch den jubelnden Siegesruf: ~viva -el Rey!~ unterbrochen. - -Schon verwundet, das Pferd unter ihm getödtet, floh Pardiñas allein -und zu Fuß dem Ravin zu, durch welches Cabrera’s Armee heraufgezogen -war. Vom Oberstlieutenant Rufo, einem Adjudanten des Generales, zu -Pferde verfolgt, gelangte er bis zu dem Grunde des Thales, vermochte -aber, geschwächt durch Blutverlust, nicht mehr, die entgegengesetzte, -steile Höhe zu ersteigen. Er ergriff das Gewehr eines Grenadiers, der -gleichfalls fliehend an ihm vorübereilte, und zerschmetterte durch -einen Schuß den Arm Rufo’s, da dieser ihn aufforderte, sich zu ergeben. -Das Feuer hatte schon ganz aufgehört; so zog dieser vereinzelte Schuß -einige Ordonnanzen herbei, welche, den Adjudanten ihres Generales -verwundet sehend, den feindlichen Anführer niederhieben, wiewohl er als -Pardiñas sich kund gab.[68] - -Oberstlieutenant Rufo, mit einer Schwester des Grafen von Morella -verlobt, starb einige Wochen nach der Action in Valderobles, da die -sogenannten Wundärzte nicht sogleich zur schwierigen Amputation -geschritten waren. Die Nachricht von der Verwundung des Geliebten warf -seine Braut, die liebenswürdigste von den drei reizenden Schwestern -des Generals, auf das Krankenlager; sie überlebte nur um einen Tag die -Schreckenskunde von seinem Tode. - -Der Sieg nach einstündigem, furchtbarem Ringen war vollkommen. 3500 -Mann waren gefangen, über 4000 Gewehre, zwei Geschütze, 350 Pferde und -die ganze reiche Bagage wurden auf dem Schlachtfelde erbeutet. Nur 800 -bis 900 Mann, zum Theil unbewaffnet, entkamen nach Alcañiz und Caspe, -wo sie die größte Bestürzung verbreiteten, die bald durch das ganze -christinosche Spanien wiederhallte. -- Der Verlust der Carlisten war -sehr bedeutend, wie solcher Kampf ihn mit sich brachte, sie zählten -ungefähr 1200 Mann Todter und Verwundeter, ein Viertel ihrer ganzen -Stärke. - -Nach dem Siegestage von Maella entsendete Cabrera drei Bataillone und -zwei Escadrone unter dem Oberst Polo nach Castilien, wo sie bis in die -Mancha vordrangen und, ohne Widerstand zu finden, einen großen Convoy -von Lebensmitteln sammelten -- der Winter war ja nahe. -- Er selbst -durchstreifte mit der Division vom Ebro Nieder-Aragon bis an die Thore -von Zaragoza, während sein Adjudant, Oberst Garcia, der wegen seiner -mannichfachen militairischen Kenntnisse bei dem gänzlichen Mangel an -Genie-Officieren[69] deren Functionen versah, die Blockade von Caspe -leitete. Llagostera aber drang von neuem in die Ebene von Valencia und -bis in das Königreich Murcia vor; bei seiner Rückkehr traf er auf den -General Borso und ward am 2. December bei Chiva geworfen, wobei er -etwa 200 Gefangene einbüßte, welche erschossen wurden, da schon das -Repressalien-System in Kraft getreten war. Doch später davon. - -So wie das Belagerungsgeschütz dort anlangte, war Cabrera nach Caspe -geeilt; er ließ sofort die Batterien errichten, beschoß die Stadt -kräftig und hatte sich schon in einigen Häusern unmittelbar neben der -Mauer festgesetzt, als General van Hahlen mit starkem Corps zum Entsatz -nahete. Auf seiner Flanke und in den Communicationen bedrohet, zog -Cabrera seine Artillerie am 18. October zurück, hob die Belagerung -auf und wandte sich nach dem Königreiche Valencia, wo Forcadell durch -Überfall des Castells von Villamaleja sich bemächtigt hatte. Da van -Hahlen sich sofort dahin in Bewegung setzte, stand der carlistische -Feldherr nach einigen Gewaltmärschen wieder in Aragon und erneuerte die -Belagerung von Caspe, die auch dann fehlschlug, weil Niemand in der -Armee sich fand, der eine Mine, welche nothwendig war, mit gehöriger -Wirkung anzulegen wußte. - -Cabrera durchzog in den letzten Tagen des Novembers noch ein Mal die -fruchtbare Huerta und machte einen vergeblichen Versuch, Lucena in -Valencia durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, worauf er nach Morella -ging, da die Witterung für den Augenblick jede Operation unmöglich -machte. Mehrere Monate verflossen in anscheinender Unthätigkeit. -General van Hahlen begnügte sich, Convoys nach den vorgeschobenen -Festungen zu escortiren und im Halbkreise auf der großen Straße -von Castellon nach Valencia, Teruel, Daroca und Zaragoza um das -carlistische Gebiet in beobachtender Ferne sich zu bewegen. Der -Graf von Morella aber arbeitete an der Completirung und Ausbildung -der Armee, ersetzte das Vernichtete und Mangelnde und traf alle -Vorbereitungen, um mit dem Frühjahre kräftig die Offensive ergreifen -zu können, da die glänzenden Erfolge des letzten Feldzuges die -Überlegenheit des carlistischen Heeres unter Cabrera’s Leitung factisch -dargethan hatten. - -Cabrera ward schon von den Anhängern Carls V. als der Mann -betrachtet, der den Krieg beenden und dem Könige den Weg zu dem -Throne seiner Väter öffnen würde; in ihm concentrirten sich jetzt -alle Hoffnungen. Von der Armee der Nordprovinzen erwartete, wünschte -man nur noch, daß sie sich halten und so die ihr gegenüber stehenden -Truppen dort fesseln möge. An endlichen Sieg durch sie dachte Niemand -mehr: „Das Übrige wird schon Cabrera thun“ klang vertrauensvoll aus -Aller Munde. -- Wer hätte ahnen mögen, daß Verrath die Waffenthaten -des jugendlichen Helden vergeblich machen und das sinkende Gebäude der -Revolution stützen werde! - - * * * * * - -Der Winter von 1838 zu 1839 sticht in der Geschichte des spanischen -Bürgerkrieges blutig durch eine lange Reihe systematischer Metzeleien -hervor, die das Gefühl mehr empören müssen als alle die Gräuel, -welche in den ersten Jahren des Krieges verübt wurden, weil diese -durch die Leidenschaft des Augenblickes und die Verhältnisse eine -theilweise Entschuldigung finden könnten, während jene, nachdem lange -schon menschlicherer Kriegsgebrauch herrschend gewesen, mit kalter -Berechnung und an Unglücklichen Statt fanden, die, seit längerer Zeit -schon gefangen, eben deshalb gegen jede Gefahr gesichert und unter -den Schutz von Allem gestellt erschienen, was die Leidenschaften des -Menschen bändigen kann. Ich will die Umstände darlegen, welche jene -Blutscenen veranlaßten, die natürlich ganz und allein dem carlistischen -General zugeschrieben wurden und gegen ihn den Abscheu der Welt häuften. - -Als ich in der Armee Cabrera’s ausgewechselt wurde, war ich, wie hoch -ich die militairischen Eigenschaften dieses Anführers stellte, von eben -so hohen Vorurtheilen gegen ihn als Menschen befangen. Ich betrachtete -die Darstellung, welche die Blätter des liberalisirten Spanien von -seiner Grausamkeit, seinem Blutdurst und den zahllosen Schandthaten -gaben, die ihm zugeschrieben wurden, als übertrieben zwar, aber doch in -ihren Grundstrichen wahr und gegründet. Daher konnte ich, wie sehr auch -der blutige Krieg mit Scenen von Härte und Rücksichtslosigkeit mich -vertraut gemacht, ja mich gewöhnt hatte, mit Gleichgültigkeit den Tod -und das Elend der Menschen bloß als materiellen Verlust oder Gewinnst -zu berechnen, dennoch nur mit Grauen auf den Mann sehen, der so jedes -höhere Gefühl verleugnete, der ohne Veranlassung mit Wollust das Blut -seiner Mitmenschen stromweise vergoß, und der in Anderer Jammer sein -Vergnügen, sein Glück fand. Denn so schilderten ihn die Christinos, -doch mit unendlich stärker aufgetragenen Farben. - -Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen -gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in -häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von -Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich -ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu -machen. - -So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera, -so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten -betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz, -welcher für den Carlisten stets die Person des Helden Cabrera umgiebt, -geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe -ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That -konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen, -meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber, -sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger, -wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir -aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte. - -Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge -war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem -andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt -ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er -vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan, -so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat -es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich -war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth -der Revolutions-Männer zügeln konnte -- sei es, indem er in ihrem -Blute diese Wuth erstickte -- wehrlos die treuen Unterthanen seines -Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die -feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt -immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets -gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel -wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich -mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie -schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse -ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner -sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das -Leben zu erhalten. - -Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera -abermals, wie früher erwähnt wurde, menschlichere Art der Kriegführung -geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn -ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde, -doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun -gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt -fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen. -Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen -sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu -verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann -drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das -Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde! - -So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was -seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können. -Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten -Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von -Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der -Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin -hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete, -deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu -nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen -des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes -aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in -solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die -Action von Maella bot den Vorwand dazu. - -Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels -anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die -fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß, -von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten, -schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem -Rufe hin: „~hoy no hay cuartel para vosotros!~“ -- heute giebt es -keinen Pardon für Euch! -- Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden -so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen -Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn -der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit -Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen. - -Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein -großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs -angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa, -welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben -ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth -allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher -ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie -niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten, -demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe. -Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs -an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht -behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden. - -Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den -Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich -bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon -zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß -die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert -hatten, forderte das Volk -- der Pöbel wird bei den Christinos das -Volk genannt, -- forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden -laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst -nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen -dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth -der Schreier abzulenken, und die Überzahl der Gefangenen in Cabrera’s -Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der -Revolution würdig. - -In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten -der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern, -die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien -entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer -Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche -Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der -empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich -den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche -Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht -nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben -der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem -Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die -Mittel zu schrecklicher Repressalie böten. - -Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu, -welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben -sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen -wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn -er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und -christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre -Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem -Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei -in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen. -Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen -sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden, -wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur -Flucht entdeckt waren. - -Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu -el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende -Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem -nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in -der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten; -Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen -ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen -Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja, -durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.[70] Auch -in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf. -Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den -Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. -- Sieben -und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend, -wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die -verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots -aufhängen. - -Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten -sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen -zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben -und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte -mit Repressalien. -- Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den -Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen -Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera -befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß -strengste Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. -- Van -Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben. - -Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in -den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen, -Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza, -dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen -und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der -Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die -überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche, -da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta -nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle -seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß -hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder -Kampf auf Leben und Tod! - -Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der -Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in -Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht -Carlisten -- die einzigen noch vorhandenen, -- in jeder kleinern Stadt -verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den -General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem -Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu -strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation -Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich -füsilirte wieder eben so viele Christinos. - -Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in -ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in -Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das -Leben kosteten,[71] zogen eben so viele Schlächtereien der Gefangenen -und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in -seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die -Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und -erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde -Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn -auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller -strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht -aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von -Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den -carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den -Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren -der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes -seinen Zorn fühlen zu lassen. - -Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben -so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera -auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die -Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen -Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung -des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies. -So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den -höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und -mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen -seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten -viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß -die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen -würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils -bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus -solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit -benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich -losreißend, den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich -anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten -zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde, -während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine -Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In -einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge -bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem -Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über. - -Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche -jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich -will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält -keinen Pardon.“ - - [66] Die folgende Action war eine der entscheidendsten und - merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das - Terrain beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang - des Kampfes für die eine Division so völlig vernichtend war. - Daher erregte sie zu jener Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, - weshalb ich sie näher detailliren werde. -- Die Notizen sammelte - ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde selbst von Bauern und - später von vielen Officieren, welche dort mit fochten. Ich muß - gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft klarer war, als - die von Manchem dieser Officiere. -- Die Bauern als ~bagageros~ - waren übrigens Augenzeugen. - - [67] Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges gewiß, - die Ordre, keinen Pardon zu geben. - - [68] In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas, über den - die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben, - gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn - wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier - gefallen sei. -- Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version - überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen - empfing; so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur - von Cañete, der bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte - und hohen Antheil an dem Siege hatte. - - [69] Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der Vertheidigung - von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der - Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio - dorthin zurückgekehrt. - - [70] Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher bis in - das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich - nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus -- er - nahm Theil an der Escalade von Morella -- ward Officier und - wurde dann gefangen und füsilirt. - - [71] Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar, General - Mendez Vigo, wurde ermordet. - - - - -XXV. - - -Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit -Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß, -waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den -britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend -erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen -- der unter den -obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger -bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort -ausgebessert hätte -- aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung -der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen -Carls V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte -Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend, -konnte sehr wenig leisten. - -So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die -vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet -wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende -des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit -finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des -Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der -Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit -und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten. - -Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien -das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen -- und was hätte es -Größeres für ihn thun können! --: ein mit zehntausend Gewehren von -England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste -von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten -dirigirt waren. Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht -der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche -Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand -laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der -die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es -endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne -Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am -folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter -in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den -Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona. - -Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze -von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses -neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine -solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift -leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst -ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum -unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten, -da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu -hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch -die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den -langwierigen Kampf zu enden. - -Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die -Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die -carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes -standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das -Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem -Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen; -sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß -zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich von -Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis -zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend, -bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte -- Segura -sollte befestigt werden. - -Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die -feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen -hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete -Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz -zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach -Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen -vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt. -Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die -Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen -Montalban blockirte. - -Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker -jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und -einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben -wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der -General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig. -So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in -seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt -und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht -waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die -Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel -beitrug. - -Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister -des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht, -den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung -desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße -von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt -mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch -die weit in das bisher feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er -sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren -offensiven Operationen gewonnen. - -Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht, -welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden -Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück, -während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an -sich zog: Segura -- so lautete die bestimmte Ordre des Madrider -Cabinets -- sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine -Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum -commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden -Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann -Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen -und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa -zwei Stunden von Segura, vor. - -Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die -unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell -gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen -Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs -aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr -überlegenen Feind. - -Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die -carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf -Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und -bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke -Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die -rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken -Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie -allgemein geworden. - -Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt hielten,[72] -flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf -die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die -Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst -Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon -von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und -kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der -Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und -die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest -sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie -nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten. - -Die carlistische Armee -- wenn man acht Bataillone mit einigen -Escadronen so nennen darf -- floh in Unordnung auf Armillas zurück, -zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura. -Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen, -blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch -möglich, daß Cabrera -- echt guerrilleromäßig -- nach einer Stunde -seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch -die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend -wieder zum Kampf führen konnte. - -Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos endlich gegen -das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen; -ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken -liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden -Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend -ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre -Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend -zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf -Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt, -der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige -Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und -800 Gefangene ihm abgenommen hatte. - -Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die +Recognoscirung+[73] -des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt habe, der Obergeneral -van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten werde. Dieser rückte -denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr bedächtig über Muniesa -heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung rückwärts von Segura -genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das Castell; er -führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und zwölf -Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er -wiederum genau die Werke und -- -- zog sich aus Zaragoza zurück, ohne -einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben. - -Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man -nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von -Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als -solchen betrachten will. Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme -von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten. -Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera -unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General -Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der -Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen[74] -und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl -nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben, -worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums -trat. - -Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch -Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden -Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte, -bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle -desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung -des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone -fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde -für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses -Königreiches operirte. - - * * * * * - -Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des -Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und -Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während -er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe, -Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos -zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen -Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine -kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division -Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der -reichen Ebene Valencia ihn machen sollte. - -Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche, -die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht -des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz -unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht -werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige -Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher -Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den -Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt -wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende -Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche -getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden -flohen. - -Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von -Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann -konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die -braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder -vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge -zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner -hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll -ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu -können!“ - -Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg -ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich -Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her -zurück, die Belagerung aufhebend. - -Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz y Polo mit drei -Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition -nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara -vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur -sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia -zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca -zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und -Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt -hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung -jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie -die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge, -Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt -das Commando übernommen hatte. - -Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses -Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer -Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft -nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen -Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als -Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee -ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah, -wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges -dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia -die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen, -während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den -glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz -vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon -drohend errichtet hatte. - -Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und -festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm -designirten Orte verhindern zu können, da Llagostera die Belagerung -von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben -leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von -Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.[75] Es war vorauszusehen, -daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit -dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste -thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur -aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und -stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte. - -In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und -noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts -errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte -und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf -seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an -demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien -zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine -Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt. - -In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen; -die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann. -Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze -von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur -Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe, -schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche -Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die -Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich -brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas, als -Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet, -nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte, -das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden -Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald -das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere -Artillerie in das Gebirge gebracht war. - -Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die -Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt -wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet, -wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte -gänzlich an der Festigkeit der Garnison. - -Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm -selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen -Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara -detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum -Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er -auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die -jedoch für seine Streitkräfte -- neun Bataillone und sieben Escadrone --- zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe -zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung -des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb -Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde -weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen -einzigen Gefangenen gemacht hätte. - -Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er -die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An -demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit -erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste. - -Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel -aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte -der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich -gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s[76] -angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die -Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm -auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten -kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine -- ungeheuer in -Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund -Pulver -- ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen -gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am -8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe. - -Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja -ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch -einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten. -Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm -wankte und -- fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein -furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über -der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine -schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes -hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde -verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die -Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche -entflohen war, hatte ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser -sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen. - -Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und -zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem -Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete -dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich -führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war; -fast kein Mann war ohne Wunde geblieben. - -Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der -weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die -Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange -wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war -mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei -der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden -auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und -Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei -sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher -bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in -der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die -herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen -hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher -Auszeichnung. - - * * * * * - -Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft -entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste -Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch -im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von -Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe -nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem -Einflusse mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus -stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen. - -Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem -Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der -Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el -Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren -hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen -Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die -dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera -bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt -ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la -Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte, -mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt -wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ. - -General O’Donell,[77] bisher commandirender General in Guipuzcoa, war -so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte -mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und -griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora -an, wo sie -- öfter wiederholter Fehler -- eine ausgedehnte Stellung -nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische -Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien, -wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend mit -seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite -drängte. - -Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia -operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella -über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten -in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von -Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte, -nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung -der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die -Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein. - -Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn -für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des -Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten -Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid -der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als -seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige -Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe -dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu -befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört -zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten -dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich -bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s -erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und -höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit -acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle -seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos -in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen -Guerrilla .... in die Festungen sich einzuschließen. - -Durch die Anlegung des Castells von Beteta -- einst ein maurisches -Schloß -- machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen -Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es -durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten. - -O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des -kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda -befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst -den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich -an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese -hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell -nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser -abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog -ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte -Stellung.[78] - - [72] Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter guten Chefs - stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche jeden - Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa, - gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte, - fortwährend glänzend sich auszeichnete. -- In dieser Action - durchlief bei dem Anblicke des manövrirenden Feindes ein - dumpfes Murmeln die Reihen von Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie - manövriren, wir sind verloren!“ in gänzlicher Unordnung davon - liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen sie that. - - [73] Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer - Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren - Schwierigkeiten durch die Gebirge mit sich zu schleppen. - - [74] In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten Verfolger - der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar, vermied - er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen. - - [75] Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr schätzbare - Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch die - demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr - genau. - - [76] Llagostera verstand Nichts von Artillerie und Genie-Wesen, - dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd. - Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im - Felde; doch nicht sehr unternehmend und rasch. - - [77] Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten Spanien’s. - In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den vier - Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen, - der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und - aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto! - - [78] Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so detaillirt, - wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General Baron - von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat, - daß ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte. - - - - -XXVI. - - -Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei. -Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem -Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas -in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die -Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung -der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt -waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten -rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht, -unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit -der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die -Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten. - -Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich -der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das -des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt -wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des -Abscheues würdige Schandthaten trübte. - -Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes, -angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und -meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich -konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender -Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach -dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah -mich erstaunt an und -- -- schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab. -Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere -zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen -würden, wenn Jemand von uns, anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen, -selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie -compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre. - -Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem -Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn -Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher -Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum -Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu -Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er durch -Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so hervorthat, -daß er den rühmenden Beinamen des ~pico de oro~ -- des Goldschnabels --- sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das carlistische Gebiet -zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner Cameraden nach Chelva -im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, wie unsere Lage und -Verhältnisse näher kennen zu lernen. - -Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten -- -Sierras -- des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen -nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen, -dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen -bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander -gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt -so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend -hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit -stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so -steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast -immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden, -welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die -mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese -nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne -grünbraune Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden -Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein -lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang -das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen -gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf -den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der -Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den -lieblicheren Thälern zueilt. - -Und dann die Wege![79] Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne -Herzklopfen diese -- was hier Wege genannt wird -- betritt; wie kann -er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere -sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und -abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens -Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein -Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes -unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich -zum Verderben hinunterreißen zu müssen. - -Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend -abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich -endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während -die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten -meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf -den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden -betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich -an. -- Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. -- -Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit zugleich entwickeln dann -die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten -beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden -Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer -Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher -mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben. - -Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser -Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die -Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im -wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind. -Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte -üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch -Maulthiere und Esel ersetzt ist. - -So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach -gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des -Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl -der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und -oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich -erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen -losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,[80] so war doch der -sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche -Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen -Weizen bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt; -und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr -und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und -bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch -gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate -lang durch keinen Regenguß gemildert wird. - -Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler -zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft -auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil -abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das -Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte -- ~masadas~, -~masias~ --, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut -zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das -Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es -erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm -angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche, -selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt, -durch die Gefilde befruchtend sich hin. - -Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und -recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein -einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen -Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur -Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe, -als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es -aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte, -die freilich spärlich genug ausfallen mußte. - -Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig -Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende -heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen, -wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann begünstigte, aus der -drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und -gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die -ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles -war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim -Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung -der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte. - - * * * * * - -Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden -carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes -es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie -sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern, -Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich -in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der -Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den -Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet -werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede -der beiden andern Völkerschaften. - -Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber -zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit, -welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch -die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person -ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher -Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen -die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von -Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den -entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose -Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese -tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in -den krassesten Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der -Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste -Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat, -aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,[81] der -Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem -Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie -wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend -umschweben. - -Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der -Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch -strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar -in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der -Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder -zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon -unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder -Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das -Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte -- so des Angriffes auf -Zaragoza. -- Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine -grobe Härte -- auch er ist Aragonese, -- weit mehr noch durch manche -andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich -zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich -durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus. - -Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine -feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als -Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden -Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig -Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher -Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt. -Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu -müssen. - -Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer. -Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus, -der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung -zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten, -ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs -langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft -sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden: -er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich -dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz -entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig -und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem -Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm -durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht -sich lächelnd zurück und -- erwartet den wehrlosen Feind hinter einer -Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu -kühlen. - -Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff, -wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so -sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen -Guerrilleros geeignet,[82] denen der Kampf fast nur in Überfällen, -Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten -Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia -immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als -die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen. - -Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen -der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden -augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter -Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie -aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu -zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie -liefen leicht mit den Pferden um die Wette. -- Daher schlug Cabrera -alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom -Ebro. - -Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre -beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern, -den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern -wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen -sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und -Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner -des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der -sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von -dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen -Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden -Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz -frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und -Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der -Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie -dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die -Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen. - -In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl -die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde -und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war, -als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach -entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber -selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit, -und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf -sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren, -dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in -Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und -ertrugen standhaft jede Beschwerde. - -Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die -Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie -focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und -entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach -und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben. -Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den -sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre, -und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen -Führers sich würdig zu zeigen. - -Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa -über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera -alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch -eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in -jener Brigade geöffneten Lücken[83] bestimmte. Und was hätte er mehr -thun können, um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour, -unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten -Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung -stand sie freilich weit hinter ihnen. - -Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner -Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie -ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die -Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen -Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in -der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen -das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht -gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia, -im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera -mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das -westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte. - - * * * * * - -Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen -nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden -Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben -Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en -Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte, -die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege -in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte, -daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern, -da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen -uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung -und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich -auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren. - -Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige -Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten -der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren. -Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen -Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom -Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine -ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie -wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze -gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am -2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche -Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien, -welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade -Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei -Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene -Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne -Arévalo’s zu operiren. - -Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten -Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein -isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur -Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia -nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und -die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern -zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute, -die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in -dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod -und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer[84] -die Nachricht brachte, daß die Negros nur noch eine kleine Stunde -entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die -Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem -Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und -so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften. - -Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen -zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone, -welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar -gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt. -Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa -vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden -dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla -zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem -vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar -wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und -rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine -starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf -beide Flügel vertheilt. - -Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den -Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia -angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden -Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde, -jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe, -nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte, -den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der -Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige -Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden -Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die -Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte -eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf -die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein -nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei -Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick -wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung -entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt, -drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: ~viva el Rey!~ die beiden -Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld wieder, wobei -sie zwanzig Gefangene machten. - -Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die -carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend, -und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin -gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien, -welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und -bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone -in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen -erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl -die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in -Chulilla ließ. - -Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind -herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte -Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere -Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß, -wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer -Jubelschrei: ~son los nuestros!~ -- die Unseren! -- durch die Linie der -Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten durch den -aufquellenden Staub. Die drei Escadrone, welche Arévalo in dem Dorfe -zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen Ufer den -Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke Ufer -zurückgekehrt. - -Mit dem Losungsrufe ~viva Carlos quinto!~ stürmten sie gegen das -nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend, -zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst -dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo -gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs -Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach -allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das -eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut, -da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere -stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war -die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden -ward bis zum Abend fortgesetzt. - -Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen -und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen -wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig -Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere -hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo -sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der -Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind, -welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen -gar keinen Gebrauch gemacht. - -Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung -einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division -von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den -General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der -Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht -wieder im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile -der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu -carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe -die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus -jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen -Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut, -da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war. - - [79] Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem - nicht unpassenden Ausdruck der ~caminos reales de perdices~ -- - Rebhühner-Chausseen. -- - - [80] Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche Sage - und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando -- - Roland -- durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge - hinabgeworfen haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher - Gestalt sichtbar ist. Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte - in einem Felsen: Orlando öffnete sie mit einem Hiebe seines - Schwerdtes im Kampfe gegen die Araber u. s. w. - - [81] Als ~Nuestra Señora del pilar de Zaragoza~ -- unsere Herrin von - der Säule von Zaragoza -- in ganz Aragon enthusiastisch verehrt. - Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule stehende - Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der - Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen - zu versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der - Jungfrau seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er - habe gar nicht die gehörigen Formen beachtet und sich benommen, - als ob er zu hoch stehe, um ihre Jungfrau anzubeten. - - [82] Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die - Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten. - - [83] Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den Augen - des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß - sie endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die - Officiere aber fielen natürlich stets die Ersten. - - [84] Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie selten - die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste - Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während - der Nacht jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß - die Truppen durch mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt - waren. - - - - -XXVII. - - -Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste -Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu -sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte -mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem -reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete -Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler -höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den -nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig -ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen -die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s -Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in -seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle -des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von -Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte. - -So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei -Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva -- -unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa -geschlagen wurde -- und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo -wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von -da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den -Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von -Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit -uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von -Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren. - -Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen -Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so -vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte. - -Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von -Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva -an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher -Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz -Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften -sich befinden. Auch Oberst Polo -- seit kurzem mit einer Schwester -des Grafen von Morella vermählt -- welcher mit fünf Bataillonen zu -einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General -den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales -einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch -la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen -zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden. - -Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und -Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter -Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die -nächste Zukunft Großes bringen werde. - -Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte -hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke, -eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General -O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden, -daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln[85] Armee, 17 -Bataillone und 11 Escadrone mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte, -während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen -- doch -mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung -fand -- in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der -Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter -Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte. - -Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7 -Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den -vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit -nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen -nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und -Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich -habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn -unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er -noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit, -die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia -bedrohend. - -Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn -Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht -gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug -erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte, -während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche -Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem -Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen -Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu -betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem -Blute von Tausenden seiner Krieger.[86] - -Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das -kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit -unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine -größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so -entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten -harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort -erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten -sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6. -jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das -Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines -vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit -Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten -Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen -die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die -Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten. - -Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der -Carlisten[87] von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie -mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone -vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen, -den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera -baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich -dann der beiden Thürme -- ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt --- und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem Sturme -auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe -demselben aufführten. - -Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs -mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden -Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von -Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den -Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der -am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch -die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte, -fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison -hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre -erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem -Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen. - -O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst -in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt, -da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich -von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten -Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die -Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren -der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu -unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera, -den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die -Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung -von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in -Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am -6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe -Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes -gefangen fortführte. - -Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne -weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu -stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte -bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne -Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche -Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines -Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten -den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen, -der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen -gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl. - -Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die -schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel -auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el -Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von -Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der -kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000 -Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen. -Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die -vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia -nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps -im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte, -während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst -Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen -Alcañiz und Caspe blokirte. - - * * * * * - -Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich -ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich -in den kühnen Zügen etwas Wildes, Unheimliches zu erkennen glaubte, -was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere -desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur -nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen, -welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden -Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und, -wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu -dringen scheinen. -- Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht -gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen -und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze -aufgedrückt. - -Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu -mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung -gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der -Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut -sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und -Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und -die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit, -welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen -Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen -vermochte. - -Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen -wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen -mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß -noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen -Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern -oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende -Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder -grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging, -wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der -Natur Angemessene mir wohl bekannt war, die Unvorsichtigteit, bei -dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts -Übeles erwartend. - -Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete -mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen: -„Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung, -daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der -Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz: -„Vorwand, ~carajo~!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln Arévalo’s, -der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich nicht -enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen würde, -der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz wäre. -„Aber ~carajo~, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte Cabrera los. -- -„So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu dem Heere des -Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll. - -In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn -an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie -wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten, -welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als -ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den -Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm -kommen würde. - -Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich -Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu, -daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am -wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht -den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so -den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen -sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“ - -Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen Charakter -selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch, -daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß -demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s -aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge, -konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so -wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte -ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. -- Während der -folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem -Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen. - -Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener -Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen -von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen -Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war -keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant -oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen -abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden -und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre -niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus -seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die -eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert. - -War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die -Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen; -bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der -Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte -Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details -prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden -auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder -- in Spanien sind -sie alle anerkannte Spitzbuben -- um furchtbar sie anzudonnern oder gar -einen aus ihnen auf der Stelle erschießen zu lassen,[88] wenn durch -ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben -waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich -öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen -in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages -sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine -Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß. - - * * * * * - -Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen -Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige -Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch -Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so -hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung -eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten -schien. - -Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten -wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von -mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General -examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in -scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten -des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der -Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei -Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie -den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen -daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen -abzuschneiden. - -Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell, -der einige Bataillone von seiner Division und vier Escadrone uns -zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron -von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt, -als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der -fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft -anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „~los -tenemos, Señores!~“ -- wir haben sie! -- und Blitze sprühten aus den -leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier -Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen -Cuenca zu erreichen. - -Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder -Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die -Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen. -Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die -Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem -Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne -nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere -Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch -vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht. -Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht -achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein, -und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da -schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber -- ein Jeder -wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige -Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana, -die Feinde zum Morgen-Appell rufend. - -Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen, -während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich -vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr -Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum Sturm gegen die Häuser -vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich -massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren. - -In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein -halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein -Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und -eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach -Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des -Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend, -ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich -und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna -Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben -hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger -feuerten. - -Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend, -keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des -Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der -Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich -befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte. - -Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten, -war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung -zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus -mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos -verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über -ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige -Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu -ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden -auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend -rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das -ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde Geschrei der Fechtenden -und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander -tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig -Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen -waren, uns schon über 300 Mann gekostet. - -Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht -hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend -nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem -Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben, -wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde. -Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die -Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die -Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren, -retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort -in den nächsten Dörfern untergebracht. - -Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare -Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen -veranlaßten,[89] er jammerte über seine armen Burschen, wie sie -fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden; -dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze -wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer -Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den -gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ -und dann, da sie kaum gegessen hatten -- an Kochen war natürlich -nicht zu denken, -- zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie -schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten. Zwei -Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus -besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst -dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden -Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend. - -So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend -einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden -sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich -entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt -und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig -der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde -vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner -Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe -Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine -Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch -eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt. - -Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos -zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein -lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit -mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem -General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander -gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine -Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte, -das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie -flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen -gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem -die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer -gefallen waren. - -Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer -krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er rasch sich um, -und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden -Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand, -~carajo~?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen -Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen -Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die -Teufel alle nieder!“ zurief. - -Mit lautem ~viva el Rey! viva Cabrera!~ stürmten wir vorwärts. Nach -fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die herrlichen -Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden gefüllt; -schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden Gebäude. - -In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich, -wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen -überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten; -sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die -Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern, -als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth -hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein -Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich -messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. -- Mein Entschluß, Aragon -zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter -Anstrengung in den Kampf mich stürzte. - -Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand, -wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr -erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen, -nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages -hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne, -nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte, -und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung -eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der Christinos -kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers, -unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert -aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet, -sich zeigte und zu capituliren begehrte. - -Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen, -wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen -Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der -Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen -der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der -feindlichen Soldaten -- wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser -Verlangen sofort zurückgezogen. - -Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem -jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach, -seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß -ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde. -Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte -Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt -zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln -daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe, -im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und -vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr -hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei, -Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die -Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch -geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen -nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen. - -Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so -daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620 -Mann waren unter den Trümmern des Dorfes und in der Action Forcadell’s -umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von -Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast -4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des -Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr -als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt. - -Cabrera -- ich muß es hier wiederholen -- während er im Getümmel des -Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah, -keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden -Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die -Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit, -welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras -wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie -behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die -Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre -Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber -dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe -die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer -Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß -er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er: -„Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“ -Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für -die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf -Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und -bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die -Aussaat. - - * * * * * - -Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach -dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu. -Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber -erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem -ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in -dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen -emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in -Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der -zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen -und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die -Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten -Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem -Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten -Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich -beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem -Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine -Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein -starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere -beordert war. - -Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht -hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam -nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte. -Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der -wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras -von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im -Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht -mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das -Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht -durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die -Hütte anziehend zu machen weiß. - -Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und -mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt, -die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen -wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des -Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher -hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten, -wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und -ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt[90] die Sierra’s -durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den -verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet. - -Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von -Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende -sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage -die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch -die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die -Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns -gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde -uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken -von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist. - -Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von -seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar -war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die -Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich -gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz -so vieler von der Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis -zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff -mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf -dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint; -als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer -furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches -Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden, -die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem -schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten -die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die -gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über -ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!? - -Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien -mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten, -als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt, -während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen -Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung -von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte -Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General -mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über -Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr -existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen -können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche -Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und -vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das -feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu -sichern. - -In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland -Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von -der Hauptstadt entfernt, des nahen, herrlichen Triumphes gewiß[91] -- -da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen -in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem -schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V. -nach Frankreich erhalten. - -Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die -Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von -dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches -die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung -zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen -zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe -sich vorzubereiten. - - [85] Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit Garnisonen - u. s. w. war etwa 60000 Mann. - - [86] O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen Krieg - gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein - Ziel, aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil - dadurch einer Niederlage gleich wurde. - - [87] Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu unterhalten, oft - auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die Carlisten - ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige - Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche - Führer durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden - Nachrichten von seinem Irrthum überzeugt. - - [88] Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen von - diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz - geübt wurde. - - [89] Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern. Auch - geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets - die ersten Schritte thun mußte. - - [90] Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien - bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett - der Basken adoptirten. - - [91] Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem - Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf - vielmehr aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s - Absicht war, Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und - durch angelegte Festungen -- wie Cañete, Beteta -- in ihm sich - festzusetzen, bis er, wie er selbst sich ausdrückte, eine - Kette von Forts errichtet hätte, deren letztes in die Fenster - Maria Christina’s hineinschauen und auf immer den Trotz des - revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. -- - Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht - Espartero’s Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte. - - - - -XXVIII. - - -Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren -Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als -ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie -einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl, -wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt -sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten -Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die -Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle -niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes, -wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen. - -Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als -gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! -- Und doch, sind -nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern -zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen -Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer -Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken -ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange -umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren -ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der -gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter -den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?! - -Sie sind es -- -- aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der -Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen -Tagen, die Krieger Carls V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres -der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten, unangefochten zieht es -über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über -einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen -naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit -sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei, -daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung -seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend -sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde. - -Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie -fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der -Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn -vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit -hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten -Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen, -im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen. - -Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren -Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist -der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben -aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht, -wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr -seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten -Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie -Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den -erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem -Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht -geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher, -seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und -aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben. - -Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche Niedrigkeit -zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um ihn geworfene -Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu spät die Wahrheit ihm -klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend floh, wo entschlossene -Maßregeln und Energie die Schandthat zwar nicht mehr verhüten, aber -doch ihre Wirkungen schwächen und sie weniger entscheidend machen -konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf dem bisherigen Kriegstheater -sich halten konnte, an der Spitze der ihm gebliebenen, stets -entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung mit den Armeen sich -durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon für ihn kämpften, ließ -der König nach der Gränze von Frankreich sie zusammendrängen und zog -sich endlich mit ihnen in dieses Königreich zurück. - -Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer -gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu -vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften -Carls V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht, -wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu -regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und -eisernen Willen erforderte. - -Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft -der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre -Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie -auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten -Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur -Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird -es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des -Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte -Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte. - -Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, -mag er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den -Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend, daß sie nicht bloß dem -Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu -auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für -den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da -allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise -bestimmte. - - * * * * * - -Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander -und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen -Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von -Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña[92] den Feind -sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht -des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das -Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand -entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere -Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich -gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich -glühender wurde. - -Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne -schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die -Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen. -Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und -Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren -und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren -Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre -Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig -klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht -daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des -Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge -des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die -Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward, -Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr -gegen Madrid zu ziehen. - -Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer -Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich -mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren -erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in -immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die -Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe -der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl V. -+frei+!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast alle -Bataillone von Navarra an. - -Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß -schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung -nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen, -dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen -General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu -treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht -geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr König, -nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage -beurtheilt. Selbst als die +Gemäßigten+, von denen er umringt war, -zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen -ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der -Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte, -die Fortschritte der Royalisten zu hemmen, sofort die am meisten ihm -ergebenen Truppen ihnen entgegen. - -So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des -Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu -entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun -nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe -die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen. - -Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger -zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern -Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer -Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ -Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria -und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück, -nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero, -auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf. -Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den -höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden -Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten -fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch -in Bergara ein. - -Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde -gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung -der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon -ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die ~vivas~ -gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue -wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da -legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die -Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen -vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die -Verbündeten Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als -hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene -Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge. - -Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da -die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde -gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm -die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen -anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und -vor der Front der Divisionen füsilirt wären. -- Aber Carl V., nicht -mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und Rebellen -betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich auf’s -Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra ein, den -Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ zurufend. - -Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und -stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den -folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich -Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er, -begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre, -Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone -- die -Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien --- nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer -der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm -gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten -noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten -alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich -gemacht war. - -Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf -Maroto eine Anrede an die Christinos hielt, während Espartero zu den -bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die -Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken -werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem -Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als -Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche -zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. -- So hatte Maroto seinen -Verrath vollbracht! - -Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein -abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht -unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen, -wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der -überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt, -und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die -Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht -etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen -Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen -Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach -Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich. - -Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von -Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt -sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den -Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der -Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja -stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren, -beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war, -und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß -der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die -Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles -Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte Royalisten und -entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten --- die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den -Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen. - -Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu -friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese -Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des -Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen -einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren; -die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu -werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten, -ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den -Philippinen einschiffen. - -Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters -durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie -kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der -revolutionairen Schaaren. - - * * * * * - -Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya -und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich -zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren -nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte -sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken -benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte. - -Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann; -alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und -1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten -königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit -solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß -leicht gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große -Expedition, mit der Carl V. im Jahre 1837 bis an die Thore von Madrid -gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen auszog. - -Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er, -entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu -dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl -die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen -Provinz zu kämpfen,[93] Zweifel erregen; und nach dem geringsten -Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt -und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry, -in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich -von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra -vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s -Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der -am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über -das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die -französische Gränze. - -Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König -von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich -noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden -Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam -von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen -rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu -behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der Übermacht, -wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die -feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der -Gränze. - -So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr -möglich. Carl V. betrat, ein Flüchtling, das französische Gebiet, -nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit jeder -Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen im -Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen -hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem -Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt. -Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von -Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die -französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ, -ist allgemein bekannt und gewürdigt. - -Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen, -viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General -Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro, -Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt, -Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere, -die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen. -Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron, -das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und -die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das -fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und -Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten. - -Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem -Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara -in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen -Provinzen gänzlich beendigt. - -Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu beklagen, einen -Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung -Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze -der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt -hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu -verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten -geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares -Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die -Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit -gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen; -und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande -zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der -Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer -herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen -ihre Vorgesetzten zu verfahren. - -Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in -einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in -der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der -untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen -tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“ - -So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des -liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit -Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien -waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s -als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht -zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt -wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen, -durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit -Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken -wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als schon -ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war. - -Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten -Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es -treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen -Herrscher zu opfern. - -Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum -Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche -das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des -schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte! -Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. -- Und Schande den Elenden, die -wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen! - -Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren -Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an, -öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den -Grafenstand[94] erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes -ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener -Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero, -Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen -und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt. - -Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig -ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und -zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon -aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien -zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er -hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die -er heranführte, hinreichen werde, um die kleine Schaar des Grafen -von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch -ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten -Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des -Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte -angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum -letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand -zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten, -durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte! - - [92] Orduña ist die einzige ~ciudad~ und die alte Hauptstadt der - Provinz, wiewohl oft die ~villa~ -- Stadt zweiter Classe -- - Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird. - - [93] Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So wie der - Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat, - unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets - unzufrieden, indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach - Navarra!“ - - [94] Als Graf Casa-Maroto. - - - - -XXIX. - - -Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien -anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem -Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen -wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die -Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich -doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt -sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres -die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es -nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen -sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand, -die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast -als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf -und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte, -die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte. -Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß -bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten -wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer -Erwartung entsagen! - -Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer -nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit -Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten -Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen -Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen -- ich wähnte, -den letzten -- Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das -trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald -wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen. - -So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die -Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das -Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je -mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig, -aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die -bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen -hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen -und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die -reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich -winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s -uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten -umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege -zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem -Wanderer. - -Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen -hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen -Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als -hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine -Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als -ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und -majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch -steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen -Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren -fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet -den Strom umkränzten -- da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in -tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies -die Thränen und das Elend einführten, ihre steten Begleiterinnen. -- -Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht -sie bewohnte. - -Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro -der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische -Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen -~coup de main~, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu sichern. -Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich von hoher -Wichtigkeit. - -Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche -Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des -carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication -interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste -Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg -die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements, -welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte, -passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an -demselben Tage den Fluß. - -Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte -ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom -überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der -Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn -das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem -Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich -fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu -früh sein Grab! -- Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen -waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte -wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige -Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und -thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des -Kampfes und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach -Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt -sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte! - -Sorglos! -- Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit -die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren -Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten -wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so -schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden, -und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig -und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in -das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der -Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen -werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten, -siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen. - -Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher -angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes -Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher -jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht -uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer -würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei, -und dann ... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das -Werk des Verrathes! - -Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte -etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem, -so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die -zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen -der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da -war es glorreich, besiegt zu sein. -- Wie oft drängt sich das Gebet -jenes Helden uns auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor -den Feinden werde ich selbst mich schützen!“ - - * * * * * - -Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem -eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt -waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich -fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort -nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns -fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und -scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich -durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen. -Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde -entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben, -das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;[95] und -wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten -Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das -Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern. - -Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei -Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische, -die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun -hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung, -von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte -für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und -Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir -es waren, der gefährliche Umstand, daß die christinoschen Autoritäten -sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten, -was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem -Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei -nie von den Truppen der andern belästigt.[96] - -Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren -ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur -Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte -unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und -einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie -überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem -hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als -carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von -der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu -sollen. - -Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns -gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der -commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von -España, an demselben Tage angekommen war. - -Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne -Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch -Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und -besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten -Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen -Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und -Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und -auch in den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in -jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird, -an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer -gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm -über sich herrschen zu sehen, und jeder ~Austriaco~ ist sicher, bis -in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme zu -finden. Der Franzose aber, der verachtete ~Gavacho~, findet nur Haß und -nicht selten martervollen Tod. - -Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr -verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach- -oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten -längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten -bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht -sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in -hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste -Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort -auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die -Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel -blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus -geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen -Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei. - -Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen -wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des -Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen -andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und -Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben -Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und -fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die -einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch die Thäler zerstreut -sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig. - -Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen -Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist. -Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen -- -daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer -Landes treibt, -- wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause -des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten -~heréu~,[97] als Knechte zu bleiben. - -Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und -weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös, -und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während -sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese -treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele. --- Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich, -der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten -Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten -Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch -sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt. -Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und -Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie -zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der -sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern -weichen. - - * * * * * - -Sofort nach Ferdinand’s VII. Tode erhoben sich auch in den Hochgebirgen -von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines rechtmäßigen -Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen sie Raub und -Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine ganz unbekannte -Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was ihnen beliebte, -die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter einander und strebten -vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen, den unglücklichen -Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte, durch ihr -Plünderungs-System zu Grunde richtend. - -Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen -Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die -Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene -machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen -höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach -überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den -Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht -einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen -sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder -Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über -die Bewohner der Mancha brachten. - -Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division -von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu -vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich -zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen -scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung -sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden, -die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué -genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen -zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen -Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach -Navarra geführt zu werden forderten. - -Dann im Jahre 1836 übertrug Carl V. dem General Maroto das Commando des -Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen wohl geeignet -zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte von Anfang -an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen, und für -einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte Haufen erst -befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut zu machende -Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die Widerstrebenden -zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich nach Frankreich -zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils durch Mangel an -Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch weniger aus. - -Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges -- wenn er solchen Namen -verdient -- erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite -hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten -Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes -durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in -der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der -Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. -- Gehen wir sogleich zu -dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer -umgeschaffen wurden. - - * * * * * - -Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen -Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien -emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals -ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die -selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug, -eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes, -der in Spanien den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward; -erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles -entbunden. - -In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps, -mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl -operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente. -Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so -selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. -Unter Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner -ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit -Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps -der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben. - -Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die -ultraroyalistische Revolution aus -- wenn eine Revolution, deren Zweck -ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch -genannt werden darf! -- durch die Ferdinand VII. zur Entlassung seines -zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand -verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel -zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España -ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter -des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten -Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere -über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit -unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. -- Eine ungeheure Anzahl -der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so -viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt. - -Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im -Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s -vegetirte, durch General Llauder abgelöset wurde, worauf er nach -Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem -Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und -nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht -und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten -nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und -waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher -Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn -sein Fehler fand nie Gnade bei dem General. - -Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe -standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde -leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem -seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen. - -Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises, -er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum, -und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch -despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch -die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb -ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen -Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen -sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen -Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den -Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn -verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte. - -Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des Fürstenthumes, -als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem geordneten -Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte er die -französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und Carlisten -wie Christinos zitterten, da sie dem gefürchteten Greise das Commando -übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die Furcht und -die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España erregt -hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen hohen -Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die -geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse, -ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und -es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und -Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des -alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich -aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz -unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde -Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs -sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der -Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten. - -Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so -viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden, -welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine -Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch -Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.[98] Die -Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets -vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren -Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem -Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis -sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an -Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter versuchten Chefs, die -unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten. - -Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die -einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch -Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction -zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen -Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und -Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede -Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen -Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht -jenes Ehrgefühl und den ~esprit de corps~ einzuflößen, die so -unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen. -Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf -gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu -vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben. -Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche -namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer. - -Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine -Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz -vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend -machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle -Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm -bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche, -daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm -regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber, -welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth -des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen, -setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit -entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt -waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu -klagen. - -Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und -alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so -daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den -Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche -der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte, -gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis -dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten -ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete. - -Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen -Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten, -sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge -Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde -hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer, -gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die -Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da -sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit -zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz -ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der -gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte -Erfahrungen bewährt. - -Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken -hatten; -- denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden -im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die -andern Provinzen litten. -- Wie oft hörte ich während meines kurzen -Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet; -wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick -preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm! - - * * * * * - -Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er -nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen verherrlichte, gelang es -ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in -Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga, -in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der -Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses -vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde, -die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend, -mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche -Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft -weiter ausgedehnt. - -Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in -Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten -sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt -als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward -der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen -Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der -kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger -ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall -der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die -Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei -der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch -der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger -wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war. -Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht; -die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche -niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust -der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht -Capitains sieben außer Gefecht gesetzt. - -Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: ~aqui fué -Ripoll~. -- Hier stand Ripoll. -- - -Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung nicht. -Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die -Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach -Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die -Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen -zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der -feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des -energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten -unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde, -demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte. - -Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte, -nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen, -dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die -mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten, -irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers -seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er -wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und -der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie -für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser -ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés -begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde, -von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten, -und kehrte wieder um. - -España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers; -er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner -gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die -Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der -Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so -hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches -ihm die Thore öffnete. - -Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem -Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht -zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und -erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero -zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende -Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng -blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln -fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der -That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine -Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige -Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da, -wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu -durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines -Generals ausführen durfte. - - [95] In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als hundert - und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie solche - Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte; - dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten. - - [96] Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der Graf de - España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher wären - sie schwerlich so verschont geblieben. - - [97] Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der - französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von - den Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte - und Wendungen finden sich auch in ihr. - - [98] Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die Feinde ein, - daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen Garde - Ferdinand’s VII. verglichen werden könne. - - - - -XXX. - - -In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum -Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier -überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den -beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als -arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und -verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten; -ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die -Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo -der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und -daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur -dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem -jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne -weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen. -Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen, -indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“[99] - -Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend, -da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen -Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge -der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem -Feinde gegenüber zu stellen, oder mir zu erlauben, nach dem Heere -von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu -kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch -schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben. - -Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören -und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt -und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich -munter machte. - -Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der -General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der -er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden -Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem -dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General -auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in -das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der -uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte -mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen. - -Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes -große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war. -Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der -Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein -Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit, -wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes -Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen -Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich -in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme -Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß -sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er, -obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen -hege. Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht -und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht -gerechtfertigt werde. - -Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über -ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s -auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon -bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet -sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des -Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen -gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus, -seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere, -bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche -Niedrigkeit nicht fassen. - -Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin -begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich -zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere -in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend -verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich -zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden, -der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem -Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera -abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht -nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen -sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige -in seinen Umgebungen zähle. - -Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des -Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben -mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten -die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf -belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem -ungeheuren Sprachrohre, wie sie auf Schiffen üblich sind, den -vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung -lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen -gigantischen Ziegenbock,[100] den er Maroto getauft hatte. Dazwischen -befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des -Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war, -funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem -vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine -Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der -Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht -verursachte. - -Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service -bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da -die übrige Gesellschaft -- der General aus Politik -- nach der Sitte -der Catalonier aus der Flasche -- ~el porró~ -- trank, die, mit einer -langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird, daß -der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund fällt, -ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur Seite -falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht. -Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit -dieses ~porró~ bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn sofort -zerbricht und nicht selten dem Fremden, d. h. Jedem, der nicht Catalan -ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder -Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst -so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein -Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht, -dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar -zu machen. - -Nachdem der General nach Tische auf der Flur, die als Empfang -und Speisezimmer, Gesellschaftslocal und Bureau zugleich diente, -spatzieren gegangen war, setzte er sich behaglich in der Küche neben -dem knisternden Feuer nieder. Da fragte er mich plötzlich, was ich -denn zu thun gedenke, wenn ich nicht in Catalonien bliebe? Ob ich -nach Frankreich ginge?[101] Ich erwiederte, daß ich ihn ersuchte, mir -in dem Falle den Paß zur Rückkehr nach Aragon zu geben, da ich jetzt -im Augenblick der Gefahr unter keiner Bedingung die Meinen verlassen -würde. Aber lächelnd meine Hand ergreifend, sagte er mir, daß ich ihm -zwar einen impertinenten Brief geschrieben hätte, nicht bedenkend, daß -ich unter Spaniern sei; daß ich aber dennoch bei ihm bleiben und an ihm -einen Vater haben würde. „Ich liebe die Deutschen, und nützlich werden -Sie mir auch sein.“ - -Mein Entzücken bei der so unerwartet gütigen, wie schmeichelhaften -Entscheidung des gepriesenen Feldherrn war unendlich. Ich war -entschlossen, des ehrenden Vertrauens stets mich würdig zu zeigen. - -An demselben Nachmittage war ich schon dem Generalstabe der Armee -zugetheilt, und der Graf ließ mir ein Zimmer in seinem Logis -anweisen mit dem Bedeuten, daß ich fortan ganz als seinem Haushalt -angehörig mich zu betrachten habe. Am Abend schon beschäftigte er -mich mit vergleichendem Ordnen von Karten, Plänen und Croquis, die -trefflich geeignet waren, um der genauesten Kenntniß des Terrains ein -vollständiges Dementi zu geben. - -Wie verschieden hatten sich doch meine Gefühle mit meiner Lage -gestaltet, seit ich vier und zwanzig Stunden früher als Arrestant und -mein Geschick verfluchend im Schlafe Vergessenheit und Trost suchte. - - * * * * * - -Am folgenden Tage bewunderte ich bei einer Revue die Bataillone, -die, einfach, aber geschmackvoll uniformirt, mit Präcision und -militairischer Haltung manövrirten; auch ward die Strenge und -Heftigkeit des Generals mehrfach bemerkbar. Selbst höhere Officiere -wurden stark getadelt, und mehrere Subalterne wanderten vom -Exercierplatze direct zur Wache, wogegen den Soldaten im vollen Maße -die ihren Anstrengungen gebührende Anerkennung ward. Ich lernte dort -mehrere untergeordnete Anführer kennen, unter denen der loyale General -Ivañez -- ~el Llarj de Copons~, der Lange von Copons genannt, da er -vielleicht der höchste Mann in Spanien ist -- und Oberst Camps, Chef -und Organisateur der Cavallerie des Fürstenthumes, ein ausgezeichneter -Officier, der schon unter Ferdinand VII. und später in Navarra diente, -und unter Freund und Feind wegen der Kraft seines Armes bekannt. Es -wird behauptet, daß er mehrere Male feindlichen Reitern Kopf und -Brust mit einem Hiebe seines aus zwei Klingen zusammen geschmiedeten -Schwerdtes[102] gespalten, und einen andern quer durch den Leib in zwei -Stücke getrennt habe, so daß der untere Theil auf dem davonjagenden -Pferde sitzen blieb. - -Am 25. October Mittags ward das Hauptquartier nach dem nur zwei Stunden -von Casserras entfernten Berga verlegt. Der Abmarsch, wie gewöhnlich, -ganz durch Laune entschieden, war so plötzlich, daß der Graf fünf -Minuten nach dem Entschlusse schon mit wenigen Begleitern und -escortirt von der Compagnie Miñones auf dem Wege war. Eine halbe Stunde -später von einem Auftrage zurückkommend, fand ich das Haus leer; ein -Reitpferd des Grafen, welches er mir überlassen hatte, bis man für mich -ein anderes dem Feinde abgenommen habe, ward sogleich von einem mich -erwartenden Miñon[103] vorgeführt. - -Bald holte ich einen Officier ein, der auf einem Maulthiere gleichfalls -Berga zuritt, und ich erkannte einen der beiden mit mir arretirten -Cameraden; er war vom General, der ihn nicht sehen wollte, zu einem -Depot fern im Gebirge bestimmt, dem Verbannungspunkte der Officiere, -welche de España nicht in seinem Heere haben wollte. Der seit der -Ankunft desselben seines Commando’s beraubte Brigadier Don Bartolomé -Porredon -- ~el Ros de Eroles~, der Rothe von Eroles, gewöhnlich -genannt -- befehligte es. Mein Gefährte, da er meine neue Stellung -kannte, zeigte sich natürlich kriechend artig -- das liegt einmal in -der Natur des modernen Spaniers; übrigens war er ein guter Soldat -und hatte sich wohl nur durch den Umstand, daß er in Amerika gegen -die insurgirten Colonien gefochten, den Widerwillen des Grafen -zugezogen, indem dieser behauptete, daß alle Welt als Schurke von dort -zurückgekehrt sei, welchen Satz er mit vielen merkwürdigen Beispielen -belegte. - -Bitter klagte der Arme über sein Schicksal. Er war aus Moyá gebürtig, -der Stadt, welche nicht lange vorher durch die Unseren erstürmt war, -und so eben hatte er erfahren, da er hieher gekommen war, um den -Seinen näher zu sein, und dadurch Unterstützung sich zu sichern, daß -sein väterliches Haus ganz niedergebrannt und der einzige Bruder, vor -längerer Zeit als Carlist gefangen, nach der Insel Cuba deportirt sei; -das Schicksal seines Vaters war ihm unbekannt. Nach fast zehnjähriger -Abwesenheit fand er so seine Heimath wieder! Umsonst suchte ich zu -trösten, und in der That war Trost da schwer. - -So zogen wir langsam der Festung zu, die fast versteckt zwischen -den hohen Felsgebirgen liegt, welche von beiden Seiten dicht sie -umschließen; auf ihnen waren Forts angelegt, die durch sich kreuzendes -Feuer den Übergang über jene Kette fast unmöglich machten. Auf der -andern Seite ist die Stadt von sanft abgedachten Hügeln umgeben, die, -dem Plane des Baron von Rahden gemäß, zur Anlage von regelmäßigen und -ziemlich ausgedehnten Verschanzungen sehr glücklich benutzt wurden, -so daß hinter ihnen und auf die Festung gestützt eine Division, wie -in einem verschanzten Lager, mit Vortheil gegen ein weit überlegenes -Heer sich vertheidigen und, von Position auf Position weichend, den -Fortschritt des Feindes höchst blutig, ja, einem Heere wie dem des -General Valdés ganz unmöglich machen konnte. -- Leider ward der Plan -nicht bis zur Vollendung ausgeführt. - -Schon waren wir den am weitesten vorgeschobenen Werken nahe, als -uns ein Haufen Gefangener begegnete, um, von der Arbeit ruhend, ihr -Mittagsmahl einzunehmen. Des Jammers gedenkend, den ich ja selbst vor -kurzem noch gelitten, ritt ich langsam vorbei; da erregte ein Schrei -hinter mir meine Aufmerksamkeit: ich sah meinen Gefährten in den Armen -eines Greises, der, die eingefallenen Schläfen mit wenigen Silberhaaren -bedeckt, mein Mitleid rege gemacht hatte, wie er tief gebeugt und -auf einen Stab gelehnt mühsam einherwankte. Der Sohn hatte in dem -Gefangenen seinen achtzigjährigen Vater erkannt. - -Die Scene war herzzerreißend, und ich fühlte die Brust, wie nie mehr, -mir schmerzhaft zusammengepreßt; als ich mich umwandte, sah ich den -bärtigen Miñon mit derbem Fluche eine Thräne sich trocknend. Erst nach -langer sprachloser Umarmung konnte der Sohn sich losreißen, schnelle -Hülfe versprechend. Als wir in Berga anlangten, erklärte der Wicht, er -wage nicht, vom General seines Vaters Freiheit zu erbitten: ein solcher -Schritt für einen Negro würde ihn nur compromittiren. Demnach legte er -sich ruhig nieder, die Siesta zu schlafen! -- Der Graf hatte doch wohl -Recht in seinem Urtheile! - -Natürlich ward der Greis nebst einem Großsohn, der mit ihm in dem Fort -von Moyá gefangen war, noch an demselben Tage in Freiheit gesetzt. - - * * * * * - -Der Graf bewohnte ein großes, massives Haus, ~el palacio~ genannt, -außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen. Die Thüren waren durch -Tamboure gedeckt, die Fenster des Erdgeschosses durch crenelirtes -Gemäuer geschlossen, und Alles im Innern, wie im Äußern war auf die -höchste Vertheidigungsfähigkeit berechnet. Übrigens herrschte hier -dieselbe Einfachheit, welche in Casserras auffiel, und dieselbe -ununterbrochene Thätigkeit. Die Aufmerksamkeit des Grafen war -besonders auf die Verbesserung der Artillerie und auf die dieser Waffe -correspondirenden Fabriken und Materialien gerichtet, und mehrfach -äußerte er, als ich mit ihm die Werkstätten und Magazine durchschritt, -seinen Verdruß über die geringe Anzahl von Feldgeschützen, die ihm zu -Gebote stand, und deren Vermehrung durch den Mangel an passendem Metall -sehr erschwert ward. - -De España beabsichtigte, um dem Heere von Aragon durch eine Diversion -Hülfe zu bringen, mit der größeren Hälfte seiner Macht nach Süden in -die fruchtbaren Ebenen des Ebro-Thales die Operationen zu verlegen, -deren Erfolg unberechenbar werden mußte, da er, im Besitze mehrerer -Übergangspuncte über den Strom, die Flanke und den Rücken Espartero’s -bedroht hätte, als dieser von Zaragoza aus gegen Cabrera’s Heer -vordrang. Oberst Camps, deshalb nach Morella gesendet, war so eben -zurückgekehrt und hatte die Nachricht überbracht, daß Cabrera -einwillige, die Escadrone Valmaseda’s zur Verfügung España’s nach -Catalonien zu senden, da es diesem so sehr an Cavallerie für den -Krieg in der Ebene fehlte. Es ward dem greisen Krieger nicht die Zeit -gelassen, seinen Plan auszuführen. - -Am Nachmittage dieses Tages wurden zwei Officiere erschossen, da sie -geäußert hatten, das Beste sei, den hoffnungslosen Kampf aufzugeben -und wie Maroto möglichst gut zu accordiren. Ein anderer Elender, ein -Ex-Mönch, war wenige Tage vorher gehängt, überführt und geständig, mit -Gift zur Ermordung des Grafen von España von Barcelona gekommen zu -sein; ein Club der Exaltados hatte ihn zu dem Verbrechen gedungen. - -Doch wie sehr ich mich sträube, ich muß endlich zu der blutigen -Katastrophe kommen, durch welche die Sache des Royalismus eines -Vertheidigers beraubt wurde, wie während des Bürgerkrieges nur zwei -sich fanden, die an Kraft, Talent und Wollen ihm zur Seite gestellt -werden konnten. - -Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele -Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche -Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga -deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der -Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren, -sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung -der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige -Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem -Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen Miñones -und Kosacken,[104] nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia, -wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim -Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat -stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte -ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation -abmarschiren würden. - -Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer -tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer -durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten, -wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein -gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten. - -So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut genug, -um mich manche Worte, wie ~maldito gavacho~ und ähnliche Ehrentitel, -verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst und Vocal der -Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen erstaunt dem -Treiben zusah, und mir kurz sagte: „~puede Usted marcharse, capitan~.“ --- Sie können gehen -- Wohin? fragte ich natürlich; „~al infierno!~“ --- zur Hölle. -- Das war nicht sehr klar und noch weniger artig; daher -fragte ich finster, wo der Graf sei? Einen Augenblick blickte der -Vocal mir starr in die Augen, dann erwiederte er mit kurzem, widerlich -aus der Gurgel tönenden Lachen: „~carajo~, der Alte ist weit von hier; -gehen Sie nur zum Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig -erklärend, immer noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten -unter allen den gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der -höchsten Grade so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“ - -Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel -ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich -griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch -kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide -entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging -ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache -noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten -Begleiter des Generals. - -Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der -Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu -sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen -aber waren auf immer verschwunden. - -Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über -die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und -diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen -sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall -Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem -Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie -wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu -lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort -dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht -kannte. - -Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit höhnisch -triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher -am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten -Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten -Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten. - -Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im -Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl, -vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner -der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als -Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin -als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen -ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten -Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung -einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig -sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in -seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte. - -Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem -Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen -Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt -hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich -bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn -und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl -geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden -darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn -über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht, -ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die -Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten, -wie sie nur wollten. - -Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die -Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze -des Generals ihnen sich anschloß, den sein König ihm vorgesetzt hatte; -er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter -unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer -Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte, -auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als -die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag, -seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten -verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde -sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes -Verbrechens fürchtend. -- So weit führt Schwäche! - - * * * * * - -Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir -bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der -Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt -sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte -den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache -dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht -schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich -vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren -jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage -vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach -wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich -anschauten und höhnisch unter einander zischelten. - -Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre -Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten, -der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald -dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte -mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des -leidend nach vorn gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit, -unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle -Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln -den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem -General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt, -da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,[105] ihn um -Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe -schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei, -zu einem Depot gehen. - -Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm, -daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande -müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des -Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert -sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. -- „Wie Sie wollen, ich -wünsche glückliche Reise.“ -- - -Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur -Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera -zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm -geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon -zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen -Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher -Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich -nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß -wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen -Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter -des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung mit Stolz -entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um -Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als -Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie -zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten. - - [99] Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich - bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen - hatte, erfuhr er, daß die Anführer und Officiere der zu - bändigenden Horden selbst ihre Leute zum Widerstreben reizten - und jede seiner Maßregeln und Handlungen bekrittelten - oder gar lächerlich machten. Er versammelte sie auf der - Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt ihm eine - heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General, - der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und - drohete, im Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. -- Da die - disciplinwidrigen Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die - Officiere wieder versammelt, der Hund ward gebunden von der - Wache her gebracht, und der Graf erklärte ihm, daß er, trotz - der Warnung desselben Verbrechens schuldig, nun erschossen - werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund füsilirt. -- Dann - wandte sich der General zu den Officieren mit den Worten. - „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ -- Niemand - gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles - weiter zu treiben. - - Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht - besoldet würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der - That erhielten sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt - wurde, wenig mehr als die so reichlich bedachten Soldaten. -- - España lud eines Tages das Officier-Corps zum Frühstück ein. - Eine Schüssel mit gesalzenen Häringen ward aufgetragen, ihr - folgte eine andere mit gekochten Häringen, dann eine dritte - mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder eine mit gerösteten - Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, und kristallhelles - Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig angeregten - Durstes vorhanden. -- Erstaunt sahen die Officiere sich an, da - sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten - Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei - auf Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße - gern wilde Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen -- denn - ich bin gewaltig lecker, meine Herren! -- und ich tränke gern - Xerez oder Champagner. Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird - nicht bezahlt, ich bin meinem Könige in den jetzigen Umständen - ein so leichtes Opfer schuldig; und Häringe, zwei Stück für - einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. Dann werde ich - durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das kostet - aber gar nichts. -- Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges - Frühstück in den Hotels von Barcelona!“ - - [100] Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele mit - sich, besonders Hunde und Ziegen. - - [101] Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er glaubte - vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die - Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich - deshalb. So bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich - natürlich ablehnte. - - [102] Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu gebrauchen, - weil er ihm zu leicht ist. - - [103] Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden - Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die - linke Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich - in Gold gestickt. -- De España und Cabrera wählten Beide diese - Miñones zu ihrer persönlichen Bedeckung. - - [104] Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden beritten - gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen, - auf denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu - fürchten war, zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder - etwas ihr Ähnlichem -- etwa einer Stange mit einem beliebigen - scharfen Eisen -- bewaffnet, oft ohne Sattel und mit einem - Strick statt des Zügels, sahen diese Reiter abenteuerlich - genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den Flüssen von - Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet, - Llobregat und Ter bezeichnend. - - [105] Ich habe in der That nichts von einem Chef des Generalstabes - gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit Hülfe - seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete. - - - - -XXXI. - - -Der Graf de España hatte, wie ich weiter oben erzählte, unter -Ferdinand VII. den Auftrag erhalten, die Empörung der sogenannten -Ultra-Royalisten[106] in Catalonien zu unterdrücken; er vollführte ihn -eben so rasch wie vollständig, und bald war dem Fürstenthume Friede -und Ruhe wiedergegeben. Ich erwähnte dort der Tausende, die mit dem -Leben ihre verbrecherischen Anschläge büßten; Alle aber, auf denen -der leiseste Verdacht der Theilnahme haftete, wurden deportirt oder -hatten Jahre lang den Jammer eines spanischen Gefängnisses zu dulden. -Die Feinde des Grafen, und ihrer waren viele, behaupteten, er habe -die Provinz in einen weiten Kirchhof verwandelt, und die Ruhe, welche -er schuf, sei die Ruhe des Grabes. Ohne die zahllosen Wohlthaten zu -beachten, welche seine Verwaltung nach hergestellter Ordnung über -das Land ausschüttete, wollten sie nur die Blutströme sehen, deren -Vergießung zur Verhütung weit schrecklicheren Unheils unumgänglich war, -und sie urtheilten so einseitiger Ansicht gemäß. - -Unzeitige Milde ist oft grausamer, als die härteste Strenge. Hätte de -España mit der revolutionairen Bewegung temporisirt, hätte er nicht -mit eiserner Faust durch einen Schlag sie niedergeschmettert, so würde -schon damals das ganze Königreich in Elend und Blut ertränkt sein. -Denn die Grundsätze, welche jener Aufstand verfocht, waren die des -politischen und religiösen Fanatismus, der, unduldsam gegen Alles, -was um einen Grad tiefer oder höher steht, keine andere Mittel zur -Befestigung seiner Herrschaft kennt, als das Beil des Henkers, die -Flammen des Auto da Fé und alle die Schrecken, durch die in andern -Jahrhunderten die Inquisition ihre Opfer verfolgte. - -Als der Graf de España im Jahre 1838 nach Catalonien zurückkehrte, -fand er die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die Mehrzahl der -Theilnehmer jener früheren Empörung hatte sich nun den carlistischen -Banden angeschlossen, und Viele, die damals, vom Grafen als Verbrecher -bestraft, in den Gefängnissen geschmachtet hatten oder gar nach -Afrika’s Giftküste deportirt waren, hielten jetzt die ersten Stellen im -Heere und in der Regierungs-Junta inne; noch Mehrere haßten in ihm den -Feind, durch den ihre Verwandten und Genossen Tod oder schwere Leiden -fanden. Sie alle unterwarfen sich ihm nur durch die Macht des Zwanges -und durch die Furcht, die beim Nennen seines Namens sie durchbebte. - -Mit diesen Unzufriedenen verbanden sich natürlich alle diejenigen, -welche des neuen Generals Strenge und Gerechtigkeitsliebe hinderte, das -alte Raubsystem fortzusetzen, welches doch ihr Hauptzweck war in dem -Kampfe, den sie unter dem Vorwande des Carlismus unternommen hatten. - -Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben, -deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die -Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung -aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig -dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren -glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier, -wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie -geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung -der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der -alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch -ihren Haß meisterlich zu verbergen und heuchelten tiefste Ergebenheit, -enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die -zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten, -um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe -stoßen könnten. - -Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden -umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und -damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange, -ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es -ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen -in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben; -der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität -unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl, -daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. -- Da erschallte die -Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs -nach Frankreich. - -Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten -existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander. -Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen -und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und -Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze -der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die -vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend -und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen -Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und -dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt. -Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta -zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die -Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer -mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne -Ausnahme selbst schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß -der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch -natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert -ward. - -Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine -Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet -und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch -war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte -einige Male -- wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen -ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den -Widerstand niederzuschlagen -- verzögernd in den raschen Gang seiner -Organisations- und Operationspläne eingegriffen. - -Da, als Carl V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl erkennend, -daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur die -höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf de -España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward in -dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle -ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte. - -Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe -auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde -des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die -übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt -zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den -General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die -Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache -Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen -designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der -stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant -des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann, -schloß den Verschworenen sich an. Es kam nun darauf an, den Greis -hülflos in ihre Gewalt zu führen.[107] - - * * * * * - -Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des -Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung -einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant -Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden -sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine -Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement -Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause -der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste -Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu, -empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die -fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um -sie holen zu lassen. - -Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht -in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne -Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen -Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten -Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer -von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „~ya está hecho!~“ -- -es ist geschehen. -- Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella, -Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung, -er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich -traten aus einem Cabinett zwei bis an die Zähne bewaffnete, dort -verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei -Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung -ihn niederzuschießen. - -Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte -sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die -Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen -den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt -besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen, -jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer -eingeschlossen. - -So wie der Graf sich erholte, ward er, noch auf der Erde ausgestreckt, -mit Schmähungen und Mißhandlungen überhäuft, bis ein Maulthier -herbeigeführt war, auf das er, nur mit seiner Uniform bekleidet, -gehoben wurde, ohne daß ihm gestattet wäre, Etwas von seinem -Privat-Eigenthume mit sich zu nehmen. Zwei Vocale, unter ihnen wieder -Ferrer, der glühendste Feind des Gestürzten, wurden beauftragt, ihn -nach Frankreich. zu geleiten; mit ihnen vereinigten sich auf dem Wege -dahin mehrere Chefs, auch der Ros de Eroles, alle rachgierig und -nach dem Blute des edlen Greises dürstend. Die Mißhandlungen wurden -von jedem neu Hinzukommenden wiederholt, das Empörendste ward an dem -Hülflosen, dem man Bauerntracht angelegt hatte, ausgeübt, Schandthaten, -wie nur Spanier sie erdenken mögen, verwildert und an alle Gräuel -gewöhnt durch die schaudervollen Scenen, deren Theater ihr Vaterland -seit dem Anfange dieses Jahrhunderts war. - -Umsonst flehte der Gemarterte, fast siebenzigjährige Mann um -raschen Tod -- er hatte ja die Hoffnung, Frankreichs Gränze zu -erreichen, längst aufgegeben --; umsonst suchte er die Peiniger zu -leidenschaftlicher Wuth zu reizen, indem er ihr Verbrechen, ihren -niedrigen Undank ihnen vorwarf und zeigte, wie sie zu Verräthern an -dem Könige wurden, dem sie zu dienen vorgaben. Von Hof zu Hof durch -die finstern Schluchten des Gebirges der Gränze parallel geschleppt, -duldete der Greis, der Feldherr während drei Tage, was immer seiner -Henker Wuth ihn zu quälen ersinnen konnte. Und er bewährte bis zum -letzten Augenblicke die hohe Standhaftigkeit, durch die er während -seiner ganzen Laufbahn sich auszeichnete. - -Da endlich naheten seine Begleiter der Gränze; noch ein Mal belebte -ein schwacher Hoffnungsstrahl die Brust des Grafen: wann schwände dem -Menschen ganz die Hoffnung! Aber plötzlich wird angehalten und der -Dulder, durch Erschöpfung schon dem Tode nahe, ist vom Maulthiere -gehoben, und losgebunden; er sieht vor seinen Füßen eine dunkle Tiefe, -in deren Grunde der Segre schäumend über die Felsen sich Bahn bricht. -Errathend, was seiner hattet, erfleht der Greis, sich bekreuzend, die -Gnade der heiligen Jungfrau und fordert dann die Elenden auf, ihr Werk -zu vollenden. - -Doch ein junger Officier stürzt athemlos herbei: Don Mariano Ortéu, -der Adjudant des Grafen und sein Liebling -- noch kommt er zu rechter -Zeit, um zu retten und zu rächen! Der Graf, als er ihn erblickt, haucht -schwach mit bittend hoffnungsvollem Tone: „Mariano!“ -- Das Ungeheuer -drückt hohnlächelnd sein Pistol ab und durchbohrt die Brust seines -Generals, seines Wohlthäters, Güte und Liebe mit Mord vergeltend. - -Der Sterbende ward gebunden in den Fluß gestürzt, auf dessen Ufern -nach einigen Tagen Landleute den zerschmetterten Leichnam, kaum noch -kenntlich, fanden; trauernd beerdigten sie die Überreste des verehrten -und gefürchteten Grafen de España auf dem Friedhofe ihres Dörfchens. - -Die Mörder aber kehrten im Triumph nach Berga zurück und erfrechten -sich selbst, das Andenken ihres Opfers zu schänden, indem sie in einer -allgemein verbreiteten Proclamation als Verräther ihn darstellten, -der, ein zweiter Maroto, seine Armee dem Feinde habe verkaufen wollen. -Die Verleumdung fand überall die gebührende Verachtung. Der edle Graf -de España wird stets als ein Märtyrer seiner Treue und nie wankenden -Loyalität in dem Andenken aller guten Spanier eben so hoch stehen, wie -er lange schon als General und als gerechter Mann die Achtung und das -Vertrauen seines Fürsten und die Bewunderung Aller sich erworben hatte, -die seine Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen wußten. - -Das Heer empfing die Nachricht von der Absetzung und dann von dem -Tode seines Anführers mit Staunen, welches mehrfach selbst in Gährung -überging. Aber auch Segarra hatte bis dahin die Achtung und Liebe der -Soldaten genossen, und er wußte für den Augenblick ihre Unruhe durch -Freigebigkeit und durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Heeres -hinzuhalten, bis bald der Versuch des General Valdés, das bedrängte -Solsona mit Lebensmitteln zu versehen, ihre kriegerische Thätigkeit -ganz in Anspruch nahm. Und der Soldat, gewohnt zu gehorchen und Andere -für sich denken zu lassen, ist ja so leicht getäuscht, so leicht -gelenkt, wenn er nur begriffen ist. - -Viele Officiere aber verließen die Armee Cataloniens, unwillig, unter -den Mördern des Chefs weiter zu dienen, den ihres Königs Weisheit ihnen -gegeben hatte. Einige schlossen sich der Armee des Grafen von Morella -an; die meisten, unter ihnen General Ivañez -- el Llarj de Copons ---, Oberst Camps und Perez Davila, Commandeur der ersten Division, -verzweifelnd, da solche That unbestraft bleiben konnte, wanderten nach -Frankreich aus. - - [106] Die Aufrührer Cataloniens gegen Ferdinand’s rechtmäßige - Regierung und die Edlen, welche in Estella von dem Verräther - Maroto gemordet wurden, sind mit dem einen Namen von - Ultra-Royalisten bezeichnet! - - [107] Ich erzähle die Schandthat, wie sie im Januar 1840 im - Hauptquartiere des Grafen von Morella von Cataloniern berichtet - ward, welche hoch genug standen, um genau unterrichtet zu sein. - - - - -XXXII. - - -In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von -Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen -betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war -am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die -Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch -herdringen. -- Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und -eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter -mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten. - -Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom -General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der -Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als -Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr, -die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit -drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage -wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht -erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth -nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie -unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt, -hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den -Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das -schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten -Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone -ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, -war seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne -getrennt, der, ein echter, freiwilliger Royalist in den Schaaren, -welche Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung -derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde, -weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger -seines Königs zu fechten. - -Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten, -wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und -Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie -auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der -christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie -auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten, -das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem -Mayor[108] sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen -ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich -das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches -Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich -vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig -der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den -Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um -von den Einwohnern die Bedürfnisse -- Maulthiere, Rationen und Führer --- sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die -dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch -zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten. - -Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen machen -mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch -fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß -nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich -marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten -Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend -einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie -sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die -Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich -befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet. -Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf -er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die -Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften -vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps -erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht -ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht -ganz sicher. - -Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in -ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines -Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete, -immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu -ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können. - - * * * * * - -Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war -die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie -mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten -Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei -unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um -Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden -Weibern begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich -von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte. - -Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem -Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen -errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt, -welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie -die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt -ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe -an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie -anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit -aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war -die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache -unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des -Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden -Höhen unsern Blicken verdeckt war. - -Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu -folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft, -die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor -sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von -den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes -Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm -Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen. -Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt -durch einige derbe Stöße zu beschleunigen. - -Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit -dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten. -Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt -entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war -schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute -niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte; -an Flucht aber war nicht mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens -tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was -thun? -- Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln: -rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das -Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören. -Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit -den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst -im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen? - -Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das -Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem -Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage -dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den -Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts -von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende -Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir, -glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren -Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die -Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben -Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen. - -Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von -Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet: -das Signal, daß ~facciosos~ die Linie passirten. Ich beschleunigte -den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps -der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend -eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief -eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern -der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen. - -Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort, -wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ, -wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes Äußere hatte, wie man -in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die -unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten, -mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf -den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in -die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich -windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen. - -Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die -schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast -unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende -Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen -Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem -jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem -Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer, -welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen -diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe, -dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen -um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen -pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die -Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen. - -Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir -bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich -daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben -dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür -verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße -ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde. - -Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir -meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche -Frage: „und warum nicht, ~carajo~?“ antwortete er mit tausend -Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm -verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick -sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht -geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer, -welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht -hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des -nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem -Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden -benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend -vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten. - -Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand -schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren -Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt -des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite -des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten -nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten -Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe, -der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes -zogen wir weiter dem Süden zu. - -Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders -gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir -aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns -anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe -Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei -zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden -herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich -in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur -sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit -bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und -lauschend, sah ich dunkele Reihen, von Gewehren überblitzt, sich -uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers -Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied. - -Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion -in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser -Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl -viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte -Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine -Anrede ihres Führers erwiederten. - -Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die -malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin -ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder -gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst -vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder -Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu -sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn -auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch -durch jene Farben hervorstachen. - -Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch -ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit -ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute, -echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen -Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese -Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah, -an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und -in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge -langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der -carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie -das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine -menschliche Wohnung, und Wochen lang war er in den unzugänglichen -Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln -beschrankt. - -Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich -wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine -Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig -ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem -befreundeten Flix zurück. - - * * * * * - -Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch -sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige -Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der -Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem -Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde -beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix -zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter -eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen. - -Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger -Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella -entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig -sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon -als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und -zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu -erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die -Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne -Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu -finden. - -Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor -wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue -Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in der Hand zu lösen sei, stand -er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel -seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung -auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg, -einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde. -Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des -Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt -über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er -ungehindert sich aufgestellt hatte -- zu welchem Zweck, möchten wohl -seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen, -als er selbst --; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern -Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren -- wenn auch -nicht Ehre -- und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte. - -Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift[109] sind die -Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie -sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden. --- Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor! - -In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher -bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß -es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und -Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach -alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon -oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht -war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und -Mantel von Kugeln getroffen waren. Die Thäter, zwei durch das Gold -Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione -geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten -ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode. - -Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja -dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang -nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der -Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses -mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren, -sogleich erschießen ließ. - - * * * * * - -Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen, -und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir -vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam. -Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr -von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf -Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich -aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser -ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl -die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit -Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte. - -So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende -des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein -gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das -Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte, -trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten -behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte, -dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm, welche -ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die -Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen -und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und -den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich -sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die -Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen -mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen, -vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren -werde. - -Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden -sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos -schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm, -wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische -Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich -gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward, -zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und -bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen -- -sein höchster Wunsch und sein Stolz --; da freilich schätzte ich mich -glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione -und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen -konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen, -der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte. - -Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden, -in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der -General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs -auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher -Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß -des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust -zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und -gedemüthigt sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der -Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und -durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte -bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit -die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella. - -Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch -dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte -ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann -sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht -begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so -weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende -Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave -Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich -entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel -Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef -sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können. - -Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von -Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach -Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf -dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den -vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel -zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher -Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena -empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere, -vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes -Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er -nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er -war in dem Kriege gegen Napoleon -- Gott weiß, wie? -- zum Capitain, -in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum -Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort -in den Ruhestand zurück versetzt. - -Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen -selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe -besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er -denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets -auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen -vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten -Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen -könne. - -Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden -und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn -zu schonen wünschte,[110] dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich -seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage -ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair -reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen, -wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche -solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen, -da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem -gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes -mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd -mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach -vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen -die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon -will es so! -- Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rückständigen -Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den -Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln. - -Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers, -den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß -Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da, -als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit -des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen -ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den -jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein -Belagerungsgeschütz heranschleppte. - -Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer -Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne, -da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so -übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich -bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem -niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit: -„Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden, -mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch -dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen -entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen -Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden -sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem -Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was -mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt -blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so -hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in -Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen. - -Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm widerlich -seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können. - -Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem -Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei -verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich -in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines -der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war -merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl -getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines -Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter -entbehrten Genüsse zu verschaffen. - -Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von -Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die -ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der -Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft, -die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und -des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und -doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der -Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der -augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen -Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über -die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns -füllte; -- eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer -nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie -schildert --. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende -Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir -uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der -Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher -vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte; -dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über uns -selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden -Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen -aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf. - - * * * * * - -Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald -theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich -abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden, -der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und -seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er -Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem -Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren -Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während -der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls V. bei -dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des -gefeierten Feldherrn angefertigt hatte. - -Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der -Armee sich befand -- denn einige Schurken, die von der französischen -und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren, -verdienten nicht, so genannt zu werden -- von dem Manne, dessen -freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war -herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der -Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so -hohe Stufe gehoben hatte. - -Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der -Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete -geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden -- er war -im November zum Brigade-General ernannt -- wenn auch oft von Gefahren -bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines -der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés -erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes -wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der -Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm. - - [108] ~El mayor~, der Älteste, nannten die einfachen Gebirgsbewohner - in ihrer unbegränzten Ehrfurcht jeden Officier; gewohnt, den - Ältesten der Familie mit höchstem Respekt zu behandeln, trugen - sie die Benennung auch auf die Militairs über, denen solcher - Respekt bewiesen ward. - - [109] Diese Blätter werden Belege für Alles liefern, dessen ich den - Siegesherzog hier anklage. - - [110] Ein beachtenswerther Zug in dem jungen General war seine hohe - Achtung und Rücksicht für alle altgedienten Soldaten. - - - - -XXXIII. - - -Espartero, nachdem er die baskischen Provinzen erkauft, war in den -letzten Tagen Septembers von Navarra aufgebrochen, um sein Werk durch -die Unterwerfung des Gebirgslandes zu vollenden, in dem der Graf von -Morella als Stellvertreter Carls V. befehligte. Er führte 40 Bataillone -und 16 Escadrone von der Nordarmee nach Aragon; die Bataillone waren -durch die neue im Sommer gemachte Aushebung von 40000 Mann auf den -höchsten Etat gebracht, den sie während des Krieges je gehabt hatten: -sie enthielten nach den Aussagen von Augenzeugen, wie nach dem, was -ich später von den Christinos selbst hörte, in ihren acht Compagnien -1100 bis 1200 Mann. Die drei Heeres-Divisionen und die der Avantgarde, -in welche jene Masse eingetheilt war, wurden von den erprobtesten -Führern der Christinos commandirt; der frühere Vicekönig von Navarra, -Don Diego Leon, Graf von Velascoain, befehligte die neun Bataillone -starke königliche Garde. Mit Espartero war auch der berüchtigte -Schleichhändler Martin Zurbano, genannt Barea, von der usurpatorischen -Regierung mit dem Grade eines Obersten belohnt, nach Aragon gekommen; -sein Freicorps zählte fast 3000 Mann Infanterie und 200 Pferde. - -Die Armee des Centrum, unter dem Oberbefehl des Generals O’Donnell im -Königreiche Valencia stehend, war aus 24 bis 26 Bataillonen und etwa 20 -Escadronen zusammengesetzt, da der Rest als Garnisons der zahlreichen -Festungen beschäftigt war. O’Donnell zog mit 21 Bataillonen und 7 -Escadronen nach Teruel, um von dort aus in Verbindung mit Espartero die -entscheidenden Operationen zu beginnen. So gebe ich die unter diesen -beiden Chefs vereinigten Streitkräfte gewiß nicht zu stark an, indem -ich ihre Zahl auf 75000 bis 80000 Mann schätze. - -Der Graf von Morella befand sich, da er die Nachricht von dem Verrathe -Maroto’s und dem Anmarsche der Nordarmee erhielt, mit 12 Bataillonen -und 800 Pferden weit im Innern Castilien’s, wo kein feindliches -Corps seine Fortschritte hinderte. Er eilte sofort zur Deckung des -Hochplateaus, von dem hinab er bisher siegreich nach allen Seiten sich -ausgedehnt hatte; am 6. October langte er in Morella an und traf sofort -die Maßregeln, welche zum kräftigen Empfange des Feindes beitragen -konnten. - -Die Armee unter seinem unmittelbaren Commando bestand aus folgenden -Truppen: - -Die Division von Aragon unter General Llagostera enthielt 9 Bataillone, -von denen zwei erst kürzlich bewaffnet waren, und 6 Escadrone; die -Division von Valencia unter General Forcadell 7 Bataillone, von denen -das eine neu gebildet, und 4 Escadrone; die Division vom Ebro in der -1. Brigade, Tortosa, unter Oberst Palacios 4 Bataillone, in der 2. -Brigade, Mora, unter Oberst Feliú 3 Bataillone und 4 Escadrone. - -Dazu kamen das Schützen-Freibataillon des Oberst Bosque, das -Sappeurs-Bataillon und das Bataillon der Artillerie, so daß die Armee -aus 26 Bataillonen und 14 Escadronen oder 14000 Mann Infanterie und -1300 Pferden bestand. - -Die Brigade, welche, 4 Bataillone und 2 Escadrone stark, jenseit -der Heerstraße von Teruel nach Segorbe stand und die Festungen des -Turia nebst Cañete und Beteta kaum hinlänglich garnisoniren konnte, -darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie zu den diesseitigen -Operationen gar nicht mitwirkte, der Feind auch zwei überlegene -Colonnen unabhängig ihr entgegengestellt hatte; ebenso wenig die beiden -Escadrone, mit denen Valmaseda nach Catalonien und im December, von -dort zurückkommend, nach Neu-Castilien abging. - -14000 Mann und 1300 Pferde sollten dem Angriffe von 80000 Mann -begegnen! Doch hatte jene Minderzahl den Vortheil des Terrains für -sich, so wie die Stütze, welche ihre Forts und der Geist der Einwohner -ihnen gewährten; dagegen machte wieder das Terrain den Gebrauch ihrer -herrlichen Cavallerie unmöglich, weshalb diese größtentheils entsendet -wurde, um in Flanke und Rücken des Feindes seine Communicationen -zu erschweren. Aber dieses kleine Heer wurde furchtbar durch die -gränzenlose Hingebung der Krieger, ihre unwandelbare Treue und vor -Allem ihr Vertrauen auf den Führer, den sie stets an ihrer Spitze auf -dem Pfade des Sieges und der Ehre gesehen hatten. Unendlich war der -Enthusiasmus, den der Anblick des geliebten Generals, ein ermunterndes -Wort aus seinem Munde in den Freiwilligen erregte; und die friedlichen -Einwohner begrüßten mit eifrigen Wünschen für sein Glück den Feldherrn, -der gegen Feind und Freund so brav wie gerecht sie geschützt, und den -sie daher als rettenden Engel zu betrachten sich gewöhnt hatten. - -Cabrera unterließ Nichts, was diesen Geist des Heeres und des Volkes -erhalten und heben konnte. Er erließ Proclamationen, in denen er mit -schwarzen Zügen den Verrath -- wiewohl nicht in seinen ganzen Folgen --- schilderte, der den König gezwungen hatte, das angestammte Reich -zu meiden. Er sprach dann in feurigen Worten zu den Herzen seiner -Kameraden; er erinnerte sie an die zahllosen Unbilde und die Schmach, -welche die Männer der Revolution auf Alles gehäuft hatten, was ihnen -theuer und heilig sein mußte; er rief die Gefahren und die Drangsale -ihnen ins Gedächtniß, die sie unter seiner Leitung erduldet, und aus -denen die Hülfe des Höchsten sie stets mit Ehre und Ruhm gerettet, die -Siege, welche sie so oft, weit schwächer und wo schon Rettung unmöglich -schien, über die prunkenden Massen der erbitterten Negros davongetragen -hatten. Er zeigte, wie von dem Augenblicke an, in dem er mit funfzehn -Mann und ohne Waffen den Kampf begonnen für die Vertheidigung seines -Königs und seiner Religion, wie er da, von Schritt zu Schritt durch -die himmlische Vorsehung geleitet, endlich ein glänzendes Heer habe -bilden, und, der anfangs Verachtete und einem wilden Thiere gleich von -Schlucht zu Schlucht Verfolgte, die übermüthigen Feinde im Sitze ihrer -Macht bedrohen können. - -Er forderte schließlich seine treuen Streitgenossen auf, nicht zu -verzagen, da sie nun die jauchzenden Schaaren der Christinos sich -heranwälzen sahen, er bat sie, vertrauensvoll und brav, wie bisher, -ihrem Führer zu folgen, der stets der Erste sein werde, wo Gefahr und -Ehre lockten, und er versprach ihnen, wenn sie standhaft aushielten in -dem großen Kampfe, bei dem die Frucht aller ihrer Anstrengungen auf -dem Spiele stand, den Schutz der gnädigen Himmelsköniginn, der hehren -Jungfrau der Schmerzen, die nie zugeben werde, daß ihre frommen Kämpen -unter den Streichen der alles Heilige verspottenden Trabanten der -Revolution erlägen. - -Und der Aufruf ihres Generals entflammte zu höchstem Feuer die -Begeisterung der wackern Soldaten. Sie alle schwuren, bis zum Tod -ihrem Eide treu zu bleiben, und als Cabrera zu Morella die Garnison -versammelte und, wie jeder Unteranführer in seinem Corps es thun mußte, -öffentlich erklärte, daß jetzt alle die, welche nicht den Muth in sich -fühlten zur Fortsetzung des schweren Kampfes, bis das Begonnene ganz -vollbracht sei, frei und unangetastet in die Heimath sich zurückziehen -könnten, daß aber von dem folgenden Tage an der Soldat, welcher -von seinem Corps sich entferne, ohne Gnade erschossen würde -- da -antwortete ihm ein allgemeines, dreimal wiederholtes: „~viva el Rey!~“ -von dem den Freiwilligen fast eben so vertrauten „~viva Don Ramon!~“ -begleitet, und nicht Einer fand sich unter den braven Burschen,[111] -der von des Generals Aufforderung Gebrauch gemacht hätte. - -Zugleich bemühete sich der General, viele der Mißbräuche abzuschaffen, -die ganz besonders in die Verwaltung sich eingeschlichen hatten, und -von denen er, bei seiner eigenen Uneigennützigkeit des Argwohnes -kaum fähig, durch bittere Erfahrungen kürzlich überzeugt war: die -Hülfsquellen des Landes, so wie die Beute, welche die kühnen Züge -Cabrera’s durch Castilien, Valencia und Murcia schafften, wurden auf -die unverantwortlichste Art vergeudet oder noch häufiger benutzt, -die Habgier Einzelner zu befriedigen. Daher fehlten nicht selten die -dringendsten Bedürfnisse, und -- was ein furchtbarer Donnerschlag für -Cabrera war, der Ähnliches nicht ahnete, da die Freiwilligen nie eine -Klage deshalb erhoben -- die Bataillone waren fast ein Jahr mit ihrem -Solde im Rückstande. - -Der General-Intendant des Heeres, Bocos de Bustamente, der bisher die -ganze Administration leitete, wurde seiner Stelle entsetzt und die -Junta aufgelöset, da sie, anstatt zu ordnen und zu leiten, nur die -schon so schwierigen Verhältnisse mehr und mehr verwickelte. Leider -konnte der General den Blutsaugern nicht die Millionen entreißen, -mit denen sie auf Kosten des Heeres, des Landes und der Sache, deren -eifrige Vertheidiger sie sich nannten, ihre Zukunft zu sichern gewußt -hatten. - -An die Stelle der aufgelöseten ward eine ~Real Junta militar de -administracion y govierno~ gebildet, die unter dem Vorsitze des -Generals en Chef fast ganz aus Militairs höherer Grade zusammengesetzt -war, welche durch strenge Pflichterfüllung, Entschiedenheit in -ihren politischen Ansichten und Redlichkeit solchen Vertrauens -würdig schienen. Bald zeigte es sich, wie auch der am schärfsten -Blickende getäuscht wird, und wohl noch mehr, wie Versuchung dem -Besten gefährlich ist: im Frühjahr gingen drei der Vocale und unter -ihnen derjenige, welcher mit Recht als der Tüchtigste, Thätigste und -Einflußreichste unter den Gliedern der Junta gerühmt wurde, der Oberst -Villalonga, zu Espartero über, da sie den gänzlichen Fall der Parthei -unvermeidlich nahe sahen. Sie nahmen die Casse der Junta mit sich. -- -Viele Enttäuschungen warteten des edlen Cabrera! - -In eben dieser Zeit ward ein Mann in Morella ergriffen, der, Jedermann -unbekannt, seit einigen Tagen dort sich umhertrieb und, so wie der -General in der Festung anlangte, zu ihm sich zu drängen suchte. Da -er nicht Auskunft über sich geben wollte, durch seine Reden aber -den Verdacht böser Absichten fast zur Gewißheit steigerte, ward ihm -erklärt, daß er, falls er nicht gestehe, wer er sei und weshalb er -dorthin gekommen, unverzüglich erschossen werde. Um ihn noch mehr -einzuschüchtern, wurde er selbst in ~capilla~ gesetzt, und ein Priester -sollte zu christlichem Tode ihn vorbereiten. Schäumend vor Wuth gab -er sich da, weil er ja doch sterben müsse, als Mörder an, der von den -Radicalen zu Barcelona gedungen sei, die Welt von dem gefürchtetsten -Vertheidiger der Legitimität zu befreien. Er rühmte sich zugleich, an -der Ermordung des gefangenen Obersten O’Donnell und der Seinen, so -wie an der Niedermetzelung der Mönche thätig Theil genommen, ja ein -Stück jenes unglücklichen Opfers geröstet und verzehrt zu haben; dann -versprach er wieder, im Fall ihm das Leben geschenkt werde, Espartero -in der Mitte seiner Garde niederzustoßen. Der Mann, plump, frech und -erbärmlich feig zugleich, war gewiß sehr schlecht gewählt für das -Geschäft, dem er sich unterzogen hatte. Sein abgeschlagenes Haupt ward -zur Warnung auf einem Galgen vor der Stadt aufgesteckt. Vor seinem Tode -erklärte er, daß mit ihm noch zwei Banditen von Barcelona abgesendet -seien, die jedoch meines Wissens nie versuchten, die beschlossene -Schandthat auszuführen. - - * * * * * - -Espartero rückte in der zweiten Hälfte Octobers mit den 35 Bataillonen, -die er persönlich führte, von Norden gegen die Gebirgsmasse vor, -welche den Grundsitz der carlistischen Macht bildete, und zu -deren Vertheidigung Cabrera seine Truppen concentrirt hatte. Sie -konnte als eine große Veste angesehen werden, in der Morella und -Cantavieja, durch Lage, Kunst -- so glaubte man wenigstens -- und -noch mehr durch die Schwierigkeit der Annäherung besonders stark, den -Haupt-Vertheidigungskörper, die vorliegenden Forts Cullá, Alcalá la -Selva, Aliaga, Villarluengo und Castillote die Außenwerke, das weit -vorgeschobene Segura aber, so wie die Festungen des Turia im Südwesten -und Villamaleja im Süden, selbstständige detachirte Werke bildeten, -welche in Flanke oder Rücken dem angreifenden Feinde sehr gefährlich -werden konnten. - -Cabrera sandte deshalb Llagostera mit einem starken Corps, um -bei Segura sich aufzustellen, von wo dieser jedoch, da Espartero -unaufgehalten über Muniesa und am 26. October selbst bis Calanda -vordrang und so die schwächste Seite der Gebirgsveste bedrohete, auf -Castillote sich zog und dort Espartero sich entgegenstellte. - -Zugleich hatte O’Donnell von Teruel seine 21 Bataillone herangeführt -und war sofort bis Villarroyo vorgedrungen, worauf er das Städtchen -Camarillas als Depot und Anhaltspunkt befestigen ließ, zu welchem -Zwecke Espartero Estercuel ausersah, indem er auch Montalban, um -Segura in Schach zu halten, wieder befestigen und diese Puncte durch -mehrere feste Posten links mit Calanda und rechts mit den von O’Donnell -besetzten Orten und bis Teruel verband, so im Halbkreis eine Linie, -ähnlich denen der Nordprovinzen, um das eingeengte Gebiet der Carlisten -ziehend. - -Eine Colonne von 8 Bataillonen befehligte der Brigade-General Don -Juan Cabañero, der, früher in Cabrera’s Armee die Division von Aragon -befehligend, mit Maroto zu den Christinos übergegangen war und sich -der besondern Gunst des Siegesherzoges erfreute, da er genau mit dem -Kriegsschauplatze bekannt war und versprochen hatte, seine früheren -Cameraden zu bearbeiten. So gab er ein treffliches Werkzeug ab für die -Bestechungspläne seines neuen Anführers. - -Kleinere abgesonderte Detachements sollten die Communicationen sichern, -das Land besetzen und dadurch seine Hülfsquellen den Carlisten -unzugänglich machen und auch wohl die Bewohner, indem sie das ganze -Land von den Schaaren der Christinos überschwemmt sahen, heilsame -Furcht vor der Macht des gerühmten Feldherrn lehren. So schweifte -Martin Barea in dem Gebiete von Montalban und Segura, das Bataillon der -portugiesischen Fremdenlegion, welches so lange schon unter Borso di -Carminati’s Befehlen brav gegen Cabrera gekämpft hatte und aus einer -Brigade zu einem Bataillon zusammengeschmolzen war, zwischen Segura und -der großen Heerstraße umher. - -Bisher hatten die Feinde, wenn auch stets von unsern Colonnen -beobachtet und oft in günstigen Stellungen aufgehalten, keinen -ernstlichen Widerstand gefunden, und jubelnd wähnten sie, daß die -Kraft unserer Krieger gebrochen sei, und daß rasches Vorwärtsschreiten -ihnen hinreiche, um der leichten Beute sich zu versichern. Viele -glaubten selbst, daß Cabrera nur die Unterwerfung verzögere, um bessere -Bedingungen für sich und die Seinen zu erpressen. Espartero hatte -schon seine Siegeskünste in Thätigkeit gesetzt; wenn das Gold über den -Obergeneral nichts vermochte, sollte es bei den Untergebenen desto mehr -seine Macht bethätigen. Er erließ Proclamationen, in denen er das Volk -aufforderte, sich ihm anzuschließen, um die Segnungen des Friedens zu -erringen; den carlistischen Soldaten versprach er eine Geldbelohnung -und die Entlassung in die Heimath, wenn sie den tollen Widerstand -aufgäben und zu den siegreichen Truppen der unschuldigen Königinn -übergingen, während er den Officieren, die sich ihm präsentiren -würden, Anstellung in den Graden, die sie erlangt, und selbst -Bestätigung der Orden und sonstigen Auszeichnungen zusagte, welche -ihnen im Kampfe gegen seine eigenen Truppen geworden waren. - -Diese waren die ersten Schritte, die er zu der Ausführung seines -Lieblingssystemes that; wollte Gott, daß alle andern eben so nichtigen -Erfolg gehabt hätten! - - * * * * * - -O’Donnell drang vorwärts, um seinem Gefährten die Hand zu reichen -und zugleich die Aufmerksamkeit Cabrera’s auf sich zu ziehen. Am -30. October griff er Fortanete an, zu dessen Vertheidigung Cabrera -rasch herbeieilte und in der That mit vier Bataillonen, die er dort -vereinigte und erst am folgenden Morgen mit andern zwei verstärkte, -den Ort bis zum Abend des 31. hielt. Am 1. November bereitete er sich, -den ermatteten Feind von neuem zu bestürmen, als er durch einen Spion -die Nachricht erhielt, daß Espartero am Tage vorher von Calanda über -dem Mas de las Matas mit seiner ganzen Macht vorgedrungen sei, Morella -sowohl wie Cantavieja bedrohend; und daß Cabañero Einverständniß mit -einigen Officieren angezettelt habe, welche ihm am Abend desselben -Tages die Festung Cantavieja einhändigen würden. - -Fortanete aufgebend flog der General, nur von seinen Adjudanten und -Miñones begleitet, der bedroheten Veste zu; am Tage nachher wurden die -Schuldigen erschossen, und kaum gelang es dem verrätherischen Cabañero, -mit seiner Colonne durch die Schluchten, ihm sämmtlich wohlbekannt, den -Massen Espartero’s wiederum sich anzuschließen. Da war es, als abermals -die gedungenen Mörder das Leben des Grafen von Morella bedrohten, über -dessen Haupte ein schützender Genius zu schweben schien, die Elenden -blendend, welche gegen ihn die Hand zu erheben wagten. - -In las Parras hatte Espartero sein Hauptquartier aufgeschlagen, -während die Garden unter General Leon die Dörfer Luco und Bordon, vier -bis fünf Stunden von Morella, besetzt hielten. O’Donnell ging bis -la Cañada vor, welches er leicht nahm; aber seine Versuche, darüber -hinauszudringen, um mit Espartero in Verbindung zu treten, blieben ganz -fruchtlos und kosteten ihm viele Menschen. In eben diesen Stellungen -befanden sich die beiden feindlichen Armeen, als ich von Catalonien -zurückkehrte, und ein bunteres Durcheinanderwerfen der christinoschen -und carlistischen Truppen schien ganz unmöglich zu sein und kann -nur durch die Eigenschaften des Terrains erklärt werden, welches so -furchtbar gebrochen, mit unzugänglichen Felsmassen und tief gefurchten -Schluchten durchzogen ist, daß die Corps häufig auf geradem Wege wohl -kaum eine Viertelstunde von einander entfernt waren, während sie, um -sich zu treffen, Stunden langen mühsamen Marsch zu machen hatten. -- -In einem regelmäßigen Kriege würde ein ähnliches Gebirge für durchaus -impracticabel erklärt werden. - -Espartero stand, wie gesagt, in las Parras, Luco und Bordon,[112] -die Front gegen el Orcajo, die beiden Hauptfestungen der Carlisten -bedrohend; seine ganze Cavallerie war im Mas de las Matas concentrirt -und deckte so die Verbindung mit Calanda, welches jedoch vom Obersten -Bosque blokirt wurde, der selbst unter dem Schutz des Terrains drei Mal -den Ort überfiel, die Thorwache niederhieb und Officiere und Leute von -den Straßen gefangen fortführte, ehe die christinoschen Truppen unter -die Waffen kamen. Es durften daher nur Colonnen von einigen tausend -Mann von Calanda zum Heere und nach dem Hauptdepot Alcañiz geschickt -werden oder von dort kommen. - -Dieser Linie parallel zwischen ihr und Morella und den Weg nach dem -Orcajo deckend, welches ein äußerst wichtiger Punkt war, da dort die -Straßen nach jenen beiden Festungen rechts und links abgehen, standen -von Monroyo bis Olocau vier Bataillone, die aber sofort verstärkt -werden konnten. Cabrera selbst blieb, nur von seiner Compagnie Miñones -und den Ordonnanzen gedeckt, in Zurita, drei Viertelstunden von dem mit -Truppen überladenen Luco. An der andern Seite der feindlichen Position -lag das starke Castillote, eine Stunde von las Parras und dem Mas de -las Matas entfernt. Dort stand, auf das Fort gestützt, Llagostera mit -einem Theile seiner Division, die er in glücklichen Zügen und mit -überraschender Thätigkeit -- da er gewöhnlich sehr langsam sich zeigte --- bis tief in das nun feindliche Gebiet hinein, nach Segura und über -dasselbe hinaus führte. - -In der Nacht vom 6. zum 7. November überraschte er in Barrachina -das Fremdenbataillon, welches ihn zwanzig Stunden entfernt wähnte, -und brachte ihm einen Verlust von 300 Todten bei: die fremden Corps -hatten keinen Pardon. Den kleinen Rest rettete der entschlossene -Muth desselben, da er ohne Munition der schon genommenen Kirche sich -bemächtigte, in der das Bataillon seinen Pulvervorrath niedergelegt -hatte, und in ihr sich vertheidigte. - -Zwischen jener Armee und der O’Donnell’s, die in Fortanete und la -Cañada sich verbarrikadirte, standen die carlistischen Bataillone -in Pitarque, Tronchon und Mirambel, während O’Donnell’s rechter -Flügel durch drei Bataillone in Val de Linares, sein Rücken gar durch -die beiden Festungen Aliaga und Alcalá la Selva und den auf sie -gestützten Freicorps bedroht und seine Communicationen natürlich ganz -abgeschnitten waren. - -Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen -konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne -Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen -Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan -dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden -sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und -dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch -die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der -bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da -er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie -denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen -Vorbereitungen getroffen waren! - -Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf -den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine -Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen, -damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe -des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige -Speculation gewesen. -- Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen -der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die -carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von -Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht -ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch -rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten, -vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die -Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts -gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte. - -Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das -geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder -und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues -Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht, -daß wenn das Entwickeln seiner ungeheuern Übermacht und das kühne -Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine -unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug -allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken, -daß es ihn und seine Massen -- und was kann Schlimmeres dem begegnen, -der moralisch zu wirken sucht? -- zum Gegenstande des Spottes und der -Verachtung machen mußte? - -Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero zu -solch einem ~faux pas~ bewogen wurde, Motive, die mit dem alten -System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für -seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig -unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern, -um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr -Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen -Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren -Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem -Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten -an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von -versuchter Bestechung[113] zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete, -wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen. - -Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen -in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit -Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er -ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen -einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er -Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel -zurückzuweisen wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der -menschlichen Natur -- das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht! --- wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele, -die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen -wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf -den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen -vermochte. - - * * * * * - -Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der -Christinos unbeweglich in ihren Dörfern -- die Besetzung der Cañada -durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen --; sie -hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war -auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun, -so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration -ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen -Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu -einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche -zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten -vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand. - -Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte -Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu -bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig -vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die -wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen -in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones -bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die -Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft -verlor. - -Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen -Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der -Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der -Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf -oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen -Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der -verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er -sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach -Cantavieja und Morella. - -Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea -neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von -den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort -machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß -der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in -höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname -und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser -Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen -angekündigt wurde. - -Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon -von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten -O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien -gefangen. - -Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge -waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er -sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an -Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand, -dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte -sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der -bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen -Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm ihm -einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung -seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen -erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um -seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die -Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar -wurde. -- Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu -beginnen. - -So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu -unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit -drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige -Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt -der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die -Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht -vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich -auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche -zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt -wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen -und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten -Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach -Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie -4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu -erkaufen. - -Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen -noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich -wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839 -geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der -Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue -Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten -Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen -könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt, -daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles -geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. -- Seine Wahl war -rasch getroffen. - -Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur -Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum -26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel -angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen -die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in -der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit -Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige -zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden -christinoschen Corps den Ort verlassen hatte. - -Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode -Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt -schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge -den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit -ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu -erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April -1840 sein Commando. - - [111] Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis zwanzigjährige - Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des Krieges - sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue - besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps. - - [112] General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera eine - Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt, - welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und - Operationen Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn - bekämpfenden Heere zu empfehlen ist. - - [113] Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende Anerbietungen - von Seiten Espartero’s geblieben. - - - - -XXXIV. - - -Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das -Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José -Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig -gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt -waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls -über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s -in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte; -man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen. -Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die -Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells -beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu -krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten -Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich -erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar -nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf -weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten -Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn -fern hielten. - -Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt -und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja, -der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet. -Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die -Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch, -so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps -immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden Mahnungen -des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern, -daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella -sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des -regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen -Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der -von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des -Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig -dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte. - -Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war -dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei, -die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen, -trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah, -befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten; -die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des -peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem -wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und -unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es -ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis -auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade -dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung. -Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach -dreitägiger Beschießung. - -Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung -rasch -- zum Theil mit Pallisaden -- geschlossen, um sie gegen einen -Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben -Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent -von neuem zu erbauen -- er fand nie gut, was nicht von ihm selbst -herrührte. -- Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt -werden. - -Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen, -so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo -vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja -inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá -südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von -Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco -in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe -befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die -Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter -uns vertheilt. - -Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen -Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der -Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach -Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte -ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit -Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu -fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten -waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte. -Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben, -durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war -im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von -Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach -Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena -reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. -- Doch sollte ich -noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben. - - * * * * * - -Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General -gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein, -da ich ihn begleiten würde; er entließ mich erst nach mehreren Fragen -und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr. -Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da -der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich -befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh, -daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem -Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den -treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s -in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten. - -Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche -Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung -mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das -ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das -etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet, -einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit -großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt -ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den -doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem -Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu -verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya -ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche -Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte. - -Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa -sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden -in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die -Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt -werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd -in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen; -wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich noch nicht begreifen. -Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast -unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir -befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen -seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde -Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen -Studenten bewundern ließen. - -Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte -Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen -- denn Cabrera wollte -Alles selbst sehen und überall anordnen -- langten wir endlich auf -dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir -begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten -Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich -ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die -Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General -selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des -Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit. -Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern, -die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die -eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren -- und deshalb war das -Land weit umher hart bedrückt! - -So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren -der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den -Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten -lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu -versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu -den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren, -zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern. - -Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine -Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die entschieden -royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und -viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die -Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische -Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der -niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin -sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die -Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage -des Flusses frei zu erhalten. - -Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung -von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte, -den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb -stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt -und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles -die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die -Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz -unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine -sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von -Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei -die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht -mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen. - -Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine -Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich -wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß -ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger[114] -ausgesehen habe, als der Franzose, der einst für die Christinos bei -ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der -gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid -zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen -Regierung entdeckt und erschossen war! - - * * * * * - -Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der -verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit -Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so -viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit -dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen -Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen -zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein -Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten -gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er -am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen -hat, der mache, daß er fortkomme!“ -- Einer jener Officiere wurde kurz -nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf -einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und -sofort füsilirt. - -Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die -Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva, -eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas -entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen -des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf -Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von -dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben -Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von unserer -Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter -zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber -abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte; -so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die -Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend. -Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63 -Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet. - -Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein -leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen -existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl, -Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern -verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare -Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten. - -Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher, -in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend, -der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort: -Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht -unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben -so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet -hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt -und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der -Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo -Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen -jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch -keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der -Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein- -und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine -chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele sehr, -daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt -hätte. - -Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter -Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da -ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später -irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den -General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche -direkt widersprechend ist. -- Die rasch angewandten Mittel linderten -für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine -Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner -früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er -nie ganz genesen sollte. - -Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe -verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort -die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von -zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine -Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen -Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet -werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf -den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller -Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste -Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte -eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge. - -Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen, -der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger -Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die -Trauerbotschaft von seinem Tode! -- Verzweiflung ergriff die Bewohner -Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt -hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt -uns aufrecht, ohne ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem -Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote, -welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der -schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch -gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in -die Brust zurückdrängen. - -Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet -in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen -der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er -eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde -zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben, -und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt, -daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte. -Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt, -um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß -seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider -Blätter spotteten,[115] nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er -Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten. - -Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel -gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den -leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte -er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz, -den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem -edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache, -welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange -Cabrera lebte, die Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den -seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten. -Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich -unschädlich zu machen. - -Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella -gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen, -mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung -gehaltene ~Te Deum~ zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, daß -die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle -nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit -Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten -Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose -Rindergefechte -- wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht -ganz ausgewachsene Rinder gewählt -- die gaffende und jauchzende Menge. - -Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das -geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht -wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen -lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen -sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des -Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten -Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht -abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach -wieder an die Spitze der Armee sich stellte. - -Dem Anschein nach! -- Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held, -welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von -Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet, -sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit -hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die -Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath -oder durch die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem -andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner -Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die -starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen -Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen. - -Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem -nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch -viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige -catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten! - -Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er -hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz -vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend -die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft -freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde -gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick -die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen -Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner -selbst unwürdig handeln konnte. - -Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von -Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den -himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December -unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie -und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre -vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber -steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer -und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate, -während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über -ihn zu wählen. - - [114] Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes - ~franmason~ zur Bezeichnung eines wild revolutionairen - Menschen, da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler - und Leiter der anarchischen Complotte erschienen. - - [115] Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit kleiner - scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist, - welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich - von Madrid aus übersehen wurden. - - - - -XXXV. - - -Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen -mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung -der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo -und Cantavieja -- während der letzten sechs Wochen unter stetem -Schneegestöber -- gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich -sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem -Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung -war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos -gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie -auch bringen möge, rasch da sei. - -Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen. -Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten -zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch -auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System -eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer -den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der -Corps auszuzahlen, so daß z. B. im Januar 1840 der Sold des Monats -April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und -Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich -gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern -Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis -vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung -kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während -jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen -auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da -Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder, -wenn uneigennützig -- und das fand sich nicht häufig --, etwa zur -Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem -Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat -auszuzahlen. - -Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend -eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte -indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich -die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich -buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und -Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb -Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit -möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie -viel Zeit bei Tische. - -An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des -Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem -Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die -Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn -sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie -erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt -für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer -Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps -mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings -um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um -den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend -verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das -Zeichnen der Pläne u. s. w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des -Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube -verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des -Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen -die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen. - -Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft -eines Freundes, des Genie-Capitains -- er fiel als Oberstlieutenant -bei der letzten Belagerung von Morella -- Don José Maria Verdeja -Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch -die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium -der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe -Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera -schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn -nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise -ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten, -war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz -erfüllt. - -Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung -einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem -Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort -durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum -Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen -war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General -am 16. December auf immer erkrankte! -- Von dort nun kam Verdeja, wenn -ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten -Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel -an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu -hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche -Forderungen ihn unterstützte. - -Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit -den königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand VII. in -hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität -beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen -und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und -ehrgeizig und hatte daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von -Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem -Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer -zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte -Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan, -und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im -Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor -Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen -Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch -festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein -Stolz nicht verletzt wurde. - -Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und -ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse -an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und -vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe -gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine -Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber -zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten -ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die -Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite -herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben -blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue -Schwierigkeiten uns aufzuthürmen. - -Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen -Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche -verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling -immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren -Vorbereitungen vorwärts kamen! - -Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht -über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der -Oberst und klagte, den General von Rahden zurückwünschend, sein -Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er -versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen -- „wenn ich nur -wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren, -der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir, -Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir -dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom -Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete -durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und -ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken -General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der -entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend -verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen -jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter, -den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen -Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und --- -- Nichts geschah. Alles blieb beim Alten! - -Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und -bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab, -selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung. - -Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit. -Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und -in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom -Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war, -ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren -Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte. -Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren -Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die -Last mit ihm theile; ebenso verlangte er mehrere Subaltern-Officiere. -Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend -einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten -Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die -Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie -gewährt haben. - -Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora -de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen -- Vejis, el -Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta --, die eine Linie -von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht -waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte -genügen könne. -- Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich -sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in -Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen. - -Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung -von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles -Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch -war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem -wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage -ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als -ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung -mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch -feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere -Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht -sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und -Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit -dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung -und Veränderung. - - * * * * * - -So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er -die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand -zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden -vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in -großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen -versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von -Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen -Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt. - -Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich -wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten, -suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu -wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht -gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte -Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen -Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten -zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem -nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen -die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. -- Zu -Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und -den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick -beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und -flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen -Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine -Truppen dringen möchten. - -Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem -Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den -fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ -viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das -Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen -in die Hand, damit sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten. -Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener -Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit -des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren -mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem -Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre -Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen. - -O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee -ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von -Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen -zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten, -Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen -die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit -derselben liegende leicht befestigte Manzanera. - -Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im -Thale des Guadalaviar -- Rio Blanco -- den Übergang über denselben -beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten -öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß. -Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden -der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz -stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die -künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte, -daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie -von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten. -Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse -aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte -der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal -wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe -zurückgeschleudert. - -Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte -eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten -sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken -von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch -den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden -erwartete. -- Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem ~real -vitalicio~ -- einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien gewöhnliche -Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten --; die Officiere -bekamen einen Grad. - -Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur -Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf -der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras -befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr -aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete. - -Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte, -überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las -Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im -März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher -bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte. - - * * * * * - -Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen -Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt -gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß -Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner -Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche, -lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend -zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch -einen der -- in der Ordre mit Namen bezeichneten -- Adjudanten und -Ordonnanz-Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich -durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre -gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte -Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung -aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf -Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der -kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser -so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung -auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General -erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und -während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte. - -Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt -hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie -ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt -habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner -sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch -noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift -des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen -nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. -- Ich selbst -sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre. - -Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am -9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in -Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen -Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten -zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein -Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt, -gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten -Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich -umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt wurde, -verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und -in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den -Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit -schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben -derselben Form, welche Arzneimittel enthielten. - -Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals -niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten -entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und -Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung -der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des -Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem -feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die -Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand -sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas. - -Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete -nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne -sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum -Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher -Verrath Gold und Ämter und selbst -- Schande den sogenannten Liberalen -Spaniens! -- Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres -Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag -sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen, -der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre -Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es -den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu -operiren. - -Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich -dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die -Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen, daß auch der -Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet -überrascht werden mußte. - -Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen, -war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter -den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein -Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende -Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen -dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in -seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando -drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und -ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige -Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem -kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz. - -Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer -auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von -Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem -Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht, -während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht -sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen -Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die -Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er -noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere -wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier -getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando. - -Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um -nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am -folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog -Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die -Garnison abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand, -am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich -versperrt. - -Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten -seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit -Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen -fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung -in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief -perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer -Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu -machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot. - -Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem -Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten -stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von -der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer -Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch -am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit -der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen sei. -Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere erklärten -entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne, und der -Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern Compagnien, -führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den Schutt -aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die Ergebung -zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die braven -Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells; die -Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „~viva Don Ramon~; diese wollen uns -opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet. - -So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende -Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die Gewalt der -Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte -ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel -mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe -fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein -einziges demontirt war. - -Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe -Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste -von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn -von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der -Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie -selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden. - -Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue -gefallen, während der Capitain der Grenadiere -- welcher ~garde du -corps~ Ferdinands VII., Secondelieutenant in der Armee, gewesen war --- nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen, seine Chefs -und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als Werkzeug diente, -ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos überliefert hatte, als -Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten geschmückt, ohne Scham -in den Standquartieren der Christinos sich zeigte, bis er nach Cuba, -wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero aber, nachdem er prahlende -Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt hatte, zog sich in seine -alten Stellungen zurück, über weitere Ausdehnung seines Systems zu -brüten. - -Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von -Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer -hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt -und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht. -Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher -Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller -folgte. Noch war diese That in ihren Folgen besonders unheilbringend, -da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des -wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen -Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte. - -Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich -lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter -hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich -ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern -befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von -Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen. -„So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“ -fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand -mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht -sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles -beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des -Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze -überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein -Dank- und Jubelfest mir sein!“ - - * * * * * - -Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu -erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich -bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor, -da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht -alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich -angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ. -Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl -auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch -volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den -ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer sie auch fehlten, -da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je -ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der -Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten, -selbst ihr Wort brechend, zu strafen. - -Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der -Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und -Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer -Pflicht sie abwendig zu machen suchte. - - - - -XXXVI. - - -Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia -anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee -bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid -anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben -so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche -vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche -Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende -erstarren zu wollen. - -Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen. -Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen -der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote -so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das -Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der -todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde -hintönend. - -Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von den -Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte ihres -Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, daß sie -durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich eingetretene -strenge Wetter 2300 Mann ~hors de combat~ zählten -- der carlistische -Bericht gab 4500 Mann an --. Das Castell, von einem hohen Felsen hinab -den Flecken beherrschend, hatte nur einen Zugang, gegen den neunzehn -schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die Garnison, nachdem sie den -achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich am 26. März, nur noch 270 -Mann stark, da alle künstlichen Werke der Angriffsfronte demolirt waren -und die im Angesicht des Forts stehenden carlistischen Truppen keine -Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen. - -Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil -er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote -entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die -Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war, -im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven -Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo -erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da -er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit -Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der -Provinz Guadalajara zurückkehrte. - -Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und -von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir -ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde -mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig -Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz -dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war -wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße -von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern, -Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte. - -Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von -Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren. -Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant -in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung -mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die -erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei -wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen -und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla -hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der -Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga hatte ihn in Morella -arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für -ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen -Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her -gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen -sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im -Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte -übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße -stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die -prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm -geliehen hatte. - -In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen -Matias und mit ihm -- die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag -aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche -Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und -unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als -geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde -in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch -erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen, -welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein -mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für -meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen -wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter -der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in -unserm Reiseplane -- wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren --- treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde. - -Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde -zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die -Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des -Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil -aus solcher Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge -auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu -lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht -dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte. - -Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit -besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im -Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich -dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so -gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada -und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn -und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß -den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain -durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht -wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der -eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war. - -Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt -waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns -in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum -von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen, -die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren. - -Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit. -Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit -einem Knittel auf einen der ~bagageros~ los, der auf dem kaum sechs Fuß -breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben demselben -tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein Sappeur -den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem Abgrunde -zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; aber seine -Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch mit den Händen -unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die Tiefe -fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre. - -Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen -Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste -Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen -und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine -Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen, -wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr -gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent, -und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt -forderte er -- und mit Recht --, daß Zurita, da er sich an seinem -Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich -begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten, -daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir -vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in -Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes, -bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen -Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche -die erstarrten Glieder auf. - -Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur -Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl -die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen -Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die -Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem -Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. -- Ich -erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht -auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen -die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die -übrigens stets unruhiger und nur durch größte Festigkeit, gepaart mit -guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie -gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden -wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß -sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen. - -Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches -er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung, -war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff -nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der -Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben -zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den -Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen. - -Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte -war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten -Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren, -daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren -zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und -ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des -Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich -endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau -unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel -von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten -Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war -gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen -desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten -Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde -den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu -erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit -einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen. - -In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung -eines -- wie er es nannte -- Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte -er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen, -zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit -hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens -achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt -durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz -flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein -Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt -übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger -als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt -war. - -Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier -zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt -und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden -fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden -zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem -Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in -den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter, -wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen. -Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für -möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon -und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte, -herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende -Sommerwärme versetzt waren. - -Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere -zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der -gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe -am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch -während des Tages aus dem Bereiche des Feindes gelangen zu können. -Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant -Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in -la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt -vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe -Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu -bekümmern schien. - -Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur, -wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten -aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren -seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich -und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch -nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die -traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt. - -Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur -Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole, -das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum -Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen. -Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht -anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche -erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich -selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr -beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts, -die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde -Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel -zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber -war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem -nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen -Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder -gefangen zu sein. - -Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von -Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die -Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion -die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem -Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant -d’armes von Olva -- bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger -Dienste wegen gerühmt! -- während der Nacht angelangt war. Matias hatte -alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants -Norma mit sich genommen. - -Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive -zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft -durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis -zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu -treiben vermag! - -Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die -Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander -entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten -vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie -abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen und -wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt, langte -ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März in Cañete -- -Neu-Castilien, Provinz Cuenca -- von Brusco und dem Premierlieutenant -Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen gegen den -Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’ Desertion -ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der Anwesenheit -einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke über -dreihundert und achtzig Unzen Gold -- ~la onza~, die größte Goldmünze -Spaniens, gilt 84 ~francs~ -- zusammengewonnen hatte. - -Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen -Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren Escadronen von -Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer -Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der -Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten -nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der -Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und -friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen, -bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen. - - * * * * * - -Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche -und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle -Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien -ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge -der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese -Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und -es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz -Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche -Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der -Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt -wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in -ihr richteten. - -Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen -beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838 -vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern -derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps -zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete. - -Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von -Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug, -und als der General nun seine Operationen über den engen Kreis, -in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die -Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung -des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die -Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß -es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die -Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes -gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen -könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des -mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen -umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge -von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht -befestigt. - -Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser -Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der -Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den -Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei -Escadronen organisirt hatte. - -Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine -Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die -Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich -zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf -denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht -Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit -dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im -Sommer 1839, als die Carlisten -- da die Feinde ihnen schon nicht mehr -entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich -zurückzogen -- bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten, -dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid -entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend. - -So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im östlichen -Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter -an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht -in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich -schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen -Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den -Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung -des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen, -und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die -nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben, -da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar -wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes -mehr vertheidigungsfähig, beschränkten. - -Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie, -von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend, -nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete, -während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen -Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und -Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu -sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg -entscheidend, sie unnütz machte. - -Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war -nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den -Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches -Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die -Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen -Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken -pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden, -d. h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor -ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen Respect verschaffte. Die -Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher, -und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft -auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen, -da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und -flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets -bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen. - -Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge -Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das -Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier -mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne -durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen -sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera -unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem -Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals -glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde, -und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive -zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung. - -Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den -einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz -unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo -- und seit -dem Monate März Brigadier Palacios -- war commandirender General im -Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser -Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht -wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem -unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten -daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen, -weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines -Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht -unterziehen wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu -helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen? - -Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General -von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus -Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in -seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen. -Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend. - -So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann -behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz -unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps, -welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die -Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer -hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse -es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen -zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es -thaten -- eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme --- verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera -erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils -seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die -Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art -waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam -sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den -Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte. - - * * * * * - -Gewiß ist es unbegreiflich, daß die Christinos die außerordentliche -Schwäche ihrer Gegner im Turia und in Castilien nicht eher wahrnahmen -oder, falls sie davon unterrichtet waren, sie nicht lange vorher -vernichteten. - -Im Turia befehligte, wie gesagt, im Frühjahre 1840 der Brigadier -Palacios. Die ganze Macht, welche er vorfand, bestand aus drei -Bataillonen und zwei Escadronen, 2200 Mann Infanterie und 180 Pferden, -welche noch dazu die drei Forts von Vejis, Alpuente und el Collado -garnisoniren mußten. Die beiden letzteren lernte ich auf einer -Inspections-Reise kurz vor dem Verluste von Alpuente kennen. Dieses war -ein kleines Städtchen, über dem auf einer felsigen Höhe das Castell -prangte, so massiv gebaut, daß seine Mauern an einzelnen Stellen, -ganz der sonst üblichen Befestigungsart in jenem Kriege zuwider, über -dreißig Fuß Dicke hatten. Auch war es mit starken Erdwällen versehen, -die sonst gleichfalls selten sich fanden, da der Spanier allgemein die -bloßen Mauern weit höher schätzt, und es enthielt für die Magazine -sowohl, als für die Garnison bombenfeste unterirdische Räume, die -Nichts zu wünschen übrig ließen. Die Werke vertheidigten und flankirten -sich wechselseitig sehr gut, und da der aus dem härtesten Felsen -bestehende Grund den Gebrauch der Minen sehr erschwerte, durfte das -Castell als ausgezeichnet vertheidigungsfähig angesehen werden. - -Der letzte Gouverneur von Alpuente war ein Catalan, ganz ohne -Erziehung, roh und leidenschaftlich, der, ohne lesen und schreiben -zu können, durch persönliche Bravour auf dem Schlachtfelde vom -Soldaten zum Oberstlieutenant sich emporgeschwungen hatte. Durch einen -beklagenswerthen Mißgriff war ihm solch ein Posten anvertraut. Als -er belagert wurde, zeigte sich, daß sein beim Angriff und in offener -Schlacht so stürmischer Muth nicht mit der ausdauernden Festigkeit -und Kaltblütigkeit gepaart war, die allein in der Vertheidigung -seines Castells ohne Aussicht auf Hülfe und fast ganz ohne Artillerie -gegen überreichlich damit versehene Feinde ein ehrenvolles Ende ihm -versichern konnten, wo der Sieg nicht mehr möglich war. - -El Collado aber ist ein wenige Meilen nördlich von Alpuente gelegener -Berg, so hoch, daß das Hinaufreiten mich eine gute Stunde kostete. Auf -der etwa fünfhundert Schritt langen und hundert und funfzig Schritt -breiten Ebene auf dem Gipfel desselben war ein Fort construirt, -welches weit die umliegenden Berge überragte und nach allen Seiten -hin eine weite Fernsicht über Aragon, Valencia und Castilla gewährte. -Hinlänglich mit allen Bedürfnissen versehen und gut vertheidigt durfte -es, wenn solche Bezeichnung überall gebraucht werden kann, uneinnehmbar -genannt werden, da es mit seiner schweren Artillerie alle Zugänge -vollkommen beherrschte, während Minen auch hier nicht anwendbar waren. -Das Fort hatte gleichfalls sehr gute bombenfeste Gewölbe, so wie eine -erprobte Besatzung und einen tüchtigen Gouverneur. Er hielt sich noch, -als Cabrera bereits nach Frankreich übergetreten war. - -Hierher hatte der General im Sommer 1839 einen Theil seines schweren -Geschützes gesandt, welches dann bei dem Anmarsche Espartero’s nicht -vollständig zurückgebracht werden konnte, wodurch in Morella und -Cantavieja der Mangel an Artillerie später sehr empfindlich wurde. -So befanden sich im Collado neun Achtzehn- und Vierundzwanzigpfünder -nebst mehreren Haubitzen und Mörsern; vier von ihnen waren nach Cañete -bestimmt, langten aber nie dort an, da der im Turia commandirende -General unter verschiedenen Vorwänden, deren die Nähe des überlegenen -Feindes so viele darbot, den Transport stets aufzuschieben wußte. - -Wir sahen, wie den Streitkräften Palacios’ gegenüber General Aspiroz -in Chulilla, Chelva, Tuejar und Titaguas sich festgesetzt hatte. Bald -befestigte er auch Aras und erwartete nur die bessere Jahreszeit, -um mit seinen 8000 Mann und dem Belagerungs-Park, den Valencia ihm -geliefert, der andern carlistischen Forts sich zu bemächtigen. - -Der Gouverneur von Cañete, Oberst Don Eliodoro Gil, hatte als Besatzung -seiner Festung ein neu gebildetes Bataillon von Castilien, aus 700 -+Conscribirten+ bestehend -- die übrigen Bataillone waren aus -Freiwilligen zusammengesetzt --; erst vier Compagnien waren bewaffnet, -von denen die erste in Castiel Favib stand. Dann hatte er ein Freicorps -als Grundlage eines andern Bataillons gebildet, in zwei Compagnien etwa -250 Freiwillige stark, die sämmtlich, wiewohl zum Theil mit Büchsen, -bewaffnet waren, und eine Escadron Kosacken, denen des Grafen de España -ähnlich; beide unregelmäßige Corps hatten jedoch sehr gute Officiere. -Den Kern seiner Macht aber bildeten 40 Burschen von den Bataillonen von -Tortosa, welche in der letzten Expedition Polo’s krank zurückgeblieben -waren und, bald geheilt, unter dem Befehl eines Capitains ihrer -Brigade, Don José Echevarria, standen, der, ausgezeichnet durch Talent -und Wissen, schnell das ~fac totum~ des Gouverneurs wurde. Er war mir -eng befreundet, da wir in den Nordprovinzen und während der Expedition -Don Basilio Garcia’s zusammen gedient und dann vereint die Leiden der -Gefangenschaft ertragen hatten. - -Mit diesen 650 Mann und 80 Pferden Bewaffneter und etwa 400 -Unbewaffneten beherrschte -- man darf es so nennen -- Oberst Gil die -ganze Provinz Cuenca und machte gelegentlich Streifzüge bis tief nach -Aragon hinein und selbst in die Mancha, von wo er Vieh, Getreide -und sonstige Lebensmittel, so wie Contributionen eintrieb. Denn für -Sold und Unterhalt der Seinen, so wie für die tausend täglich sich -darbietenden Ausgaben mußte er selbst alles Nöthige anschaffen, da er -von der Hauptarmee gar Nichts geliefert bekam. Die Bewohner der Provinz -aber wurden mit Menschen und Thieren zum Festungsbau zugezogen, ohne -daß die Colonne Balboa’s in Cuenca oder die zahlreichen feindlichen -Besatzungen wirksam ihm sich widersetzt hätten. - -Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen -200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er -im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die so -eben ausgewechselt waren, nachdem sie Jahre lang in den Kerkern der -Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann, begierig, -so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen waren -bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150 Mann -stark war. Mit dem Bataillone „~fidelidad al Rey~“ -- Treue dem Könige --- wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen Escadronen -machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den Provinzen -Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit nicht -immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete. - - * * * * * - -Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus -seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja -und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe, -weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und -bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten -Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den -Verrath kämpfen durfte -- so weile ich auch länger bei der Schilderung -der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der -carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick -in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher -Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und -unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den -unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen -Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes -machten, um ihre Bedürfnisse -- vor Allem Waffen und Lebensmittel -- -sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn -ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn -erwarten konnten. - -Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die -jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen -hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die -Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten, -wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da -das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten -begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte -nicht stets hätte überwiegend sein müssen. - -Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und -Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich -in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles -Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der -selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und -stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das -Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener -Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden -umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer -Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch -weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und -List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich -entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren. - -Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses -Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem -freudig zu trotzen. - - - - -XXXVII. - - -Don Manuel Brusco war Lieutenant im Geniecorps der portugiesischen -Armee unter Don Miguel und zeichnete sich vor Oporto mehrfach aus; er -verließ sein Vaterland bei dem unglücklichen Ausgange des Krieges und -hielt sich längere Zeit in England und Frankreich auf. Zu Paris hatte -er ein besonderes Glück an der verrufenen Roulette-Tafel, da er niedrig -spielend ein Fünffrankenstück unbemerkt liegen ließ, welches wieder -und wieder gewann, bis endlich die Bankhalter baten, der Eigenthümer -möge genau erklären, auf welchen Nummern er spiele, da der große Haufen -Gold und Papiere dieses nicht mehr erkennen ließ. Brusco sah ruhig -dem Spiele zu und schwieg, als auf die Frage der Banquiers einige -Nahestehenden erklärten, daß ihm das Geld gehöre. Da es von sonst -Niemand reclamirt wurde, steckte er freudig erstaunt den Gewinnst ein -und fand bei näherer Untersuchung, daß er vierzig und einige tausend -Francs betrug. - -Er benutzte das ihm so zugefallene Geld zu einer Reise durch die -Niederlande, Deutschland und die Schweiz, indem er besonders die -Schlachtfelder besuchte und studirte, worauf er, da sein Geld rasch dem -Ende nahete, im Jahr 1836 nach Navarra ging, um Carl V. seine Dienste -anzubieten. - -Da er thätiger zu kämpfen wünschte, als es dort im Geniecorps möglich -war, trat er in das 4. Bataillon von Castilien ein, verließ mit der -königlichen Expedition die Provinzen und fiel bei dem Übergange über -den Cinca mit den Trümmern des braven Bataillons in die Hände der -Feinde. In Zaragoza erduldete er alle Leiden der Gefangenschaft, bis -Cabrera Ende 1838 ihn auswechselte, anfangs in seinem Generalstabe -placirte und dann überall benutzte, wo seine hohen Kenntnisse als -Ingenieur anwendbar waren. Brusco erwarb sich die Achtung des Generals -in hohem Grade, ward nach der Ankunft des Baron von Rahden zu dessen -Adjudanten ernannt und im Sommer 1839 mit den Festungen im Turia -beauftragt, wo seine unermüdliche Thätigkeit weiten Spielraum fand. --- Auch er entkam, als der Widerstand aufgehört hatte, verwundet nach -Frankreich. - -Die Stellung des Ingenieurs hat in Spanien sehr viele Vorzüge; aber -nirgends war sie so angenehm, wie die unsere dort in Neu-Castilien. -Dem spanischen Reglement gemäß empfängt der Ingenieur Instructionen -nur von den Chefs seines eigenen Corps -- als ~cuerpo facultativo~ -das erste der Armee -- und ist ihnen allein verantwortlich; er ist -ganz unabhängig von den übrigen Waffengattungen, mit deren Commandeurs -er nur berathet, ihre Mitwirkung, wo er deren bedarf, fordern kann, -aber nicht ihren Befehlen untergeben ist. Da uns nun die Verbindung -mit unserm Chef in Morella fast immer abgeschnitten war, wir auch -dessen Resolutionen natürlich nie erwarten durften, so waren wir ganz -selbständig und standen eben so wohl da als Haupt in unserm Districte, -wie Palacios, Gil und Valmaseda in den ihrigen. Nur galt es, mit -Festigkeit unsere vielfach angefochtenen Rechte aufrecht zu halten. - -Und zwar war dieser unser District so weit ausgedehnt, wie jene -Anführer ihre Herrschaft auszudehnen vermochten, da wir dort alle -Bedürfnisse für unsere Festungsbauten einzutreiben berechtigt waren, -weshalb wir denn häufig Kriegszüge auf eigene Faust unternahmen. Wir -hatten nemlich zu unserer Verfügung zwei Compagnien Sappeurs, über -250 Mann, lauter ausgesuchte Leute, da das Sappeurscorps, so wie die -Artillerie, unter den Rekruten auswählte, ehe sie durch Loos den -Bataillonen zugetheilt wurden. Sie waren vollkommen und selbst mit -Pracht in Bewaffnung und Kleidung ausgerüstet, indem alle Bedürfnisse -von Cuenca, Valencia und selbst Madrid hergeschmuggelt wurden. Geld -dazu war stets im Überfluß, da der General bei der Bildung derselben -befohlen hatte, in die Casse der Sappeurs ein Sechstel der wegen nicht -geleisteter Festungsarbeiten von den Provinzen zu zahlenden Strafgelder -abzuliefern, was oft außerordentlich große Summen ausmachte, so daß -Sold, Arbeitslohn und Rationen, Alles doppelt so stark wie die der -Linientruppen, stets regelmäßig bezahlt wurden. Bei der Katastrophe im -Juni enthielt meine Casse für die Befestigung des einzigen Cañete über -9000 Duros in Silber, die dem Feinde in die Hände fielen. - -Sowohl wegen unserer schönen Compagnien, als auch, weil sie bei -tausend Gelegenheiten unser nicht wohl entbehren konnten, suchte -ein Jeder der Chefs uns zu sich zu ziehen und durch Bezeugung der -größten Rücksichten festzuhalten. Es bestand aber unter uns selbst -ein eigenes Verhältniß, da ich, als Infanterie-Officier dem Corps nur -aggregirt, in den lediglich die Functionen desselben betreffenden -Angelegenheiten das Commando über den effectiven Ingenieurs-Capitain -nicht glaubte übernehmen zu können, während Brusco, da ich älterer -Capitain war, gleichfalls sich weigerte, die Oberleitung beizubehalten. -Als kurz nachher Beider Avancement zum Grad von Oberstlieutenant der -Infanterie[116] anlangte, blieb die Lage der Dinge ganz dieselbe. - -Wir beschlossen also, gemeinschaftlich an der Spitze des Corps zu -stehen und uns in die Geschäfte und die Verantwortlichkeit, so wie -in die Vortheile brüderlich zu theilen. Die letzteren waren aber auch -in pecuniärer Hinsicht bedeutend, da wir Stellen versahen, die nach -dem Reglement nur Brigadegeneralen zukamen, deren gesetzlich fixirte -Gratificationen nach einer von Brusco früher erwirkten Ordre des -Generals uns ausgezahlt wurden. - -Da die Befestigungen im Turia so weit vollendet waren, daß sie unserer -Gegenwart nicht mehr bedurften, übernahm ich die Leitung der Werke von -Cañete und Castiel Favib nebst der gelegentlichen Inspection des Turia, -während Brusco die Arbeiten in Beteta und diejenigen übernahm, welche -bei den Operationen Valmaseda’s in das Innere nöthig würden. Er reisete -daher einige Tage später nach seinem Punkte ab, wo bereits der größere -Theil der zweiten Compagnie, die ihm geblieben, sich befand; die erste -unter Premierlieutenant Norma, 130 Mann stark, behielt ich bei mir. -Nachdem ich den mit mir angelangten Lieutenant Losada in Castiel Favib -installirt und die Festungen im Turia besucht hatte, kehrte ich nach -der Mitte des Aprils nach Cañete zurück. - -Die Stadt liegt an dem südlichen Abhange des Gebirgszuges, welcher, als -Sierra de Albarracin bekannt, den Tajo dem atlantischen und die kaum -drei Viertelstunden von diesem und von einander entfernt entspringenden -Flüsse Guadalaviar und Xucar dem mittelländischen Meere zusendet und -durch das Gebirge von Cuenca mit der Sierra morena zusammenhängt. Die -Provinz, wiewohl von mehreren schrofferen Ketten durchzogen, bietet im -Allgemeinen zwischen niedrigen Bergreihen breite, ebene Thäler dar und -ist fruchtbar. Doch hatte die Kriegsplage schon seit Jahren so schwer -darauf gelastet, daß es keine Hülfsquellen mehr lieferte, indem die -Einwohner nur noch das für den eigenen Unterhalt und die geforderten -Abgaben gerade nöthige Land bestellten und das übrige unbebaut liegen -ließen. - -Die Truppen mußten deshalb weither ihre Subsistenzmittel herzuführen, -wobei sehr Viel durch Schleichhändler geschah, die aus den reichen -Ebenen Valencia’s mit Gefahr des Lebens -- die Christinos erschossen -jeden Maulthiertreiber, der, freiwillig nach unsern Festungen reisend, -von ihnen aufgefangen wurde -- aber auch mit ungeheurem Gewinne -Lebensmittel jeder Art und selbst die mannigfachsten Delicatessen -brachten. Täglich langten solche Caravanen, oft auch mit sorgfältig -versteckten Waffen, militairischen Abzeichen, Tuch und sogar Pulver -beladen, aus den umliegenden Provinzen an, und da das Gouvernement -durch die weithin eingetriebenen Contributionen reichlich mit Geld -versehen waren, die Truppen auch regelmäßig ihren Sold erhielten, fand -Alles raschen Absatz. - -Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling -schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand VII. eine Escadron in -einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang des Aufstandes -kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und Valencia, -häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal unermüdet -sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß, der seine -hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des herrlichen -Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte. - -Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt -Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten -Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit -und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja -diese zuweilen zu weit trieb, wie er z. B. meinen unumgänglichen und -pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich -durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien, -Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in -jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb -ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit -Jammer kennen lernte. Zugleich war der Oberst sehr uneigennützig, auch -dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter, -stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin -etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen -winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen -Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs -gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges -Zaudern und Schwanken unvermeidlich. - - * * * * * - -Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß -starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige -Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt -der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer -und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des -Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie -von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und -dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß. - -Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier -abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen -beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung -fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil -dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß -tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines -kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine -- wenn auch mit -unendlicher Schwierigkeit -- ersteigbare Bresche zuließ, weshalb -dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende -Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr -von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines -Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke -Redoute dort anlegte. - -Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der -Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke -gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte. -Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren -oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem -Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der -Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt, -während -- bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit -- unter der -Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen -geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten -Artillerie spotten konnten. - -Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes -eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten -Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den -Felsen gehauen und gesprengt[117] wurde. Ein starkes Blockhaus auf -der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges -befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der -die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten -das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht -die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie -zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine -tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige -Haubitze -- der spanische Fuß ist um etwa ein Zehntel größer, als -der des rheinländischen Maßes -- und zwei siebenzöllige Morteretes, -sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte; -sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns -bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an. - -Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und -Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst -bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie -aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und -etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das -für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung -nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen -waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und -Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und -noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit -gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie -auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von -Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden -Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern -- -als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch ---, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ. - -Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen -könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der -Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht -zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen -getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt -trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so -geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und -Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst -die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an, -die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete -fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten -Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei -amüsirten wir uns trefflich. - -Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung -der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und -Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl -Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen -Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des -Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann -ihre Güter sequestrirt wurden. - -Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche -Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich -anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also -für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen -und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon -hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz -und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die -Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig -beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die -Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich -hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig -Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum -Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen, -welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung -des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von -300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war, -ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen -höhern Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum -meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke -verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte. - -Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt -hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen, -ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen, -um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen -Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. -- Während ich nach -Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke -die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute -gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil -Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes -Salvacañete gesteckt wurde. - -Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da -ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte -und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit -dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten -einherschritt. - -Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der -ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann -desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben -hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in -~capilla~, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine -rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten, -mich um seine Begnadigung zu bitten,[118] worauf ich persönlich ihn -zu sprechen ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen -erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen, -und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat -Carls V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich so -ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem -Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. -- Meine Wahl reute -mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu! - -Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich -häuften -- die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des -Unterganges uns nahete -- mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt -werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach -der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer -Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei -meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im -Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren -Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach -Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab, -durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha, -überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem -bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von -der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps -unterwegs wieder entkommen war. - -Jener wurde am Tage nachher füsilirt und .... in derselben Nacht ließen -sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am -Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem -Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt -aufgestellt hatte. -- Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit -Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem -Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten -Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich, -unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um -einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse -in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß -er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch -konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr -furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend, -mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich -natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen. - - * * * * * - -Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden -Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben -drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten -trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet -hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten -täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von -Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden. - -Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos -von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier -- vor dem Kriege -Schleichhändler -- Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte, -überfiel mit seinem Freicorps am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone -von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene -ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit -den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die -Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet, -bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf -Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot. - -Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung -mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte -General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April -nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte -eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten -Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein, -welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte, -um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch -vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu -bemächtigen. - -Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig -den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive -sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu -versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute -bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer, -so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne -Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen -gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich -zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner -Treuen zugeschaut hatte?! -- - -O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils -schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller -Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann gekostet hatte, ergab sich am 15. -die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie -beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá -la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den -Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen -niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun -konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte -Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den -feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war -das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen -waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der -schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da -die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den -zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten. - -Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und -öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt -hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn -dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben, -nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort -das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn -er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein -Braver und haben schon zu Viel gethan.“ - -Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem -Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten -Belagerung von Morella sich anschickte. - -Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten -Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf -drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens, -auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber -gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite von einer durch eine Ebene -mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren -Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun -durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich -vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen[119] ein Flickwerk entstanden, -welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus -einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar -gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander -hinderten und unnütz machten. - -Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie -die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und -sich auf Morella zurückzogen. - -Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner -hatten sämmtlich als ~voluntarios realistas~ die Waffen ergriffen -und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in -Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und -Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde, -da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war, -vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust! - -O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um -in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden, -traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des -alten Feuers noch einmal -- leider ohne weitere Folge -- aufzulodern -schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem -furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Terrain -zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500 -Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher -carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen -hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen -seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef -des Generalstabes getödtet. - -Cabrera aber ... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem -Schicksale! -- - -Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm, -der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen -wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des -Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte! - - * * * * * - -Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in -Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen -Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen -Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben. -Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde -Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings -um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit -auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab -der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell, -eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch -nicht die Spur einer Bresche da war! - -Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht -erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe -sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger -unaufgehalten die Werke erklimmte und in das Innere des Castells -gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der -ganze Verlust der Belagerer bestand in -- einem Officier und drei Mann! -Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach -kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm. - - [116] Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des - Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in - der spanischen Armee von einer Charge zur andern stets - zwei Avancements Statt: das erste Mal erhält z. B. der - Secondelieutenant, -- und so alle Chargen bis zum Obersten - -- den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er sich zum - zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als - graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die - Anciennetät in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung - zum Grade. - - [117] Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell hinweg bis - auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße -- - fabelhaft scheinende Entfernung -- geschleudert und traf ein - armes Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine - Stunde nachher starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im - Felsen viele Unglücksfälle vor. - - [118] Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den - spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe - über seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast - nie Statt finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und - Christinos Zeuge, daß der Anführer einen bei einem Diebstahl - ertappten oder insubordinirten Soldaten und selbst Bauern, die - des Spionirens +verdächtig+ waren oder, wie so oft, gezwungen - für den Feind Papiere überbringen mußten, augenblicklich - niederknieen und füsiliren ließ. -- Früher erwähnte ich, daß - ich als unabhängiger Corps-Chef dastand. - - [119] Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von dem - eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht - weiter beachtet. - - - - -XXXVIII. - - -Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von -Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten -Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte -Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht -wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben, -dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu -sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen. - -Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten -hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das -knisternde Feuer -- denn die Abende waren noch immer sehr frisch, -so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war -- und -unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen -mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter -von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das -Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie -brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von -Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand -der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein -Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern -Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle -Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella -bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei, -und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde -verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe -versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie Sappeurs -und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath! - -Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des -Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und -ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir -berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede -Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen -oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir -selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und -Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung -in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares -Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns -sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur -noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit -uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen -Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren -König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische -Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen -Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen, -auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine -Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter -Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene -Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn -wir des Triumphes durch sie gewiß wären. - -Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken, -Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe -Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die -Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen -sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem -Platze sowohl, als nach Cañete für Artillerie her, während Palacios -und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine -thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte -Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde -durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain. - -Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines -Morgens -- es war an einem der ersten Tage Juni’s -- Brusco, vom -Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte: -„Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ -- Wenn -auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten -Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer -entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des -schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend, -erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet -sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und -seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft -und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in -denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht -erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. -- Und dann die -theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten! - -Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte, -hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene -Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich -verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu -hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen, -und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung -- und auch mit ihrer -Blindheit -- der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst -entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt -weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig -auszuführen, noch das nöthige Material, besonders an Artillerie, -zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man -bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der -Armee berechnet war, wie sie von Cabrera -- dem Cabrera der sechs -ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December -- nicht -anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte -Arbeiten unnütz wurden. - -Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach -Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden -Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten -Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen, -unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die -jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren. - -Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem -jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs, -zwei Compagnien Artillerie, dreihundert ~voluntarios realistas~ -von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert -bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu -verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro -Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell -und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig -Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der -brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur. - -Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro -Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf -Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war. -So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt -Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am -25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und -die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer -mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande -der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro, -in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit -Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich -zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden. - -Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner -Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu -bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann -ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung -hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während -in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage -der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger -Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer -verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin -flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen -Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine -Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden, -um in seinem Lager ihn anzugreifen. - -Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in -der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten -Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison, -2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen -Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten -und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt -zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der -Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden -zurückgewiesen, und das Bombardement begann von neuem. Am Morgen ergab -sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion. - -Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien -sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten -der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos; -der Krieg war beendigt. -- - -Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell -getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und -einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien, -commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser -Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps -des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung. - - * * * * * - -Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro -überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen, -rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm -Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von -Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der -Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine -Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den -Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete. - -Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die -doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die -Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die -Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt. -Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel -bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden, -eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der Sache, -welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir -verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis -zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und -kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur -Nothwendigkeit wurde. - -Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn -hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und -ohne Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „~Al pinar, -al pinar!~“ -- in das Waldgebirge! -- war ihr Losungsgeschrei. Dann -schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten, -daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges -abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch -machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei, -unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen, -was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte. - -Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß -durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern -mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns -verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria -nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem -so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom -Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta, -dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung -Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im -entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco -dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps -zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das -Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs. - -Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung einer -werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu -können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838 -schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges -Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine -Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische -Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie, -wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude -brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen ~la hermosa -facciosa~ -- die schöne Rebellinn -- bekannt, ward durch ihre Reize -nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt. - -Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden -Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich -kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte. -Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in -das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita -Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern -waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca -zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten -sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet. -Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden -in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie -sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita, -als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie -liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an -jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend -die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr -auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz -auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte. - -In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so -exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß -mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene -Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren -und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er -überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß -die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter -willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen -werde. - -Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der -Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß -ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies -der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die -Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer -Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er -schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so -viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der -Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera -dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des -Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden -Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher -stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die -ungereimtesten Hoffnungen täuschen. - -So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee -durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden -werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich -hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die -Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und -aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen -verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion ward zu -Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die -heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und -hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger -des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil -zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig -- von entfernten -Orten her -- gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber, -welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen -Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch -wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen -der Generalordre gemäß abhielten. - -Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und -war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach -Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den -Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung -der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er -auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die -hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald -werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen. - -Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war -unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie -nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein -Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit -- jeder -Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu -augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten -eine Drohung zum Scherz ausgesprochen -- wenn ich deshalb schwieg und -dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach -verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio -zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere Verhältnisse, ich -schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei, -daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme -war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles -unempfindlich. - -Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf -dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den -Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann -und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der -Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für -jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz -ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem -Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte -aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte -Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde -Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden! - -Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches -Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich -nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am -Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach -Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs, -mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn -geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. -- Mit erleichtertem -Herzen sah ich der Zukunft entgegen. - - * * * * * - -Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta -- Provinz Guadalajara --- an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur -von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung -marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der -geraden Linie unterbrach, hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen -und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens -im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der -Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis -vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und -Rücken der Sierra de Cuenca. - -Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen -und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien -vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos, -Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche -Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz, -nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte -besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal -gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen -Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte -nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa -hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des -Bataillons ~fidelidad al Rey~ nebst einigen Pferden disponirte; er -wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden. - -Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen -Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem -traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in -Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch in -der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda den dort -befindlichen Lieutenant ~du genie~ mit sich nach Castilien genommen -hatte, dieser auch in seiner untergeordneten Stellung zu schwach -war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich entgegenzustellen. -In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar Nachtheiliges -gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich mich weigern mußte, -die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle Vertheidigung zu -übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden Verhältnissen solcher -Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen! - -Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch -Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem -Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser -versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte. -Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem -Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt, -und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein -Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell -sich drängenden Ereignisse verhindert wurde. - -Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen -Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben -von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs -zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen -habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich -sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche -Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit -einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls -mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte -er, daß sie noch erwartet werde. -- Wir stimmten vollkommen mit dem -vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach -Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen. - -Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten -Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend, -ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den -Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der -verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die -Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu -nehmen, als er fortbringen könne. Frauen und Kinder liefen schreiend -durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze -rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt, -stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen -der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu -abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen, -verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten -Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda -uns nach Castilien riefen. - -Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine -Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta -de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche -Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge -in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk -gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie -im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen -würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen -und alsbald wiederkehren. - -Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios -mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh -Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin -fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort -erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo -aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem -eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. -- Drei Bataillone -und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee -abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf -Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von -sieben Bataillonen und neun Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über -700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. -- - -Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann -während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der -am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser -Stadt gereiset war,[120] so wie die von Ziguenza in jene einmündende -Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert -Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den -Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften. - -Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich -nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie -groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht -dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete -sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort -auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo -denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der -Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß -gesetzt sei. - -Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf -die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten -verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern -sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des -Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß -beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf -solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete -besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem -spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um -den Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und -werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen -vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete -gelangen könne. - -Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich -wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in -abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen -zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die -Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen, -den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in -die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich -die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: -- ja, da ward -mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich, -den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze -zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und -meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche -hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und -lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht -opfern würden. - -Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter -den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die -Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend -mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten; -und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und -unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle --- und da war die Wahl nicht leicht -- die furchtbare, so bitter -empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen -in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie -zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos -theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin rief mich vor Allem -die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige -fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten, -ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre -lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern, -meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das -ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das -höchste Ziel meiner Wünsche geworden war? - -Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das -Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück. -Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein -subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen -lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den -Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach -Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich -verlierenden Colonnen zuwerfend. -- Meine Sappeurs aber, wiewohl sie -schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich -sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den -Burschen Anderes erwarten? - - [120] Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese Fürstinnen - habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist. - - - - -XXXIX. - - -Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich -während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen -traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison -einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz -zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt -und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit -Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als -die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe -Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß -die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte. -Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft. - -Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren -schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz -zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das -Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden -widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben; -seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig -Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte -Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später -hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen -gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet. - -Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege -von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in -Aragon, mich dirigirte, da der Feind mit Sicherheit auf dem geraden -Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden -mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis -nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand. - -Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement -aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten -und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch -siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden -wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit -zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus -der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig -war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige -Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen -Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten. -Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie -die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode -entgegengingen. - -Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur -noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie -konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel -hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen, -er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit -wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange -vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe -ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit -meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte. - -Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden, -aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin -bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt und die Quellen von vier -bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich -Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so -eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine -beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz -noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand -erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von -düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit -einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. -- Auch sie waren -davon gegangen! - -Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte. -Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die -Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen -nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein -augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich -so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts -Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das -erschütterte mich. - -Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin, -wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere -Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe -ich -- bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte -freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich -bewegte. - - * * * * * - -In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des -Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb -ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich -dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend -vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe, -welche, 6000 Mann stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort -entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen, -Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen -Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder -die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht -mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu -können. - -Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend, -da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen. -Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale -versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den -reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen -Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen -tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer, -welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen -trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib -überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren -hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen -oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen -ihnen Alles. - -Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren, -hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den -wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf -die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des -Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war, -diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann -den schmalen Fußsteig hinauf. - -Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der -vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem -Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar -wurden. Ich berieth mit ihm über die zu ergreifenden Maßregeln, -als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns -aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder, -Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte -eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die -Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte. -Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur -durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten -raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang -vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts -konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu -fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des -Entsetzens: „~por Dios, misericordia~!“ Nur der brave Bauer zagte -nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während -ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde, -Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin -von den Kugeln der Feinde verfolgt. - -Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir -fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei -zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung -auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag. -Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten -Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen -einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos -wollte ich uns nicht schlachten lassen. - -Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich -vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz, -die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte, -gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher -glückliche Tag, der mit ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste -vor.[121] Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr -rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem -dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die -Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte -leise: „~nos mataran, Señor?~“ -- werden sie uns todtschießen? -- „Noch -haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen bieten -konnte. - -Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von -Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne -Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine -Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen -Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz -bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern, -mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von -uns ein Rascheln im Holze hörbar -- war es unser Bauer oder nahten die -suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete -mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft -- wozu ihn -wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch, -bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte -jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren, -welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und -eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß -sie endlich uns gefunden habe. - -Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie -einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros, -welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien, -überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte -Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen -und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen -hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. -- -Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in -neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich -wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in -mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. -- Von seiner Redlichkeit hing -unser Leben ab. - -Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden, -da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu -Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den -sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit -einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines -Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die -Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die -Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war. -Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war -nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache -nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen. -So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen -Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben. -Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein, -um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der -Gränze zuzueilen. - -Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige -Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren beim Anbruche der Nacht -der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei -war. - -Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die -Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr -anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde. -Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am -folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone -antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am -Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete -geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800 -Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn -möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte -mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen -Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren, -zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie -zogen ihrer Heimath zu. - -Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen -Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen -Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend. -Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst -Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu -brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen -Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß -sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der -Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie -daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte -sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er -könne, dem väterlichen Hause zuzueilen. - -Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca -gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich -auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder Paß nach Frankreich zu -erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten, -nach allen Seiten hin zerstreut. - - * * * * * - -So war denn Alles vorbei. -- Blutenden Herzens zog ich nach Royuela, -Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers -versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen -Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der -feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit -zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze -zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort -bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die -Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich -ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am -Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die -Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich -früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter -Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung -hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere -Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu -finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren -Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die -Bedauernswerthen üben ließ. - -Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis -zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen -war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen -Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte. - -Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat, als ich den -triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft, -ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den -verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im -Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten -Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig -gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel -unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen -Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes -- vielleicht auf immer -- -beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution, -welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht -hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der, -niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! -- -Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der -Rache, welche nie erlöscht. - - * * * * * - -Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu -geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne -wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen -Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg -entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der -Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden. - -Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von -ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen -westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen, -der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt -hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich -einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400 -Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen wurden. -Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos -mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie -führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze -zu erreichen. - -Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen -Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande -zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und -geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich -durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses -Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt. -Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich -zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in -feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser -Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen -sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt. - -Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann -Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm -abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle -aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr -geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie -dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit -den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald -nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen -untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten -und zählten nur noch 5000 Mann. - -Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten -Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen -Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de -España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer -der Schandthat wurden arretirt und sogleich erschossen; die meisten -hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht -gerettet. - -Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung -der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und -übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch -die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von -Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden. -Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich, -ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer, -fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt -nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich -Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen -bald einzelne Officiere sich anschlossen. -- Am 6. Juli führte Cabrera -etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000 -Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach -Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren -Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich -größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich, -und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung -des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten -der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und -vernichtet. - -Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht -hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über -das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich -befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph -würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als -überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer -Umtriebe werden. - - [121] Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein Tagebuch - notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit - den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von - glühendem Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von - Royuela hat mich nicht verlassen; er schläft an meiner Seite. - -- O Spanien! O meine Heimath!“ - - - - -XL. - - -Vom Gouverneur von Teruel mit hoher Artigkeit empfangen, entging ich -nicht den Insulten des Nationalgarden-Pöbels, besonders, da ich das -weiße Barett der Carlisten nicht ablegte und nie verheimlichte, daß -ich nur durch die Macht der Verhältnisse gezwungen und mit bitterem -Schmerze jetzt dem Kampfe für die Sache des Royalismus entsagte. Am -Nachmittage wurden einige hundert Gefangene von den Truppen von Cañete, -so wie die Besatzung von Beteta eingebracht. Wuthgeheul begrüßte sie, -und trotz dem kräftigen Einschreiten des Militairs wurden mehrere der -Unglücklichen durch Steine schwer verletzt. Ein armer Priester aber, -der früher in der Stadt angestellt gewesen war, hatte, die Wuth der -Elenden fürchtend, -- er hatte die päpstlichen Indulgenz-Bullen, deren -Ertrag für die Kriegscasse der Carlisten vom Papst bestimmt war, in der -Provinz Teruel verkauft und dabei manche Härte ausgeübt -- vom Chef -der Escorte erlangt, mit zwei Soldaten in einem Gartenhäuschen bis zum -Anbruche der Nacht zu bleiben. Eine rasende Schaar flog auf die Kunde -davon hinaus und bemächtigte sich des Priesters; +Weiber+ mordeten -ihn unter langen, entsetzlichen Martern und Gräueln mit Scheeren und -Nadeln. - -Am 21. Juni Morgens verließ ich zu Fuß Teruel, die werthvollsten -Gegenstände, welche ich gerettet, in einem Pakete tragend. Ich ahnete -nicht, daß Gefahr existiren könne, oder sorgte sie nicht in meinen -düstern Gedanken, weshalb ich ganz allein den Marsch nach Frankreich -antrat. Ein halbes Stündchen war ich gegangen, als ein Mann keuchend -mich einholte und mir im Namen des Gouverneurs befahl, zu diesem -zurückzukehren. Kaum waren wir hundert Schritt weit zurückgegangen, -als ein zweiter Kerl, in einen zerlumpten rothen Mantel gehüllt, sich -uns zugesellte und auf meine andere Seite trat; eine kleine Strecke -weiter trafen wir zwei ähnliche Menschen im Chausseegraben sitzend, -welche bei unserer Annäherung sich erhoben. - -Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel -und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet -hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch -die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem -Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord! Ich -versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig den -Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „~carajo~, ich habe lange Lust, -solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust. Blitzschnell -wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den Kopf in dem -Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an der Seite -nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel, durch die -rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der Brust, -drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm. - -Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die -Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen -wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch -den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das -Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb -abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien. - -Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur -erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken, -fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige -Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war -unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale -wurden übrigens über zwanzig entwaffnete Carlisten, mehr oder -weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen -Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen -waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum -erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl -der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach -allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen -Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen -- durch Mord! - -Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen -schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia -ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet -und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte, -nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt -im Kampfe mit den Carlisten, -- zwei von ihnen waren im Scharmützel -mit meiner eigenen Streifparthie verwundet -- die zarteste Rücksicht -gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg -wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun -ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten. -Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben. -Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung -des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und -Bewunderung versagen. - -Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen, -die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die -abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den -valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro -aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich -früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich -ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster, -mit dem sie wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die -Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich -so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich -einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren, -bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend. -Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen -große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern -bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen -Zufluchtsort verlasse. - -Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie -so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend -auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen -sollte; und jetzt ...! - -Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß -unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen -Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit -die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem -kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende -Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln -umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche -Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir -bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde -gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir, -drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten -Fläche zubrachten. Unter Carl IV. ward dort die Grundlage zu -einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle -Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt -sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit -funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf -günstigere Zeiten verschieben. - -Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch -den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner -Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur -Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte -der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige -Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von -Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr -Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit -ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen -hervorrief. - -Die Königinn Wittwe befand sich seit einiger Zeit mit ihren Töchtern -in Barcelona nebst den Generalen Espartero, dem Siegesherzoge, Leon, -Grafen von Velascoain und O’Donnell, welche ich kurz nach der Landung -auf der Parade sah. Espartero ist von untersetzter Statur und dunkel -gebräunten Antlitzes mit feurigen Augen und scharf markirten, listigen -Zügen; in seinem Auftreten und Wesen malten sich unendlicher Stolz und -Eitelkeit. Er stand zu jener Epoche auf dem Gipfel der Volksgunst und -war von dem Heere angebetet. Vivas empfingen, Deputationen begrüßten -ihn bei jedem Schritte, selbst über die Regentinn ihn erhebend, da er -gerade durch eine Proclamation entschieden gegen das Regierungssystem -sich ausgesprochen hatte. Espartero war schon der wahre Herrscher -Spaniens. Neben ihm zog die starke imponirende Gestalt des Generals -Leon die Aufmerksamkeit an: ein dichter schwarzer Bart, aus dem die -Augen dunkel blitzten, bedeckte das ganze Gesicht und gab ihm einen -besonders finstern Ausdruck. Augenscheinlich herrschte Kälte zwischen -ihm und dem Oberfeldherrn. O’Donnell dagegen, wohlbeleibt, mit dem -feststehenden Lächeln auf den immer sich gleichen Zügen, denen die -scharf gebogene Adlernase einen Anstrich von Energie verlieh, machte -sich Viel mit Espartero zu schaffen und schien durch freundliches -Grüßen der Gruppen rechts und links das Wohlwollen des Volkes zu -erstreben. - -Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, längs der Küste nordwärts -mich richtend. Da ich in der Nacht unter einer Hecke mich niedergelegt -hatte, ward ich durch einen lauten Ruf geweckt; zwei Männer mit -Büchsen standen vor mir und forderten, indem sie sich als Carabineros --- ein militairisch organisirtes Corps Zollwächter -- zu erkennen -gaben, meinen Paß. Als ich ihn hervorzog, ergriff einer derselben -das Taschenbuch und blätterte darin umher. Todesschrecken machte mir -das Blut erstarren: durch eine Unvorsichtigkeit, welche mir später -unbegreiflich war, befand sich in dem Taschenbuche ein Päckchen Briefe, -welche mir in Angelegenheiten des Dienstes nach Cañete geschrieben -waren. Der Carabinero zog alsbald das unheilsvolle Packet hervor und -fragte mich mit dem Ausrufe: „~carajo~, wie viele Briefe!“ von wem sie -wären. „Von meiner Familie“ war die Antwort. Im ungewissen Lichte des -Mondes betrachtete er einen jeden Brief einzeln und gab sie endlich mir -zurück, der ich, kaum athmend, das Resultat der Untersuchung erwartete. -Er zündete dann eine Laterne an und las sorgfältig den Paß, während -ich, jeden Verdacht zu vermeiden, die Brieftasche ruhig in der Hand -hielt. Nachdem sie jedes Wort des englischen Passes studirt hatten -und natürlich, da sie nicht eine Silbe verstanden, befriedigt waren, -verließen sie mich, gegen die Gefahren des Weges durch das Gebirge mich -warnend. Tief aufathmend dankte ich für die Rettung aus der Gefahr, der -ich mich übrigens nicht wieder aussetzte. Die Carabineros waren stets -unsere blutgierigsten Feinde, die weder Pardon gaben noch erhielten! - -Über Gerona und Figueras langte ich am 15. August Abends nach -unendlichen Mühseligkeiten und Entbehrungen -- Brombeeren waren von -Barcelona her meine einzige Nahrung -- bei Perthus auf der Gränze von -Frankreich an. Als ich die Brücke überschritt, welche die beiden -Königreiche verbindet, zitterte ich, wie nie im Leben, und jubelte und -dankte Gott, daß er schützend aus diesem Spanien mich befreit hatte, -aus den Klauen spanischer Volksaufklärer. - -Nachdem ich den Zug der Pyrenäen, welcher schmal, aber rauh, bis -ins Meer sich hineinzieht, überstiegen, befand ich mich am Mittage -des folgenden Tages in Perpignan. Der Präfect der Ost-Pyrenäen -und der commandirende General der Militair-Division stellten mir -die Alternative, entweder mit meinem Grade in die Fremdenlegion -einzutreten,[122] für welchen Fall sofort Gelder angeboten wurden, oder -aber unmittelbar nach Deutschland abzugehen. Da ich das Ansinnen der -Franzosen -- vielleicht etwas derbe -- zurückstieß und der Präfect es -für eine passende Rache hielt, mir die Erlaubniß zum Aufenthalte, bis -ich mir Hülfsmittel verschaffte, zu verweigern, trat ich am 18. August -den mühevollen Marsch nach dem Vaterlande an. - - [122] Von den mit Cabrera übergetretenen Carlisten hatten etwa 800 - Mann in der Fremdenlegion Dienste genommen, so wie dreißig - Officiere, denen ihr effectiver Rang zugesichert ward. Ein - Bataillon ward daraus gebildet, welches bald nach Afrika - abging. Die übrigen Carlisten weigerten sich trotz aller - Aufforderungen, Versprechungen und Vexationen, Ludwig Philipp - zu dienen. - - - - - -End of Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. *** - -***** This file should be named 60358-0.txt or 60358-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60358/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -transcription was produced from images generously made -available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State -Library.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Vier Jahre in Spanien. - Die Carlisten, ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr Untergang. - -Author: August Karl von Goeben - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60358] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -transcription was produced from images generously made -available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State -Library.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1841 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn -diese im Text mehrmals auftreten.</p> - -<p class="p0">Groß- und Kleinschreibung sind nicht konsistent und -entsprechen nicht in allen Fällen den heutigen Schreibgewohnheiten; -gleiches gilt für die Verwendung des ‚scharfen s‘ (ß).</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<h1>Vier Jahre in Spanien.</h1> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s1 center"><b>Die Carlisten,</b></p> - -<p class="s3 center mbot2"><b>ihre Erhebung, ihr Kampf und ihr -Untergang.</b></p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s4 center mtop2">Skizzen und Erinnerungen aus dem Bürgerkriege</p> - -<p class="s5 center mtop2 mbot2"><span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span></p> - -<p class="s3 center"><b>A. von Goeben,</b></p> - -<p class="s5 center">Königlich-Spanischem Oberstlieutenant im -Generalstabe.</p> - -<div class="figcenter padtop3"> - <a id="zier" name="zier"> - <img class="w5em mtop1 mbot3" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Titelseite" /></a> -</div> - -<p class="s4 center padtop1">Hannover, <span class="s4">1841.</span></p> - -<hr class="r20" /> - -<p class="s5 center mbot2"><span class="mleft0_2">I</span><span class="mleft0_2">m</span> -<span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span><span class="mleft0_2">e</span> -<span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span> -<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">n</span>’<span class="mleft0_2">s</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span> -<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">f</span><span class="mleft0_2">b</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">h</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">g</span>.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iii" id="Seite_iii">[S. iii]</a></span></p> - -<h2 class="unsichtbar" title="Einleitung"> </h2> - -</div> - -<div class="einleitung"> - -<p><span class="initial">Ü</span>ber Alles, was während der letzten acht Jahre in Spanien sich ereignet -hat, ist bisher sehr Wenig in Deutschland veröffentlicht, und dieses -Wenige, fast durchgängig im Sinne der einen, stärkern Parthei, oft -selbst mit der Absicht, irrige Ansichten zu verbreiten, geschrieben, -konnte nur beitragen, das Urtheil des Publicums irre zu leiten. Es -dürfte daher nicht unwillkommen sein, wenn Augenzeugen die Dinge in -ihrem wahren Lichte darstellen und so das Gewebe von Dunkelheit und -Täuschung zerreißen, welches jene Ereignisse dem Blicke des Forschers -unzugänglich machte. Was ich während fünftehalbjährigen Aufenthaltes -und unter mannigfach wechselnden Verhältnissen erfahren und beobachtet -habe, das werde ich in diesen Erinnerungen darlegen, deren Zweck -erfüllt ist, wenn sie zur Beseitigung der Vorurtheile mitwirken, die -einem Jeden, der nicht aus eigenem Anschauen ein selbstständiges -Urtheil sich bildete, nothwendig aufgedrängt wurden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_iv" id="Seite_iv">[S. iv]</a></span></p> - -<p>Ich habe gestrebt, ein möglichst vollständiges Bild alles Dessen zu -geben, was in Bezug auf den Bürgerkrieg von Interesse sein muß. Die -Umstände setzten mich in Stand, fast allenthalben und Alles selbst zu -prüfen, da ich, seit dem Frühlinge 1836 der carlistischen Armee in -den baskischen Provinzen mich anschließend, nach und nach in allen -Theilen des Königreiches mich befand, in allen Armeen der Carlisten -Dienste leistete, in mehrfacher Gefangenschaft auch mit den Christinos -in häufige Berührung kam und endlich unter Cabrera’s Oberbefehle, der -einzige deutsche Officier, an dem letzten Todeskampfe im Frühjahre 1840 -Theil nahm. Erst da nach Morella’s Falle kein carlistisches Heer mehr -existirte, legte ich die Waffen nieder, um noch im Meuchelmorde, dem -ich kaum mit schwerer Wunde entging, den Partheihaß zu erproben.</p> - -<p>Doch verkenne ich nicht die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen -ich zu kämpfen habe. Nicht nur soll ich gegen vieles fast allgemein -Angenommenes und Anerkanntes mich erheben; ganz Soldat und seit Jahren -nur im Kriegesgetümmel beschäftigt, bin ich auch wenig gewohnt, die -Feder zu führen, und werde in der Darstellung den Mangel an Gewandtheit -nicht verleugnen können. Das Bewußtsein, daß ich für die Wahrheit in -die Schranken<span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span> trete und nur Wahres gebe, darf mich wohl über solche -Rücksicht und solche Furcht hinwegsetzen.</p> - -<p>Es wäre eben so thöricht als falsch, wenn ich Unpartheilichkeit für -mich in Anspruch nähme. Wo es von der Sache sich handelt, für die ich -mit Stolz mein Blut vergoß, bin ich stets Parthei, der Carlist wird -stets hervortreten. Aber das Verdienst, wenn es solches ist, auf das -ich gegründeten Anspruch machen darf, ist das der gewissenhaftesten -Treue und Wahrheit, der ich jede andere Rücksicht untergeordnet -habe. Was immer in meinen Notizen enthalten ist, habe ich entweder -aus eigener Beobachtung oder aus Forschung an Ort und Stelle und den -Berichten von Augenzeugen, deren Genauigkeit mir feststand, geschöpft; -wo ein Zweifel noch obwaltet, habe ich auch ihn nicht verschwiegen.</p> - -<p>Sonstige Quellen konnte ich nicht benutzen, da die einzige, aus der -ich hätte schöpfen mögen, das geistreiche Werk meines geehrten Chefs -und Freundes, des Generals Baron von Rahden, über „Cabrera“, von ganz -anderm Gesichtspunkte aus abgefaßt ist. Auch begreift es nur einen -abgesonderten Theil der Ereignisse, die nämlich, in denen Cabrera -thätig mitwirkte, während ich an das selbst Erlebte es anknüpfend mehr -oder weniger detaillirt den<span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span> ganzen Bürgerkrieg umfasse. In manchem -Einzelnen mußte ich auch von jenem Werke abweichen, welches als -Erzeugniß scharfer Beobachtung vom höchsten Interesse ist.</p> - -<p>Übrigens ist es nicht meine Absicht, eine <em class="gesperrt">Geschichte</em> des -Bürgerkrieges in diesen Erinnerungen zu geben; möchten sie dem -künftigen Geschichtschreiber seine schwere Arbeit in Etwas erleichtern!</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<table class="inhalt" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">I.</div> - </td> - <td class="vat"> - Hoffnungen und Träume — Carl V. der rechtmäßige König - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#I">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">II.</div> - </td> - <td class="vat"> - Die Gränze — Die Carlisten — Ereignisse in den - baskischen Provinzen seit dem Tode Ferdinands VII. bis zum - Frühling 1836 - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#II">13</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">III.</div> - </td> - <td class="vat"> - Carl V. — Die Linien — Das Land und seine Bewohner - — Die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#III">38</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">IV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Gefechte in Guipuzcoa — Gefangenschaft — Marsch nach - Logroño - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#IV">54</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">V.</div> - </td> - <td class="vat"> - Grausamkeiten der beiden Partheien, in Heer und Volk - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#V">77</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">VI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expeditionen der Generale Don Basilio Garcia — Gomez — - Sanz - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VI">89</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">VII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Acht Monate im Kerker - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VII">105</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">VIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Krieg in den Provinzen während der zweiten Hälfte 1836 — - Belagerung von Bilbao — Operationen im Frühlinge 1837 - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#VIII">113</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">IX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Befreiung — Fünf Wochen in Navarra — Operationen in den - Nordprovinzen - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#IX">124</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">X.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expedition Zariategui’s — Erstürmung von Segovia — - Marsch auf Madrid — Rückzug in die Gebirge - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#X">139</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expedition Zariategui’s — Wiederaufnahme der Offensive — - Lerma — Valladolid — Der Alt-Castilianer — - Verwundung — Vereinigung mit der Armee des Königs - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XI">158</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expedition des Königs — Vereinigung mit Cabrera — Marsch - auf Madrid — Rückzug — Sendung nach Vizcaya — - Rückkehr der Expeditionen — Ereignisse während derselben - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XII">186</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Der Aufschwung und das Sinken der carlistischen Macht — - Nachtheile der Expeditionen - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XIII">203</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XIV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expedition von Don Basilio Garcia — Ebro-Übergang — - Verwundung — Gefangennahme - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XIV">225</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Das Hospital — Marsch nach Madrid — Marsch durch die - Mancha und Andalusien nach Cadix - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XV">246</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XVI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Expedition von Don Basilio — Tallada — Die Cabecillas - der Mancha — Vernichtung der Division — Expedition des - Grafen Negri — Vernichtung derselben — Peñacerrada - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XVI">267</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XVII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Maroto — Partheiungen unter den Carlisten — Operationen - in den Provinzen — Valmaseda — Vermählung des Königs - — Muñagorri - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XVII">286</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XVIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Die Casematten von Cadix — Maroto und Espartero — - Fünf Generale ermordet — Auswechselung nahe — - Schein-Operationen in Vizcaya - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XVIII">300</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XIX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Fahrt von Cadix nach Valencia — Das Mittelländische - Meer — Die Huerta und ihre Bewohner — Die Auswechselung - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XIX">318</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Don Ramon Cabrera, Guerrillero, General und Mensch — - Der Krieg in Aragon und Valencia bis zum Ende des Jahres - 1837 — Hungers-Gräuel - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XX">335</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span> - <div class="right">XXI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Escalade des Castells von Morella durch achtzig Castilianer - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXI">351</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Operationen in der ersten Hälfte des Jahres 1838 — Tallada - — Zaragoza — Morella — Belagerung desselben - durch Oraa - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXII">364</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Belagerung von Morella — Sturm — Rückzug der Christinos - — Folgen - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXIII">382</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXIV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Operationen im Herbst 1838 — Schlacht bei Maella — - Repressalien-System - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXIV">392</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Operationen in der ersten Hälfte 1839 — Segura — - Villafamés — Montalban — El Turia — Lucena - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXV">412</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXVI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Reise nach Chelva — Das Heer Cabrera’s — Der Aragonese, - Valencianer und Catalan — Action von Chulilla - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXVI">428</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXVII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Chelva — Kampf bei Tales — Cabrera — Carboneras - — Verhältnisse und Hoffnungen im Sommer 1839 — Reise - nach Morella — Espartero in Aragon - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXVII">444</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXVIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Maroto’s Verrath — Vertrag von Bergara — Carl V. - in Frankreich — Graf Casa Maroto - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXVIII">465</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXIX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Marsch nach Catalonien — Das Fürstenthum und seine - Bewohner — Die dortigen Carlisten — Graf de España - — Operationen desselben - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXIX">479</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Vier Tage mit dem Grafen de España — Berga — Der - 27. October — General Segarra - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXX">497</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Verschwörung gegen den Grafen — Seine Ermordung. - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXI">514</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Reise nach Morella — Espartero in Luco und Bordon - — Baron von Rahden - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXII">522</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Operationen Espartero’s und O’Donnell’s — Stellungen - der Heere — Einzelne Gefechte — Rückzug der Christinos - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXIII">540</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXIV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Reise mit Cabrera nach dem Ebro — Krankheit des Generals - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXIV">557</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXV.</div> - </td> - <td class="vat"> - Die ersten Monate 1840 — Alzaga — Chulilla erobert - — Espartero als Fälscher — Verkauf von Segura - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXV">569</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXVI.</div> - </td> - <td class="vat"> - Castillote — Marsch nach Castilien — Don Manuel - Matias — El Turia und die Linie von Cañete — - Verhältnisse daselbst - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXVI">585</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXVII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Don Manuel Brusco — Cañete — Arbeiten und Streifzüge - — Fortschritte von Espartero, O’Donnell und Aspiroz - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXVII">604</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXVIII.</div> - </td> - <td class="vat"> - Eroberung von Morella, Cabrera passirt den Ebro — - Don Remigio Cantero — Beteta — Palacios nach Frankreich - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXVIII">621</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XXXIX.</div> - </td> - <td class="vat"> - Marsch nach Cañete — Marco Valero — Rettung — - Cañete geräumt — Niederlegung der Waffen — Cabrera - und Valmaseda nach Frankreich — Ende des Krieges - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XXXIX">638</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="right">XL.</div> - </td> - <td class="vat"> - Meuchelmord — Reise nach Valencia und Barcelona — - Ankunft in Frankreich - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#XL">650</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="I">I.</h2> - -</div> - -<p><span class="initial">I</span>n stolzen, hoffnungsreichen Träumen schwelgend durchflog ich die öden -Steppen der Landes, welche umsonst heimische Bilder mir zu erwecken -suchten. Meine Blicke waren gen Süden gerichtet. Dort tauchten fern -am Horizonte einem bläulichen Gewölk ähnlich die Höhenzüge der -Pyrenäen empor, unvergängliche Zeugen der Heldenthaten des braven -Gebirgs-Völkchens, mit dessen siegreichen Schaaren ich mich zu -vereinigen eilte, dessen Gefahren und Ruhm ich bald zu theilen hoffte. -Das Herz klopfte mir lauter, die Brust schwoll von unendlichen, -unaussprechlichen Gefühlen. Jung und unerfahren, den Kopf warm, -das Blut glühend, träumte ich von Krieges-Thaten und Kampfes-Lust, -malte den Augenblick mir aus, in dem die Kugeln des Feindes mich -umzischen würden, und ich wünschte mir Flügel, um früher das ersehnte -Ziel zu erreichen. — Ich ahnete nicht die bittern Erfahrungen, die -schmerzlichen Enttäuschungen, welche meiner warteten; die Phantasie -schilderte mir die Zukunft in den lieblichen Farben, mit denen sie -so gern ihre Kinder schmückt, ohne die finstern Schatten zuzulassen, -welche nur zu oft ihre reizenden Erzeugnisse in Thränen des Schmerzes -ertränken. Ich sah jene Gebirge vor mir, in denen ich bald im -Schlachtgewühl mich tummeln, mein Blut für die Sache der Legitimität -darbieten sollte, und ich fühlte mich glücklich in der nahen Erfüllung -so lange gehegter Wünsche.</p> - -<p>Und wie hätte ich nicht freudig zu der Vertheidigung des Monarchen -eilen mögen, der in heldenmüthigem Kampfe gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> übermächtige Heere -rang, welche die Revolutionäre aufgeboten hatten, um ihre unrechtmäßige -Herrschaft zu sichern und die Anstrengungen der treuen Anhänger ihres -Königs niederzuschmettern? Royalist im ganzen Sinne des Wortes, auf -immer befestigt in dieser Grundlage meiner politischen Denkungsart -durch Alles, was des Mannes Ansichten zu leiten vermag, überzeugt, daß -nur auf solcher Basis das Glück der Völker, Endzweck jeder Regierung, -sicher erreicht wird; mußte ich nicht stolz sein, mein Schwert der -Vertheidigung des wahren Souverains jenes unglücklichen Landes zu -weihen, welches unter dem doppelten Joche der Umwälzung und der -Usurpation schmachtend in krampfhaften Zuckungen die schweren Fesseln -abzuschütteln strebte! Mußte ich nicht mit Freude den kühnen Männern -mich anschließen, die, von ihren Gebirgen herab den Riesenkampf gegen -Christina’s erdrückende Waffen bestehend, für das Recht Alles opferten -und durch ihren Muth, ihre Ausdauer und unbeugsam scheinende Festigkeit -Europa’s Bewunderung sich würdig machten!</p> - -<p>Ach, ihre Festigkeit <em class="gesperrt">schien</em> unbeugsam — Kugeln und Schwert, -Leiden und Gefahren vermochten nicht sie zu erschüttern, Hunger, -Blöße, Tod waren machtlos gegen sie — Ihre Festigkeit wich den -Schmeichelworten, welche unter den schönen Namen des Vaterlandes und -des Friedens der listige Feind durch ihre eigenen erkauften Anführer -ihnen zuzuflüstern wußte; sie wich den trügerischen Versprechungen -der Parthei, die so oft gezittert, da sie ihre Söldlinge vor den -siegreichen Waffen jener Männer fliehen sah. Um die Rechte und -Freiheiten der vaterländischen Provinzen zu sichern, verließen die -Basken den angestammten Herrscher, der allein jene Sicherung ihnen -gewähren konnte.</p> - -<p>Denn wie sehr auch seine erbitterten Feinde gegen ihn eifern, welche -schimpfliche Benennungen die liberale Presse aller Länder ihm -verschwenden mag, Carl V. ist der rechtmäßige König<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Spaniens, -und weder Christina’s zahlreiche Heeresmassen, noch die spitzfindigen -Sophismen ihrer Anhänger, vermögen die „unschuldige“<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Isabelle -von dem Titel einer Usurpatorinn zu befreien. Das Gesetz, durch -welches Ferdinand VII. die Rechte seines Bruders annullirte, -um der Tochter die Krone zu geben, die durch die bisherigen Gesetze -ihr versagt war, konnte nie Gültigkeit erlangen, da theils es in -sich den Stempel der höchsten Ungerechtigkeit trug, theils die -äußeren Erfordernisse nicht gehörig beobachtet waren, welche die -Staatsverfassung zu seiner Feststellung bestimmte.</p> - -<p>Philipp von Anjou erlangte nach langem, blutigem Kriege, in den die -ganze westliche Hälfte Europa’s verflochten, den unbestrittenen Besitz -des spanischen Thrones. England und die Niederlande, nach der Erwählung -des Erzherzogs Carl zum römischen Kaiser von seiner Gelangung zur -Krone Spaniens und der Vereinigung zweier so mächtigen Reiche unter -Einem Haupte die traurigsten Folgen für die Unabhängigkeit der übrigen -Staaten besorgend, wählten von zwei Übeln das kleinere, indem sie -den Enkel Ludwigs des Vierzehnten als König von Spanien und Indien -anerkannten, da sie doch so lange mit Aufbietung aller Kräfte und nicht -ohne glänzende Erfolge seine Ansprüche bekämpft hatten. Nur strebten -sie, im Friedensvertrage von Utrecht einer etwaigen spätern Vereinigung -der spanischen und französischen Monarchieen so weit vorzubeugen, wie -feierliche Garantieen, Entsagungen und Versprechen vorzubeugen vermögen.</p> - -<p>Philipp V. hatte seit seiner Thronbesteigung aufgehört Franzose -zu sein; er arbeitete jetzt nur für das Wohl seines<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Königreiches und -erkannte daher leicht, wie sehr es in dessen Interesse und wie wichtig -es für Spaniens Unabhängigkeit war, jene Vereinigung mit dem mächtigen -und übermüthigen Nachbar so viel wie möglich zu erschweren. Um dieses -Ziel zu erreichen, und die mannichfachen sonstigen damit verknüpften -Vortheile nicht übersehend, etablirte er das Grundgesetz, welches -seitdem die Thronfolge in der Monarchie ordnete, und ergänzte und -vervollkommnete dadurch die Stipulationen des Vertrages von Utrecht. -Durch dieses Gesetz wurden die weiblichen Glieder der spanischen -Bourbons von der Herrschaft ausgeschlossen, so lange irgend ein -männlicher Nachkomme Philipp’s existirte; doch gestattete ihm die -väterliche Liebe wohl nicht, die Frauen ganz auszuschließen und so -seinen eigenen Nachkommen Fremde vorzuziehen, weshalb er anordnete, -daß ein streng Salisches Gesetz erst in Kraft treten sollte, im Falle -nach gänzlichem Aussterben der spanischen Bourbons das Haus Savoyen -zum Throne gelangen würde. — Philipp V. versäumte keine der -Maßregeln, welche die alte spanische Verfassung möglich machte und -vorschrieb, um seine neue Thronfolge-Ordnung zu sanctioniren: sie ward -von dem höchsten Rath von Castilien geprüft und gebilligt, und im Jahre -1713 legte sie der König auch den besonders zu diesem Zwecke berufenen -und dazu von ihren Committenten mit Specialvollmachten versehenen -Reichs-Cortes vor, welche darüber berathschlagten und sie annahmen. -Dann ward diese Anordnung als Staats-Grundgesetz bekannt gemacht.</p> - -<p>Als solches galt sie und diente als Basis in den Verhandlungen und -Bündnissen, die seitdem geschlossen wurden, ohne daß irgend Einer -der nachfolgenden Könige einen Schritt zu seiner Aufhebung gethan -hätte, bis Ferdinand VII., getrieben von seiner eben so -herrschsüchtigen wie intriganten Gemahlinn, der Prinzessinn Maria -Christina von Neapel, seinen Bruder, den Infanten Don Carlos, der ihm -zustehenden Rechte zu berauben und, im Falle seine Gemahlinn in der -nahe bevorstehenden<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> Niederkunft mit einer Tochter ihn beschenken -sollte, dieser die Krone zu sichern beschloß. Ferdinand’s Charakter -zeichnete sich durch größte Neigung zur Intrigue aus. Selbst Dem, was -er leichter auf dem geraden Wege hätte erlangen können, mochte er -lieber auf krummen Schlangenpfaden hinschleichend zustreben; und nicht -selten machte ihn während der langen Zeit, in der er sein Königreich -dem Untergange zuführte, eben diese unedle Denk- und Handlungsart -sein Ziel verfehlen. Er verleugnete auch jetzt diese Neigung nicht, -wiewohl die Furcht vor dem Eindrucke, den sein Plan auf die zahlreichen -Anhänger seines Bruders machen würde, das Ihrige zu dem Entschlusse -beitrug, auf seines Vaters, Carl IV., Schultern die Last zu -laden, der er sich wohl nicht gewachsen fühlte.</p> - -<p>Am 29. März 1830 erließ Ferdinand VII. das Decret, durch -welches er den direkten weiblichen Nachkommen des Herrschers in -der Thronfolge den Vorzug vor dessen männlichen Seitenverwandten -einräumte. Als Hauptmotiv dafür ward angegeben, daß im Staatsarchive -aufgefundenen Papieren gemäß schon Carl IV. im Jahre 1789 -einen ähnlichen Gesetzesentwurf den Cortes vorgelegt habe, so daß -Ferdinand durch die Erneuerung desselben nur die Absicht seines -Vaters in Ausführung bringe. — Die bald nachher geborene Prinzessinn -Isabella ward demzufolge für eventuelle Thronerbinn erklärt. Der König, -durch die langsam ihn aufzehrende Krankheit an den Rand des Grabes -gebracht, widerrief zwar das neue Gesetz, dessen furchtbare Folgen ihm -einleuchten und doch zu schwer auf dem Gewissen des Sterbenden lasten -mochten. Da aber die augenblickliche Gefahr auf kurze Zeit gehoben -wurde, gelang es der Königinn, ihren Einfluß auf den geistig und -körperlich nur noch vegetirenden Gemahl so auszudehnen, daß sie das -Gesetz unter den nichtigsten Vorwänden wieder in Kraft treten und bis -zu Ferdinand’s Tode nicht weiter abändern ließ.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p>Die beiden Gründe, welche die Änderung der Thronfolge-Ordnung -motiviren sollten, sind die uralte, herkömmliche Gewohnheit der -Monarchie und der Gesetzesentwurf Carls IV. In Betreff der -ersteren finden wir seit der Zeit des Wahlreiches der Gothen bis zu -dem Regierungs-Antritte Philipps V., daß, wenn die Verwirrung -und das oft sich Widersprechende in der dunkeln Legislatur jener -Zeiten keine gesetzliche Bestimmungen auffinden läßt, allgemein -die männlichen Descendenten den weiblichen vorgezogen wurden; und -ganz besonders in den Kronen von Castilien und Aragon, durch deren -Vereinigung die spanische Monarchie sich bildete, ward dieser Grundsatz -stets streng durchgeführt. Selbst als Alfonso, wie aus Ironie der -Weise benannt, in dem von ihm verfaßten Codex die Frauen in der -Thronfolge den Männern gleichgestellt hatte, kam diese Anordnung so -wenig zur Ausführung, daß ihr schon bei seinem Tode und seinem eigenen -Rathe gemäß geradezu entgegengehandelt wurde, was bei jeder neuen -Gelegenheit sich wiederholte. Überhaupt ward dieser Codex nie als feste -Grundlage der Gesetzgebung des Reiches angesehen und befolgt. — Die -weiblichen Herrscher, welche wir vereinzelt an der Spitze der Gothen -und der kleinen christlichen Staaten der Halbinsel sehen, verdankten -ihre Erhebung stets außerordentlichen Verhältnissen, Empörungen, -Revolutionen oder dem Mangel an männlichen Erben, weshalb diese Fälle -nie als Norm gelten und ein Motiv zu Ferdinands Gesetze abgeben konnten.</p> - -<p>Noch unhaltbarer ist die andere Veranlassung der vorgenommenen -Gesetzes-Änderung. Der Sohn beschließt eine Ungerechtigkeit -auszuführen, weil — sein Vater sie vor ihm beabsichtigte. Es ist -häufig selbst von Anhängern Christina’s an der Echtheit jener angeblich -im Archive gefundenen Documente gezweifelt; aber vorausgesetzt, daß -Carl IV. wirklich im Jahre 1789 eine solche Absicht gehegt -hätte, so that er doch nie einen Schritt zu ihrer weiteren Ausführung, -wozu ihm während der<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> neunzehn Jahre bis zu seiner Entsagung gewiß -hinreichende Zeit gegeben war. Ferdinand ergriff jedoch begierig -den von seinem Vater augenblicklich und nur zur Beförderung des -persönlichen Interesses der Königinn Marie Louise aufgefaßten -Gedanken, um sich so den Schein einer, freilich unendlich schwachen -Rechtfertigung zu verschaffen und wenigstens die Schuld der Erfindung -von sich zu schieben.</p> - -<p>Beachten wir nun das Gesetz in Bezug auf seine Gültigkeit lediglich -als solches, so drängt sich zuerst die Bemerkung auf, wie so ganz alle -äußeren Erfordernisse vernachlässigt wurden, ohne die doch das Gesetz -als gar nicht gegeben muß angesehen werden. Spaniens Könige sind nie -unumschränkt gewesen; ihre Macht war von jeher in mancher Hinsicht in -ziemlich enge Schranken gezwängt, und vor Allem standen die Cortes und -der Rath von Castilien als Wächter der alten Staats-Verfassung da: ohne -ihre Zustimmung konnte kein Gesetz in Kraft treten. Wir sahen oben, daß -Philipp V. allem der Verfassung nach Nothwendigen streng Genüge -leistete, da er seine Thronfolge-Ordnung einführte. Falls also irgend -einem seiner Nachkommen das Recht zustand, das von dem Stifter der -Dynastie angeordnete Erbgesetz umzustoßen, mußte dieses doch mit eben -den Förmlichkeiten und unter Beobachtung aller durch die Verfassung -vorgeschriebenen Bedingungen geschehen, um als gültig ins Leben treten -zu können.</p> - -<p>Ferdinand VII. erließ das Decret, durch welches er Philipp’s -Grundgesetz vernichtete, ohne jene beiden höchsten Staatsgewalten -zu Rathe zu ziehen, er nahm es eben so zurück und erklärte es dann -nochmals für wirksam; die Cortes waren zu jener Zeit gar nicht -versammelt, das Gutachten des Rathes von Castilien ward nicht -eingefordert. Erst drei Jahre später, im April 1833 berief der -König die Cortes, aber nicht um über das zu gebende Gesetz mit -ihnen zu berathen, sondern um die Huldigung für die Thronerbinn -entgegenzunehmen, die dann auch ohne Widerstand<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> geleistet ward, -da die Cortes vollkommen bearbeitet zu einem bloßen Werkzeuge der -ehrsüchtigen Königinn sich herabwürdigten. Von Specialvollmachten, -wie sie den Cortes von 1713 hatten ausgefertigt werden müssen, war -natürlich gar nicht die Rede. — So entsprach also das Gesetz, welches -den Infanten Carl von der Nachfolge ausschließen sollte, in der Art, -in der es gegeben wurde, gar nicht den Bedingungen, durch welche es -der Verfassung gemäß Gültigkeit hätte erlangen können; es bleibt -schon deshalb kraftlos und kann die Bestimmungen der früher und jenen -Bedingungen entsprechend etablirten Thronfolge-Ordnung nicht aufheben.</p> - -<p>Noch mehr aber werden wir von der Ungültigkeit desselben überzeugt, -wenn wir seinen Zweck erwägen. Wie durch Carls IV. Entwurf Marie -Louise’s, ist durch diesen nur Christina’s persönliches Interesse -berücksichtigt, ohne daß das Wohl des Staates im Geringsten beachtet -wäre. Alle die Vortheile, welche Philipp V. so mächtig zu seiner -Anordnung trieben, bleiben in den Hintergrund gedrängt, da es sich -darum handelt, die eitele Herrschsucht eines Weibes zu befriedigen; und -doch dauern alle diese Vortheile in eben der Kraft fort wie hundert -Jahre früher, ja sie gewinnen immer mehr Bedeutung, wie Spanien mehr -und mehr geschwächt und in eine abhängigere Stellung zurückgedrängt -wird. Und wie suchte Ferdinand so unedlen Zweck zu erreichen? Indem er -das von dem Gründer der Dynastie festgestellte Fundamental-Gesetz der -Thronfolge aufhob, wozu doch die Souverainitäts-Rechte des Königs nicht -befugen; indem er seinen Bruder der Rechte beraubte, die das Gesetz -ihm sicherte, und die keine Macht auf Erden legitimer Weise antasten -konnte. Das Recht vergeht nur mit der Sache, über die es gewährt ist, -und keine Verfügung, wenn auch König und Cortes sie gegeben, kann -Gültigkeit erlangen, sobald sie das Recht eines Dritten schmälert; es -sei denn mit dessen Zustimmung oder weil er selbst verbrecherischer -Weise des ihm Zustehenden sich unwürdig gemacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Wohl suchten die Gegner Carls V., listig die Ereignisse der -letzten zehn Jahre in Ferdinand’s Regierung benutzend, durch freche -Verleumdungen solche Unwürdigkeit in ihm darzuthun, indem sie seine -zügellose Herrschsucht als geheimen Hebel der ultra-royalistischen -Aufstände hinstellten, die mehrfach die Monarchie beunruhigten. Welche -Fehler man aber auch dem unglücklichen Fürsten beilegen möge, seine -strenge Gewissenhaftigkeit und Loyalität konnten nie angetastet werden; -auch ist er gegen so ungegründete Anschuldigungen von geistreichen -und mit jenen Ereignissen vertrauten Männern auf eine Art vertheidigt -worden, die fernere Worte darüber ganz unnütz macht.</p> - -<p>Dagegen behaupteten auch die Anhänger Christina’s, daß der Infant -Don Carlos, da er nicht sofort gegen die Änderung des Grundgesetzes -protestirte, stillschweigend seine Zustimmung gegeben und also seiner -Rechte sich begeben habe. Ferdinand erließ nemlich sein Dekret im März -1830, der Infant protestirte am 29. April 1833, so wie einige Wochen -später der König von Neapel, der als männlicher Nachkomme Philipps -V. vor Ferdinand’s Tochter in der Reihefolge der Thronerben -steht. Ganz abgesehen aber davon, daß damals die Prinzessinn noch -nicht geboren war und der Infant daher im Falle der Geburt eines -Prinzen durch eine voreilige Protestation lediglich den Unwillen seines -königlichen Bruders veranlaßt hätte, bewogen ihn zu jener Zögerung zwei -Gründe, die seinen Charakter in das ehrenvollste Licht stellen und die -Grundlosigkeit jener Behauptung völlig klar machen.</p> - -<p>Vor Allem wollte er, ehe er irgend einen Schritt zur Sicherung seiner -Rechte that, sich überzeugen, daß diese Rechte wirklich existirten. -Er fragte deshalb nicht nur die ersten Rechts-Gelehrten der Monarchie -um Rath, sondern consultirte auch die Universitäten von Spanien, -Portugal und Italien, und erst als sie einstimmig erklärt, daß seine -Ansprüche unumstößlich gerecht seien und Philipp’s Thronfolge-Ordnung -durch seines<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> Nachkommen Willen keinesweges aufgehoben sei, entschloß -sich der Infant, seiner Pflicht gemäß, der Beraubung seines Rechtes -kräftig sich zu widersetzen. — Dann wußte er sehr wohl, daß das -ursprüngliche Dekret Ferdinand’s der Verfassung des Staates gemäß -gar nicht Gesetzes Kraft haben könne, da weder Cortes noch Rath von -Castilien ihre Einwilligung erklärt; weshalb hätte er gegen ein Gesetz -protestirt, welches gar nicht existirte? Als aber Ferdinand im April -1833 die Cortes berief, um durch deren Huldigung seine Anordnung zu -heiligen, da erhob sich der Infant mit Festigkeit zur Vertheidigung -seiner nun bedroheten Rechte: er erließ die Protestation am 29. April -und zog sich nach Portugal zurück, ohne daß Ferdinand, schwach auch -in der Ausführung des beschlossenen Unrechts, so feindselige Maßregel -gehindert hätte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da also keine der Bedingungen Statt fand, die für die Gültigkeit der -Veränderung des Grundgesetzes unerläßlich sind; da die neue Anordnung, -staatsrechtlich wie moralisch beurtheilt, nicht Gesetzes Kraft haben -kann; da das Recht der männlichen Nachkommen Philipps weder durch ihre -Unwürdigkeit noch durch ihre Einstimmung aufgehoben ist: so bleibt Carl -V. der rechtmäßige König von Spanien.</p> - -<p>Übrigens waren die Leiter Derer, die auf jener unglücklichen Halbinsel -sich Liberale zu nennen wagen, da sie die Usurpation Christina’s -begünstigten, weit entfernt, deren Tochter für die legitime Thronerbinn -zu halten; so oft ich innerhalb und außerhalb Spanien mit solchen -Männern in Berührung kam, bewunderte ich die Gewandtheit, mit der -sie die Frage des Rechtes zu umgehen wußten. Diese Parthei, welche -seit vielen Jahren durch ihre Umwälzungs-Pläne namenloses Elend ihrem -Vaterlande bereitet, erkannte sehr wohl, daß sie nie hoffen dürfe, -unter Carl V. ihre selbstsüchtigen Absichten ins Werk zu -setzen. Die Denkungsweise dieses Fürsten war zu bekannt, als daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> -den Anarchisten die mindeste Aussicht gelassen hätte, der Herrschaft -sich zu bemächtigen und so die reichen Schätze der Krone, die hohen -Ämter und die Verfügung über die Ressourcen des schönen Landes an sich -zu reißen. Die Regierung eines Kindes unter der Regentschaft eines -schwachen Weibes versprach ihnen leichteren Erfolg. Sie erkannten, daß -Christina ohne Unterstützung im Volke, ohne Hülfsquellen und Macht -schnell genöthigt sein würde, sich ihnen in die Arme zu werfen, und -edleren Gesinnungen ja ganz fremd, eilten sie, die ihren Zwecken so -günstige Gelegenheit nicht aus den Händen zu lassen. Sie erhoben sich -stürmisch für die Ansprüche Isabella’s gegen Ferdinand’s gefürchteten -Bruder; mit leicht erheucheltem Enthusiasmus huldigten sie dem Kinde, -welches unbewußt seines Onkels Rechte usurpirte, und — entwanden den -Händen der Königinn die Zügel der Regierung, zu schwer für die Kraft -der ehrgeizigen Frau.</p> - -<p>Die Ereignisse haben hinlänglich gezeigt, wie richtig Spaniens -sogenannte Liberale die Folgen ihrer Schritte berechnet hatten. Es -wäre ungerecht, das Gute mit Stillschweigen zu übergehen, welches sie -durch Abschaffung von einigen der zahllosen Mißbräuche hervorbrachten, -unter denen Spanien dahinstirbt; aber eben so wenig darf übersehen -werden, daß sie nur diejenigen angriffen, durch deren Zerstörung sie -sich bereichern, ihre Macht mehren konnten: daher die Aufhebung der -überreichen Klöster, deren Schätze größten Theils in das Ausland -wanderten, die Zurücknahme vielfacher Privilegien und der Einzelnen -ertheilten Monopole u. a. Wo dagegen solche Mißbräuche dem Interesse -der Parthei fröhnten, da bestanden sie fort in ihrer schrecklichsten -Gestalt oder tauchten gar ganz neu hervor; Bestechlichkeit, -Erpressung, Unterschleif waren und sind an der Tagesordnung, jeder -Zweig der Verwaltung liegt in der tiefsten Vernachlässigung danieder, -Gerechtigkeit ist für Gold feil; Gold ersetzt alle Tugenden, alle -Talente, Gold giebt Achtung, Ehre, Macht; der Mann wird nach der -Gewandtheit geschätzt, mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> er die kurze Zeit, während der er ein -Amt, eine Würde bekleidet, zur Erschöpfung jedes Weges der Bereicherung -benutzt.<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p> - -<p>Die Zeit der Regentschaft Christina’s giebt ein entsetzliches Bild der -Verworfenheit, zu der niedrige Selbstsucht den Menschen führt, des -Elendes, welches sie hervorzurufen vermag. Während jene Männer ihr -Vaterland mit Trauer und Jammer füllten, seiner edelsten Söhne, von -Bruderhand gemordet oder in fremde Länder vertrieben, es beraubten, -während sie Europa’s reichstes Königreich in einen mit Blut und Thränen -getränkten Schutthaufen verwandelten, wußten sie, in raschem Wechsel -die Leitung der Geschäfte sich abnehmend, ihre leeren Koffer mit dem -Gewinne des verzweifelnden Ackerbauers und Bürgers, den Schätzen der -ausgeplünderten Handelsstädte zu füllen. Sie zauderten nicht, um ihren -Leidenschaften zu fröhnen, der Verachtung der Nationen, dem Fluche des -im Todeskampfe zuckenden Vaterlandes, der Rache des ewig Gerechten zu -trotzen. — Und sie triumphiren!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In den offiziellen Erlassen der Madrider Regierung ward -die Tochter Ferdinand’s gewöhnlich als „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">nuestra innocente Reyna</span>“ -bezeichnet. Diese Eigenschaft ihrer Königinn schien wohl den Christinos -besonders merkwürdig.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Von allen den Anführern der verschiedenen Fraktionen, -welche unter dem Namen Christina’s die Regierung inne hatten, ist wohl -Martinez de la Rose der Einzige, der uneigennützig und nach seiner -Überzeugung das Beste des Staates suchte. Wie Mendizabal, der Graf -Toreno und alle die übrigen Minister, nach ihnen mit wenigen Ausnahmen -die Militair- und Civil-Behörden bis zu den untersten Beamten nur -Geld zu ihrer Losung machten, wie die Ersteren, in Dürftigkeit aus -der Verbannung zurückgekehrt, bald in übermüthigem Luxus glänzten und -Millionen im Auslande niederlegten, die sie dann zu verprassen eilten, -bis die Umstände, neue Herrschaft, neuen Raub versprechend, sie nach -dem Vaterlande zurückriefen; — das wurde selbst von ihren Anhängern -nicht geleugnet und — — natürlich gefunden. Armes Spanien! Übrigens -brachte das System der Verwaltung diese Mißbräuche mit sich und mußte -sie allgemein machen, da, so oft eine andere Parthei des Ruders sich -bemächtigte, die der vorher herrschenden Angehörigen ihrer Stellen -entlassen und mit ihren Familien zum Betteln verdammt wurden, wenn sie -nicht in der fetten Zeit für die magere Vorrath gesammelt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier1" name="zier1"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 1" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="II">II.</h2> - -</div> - -<p>Von Schleichhändlern geführt, in die einfache Kleidung eines baskischen -Bauern gehüllt, durcheilte ich auf schmalen, kaum der Gebirgsziege -wegsam scheinenden Fußsteigen die Felsen-Thäler der West-Pyrenäen. -— Der Pfad, bald hoch über grundlosem Abgrunde schwebend, bald in -die Schluchten tief sich senkend, die der rauschend hinschäumenden -Bergwassern malerisches Bett bilden, wand sich weit, stets die Punkte -aufzusuchen, wo die Schroffe der aufgethürmten Felsmassen oder der -von allen menschlichen Wesen gemiedene Wald das Auge des Forschers am -unwahrscheinlichsten machte. Hoch über uns blitzten die Gewehre einer -Patrouille, deren Blicken die sorgfältig benutzten Vorsprünge und -Biegungen uns entzogen, dann schreckte uns der Lärm eines durch nahes -Gebüsch entfliehenden Ebers; einzelne Bauern, von den militairisch mit -Vor- und Nachtrab marschirenden Führern in mir unbekannter Sprache -befragt, hatten befriedigende Nachrichten gegeben, und selten wurde -der kleine Zug auf einige Minuten gehemmt. Da — schon nicht fern von -der Gränze — ertönte wieder und wieder das gefürchtete „Halt!“ hinter -uns, und da es den eiligen Lauf uns nur beschleunigen machte, bald -auch das Feuern der französischen Douaniers, deren Kugeln uns jedoch -nicht erreichten. Doch plötzlich standen die Führer bewegungslos. -Neue, unausweichbare Gefahr befürchtend warf ich suchende Blicke nach -allen Seiten, als des Guiden gebrochenes „<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">Eh bien, nous voici chez -nous</span>“ mich in den Taumel der höchsten Freude versetzte: die letzte<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -Barriere war ja überschritten, die dem so lange ersehnten, so oft -ausgemalten Glücke noch hindernd im Wege gestanden.</p> - -<p>Bald lag Zugarramurdi, das nächste carlistische Dorf, vor uns. Die -Behörden und die Officiere der dort stehenden zwei Compagnien empfingen -den Ankömmling artig und suchten zuvorkommend alle Dienste zu leisten, -welche meine gänzliche Unkenntniß der Sprache möglich machte, wobei -einer der Officiere, des Französischen kundig, als Dolmetscher diente. -Da sah ich die Braven, von deren Kriegesthaten ich so oft bewundernd -gelesen, an deren Seite zu kämpfen jetzt höchste Ehre und Ziel alles -Strebens mir war.</p> - -<p>Ihr Anblick mußte tiefen Eindruck auf mich machen. Das dunkelgebräunte -Antlitz leuchtete ihnen vom Gefühle hohen Muthes und vom stolzen -Bewußtsein der vollbrachten Thaten, während die Narben, welche ihre -kühnen Züge noch mehr hervorhoben, das schönste Zeugniß der Gefahren -und Leiden bildeten, denen für König und Vaterland sie willig sich -ausgesetzt. Meine Bewunderung stieg, da ich den Zustand wahrnahm, in -dem diese Helden so viele Siege erfochten, so oft der Feinde dräuende -Heerhaufen durchbrochen und vernichtet hatten. Kaum deckten die -Überbleibsel eines hellblauen Rockes die kräftigen Glieder, während -Viele fast barfuß die Felsenwege hineilten oder höchstens durch -schwache Hanfsandalen<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> ihre Füße schützten. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> scharlachfarbiges -oder weißes Basken-Barett (<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la voyna</span>) deckte das Haupt, der Hals -war frei oder von einem seidenen Tuche umschlungen; die Bewaffnung -bestand nur aus dem Tod sendenden Gewehre mit um den Leib geschnallter -schwarzer Patrontasche, an der das Bajonett, oft ohne Scheide -hinabhing. Alles war auf die höchste Leichtigkeit und Beweglichkeit -berechnet: statt des Tornisters trugen sie einen leinenen Beutel auf -dem Rücken, der nur ein Hemd, ein Paar Sandalen und die Lebensmittel -enthielt.</p> - -<p>An preußische Organisation, die elegante Einfachheit der preußischen -Armee gewöhnt, mußte mich im ersten Augenblicke der Anblick dieser -Krieger unangenehm choquiren. Doch schnell bedachte ich, wie unendlich -höher das Verdienst der Männer zu stellen ist, die unter solchen -Umständen nicht verzagten; die, an so vielem sonst für unerläßlich -gehaltenen Mangel leidend, muthig, wenige Hunderte anfangs, gegen -die von allen Seiten zu ihrer Erdrückung heraneilenden Colonnen sich -erhoben, Jahre lang den ungleichen Kampf bestanden, die feindlichen -Massen oft schlugen und aufrieben, bis sie, von ihren Gebirgsvesten -herabbrechend, durch alle Provinzen Spaniens bis zu Gibraltar’s Felsen -und an die Thore von Madrid den Schrecken ihrer Waffen<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> verbreiteten -und die Usurpatorinn auf dem in seinen Grundlagen erschütterten Throne -zittern machten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ferdinand VII., für den sein Volk unermeßliche Ströme edlen -Blutes vergossen, unter dem Spanien, ein Schatten Dessen, was es einst -war und noch sein könnte, von Stufe zu Stufe sinkend sich nur von dem -mit politischen Umwälzungen unzertrennbaren Elend erhob, um in neuen, -wo möglich, noch schmerzlicheren Jammer zurückgestürzt zu werden; — -Ferdinand starb am 29. September 1833 und überließ sein Reich allen -Schrecken eines Bürgerkrieges, den er durch Schwäche hervorgerufen, -dessen furchtbare Folgen er voraussehen mußte, ohne den Muth zu ihrer -Abwendung zu haben. Die Königinn Wittwe Maria Christina nahm sofort von -dem Throne im Namen der unmündigen Infantin Isabella Besitz.</p> - -<p>Doch kaum ward die Nachricht von dem Tode des Königs in den Provinzen -bekannt, als allenthalben muthige Männer sich erhoben, die Rechte des -legitimen Thronerben proclamirend und bereit, den letzten Blutstropfen -in der Bekämpfung der Revolution zu opfern. Der greise Pfarrer Merino, -wegen seiner im Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon vollbrachten -Thaten vielleicht zu sehr gerühmt, sah sich in Alt-Castilien schnell -an der Spitze von mehr denn 20000 M., alle als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios -realistas</span><a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> vollkommen bewaffnet, alle freiwillig für ihren -Herrscher aufgestanden; in den übrigen Theilen des Königreiches fanden -ähnliche Bewegungen, wiewohl in kleinerem<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> Maßstabe, Statt. Ein -entscheidender Schlag hätte Alles enden mögen. Aber schon trat der -Mangel an Einheit, Einigkeit und daher an Energie hervor, der in einer -späteren Epoche so schmerzliche Folgen bereiten sollte. Merino, nach -Alava gezogen, ließ sich in Streitigkeiten über die Verpflegung seiner -Castilianer mit den Anführern in jener Provinz ein, die da behaupteten, -eine jede Provinz müsse ihre Truppen unterhalten, und den Castilianer -deshalb auf Castilien verwiesen. Mangel riß ein; Merino, anstatt fest -auf die Hauptstadt zu marschiren, zauderte fort: der größte Theil -seiner Truppen, seit vielen Tagen ohne Lebensmittel, zerstreute sich.</p> - -<p>Christina aber zitterte. Sie fühlte dem Sturme sich nicht gewachsen, -den ihr Ehrgeiz hervorgerufen, und eilte, dem Fürsten, dessen Platz sie -usurpirt, Vorschläge zu machen. Carl V., damals in Portugal, -nahm sie mit der Verachtung auf, die allein ihnen passende Antwort -war: er kannte sein Recht und fühlte die Pflicht, <em class="gesperrt">ganz</em> es zu -behaupten. Da schon zeigte sich, wie wenig die Anführer der Parthei, -die liberal will genannt sein, sich scheuten, zu den entehrendsten -Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen, wenn sie so dem Ziele ohne Gefahr -sich zu nähern hofften. Sie übersandten dem schon geschwächten, -aber dennoch gefürchteten Merino eine Ordre, mit der verfälschten -Unterschrift Carls V. versehen, durch die ihm geboten ward, -den Rest seiner Truppen, da Kampf nun hoffnungslos, zu entlassen. Der -treuherzige Greis, unfähig, solche Niedrigkeit zu ahnen, vollführte mit -Schmerz seines Königs Befehle.</p> - -<p>Die Anhänger Christina’s triumphirten und benutzten den günstigen -Augenblick zur erbarmungslosen Rache. In allen Städten, im ganzen -Königreiche wurde dem Beispiele der Residenz gemäß unermüdlich -gearbeitet, den überall drohenden Aufstand in Blut zu ersticken, auf -den Leichen der Loyalen sollte die Herrschaft der Usurpation sich -befestigen. Die Kerker wurden bald überfüllt durch die Unglücklichen, -welche in stets erneuten<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Haufen den Hauptstädten zugeschleppt wurden, -die gewöhnlichen Tribunale reichten nicht mehr hin, um so viele -Unschuldige zu verdammen. Militair-Commissionen wurden allenthalben -niedergesetzt, in ihrem Gefolge erhoben sich Schaffotte, bis, da auch -sie zu langsam ihr grausiges Werk vollbrachten, das kriegerische -Erschießen praktischer gefunden wurde. Ein unvorsichtiges Wort, eine -Klage, bloßer Verdacht reichten hin, um Trauer und gränzenloses Elend -den Familien zu bringen; Privathaß und Selbstsucht waren thätig, die -Zahl der Opfer jedes Alters, jedes Geschlechtes zu mehren; ganz Spanien -lag in stummer, wehrloser Verzweiflung, aller Derer beraubt, auf deren -Talente und Edelsinn es seine Hoffnungen gebaut hatte.</p> - -<p>Noch schien Rettung nicht unmöglich. In den baskischen Provinzen und -dem Königreiche Navarra, diesem begünstigten Theile der Monarchie, -hatte lange schon dumpfe Unzufriedenheit gegährt, durch die Besorgnisse -hervorgerufen, welche das Betragen der Regierung für die unschätzbaren -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span> der vier Provinzen rege machte. Während Ferdinand’s -Herrschaft waren diese Privilegien unangetastet geblieben, weil das -Königreich sich stets in solchem Zustande der Verwirrung und Schwäche -befand, daß es Tollheit gewesen wäre, durch Gewalt solche Maßregel -durchzusetzen. Aber sehr wohl wußten die Basken, daß trotz dem diese -Frage mehrfach zur Sprache gekommen; ja in der letzten Zeit waren -wirklich Truppen an ihrer Gränze zusammengezogen. Sie erinnerten -sich, wie heilig diese auf Verträge gegründeten Rechte seien, sie -erkannten, welche Macht die Lage und die Eigenschaften ihres Gebietes -ihnen giebt; sie gedachten auch, wie der Infant Don Carlos im Gefühle -der Gerechtigkeit stets für sie gesprochen, wie einst die schon -beschlossene Aufhebung der Privilegien nur durch seinen Einfluß -rückgängig gemacht wurde. Das brave Gebirgsvölkchen, dafür dankbar, -zauderte nicht.</p> - -<p>Sofort nach Ferdinand’s Tode erhoben sich kleine Schaaren, Carl -V. als König von Spanien, Herren von Vizcaya<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> proclamirend; -am 3. und 4. October brach der Aufstand in Bilbao aus, worauf die -Stadt durch von San Sebastian entsendete Truppen besetzt wurde, in -Vitoria erhob sich das Volk am 7. October. Doch auch hier ward der -erste Versuch blutig niedergeschlagen. Sarsfield, zum General en Chef -ernannt, durchzog das Land und erschoß wie viele Basken, bewaffnet oder -unbewaffnet, in seine Hände fielen, selbst Weiber und Kinder wurden -niedergemetzelt, die Wohnungen verbrannt, alles Werthvolle geplündert, -vernichtet. Seine Untergebenen übertrafen ihn an Grausamkeit. Lorenzo -ließ den edlen Don Santos Ladron, der, ausgezeichnet als General, als -Bürger und als Mensch, an die Spitze des Aufstandes sich gestellt, -im Graben von Pamplona rücklings erschießen, da er durch Verrath ihn -gefangen genommen. Achthundert Mann hatte dieser General vereinigt, -wiewohl zum Theil noch nicht bewaffnet; sie zerstreuten sich auf die -Kunde von dem Tode ihres Chefs, die Wiederherstellung der Ruhe schien -leicht. — Lorenzo ward zum Vicekönig von Navarra erhoben zum Lohne -seiner blutigen That.</p> - -<p>Die Christinos behandelten das Land wie erobert: die Privilegien -wurden nicht länger beachtet, Truppen besetzten die wichtigsten -Stellungen und befestigten die Städte. Dazu wurden Brandschatzungen -erhoben, Arretirungen auf den leisesten Verdacht der Unzufriedenheit -hin vorgenommen, und Hinrichtungen fanden täglich in jedem Theile des -Landes Statt. Das vermochte der Basken Freiheitssinn nicht zu tragen. -In Masse erhoben sie sich gegen die Unterdrücker, welche nur in den -festen Plätzen augenblicklich sichere Zuflucht fanden, einmüthig -unterzogen sie sich, ein erhabenes Vorbild, für die Vertheidigung -ihres Königs und ihres Vaterlandes der Gefahr und allen den Leiden des -Kampfes gegen die zehnfach überlegene Macht des trotzigen Feindes. Doch -wie willig das Ländchen seine Hülfsquellen den eigenen Söhnen öffnete, -es fehlte ihnen an Waffen, an Munition, an einem Führer vor Allem. — -Jene entrissen sie<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> den Gegnern selbst; kleine Siege, die sie anfangs -über einzelne Detachements davon trugen, gaben mit dem Vertrauen die -Mittel zur Bekämpfung auch der mächtigeren Corps. Und der Führer.... -Wer kennt nicht den Helden, der aus ungeübten, wehrlosen Bauern ein -Heer schuf, der an der Spitze seiner kühnen Landsleute die ersten -Feldherren der Monarchie schlug, ihre geübten Armeen vernichtete und -die Trabanten der Usurpation lehrte, was die kleine Schaar vermag, -wenn das Gefühl des Rechtes im Kampfe sie beseelt! Europa hat mit -Bewunderung Zumalacarregui’s Namen wiederholt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist nicht meine Absicht, eine Geschichte der Thaten jenes Feldherrn -zu geben, die Materialien dazu würden mir fehlen, es sei denn, daß ich -zum Abschreiber oder Compilator mich herabwürdigen wollte. Doch wird es -zweckmäßig sein, eine gedrängte Übersicht der Ereignisse hinzustellen, -wie sie bis zu meiner Ankunft in den baskischen Provinzen Statt fanden.</p> - -<p>Don Thomas Zumalacarregui diente in der Armee Ferdinand’s als Oberst -und Commandeur eines leichten Regimentes; sein Commando war ihm, -der nie seine politische Meinung verbarg, genommen, und Christina -sendete ihn als Staatsgefangenen nach Pamplona. Bald gelang es ihm zu -entkommen, nicht, wie die liberalen Blätter oft behaupteten, durch -Verletzung des gegebenen Ehrenwortes; er opferte die Caution, gegen die -es ihm gestattet war, in der Festung anstatt in der Citadelle zu leben. -Baske wurde er von den Basken mit Jubel empfangen, und schnell stellten -ihn seine Talente an die Spitze seiner Landsleute. Da entwickelte er -mit eben so viel Scharfsinn als Thätigkeit das Kriegessystem, dessen -standhafte Durchführung ihn befähigte, den erprobten Generalen Spaniens -siegreich zu widerstehen, die doch gegen seine Bauern ihre altgedienten -Soldaten heranführten. Die Configuration des Landes, bewundernswür<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>dig -benutzt, und genaue Kenntniß der Örtlichkeiten begünstigten ihn in so -ungleichem Kampfe gleichwie die Neigung der Einwohner, welche Gut und -Leben aufs Spiel setzten, um den Kriegern, die ja für sie stritten, -unter denen sie die ihnen Theuren wußten, den Erfolg zu erleichtern, -Nachrichten ihnen zukommen zu lassen und hauptsächlich vor Mangel sie -zu sichern, so oft sie in den wilden Schluchten der Gebirge Zuflucht zu -suchen genöthigt waren.</p> - -<p>Sarsfield, Valdes, Quesada an der Spitze der Armee — so viele andere -Chefs unter ihnen — scheiterten in dem Versuche, den stets wachsenden -Aufstand zu unterdrücken. Zumalacarregui, immer treue Bataillone -bildend und mit außerordentlicher Schnelle sie organisirend, vermied -die stärkeren Corps oder erwartete sie in Stellungen, welche ihre -Übermacht unnütz machten; er griff die kleinen an und vernichtete -sie; er flog von einem Theile des Kriegsschauplatzes zum andern, auf -die verschiedenen Abtheilungen sich zu werfen, wenn sie am wenigsten -den Angriff erwarten konnten. Jeder Tag brachte neue Triumphe, jeder -Tag mehrte mit den Verlusten den Schrecken des Feindes. Seine Siege -gaben dem General die Mittel zur Bewaffnung neuer Corps, wie sie das -Vertrauen seiner Landsleute zu anbetender Begeisterung hoben, die -kaum mehr steigen konnte, als im Juli 1834 Carl V. selbst, von -England unerwartet abgereiset, in den Provinzen anlangte. Doch hatten -die feindlichen Truppen noch alle wichtigeren Punkte, alle Städte -besetzt und größtentheils befestigt, ihre Colonnen durchzogen das -ganze Land, die Garnisonen erneuernd, verproviantirend und schützend. -Zumalacarregui war auf seine Gebirge — das Land im Allgemeinen — -beschränkt, und selten noch gelang es ihm, irgend eines Forts sich zu -bemächtigen: seine Angriffsmittel waren zu klein, als daß sie raschen -Erfolg möglich gemacht hätten, und die christinoschen Divisionen eilten -herbei, die kaum begonnene Belagerung aufzuheben. Lange Zeit besaßen -die Carlisten nur ein Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>schütz, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el abuelo</span> — der Großvater — -genannt, welches viele Jahre vergraben gewesen war. Dann verstärkten -sie nach und nach ihre Artillerie durch Kanonen, die in den Seehäfen -halb in die Erde gegraben zum Anbinden der Schiffe gedient, und durch -einige Stücke, welche seit Mina’s Zeiten in den Klüften verborgen -gewesen.</p> - -<p>Solche waren die Mittel, mit denen die Basken den Kampf gegen die Macht -der Monarchie begannen; erst nach Jahren konnten sie die Fabriken -und Werkstätten jeder Art etabliren, die ihnen dann alles Material -lieferten, ohne welches der Krieg sonst unmöglich scheint.</p> - -<p>Kaum war Don Carlos in den Provinzen<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> angekommen, als General Marquis -Rodil, der so eben von Portugal mit der Armee, welche gegen Don Miguel -operirt hatte, als Oberbefehlshaber gesendet war, jene fantastische -Verfolgung begann, die ohne irgend ein günstiges Resultat für die -Christinos so sehr zu der Schwächung ihrer militairischen Operationen -beitrug. In dieser Verfolgung zeichnete sich Carl V. durch -die Größe und Festigkeit in Ertragung des Härtesten aus, die die -Bewunderung der Seinen, die Achtung auch seiner empörten Unterthanen -ihm erwarben. Nur von einigen Hunderten, der ausgesuchtesten -Mannschaft, unter des treuen Eraso Führung begleitet, irrte der König -Monate lang durch die wilden Gebirgszüge der Pyrenäen, verfolgt, -umringt von vier und fünf Colonnen, die nur diesem Zwecke bestimmt -waren. Da duldete der König alle die Entbehrungen und Drangsale, -die in solchem Maße sonst kaum dem Soldaten in den unglücklichsten -Verhältnissen zu Theil werden. Viele Meilen weit klimmte er, auf -den Arm eines Begleiters gestützt, über die Felsen und Abgründe, wo -Pferd und Maulthier dem gefährlichen Marsche nicht länger<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> zu folgen -vermochten; weder Sturm noch Kälte noch oft der Fuß hohe Schnee konnten -als Vorwand dienen zu augenblicklicher Ruhe, denn der die Beute -erlauernde Feind war stets auf den Fersen. Wie oft forderte der Monarch -ein Stück Brod vom bewährten Diener, der mit Thränen im Auge schweigend -die Stärkung versagte, da Alles aufgezehrt; wie oft diente der rauhe -Felsen, gefrorener Schnee ihm zum Lager, auf dem er, in die Decke eines -seiner Soldaten gehüllt, erschöpft den erquickenden Schlaf suchte! — -Carl V. bewährte, daß er, wenn nicht energisch genug, um der -Intrigue und dem Verrath der Seinen fest sich entgegenzustellen, mit -immer gleicher Seelengröße über persönliche Leiden erhaben ist. — Und -die Vorsehung war mit ihm. Wie durch Wunder entging er allen Listen, -allen Schlingen der schlausten Führer des Feindes, der oft nur um -Minuten sein Opfer verfehlte.</p> - -<p>Während aber die Hauptmacht der Christinos in der Verfolgung eines -Schattenbildes, welches sie nie erreichen sollte, Zeit und Kraft -vergeudete, benutzte Zumalacarregui trefflich die Muße, welche sie -ihm gönnte. Schon wenige Tage nach der Ankunft Sr. Majestät — am 21. -Juli und 1. August 1834 — hatte er rühmliche Gefechte bestanden; -dann nahm er mehrere feste Punkte, rieb feindliche Abtheilungen auf -und machte selbst wiederholt Einfälle in Castilien, um Waffen vor -Allem und sonstige Kriegsbedürfnisse sich zu verschaffen. Er durchzog -die fruchtbare Rioja zu beiden Seiten des Ebro, schob sich kühn und -gewandt zwischen die Colonnen der Generale O’Doyle und Osma, die -combinirt bei der Rückkehr ihn auffangen wollten, und vernichtete sie -ganz in den beiden Actionen des 27. und 28. October zwischen Vitoria -und Salvatierra. Der gefangene O’Doyle ward erschossen, da die Feinde -fortwährend der Carlisten Aufforderung, gegenseitig Pardon zu geben, -zurückgewiesen. — Am Ende des Jahres 1834 zählte Zumalacarregui -achtzehn Bataillone unter seinem Commando.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span></p> - -<p>Rodil, am Erfolge verzweifelnd, hatte den Oberbefehl der christinoschen -Armee niedergelegt; Mina war an seiner Stelle ernannt worden. Seine -herrlichen Kriegsthaten im Unabhängigkeitskriege sind bekannt; das -Theater, auf dem er nun zu wirken bestimmt wurde, war dasselbe, welches -damals seinen Unternehmungen so günstig sich bewiesen. Bald aber erfuhr -er, wie verschieden sein jetziger Auftrag von der Aufgabe war, der er -sich einst freiwillig mit so glänzendem Erfolge unterzogen. Dazu war -er kränklich und häufig gehindert, selbst die Operationen zu leiten. -Seine untergeordneten Generale erlitten wiederholte und sehr bedeutende -Niederlagen, die Lage der Dinge wurde täglich mißlicher, Zumalacarregui -nahm mit seiner einen Kanone mehrere Forts — so das wichtige <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los -Arcos</span> — unter Mina’s Augen. Nachdem der alte Guerrilla-Chef seine -Wuth in nutzlosen Grausamkeiten gegen Landleute und Weiber, wie in -Niedermetzelung der wenigen Gefangenen geäußert, die ihm in die Hände -gefallen, entsagte auch er mißmüthig dem Commando, welches er unter so -großen Hoffnungen seiner Parthei auf sich genommen.</p> - -<p>Valdes, zugleich Kriegsminister, erhielt nochmals den Heerbefehl: die -Vereinigung der beiden Gewalten in eine Hand sollte den Operationen -ganz besonderen Schwung geben. In der That brach der neue General -im April 1835 mit zwei und vierzig Bataillonen nach dem Innern der -Provinzen auf; nie vorher war eine so starke Macht auf einem Punkte -disponibel gewesen, aber auch nie war die Noth so dringend. Einige der -festen Städte Vizcaya’s und Guipuzcoa’s waren gefallen, andere wurden -hart bedrängt und mußten unmittelbar entsetzt werden, da die Colonnen -in der letzten Zeit nicht mehr bis zu ihnen hatten durchdringen und die -nöthigen Bedürfnisse ihnen bringen können.</p> - -<p>So wie Valdes Miene machte vorzudringen, eilte Zumalacarregui herbei -und begleitete beobachtend seinen Zug; in einer<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> günstigen Stellung im -Gebirge, wenige Meilen von Estella entfernt, stellte er den Christinos -sich entgegen und griff sie trotz ihrer unendlichen Überlegenheit an. -Zwei Divisionen wurden geworfen und gesprengt, doch die Cordova’s -leisteten kräftigen Widerstand; der carlistische Feldherr brach den -Kampf ab, die Feinde aber, schon entmuthigt und für jetzt ihren Plan -aufgebend, traten den Rückzug an. Da, als schon die Nacht angebrochen, -warf sich Zumalacarregui von Neuem auf die feindliche Armee, panischer -Schrecken ergriff sie, Verwirrung riß ein, wie nie zuvor, Jedermann -glaubte den Feind zu sehen und schoß auf Jedermann, die Divisionen -alle flohen in wildester Unordnung auf Estella, Waffen, Gepäck und -Czakos fortwerfend, um leichter zu fliehen. Erst nach mehrern Tagen -konnten die Aufgelöseten wieder einigermaßen geordnet werden. Bald -ward Espartero, der von Bilbao aus auf der Heerstraße vordrang, um das -belagerte Villafranca zu entsetzen, eben so vollständig auf den Höhen -von Segura geschlagen, Iriarte nahe Bilbao geworfen. Valdes erkannte -die Unmöglichkeit, die festen Punkte im Innern der Provinzen länger zu -halten. Er ließ die noch nicht genommenen räumen und begnügte sich, die -Ebrolinie und die Forts der Seeküste zu behaupten, so daß die Carlisten -nun ganz Vizcaya und Guipuzcoa mit Ausnahme der Hafenstädte, die Hälfte -von Navarra und Alava, wo Vitoria den Feinden blieb, in ihrer Gewalt -sahen. So lange die Entscheidung des Krieges den Waffen überlassen -blieb, behaupteten sie dieses ihr Gebiet gegen alle Anstrengungen der -Christinos.</p> - -<p>Das liberalisirte Spanien erhob seine Stimme gegen Valdes, da es so -Viel ihn aufgeben und durch den Rückzug hinter den Ebro seine Schwäche -ihn eingestehen sah; er ward selbst als Verräther bezeichnet und bald -genöthigt abzutreten. Doch war während seines Oberbefehls noch eine -wichtige Veränderung geschehen. Der Krieg war bis dahin ein Kampf -auf Leben oder Tod gewesen, und wenn ja ein Mal Gefangene gemacht -und<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> erhalten waren, so war dieses nur der Großmuth des carlistischen -Feldherrn zuzuschreiben, der umsonst wiederholt gegenseitige Schonung -beantragt hatte. Die Christinos hatten in jener Zeit so selten -Gelegenheit, praktisch ihre Gesinnungen zu zeigen, daß man nicht wissen -kann, ob sie sonst nicht auch solcher fortwährenden Schlächtereien müde -geworden wären. So wie die Sachen standen, ließen sie nie den wenigen -Gefangenen, die sie machen konnten, Gnade angedeihen, erhoben aber -jedes Mal ein gewaltiges Zetergeschrei, wenn, diese Ausschweifungen so -wie die Excesse der empörendsten Art gegen die Bevölkerung zu rächen -und zu zügeln, auch die Carlisten zu Gewalt-Maßregeln schritten.</p> - -<p>Diese wechselseitigen Grausamkeiten mußten Europa’s Aufmerksamkeit -und Abscheu erwecken. Lord Elliot, vom Tory-Ministerium deshalb -entsendet, brachte nach einigem Unterhandeln eine Übereinkunft zwischen -den Führern der beiden Armeen zu Stande, nach welcher die Gefangenen -als solche behandelt und ausgewechselt, so wie überhaupt die unter -civilisirten Völkern herrschenden Kriegesgebräuche auch auf diesen -Bürgerkrieg ausgedehnt werden sollten. — Jedoch nur in den Heeren, -die Navarra und den baskischen Provinzen angehörten! — Die Anträge -Zumalacarregui’s, diesen Vertrag auf ganz Spanien auszudehnen, wiesen -die Verkünder „der Aufklärung und zeitgemäßer Ideen“ entschieden zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die respektive Lage der Armeen war ganz geändert. Bisher hatten die -Christinos noch immer die Meister der baskischen Provinzen sich -nennen dürfen, da sie ihnen stets offen und die Hauptpunkte derselben -von ihren Truppen besetzt waren; sie bemühten sich den Aufstand der -Bergbewohner zu unterdrücken. Die Carlisten dagegen bildeten ein -wanderndes Heer, welches ohne weitere Stützpunkte, als die das Terrain -ihm bot, in den<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Provinzen umherzog und dem Feinde so viel Schaden -that wie möglich, ohne für sich mehr Vortheile zu erlangen, als welche -es mittelbar und für die Zukunft durch der Feinde Schwächung hoffen -durfte. — Nun war jenes Gebiet den Christinos geschlossen; die -Royalisten setzten in ihm sich fest wie in dem Kerne ihres Reiches, -während das Hauptstreben der Revolutions-Armee auf lange Zeit sich -beschränkte, die Ausdehnung des Aufstandes nach den andern Theilen des -Königreichs zu verhindern.</p> - -<p>Lange schon hatte Bilbao, reich durch Handel, wichtig als Seehafen, -die Aufmerksamkeit der Carlisten auf sich gezogen. Zumalacarregui, -dem schon ein leichter Versuch, der Stadt sich zu bemächtigen, -fehlgeschlagen, wandte plötzlich mit seiner Hauptmacht (er commandirte -schon dreißig Bataillone) sich nach Vizcaya und betrieb sofort die -Belagerung mit höchstem Nachdruck. Das feindliche Heer war durch die -unaufhörlichen Niederlagen und Verluste so geschwächt, es war vor Allem -so ganz demoralisirt, daß jeder Versuch zum Entsatz zurückgewiesen -wurde: die Stadt, erst während des Krieges befestigt, war auf dem -Punkte, sich zu ergeben. Da traf der herbste Schlag die carlistische -Armee, der mehr als verlorene Schlachten Verderben ihr brachte. Ihr -großer Feldherr ward am 16. Juni 1835 in seinem Logis von einer -Flintenkugel leicht im Beine verwundet und starb bald. — Das Volk -schrie über Vergiftung durch bestochene Wundärzte. Wahrscheinlicher -ist, daß die ruhelose, energische Heftigkeit, welche den General -charakterisirte, durch Entzündung des Blutes die Wunde tödtlich -gemacht. — Der König ehrte das Andenken des ruhmvoll Hingeschiedenen, -indem er den Titel eines Herzogs des Sieges in der Familie erblich -machte.</p> - -<p>Die nächsten Folgen schon waren furchtbar. Die Sieges-Laufbahn, welcher -die Armee ununterbrochen gefolgt und die unter Zumalacarregui’s -Leitung zu rascher Beendigung des Krieges sie führte, wurde gehemmt, -Muthlosigkeit ergriff die Truppen, da sie den angebeteten Führer nicht -mehr an ihrer Spitze<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> sahen: es gelang Cordova, der so eben an Valdes -Stelle den Oberbefehl übernommen, das bedrohete Bilbao zu entsetzen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dem greisen Moreno ward das Commando des verwaiseten Heeres anvertraut, -der ein lange gedienter und erfahrener General, wenn er Zumalacarregui -nicht ersetzen konnte, gewiß der Würdigste war, ihm zu folgen, da -der edle Eraso, schon dem Tode nahe, den Befehl abgelehnt. Doch wie -geeignet Moreno zur Vollendung des hohen Werkes sein mochte, welches -sein Vorgänger so gewandt wie glücklich durchgeführt, sein Commando -begann mit Unglück, dem höchsten Verbrechen in solchem Kriege. -Genöthigt, Bilbao aufzugeben, eilte er auf dem kürzesten Wege nach dem -entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters und warf sich auf das feste -Puente la Reyna, dessen Wegnahme den Eintritt in das christinosche -Navarra und Aragon ihm sichern sollte. Cordova flog zur Hülfe der -bedrängten Veste; die Schlacht bei Mendigorria wurde geschlagen. -Übermacht trug über die Tapferkeit den Sieg davon, und wohl hätte -dieser Tag von unheilvollstem Einflusse für die Sache des Königs sein -mögen, wenn der feindliche Feldherr den Vortheil zu benutzen gewußt -hätte, den ein Zufall ihm in die Hände gespielt. Doch der Sieg war noch -den Christinos zu neu; sie geriethen in Unordnung, wagten nicht, die -Geschlagenen zu verfolgen und ließen ihnen Zeit, um sich sammeln und -den Siegern die Früchte ihres Glückes entreißen zu können. Doch war -Puente la Reyna gerettet, und die christinosche Armee hatte erkannt, -daß ihre Gegner nicht unbesiegbar waren, sie wagte wiederum Vertrauen -in sich selbst zu setzen und dem panischen Schrecken zu widerstehen, -der sonst bei dem Anblicke der gefürchteten Bergbewohner sie ergriffen. -Die Cavallerie aber der Christinos datirte von jenem Tage das -Übergewicht, welches sie unleugbar seitdem über die Carlistische der -Nordprovinzen behauptete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>Cordova stand also an der Spitze der constitutionellen Armee. Ganz ohne -Grundsätze oder Festigkeit des Charakters hatte er bald Royalist, bald -liberal sich gezeigt, heute den Gemäßigten gehorsam, morgen fest der -exaltirten Parthei sich anschließend; und bei Ferdinand’s Tode zwischen -Carl V. und der Königinn Wittwe schwankend würde er nun zum -eifrigen Republikaner werden, wenn er den Sieg der Republik für nahe -halten, sich durch sie gehoben hoffen sollte. Ehrgeiz, ungemessene -Ehrsucht ist seine herrschende Leidenschaft. Reißend schnell stieg -er zu den höchsten Graden im Heere, ohne je im Kriegsdienste sich -ausgezeichnet zu haben: er war bis zum Bürgerkriege stets als Diplomat -beschäftigt gewesen, und als solcher, kaum ein Dreißiger, General -geworden. Aber er hatte sich im Jahre 1823 eifrig absolutistisch -gezeigt, er war feiner Hofmann, gewandt in der Intrigue und <em class="gesperrt">bei -den Frauen</em> beliebt; seine Talente, wenn auch nicht als Militair, -sind hoch. In den Nordprovinzen zeigte er persönliche Bravour und in -verwickelten Lagen viele Besonnenheit<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</p> - -<p>Cordova erkannte bald, daß er nicht hoffen dürfe, durch Befolgung des -bisherigen Systems endlichen Sieg über die Carlisten zu erringen, daß -im Gegentheil dadurch sein Heer dahinschwinden und seine numerische -Überlegenheit endlich ganz verlieren müsse, da selbst die einzelnen -Siege, die es davon trug, es schwächten, ohne entsprechende Vortheile -herbeizuführen. Er adoptirte daher eine andere Methode. Die Carlisten -sollten in dem Gebiete, welches sie inne hatten, blockirt, jede Zufuhr -ihnen abgeschnitten und sie so, ganz auf sich reducirt, durch Mangel -zur Unterwerfung gezwungen werden. Er umringte zu diesem Zwecke die -Provinzen mit den sogenannten Linien — festen Plätzen, die von -Distance zu Distance und aus jedem strategisch wichtigen Punkte -errichtet, seinen Truppen als Stützpunkt dienen, dem Feinde, soutenirt -wie sie waren durch mobile Colonnen, das<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Ausbreiten seiner Herrschaft -über ihre jetzigen Gränzen hinaus erschweren und ihn hindern sollten, -über sie hinaus in die fruchtbaren Niederungen Streifzüge wie bisher zu -unternehmen. Diese Linien erstreckten sich von der Gränze Frankreichs -nach Pamplona (Linie von Zubiri), längs der Arga zum Ebro und diesem -Strome entlang nach Alava; von dort sollte sie durch das Gebirge bis an -das Meer fortgesetzt werden, doch gelang es den Christinos nie, diesen -Theil des Werkes ganz zu vollenden, da die Befestigungen, welche sie -wiederholt in Valmaseda und andern Punkten versuchten, stets wieder -zerstört wurden. Dann besaßen sie alle Hafenpunkte bis San Sebastian, -von wo eine Linie durch das Bastan-Thal zur Vereinigung mit der von -Zubiri auf spätere Zeiten projektirt wurde, die dann die Umschließung -vollendet hätte.</p> - -<p>In der That war Cordovas Plan gut berechnet. Verstümmelt und -unvollendet, wie er in der Ausführung noch war, brachte er doch -die Regierung Carls V. in große Verlegenheit, da während -einiger Zeit die Zufuhr aus Frankreich durch strenge Verbote fast -ganz unterbrochen war. Als der Plan aber gerade durch Theurung -und in ihrer Folge entstehende Unzufriedenheit seine Wirkungen zu -äußern begann, ward Louis Philipp oder sein Minister vermocht, jene -Prohibitiv-Maßregeln zurückzunehmen, so daß die Carlisten dem Mangel an -Lebensmitteln immer aus jenem Königreiche abhelfen konnten.</p> - -<p>Während Cordova mit der Ausführung seines Lieblings-Projekts -beschäftigt war und deshalb von Pamplona nach Vitoria und zurück -hin und herzog, allenthalben die zu errichtenden Werke zu dirigiren -und gegen den Andrang des Feindes zu decken — waren neue Massen -hinzugekommen, das treue Bergvölkchen zu bekriegen und die verhaßte -Herrschaft der Tochter Ferdinand’s ihm aufzudringen. Schon am 22. April -1834 hatten England, Frankreich und Portugal mit der revolutionairen -Regierung Spaniens den Quadrupel-Vertrag abgeschlossen, durch<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> den -jene Nationen sich verbindlich gemacht, nöthigen Falls Isabella zu -unterstützen. Die Christinos hatten dringend diese Hülfe reclamirt, -ohne die sie nicht länger dem wachsenden Strome sich widersetzen -zu können glaubten. Louis Philipp sendete daher die französische -Fremden-Legion, welche acht Bataillone und einige Escadronen stark -bisher die Araber bekämpft, von Algier nach Catalonien, von wo sie -langsam nach Navarra sich in Marsch setzte. Sie zeichnete sich aus -durch die nordische Bravour, der der Spanier nie staunende Bewunderung -versagen kann. — Zugleich hatte Oberstlieutenant de Lacy Evans die -Erlaubniß des britischen Ministeriums erlangt, um in den vereinigten -Königreichen ein Hülfscorps anzuwerben, welches auch, da Versprechungen -nicht gespart wurden, rasch errichtet war. Die Leute bestanden aus dem -Abschaum des Pöbels der drei Königreiche; die Officiere dagegen, unter -denen Viele der englischen Armee angehörten, verdienten desto mehr -Auszeichnung, daß sie mit solchem Stoffe so viel leisten konnten.</p> - -<p>Evans, der mit den Ergänzungen, die nach und nach von England -anlangten, etwa 16000 Mann nach Spanien führte, landete mit seinem -noch undisciplinirten Haufen in San Sebastian, von wo er, bei einer -Recognoscirung gegen Hernani von General Gomez zurückgewiesen, nach -Bilbao aufbrach, welches wiederum bedroht war. Nach dessen Entsetzung -zog er langsam nach Vitoria, wo die Legion während des Winters -größtentheils unthätig blieb, mit ihrer Organisation beschäftigt. -Krankheiten rissen ein, durch die unmäßige Lebensart der Leute -hervorgerufen, und rafften viele Hunderte in entsetzlichem Elende -hin; dazu gesellte sich schon Unzufriedenheit, veranlaßt durch den -häufigen Mangel an Sold und selbst an den ersten Bedürfnissen, zu deren -Befriedigung, wie Engländer sie mochten erwartet haben, den spanischen -Behörden oft der Wille, stets die Mittel fehlten.</p> - -<p>Zu diesen beiden Legionen kam bald eine portugiesische Division<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> unter -dem Baron das Antas, 6000 Mann stark, die, nachdem sie in Castilien -operirt, im nächsten Jahre in Vitoria anlangte, wo sie fast ohne Kampf -blieb, bis sie kurz vor ihrer Zurückrufung den Versuch, sich einmal -thätig und nützlich zu zeigen, mit einer Niederlage büßte.</p> - -<p>So hatten sich zu den Massen, welche Christina zur Erdrückung der -braven Basken aufgeboten, fast dreißigtausend Fremde gesellt. Wer -hätte da ferneren Widerstand für möglich gehalten? Carl V. -aber, im Gefühle seines Rechtes und dessen, was er den Seinen schuldig -war, zugleich hoffend, daß wohl Manche der Eindringlinge frühzeitig -gewarnt dem drohenden Geschicke nicht sich unterziehen würden, hatte -auf die erste Nachricht der beabsichtigten Werbung im Juni 1834 die -Proclamation erlassen, durch welche er die fremden Corps, welche in -der rein die spanische Nation betreffenden Successions-Frage die -Usurpations-Herrschaft aufrecht zu erhalten kämen, für ausgeschlossen -von den Wohlthaten des Elliot’schen Vertrages erklärte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Moreno, dessen Bedachtsamkeit, durch die Schwäche des Alters oft in -Zaudern ausartend, die Thatenlust der Carlisten nicht befriedigte, war -durch den Grafen Casa Eguia ersetzt, welcher alsbald das carlistische -Gebiet nach Süden hin zu sichern und durch Wegnahme der Küstenplätze -die Verbindung zur See zu eröffnen, den Rücken sich zu decken -suchte. San Sebastian war schon eng blockirt, es ward mit Parapeten -eingeschlossen, und wenn es auch den Basken ganz an den Mitteln zur -Belagerung einer so starken Festung gebrach, brachten sie sie doch in -große Gefahr, da sie weder wohl verproviantirt, noch mit dem nöthigen -Kriegesmaterial versehen war. Da sandten die französischen Behörden -von Bayonne aus das Fehlende. — Die andern Forts aber fielen eines -nach dem andern während des Winters. Guetaria und Plencia, Mercadillo, -das zum Stützpunkt<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> der Linie in Vizcaya bestimmte Valmaseda, endlich -Lequeytio fielen trotz aller Anstrengungen der Christinos, mit den -Forts eine herrliche Artillerie und Tausende von Gefangenen, in -den ersten Monaten 1836 in die Gewalt der Carlisten. Umsonst hatte -Cordova zu Vitoria seine Streitkräfte vereinigt und von dort aus -Demonstrationen zur Rettung der bedrängten Vesten versucht. Am 16. -und 17. Januar griff er, mit Evans vereinigt, 28,000 Mann stark in -drei Colonnen die verschanzte Stellung von Arlaban an, um nach dem -Innern von Guipuzcoa auf Oñate zu dringen. Er nahm und zerstörte die -Verschanzungen, ward aber am dritten Tage kräftig angegriffen und -mit schwerem Verluste nach Vitoria ganz ohne Erfolg zurückzukehren -gezwungen. Die Verschanzungen waren nach wenigen Tagen wieder -errichtet. Cordova aber wußte einen pompösen Bericht über die Schlacht -von Arlaban zu geben, die so ganz seine Unfähigkeit gezeigt hatte, da -während der beiden Tage, welche seine Truppen im entsetzlichsten Wetter -auf der genommenen Höhe campirten, nur wenige Stunden von Vitoria -entfernt, auch das Nothwendigste ihnen mangelte.</p> - -<p>Während der Monate März und April waren einzelne Gefechte in Vizcaya -erfolgt, so bei Orduña am 6. März, dem die Wiederbesetzung von -Balmaseda durch Ezpeleta folgte, wo er jedoch bald angegriffen wurde -und bedeutende Verluste erlitt. Evans aber, dessen Legion während -der Winterruhe exercirt und organisirt war, zog in den ersten Tagen -des Mai’s nach San Sebastian, welches, auf Flintenschuß-Weite von -den Parapeten der Belagerer umgeben, täglich mehr bedrängt wurde. -Kurz vorher hatte die englische Flotte an der spanischen Küste Befehl -erhalten, thätig gegen die Carlisten mitzuwirken. Am 5. Mai griff -Evans die Verschanzung von San Sebastian an; die vier Bataillone, -welche sie vertheidigten, fochten mit Löwenmuth, der auch der Gegner -Bewunderung erregte. Sturm auf Sturm ward abgeschlagen. Erst als -ein gerade anlangendes englisches<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Dampfschiff mit seinem schweren -Geschütze eine Bresche in die schwachen Werke geöffnet, als dann der -brave Anführer der Carlisten, General Segastibelza, gefallen, konnten -die übermächtigen Briten die Linie und in ihr drei Geschütze nehmen.</p> - -<p>Die Carlisten ließen der Bravour der Engländer Gerechtigkeit -widerfahren, da sie gestanden, daß solche Todesverachtung ihnen -unbegreiflich sei; auch ich, so oft ich gegen sie gefochten, mußte -bedauern, daß solche Soldaten nicht für eine bessere Sache starben. -Auch hier erkauften sie theuer den Sieg: sechszehnhundert Mann war -der Verlust der Christinos — mehr als die Hälfte davon Engländer — -während ihre Feinde nicht ganz dreihundert Mann verloren hatten.</p> - -<p>Evans drang dann bis Passages vor, welches er besetzte und durch -Schanzen deckte, während die Carlisten, jetzt zu schwach, theils ihm -gegenüber leichte Brustwehren errichteten, theils die Vorbereitungen -zu kräftigem Angriffe trafen, so wie Verstärkung anlangen würde. Eguia -war auf die Nachricht von der Action bei San Sebastian von Vitoria, wo -er Cordova’s Armee beobachtete, nach Hernani geeilt, ward jedoch durch -die Demonstrationen dieses Generals sogleich nach Alava zurückgerufen. -In der That drang Cordova am 21. Mai nach Guipuzcoa vor und nahm mit -schwerem Verluste die schon früher eroberten Höhen von Arlaban; er -bedrohete Oñate, besetzte Salinas und Villareal de Alava, zu dessen -Befestigung er alles Nöthige mit sich führte, ward zwar geworfen, drang -aber nochmals in Salinas ein, bis er, von Eguia mit zwei Colonnen in -Flanke und Rücken bedroht, sich zurückzog und am 25. wieder in Vitoria -anlangte, ohne das geringste Resultat erlangt zu haben. Die reiche -Stadt Villareal und mehrere Dörfer hatte er in Schutthaufen verwandelt. -Er befand sich wenige Tage später in Madrid, der Regierung, die gerade -eine bedeutende Veränderung getroffen, die Lage der Dinge und die bei -dem Mangel an jeder Resource täglich zunehmenden Schwierigkeiten selbst -darzulegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<p>Die royalistische Armee bestand, da ich in Spanien anlangte, aus neun -und dreißig Bataillonen, welche zwanzig bis zwei und zwanzig tausend -Mann enthielten, und etwa fünfhundert Pferden. Die Bataillone der -Carlisten waren immer sehr schwach, gewöhnlich fünf oder sechshundert -Mann zählend, oft auf dreihundert sinkend, wofür der Grund wohl in dem -Streben liegt, ihre Zahl dem Feinde größer scheinen zu machen, als sie -es war. Auch scheute ein solches Bataillon sich nie, ein feindliches, -oft doppelt starkes anzugreifen: war die Zahl der Bataillone auf beiden -Seiten dieselbe, so wurden die Corps von gleicher Stärke geschätzt. -— Bisher hatten die carlistischen Feldherren sich bemühet, von den -baskischen Provinzen als Grundlage ausgehend, nach und nach sich -auszudehnen, so die Mittel zu fernerem Kampfe zu vermehren, bis das -Übergewicht der Macht bei Schwächung des Gegners den entscheidenden -Sieg möglich machte. Hätten sie nie diesen Plan verlassen! Doch schon -verzagten sie an der Möglichkeit seiner Ausführung, und glaubten durch -die befestigten Linien und die Übermacht der Feinde auf das Gebiet sich -beschränkt, welches sie nun besaßen, und das freilich als unnehmbare -Veste mußte angesehen werden; wenig belehrt durch die Erfahrung, die -doch der unglückliche Ausgang der Expedition ihnen aufgedrungen, welche -Guergue’s Division im Jahre 1835 nach Catalonien versucht, sprachen -sie von der Nothwendigkeit, durch die Aussendung kleiner Corps die -baskischen Provinzen, so hart gedrückt, zu erleichtern, den Aufstand -nach den andern Theilen Spaniens zu tragen und ihn, wo er schon -ausgebrochen, zu ermuntern oder doch die Hülfsquellen der Monarchie -durch solche Kriegeszüge auszubeuten und den Feinden zu entreißen. -Da Casa Eguia diesen Expeditionen ganz entgegen war, arbeiteten ihre -Vertheidiger an seinem Sturze.</p> - -<p>Im Halbkreise um die aufgestandenen Provinzen her bewegten sich -die Schaaren, welche Isabella’s Herrschaft aufrecht hielten; für -den Augenblick beschränkten sie sich, der Carlisten<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> Vordringen zu -verhindern. Sie zählten über hundert und zwanzigtausend Mann, von denen -fast die Hälfte in den zahllosen Garnisonen zersplittert war, welche -Cordova um die Provinzen errichtet hatte. Über etwa funfzig spanische -Bataillone, durchschnittlich neunhundert Mann stark, nebst den fremden -Corps konnte der Obergeneral für seine Operationen verfügen. Eine -mobile Colonne — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de la rivera</span>, des Flußthales, genannt — stand -in Navarra, bald stärker, bald schwächer, doch nie unter sechstausend -Mann zählend; ihr war die Deckung der Arga-Linie aufgetragen, während -die französische Legion, von Pamplona aus operirend, die Linie -von Zubiri schützte und oft heiße Kämpfe mit dem unternehmenden -Befehlshaber Navarra’s, General D. Francisco Garcia, bestand. Diese -Legion war mit Ausnahme einiger Compagnieen ganz aus Deutschen, -großen Theils Deserteuren, zusammengesetzt, und wie niedrig sie auch -moralisch standen, bewährten sie dem Feinde gegenüber sich doch so -deutsch, daß endlich der nahende Schall ihrer Trommeln hinreichte, -um die navarresischen Bataillone, so oft sie etwas gegen die Linie -unternommen, durch Zurückführung der schweren Geschütze zum Weichen -sich vorbereiten zu machen; und die Navarresen sind nicht feig. Aber -furchtbar blutig erkaufte die Legion den Ruf solcher Tapferkeit.</p> - -<p>Auf dem linken Flügel der christinoschen Armee im westlichen Vizcaya -stand gleichfalls ein abgesondertes Corps, den Umständen nach aus zehn -bis vierzehn Bataillonen bestehend, oft durch eine zweite Division -verstärkt; dennoch konnte es seinen Auftrag, die dort projectirten -Forts zu errichten und zu decken, nie durchführen. General Cordova -mit der Hauptarmee zog bald den Bewegungen der Carlisten folgend in -der reichen Rioja, südlich vom Ebro, und in Unter-Navarra umher, bald -stellte er sich beobachtend und drohend zugleich in der Hochebene -Alava’s auf, bereit, nach Navarra sich zu wenden oder den bedrängten -Garnisonen Vizcaya’s zu Hülfe zu eilen. Die Configuration<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> des -Kriegsschauplatzes ließ ihn nicht selten zu spät zur Rettung kommen. -Etwa dreitausend Pferde, welche am Ebro standen, schlossen sich -entweder dem Hauptcorps oder der Colonne der Rivera an.</p> - -<p>Ganz in dem Rücken der carlistischen Armee endlich hielten die -Christinos Bilbao inne, mit starker Besatzung versehen, und San -Sebastian, wo Evans das Commando übernommen hatte und Großes versprach, -weshalb er durch mehrere spanische Bataillone von Navarra<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> und -Vizcaya aus verstärkt wurde. Ein gefährlicher Punkt in der That, der -die höchste Aufmerksamkeit der Feldherren Carls V. verdiente: -ein starkes Corps, von dort aus im Herzen der Provinzen operirend, -gut geleitet und in steter Combination mit den Bewegungen des -Hauptheeres, mußte alle Anstrengungen der Carlisten paralysiren, -da es zu immerwährender Zersplitterung ihrer Macht sie zwang und -sie hinderte, irgend Entscheidendes zu unternehmen oder errungene -Vortheile zu benutzen, indem es sofort nach dieser schwachen Seite sie -zurückrief. Ein solches Corps konnte entscheidend werden, da es im -Rücken des Feindes, im Innern seines Gebietes ihn immer bedrohete und -die mindeste Nachlässigkeit und Schwäche benutzen konnte, so daß die -Früchte der Siege, ja der Bewegungen aller andern Colonnen zu sammeln -ihm überlassen blieb.</p> - -<p>Evans verstand nicht solche Vortheile zu würdigen, die der Werth seiner -Truppen noch unendlich ihm erleichtern mußte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Diese Hanfsandalen, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">alpargatas</span>, werden in dem -größten Theile Spaniens von den unteren Classen statt der Schuhe -getragen und bilden, mit farbigen Bändern am Beine befestigt, eine eben -so niedliche wie in der trockenen Jahreszeit passende Fußbekleidung. In -einigen Provinzen tragen die Bauern auch Sandalen aus einem viereckigen -Stücke gegerbten oder rohen Ochsenfelles; diese wurden jedoch von den -Soldaten nur im Falle augenblicklicher Noth getragen, während die -alpargatas in der Armee allgemein waren.</p> - -<p>Übrigens war die carlistische Armee späterhin oft sehr gut uniformirt; -so stets die Divisionen beim Ausmarsch zu Expeditionen. Die Uniform -bestand aus dem Überrock, der ohne Jacke etc. getragen wurde, rothen -Beinkleidern, dem Barett mit wollenen Quasten; die Officiere trugen -dunkelblaue Überröcke und darüber die beliebte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">zamarra</span>, eine -elegante Jacke aus schwarzem Lämmerfell mit seidenen Schnüren; die -Quasten ihrer Baretts waren von Gold oder Silber. Das Gepäck der -Soldaten, wie der Officiere war sehr einfach, da selbst diese Effecten -von den Bedienten getragen werden mußten: nur die Capitains durften -ein Pferd mit sich führen. — Die christinische Armee war eben so -uniformirt; trug aber größtentheils weißes Lederzeug und, oft einzige -Unterscheidung der streitenden Corps, Czako’s oder französische Mützen. -— Die Bekleidung der spanischen Armee in Friedenszeit ist äußerst -geschmackvoll. Während des Krieges fehlte es oft an Allem.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> „Königliche Freiwillige“: unter Ferdinand etablirt, den -National-Garden der christinischen Regierung entsprechend, aber mit -gerade entgegengesetzter Richtung, übrigens weit zahlreicher als diese, -wiewohl sie alle freiwillig, die liberalen Nationalen großentheils -gezwungen die Waffen trugen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Die baskischen Provinzen und Navarra werden in Spanien -gewöhnlich nur durch „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">las provincias</span>“ bezeichnet.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Er ist erbitterter Feind Espartero’s.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Sie durchzogen Frankreich, die Waffen auf Wagen mit sich -führend.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier2" name="zier2"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 2" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="III">III.</h2> - -</div> - -<p>Von einigen Freiwilligen geleitet trat ich am Morgen des 26. Mai’s -den Marsch nach Irun an, wobei wir das französische Gebiet, dessen -Gränze unserer Richtung im Allgemeinen parallel lief, mehrfach auf -kurze Strecken durchkreuzten, augenscheinlich mit vieler Vorsicht -und Scheu meiner Reisegefährten. Der Weg schien absichtlich über die -schroffsten und zerrissensten Theile des Gebirges geführt zu sein und -ward bisweilen so steil, daß er wie eine Treppe mit Stufen in den -Felsen gehauen war. Mit Mühe nur konnte ich, des Bergsteigens noch ganz -ungewohnt, den rüstigen Guiden folgen und die Ermüdung ihnen verbergen, -welche mich fast besiegte. Da fühlte ich mich denn recht <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à mon -aise</span>, als ich, in dem zum Nachtquartier ausersehenen Dörfchen mit -der echten Gastfreiheit der Gebirgsbewohner vom Alcalde aufgenommen, im -hölzernen Lehnstuhl auf dem Balkon mich dehnte und von der freundlichen -Wirthin kredenzt den Apfelwein im bunten Glase mir dargereicht sah.</p> - -<p>Früh am folgenden Tage, da ich zum Aufbruch mich rüstete, überraschte -mich der Anblick eines langen Zuges schwarzgekleideter Weiber: es waren -die Bewohnerinnen des Dorfes, welche, wie ich später erfuhr, stets -zur Messe die niedliche schwarze Mantilla von Seide sich anlegen. Der -Marsch brachte eben die Mühseligkeiten wie am Tage zuvor, bis wir -am Mittag auf den Gipfel der letzten von Irun uns trennenden Kette -anlangten. Vor uns dehnte eine kleine, reich bebaute Ebene sich aus, -von dem Meere begränzt, welches in unabsehbare Ferne einem leuchtenden -Spiegel gleich sich erstreckte; zur Rechten entwand sich die Bidassoa -den engenden Felswänden und erschien rasch erweitert als mächtiger -Meeres-Arm. Dort ward die Brücke von Behobia sichtbar, deren von den -Christinos besetzte Caserne die Unsrigen so oft vergebens angegriffen, -da die unmittelbare<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Nähe des französischen Bodens die Entfaltung der -nöthigen Angriffsmittel nicht erlaubte. Links erhoben sich wieder die -Gebirge, welche die Aussicht nach San Sebastian und in das Innere -Guipuzcoa’s schlossen, während zu unseren Füßen das reiche Irun lag -und einige tausend Schritt entfernt, näher der Mündung der Bidassoa, -Fuenterrabia, die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fons rapida</span> der Römer, in dem die Carlisten ein -festes Gebäude als Fort eingerichtet, da die regelmäßigen Befestigungen -des einst bedeutenden Platzes von den Kriegern der französischen -Republik gesprengt wurden.</p> - -<p>In Irun, wo ein guter Gasthof sich findet, mußte ich einige Tage mich -aufhalten, bis ich die Erlaubniß aus dem königlichen Hauptquartier -zur Weiterreise erhielt. Da ward mir die erste Lection praktischer -Menschenkenntniß und Klugheit, die dem Unerfahrenen in Spanien so oft -zufallen sollte. Die Stadt war durch eine einfache Mauer geschlossen, -und auf einer unbedeutenden Höhe, welche die große Madrid-Pariser -Straße beherrscht, ward gerade eine Schanze angelegt, deren -Einrichtung, da mir damals die Befestigungsart der Carlisten noch nicht -bekannt war, mich nothwendig in das höchste Staunen versetzen mußte. -Man denke sich ein regelmäßiges Sechseck, dessen Seiten durch eine -sechs oder sieben Fuß starke Brustwehr mit vorliegendem Graben gebildet -sind; auf der Brustwehr sind unendlich viele Schießscharten für das -Infanterie-Feuer in Stein errichtet und vertikal, horizontal und -schräg, in jeder Größe und Gestalt durcheinander geworfen. Das Sechseck -ist so auf der Höhe angelegt, daß weite Strecken unmittelbar am Fuße -derselben ganz unbestrichen bleiben, damit der stürmende Feind dort zur -letzten Kraftanstrengung gedeckt sich sammeln und ordnen kann, während -doch die Gestalt des Hügels eine Befestigung erlaubt, deren Theile -sowohl sich wechselseitig flankiren und schützen, wie den ganzen Abhang -und Fuß bestreichen können.</p> - -<p>In der That war dieses Werk das Erzeugniß der vereinigten<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Talente -des Gouverneurs und einiger dort garnisonnirender Officiere, die, -da sie vor dem Aufstande nie daran gedacht, daß das Vaterland je -ihrer Fähigkeiten zu seiner Vertheidigung bedürfe, nun den Mangel an -militairisch-wissenschaftlicher Ausbildung schwerlich durch ihren -Eifer ersetzen konnten — wie brav sie auch, darin <em class="gesperrt">allen</em> -carlistischen Officieren gleich, dem Feinde gegenüber sein mochten. -Der Gouverneur, so wie er erfahren, daß ich preußischer Officier, -führte mich zu der sogenannten Befestigung mit der Bitte, ihm meine -Meinung über <em class="gesperrt">sein</em> Werk zu geben. Da ich nun aus natürlicher -Schüchternheit wie in der Furcht, Zweck und Plan desselben wohl nicht -zu verstehen, zurückhaltend und billigend darüber sprach, ward ich -sofort von dem Gouverneur für ein wahres Talent erklärt und glänzend -fetirt. Als ich aber am nächsten Tage, nach Überlegung dieses für -meine Pflicht haltend, einige der krassesten Fehler ihm andeutete -und, da er widersprach, klar aus einander setzte, erkannte der -gute Herr seinen gestrigen Irrthum, entschied plötzlich über meine -Unwissenheit und Impertinenz und behandelte mich demnach mit der -kalten, geringschätzenden Höflichkeit, die so sehr gegen seine vorige -Herzlichkeit abstach.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p> - -<p>Bald ritt ich auf einem kräftigen Maulthiere, der großen Heerstraße -folgend, über Tolosa, eine der ersten und angenehmsten Städte der -baskischen Provinzen und bekannt durch seine ausgezeichneten Fabriken, -nach Villafranca de Guipuzcoa, wo der kleine Hof Carls V. damals sich -aufhielt. Wie schlug mir das Herz, da ich den Monarchen sehen sollte, -für dessen Rechte<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> kämpfen zu dürfen ich so freudig mich gesehnet! — -für den gekämpft zu haben ich immer stolz bin.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 31. Mai hatte ich die Ehre, Seiner Majestät vorgestellt zu werden. -Der König empfing mich mit der Huld und Leutseligkeit, die einen -Hauptzug seines Characters bilden, und die, da sie die Verehrung seines -Volkes ihm erworben, doch gegen den Verrath Derer ihn nicht sichern -konnte, die mehr als Alle seiner Gnade sich erfreut. Er ist klein, -regelmäßig und kräftig gebaut, das Gesicht trägt den Stempel hoher -Güte, das graue Auge verräth tiefes Gefühl, aber auch viele Sorgen, -vielleicht Schmerzen; ein starker blonder Bart bedeckte den Mund. -Die Stimme des Königs ist sanft und voll Melodie, er unterhielt sich -mit mir in französischer Sprache, wie er gern mit allen Fremden es -that, wenn sie selbst des Spanischen kundig waren. Er trug einfache -Civil-Kleidung.</p> - -<p>Es ist viel über den Privat-Character Carls V. wie über seine -Eigenschaften als Herrscher gefabelt worden, und die öffentlichen -Blätter aller Länder haben manches ganz Unwahre oder doch Entstellte -über ihn im Publicum verbreitet. Wer hätte auch Anderes erwarten mögen, -wenn er die Quellen berücksichtigte, aus denen die Mehrzahl solcher -Urtheiler ihre Ansichten sich bildete: die Zeitungen und Flugschriften -des liberalen Spaniens oder die Schriften von Männern, welche bittern -Haß dem Fürsten weiheten, der im Nachbarstaate muthig der Verbreitung -ihrer Grundsätze zu widerstehen wagte. Da ich überzeugt bin, daß die -Wahrheit am vollständigsten die Verläumdungen widerlegt, die gegen den -Monarchen, für den ich mein Schwerdt ziehen durfte, von allen Seiten -erhoben sind, stehe ich nicht an, meine Meinung, wie ich auf eigene und -solcher Männer Beobachtung sie gründete, die lange Jahre den Infanten -und den<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> König gekannt, schmucklos, weil sie der Ausschmückung nicht -bedarf, darzulegen.</p> - -<p>Will man <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">par force</span> Fehler in Carl V. auffinden — und er -ist Mensch —, so möchte ihm <em class="gesperrt">der</em> vor allen aufzubürden sein, daß -er seine Geburt nicht in eine Periode versetzte, in der es ihm gegeben -wäre, das Glück seines Volkes zu machen, statt daß er nun dieses Volk, -durch Empörung oder durch Furcht ihm entfremdet, sich erst erobern -sollte. Carl V. hat in der That alle die Eigenschaften, deren -Zusammentreffen in der Person des Fürsten bei friedlicher Regierung -die Blüthe des Landes auf den möglichen Höhepunkt treiben mag, und -selten wurden sie von einigen der Schatten verdunkelt, welche ja alles -Menschliche, wie erhaben es sei, trüben. Er ist mild und herablassend, -streng beflissen, seine Pflicht stets zu erfüllen und unerschütterlich -in der Vollbringung dessen, was er als solche erkennt; einfach, mäßig, -enthaltsam in Allem, was ihn persönlich betrifft, ist er dagegen -nachsichtig und großmüthig für seine Unterthanen, streng gerecht für -Niedere wie für Hohe, Jedermann zugänglich, ein Vater seines Volkes. -Sein Wort ist ein wahrhaft königliches Wort: bekannt ist der Tadel, den -er offen gegen seinen Bruder Ferdinand aussprach, da dieser, dessen -Zusagen, den augenblicklichen Umständen folgend, mit ihnen ihre Kraft -verloren, nach seiner Befreiung durch Ludwigs XVIII. Heere das, -was während der Herrschaft der Constitution geschehen, so wie den ihr -geleisteten Eid für ungültig erklärte, da doch er selbst sie beschworen -hatte. Da erklärte ihm der Infant Don Carlos, daß er lieber hätte -sterben müssen als den Eid leisten, welchen die empörten Unterthanen -von ihm forderten; wenn er aber die Schwäche gehabt, die aufgedrungene -Constitution anzuerkennen, müsse er nun auch unwandelbar seinem -Versprechen nachkommen.</p> - -<p>Selbst die Fehler, welche in den Verhältnissen der letzten sieben -Jahre als solche hervortraten, beruhen im Übermaße der Tugenden, -welche den König auszeichnen, selten in seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> Erziehung. Die eigene -Herzensgüte, sein Edelsinn erlaubten ihm nicht, die Erbärmlichkeit -der Menschen und so Vieler besonders aus seiner nächsten Umgebung zu -ahnen; er beurtheilte nach seinem Charakter den der Andern, schenkte -daher leicht sein Vertrauen und ließ sich leiten von Denen, welche -heuchelnd ihn zu täuschen wußten. Dazu erzeugte die hohe Religiösität -des Königs ein oft ängstliches Festhalten an den Formen der Religion, -wie sie von jeher als heilig sich ihm eingeprägt, und wie er bei dem -Zustande der geistigen Cultur und den Neigungen seines Volkes sie vom -wohlthätigsten Einflusse für dasselbe hielt. Die Spanier haben durch -die Ereignisse der letzten zehn Jahre ihn gewiß nicht überzeugen -können, daß die Reformen, welche ihre herrschsüchtigen Schreier für -sie forderten, ihren Bedürfnissen wahrhaft angemessen sind und sie -in einen glücklicheren Zustand versetzt haben; daß aber umfassende -Verbesserungen in den kirchlichen Verhältnissen der Monarchie nöthig -seien, daß große, tief eingewurzelte Mißbräuche von Grund aus -vernichtet werden mußten, das war dem Könige eben so klar wie jedem -aufgeklärteren Spanier, und wiederholt sprach er bestimmt darüber sich -aus. Die oft im Auslande gehörte Behauptung, als ob mit der Herrschaft -Carls V. auch die der Inquisition ins Leben zurücktreten werde, -ist so absurd, daß jede Widerlegung derselben ganz unnütz ist: in -Spanien ist es nie Jemand, welcher Parthei er angehöre, in den Sinn -gekommen, Ähnliches aufzustellen.</p> - -<p>Früher erwähnte ich, daß der Infant Don Carlos der Gegenstand -häufiger Anschuldigungen gewesen ist. Alles was seine Feinde über -Hof-Intriguen, über die letzte Zeit der Regierung Carls IV. -und die spätere Constitutions-Epoche, so wie über die Aufstände in -Catalonien und anderen Punkten des Königreiches gegen den erhabenen -Fürsten vorzubringen gewagt, ist mehrfach vollkommen zurückgewiesen, -dabei freilich dargethan, wie die Umtriebe der Umwälzungsmänner in ihm -stets einen edlen und<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> entschiedenen wie gefürchteten Gegner fanden, -der deshalb das Ziel ihrer giftigen Anschwärzungen sein mußte. Wer wird -aber nicht mit tief empfundener Bewunderung auf Carl V. blicken, -wenn man ihn in den ersten Jahren nach seines Bruders Tode beobachtet, -wenn man seinen passiven Muth sieht, der, wenn nicht immer in seinen -Wirkungen, doch in seinen Quellen so hoch über der activen Kraft -steht; die Standhaftigkeit, mit der er die glänzenden Anerbietungen -der Usurpatorinn zurückwies, da ihm doch gar keine Hoffnung bleiben -konnte! Wer sollte nicht den Fürsten hoch ehren, der in dem Luxus -und der Verweichlichung eines spanischen Hofes erzogen, Monate lang -ungebrochenen Muthes alle Drangsale des Flüchtlings im schroffen -Gebirge erträgt, der, da Hunger, Durst, Kälte und Ermüdung zugleich auf -ihn einstürmen, lächelnd seinen Treuen Muth einspricht, und die Thräne -ihnen trocknet, welche Verzweiflung bei des angebeteten Souveraines -Elend auf die bärtigen Wangen lockte! Der, da er wieder Macht und -Herrschaft erkämpft, nur zu verzeihen und zu schonen weiß, der gestürzt -durch den Verrath der Männer, denen er vertraut, gefangen in dem -Lande, in dem er Schutz gesucht, unerschütterlich jeden erniedrigenden -Vorschlag zurückweiset, was er auch dulden möge!</p> - -<p>Carl V. im friedlichen Besitze der angestammten Krone würde -ein zweiter Titus, die Wonne, das Heil seines Volkes geworden sein. -Das Schicksal wies ihm einen Platz an, dessen Ausfüllung eben so -viel Härte und Rücksichtslosigkeit nebst raschem Entschlusse und -Energie, die Eigenschaften des Helden, erfordert, wie Don Carlos -durch die entgegengesetzten Tugenden, die des Christen, des Menschen, -hervorglänzt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nachdem ich auch dem Infanten Don Sebastian mich vorgestellt und -seine Frage, ob ich gutes Wetter auf der Reise gehabt, beantwortet -hatte, marschirte ich nach Hernani, da ich,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> zum Generalstabe von -Guipuzcoa bestimmt, dort bleiben sollte, bis ich mich einigermaßen -in der spanischen Sprache vervollkommnet. Es war mir angeboten, in -das Genie-Corps zu treten, welches gerade gebildet wurde, und dem es -noch sehr an brauchbaren Officieren<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> gebrach. Mit dem Zustande des -Geniewesen, wie es damals war, ganz unbekannt und nicht glaubend, daß -ein preußischer Infanterie-Officier nothwendig ein guter spanischer -Ingenieur sein müsse, wie aus Vorliebe für meine Waffe, lehnte ich den -Antrag ab und büßte so die Vortheile ein, welche ich durch den Eintritt -in ein Corps gewinnen mußte, dem mehrere Jahre später die Verhältnisse -mich dennoch angehören machten.</p> - -<p>Ich eilte die berühmte Linie zu sehen, welche unser Gebiet von dem der -Festung San Sebastian trennte, und die durch die Ankunft der englischen -Legion und den Kampf, in dem Oberst-Lieutenant Evans unsere über -jener Festung errichteten Werke genommen, neues Interesse gewonnen -hatte. Von Linien war da freilich wenig zu sehen. Sie beschränkten -sich auf niedrige, von lose über einander gelegten Steinen gebildete -Mäuerchen, welche Parapete genannt wurden und übrigens nur stellenweise -sich vorfanden, so daß sie höchstens das offene Vordringen einer -Streifparthie erschweren konnten, während sie bei ernsterem Gefechte -sofort mußten über den Haufen geworfen werden. Hinter ihnen standen in -einzelnen Häusern unsere Vorposten, die jedoch mit Posten nur den Namen -gemeinschaftlich hatten. Das Terrain war dabei sehr zerrissen, von -Schluchten und Felszügen durchschnitten, und es wäre dem Feinde, hätte -er je die Idee eines Handstreiches zu fassen gewagt, leicht gewesen, -zwischen diese sogenannten Linien ganze Colonnen zu schieben oder die -Vorposten<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> aufzuheben. Doch wurde die Linie später den Regeln der Kunst -gemäß angelegt.</p> - -<p>Die der Feinde, von englischen Officieren construirt, stützte sich -rechts auf San Sebastian und seine Forts, links auf Passages, oder -besser auf die Redoute, welche auf der Höhe von Passages errichtet und -mit der Artillerie der englischen Marine garnirt war. Die Linie bestand -aus einzelnen dem Terrain nach angelegten Schanzen und Parapeten, die -sich wechselseitig vertheidigten, und ein Theil derselben ward von -den Geschützen der englischen Kriegsschiffe flankirt, die bei allen -Gefechten vor San Sebastian von so unheilvollem Einflusse gegen uns -waren.</p> - -<p>Meine Sehnsucht, endlich die Kugeln der Christinos pfeifen zu -hören, sollte bald befriedigt werden. Indem ich einige Skizzen des -Terrains aufnahm, passirte ich eines unserer Wachhäuser und fand, -um die Ecke eines Busches tretend, einen Felsenvorsprung, der die -trefflichste Aussicht darbot, weßhalb ich bewundernd stehen blieb; -ein Unterofficier, der offenen Mundes von dem Hause mir gefolgt war, -blieb hinter einer nahen Hecke verborgen. Ich betrachtete die durch -eine schmale Schlucht von meinem Standpunkte getrennten Brustwehren -der Feinde und ergötzte mich an dem regen Treiben in dem Städtchen -Passages, dessen Hafen, zwischen zwei steile Felswände wie in einen -Riß eingezwängt und kaum auf beiden Seiten Raum für eine Reihe Häuser -lassend, mehrere Schiffe enthielt und malerisch tief unter mir dem -Blicke offen lag, während der Lärm der Seeleute mit dem Brausen des -Meeres vermischt zu mir herauftönte. Da hörte ich plötzlich ein langes -Zischen, von einem leichten Schlage auf den Felsen neben mir begleitet, -dann rasch einen Knall von der andern Seite der Schlucht. Überrascht -sah ich mich um und erblickte den guten Unterofficier in vollem Laufe -nach seiner Wache begriffen. In rascher Folge zischten die Kugeln, -hinter mir in den Busch schlagend oder Staub und Felsensplitter zu -meinen Füßen losreißend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>Nachdem ich schwellenden Herzens an der mir neuen Musik mich erfreut -und Zeit gelassen hatte, damit die Spanier die nordische Tollheit, -wie ich oft sie sagen hörte, hinreichend anstaunen könnten, kehrte -ich langsam zu dem Vorposten zurück, dessen Mannschaft vor der Thür -versammelt mich anstarrte. Da ich am folgenden Morgen im Grase -ausgestreckt lag, ward ich durch etwas nicht hoch über mir reißend -schnell hin Schwirrendes aufgeschreckt und hielt es für einen -gewaltigen Gebirgsadler: es war eine Kanonenkugel, deren die Engländer -jeden Morgen zur Begrüßung einige unsern Vorposten zuzusenden pflegten.</p> - -<p>Ich benutzte die Zeit, welche durch die augenblickliche Ruhe mir -gegönnt war, um durch häufige Excursionen mit dem Lande, dem Geiste und -den Sitten seiner Bewohner mich vertrauter zu machen. Die baskischen -Provinzen — Guipuzcoa, Vizcaya, Alava — enthalten nebst dem kleinen -Königreiche Navarra nur 250 bis 260 Quadratmeilen, welche vor dem -Kriege etwa 650000 Einwohner zählten. Von diesem Ländchen waren etwa -zwei Drittel im Besitze der Carlisten, während die Feinde, die Herren -der spanischen Monarchie, auch die hauptsächlichsten Städte dieser vier -Provinzen, San Sebastian mit seinem Gebiete, Bilbao mit Portugalete, -Vitoria, Pamplona, viele andere Forts und die Hälfte von Alava und -Navarra inne, alle bedeutenderen Städte befestigt hatten.</p> - -<p>Das ganze Land ist von Osten nach Westen von den Pyrenäen durchzogen, -welche in vielen Verzweigungen und mancherlei Formen wild durch -einander geworfen, ihm den Charakter eines Gebirgslandes verleihen: nur -die Hochebene von Alava und das herrliche Ebrothal Navarra’s, deren wir -nie vollständig und dauernd uns bemächtigen konnten, zeichnen durch -mildere, doch wieder unter sich ganz verschiedene, Gestaltung sich -aus. Die Oberfläche des übrigen Landes besteht aus furchtbar hohen und -schroffen, durchgängig mit reichen Waldungen bedeckten Gebirgsmassen, -die durch reizende und äußerst fruchtbare Thäler in man<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>nigfacher -Gestalt intersektirt werden. In ihnen haben natürlich die Menschen ihre -Dörfer und Höfe erbaut, und diese immer reich bewässerten Thäler, in -denen jeder Fuß breit Landes mit Sorgfalt benutzt ist, bieten dem Auge -und Geiste nach den wild majestätischen Scenen der Gebirge eine so -willkommene wie liebliche Abwechselung.</p> - -<p>Die Basken gewohnt, als privilegirtes Volk sich zu betrachten, -geschieden von ihren Nachbaren durch die Barrieren, welche Natur, -Politik und Vorurtheile so vielfach erhoben, sind stolz auf ihre -Abkunft, ihre Unabhängigkeit und ihre Vorrechte, sie sehen die übrigen -Spanier wie Fremde an und verachten sie als solche. Sie behaupten von -den Phöniziern abzustammen, was jedoch keinesweges erwiesen ist; gewiß -ist, daß sie seit undenklichen Zeiten und in allen den Umwälzungen, -unter die die andern Völker der Halbinsel so oft sich beugen mußten, -in ihrer Gebirgsveste sich unabhängig und unvermischt zu erhalten -wußten. Ihre Sprache hat gar keine Verwandtschaft mit irgend einer -jetzt bekannten, sie soll der grammatischen Bildung nach sehr reich -sein und ist gewiß wohlklingend und kräftig. Doch sind die Dialekte -derselben so mannigfach und so verschieden, daß oft die Bewohner der -wenige Meilen von einander entfernten Thäler mit Schwierigkeit sich -unterhalten, während die Sprache der französischen Basken von der der -spanischen und selbst die der nur in den Gebirgen baskisch sprechenden -Navarresen von der der Vizcainer so ganz verschieden scheint, daß sie -oft sich gar nicht verstehen. Die allgemeine spanische Sprache — in -Spanien die Castilianische genannt — hat in diesen Provinzen erst -während der letzten Kriegsjahre sich etwas mehr ausgebreitet, doch nur -als Luxussprache, und noch immer ist sie in den mehr zurückgezogenen -Theilen ganz unbekannt.</p> - -<p>Die Basken sind ein hohes, kräftiges Geschlecht, ernst und -zurückhaltend, aber edelgesinnt, großmüthig, in hohem Grade gastfrei -und ihrem Worte treu; fest und unbeugsam bis zur<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> Halsstarrigkeit -hängen sie dem Vaterlande, das heißt: ihren Provinzen, mit -schwärmerischer Begeisterung an. Sie zeichnen sich im Allgemeinen durch -Geist und Talent aus, sind kühn und thätig, voll Unternehmungsgeist und -anerkannt als die unerschrockensten Seeleute und die bravsten Krieger -der Monarchie; Viele haben als Hofleute und Staatsmänner sich glänzend -hervor gethan. Außerhalb ihrer Heimath unterstützen sie sich brüderlich -und erlangen dadurch ein großes Übergewicht über die andern Spanier, -die, vor Allen die Catalanen, welche fast ihren Unternehmungsgeist -theilen, am Hofe wie in allen Zweigen des Staatsdienstes ihre -Landsleute so viel wie möglich fernzuhalten und zu stürzen pflegen. -— Überhaupt darf man ohne Zögern aussprechen, daß die Basken in -jeder Hinsicht vor den übrigen Bewohnern Spaniens sich auszeichnen; -selbst Einfachheit und Reinheit der Sitten waren früher ganz in diesen -lieblichen Thälern heimisch, und schmerzlich ist es, daß der Krieg auch -hier seine gewöhnlichen Folgen, Verderbtheit und Verfall der Sitten, -nach sich gezogen hat.</p> - -<p>Die Wohnungen der Basken stechen durch bequeme Einrichtung wie durch -größte Reinlichkeit hervor, und es macht einen besonders angenehmen -Eindruck, diese blendend weißen Gehöfte über alle Thäler hingestreut -zu sehen. Die Weiber, ihren Männern an Schönheit nicht nachstehend, -wissen ihre Reize durch den höchst sittigen Anzug noch anziehender zu -machen und sind in Erfüllung ihrer ehelichen und häuslichen Pflichten -fast allen andern Spanierinnen weit überlegen; ihr Wesen erinnert -wie ihre Gestalt an die nordischen Weiber, selbst das blonde Haar -der kälteren Climate ist ganz vorherrschend.<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Oft hörte ich die -leicht Feuer fangenden spanischen Officiere bewundernd ihr Bedauern -ausdrücken, da sie diese hohen, edlen Gestalten alle die schweren -und unzarten Arbeiten des Ackerbaues verrichten sahen, die sonst den -stärkeren Händen des Mannes vorbehalten sind. Denn außer Greisen und -Kindern wurden wohl nur Verstümmelte oder sonst zur Vertheidigung des -Vaterlandes Untaugliche in den Dörfern gesehen, so daß die Frauen -und Mädchen genöthigt waren, hinter dem Pfluge die Stelle des Gatten -oder der Brüder einzunehmen. Dabei ertönte ihr schwermüthiger Gesang, -den schrecklichen Krieg beklagend und die Ehre und Treue der Nation -verkündend; enthusiastisch wurden die fernen Männer aufgefordert, ihr -Vaterland gegen die Wuth der Schwarzen<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> zu schützen, die Thaten der -Vorfahren und der Gefallenen wurden besungen, und der oft wiederholte -Name ihres großen Feldherrn zeigte, wie Zumalacarregui’s Andenken -seinen Landsleuten theuer, wie seine Thaten ein Gegenstand des Stolzes -für die Basken waren.</p> - -<p>Der Reichthum dieser Provinzen muß vor dem Kriege auf einen erstaunlich -hohen Grad gestiegen sein. Während zwei Heere auf so kleinem Gebiete -sechs Jahre lang kämpften und das eine wie das andere hauptsächlich -aus ihm seine Bedürfnisse zog, verarmte das Land doch nur nach und -nach und ward bis zum Ende des Krieges nie ganz erschöpft. Wirklich -haben die Provinzen alle Elemente des Reichthumes in sich, wie ihre -Bewohner wohl den möglichen Vortheil daraus zu ziehen wissen. Der -Boden ist äußerst ergiebig an Früchten jeder Art; Getreide, Taback, im -Süden feurigen Wein erzeugt er im Über<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>fluß; die Gebirge, mit schönen -Waldungen in unendlicher Menge bedeckt, befördern die Viehzucht, die -Haupthülfsquelle während des Krieges, während die Minen ausgezeichnete -Metalle liefern, besonders viel Eisen, welche in den Fabriken des -Landes trefflich verarbeitet werden. Die Lage desselben, die Berührung -mit Frankreich und die sichern Häfen sind für den Handel sehr -vortheilhaft, und die Privilegien, deren die Basken bis vor wenigen -Monaten sich erfreuten, ließen alle jene Vorzüge noch herrlicher -hervortreten. Sie verdienen deshalb und als hervorstechende Ursachen -des Krieges nähere Betrachtung.</p> - -<p>Die baskischen Provinzen vereinigten sich freiwillig, nicht durch -Waffengewalt gezwungen, mit der spanischen Monarchie; die Bedingung -der Vereinigung war die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien — -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fueros</span> — auf ewige Zeiten, wogegen die Basken den castilischen -Königen den Titel ihres Herrn bewilligten. Demnach kann wohl kein -Zweifel über die Unrechtmäßigkeit obwalten, die einem jeden Versuche -der herrschenden Gewalt, um diese auf Verträgen beruhenden Rechte wider -den Willen der Betheiligten umzustoßen, ankleben muß: die Abschaffung -der Privilegien mag politisch klug, mag dem Besten des Staates als -Ganzes angemessen sein; ungerecht bleibt sie immer.<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Man weiß, wie -Don Carlos in der Commission, der Ferdinand VII. die Prüfung -dieser Angelegenheit aufgetragen, gegen solche Maßregel sich aussprach, -weil sie ungerecht, der Ehre der Regierung zuwider sei, und wie das -Gefühl der Dankbarkeit und der Achtung gegen ihren edlen Fürsprecher -beitrug, daß die Basken für Carl V. sich erklärten. — Die -Rechte des Königreiches Navarra, wenn auch von hoher Bedeutung, sind -doch nicht so ausgedehnt, wie die der andern drei Provinzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p> - -<p>Die Heftigkeit und Entschiedenheit des ganzen Volkes in der -Vertheidigung seiner Privilegien spricht für deren Wichtigkeit. In der -That sind die daraus den Basken entspringenden Vortheile unschätzbar: -sie werden nicht sowohl von dem Madrider Gouvernement als von den -durch sie und aus ihnen gewählten Provinzial-Ständen regiert, der -König ist ihr Herr nur in so weit seine Verfügungen mit ihrem Willen -übereinstimmen. Die Basken sind nämlich von aller Conscription und -Truppen-Aushebung frei, es dürfen selbst mit Ausnahme des Kriegsplatzes -San Sebastian gar keine Truppen ohne Genehmigung der Junta dorthin -gesendet werden oder sie durchziehen; dafür unterhalten die Provinzen -auf eigene Kosten ein Regiment, im Falle der Gefahr ist jeder Baske -Soldat zur Vertheidigung derselben. Eben so wenig hat der König -das Recht der Besteuerung oder der Gesetzgebung. Die Basken werden -gerichtet von den Männern, die sie selbst aus ihrer Mitte dazu gewählt, -so wie die ganze Verwaltung durch sie selbst nach ihrer Wahl geschieht. -Daher bestimmte die Provinzial-Deputation den Bedürfnissen des Landes -gemäß die Abgaben, deren Ertrag ganz im Lande bleibt; wenn die Madrider -Regierung einer besondern Hülfe bedarf, wird sie ihr zuweilen als -Geschenk und unter jedesmaligem Vorbehalte der Rechte bewilligt. — -Die Legislatur der Provinzen ist ganz unabhängig und verschieden von -der der andern Theile der Monarchie, und sie kann nur durch das Volk -verändert werden: die Inquisition konnte daher, da sie im übrigen -Spanien in der höchsten Blüthe stand, hier nie Fuß fassen. Dann ist -jeder Baske Edelmann und hat in den andern Provinzen und den Colonien -die Rechte eines solchen, was für die Erwerbung von Militair- und -Civilämtern, bei Hofe u. s. w. früher von hoher Wichtigkeit war.</p> - -<p>Das Recht aber vor allen andern, welches die Unzufriedenheit der -Regierung und den Neid der andern Theile des Königreiches erregte, -ist die Zollfreiheit. Während Spanien unter<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> ungeheuren Aus- -und Einfuhrzöllen seufzte, die den Handel lähmten und das Volk -verarmten, war dieser glückliche Winkel nicht nur ganz frei von -ihnen, er bereicherte sich auch durch den Zwischenhandel auf Kosten -der ganzen Halbinsel. Freilich wurden die baskischen Provinzen und -Navarra in Rücksicht auf Spanien ganz wie fremde behandelt, ihre -Gränzen mit Zoll-Linien und Douaniers umgürtet; aber trotz aller -Vorsichts-Maßregeln konnte der Schleichhandel, an dem die ganze Nation, -so das Beschimpfende ihm nehmend, Theil nahm, nicht verhindert werden. -Die Lage am Meere mit zahlreichen Hafenstädten und die Nähe Frankreichs -erlaubte den Basken, die Waaren aus der ersten Hand zu empfangen, -während die lange Ebro-Linie, da der Fluß dort im Sommer allenthalben -Furthen hat, mit seinen beiden Flügeln bis zur Gränze und zum Meere, -ihnen tausend Wege bot, um von Norden aus die verbotenen Waaren noch -weit mehr durch Spanien zu verbreiten, als es im Süden von Gibraltar, -etwas weniger von Portugal aus geschieht. So bildete sich in diesen -Provinzen ein vollkommenes Schleichhandel-System, in dessen Folge dort -die Reichthümer in noch größerem Maße sich anhäuften, als die Monarchie -täglich mehr verarmte und in tieferes Elend versank.</p> - -<p>So ist es leicht erklärlich, wie die Basken und Navarresen mit -höchstem Interesse über die Beobachtung so ausgedehnter und wichtiger -Rechte wachten. Das mit der Abneigung der Regierung stets wachsende -Mißtrauen und die Schritte, welche langsam aber augenscheinlich dem -Endzwecke, Aufhebung der fueros, zuführten, hatten entzündbaren -Stoff in unendlicher Menge in dem Ländchen angehäuft: es bedurfte -nur eines Funkens, um die Flamme wild ausbrechen zu machen und das -Volk, argwöhnisch, stolz, auf sein Recht, seine Kräfte und seine -Berge vertrauend, zu kühnem Aufstande zu vermögen. — Ferdinand’s Tod -beschleunigte den Sturm.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Dieser brave Officier starb den Heldentod in der -kräftigsten Vertheidigung eines andern ihm anvertrauten Posten. — -In den letzten Jahren des Krieges waren übrigens die Genie- und -Artillerie-Corps der carlistischen Nordarmee auf einen hohen Grad der -Vollkommenheit gelangt und zählten sehr viele ausgezeichnete Officiere, -unter denen mehrere Fremde, Deutsche besonders.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Zwei Deutsche, die Capitains Roth und Strauß, waren seit -Kurzem in das Corps getreten und hoben es sehr. Sehr schmerzte es mich -damals, die Landsleute nicht kennen gelernt zu haben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Zwei große Ortschaften Guipuzcoa’s, Azpeytia und -Ascoytia, zeichnen sich so durch die herrlichen Gestalten ihrer Männer -wie Weiber aus, daß es schwer sein möchte, in ihnen irgend ein junges -Mädchen aufzufinden, welches nicht in jedem andern Punkte den Namen -einer Schönheit erhalten würde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Negros</span>, Schwarze, wurden die Constitutionellen -schon zur Zeit Ferdinand’s schimpflich benannt, wogegen in jener -früheren Epoche die königlich Gesinnten sich als „Weiße“ bezeichneten, -welche Benennung jedoch nicht wie jene bestand.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Es ist bekannt, wie Espartero, nachdem er im Vertrage von -Bergara von Neuem die Aufrechterhaltung der fueros zugesagt, nun mit -ihrer Vernichtung beschäftigt ist.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier3" name="zier3"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 3" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="IV">IV.</h2> - -</div> - -<p>Mehrere Truppen-Abtheilungen waren angekommen, Munition ausgetheilt -und alle die Vorbereitungen getroffen, welche dem Soldaten anzeigen, -daß bald sein Muth wird in Anspruch genommen werden. In der Nacht -des 5. Juni weckte mich der dumpfe Lärm, der stets den Abmarsch der -Truppen begleitet, und im Augenblick gekleidet und bewaffnet eilte -ich den Bataillonen nach, deren Marschrichtung die Absicht, die -feindlichen Stellungen anzugreifen, nicht bezweifeln ließ. Da mein -Pferd noch nicht angelangt war, konnte ich meine Functionen bei dem -General nicht versehen, weshalb ich dem 2. Bataillon von Guipuzcoa mich -anschloß, dessen Grenadier-Compagnie von einem Schweizer, mit dem ich -näher bekannt geworden war, commandirt wurde. Noch vor Tagesanbruch -standen — oder besser lagen — wir, hinter dem Kamm einer Anhöhe -auf der Erde ausgestreckt, den Vorposten des Feindes gegenüber, -die in ihre buntgestreiften wollenen Decken gehüllt rasch auf- und -abschritten, die Morgenkälte abzuwehren, die selbst in jener Jahreszeit -ihnen empfindlich blieb; die wild wehmüthigen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">playeras</span> -— Meeresufer-Gesänge —, die Kinder des südlichen Andalusien -verrathend, wurden vom leichten Winde in abgerissenen Klängen zu uns -herübergetragen. Hinter den Vorposten erhoben sich die Verschanzungen -über Passages, augenscheinlich zum Ziel unseres Angriffes bestimmt. — -Ein zweites Bataillon lagerte etwas zur Rechten hinter uns.</p> - -<p>In lautloser Erwartung lagen wir da. Wer vermöchte die Gefühle zu -schildern, die in der Brust des Jünglings stürmisch wogen, da er -die Stunde des ersten Kampfes nahen sieht! Stolz und Beklommenheit, -Vertrauen und Ungeduld wechseln gleich mächtig: der Augenblick ist ja -da, den er so lange herbei<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>gewünscht, der bewähren soll, daß er würdig -ist, um den Preis der Tapferkeit mit Kriegern zu ringen.</p> - -<p>Weithin zur Linken ertönte ein Schuß, ihm folgten Tausende; die -Jäger-Compagnie<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> des Bataillons stürzte auf das Signal, in -Tirailleurs sich auflösend, gegen die Vorposten-Linie der Feinde, -welche langsam zurückwich, bald aber durch bedeutende Massen -unterstützt wurde, gegen welche zu schwach auch unsere Tirailleurs -gelegentlich verstärkt werden mußten. Ungewiß hin und her wogten nun -die Feuer-Linien, ohne daß lange etwas Entscheidendes unternommen wäre; -zu unserer Linken aber ertönte fortwährend lebhaftes Flintenfeuer, von -häufigen Kanonenschüssen übertäubt. Ich verfluchte schon die Idee, -welche diesem Bataillone mich anschließen machte, da es dem Anschein -nach nur den Feind zu beschäftigen bestimmt war. In der That mußte es -niederschlagend sein, regungslos hinter der Höhe zu liegen und nur von -Zeit zu Zeit Verwundete, in tiefem Schmerze<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> ächzend, zurückgeführt zu -sehen; mein erstes Feuer kühlte nach und nach ab, wie die Sonne höher -stieg, Hunger und Durst, immer gleich tyrannisch, machten sich sehr -fühlbar, und ich äußerte schon gegen meinen Schweizer den Wunsch, daß -das Gefecht aufhören oder wir zu thätiger Mitwirkung bestimmt werden -möchten.</p> - -<p>Da sprengte ein Stabsofficier heran — ohne Zweifel bringt er die Ordre -zur Bewegung, sei sie vor- oder rückwärts —; Aller Augen, finster -vor Ungeduld glühend, wandten dem Reiter sich zu. Er wechselte einige -Worte mit dem Chef des Bataillones, welches einen Augenblick später -in Masse gebildet stand, während eine zweite Compagnie die noch immer -in Tirailleurs aufgelöseten Jäger verstärkte. Nachdem der Commandeur -seinen Guipuzcoanern wenige Worte der Aufmunterung, mir unverständlich, -zugerufen, erstiegen wir rasch die Anhöhe, die bisher uns gedeckt, -und sahen vor uns eine kaum vollendete Verschanzung, ihr zur Seite -mehrere kleine Colonnen, deren Scharlach-Uniform weithin in der Sonne -glänzend die Engländer kund gab. Die andalusischen Schützen zogen sich -schnell vor unsern Tirailleurs zurück und stellten sich, die Fronte -der Schanze frei lassend, hinter den nahen Felsen auf, die allein der -kahlen Höhe, auf der wir fechten sollten, Abwechselung verliehen. Das -uns folgende Bataillon wandte sich gegen die Truppen, welche neben dem -Werke aufgestellt waren, zu dessen Nahme die in Masse gebildeten sechs -Compagnien des unsrigen, die Grenadiere an der Spitze, vorrückten.</p> - -<p>Die Guipuzcoaner zeichnen sich allgemein durch Bravour und -Unerschrockenheit eben so aus wie durch die Gewandheit und Kühnheit, -mit der sie furchtlos und festen Kopfes die Abgründe ihrer Gebirge -durchfliegen oder leicht von Felsen zu Felsen springen; unter ihnen -genoß aber das zweite Bataillon des Rufes der höchsten Festigkeit, und -stolz strebte es, dessen sich würdig zu zeigen. Mit Ruhe schritten die -sechs Compagnien, etwa vierhundert Mann, zum Angriff; schon sausete -eine Kanonenkugel<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> über ihren Köpfen hinweg, und der Gruß ward mit -lautem Jubelgeschrei beantwortet, eine zweite schlug dicht neben den -Truppen nieder und schleuderte Felsensplitter in die Reihen, manchen -derben Fluch hervorrufend. Die Masse beschleunigte den Schritt. Die -englischen Artilleristen fehlen selten: rechts und links stürzten die -Freiwilligen verstümmelt nieder und hemmten den geschlossenen Marsch, -ihr Schmerzensgeschrei, die Seele zerschneidend, verwandelte den Muth -ihrer Cameraden in Rachewuth. Umsonst spieen bald die Geschütze ihnen -Kartätschen entgegen, umsonst schlugen schon einzelne Flintenkugeln -in ihre Reihen: nicht mehr in der ersten, stolzen Ordnung, aber -mit immer wilderem Geschrei, immer rascheren Schrittes naheten die -kühnen Guipuzcoaner den schwarzen Ungeheuern, die nur aus der Ferne -verderblich; der Sieg war nicht mehr zweifelhaft. — Ha, was war das! -Ein furchtbarer Donner ertönte zu unserer Rechten, das Bataillon, -welches uns deckte, floh, unsere Freiwilligen stutzten trotz dem Rufen -und dem Beispiel der Officiere. Ein zweiter Donner folgte; Eisenmassen -jeder Größe umschwirrten, durchschlugen unsern Haufen, die Soldaten -betäubt durch den nicht erwarteten Schlag wandten den Rücken, im -nächsten Augenblick flohen sie in wilder, unbändiger Verwirrung: ein -englisches Kriegsschiff, bisher hinter den Felsen verborgen, hatte sein -Feuer gegen unsere Flanke eröffnet und überschüttete uns mit seinen -furchtbaren Geschossen aller Arten und Formen.</p> - -<p>Von dem ersten Entsetzen nach der ungewohnten Begrüßung zurückgekommen, -waren die Guipuzcoaner bald wieder gesammelt; verstärkt durch die -beiden andern Compagnien rückten sie nach kurzer Rast wieder vorwärts, -nicht mehr mit so lautem Geschrei, so jubelnd und ungeduldig, aber -fester und unerschütterlicher, denn sie wußten, was ihrer wartete, -was sie zu besiegen hatten. Über die Körper todter und verstümmelter -Gefährten führte der blutige Weg zum Siege; da flehete wohl mancher -Arme umsonst die Brüder an, seine Leiden barmherzig zu enden. Wieder -hüpften<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> die Kanonenkugeln um uns und durch uns, wieder stürzten die -Cameraden unter den Kartätschen. Unwillkührlich wenden sich Aller -Blicke rechts, schon tritt die dunkele, ebenmäßige Gestalt des Schiffes -hinter den Felsen hervor, da flammt die Helle auf, weißer Rauch säuselt -empor: eine finstere Masse brauset die schreckliche Gabe daher, mit -Blut ihre Bahn zeichnend, begleitet von Todesröcheln und schmerzlichem -Gewimmer. Doch „Vorwärts!“ ertönen hundert Stimmen; das dreifache -Feuer der Fregatte, der Batterie und der englischen Infanterie hält -die Guipuzcoaner nicht auf, sie stürzen in furchtbarer Unordnung auf -die Geschütze und schwingen sich federleicht über die Brustwehr. Ein -augenblickliches Ringen erfolgt, das Ringen der Verzweiflung, die den -Tod gewiß sieht — die zuckenden Leichen der Feinde bedeckten den Boden.</p> - -<p>Übermüthig jubelnd stürzten sich die Guipuzcoaner auf die gehaßten, nun -hingestreckten Eindringlinge; die Männer, welche so eben mit herrlichem -Heldenmuthe dem tausendfachen Tode getrotzt, durchwühlten nun mit -gieriger Hast die Reste der Gefallenen, nach dem erbärmlichen Metalle -suchend, dem der Mensch zum Sklaven sich herabwürdigt!</p> - -<p>Doch bald wurden die Freiwilligen von ihrem blutigen Werke aufgestört. -Eine dunkele Masse nahete, klein und unansehnlich, aber sichern -Schrittes und Unheil verkündend, da sie so finster gedrängt heranzog: -englische Marine-Truppen eilten, unsere Beute uns zu entreißen, die -wir, da das andere Bataillon nicht wie wir vorgegangen, ganz auf uns -beschränkt waren. Die Unsrigen wußten der Geschütze sich nicht zu -bedienen, gedachten ihrer wohl gar nicht. Rasch geordnet sandten sie -einen dichten Kugelregen den feindlichen Massen entgegen, doch sie -nahete; ihre Reihen wurden lichter, wie sie vorwärts drang, aber die -Masse nahete stets. Die Reihen der Carlisten wankten, dieses lautlose, -immer ruhige, immer sich gleiche Vordringen war ihnen unheimlich, -übernatürlich. Schon waren die Fremdlinge<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> wenige Schritte von dem -genommenen Werke; noch eine Salve, sie muß die kleine Schaar wegfegen: -weit über den Köpfen der Andringenden flogen die Kugeln hin, die Basken -flohen aufgelöset ihrer ersten Stellung zu, sofort von den Kugeln -der Engländer verfolgt. Vergeblich strebten einige Officiere, den -Strom aufzuhalten; mein Schweizer, der schon leicht verwundet nicht -von der Spitze seiner Compagnie gewichen, tobte, flehete, stach in -Verzweiflung auf seine fliehenden Grenadiere — zum kleinen Häuflein -zusammengeschmolzen. Eine Flintenkugel streckte ihn neben mir nieder, -und kaum gelang es, ihn hinter die schützende Höhe zu schleppen.</p> - -<p>An neuen Angriff war nicht zu denken: das Bataillon hatte mehr als -die Hälfte seiner Leute, noch mehr der Officiere verloren. Da auch -auf den andern Punkten der Linie der Kampf ohne dauernden Erfolg -gewesen, wenn auch mit weit geringerem Verluste der Carlisten, ward der -allgemeine Rückzug anbefohlen. Um Mittag standen wieder die Vorposten -sich gegenüber, ruhig mit einander rauchend und trinkend, und über -den Bergen schwebte die heitere Ruhe, die ich so oft bewundert. Ein -Fremdling hätte geglaubt, in den Schoos tiefen Friedens und Glückes -versetzt zu sein.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Abend jenes Tages saß ich neben dem Lager des Verwundeten. Die -rechte Brust war ihm durchbohrt, er konnte die Nacht nicht überleben; -schwer athmend lag er abwechselnd in wilden Phantasien und in -schlaffer, fast besinnungsloser Abspannung. Endlich schlug er die Augen -auf, Thränen füllten sie: er faßte sanft meine Hand und sprach mit -zitternd leiser Stimme von der fernen Heimath, von den Theuren, die -dort liebend seiner gedenken mochten, von seiner Mutter...! Sie ahnete -wohl nicht, daß der einzige Sohn, auf das Schmerzesbett gestreckt, der -letzten unvermeidlichen Stunde so nahe sei! Noch<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> ein Mal drückte er -lautlos mir die Hand. — Auch ich gedachte des Vaterlandes, gedachte -der Lieben, die ich vielleicht nie wieder sehen sollte, ich rief so -manche glückliche Stunde, nun auf immer entflohen, mir zurück, malte -mir aus, was der Norden Lieblichstes beut: da gab ich der stillen, -sehnsuchtsvollen Wehmuth mich hin, die in dem Glücke der Vergangenheit -ein neues Glück, noch zarter, sich schafft.</p> - -<p>Am folgenden Morgen ward mein braver Schweizer mit militairischem -Pompe beerdigt. Ich fühlte seinen Verlust wie den eines Freundes: im -fremden Lande, im Getümmel des Krieges, wenn man allein unter dem -kalten, theilnahmlosen Geschlechte dasteht, wenn rings der Tod lauert -und droht, wenig Augenblicke nur dem Genuß zu gewähren — da schließen -sich die Bande auch leichter und enger, und Jeder eilt, das seltene, -flüchtige Glück nicht ungenutzt zu lassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einzelne Gefechte und Scharmützel ohne Bedeutung hatten kaum während -des ganzen Monats Juni die Unthätigkeit in Guipuzcoa unterbrochen, da -unsere Streitkräfte sich größtentheils nach andern Punkten gezogen -hatten, Evans aber, ehe er zur Ausdehnung seines Gebietes schritt, wohl -erst das schon Genommene befestigen und sich dadurch einen Anhaltspunkt -für den Fall eines Unglücks sichern wollte. Graf Casa Eguia war durch -den General Villareal im Oberbefehle ersetzt, der, Capitain unter -Ferdinand VII. und seit dem ersten Augenblicke des Aufstandes in -seiner vaterländischen Provinz Alava thätig, das besondere Vertrauen -Zumalacarregui’s verdient hatte. In der That zeichnete er sich als -Brigade- und Divisions-Chef durch Kaltblütigkeit und Bravour aus; -es fehlte ihm aber ganz an dem zur Leitung einer Armee nöthigen -Überblicke, weshalb er in der Menge seiner Bataillone sich selbst -verwickelte und sie nicht anzuwenden wußte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>Mit Villareal war das System der Expeditionen zur Herrschaft gekommen. -Während der General die feindliche Veste Peñacerrada bedrohete, und -dadurch Cordova zwang, seine Pläne auf das Bastan-Thal aufzugeben -und von Navarra nach Alava zu eilen, hatte Gen. Gomez die Provinzen -verlassen und schon auf dem Marsche nach Asturien die Reserve-Division -des Feindes vernichtet. Der Sieg ward durch das Land mit Jubel -gefeiert: Glockengeläute, auf den Plätzen angezündete Scheiterhaufen, -öffentliche Tänze und Freudenfeuer verkündeten die Theilnahme des -Volkes. Auch Gen. Garcia bestand mehrere Kämpfe in Navarra und -zerstörte einige Forts der Zubiri-Linie, mußte sich jedoch beim Nahen -der Übermacht stets zurückziehen.</p> - -<p>Ich hatte mich während der selten unterbrochenen Muße mit dem -Studium der Sprache, wie mit fortwährenden Ausflügen durch das Land -beschäftigt, welche noch angenehmer waren, da Pferd, Waffen und Gepäck -endlich von den Staats-Schmugglern über die Gränze gebracht waren, -wobei natürlich die Gefahr der Contrebandiers, wie der Gendarmen -Kurzsichtigkeit, die Nachlässigkeit der Douaniers und die zufällige -Abwesenheit der Patrouillen ihren fixen Preis hatten. Im Anfange -Juli benachrichtigten uns endlich unsere Spione von Angriffs-Plänen -des Feindes, deren Ziel jedoch unbekannt war; in der Nacht vom 10. -zum 11. Juli meldeten die Vorposten, daß Bewegungen in den ihnen -entgegenstehenden Truppen bemerkbar würden: der geschäftige Lärm, der -von dem Hafen von Passages herübertönte, deutete an, nach welcher -Seite Evans seine Streitkräfte richtete. So wie der Morgen graute, -wurden Schüsse aus dem rechten Flügel unserer Linie hörbar und folgten -von Minute zu Minute mit mehr Lebhaftigkeit. Achttausend Mann, aus -spanischen und Legions-Truppen bestehend, sollten Fuenterrabia, dann -Irun nehmen, und so den Carlisten die Verbindung mit Frankreich auf der -großen Heerstraße abschneiden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> - -<p>In Begleitung des Generals ritt ich zum Kampfplatze, wo unsere -Schwäche, da im ersten Augenblick nur zweihundert Mann dem Feinde -gegenüberstanden, uns nur erlaubte, ihm das Vorrücken so viel wie -möglich zu erschweren<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>; so gelangte er denn, wenn auch mit Verlust, -bis fast unter die Mauern von Fuenterrabia. In dem Verhältnisse, in dem -unsere weiter entfernt stehenden Truppen anlangten, war der Widerstand -kräftiger geworden, nun gingen wir zur Offensive über; die Engländer -wiesen den Sturm anfangs fest zurück und benutzten jedes Zaudern zu -erneuertem Vordringen, als aber ihre spanischen Bundesgenossen hart -gedrängt wichen und selbst in Unordnung geriethen, mußten auch sie -weichen. Sie zeigten, wie gewöhnlich, hohe Ruhe und Todes-Verachtung. -Langsam zogen sich ihre Massen, von Schützen schwach gedeckt, zurück, -in jeder Stellung hielten sie an, wie um auszuruhen, und vertheidigten -sich eine Zeit lang gegen unsere Tirailleurs-Linien, die sie von Berg -zu Berg, von Schlucht zu Schlucht auf dem Fuße verfolgten, oft stark -drängten und ungestraft in die geschlossenen Haufen hineinschossen, -ohne daß die schwerfälligen englischen Schützen, wie viele auch brav -das Leben auf ihrem Posten opferten, die leichtfüßigen Guipuzcoaner -hätten zurückhalten können. Ich glaubte den Kampf beendigt, da die -Feinde fast schon ihre ursprüngliche Stellung wieder erreicht hatten, -und ich freute mich, daß wir, wiewohl ohne entscheidenden Sieg davon zu -tragen, die Versuche des überlegenen Feindes so rühmlich zurückgewiesen.</p> - -<p>Der General hielt auf einem Hügel, von dem wir einen Theil der -Feuerlinie übersehen konnten, als ziemlich fern zur<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Rechten -lebhafteres Feuer gehört wurde, weshalb ein Adjudant, mit dem ich, da -er französisch sprach, näher bekannt geworden, Befehl erhielt, dorthin -zu eilen; da hier schon Alles ruhig war, begleitete ich ihn. Da die -Truppen einen stark eingehenden Bogen bildeten, suchten wir auf der -kürzesten Linie zur Stelle zu kommen, bogen um die scharfe Ecke eines -mit Unterholz bedeckten Hügels und... sahen, dreißig Schritte entfernt, -ein Detachement christinoscher Jäger vor uns. Schon waren die Büchsen -auf uns gerichtet: mein Gefährte sank todt vom Pferde, das meinige -stürzte nach einem verzweifelten Sprunge zu Boden, halb mich bedeckend, -während die Ordonnanz, welche hinter uns ritt, in gestrecktem Galopp -davon jagte. Im nächsten Augenblicke war ich umringt und unter dem -Pferde hervorgezogen — eine Kugel hatte mir das Bein, doch nicht -gefährlich, verletzt. Halb betäubt blickte ich um mich, in die dunkeln -Gesichter der Jäger, ich zweifelte noch und konnte mir das Schreckliche -nicht möglich denken; ich fühlte mich zagen bei dem Gedanken: ich bin -gefangen.</p> - -<p>Gefangen! Wo waren nun meine herrlichen Träume, wo waren Auszeichnung -und Krieges-Ehre und alle die stolzen, wilden Hoffnungs-Gebilde, die -meine Brust so oft stürmisch gehoben hatten! — Da freilich hatte ich -wenig Zeit zu solchen Betrachtungen. Ich verfluchte auf gut deutsch -mein Geschick; bemühete mich, die Fragen des feindlichen Officiers -französisch zu beantworten, und machte gute Miene zum bösen Spiel, -dem Feinde durch festen Muth auch im Dulden zu imponiren. Doch wurde -ich damals sehr gut, selbst mit Rücksicht behandelt, und da ich den -Soldaten meine Börse ausgehändigt, ward ich nicht weiter ausgeplündert.</p> - -<p>Oberstlieutenant Evans hatte, wie er sagte, seine Recognoscirung -auf Fuenterrabia glücklich ausgeführt und sich dann zurückgezogen; -oder, wie alle Welt sonst unverschämt es nannte, sein Plan, Irun und -Fuenterrabia zu nehmen, war ganz miß<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>lungen, und er hatte lebhaft -gedrängt und mit schwerem Verluste in seinen Verschanzungen Schutz -suchen müssen. Solche verschiedene Versionen waren damals sehr -gebräuchlich, und man sah wahrhaft wunderbare Dinge in dem Genre. Das -Detachement, in dessen Hände ich gerathen, hatte sich seinem Bataillone -angeschlossen und zog mit ihm nach kurzer Rast der Festung zu, wohin -auch ich geführt werden sollte. Man glaubte meiner wohl ganz sicher -zu sein, da ich innerhalb der Linien doch schwerlich entschlüpfen -konnte: so blieb ich fast ganz unbeachtet, bald an der Tete, bald weit -zurück marschirend und gelegentlich mit irgend einem Officier einige -Worte wechselnd, der mit seiner Kenntniß des Französischen paradiren -wollte. Meine Gedanken schweiften unstät umher, bis sich bald alle in -dem Streben und der Hoffnung concentrirten, die Freiheit wieder zu -erlangen; die Idee schon gab mir neue Kraft und erhöhete meinen Muth. -In der That schien die Gelegenheit günstig sich darzubieten.</p> - -<p>Am Nachmittage machte das Bataillon in einem kleinen Weiler Halt, -worauf die Soldaten, erschöpft wohl vom Kampfe und der Hitze des -Juli-Tages, theils in den Schatten der Bäume sich niederstreckten, -theils zu den Häusern eilten, Lebensmittel oder Getränk sich zu -verschaffen. Eine Zeit lang saß ich ruhig auf einem Steine, besorgt, -keinen Verdacht zu erregen, spatzierte dann auf und ab und schlug, da -Niemand auf mich achtete, den Weg nach San Sebastian ein. Eine Minute -später hatte ich die Heerstraße verlassen und erstieg, durch Bäume -und Gebüsch verborgen, rechts die Höhen-Reihe, die längs dem Meere -sich hinzieht. Das Dörfchen blieb weit unter mir links zurück, als -ich Entdeckung fürchtend in dichtem Gesträuch den Abend zu erwarten -beschloß. Da lag ich in furchtbarer Spannung regungslos. Knaben -trieben, kaum zehn Schritte entfernt, ihr Vieh zu einer Lache, die nur -der Busch von mir schied; dann hörte ich einen schweren Tritt langsam -nahen: da zitterte ich. Das Gesicht halb mit dem Basken-Barett bedeckt, -stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> ich mich schlafend; das Geräusch näherte sich, hörte auf, -näherte sich wieder, schon war es neben mir. Fest geschlossenen Auges -und regelmäßig athmend lag ich da. Wohl Minuten stand das unbekannte -Wesen über mir — eine Ewigkeit schienen sie mir —, dann setzte es -ohne andern Laut seinen schwerfälligen Marsch fort, häufig wie vorher -ihn unterbrechend. Lange, lange schon hörte ich nichts, ehe ich ein -Auge halb zu öffnen wagte: nichts war sichtbar. War es ein Mensch? War -es ein Thier? Es ist mir stets ein Räthsel geblieben.</p> - -<p>Endlich brach die ersehnte Dämmerung an. Ich eilte aus meinem Versteck -und folgte raschen Schrittes dem Höhen-Zuge, der längs dem Meere nach -Fuenterrabia mich führen sollte. Die herrliche Sommernacht erleichterte -den gefährlichen Marsch, der Glanz der Gestirne, auf dem dunkeln Blau -des spanischen Himmels heller leuchtend, ersetzte das Licht des Mondes; -ein sanfter, kaum fühlbarer Hauch von der See her störte nicht die -wohlthuende Ruhe der Natur. Selbst die Wogen des Vizcaischen Meeres, -immer fast stürmisch erregt, murmelten lieblich zu meiner Linken, und -ich war mehrfach versucht, schwimmend ihnen mich anzuvertrauen. — -Etwa eine Stunde lang folgte ich der Höhe, oft erschreckt durch das -Säuseln des Grases oder den Schall eines Steinchens, den mein Fuß den -Abhang hinabrollen machte, nicht selten athemlos mich zu Boden werfend, -wenn ein verdächtiger Laut mein Ohr traf. Da plötzlich ward dumpfer -Lärm zur Seite hörbar, Lichter funkelten am Fuße des Berges, und ich -stand über jähem Abgrunde, in dessen Tiefe große dunkle Körper aus der -Silberfläche des Wassers erkennbar waren. Ich befand mich über dem -Hafen von Passages, von einer Schlucht gebildet, die den Felsenzug -durchschneidet, der das Meer hier begränzt, und deren Eingang so schmal -ist, daß nur ein Schiff zur Zeit ihn passiren kann; zwischen dem -Hafen und dem Felsen bleibt nach Frankreich hin ein kleiner Raum, der -gerade eine Straße, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Pasages de Francia</span> genannt, fassen konnte. -<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span><span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Pasages de España</span> liegt auf der Westseite der Bucht, die es nur -mit seiner schmalen Seite berührt, da der Felsen, fast perpendikulär -auf ihre Wasserfläche sich senkend, nicht wie im Osten den Ort zu -erbauen erlaubte.</p> - -<p>Rascher Entschluß war nöthig: den folgenden Tag durfte ich keinen Falls -erwarten, dazu war kaum die Nacht angebrochen, vielleicht konnte ich -im geschäftigen Treiben der Stadt unbemerkt den Hafen passiren. Auf -Umwegen suchte ich den südlichen Abhang hinabzusteigen, ich glitt bald -weite Stellen hinunter, stolperte dann über Felsen und Baumwurzeln und -mußte Hecken überspringen und mehrere terrassenförmig angelegte Gärten -forciren; an Händen und Gesicht verletzt sah ich mich endlich wieder -auf der Heerstraße. Ich durchschritt langsam und mit gleichgültigem -Äußern die Straßen der Stadt, in denen Matrosen und Soldaten<a name="FNAnker_15_15" id="FNAnker_15_15"></a><a href="#Fussnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>, fast -alle Engländer, sich durch einander drängten, und erreichte bald den -Quai; neue Verlegenheit: eine Brücke existirte nicht, Umgehung der Bai -war nicht möglich, da ein Fluß in sie einmündet. Doch Zaudern vermehrte -nur die Gefahr. Ein Boot, in das ein fein gekleideter Mann, wohl ein -britischer See-Officier sich gesetzt, war im Begriff abzustoßen, -ich sprang hinein. Der Engländer fragte mich englisch, wer ich sei, -dann, da ich nicht antwortete, spanisch, worauf er, da ich einige -unverständliche Worte murmelte, abzustoßen befahl, ohne Zweifel nach -meinem Anzuge für einen Officier des baskisch-christinoschen Corps mich -haltend, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">chapelgorris</span> — Rothhüte — genannt, da sie wie wir -das farbige Basken-Barett trugen. Am andern Ufer angekommen, grüßte -ich ihn und verschwand in einem Gäßchen, welches in die Häuserreihe -einschnitt.<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Der Weg führte auf den Felsenriff, der, nur durch den -Hafen von dem getrennt, auf welchem ich bis hieher gekommen, längs dem -Meere fortlief, derselbe, auf dem ich den ersten Kampf gekämpft, in dem -mein armer Schweizer den Todesschuß erhielt. Die steile Höhe war bald -erstiegen.</p> - -<p>Der schwierigste Theil der Flucht stand noch bevor: ich mußte die -Vorposten-Linie des Feindes passiren, wobei die Helle der Nacht, die -mir bisher so günstig gewesen, nun zum Hinderniß wurde. Über Felder und -hinter Hecken fort schlich ich mit Vermeidung aller Wege den Posten -zu, die ich endlich Gewehr im Arm ihren regelmäßigen Gang auf und ab -spatzieren sah. Umsonst versuchte ich den Durchgang nahe bei dem Meere: -die Chaine war bis zu der hohen Felsküste ausgedehnt; umsonst schlich -ich hinter der Linie auf und ab, eine weniger scharf bewachte Stelle -suchend. Da machte ein helles „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">quien vive?</span>“ das Blut mir in den -Adern gerinnen — ich stand bewegungslos, lautlos — nochmals ertönte -nicht dreißig Schritt vor mir der furchtbare Ruf; dann war Alles still. -Lange, lange stand ich wie eine Statue, es mochten Minuten sein, mir -schienen sie Jahre; endlich begann ich rückwärts zu gehen, Fuß vor -Fuß, besorgt, dem etwa forschenden Auge durch veränderte Stellung -einen neuen Gegenstand der Aufmerksamkeit darzubieten. Schon wagte ich -langsam mich umzudrehen: ein neues „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">quien vive!</span>“ — ich stand -wie vom Blitz getroffen. Da antwortete eine sanfte weibliche Stimme von -der andern Seite her, und rasch gingen zwei Bäuerinnen, hohe Körbe auf -den Köpfen tragend, wenige Fuß von mir entfernt vorüber. Ich benutzte -das Geräusch ihrer Schritte, um mich gleichfalls von dem gefürchteten -Posten zu entfernen.</p> - -<p>Doch wozu mehr der Schrecken jenes Abends! Ein Hund, mit lautem -Gebell mir folgend, trieb mich zu rasender Verzweiflung, daß ich mit -dem Messer auf ihn stürzte, ihn zu tödten; dann die Patrouillen, -die fast mich berührend, den im Schatten<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> eines Felsen oder Busches -Hingestreckten unbemerkt ließen! Wohl darf ich sagen, daß ich nie -später, nie früher solches Gemisch, so raschen, erstarrenden Wechsel -der Hoffnung und des Schreckens, der Anspannung aller geistigen und -körperlichen Fähigkeiten und plötzlicher Erschlaffung empfand, die -doch wieder dem Drange des Wollens weichen mußte; dazu der Schmerz, -stets wachsend, und die Lähmung der Wunde, die, wiewohl leicht, durch -die entsetzliche Anstrengung in jedem Augenblick empfindlicher wurde. -— Hoffnungslos wollte ich den Versuch machen, mit Gewalt die Kette -zu durchbrechen. Einer der Posten rief mich an, da eine englische -Patrouille dicht hinter mir erschien: ich ward umringt und fortgeführt, -von Neuem ein Gefangener.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Sergeant, mit dem ich einige Worte gewechselt, geleitete mich -zu der großen Schanze über Passages. Da er dort seinen Bericht -abgestattet, erhob sich dumpfes Gemurmel: „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">the spy, the spy!</span>“ -unter den Leuten, der dort commandirende Marine-Officier aber befahl -kalt dem Sergeanten: „<span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">give him to the Spaniards to shoot him</span>“; -mit gleich kalter Verbeugung wandte ich mich, dem Sergeanten zu -folgen. Doch der erklärte, daß ich englisch spreche, was Allem eine -andere Wendung gab. Nachdem ich eine Viertelstunde mit dem Officier -mich unterhalten, wobei ich, da nach spanischem Gesetz der entflohene -Gefangene Todesstrafe hat, als zufällig nach dem Gefechte zu weit -vorwärts gegangen und verirrt mich angab, ging ich Arm in Arm mit ihm -nach Passages hinunter, wo wir mit einigen andern Engländern mehrere -Flaschen leeren mußten. Dann fuhren wir auf einem kleinen Boote nach -San Sebastian und blieben während der Nacht auf dem Dampfschiffe -Isabel, dessen Bemannung ganz aus Engländern bestand. Nachdem wir -trotz der mir offen ausgesprochenen Ansicht Aller, daß ich am andern -Tage würde erschossen werden, bis lange nach Mitternacht gescherzt -und ge<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>trunken, schlief ich bis zum Frühstück auf einem Sopha, worauf -einer der Officiere, nachdem alle feierlich den Abschiedstrunk mir -gereicht und herzlich Gutes wünschend meine Hand gedrückt hatten, zum -Oberstlieutenant — im Dienste Christina’s General-Lieutenant — Evans -mich begleitete.</p> - -<p>Unpäßlich empfing er mich im Bette und befragte mich um manches die -Faktion, wie in Spanien die carlistische Parthei gewöhnlich genannt -wird, und mich selbst Betreffende; wenn ich da die Antwort meist -umging, konnte ich natürlich über das, was die Politik des Vaterlandes -und dergleichen anging, nur meine Unwissenheit erklären. Dann sagte -er mir, daß ich, da die Legion kein Pardon erhielte noch gäbe, -sofort hätte erschossen werden müssen, daß er aber, da ich doch als -Hannoveraner Unterthan desselben Königs und eigentlich ein „halber -Engländer“ sei, den Spaniern als Gefangenen mich übergeben werde. -Ohne dieses Mal gegen das <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">half english</span>, das so guten Dienst -mir leistete, zu protestiren, folgte ich freudig dem Officier, der -dem Gouverneur der Citadelle mich übergeben sollte, und ward bald in -das mir bestimmte Zimmer eingeschlossen, nachdem der Gouverneur, ein -Spanier, mich hatte scharf durchsuchen und unter nichtigstem Vorwande -Alles, was ihm anstand, mit Beschlag belegen lassen.</p> - -<p>Mein Zimmer bestand aus einem großen Rechteck mit zwei Alkoven, in -deren einem ein Strohsack, das einzige Meubel sich befand. Täglich zwei -Mal erschien ein altes Weib, mir einen kleinen Teller in Öl gekochter -Bohnen und ein Stückchen Ekel erregenden Brodes zu bringen; für -schweres Geld, durch den Verkauf des mir nicht Entrissenen verschafft, -konnte ich Chocolate, der Spanier gewöhnliches Morgengetränk, -haben; andere Erquickung war versagt, und selten nur mochte Etwas -hereingeschmuggelt werden. Der Zufall wollte, daß ich mein Handbuch -des Spanischen und ein anderes mir werthes Buch in der Tasche gehabt, -sie konnten die Habsucht nicht reizen und waren<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> daher ein herrlicher -Trost in der Einsamkeit des Kerkers mir geblieben; sie las, durchdachte -ich wieder und wieder. Und dann ging ich Stunden lang auf und ab, zur -fernen Heimath versetzt, das Vergangene von Neuem durchfühlend, alles -mir Theure den Augen des Geistes vorzaubernd. Die Gefühle jener Stunden -klangen oft erhebend in die bittere Niedergeschlagenheit hinüber, die -wohl den Gefangenen auch geistig fesseln wollte.</p> - -<p>Es war mir erklärt, daß, so wie ich das Fenster öffnete, auf mich -geschossen würde; es ging aber, wenigstens dreißig Fuß über dem Boden -erhaben, auf einen Theil des Wallganges, auf dem mehrere Schildwachen -standen, und der rings von entsetzlichem Abgrunde umgeben Flucht -unmöglich machte, da der einzige Pfad mitten durch die Wache führte. -Bald wagte ich denn auch, vorsichtig mein Fenster zu öffnen, und o -Freude! es blieb fast immer unbemerkt, so daß ich auch der herrlichen -Aussicht und der frischen Meeresluft mich erfreuen durfte.</p> - -<p>Links bis zum Horizont dehnte sich die blaue Meeresfläche, bald -bewegungslos wie ein Spiegel leuchtend, bald thürmte es im wilden -Kampfe der Elemente seine Wogen häuserhoch und hüllte mit dumpfem -Gebrüll das Felsengestade in Schaum. Fast immer schmückten es ein- und -auslaufende Schiffe oder zahllose Fischerboote, häufig zog die leichte, -feine Gestalt einer englischen Fregatte meine Aufmerksamkeit an oder -ein Dampfschiff, stets gleich sicher die Wellen durchschneidend, schien -die dunkeln Qualm-Wolken in langem Schweife sich nachzuziehen. Etwas -weiter rechts erhob sich einem Gewölk nicht unähnlich die Hügelküste -Frankreichs, auch bei Nacht durch das Feuer der Leuchtthürme weithin -sichtbar. Vor mir breitete sich in seiner ganzen Schönheit das Thal -aus, in dem die Straße nach Passages hinläuft, oft von den Schaaren -der Christino’s und ihrer britischen Genossen durchzogen; eine -Schiffbrücke verbindet es mit der Festung. Dann erschien der Hafen mit -seinem Mastenwalde, und über ihm hinaus erhoben sich stufenweise die -Gebirgsreihen, zu denen<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> die Carlisten nach der Ankunft der englischen -Legion zurückgedrängt waren. Von dort drang nicht selten das Getöse des -Gefechtes zu mir, oder der Schüsse Blitzen, wenn der Kampf bis in die -Nacht sich verlängerte, durchzuckte in rascher Folge die Dunkelheit. -Das waren die elendesten Tage der Gefangenschaft!</p> - -<p>Tief unter der Citadelle bot die Stadt den größten Theil der Straßen -meinem Blicke dar, und deutlich unterschied ich das immerwährende -Getümmel auf dem Marktplatze, auf dem die Spanier einen nicht -unbedeutenden Theil ihres Lebens zuzubringen pflegen. San Sebastian -ist nicht regelmäßig gebaut, aber sehr freundlich, die Straßen sind -schmal, da der kleine Raum sorgfältig benutzt wurde, die Häuser, sonst -geschmackvoll, durchgehends sehr hoch, oft sechs, sieben Stockwerke -auf einander gethürmt. Die Stadt liegt auf einer durch eine hohe -isolirte Felsmasse gebildeten Halbinsel, die im Norden vom Meere, -im Westen vom Hafen und nach Morgen von einem Meeres-Arm umgeben -ist, welcher sich so weit erstreckt, daß er vom Hafen nur durch eine -schmale Landenge getrennt ist, die die kleine zwischen dem Felsen, -dem Arme und dem Hafen eingeschlossene Ebene, auf der die Stadt -gegründet, mit dem Festlande verbindet. Die Befestigung besteht nach -der Landseite aus einem Kronwerke, nach dem Meere zu ist San Sebastian -durch das auf dem Felsberge errichtete, nur auf schmalem, vielfach -sich windendem Wege zugängliche Castell ganz gedeckt und beherrscht. -Die Festung ist in der That eine der festesten und durch seine Lage -wichtigsten des Königreiches; sie möchte am besten von der Westseite -her anzugreifen sein, wo jenseit des Meeresarmes der Höhenzug, welcher -bis Passages ununterbrochen hinläuft, innerhalb Kanonenschußweite zur -Höhe des Castells sich erhebt, während jener Arm zur Zeit der Ebbe -ohne Schwierigkeit passirt wird. Dort besonders hatten die Carlisten -vor der Ankunft der Legion die Werke errichtet, die wegen Mangel an -Material nur zur Blokade dienten, von dort aus griff Wellington’s -englisch-<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>spanische Armee die Festung an und nahm sie nach kräftiger -Vertheidigung.</p> - -<p>Die Einförmigkeit der Gefangenschaft wurde oft, wiewohl nicht angenehm, -durch die Engländer unterbrochen, die in großer Zahl im Zustande der -Trunkenheit und wegen Insubordination<a name="FNAnker_16_16" id="FNAnker_16_16"></a><a href="#Fussnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> als Arrestanten auf dem -Wallgange oder im äußern Hofe sich befanden und wohl unter meinen -Fenstern ihre Spiele trieben. Der Anblick war furchtbar widerlich, ich -würde nicht ihn zu beschreiben wagen. Doch frappirte mich wiederholt -die Bemerkung, daß unter diesem Abschaum des Inselreiches Männer sich -fanden, die augenscheinlich einer höhern Sphäre angehört, andere, -deren Erziehung ihrem jetzigen Zustande moralischen wie physischen -Elendes ganz unangemessen schien. Ich erinnere mich, daß einer der -Soldaten seine mit Narben bedeckte Brust entblößend schwur, daß er -nicht mehr den feindlichen Lanzen trotzen werde, da man so ihn lohne, -worauf ein Zweiter ihm Horaz’s schönes „<span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">dulce et decorum est pro -patria mori</span>“ anführte. Ein anderer Elender aber, in seinen grauen -Mantel, seine einzige Kleidung, gehüllt, und im Schatten ausgestreckt, -erwiederte trocken: „<span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">sed dulcius vivere pro patria</span>.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Sechs Wochen waren verflossen, sechs traurige Wochen, als die Ordre -Cordova’s anlangte, der gemäß ich nach Vitoria sollte abgeführt werden. -Froh verließ ich an einem der letzten Tage August’s das Castell, -um auf dem Dampfschiffe <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la reyna gobernadora</span> nach Santander -eingeschifft zu werden. Die Officiere des Schiffes, wiederum sämmtlich -Engländer, empfingen mich eben so zuvorkommend und herzlich wie früher -die der Isabel, ja sie zeichneten mich so aus, daß, während zwei -christinosche<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Officiere, die die Überfahrt mit machten, in beliebigem -Winkel auf der Erde schliefen und aus eigenem Vorrathe kalte Küche -genossen, ich an der Tafel der Officiere Theil nahm und selbst in -des Capitains Cajüte ein Bett mir bereitet fand. Überhaupt zeigten -die Engländer hohen Unwillen, gar Verachtung gegen ihre spanischen -Gefährten, und wohlthuend war es mir, die Bravour der carlistischen -Officiere sie mit Bewunderung anerkennen zu hören, da sie stets an der -Spitze ihrer Krieger die Ersten auf den Feind sich stürzten, während -die constitutionellen Officiere in den ersten Jahren des Krieges -häufig hinter Felsen und Bäumen versteckt die freistehenden Soldaten -zum Vorrücken ermunternd gesehen wurden. Ein Adjudant des Generals -Jauregui erregte unser Lächeln, da er mit Depechen nach Santander im -Augenblick der Abreise anlangte und da auf seine ängstliche Frage ein -Midschipman sehr ernst ihm antwortete, daß wir wohl stürmisches Wetter -haben würden, sofort mit seinen Depechen in das Boot zurücksprang und -nicht wieder erschien. Capitain, Officiere, alle Welt erklärte sich -für gänzlich überdrüßig dieses Krieges mit solchen Bundesgenossen; sie -verhehlten sich nicht die Elemente der beiden Partheien für den Sieg -und für den Widerstand, ihre Verhältnisse und die Neigungen des Volkes.</p> - -<p>Nach nur zu rasch geendeter Fahrt längs der Küste Vizcaya’s warfen -wir auf der Rhede von Santander Anker, nachdem man mich auf einen -Felsen aufmerksam gemacht, den die britischen Seeleute wegen -seiner Ähnlichkeit mit des Feldherrn Adlernase <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">Wellington’s -nose</span> genannt haben. Bald erschien ein Platzadjudant mit einem -Detachement, dem er unter meinen Augen zu laden befahl, und da ich -an Bord das Abschieds-Glas geleert und viele warme Händedrücke und -Wünsche empfangen, ward ich in dem Boote ans Land und in der Mitte -von acht Soldaten zum Gefängniß geführt. Doch hatte der Anblick -englischer Höflichkeit so viel vermocht, daß der Adjudant beim -Fortgehen mir gleichfalls die Hand reichen und seiner Theilnahme mich -versichern<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> zu müssen glaubte, was wiederum auf die Artigkeit des -Kerkermeisters wohlthätig wirkte; so lange ich nämlich Lust hatte, -seine Gefälligkeiten, sein Bett und die Speisen seiner Küche zehnfach -zu bezahlen. Da ich jedoch nach kurzer Zeit in Rücksicht auf meinen -traurig zusammenschrumpfenden Geldbeutel erklärte, daß ich mit dem mich -begnügen werde, was mir als Gefangenen ausgesetzt sei, sah ich mich -plötzlich auf Schwarzbrod reducirt, indem mir mürrisch erklärt wurde, -das mir bestimmte Geld reiche nicht hin, um irgend Etwas zu kaufen. -Die Aussicht war trostlos; doch ward ihr nach ein Paar Tagen ein Ende -gemacht, da ich, von einer Escorte von zwanzig Mann umgeben, Santander -verließ und auf einem Esel die Straße nach Burgos entlang zog.</p> - -<p>Bisher hatte ich geglaubt und geklagt, daß ich schlecht und allem -Völker- wie Krieges-Rechte zuwider behandelt werde, doch sollte ich -nun erkennen, wie relativ der Begriff des Guten und Schlechten ist und -wie die Ideen unserer liberalen Gegner über Ehre und Recht von denen -der andern Europäer abwichen. Während des Tagemarsches durfte ich in -der That nicht klagen, denn wenn der Officier sich ganz gleichgültig -zeigte, so thaten die Soldaten dagegen, was sie nur thun konnten, um -das Harte meiner Lage mir weniger fühlbar zu machen; die christinoschen -Soldaten waren meistens nicht wegen individueller Meinung in jenem -Heere: durch Gewalt waren sie ausgehoben, Furcht, Gewohnheit, oft -Gleichgültigkeit hielt sie fest. So bestand denn das Unangenehme nur in -den Volkshaufen, die lärmend, oft drohend, mir durch die Ortschaften -folgten, und in den Diners, die ich von neugieriger Menge umringt, -stets auf dem Marktplatze halten mußte, oder in den Bemerkungen der -Weiber.</p> - -<p>So wie wir aber Abends im Nachtquartier anlangten, begann das Elend. -Irgend ein unterirdisches Loch ohne Fenster noch Luftzug, geschwärzt -von Qualm und Rauch, stinkend und voll Ungeziefer, der Landplage -Spaniens, nahm mich auf, oder —<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> noch widerlicher — ich sah mich -mit den niedrigsten Verbrechern beider Geschlechter, zwischen denen -Kinder im Schmutz sich wälzten, in engem Kerker vereinigt, deren freche -Vertraulichkeit ich mit Mühe zurückweisen konnte, während die Scenen, -die unter solchen Menschen vorauszusetzen, mit Ekel und Abscheu mich -füllten. Glücklich schätzte ich mich, wenn ich selten ein Mal in einem -Fort der Obhut eines Officiers und einer militairischen Wache übergeben -wurde. Wohl darf ich meine Überzeugung aussprechen, daß, wäre ich der -Sprache wie später Meister gewesen, hätte ich irgend eine Geldsumme zu -meiner Verfügung gehabt, es mir nicht schwer geworden wäre, mit Leuten -und Waffen, ja mit den Officieren vielleicht, mich davon zu machen und -den Meinigen sie zuzuführen. Ihre Unterhaltung, ihre Fragen, einzelne -Bemerkungen verriethen, wo nicht immer Geneigtheit für die carlistische -Parthei, Kälte gegen die, welche sie vertheidigten, und vor Allem die -nun in allen Classen der Spanier so gewöhnliche Verderbtheit, welche, -wenn ihr Interesse angeregt, wenn ihnen <em class="gesperrt">genug</em> geboten wird, sie -bereit macht, schnöder Geldgier Alles zu opfern.</p> - -<p>Nachdem wir die hohe Kette überschritten, die so reich an malerischen -und majestätischen Scenen von dem Hauptstamme der Pyrenäen bis Galizien -sich hinzieht, und da wir den Ebro seiner Quelle nahe mehrere Mal -passirt hatten, wandten wir uns links von der Straße von Burgos über -Reynosa, Pancorvo und Miranda auf Vitoria. Ich dachte der Zeiten, -in denen auf eben diesen Gefilden Wellington’s Armee der Herrschaft -Napoleon’s in der Halbinsel den letzten entscheidenden Schlag gab; ein -Gefangener fand ich mich, wo einst so viele meiner braven Landsleute, -viele persönlich mir Theure in den Reihen des siegreichen Heeres -gekämpft. Mannigfache Empfindungen mußte der Gedanke in mir hervorrufen!</p> - -<p>General Cordova hatte das Commando niedergelegt und in Folge der -neuen gewaltthätigen Änderung der Verfassung nach<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Frankreich sich -zurückgezogen, weshalb ich den Ebro entlang wieder über Miranda, -Arro und Logroño nach Calahorra geführt wurde, wo General Oraa, der -interimistisch den Oberbefehl übernommen, einen Angriff auf Estella -vorbereitete. Wir trafen ihn am 13. Sept. früh im Augenblicke des -Abmarsches, da schon die Truppen aufgebrochen waren. Er ertheilte -Ordre, mich bis auf Weiteres in das Depot zu Logroño zu placiren, wohin -ich abgeführt wurde, nachdem ich von einem Mordversuch der Soldaten -der Garnison gerettet war. Wie immer auf dem Marktplatze von der -müßigen Menge umringt, genoß ich ruhig die Chocolate, welche ein alter -Capitain, der in Rußland Kriegsgefangener gewesen, mir übersandt. Da -nahten sich fluchend mehrere Soldaten und warfen der Escorte vor, daß -sie mich nicht längst unterwegs getödtet hätten; sie schimpften auf -den Ehrenmann, der mir die Chocolate geschickt: die Liberalen könnten -auf der Straße verhungern, ohne daß Jemand sich ihrer annehme. Der -Lärm tobte jeden Augenblick mehr, laut ward mein Blut gefordert, schon -berührten die Bajonete meine Brust, Messer funkelten: ich strebte -als braver Carlist fest zu sterben. Doch die kleine Escorte, deren -Zuneigung ich erworben, drängte sich zu meinem Schutze, sie stieß die -Wüthenden mit Kolbenstößen zurück und entriß mich mit Mühe dem tobenden -Pöbel, der durch die Straßen bis ins Freie mit Mordgeschrei uns folgte. -Mehrere Verwundungen waren vorgekommen.</p> - -<p>Am folgenden Tage sah ich in dem zur Caserne umgeschaffenen Kloster -der Jesuiten von Logroño ein kleines, reinliches Zimmer sich mir -öffnen, in dem ein junger spanischer Officier in französischer Sprache -sein Vergnügen ausdrückte, daß die traurige Gefangenschaft durch so -angenehme Gesellschaft ihm erleichtert werde.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die Bataillone bestehen in Spanien aus acht Compagnien, -von denen zwei, die Grenadier- und die Jäger-Compagnie, als Elite -— <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de preferencia</span> — bezeichnet werden. Sie formiren an der -Tête und Queue des Bataillons, wählen ihre Leute aus den übrigen -Compagnieen und haben im Kriege, da sie stets ergänzt werden, -oft die doppelte oder dreifache Stärke derselben. Sie sind stets -die ersten und letzten dem Feinde gegenüber, leiden daher immer -unverhältnißmäßig, weshalb die Officiere, die besten des Bataillons, -auch mehr Avancement haben, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Die -Compagnie, welche 125 Mann stark sein soll, zählt einen Capitain, zwei -Premier-, zwei Seconde-Lieutenants. Im Kriege führt sie natürlich -oft ein Seconde-Lieutenant, in mehreren Fällen sah ich selbst einen -zweiten Sergeanten — Unterofficier — die Compagnie mehrere Tage lang -commandiren, da stets außerordentlich viele Officiere der Carlisten, -ganz im Gegensatze der Christinos, blieben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Da ein Capitain mit seiner Compagnie zur Besetzung und -Vertheidigung einer Reihe Felsen beordert wurde, sah ich ihn seine -Leute im Kreise zum Beten des Rosenkranzes vereinigen, worauf er einen -Caplan bat, ihnen für den Fall des Todes die Absolution zu ertheilen, -was sogleich feierlich geschah.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_15_15" id="Fussnote_15_15"></a><a href="#FNAnker_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Als die Feinde Passages nahmen, fanden sie dort nur -Weiber. Die Männer ohne Ausnahme waren den Carlisten gefolgt, und -ergriffen die Waffen gegen ihre Unterdrücker.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_16_16" id="Fussnote_16_16"></a><a href="#FNAnker_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Viele behaupteten, nur auf ein Jahr sich engagirt zu -haben, und weigerten sich daher, ferner zu dienen.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier4" name="zier4"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 4" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="V">V.</h2> - -</div> - -<p>Es ist Viel über die empörenden Grausamkeiten geschrieben, die -allgemein wie besonders gegen die Kriegsgefangenen von beiden Partheien -im spanischen Bürgerkriege begangen sind; und — wie die Umstände es -mit sich brachten — die öffentliche Meinung hat sich allgemein gegen -die Carlisten als Urheber und Hervorrufer jener Schreckens-Scenen -ausgesprochen. Dieses war natürlich. Die Constitutionellen hatten -zu ihrer Verfügung zahlreiche öffentliche Blätter, durch die sie -sich bemüheten, die Ereignisse so darzustellen, wie es ihren Zwecken -genehm war. Sie schilderten jede neue Rachethat der Carlisten mit -den schwärzesten Farben, die ihre Phantasie hervorzubeschwören -vermochte, während sie die unglaublichen Frevel, durch die jene -Thaten hervorgerufen und ihre Gegner zu wildester, rücksichtsloser -Verzweiflung gereizt sein mußten, ganz mit Stillschweigen übergingen. -Sie fanden aber in der liberalen Presse der Nachbarländer eifrige -Verbündete, welche sich beeilten, die so entstellten Thatsachen zu -verbreiten, durch ganz Europa den Schrei des Abscheu’s gegen die -Royalisten Spanien’s ertönen zu machen. Diese dagegen besaßen nicht -solche Zeitschriften, selbst nicht Zeit zum Schreiben und zum Aufklären -des Truges, sie waren genöthigt, zu den Verleumdungen zu schweigen, -die meistens wohl nicht ein Mal bis zu ihren Bergen und Lagern -durchdrangen; und wenn etwa eine vereinzelte Stimme in der Fremde zur -Rechtfertigung der schmählich Verleumdeten sich erhob, war sie bald -durch hundertfaches Geschrei der Getäuschten oder bei der Täuschung -Interessirten übertönt und erstickt.</p> - -<p>Ich werde durch Thatsachen, von deren Genauigkeit ich mich zu -überzeugen Gelegenheit hatte, das gegen die Carlisten als Menschen so -allgemein herrschende Vorurtheil zu bekämpfen su<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>chen, wie sehr ich -auch die Schwierigkeit und Undankbarkeit des Unternehmens würdige: — -gerade seinen Vorurtheilen klammert das arme Menschen-Geschlecht ja -am festesten sich an. Dabei muß ich voraussenden, daß ich keinesweges -leugne, daß von einzelnen Individuen Grausamkeiten begangen sind: -in solchem Kriege und bei solchem Charakter des Volkes waren sie -unvermeidlich. Aber die Tendenz der Carlisten als Ganzes, ihrer -Leiter und hervorstehenden Personen war stets auf Milde und Großmuth -gerichtet; selbst da verleugneten sie diese nicht, wo Pflicht der -Selbsterhaltung, Pflicht gegen ihre Untergebenen sie zwang, den -Schreckens-Maßregeln der Christinos durch Strenge einen Damm zu setzen, -Gleiches mit Gleichem zu vergelten.</p> - -<p>Übrigens bezieht sich das hier zu Sagende, wenn auch großen Theils -auf ihn anwendbar, nicht auf den — stets als blutdürstigen Tiger -bezeichneten — General Cabrera. Gegen ihn haben so mannigfache Stimmen -sich erhoben, mit Hintansetzung alles Rechtes und aller Wahrheit so die -Schmähungen ihm gehäuft, daß die Gerechtigkeit erfordert, ihm später -abgesondert einige Zeilen zu widmen.</p> - -<p>Werfen wir einen Blick auf den Beginn des Bürgerkrieges, auf die Zeit, -da kurz nach Ferdinands VII. Tode die baskischen Provinzen -und in den andern Theilen des Königreiches viele einzelne Edle für -Carl V. zu den Waffen griffen. In Blut sollte da der drohende -Aufstand erstickt werden: in allen Städten wurden Blutgerüste -errichtet, die Verdächtigen wurden eingekerkert, die mit den Waffen -in der Hand Gefangenen sofort erschossen. Wir sahen früher, wie die -Anhänger der unschuldigen Isabella in den Nordprovinzen wütheten, wie -dort Mina, Sarsfield, Valdes, Lorenzo, Rodil in Mord und Zerstörung -wetteiferten. Sie erließen Tod und Vernichtung athmende Edikte, sie -brannten die Dörfer der aufgestandenen Distrikte nieder, zerstörten -Saaten und Vorräthe, schändeten die Frauen und Mädchen und opferten -ohne Barmherzigkeit, wen immer sie den carlistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Guerrillas -angehörig oder ihnen nur günstig gesinnt glaubten. Bald fiel der edle -Don Santos Ladron, der General, der unter Ferdinand VII. an -die Spitze der Getreuen sich gestellt hatte, in Lorenzo’s Hände: mit -seinen Gefährten ward er zu Pamplona rücklings erschossen, worauf der -Mörder, seiner Schandthat sich rühmend, neue Proclamationen, noch mehr -Mord schnaubend als die früheren, erließ und freudig den Entschluß des -Gouvernements ankündigte, <em class="gesperrt">keinem</em> Rebellen Gnade zu schenken.</p> - -<p>Und die Carlisten? Ohne Zweifel regten ihre Anführer zu blutiger Rache -sie auf, vergalten Drohung mit Drohung, Tod mit Tod? — General Eraso, -der in den Thälern von Ober-Navarra befehligte und nach Ladron’s -Ermordung seine Stelle als Chef des Aufstandes einnahm, indem er den -Seinen den Tod ihres Führers anzeigte, forderte sie auf, zu bedenken, -daß sie für eine gerechte Sache, für die Religion der Liebe kämpften, -daß sie daher nicht Böses mit Bösem vergelten, auf die Gerechtigkeit -ihrer Anstrengungen gestützt vielmehr durch Großmuth die Wuth der -Revolutions-Kämpfer bändigen, den durch die Bravour errungenen Sieg -verschönern müßten. — So beantworteten anfangs der Carlisten Anführer -die immer erneuten Drohungen und Gräuel der Generale Christina’s.</p> - -<p>Zumalacarregui übernahm das Commando. Seine Armee wuchs täglich an Zahl -und Furchtbarkeit, er schlug den Feind, nahm Forts und machte zahllose -Gefangene: entweder sandte er sie auf ihr Versprechen, nicht mehr dem -Feinde zu dienen, in die Heimath oder gab ihnen, wenn sie es begehrten, -die Waffen für ihren König. Seine Gegner, Rodil, Mina und die vielen -untergeordneten Führer, fuhren fort, jeden Carlisten niederzumetzeln, -und beantworteten seine wiederholten Anträge für menschliche und -völkerrechtliche Kriegführung gar nicht oder durch Hohn. Zumalacarregui -drohete wieder und wieder: — neue Schlächterei! Die Christinos -hielten sich stets für die Stärkeren und daher — sehr logisch — -für gerechtfertigt in Allem, was sie thun möchten, ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Übergewicht -zu sichern oder ihrer Vernichtungs-Wuth zu genügen. Da <em class="gesperrt">durfte</em> -Zumalacarregui nicht länger die Rücksichten der Menschlichkeit gegen -den Feind vorwalten lassen; die Pflicht gegen die Seinen und gegen die -Sache, welche er vertheidigte, schrieb seine Maßregel vor: er befahl -zu Repressalien zu schreiten, für jeden außer Gefecht getödteten -Carlisten einen Gefangenen zu erschießen. Da auch dieses ganz -wirkungslos war, ordnete er für jeden Gemordeten die Erschießung von -zehn der zahlreichen Gefangenen, die seine Siege ihm täglich in die -Hände spielten, und deren doch die größere Zahl lebend blieb. Fühllos -bei dem Jammer der Ihrigen, wie sie bei dem Todes-Zucken der Gegner es -gewesen, fuhren die feindlichen Generale in ihrem Blut-System fort: -jeder Gefangene ohne Ausnahme wurde erschossen. Indem er die Gräuel -verfluchte, die er durch alle Mittel zu verhüten gesucht, befahl da -auch Zumalacarregui, daß fortan den Feinden kein Pardon gegeben werde -— bis sie ihre Ausrottungs-Dekrete zurücknähmen und menschlichere Art -der Kriegführung adoptirten.</p> - -<p>So war das Schreckenswort ausgesprochen: von beiden Seiten Kampf auf -Leben oder Tod. So hatten ihn die Christinos gewollt, so ward er ihnen; -doch der carlistische Feldherr, auf das Äußerste gereizt, verleugnete -sein inneres Gefühl nicht. Er stellte es dem Feinde anheim, durch -Aufhebung des Systemes, das ihn zu Gleichem gezwungen, sogleich dem -Blutvergießen willkommenes Ende zu machen.</p> - -<p>Während des Jahres 1834 und im Anfange 1835 wurde der Krieg mit -allen Schrecknissen der Vernichtung fortgeführt. Und doch betrachten -wir näher das Betragen der beiden Armeen während jener Zeit! Die -Christinos, es ist wahr, hatten nicht häufig Gelegenheit, an -carlistischen Gefangenen ihre Wuth zu äußern; aber findet sich wohl -ein Beispiel, daß sie in solchem Falle der Unglücklichen verschont -hätten? Fielen sie nicht Alle unter ihren Streichen! Und nicht nur die -Waffen tragenden<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> Freiwilligen, auch deren Väter und Brüder, friedliche -Landleute, ja entfernte Verwandte, Frauen und Kinder wurden von den -feindlichen Colonnen in fühlloser Wuth hingeopfert. Bald fanden sie -nur noch die verlassenen Dörfer vor, da jedes menschliche Wesen bei -ihrer Annäherung in die unzugänglichsten Gebirge entfloh; zur Strafe -plünderten sie dann die Wohnungen, brannten beim Abmarsch sie nieder -und verkündeten wieder Tod einem Jeden, der seinen Wohnsitz verlasse.</p> - -<p>Zumalacarregui aber erfocht Sieg auf Sieg, er schlug die feindlichen -Divisionen, eroberte Fort auf Fort, reinigte nach und nach die -baskischen Provinzen und Navarra und machte selbst Einfälle jenseit -des Ebro nach Castilien; es ist leicht zu erachten, daß während der -langen Sieges-Periode viele Tausende in seine Hände fallen mußten. Der -Befehl, keinen Pardon zu geben, existirte fortwährend, denn die Feinde -hatten keinesweges mildere Saiten aufgezogen. So sanken Tausende — -unter ihnen General O’Doyle, O’Donnel, dessen zwei Brüder in den Reihen -der Royalisten mit Auszeichnung fochten, und andere hohe Officiere — -unter dem rächenden Arm der Carlisten, Opfer der Grausamkeit ihrer -eigenen Feldherren. Aber dennoch siegte oft Menschlichkeit und Großmuth -über die Gebote der Klugheit; dennoch rief Zumalacarregui in den -glorreichen Tagen, da er die Divisionen O’Doyle und Osma vernichtete, -seinen Freiwilligen, die die Fliehenden niedermachten, zu, vom Blutbade -abzulassen, da er so Entsetzliches nicht sehen könne — und achthundert -der Feinde wurden gefangen fortgeführt und durften in die Bataillone -der Sieger eintreten; dennoch entsandte er die im Hospital von los -Arcos gefundenen Officiere und Soldaten und selbst die Garnison, welche -im Fort verzweifelten Widerstand geleistet, frei nach Logroño, während -einige Meilen von dort Mina mehrere verwundete Carlisten, die er in der -Pflege von Bauern in der Nähe von Pamplona entdeckte, hervorschleppen -und erschießen, diese Bauern erschießen, einen Jeden, der Bedauern -ausdrückte, erschießen und dann die Häu<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>ser, in denen die Verwundeten -verborgen gewesen, niederbrennen ließ.<a name="FNAnker_17_17" id="FNAnker_17_17"></a><a href="#Fussnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a></p> - -<p>Unzähligen Gefangenen gab der carlistische Feldherr die Waffen, -so selbst sein strenges Rache-Gesetz umgehend, da doch längst die -Erfahrung ihn belehrt, daß die Mehrzahl, des entbehrungreichen -Lebens der Carlisten bald überdrüssig, bei erster Gelegenheit zu -ihren früheren Cameraden zurückkehrte. Andere entließ er, da sie -geschworen, nicht mehr gegen die Sache des Königs zu fechten; und -wenige Tage später standen sie wieder ihm gegenüber, da die Generale -der Revolution, nicht gesonnen, solches Versprechen zu achten, die -Verschonten zu einer andern Division zu versetzen sich begnügten, um -ihre Wiedererkennung im Falle eines zweiten Unglücks zu erschweren.</p> - -<p>Und welchen Eindruck machte so edles Verfahren auf die Christinos? -Da sie nicht ein einziges Beispiel der Milde alle dem entgegensetzen -können, müssen sie nicht vielmehr zugestehen, daß, so oft -Zumalacarregui sein Repressalien-Gebot in der ganzen Strenge ausführte, -eine neue blutige That ihrerseits vollgültigen Grund dazu gegeben, ihn -zur Unterdrückung seiner Gefühle und Neigungen gezwungen hatte?</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Lord Elliot erschien auf dem Kriegsschauplatze, um durch die -Vermittelung der britischen Regierung, der Verbündeten Christina’s, -den Vertrag in’s Leben zu rufen, der den Kriegsgefangenen Leben und -Auswechselung sicherte. Die Carlisten empfingen freudig seine Anträge; -die Christinos zögerten und<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> widerstrebten, und als ihr Oberfeldherr -dem Dringen des britischen Bevollmächtigten nachzugeben wagte, da -erhoben die wilden Exaltados ihr Geschrei gegen ihn, als Schwächling, -ja als Verräther ihn stempelnd. Zumalacarregui im Auftrage seines -Monarchen nahm unbedingt die vorgeschlagenen Artikel an; die Christinos -beschränkten den Vertrag auf die Armeen der Nord-Provinzen, während in -Galicien, Catalonien, Aragon, Valencia und der Mancha, wo zahlreiche -Carlisten-Corps sich gebildet, der Krieg wüthete. Umsonst forderte -Zumalacarregui, die Wohlthaten des Vertrages auf die ganze Halbinsel -ausgedehnt zu sehen. In den Nord-Provinzen fühlten die Christinos sich -schwächer und mußten befürchten, daß das Gewicht der erbarmenlosen -Kriegführung ferner, wie so lange schon, auf sie zurückfallen werde: da -gaben sie nach. In den andern Provinzen aber hielten sie sich für die -Stärkeren, dort, hofften sie, sollte die Wagschale des Blutes ganz zu -ihren Gunsten sich senken; sie hüteten sich wohl, durch Zulassung des -allgemeinen Vertrages die Hände sich binden zu lassen.</p> - -<p>Carl V., wohl zu sehr der Stimme der Menschlichkeit allein Gehör -gebend, nahm dennoch den so verstümmelten Vertrag an und gab dadurch -das einzige Mittel aus der Hand, durch das er, wo er überlegen war, -die Gewaltthaten der Revolutionäre gegen die Schwächeren hätte zügeln -mögen. Erst spät, als sie auch dort die Macht der Carlisten schwer über -die ihrige sich erheben sahen, willigten die Feinde ein, für die Armeen -von Aragon und Catalonien ähnliche Übereinkünfte zu treffen; freudig -boten die Carlisten die Hand dazu. Der Sieg entschied sich für die -Christinos. Da beeilten sie sich — Espartero im Frühjahr 1840 —, die -lästigen Banden abzuschütteln, welche nur die Noth ihnen aufgezwängt, -und der Oberfeldherr verkündete in einer in allen Städten und Dörfern -angehefteten Generalordre,<a name="FNAnker_18_18" id="FNAnker_18_18"></a><a href="#Fussnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> daß fortan<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> den Rebellen, die Widerstand -leisteten, kein Pardon gegeben werde.</p> - -<p>In Galicien aber und in der Mancha waren die Truppen der Königinn stets -den royalistischen Guerrillas überlegen; sie hatten also gar keinen -Grund, ihre Neigungen zu verleugnen, und konnten ohne Furcht und ohne -Rücksicht ihr Schreckens-System auf den höchsten Grad treiben. Da wurde -ein jeder Gefangene und jeder carlistisch Gesinnte erschossen, ihre -Angehörigen mit Schimpf vertrieben, die der Anführer nach langen Qualen -ohne Gnade hingemordet; da starben die neun und dreißig Verwandten des -Haupt-Chefs in der Mancha, D. Vicente Rojero — Palillos —, getödtet -ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, die Frauen bis zum letzten -Augenblicke zur Befriedigung viehischer Lust benutzt — das ungeborne -Kind ward der zum Tode geschändeten Mutter, der Enkelin Palillos’s, -aus dem Leibe gerissen und füselirt, um keine Spur von Leben -zurückzulassen;<a name="FNAnker_19_19" id="FNAnker_19_19"></a><a href="#Fussnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> gefangene Chefs wurden in Galicien geviertheilt, -die zuckenden Glieder als Trophäen über die Stadtthore ausgesteckt. Und -wenn da Palillos, nur noch der Rache lebend, das furchtbare: „es sterbe -alles Lebende“ aussprach, wenn jene Unglückliche, zum Tode getroffen -in Allem, was dem Menschen theuer, was ihm heilig ist, in der Raserei -der Verzweiflung nur Vernichtung athmeten und mit Wollust die Gehaßten -hinopferten; — dann wurden sie der Welt als fluchwürdige Ungeheuer -dargestellt, aller Schonung und allen Mitleides unwürdig!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So weit die kämpfenden Heere. Und das Volk? Es wäre eben so ermüdend -als widerlich, hier in detaillirte Beschreibung<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> aller der tausendfach -wiederholten Excesse mich einzulassen, die in fast allen Theilen, allen -Hauptstädten der Monarchie gegen Carlisten ausgeübt wurden, weshalb ich -mich begnüge, diese Gräuel im Umrisse anzudeuten.</p> - -<p>Zuerst wandte sich die Wuth des Volkes gegen die Mönche: in Madrid -erstürmten wilde Haufen die Klöster, ermordeten viele seiner Bewohner, -verjagten die übrigen, welche bei jedem Schritte neue Mißhandlungen zu -leiden hatten; die Regierung wollte oder mußte schweigen. Zaragoza, -Barcelona, Valencia, fast alle Hauptstädte der Provinzen und viele -andere Orte folgten dem Beispiele der Residenz: die Mönche wurden -niedergemetzelt oder im Falle hohen Glückes ins Weite gejagt, Hungers -zu sterben oder den carlistischen Guerrillas sich anzuschließen, denn -die erbärmliche Unterstützung, die die Regierung ihnen zusagte, wurde -Jahre lang nicht gezahlt. Dann wurden die herrlichen Klostergebäude -geplündert, oft zerstört, die reichen Denkmale der Kunst und -Wissenschaft, die in ihnen aufgehäuft waren, barbarisch vernichtet, die -Kirchengüter um Spottpreis hingegeben, die Kostbarkeiten verschwanden -unter den Händen der Behörden, denen Niemand Rechenschaft abforderte, -die heiligen Gefäße wurden zum niedrigsten Gebrauche mit Spott -herabgewürdigt. Wer Schmerz, wer Bedauern auszudrücken wagte, war ein -Feind des Volkes und litt als solcher.</p> - -<p>Als General Guergué im Jahre 1835 nach Catalonien gezogen war, fiel -der ausgezeichnete Oberst der Cavallerie O’Donnell mit einigen hundert -Mann in die Gewalt der Feinde; der Elliot’sche Vertrag sicherte ihm -das Leben, und er ward mit vielen andern Gefangenen in die Citadelle -von Barcelona eingeschlossen. Am 4. und 5. Januar 1836 erhob sich -das Volk der Stadt und forderte den Tod der Gefangenen. Die Behörden -zogen sich nach einigen Vorstellungen zurück und beschlossen, sich -ganz passiv zu verhalten. Das Volk erstürmte ohne Blutvergießen die -feste Citadelle, deren Gouverneur ohne Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> die Thore zu -schließen sich begnügte, die Gefangenen wurden hervorgeschleppt, -schrecklich mißhandelt und ermordet. O’Donnell mit 107 seiner Gefährten -erlitt solches Geschick. Das Volk überhäufte mit Schimpf den Leichnam, -schleifte ihn durch die Straßen, verschlang ihn endlich zum Theil, -nachdem es ihn geröstet hatte. — Der commandirende General Mina -gab auf Anfrage der Regierung als Veranlassung der Schauderthat die -Ermordung aller Gefangenen im carlistischen Fort Nuestra Señora -del Hort an; die Königinn Wittwe übersandte der National-Garde von -Barcelona, die hauptsächlich jene Scene veranlaßt und ausgeführt, -eine Ehrenfahne. Am 24. Januar nahm General Mina das Fort del Hort; -sämmtliche christinosche Gefangene, deren Tod die Ursache jener -Ereignisse gewesen, wurden unversehrt gefunden: Mina ließ die ganze -Garnison erschießen!</p> - -<p>Andere Städte eilten auf die Nachricht der Ereignisse in Barcelona -jubelnd zur Nachahmung; durch ganz Catalonien hallte der Todesschrei, -floß Blut, nur in Tarragona gelang es, die Gefangenen durch rasche -Einschiffung zu retten. In Zaragoza wurden zur Beruhigung des Volkes -zwei carlistische Officiere zum Tode verurtheilt und erdrosselt, bald -vier andere, die deportirt werden sollten, auf Verlangen des Pöbels, -welcher mit drohendem Geschrei den Gerichts-Saal umtobte, gleichfalls -verurtheilt und ermordet; die Richter, welche nicht für den Tod -gestimmt hatten, entkamen kaum durch die Flucht. In Cartagena brach der -Aufstand im Mai aus, und einige zwanzig Carlisten fielen als Opfer; die -Behörden blieben ruhige Zuschauer.</p> - -<p>Im Anfange Juni’s ward Brigadier Torres, der Nordarmee angehörend, bei -Huesca gefangen und nebst einem Oberst und zehn Officieren in Jaca -erschossen, weil — Cabrera die Officiere der geschlagenen Colonne -Valdez habe erschießen lassen. Die Christinos hatten die Ausdehnung des -Pardons auf die Heere von Aragon verweigert; jetzt benutzten sie die -Folgen ihrer Weigerung als Vorwand für den Bruch des Zugestandenen.<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> -Carl V. aber hatte auf die Kunde der Ermordung O’Donnell’s -eine Proclamation erlassen, durch die er die Seinen aufforderte, fern -von ähnlichen Ausschweifungen, stets dem gegebenen Worte treu die -Gefangenen mit Großmuth zu behandeln und ihm die Sorge zu überlassen, -welche Maßregeln die Wiederholung solcher schändenden Grausamkeiten -verhüten möchten. Es ist in dem ganzen Kriege nicht ein Beispiel -zu finden, daß das Volk, wo die carlistischen Behörden herrschten, -seiner Wuth habe ungezügelt sich hingeben können. Die Stellvertreter -der Königinn gaben entweder dem wilden Drängen des Volkes nach, oder -stellten sich gar an dessen Spitze oder — — wurden ermordet. Wie -selten finden wir in den tausendfach wiederholten Aufständen, daß die -Behörden mit Kraft ihnen entgegenzutreten und die Ruhe zu erhalten -wußten!</p> - -<p class="mtop2">Denn tausendfach wurden solche Scenen wiederholt, tausendfach floß -bis zum Schlusse des Krieges in allen Theilen Spanien’s das Blut -<em class="gesperrt">wehrloser</em> Carlisten oder carlistisch Gesinnter, und wenn ich -diese Thatsachen nicht weiter anführe, ist der Abscheu der Grund, -der sie zu detailliren mir unmöglich macht. Sie sind so vielfach -besprochen, durch die öffentlichen Blätter zu ihrer Zeit so verbreitet, -daß mein Schweigen darüber wohl keiner Mißdeutung fähig ist. Dagegen -fordere ich jeden Christino, jeden der revolutionären Regierung -Spanien’s Anhängenden auf, zu forschen, wo je von den Carlisten, so -wie ihre Feinde sie nicht gezwungen, ähnliche Grausamkeiten begangen -sind, wo sie nicht auf das Treuste den eingegangenen Verpflichtungen -nachgekommen sind, wo sie — so oft vergebens — nicht die Hand zuerst -zum menschlichen Kriegführen geboten haben. Wohl mag ich freudig das -Resultat des Forschens erwarten. Ja, wie oft — und wieder <em class="gesperrt">fast</em> -immer vergebens — haben sie, während ihre Gegner am blutigsten gegen -sie wütheten — sie durch herrliche Beispiele der Großmuth und Milde -zu edlerem Verfahren zu<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> zwingen gesucht, nicht ahnend, daß der Mensch -auch dagegen kalt und fühllos bleiben könne!</p> - -<p>Doch muß ich, ehe ich schließe, auf eine frühere Bemerkung -zurückweisen: ich leugne nicht, daß von einzelnen Individuen, Carlisten -oder unter deren Namen, verabscheuungswürdige Thaten begangen sind; sie -können auf das Ganze oder zu seiner Beurtheilung keinen Einfluß üben. -Dazu kann nur die Tendenz der Parthei, ihres Königs und ihrer Führer -dienen; diese Tendenz habe ich gezeigt und der der christinoschen -Parthei und ihrer Führer<a name="FNAnker_20_20" id="FNAnker_20_20"></a><a href="#Fussnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> jeder Art gegenübergestellt, so weit -sie den gerade zu behandelnden Gegenstand betrifft. Übrigens werde -ich selbst Gelegenheit haben, einzelner, von Einzelnen ausgeübter -Grausamkeiten und Erbärmlichkeiten zu erwähnen, protestire aber ganz -gegen die Art, mit der solche benutzt sind, um das Urtheil derer, die -nicht aus persönlichem Anschauen schließen können, falsch zu leiten, so -wie gegen die Urtheile, welche auf solche nicht nur einseitige, sondern -auch ganz entstellte Darstellungen gegründet sind.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_17_17" id="Fussnote_17_17"></a><a href="#FNAnker_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Alles buchstäblich. So führte auch Zumalacarregui, da er -in Vitoria eingedrungen, eine Anzahl Gefangene fort; unterweges erfuhr -er, daß Einige der Seinigen, die in den Händen der Garnison geblieben, -erschossen seien, was natürlich den sofortigen Tod der Christinos zur -Folge hatte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_18_18" id="Fussnote_18_18"></a><a href="#FNAnker_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Ich las sie wiederholt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_19_19" id="Fussnote_19_19"></a><a href="#FNAnker_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Auf Befehl des Commandeurs der Reserve-Armee, General -Narvaez, wurden diese Gräuel im Jahr 1838 auf den höchsten Grad -gesteigert; selbst die Christinos schrieen entsetzt gegen solches -Übermaß der Grausamkeit.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_20_20" id="Fussnote_20_20"></a><a href="#FNAnker_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Die Königinn ist bei solcher Regierungsform Nichts, eine -Puppe, die eben so gut durch jede andere ersetzt oder gar ganz bei -Seite geworfen wird.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier5" name="zier5"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 5" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VI">VI.</h2> - -</div> - -<p>Früher sagte ich, daß, seit General Villareal an Graf Casa Egina’s -Statt den Oberbefehl der carlistischen Armee übernommen, eine -plötzliche Änderung des Kriegssystems eingetreten sei. Villareal -glaubte des Sieges sich zu versichern, da er, statt wie bisher, -durch allmähliches Ausbreiten der Herrschaft in dem Hauptsitze des -Aufstandes sich zu stärken, nach den andern Provinzen des Königreiches -Truppencorps entsendete, um sie zu insurrectioniren und den etwa -vorhandenen Krieges-Elementen einen festen Anhaltspunkt zu geben, wie -zur Erleichterung des auf den baskischen Provinzen lastenden Druckes -und um die Hülfsquellen von ganz Spanien sich zugänglich zu machen. -Die Expeditionen von D. Basilio Garcia, Gomez und Sanz, rasch auf -einander folgend oder gleichzeitig, waren die ersten Resultate der -neuen Politik; ich werde sie, um Verwirrung zu vermeiden, nach einander -behandeln. Später werde ich die Nachtheile zeigen, welche diese -Expeditionen, so wie sie ausgeführt wurden, nach sich ziehen mußten; -die Kühnheit und Gewandheit, die einige von ihnen bis tief in’s Innere -des feindlichen Gebietes mitten zwischen weit überlegenen Divisionen -hinführte, konnte übrigens leicht das Urtheil des Zuschauers bestechen, -und als Beweis ihrer Zweckmäßigkeit wurde angeführt, was nur für die -Bravour und Standhaftigkeit der Truppen, wie für die Vorzüge der -Anführer zeugen kann.</p> - -<p>Am 15. Juni passirte D. Basilio Garcia den Ebro unterhalb Logroño -mit 3000 Mann Infanterie und 200 Pferden; er warf sich in die -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pinares</span> — mit Fichtenwaldungen bedecktes Gebirgsland — von -Soria, nahm diese Stadt und wandte sich nach zweitägigem Aufenthalte -daselbst nach der Provinz Guadalajara. Cordova hatte zu seiner -Verfolgung den General Bernuy<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> mit 5000 Mann ausgesendet, eine zweite -Colonne unter General Aspiroz eilte von Madrid aus ihm entgegen. Don -Basilio aber, gewandt beiden Divisionen ausweichend, durchzog ganz -Neu-Castilien und den größten Theil Nieder-Aragon’s, drang in die -bedeutenderen Städte, ohne sich jedoch irgendwo festsetzen zu können, -und erhob allenthalben Contributionen und Mannschaft. Nachdem er so -während zweier Monate den Krieg bis zur Mancha getragen und zwei Mal -durch seine Annäherung Madrid in höchsten Schrecken versetzt, nahm er -bei Ararzo 300 Mann gefangen, schlug den Angriff Bernuy’s, der ihn -zum ersten Male bei Maranchon ereilte, mit schwerem Verluste zurück -und langte am 26. Aug. mit 1200 Rekruten, fast 800 Gefangenen und 240 -beladenen Maulthieren nebst bedeutenden Geldsummen in Navarra an.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Von höherem Interesse war die Expedition des General Gomez, der am 26. -Juni 1836 Amurrio in Alava mit fünf Bataillonen und zwei Escadronen, -2700 Mann Infanterie und 170 Pferden, verließ und, nachdem er am -27. die feindliche Reserve-Division unter General Tello, 6000 Mann -stark, seinen Abmarsch zu hindern bestimmt, bei Revilla gänzlich -geschlagen, in Asturias eindrang. Der Brigadier Marquis von Bóveda -begleitete ihn als Chef des Generalstabes. Er sollte in Asturias -und Galicien sich festsetzen, beide Provinzen insurrectioniren, die -dortigen carlistischen Banden um sich sammeln und organisiren und -so versuchen, sie auf den Zustand zu heben, in dem die baskischen -Provinzen sich befanden, mit denen sie durch das Gebirge von Santander -leicht in Verbindung standen; die Ausführung des Planes hätte der Sache -Christina’s verderblich werden müssen. Schon im Jahre 1835 war General -Eraso, einer der ersten und edelsten carlistischen Feldherrn, der nach -Zumalacarregui’s Tode den Oberbefehl, schon gleichfalls dem<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Tode -nahe, ablehnte, mit einigen Bataillonen nach Asturien vorgedrungen; -sein Versuch scheiterte jedoch an dem Grund-Typus des Charakters der -Asturianer und Galicier, der ängstlich berechnenden Vorsicht, die -ihnen, wie carlistisch sie gesinnt sein mochten, nicht erlaubte, -die Waffen zu ergreifen, wo sie sofort Übel ohne Zahl aus solchen -Schritten erwarten durften. Übrigens boten beide Provinzen große -Vortheile für die Kriegsart der Carlisten dar, da sie sehr gebirgig -und doch großentheils fruchtbar sind und unendlichen Reichthum an -Vieh haben. Dagegen ist dort das Geld sehr selten, indem der Handel -mit den Produkten des Landes trotz der günstigen Lage unbedeutend -bleibt, daher das Sprichwort: „der Galicier hat Alles im Hause, nur -kein Geld.“ In der That erzeugt das Land alle Bedürfnisse im Überfluß, -und die große Sparsamkeit der Galicier, die ihnen den Ruf des Geizes -zu Wege gebracht, macht, daß im Innern der Provinz die Bewohner eines -jeden Hauses das irgend Nöthige aus den selbst gewonnenen Produkten zu -verfertigen wissen.</p> - -<p>Nachdem Gomez, schon hart verfolgt, in den Gebirgen des südlichen -Asturien manövrirt, warf er sich durch einen raschen Contremarsch auf -die Hauptstadt Oviedo und ruhete dort drei Tage lang. General Espartero -war ihm mit seiner Division, 9000 Mann in 12 Bataillonen, von Vizcaya -aus gefolgt, während der General-Capitain von Alt-Castilien, General -Manso, mit 5000 Mann von Süden gegen ihn rückte; so konnte sich Gomez, -da er wenig Anklang fand, in Asturien nicht halten und wandte sich, -ein kleines dort gebildetes Bataillon zurücklassend, nach Galicien, -vereinigte einen Theil der dortigen Guerrillas und zog am 18. Juli in -die Hauptstadt, Santiago de Compostella ein, die der General-Capitain -des Königreiches geräumt hatte. Er ward dort mit hohem Enthusiasmus -empfangen und konnte sofort ein starkes Bataillon aus zuströmenden -Freiwilligen bilden. Da er jedoch nach zwei Tagen bei Annäherung der<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -durch General Pardiñas verstärkten Division Espartero die Stadt geräumt -hatte, blieben am Abend des ersten Marschtages noch siebenzehn Soldaten -des Bataillons übrig, da die andern nach Santiago zurückgekehrt waren. -Er durchzog, stets die feindlichen Generale täuschend, in jedem Sinne -die Provinz, glaubte aber, da die Theilnahme gering, die gegen ihn -operirenden Streitkräfte unendlich überlegen waren, sich nicht in ihr -festsetzen zu können. So kehrte er, die Feinde weit zurücklassend, nach -Asturien zurück und drang, während man in Madrid, da er in dem Winkel -Galicien’s eingeschlossen, die Nachricht seiner Vernichtung erwartete, -anfangs August’s in das Königreich Leon ein, dessen Hauptstadt er -gleichfalls besetzte.</p> - -<p>Einige Wochen operirte Gomez in den Provinzen Leon, Palencia und -Burgos; sein Auftrag war, wiewohl unerfüllt, beendigt, dazu hemmten -die Gefangenen, deren Zahl schon die seiner Truppen überstieg, jede -Bewegung. Er suchte daher, in Gewaltmärschen die feindliche Linie -cotoyirend, sie zu durchbrechen und so nach Vizcaya zurückzukehren. -Doch während Espartero und Manso ihn kräftig drängten, hatte sich -Cordova zwischen ihn und die Linie geschoben, den Durchbruch unmöglich -machend, weshalb Gomez, da er in einem Nachtrab-Gefechte etwa 100 Mann -verloren, was Espartero als Vernichtung der Division berichtete, nach -gehaltenem Kriegsrathe in das Innere der Halbinsel den Krieg zu tragen -beschloß und also nach Osten sich wandte, wo er mit den carlistischen -Chefs in Aragon sich zu vereinigen hoffte.</p> - -<p>Am 23. August zog das Expeditions-Corps in Palencia ein, und große -Magazine von Kriegsbedürfnissen jeder Art nebst mehreren Cassen fielen -in seine Hände, dann drang es in die Provinz Guadalajara vor und setzte -Madrid in solche Bestürzung, daß alle compromittirten Personen ihre -Effekten gepackt, die Ministerien und anderen Behörden sich zur Flucht -vorbereitet hatten. Brigadier Lopez wurde mit seiner Brigade, 3000 M.<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> -stark, als Avantgarde des Kriegsministers, Marquis Rodil, der mit der -ganzen Besatzung von Madrid nach der Nordarmee hatte abgehen sollen, -gegen Gomez beordert, während Alaix mit der Division Espartero ihn auf -dem Fuße verfolgte und die mobile Colonne von Soria von Norden ihn -bedrohen und hindern sollte, nach Navarra sich zu wenden.<a name="FNAnker_21_21" id="FNAnker_21_21"></a><a href="#Fussnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> Am 30. -August fand Gomez die Brigade Lopez in einer vortheilhaften Stellung -im Dorfe Matillos bei Jadraque, zehn Meilen von Madrid: die Truppen -hatten, da Lopez sich zurückziehen wollte, ihren Anführer gezwungen, -den Feind zu erwarten. Gomez umstellte das auf einer Höhe liegende Dorf -und griff kraftvoll an; nach einer halben Stunde war das Dorf erstürmt, -Lopez mit 2800 Mann gefangen, seine beiden Geschütze waren genommen -und nur zwei Uhlanen entkamen, den geängstigten Bewohnern Madrid’s -die Nachricht von der Vernichtung der Brigade zu bringen. Gomez aber, -seiner Schwäche sich wohl bewußt, setzte den Marsch nach Aragon -fort; er durchzog die Provinz Cuenca, nahm Moya, drang bis Chelva im -Königreiche Valencia und vereinigte sich, da er seine Verwundeten -und alle Gefangenen nach Cantavieja geschickt, bei Utiel mit General -Cabrera, der den größten Theil seiner Cavallerie und die Brigaden -Quilez und Miralles, 3400 Mann Infanterie und 400 Pferde, ihm zuführte.</p> - -<p>Gomez beschloß nun, nach seiner Heimath Andalusien vorzudringen, da -die Fruchtbarkeit dieser Königreiche und ihr nicht durch den Krieg -verminderter Reichthum ihm herrliche Beute versprachen, wenn er selbst -nicht dort sich festsetzen könnte, was der Charakter der Andalusier -wohl nicht mit Grund hoffen ließ.<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Unendlich schlau, selbstsüchtig -und lebenslustig sind sie wenig geneigt, die Ruhe des Friedens gegen -die Beschwerden zu vertauschen, die der Krieg unvermeidlich macht; -sie fühlen sich nicht so sehr durch ihre Meinungen hingerissen, daß -sie deshalb den Gefahren einer Erhebung, den Leiden sich aussetzten, -die die Niederlage mit sich bringen müßte. In ihrer Indolenz und -Trägheit, die doch mit glühendem Blute und wild aufbrausender -Leidenschaftlichkeit verbunden sind, ist ihr einziges Streben auf -Lebensgenuß gerichtet, und wenig kümmert es sie, ob Carl V., ob -Isabella’s Vormünder ihnen Gesetze ertheilen. Sie ziehen es vor, den -Gang der Ereignisse abzuwarten, um in dem Augenblicke, der den Sieg -für eine der streitenden Partheien sich entscheiden sieht, mit hohem -Enthusiasmus sich zu erheben und einstimmig als begeisterte, ruhm- und -lohnwürdige Patrioten sich zu verkünden. Ein geistreicher Officier, -selbst Andalusier, stellte einst die Behauptung auf, der Krieg werde -erst beendigt sein, wenn ganz Andalusien in Masse sich erhoben hätte; -denn, setzte er auf das ungläubige Lächeln der Umstehenden hinzu, -meine Landsleute rühren sich gewiß nicht, bis sie den Sieg für uns -entschieden sehen.</p> - -<p>Die Christinos boten nun alle Kräfte auf, um Gomez’s weitere -Fortschritte zu hindern, weshalb General Rodil Madrid mit allen -disponibeln Truppen verließ und, die Hauptstadt deckend, über -Guadalajara mit 8000 Mann heranzog, während Alaix mit 9000 Mann -unmittelbar die Expedition verfolgen sollte. Die vereinigten -carlistischen Führer brachen am 15. Sept., nachdem ein Versuch gegen -das feste Requena mißlungen, nach der Mancha auf, wurden aber am 19. -bei Tagesanbruch in Villarrobledo auf der Gränze von Cuenca und la -Mancha durch Alaix überfallen. Es gelang diesem, den rechten Flügel der -Carlisten, ehe er überrascht sich hatte formiren können, zu werfen, und -trotz einiger glänzenden Chargen der beiden Escadronen des Brigadiers -Villalobos ritt der Chef der feindlichen Caval<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>lerie, Oberst Don Diego -Leon, mit dem Regiment Husaren der Kronprinzessinn, einige Bataillone -nieder, die in wilder Verwirrung dem nahen Gebirge zuflohen. Der linke -Flügel aber unter Cabrera’s Befehl wies, an das Gebirge gestützt, -den Angriff kräftig zurück und deckte durch seine feste Haltung den -Rückzug der übrigen Corps; dennoch verloren die Carlisten gegen 1300 -Gefangene von den Bataillonen, die vor dem Andringen der Husaren sich -zerstreut und dadurch wehrlos sich in ihre Hände gegeben hatten. Alaix -hätte durch energische Benutzung seines Sieges dem Expeditions-Corps -verderblich werden können. Er blieb aber, seine erschöpften Truppen -ruhen zu lassen und die Gefangenen nach Cartagena zu senden, in -Villarrobledo stehen und setzte sich erst nach mehreren Tagen zur -Verfolgung in Bewegung.</p> - -<p>Gomez hatte, so wie er die geschlagenen Truppen formirt, den Marsch auf -Andalusien fortgesetzt. Er durchkreuzte die Mancha, warf sich in die -Sierra morena, passirte den Engpaß des Despeñaperros, wo nur auf enger, -zwischen Felsen und Abgründen eingezwängter Straße die Verbindung -zwischen Castilien und Andalusien möglich ist, und zog am 26. Sept. -in la Carolina im Königreiche Jaen, dann in das Innere streifend in -Ubeda am Guadalquivir, in Baylen und Andujar auf der großen Heerstraße -ein, überschritt jenen Fluß und rückte gegen Cordova vor. Am 30. Sept. -erschien Cabrera, der die Vorhut befehligte, vor den Thoren der reichen -Hauptstadt, wo Niemand den Feind erwartet hatte; ungeheure Verwirrung -herrschte, während die Truppen und National-Gardisten großentheils in -die Forts sich einschließen wollten, eilten andere zur Vertheidigung -der Mauern und Thore. Da Cabrera, der an der Spitze einiger Reiter -die Stadt umkreisete, einem derselben sich nähernd, es geschlossen -aber ohne Truppen fand, befahl er den Einwohnern, es zu öffnen, und -stürmte durch die Straßen, aus denen die Besatzung nach den Forts sich -zurückzog, wo sie bald, 3500 M.<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> stark mit drei Kanonen, sich ergab. -Die Eroberung Cordova’s hatte dem eben so braven als wie loyalen -Cavallerie-Brigadier Villalobos das Leben gekostet, da er mit weniger -Mannschaft einem der festen Gebäude zufällig sich genähert hatte.</p> - -<p>Von allen Seiten eilten die feindlichen Massen herbei, um combinirt -das kleine Carlisten-Corps zu vernichten. Alaix hatte schon die Sierra -morena überstiegen, und Rodil, durch die Vereinigung mit der Division -Rivero 11000 Mann stark, zog durch die Mancha heran, während der -General-Capitain von Andalusien die ganze Provinz in Kriegszustand -erklärte und bei Sevilla ein Corps zusammenzog, General Escalante mit -einer kleinen Colonne von Malaga, General Quiroga eben so von Granada -und eine dritte Colonne von Estremadura heranrückte. Trotz so vieler -drohenden Maßregeln konnte Gomez vierzehn Tage lang in Cordova bleiben, -wo er eine Regierungs-Junta errichtet hatte und dauernde Herrschaft zu -beabsichtigen schien; der größte Theil der Provinz, den Krieg schon -als beendigt ansehend, proclamirte jubelnd Karl V. als König. -Zahlreiche Rekruten-Bataillone, aus den Freiwilligen gebildet, die von -allen Seiten herbeigeströmt, wurden rasch organisirt und exercirt. -Damals zählte Gomez etwa 13000 Mann unter seinem Commando, weshalb ihm -häufig zum Vorwurf gemacht ist, daß er mit solchen Streitkräften sich -nicht in Cordova behauptete; doch darf nicht übersehen werden, daß ihm -nicht nur die feindlichen Führer um mehr als das Doppelte überlegen -blieben, sondern auch die Hälfte seiner Truppen aus so eben bewaffneten -Rekruten bestand, daß die Lage der Provinz Cordova, rings den -feindlichen Colonnen offen, sehr ungünstig ist, während die wilde und -ganz nackte Sierra morena wohl Räuber-Banden bergen, nicht aber einer -Armee als dauernder Aufenthalt und Stütze dienen kann, daß endlich von -dem Geiste der Einwohner, so hell er plötzlich aufloderte, auf die -Länge nichts erwartet werden durfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Nachdem Cabrera am 5. Oct. bei Baena die Colonne Escalante’s vernichtet -und 400 Mann gefangen hatte, zog am 9. Gomez dem nahenden Alaix -entgegen, kehrte jedoch ohne Kampf zurück und räumte am 13. die -Stadt, die der Feind sogleich besetzte und unter dem Vorwande, die -royalistisch Gesinnten zu strafen, fast sie ganz plünderte; die Truppen -ließen die furchtbarsten Excesse sich zu Schulden kommen, Alaix selbst -warf viele der angesehensten Einwohner in’s Gefängniß, erhob schwere -Contributionen, raubte die kostbaren Kirchen-Geräthe und behandelte die -Stadt schlimmer als eine feindliche. Gomez aber ward von dem Bedauern -der Einwohner begleitet, als er abzog. Während der ganzen Expedition -zeigte er so viel Menschlichkeit und Milde, daß selbst die Christinos -einige Mal sein untadelhaftes Betragen anzuerkennen genöthigt waren: -überall ward das Privat-Eigenthum streng respektirt und Niemand seiner -Meinung wegen belästigt; er verkündete im Namen des Königs allgemeine -Amnestie für Diejenigen, welche sich unterwürfen, und begnügte sich die -National-Gardisten zu entwaffnen, wo sie sich nicht widersetzten, wenn -sie aber Widerstand leisteten, als Kriegsgefangene sie zu behandeln. -Viele von diesen entließ er nach kurzer Haft in ihre Heimath. Gomez -sorgte dafür, daß die Contributionen, welche er allenthalben erheben -mußte, mit Rücksicht eingetrieben wurden, die Disciplin wurde unter -den Truppen mit Strenge aufrecht erhalten, jede Gewaltthätigkeit, -jeder Insult hart bestraft, Plünderungen fanden selbst in den mit -den Waffen in der Hand genommenen Städten niemals Statt. Dennoch -hatten die häufigen Gefechte, da die Gefangenen stets dem Sieger -ihr Geld ausliefern mußten, und die zahllosen Convoys und königl. -Cassen, die auf dem langen Zuge der Division in die Hände fielen und -unter die Truppen vertheilt wurden, solchen Überfluß an Geld in dem -Corps erzeugt, daß die Einzelnen, in deren Taschen, wie gewöhnlich -im Kriegerleben, durch Spiel das Geld sich concentrirte, dem Bürger -allenthalben<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> 25 und 30 <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">duros</span> in Silber für eine Gold-Unze — 16 -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">duros</span>, 84 <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">francs</span> — gaben.</p> - -<p>Der eine Vorwurf, der nach deutschem Kriegsrechte dem carlistischen -General gemacht werden könnte — er ließ die Gefangenen, wenn sie -den forcirten Märschen nicht folgen konnten, niederschießen — ist -durch spanischen Kriegsbrauch ganz zurückgewiesen, wie denn auch die -Feinde stets eben dasselbe thaten und deßhalb nie der Grausamkeit ihn -anklagten. Dagegen ließ Alaix in allen Orten des gewiß christinoschen -Gebietes, in denen die Expedition gewesen, seine Soldaten ungestraft -Ausschweifungen begehen, und fünf Parlamentäre, welche Gomez mit -Vorschlägen wegen Auswechselung der Gefangenen und der Etablirung -neutraler Hospitäler zu ihm gesendet hatte, unter ihnen einen Oberst, -schickte er als Kriegsgefangene nach Granada. Die Anträge aber seines -edlen Feindes, ihm die Gefangenen, da sie nicht zu folgen vermochten, -gegen einen Empfangschein überliefern zu wollen, wogegen er eben so -viele Carlisten, sobald er könne, zurückzugeben habe, wies er mit der -Bemerkung zurück, die Gefangenen seien ihrer Parthei todt, möchten also -seinetwegen sterben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nach der Räumung Cordova’s warf sich Gomez in die Sierra morena. -General Rodil im Norden, General Alaix im Süden folgten seinem Marsche -parallel auf einer Entfernung von vier bis fünf Meilen, ohne daß -einer der beiden einen Angriff auf das Expeditions-Corps versucht -hätte, welches so zwischen sie eingezwängt war. Nachdem er drei -Tage in solcher Begleitung geblieben war, täuschte Gomez die ihrer -Beute gewissen, stets für den nächsten Bericht die Vernichtung des -schon rettungslosen Feindes verheißenden Generale, ließ sie weit -zurück, stieg vom Gebirge nach Norden herab und erschien nach einigen -Scheinmärschen am 22. Oct. vor der festen Stadt Almaden, bekannt durch -seine reichen Quecksilber-Minen. Die Avantgarde<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> unter Cabrera’s -Führung überraschte eine vom General Flinter, dem Chef der activen -Division von Estremadura, zur Recognoscirung entsendete Schwadron -Carabiniers und drang mit ihr, auf dem Fuße sie verfolgend, in die -Stadt ein, wo auf die größte Sorglosigkeit, da Niemand, auf den Schutz -der christinoschen Divisionen vertrauend, einen Angriff erwartet, eben -so große Verwirrung folgte. Flinter, ein Engländer, und Brigadier de -la Fuente, Gouverneur der Festung, schlossen sich mit 1800 Mann in -zwei massive Gebäude ein, schnelle Hülfe hoffend, mußten aber, da -diese nicht erschien, nach verzweifeltem Widerstande, capituliren. -Zwei Tage nachher überschritt Gomez, der dem Drängen anderer Chefs auf -Vernichtung der Quecksilber-Minen fest widerstanden hatte, die Guadiana -und stand am 27. in der bedeutenden Stadt Guadalupe in der Provinz -Toledo, schon nahe der Gränze von Estremadura, wohin er sich wandte: -ihm parallel, wenige Stunden, wie immer entfernt, folgte General Rodil, -der gleichfalls die Guadiana passirt hatte.</p> - -<p>Die feindlichen Anführer schmiedeten fortwährend Einfange-Pläne, bald -selbst von den liberalen Blättern mit Hohn bedeckt, da ihr gerühmtes -System der parallelen Linien den einzigen Erfolg hatte, daß die in -jeder Depeche als ganz umstellt geschilderte Expeditions-Division -stets von neuem unter den Händen ihnen entschlüpft war und nebenher -von Stadt zu Stadt unbelästigt einherzog. General Narvaez war mit -neuen 6000 Mann von Madrid hergesandt: er sollte, die Hauptstadt -deckend, Gomez von Osten drängen, während Rodil, den Übergang über den -Tajo zu vertheidigen, beim Puente del Arzobispo sich aufstellte und -Alaix, der nun auch die Sierra morena überschritten, im Süden an der -Guadiana operirend, die Carlisten von dort abschneiden und, wenn sie -gegen den Tajo vorgingen, auf Rodil werfen sollte, um sie zwischen -beiden Corps zu erdrücken. Gomez aber, anstatt wie man gewiß erwartete, -den Übergang dieses Flusses zu versuchen und durch das westliche -Spanien nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> baskischen Provinzen sich zu wenden, stand bis zum -3. November abwechselnd in den reichen Städten Caceres und Trujillo, -ruhig hin und her die schönsten Gegenden Estremadura’s durchziehend -und seinen Truppen die nöthige Erholung gebend. Indem ihm eben so -langsam die Division Rodil auf der gewöhnlichen Entfernung von einigen -Leguas folgte, entwaffnete er allenthalben die National-Gardisten, -die zitternd sich unterwarfen, rüstete die zahlreichen Partheigänger -der Provinz und wandte sich, da er einen vollständigen Aufstand nicht -organisiren konnte, unerwartet wieder gen Süden. Am 6. Nov. passirte er -die Guadiana bei Medellin, wenige Stunden von Alaix entfernt, und drang -in das Königreich Sevilla ein.</p> - -<p>Cabrera, der seine Unzufriedenheit über die Vorsicht des Obergenerals, -der ihm zu sehr den Kampf vermied, nicht verhehlte, trennte sich mit -einem großen Theile der Cavallerie von dem Expeditions-Corps, und zog -durch die Sierra morena, die Mancha und Castilien den ihm untergebenen -Provinzen zu, da die beunruhigenden Nachrichten, welche von dorther -über die durch den Feind errungenen Vortheile einliefen, seine -Gegenwart unumgänglich erforderten. Miralles — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el serrador</span> -— war schon früher mit seiner Brigade dahin zurückgekehrt, so daß -nur noch die schwache Brigade Quilez mit Gomez’s Division vereinigt -blieb, welche nun 5000 Mann Infanterie und etwa 1000 Pferde zählte, -die meistens in Andalusien requirirt durch besondere Güte sich -auszeichneten. Die dort neu gebildeten Bataillone hatten sich natürlich -fast ganz zerstreut, so wie die Strapazen zugenommen. Das Commando der -schönen Division Rodil, dessen Unthätigkeit die Christinos erbitterte, -war dem General Rivero übertragen.</p> - -<p>Gomez durchzog den westlichen Theil von Sevilla, die herrliche Stadt -bedrohend, überschritt am 10. Nov. den Guadalquivir und nahm am 14. -Ecija, eine der ersten Städte des Königreiches in der fruchtbaren Ebene -von Sevilla. Vier Divi<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>sionen, ein Ganzes von 30000 Mann bildend und -fortwährend verstärkt, operirten nun gegen ihn, da Espinosa im Süden -ihn bedrohete, während Narvaez Sevilla deckte und Alaix von Norden, -Rivero von Osten her drängten. Dennoch wand sich Gomez mitten zwischen -die feindlichen Colonnen hindurch, erreichte die Sierra de Ronda, nahm -am 16. Nov. diese Stadt und richtete sich, alle vier Divisionen hinter -sich herziehend, nach dem äußersten Süden der Halbinsel, wo er in -Algeciras eindrang und San Roque und das <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">campo de Gibraltar</span><a name="FNAnker_22_22" id="FNAnker_22_22"></a><a href="#Fussnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> -besuchte, dessen Garnison unter die englischen Kanonen sich geflüchtet -hatte. Ein englisches und ein portugiesisches Kriegsschiff beschossen -hier, jedoch fast ganz ohne Effekt, die Division; auch nahmen sie das -Fahrzeug, auf dem die Junta mit einem Theile der königlichen Gelder — -30000 Thlr. — sich eingeschifft, und lieferten sie den Christinos aus. -Da aber die Feinde dem Expeditions-Corps, zwischen ihren Truppen und -dem Meere auf der schmalen vorspringenden Südspitze des Königreiches -eingeschlossen, jeden Ausweg sicher genommen glaubten, hatte Gomez -wiederum die christinoschen Generale getäuscht und, wiewohl so -furchtbar bedrängt, daß er die Division in mehrere kleine Colonnen -theilen mußte, die Sierra de Ronda erreicht, wo er, am 25. Nov. von -Narvaez am Guadalete ereilt, 150 Gefangene verlor, welche von der -Nachhut abgeschnitten wurden.</p> - -<p>Gomez’s Lage war höchst bedenklich. Er war umringt von sechsfach -überlegenen Streitkräften in einer Provinz, in der er keinen -Anhaltspunkt hatte, ohne irgend eine Verbindung mit den carlistischen -Armeen und vor Allem beschwert und gehemmt durch mehrere tausend -Gefangene und einen ungeheuren aus Maulthieren und großen Wagen -bestehenden, oft zwei und drei Stunden Weges einnehmenden Convoy, wie -die Beute nach solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Expedition ihn bilden mußte. In Andalusien -länger sich zu halten war unmöglich, und doch hatte er bestimmten -Befehl, im Süden Spanien’s zu verharren, um die Aufmerksamkeit der -Feinde zu theilen und nicht vor der Einnahme von Bilbao die bedeutenden -ihn verfolgenden Truppenmassen nach den Nord-Provinzen zu ziehen. -Gomez glaubte trotz dem der Nothwendigkeit weichen zu müssen; gewiß -fehlte er schwer, da er direkt jenen Provinzen sich zuwandte. Einmal -entschlossen, that er zur Rettung seiner Division das unmöglich -Scheinende: nachdem er den größten Theil der Gefangenen in Freiheit -gesetzt hatte, legte er in sechs und zwanzig Tagen auf großen Umwegen -die Entfernung von dem Felsen Gibraltar’s zu dem vizcaischen Meere -zurück, indem das Corps täglich Märsche von zwölf bis vierzehn Stunden, -an einzelnen Tagen bis zu siebenzehn Stunden machte. Nur spanische -Truppen möchten zu Ähnlichem fähig sein. Noch erstaunlicher ist, daß -die ihn verfolgende Colonne nicht nur eben diese ungeheuren Märsche -machen, sondern selbst ein Mal ihn überholen konnte.</p> - -<p>Über Ossuna und Lucena richtete sich Gomez auf das Königreich Jaen; am -29. November ward er von Alaix bei Alcaudete überrascht, litt jedoch -außer einem Theile der Bagage keinen Verlust. Er passirte die Guadiana, -überschritt am 2. December die Sierra morena durch den Despeñaperros -und durchkreuzte in stets forcirten Märschen die Provinzen der Mancha -und Guadalajara. Ihm folgte auf dem Fuße Alaix, von dessen Division 800 -Mann, die durch so gewaltige Anstrengungen erschöpft zurückblieben, -unter einigen Sergeanten nach Jaen zogen und die Stadt plünderten. Am -8. December langte Gomez nach einem Marsche von funfzehn Stunden Abends -neun Uhr in Huete an: eine Stunde später überfiel Alaix, der an dem -Tage siebenzehn Stunden zurückgelegt, die Stadt, in der die Compagnien -mit Austheilung des Soldes beschäftigt waren. Er machte ungeheure -Beute, aber kaum 200 Gefangene, da die Division nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> ersten -Schüssen zwar in gränzenloser Verwirrung aus der Stadt entflohen war, -sich aber sofort in dem Felde formirte und kaum eine Meile entfernt in -Ordnung campirte. Sie durchzog mit reißender Schnelle die Provinzen -Soria und Burgos, passirte den Ebro und langte am 19. December in -Orduña, der Hauptstadt Vizcaya’s, an. Zugleich war Alaix mit den 6000 -Mann, die von seiner Colonne ihm gefolgt, in Valmaseda angekommen und -vereinigte sich mit Espartero, ihm folgten Rivero und Narvaez. Am 24. -December erstürmte Espartero die Positionen der Carlisten vor Bilbao -und entsetzte die wichtige Stadt.</p> - -<p>Gomez, da er mit 2900 Mann die Nord-Provinzen verlassen und fortwährend -von zwei bis fünf überlegenen Corps verfolgt wurde, hatte in sechs -Monaten Spanien in jeder Hinsicht durchkreuzt; er hatte alle Provinzen -des Königreiches, mit Ausnahme von Catalonien, berührt und war in -viele der bedeutendsten Städte eingerückt. Wie oft er auch in den -Berichten der Feinde als verloren, vernichtet erschien, wußte er immer -durch gewandte Bewegungen sie zu täuschen, er nahm unter ihren Augen -verschiedene feste Punkte und vernichtete selbst durch glückliche -Gefechte mehrere Colonnen. Häufig mit doppelt so viel Gefangenen -belastet, als er selbst Truppen zählte, lieferte er in die Depots der -Nord-Armee und von Aragon über 9000 Gefangene ab, wiewohl er alle -National-Gardisten und später viele Soldaten in Freiheit gesetzt hatte; -und trotz so vieler Beschwerden und Kämpfe, trotz der erlittenen -Unfälle kehrte er endlich mit fast 5000 Mann, worunter 700 Pferde, -vollkommen organisirt und disciplinirt, nach Vizcaya zurück.</p> - -<p>Zum Erstaunen Aller, welche nur diese glänzende Seite der Expedition -beachteten, ward Gomez sogleich seines Commandos entsetzt, arretirt -und vor ein Kriegsgericht gestellt. Er wurde angeklagt, seinen -ursprünglichen Auftrag in Galicien und Asturien nicht erfüllt, später -den erhaltenen Befehlen zuwider das südliche Spanien verlassen und -durch seine Rückkehr das Scheitern des<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Unternehmens auf Bilbao -veranlaßt zu haben. Dazu kamen Beschuldigungen über Mißbrauch und -Vergeudung der königlichen Gelder; doch wurden sie nie bewiesen. Später -ward Gomez in Rücksicht auf seine sonst ausgezeichneten Dienste durch -die Gnade des Königs in Freiheit gesetzt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Noch muß ich die kurze und unbedeutende Expedition erwähnen, zu der -General Sanz, welcher schon bei Gomez’s Abzuge mit einigen Bataillonen -eine Bewegung aus Castilien gemacht hatte, um die Aufmerksamkeit des -Feindes zu theilen, Ende Septembers mit drei Bataillonen und zwei -Escadronen nach Asturien abmarschirte, während die Hauptarmee zu -seiner Unterstützung im Thale von Mena operirte. Er zog am 4. October -in Oviedo ein, wandte sich nach Galicien und, von dort abgedrängt, -auf Castilien, durchzog einen Theil des Königreiches Leon und kehrte -kräftig verfolgt nach Asturien zurück. Da er am 19. October einen neuen -Versuch, in Oviedo einzudringen machte, ward er abgewiesen, nahm am 21. -die Hafenstadt Gijon und wurde, da er am 24. bei Salas eine der ihn -verfolgenden Colonnen angriff, mit einigem Verluste zurückgetrieben, -worauf er sich in die Gebirge von Santander warf und mit dem dort -operirenden General Castor vereinigte. Sein Zug hatte gar keinen Erfolg -gehabt.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_21_21" id="Fussnote_21_21"></a><a href="#FNAnker_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Wie wenig die feindlichen Feldherren die Expeditionen als -den Carlisten vortheilhaft ansahen, wird dadurch gezeigt, daß sie stets -ihre Rückkehr zu verhindern sich bemüheten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_22_22" id="Fussnote_22_22"></a><a href="#FNAnker_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Befestigte Linie der Spanier, Gibraltar gegenüber und auf -Kanonenschußweite von der Festung angelegt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier6" name="zier6"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 6" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VII">VII.</h2> - -</div> - -<p>Monat auf Monat verging; meine Hoffnung, bald die Freiheit wieder zu -erlangen, stets aufs Neue getäuscht, schwand allmählich in finstere -Hoffnungslosigkeit hin. Der Winter hatte durch die für jenes Clima -ungewöhnliche Kälte und fußhohen Schnee in das nordische Vaterland mich -versetzt, der Frühling rief wieder seine lauen Lüfte hervor, frisches -Leben einhauchend; und immer zwang mich der Kerker zu peinlicher Ruhe, -mahnten mich die eisernen Gitterstäbe, wie so ganz verschieden die -Wirklichkeit war von den glänzenden Gebilden, in denen meine Phantasie -sich gefallen. Doch war meine Gefangenschaft als solche keinesweges -hart: die Gesellschaft, in der ich mich befand, machte sie vielmehr so -angenehm, wie möglicher Weise Gefangenschaft es sein kann.</p> - -<p>Da sich in dem Depot von Logroño gar keine — auch später sehr wenige -— Gefangene befanden, war mir bei meiner Ankunft mit einem arretirten -christinoschen Officier ein Zimmer angewiesen, dessen freie Fenster, -achtzig bis neunzig Fuß über dem Hofe, der an die Stadtmauer stieß, auf -das Feld sahen. Da die Wache aber bei Madinaveytia’s Burschen, der uns -das Essen brachte, ein Strickchen fand, das er uns jedes Mal um den -Leib gewickelt brachte, und dann auch das Zimmer durchsuchend mehrere -andere entdeckte, die wir bereits, das Hinabsteigen zu erleichtern, -mit Knoten versehen hatten, wurden wir auf einige Tage getrennt und -bei unserer Wiedervereinigung in einen Kerker versetzt, der wohl jeden -Gedanken an Flucht ersticken mochte. Das einzige, mit furchtbar starkem -Gitter geschlossene Fenster öffnete auf die Straße, wo eine Schildwache -auf und ab spatzierte, während eine andere die Thür bewachte;<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> die eine -Seitenwand trennte uns von dem Zimmer des wachehabenden Officiers, -die andere von der Wachstube. Eine Hoffnung blieb uns: unter dem -Kerker waren die Ställe der reitenden Artillerie, deren Sergeanten — -die Sergeanten, oft Männer von Bildung und durch ihre Stellung den -höchsten Einfluß auf die Soldaten übend, spielten in den tausendfachen -Aufständen der christinoschen Armee stets eine große Rolle — als -unruhig und unzufrieden bekannt waren. Madinaveytia wußte Bekanntschaft -mit einigen derselben anzuknüpfen und bearbeitete sie mit dem ihm -eigenen Talente so weit, daß sie auf seinen Plan eingingen, der darin -bestand, durch die Ställe zu entkommen, auf den Pferden, mit denen die -Artilleristen außerhalb der Stadt warten würden, den Ebro zu passiren -und mit den Carlisten uns zu vereinigen, worauf er nach Frankreich -sich zurückziehen wollte. Manche hingeworfene Äußerungen machten mich -glauben, daß die Sergeanten mehr als bloßes Übergehen zu den Carlisten -bezweckten: sie wollten eine unabhängige Guerrilla bilden, auf echte -spanische Banditenart das Land ausplündern und dann mit ihrer Beute -davongehen, wie es bei dem Zustande des Königreiches sehr leicht -war und von vielen Erbärmlichen ausgeführt wurde, welche sich nicht -scheuten, den Namen von Carlisten zum Deckmantel ihrer Schandthaten zu -machen, so in Vieler Augen ihn schändend.</p> - -<p>Ehe der Plan der Flucht zur Reife gekommen, mußten die Artilleristen -abmarschiren, wodurch uns die Hoffnung auf endliche Rettung ganz -genommen wurde. So suchten wir denn, die schwere Zeit so angenehm -und nützlich wie möglich hinzubringen, und die Mittel dazu fehlten -uns nicht. Die Mutter Madinaveytia’s, Doña Eulalia, war auf die -Nachricht seiner Arretirung von Madrid herbeigeeilt, den einzigen Sohn -zu pflegen; eine edle, tieffühlende Frau, ganz Milde und Hingebung, -beseelt von der innigsten aufopfernden Liebe für ihren Sohn, einer -der herrlichen ganz weiblichen Charaktere, wie unter<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Spanierinnen so -selten sie sich finden. Da ich das Loos ihres Sohnes theilte, schenkte -sie auch mir ihre volle Zuneigung und zeigte sich mir ganz als Mutter: -ihr einziges Streben war darauf gerichtet, die Lage ihrer „armen -beiden Söhne“ zu erleichtern. Bei den Besuchen, die sie täglich uns -abstattete, ward sie von ihrer Niece begleitet, einem jungen, reizenden -Mädchen, feurig und glühend, mit den dunkel schmachtenden Augen, dem -üppigen Wuchse und den wunderkleinen Füßen der Andalusierinnen; ihr -schneeiger Teint und die langen lichtbraunen Haare im Contrast gegen -jene Glut-Augen des Mittags gaben dem lieblichen Wesen etwas besonders -Anziehendes. Erst funfzehn Jahr alt war Paquita mit ihrem Cousin -verlobt, und ihre schwärmerische Liebe schien in der Hoffnungslosigkeit -stets leidenschaftlicher zu werden.</p> - -<p>Häufig führten uns diese Damen einige ihrer weiblichen Bekannten und -Verwandten zu, deren die Spanier eine unendliche Zahl haben, da sie -die Vettern- und Basenschaft bis ins funfzigste oder sechszigste -Glied nachzurechnen pflegen. Jede der schönen Besucherinnen brachte -dann ausgesuchte Früchte, Eingemachtes und mancherlei Näschereien mit -und theilte, der Sitte gemäß, mit dem Herrn, dem sie durch solche -Artigkeit Vorzug zu zeigen beabsichtigte, den Leckerbissen, den sie -als schönsten sich vorbehalten hatte. Die Lebensweise der spanischen -Damen, wie sie durch die ganze Halbinsel dieselbe bleibt, ist getreu -mit zwei Worten geschildert: ihr Schmuck, vor Allem die Anordnung der -eleganten Mantilla, und die Bewegung des Fächers machen vom Morgen bis -zum Anbruche der Nacht ihre exclusive Beschäftigung aus. Der Nebenzweck -des Fächers ist, Kühlung zu geben; aber er drückt Alles aus, wodurch -weibliche Koketterie die schwachen Herzen der Männer zu erobern und -sich zu erhalten sucht, Unwille, Verlegenheit, Gleichgültigkeit, -Vorwurf, Hingebung, Eifersucht und wie alle jene mächtigen Verbündeten -der frivolen Gefallsucht und Eitelkeit heißen mögen — die gra<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>ziösen -Bewegungen des Fächers sprechen sie vollkommen aus. So sitzen diese -Damen plaudernd, Chocolate schlürfend und gähnend, sich moquirend und -schlummernd, kokettirend oder neue Eroberungs-Pläne entwerfend, bis -die Frische des Nachmittags sie zum Spatziergange ruft, auf welchem -Auge und Fächer um die Wette ihr grausames Spiel treiben; der Abend -führt sie zur kalten, langweiligen Tertulia, wo sie sich bald um die -Hasardtafeln gruppiren, durch die niedrigste Leidenschaft unüberlegt -ihre schönen Züge entstellend. In allen Classen der Gesellschaft ist -die Spielsucht auf unglaubliche, Schrecken erregende Höhe gestiegen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mit Ausnahme der Stunden, welche die Besuche weniger nützlich uns -hinbringen ließen, waren wir eifrig mit Studiren beschäftigt, wozu -die Bücher uns behülflich waren, welche einige Priester uns hatten -verschaffen können. Alte und neue Sprachen beschäftigten uns besonders, -da zufällig ein Jeder diejenigen kannte, welche dem andern fremd -waren, während die französische als Communications-Mittel diente; dazu -verschiedene Wissenschaften und Musik, wobei wir die Geduld bewundern -mußten, mit der die neben uns wohnenden Wache-Officiere täglich unsere -Ohr zerreißenden Concerte auf Flöte und Guitarre ertrugen. So verging -uns die Zeit, wie stets bei einförmiger Beschäftigung, reißend schnell, -und die Ordre, durch die mein Stubengefährte auf den folgenden Tag -zum Abmarsche sich vorzubereiten angewiesen wurde, war für Beide ein -Donnerschlag, wenn längst befürchtet, deßhalb nicht weniger empfindlich.</p> - -<p>Don Francisco de Madinaveytia, einer der ersten Familien Guipuzcoa’s -angehörig, hatte in einem jesuitischen Collegium ausgezeichnete -Erziehung genossen, so selten selbst in den höchsten Classen der -spanischen Nation. Sein Vater, Präsident des<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> höchsten Gerichtshofes -unter Joseph Napoleon, für den er, wie viele ausgezeichnete Männer, -sich erklärt hatte, aus seiner Herrschaft Besseres für das Vaterland -hoffend, als es von den Nachkommen Ludwigs XIV. erfahren -hatte, ward nach dem Sturze des Kaisers vergiftet, ein Opfer des -Hasses, den alle Anhänger des Eindringlings so schwer empfanden. -D. Francisco, als er nach mehrjährigem Aufenthalte in Paris in das -Vaterland zurückkehrte, fand die Familien-Güter confiscirt, da sein -Bruder, exaltirt liberal, der das Majorat inne hatte, den Christinos -sich angeschlossen: so trat auch er in die Armee ein. Ohne Ressourcen, -viele Monate lang wie das ganze Heer ohne Sold, selbst ohne Rationen, -da er, nachdem sein Pferd getödtet, in das Depot nach Arro geschickt -war, sah er sich in der verzweifeltsten Lage; er lebte oft von dem -Obst, welches er auf dem Spatziergang im Felde fand. Da erfuhren seine -Cameraden, daß der Mayordomo des Großinquisitor mehrere Millionen<a name="FNAnker_23_23" id="FNAnker_23_23"></a><a href="#Fussnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> -für Carl V. von Madrid erhalten und in einem Dorfe auf schon -carlistischem Terrain versteckt habe, von wo sie am folgenden Tage nach -dem Hauptquartier abgehen würden. Anstatt pflichtgemäß ihren Behörden -die Anzeige zu machen, beschlossen sie, selbst des Schatzes sich zu -bemächtigen, und der unglückliche Madinaveytia willigte ein, sie zu -begleiten. Als Carlisten verkleidet passirten sie den Ebro, da der an -der Brücke die Wache habende Officier auch im Complott war, gelangten -glücklich zu dem Dorfe, öffneten mit Gewalt das Haus und bemächtigten -sich des Mayordomo. Doch alles Suchen nach der Summe war umsonst, -der Besitzer leugnete fest, sie empfangen zu haben, schon waren die -Officiere verdrießlich und fluchend im Begriff zurückzukehren, als der -arme Mayordomo die Unvorsichtigkeit beging, einen von ihnen, den er -erkannt hatte, bei Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> zu nennen. Schäumend vor Wuth, da er sich -verrathen sieht, stürzt dieser auf den Unglücklichen, ihn zu tödten. -Umsonst erbietet er sich, sein Leben durch Auslieferung des versteckten -Geldes zu erkaufen, umsonst suchen die andern Officiere den Rasenden -zurückzuhalten: er drückt sein Pistol auf den Mayordomo ab, der todt -zusammensinkt. Bestürzt fliehen Alle, schon nicht mehr des Geldes -gedenkend.</p> - -<p>Wenige Tage nachher ward Madinaveytia arretirt, mit ihm der Officier, -welcher die Wache an der Brücke gehabt und sie verlassen hatte, -dem Zuge sich anzuschließen, die übrigen Theilnehmer, mehr mit dem -in Spanien allmächtigen Golde versehen, waren verschwunden. Der -Wach-Officier leugnete hartnäckig, er hatte bedeutende Verbindungen in -der Umgebung des Generals, so wie Einfluß bei den Richtern; also war -er unschuldig. Madinaveytia hatte sofort Alles gestanden und erfreute -sich nicht der Mittel, die im liberalisirten Spanien nach Belieben die -Wagschale der Gerechtigkeit heben und senken, er besaß weder Gold noch -Protection, war daher allein schuldig und mußte allein das Verbrechen -büßen. Vergeblich opferte seine herrliche Mutter, was sie besaß, zu -seiner Rettung. Er ward nach Vitoria geführt, vor ein Kriegsgericht -gestellt — nach vierzehnmonatlicher Gefangenschaft —, zum Tode -verurtheilt und erschossen.</p> - -<p>Nach langer Zeit wiederum Gefangener in Madrid eilte ich, nach seinen -Lieben zu forschen. Seine Braut, bei der Schreckenskunde von einem -Nervenfieber ergriffen, war schnell dem Geliebten gefolgt, worauf -Doña Eulalia in unaussprechlichem Schmerze über das Loos des einzigen -Sohnes in die Einsamkeit des Klosters sich zurückzog, dort die Stunde -erwartend, die auch sie bald von den irdischen Wehen erlösen sollte. -Sie starb im Herbste des Jahres 1838.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Wieder allein fühlte ich doppelt bitter alles Schreckliche der -Gefangenschaft: Schwermuth bemächtigte sich meiner; die Gegenwart bot -mir ja Nichts zum Ersatze so vieler zerstörten Hoffnungen, die Zukunft -lag schwarz und drohend vor mir, so ungewiß, so unheimlich, daß ich -auf sie nicht bauen mochte. Da wandte ich mich der Vergangenheit zu. -Oft ist die Ansicht ausgesprochen, daß in der Widerwärtigkeit die -Erinnerung an das Verlorene das Gefühl des Schmerzes erhöhe, ihn gar -unerträglich mache; mir ist sie, wenn ich mich unglücklich glaube oder -schwere Leiden auf mir haften, die Quelle herrlicher Stärkung. Dann -dachte ich der Scenen, deren Bild so lebendig mir in’s Herz geprägt -ist, das Andenken an die Zeiten des Glückes machte sie mich wieder -durchleben und wieder fühlte ich mich glücklich.</p> - -<p>So lag ich auch in jenen Tagen unmuthiger Hoffnungslosigkeit oft -lange in wachem Traume. Ich malte die Heimath mir aus, die Theuren, -welche doch wohl sorgend meiner gedachten, und jede Stunde, die ich -mit ihnen vereint gewesen war, die Worte selbst, welche wir in dem -trauten Vereintsein gewechselt hatten, traten wieder vor mich; alle -die Schlacken, durch die das Glück wohl getrübt gewesen, waren in der -Erinnerung hingeschwunden — arme Menschen, die wir ganzes Glück nur in -Zukunft und Vergangenheit ahnen! Da erhob sich mir auch das Bild meiner -Jugendfreunde, und nochmals glaubte ich die Freuden zu genießen, die so -rein und so reich in ihrer Theilnahme mir geworden waren. Warum mußten -sie vergehen, diese Zeiten wahrer Wonne! Die Jugendfreundschaft, immer -gleich lieblich, gleich zart, geht wie ein leuchtender Stern durch das -ganze Leben, und alle die Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen, welche -so bitter in das Leben gewebt sind, streifen machtlos über sie hin, -nur fester und unauflösbarer sie knüpfend. Wie zauberisch ist doch -der Reiz gemeinschaftlicher Erinnerungen; mit welcher Wonne geben wir -den Gefühlen uns hin, die der gemeinschaftliche Rückblick auf jene -liebe Zeit, in der wir nur die helle,<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> freundlich lockende Seite des -Lebens sahen, auf jene Pläne und schwärmerischen Hoffnungen in der -durch sie vergnügten Brust hervorruft! Jugendfreundschaft gehört unter -die seltenen, unschätzbaren Güter, welche unbesudelt aus der Zeit -kindlicher Reinheit unter den schmutzigen Leidenschaften und Abwegen -der späteren Jahre sich uns erhalten mag. Schmerz empfinde ich für den -Menschen, der ihrem Werthe fühllos werden konnte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_23_23" id="Fussnote_23_23"></a><a href="#FNAnker_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Unter dem Ausdrucke einer Million versteht der Spanier so -viele Realen, deren neunzehn fünf Franken gleich sind.</p></div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier7" name="zier7"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 7" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="VIII">VIII.</h2> - -</div> - -<p>Während General Gomez Spanien durchzog, ward die Ruhe in den -Nord-Provinzen selten durch unbedeutende Operationen unterbrochen; -beide Heere schienen, auf den Erfolg der Expedition gespannt, ihre -Kräfte sparen zu wollen, da sie ja rasche Entscheidung herbeiführen -konnte. General Garcia, commandirender General des Königreiches -Navarra, bestand einzelne Kämpfe gegen die Fremdenlegion, indem er -durch rasche Bewegungen irgend einen der festen Punkte des Feindes -überraschte und zerstörte, um bei der Annäherung der Hülfs-Colonnen -in die Gebirge sich zurückzuziehen. Cordova aber war nach der -verunglückten Unternehmung bei Arlaban auf Pamplona marschirt, um -das Bastan-Thal, dessen Bewohner er der constitutionellen Regierung -geneigt wähnte, zu besetzen, dem General Evans die Hand zu reichen -und dadurch, die Carlisten von der französischen Gränze, abschneidend -sein Blokade-System zu vervollkommnen. Die Nachricht von der -Vernichtung der Division Tello durch Gomez und von dem Abmarsche -Espartero’s zur Verfolgung der Expedition zwang ihn, da Villareal am -28. Juni Peñacerrada in Alava angegriffen, in Eilmärschen dorthin -zurückzukehren. Villareal, die Belagerung dieser Veste aufgebend, zog -nach Navarra und griff am 4. Juli die Linie von Zubiri an, ward aber, -da er ein Fort derselben genommen hatte, von der Fremdenlegion und -einigen spanischen Bataillonen zum Rückzuge genöthigt.</p> - -<p>Nach dem fehlgeschlagenen Versuche des Feindes gegen Fuenterrabia -begnügte sich der carlistische Feldherr, durch Bedrohen der -verschiedenen Punkte auf den entgegengesetzten Theilen des -Kriegsschauplatzes die Christinos zu erschöpfenden Märschen zu zwingen; -er griff am 1. August mit funfzehn Bataillonen und sechs Geschützen -die Linie von Zubiri nochmals an,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> und wurde nach achtzehnstündigem -hartnäckigem Kampfe auf das Ulzama-Thal geworfen, wo die Fremdenlegion -durch empörende Ausschweifungen sich hervorthat und mehrere Dörfer -niederbrannte. Die folgende mehrmonatliche Waffenruhe war nur durch die -Operation Oraa’s auf Estella am 12. und 13. September unterbrochen. -Cordova hatte, da durch die Ereignisse von la Granja auf Verlangen -trunkener Sergeanten die Constitution verändert, seine Entlassung -eingereicht und sich nach Frankreich begeben, worauf der Oberbefehl -dem General Espartero und, da dieser krank war, interimistisch dem -General Oráa übertragen wurde, der durch eine glänzende Waffenthat sich -hervorthun wollte. Er vereinigte 16000 Mann und griff das von vier -navarresischen Bataillonen vertheidigte Estella an. Die Christinos -gelangten wiederholt bis auf die Höhen, welche die Stadt beherrschen -und warfen Granaten in sie, wurden aber stets mit dem Bajonnett -zurückgestürzt und zogen sich, nachdem sie 800 Mann geopfert, auf ihre -Linien, kräftig von den Tirailleurs und dem aufgestandenen Landvolke -verfolgt. — In der ersten Hälfte Octobers fanden in den Linien von -San Sebastian einige Scharmützel ohne Erfolg Statt, so wie am 8. die -Engländer von der Stellung von Amezagana mit Verlust abgewiesen wurden.</p> - -<p>Bilbao, die bedeutendste Stadt Vizcaya’s, reich durch ausgebreiteten -Handel, an dem schiffbaren Flusse Durango, der, mit dem Nervion -vereinigt, einige Stunden entfernt in das Meer strömt, war noch in -dem Besitze der Christinos; jeder Versuch, sich ihrer zu bemächtigen, -hatte stets kraftvolle Anstrengungen der Feinde zum Entsatze veranlaßt, -der große Führer der Carlisten, General Zumalacarregui fiel vor ihren -Mauern. Villareal wollte Bilbao erobern, so ganz Vizcaya reinigen und -den feindlichen Colonnen das Eindringen in die Provinz ohne solchen -Anhaltspunkt unmöglich machen; zugleich sollte die Wegnahme der -blühenden Hafenstadt von außen her als <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">conditio sine qua non</span> -und Gewährleistung wichtiger Unterstützung gefordert<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> sein. Ihre -Eroberung mußte den Carlisten großes moralisches Übergewicht geben, da -die Constitutionellen sich gewöhnt hatten, auf der Behauptung dieser -Stadt wie auf einer Lebensfrage zu bestehen; sie hätte bewiesen, daß -die carlistische Armee nicht nur in ihren Gebirgen, sondern auch -im regelmäßigen Kriege dem Feinde schon überlegen war. Daher sah, -wer in Europa Interesse für eine der Partheien hegte, mit Spannung -auf diese Belagerung. Sie wurde am 24. October 1836 von drei und -zwanzig Bataillonen unter Villareal und Eguia eröffnet, indem die -bisher blokirte Stadt eng eingeschlossen und zwei Batterien gegen sie -errichtet wurden.</p> - -<p>Bilbao war nur von einer Mauer umgeben, welche durch mehrere -vorliegende Forts und befestigte Klöster gedeckt wurde; 7000 Mann -vertheidigten sie. Doch beruhete die Stärke der Stadt in ihrer Lage, da -sie durch den schiffbaren Fluß, dessen Mündung das feste Portugalete -beherrscht, mit dem Meere in Verbindung steht, von wo aus sie leicht -mit allem Nöthigen versehen und kräftig unterstützt werden konnte — -hauptsächlich durch die englische Flotte, welche ja seit dem Monate -März durch ihre Mitwirkung den Carlisten so unheilsvoll geworden war. -Auch war es unzweifelhaft, daß die Hauptarmee unter Espartero Alles -thun würde, der bedroheten Stadt Hülfe zu bringen. In der That zog -sie schon Ende Octobers über Valmaseda herbei, weshalb die Artillerie -zurückgezogen und die Belagerung in eine strenge Blokade verwandelt -wurde, während Villareal den andringenden Feind beobachtete; zwei der -am meisten avancirten Außenwerke waren bereits genommen.</p> - -<p>Nachdem vier Ausfälle der Besatzung gänzlich mißlungen, ward die -Belagerung am 7. mit neuer Kraft aufgenommen, zwei vorgeschobene -Werke, das Fort Bandera und ein Kapuziner-Kloster wurden genommen, am -10. S. Manez mit 300 Mann und sechs Kanonen erstürmt. Zehn Batterien -wurden gegen die Stadt oder längs dem Ufer des Flusses etablirt, um -dort<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> die Hülfe der englischen Kriegsfahrzeuge zu verhindern, die, so -oft sich Gelegenheit bot, die carlistischen Truppen beschossen,<a name="FNAnker_24_24" id="FNAnker_24_24"></a><a href="#Fussnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> -und wiewohl das schlechte Wetter die Arbeiten sehr verzögerte, -konnten die Batterien am 17. ihr Feuer eröffnen. Ein Ausfall ward mit -Verlust abgewiesen, am 27. erstürmten ein Bataillon von Castilien -und die Compagnien des Fremden-Bataillons mit höchster Bravour das -feste Kloster San Agostin unmittelbar an der Mauer und von 600 Mann -vertheidigt. Der Sturm gegen die offene Bresche wurde unternommen. 1100 -Mann gelangten bis in die hinter der Bresche aufgestellte Batterie und -tödteten die Artilleristen neben ihren Geschützen, wurden aber, da die -anderen Colonnen, anstatt mit Kraft nachzudringen, regungslos stehen -blieben, von der feindlichen Reserve wieder aus der Stadt vertrieben -und litten viel. Die Carlisten begnügten sich fortan, die Stadt zu -bewerfen und richteten ihr ganzes Streben darauf, das Durchdringen -Espartero’s zu verhindern, da der in Bilbao täglich zunehmende Mangel, -falls die Entsetzung mißlang, die Garnison zur Capitulation zwingen -mußte.</p> - -<p>Espartero war mit 20000 Mann von dem Thale von Mena nach Portugalete -gezogen, worauf Villareal in den Gebirgs-Stellungen sich befestigte -und am 27. und 28. November die Angriffe des Feindes abschlug, welcher -der Brücke über den Nervion sich zu bemächtigen suchte. Am 30. -November passirten die Christinos den Fluß auf einer Schiffbrücke, -welche ihnen die englischen Marine-Truppen geschlagen, und griffen -auf dem rechten Ufer, da Villareal ihnen dahin gefolgt war, am 4. und -5. December die Stellung von Asua an; mit Nachdruck empfangen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> und -nach starkem Verluste kehrten sie am 6. auf das linke Ufer zurück, -wo die Carlisten ihnen gegenüber sich verschanzten, dazu einen Theil -ihres Belagerungsgeschützes verwendend, wodurch sie die Einnahme der -Stadt ganz von der Niederlage Espartero’s abhängig machten. Umsonst -suchte dieser vorzudringen: er ward nach vergeblichen Scharmützeln -am 12. und den folgenden Tagen genöthigt zu weichen, zog sich am 15. -nach Portugalete zurück und ging am 19. und 20. December nochmals mit -19 Bataillonen und zwei und zwanzig Geschützen auf das rechte Ufer -des Nervion über, wo wieder Villareal seine Stellung ihm gegenüber -mit dem Belagerungsgeschütz deckte. Espartero gab die Hoffnung -des Durchdringens auf,<a name="FNAnker_25_25" id="FNAnker_25_25"></a><a href="#Fussnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a> als die Ankunft der Divisionen, welche -Gomez nach sich gezogen, ihm ein furchtbares Übergewicht verlieh. -Nachdem am 22. und 23. leichte Scharmützel Statt gehabt, stürmten -am Weihnachtsabend die Christinos nach dem Plan des General Oráa -die carlistische Stellung, während 2000 Jäger in Kähnen den Fluß -hinauffuhren, die Flanke der Belagerungsarmee zu gewinnen. Von einem -entsetzlichen Schneesturm begünstigt, erstürmten die Feinde nach kurzem -Kampfe die Brücke von Luchana, gegen die sie ihre ganze Artillerie -concentrirt hatten. Die Fahrzeuge gelangten bis dahin und bemächtigten -sich nach furchtbarem Blutbade der Batterie, welche noch das -Debouchiren der Truppen verhinderte, worauf diese den Fluß passirten -und die Stellung auf den Höhen von Cabras und Arriaga stürmten. Drei -Mal gelangten die christinoschen Massen bis auf die Höhen, drei Mal -stürzten die Carlisten mit dem Bajonnett sie hinunter: beim vierten -Angriff behauptete sich Espartero im Besitze der Stellung, und die -Belagerungsarmee zog in Unordnung auf Durango zurück. Am ersten -Weihnachtstage zog das siegreiche Heer in die gerettete Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ein, in -der solches Elend herrschte, daß der Gouverneur am 24. dem anfragenden -Generale durch den Telegraphen meldete, wie er nur noch einen Tag sich -halten könne.</p> - -<p>Der Jubel der Christinos war unendlich: die Folgen so entschiedenen -Sieges mußten groß sein und er zeigte unzweifelhaft, wie die Carlisten -noch nicht in geregeltem Kampfe den überlegenen Massen ihrer Feinde -entgegentreten durften. Die Hoffnung derselben, ohne weiteres -Blutvergießen der wichtigen Stadt sich zu bemächtigen, war ihnen -verderblich geworden, da sie gewiß früher sie genommen hätten, wenn -seit dem Anfange Decembers kräftig der Angriff fortgesetzt wäre. — -In der Action am 24. verloren die Christinos etwas über 2000 Mann, -die Carlisten nur 600, büßten aber ihre schwere Artillerie, drei -und zwanzig Geschütze, ein, da der Fuß hoch liegende Schnee die -Fortschaffung unmöglich machte.<a name="FNAnker_26_26" id="FNAnker_26_26"></a><a href="#Fussnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Espartero, der noch unentschlossen -beim Beginn des Kampfes unwohl in Portugalete sich befand und erst, als -der Kannonendonner ertönte, seiner Armee nacheilte, verdankte seinen -Sieg der Entschlossenheit und dem Talente des Chefs des Generalstabes, -General Oráa, und vor Allem, wie sein Bericht anerkennt, der thätigen -Mitwirkung der englischen Marine. Er wurde zum Grafen von Luchana -ernannt. Villareal verlor den Oberbefehl, welcher dem Infanten Don -Sebastian und unter ihm, als Chef des Generalstabes fungirend, dem -General Moreno übertragen wurde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während der ersten Monate des Jahres 1837 wurden von den Christinos die -größten Vorbereitungen getroffen, um im<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> Frühjahre die Operationen mit -entscheidender Energie beginnen zu können; denn Entscheidung wollte -Espartero herbeiführen, indem eine allgemein combinirte Bewegung -sämmtlicher Streitkräfte nach dem Innern der baskischen Provinzen diese -unterwerfen, die carlistische Armee erdrücken und vernichten sollte. -Er selbst stand gegen Ende Februars mit 28 Bataillonen in Bilbao, von -wo er über Durango in das Innere von Vizcaya vordringen würde, während -Evans, durch die Division Rivero auf 21 Bataillone verstärkt, von -San Sebastian aus Hernani und Tolosa nähme und Guipuzcoa besetzte, -Sarsfield aber mit 19 Bataillonen von Pamplona aus die Thäler Ulzama -und Bastan unterwürfe, Evans die Hand reichte, dadurch die carlistische -Armee von der Gränze abschnitte und sie zwischen die drei Corps -zusammendrängte. Zugleich operirte die Division des Ebro-Thales — -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de la rivera</span> —, jetzt fast ganz aus Cavallerie bestehend, im -südöstlichen Navarra an der Arga und dem Ebro, und die Division Alaix, -12 Bataillone stark, stand bei Vitoria in Alava, so die gänzliche -Umzingelung und Einzwängung der Carlisten vollendend. Dieser Plan -schien in der That, wenn er gewandt und kräftig durchgeführt wurde, -die Vernichtung der Carlisten nach sich führen zu müssen, und allein -so hätte das Ende des blutigen Kampfes <em class="gesperrt">durch Waffengewalt</em> mögen -vorbereitet werden. Dazu war die Nordarmee jetzt stärker, als sie je -zuvor es gewesen: außer den zahlreichen Besatzungen und den Freicorps -zählten jene fünf mobilen Colonnen 80 Bataillone, welche durch eine -neue Rekruten-Aushebung auf ihren vollständigen Etat gebracht waren.</p> - -<p>Der Infant that, so viel feine Schwäche gestattete, um mit Festigkeit -den drohenden Sturm zu empfangen. Er selbst stand mit funfzehn -Bataillonen im Ulzama-Thale Sarsfield gegenüber, da dessen Vereinigung -mit Evans ganz besonders verderbliche Folgen hätte haben müssen, -Guibelalde mit neun Bataillonen hielt die Linien gegen die Divisionen -Evans und Rivero<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> besetzt, während Goni mit 11 Bataillonen das -Hauptcorps Espartero’s beobachtete. Die übrigen Truppen waren in Alava -und dem südlichen Navarra vertheilt, gegen die beiden dort drohenden -Divisionen sie zu decken.</p> - -<p>Am 10. März eröffnete Evans, nachdem er eine hochtönende Proclamation -an die Guipuzcoaner erlassen, den Feldzug, da er auf Hernani vordrang -und mit einem Verluste von 800 Mann die Höhen von Amezagana erstürmte, -welche durch leichte Verschanzungen gedeckt waren; er blieb dort -stehen, das Vorrücken der andern Colonnen erwartend. Auch zog Espartero -am folgenden Tage von Bilbao auf der Heerstraße vorwärts und besetzte -Durango nach unbedeutendem Gefechte, und Sarsfield wandte sich an -demselben Tage über Izarzan auf das Ulzama-Thal und drang bis zu -dem Engpasse <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de las dos hermanas</span>. Evans griff nach leichtem -Scharmützel in den vorhergehenden Tagen am 15. März von Neuem an und -entriß nach blutigem Kampfe den Fuß vor Fuß der Übermacht weichenden -Carlisten das Fort und die Höhen von Oriamendi nebst vier Kanonen; -am 16. trieb er wieder langsam die carlistischen Bataillone vor sich -her, und schon standen die Briten auf der Höhe, welche unmittelbar -Hernani beherrscht; der Erfolg war nicht mehr zweifelhaft. Da stiegen -in eiligem Zuge von den Gebirgen die Schaaren herab, mit denen der -Infant den Seinen zu Hülfe eilte; neun Bataillone, zwei Escadrone und -vier Geschütze von seinem Corps führte er nach ermüdendem Marsche auf -das Schlachtfeld. Er stürzte sich sofort auf die siegenden Massen der -Anglochristinos, umging, während er einen Scheinangriff auf den rechten -Flügel richtete, die linke Flanke, warf sich mit dem Bajonnette auf die -nächsten englischen Bataillone, zerstreute sie und rollte den ganzen -linken Flügel auf. Panischer Schrecken ergriff die Feinde. Die Flucht -der englischen Bataillone riß die ihnen zunächst stehenden spanischen -fort, und da nun auch das carlistische Centrum mit Kraft vorwärts -drang, lösete sich die<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> ganze feindliche Armee in schimpflichster -Verwirrung auf und floh nach San Sebastian zurück, von den Siegern -auf dem Fuße verfolgt. Nur ein Detachement englischer Marine-Truppen, -welches in der christinoschen Armee sich befand, blieb geschlossen und -rettete den größten Theil der Artillerie, mit der es unerschütterlich -fest sich zurückzog. Die Carlisten, deren Verlust 740 Mann betrug, -nahmen vier Geschütze; die Engländer verloren etwa 900 Mann an Todten -und Verwundeten — 500 Todte von der Legion wurden auf dem Kampfplatze -gezählt —, ihre spanischen Bundesgenossen aber 1300 Mann und 100 -Gefangene.</p> - -<p>Die Folgen so glorreichen Sieges waren unberechenbar. Die große -combinirte Bewegung, welche den Untergang der Carlisten herbeiführen -sollte, war ganz mißglückt, denn Evans, der in sechs Tagen fast 5000 -Mann geopfert hatte, um dann schimpflich in seine frühere Stellung -getrieben zu werden, konnte nicht an Wiederaufnahme der Offensive -denken, da seine Truppen für den Augenblick ganz demoralisirt -waren.<a name="FNAnker_27_27" id="FNAnker_27_27"></a><a href="#Fussnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> Espartero, nachdem er ganz Vizcaya durchkreuzend am 15. -bis Eybar vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von der Niederlage -Evans’s und der Annäherung des Infanten eiligst auf Durango und am 21. -nach Bilbao zurück. Die Generale Goni, Guergué und Urbiztondo hatten -theils die Gebirge besetzt, durch welche die Straße sich hinzieht, und -belästigten von dort aus den Marsch, theils drängten sie mit Nachdruck -dem weichenden Heere nach. Mehrere Male machte dieses Front gegen -die Verfolger, ruhigeren Rückzug sich zu erkämpfen, aber immer mehr -eingezwängt und in dem schmalen Thale der Heerstraße sich verwickelnd, -bildete es<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> zuletzt einen großen unbehülflichen Knäuel, der nur durch -die Festigkeit der Arriere-Garde vor Vernichtung geschützt wurde, -so daß die Armee, nachdem sie in der Operation 2800 Mann eingebüßt, -Bilbao erreichte. Sarsfield, da ein heftiger Schneefall sein Vorrücken -gehindert hatte, war unter dem Vorwande von Krankheit nach Pamplona -gegangen, dem General Ulibarren das Commando übertragend. Zu seiner -Beobachtung ließ der Infant, da er nach Guipuzcoa eilte, die von Evans -errungenen Vortheile zu hemmen, den General Zariategui zurück, der die -feindliche Colonne, da sie über das Ulzama-Thal auf der Straße nach -Tolosa vorrückte, in dem Engpasse <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">de las dos hermanas</span> warf und -mit Verlust von 1100 Mann nach Pamplona trieb.</p> - -<p>So hatte die große mit 68 Bataillonen von drei Seiten aus gegen die -baskischen Provinzen unternommene Operation mit einer Niederlage -geendet, die den Christinos 9000 Mann gekostet hatte; die Scharte von -Bilbao war glänzend ausgewetzt. Espartero benutzte den Monat Mai, zu -neuem Angriffe sich vorzubereiten, der von San Sebastian, in dem Herzen -der vereinigten Provinzen, ausgehen sollte. Der König rüstete sich -gleichfalls mit höchster Thätigkeit: er wollte an der Spitze der Seinen -in das Innere des Königreiches ziehen, seine Hauptstadt, die zum Sitze -des usurpatorischen Gouvernements geworden, sich erobern und so den -Krieg enden, der von ihr ausgehend, von ihr aus unterhalten wurde.</p> - -<p>Nachdem die Anglochristinos am 4. Mai das Dorf Loyola genommen, — wozu -wieder die englische Marine die Schiffbrücke über den Urrumea schlug — -ging Espartero mit zwanzig Bataillonen zu Schiffe nach San Sebastian -und übernahm dort den Oberbefehl. Mit 36000 Mann und 40 Feldgeschützen -griff er am 15. Mai Hernani an und nahm es nebst Andoain nach geringem -Widerstande der Carlisten; der König hatte schon seine Kerntruppen -in Navarra für die Expedition vereinigt. Am folgenden Tage wandte -sich Evans mit 12000 Mann gegen Irun,<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> welches von vier Compagnien -mit hoher Bravour vertheidigt wurde; erst am 17. nahm er die die -Straße beherrschende Redoute und drang in die Stadt ein. Die Garnison -behauptete sich hartnäckig gegen die stets wiederholten Stürme, die -Häuser wurden mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen. Am -Nachmittage ergaben sich vierhundert Mann, da ein festes Gebäude, in -welches sie zuletzt sich geworfen hatten, schon halb erstürmt war; -zweihundert wurden nach der Capitulation von den Feinden, erbittert -über ihren Verlust, niedergestochen. Evans griff dann Fuenterrabia an, -dessen Garnison, 300 Mann stark, ohne Widerstand capitulirte, da sie -sich hülflos abgeschnitten sah.</p> - -<p>So hatte Espartero endlich die große Heerstraße den Carlisten genommen -und es blieb ihm nur übrig, die Linie längs der Gränze zu etabliren, -um den Provinzen die Verbindung mit Frankreich abzuschneiden und sie -ganz auf die eigenen Hülfsquellen zu beschränken. Die Nachricht von -dem Abmarsche der königlichen Expedition und ihren Fortschritten in -Aragon zwang ihn, die Ausführung des wichtigen Planes aufzugeben: er -zog am 29. Mai von Hernani durch das Ulzama-Thal nach Pamplona, lebhaft -von einigen ihn beobachtenden Bataillonen harcelirt, wobei er mehrere -hundert Mann, unter ihnen den General Gurrea, einbüßte. Der Krieg in -den Nordprovinzen ward für einige Zeit zur Nebensache.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_24_24" id="Fussnote_24_24"></a><a href="#FNAnker_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Die Präcision des Artillerie-Feuers jener Schiffe ging so -weit, daß bald zwei oder drei Personen nicht mehr vereinigt dem Strande -zu nahen wagten, da selbst ein so kleines Ziel nicht selten getroffen -wurde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_25_25" id="Fussnote_25_25"></a><a href="#FNAnker_25_25"><span class="label">[25]</span></a> In seinen Briefen an seine Gemahlinn nach Logroño -erklärte er die Lage der Armee für ganz hoffnungslos, den Entsatz -unmöglich.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_26_26" id="Fussnote_26_26"></a><a href="#FNAnker_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Mein braver Camerad, Bernhard v. Plessen, früher -Lieutenant in königl. Preußischem Dienste, ward gefangen, da er seine -Batterie nicht verlassen wollte und bis zum letzten Augenblicke -feuerte. Er fiel, kaum ausgewechselt, in der königlichen Expedition -1837.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_27_27" id="Fussnote_27_27"></a><a href="#FNAnker_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Um die Größe jenes Sieges, den Moreno durch seine -geschickten Dispositionen herbeiführte, die furchtbar verwirrte Flucht -der Anglochristinos und ihre Muthlosigkeit ganz zu würdigen, muß man -die Berichte der Officiere von der britischen Legion lesen.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier8" name="zier8"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 8" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="IX">IX.</h2> - -</div> - -<p>Acht Monate waren mir in dem Kerker von Logroño verflossen, die -Operationen der beiden Armeen hatten mit dem Eintritt der schöneren -Jahreszeit mit mehr Lebhaftigkeit wieder begonnen; meine Ungeduld, da -ich immer zur Unthätigkeit verdammt blieb, ward bei jeder Nachricht -von neuem glorreichen Kampfe der Meinen zu bitterer Verzweiflung. -Umsonst hatte ich Auswechselung gefordert: es erfolgte keine Antwort -auf meine Vorstellungen, die wohl in irgend einem untergeordneten -Büreau mochten liegen geblieben sein. Da trat eines Morgens — am 8. -Juni 1837 — ein Platzadjudant in mein Zimmer, mich zu benachrichtigen, -daß ich am folgenden Tage nach der französischen Gränze abgeführt -werde. Der Gouverneur der Provinz, ein trefflicher Mann, der nach -langem Dienste im Auslande nicht ganz die Ideen und Vorurtheile seiner -Landsleute theilte, hatte mir erklärt, daß er streben werde, Befehl zur -Auswechselung oder den Paß für mich zu erlangen. Auf seine Darlegung -befahl ihm Espartero, bis zu der Gränze mich escortiren zu lassen. -Lange blieb ich regungslos bei der Freudenbotschaft, ich faßte nicht, -glaubte nicht, was ich schon nicht mehr zu hoffen gewagt; dann sprang -ich umher in lautem sinnlosen Jubel und lachte und dankte Gott für so -herrliches Geschenk. Mein sehnlichster Wunsch sollte ja endlich erfüllt -werden: ich verließ diesen Kerker, aus dem Flucht unmöglich war. Wohl -war ich entschlossen, das französische Gebiet nicht zu erreichen.</p> - -<p>Am nächsten Tage durchschritt ich zwischen zwei Reihen von Soldaten die -fruchtbaren Gefilde der Rioja, welche der Ebro der Länge nach bespült. -Mit welcher Sehnsucht blickte ich auf die Hügel, die jenseit des -Stromes sich erhebend dem carlistischen Gebiete angehörten! Wiederholt -war ich im Begriff,<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> die Wache zu durchbrechen und in den Strom mich -zu stürzen, der durch die Sonnenhitze ausgetrocknet fast überall -passirbar war. Solcher Versuch wäre Tollheit gewesen. Wir übernachteten -in Calahorra, wo früher die Messer der Mörder auf meine Brust gezückt -waren, und setzten dann den Marsch auf Tudela fort, den Ebro dort zu -passiren. Mein Plan war, nördlich von diesem Strome die Flucht zu -versuchen, da es leichter sein mußte, von dort aus durch die Gebirge -die carlistischen Truppen zu erreichen; da eine günstige Gelegenheit -früher sich darbot, eilte ich, sie zu benutzen.</p> - -<p>Am Mittage des zweiten Marschtages machte meine Escorte Halt, um in -einem Landhause, einige hundert Schritt vom Ebro entfernt, ihr Mahl zu -bereiten und dort während der drückendsten Wärme zu ruhen. Durch eine -Schildwache vor der Thür bewacht, ward ich in ein Gemach der oberen -Etage eingeschlossen, während die übrigen Soldaten vertrauend, daß ich -der Freiheit zueilend wohl nicht entfliehen werde, und sorglos, wie -stets der Spanier es ist, sich niederlegten, ihre Siesta zu schlafen. -Auch der Officier zog sich auf sein Zimmer zurück, nachdem er mir -einige Impertinenzen gesagt hatte. Ich biß die Lippen über einander und -wünschte vom Grunde des Herzens, daß eine carlistische Streifparthei -die unvorsichtigen Schläfer unangenehm aus ihrer Ruhe aufstören möge.</p> - -<p>Die Sonne stand hoch am Himmel, glühende, erschlaffende Hitze -ausströmend, da nicht der leiseste Hauch die Luft bewegte, Kühlung zu -erzeugen. Die lautlose Stille war nur durch der Schildwache eintönig -klagenden Gesang unterbrochen, der an die schwermüthig wilden Weisen -des Arabers erinnert, wenn er vor dem Eingange des Zeltes den dunkeln -Sternenhimmel bewundernd und umgeben von Allem, was ihm theuer, die -Gazellenaugen der schönen Töchter Arabiens oder die Reize seines -abentheuerlichen Wanderlebens besingt. Ich ward wunderbar aufgeregt; -stürmisch wechselten Erinnerungen und Hoffnungen und<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Wünsche, bis -alle in die eine Empfindung hinschwanden, in die unüberwindliche -Sehnsucht nach Freiheit, den Entschluß, sie zu erlangen — sei es -durch den Tod. Geräuschlos nahete ich dem Fenster. Es war so hoch -über dem Boden, daß es unmöglich schien, hinabzuspringen; doch ich -konnte nicht mehr überlegen, ich schwang mich hinaus, ein kleiner -Absatz begünstigte mich, doch der Fuß glitt ab, ich stürzte auf das -Gras hinab, mit dem der Boden bedeckt war. Einen Augenblick lag ich -betäubt, nur einen Augenblick: das Gefühl der drängenden Gefahr trieb -mich auf, ich empfand kaum den Schmerz, welchen der heftige Fall dem -linken Arm und der Schulter verursachte. Oben ward Geschrei hörbar; -ich bog um die Ecke des Hauses, da lag der größte Theil der Soldaten -ruhend im Schatten — ich flog an ihnen vorbei dem Strome zu. Kugeln -pfiffen um mich her, ehe ich ihn erreicht, ich warf mich in die Wellen -und theilte sie mit der Kraft des höchsten Entschlusses; eine kurze -Strecke nur mußte ich schwimmen, und bald deckten mich die Olivenwälder -des jenseitigen Ufers gegen die Schüsse der Verfolger, die sehr lau -in ihrem Bemühen den Fluß nicht zu überschreiten wagten, wiewohl -ihr verworrenes Geschrei noch weithin mir nachtönte. Dennoch lief -ich in athemloser Hast durch die Felder landeinwärts, bis gänzliche -Erschöpfung in dichtem Gebüsche zu rasten mich zwang.</p> - -<p>Ich war frei! Herrliches Gefühl der Freiheit; was bietet das -menschliche Leben Erhabeneres, wer möchte ihm widerstehen, wer wäre -taub und fühllos gegen die tausendfachen Güter und Reize, welche das -eine Wort „Freiheit“ in sich fasset! Sie ist der schöne Götterfunken, -durch den alles Edlere in des Menschen Brust zu Leben und Thätigkeit -gerufen wird, das höchste Gut, welches den übrigen Werth giebt und sie -veredelt. Wie traurig, daß erbärmliche Selbstsucht und Partheigeist so -hehren Schatz zum Deckmantel ihrer Leidenschaften mißbrauchen können, -daß die Freiheit dienen muß, zu allem Niedrigen und Entehrenden<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> die -verblendeten Menschen hinzureißen, und zur Verletzung ihrer heiligsten -Pflicht und ihrer Eide, zum Umsturze der ehrwürdigsten Rechte zu -vermögen. Wie schmerzlich, daß sie Selbstlingen, die jeder loyalen -Empfindung unfähig sind, den Vorwand bieten muß zu dem vergeblichen -Streben, was immer Natur, Recht und Gewohnheit als geheiligt hinstellt, -bis zu ihrer eigenen schmutzigen Sphäre hinabzuwürdigen!</p> - -<p>Ich war frei! Mein Herz pochte laut bei so wonnigem Gedanken, und ich -stattete dem Höchsten innigen Dank für die neue Wohlthat. Doch die -Gefahr war noch nicht vorüber, und ich eilte, nach kurzer Frist meinen -Marsch fortzusetzen, indem ich den Stand der Sonne beachtend nach -Nordwesten mich richtete, wo ich zuerst carlistische Truppen zu finden -hoffte. Wohl durch die Mittagshitze von den Arbeiten zurückgehalten, -war lange Niemand in den Feldern sichtbar; wie aber die Frische zunahm, -traf ich häufig Bauern, deren Blicken ich möglichst mich zu entziehen -suchte. Was sollte ich thun? Ich wußte nicht, wo ich war, wie fern von -unsern Garnisonen; ich mußte fürchten, gar irgend einer feindlichen -Streifparthie oder einem ihrer festen Punkte mich zu nahen, im Falle -ich etwa noch im Gebiete der Christinos mich befände. So beschloß ich -zu fragen. Ein greiser Bauer war mir nahe mit der Hacke beschäftigt; -ich eilte zu ihm, der nicht wenig überrascht, erschreckt selbst mich -nahen sah. Mein Gespräch beruhigte ihn bald, und da ich endlich, durch -seine herzlichen, einfachen Worte ermuthigt, ihm meine Lage offen -auseinander setzte, bot er mir die Hand und bat mich, ohne Furcht -ganz auf ihn zu vertrauen. Eine Stunde später saß ich ruhig in seinem -niedrigen Häuschen, einen Becher stärkenden Weines vor mir, und spät am -Abend bestiegen wir die Maulthiere meines Wirthes, der mich sicher nach -Estella zu geleiten versprochen hatte.</p> - -<p>Die Nacht war mondhell und erlaubte uns, auch auf den Gebirgspfaden -verhältnißmäßig schnell zu reiten; wir hatten dazu<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> das Glück, Niemand -auf dem Marsche zu treffen, von dem wir Verrath hätten fürchten dürfen. -Wenige hundert Schritt zur Rechten erhoben sich die Mauern von Lerin, -die durch die Unseren kurz vorher zerstört, nun von Neuem aufgerichtet -wurden, und der Ruf der Schildwachen „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">sentinela alerta</span>“, wie er -in rascher Folge längs den Werken hinablief, tönte hell und drohend -in unser Ohr. Gewohnt, während der Nacht carlistische Krieger ihnen -nahe und bis zum Fuße ihrer Wälle schweifend zu wissen, ließen die -Feinde uns unbeachtet, wiewohl das Gebell der Hunde wie der laute -Schall von den Tritten unserer Maulthiere die Gegenwart von Fremden -ihnen verrieth, und so wie wir aus ihrem unmittelbaren Bereiche waren, -entriß uns schnell ein tüchtiger Trab der Gefahr. Da naheten Tritte, -Bajonnette blitzten im Mondenscheine; ich gestehe, ich fürchtete und -beklommen vermochte ich kaum zu athmen. Doch mein Führer, scharfen -Blickes das Helldunkel durchspähend, ritt ruhig vorwärts — im nächsten -Augenblicke erkannte ich die weißen Barette der Freiwilligen: ich war -unter den Meinen. Mein Jubel war unendlich. Nach so langen Monaten, -die ich eingekerkert, thatenlos verschmachtet, sah ich die Krieger, -die ich als Cameraden begrüßen durfte, deren Kämpfe zu theilen das -Streben meines höchsten Ehrgeizes war. Die Zukunft erschien mir wieder -in das anziehend glänzende Gewand der Hoffnung gehüllt, die, wie oft -auch bittere Erfahrung dem Menschen ihre Trüglichkeit zeigt, doch immer -wieder auftaucht aus der Tiefe, in der sie geschlummert; die alte, -heiße Sehnsucht nach Kampfesgetümmel und kriegerischem Treiben war nur -feuriger geworden durch das Erlittene und in dem Schmerze, daß so lange -Zeit, so glänzende Ereignisse für mich verloren waren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Mittage des 11. Juni langte ich in Estella an, einer der -vorzüglichsten Städte Navarra’s und Hauptpunkt des car<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>listischen -Theiles der Provinz; die Stadt, im Innern freundlich und -durchströmt von der Ega, war nun doppelt belebt und blühend durch -die Ausgewanderten, welche ihr eigener Eifer oder revolutionaire -Unduldsamkeit dorthin getrieben hatte. Die Befestigung war seit dem -Angriffe Oráa’s bedeutend gehoben; da die Stadt in einem Kessel liegt, -waren rings die sie umgebenden Höhen mit selbstständigen Forts und -Werken gekrönt, deren Feuer, überall sich kreuzend, wechselseitig -sie vertheidigte, die zu der Stadt führenden Wege und Schluchten -beherrschte und so die Annäherung sehr schwierig machte. Ich traf in -Estella einen befreundeten Officier, mit dem ich während ein Paar -Wochen vereint gefangen gewesen, und der mich dem General Garcia -vorstellte, von dem ich zum General Uranga gesandt wurde, da dieser -als commandirender General der vier Provinzen während der Abwesenheit -Sr. Majestät zurückgelassen war. Er war in der Armee unter dem -bezeichnenden Namen des guten Dummkopfes bekannt: seine rühmlichsten -Eigenschaften bestanden in unbegränzter Herzensgüte, Redlichkeit -und der Treue für seinen Monarchen, zu dessen Vertheidigung er das -Schwerdt ergriffen. Seine Talente entsprachen leider nicht der hohen -Stellung, die ihm anvertraut war, wiewohl er Vieles dadurch ersetzte, -daß er stets bereit war, den Rath erfahrener Männer zu erbitten und zu -befolgen. Uranga bestimmte mich nach freundlicher Aufnahme und langer -Unterredung zu dem Generalstabe von Navarra, da General Garcia mich -dazu erbeten hatte, von dem ich sofort, nach Estella zurückgekehrt, auf -das schmeichelhafteste empfangen wurde.</p> - -<p>Don Francisco Garcia war bei dem Ausbruche des Aufstandes -Pr.-Lieutenant der freiwilligen Royalisten; Bravour und Talent hoben -ihn rasch zu den höchsten Graden. Ohne militairisch-wissenschaftliche -Bildung ersetzte er diesen Mangel durch lebhaften, das Verwickeltste -mit Leichtigkeit auffassenden Verstand und durch genaue Kenntniß von -seiner vaterländischen<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Provinz Navarra, den Vorzügen, Mängeln und -Bedürfnissen derselben, so wie von dem Charakter seiner Landsleute. -Seit er an der Spitze des Königreiches stand, leitete er die -Kriegs-Operationen mit höchster Auszeichnung und verwaltete das Land -sehr gerecht, weßhalb die Bauern, welche nicht selten seiner Fürsorge -und Großmuth die Erhaltung ihrer Erndten, ihrer Güter und ihres -Lebens verdankten, ihn eben so anbeteten wie die Soldaten, denen er -der sorgsamste Vater war. Unerschütterlich in seiner Treue für Carl -V. war er scharfsichtig genug, um die undankbaren Selbstlinge zu -durchschauen, welche den verblendeten König durch Heuchelei zu täuschen -wußten, da sie bereit waren, ihren erhabenen Wohlthäter zu opfern, so -wie ihre Zwecke es erheischen möchten. Garcia kannte sie und that, so -viel in seiner Macht stand, um ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Arglist -siegte auch da über biedere Loyalität; der edle Garcia fiel unter den -Streichen Derer, die durch seinen und seiner Freunde Tod das Gelingen -ihrer Verrathes-Complotte sicherten.</p> - -<p>Kurze Zeit vor meiner Ankunft hatte Garcia durch Überraschung das feste -Lerin genommen, bei der Annäherung Espartero’s aber, der mit sechszehn -Bataillonen von Pamplona heranzog, es geräumt, da er den vorgeschobenen -Platz nicht behaupten konnte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer, -erbittert über die Gräuel, mit denen die Garnison auf ihren Streifzügen -sie heimgesucht, hatten die Stadt ganz ausgeplündert. Espartero fand -sie am 10. Juni evacuirt und die Festungswerke zerstört, die er -sogleich mit größter Thätigkeit wieder errichten ließ. Er blieb dann -in dem Ebro-Thale, um das bei Estella concentrirte Carlisten-Corps zu -beobachten, dem auch Uranga einige Bataillone zuführte, einen Angriff -Espartero’s auf die Stadt befürchtend, zu dem die Abwesenheit der -königlichen Expeditions-Truppen wohl einladen konnte.</p> - -<p>Am 15. war Gen. Garcia mit einigen Bataillonen nach<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> dem Dörfchen -Allo in dem reichen Solana-Thale aufgebrochen, von wo aus er die zur -Deckung der Arbeiten in Lerin aufgestellten Truppen beunruhigte. Am -Abend marschirten wir von dort ab, gegen Westen uns richtend, und -durchschnitten mehrere Stunden lang bald fruchtbare Thäler, bald -auf schmalen Felswegen unwirthbare Bergrücken, wobei wir uns mit -vieler Vorsicht und Anempfehlung von Stille bewegten und fortwährend -Detachements zur Rechten und Linken entsendeten. Endlich machten wir -Halt, und die Freiwilligen streckten compagnieweise, das Gewehr im Arm -und in die bunten Decken gehüllt, zu kurzem Schlafe sich hin, während -der General Meldungen empfing oder eifrig mit vier Landleuten redete, -die kurz vorher zu uns gestoßen waren. Plötzlich ward mit leiser -Stimme der Aufbruch befohlen, kaum hörbar durchlief dumpfes Gemurmel -die Reihen, selbst die Cigarren mußten ausgelöscht werden, und nur das -gleichmäßige, vage Geräusch der marschirenden Bataillone — es waren -ihrer drei vereinigt geblieben — tönte durch die Stille der Nacht. Da -ward auf geringe Entfernung ein dunkeler Gegenstand sichtbar, von dem -bald das bekannte „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">sentinela alerta</span>“, weit zurück hinsterbend, -herüberschallte, und „Peralta, Peralta!“ säuselte ein leises Flüstern -die Marschkolonne hinab: es war in der That die bedeutende vom Feinde -befestigte Stadt Peralta, durch ganz Spanien wegen der ausgezeichneten -Weine seiner Umgegend bekannt.</p> - -<p>Der General blieb mit den Bataillonen hinter einem nahen Olivenhölzchen -stehen, während zwei Grenadier-Compagnien, an deren Spitze er mich -und einen andern Officier seines Stabes gestellt, von zwei Landleuten -geführt vorwärts schlichen, jeden Busch, jede Vertiefung zur Deckung -benutzend und oft auf dem Bauche über offene Stellen fortkriechend. -Unbemerkt gelangten wir bis unter die Mauer, wo sie kaum neun Fuß -hoch von dem Felsen sich erhob, in den der Graben geöffnet war; -rasch wurde die mitgebrachte Leiter angesetzt — da tönte wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -der Wache Ruf<a name="FNAnker_28_28" id="FNAnker_28_28"></a><a href="#Fussnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>, längs der Mauer hin, und rechts und links, kaum -dreißig Schritt entfernt, antworteten zwei Schildwachen der warnenden -Stimme; regungslos schmiegten wir uns an die Mauer. Einen Augenblick -später schwangen sich die beiden dazu bestimmten Grenadiere gewandt -hinauf, ich folgte mit meinem Gefährten, Beide gleichfalls mit Büchsen -bewaffnet und die Canana um den Leib geschnallt. „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Quien vive? -Quien vive?</span>“ und zwei Schüsse auf beiden Seiten folgten sich; die -Grenadiere erstiegen gedrängt die Mauer und sprangen sofort in die -Stadt hinab, wo alsbald ungeheures Getöse von Schüssen und Geschrei, -Trommelwirbel und Geläute der Glocken sich erhob. So wie eine halbe -Compagnie innerhalb der Mauer formirt war, führte sie mein Gefährte, -mit der Örtlichkeit vertraut, raschen Schrittes gegen das nächste Thor, -dessen Wache wir unter dem Gewehre fanden. Eine Salve, die erste, -welche wir gaben, von lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Viva el Rey</span> begleitet zerstreute -sie; fünf Minuten später war das Thor mit Beilen geöffnet, und Garcia -stürmte herein mit seinen Bataillonen, besetzte die Hauptstraßen, -entsendete starke Patrouillen und vermehrte durch wildes Feuer die -Verwirrung des Feindes. Als der Tag anbrach, fanden wir die Stadt in -unserm Besitze, da die Garnison mit Zurücklassung von etwa siebenzig -Gefangenen in das Fort sich geworfen hatte. Viele unserer Soldaten -hatten sich plündernd durch die Häuser zerstreut, und erst nach zwei -Stunden gelang es durch unerbittliche Strenge, sie wieder zu formiren -und Ordnung herrschend zu machen.</p> - -<p>Espartero befand sich wenige Meilen entfernt in Lodosa, aber er rührte -sich nicht und machte eben so wenig irgend eine Bewegung gegen Uranga, -der mit neun Bataillonen von los Arcos aus, vier Stunden nördlich von -Lodosa, ihn beobachtete.<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> So konnten wir drei Tage in Peralta bleiben, -dessen Besatzung übrigens im Fort unbelästigt blieb und auch gegen uns -keinen Schuß weiter abfeuerte. Nachdem alle Vorräthe, deren an Wein, -Getreide und Öl viele sich fanden, so wie die Waffen und Pferde nach -Estella geschafft waren, verließen wir die Stadt, um nach der Solana -zurückzukehren. — Ich war glücklich, da ich endlich wieder dem Feuer -dieser Christinos mich gegenüber gesehen hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Einige Tage nachher ward ich vom Gen. Garcia beordert, siebenzig -Individuen der französischen Fremdenlegion, meistens Deutsche, die zu -uns übergegangen waren, nach der französischen Gränze zu geleiten, -da sie den Wunsch ausgesprochen hatten, nach ihrer Heimath entlassen -zu werden. Das aus solchen Deserteurs gebildete Bataillon, welches -mit der königlichen Expedition abmarschirt war, zeichnete sich bei -jeder Gelegenheit ebenso durch ungemessene Bravour wie durch Mangel -an Disciplin und durch Unordnungen, vor Allem Trunk und Diebereien, -aus, was natürlich nur der Schwäche der Officiere zuzuschreiben ist, -die meistens lediglich ihr pecuniäres Interesse zu fördern suchten -und selbst ihren Theil von den durch die Soldaten gestohlenen Gemüsen -und Obst empfingen, so daß mehrere von ihnen wegen Veruntreuung zu -Festungsarbeit verurtheilt werden mußten. Die Mehrzahl derselben -stammte gleichfalls von der Legion her.</p> - -<p>Die mir anvertrauten Leute, wenn auch roh und wild, betrugen sich ganz -zu meiner Zufriedenheit. Ich passirte anderthalb Stunden von Pamplona, -durchkreuzte längs der Zubiri-Linie das schöne Ulzama- und Bastan-Thal, -überstieg den Höhenzug der Pyrenäen und erreichte glücklich die Gränze -bei Zugarramurdi, wo ich das Detachement den französischen Posten -überlieferte. Nachdem ich einige Stunden im nahen Städtchen mit den -Officieren der dort cantonnirenden Compagnien ver<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>plaudert, ward ich -nach Spanien zurückgeleitet und mit freudigem Staunen von dem Chef des -Gränzcordons begrüßt, der, da ich — ohne Zweifel höchst unvorsichtig -— den französischen Boden betreten, überzeugt gewesen war, daß -ich entweder auch die Provinzen verlassen wollte oder doch von den -jenseitigen Behörden an der Rückkehr würde verhindert werden.</p> - -<p>Langsam ging ich dann, nur von einem Burschen begleitet, auf Estella -zurück. Wieder überstieg ich jenen Gebirgszug, der durch Wildheit -zugleich und Anmuth sich auszeichnet, indem die Berge über zwei -Drittel ihrer Höhe mit reichem Laubholze bedeckt sind und zahllose -kristallhelle Quellen aus ihnen hervorsprudeln; in den Thälern aber, -die vielen Mais und Roggen erzeugen, liegen vereinzelt schöne, -reinliche Städte, deren Bewohner die echte Treuherzigkeit und Geradheit -der Gebirgsvölker entfalteten und ganz besonders gastfrei sich mir -bewiesen. Dörfer oder vereinzelte Häuser finden sich erst im Bastan -wieder, wo ich auch zuerst Truppen traf, da auf dem ganzen Striche bis -zu der Gränzlinie das Terrain hinlänglich gegen die Einfälle der Feinde -sicherte. Schon hatte ich auch den hohen Rücken überschritten, der das -Bastan- vom Ulzama-Thale scheidet, und ich ruhte vom beschwerlichen -Marsche in einem der großen, ganz carlistisch gesinnten Dörfer dieses -Thales, von dem oft nicht eine Stunde entfernt die feindliche Linie -sich hinzog. Nachdem ich mit meinem Wirthe, einem reichen Bauer, über -den Krieg und die Angelegenheiten der Provinzen, unerschöpflichen Stoff -der Unterhaltung, geplaudert, suchte ich das Bett auf und schlief -bald fest auf fünf oder sechs über einander gethürmten Wollmatratzen, -während der Bediente in einem Winkel des an meinen Alkoven stoßenden -Zimmers sein Lager ausbreitete.</p> - -<p>Mitternacht mochte vorbei sein, als ein dumpfes Geräusch auf der Straße -mich weckte; zugleich stürzte eine weibliche Gestalt mit fliegendem -Haare, in ein langes weißes Hemd gekleidet und ein brennendes Licht -in der Hand, in das Gemach;<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> sie stellte sich vor mein Bett, bewegte -mit ausdrucksvoller Heftigkeit die Arme, auf Thür und Fenster deutend, -und verschwand lautlos, höchstes Entsetzen verrathend. Überrascht -sprang ich auf. Da ertönten heftige Kolbenstöße gegen die Hausthür, -der Lärm auf der Straße ward stets verworrener, und mein Thomas, der -an das Fenster geeilt war, rief mit zitternder Stimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">por Dios, -Señor, que son los christinos</span>!“ Ich flog an das Fenster: da stand -tobend und fluchend ein Haufen Bewaffneter, deren Kopfbedeckung nur -zu unzweifelhaft die verhaßten Negros erkennen ließ. In einem Sprunge -hatte ich die Thür erreicht: schon wälzte der Lärm sich die Treppe -herauf; ich eilte zum Fenster zurück; die kleine, kaum einen Fuß -breite Öffnung, wie sie oft in den Wohnungen der navarresischen Bauern -sich finden, machte Flucht unmöglich. Meine Lage, meine Gefühle waren -entsetzlich. Wieder ein Gefangener! Schon standen die Feinde auf dem -Vorplatze, wo die Frauen des Hauses, da der Wirth bereits durch die -Hinterthür entflohen, umsonst sie aufzuhalten suchten. Ich befahl -meinem Burschen, der, vor dem Kriege Mönch, zitternd mich fragte: -„Werden sie uns tödten?“ sich ruhig niederzulegen, versteckte die -Waffen und militairischen Kleidungsstücke unter das Bett und legte -mich gleichfalls nieder, nachdem ich die Depechen, welche der Chef der -Gränze als sehr wichtig für den General mir eingehändigt, oben auf den -Himmel des Bettes geworfen hatte.</p> - -<p>Der Lärm auf dem Vorplatze dauerte fort; ich unterschied die Bitten -der Weiber, ihre Versicherungen, kaum verständlich im gebrochenen -Castilianisch, daß in diesem Zimmer Niemand versteckt sei, worauf die -Feinde mit Lachen erwiederten, daß sie ja Niemanden suchten, daß nun -Alle eins seien. Da ward die Thür aufgerissen, und schweigend, die -Gewehre in der Hand, traten funfzehn bis zwanzig christinosche Soldaten -herein. Der Augenblick war furchtbar: halb aufgerichtet, als sei ich so -eben erwacht, sah ich mit hochklopfendem Herzen auf die Eindring<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>linge, -ungewiß, ob Tod, ob Gefangenschaft mein Loos sei. Sie stellten in -Ordnung ihre Gewehre an die Wand, hängten Tornister und Lederzeug daran -auf und.... verließen in ehrerbietigem Schweigen das Zimmer. Dann hörte -ich sie zum Strohboden hinaufsteigen.</p> - -<p>Ich sprang auf, den günstigen Augenblick zur Flucht zu benutzen, -erstaunt und nicht meinen Augen trauend. Doch Freude strahlend trat -die Wirthinn herein und erzählte weitschweifig, wie eine feindliche -Compagnie, die im nahen Fort als Garnison gestanden, mit Waffen und -Gepäck zu uns übergegangen sei; nur die Officiere und Sergeanten waren -in Thränen zurückgeblieben, da sie umsonst durch jedes Mittel die -Ausführung des rasch Beschlossenen zu hindern gesucht hatten. — Eine -Tochter des Hauses, eine unglückliche Stumme, war, so wie sie das Bett -verlassen, zu mir geeilt, mich zu warnen, da sie die christinoschen -Soldaten erkannt hatte, während die übrigen Frauen Alles aufboten, um -mich zu retten und die gefürchteten Gäste von mir fern zu halten, in -ihrer einfachen Unwissenheit aber eben dadurch mich verrathend. Am -Morgen sah ich die Compagnie, dem Regimente von Ziguenza angehörend, -unter dem Befehle einiger Corporale zum Abmarsch formirt: schöne, -kräftige Leute, vollkommen bewaffnet und uniformirt. Da ich ein halbes -Jahr später das Commando einer Compagnie im 7. Bataillon von Castilien -erhielt, fand ich in ihr den größten Theil dieser Burschen wieder, die -den Schrecken, den sie einst mir verursacht, durch treuste Hingebung zu -vergelten suchten.</p> - -<p>Als ich im Anfange Julis in Estella anlangte, hatte sich General -Uranga mit dem Operations-Corps nach dem westlichen Vizcaya gezogen, -und Espartero, eine neue Expedition fürchtend, war ihm auf das -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">valle de Mena</span> gefolgt, während Iriarte in der Rivera mit acht -Bataillonen und der Baron das Antas mit seiner Division in Vitoria -stehen blieb. Bald kehrte Espartero nach Logroño zurück und marschirte -schon am 8. Juli<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> mit zwei Divisionen über Soria auf Guadalajara, -da er Ordre erhielt, Madrid gegen den Vormarsch der königlichen -Expedition zu decken. Uranga beschleunigte den Abmarsch eines andern -Corps, welches die gänzliche Entblößung Alt-Castilien’s von Truppen -benutzen und der Armee des Königs eine Diversion machen sollte, da -alle disponibeln Streitkräfte der Christinos auf sie sich geworfen -hatten. Da es natürlich mein innigster Wunsch sein mußte, jetzt, da die -Schwäche beider Heere in den Nordprovinzen keine bedeutenden Kämpfe -erwarten ließ, dieser Division mich anzuschließen, erreichte ich, zum -Generalstabe derselben bestimmt zu werden, und ward von dem General -Zariategui mit Herzlichkeit aufgenommen.</p> - -<p>Nie sah ich so hohe, freudige Begeisterung die Truppen beleben, nie -fühlte ich selbst so ganz ihre Alles überwindende Macht, wie zu jener -Zeit, da wir, eine kleine, aber auserlesene Schaar, den Krieg in das -Innere des Königreiches tragen und den übermüthigen Feind in seinem -eigenen Gebiete aufsuchen sollten. Jubelnd zogen wir Alle dahin, und -an dem Tage, an dem wir nach glorreichem Siege den Ebro passirend aus -unsern Gebirgen in die reichen Ebenen Castilien’s hinabstiegen, sah -ich manche dunkelgebräunte Wange von einer Thräne des herrlichsten -Enthusiasmus genetzt. Wenn der Krieger dasteht, fest den Choc des -Feindes erwartend, da ergreift ihn ein innerer Trotz, jeder Einzelne -sucht sich fester hinzupflanzen, als gälte es persönlich schweren -Stoß zurückzuweisen; sein Antlitz verfinstert sich, der Mund ist fest -zusammengekniffen, und vielleicht zuckt ein leichtes verächtliches -Lächeln über seine Züge, wenn er die glänzenden Escadrone heranbrausen -sieht, deren Ohnmacht er wohl kennt, und die er schon von der -unerschütterlichen Masse abprallend in wilder Flucht aufgelöset im -Geiste sieht. Rückt er aber mit Vertrauen auf seine Führer und auf sich -selbst zum entscheidenden Angriff, dann strahlt das Auge des wahren -Soldaten von innerem Feuer, sein Kopf hebt sich im Gefühle stolzen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -Muthes, sein Schritt wird elastisch, und echte Begeisterung macht das -Schwierigste ihm leicht, treibt ihn, durch Gefahr und Tod Heldenruhm -und Heldenehre sich zu erkämpfen und willig dem Triumphe der gerechten -Sache sich selbst zum Opfer zu bringen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_28_28" id="Fussnote_28_28"></a><a href="#FNAnker_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Er wird jede Viertelstunde von dem dazu bestimmten Posten -erneuert und läuft von einem zum andern durch die ganze Chaine.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier9" name="zier9"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 9" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="X">X.</h2> - -</div> - -<p>Am 17. Juli 1837 war die zur Expedition nach Castilien<a name="FNAnker_29_29" id="FNAnker_29_29"></a><a href="#Fussnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> bestimmte -Division bei Santa Cruz de Campezu vereinigt, von wo aus sie unter -dem Mariscal de Campo — Generallieutenant — Zariategui den Marsch -durch Alava nach dem Ebro richtete. Sie bestand in drei Brigaden aus -den Bataillonen 2. und 6. von Guipuzcoa unter Brigadier Iturbe, 1. und -7. von Navarra unter Oberst Oteyza, 1. von Valencia, 6. von Castilien -und 3. von Aragon, Brigade von Castilien, unter Brigadier Noboa; -das Bataillon von Aragon war in Cuadro, d. h. es enthielt nur seine -Officiere und Unterofficiere, um aus Rekruten completirt zu werden. Die -Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, ganz aus Officieren -zusammengesetzt, und 1. und 3. von Navarra; ein Ganzes von 3700 Mann -Infanterie und 220 Pferden. Als Chef des Generalstabes fungirte -Brigadier Elio.</p> - -<p>Langsam durchzogen wir das reiche Alava, passirten am folgenden -Tage die Heerstraße von Vitoria nach Logroño unmittelbar neben der -feindlichen Festung Peñacerrada und richteten uns dann westlich -parallel dem Ebro, den wir zu überschreiten bestimmt waren. Am 19. -setzten wir ruhig den Marsch fort, als am Morgen unser Vortrab ein -starkes feindliches Detachement entdeckte, welches sich in dem Dorfe -Zambrana festsetzte, dadurch andeutend, daß es Hülfe erwarte. Auch -erschienen bald zwei feindliche Bataillone und nahmen auf den Höhen -neben dem<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Dorfe Stellung, wo sie sogleich vom 1. Bat. von Navarra, der -Avantgarde, angegriffen wurden. Das Gefecht war kurz; der Feind, durch -Navarra stark gedrängt und von der Höhe geworfen, dann von einigen -Compagnien von Guipuzcoa, die herzugeeilt waren, in der rechten Flanke -bedroht, während eine Escadron ihn links umging, zog sich rasch auf das -Fort Armiñon zurück, ehe noch der Rest der Division erschienen war. Der -General blieb mit seinem Stabe, den Escadronen und dem Bataillone 1. -von Navarra in Zambrana, während die übrigen Truppen in zwei und eine -halbe Stunde rückwärts liegenden Dörfern stehen blieben.</p> - -<p>Es war Mittag und unendlich heiß, die Cavallerie hatte ihre Pferde -abgezäumt, die Bataillone die Gewehre zusammengestellt, und die meisten -Officiere suchten die Mittagsgluth zu verschlafen; ich lag halb -bekleidet auf einer Matratze ausgestreckt. Da stürzten einige Leute -zum General mit der Meldung, daß feindliche Cavallerie, von starken -Infanteriemassen begleitet, im Trabe nahe; wir flogen zu den Fenstern -und sahen die Escadrone der Christinos schon am Eingange des Ortes -formirt. Es war der Portugiese Baron das Antas, der seine Division, mit -dem Freicorps des Schleichhändlers Martin Barea vereinigt und verstärkt -durch die Garnisonen von Vitoria und Treviño, heranführte, um die Ehre -der portugiesischen Waffen zu retten, da einige Bataillone am Morgen zu -weichen genöthigt waren. Die höchste Verwirrung herrschte in dem Dorfe, -von allen Seiten erschallte wildes Geschrei, bald von den Trommeln -übertönt, die Infanterie eilte zu ihren Gewehren, die Cavalleristen -schwangen sich auf die zum Theil ungesattelten Pferde. Auch ich warf -mich auf das Pferd, den Überrock und den Säbel in der Hand haltend -und ohne Weste, die ich am Abend in dem Hause wiederfand. Wenn die -feindliche Cavallerie sofort in den Ort eingebrochen wäre, hätte unsere -Infanterie gar nicht zu den Waffen greifen können, Alles wäre wehrlos -überrascht, ohne Zweifel der General mit seinem Stabe und sämmtliche -Cavallerie gefangen<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> genommen; das Zaudern des Feindes, der wohl nicht -ohne Infanterie in einen besetzten Ort sich zu engagiren wagte, rettete -uns, da Zariategui trotz dem feindlichen Andrängen das Bataillon in -Masse formirt auf die Division zurückführen konnte, die er bereits in -Bataillons-Colonnen in einer Linie aufgestellt fand.</p> - -<p>Reißend schnell zogen die Portugiesen zum Angriffe heran, in sieben -Bataillonen und drei Escadronen, 6200 Mann und 360 Pferde stark: Barea -auf dem linken Flügel bedrohete die Brigade Guipuzcoa, während eine -tiefe Colonne gegen unsern linken Flügel, die Brigade Castilien, sich -wandte, wo Valencia an ein stark besetztes Dörfchen sich lehnte. Auf -dieses warfen sich die Portugiesen mit Kraft und trieben das Bataillon -bis zu den Häusern zurück; dort wurde ihr Choc mit solcher Festigkeit -aufgenommen, daß sie schnell weichen mußten. Nochmals drangen die -Massen zum Sturm, und nochmals wurden sie zurückgeschlagen; ein dritter -Versuch hatte keinen bessern Erfolg. Das Gefecht hatte sich indessen -auf der ganzen Linie ausgebreitet, ohne daß es dem Feinde gelungen -wäre, irgendwo durchzubrechen. Das 7. Bataillon von Navarra bestrich -von seiner Centralstellung auf einer leichten wenig vorgeschobenen -Höhe die ganze vorliegende Ebene, und Iturbe mit dem 6. von Guipuzcoa -vertrieb Barea’s Corps von den Hügeln, die es inne hatte, und bedrohete -die linke Flanke der Portugiesen, worauf sie, da die ganze carlistische -Linie eine kräftige Bewegung vorwärts machte, in Ordnung den Rückzug -antraten.</p> - -<p>Auf dem Fuße von unsern Tirailleurs verfolgt, nahm Das Antas hinter -dem Flüßchen Zadorra Position und stürmte, da Iturbe über eine -Brücke auf der Rechten rasch nachdringend sich isolirt hatte, mit -überlegenen Massen auf die Brigade Guipuzcoa ein, die jedoch den -Angriff mit Festigkeit aushielt, bis die übrigen Truppen den Fluß -passiren und die Escadron 3. von Navarra herzueilen konnte. Zwar -mißlang eine Charge derselben gegen ein feindliches Bataillon mit -schwerem Verluste an Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> und Pferden, da aber zuletzt auch die -Brigade Navarra den Übergang erzwang und die ganze Linie wieder zum -Angriff überging, entschlossen sich die Portugiesen zu neuem Rückzuge, -den zwei Bataillone ihres rechten Flügels und die drei Escadrone -deckten. Wiewohl heftig gedrängt, zogen sie sich, ohne unser Feuer -zu erwiedern, bis zu einigen einzeln stehenden Häusern, wo sie Front -gegen uns machten. Die Escadrone der Legitimität — 50 Pferde —, der -die Officiere des Generalstabes sich angeschlossen hatten, und 1. von -Navarra chargirten und trafen sich mit zwei der feindlichen Escadrone; -nach zwei furchtbaren Chocs, in denen ihr Oberst<a name="FNAnker_30_30" id="FNAnker_30_30"></a><a href="#Fussnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> getödtet, wurden -die Portugiesen zerstreut, worauf die beiden Bataillone, da sie ihre -Cavallerie geworfen sahen und unsere Tirailleurs, in die Massen -hineinschießend, sie eng umzingelt hielten, das Gewehr streckten. -Doch die dritte Escadron eilte herzu, befreite die Bataillone und -umwickelte selbst die Hälfte der 1. von Navarra, die aber eine neue -noch höhere Kraftanstrengung ihrer Gefährten rettete, wobei selbst -einige Gefangene bewahrt wurden. Der Tummelplatz war mit Todten und -Verwundeten, Pferden, Gewehren und Lanzensplittern bedeckt; Infanterie -und Cavallerie war bei den wiederholten Chargen und dem Wechsel der -Bewegungen bunt durch einander geworfen. Der Feind zog sich rasch, aber -geschlossen zurück, von der wieder geordneten Cavallerie gedeckt, die -auch hier den Ruf der Bravour behauptete, der sie auszeichnet. Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -verfolgten ihn bis nahe dem Fort Armiñon, dessen Geschützfeuer zur -Rückkehr uns nöthigte.</p> - -<p>Plötzlich ertönten zu unserer Rechten häufige Schüsse; ein Adjutant -eilte dorthin und fand am Ufer der Zadorra, deren Wasser von Blut -roth gefärbt war, einige Compagnien in lebhaftem Feuer begriffen. In -der Verwirrung der Cavallerie-Chargen hatten sich viele Soldaten der -beiden portugiesischen Bataillone in den Fluß geworfen und im Schilfe -versteckt, wo sie nun, so wie sie zum Athemholen den Kopf über das -Wasser erhoben, unsern lachend am Ufer wartenden Freiwilligen zur -Zielscheibe dienten.</p> - -<p>Der Verlust des Feindes betrug 1100 Mann, worunter 150 Gefangene, der -unsere fast 500 Mann; neunhundert Gewehre und einige vierzig Pferde -waren in unsere Hände gefallen. Der General schlug mich für den Orden -St. Ferdinand’s erster Classe vor und ließ mir, da mein Pferd in einer -der Chargen verwundet war, das des gefallenen portugiesischen Obersten, -einen prachtvollen Goldfuchs, nebst dessen Waffen überreichen. — -Übrigens ist gewiß der unverzeihlichste Fehler, den ein General zu -begehen vermag, der, sich überraschen zu lassen; hier war er doppelt -schwer, da Zariategui bei solcher Nähe des Feindes auch nicht die -geringste Vorsichtsmaßregel getroffen, selbst nicht einen Vorposten -ausgestellt oder eine Patrouille entsendet hatte: Alles schlief oder -kochte. Könnte aber je solcher Fehler durch Tüchtigkeit im Erkämpfen -des Erfolges vergessen gemacht werden, so that es Zariategui durch die -meisterhafte Leitung der Action.</p> - -<p>Nachdem die Verwundeten und Gefangenen zurückgebracht waren, und da -der General noch eine Zusammenkunft mit General Uranga gehabt hatte, -bivouakirten wir in der Nacht vom 21. zum 22. Juli auf dem Ufer des -Ebro und passirten ihn früh Morgens zwischen den beiden Festungen -Miranda de Ebro und Arro. Mit lautem, enthusiastischen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el -Rey!</span> betraten die Freiwilligen die fruchtbaren, mit lachendem -Grün bedeckten<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Gefilde Castilien’s, und von den Wällen des nahen -Miranda sahen die Feinde, ohne sich zu bewegen, wie wir siegreich die -Scheidewand überschritten, die von dem christinoschen Spanien uns -zurückhalten sollte. Hätte Das Antas, anstatt mit seinem schönen Corps -unnütz prunken zu wollen, sich begnügt, die wenigen Furthen zu decken, -welche hier den Übergang des Ebro gestatten, so würde er der Sache, die -er vertheidigte, bessere Dienste geleistet haben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In kleinen Märschen durchzogen wir die Provinz Burgos, vom General -Escalera bis Lerma verfolgt, ohne je seine Truppen zu Gesicht zu -bekommen; nur ein Mal nicht weit von Aranda de Duero sahen wir fern -die Colonne von Soria, welche unter General Alcala gleichfalls zu -unserer Verfolgung bestimmt sein sollte: sie zog sich zurück, so wie -wir sie zu empfangen uns aufstellten, und erschien nicht wieder. -Allenthalben wurden wir gut vom Volke aufgenommen, und da wir am -Tage des Ebro-Überganges einem niedlichen Städtchen naheten, kamen -die National-Gardisten weit uns entgegen und begrüßten die Truppen -als Befreier von den Einfällen der Facciosos. Verführt durch den -eben so pompösen als lügenhaften Bericht Das Antas’s, worin er den -Castilianern verkündete, daß er durch einen entschiedenen Sieg die -Expeditions-Division vernichtet und in ihre Wälder versprengt habe, -hielten uns die Armen für das portugiesische Corps und wollten sich -lange nicht von ihrem Irrthume überzeugen lassen, da sie, was wir sagen -mochten, für Scherz erklärten. Sie wurden jedoch nach Ablieferung ihrer -Waffen entlassen, wie es überhaupt Zariategui’s Grundsatz war, durch -wohlwollende Behandlung und Milde die Liebe des Volkes zu erwerben.</p> - -<p>Am 27. Juli vereinigten wir uns bei Covarrubias mit einer Brigade -von Vizcaya, dem 5. Bataillon von Castilien und der<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> Escadron von -Cantabrien, die den Ebro nahe seinen Quellen passirt hatten und die -Junta von Castilien uns zuführten. Die Mitglieder derselben, von einem -Geistlichen präsidirt, schienen von Allem zu wissen mit Ausnahme -dessen, was ihre Pflicht betraf: während die einfachsten Regeln in der -Verwaltung ihnen ganz unbekannte Dinge waren, wußten sie wohl ihre -Koffer tüchtig zu füllen. Auch ist nie bekannt geworden, was diese -Junta gewirkt hat.</p> - -<p>Sie setzte sich in San Leonardo fest und mit ihr wurde in dem Gebirge -zwischen Burgos und Soria das 5. Bataillon von Castilien unter Oberst -Barradas zurückgelassen, der den Auftrag erhielt, Rekruten auszuheben, -einige Punkte zu befestigen und große Magazine von Lebensmitteln und -sonstigen Kriegesbedürfnissen anzulegen, da Zariategui, im Fall ein -Rückzug nöthig würde, sich hieher ziehen und hier behaupten wollte. -Dann kreuzte die Division, nun in acht Bataillonen und vier Escadronen -4300 Mann und 310 Pferde stark, die große Heerstraße nach Frankreich -zwischen Aranda und Lerma, überschritt am 31. bei Roa den Duero und -rückte, ohne irgend Widerstand zu finden, in die Provinz Segovia vor.</p> - -<p>Am 3. August Nachmittags standen wir vor Segovia, zwölf Meilen von -Madrid entfernt, einer alten Stadt von 15000 Einwohnern, die als -Hauptort der Provinz, wegen seiner Münze und großen Tuchfabriken -von hoher Wichtigkeit ist; auch schloß sie mehrere militärische -Etablissements in sich, das große Cadetten-Institut des Königreiches, -Stückgießereien, Gewehrfabriken und bedeutende Niederlagen von -Kriegsbedürfnissen jeder Art. Die Stadt war mit einer hohen Mauer -umgeben, die durch vorspringende Thürme flankirt war. Sofort wurde -die Disposition zum Angriff gemacht, indem die Brigade Castilien zur -Erstürmung des uns gegenüberliegenden Thores bestimmt ward, während die -Brigaden Vizcaya und Guipuzcoa rechts und links die Mauer escaladiren -würden; Navarra blieb nebst der Cavallerie<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> hinter einem großen -Fabrikgebäude als Reserve stehen. Jeder der angreifenden Brigaden wurde -ein Officier vom Generalstabe<a name="FNAnker_31_31" id="FNAnker_31_31"></a><a href="#Fussnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> beigegeben, mich traf die Brigade -Vizcaya. Die einzige Instruction, welche der General uns gab, war: die -Stadt muß genommen werden; Sie werden die Ersten innerhalb der Mauer -sein.</p> - -<p>Auf das Zeichen zum Angriff drangen die drei Colonnen vorwärts, bald -von den Kugeln der Garnison — 1500 Mann mit acht Geschützen auf der -Mauer — überschüttet. Valencia gelangte fast bis zu dem Thore, das -es umsonst zu sprengen suchte, die andern Brigaden aber, da sie keine -Leitern hatten, holten aus den nahen Häusern Tische, Stühle und Thüren -zusammen, um aus ihnen Gerüste zur Ersteigung der Mauern zu erbauen. -Nach viertelstündiger vergeblicher Anstrengung wichen die Colonnen, -hinter den Häusern sich neu formirend, von wo sie, da Zariategui wieder -zum Sturm blasen ließ, sofort vorbrachen. Während Valencia den Eingang -zu erzwingen, das Thor in Brand steckte, hatte Vizcaya endlich das -Gerüst errichtet; mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> stürmten wir hinauf, -von Stuhl zu Stuhl emporkletternd. Der Feind wich, die Ersten der -Unseren schwangen sich auf die Mauer und stürzten die schon zur Flucht -gewendeten Vertheidiger jenseit hinunter; in demselben<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> Augenblicke -drang Valencia durch das halb niedergebrannte Thor in die Stadt, wo die -siegreichen Colonnen mit Jauchzen sich begrüßten. Die Besatzung floh -allenthalben, so daß nun auch Guipuzcoa die Mauer ersteigen konnte. Ob -Valencia, ob Vizcaya zuerst die Stadt betraten, blieb unentschieden.</p> - -<p class="mtop2">Eiligen Laufes flohen die Christinos dem Alcazar zu, nun zum Castell -gemacht, ihnen nach jagten die Eingedrungenen und streckten Manchen in -den Straßen nieder. In entsetzlicher Unordnung löseten die Bataillone -sich auf und zerstreuten sich plündernd durch die Stadt, die rings von -Geschrei und Klagen wiederhallte; die Münze wurde erbrochen, und große -Säcke Kupfergeld, kaum noch beachtet, lagen bald in den Straßen umher. -Selbst einzelne, nein, sehr viele Officiere nahmen an der Unordnung -Theil, und einen derselben fand ich vor dem Hause eines reichen -Banquiers mit Säcken voll Piaster vor sich, aus denen er freigebig -allen Vorübergehenden mittheilte. Umsonst suchte der General dem -Unwesen zu steuern, umsonst sendete er die ihn umgebenden Officiere -nach allen Seiten aus; wenn die Plünderer mit Flüchen und Säbelhieben -aus einem Hause vertrieben waren, zerstreuten sie sich, um anderwärts -ihr grausames Spiel wieder zu beginnen. Endlich zog der General -die Reserve-Brigade von Navarra herein, um durch sie die Ordnung -herzustellen, auch gelang es ihm, etwa tausend Mann zu sammeln und aus -der Stadt zu führen. Da, in der Meinung, nun seien sie als Reserve -abgelöset, begannen die Navarresen ihrerseits zu plündern. Zariategui -war in Verzweiflung. Alles geschah unter den Augen der Besatzung -des Alcazar, und die weit überlegene Division von Mendez Vigo, dem -General-Capitain von Alt-Castilien, stand nur zwei Stunden entfernt in -dem Lustschlosse San Ildefonso (la Granja). Hätte die eine oder die -andere so furchtbare Unordnung benutzt, die Division mußte vernichtet -werden: keine der Beiden rührte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - -<p>Erst am folgenden Tage, da der Alcazar capitulirte, hörte die -Plünderung auf, in der viele Soldaten sich so bereicherten, daß später -auf dem Rückzuge stundenweit Silber- und Kupfergeld sich hingestreut -fand, nach und nach von den Soldaten weggeworfen, wie die Last der -gefüllten Tornister zu groß wurde. Die Garnison, wiewohl der Alcazar -ein sehr festes Gebäude und von tiefen in den Felsen gehauenen Gräben -umgeben, auch Mendez Vigo so nahe war, versuchte keinen Widerstand -nach der Einnahme der Stadt; sie capitulirte am 4. Juli und übergab -das Castell mit der Bedingung, daß die 300 Cadetten mit ihren Waffen -und <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">tambour battant</span>, die Besatzung mit Gepäck und ohne Waffen -nach Madrid abzögen; das Eigenthum des Instituts, die Bibliothek, die -Waffensammlung und die Exercier-Geschütze <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">en miniature</span> der -Cadetten würden unangetastet bleiben. — Die Erstürmung Segovia’s hatte -uns etwa 200 Mann gekostet.</p> - -<p>So wie die Thore der mächtigen Burg sich öffneten, eilten wir hinein, -unsere Eroberung zu bewundern. Wir mischten uns mit den Christinos, -die großen Theils für ihre Lage sehr passend und fest sich benahmen, -und unter denen viele höchst gebildete Officiere sich befanden, die -wiederum die Bravour unserer Truppen anerkannten und ihr Erstaunen -nicht verhehlten, daß sie anstatt der rohen, fanatischen Facciosos, -wie sie ihnen geschildert waren, vollkommen organisirte Truppen und -manche wissenschaftlich gebildete Officiere sahen, die, weit entfernt -von jenem blinden Fanatismus, mit Freimuth über die entgegengesetzten -Meinungen zu discutiren und auch im Gegner, so lange sie nicht -selbstische Motive zu verdecken dienen und, auf Überzeugung gegründet, -mit Edelmuth gepaart sind, sie zu ehren wußten. Ich gestehe, daß es -mir unendlich wohlthuend war, da ich unsere sonst so übermüthigen -Gegner hier genöthigt sah, wahre Anerkennung uns zu zollen; denn ich -fühlte, daß nicht Furcht oder Rücksicht aus ihnen sprach, und der -ernste Händedruck einiger ausgezeichneten<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Officiere des Cadetten-Corps -zeigte ihre Sympathie für die Carlisten, die sie bisher nur nach den -Erzählungen unserer Feinde gekannt und verabscheut hatten. Übrigens -erkannte die Garnison von Segovia, als sie mit ihren Waffengefährten -wieder vereinigt, auch in Madrid öffentlich den Edelmuth und die -Freisinnigkeit an, mit der sie von den siegenden Rebellen behandelt -waren.</p> - -<p>Das feste und militärische Benehmen eines kleinen Cadetten frappirte -mich besonders als Contrast gegen die Niedrigkeit eines seiner Lehrer, -der am Morgen vor unserer Ankunft eine erbärmliche, mit beleidigenden -Invectiven gefüllte Proclamation an die Einwohner und Truppen erließ, -worin er sie aufforderte, gegen die blutdürstigen Meuchelmörder bis auf -den letzten Mann sich zu vertheidigen. Nun aber, da er uns als Sieger -in der Stadt sah, suchte er unsere Gunst durch eben so jämmerliche -Schmeicheleien und kriechende Unterwürfigkeit zu gewinnen, während -wir sein Machwerk in der Tasche hatten und darüber lachten. Jener -Cadett aber, ein Bursche von dreizehn Jahren, stand als Schildwache -bei den im Speisesaal zusammengesetzten Carabinern des Corps mit der -Instruction, Niemand die Waffen berühren zu lassen. Kaum hatten wir -den Alcazar besetzt, als ein plumper Navarrese in das Zimmer trat -und sofort einen der schönen Carabiner gegen sein Gewehr eintauschen -wollte. Die Schildwache rief ihm ruhig ihr: „zurück!“ zu. Der Navarrese -griff nach dem Carabiner mit verächtlichem Seitenblick den Knaben -messend, als die Schildwache wieder ein herrisches „zurück!“ ihm -zudonnerte und das Gewehr mit der Drohung auf den Erstaunten anlegte, -ihn sofort niederzuschießen. Einige Officiere entfernten den fluchenden -Navarresen, dem Cadetten gerechtes Lob für die Erfüllung seiner Pflicht -in solcher Lage spendend.</p> - -<p>Große Schätze waren uns zu Segovia in die Hände gefallen, so viele -tausend Gewehre, eine bedeutende Munitions-Niederlage und einige -zwanzig Geschütze, von denen acht auf den Mauern des Alcazar -aufgepflanzt waren, dann fanden wir<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> ungeheure Magazine vor, und aus -dem erbeuteten Tuche wurde die ganze Division neu uniformirt. Die -Stunden vergingen rasch in fortwährender drängender Beschäftigung. -Der Intendant fand gleichfalls außer dem baaren Gelde der königlichen -Cassen zwanzig Millionen in Staatsschuldscheinen vor und... ließ das -Packet öffentlich auf dem Markte verbrennen. Als Zariategui auf die -Nachricht erschreckt und zornig hineilte, kaum das Geschehene glaubend, -sagte ihm der Finanzmann mit kläglicher Miene, er habe geglaubt, daß -die Papiere nur für Isabella’s Regierung Werth hätten, weßhalb er sie -habe zerstören lassen. Viele behaupteten, der Intendant habe andere -Papiere untergeschoben. In der Münze waren nur noch einige Barren, -da sie ganz ausgeplündert wurde; in ihr wurden Geldstücke mit dem -Bildnisse Carls V. geprägt, die einzigen, welche je angefertigt -wurden.</p> - -<p>Noch möchte ich ein ausgezeichnetes Monument antiker Baukunst nicht -unerwähnt lassen, da es stets meine Bewunderung in hohem Maße erregte: -eine alte Wasserleitung, deren Ursprung ungewiß ist, dort aber den -Carthaginensern und selbst den Phöniciern zugeschrieben wird. Sie -besteht aus behauenen Steinblöcken von solchem Umfange, daß zu ihrer -Herbeischaffung und Placirung Kräfte müssen angewendet worden sein, wie -sie für jene Zeiten uns kaum denkbar scheinen; das Merkwürdigste dürfte -sein, daß diese Steine an einander gefügt sind, ohne daß das Auge das -geringste bindende Material zu entdecken vermöchte. Jeder Karren, -der unter den weiten Bogen hinfährt, macht den ganzen Bau erzittern, -und doch trotzte dieses Riesenwerk Jahrtausenden. Über einem Bogen -findet sich eine halb zerstörte Inschrift in Charakteren, über welche -die Forscher bisher nicht einig waren, und die, anstatt in den Stein -gehauen zu sein, künstlich auf ihm befestigt sind.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<p>Indem das Bataillon — in Skelett — von Aragon in Segovia -zurückgelassen wurde, um sich aus den stets herzuströmenden Rekruten -zu vervollständigen, zogen wir am 6. August auf der Straße nach Madrid -vorwärts, welches an eben dem Tage in Belagerungszustand erklärt ward. -Mendez Vigo zog sich bei unserer Annäherung zurück, so daß wir ohne -Widerstand das prachtvolle Lustschloß von San Ildefonso besetzten. Der -General mit einem großen Theile der Officiere besah das Schloß, in dem -Alles in dem Zustande sich befand, wie die Königinn Wittwe es verlassen -hatte, so daß viele Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten in den Gemächern -zerstreut umherlagen. Dann ließ Zariategui das Schloß schließen und -Todesstrafe für einen Jeden verkünden, der den kleinsten Schaden -anstiften würde. Am Abend spielten die schönen Wasserkünste der Gärten, -die weithin ausgedehnt und mit geschmackvoller Eleganz geschmückt, ganz -das Werk Christina’s waren.</p> - -<p>Langsam überstiegen wir das wilde Guadarama-Gebirge, auf dessen -höchstem ganz kahlem Gipfel ein ruhender Löwe über einem Piedestal -sich erhebt, dessen Inschrift anzeigt, daß „Ferdinand VI. die -Gebirge besiegt habe“, um durch diese Straße die beiden Castilien -zu verbinden. Mendez Vigo wich fortwährend, bis wir ihn am 11. Aug. -Morgens nur noch drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, deren Thürme -aus der Ferne uns winkten, in einer festen Stellung trafen, die durch -achtzehn Geschütze der reitenden Artillerie der Garde gedeckt war. -Die Stellung war augenscheinlich unangreifbar und Umgehung durch das -Terrain faktisch unmöglich gemacht, da rechts und links tiefe Abgründe -und ungangbare Felswände sich hinzogen. Dennoch ließ Zariategui einige -Bataillone vorrücken, die jedoch, nachdem sie wenige vorgeschobene -Truppen auf die Hauptposition zurückgetrieben, mit Granaten empfangen -sich zurückzogen mit einem Verlust von zwanzig bis dreißig Mann, der, -so gering er scheinen mag, eine nutzlose Aufopferung war und vermieden<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -werden mußte und konnte, da die Demonstration durchaus keinen Zweck -hatte und nur durch den erbärmlichen Stolz, nicht ohne Gefecht sich -zurückziehen zu wollen, veranlaßt ward. Wir übernachteten in mehreren -Ventas und gingen dann, ohne vom Feinde gedrängt zu werden, auf der -Straße von Villacastin auf Segovia zurück, während die Brigade von -Vizcaya über den nahen Escurial marschirte.</p> - -<p>Vielfältig ist es dem General Zariategui zur Last gelegt, daß er zu -jener Zeit nicht Madrid’s sich bemächtigt habe, und in der That war -bei unserm Vormarsche die Hoffnung, in die Hauptstadt einzuziehen, in -der Division allgemein verbreitet. Selbst unterrichtete Officiere, -die bei dem Zuge gegenwärtig waren, haben behauptet, daß der General -die Begeisterung der Truppen benutzend, die bei dem Anblicke Madrid’s -zu Allem sie bereit machte, Mendez Vigo hätte schlagen und die Stadt -nehmen müssen; sie ließen sich in ihrem Urtheile wohl nur durch ihren -feurigen Muth leiten, der ihnen jedes Hinderniß als unbedeutend -schilderte, da nur noch eine Kraftanstrengung zur Erreichung des -ersehnten Zieles nöthig schien. Wenn man die Stärke der Division Vigo -— 9000 Mann —, die Zahl der Nationalgarden — acht Bataillone — -und der übrigen Truppen in dem großen befestigten Madrid und dagegen -die Schwäche der Division Zariategui — in Segovia nach den im -Generalstabe abgegebenen Rapporten der Corps 3950 und einige Mann und -300 Pferde schlagfertig — und ihre gänzliche Entblößung von Artillerie -berücksichtigt, kommt man leicht zu dem Schlusse, daß es Tollheit -gewesen wäre, die Hauptstadt anzugreifen, selbst wenn Mendez Vigo den -Weg dahin ganz frei gelassen hätte. Billig aber muß bewundert werden, -wie dieses kleine Corps so Vieles ausrichten konnte.</p> - -<p>Da die Division am 13. Villacastin sich näherte, entfloh der Gouverneur -mit 120 Pferden und 40 Infanteristen, ward aber<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> von der Escadron -3 von Navarra unter dem braven Oberst Osma eingeholt, trotz seiner -Mehrzahl chargirt und geschlagen; Osma kehrte mit achtzig gefangenen -Reitern, den vierzig Infanteristen und dem Gouverneur zurück, dessen -Leben mit Mühe durch unsere Truppen gerettet wurde, da das Volk in -Villacastin wüthend den Kopf seines Peinigers forderte. Als wir in die -Stadt einzogen, sahen wir fern hinter uns auf der Höhe des Guadarama -eine mächtige Staubwolke sich einherwälzen: das Armeecorps Espartero’s, -der, mit seinen 20000 Mann von Guadalajara zum Schutze der Residenz -herbeigerufen, am Abend vorher seinen Einzug dort gehalten hatte, war -ohne Rast zu unserer Verfolgung aufgebrochen. Zugleich folgte uns der -nun mit General Aspiroz vereinigte Mendez Vigo, und die Division Puig -Samper, in Eilmärschen aus der Provinz Cuenca herangezogen, operirte -auf unserer linken Flanke. So war der eine Zweck des kühnen Zuges -erreicht: das Expeditions-Corps des Königs war von einem Theile der -Massen befreit, die sich gegen dasselbe vereinigt hatten und in den -Gebirgen von Cantavieja es zu erdrücken drohten. Die unmittelbare Folge -davon war die siegreiche Schlacht beim <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">villar de los navarros</span>.</p> - -<p>Am 14. Mittags langten wir wieder in Segovia an, von den feindlichen -Colonnen, die bei unserm Abmarsche von Villacastin angesichts der -Stadt standen, nahe verfolgt. Wir fanden nicht nur das Bataillon von -Aragon vollständig, sondern auch ein anderes, von Segovia genannt, -aus freiwilligen Rekruten gebildet, die sofort mit einem Theile der -genommenen Gewehre bewaffnet wurden. Am Abend ward im Theater ein -großes Schauspiel aufgeführt, da wir eine Comödianten-Gesellschaft -aufgefangen und nach der Stadt geschickt hatten. Die Freiwilligen, -denen freier Zutritt gestattet war, und die daher den größten Theil -des Hauses einnahmen, staunten jubelnd die Wunderdinge an, da sie ja -in den vaterländischen Gebirgen nichts Ähnliches gesehen hatten, und -als endlich der nationale Bolero<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> das Fest schloß, mußte unter dem -donnernden Applaus unserer Burschen der malerische Tanz wiederholt -werden.</p> - -<p>Gewaltige Verwirrung herrschte indessen in der Stadt. Unbegreiflicher -Weise war während der eilf Tage, die unsere Truppen in ungestörtem -Besitze derselben zugebracht, Nichts geschehen, um für den Rückzug, der -doch wohl vorausgesehen werden mußte, die nöthigsten Vorbereitungen -zu treffen, so daß nun Alles in Unordnung durch einander rannte und -wir in Betreff der Transportmittel lediglich auf das beschränkt waren, -was die Stadt uns bieten konnte. Ein wenig Fürsorge des Generals würde -alle die unersetzlichen Effekten gerettet haben, die wir nun mit -tiefem Schmerze aufgeben mußten. Der größte Theil der vorgefundenen -Vorräthe, die Lebensmittel und das Tuch wurden verlassen, das Pulver, -mit Ausnahme von etwa funfzig Maulthierlasten, ward in einen nahen -Teich geworfen, und, noch empfindlicher! selbst für die Fortschaffung -der Gewehre reichten unsere Mittel nicht hin. Die Artillerie wurde -ruinirt, nur eine sechspfündige Kanone und eine fünfzöllige Haubitze, -beide ganz neu und ausgezeichnet durch Schönheit und Leichtigkeit, -konnten mitgeführt werden; für erstere wurden zweihundert, für die -Haubitze einhundert funfzig Schuß ausgewählt, alles Übrige mußte -zurückbleiben. Auch unsere Verwundeten ließen wir mit denen des Feindes -in dem Hospitale; ihre Klagen und ihr Flehen, da sie so dem Elende der -Gefangenschaft sich hingegeben sahen, waren herzzerreißend und ach! nur -zu gegründet, denn Wenige wurden je wieder mit den Ihrigen vereinigt. -Während der Nacht war alle Welt in Bewegung, da die Saumthiere -gesammelt, bepackt und wieder entladen werden mußten, weil etwa irgend -etwas Wichtigeres vergessen war; Befehle wurden von hundert Stimmen auf -einmal gegeben, von Niemand ausgeführt, denn Jeder war schon mehr als -zu sehr beschäftigt. Gegen Morgen ward Apell geblasen, nach welchem -die Truppen in ihre Quartiere zurückkehrten, um eine halbe Stunde -später durch das Assemblee-<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>Signal wieder zur Formation gerufen zu -werden. In der Meinung, es gelte einer Gewehr-Inspection, die am Tage -vorher angesagt war, ließen viele Soldaten, sorglos wie sie sind, ihr -Gepäck im Logis zurück und mußten ohne dasselbe abmarschiren; denn die -feindlichen Colonnen standen nur noch eine halbe Stunde von Segovia und -rückten von Süden her in die Stadt, als wir, der vorausgesandten Bagage -folgend, auf der Straße nach Aranda aufbrachen, um die Sierra, unsern -Stützpunkt, wieder zu gewinnen.</p> - -<p>Rührend war der Schmerz der Einwohner, als sie uns davon ziehen sahen. -Eben Die, welche wir bei unserm Einzuge mißhandelt und ausgeplündert -hatten, flehten jetzt weinend, wir möchten sie nicht verlassen, nicht -wieder dem Elende und den Erpressungen der revolutionairen Regierung -Preis geben. So wohlthätig hatten die Milde Zariategui’s und sein -versöhnendes Betragen, wie die nähere Bekanntschaft mit unsern -ungebildeten, aber treuherzigen und wackern Freiwilligen auf Aller -Gemüther eingewirkt. Zariategui hatte nicht nur die Stadt ganz von -Contributionen und sonstigen Abgaben befreit, er vertheilte selbst in -Rücksicht auf die Leiden, welche die Erstürmung nach sich geführt, -unentgeltlich die nöthigsten Bedürfnisse, von dem Geraubten wurde -Vieles zurückerstattet, und die einzelnen unvermeidlichen Fälle, in -denen Soldat oder Officier dem Bürger Grund zur Klage gegeben, waren -mit Strenge bestraft. Schmerzlich ist, daß er mit so edler Schonung -der friedlichen Bewohner nicht die nothwendige Thätigkeit und Energie -verband, durch die er manche Verluste uns hätte ersparen und die -errungenen Vortheile ganz benutzen können.</p> - -<p>Während die Brigade Vizcaya mit den Escadronen der Legitimität und -Cantabrien die Heerstraße hinabzog, marschirte das Hauptcorps rechts -von derselben ab, anfangs in höchster Ordnung und schlagfertig, wiewohl -der Feind uns nicht auf dem Fuße zu verfolgen schien. Als wir aber -um Mittag eine dürre<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Sandebene betraten, auf der, so weit das Auge -reichte, kein Haus, keine Höhe, nur hie und da Fichtengehölz zerstreut -sich zeigte, als bei drückender Gluth der Sonne im aufquellenden -Staube weder Quelle noch Brunnen gefunden ward, den brennenden Durst -zu löschen; da wurde die Marschcolonne immer länger und länger, und -die Bataillone mit Ausnahme des 1. von Navarra, welches geschlossen -den Nachtrab bildete, löseten sich endlich ganz auf, da die Soldaten -rechts und links sich zerstreuten, um Wasser zu suchen und zugleich -die Staubwolken des Weges zu vermeiden. Wie eine große Schafheerde -durchkreuzte die Division die Ebene, als hinter uns Waffen und Helme -durch den Staub blitzten: die feindliche Cavallerie nahete in scharfem -Trabe und war im Begriff, sich auf uns zu werfen. Ein ungeheurer Schrei -des Schreckens ertönte weit hin über die Fläche, und die Freiwilligen -rannten in kleine Haufen sich zu vereinigen, während ich im Gefolge -Elio’s dem 1. von Navarra zuflog, welches er sofort in Masse formirte -und rechts und links durch die beiden Escadrone von Navarra deckte. -Hätte der Feind seine sieben oder acht Escadrone in mehrere Theile -getheilt und so auf die ungeordnete Menge sich geworfen, würde gewiß -gänzliche Vernichtung uns getroffen haben; aber er vereinigte sich -in eine große Colonne uns gegenüber und stürmte in drei Echelons -zum furchtbaren Choc gegen das Carré. Elio ließ die Escadronen bis -auf dreißig Schritte nahen, ehe er das Commando zum Feuer gab: sie -zerstoben nach allen Seiten, dem zweiten Echelon Platz machend, welches -wie das dritte rasch ihr Schicksal theilte, den Boden mit Menschen, -Pferden und Waffen bedeckt lassend. Die Navarresen verlangten nun, -den geworfenen Feind zu chargiren, was Elio nicht gestattete, worauf -der Marsch mit größerer Vorsicht und Ordnung fortgesetzt und von der -christinoschen Cavallerie, die sich in respektsvoller Entfernung hielt, -nicht weiter beunruhigt wurde.</p> - -<p>Bei der gewöhnlich so großen Scheu unserer Infanterie<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> vor den -Cavallerie-Angriffen, die im Gebirgskriege so selten und daher durch -den Mangel an Vertrautheit mit ihnen mehr gefürchtet sind, war das -Betragen unserer Soldaten bemerkenswerth, die, anstatt zu fliehen, in -kleine Massen vereinigt dem formirten Bataillon sich anzuschließen -eilten. Einem Officier, der einem Trupp Navarreser, auf das nahe Gehölz -deutend, zurief, sich dahinein zu werfen, antworteten die braven -Burschen dem Bataillone sich zuwendend: „Nein, wir siegen oder wir -sterben mit unsern Brüdern.“</p> - -<p>Bald hatten wir, mit Vizcaya vereinigt, den Duero passirt und -erreichten die Gebirge von Soria, während die feindlichen Divisionen -Mendez Vigo und Puig Samper nach Aranda marschirten. Espartero war nach -Madrid zurückgekehrt, um von neuem dem königlichen Expeditions-Corps -sich entgegen zu stellen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_29_29" id="Fussnote_29_29"></a><a href="#FNAnker_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Diese Expedition, als eine der interessantesten und da -meine Stellung mit allen Details mich genau bekannt machte, habe ich -weitläuftig behandeln wollen, so daß sie ein deutlicheres Bild unserer -Kriegesart zu geben vermag.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_30_30" id="Fussnote_30_30"></a><a href="#FNAnker_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Der schönste Mann, den ich je gesehen, vielleicht sechs -und zwanzig Jahre alt. Abgeschnitten und ohne Rettung sprang er vom -Pferde und rief, auf ein Knie sich niederlassend und dem nächsten -Lancier seinen Degen reichend: Pardon, Pardon! dieser stach ihn trotz -dem Zurufe zweier heransprengender Officiere erbarmungslos nieder. -Als ich von der Verfolgung zurückkehrte, lag der Leichnam, ein Bild -männlicher Kraft, ganz nackt neben dem Wege.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_31_31" id="Fussnote_31_31"></a><a href="#FNAnker_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Bei den Divisionen, welche die Nordprovinzen verließen, -war meistens die Stellung der Officiere vom Generalstabe sehr -schwierig, da sie aus Mangel an Ingenieur- und Artillerie-Officieren -deren Geschäfte mit übernehmen mußten. Bei der Expedition Zariategui -befand sich ein Ingenieur und ein Officier der Artillerie, der bald -getödtet wurde. Übrigens zogen die Generalstabs-Officiere die höchste -Eifersucht der andern Officiere auf sich, da sie zu jedem gefährlichen -Unternehmen gebraucht wurden. Von den sieben Officieren, welche unter -Brigadier Elio den Generalstab bildeten, wurden zwei getödtet und drei -schwer verwundet.</p> -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier10" name="zier10"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 10" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XI">XI.</h2> - -</div> - -<p>Als die Division in den Gebirgen, die zwischen Soria und Burgos in -beiden Provinzen sich hinziehen, mit dem Obersten Barradas sich -vereinigte, fanden wir zu unserm höchsten Erstaunen, daß der Auftrag, -Lebensmittel anzuhäufen und passende Orte zu befestigen, gar nicht -in Ausführung gebracht war. Ein neu gebildetes Bataillon war jedoch -da, für das es nun an Waffen und Uniformen gebrach. Wie schmerzlich -empfanden wir da den Verlust der Tausende von Gewehren, die durch -unsere Schuld in Segovia hatten zurückbleiben müssen. Hier stieß auch -der Oberst Valmaseda zu uns, der mit dem 8. Bataillon von Castilien -— 250 Mann, — vier Compagnien von Alava und anderen vier von -Navarra bei Mendavia den Ebro passirt hatte, um einen bedeutenden -Munitions-Transport dem Corps des Königs zuzuführen. Die Compagnien -von Alava und Navarra kehrten sofort nach den Nord-Provinzen -zurück, während Valmaseda, später als Partheigänger durch kühne -Entschlossenheit wie durch Wildheit bekannt, mit einiger Cavallerie -seinen Zug fortsetzte. Castilla blieb mit unserer Division vereinigt.</p> - -<p>Bis zum Ende des Monates August standen wir ohne wichtige Ereignisse -in der Sierra, vorzüglich mit der Ausbildung der neu errichteten -Bataillone beschäftigt und Vorräthe jeder Art in San Leonardo -und Ontorio del Pinar sammelnd. So wie wir dort anlangten, war -eine Operation gegen die kleine Colonne von Soria, 2500 M. stark, -versucht worden, die bisher in der Verfolgung des Oberst Barradas -beschäftigt gewesen, dem als des Terrains Kundigem die Leitung des -Unternehmens anvertraut wurde. Die Colonne ward nach erschöpfenden -Hin- und Hermärschen während der Nacht umstellt und jeder Ausweg ihr -abgeschnitten, so daß wir sie sicher gefangen hatten, als ... sie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> bei -Anbruch des Tages verschwunden war. Barradas hatte eine Schlucht zu -besetzen versäumt, und durch sie war der Feind entflohen.</p> - -<p>Mendez Vigo, nachdem er lange unthätig in Aranda de Duero gerastet, wo -seine Truppen von Erschöpfung vollkommen aufgelöset angekommen waren, -hatte sich endlich gegen uns in Bewegung gesetzt und seine 7000 Mann -in Navreda aufgestellt, wo Zariategui ihn am 28. August zu überfallen -beschloß. Spät am Morgen naheten wir dem Dorfe und erfuhren von einigen -Bauern, die wir eine Stunde entfernt antrafen, daß die Truppen mit -Reinigen der Wäsche und Gewehrputzen beschäftigt seien; auch gelang es -uns, nur wenige tausend Schritt von dem feindlichen Vorposten — ein -einziger Posten war ausgestellt — einen seinen Blicken offenen Grund -unbemerkt zu durchkreuzen. Alles versprach uns glücklichen Erfolg. -Die Brigade von Navarra sollte rechts hinter dem Dorfe ein Gebüsch -besetzen, welches als Rückzugspunkt des Feindes angesehen werden mußte, -während Noboa mit dem 5. von Castilien links den Ort umgehen und, so -wie das Feuer begänne, mit dem Bajonnett auf ihn sich stürzen, das -Hauptcorps aber in der Front und von der rechten Seite ihn bestürmen -würde, so den Feind auf die versteckte Brigade werfend. Schon war -Navarra auf dem Marsche nach jenem Gebüsche, als plötzlich Feuer zu -unserer Linken gehört wurde, dem alsbald die Allarm-Trommeln im Dorfe -antworteten: Noboa war es, der, so wie er den feindlichen Feldwachen -sich gegenüber sah, mit lautem Geschrei sie angriff und in das Dorf -hineintrieb. Die feindliche Division verließ dieses sogleich und -wälzte, eine große verwirrte Masse, dem Gebüsch sich zu, in dem, wenn -nicht Noboa’s Übereiltheit den Plan vereitelte, Navarra sie schon hätte -empfangen müssen. Nur die großen Wachen des Feindes, einzige geordnete -Truppe, deckten den Rückzug der Division, die von Castilien kräftig -gedrängt wurde. In dem Gebüsche formirte sie sich rasch, als Navarra -dort ankam,<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> fest mit dem Bajonnette sie angriff, Alles warf, was sich -ihm entgegenstellte, mehrere hundert Gefangene machte und, furchtbare -Gewohnheit, die oft den navarresischen Bataillonen verderblich wurde, -sich zerstreute, die Gefangenen zu plündern. Mendez Vigo führte seine -Reserve herbei, die allein noch auf dem Kampfplatze formirt war, und -trieb ohne Schwierigkeiten die debandirten Bataillone vor sich her. -Ihre Vernichtung schien unvermeidlich, als die Reserve in der Flanke -angegriffen und zum Stehen genöthigt wurde. Zariategui, richtig die -Ereignisse beurtheilend, hatte unter Elio’s Leitung einige Bataillone -auf das Gebüsch entsendet, so wie Noboa unzeitig das Feuer eröffnete; -wir langten mit Valencia in dem Augenblick an, da Navarra in gänzlicher -Unordnung floh, griffen mit dem Bajonnett an und warfen die Reserve des -Feindes, die eilig auf die übrigen Truppen zurückwich. Umsonst waren -die Befehle, Drohungen und Bitten der christinoschen Generale, um ihre -Soldaten zum Stehen zu bringen. Die ganze Division floh, von panischem -Schrecken ergriffen, bis Aranda, wo sie unwillig sich empörte und -Mendez Vigo zwang, das Commando niederzulegen, so daß nun Puig Samper -beide Divisionen befehligte.</p> - -<p>Zariategui aber, da auch seine Truppen in hohe Verwirrung gerathen, -kehrte in seine frühere Stellung zurück, von wo er gegen Salas de -los Infantes aufbrach, in dessen Castell eine Besatzung von 120 Mann -sich befand. Nach vier und zwanzigstündiger Beschießung aus unsern -beiden Geschützen, wobei die Kanone ihres geringen Calibers wegen auf -funfzig Schritt Entfernung vom Fort aufgestellt war, ergab es sich, -und die Garnison, von der etwa 30 Mann vorzogen, für Carl V. -die Waffen zu ergreifen, marschirte nach Aranda ab. Mit dem Gepäcke -der Colonne von Soria, welches sie, um leichter zu marschiren, in -Salas zurückgelassen hatte, konnten unsere jungen Bataillone bekleidet -werden; die abgeschossenen Kanonenkugeln wurden, so viel thunlich, -wieder eingesammelt. An demselben Tage zogen<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> wir vor el Burgo de -Osma, ein reiches niedliches Städtchen, welches gleichfalls durch ein -Fort, aus einer Kirche in solches verwandelt, gedeckt war. Der Chef -<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">du jour</span> ließ, da das Fort nur von einem schmalen Platze umgeben -war, die Kanone der bessern Deckung wegen in das erste Stockwerk eines -gegenüber liegenden Hauses postiren, und durch den Balkon feuern. Bei -dem ersten Schusse stürzte, wie längst vorhergesagt war, der Fußboden -ein, so daß über dem Hervorziehen aus dem Schutte und der neuen -Aufpflanzung, die auf dem Platze unter lebhaftem Feuer des Feindes -geschehen mußte, die Nacht anbrach. Am Morgen capitulirte die Garnison, -zwei Compagnien, mit den Bedingungen, die Salas erlangt hatte. So -Herren der ganzen Sierra, ohne daß Puig Samper, uns so sehr überlegen, -irgend eine Bewegung unternommen hätte, richteten wir uns gegen Lerma, -welches auf der großen Heerstraße in gleicher Entfernung von Burgos und -Arando de Duero die Verbindung dieser Städte und dadurch die von Madrid -mit der Nordarmee der Christinos sicherte, weshalb die mit Mauern -umgebene Stadt durch ein Bataillon und eine Escadron garnisonirt war; -das als trefflich geschilderte Fort beherrschte sie. Indem wir, aus dem -Gebirge hervorbrechend, wieder zur Offensive übergingen, wurden die -neuorganisirten Bataillone in der Sierra zurückgelassen, um sich dort -in Ruhe zu üben und auszubilden.</p> - -<p class="mtop2">Bei der Belagerung von Salas und el Burgo hatte ich einen -verhältnißmäßig müssigen Zuschauer abgegeben, da jedes Mal nur -zwei Officiere des Generalstabes ihrer Anciennetät nach mit den -vorfallenden Geschäften, d. h. mit Allem, was sonst dem Ingenieur- und -Artillerie-Officier obliegt, beauftragt wurden. Denn die carlistischen -Artilleristen bekümmerten sich nur um die Fortschaffung ihrer Geschütze -und um das Feuern; auch der Bau der Batterien gehörte nicht in ihren -Bereich.<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> Jetzt bei der dritten Belagerung lag es mir als drittältestem -Officier ob, die Arbeiten zu dirigiren, wozu der Pr. Lieutenant -Galindo als jüngerer Officier mir beigegeben wurde. Am Mittage des -5. September, da die Division die Chaussee von Aranda nach Lerma -erreichte, sandte uns deshalb Zariategui mit einer Jäger-Compagnie und -zwölf Pferden voraus, um die Stadt zu recognosciren.</p> - -<p>Von Ungeduld hingerissen ließ ich, etwa anderthalb Stunden von Lerma -entfernt, das Detachement unter der Führung eines Gefährten zurück -und ritt die Heerstraße entlang der Stadt zu. Frohen Muthes trabte -ich auf meinem prächtigen Goldfuchs, demselben, der bei Zambrana -den portugiesischen Obersten getragen, durch das reiche Hügelland, -mit Freude die dunkelnde Färbung der Trauben, mir die lieblichste -Frucht, bemerkend, da die sanften Abhänge zur Anlegung von Weingärten -benutzt waren. So bog ich um die scharfe Ecke eines Hügels, um -dessen Fuß die Straße sich hinwand, als ich zu meiner Überraschung -kaum zweihundert Schritt entfernt die Stadt erblickte, und auf dem -schattigen Spatziergange, der zwischen ihr und dem Hügel sich hinzog -und mit eleganten Damen und Herren, meistens Officieren, bedeckt war, -ein starkes Detachement Cavallerie, das wie es schien, im Begriff -war fortzureiten. So wie ich, durch das Scharlachbarett mit goldenem -Quaste auf den ersten Blick als Carlist erkannt, trabend um die Ecke -bog, ertönte ein wilder Schrei: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los facciosos, los facciosos</span>!“ -Die Damen kreischten, die Spatziergänger flogen mit nie gesehener -Behendigkeit rechts und links durch die Felder, und die 25 Lanciers, -die so eben zur Recognoscirung der Division abgehen sollten, jagten -in Carriere der Stadt zu. Sie mußten natürlich voraussetzen, daß die -Truppen unmittelbar mir folgten.</p> - -<p>Da ich alle Welt laufen sah, sprengte ich hinter den Fliehenden drein, -die das Stadtthor bereits geschlossen fanden und daher längs der Mauer -sich hinwandten, von der einige Schüsse<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> mich kurz halten machten. -Die Cavallerie, da sie mich fortwährend allein sah, hielt auch an und -kehrte bald zögernd gegen mich zurück: ich wandte halb mein Pferd und -forderte den Capitain, der an der Spitze seiner Leute ritt, auf, allein -vorzukommen; da er aber von der ganzen Schaar begleitet heransprengte, -jagte ich davon, sofort mit furchtbarem Geschrei von dem Feinde -verfolgt. Ehe er indessen die Biegung passirte, hielt er nochmals an, -wohl ungewiß, ob nicht Truppen dahinter ständen, wodurch ich einen -kleinen Vorsprung gewann. Als aber die Lanciers dann, so weit ihr Blick -reichte, kein carlistisches Barett sahen, da war ihr Muth plötzlich -wiedergekehrt, und in wilder Jagd tobten sie die Straße hinab hinter -mir her. Ich konnte auf meinen Renner vertrauen und erkannte ihn bald -den Pferden der Feinde überlegen, während die Hecken und Weingärten -diese zwangen, vereint auf der Straße zu bleiben; so sah ich sie mit -Freude mir folgen und bemühte mich nur, möglichst die Kräfte meines -Thieres zu schonen.</p> - -<p>Endlich nach halbstündigem Lauf sah ich das Detachement mir nahe; -die Infanterie nahm eine Stellung auf einem Hügel ein, die Pferde -postirten sich auf die Straße, ihre ganze Breite einnehmend. Doch bald -erkannte ich an den Reitern jene schwankende Bewegung, das unruhige -Vor- und Zurückprallen einzelner Pferde, die stets das sichere -Vorzeichen augenblicklicher Flucht sind. Ich fühlte mich erbleichen: -die ganze Last der Verantwortlichkeit fiel mir auf das Herz, wie sie -mich treffen mußte, wenn meine Reiter zur Division flohen und die -Infanterie verlassen zurückblieb. Da konnte nur schneller Entschluß -retten. Verzweifelt riß ich das Pferd herum und stürzte mit gezücktem -Säbel auf den feindlichen Rittmeister, der, wenige Schritte hinter mir, -seinen Leuten bedeutend voraus war. Überrascht wich er und warf sich -unter die Lanciers. Mein Zweck war erreicht; denn meine Reiter, durch -den raschen Akt ermuthigt, chargirten, und die Feinde flohen verwirrt -zurück. Bis dicht vor die Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> setzten wir die Verfolgung fort und -nahmen drei der Christinos, einen von ihnen verwundet, gefangen; wir -fanden die Thore noch immer geschlossen, und als bald meine Jäger -anlangten, fingen sie einen Officier und mehrere andere Spatziergänger -auf, die noch in den Feldern umherirrten. Auch nicht ein Mann war von -dem Gouverneur entsendet, um Nachricht über uns und über die Lanciers -einzuziehen; noch an demselben Abend, ehe wir die Stadt einschließen -konnten, ward die feindliche Escadron weggeschickt und zog sich auf -Aranda zurück.</p> - -<p>Ich hatte bei Abgabe der Gefangenen nur allgemein gemeldet, daß ich -ein kleines Rencontre gehabt. Als aber Zariategui bei der Übergabe des -Forts durch die christinoschen Officiere den Vorfall erfuhr, schickte -er mich nach einem derben Verweise arretirt nach meinem Logis, weil ich -meine Truppen verlassen, durch jugendlichen Übermuth, wie er es nennen -wollte, das Gelingen des mir Aufgetragenen compromittirt und mich -selbst unnütz ausgesetzt habe. Nach einer Viertelstunde ließ er mir -durch einen Adjudanten ankünden, daß ich frei sei, und ein prachtvolles -englisches Fernrohr, das, in Lerma erbeutet, meine Bewunderung erregt, -mir überreichen, damit ich in Zukunft den Feind aus der Ferne sehen -könne.</p> - -<p>Als die Division am Abend anlangte, hatte ich meine Recognoscirung -bewerkstelligt und erhielt vom General auf meinen Antrag zwei -Compagnien Grenadiere, um einen Versuch zur Überrumpelung der Stadt zu -machen. An mehreren Punkten lehnten sich Häuser an die Mauer, so daß -ich hoffte, durch eines derselben mich introduziren zu können, aus dem -ich bei Tagesanbruch vorbrechen, dem Corps die Thore öffnen und die in -der Stadt befindlichen Christinos nach dem Castell jagen würde, wo der -größere Theil der Besatzung die Nacht zubrachte. In der That gelangte -ich nach Mitternacht mit meinen Grenadieren unbemerkt an eines jener -Häuser und stieg auf einer Leiter zu einem etwa dreißig Fuß über dem -Boden befindlichen Fenster<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> empor. Nach wiederholtem Klopfen antwortete -zitternd eine feine weibliche Stimme; mit der Versicherung, daß sie -persönlich Nichts zu besorgen habe, verband ich die Drohung, das Haus -in Brand zu stecken, wenn sie nicht sofort öffne. Das Fenster flog -auf, und mit Entsetzen sah ein junges, reizendes Mädchen, kaum mit -dem übergeworfenen Tuche bedeckt, ihr Zimmer mit bärtigen Grenadieren -gefüllt. Der Ausdruck der Stimme, da sie halb ohnmächtig auf einen -Stuhl sinkend: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caballero, por Dios!</span>“<a name="FNAnker_32_32" id="FNAnker_32_32"></a><a href="#Fussnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> mir zuhauchte, -erschütterte mich tief, und ich eilte aus dem Heiligthume sie zu -führen, zu dessen rücksichtsloser Verletzung ich das Werkzeug gewesen -war. Auf dem Vorplatze übergab ich sie der Mutter, die entsetzt bei dem -ungewöhnlichen Lärm herbeieilte. Natürlich sah ich die Damen, welche -einer der ersten Familien der Provinz angehörten, nicht wieder; mehrere -Jahre später traf ich aber in Morella den Bruder des jungen Mädchens, -einen ausgezeichneten Officier im Sappeur-Corps, der damals im -väterlichen Hause sich aufhielt und oft über die tragikomischen Scenen -jener Nacht lachte.</p> - -<p>Mit den größten Vorsichtsmaßregeln wurde bewirkt, daß eine Wache, -die im anstoßenden Hause sich befand, nicht das mindeste Geräusch -hörte, bis wir, so wie der Tag graute, auf die Straße stürmten und ein -lebhaftes Feuer eröffneten, um in der Stadt Verwirrung zu erregen und -die Unseren zu benachrichtigen. Während die eine Compagnie das nahe -Thor öffnete und die schon harrenden Bataillone einließ, durchstreifte -die andere, in Patrouillen vertheilt, die Straßen, wo der Feind, ohne -an Widerstand zu denken, dem Fort zueilte. Mit vier Mann verfolgte -ich einige Flüchtlinge und hatte fast sie erreicht, als sie um eine -Ecke bogen und uns ein lebhaftes Flintenfeuer entgegen<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> donnerte: wir -standen unmittelbar vor dem feindlichen Fort, und ein Tambour, vor dem -uns bisher die Fliehenden gedeckt, bestrich die ganze Straße. Zwei -meiner Grenadiere stürzten nieder, der dritte schwankte einige Schritte -zurück und sank gleichfalls, wir andern Beiden flogen in weiten -Sprüngen die Straße hinab, von den feindlichen Kugeln umzischt, bis wir -— uns schien die Zeit eine Ewigkeit — ein schützendes Seitengäßchen -erreichten. Einer von den Grenadieren war todt, die andern wurden bald -mit Haken, die an lange Stäbe befestigt waren, in die nahen Häuser -gezogen und den Wundärzten übergeben.</p> - -<p>Das Fort bestand aus einem sehr festen Kloster und einer Kirche, -die künstlich zu einem zusammenhängenden Vertheidigungs-Systeme -eingerichtet waren, dessen erste Linie der vorliegende gleichfalls -befestigte Platz bildete. Zur Beschießung bot sich ein ganz besonders -günstiger Punkt dar, auf dem keine Kugel verloren gehen und der am -wenigsten Feuer gegen unsere Arbeiten und bei dem Sturme concentriren -konnte, während alle übrigen Punkte, gegen die wir Artillerie hätten -aufstellen können, durch starkes flankirendes Feuer beschützt wurden. -Dagegen mußte dann die Batterie kaum dreißig Schritt von dem Fort -angelegt werden, weil die feindlichen Werke den Raum weiter rückwärts -ganz von der Seite beherrschten, was bei dem Batteriebau ungeheuren -Verlust nach sich ziehen mußte. Es gelang mir mit Elio’s Hülfe endlich, -die Einwilligung des Generals durch die Bemerkung dazu zu erhalten, wie -sehr die Wirkung unseres Sechspfünders gegen die starke Mauer durch -solche Nähe erhöht werde. Wir eröffneten daher, von Haus zu Haus die -Zwischenwände durchbrechend, einen verdeckten Gang, stapelten in dem -letzten Hause einen großen Vorrath von Wollmatratzen, Mehlsäcken und -ähnlichen Gegenständen auf und stürzten, ein Jeder mit Matratzen oder -Säcken belastet, auf die Straße, in der ein furchtbarer Kugelregen uns -empfing. In einem Augenblicke war eine Brustwehr errichtet, hinter -der dann der regelmäßigere<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> Bau der Batterie vor sich gehen konnte. -Am Nachmittage war sie vollendet trotz dem unausgesetzten Feuer der -Besatzung, welche uns 4 Mann und den Artillerie-Capitain, den einzigen -Officier dieser Waffe, tödtete und siebenzehn Mann verwundete, von -denen mehrere bei dem Versuche, von einer Seite der Straße nach der -andern hinüberzuspringen, getroffen wurden, da die Besatzung, das -Bataillon Schützen von Cantabrien, aus geübten Gebirgsjägern bestand, -die jedes lebende Wesen, selbst Hunde und Katzen, niederstreckten, so -wie sie in Schußweite sich zeigten. Ein Barett, auf einem Bajonnett -kaum über die Brustwehr erhoben, fiel in einer Sekunde in Fetzen herab.</p> - -<p>Während des Batteriebaues hatte Brigadier Elio aus Matratzen einen -großen Schirm anfertigen lassen, der auf Rädern ruhend leicht geschoben -wurde; hinter ihm schleppten die Freiwilligen mit Jubel die Kanone -heran, indem sie spottend die feindlichen Schützen aufforderten, nun -die Geschicklichkeit zu zeigen, deren sie sich vorher so gerühmt -hatten. Denn da einige unserer Compagnien in die dem Fort nächsten -Häuser gestellt waren, um von dort aus die Vertheidiger der Werke zu -belästigen, füllten die Kämpfenden die Zeit zwischen den Schüssen mit -Scherzreden, Beschimpfungen, oft auch mit Prahlereien. Bald schlug -unsere erste Kanonenkugel, von donnerndem Viva geleitet, in die Mauer -ein, Schuß auf Schuß folgte rasch, und auch einige Granaten wurden -in das Fort geschickt. Bei Tagesanbruch begann das Feuer wieder, und -am Mittage war eine Bresche in die erste Linie geöffnet, so daß am -Abend der Sturm unternommen wurde; nach halbstündigem Ringen hatten -unsere Grenadier-Compagnien alle Häuser der Linie erstürmt und die -Vertheidiger, die sich sehr brav gehalten, in das eigentliche Fort, -die Kirche, zurückgedrängt, gegen welche sofort das Feuer eröffnet -und während der Nacht lebhaft unterhalten wurde. Gegen Morgen befahl -Zariategui, die ganze erste Linie so wie zwei Häuser, die als -Außenwerke dem Fort dienten und so eben gleichfalls<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> erstürmt waren, in -Brand zu stecken, da ein heftiger Wind Flamme und Rauch den Christinos -zuführte.</p> - -<p>Die Scene war schauerlich schön: das Prasseln der hell auflodernden -Flammen, das Geschrei der Kämpfenden, das hundertfache unregelmäßige -Gewehrfeuer, von dem Donner der beiden Geschütze in gleichmäßigen -Pausen übertönt, dann die hohe Kirche und das Kloster, vom -Wiederscheine des Feuers geröthet und von dichten Rauchwolken umwallt, -aus denen in rascher Folge die Schüsse der Cantabrer hervorblitzten; -rings umher das Krachen einstürzender Mauern, das Klagegeschrei der -Verwundeten — es war ein herrlich wildes Ensemble, dessen Bild tief -dem Geiste sich einprägen mußte. Da flatterte hoch über den finsteren -Massen des Forts ein weißes Fähnlein empor, und der Silberklang einer -Trompete tönte durch den Tumult; einige Schüsse fielen, dann unterbrach -nur noch das Geprassel des Feuers die Todtenstille. Eine halbe Stunde -später zogen siebenhundert Mann aus und übergaben ihre Waffen, da der -Gouverneur und die Officiere capitulirt hatten, wiewohl die Mannschaft -laut die Vertheidigung fortzusetzen forderte; die Kirche war noch ganz -unverletzt, und es gebrach der Garnison an Nichts, die auch, vielleicht -aus den bravsten Soldaten der Armee bestehend, umsonst zum Ausfalle -geführt zu sein verlangte. Leicht hätte ein solcher uns verderblich -werden können, da Zariategui durchaus nicht die Vorsichtsmaßregeln -getroffen hatte, welche solch einen Versuch hätten unschädlich machen -oder auch nur unsere Kanone decken können, für die wir übrigens nur -noch ein und zwanzig Schuß hatten, als der Feind, der am Mittage -unbewaffnet nach Burgos abmarschirte, die weiße Fahne aufzog.</p> - -<p>Durch dreitägige fast ununterbrochene Anstrengung zum Tode erschöpft, -stattete ich in achtzehnstündigem Schlafe der Natur den schuldigen -Tribut ab.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p>Am 10. September Morgens zog die Expeditions-Division unter dem -ausschweifenden Jubel des Volkes in Aranda de Duero ein, nachdem Puig -Samper am Tage vorher die Stadt geräumt und die Garnison mit sich auf -Madrid geführt hatte. Die beiden Divisionen jenes Generals zählten -trotz der Verluste durch Desertion über 11000 Mann, die unserige nach -dem Rapport der Corps in Aranda 3860 Mann und fast 400 Pferde, da die -Escadrone durch die requirirten Pferde ergänzt waren, während die vier -jungen Infanterie-Bataillone in der Sierra standen. Das neben der Stadt -am Duero errichtete Fort war ein so merkwürdig schlechtes Machwerk, -daß seine Räumung als ein Zeichen gesunder Vernunft des feindlichen -Generals betrachtet werden mußte; Mäuerchen, wenige Fuß hoch und noch -weniger stark, erhoben sich in diesem Wirrwarr über und durch einander, -von flachen Graben nicht gedeckt, so daß sie sich vielmehr gehindert -als wechselseitig vertheidigt hätten und gewiß beim ersten Anlauf von -den Freiwilligen <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive force</span> genommen wären. Da der Stadt die -gebührende Contribution zugetheilt wurde, fand sich, daß bereits am -Abend kurz nach dem Abmarsche Puig Samper’s, zwei Cavalleristen in die -Stadt gedrungen waren und im Namen des Generals mehrere tausend Piaster -gehoben hatten. Ein Sergeant und ein Cadett, des Verbrechens überführt, -wurden zum Tode verurtheilt; als sie schon, um erschossen zu werden, -niederknieten, flog athemlos ein Beamter der Stadt herbei, Gnade -verkündend, da der General mit übel verstandener Milde den Fürbitten -der Behörden nachgegeben hatte. Die Elenden wurden degradirt und als -letzte Soldaten in die Strafcompagnie gesteckt, die schon in Segovia -wegen der Unordnungen nach dem Sturme errichtet war.</p> - -<p>Unsere kleine Division hatte außerordentliches Vertrauen erworben; -da wir so viele Schwierigkeiten überwunden hatten, und da schon die -feindlichen Massen ohne Kampf das Land uns überließen, glaubte das -Volk, daß wir nun bleibend Castilien<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> eroberten und schnell den -Krieg siegreich zu Ende führen würden. Auch stand uns augenblicklich -kein Feind mehr gegenüber, der uns hätte entgegentreten und unsere -Fortschritte hemmen können, und Castilien, das Herz der Monarchie, -lag offen und vertheidigungslos vor uns, während das königliche -Expeditions-Corps von Aragon aus eben dahin sich richtete. Der -moralische Einfluß, den unsere Siegesbahn äußerte, war unermeßlich, -und mit ihm nahm unsere Stärke täglich zu. Da wurden hohe Hoffnungen -rege, Hoffnungen, die wohl konnten erfüllt werden; wir glaubten uns -selbst unüberwindlich, wir sahen uns als Herrscher Castilien’s, -wir berechneten schon, wann wir in Madrid würden einziehen und den -verehrten Herrscher auf dem Throne seiner Väter würden begrüßen dürfen. -Und die Eifersucht, die Intrigue mußte die herrlichen Hoffnungen -zerstören, die wahrlich nicht zu voreilig gefaßt waren!</p> - -<p>Nach zweitägiger Rast in Aranda zogen wir langsam auf beiden Ufern des -Duero hinab, überall von den biedern Alt-Castilianern mit Begeisterung -empfangen, da sie damals zuerst carlistische Truppen ihre reichen Gaue -durchziehen sahen. Das festliche Geläute der Glocken tönte schon aus -der Ferne uns entgegen, und die Bewohner kamen in feierlichem Aufzuge, -die ersehnten Befreier zu begrüßen, während in den Ortschaften die -Frauen wetteifernd uns in die Häuser zogen, wo sie ihre schönsten -Leckerbissen für unsere Bewirthung zubereitet hatten. Da ward es -wohl unzweifelhaft, wie der Kern des Volkes ganz seinem rechtmäßigen -Könige ergeben war: es ist ja so schwer, seinen gesunden Verstand irre -zu leiten. Nur zwei Orte machten eine Ausnahme von dem allgemeinen -Jubel, der häufig in wilde Ausgelassenheit überging; die Besatzung des -Felsenschlosses Peñafiel empfing uns mit Kugeln, weshalb das in Aranda -errichtete Bataillon, um es an das Feuer zu gewöhnen, zu seiner Blokade -zurückgelassen wurde, und in dem Flecken Roa auf dem rechten Ufer -des Stromes herrschte bei dem Einrücken unserer<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Bataillone finstere -Stille, die grell genug gegen die Luft der ganzen Provinz abstach. -Der Besitz derselben eröffnete uns große Hülfsquellen, da sie durch -ungemeine Fruchtbarkeit, vorzüglich an Getreide, sich auszeichnet, -wogegen sie so holzarm ist, daß allgemein der Mist als Feuerung -benutzt ist, wozu ich ihn zu meinem Erstaunen sehr brauchbar fand, -indem die von ihm ausstrahlende Wärme, während er sorgfältig bedeckt -bleibt, nicht nur bei der empfindlichsten Nacht-Frische die Küche, das -gewöhnliche Versammlungszimmer der Hausbewohner, sehr wohnlich macht, -sondern auch die Speisen außerordentlich rasch und schmackhaft liefert, -ohne daß Auge oder Nase je an die Anwendung des ominösen Materials -erinnert würden.</p> - -<p>Am 15. September Abends standen wir zwei Stunden von Valladolid -entfernt. Der Generalcapitain von Alt-Castilien verließ die -Stadt während der Nacht mit 4000 Mann und sämmtlichen leichten -Geschützen, indem er 1200 Mann auserwählter Truppen mit vierzehn -schweren Geschützen in dem Fort San Benito zum Schutze der dort -befindlichen großen Magazine von Kriegesbedürfnissen und der Güter -der Compromittirten zurückließ, welche gleichfalls dorthin gerettet -waren. Der Erzbischof von Valladolid, als exaltirter Liberaler bekannt -und durch das usurpatorische Gouvernement eingesetzt, kam uns bis -Tudela entgegen und wurde ehrerbietig empfangen; ihm folgte bald -ein unendlicher Haufen Menschen, die sich um unsere kleine Schaar -neugierig drängten und die treffliche Haltung der gebräunten, mit -Narben geschmückten Krieger bewunderten, da sie die Facciosos als -wilde Ungeheuer gefürchtet hatten, denen sie kaum menschliche Gestalt -zuzuschreiben wagten. Nachdem der General der Division und dem Volke -erklärt hatte, daß jeder Insult wegen Meinungsverschiedenheit, jeder -Diebstahl über den Werth eines Real und jede Unordnung mit dem Tode -bestraft werde, rückten wir mit schmetternder Hornmusik durch die -wogende Menge in die Stadt ein, die durch blühenden Handel und als -Hauptstadt<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> der Provinz eine der bedeutendsten des Königreiches ist und -35000 Einwohner zählt. Während die Division auf dem großen Platze zur -Revue sich aufstellte, wurden einige Bataillone detachirt, das Fort zu -cerniren.</p> - -<p>Trotz der Freudenbezeugungen des Volkes war etwas Drückendes, -Ängstliches in dem Äußern der Stadt und der Bewohner nicht zu -verkennen; augenscheinlich herrschte noch Mißtrauen und Furcht unter -ihnen. Selbst die Laden waren bei unserm Einmarsche geschlossen. Wie -hatten nicht unsere Feinde gearbeitet, um die ehrlichen Castilianer, zu -denen wir bisher nie gedrungen, über uns zu täuschen, mit wie schwarzen -Farben mußten sie uns geschildert haben, um solches Vorurtheil in dem -Volke wecken zu können! Erst als die Truppen, da der Dienst vertheilt -war, nach ihren Quartieren sich zerstreuten und dort mit Rücksicht -und Schonung sich betrugen, wie die Bürger von den Christinos nie sie -erfahren, als die Soldaten so rasch das Wohlwollen ihrer Wirthe sich -erworben, während der General anstatt der gefürchteten Plünderungen -und Brandschatzungen nur das dringend Nothwendige forderte; da kehrte -das Vertrauen in die Brust der Bürger, laute Heiterkeit verbreitete -sich durch die Stadt, die glänzenden Laden entfalteten ihre Schätze den -Augen der erstaunten Gebirgssöhne, und von allen Straßen tönte bald -der Klang der Tambourine und Castagnetten, die Freiwilligen zum Tanze -mit Valladolid’s reizenden Töchtern einladend. Und als dann Zariategui -allgemeine Amnestie verkündete und Männer jeder Meinung ungefährdet -unter uns treten, selbst ihre Ansichten frei verfechten konnten, trat -wahre Liebe und Enthusiasmus an die Stelle der Besorgnisse, welche die -Erzählungen von dem Blutdurst und der Raubsucht der Carlisten und von -ihrem politischen und religiösen Fanatismus, der zu jeder Grausamkeit -sie bereit mache, wohl hatten aufregen müssen. Da erschienen auch viele -Beamte und frühere Officiere Ferdinands VII., ja Isabella’s, -endlich gar einige, die gegen uns unter den Waffen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> gestanden und -spät erst aus den Reihen unserer Feinde geschieden waren; in ihren -glänzenden Uniformen und die Christinos-Mütze auf dem Kopfe, mischten -sie sich unbesorgt unter uns und wurden von den Freiwilligen mit mehr -Ehrfurcht noch, als die eigenen Officiere derselben begrüßt, welche in -ihrer Einfachheit seltsam gegen jenen Glanz abstachen. Mehrere solche -alte Officiere, da sie unsern Triumph entschieden glaubten, boten ihre -Dienste an.</p> - -<p>Es wäre Tollheit gewesen, wenn wir mit den Mitteln, die uns zu Gebote -standen, an die förmliche Belagerung eines Forts hätten denken wollen, -zu dessen Vertheidigung vierzehn schwere Geschütze aufgestellt waren. -Es ward endlich beschlossen, San Benito durch eine Mine anzugreifen, -die sofort in einem Stalle begonnen wurde und, gegen die Sakristei des -Klosters, die als Pulvermagazin diente, gerichtet, rasch vorschritt, -während an verschiedenen andern Punkten, die Besatzung zu täuschen, -mit vielem Lärm ähnliche Arbeiten angestellt wurden. Da der Feind -sich jedoch sonst unbelästigt sah, hielt er sich vollkommen ruhig, -und bald hatten sich zwischen ihm und unsern Wachen freundschaftliche -Gespräche angeknüpft, so daß in der Nacht ein förmlicher Tauschhandel -etablirt ward, indem die Freiwilligen den feindlichen Soldaten frisches -Fleisch und Gemüse brachten und dafür von ihnen neue Gewehre der -National-Gardisten für alte oder beschädigte erhielten. In Folge dessen -untersagte Zariategui am folgenden Tage, daß irgend Jemand dem Fort -sich nähere, aus dem einige Soldaten, mit Lebensgefahr von den Mauern -sich herablassend, zu uns übergingen.</p> - -<p>Die Mine ward so thätig betrieben, daß sie in zwei Tagen bis unter die -Sakristei hätte poussirt werden können, der Besatzung die Alternative -augenblicklicher Ergebung oder der Vernichtung lassend, als Zariategui -mit ihr eine Capitulation abschloß, kraft deren sie, wenn innerhalb -zehn Tagen kein Entsatz nahte, sich kriegsgefangen ergeben würde. -Gewiß war es ein<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> großer Fehler des Generals, daß er in jener Lage -der Dinge zu ähnlicher Capitulation seine Zustimmung gab; aber die -feindlichen Anführer zeigten sich erbärmlich schwach und feige, da sie -mit solchen Vertheidigungsmitteln und an Nichts Mangel leidend die Zeit -der Übergabe fixiren konnten, ohne nur einen Schuß zu thun. Viel mochte -zu diesem Entschlusse die Mine beitragen, deren Vorschritt im Fort -wohl erkannt war, da die Einstellung jeder Arbeit zur ersten Bedingung -gemacht wurde; weit mehr aber die moralische Schwäche und Entmuthigung, -die damals unsere Gegner ergriffen hatte. Wie die feindlichen Truppen -den Widerstand schon für unnütz hielten und überall ohne Schwerdtstrich -wichen, wie das Volk sich nicht mehr scheute, frei seine Sympathie zu -erklären, da es die Herrschaft der Carlisten stabil in der Provinz -glaubte, weil es für den Augenblick sie unbestritten sah, so fing auch -Zariategui an, sich für unbesiegbar, unangreifbar zu halten und war, -durch seine bisherigen Erfolge aufgeblasen, überzeugt, daß Niemand -wage, im ruhigen Besitze des Genommenen ihn zu stören.</p> - -<p>Kleine Detachements wurden durch die Provinzen Palencia, Leon, Zamora -und Salamanca entsendet, und Brigadier Iturbe besetzte mit seiner -Brigade die alte Stadt Toro am Duero, während die neu gebildeten -Bataillone das ganze Duero-Thal und den Gebirgszug zwischen Burgos und -Soria beherrschten. In Valladolid aber strömte von allen Seiten die -junge Mannschaft herbei, um unter dem Banner ihres rechtmäßigen Königes -zu kämpfen, zum Theil Pferde mit sich bringend oder Gewehre, die sie -den National-Gardisten der Heimath entrissen; selbst von diesen kamen -mehrere freiwillig, ihre Waffen einzuliefern, da ja nun Widerstand -unnütz sei. So konnten in wenigen Tagen drei starke Bataillone — -von Valladolid genannt — errichtet werden, wiewohl auf besondern -Befehl des Generals jedem Rekruten vorgestellt wurde, daß der Krieg -noch lange nicht beendigt sei und viele Opfer und Mühseligkeiten -erheischen<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> werde, weshalb, wer nicht bereit sei und sich für fähig -halte, das Schwerste für Carl V. mit Freudigkeit zu ertragen, -zurücktreten möge, da es noch Zeit sei. Und diese braven Bataillone -haben sich herrlich bewährt, da sie im folgenden Jahre, hülflos gegen -Elemente und Feindesüberlegenheit ankämpfend, alle Beschwerden mit -heroischer Standhaftigkeit ertrugen und dann, unter dem Drucke der -Gefangenschaft erliegend, durch keine Lockung oder Drohung noch durch -die Qualen, die bis zum Hungertode die Grausamkeit der Christinos über -sie verschwendete, zur Verletzung des Eides der Treue sich hinreißen -ließen, den sie in besserer Zeit ihrem Könige geleistet hatten.</p> - -<p>Der Charakter des Alt-Castilianers,<a name="FNAnker_33_33" id="FNAnker_33_33"></a><a href="#Fussnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> dieses Kernes der aus so vielen -heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzten spanischen Nation, wird -am Meisten dem der Basken sich nähern, wenn die Verschiedenheiten -berücksichtigt werden, die Lage und politische Verhältnisse nothwendig -erzeugen mußten; doch sind die Castilianer vor ihnen durch einen -Grundzug von herzlichem Wohlwollen und Gutmüthigkeit ausgezeichnet, -mit dem ihr ganzes Wesen durchwebt ist. Wenn die Basken stolz auf -ihre Vorrechte hohen Unabhängigkeitssinn entwickeln, herrscht hier -tiefe, unerschütterliche Ergebenheit für Alles, was ihre Voreltern -als geheiligt ihnen überliefert haben, und der Scharfsinn, den -in Jenen ihre Isolirung und eigenthümlichen Verhältnisse, der -Speculations-Geist, den die Lage am Meere und zwischen Spanien und -Frankreich in Verbindung mit den Privilegien hervorrief, sind durch -innige Religiösität und Loyalität wohl mehr als ersetzt. Den wackern -Bauern einiger Distrikte unseres norddeutschen Vaterlandes möchte ich -die Alt-Castilianer gleich stellen.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> Der Bewohner Neu-Castiliens ist -in mancher Hinsicht verschieden und nähert sich mehr seinen südlichen -und westlichen Nachbarn: er ist schlauer, weniger gewissenhaft in Wort -und That, vor Allem unendlich viel selbstischer. Der Alt-Castilianer -aber, langsam, ehe er sich entschließt, ist unerschütterlich, wenn er -das Rechte erkannt, treu, treuherzig und offen, vertrauend, weil er -Vertrauen verdient, wenig den Neuerungen geneigt, plump, aber einfach -und gastfrei. Wahre Biederkeit ist die Grundlage alles seines Thuns -und giebt selbst der äußern Haltung einen edlen, anziehenden Ausdruck. -Als Soldat ist er leicht disciplinirt, ausdauernd, gehorsam und folgt -dem Chef, der seine Zuneigung zu erwerben gewußt hat, mit Freudigkeit -durch alle Drangsale und zu jeder Gefahr; die heldenmüthige Eroberung -des Castells von Morella, deren ich später erwähnen werde, ist ein -glänzendes Beispiel von Dem, was der Alt-Castilianer vermag, wenn er -gut geleitet ist. Sein hauptsächlicher Fehler besteht in der Heftigkeit -und der unbezähmbaren Streitsucht, so wie er beleidigt, sein Stolz -verletzt wird, auch ist er allgemein unwissend und abergläubisch; -Mängel, deren Schwinden leider nur zu oft so manche jener herrlichen -Eigenschaften mit verwischt, ohne durch angemessene Vorzüge sie zu -ersetzen.</p> - -<p class="mtop2">Der Alt-Castilianer ist der unveränderte Nachkomme der alten Hesperier, -wie Griechen und Römer so bewunderns- und liebenswürdig in ihrer -ursprünglichen Einfachheit sie uns schildern; er ragt hoch über -alle andern Spanier hervor, wie er mehr als die meisten von fremder -Mischung rein sich erhielt. Der Baske, dann der Navarrese, ein hartes -Geschlecht, folgen ihm am nächsten, wogegen Andalusier und Valencianer -am tiefsten in moralischer, die Bewohner einiger Distrikte der Mancha -in intellektueller Beziehung stehen, in der nur die Estremeños, von -unendlicher Natürlichkeit und Herzensgüte, aber ganz vernachlässigt -und roh — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los indios de la nacion</span> genannt<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> — den Rang ihnen -streitig machen würden, wenn von Aufklärung und Cultur herstammende -Intelligenz entscheidet.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Tag auf Tag schwand hin unter Jubel und Festen, Bällen und Theater; die -Valladolider hatten sich gewöhnt, uns als werthe Gäste anzusehen, und -behandelten uns zum großen Ärgerniß der verstockten Ultra-Liberalen, -die finster und spähend durch das Getümmel hinschlichen, täglich -mit mehr Zuneigung und Herzlichkeit. Doch mochten wohl die Damen in -unsern Officieren die zarte Sentimentalität und die unwiderstehlich -liebenswürdige Galanterie jener christinoschen Officiere vermissen, die -so fein mit ihnen zu seufzen und von den Abentheuern des Krieges zu -erzählen wußten, den — die bleichen Züge bekräftigten es hinreichend -— ihre zerrüttete Gesundheit sie zu meiden genöthigt hatte. Alle -großen Städte wimmelten damals von solchen Officieren, die unter -tausend Vorwänden ihre Regimenter verlassen hatten, um ungestört dem -Vergnügen sich hingeben zu können. Und wie hätten auch unsere kräftigen -Officiere jene gerühmten Künste sich aneignen mögen; sie, die seit -Jahren im wilden Gebirgskampfe sich umhergetummelt, deren liebste Musik -das Pfeifen der Kugeln, deren Bett der Felsboden des Bivouacs war, und -von denen Viele die Epaulette lediglich der Bravour und Ergebenheit -verdankten!</p> - -<p>Während wir so in gedankenloser Lust die Tage vergeudeten, stand nicht -fern von uns der Ausgang des langen blutigen Krieges auf dem Spiele: -die königliche Expedition bedrohete die Hauptstadt Spaniens und... -Zariategui ruhete auf seinen Lorbeeren in den Delicien von Valladolid. -So lautet die schwerste Anklage, welche gegen diesen General erhoben -ist. Hätte er, behaupteten die Tadler, nach dem Einzuge in Aranda de -Duero statt gen Westen nach dem Königreiche Leon ohne Zaudern die große -Heerstraße hinab auf Madrid seinen Marsch gerichtet, so<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> würde er zu -rechter Zeit angelangt sein, um mit dem Corps Sr. Majestät combinirt -zu operiren; er würde so die Unentschlossenheit der Führer desselben -und damit den Krieg beendet haben. — Zariategui, es ist wahr, hat in -den Tagen seines höchsten Glanzes nicht die Umsicht, noch weniger die -Energie entfaltet, durch die allein die Benutzung und vor Allem die -Behauptung der errungenen Vortheile gesichert werden konnte; er hat -in Valladolid kostbare Zeit verloren, ohne Verhältnißmäßiges zu thun. -Ohne Zweifel ward jedoch der Aufenthalt der Division in Alt-Castilien -durch die erhaltenen Instructionen in der Absicht angeordnet, durch -sie einen Theil der die königliche Expedition beobachtenden Massen -abzuziehen und ihr so freiere Hand für die Operationen auf Madrid zu -lassen, wie denn die Wiederaufnahme der Offensive mit dem Vormarsche -des Königs von Aragon aus genau zusammenfällt. Und abgesehen von den -Instructionen ist es klar, daß wir, mit höchster Eile die Division -Puig Samper verfolgend, um mehrere Tage zu spät angelangt wären, wenn -nicht etwa gefordert wird, daß wir jene uns mehr als doppelt überlegene -Division in Aranda unbeachtet ließen, um uns, von ihr im Rücken -verfolgt, zwischen sie und das Heer Espartero’s einzuzwängen, was -natürlich die nutzlose Vernichtung des Corps zur unmittelbaren Folge -haben mußte. Der 12. September 1837, wie ein scharfsinniger Beobachter, -der als Augenzeuge und vermöge seiner Stellung im Generalstabe des -königlichen Expeditions-Corps zu gründlichem Urtheile befähigt ist, der -Brigade-General B. von Rahden, es ausspricht, der 12. September war -der Wendepunct; an jenem Tage lag die Entscheidung des Krieges in der -Hand der carlistischen Feldherrn. Da der günstige Augenblick unbenutzt -entflohen, konnte auch Zariategui’s Ankunft ihn nicht zurückschaffen.</p> - -<p>Es bleibt deßhalb nicht weniger wahr, daß unser Anführer in sträflicher -Indolenz die Zeit verlor, die unter solchen Umständen doppelt kostbar -geworden war: während der acht Tage, die<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> wir üppig in Valladolid -zubrachten, ohne auch nur einen Soldaten zur Beobachtung uns gegenüber -zu haben, hätten wir Vieles thun können. Die außerordentlichen -Erfolge hatten Zariategui geblendet: vom Volke angebetet, von den -Behörden als unüberwindlicher Sieger gepriesen und täglich neue -Glück verkündende Nachrichten empfangend, wies er die Warnungen -einzelner Officiere, besonders Elio’s, als unzeitige Ängstlichkeit -zurück und vernachlässigte im sorglosen Genusse der Gegenwart die -allernothwendigsten Vorsichtsmaßregeln.</p> - -<p>Schon am 23. September verbreiteten sich in der Stadt Gerüchte über -die Annäherung feindlicher Truppen; am 24. Morgens, da eine Deputation -des Ayuntamiento wegen erlassener Contribution dem General zu danken -kam, theilte sie ihm die eben erhaltene Nachricht mit, daß eine starke -Division der Nordarmee über Burgos auf Palencia marschirt sei, um -Valladolid anzugreifen. Zariategui erklärte Alles für Erfindung von -Übelwollenden und fügte hinzu, die Stadt könne in dem Vertrauen leben, -daß es keinem Feinde einfallen würde, den Angriff zu wagen.</p> - -<p>Gemüthlich saß ich in meinem reichen Logis, die Zeit des Diner -erwartend, als der unheilvolle Generalmarsch<a name="FNAnker_34_34" id="FNAnker_34_34"></a><a href="#Fussnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> wild durch die -Straßen ertönte. Während der Bediente das Pferd sattelte, flog ich -hinaus, Nachrichten einzuziehen: eine Cavallerie-Patrouille, die Elio -besorgt auf Palencia abgesendet, hatte die feindliche Avantgarde kaum -eine Stunde von der Stadt angetroffen, während zugleich die Botschaft -anlangte, daß Generallieutenant Baron Carandolet in forcirten Märschen -und dem Vortrabe auf dem Fuße folgend, 9000 Mann und mehrere Geschütze -auf beiden Ufern der Pisuerga heranführe. In den<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> Straßen flog Alles -in wildem Treiben durch einander. Die Soldaten eilten den bestimmten -Sammelplätzen zu, Officiere liefen ordnend hin und her, und die Bagage -zog in langen Reihen dem südlichen Thore zu, während die Bürger mit -finster besorgten Mienen dastanden und manches niedliche Mädchen bleich -und mit Thränen dem Krieger nachsah, den die Pflicht aus ihren Armen -auf das Schlachtfeld riß. Ich traf Elio schon zu Pferde, und rasch -ritten wir an der Spitze der Escadron 1. von Navarra dem Kampfplatze -zu, von dem lebhaftes Flintenfeuer herüberschallte.</p> - -<p>Die Bataillone Valencia und 7. von Navarra waren die ersten, welche -dem andringenden Feinde sich hatten entgegenwerfen können. Sie thaten -es mit solchem Nachdrucke, daß sie die vordersten Bataillone der -Christinos warfen und zerstreuten, worauf Navarra, der alten Gewohnheit -treu, sich ganz auflösete, die Gefangenen zu plündern. Eine feindliche -Escadron, die hinter einer Mauer versteckt gewesen war, brach hervor -und säbelte die Plündernden nieder, als Elio mit der Cavallerie -erschien und sie sofort dem Bataillon zu Hülfe führte; die feindliche -Escadron wandte sich gegen uns. Fest kam sie unserer Charge entgegen, -der Augenblick des Zusammenstoßens war da: beide Escadronen parirten -und standen, mit den Lanzen fast sich berührend, unbeweglich. Finster -und lautlos starrten die Krieger sich an; Niemand konnte fliehen, -Niemand mochte zuerst auf die feste Masse der Gegner sich werfen. Da -tönte aus den feindlichen Reihen drei Mal und jedes Mal lauter der Ruf: -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span>! Wir befahlen ihnen, die Waffen zur Erde zu werfen, -aber sie blieben bewegungslos, wie zuvor die Lanzen eingelegt. Eine -neue Pause, noch beklemmender, noch majestätischer, folgte. Plötzlich -stürzte ein Officier mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto</span> auf den -feindlichen Oberstlieutenant, der wie ein Braver seinen Leuten um eine -halbe Pferdeslänge voraus war, und streckte ihn durchbohrt zur Erde; -eine Sekunde später hatten die Navarresen<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> die Feinde durchbrochen, -vierzig Mann todt und verwundet niedergeworfen und eben so viele Pferde -genommen.</p> - -<p>Die Bataillone von Vizcaya und Castilien waren mit der Cavallerie -in die Gefechtslinie eingerückt, während 1. von Navarra, um die -Garnison des Forts San Benito in Zaum zu halten, in der Stadt blieb -und die Rekruten-Bataillone mit der Artillerie und Bagage hinter ihr -sich aufstellten. Guipuzcoa war noch nicht von Toro zurückgekehrt. -Wir hatten die Action außerordentlich vortheilhaft begonnen und der -Christinos avancirte Bataillone auf das Hauptcorps zurückgedrängt, mit -dem schon ein lebhaftes Tirailleur-Feuer engagirt war. Die Truppen, -längst schon erprobt, waren von hohem Enthusiasmus beseelt, so daß ich -nicht zweifele, wie die von Zambrana, würde auch diese Überraschung -trotz der Überlegenheit des Feindes glorreich für uns geendet haben. -Aber es hatten in Valladolid viele alte Officiere sich der Division -angeschlossen und waren gut aufgenommen; mehrere befanden sich jetzt -um den General. Nicht mehr an das Zischen der Kugeln gewohnt und -noch weniger bekannt mit dem Geiste unserer Freiwilligen, riethen -sie ängstlich dem General zum Rückzuge, ihm vorstellend, daß hinter -der Front ein Fluß sich befinde, der im Falle einer Niederlage die -Vernichtung des Corps nach sich ziehen müsse. Zariategui, des Terrains -nicht kundig, brach das Gefecht ab, und langsam zogen wir seitwärts der -Stadt uns zurück, indem Valencia<a name="FNAnker_35_35" id="FNAnker_35_35"></a><a href="#Fussnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> die Nachhut übernahm.</p> - -<p>Carandolet hatte während der Action nicht von seiner zahlreichen -Artillerie Gebrauch machen können, da wir theils seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Truppen -unmittelbar nahe standen, theils durch das Terrain, dem Geschützfeuer -ungünstig, gedeckt wurden; so wie wir aber den Rückzug angetreten, -schütteten seine Geschütze mit schrecklicher Präcision ihre Kugeln -und Granaten über uns aus und verursachten uns bedeutenden Verlust. -Eine der ersten Granaten sprang dicht neben dem General, tödtete einen -Burschen, verwundete mich am rechten Ellenbogen und streckte meinen -herrlichen Goldfuchs mit zerschmettertem Kopfe todt nieder. Ich bestieg -ein bei unserer Charge genommenes Officierpferd. Das Bataillon von -Valencia litt vor Allem durch dieses Feuer, und eine Kanonenkugel, die -ganze Masse durchschlagend, tödtete und verwundete ihm drei und zwanzig -Mann, indem sie dem Ersten Schädel und Barett, dem Letzten, einem -Officier, die Hand mit dem Degen fortriß. Unser Verlust bestand in -etwa zwei hundert und dreißig Todten und Verwundeten; doch hatten wir -einige vierzig Pferde erbeutet und 32 Gefangene gemacht. Nachdem das 1. -Bataillon von Navarra und am Abend auch die Brigade Guipuzcoa zu uns -gestoßen war, übernachteten wir in Tudela, zwei Stunden von Valladolid.</p> - -<p>Als wir die Esgueva, den gefürchteten Fluß, überschritten, fanden -wir einen unbedeutenden Bach, der nicht zwei Fuß hohes Wasser hatte. -Zariategui war außer sich, da er nun erkannte, wie die Ängstlichkeit -jener Ankömmlinge, auf deren Abmahnung er schwach gehört hatte, die -Gelegenheit zu neuem herrlichem Siege ihn hatte ungenutzt vorübergehen -lassen. Er beschloß am Morgen wieder gegen Valladolid zu ziehen und -in ihr den Feind anzugreifen, wenn er nicht zum Kampfe uns entgegen -käme; in der That defilirten beim ersten Strahl der Morgenröthe die -Bataillone auf dem Wege nach der geräumten Stadt. Da langte ein Bauer -an und überreichte dem General einige Papiere. Seine Stirn verfinsterte -sich, da er die Depeschen las, er ordnete den Contre-Marsch an und -schlug schweigend an der Spitze der Division den Weg nach Aranda de -Duero ein. Der Unglücksbote<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> hatte die Meldung von dem Rückzuge des -königlichen Expeditions-Corps auf die Sierra von Soria nebst der Ordre -gebracht, in engere Verbindung mit demselben zu treten.</p> - -<p>Wenn auch unwillig, den gehofften Angriff nicht ausgeführt zu sehen, -zogen die Truppen doch gutes Muthes das Duero-Thal hinauf, da sie -vertrauten, mit den Divisionen des Königs vereinigt, alsbald wieder -kräftig die Offensive zu ergreifen. Unser Corps war nie auf so -glänzendem Fuße gewesen, da unsere alten Truppen durch Disciplin und -Bravour gleich sehr als Kerntruppen sich bewährten, die jungen aber -auf acht starke Bataillone, über 6000 Mann, gebracht waren, und alle -gleiche Begeisterung und Kampfbegier zeigten. Wir zogen das Bataillon -an uns, welches zur Blokade von Peñafiel geblieben war und in seinem -ersten Gefechte gut sich hielt, da es einen Ausfall der Garnison, aus -zwei Compagnien Peseteros<a name="FNAnker_36_36" id="FNAnker_36_36"></a><a href="#Fussnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> bestehend, mit Verlust zurückwies. Auf -beiden Seiten des Flusses naheten wir Aranda, wohin ich ungeduldig mich -sehnte, da meine Wunde, die den Knochen bedeutend verletzt hatte, wenn -sie noch nicht an Bewegung mich hinderte, doch stündlich peinigender -wurde, während ich, von dort aus ein Hospital oder einen gesicherten -Ort erreichend, durch Ruhe in kurzer Zeit wieder kampffähig zu sein -hoffte.</p> - -<p>Das 5. Bataillon von Castilien überschritt die Brücke, welche vom -linken Ufer des Flusses nach Aranda führt, als hinter ihm die Tete -einer starken feindlichen Colonne erschien und sofort im Sturmschritt -auf die Brücke drang. Es war die Division des Generals Lorenzo, die -7500 Mann und 500 Pferde stark, von Espartero abgesandt war, um uns -in der Besetzung von Aranda zuvorzukommen und die Vereinigung mit dem -Corps des Königs<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> zu verhindern; eine Viertelstunde später hätten wir -die Stadt im Besitze des Feindes gefunden. Noboa besetzte mit seiner -Brigade die Häuser, welche in geringer Entfernung von der Brücke -einen Halbkreis bilden, dessen beide Enden an den Fluß sich lehnen, -und eröffnete von dort ein mörderisch concentrisches Feuer auf die -Sturm-Colonne des Feindes. Sehr brav drang sie bis zu der Mitte der -Brücke vor, und ward, da sie dann wich, sogleich durch eine zweite -ersetzt, die ebenfalls die Brücke betrat, dann aber, da von den -Fenstern herab die Kugeln auf sie regneten, in Unordnung zurückfloh. -Zariategui und Elio langten mit dem Stabe an, und die Bataillone -eilten im Lauftritt herzu, während Lorenzo zwei Kanonen etwa funfzig -Schritt vor der Brücke abprotzen und ein lebhaftes Kartätschen-Feuer -gegen die Häuser beginnen ließ. Da befahl der General zum Angriff zu -schreiten. Valencia sollte zur Rechten, wo eine Wehr den Übergang zu -erleichtern versprach, den Fluß passiren und den Feind in der Flanke -angreifen, während Castilla und Guipuzcoa über die Brücke vordrängen. -Unter heftigem Feuer und das Wasser bis zur Brust erreichte Valencia -das andere Ufer und formirte sich dort zur Angriffs-Colonne, Castilien -aber wich auf der Mitte der Brücke dem doppelten Feuer der Geschütze -und der Infanterie, riß Guipuzcoa mit sich zurück und gab so das -brave Valencia isolirt dem Andrange der Feinde Preis. Ehe noch der -General mit Zornesflammen sprühenden Augen seinem Gefolge das Wort -„Freiwillige!“ zugerufen, stürzte ich mit andern zwei Officieren -vorwärts, wo schon die Chefs von Castilien zu neuem Sturme die Truppen -ordneten. Ohne zu wanken, folgten nun die Bataillone den Führern und -debouchirten am andern Ufer, auf dem auch Valencia im Sturmschritt -vorrückte. Die Feinde flohen in Unordnung und verließen ihre Kanonen; -schon waren wir wenige Schritte von den ersehnten Trophäen entfernt, -als zwei Artilleristen mit herrlicher Todesverachtung zurückstürzten, -unter furchtbarem Kugelregen die<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Geschütze einhängten und, auf die -Maulthiere<a name="FNAnker_37_37" id="FNAnker_37_37"></a><a href="#Fussnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> sich schwingend, sie uns entrissen, da wir fast mit den -Bajonnetten sie berührten. Ehre den Braven, wo sie sich finden mögen! -Die That jener beiden Männer, wie sie die Einzigen unter dem Pfeifen -zahlloser Kugeln und im Bereiche unserer Bajonnette unerschrocken ihre -Pflicht erfüllten, nöthigte mir die höchste Bewunderung ab.</p> - -<p>Lorenzo nahm die weichenden Bataillone mit der Reserve auf und drang -noch ein Mal umsonst vor, worauf er langsam und in Ordnung, bald durch -seine Cavallerie gedeckt, den Rückzug <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">en échelons</span> antrat, von -unsern Tirailleurs eine Stunde weit mit Nachdruck verfolgt; eine -Escadron des königlichen Expeditions-Corps, die während des Gefechtes -zu uns gestoßen war, schloß sich dabei uns an. Bei unserer Rückkehr -nach Aranda fanden wir die Divisionen Sr. Majestät dort.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_32_32" id="Fussnote_32_32"></a><a href="#FNAnker_32_32"><span class="label">[32]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caballero</span> entspricht dem <span class="antiqua" xml:lang="en" lang="en">true gentleman</span> der -Engländer.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_33_33" id="Fussnote_33_33"></a><a href="#FNAnker_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Die Bewohner des Königreiches Leon werden in Spanien -stets als Alt-Castilianer betrachtet, denen sie in jeder Beziehung ganz -gleich stehen. Sie selbst kennen nur den Namen Castilianer für sich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_34_34" id="Fussnote_34_34"></a><a href="#FNAnker_34_34"><span class="label">[34]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la generala</span> wird nur geschlagen, wenn der Feind -vor den Thoren steht, daher bei Überfällen u. s. w.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_35_35" id="Fussnote_35_35"></a><a href="#FNAnker_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Dieses Bataillon zeichnete sich während der ganzen -Expedition besonders aus; es ward durch treffliche Officiere befehligt, -und die ursprünglichen Valencianer waren nach und nach durch Aragonesen -und Castilianer ersetzt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_36_36" id="Fussnote_36_36"></a><a href="#FNAnker_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Freicorps, so genannt, weil sie eine <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">peseta</span> — -vier Realen — Sold erhielten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_37_37" id="Fussnote_37_37"></a><a href="#FNAnker_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Die spanische Artillerie ist durchgängig mit schönen -Maulthieren bespannt, die vor den Pferden durch Ausdauer hervorstechen.</p></div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier11" name="zier11"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 11" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XII">XII.</h2> - -</div> - -<p>Während Espartero von San Sebastian aus die Linien von Hernani und -Irun zerstörte, verließ Carl V. Navarra an der Spitze von 18 -Bataillonen und 3 Regimentern Cavallerie, 11000 Mann Infanterie und -1200 Pferde. Die Expeditionen des vergangenen Jahres, so wenig sie der -Sache genützt, hatten doch die Hoffnung nicht niederschlagen können, -daß durch solche Züge endlich große Resultate erlangt würden; der -Geist des Volkes hatte sich allgemein nicht feindlich gezeigt, manche -Erfolge waren erfochten, andere nur durch Schwäche eingebüßt. So sollte -denn nun ein kraftvoller Versuch gemacht werden, um in das Innere des -Königreiches vorzudringen und im Vereine mit den königlichen Armeen -Westspaniens durch die Eroberung von Castilien den Krieg zu beenden.</p> - -<p>Am 19. Mai passirte das Heer den Fluß Aragon und zog in langsamen -Märschen nach Westen hin, während General Iribarren, der mit 12000 -Mann zu seiner Verfolgung eilte, von Tafalla aus nördlich dem Ebro -ihm parallel zog. Am 24. zog es in die bedeutende Stadt Huesca ein; -noch waren die Truppen in den Straßen aufgestellt, als schon Granaten -über ihnen platzten. Kaum konnten die ersten Bataillone eine Stellung -vor der Stadt einnehmen und den Andrang des Feindes bis zum Ausrücken -ihrer Gefährten zurückhalten; da endlich der Kampf allgemein wurde, -sah sich Iribarren, der seine Divisionen zum Angriff führte, bald zum -Weichen genöthigt. Umsonst schlug sich die Fremdenlegion mit ihrer -gewohnten Todesverachtung, umsonst führte der Brigadier D. Diego Leon, -der vorzüglichste Cavallerie-Anführer der Christinos, seine Escadronen -zu verzweifelter Charge; seine Cuirassiere und Carabiniere der Garde -wurden<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> zersprengt, er selbst fiel im wilden Getümmel, Iribarren ward -schwer verwundet, seine Massen durchbrochen und zum Rückzuge gezwungen, -den sie unbelästigt ausführten. Er starb wenige Tage nachher an seinen -Wunden.</p> - -<p>Glänzend hatte auch diese Expedition begonnen, die, dem Namen nach -durch den Infanten D. Sebastian befehligt, vom General Moreno, dem Chef -des Generalstabes, geleitet wurde, der, durch langjährige Erfahrung -als Strategiker ausgezeichnet, nicht immer angesichts des Feindes -die nöthige Entschlossenheit und Schnelle im Handeln entwickelte. -Er zog am 27. Mai nach Barbastro, wo er abermals unthätig stehen -blieb, während Oráa von Nieder-Aragon herzueilte und die geschlagene -Division Iribarren aufnahm, mit der auch Buerens, 3000 Mann stark, -sich vereinigt hatte. Am 2. Juni griff er die carlistische Armee bei -Barbastro an und ward nach hartnäckigem Kampfe zurückgeschlagen; die -französische Fremdenlegion, die dem carlistischen Fremdenbataillone -gegenübergestanden und auch hier ihre deutsche Bravour nicht verleugnet -hatte, wurde ganz vernichtet, und ihr Commandeur, der Brigadier Conrad, -da er seine weichenden Tirailleurs vorwärts führte, gefährlich am Kopfe -verwundet, starb nach wenigen Tagen.</p> - -<p>Der Mangel an Energie, der später der kleinen Armee und der Sache, -für die sie focht, so verderblich werden sollte, äußerte jetzt schon -seine unheilvolle Einwirkung. Die Truppen waren nach dem Siege ruhig -nach Barbastro zurückgekehrt und brachen erst am 4. Abends nach dem -kaum eine Stunde entfernten Cinca auf, wo sie, kaum glaublich, nicht -die geringsten Vorbereitungen für den Übergang getroffen fanden, da -doch das Corps acht volle Tage in Barbastro gestanden hatte. Das -Hauptquartier war von zahllosen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojalateros</span><a name="FNAnker_38_38" id="FNAnker_38_38"></a><a href="#Fussnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, Officieren und -Angestellten, die<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> essen wollten, ohne zu arbeiten und der Gefahr sich -auszusetzen, begleitet, und Jeder von ihnen führte eine enorme Bagage -mit sich; so mußten die Bataillone auf dem rechten Ufer campiren, -während alle jene Leute, die zahlreichen Munitions- und Bagage-Convoys, -die Verwundeten und die Nicht-Combattanten in den einzigen zwei Kähnen -über den Fluß geschafft wurden. Erst am Morgen, da schon das Heer -Oráa’s nahete, konnte der Transport der Truppen beginnen: das herrliche -4te Bataillon von Castilien, welches die Nachhut bildete, befand sich -allein auf dem jenseitigen Ufer, als die Massen des Feindes erschienen -und sofort von allen Seiten es bestürmten; nach verzweifeltem -Widerstande wurde es zersprengt und unter den Augen ihrer Cameraden, -die ihnen nicht Hülfe bringen konnten, theils in den Fluß geworfen, -theils gefangen.</p> - -<p>Die Armee drang nach diesem Unglückstage in Catalonien ein und -vereinigte sich mit den dort gebildeten Banden, ohne irgend Nutzen -von ihnen ziehen zu können, da gänzlicher Mangel an Organisation und -Disciplin zu aller geregelter Kriegführung sie untüchtig machte. Der -feindliche General-Capitain des Fürstenthums, Baron de Meer, rückte von -Lerida nach Balaguer vor und griff, nachdem Oráa, durch die Brigade -Iriarte von Espartero um 4000 Mann verstärkt, zur Bekämpfung Cabrera’s -nach Unter-Aragon hatte zurückkehren müssen, das Expeditions-Corps -bei Guisona am 13. Juni an; die Flucht der catalonischen Truppen, die -dem ersten Stoße der Christinos wichen, hätte fast den Untergang der -Armee nach sich gezogen. Nach einem Verluste von 1000 Mann an Todten -und Verwundeten und 150 Gefangenen erkämpfte die Entschlossenheit -einiger Chefs und die Festigkeit der alten Bataillone kaum einen -geordneten Rückzug. Da zeichnete ein Deutscher, der junge Brigadier -Fürst Lichnowsky, glänzend sich aus, indem er im kritischen Augenblicke -an der Spitze der Cavallerie mit Erfolg chargirte und der Erste in -die feindlichen Lanciers einhieb. Mein<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> armer Freund, Bernhard von -Plessen, mit dem im Vaterlande, da wir Einem Bataillone angehörten, die -Bande enger Cameradschaft schon mich umfaßten, starb bei Guisona den -Heldentod, da er, Capitain der Artillerie, freiwillig den vorgehenden -Bataillonen sich angeschlossen; eine Kanonenkugel streckte ihn todt -nieder.</p> - -<p>Der König zog am 15. Juni nach Solsona und von dort am 19. auf Berga, -welches der Oberst Osorio, von den Cataloniern gänzlich geschlagen und -durch General Royo in die Festung eingeschlossen, während der Nacht -mit 800 Mann und zwei Geschützen räumte. In dem Heere ward indessen -außerordentlicher Mangel fühlbar, da die rauhen Hochgebirge für solche -Colonnen die nöthigen Subsistenzmittel nicht liefern konnten, und -die wenigen vorhandenen Ressourcen durch die jämmerliche Verwaltung -der carlistischen Bandenanführer eher vernichtet als weise benutzt -wurden. So trat endlich wahre Hungersnoth ein: die Soldaten, in öden -Schluchten campirend, blieben drei und vier Tage lang ohne Ration und -auf unreife Früchte beschränkt, die sich nur mehrere Stunden entfernt -fanden und durch Zerkochen genießbar werden mußten; wer aber von seinem -Bataillone getrennt getroffen wurde, duldete harte Strafe. Für ein Brot -zahlten die Officiere zwei, drei Piaster, für ein Papier-Cigarrchen -eine Peseta. Und wenn ein Freiwilliger, von der Verzweiflung des -nagenden Hungers getrieben, selbst die drohende Todesstrafe nicht -achtend, in einem Landhause etwas Nährendes zu suchen ging, trieben -ihn nicht selten die wilden Gebirgsbewohner, die Alles sich genommen -sahen, mit Kugeln von den Häusern zurück, und blutige Kämpfe entspannen -sich. Unter den Navarresen, leicht zu Unordnungen gebracht, nahm die -Unzufriedenheit immer mehr drohenden Ton an, während Castilianer und -Basken schweigend, bis sie entkräftet hinsanken, das Ungemach zu -ertragen wußten.</p> - -<p>Endlich zog unter allgemeinem Jubel die Armee gen Süden<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> dem Ebro -zu, dessen Übergang, von Cabrera thätig vorbereitet, am 29. Juni bei -Cherta im Norden von Tortosa bewerkstelligt wurde. Die feindliche -Colonne, welche die Vereinigung hindern sollte, langte auf dem Ufer -an, als die letzten Truppen auf der Mitte des Stromes sich befanden, -und machte ihrer ohnmächtigen Wuth durch ein zweckloses Geschützfeuer -Luft. Nachdem die ausgehungerten Soldaten in dem reichen Ebro-Thale, -wo Cabrera große Vorräthe für sie angehäuft hatte, sich erholt hatten, -wandte sich Moreno, durch die Division jenes Generals verstärkt, -nach dem Königreiche Valencia, während Oráa, der von Alcañiz aus sie -beobachtete, über Teruel dem Marsche der Carlisten folgte, um von -dort der bedroheten Provinz zu Hülfe eilen. Die herrliche Huerta -von Valencia wurde besetzt und Castellon de la Plana am 8. Juli -eingeschlossen, der Angriff <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive force</span> aber zurückgewiesen; -am 10., da Oráa noch mehrere Märsche weit entfernt war, stand die -Armee im Angesichte des vielthürmigen Valencia, welches, nur von -einer Mauer umgeben und bis auf die Nationalgarden fast ganz ohne -Truppen, dem ersten Anlaufe wohl nicht widerstehen konnte. Doch -die Führer der königlichen Expedition besaßen nicht die Thatkraft -und Entschlossenheit, die solchem Unternehmen erste Bedingniß des -Gelingens ist, da durch Temporisiren Nichts gewonnen, leicht Alles -verloren werden kann. Der greise Moreno, nachdem er mehrere Tage -lang die Stadt angeschaut hatte, zog, ohne den Angriff zu versuchen, -südlich vom Guadalaviar ab, da Oráa, dem er durch sein Zögern Zeit zur -Vereinigung mit der Colonne von Valencia gegeben, über Segorbe von -Aragon herabstieg. Wie unendlich würde die Einnahme von Valencia die -Verhältnisse geändert haben, welches Übergewicht hätte sie nicht den -Carlisten im westlichen Spanien gegeben! Ich wiederhole, Moreno war -ausgezeichneter Strategiker, seine Bewegungen waren stets meisterhaft -berechnet; wo es dann galt, das Resultat derselben in kräftigem Handeln -zu sichern, hätte Cabrera seine Stelle einnehmen müssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>Bei Chiva trafen sich am 15. Juli die beiden Heere, und die Carlisten, -nach anfänglich bedeutenden Vortheilen geschlagen, zogen sich mit -einem Verlust von mehr als 1000 Mann auf Chelva zurück, von wo -sie über Sarrion, Linares und Mosqueruela in das Hochgebirge von -Unter-Aragon sich warfen. Der König begab sich nach Cantavieja, -damals einzige Festung Cabrera’s, während die Truppen, durch die -Leiden und Unglücksfälle der letzten Zeit sehr demoralisirt, täglich -mehr in das Gebirge zusammengedrängt wurden. Auch Espartero war von -den Nordprovinzen herbeigerufen, um gegen das Expeditions-Corps zu -operiren, so daß die drei Colonnen von Oráa, Espartero und Buerens -im Halbkreise es umstellen und concentrisch es angreifen konnten; -am 30. war selbst Oráa bis Mosqueruela, vier Stunden von Cantavieja -vorgedrungen, und die königlichen Truppen waren auf die Städte -Villafranca, Fortanete und Mirambel in dem wildesten Theile des -Gebirges von Cantavieja beschränkt.</p> - -<p>Die Lage der Armee war sehr bedenklich, da sie unmöglich lange in -jenem unfruchtbaren Theile Aragon’s sich aufhalten konnte; indessen -die feindlichen Anführer, eifersüchtig auf einander, combinirten nicht -ihre Kräfte zu thätiger Offensive, und bald war Oráa genöthigt, nach -Valencia zu eilen, da Forcadell, die Entblößung der Provinz benutzend, -bis zu der Hauptstadt vordrang und am 4ten August selbst ihren Hafen, -el Grao, mit einigen tausend Mann besetzte, worauf seine Truppen -von einer englischen Fregatte beschossen wurden. Als Oráa am 8. in -Castellon de la Plana anlangte, zog Forcadell sich zurück, weshalb -Jener über Segorbe nach Teruel eilte, wieder seine Stellung dem Könige -gegenüber einzunehmen. Aber auch Espartero war während der Zeit zur -Deckung Madrid’s gegen die Division Zariategui abgerufen, so daß der -König, in Etwas von den Massen befreit, die ihn bisher erdrückten, in -der Mitte August’s aus der Felsen-Festung vordringend die Offensive -ergreifen<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> konnte, das Gebirge von el Albarracin durchzog und sich dann -nach dem an Wein und Getreide reichen Hügellande wandte, welches von -der nördlichen sanften Abdachung des Hochgebirges von Unter-Aragon nach -dem Ebro hin gebildet ist. Oráa und Buerens folgten dem carlistischen -Armee-Corps dorthin, dessen Disciplin und Selbstvertrauen, wiewohl es -schon sehr zusammengeschmolzen, während der sorgfältig benutzten Ruhe -der letzten Wochen ganz hergestellt waren.</p> - -<p>Am 24. August standen die Divisionen in der Gegend von Herrera, -als eine Depeche des General Buerens aufgefangen wurde, in welcher -er, von der Seite von Zaragoza heranziehend, dem General Oráa nach -Daroca meldete, daß er am folgenden Tage angreifen werde und dazu -die Mitwirkung desselben erwarte. Moreno stellte das Heer vor dem -Villar de los Navarros in vortheilhafter Stellung auf und traf so -treffliche Vorbereitungen, daß Buerens, der mit vielem Muthe angriff, -zurückgewiesen, durchbrochen und vollkommen geschlagen wurde. Seine -ganze Division, 11000 Mann, wurde zerstreut und in vollständiger -Verwirrung auf Herrera gejagt, wo mehrere tausend Mann, die sich -in die Kirche eingeschlossen hatten, capituliren mußten; nur zwei -Garde-Bataillone zogen sich geschlossen vom Schlachtfelde zurück. -4000 Gefangene und 5000 Gewehre fielen in die Gewalt der siegreichen -Carlisten, die durch diesen Schlag den Weg auf Madrid sich offen sahen, -wiewohl Espartero in Folge dessen über Ziguenza nach Aragon eilte und -schon am 1. Sept. in Daroca ankam.</p> - -<p>Mit den Truppen Cabrera’s vereinigt durchzog das Expeditions-Corps -die Provinz Cuenca und marschirte über Tarancon auf der Heerstraße -gegen Madrid, indem Moreno gewandt manövrirend dem Feinde mehrere -Märsche abzugewinnen wußte; es überschritt den Tajo bei Fuentidueña und -rückte am 12. September Morgens vor die Thore der stolzen Residenz. -Cabrera, der mit seiner Division die Avantgarde bildete, hatte bei -Vallecos, anderthalb<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> Stunden von Madrid, die Cavallerie-Regimenter -der Garde, da sie mit reitenden Batterien sich ihm entgegenstellten, -gänzlich geschlagen, er schoß schon in die Straßen der Stadt hinein -und erwartete ungeduldig mit den nachrückenden Divisionen die Ordre -zum Angriffe, dessen Erfolg ganz unzweifelhaft war. Da... erhielt er -Befehl, seine Truppen zurückzuziehen. Er gehorchte — Carl V. -ließ den Augenblick, der die entrissene Krone ihm darbot, ungenutzt, -und dieser Augenblick kam nie wieder.</p> - -<p>Augenzeugen versichern, daß Cabrera in gerechtem Zorne über die -Erbärmlichkeit der Rathgeber des Königs geschworen habe, fortan nur -seinen eigenen Eingebungen zu folgen; so that er. Im königlichen -Hauptquartiere selbst, welches bis Arganda, vier Stunden von Madrid -gelangte, war Alles so von dem Einzuge in die Residenz überzeugt -gewesen, daß schon einem Jeden sein Logis daselbst bezeichnet war. In -finsterem Mißmuthe trat die Armee den Rückzug an, der die Früchte aller -Anstrengungen und Siege auf immer ihr entriß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mannichfach sind die Gründe oder, sage ich, die Entschuldigungen, -welche für das Aufgeben der Unternehmung auf Madrid angeführt sind; -doch kamen endlich alle übrigen auf die beiden hauptsächlichsten, die -Schwäche der Armee bei der Nähe Espartero’s und das Nichterscheinen -der Division Zariategui, hinaus. Früher zeigte ich, wie dieser General -mit dem königlichen Expeditions-Corps in seiner Bewegung auf die -Hauptstadt nicht combinirt agiren konnte, noch durfte, da er, so eben -zur Offensive übergegangen, ein überlegenes feindliches Corps im Rücken -hätte zurücklassen müssen. Auch war auf die Mitwirkung Zariategui’s -gewiß nicht von den Anführern der Armee gerechnet.</p> - -<p>Diese zählte zu jener Zeit mit Einschluß der Division Cabrera<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> 13000 -bis 14000 Mann; dagegen befanden sich in Madrid etwa 5000 Mann -Linientruppen und acht Bataillone National-Garde mit ihrer Cavallerie -und Artillerie, während Espartero über Guadalajara in Eilmärschen 25000 -Mann heranführte. Daher hieß es, würde es Tollkühnheit gewesen sein, -in ein Straßengefecht uns einzulassen, um im glücklichsten Falle nach -vier und zwanzig Stunden aus der Stadt entweichen zu müssen oder in -ihr den Angriff des feindlichen Heeres zu souteniren. Sieger in so -hoffnungslosem Kampfe, wären wir in Madrid blockirt worden, besiegt -konnte Nichts die gänzliche Vernichtung von uns abwenden.</p> - -<p>Die Nichtigkeit solcher Argumentation ist auf den ersten Blick -durchschaut. Das gefürchtete Straßengefecht würde gar nicht Statt -gefunden haben: einige Bataillone hatten sich zwar bei dem zunächst -bedroheten Thore aufgestellt und erwarteten ohne Hoffnung und ohne -Muth den Angriff; aber die Besatzung reichte lange nicht hin, um die -ausgedehnten Mauern auch nur rings zu besetzen, und jene Bataillone -würden alsbald gezwungen sein, wie es ja stets den Garnisons -der größeren Städte erging, in irgend ein festes Gebäude sich -einzuschließen, um unter möglichst guten Bedingungen zu capituliren. -Denn in der Stadt erwartete die Masse, der Kern des Volkes nur -das Signal zum Angriffe, um sich zu erheben und Carl V. zu -proclamiren. Daß jedoch, wie dem Anschein nach wohl erwartet wurde, -die Bevölkerung bei der Annäherung der Carlisten selbstständig die -Contrerevolution bewirke und die Truppen verjage, so daß unsere Armee -die Thore geöffnet und von der Menge jubelnd sich empfangen fände -— das hieß in der That zu sehr auf das Loyalitäts-Feuer des Volkes -rechnen. Auch von der National-Garde waren die vier letzten Bataillone -durch Zwang gebildet und bestanden durchgängig aus echt royalistisch -gesinnten Männern, Handwerkern und kleinen Kaufleuten, denen die Wahl -gelassen war, ihre Laden zu schließen und ihre Familien,<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> die Stadt -verlassend, ins Elend zu stürzen oder als National-Gardisten sich -enrolliren zu lassen. Es ist bekannt, daß die revolutionaire Regierung -später Untersuchungen anstellen ließ, weil diese Bataillone bei dem -Erscheinen der Carlisten ihre Neigung für sie deutlich an den Tag -gelegt und complottirt hatten, um bei dem Angriffe für sie sich zu -erklären, was natürlich allen Widerstand beendigt hätte.</p> - -<p>Sehr zu bezweifeln ist aber, daß die Armee Espartero’s auf die -Carlisten, nachdem diese Madrid’s sich bemächtigt, den Angriff gewagt -hätte. Die Nachricht von dem Ereignisse würde auf die Soldaten den -niederschlagendsten Einfluß geäußert und die Bande der Disciplin, -in jener Zeit so sehr gelockert, vollends zerrissen haben. Und wenn -Espartero trotz ihrer Entmuthigung die Truppen zur Wiedereroberung der -Hauptstadt führte, entschied er nur rascher den Ausgang des Krieges -und den Sturz der Parthei, für die er kämpfte. Da war es nicht nöthig, -vor ihm zu fliehen oder geschlagen oder in der Hauptstadt blockirt zu -werden; die siegreiche Armee würde mit Begeisterung dem Feinde entgegen -gegangen sein, um ihn selbst anzugreifen, ihn moralisch geschwächt, wie -er war, zu vernichten und so mit der letzten Hoffnung der Christinos -den ferneren Widerstand ganz niederzuschlagen.</p> - -<p>Alle jene Schwierigkeiten, so weit sie wirklich bestanden, mußten -bedacht sein, ehe der verhängnißvolle Zug unternommen wurde; so wie -der erste Schritt gethan, hörte alles Schwanken auf, und „Vorwärts“ -ward das Loosungswort, denn jedes Zaudern brachte Verderben. Das -ganze unendliche Übergewicht, welches die Eroberung Madrid’s ihnen -gab, überließen die Carlisten durch den Rückzug ihren Feinden, indem -sie den Spaniern und der Welt die Überzeugung von ihrer Schwäche -oder ihrer Unfähigkeit aufdrängten, das Vertrauen der friedlichen -Bewohner einbüßten, die sie nur erscheinen sahen, um sich eiligst den -verfolgenden Christinos durch die Flucht zu entziehen, und sich,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> was -oft noch unheilsvoller war, mit den vergeblichen Hin- und Herzügen zum -Gegenstande des Spottes und der Verachtung machten.</p> - -<p>So unermeßlich waren die Folgen der Uneinigkeit und des -Intriguen-Spieles, welche unter den nächsten Umgebungen des Königs -herrschten und jede energische Kraftäußerung unmöglich machten, jedes -Unternehmen lähmten. Da war es nicht zu verwundern, wenn mancher treue -Diener von Überdruß ergriffen wurde, wenn endlich die Truppen laut -über Verrath schrieen und mit Widerstreben den Mühseligkeiten sich -unterwarfen, die ihrer Führer verkehrtes Benehmen über sie verhängte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die nächsten Tage vergingen in Bewegungen zwischen den Henares und -Tajuña der Armee Espartero’s gegenüber, der fortwährend verstärkt -täglich mehr das Expeditions-Corps drängte. In der Nacht vom 18. zum -19. September versuchte Moreno einen Überfall desselben in Alcalá, -der gänzlich fehlschlug und das nachtheilige Arrieregarde-Gefecht -vom 19. veranlaßte, in dem die Carlisten, heftig von der feindlichen -Cavallerie bestürmt, mit Verlust in die Gebirge sich zurückzogen. -Mehrere Compagnien, die man aus Gefangenen gebildet, denen auf ihr -Bitten die Waffen gegeben waren, warfen bei dem Angriffe der Lanciers -die Gewehre nieder und gingen mit dem Rufe: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Isabel segunda!</span> -zu ihren alten Gefährten über. Cabrera, der in Guadalajara unter den -Augen Espartero’s eingezogen war, trennte sich von dem Heere und führte -seine Division nach Aragon zurück, da er in längerem Bleiben Schmach -und Vernichtung erkannte, worauf der König, dessen Truppen in dem -traurigsten Zustande waren und an Allem Mangel litten, den Rückzug nach -dem Gebirge von Soria beschloß. Da die Division Zariategui den Angriff -Lorenzo’s auf die Brücke von Aranda zu<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>rückschlug, konnten die beiden -Corps in dieser Stadt sich vereinigen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kaum war ich, von der Verfolgung Lorenzo’s zurückgekehrt, in meinem -alten, nun mit Officieren der königlichen Divisionen angefüllten -Logis angekommen und suchte ein Strohlager mit Mantel und Decke -etwas bequemer zu machen, als ich zum General berufen wurde, der so -eben in höchstem Mißmuthe von einer Zusammenkunft mit dem Infanten -zurückkehrte. Er erklärte mir, daß er in Rücksicht auf meine Verwundung -mich ausersehen habe, um etwa zweihundert durch Wunden und Krankheiten -undienstfähige, aber leicht transportable Leute nach den Nordprovinzen -zurückzuführen, wo auch ich raschere Heilung hoffen dürfe. Schmerzlich -mußte es mir sein, meine Cameraden in jenem Augenblicke zu verlassen, -da ich trotz des Elendes, in dem die andern Divisionen sich mit uns -vereinigt, fest glaubte, daß nun rasch und kräftig die Offensive würde -ergriffen und Entscheidung erkämpft werden. An Siege und glänzende -Erfolge gewöhnt, konnten wir noch nicht den Gedanken fassen, so -plötzlich von der Höhe herabgestürzt zu sein. Aber dennoch war ich -meinem Chef Elio, denn ihm verdankte ich die Rücksicht, innig dankbar -für die mir gewordene Sendung, da meine Wunde, in den ersten Tagen -vernachlässigt, mehr und mehr peinigend wurde und mich auf einige Zeit -für thätigen Dienst ganz untauglich machte.</p> - -<p>Nachdem mir siebenzehn beladene Saumthiere für den General Uranga -übergeben waren, trat ich in der Nacht mit meinem Convoy den Marsch -an; zwanzig Infanteristen, alle aus den Theilen Castilien’s gebürtig, -die ich durchschneiden sollte, so daß sie im Nothfalle als Führer mir -dienen konnten, bildeten die Bedeckung. Ich durchkreuzte die ganze -Provinz Burgos, im Allgemeinen den Windungen der Sierra folgend, -überschritt<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> die Heerstraße von Burgos nach Vitoria, dann den Ebro, -wo er ein schmaler Bergstrom schäumend über die Felsen hinbrauset, -und erreichte am 7. October den famösen Paß, der Felsen von Orduña -genannt, der die Verbindung von Vizcaya und Burgos über den Hochrücken -der Pyrenäen bildet. Wiewohl ich der Verwundeten wegen den Marsch sehr -langsam gemacht und, nicht immer die unzugänglichsten Gebirgsstriche -aufsuchend, mehrere bedeutende Orte berührt hatte, langte ich in den -Nordprovinzen an, ohne auch nur einen Soldaten, Carlist oder Christino, -getroffen zu haben. Nachdem ich die mir ertheilten Aufträge vollzogen, -eilte ich nach Navarra, dessen milderes Clima mich anzog, um dort die -Heilung meines Armes abzuwarten.</p> - -<p>Während ich in einem reizenden Landhause bei Estella; welches als -Convalescirungs-Quartier mir zugetheilt war, einige Wochen in -angenehmer Muße zubrachte, gingen von den Corps, die ich in Aranda -zurückließ, Unheil verkündende Berichte ein; eines Tages erschien -selbst ein Trupp Cavalleristen, die bei Mendavia den Ebro passirt -hatten und sich als vom Hauptcorps nach dessen Niederlage abgesprengt -erklärten. Ihnen folgten in rascher Folge Andere, bis endlich die -ganze dritte Escadron von Navarra, zu Zariategui’s Division gehörend, -bei Estella anlangte. Sie erzählten, ihre Desertion zu entschuldigen -— denn die Officiere waren nicht mit ihnen gekommen — wie die -vollständigste Unordnung in die Armee eingerissen sei, die, an Allem -Mangel leidend und überall geschlagen, nur in der Zerstreuung habe Heil -finden können. Die Deserteure wurden arretirt und ihre Aussagen für -erlogen erklärt, aber dennoch nahmen die beunruhigenden Gerüchte immer -mehr überhand, als unerwartet und nach der Furcht der letzten Zeit fast -mit Freude begrüßt die Nachricht anlangte, daß der Infant mit einem -Theile des Heeres den Ebro passirt habe. Bald erschien er in Estella, -von Zariategui und den ersten Officieren von dessen Division begleitet. -Ich hatte die Genugthuung, von meinem Generale zur<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> Rückkehr zu seinem -Stabe aufgefordert zu werden, im Falle sein Commando ihm gelassen -würde, was nicht geschah.</p> - -<p>Da die königliche Expedition bei der Vereinigung mit Zariategui in -gränzenlosem Elende sich befand, auch sehr fatiguirt und demoralisirt -war, übernahm dieser die Deckung des Rückzuges, der unter den Augen -Espartero’s und im fortwährenden Kampfe mit dessen nachdrängenden -Massen bewerkstelligt wurde. Die feindlichen Generale, nachdem sie -durch Heranziehen aller disponibeln Truppen sich verstärkt hatten, -rückten in die Sierra vor, zerstörten alle Vorräthe und trieben die -Carlisten von Stellung zu Stellung, von Ort zu Ort, überall mit -unmenschlicher Härte Jeden hinopfernd, der carlistischer Gesinnungen -verdächtig war oder, wenn auch gezwungen, der Armee einen Dienst -geleistet hatte; die Häuser selbst, in denen der König oder der Infant -logirt hatte, brannte der wilde Lorenzo nieder. Da beschloß Moreno den -Angriff der Feinde zu erwarten. Bei Retuerta bezog er mit 14000 Mann -eine feste Stellung, in der er am 5. Oct. von Espartero und Lorenzo, -die 35000 Mann vereinigt, bestürmt wurde; der Kampf war blutig, aber -unentschieden, da die Carlisten gegen alle Versuche der Christinos -ihre Stellung behaupteten und sie mit schwerem Verluste zum Rückzuge -nöthigten, ohne doch solchen Vortheil benutzen zu können.</p> - -<p>In kleine Colonnen aufgelöset suchten die Expeditionen sich in der -Sierra zu behaupten; aber der Mangel an Allem wuchs täglich, die -Feinde, hier alle Gräuel der ersten Kriegesjahre erneuernd, verfolgten -mit Kraft und errangen immer neue Vortheile, selbst der König, von -allen seinen Bataillonen getrennt, fand sich umzingelt und entkam -kaum zu Fuß durch die Wälder den Schlingen, die Verrath ihm gelegt. -Verrath! Durch das ganze Heer tönte der Schrei: Verrath! manche der -ersten Führer wurden als dem Feinde verkauft bezeichnet und bedroht. Da -siegte Espartero in der Action von la Huerta del Rey, die carlistische -Cavallerie fast aufreibend; die Desertion riß immer<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> mehr ein — -gänzliche Vernichtung oder Rückzug nach den Nordprovinzen war die -einzig übrig bleibende Wahl. Der Infant Don Sebastian marschirte zuerst -mit der Division Zariategui dorthin ab und langte am 19. Oct. in Alava -an; der König war trotz seines Widerwillens, da er beim Abmarsche -der Expedition erklärte, daß er nur als Sieger wiederkehren werde, -gezwungen, den Rest des Heeres gleichfalls dorthin zu führen, um nicht -seiner Treuen Leben umsonst zu opfern: am 24. Oct. überschritt er den -Ebro. Er erließ eine Proclamation an Volk und Heer, ihnen verkündend, -daß er selbst den Oberbefehl übernehme und daß er zurückgekommen -sei, um die Armee von den Verräthern zu reinigen, welche die -Anstrengungen der braven Freiwilligen vergeblich gemacht und den Erfolg -der Expedition gehindert hätten; zugleich versprach er kraftvolle -Wiederaufnahme der Operationen. General Guergué ward zum Chef des -Generalstabes an Moreno’s Stelle gewählt.</p> - -<p>Große Hoffnungen erregte diese Proclamation; sie sollten nie erfüllt -werden! Die Verräther konnten unentlarvt ihre Pläne verfolgen, während -die bravsten Truppen in nutzlosen Zügen geopfert, der Krieg lässiger -als je hingezogen wurde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>General Uranga hatte seit dem Abmarsche Zariategui’s bedeutende -Vortheile davon getragen, indem die Unordnungen, welche unter den in -den feindlichen Linien gebliebenen Truppen einrissen, ihm erlaubten, -trotz seiner Schwäche die Offensive zu ergreifen. Escalera war von -der nichtssagenden Verfolgung unserer Division eilig zurückgekehrt, -um das bedrohete Peñacerrada zu decken; seine Soldaten ermordeten ihn -zu Miranda de Ebro, und der greise Sarsfield, Vicekönig von Navarra, -hatte am 26. August zu Pamplona dasselbe Geschick. Sofort warf sich -Uranga auf das feste Peñacerrada, wichtig, weil es sowohl die directe -Verbindung zwischen Vitoria und Logroña und dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> zwischen dem -östlichen und westlichen Theile des Kriegstheaters, als die reiche -alavesische Rioja beherrscht; da der Feind keinen Versuch zum Entsatze -machte, mußte die Garnison, 400 Mann mit vier schweren Geschützen, sich -gefangen ergeben. Dann beschoß er den Brückenkopf von Lodosa, einen -Hauptpunct der Ebro-Linie, und schlug den Partheigänger Zurbano, der -dem bedroheten Fort zu Hülfe eilte, in der Ebene von Logroño südlich -vom Ebro mit Verlust von 400 Todten und Gefangenen, wiewohl die -Annäherung Ulibarren’s von dem westlichen Navarra her ihn nöthigte, -die Belagerung aufzuheben. General Garcia aber nahm und zerstörte die -Linie von Zubiri, seit so langer Zeit der Gegenstand täglicher Kämpfe, -und öffnete den carlistischen Invasionen den feindlichen Theil von -Navarra und das ganze Ober-Aragon; er belagerte Peralta, welches er -früher schon überrascht, und zwang die 500 Mann starke Besatzung zur -Capitulation. Ulibarren nahm es in der Mitte Octobers wieder. Zugleich -erstürmten die Carlisten in der Linie von San Sebastian das von den -Anglo-Christinos genommene Andoain, wobei mehrere Compagnien Engländer, -die, in die Kirche eingeschlossen, bis sie ihre letzte Patrone -verschossen, muthig sich vertheidigten, in die Pfanne gehauen wurden, -wie so oft von ihren spanischen Gefährten erbärmlich verlassen.</p> - -<p>Espartero war dem Könige nach den Nordprovinzen gefolgt und bezog -wiederum die gewöhnlichen Stellungen in Alava und längs dem Ebro. Er -beschäftigte sich während der letzten Monate des Jahres nur mit der -Bestrafung der begangenen Excesse, vor Allem der an den Generalen -verübten Morde, und mit Einführung einer strengen Disciplin, der seine -Truppen so sehr bedurften. Die Vernichtung der französischen Legion, -von der nur einige hundert Mann überblieben, welche fast alle nach -Frankreich zurückgingen; die Entlassung der Trümmer der englischen -Legion, da ihre Dienstzeit abgelaufen, und die Zurückrufung der -portugiesischen Hülfs-Division nach ihrem Vaterlande<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> hatten sein Heer -sehr geschwächt, das nun mit Ausnahme von etwa 1500 Briten, die sich -auf ein Jahr länger engagirten, ganz aus Spaniern bestand. Alle diese -Verluste so wie die, welche der blutige Feldzug veranlaßt hatte, wurden -indessen durch die Verstärkungen, die während desselben mit Entblößung -der nicht aufgestandenen Provinzen zu ihm gestoßen waren, und durch -eine neue bedeutende Quinta vollkommen ersetzt.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_38_38" id="Fussnote_38_38"></a><a href="#FNAnker_38_38"><span class="label">[38]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojala</span>, wollte Gott, daß...! Daher Die, welche sich -begnügten, mit ihren Wünschen den Erfolg der Sache zu befördern, von -den Soldaten <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ojalateros</span> genannt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier12" name="zier12"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 12" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XIII">XIII.</h2> - -</div> - -<p>Beobachten wir den Gang der Ereignisse in den baskischen Provinzen seit -der Schilderhebung ihrer Bewohner, so frappirt uns die Bemerkung der -anfänglichen außerordentlichen Fortschritte der Carlisten-Schaaren, des -plötzlichen Stillstandes, der dann in ihrer Siegeslaufbahn folgte, und -endlich des Rückganges, welcher nach einigen vergeblichen Versuchen -zur Erlangung der früheren Superiorität mit dem gänzlichen Unterliegen -der Parthei endete. Während Zumalacarregui, überall angreifend, -überall siegreich, die Colonnen der Christinos vernichtet, ihre Massen -zurückgewiesen, das Land nach Wegnahme aller festen Anhaltspunkte -ihnen geschlossen hatte, werden seine Krieger später selbst in den -ihnen ganz ergebenen Provinzen bedroht und angegriffen und statt -kräftiger Offensive auf nie entscheidenden Vertheidigungskrieg -beschränkt. Die Carlisten, da sie anfangs ohne Waffen, ohne Material -und ohne Organisation die an Zahl unendlich überlegenen und mit allem -der neueren Kriegskunst Nothwendigen im Überfluß versehenen Feinde -verachten durften, sehen wir in den letzten Jahren mit Erstaunen die -festen Positionen und die Forts, nicht selten ohne Kampf, verlieren, -durch die ihnen der Eintritt in die benachbarten Gebiete des Feindes -offen steht, und die ihm ihre eigenen Thäler verschließen. Und doch -liefern ihnen nun ausgezeichnete Fabriken das sonst Fehlende; doch -übertreffen sie, von erfahrenen Führern disciplinirt, schon ihre Gegner -eben so an Kriegszucht, wie früher an Unerschrockenheit, und das -Terrain, stets den Carlisten verbündet, stellt dem angreifenden Feinde -seine furchtbaren Hindernisse entgegen!</p> - -<p>Zur richtigen Würdigung der Ursachen, welche jene so verschiedenen -Resultate erzeugten, werde ich darthun, wie es möglich war, daß -die Carlisten überall, wo sie bedeutendere Corps bilde<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>ten, so -große Vortheile davon trugen; und welche Gründe dann den Stillstand -nothwendig nach sich ziehen und die Vertheidiger Carls V. von -Stufe zu Stufe völligem Untergange zuführen mußten.</p> - -<p>Die Hauptursache der Überlegenheit der früheren carlistischen Truppen -beruht ohne Zweifel in dem Charakter und den Neigungen des spanischen -Volkes, welche seine Art, den Krieg zu führen, von der aller andern -europäischen Nationen wesentlich verschieden machen. Wie Spanien, von -dem übrigen Europa durch die Pyrenäen-Kette geschieden, geographisch -durch Lage, Clima und Produkte mehr Afrika angehört, so hat auch der -Spanier in jeder Hinsicht größere Ähnlichkeit mit dem Morgenländer -als mit Europa’s Völkern. Innige, achthundert Jahre lang dauernde -Verschmelzung mit den durch muhamedanischen Enthusiasmus nach allen -Weltgegenden fortgeschleuderten Arabern nährte in den Bewohnern der -meisten Provinzen solche Hinneigung, die in ihrem Äußern, ihren -Vorzügen, Leidenschaften, Sitten und Gebräuchen hervortritt, welche -mit denen der Bewohner Nordafrika’s und des südwestlichen Asiens -übereinstimmen. In Nichts ist jedoch die Ähnlichkeit der Spanier mit -den Morgenländern so auffallend wie in ihrer Kriegesart.</p> - -<p>Der Europäer kämpft in geschlossenen Massen, er sucht seine Stärke in -der Vereinigung, er tritt seinem Gegner offen und fest gegenüber und -thut keinen Schritt rückwärts, ohne von seinen Chefs dazu befehligt -zu sein; ihm ist der Einzelne Nichts: im unbedingten Gehorsam, im nie -schwankenden Zusammenwirken Aller weiß er das Element des Sieges zu -finden. Diese Art zu kriegen hat den Heeren Europa’s die Überlegenheit -gegeben, welche sie seit Jahrtausenden gegen die zahllosen Schwärme der -Asiaten gelten machen. Diese fechten dagegen in langen aufgelöseten -Reihen, sie brausen heran zum wilden Sturme und prallen zurück, um -wieder zu gleichem Versuche vorzudringen; mehr vertrauen sie der -persönlichen Gewandtheit und Kraft als<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> des Führers weisen Anordnungen. -Von dem Augenblicke an, in dem er die Seinen zum Kampfe führt, ist der -Feldherr Soldat, welcher, der Leitung seiner Leute beraubt, nur noch -durch individuelle Bravour vor ihnen hervorsticht und von ihrem Muthe -den Sieg hoffen muß.</p> - -<p>So der Spanier. Er ist der schlechteste Liniensoldat von der Welt; -aber für den kleinen, den Guerrilla-Krieg entwickelt er die höchsten -Talente und wahrhaft bewundernswürdige Eigenschaften. So wie er einer -militairischen Organisation und kriegerischer Disciplin unterworfen -wird, scheint er in eine Zwangsjacke gesteckt, die an jeder Bewegung -ihn hindert und ihm alle Fähigkeit zum Handeln nimmt: er bedarf langer -Zeit, um mit der seiner Natur so ganz widerstrebenden Lage in Etwas -sich vertraut zu machen. Sieht er sich aber in selbstständigerer -Stellung, die aus bloßer Maschine zum denkenden und unabhängig -handelnden Wesen zu werden ihm gestattet, da treten alle die -Eigenschaften, welche besonders im Gebirgskriege die Überlegenheit -sichern, im höchsten Grade bei ihm hervor; er ist scharfsinnig, schlau, -thätig, gewandt und unermüdlich in der Ertragung von Beschwerden und -Entbehrungen. Der Spanier ist, wenn er vom Enthusiasmus getrieben wird, -augenblicklich sehr brav. Aber den kalten, Tod verachtenden Muth, die -unerschütterliche Festigkeit, die den guten Liniensoldaten auszeichnen -und ein Erbtheil der Völker von deutschem und slavischem Ursprunge -sind, solchen herrlichen Muth kann der Spanier nie sich zu eigen machen.</p> - -<p>Um über die Ereignisse der Kriege, die in diesem Jahrhundert die -Halbinsel verwüstet haben, ein Urtheil fällen zu können, ist es -durchaus nothwendig, den spanischen Guerrillero zu studiren, mit allen -seinen Verhältnissen sich vertraut zu machen und in seine Ideen, -Gefühle und Vorurtheile selbst sich hineinzudenken. Sonst wird, wer -mit militairischem Auge die Geschichte jener Ereignisse betrachtet, -nur unerklärbare Widersprüche und stetes Abweichen von Allem finden, -was die Erfahrung<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> von Jahrhunderten als unwandelbar hinstellt. Der -Spanier geht nur auf reelle Vortheile aus: die Ehre des Sieges wie die -Schande einer Niederlage sind ihm Worte ohne Bedeutung, die, kämen sie -ihm ja einmal zu Ohren, gar keinen Eindruck auf ihn machen würden. -Nein; hat er im Gefechte einen größeren Verlust dem Feinde verursacht, -als er selbst ihn erlitt, so wird er des errungenen Vortheiles stolz -sich rühmen, sollte er auch fliehend die feindliche Überlegenheit haben -anerkennen müssen. Die schönste That ist ihm, hinter einem Felsen -versteckt dem sorglos vorüberziehenden Gegner die tödtliche Kugel zu -senden und entdeckt durch eilige Flucht den Kampf zu vermeiden, in -welchem schon die Chancen gleich sein würden; nie hält er sich für -besiegt, wenn er am Tage nach der Schlacht die Stellung, den Punkt, -von welchem er in ihr vertrieben wurde, hinter des Feindes Rücken -wieder inne hat; daher verliert er auch durch keinen Unfall den Muth, -und das beliebte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">no importa</span> setzt ihn über Alles hinweg, was -dem geregelten Heere ein unwiederbringlicher Verlust wäre. Seine -Kriegskunst besteht weit mehr in gewandtem Fliehen, in sorgfältiger -Vermeidung des Zusammentreffens, wo irgend Gleichheit der Kräfte Statt -findet, und in der Benutzung jedes Vortheils, den List und genauere -Kenntniß des Terrains ihm bieten, als darin, entscheidende Schläge -vorzubereiten und auszuführen, durch die im geregelten Kriege der -Militair sein Ziel erreicht. Von Plänen, Regeln und allen den sonst -unvermeidlich gehaltenen Rücksichten weiß der Guerrillero natürlich -Nichts: das augenblickliche Bedürfniß und die Laune entscheiden Alles, -während seine einzige Sorge ist, nie aus dem ihm vollkommen bekannten -Terrain sich zu entfernen, wenn er auch dadurch sonstige Vortheile -opfern müßte.</p> - -<p>Diese Art nun, den Krieg zu führen, ist diejenige, welche die -Vertheidiger Carls V. allenthalben adoptirten, wo sie gegen die -Usurpation in die Waffen traten; und ihr zuerst verdankten sie die -Siege, welche sie über die in die Formen europäischer<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Organisation und -Zucht gezwängten Christinos davontrugen. Dennoch wären sie unmöglich -gewesen, wenn jene Guerrilleros nicht in der Configuration des -Terrains, dem zweiten Grunde ihrer Fortschritte, eine so unermeßliche -Unterstützung gefunden hätten. Ganz Spanien ist von Gebirgsketten -durchzogen, die mannigfach verzweigt viele rauhe, unzugängliche Knoten -und einzelne Hoch-Plateaus bilden, selten aber Ebenen zulassen, von -denen nur in Castilien und Andalusien einige existiren. Vor den andern -Provinzen zeichnen die baskischen und Catalonien, dann der Centralpunkt -von Valencia, Unter-Aragon und Catalonien südlich vom Ebro durch die -Schroffheit der Gebirgsformen und die Unzugänglichkeit ihrer Thäler -sich aus, weshalb denn auch sie die Haupt-Schauplätze carlistischer -Macht wurden.</p> - -<p>In Vizcaya, Guipuzcoa und der nordwestlichen Hälfte Navarra’s sind die -Züge des Gebirges, seine Biegungen und Äste so in und durch einander -geschlungen, daß es dem geübtesten Auge schwer wird, die allgemeinen -Gesetze zu erkennen, welche dem ganzen System doch zum Grunde liegen -müssen: alles scheint eine wilde Masse ungeheurer Felsblöcke, die ohne -Ordnung und Regel über einander gehäuft sind. Von der Hochebene Alava’s -fällt plötzlich das Terrain nach Vizcaya und Guipuzcoa zu hinab und -bildet bis zum Meere eine stark abgedachte schiefe Fläche, wodurch -die Zerrissenheit des Landes, die verderbliche Wildheit der Gewässer, -die Erschwerung der Communicationen, endlich die hohen und steilen -Meeresufer herbeigeführt werden. Dadurch wird auch die Schwierigkeit -aller Operationen erklärbar, die von Alava aus in das Innere der -Provinzen unternommen wurden, da, wer von Vitoria nach Vizcaya -vordrang, in einen Kessel hinabstieg, aus dem stets die Rückkehr sehr -mißlich und bei einiger Thätigkeit und Einsicht des Feindes verderblich -sein mußte.</p> - -<p>Die Verbindungswege zwischen den einzelnen Thälern dieses Gebirgslandes -folgen meistens dem Laufe der Flüsse, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> weiten Windungen durch -unabsehbar tiefe Schluchten sich Bahn gebrochen haben; sonst ist die -Communication, eben so gefährlich, nur über die scheidenden Bergrücken -möglich. Da verzögern furchtbare Defilées, durch die nur Mann hinter -Mann fortschreiten kann, oft Tage lang den Marsch der Colonnen, und -kaum drängt ein beladenes Saumthier durch die beengenden Felswände sich -hindurch. Dazu kommt, daß die hohen, großentheils mit dichten Waldungen -bedeckten Gebirge eine ungeheure Menge Feuchtigkeit absondern und -heranziehen, die sich in heftige, lange dauernde Regengüsse auflöset. -Dann schwellen selbst unbedeutende Bäche zu Strömen an, die Alles mit -sich fortreißen, die Brücken zerstören, die Wege auf weite Strecken -überschwemmen und für den Augenblick die Passage ganz hemmen.</p> - -<p>Trefflich wußten die Basken die Vortheile, welche solche -Terrain-Gestaltung ihnen darbot, im Kampfe gegen Christino’s Armeen -geltend zu machen, während ihr großer Führer eben so mit hohem Talente -die geometrische Gestalt des Kriegsschauplatzes benutzte. Er bildet -nämlich einen Kreis, dessen Centrum, jene unnehmbare Bergfeste, in -der Gewalt der Carlisten war; die Christinos hielten, als sie aus dem -Innern vertrieben waren, rings die Peripherie inne, suchten in ihr die -Feinde vom Vordringen nach den andern Provinzen abzuhalten und von dort -aus wieder ihre Herrschaft gegen das verlorene Centrum auszudehnen. -Die oberflächlichsten militairischen Kenntnisse reichen hin, um auf -den ersten Blick das Übergewicht dessen fühlen zu machen, der dieses -Centrum inne hat. Ihm ist stets die Sehne offen, während der Feind -dem weit schweifenden Bogen zu folgen genöthigt ist; er hat seine -Communicationen, einen der großen Hauptnerven des Krieges, kurz und -gesichert, da es ihm immer leicht ist, sich auf die an und für sich -schon bedeutend längeren des Feindes zu werfen, sie zu unterbrechen -und abzuschneiden. Wie herrlich kann der Feldherr in solcher Lage -seine strategischen Talente glänzen lassen, wenn ein Terrain, wie das<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -der baskischen Provinzen, ihn begünstigt, und wenn seine Soldaten der -Eigenschaften jener Gebirgsbewohner sich rühmen können!</p> - -<p>Zumalacarregui hatte ganz den Geist des Krieges begriffen, der -allein dort Sieg geben konnte und, mit Kraft befolgt, ihn sicherte. -Irgend einen Punkt der feindlichen Linien bedrohend eilte er auf dem -kürzesten Wege nach dem entgegengesetzten Theile des Kriegstheaters, -führte den scharf berechneten Schlag aus und stand schon wieder auf -seinem früherem Posten, ehe der Feind die Nachricht des Geschehenen -erhielt oder seine Abwesenheit benutzen konnte. Er vermied die Heere -der Christinos im ungünstigen Terrain, lockte sie listig in die -Schluchten des Gebirges, um dort, da ihre Überlegenheit ihnen unnütz -wurde, von allen Seiten über sie herzufallen, und begleitete sie -harcelirend auf dem Rückzuge, wie er beim Vordringen derselben nicht -selten ihren Vor- und Nachtrab zugleich bildete. Überlegenen Colonnen -ausweichend, stürzte er sich auf die schwächeren; er schob sich -zwischen die verschiedenen Heerhaufen, isolirt sie zu schlagen; er -interceptirte die Verbindung, fing die Convoye auf und nöthigte durch -unaufhörliche Verluste zum Aufgeben der Vortheile, die seine Schwäche -augenblicklich einzuräumen ihn etwa veranlaßt hatte. Nicht aufgehalten -durch Artillerie, Magazine, Bagage und alle die endlosen Impedimenta -der geregelten Armeen konnte er mit Leichtigkeit unter allen Umständen -und in jedem Terrain operiren, erschien auf Punkten, von denen man ihn -viele Meilen entfernt glaubte, und überraschte den Feind häufig durch -Märsche, die in Rücksicht auf Schnelligkeit und Terrain unmöglich -scheinen würden.</p> - -<p>Freilich konnte Zumalacarregui solche Wunder nur mit Kriegern, wie er -sie befehligte, ausführen, Söhnen des Gebirges, die Tage lang ohne -Ermüdung die steilen Bergpfade auf- und abklimmten und leicht wie -die Gemsen über Felsen und Abgründe hinsprangen, denen endlich, da -sie jede Schlucht und<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> jeden Weg kannten, Tag und Nacht gleichgültig -waren für den Marsch wie für das Gefecht. Auch in Bewaffnung und -Gepäck hatten diese Soldaten Viel vor ihren schwerfälligen Gegnern -voraus. Während die Christinos das beschwerliche Lederzeug, den -Säbel, den vollgepackten Tornister und den Czako schleppten, hatte -der Carlist seine leichte Patrontasche um den Leib geschnallt, sein -Gepäck bestand in einem leinenen Beutel zur Aufnahme des reinen Hemdes -und der Rationen, und die wollene Decke, welche er über die Schulter -herabhängend trug, diente zugleich als Haus und Bett und Mantel. Hatte -der Soldat seine Rationen in Ordnung, so war es ihm dasselbe, auf einem -Felsen wie unter Dach auszuruhen, und oftmals brachten Bataillone ganze -Monate in den Gebirgen zu, ohne ein Haus zu betreten.</p> - -<p>Wenn nun die angegebenen Ursachen die Fortschritte der Royalisten -zum Theil erklären, darf nicht verkannt werden, daß sie dennoch -schwerlich der Übermacht auf die Dauer widerstanden hätten, wenn nicht -der Geist des ganz ihnen ergebenen Volkes trefflich sie unterstützt -hätte. In allen Provinzen, in denen die carlistische Macht blühete, -hat das Volk Viel gethan und Viel geopfert, aber nirgends wie in den -baskischen Provinzen und Navarra; freilich war auch nicht wie hier das -materielle Interesse der Bewohner so eng an den Ausgang des Kampfes -geknüpft. Drangen die Christinos in das Innere des aufgestandenen -Landes vor, so fanden sie die Häuser, die Dörfer verlassen; alles -Werthvolle, Alles, was irgend den Eindringlingen nützen konnte, war -in die wildesten Theile des Gebirges gerettet, und der erschöpfte -Soldat, wenn er gehofft hatte, nach des Tages Gefahr und Mühe in der -Ruhe der Nacht sich zu erholen, sah die leeren Mauern der Häuser vor -sich, mußte die Thüren aufbrechen und mit dem sich begnügen, was er im -Tornister hergetragen hatte. Das Resultat war, daß bei ihrem Abzuge -nicht selten die Wohnungen in Flammen aufloderten, wodurch denn die -Abneigung der Bauern in Haß und wilde Rachsucht sich umwan<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>delte. -Da wurden die Divisionen durch die Landbewohner von Dorf zu Dorf -mit Flintenschüssen escortirt, und der Arbeiter, der, ruhig am Wege -mit der Hacke beschäftigt, sie vorüberziehen sah, griff nach dem -versteckten Gewehr, um in die letzte Compagnie hineinzuschießen und -mit einem Sprunge hinter den Felsen zu verschwinden; die Vorposten -waren während der Nacht in beständigem Allarm und wurden oft, das Herz -vom Messer durchbohrt, todt niedergestreckt gefunden, während der -Unglückliche, welcher wenige hundert Schritt von den Marsch-Colonnen -sich zu entfernen wagte, unter furchtbaren Martern von den Wüthenden -hingeopfert wurde. Und fand sich etwa ein Bauer, der, unter die -Christinos sich mischend, Erfrischungen zum Kauf bot oder, wie durch -Zufall aufgegriffen, eine Zeit lang als Führer diente, so war er gewiß -ein Spion, der bei der ersten Gelegenheit entschlüpfte, das Erforschte -seinen Landsleuten, seinen Vertheidigern zu überbringen.</p> - -<p>Der carlistische Krieger aber fand immer Schutz und Hülfe bei den -Basken. Einzeln durchstreifte er mit Sicherheit die ganzen Provinzen -und war gewiß, überall freudig aufgenommen, mit allem Nöthigen versehen -und selbst, wo Gefahr drohete, von den Wirthen versteckt zu werden, -die sich selbst geopfert hätten, um ihn dadurch zu retten. Befanden -sich unsere Truppen in den Gebirgen, so eilten die Landleute von allen -Seiten mit Lebensmitteln und Erquickungen herbei, ja im Beginn des -Krieges, da die Städte sämmtlich im Besitze der Constitutionellen -waren, führten nicht selten die Bewohner der feindlichen Festungen das -von dem sorglosen Soldaten gekaufte oder geraubte Pulver und Blei den -Freiwilligen zu, die Mangel daran litten. Die Basken boten während der -ersten Jahre des Krieges das herrliche Schauspiel eines Volkes, das, um -den gemeinschaftlichen National-Zweck zu erreichen, die individuellen -Interessen ganz bei Seite setzt.</p> - -<p>In keiner Hinsicht war die Zuneigung des Volkes so wichtig<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> für die -Carlisten wie in Bezug auf die Nachrichten. Die Gebirgsbewohner -erspäheten von ihren Höhen hinab jede Bewegung der Feinde in der -Ebene, und die Feuer, längs den Gipfeln im Augenblicke Stunden weit -hinleuchtend, verkündeten, ob und in welcher Richtung die Truppen aus -ihren Stellungen aufbrachen. So wie die Colonnen das carlistische -Gebiet betraten, ward jedes Kind zum Kundschafter, die Worte der -Generale selbst wurden in den Quartieren derselben sorgfältig erlauscht -und sofort den nahe stehenden Freiwilligen überbracht, die, während sie -stets treue Boten in Überfluß fanden, täglich Bauern erscheinen sahen, -um ihnen die Depechen und Mittheilungen zu übergeben, welche Jenen -unter Androhung von Todesstrafe vom christinoschen Befehlshaber für -irgend einen andern feindlichen Posten anvertraut waren.</p> - -<p>Es ist einleuchtend, welchen unendlichen Einfluß auf den Krieg die -obigen Umstände haben mußten; um aber ganz ihr Gewicht zu fühlen, -vergleiche man die beiden Perioden, während deren Mina, der berühmte -Guerrilla-Chef, in eben diesen Provinzen das Commando führte, und sehe, -was er in denselben Verhältnissen ausrichtete, da er das erste Mal sie -ganz benutzen konnte, dann aber selbst sie bekämpfen sollte. Ein Bauer -erhob sich Mina zum Streite für die Unabhängigkeit des Vaterlandes; -da wagte er, gestützt auf die Beschaffenheit des Terrains, den Geist -seiner Krieger und die Liebe des Volkes, mit wenigen Tausenden, die er -gesammelt hatte, den Heeren Napoleon’s zu trotzen, und schlug unzählige -Male mit seinen Bauern die glänzend organisirten kaiserlichen Truppen. -Verfolgt von mehreren der besten Generale Frankreichs, ohne Festung -oder Anhaltspunkt, vereitelte er alle Pläne und Anstrengungen der -Gegner, stand nach einzelnen Niederlagen stets furchtbarer wieder da, -machte Einfälle tief in die Provinzen jenseit der Pyrenäen und konnte -bei Beendigung des Krieges sich rühmen, den Franzosen einen Verlust von -mehr denn 50000 Mann beigebracht zu haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> während seine ganze Macht -selten zu 8000 Mann stieg. — Eben dieser General sah sich später an -der Spitze eines zahlreichen, gut geregelten Heeres auf dem Theater -seiner früheren Triumphe; gegen ihn standen wieder einige tausend -Bauern, wie damals er sie befehligt hatte. Sein Auftrag war, das Land -zu unterwerfen, für dessen Befreiung er einst sich erhoben hatte. Da -wurden seine Colonnen geschlagen, seine Festungen genommen, seine -Angriffe zurückgewiesen, bis der alte Guerillero mißmüthig das Commando -niederlegte, da er den Erfolg als unmöglich erkannte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Noch bleiben zwei Umstände zu berücksichtigen, welche zu Gunsten -der Carlisten großes Gewicht in die Wagschale legten: die Nähe der -französischen Gränze und die Einheit im Commando im Gegensatz zu der -durch mancherlei Rücksichten bedingten Kriegführung der Christinos.</p> - -<p>Wenn gleich das französische Gouvernement die Einfuhr von -Kriegsartikeln auf das strengste untersagte und dem Anscheine nach sie -zu verhindern strebte, wenn Douaniers, Gensdarmen und Militair-Posten, -längs der Gränze aufgestellt, mit Geräusch die Absichten ihrer -Regierung gegen die Carlisten verkündeten, bezogen diese doch offen -von dort her, was sie nur bedurften, und die Schließung des Verkehrs -war nur während weniger Monate so wirksam, daß Verlegenheiten in den -Provinzen daraus zu entstehen drohten. Nicht nur wurden alle Arten von -Lebensmitteln eingeführt, so unentbehrlich wegen der Anhäufung von -Consumenten bei der durch Mangel an Händen verhältnißmäßig verminderter -Production; auch die zur Ausrüstung der Truppen nöthigen Stoffe, das -Schuhwerk und die Baretts wurden fast ausschließlich aus Frankreich -erhalten, und wenn die Bataillone nicht immer vollständig gekleidet -waren, so lag dieses nicht sowohl an den Ausfuhr-Verboten Ludwig -Philipp’s, als an dem traurigen Geldmangel, der so oft in der Armee -fühlbar ward. Viele Waffen und ungeheure Transporte<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> von Salpeter zur -Fabrication des Pulvers wurden herübergeschmuggelt und selbst die -Pferde der Cavallerie waren mit seltener Ausnahme französische, die -von dem deshalb in Bayonne angelegten Depot ergänzt wurden. Ja, die -Liberalen Spanien’s irrten nicht, wenn sie häufig die Hülfsquellen, -welche Don Carlos in dem nahen Frankreich fand, als einen Hauptgrund -für die Dauer des Krieges bezeichneten, und ich darf ohne Furcht vor -Übertreibung sagen, daß derselbe schnell und anders entschieden wäre, -wenn die Provinzen, die der Schauplatz der Thaten Cabrera’s wurden, in -ähnlicher Lage gewesen wären.</p> - -<p>Eine andere große Quelle der Macht fand Zumalacarregui, wie die -Führer der andern carlistischen Aufstände, in der Art, wie er -über sein Heer und über alle Ressourcen frei verfügen konnte. Die -Revolutions-Generale hatten stets tausend verschiedene Rücksichten zu -beachten: ihre politischen Meinungen und Pläne hatten mehr Einfluß -auf die Operationen, als die Gelegenheit, welche die kriegerischen -Ereignisse darbieten mochten; der Wunsch, einer oder der andern -Parthei das Übergewicht zu geben, ein Ministerium zu stürzen oder zu -befestigen, veranlaßte sie zu Unternehmungen, die sie zu anderer Zeit -unter günstigeren Verhältnissen durchgeführt hätten, oder vermochte sie -unthätig zu bleiben, wo sicherer Erfolg ihnen winkte. Und was vermag -nicht, wo Revolutionen das Volk aufregen, die öffentliche Meinung, -so gefürchtet selbst von den Leitern der verblendeten Massen; welche -Macht besitzt nicht die Presse, die zügellos Alles zu beurtheilen sich -anmaßet und zur Beförderung der niedrigsten Zwecke sich mißbrauchen -läßt! Christina’s Feldherren hatten Viel zu berücksichtigen, Vielen -zu genügen. Während in der royalistischen Armee König und Minister -im Lager waren, so daß das nützlich Erkannte ohne Zögern beschlossen -und ausgeführt wurde, mußten sie die Instructionen von der entfernten -Residenz her erwarten, Lebensmittel, Kleidung, Geld fehlten fast immer, -die Operationen auf das entscheidendste lähmend, und<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> die Minister in -Madrid waren nicht immer bedacht, der Nothdurft und damit der Gefahr -rasch abzuhelfen. In der carlistischen Armee dagegen waren Aller Kräfte -auf den einen Punkt, die Betreibung des Krieges und die Beförderung des -großen allgemeinen Zweckes, des Sieges, gerichtet. So wie der General -den Plan entworfen, konnte er auch Hand an die Ausführung legen, und -die Civil-Verwaltung, deren Functionen fast darauf beschränkt blieben, -war thätig bemüht, die Mittel herbeizuschaffen, die das Gelingen -erleichtern konnten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Character und Kriegsart des Volkes, die Eigenschaften des Terrains -und der Geist seiner Bewohner, die Nähe der Gränze, die Verhältnisse -endlich, unter denen die Anführer der sich entgegenstehenden Armeen -befehligten, erleichterten die ursprünglichen Fortschritte der -Carlisten. Ich gehe zu den Umständen über, durch die das Aufhören jener -Fortschritte bedingt und der endliche Ruin der Sache Carls V. -eingeleitet ward.</p> - -<p>Zumalacarregui, der große Schöpfer und Führer des -baskisch-carlistischen Heeres starb vor Bilbao; mit seinem Tode begann -das Sinken der Parthei, die er so erfolgreich vertheidigt hatte. Mit -festem, eisernem Willen begabt, gefürchtet zugleich und angebetet -wußte er alle Mittel, alle Anstrengungen seines Vaterlandes dem -einen großen Ziele zuzuwenden und vereinigte die widerstreitendsten -Interessen für den einzigen Punkt, den Kampf. Mit Stolz sahen die -Basken auf den Basken, der so oft ihre Söhne zum Siege geführt; sie -fanden ihre Größe in der seinigen, sahen in seinem Ruhme den Ruhm des -baskischen Namens und opferten, da ein Landsmann sie dazu aufforderte, -freudig Alles, was sie jedem Andern versagt hätten. Und Zumalacarregui -verstand diese Stimmung trefflich zu nutzen, wie er die dadurch ihm -gebotenen Mittel in seiner Hand unerschöpflich zu machen wußte. Ein -Wort von ihm reichte hin, seine kräftigen Freiwilligen zur Ertragung -der äußersten Beschwerden<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> anzuspornen, seine Gegenwart beseelte sie -mit dem Vertrauen, welches der sicherste Bürge des Sieges ist. Sein -Talent, dem Unbedeutenden und dem Größten gleich gewachsen, umfaßte -Alles, rastloser Eifer und unermüdliche Thätigkeit vervielfältigten -seine Hülfsmittel und nöthigten die untergeordneten Führer zur gleichen -Anspannung ihrer Kräfte, da sein Scharfblick ihnen rasche Entdeckung -verhieß, der die Strafe unerbittlich auf dem Fuße folgte. Unbeugsam -und durchgreifend gab er nie der Intrigue Gehör und verschmähete den -Weihrauch, welchen die Schmeichelei zur Erreichung ihrer selbstischen -Zwecke ihm darzubieten eilte; Gerechtigkeit — und sie in ihrer -höchsten Strenge — war der einzige Leitstern seiner Handlungen, -Verdienst das einzige Recht auf Belohnung. Nur seinem Gotte und seinem -Könige Rechenschaft schuldig, wirkte er stets mit der Entschiedenheit -und Standhaftigkeit, die das Bewußtsein seines erhabenen Zieles und das -Gefühl inwohnender Fähigkeit und Kraft ihm einflößen mußten.</p> - -<p>Der Tod eines solchen Mannes mußte die unheilvollsten Folgen nach sich -ziehen. Neid und Intrigue begannen sofort ihr jämmerliches Spiel, und -ehe noch die Geister von der Betäubung sich erholt, die der unerwartete -Schlag verbreitet hatte, erhoben sich bittere Streitigkeiten um die -Nachfolge des Helden. Niemand bedachte, daß es doppelt schwer wurde, -nach ihm das Commando zu führen. Moreno übernahm den Heerbefehl, -ausgezeichnet durch hohe Talente, aber ohne die Eigenschaften, welche -in solchem Kriege vor allen andern den Sieg sichern. Die Männer, -welche nach einander an die Spitze der Armee traten, besaßen weder die -Energie, die früher so Viel vermocht, noch wußten sie die Popularität -sich zu erwerben, deren Zumalacarregui genossen hatte; mehrere unter -ihnen, so wie sehr viele der andern Generale gehörten andern Provinzen -Spanien’s an. Die Basken und Navarresen sind gewohnt, einen Jeden, der -nicht ihr Landsmann ist, als Fremden zu betrachten, ja als Feind, der<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -ihren Interessen natürlich abgeneigt ist; sie konnten daher nur mit -Widerwillen von diesen Fremdlingen sich befehligt und in ihre Hand das -Geschick des Landes gelegt sehen. Die Eifersucht that sich bei jeder -Gelegenheit kund und dehnte sich bald auch auf die Bataillone aus, -welche aus Castilianern, wie sie alle Nichtbasken bezeichnen, gebildet -waren: Streitigkeiten und blutige Händel, nicht immer durch strenge -Kriegszucht verhütet, waren die traurigen Folgen. Uneinigkeit, die ja -stets von Schwäche begleitet ist, nahm im carlistischen Heere unter -Anführern und Truppen täglich mehr überhand; Mißtrauen und böser Wille -entsprangen rasch aus solcher Wurzel.</p> - -<p>Schon war dieses Heer auch nicht mehr aus den alten, von -Vaterlandsliebe und Begeisterung getriebenen Freiwilligen -zusammengesetzt, die im Beginn des Krieges so manchen Sieg erkämpft -hatten. Die Bataillone, wie sie zusammenschmolzen oder neu gebildet -werden sollten, wurden großentheils durch Rekruten ergänzt, die, -kaum aus dem Knabenalter getreten, mit Gewalt dem väterlichen Heerde -entrissen und dem Feinde entgegengeführt waren, so daß in vielen -bedeutenden Ortschaften nicht ein einziger unverheiratheter Mann über -siebenzehn Jahren sich fand. Diese Conscribirten wurden häufig nur -durch Zwang und durch die Furcht vor den Folgen, welche die Desertion -für ihre Verwandten nach sich zog, in den Reihen zurückgehalten, da -sie die Eltern und Schwestern derer, die sich verleiten ließen, in -Frankreich Schutz gegen die Aushebungen der beiden kämpfenden Partheien -zu suchen, Jahre lang im Kerker schmachten, ihre Güter eingezogen und -verkauft sahen. Wenn auch die Unerschrockenheit, die den Basken nie -verläßt, ihn, wenn er einmal Soldat, zum braven Soldaten machte, konnte -doch solchen Kriegern nie der Enthusiasmus eingeimpft werden, der die -ersten Vertheidiger Carls V. unwiderstehlich machte. Sie wurden -täglich lauer, sie benutzten gern jede Gelegenheit, die sich bieten -mochte, um auf einige Zeit die Gefahren und Mühen des Feldzuges<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> gegen -die Ruhe eines Hospitals oder die lockenden Freuden des väterlichen -Hauses zu vertauschen, und des hohen Preises vergessend, der durch den -Krieg errungen werden mußte, gewöhnten sie sich, nur als Übel ihn zu -betrachten.</p> - -<p>Und an diesen Gefühlen nahm bald auch der friedliche Bewohner Theil. -Wiewohl stets den Gesinnungen treu, die bei dem Beginne des Aufstandes -seinen Söhnen die Waffen in die Hände gab, empfand der Bauer doch zu -schwer das Gewicht des langjährigen Krieges, als daß er nicht das Ende -desselben mit Sehnsucht herbeiwünschen sollte; ja er hätte wohl, um -nur Frieden zu erlangen, einen Theil der Ansprüche aufgegeben, für die -er einst bereitwillig Alles opfern wollte. In der That war die Lage -der Bewohner des Kriegsschauplatzes verzweifelt. Noch hatte der Bauer -die Erndte nicht eingesammelt, wenn schon übermäßige Forderungen an -ihn gerichtet waren, die stets wiederholt, bis er Alles hingegeben -hatte, zu traurigstem Elende ihn verdammten, ihm oft selbst das für -die nächste Aussaat Nöthige raubten. Das Vieh, sonst der Reichthum -dieser Provinzen, ward aufgezehrt, der Handel und die Contrebande, -unerschöpfliche Quellen ihres Wohlstandes, existirten nicht mehr; -der Ackerbau sank zusehends, da die Zahl des Viehes so gering wurde, -und mehr noch aus Mangel an Arbeitern, der es dahin brachte, daß -allgemein die Mädchen und Frauen das Land bestellten, da die Männer -den Pflug mit dem Gewehre hatten vertauschen müssen. Zugleich wurden -den Bauern Leinen und Betten für Hospitale und Casernen abgenommen -und oft mit, leider unvermeidlicher, Härte eingetrieben, während sie -selbst an Festungswerken zu arbeiten, mit ihren Maulthieren den Truppen -zu folgen oder gar, bei Belagerungen in der Tranchee arbeitend, ihr -Leben auszusetzen genöthigt waren. So ist es nicht zu bewundern, wenn -das Volk im Allgemeinen überdrüssig wurde und dem Kriege abgeneigt zu -werden begann, der seit so langer Zeit es niederdrückte, ohne durch -bedeutende Erfolge,<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> wie in der ersten Epoche, seiner Nationaleitelkeit -zu schmeicheln und die Hoffnung auf baldige glückliche Beendigung -dieses Zustandes zu beleben.</p> - -<p>Für den General aber und die Verwaltungsbehörden wurde es täglich -schwieriger, alle die Bedürfnisse herbeizuschaffen, ohne welche -Kriegführung unmöglich ist, hauptsächlich Kleidung und Mundvorräthe, so -wie Sold. Das Land war, wie gesagt, erschöpft und wurde, täglich mehr -ausgesogen, auch täglich unfähiger, das von ihm Geforderte zu leisten; -daher mußte Alles aus der Fremde und zwar, da englische Kriegsschiffe -die Seeküste blockirten, aus Frankreich bezogen werden. Das Geld nun -wurde immer seltener, die Quellen, aus denen es früher geflossen, waren -versiegt, und auch das Ausland machte stets größere Schwierigkeiten, -Summen zu zahlen, die ganz ohne Erfolg weggeworfen schienen. Umsonst -gab der König das Beispiel höchster Einfachheit und Entsagung, umsonst -blieben die Truppen drei, vier Monate lang unbezahlt, ohne daß das -geringste Murren ihre Unzufriedenheit verrathen hätte; die Verlegenheit -des Schatzes wurde täglich dringender, und der Scharfsinn der -carlistischen Agenten so wenig wie die Aufopferung einzelner ergebener -Anhänger des Königs vermochte der immer erneuerten Noth abzuhelfen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Noch muß ich einen Grund erörtern, der Viel dazu beitrug, die Basken -an der Verfolgung der anfänglich errungenen Vortheile zu hindern, -wiewohl er auf den ersten Blick diese nur befördern zu können scheint; -es ist die Methode, welche bald nach Zumalacarregui’s Tode adoptirt -wurde, Expeditionen über den Ebro hinaus nach den übrigen Provinzen -der Monarchie zu entsenden. Solche Expeditionen konnten ohne Zweifel -von höchstem Interesse werden und auf die Beendigung des Krieges -entscheidend einwirken, wenn sie gehörig basirt und combinirt wa<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>ren, -anstatt daß sie ganz ohne Anhaltspunkt und auf die unbedeutenden -Hülfsmittel beschränkt, die sie mit sich führen mochten, in die -Mitte der feindlichen Massen geschickt wurden. Sie zersplitterten so -unendlich die Macht der Carlisten, schwächten ihr Hauptheer, setzten -alle ruhenden Kräfte der Christinos in Bewegung, ohne angemessenes -Gegengewicht zu schaffen, und hatten selbst mit ganz unüberwindlichen -Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen, so daß zu bewundern ist, -wie irgend eines der dazu bestimmten Corps der Vernichtung entgehen -und vorübergehend glänzende Erfolge davontragen konnte. Da diese Züge, -oft an Kühnheit und Gewandtheit hervorstechend, höchst interessante -Episoden des Krieges bilden, ist es natürlich wünschenswerth, ihre -Verhältnisse etwas näher zu betrachten.</p> - -<p>Seit dem Augenblicke, in dem die Expedition die Nordprovinzen verließ, -gab sie alle die Vortheile auf, welche sie in jenem Terrain über den -Feind hatte, und mußte ihm selbst einen Theil derselben einräumen, -ohne die Verhältnisse für sich zu haben, durch welche die Christinos -in Stand gesetzt wurden, dem widrigen Einflusse häufig sich zu -entziehen. Sie wird alsbald von Colonnen verfolgt, deren jede an Zahl -ihr überlegen ist und täglich verstärkt wird, da die Elemente, welche -bisher unthätig ruheten, nun alle zur Bekämpfung der eingedrungenen -Feinde ins Leben treten und gegen sie sich vereinigen. Das Terrain, -dessen Kenntniß in solchem Kriege mehr als je von Wichtigkeit, ist -natürlich dem General unbekannt, (denn Karten so wie Instrumente -fanden sich gewöhnlich gar nicht und wurden verachtet); während die -Christinos, von der Bevölkerung zuweilen aus Sympathie, häufiger -aus Furcht und Gewohnheit unterstützt, leicht überall die nöthigen -Kenntnisse und Führer sich verschafften. Dabei ist die Expedition, -um das ihr günstigere Terrain nicht aufzugeben wie mit Rücksicht -auf die festen Orte des Feindes, gezwungen, den Biegungen und -Verschlingungen der Gebirge zu folgen; ihr Verfolger dagegen, im -Besitze von An<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>haltspunkten, die alles Nothwendige ihm liefern, benutzt -die kürzesten Linien und vermag mit geringer Anstrengung stets die -Carlisten im Auge zu behalten.</p> - -<p>Von allen Seiten sieht das Expeditions-Corps von Feinden sich umgeben, -die den passenden Augenblick erlauern, um über dasselbe herzufallen, -und doch reichen seine Kräfte kaum hin, um gegen eine der Colonnen sich -zu schlagen, die ihm entgegen operiren; unfähig mit Erfolg den Gegnern -entgegen zu treten, ist es also verdammt, immer den Kampf zu vermeiden. -Der Soldat verliert den Muth, er erschlafft, Desertion reißt ein, und -die Krankheiten als natürliche Folge der unvermeidlichen, nie endenden -Strapatzen nehmen überhand. Bald nimmt die Disciplin ab, oft trennen -sich kleine Schaaren von der Masse und sinken zu Raubgesindel herab; -wer aber einzeln zurückbleibt, ist verloren, denn die Nationalen, -welche vor dem Einrücken der Truppen entflohen, um auf den Seiten -und im Rücken sie zu begleiten, kennen kein Erbarmen: wer ihnen in -die Hände fällt, wird niedergemacht, krank oder gesund, wehrlos wie -nach bravster Vertheidigung. Dann wird es im Gebirge oft schwer, die -nöthigen Subsistenz-Mittel herbeizuschaffen, und in den südlichen -Provinzen ist es unmöglich, stets die Ebene zu vermeiden; so wie die -Freiwilligen sie betreten, sehen sie die Cavallerie bereit, in sie -einzuhauen, diese brave, unendlich überlegene Cavallerie, die auf dem -Fuße ihnen folgte, den Moment erwartend, der sie zur Thätigkeit rief, -und die, immer zu sehr gefürchtet, nun ihre ganze Gewalt entwickelt und -Schrecken und Tod in die Reihen der geschwächten Bataillone trägt.</p> - -<p>Und sollte es nun gelingen, eine der verfolgenden Colonnen vereinzelt -zu überraschen und zu schlagen, Bahn sich zu brechen, sind da jene -Schwierigkeiten und Gefahren überwunden? An Benutzung des erfochtenen -Sieges ist nicht zu denken, wenn nicht etwa für augenblicklich -ungestörte Fortsetzung des Marsches; denn kaum wird die Blutarbeit -vollendet sein, wenn schon andere<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> Corps da sind, die Niederlage ihrer -Gefährten unschädlich zu machen und den Rückzug derselben zu sichern. -Die Expedition muß wieder fliehen; was wird da aus den Verwundeten, -von denen der Sieger nicht frei sein wird, was wird aus allen Kranken? -Die Unglücklichen müssen entweder ihrem Schicksale, dem mehr als Tod -gefürchteten Elend in der Liberalen Gefangenschaft, überlassen werden, -oder sie erschweren und verzögern ins Unendliche jede Bewegung, wo -keine Minute ungestraft verloren wird. Zugleich sollen die Munitionen -ersetzt werden, eine andere unübersteigliche Schwierigkeit. So setzt -also der Sieg, anstatt das Corps zu retten, nur neuen Verlegenheiten es -aus, denen es fortwährend geschwächt endlich unterliegen muß.</p> - -<p>Kann aber solch eine kleine, isolirte Division, wenn sie irgend thätig -und geschickt verfolgt wird, die Zwecke erreichen, um die es von der -Hauptarmee entsendet wurde? Ist es möglich, daß sie das feindliche -Gebiet occupire und in ihm sich festsetze, daß sie die etwa vorhandenen -Stoffe zum Aufstande anrege und die carlistisch gesinnten Bewohner -ermuntere, mit den Vertheidigern der Legitimität sich zu vereinigen? -Oder kann sie, wenn sie selbst auf so zweideutigen und die Aufopferung -so vieler Braven nicht rechtfertigenden Zweck sich beschränken wollte, -kann sie auch nur Vorräthe anhäufen, Contributionen erheben und Geiseln -mit sich führen, um doch mit Beute beladen nach den Nordprovinzen -zurückzukehren? Die Carlisten müssen stets fliehen; wie aber soll der -Bewohner, so entschieden er in seiner Meinung sei, den Truppen sich -anschließen, die er ohne Ruhe noch Rast gehetzt sieht? Das Vertrauen -des Volkes muß unter solchen Verhältnissen eben so schwinden wie des -Soldaten moralische Kraft, durch die doch vorzüglich die physische -aufrecht erhalten wird. Der Soldat, welcher stets fliehet, ist nicht -mehr Soldat; er wird zum Schatten seines Ichs, von jeder Gefahr -aufgeschreckt und unfähig, ihr zu trotzen und den Beschwerden zu -widerstehen, die sich auf ihn häufen. Mancher Führer, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> er dies -bedacht hätte, würde wohl vorgezogen haben, mit dem Schwerdte in der -Hand Sieg oder Tod zu erkämpfen, ehe er das ihm anvertraute Corps auf -schmachvolle Weise langsamer, aber sicherer vernichtet sähe.</p> - -<p>Ist die Expedition mit einiger Sachkenntniß verfolgt, so muß sie -unterliegen, ohne ihren Zwecken entsprochen zu haben. Festsetzen kann -sie sich nirgends; sie würde das Verderben, welches sie kaum vermieden, -sofort auf sich ziehen; wie sollte sie aber, ohne sich festzusetzen, -den Aufstand organisiren, die Provinzen beherrschen und dadurch zum -Siege der guten Sache mitwirken? Sie vermag höchstens das Land zu -durcheilen, hie und da Contributionen erhebend, die Mißgriffe des -Feindes benutzend, um in irgend eine Stadt einzudringen, die sie bald -wieder räumen muß, und den friedlichen Einwohnern nebst den Leiden und -dem Jammer des Krieges Abscheu gegen diejenigen aufzwängend, welche so -ohne Nutzen ganzen Provinzen Zerstörung bringen.</p> - -<p>Wenn man erwägt, was die Expeditionen gegen sich in die Wagschale -gelegt sahen, kann man nicht umhin, erstaunt zu fragen: Wie ist es -denn möglich, daß mehrere Expeditionen so glänzend ausfielen, daß sie -der ihnen entgegengestellten Colonnen spotten oder gar sie aufreiben -konnten; daß Gomez bis zu den reichen Ebenen Andalusien’s und -Gibraltar’s Felsen die ganze Halbinsel durchziehen und, wenn er nichts -Dauerndes gethan, doch an Zahl bedeutend verstärkt und mit mannigfachen -Schätzen nach Vizcaya zurückkehren durfte? Wie stand Zariategui -später als Herr von Castilien da, wie wurde Madrid wiederholt in -Schrecken gesetzt? Unfähigkeit und Nachlässigkeit der christinoschen -Anführer trug wohl noch mehr dazu bei, als die Geschicklichkeit der -carlistischen Generale und die Bravour der Truppen, so hoch sie auch -zu stellen ist. Und dann vermag das Glück, wie in allen menschlichen -Dingen, auch im Kriege so Viel. Doch bleibt unzweifelhaft, daß, während -die Expeditionen<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> gut disponirt und vor Allem combinirt das Ende des -Krieges herbeiführen mußten — was gethan werden konnte, hat das Jahr -1837 in den Zügen des Königs mit Cabrera und Zariategui’s gezeigt, — -daß sie durch die Art ihrer Ausführung die carlistische Macht unendlich -schwächten und, da sie der Hauptarmee ohne Ersatz viele Tausende ihrer -besten Krieger raubten, sie unfähig machten, den früheren Siegeslauf -fortzusetzen. Zu bewundern ist in der That, daß die feindlichen -Feldherren, ihr Bestes ganz verkennend, den Abmarsch dieser, dem -Untergange geweiheten Corps zu verhindern strebten, anstatt ihnen beim -Vordringen goldene Brücken zu bauen, und nur der Rückkehr mit ganzer -Kraft sich zu widersetzen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich schließe diese Abschweifung, indem ich alle die Umstände, -welche mächtig zum Verfall des seit dem Beginn des Bürgerkrieges so -kräftig aufblühenden carlistischen Heeres beitrugen, zur Übersicht -zusammenfasse. Die Berücksichtigung derselben erläutert manches sonst -Dunkele und mag Vorurtheile berichtigen, die außerhalb Spanien gegen -viele meiner ehemaligen Chefs und gegen meine Cameraden im Allgemeinen -sich bildeten und bilden mußten. Sie sind vor Allem der <em class="gesperrt">Tod des -großen Zumalacarregui</em> und die <em class="gesperrt">Unzulänglichkeit</em> seiner -Nachfolger im Commando, wodurch der <em class="gesperrt">Eifersucht</em> und den bis dahin -stummen <em class="gesperrt">Intriguen</em> der Kampfplatz geöffnet wurde; der Haß der -Provinzen auf einander, der in schwächender <em class="gesperrt">Uneinigkeit</em> und -<em class="gesperrt">Unzufriedenheit</em> sich kund gab; die <em class="gesperrt">Erschöpfung</em> des Landes -und der <em class="gesperrt">Überdruß</em> der Bewohner nach so vieljährigem Dulden; der -drückende <em class="gesperrt">Geldmangel</em>; die <em class="gesperrt">Elemente</em>, aus denen später die -Truppen bestanden; endlich die <em class="gesperrt">Expeditionen</em>.</p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier13" name="zier13"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 13" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XIV">XIV.</h2> - -</div> - -<p>Seit der Rückkehr der Armee nach den Nordprovinzen waren mit dem -lebhaftesten Eifer und Thätigkeit die Organisation und neue Ausrüstung -der Bataillone betrieben, und ganz besonders wurde gearbeitet, die -Corps von Castilien, bestimmt, schnell wieder den Ebro zu neuer -Expedition zu passiren, auf den besten Fuß zu setzen. Die Truppen waren -abgerissen und von Allem entblößt angelangt, weshalb die königlichen -Fabriken mit nie gesehener Lebhaftigkeit mit der Anfertigung von -Waffen und Munition beschäftigt wurden, während von Frankreich große -Quantitäten Tuch, Schuhzeug, Schwefel und Salpeter so wie die zur -Ergänzung der Escadronen nöthigen Pferde ankamen. Zugleich wurden -die vielen aus Castilien durch Zariategui hergeführten Rekruten -einexercirt, und die Anführer strebten, die im Sommer etwas geschwächte -Kriegszucht wiederherzustellen, und so den Erfolg der neuen Operationen -zu erleichtern. Da meine Wunde geheilt war, bat ich gegen Ende -Novembers um Bestimmung zu einem der castilianischen Bataillone, um mit -diesen auszuziehen und dadurch mehr Gelegenheit zu thätigem Wirken zu -erhalten, als ich nördlich vom Ebro erwarten durfte; die 6. Compagnie -des 7. Bataillons von Castilien ward mir als ältesten Premierlieutenant -anvertraut, da der Capitain in einem Scharmützel bei Bilbao kurz vorher -getödtet war.</p> - -<p>Am 19. December musterte der König das aus 12 Bataillonen zu 500 Mann -und aus 5 Escadronen bestehende Corps von Castilien zwischen Amurrio -und Llodio. Hohe Hoffnungen erregte der Anblick dieser schönen Truppen, -die glänzend equipirt, wie nie zuvor die Carlisten, und aus jungen, -kraftvollen Kriegern, die meistens lange erprobt, zusammengesetzt, -mit enthusiastischen Viva’s ihren König begrüßten und jubelnd die<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> -Nachricht empfingen, daß sie wiederum ausziehen würden, den gehaßten -Feind aufzusuchen und die Befreiung der noch unter seinem Joche -seufzenden vaterländischen Provinzen zu versuchen. Die dritte Division -setzte sich sofort in Marsch, durchkreuzte schnell in zwei Colonnen -Guipozcoa und Navarra und vereinigte sich am 27. Dec. in der Gegend -von los Arcos mit der Cavallerie, die auf dem beschlossenen Zuge sie -begleiten sollte.</p> - -<p>Ein Tagesbefehl des Mariscal de Campo D. Basilio Garcia verkündete -am folgenden Morgen der Division, daß er mit Stolz den ehrenvollen -Auftrag übernommen habe, dem ersehnten Kampfe gegen die Schaaren -der Revolution sie zuzuführen. Er empfahl den Chefs und Officieren -die Aufrechterhaltung der strengsten Disciplin und drohete harte -Strafe denen, welche Ausschweifungen oder sonstige Beleidigungen -gegen Bauer und Bürger sich zu Schulden kommen ließen. Mehr durch -unerschütterliche Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen, als -durch hohe kriegerische Talente ausgezeichnet besaß Don Basilio den Ruf -persönlicher Bravour, und das Glück, durch das er von seiner ersten -kurzen Expedition im Jahre 1836 mit Beute reich beladen nebst vielen -Rekruten zurückgekommen war, hatte wohl bedeutend zu seiner jetzigen -Wahl beigetragen. Doch kann man sich nicht verhehlen, daß er sehr guter -Brigade-Chef, der in untergeordneter Stellung häufig sich hervorgethan, -nicht der schwierigen Aufgabe gewachsen war, die er über sich genommen -hatte. Der Mangel an einer hinlänglichen Zahl ergebener zugleich und -fähiger Anführer nöthigte Carl V. oft, Männer, welche ihre -bisherigen Posten glänzend ausgefüllt hatten, zu höheren zu berufen, -denen ihre Kräfte nicht mehr angemessen waren, wodurch die einen und -die andern ungenügend besetzt wurden. Don Basilio hatte nicht die -Eigenschaften, die allein in einem Unternehmen, wie die zu beginnende -Expedition es war, Erfolg ihm versprechen konnten; die traurigste -Erfahrung hat gezeigt, wie sehr es ihm an Festigkeit, raschem Überblick -und<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> kühner Entschlossenheit gebrach, die doch so höchst wichtig, und -deren Mangel endlich den gänzlichen Untergang der ihm anvertrauten -braven Division herbeiführte.</p> - -<p>Der Brigadier Marquis von Santa Olalla, ein Mann von hohem Talente -und nie rastender Thätigkeit, stand an der Spitze des Generalstabes; -doch wurden seine Anstrengungen durch hohes Alter und damit verbundene -Gebrechlichkeit leider sehr gelähmt. Oberst Fulgocio, ausgezeichnet -als Edelmann, als Anführer und als Soldat, commandirte die aus den -Bataillonen 7. von Castilien und 1. von Valencia bestehende erste -Brigade, Oberst Bosque, mehr geeignet zum kleinen Guerrilla-Kriege, -in dem er sich hervorthat, als zur Leitung des regelmäßigen -Liniengefechtes, die zweite, die Bataillone 1. und 2. von Aragon in -sich fassend. Die Cavallerie bildeten die Escadrone der Legitimität, -mit der ich unter Zariategui zusammen gefochten hatte, und 1. von -Aragon; sie zählten etwa 150 Pferde. Eine vierpfündige Bergkanone, von -Maulthieren getragen, begleitete die Division, so wie ein bedeutender -Convoy von Munition, deren Erlangung nach Passirung des Ebro nur -möglich war, wenn man dem Feinde sie entriß; funfzig Gewehrschmiede, zu -der an Waffenfabriken Mangel leidenden Armee Cabrera’s bestimmt, waren -uns aggregirt.</p> - -<p>Nachdem am Morgen des 28. Decembers Rationen für mehrere Tage dem -Corps ausgetheilt, langten wir Nachmittags um 4 Uhr in dem reizenden -Städtchen los Arcos an, wo die Bürgerschaft mit Wein, Speck, Stockfisch -und Brod uns erwartete; mit anbrechender Dämmerung setzten wir dem Ebro -zu uns in Marsch. Eine unendliche Menschenmenge umringte uns bei dem -Abzuge, den Freiwilligen irgend einen Leckerbissen, einige ersparte -Silbermünzen zusteckend und der Klageruf der Frauen: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los pobres, -que ya son perdidos!</span>“ tönte weithin uns nach: der gesunde Verstand -des Volkes theilte nicht den Wahn, der zu bald auch in unserm Verderben -sich kund that.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<p>Um 9 Uhr langte die Division nach vorsichtigem Marsche auf dem Ufer des -Ebro an. Die Furth von Mendavia, zwischen den feindlichen Festungen -von Logroño und Lodosa gelegen, war zum Übergangspunkte ausersehen; -doch erklärten die Führer alsbald, daß der durch häufige Gebirgsregen -angeschwollene Fluß diese Furth, die beste der ganzen Gegend, ungangbar -gemacht habe. Eine zweite, etwas höher liegend, ward fast ohne Hoffnung -auf Erfolg aufgesucht, und bald durchlief die Reihen in leisem Gemurmel -die Nachricht, daß der Übergang schwer, aber möglich sei. Gerade um -diese Zeit verkündeten die Madrider Zeitungen jubelnd, wie nun schon -der Ebro, die sicherste Schutzwehr der christinoschen Provinzen, den -drohend vorbereiteten Einfällen der Carlisten auf lange Zeit eine -unübersteigliche Barriere entgegensetze. Schnell zeigten wir ihnen, daß -solche Hindernisse den Muth unserer braven Freiwilligen nicht brechen -konnten, daß sie die Fluthen des mit der Winterkälte verbündeten -Stromes zu überwinden vermochten, wie sie sich nicht scheuten, den -Massen der Revolutionsheere zu trotzen.</p> - -<p>Es war eine jener trüben, stürmisch kalten Nächte, welche in den -Gebirgen Spanien’s so oft in nordisches Clima uns zu versetzen -schienen. Finsteres Gewölk, schwer auf einander gethürmt, durchflog den -Horizont, tausend phantastische Gebilde an einander reihend, zwischen -denen hie und da der matte Schein eines Sternes blinkte. Schneidender -Nordostwind führte von den Schneegefilden der Pyrenäen erstarrende -Kälte uns zu, während vor uns laut brausend der Ebro seine Wassermassen -dahin wälzte, aus denen die Wogen durch das Aufzischen weißen Schaumes -auf der dunkeln Fläche hervortraten, deren Gränze die Schatten der -Nacht dem ängstlich forschenden Auge verhüllten. Regungslos standen die -Bataillone in Colonnen formirt auf dem Ufer, mit stummen Grauen auf das -Rauschen der mächtigen Wasser horchend; ich gedachte der Lieben in der -schönen friedlichen Heimath: ob ich wohl je sie wieder in die Arme<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> -schließe! Da tönte ein Commandowort durch die lautlose Stille, und die -Jäger-Compagnien warfen sich halb entkleidet in den Fluß, um auf dem -andern Ufer Position nehmend den Übergang zu decken. In gedrängtem Zuge -folgten ihnen die übrigen Truppen.</p> - -<p>Keine Vorbereitung war getroffen, den Übergang der Division zu -erleichtern, und die Cavallerie, welche stromaufwärts in einer Linie -sich aufstellend die Kraft der Wogen zu brechen bestimmt war, sah -sich durch die grimmige Kälte schnell gezwungen, an das andere Ufer -zu passiren. Da drang ein langer, wilder Schrei durch die Nacht, ein -Schrei des Todes. Ungeheures Entsetzen ergriff die Herzen der stumm -in Erwartung Dastehenden, athemlos von kaltem Schauder durchrieselt, -starrten Alle auf die tobende, schäumende Fluth. Klagelaute, Weherufe -der Verzweiflung ertönten und starben, immer wiederholt, immer grauser -die Brust uns durchschneidend, stromabwärts in die Finsterniß hin. Die -unwiderstehliche Gewalt der Fluthen riß die Cameraden mit sich fort, -wir hörten ihr flehendes Jammergeschrei und konnten nicht helfen; eine -Bildsäule stand ich kraftlos, gedankenlos, jede Fiber angespannt, wie -zum eigenen Todeskampfe, mit starrem, weit offenem Auge das furchtbare -Dunkel vergeblich durchforschend; das Haar sträubte sich mir, das -einzige Mal im Leben. Da traf eine Stimme mein Ohr, meine innerste -Seele, eine liebe, theure Stimme; nein! zu gewiß war es, herzzerreißend -drang eines lieben Gefährten Hülferuf zu mir — ich hörte, ich empfand -nichts mehr. An der Spitze meiner braven Freiwilligen fand ich mich auf -dem andern Ufer des Flusses, als das Bataillon sich dort formirte. Spät -entsann ich mich alles Geschehenen.</p> - -<p>Herrlich hatten sich unsere wackeren Burschen bewährt, deren -Standhaftigkeit durch das Schrecklichste nicht erschüttert wurde. -Während ihrer sterbenden Cameraden Jammergeschrei: „Ich ertrinke, um -Gottes willen, ich ertrinke!“ zu ihnen tönte<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> und bald, dumpfer und -dumpfer werdend, im Brausen der Wogen verhallte, während erstarrte -Körper, mit Mühe dem wilden Element entrissen, durch die Reihen -leblos dem nahen Dorfe zugetragen wurden, stürzten die Compagnien -ungeschwächten Muthes mit dem Rufe: „Es lebe der König!“ in den Strom, -der ihnen gleich furchtbares Geschick drohete. Um Mitternacht befanden -sich alle Corps auf der Südseite des Ebro und richteten ihren Marsch -gegen den nahen ihm parallel laufenden Gebirgszug.</p> - -<p>Don Basilio entwickelte bei diesem Übergange zuerst den Mangel an -Vorsicht, der ihm so oft verderblich werden und der sehr Vielen der ihm -anvertraueten Krieger frühen, leicht vermiedenen Tod bringen sollte. -Ein bloßes Tau, als Stütze gegen den Andrang der Wassermassen über -den Fluß gespannt, hätte den Schmerz uns erspart, zwischen funfzig -und sechzig unserer Genossen, unter ihnen drei Officiere, rettungslos -fortgerissen zu sehen. Um der, Manchem bis an die Schultern reichenden -und durch grimmige Kälte doppelt gefährlichen, Fluth widerstehen zu -können, stemmten sich die Freiwilligen auf das mit aufgestecktem -Bajonnett verlängerte Gewehr, und mehrere unter ihnen wurden durch -die Ungeschicktheit, mit der Hinter- oder Nebenleute die Stütze -handhabten, in Fuß und Bein verwundet, während andere, da sie schon -den schlüpfrigen Boden unter sich schwinden fühlten, alles Lästige -in der Noth von sich werfend, überglücklich das Ufer ohne Waffen -und Gepäck erreichten. Einige wurden, durch die Kälte des Wassers -und des Windes zugleich erstarrt, als sie kaum in den Fluß getreten -waren, bewegungslos zurückgebracht, Maulthiere und Pferde wurden -fortgeschwemmt, und einzelne kühne Reiter strebten umsonst, mit eigener -Aufopferung überall Hülfe zu leisten.</p> - -<p>Mehr als zweihundert Mann, die schwächsten an Geist und Körper, und -fünf Officiere mit ihnen, waren, durch die Gefahr zurückgeschreckt, -in Navarra geblieben und gingen, nachdem sie<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> die Nacht in Mendavia -zugebracht hatten, nach Estella, worauf der König die Officiere, zu -gemeinen Soldaten degradirt, zu den dortigen Bataillonen bestimmte. -Der General in Anerkennung der Festigkeit und des Enthusiasmus, welche -die Division bei dem Übergange an den Tag gelegt, schlug Sr. Majestät -vor, als Zeichen seiner königlichen Gnade eine Auszeichnungs-Medaille -ihr zu verleihen. Als die Expedition durch die gegen sie verschworenen -Elemente und die Schwächen ihres Anführers mehr, als durch der Feinde -überlegene Schaaren nach dem heldenmüthigsten Widerstande ganz -vernichtet war, als die Mehrzahl fechtend gefallen, einige, nicht -weniger rühmlich, verwundet in den Hospitälern der Christinos als -Gefangene schmachteten — nur 250 Mann entkamen zu dem Heere Cabrera’s -— geruhete der König, den Officieren, die den Ebro passirt und dem -Tode entgangen waren, einen Grad zu verleihen.</p> - -<p>Unter den Schlachtopfern jener Nacht befand sich Gustav Philippron, -ein junger holländischer Officier, ausgezeichnet durch Bravour und -militairische Ausbildung wie durch seine Entschiedenheit für die Sache, -deren Vertheidigung er sich gewidmet hatte. Wenige Minuten vor seinem -Tode fand ich ihn, wie er auf einem der Maulthiere behaglich reitend -seine Compagnie der Furth zuführte, in der so eben der Übergang begann, -und lachend wünschte ich ihm Glück, daß er so das Unangenehme der Nässe -zu vermeiden gewußt. Die Mitte des Stromes hatte mein armer Freund -erreicht, als das Maulthier, auf den glatten Steinen ausgleitend, -nach kurzem Kampfe hingerissen wurde; die ihm unmittelbar folgenden -Seinen sahen den geliebten Officier in der Dunkelheit verschwinden, -hörten in der Ferne seinen durchdringenden Hülferuf und mußten hülflos -ihn hinsterben lassen, da jeder Schritt von der vorgezeichneten Bahn -gleichen unabwendbaren Tod brachte. Mehrfach hatte Philippron gegen -mich geäußert, daß er überzeugt sei, er werde im Wasser umkommen, wie -sein Vater beim Bade, sein älterer Bruder, dem Vaterlande<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> gegen die -empörten Belgier dienend, in der Schelde ertrunken sei. — Von Allen, -die ich liebte, und durch engere Bande mir verbunden hielt, sollte -allein ich den Untergang unserer braven Armee überleben! Glücklich -ruhen sie längst von den Mühen, die so reichlich ihnen wurden; -glücklich, da sie im glorreichen Kampfe für das, was sie als recht und -wahr erkannt, auf dem Felde der Ehre bluten durften, glücklicher noch, -daß sie nicht sehen mußten, wie Niedrigkeit und Verrath im Untergange -der gerechten Sache triumphirten. Ehre sei den Braven!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unser kleines Corps, am Morgen nach dem Übergange den Rapporten gemäß -in allen Waffengattungen 1968 Mann stark, wandte also dem unter dem -Namen der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pinares de Soria</span> bekannten Gebirgszuge sich zu, der, -als iberisches Gebirge bei den Quellen des Ebro von dem Hauptstamme -der Pyrenäen sich losreißend, gen Südosten unter mannichfachen -Benennungen bis Unter-Aragon und Neu-Castilien sich erstreckt, wo er -mit der Sierra morena in Verbindung steht. Der König hatte dem General -Cabrera Befehl ertheilt, eine der Divisionen seiner Armee unserem -Anführer zu untergeben, damit dieser mit den vereinten Streitkräften -den Krieg nach der Mancha und den anderen Central-Provinzen Spaniens -tragen und die dort unter verschiedenen selbstständigen Partheigängern -gebildeten carlistischen Guerillas organisiren und combiniren könne, -um dem Kriege daselbst, der bisher mehr in Raub und Plünderung als im -Kampfe bestanden, regelmäßigere und entscheidendere Gestalt zu geben. -Große Schwierigkeiten bot der Auftrag. Nicht nur waren die Truppen -zu fürchten, welche, nun fast unthätig in der Mancha garnisonirend, -bei der Ankunft der Expedition Leben gewannen; selbst die Division -durften wir nicht als gefährlichsten Feind ansehen, welche 4000 Mann -Infanterie und 300 Pferde stark unter General Uribarri von Espartero -zu unserer Verfolgung<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> gesandt war, und auf der kürzesten ihnen -offenen Marschlinie uns zuvorzukommen und abzuschneiden strebte. Die -größten Schwierigkeiten drohten uns in der offenen, ebenen Gestalt -jener Provinz, welche die Überlegenheit des Feindes und besonders die -seiner schönen Cavallerie so sehr begünstigte, wie in dem Charakter -unserer dortigen Alliirten, die gewohnt, ohne Disciplin und Zwang nach -eigenem Gutdünken zu verfahren, mit Widerwillen und selbst mit offener -Widersetzung das Joch der Kriegszucht und der festen Ordnung empfingen, -durch das Don Basilio zu Soldaten, würdig des Namens von Carlisten, sie -umzuwandeln beschloß.</p> - -<p>In starken Märschen eilten wir der Vereinigung mit dem Heere Cabrera’s -entgegen und zogen schon am 2. Januar in das alte Calatayud ein, unter -den Römern Hauptort der Provinz; wir hatten noch keinen Feind getroffen -und waren von den Einwohnern überall auf eine Art aufgenommen, die -ihr freudiges Erstaunen über die hohe Disciplin und die Schonung -aussprach, welche sie von den Truppen beider Partheien, die sonst in -diesen Gegenden gehauset, so selten erfahren hatten. Die Garnison von -Calatayud hatte sich nebst den National-Gardisten in das über der Stadt -angelegte Castell eingeschlossen, wo sie, da wir uns begnügten, die -nöthigen Rationen und die Contribution zu erheben, und nicht dabei -gestört wurden, ganz unangetastet blieb. Auch in den übrigen Punkten -Aragon’s, in denen wir feindliche Forts trafen, fand kein Act von -Feindseligkeit Statt; während der Nacht ruheten wir sorglos in den oft -wenige Schritte von den Verschanzungen entfernten Häusern.</p> - -<p>Oráa hatte sich, unser Durchdringen zu Cabrera zu verhindern, mit -einem Theile der Armee des Centrum nach Daroca und Cariñena gezogen, -wodurch wir gezwungen wurden, südlich der Provinz Cuenca uns -zuzuwenden. Da begannen die Drangsale, durch die unsere Expedition -eben so erschöpfend als unglücklich werden sollte. Himmel und Erde -verbanden sich, ihr stets<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> besiegte, stets neu und schreckender sich -aufthürmende Hindernisse entgegenzuwerfen. Furchtbare, nie aufhörende -Regengüsse verwandelten die Wege in tiefe Sumpfgründe und machten -es fast unmöglich, den schmalen Gebirgspfaden zu folgen, deren -Schlüpfrigkeit dem Fuße keinen festen Stützpunkt mehr darbot, während -jeder Fehltritt Zerschmetterung auf den Felsen des Abgrundes drohete. -Jedes Gebirgswasser ward zum reißenden Strome, der die leichten -Brücken und Stege fortriß und nur auf Kosten der unwiederbringlichen -Zeit, oft mit Verlust von Menschenleben, überschritten werden konnte; -aus jeder Schlucht, jeder Vertiefung bildete sich ein tiefer See, zu -weiten Umwegen nöthigend und die Beschwerden der ermatteten Leute -verdoppelnd. Die elenden, weit entlegenen Dörfer reichten nicht hin, -selbst so kleiner Truppenzahl die nöthigen Lebensmittel zu liefern; -Mangel an allem Nothwendigen ward stündlich mehr fühlbar, Krankheiten -fingen an einzureißen, und die braven Freiwilligen, nach ermüdendem -Marsche zitternd von Nässe und Kälte, mußten oft auf der Straße neben -einem erlöschenden Feuer Erholung und Stärke für die Strapatzen des -folgenden Tages suchen, da die Officiere und Beamten, welche der Glanz -und Prunk liebende General in großer Zahl um sich hatte, nebst denen -der Legitimität für die Compagnien kaum einige erbärmliche Häuser frei -ließen.</p> - -<p>Solche das Hauptquartier begleitende, im Gefechte unsichtbare, sonst -überall sich vordrängende und Alles prätendirende Männer jedes Ranges, -wie sie fast immer die Divisionen begleiteten, wurden von den Soldaten -sehr treffend Blutigel genannt; doch saugen <em class="gesperrt">sie</em>, wo sie einmal -sich angehängt, unersättlich, bis sie das Herzblut getrunken haben. -Eine Thatsache mag als Beispiel ihrer Selbstsucht und rücksichtslosen -Habgier angeführt sein. Die erste Sorge des spanischen Soldaten beim -Einrücken in die Ortschaften ist, die als Feldflasche ihm dienende -Bockshaut mit Wein zu füllen, dessen Entbehrung, wiewohl er<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> nie -trunken, ihm drückender ist als die des Brodes selbst. Wie groß -mußte das Staunen unserer erschöpften Krieger sein, da sie jetzt -täglich die Thüren der Wirthshäuser durch Ordonnanzen besetzt fanden, -welche barsch mit der Erklärung sie zurückwiesen, der Wein sei auf -Befehl des Generals mit Beschlag belegt! Doch rasch verwandelte sich -dieses Staunen in drohenden Unwillen, als die Truppen erfuhren, daß -der General, weit entfernt, solchen Mißbrauch anzuordnen, gar nicht -von der Maßregel in Kenntniß gesetzt sei; daß einige Nichtsthuer zu -diesem Mittel gegriffen, um sich Wein zu sichern und ihre Taschen zu -füllen, da sie den Rest desselben, unter dem Vorwande der Ordre des -Generals den Wirthen ohne Entschädigung genommen, bei dem Abmarsche -heimlich verkauften. Don Basilio verdiente nie den sonst den spanischen -Generalen so oft mit Recht gemachten Vorwurf der Selbstsucht und des -Unterschleifes, er verabscheute das entehrende Verbrechen und strafte -es schwer: ein Oberstlieutenant und ein Civilbeamter wurden am 9. -Januar wegen unbefugter Beschlagnahme und Defraudirung von Wein vor der -Front der Division erschossen.</p> - -<p>Man glaube nicht, daß nur in den carlistischen Corps dergleichen -Mißbräuche sich fanden. Gewiß waren sie auch in ihnen häufig, und -besonders diejenigen Beamten, denen die Herbeischaffung der täglichen -Bedürfnisse oblag, und von deren Amte Unterschleif ja unzertrennlich -zu sein scheint, ließen die schreiendsten Räubereien durchgängig sich -zu Schulden kommen: während die Truppen in Gegenden, die an Vieh und -Getreide Überfluß hatten, oft am Nothwendigsten Mangel litten, wußten -sie ihre Koffer mit dem Golde des Landmannes zu füllen, indem sie, -mit den Magistraten den Gewinn theilend, ihn zwangen, die zehnfach -geforderten Lebensmittel in Geld zu liefern. Wohl ward hin und wieder -solch ein Erbärmlicher erschossen, aber das half für Tage kaum, während -der Unwille des seinen Unterdrückern fluchenden Volkes nie aufhören -konnte. Noch weit mehr breitete<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> sich jedoch diese Raubmethode in -dem Heere Christina’s aus. Generale, Anführer, Officiere nahmen in -ihm an diesen Ungerechtigkeiten Theil, die vollkommene systematische -Aussaugung des Landes ward mehr noch als des Feindes Verfolgung -betrieben, und da ich als Gefangener oft in nähere Berührung mit den -Officieren der revolutionären Armee zu treten genöthigt war, ward ich -durch die Frechheit empört, mit der sie ihrer Gewandheit in solchen -Diebeskünsten wie des ehrenvollsten Talentes stets sich rühmten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die stets zunehmenden Drangsale bei fortwährend forcirten Märschen -mußten den Etat des kleinen Corps sehr herabbringen; eine lange Reihe -Kranker folgte auf Eseln und Maulthieren dem Zuge und Mancher, der -augenblickliche Ruhe suchend hinter dem Nachtrabe zurückblieb, fand -unter den Händen der Nationalen den Tod, während Andere, entmuthigt und -unfähig, so viele Leiden länger zu tragen, ihre Waffenbrüder verließen -und dem gehaßten Feinde sich hingaben. Die Gesänge, welche den Marsch -der spanischen Soldaten begleiten und zur Ertragung der höchsten -Beschwerden ihn ermuntern, waren längst verstummt; finsteres Schweigen -herrschte die langgedehnten Marsch-Colonnen hinab und artete fast in -die fühllose Niedergeschlagenheit aus, die dem Mann, durch physisches -und moralisches Dulden besiegt, die Kraft zum Handeln und zum Denken -raubt. Da ertönte am Morgen des 13. Januars 1838 der Ruf, feindliche -Truppen seien vor kurzem durch das Dorf gezogen, welches so eben unser -Vortrab betrat; die ersten Bataillone erhielten Befehl, im Lauftritt -vorwärts zu gehen. Neues Leben beseelte unsere Freiwilligen; das Elend, -die Mattigkeit waren vergessen, Scherze und Gesänge erschallten, und -viele Kranke selbst schlossen ihrem Corps sich an, da der ersehnte -Augenblick des Kampfes nahe schien. Bald brachte die Cavallerie etwa -vierzig Gefangene,<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> meistens Nachzügler, zurück; wir erfuhren, daß -wir auf die von den Nordprovinzen zu unserer Verfolgung gesandte -Division gestoßen waren, welche, durch an sich gezogene Detachements -und National-Garden auf mehr als 5000 Mann verstärkt, nach Cuenca -marschirte, wo sie von den Strapatzen der letzten Wochen auszuruhen -gehofft hatte. Die beiden Divisionen hatten wenige Stunden von einander -entfernt übernachtet, ohne die geringste Nachricht davon erhalten zu -haben, so daß erst der Zufall, der auf dem Durchschnittspunkt der -beiden Marschlinien sie sich einander treffen ließ, den Generalen die -Nähe des Feindes anzeigte.</p> - -<p>Die Überlegenheit der Christinos bewog Don Basilio, nicht den Kampf -zu suchen, weshalb er den beschwerenden Munitions-Convoy unter dem -Schutze eines Bataillons von Aragon vorausschickte und mit den andern -drei Bataillonen und der Cavallerie, auf Alles gefaßt, langsam in -derselben Richtung folgte. Auf seine Übermacht vertrauend eilte -Uribarri gegen uns, und schnell waren die Jäger-Compagnien in lebhaftes -Feuer engagirt, während die feindliche Cavallerie unsere Rechte zu -überflügeln suchte, da dort das Terrain ihre Bewegungen gestattete. -Doch D. Basilio führte die in Masse gebildeten Bataillone, die -bedrohete Flanke durch die Escadrone deckend, bis zu einem nahen Defilé -zurück und nahm dort Position, worauf der Feind, ohne einen Versuch -zur Forcirung der starken, in der Front durch ein schroffes Ravin -geschützten Stellung zu machen, sich zurückzog und nur einige leichte -Truppen zur Beobachtung uns gegenüber ließ.</p> - -<p>Wenn die Division bis zum Anbruche der Dunkelheit diese Position -festgehalten hätte, so würden wir unter dem Schutze der Nacht -unsern Marsch mit Sicherheit fortgesetzt haben, ohne einem Kampfe -uns auszusetzen, dessen unglücklicher Ausgang vorher gesehen werden -und unheilsvoll auf die ganze Expedition wirken konnte. Der General -beschloß Anderes. Kaum sah er<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> die feindlichen Truppen in einiger -Entfernung, als er den Bataillonen zu defiliren befahl, während alle -Elite-Compagnien den Rücken deckten und die beiden Escadrone auf dem -etwas freierem Terrain zu unserer Linken folgten. Bald begann wiederum -das Feuer hinter uns, ohne jedoch unsern Marsch zu unterbrechen; doch -nach und nach nahm es zu und näherte sich rasch, schon waren die -Jäger und Grenadiere nicht mehr im Stande, den stark aufdrängenden -Feind zurückzuhalten, und um 2 Uhr Nachmittags wurden die Bataillone -genöthigt, in Schlachtordnung sich aufzustellen. Kaum nahmen wir -unsern Posten auf dem äußersten linken Flügel ein, als wir eine dunkle -feindliche Masse, deren Tirailleurs-Linie unsere Jäger vor sich -her trieb, anrücken sahen; eine zweite Colonne suchte unsere Linke -zu überflügeln, weshalb zwei Compagnien entsendet wurden, sich ihr -entgegenzustellen. Als das feindliche Bataillon bis auf hundert Schritt -herangekommen, zogen seine Tirailleurs sich rechts und links, und -mit dem wilden Gebrüll, ohne daß der Spanier nie angreifen zu können -glaubt, avancirte es im Sturmschritt. Fest erwarteten wir sie, Gewehr -im Arm. Schon waren sie kaum vierzig Schritt entfernt, da ertönte -hell das Commandowort „Feuer!“, ein dichter Kugelregen lichtete die -Reihen, und mit gefälltem Bajonnett stürzten wir auf die Wankenden, die -in Unordnung entflohen, bis sie, eine kleine Ebene durchschreitend, -jenseit einer schroffen Schlucht von ihrer Reserve aufgenommen wurden. -Wir eilten den errungenen Vortheil zu benutzen, als auf der Ebene -zwei feindliche Escadrone hervorbrachen, deren eine gegen uns sich -wandte, aus dem sofort gebildeten Carré mit Kugeln begrüßt, jedoch in -ehrerbietiger Ferne blieb, während die zweite auf die beiden Compagnien -sich warf, welche in Tirailleurs aufgelöset unsere Linke deckten.</p> - -<p>Entsetzen ergriff mich, da ich die eine der Compagnien zaudern, dann -ungewiß sich verwirren und, anstatt wie die zweite in Haufen sich zu -vereinigen, ungeordnet den nicht nahen<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> Gebüsch zueilen sah. Jubelnd -holten die Reiter sie ein und säbelten die Wehrlosen nieder; mehrere -Freiwillige lagen zu Boden gestreckt, andere erflehten, hoch die -umgekehrten Kolben emporhaltend, den so selten gewährten Pardon; -da stutzten die feindlichen Dragoner, und um den Hügel jagten die -Officiere der Legitimität zur Rettung ihrer Gefährten heran. Selbst -in Unordnung gerathen entflohen die Christinos, auf dem Fuße von den -Unsern verfolgt; die zweite feindliche Escadron suchte die Flüchtigen -aufzunehmen, wurde aber selbst mit fortgerissen und fand wie jene erst -hinter ihrer Infanterie Schutz.</p> - -<p>Unser Commandeur war ungewiß, welche Maßregeln er ergreifen sollte. -Vor uns stand in fester Stellung der weit stärkere Feind, das uns -zunächst aufgestellte Aragon blieb unbeweglich trotz der Zeichen, -durch die es bei unserm Vorgehen zu correspondirender Bewegung -aufgefordert war, weither verkündete sogar das stets mehr zurück sich -ziehende Feuer bedeutendes Vordringen der Christinos. Keine Ordre -des Generals erfolgte, so daß jeder Chef, wie so oft der Fall war, -nach eigener Eingebung handeln mußte. Rasch entschied sein Muth den -unseren zum Vordringen, um durch Bedrohung des feindlichen rechten -Flügels dem bedrängten Valencia Luft zu machen. Oberst Fulgocio -stellte sich an die Spitze des Bataillons und führte es vorwärts: -unter dem lebhaften Feuer des Feindes stiegen wir die steile Felswand -zur Schlucht hinab, erkletterten mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> mühsam -die entgegengesetzte Höhe und sahen uns Meister der Stellung, von der -die Christinos erstaunt gewichen waren. Doch ehe wir uns zu ordnen -vermocht, eilte ihre Reserve in Masse zum Angriffe vor, durchbrach -im ersten Drange unsere Linie und stürzte in das Ravin uns zurück, -mit dichtem Kugelregen uns überschüttend, wie wir im Rückzuge die -Felsen hinaufsteigen mußten. Da sahen wir Aragon eilig weichen; rechts -und links fielen die Freiwilligen, die Reihen mischten sich und -löseten sich auf, wildes Geschrei ertönte, und in Verwirrung floh das -Ba<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>taillon. Umsonst suchten wenige Officiere durch Bitten und Drohen -die Fliehenden zum Stehen zu bringen, umsonst durchbohrte Fulgocio, -der das Pferd zurücklassend der Erste beim Angriff, der Letzte auf -dem Rückzuge gewesen war, ergrimmt einen der Freiwilligen; es war -unmöglich, die wenige Minuten vorher so braven Soldaten zu ermuthigen, -und der auf dem Fuße uns verfolgende Feind machte alle Anstrengungen -der Officiere vergeblich.</p> - -<p>Da fühlte ich einen leichten Schlag an die Schulter, und baumelnd -sank mein rechter Arm am Körper nieder, während der Säbel der Hand -entglitt: eine Flintenkugel hatte den Oberarm, der Schulter nahe, -zerschmettert. Langsam schlich ich unter dem Pfeifen der Kugeln zurück, -bis Oberst Fulgocio mich zwang, sein Pferd zu besteigen, auf dem ich, -nachdem die Bataillone sich gesammelt hatten, dem Rückzuge bis zum -nächsten Dorfe folgte, wo den Truppen Brod und Wein ausgetheilt wurde, -Kraft zum nöthigen Nachtmarsche ihnen zu geben. Unser Verlust stieg -auf etwa zweihundert Mann, der des Feindes war bei seiner Übermacht -weit bedeutender, denn unser kleines Corps, wiewohl besiegt, hatte -sich seiner würdig gezeigt in hartnäckiger, blutiger Gegenwehr. Die -Christinos, weit entfernt, uns unmittelbar zu verfolgen, kehrten nach -den nächsten Dörfern zurück und büßten so die Vortheile ein, welche ihr -Sieg bei der gänzlichen Erschöpfung unserer Soldaten ihnen darbot.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In zehrendem Schmerze lag ich auf meinem Lager in dem Feldhospitale; -die Wundärzte hatten erklärt, daß der Knochen des Armes gänzlich -zerschmettert sei und daß meine Fortführung im Gefolge der Expedition -nothwendig schnellen Tod nach sich ziehen müsse: ich sollte -zurückgelassen werden. Entsetzliches Geschick! Umsonst sträubte ich -mich, umsonst flehte ich und betheuerte, daß ich den Tod dem mir -bestimmten Loose vorziehe. Das Urtheil<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> war gesprochen, ich blieb -verdammt, wieder den verabscheuten Trabanten der Usurpation in die -Hände zu fallen, nochmals alle die Drangsale zu dulden, welche von -solcher Gefangenschaft unzertrennbar sind. Verzweiflungsvoll klagte ich -das Geschick an, daß es zum Spielballe seines Hasses mich erkoren; ich -wünschte mir den Tod im Übermaße des bittern Schmerzes und beneidete -die, welche an jenem Tage neben mir das glorreiche Ziel ihrer Laufbahn -erreicht hatten.</p> - -<p>Dann traten die treuen Cameraden, vom Oberst Fulgocio geführt, ins -Zimmer, Abschied von mir zu nehmen. Der Krieger ist wenig gewohnt, -seine Empfindungen in schöne Phrasen zu kleiden, die so oft zum -Deckmantel kalter Gefühllosigkeit dienen. In wenigen herzlichen Worten -drückten die Gefährten ihre Theilnahme, ihre Wünsche mir aus; noch ein -langer, kräftiger Händedruck... schon rief der helle Hörnerklang zum -Abmarsche, und sie eilten, ihren Compagnien sich anzuschließen. Wie -viele dieser Braven sollte ich nie wiedersehen! Ehe ich von neuem mir -den Vertheidigern Carls V. mich vereinigen durfte, hatten die -Meisten unterlegen; auch sie sanken in der allgemeinen Vernichtung der -kleinen Division.</p> - -<p>Regungslos horchte ich dem Geräusche, welches von den Straßen -herauftönte. Bald zogen die Escadrone ab klirrend und rasselnd; -langsamen, schweren Schrittes folgte die Infanterie; kurze Ruhe -trat ein, dann erschallte der freie, weniger der bindenden Ordnung -unterworfene Tritt der Jäger, die den Nachtrab bildeten. Athemlos -suchte ich den letzten Laut der Cameraden zu erhaschen, bis das -Geräusch dumpfer und dumpfer hinstarb; Alles ward still wie das Grab. -Da ward ich überwältigt von schmerzlichsten Gefühlen. Die Augen füllten -sich mir mit glühenden Thränen, finstere Gedanken durchwühlten die wild -sich hebende Brust und machten mich unfähig, meine Lage zu würdigen, -unfähig selbst, Theil zu nehmen an dem Jammer derer, die mir nahe in -schrecklichen Zuckungen ihr Leben aus<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>hauchten, oder in leisem Gewimmer -die Schmerzen verriethen, deren Töne zu unterdrücken ihre Kraft nicht -mehr hinreichte. Wohin vermag Selbstsucht den Menschen zu treiben! Sie -tödtet jedes edlere Gefühl in ihm, sie macht ihn unempfindlich gegen -die Leiden seiner Mitmenschen, ja sie vermag so ihn zu versteinern, daß -er Freude fühlt bei dem Anblicke fremden Elendes und Trost im Dulden -Anderer für sein eigenes Geschick sucht. Doch regten sich bald bessere -Gefühle in meinem Herzen: die Bitterkeit machte der Wehmuth Platz, Ruhe -und Ergebenheit trat an die Stelle des wilden Zornes, bis die bisherige -Aufregung in Erschlaffung und Abmattung sich auflösete und fester, -erquickender Schlaf des erschöpften Körpers sich bemächtigte.</p> - -<p>Als ich erwachte, dämmerte der Morgen. Waffen und blutige -Kleidungsstücke lagen im Zimmer umher; zwei der Verwundeten waren -während der Nacht gestorben, die andern neun lagen hülflos da, außer -Stand, sich zu bewegen. Nachdem ich meine Lage überdacht hatte, -erhob ich mich langsam mit unsäglicher Mühe, in Schulter und Arm -von stechenden Schmerzen gefoltert; ich hielt es als der Erste an -Graduation unter den Zurückgelassenen für Pflicht, der Erste dem -Feinde, der jede Minute anlangen konnte, mich darzubieten und die -Sorgfalt der Anführer für die verwundeten Gefährten in Anspruch zu -nehmen. Sehr geschwächt schlich ich dem Eingange des Dorfes zu, dessen -Bauern, niedrig knechtisch gesinnt, wie der Neu-Castilianer allgemein, -und vor dem Stärkeren stets schmeichelnd im Staube kriechend, mir -finstere Seitenblicke zuwarfen, ohne ihre Hülfe anzubieten, und selten -wagte irgend ein mitleidigeres Weib, einige Worte des Bedauerns zu -äußern. Von Durst gequält trat ich in das kleinste Haus, einen Trunk -Wasser zu fordern. Das Mädchen, welches mir ihn reichte, flüsterte mir -zu: „Um Gottes willen, fliehen Sie ins Gebirge, denn die Schwarzen -sind schon im Anzuge und werden Sie tödten.“ Mit schmerzlichem Lächeln -sah ich auf den Arm, den bei der leichtesten Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> scharfe Stiche -durchzuckten, und dankte dem theilnehmenden Kinde; dann setzte ich den -schwankenden Gang dem Thore zu fort und erwartete auf einem Baumstamme -sitzend die Ankunft der Feinde.</p> - -<p>Las Cuevas — die Höhlen — liegt, seinem Namen Ehre machend, wie ein -Schwalbennest einem hohen abschüssigen Felsberge angeklebt, in dessen -Mitte ein Absatz sich befindet, gerade groß genug, um die Häuser des -Dorfes zu fassen, dem ein schmaler Felsenweg sich zuwindet, während -die Straße, ohne den Ort zu berühren, unten im Grunde sich hinzieht. -Von meinem Sitze aus konnte ich etwa tausend Schritt weit das Thal -übersehen, bis es sich hinter den in mannigfacher Gestaltung es -umkränzenden Höhen verlor. Im Morgennebel lag die Landschaft düster -da, nicht durch emsige Arbeiter belebt, da diese, die Raubgier der -zügellosen Soldateska fürchtend, ihre Wohnungen nicht zu verlassen -wagten und nur von Zeit zu Zeit neugierig forschende Blicke nach dem -Wege warfen, auf dem die siegreichen Christinos herankommen mußten. -Sie zauderten nicht lange. Gewehre blitzten, einzelne Reiter, leichte -Truppen des Vortrabes wurden sichtbar, und schnell folgte eine lange -dunkele Masse, wie eine ungeheure Schlange durch die Öffnungen der -Berge sich hinwindend. Die Colonnen befanden sich zur Seite des -Dorfes, als ein kleiner Trupp, von der Marschordnung sich trennend, -den Felsenweg heraufzog; Helme funkelten näher, und ein Detachement -Dragoner, welchem eine Jäger-Compagnie folgte, sprengte dem Eingange -des Ortes zu.</p> - -<p>An der Spitze der Reiter jagte der Capitain der Jäger einher. An ihn -richtete ich mich mit der Bitte, die im Gemeindehause befindlichen -Verwundeten gegen jede Mißhandlung schützen zu wollen, worauf er, -ein Mann edel und großmüthig, wie ich selten unter Spaniern, unter -Christinos sie fand, mich aufforderte, ihm zu folgen und meiner -Leute wegen unbesorgt zu sein; er stellte sofort Posten zu ihrer -Sicherheit auf und ließ für<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> die Armen, um die seit dem Abend Keiner -sich bekümmert, durch die Behörden Pflege und Nahrung besorgen. In der -That wagte Niemand, Hand an uns zu legen, so lange dieser Ehrenmann -mit seiner Compagnie im Dorfe blieb; da aber kaum der letzte Jäger -den Rücken gewandt, um mit der Colonne sich zu vereinigen, stürzten -die Dragoner über uns her, mißhandelten die Hülflosen trotz ihres -herzzerreißenden Jammers, nahmen ihnen Alles ab, was sie an Werth -besitzen mochten, und gingen in ihrer wilden Grausamkeit so weit, daß -sie die Kleidungsstücke, steif von geronnenem Blute, ihnen vom Leibe -rissen. Auch ich ward, wie meine Cameraden, entkleidet und mußte auf -besondern Befehl des feindlichen Generals dem Corps folgen, während die -übrigen Verwundeten den Dorfbehörden zum Transporte nach dem nächsten -Hospitale übergeben wurden.</p> - -<p>Nachdem ich eine schreckliche Stunde zu Fuß mich fortgeschleppt -hatte, durfte ich auf die Ballen eines hoch beladenen Maulthieres -mich heben lassen. Jeder Schritt machte mich von furchtbarem Schmerze -zucken, und mit fest über einander gebissenen Zähnen saß ich starr -und lautlos, bis endlich die nie aufhörende Wiederholung desselben -Schmerzes mich ihm vertraut oder stumpf gemacht hatte. Dann ward ich -vom Hunger gequält, da ich seit dem Morgen des vergangenen Tages -Nichts genossen, und umsonst hoffte ich, daß die Division anhalten und -Lebensmittel austheilen werde. Der Marsch dauerte fort und fort, meine -Schwäche durch Blutverlust und Nahrungslosigkeit herbeigezogen, nahm -immer zu, ich glaubte mich sterbend und freute mich, daß alle Leiden -nun bald vollbracht seien. Schon brach die Nacht an und noch ward -nicht gerastet. Mein Maulthier weigerte sich, länger zu marschiren, -es stolperte in jedem Augenblicke, dadurch meine Schmerzen auf den -höchsten Grad steigernd, und wurde nur durch Kolbenstöße der Wache zum -Weitergehen gezwungen. Da schlug es einen schmalen Fußsteig ein, der -hoch über dem Wege erhaben neben ihm hinlief, glitt<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> aus und stürzte -von der Höhe hinab. Der eine furchtbare Schrei, den ich ausstieß, -machte weithin die marschirenden Truppen stutzen: ich war auf den -zerschmetterten Arm gefallen und lag besinnungslos am Boden. Einige -Soldaten hoben mich auf und setzten mich, da ich wieder zum Bewußtsein -gekommen war, auf ein anderes Maulthier, und wieder ging Stunden lang -der Zug fort, bis ich gegen Mitternacht endlich von der folternden -Furcht eines neuen Falles, die nun jede andere Empfindung zum Schweigen -brachte, mich erlöset sah, da die Colonne in Carascosa auf der -Heerstraße von Cuenca nach Madrid Halt machte, um bis zum Morgen von -dem endlosen Marsche zu ruhen. Jener Tag war einer der entsetzlichsten, -die ich erlebt; ich hatte den Tod als eine Wohlthat erbeten.</p> - -<p>Vom Generalstabsarzte untersucht ward ich auf seinen Bericht in -Carascosa zurückgelassen und am Tage darauf langsam und möglichst -bequem nach Cuenca abgeführt, in dessen Hospital ich endlich die Pflege -und vor Allem die Ruhe zu finden hoffte, deren Entbehrung in meinem -Zustande die grausamste Qual war.</p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier14" name="zier14"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 14" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XV">XV.</h2> - -</div> - -<p>Nach vier Monaten durfte ich zum ersten Male vom Bette mich erheben. -Vier furchtbare Monate! Mit Schaudern dachte ich an die Leiden zurück, -die ich da erduldet hatte, und zollte der ewigen Vorsehung innigsten -Dank, daß sie wunderbar mich erhaltend durch das Schrecklichste mich -geleitet. Wunderbar war meine Rettung in der That; denn Nachlässigkeit, -Schmutz, Ungeschick und böser Wille vereinigten sich wetteifernd, -meine Wunde tödtlich zu machen. Zwei Mal kamen die Wundärzte, wie sie -sich zu nennen nicht anstanden, mit dem Apparate ihrer gefürchteten -Instrumente zu meinem Bette, mir erklärend, daß nur die Amputation -Hoffnung auf Rettung des Lebens übrig lasse; die standhafte Weigerung, -ihrer Amputirsucht mich zu unterwerfen, die Reinheit und Festigkeit -meiner Constitution und die Geduld, mit der ich hundert und fünf -Tage lang mit unbeweglichem Oberkörper auf den Rücken ausgestreckt -ausharrte, retteten mir den Arm. Aber Entsetzliches litt ich. Und -dann wurden in demselben Zimmer, in dem ich mit dreißig andern -Verwundeten und Kranken lag, blutige Operationen vorgenommen, und -das Zetergeschrei der Schlachtopfer machte uns innerlich erzittern; -mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, endlich gar Blatternkranke -schmachteten neben mir, im Bereiche meines Armes selbst; das Röcheln -der Sterbenden umtönte mich täglich, und viele Stunden hindurch lagen -verzerrte Leichname in unserer Mitte, ohne die Aufmerksamkeit der -Wächter zu erregen. Und doch ward mir als Officier manche Sorge, die -andern Unglücklichen versagt war. — Sollte man möglich glauben, daß -Gewohnheit uns endlich auch gegen alle jene Scenen des Schreckens und -der Qual gleichgültig, ja taub machen konnte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span></p> - -<p>Wer möchte all den Jammer, das tausendfache, herzzerreißende Elend -schildern, wie es in einem spanischen Hospitale, den Kältesten -erschütternd, zusammengehäuft ist? Da liegen die Armen, in langen -Reihen dicht an einander gedrängt, ja oft zu zweien in demselben Bette -vereinigt, so daß der Genesende die Convulsionen des Sterbenden neben -sich fühlt, der hülflose Kranke den eisigen Leichnam seines Gefährten -berührt. Dumpfe, schwülstige Luft, geschwängert mit den widerlichen -Ausdünstungen so vieler verschiedenartiger Übel, beklemmt die Brust des -Eintretenden und macht ihn zurückschaudern im athemlosen Ekel; grause -Unreinigkeit stattet rings in den widrigsten Formen, und Legionen von -jeder Art Ungeziefer, dieser Kinder des Schmutzes, bedecken Boden, -Wände und Betten durch nie endende Qual die Unglücklichen aufzehrend, -welche umsonst ihre Kräfte erschöpfen, die höllischen Plagegeister von -sich abzuwehren. Die Betten bestehen aus einem Strohsacke mit Betttuche -und wollener Decke; als Nahrungsmittel, unabänderlich festgesetzt, ward -am Mittag und Abend ein Stückchen Schaffleisch und ein halbes Pfund -Brod, am Morgen etwas Brod mit Wasser, Knoblauch und Salz zerkocht und -ein wenig rohes Öl darüber gegossen — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la sopa</span> — ausgetheilt. -Sogenannte Bouillon von Schaffleisch fand sich in solcher Menge, daß -die größere Hälfte stets weggegossen wurde, da selbst die Bettler sie -nicht genießen mochten. So war die Kost aller Hospitale, die ich unter -den Christinos gesehen, den Verbreitern der allgemeinen Aufklärung und -Humanität, wie sie gern sich nennen; auf strengere Diät wurden die -Kranken willig gesetzt, feinere, stärkende Nahrungsmittel dagegen nie -bewilligt. Ist es unter solchen Umständen zu bewundern, daß Tausende -von verwundeten oder erkrankten Soldaten in den Lazarethen ihr Leben -aushauchten, da sie so leicht dem Lande konnten erhalten werden?</p> - -<p>Und was sage ich von denen, die, in der Verwaltung der Hospitale -angestellt, am meisten zur Pflege und zum Wohle<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> der Kranken mitwirken -sollten? Wenn ich behaupte, daß ihr Streben nur darauf gerichtet ist, -durch die gröbsten und schändlichsten Veruntreuungen — denn das -Schändlichste ist, die leidende Menschheit, die Hülf- und Wehrlosen -noch tiefer zu stürzen — sich zu bereichern und möglichsten Vortheil -sich zu sichern; da würden diese Leute mit Recht sich beklagen, daß ich -ihre Handlungsweise in falschem Lichte darstelle, da in Deutschland -spanische Verhältnisse und Begriffe unbekannt sind. Sie würden fragen, -wie ich ihnen das als Verbrechen anrechne, was allgemein bekannt, -folglich, da es unbestraft bleibt, erlaubt war? Wie ich ihnen vorwerfe, -was alle Beamten des Staates vom Minister zum niedrigsten Schreiber, -vom General en Chef zum Corporal — der Soldat wurde stets von allen -geschunden — zum höchsten Ziele ihrer Mühen machten? Sie würden -fragen, ob ich verlange, daß sie, indem sie nicht dem gewöhnlichen -Wege folgten, sich ins Gesicht lachen, als Thoren sich schelten und -verachten ließen? ob sie, da ihnen Jahre lang kein Gehalt gezahlt -wurde, mit ihren Familien etwa Hungers sterben sollten? Und zu allen -diesen Fragen werde ich achselzuckend stillschweigen oder mit „Ja“ sie -beantworten müssen, denn sie widerlegen zu wollen, würde nur grobe -Unwissenheit verrathen. In allen Classen des liberalisirten Spaniens -ist dieses Betrugssystem so weit ausgebildet, so ganz heimisch in -ihnen geworden, daß, wer nicht dem gewohnten Geleise folgte, verlacht -und gestürzt wurde. Die christinoschen Beamten jedes Zweiges und -jedes Ranges sahen sich lange, lange Monate hindurch ohne Hülfsmittel -irgend einer Art gelassen, sie wußten sehr wohl, daß sie nie die -Summen, welche Jahr auf Jahr rückständig blieben, zu erhalten hoffen -durften; da suchten sie durch Veruntreuung und Bestechlichkeit, wo eine -Gelegenheit sich bot, reichlich sich zu entschädigen. Sie wußten, wie -ihre Stellung ganz ephemer war, wie sie, wenn eine andere Parthei an -das Ruder kam, sofort von ihrer Höhe gestürzt, vielleicht in der Fremde -Sicherheit zu suchen<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> genöthigt wurden; so strebten sie, für solchen -Fall durch Anhäufung von Capitalien sich vorzubereiten.</p> - -<p>Sonderbar wäre es gewesen, wenn die in den Hospitalen Angestellten von -der allgemeinen Ansteckung frei geblieben wären, und in diesem Zweige -mußten die Folgen doppelt traurig und empörend sein. Die Intendanten, -die Kriegs-Commissaire, Directoren, Inspectoren und tausend Andere -zerrten an der leichten Beute, einen Fetzen davon an sich zu reißen. -Die Wundärzte, nur dem Namen nach solche, stammten fast allgemein aus -der Classe der Soldaten, indem sie einige Zeit in einem Hospitale als -Gehülfen gedient hatten und dann berechtigt waren, selbstständig zu -tödten. Der Caplan stürzte durch die Zimmer, stopfte dem Sterbenden das -Sakrament in den Mund, machte ein paar Kreuze über ihm und verschwand, -angenehmeren Beschäftigungen zueilend. Endlich die Krankenwärter... -Doch ich will nicht länger das Bild menschlichen Elendes in der -entsetzlichsten Verlassenheit dem schaudernden Blicke aussetzen. Nur -wer es erlebt, wer selbst es empfunden hat, vermag solche Gräuel und -solchen Jammer sich zu denken.</p> - -<p>Sie war vorbei, diese Zeit des herben Duldens. Noch schwach, aber -überselig, da ich aus den Thoren des Lazareths in die freie, herrliche -Luft trat, ward ich zu dem Depot geführt, um mit der ersten Gelegenheit -nach Madrid abzumarschiren. Ehe ich jedoch Cuenca verlasse, muß ich -hinzufügen, daß ich dort nicht ohne Zeichen der Theilnahme gelassen -wurde; nein, noch immer denke ich mit inniger Dankbarkeit dorthin -zurück. Seit dem Augenblicke, in dem ich die Stadt betrat, hatte -der Bischof, ein wahrer Geistlicher und wahrer Christ, mit Allem -mich, wenn auch oft umsonst, zu versehen gesucht, was die Lage eines -Verwundeten zu erleichtern vermag; und später, da ich schon auf dem -Wege der Besserung war, sah ich mehrere Male vor meinem Bette eine -junge, reizende Dame, die, enthusiastische Carlistinn, trotz dem -Widerlichen, was das Hospital<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> für die zarten Gefühle des Weibes haben -muß, mit ihrer Mutter kam, den Verwundeten Trost und Hülfe zu bringen. -Theilnehmende, ermuthigende Worte flüsterte sie mir zu, und bis zu -meinem Abmarsche durfte nie einer der kleinen Leckerbissen mir fehlen, -die unter den höhern Classen der Spanier so sehr geschätzt werden. Zwei -Jahre später, als Verrath schon den Untergang über uns gebracht und -uns nur Wochen der Existenz gelassen hatte, fand ich diese Damen als -Verbannte in der Festung, die wir die letzte noch inne hatten, und kaum -entgingen sie dem allgemeinen Verderben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 12. Juli stieg ich die Hauptstraße von Cuenca, welche, da die Stadt -auf dem Abhange eines Berges liegt, wohl eine halbe Stunde lang mit -vielen Krümmungen das Thal sucht, zum Antritt des Marsches nach Madrid -hinab. Mit Wollust athmete ich, die am Fuße des Berges gelegene große -Vorstadt verlassend, die reine, freie Luft ein, welche ich so lange -gegen die giftigen Dünste des Hospitales hatte vertauschen müssen, und -überschaute schwellenden Herzens die Gefilde, reich mit Saaten bedeckt, -die lieblich grünen Wälder und die Hügel, welche rings der Landschaft -die mannichfachste Gestaltung gaben. Selbst gegen die erhabene -Schönheit der Natur wird des Menschen Geist kälter durch die Gewohnheit -ihres Anblickes; aber nach langer Krankheit oder wenn aus dem Kerker -der ersehnten Freiheit wieder gegeben, sind wir doppelt empfänglich -für das schmerzlich Entbehrte. So würde der Marsch nach Madrid mir -immer höchst angenehm geworden sein, wenn auch der die Bedeckung -commandirende Officier nicht so ganz edel und rücksichtsvoll — wie -in Spanien, im Bürgerkriege äußerst selten — gewesen wäre. Er hatte -lange Jahre gedient und in den Feldzügen gegen die insurgirten Colonien -in Amerika gefochten, er kannte den Krieg, kannte die Gebräuche und -Rechte,<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> wie civilisirte Nationen auch unter Feinden sie festgestellt; -er war brav, und der Brave ist stets großmüthig. Ich durfte während des -Marsches ganz wie frei mich betrachten, theilte sein Logis und sein -Mahl und sah mich stets mit aufmerksamer Artigkeit behandelt. Mehrere -Male traf ich unter den Christinos mit Männern zusammen, die sich -gegen mich auf die ehrenvollste Art benahmen, da ich doch aus eigener -Erfahrung weiß, wie meine spanischen Gefährten nicht nur allgemein, -sondern selbst von eben jenen Männern zu dulden hatten. Der Umstand, -daß ich ein Fremder war, mochte wohl hauptsächlich zu solchem Vorzuge -beitragen. Der ungewöhnliche Edelmuth jenes Officiers entwaffnete mich. -Ich verließ Cuenca mit dem Entschlusse, trotz der Schwäche meines -rechten Armes, der bewegungslos in der Binde hing, einen Versuch zur -Flucht zu machen, die bei der Nähe der Truppen Cabrera’s möglich -schien. Der Mißbrauch solcher Großmuth wäre schamlos, entehrend -gewesen; ich blieb.</p> - -<p>Ein Gefangener nahte ich Madrid auf derselben Straße, auf der ein Jahr -vorher Carl V. seine Divisionen bis an die Thore der Residenz -geführt hatte. Welche Betrachtungen, welche Gefühle mußte der Gedanke -mir wecken! Bald hatten wir den Tajo passirt, die Gebirgszüge verloren -sich in Hügel, die mehr und mehr wellenförmige Gestalt annahmen; da, -als wir eine leichte Anhöhe erstiegen, lag die stolze Königsstadt -vor uns in ihrer Pracht, von zahllosen Thürmen hoch überragt. So sah -ich Madrid wenige Monate früher, da wir in freudiger Hoffnung nach -Segovia’s Erstürmung heranzogen; damals eilte ich zum Kampfe gegen -die Satelliten der Revolution, die wir rasch zu unsern Füßen zu -zerschmettern hofften, und jetzt...! Wie konnte so kurze Zeit so viel -Schweres, so viel Furchtbares mit sich bringen?</p> - -<p>Gegen ein Uhr Mittags betraten wir den Prado, den Versammlungsort der -schönen Welt von Madrid; sechs Reihen herrlicher Bäume bilden, so -weit das Auge reicht, schattige Alleen,<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> von prachtvollen Gebäuden -und Gärten umschlossen. Um diese Tageszeit war der Spatziergang ganz -leer, weshalb wir gehofft hatten, unbemerkt und ohne Anfechtung die -wenigen Straßen zu durchschreiten, welche von der zu unserer Aufnahme -bestimmten Caserne von San Mateo uns trennten. Doch das Volk Madrid’s -im Eifer, durch Insultirung wehrloser Gefangenen die Entschiedenheit -seiner Meinungen darzuthun, scheut nicht Hitze, Staub und Ermüdung. -Schnell umringte uns ein großer Haufe vom Pöbel aller Classen; -einzelnen Schimpfworten folgten wilde Drohungen, mit den gräßlichsten -Flüchen untermischt, und viele der Wüthenden, selbst Weiber, suchten -zwischen die Soldaten der Bedeckung sich einzudrängen, um die -Gefangenen zu erreichen. Die Escorte schloß dicht um uns und hielt mit -vorgehaltenem Bajonnett die Rasenden zurück, unter denen zahlreiche -National-Gardisten durch ihre französischen Militairmützen kenntlich -waren, bis es ihr gelang, nachdem sie einige Schreier leicht verwundet -hatte, bis zu der Caserne sich Bahn zu brechen. Die Abneigung der -christinoschen Soldaten gegen die National-Gardisten stieg oft bis zu -höchster Erbitterung, da diese, nur zu Grausamkeiten und Metzeleien -fähig und willig, nie zu offenem Kampfe sich uns entgegenstellten, -dagegen in ihren Ansprüchen noch über die Linientruppen hinausgingen. -Solche Abneigung rettete manchem carlistischen Gefangenen das Leben, -indem die Truppen, wenn jener Pöbel, wie so oft, ihr Blut forderte, -bereitwillig sie zu beschützen eilten.</p> - -<p>Das Gefängniß, in welches ich geführt ward, war so finster, daß ich -anfangs gar nichts sah; als sich mein Auge endlich an das Halbdunkel -gewöhnt hatte, bemerkte ich zehn oder zwölf Unglückliche, sämmtlich -Officiere von der Armee Cabrera’s. Der Kerker war ein zwanzig Fuß -langer schmaler Raum, der durch ein Gitterfensterchen sein Licht aus -dem vorliegenden Gange erhielt. Von den Wänden fielen, durch die -Feuchtigkeit losgebröckelt, fortwährend Stücke Kalk herab, in langsam -regelmäßigen<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> Pausen tropfte das Wasser zur Erde, und der Boden war -mit leichtem Schlamme bedeckt, der nie trocknen sollte. Dabei diente -eine Pritsche zur gemeinschaftlichen Schlafstelle, und das Zimmer -trug ganz den Stempel der Militair-Gefängnisse, wie sie in allen -spanischen Casernen sich finden, auch wimmelte es natürlich von Flöhen, -die Tag und Nacht uns quälten. Von Zeit zu Zeit ward es uns erlaubt, -eine Stunde lang in dem Hofe spatzieren zu gehen, wo wir dann die -Unglücksgefährten trafen, welche in den andern oft noch schrecklicheren -Gefängnissen schmachteten. Jeden Sonnabend war aber Communication mit -der Außenwelt, indem alle diejenigen, welche durch Furcht vor der Rache -der Liberalen und den Insulten der National-Gardisten, welche die Wache -in der Caserne hatten, sich nicht abschrecken ließen, uns sehen und -sprechen durften, wobei ein hölzernes Gitter sie von uns trennte.</p> - -<p>Dennoch brachte ich die Wochen meines Aufenthaltes in Madrid so -angenehm zu, wie unter solchen Verhältnissen irgend möglich wurde. Ich -hatte von der Heimath her Empfehlungen in Madrid vorgefunden, wodurch -ich, da Geld und Connexionen dort unumschränkt herrschen, leicht die -Erlaubniß erlangte, Alles, was zur Verbesserung meiner Lage dienen -konnte, herbeizuschaffen und selbst Besuche in einem besondern Zimmer -zu empfangen; auch den gefangenen Cameraden konnte ich so zuweilen -nützen. Daher bedauerte ich nur, den Aufenthalt in der Hauptstadt nicht -zum Kennenlernen ihrer Merkwürdigkeiten benutzen zu dürfen. Wohl wäre -es leicht gewesen — und es wurden mir wiederholt deshalb Anerbietungen -gemacht — gegen Caution die Stadt als Gefängniß angewiesen zu -bekommen; doch würde ich mich nur unter steter Gefahr von Seiten des -niedern und hohen Pöbels in den Straßen gezeigt haben; auch hielt ich -für erbärmlich, meine Genossen in so trauriger Lage zu verlassen, um -selbst der Freiheit mich zu erfreuen oder gar dem ihnen drohenden -Geschick mich zu entziehen. Denn auch ihr Leben<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> war fortwährend -bedroht: tobende Haufen umwogten oft während der Nacht mit Blutgeschrei -die Caserne, und Truppen mußten aufgestellt werden, die Erstürmung zu -verhindern. Eines Abends ward auch die Wache plötzlich abgelöset und -durch Linientruppen ersetzt, da ein Zufall die Verschwörung verrathen -hatte, durch die wir in jener Nacht unter Mitwirkung der Wache habenden -Compagnie sollten ermordet werden, die dem zweiten Bataillone der -National-Garde angehörte, berüchtigt wegen hundertfach wiederholter -Aufstände und Emeuten.</p> - -<p>Da ward uns eines Abends die Nachricht, daß wir am folgenden Tage -nach dem südlichen Spanien abmarschiren würden: die National-Garde -und der ganze Pöbel war so aufgeregt, und das Gouvernement fühlte -sich ihnen gegenüber so schwach, daß es durch unsere Entfernung dem -Sturme vorzubeugen suchte. Am Mittage des 6. Septembers verließen wir -Madrid. Wieder umrasete uns das Volk, wieder mußten die Truppen, von -denen jetzt ganze Infanterie- und Cavallerie-Regimenter die Straßen und -die Zugänge besetzt hielten, mit Gewalt den Durchgang durch die dicht -gedrängten Haufen uns erzwingen, und einzelne Pistolenschüsse fielen -unter dem Jubel der Menge, ohne jedoch Schaden zu thun. Die Scenen um -uns her waren widrig empörend. Einige Nationale schlugen zwei junge -Damen nieder, da sie ihrem Vater und ihrem Bruder, die, Oberst und -Lieutenant im Genie-Corps, mit uns fortgeführt wurden, Adieu zuzurufen -wagten, und das Volk zollte durch laute Bravos der Brutalität Beifall.</p> - -<p>Entsetzlich war der Marsch jenes Tages; nie wohl verlor ich mit der -physischen so ganz die moralische Kraft, nie war ich so abgestorben für -Alles, Alles, bis auf das augenblickliche Dulden. Furchtbar glühend, -sengend stand hoch die Sonne über uns, glühend, wie nur Madrid’s -Hochebene sie kennt; kein erfrischendes Lüftchen regte sich, kein Baum -war da, Schatten zu geben, der Staub wirbelte in dicken Wolken unter -den Füßen<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> der Colonne auf, Erstickung drohend, und umsonst schaute das -matte Auge nach einem Tropfen Wasser umher. Noch schwach vom langen -Krankenlager, dessen Wirkung durch die ihm folgende Einkerkerung -keineswegs verwischt war, widerstand ich kaum; stumpf, zusammensinkend -schleppte ich mich vorwärts und stürzte, so wie Halt gemacht wurde -— jede Viertelstunde — auf den Boden, unempfindlich für Alles im -Gefühle des schrecklichen, tödtenden Durstes. Da bot ich Piaster, Gold, -Alles, was ich besaß, für ein Glas, für einen Trunk Wasser, selbst -für einen Trunk Wein; und Jedermann drückte den Schlauch, der etwa -noch einige Tropfen enthalten mochte, gierig ängstlich an sich; da -hatte auch das Gold seine Allmacht verloren. Und da wir endlich das -Ziel des Tagemarsches erreichten, ward Übermaß so verderblich, wie die -Entbehrung vorher. Wir ergriffen mit unmäßiger Hast die dargebotenen -Krüge, um in einem Zuge sie zu leeren und wieder und wieder zum Füllen -sie hinzureichen; und immer dauerte unbefriedigt, unersättlich die Gier -nach Wasser fort, so daß wir selbst trinkend mit Neid den Gefährten -trinken sahen. Bis dahin wußte ich nicht, was Durst sei.</p> - -<p>In Aranjuez, durch liebliche Gärten und ein schönes Schloß -ausgezeichnet, überschritten wir den Tajo, der dort noch weit von der -majestätischen Ausdehnung entfernt ist, in welcher er dem Meere seine -Gewässer zuführt; dann rasteten wir in Ocaña, wo die Franzosen die -fast zwei Mal so starken Spanier in der festesten Stellung gänzlich -schlugen. Schon breiteten sich vor uns die weiten Ebenen der Mancha -aus, bekannt als Don Quixote’s Vaterland. Ermüdet schweifte der Blick -über einförmige Sandflächen hin, die selten vom matten Grüne eines -Baumes belebt wurden, Tagereisen lang ward keine Quelle, kein Brunnen -sichtbar, in dem der Wanderer seinen Durst löschen könnte, und viele -Stunden weit liegen die elenden Dörfer von einander entfernt. Die -Bewohner der Mancha machen eben so<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> traurigen Eindruck und flößen den -tiefsten Schmerz über die Degradation des Menschen ein. Nirgends fand -ich sie so gesunken, wie in einem Dörfchen, las Cuevas<a name="FNAnker_39_39" id="FNAnker_39_39"></a><a href="#Fussnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> — die -Höhlen —, dessen Wohnungen in den oben bedeckten Spalten eines Felsen -bestanden, welcher dicht neben der Heerstraße sich erhob. Die Kinder, -augenscheinlich bis zum Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren, -spielten ganz nackt auf der Straße, mit hellem Kreischen entfliehend, -da wir naheten, während ihre Eltern, in jämmerliche Lumpen gehüllt, -die kaum ihre Blöße deckten, und von widerlichem Schmutze starrend, -dumm uns angafften und sich bekreuzten. Ohne einen Begriff von allem -nicht rein Thierischen vegetiren diese Unglücklichen hin, ein elendes -Geschlecht. Wie ist es möglich, daß der Mensch so entsetzlich tief -sinke! Unmöglich scheint es, daß ein so schmerzliches Schauspiel, -so beschämend in dem hochgebildeten Europa, wenige Meilen von einer -Hauptstadt, die mit Aufklärung und Civilisation prahlen mag, Auge -und Gefühl entsetzlich verletzen dürfe. In der That verdient nur die -Chaussée auf der ganzen weiten Strecke gerühmt zu werden, und neben ihr -— welcher Jammer, welche Erniedrigung, an der Tausende und Tausende -kalt vorüber fliegen, höchstens mit Eckel den Blick wegwenden, statt zu -helfen!</p> - -<p>Nachdem wir die Guadiana überschritten, wo sie unter die Erde -verschwindet, um sieben Stunden weiter eben so mächtig sich wieder -Bahn zu der Oberfläche zu brechen, und da wir Valdepeñas lieblich -leichten Wein getrunken hatten, sahen wir endlich fern die dunkeln -Massen der Sierra morena — der gebräunten Kette — sich erheben, -welche den unzähligen Räubern, die stets die südliche Hälfte Spaniens -überschwemmten, so viele und unzugängliche Schlupfwinkel darbietet, -daß Ferdinand VII<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>., um von dem kühnsten zugleich und edelsten -derselben das Land zu befreien, einen Vertrag mit ihm abschloß, -durch den der König dem Räuber lebenslängliche bedeutende Pension -zusicherte. Den Edelsten nenne ich José Maria, und wahrlich als Räuber -— als Mann, welcher der Gesellschaft, dem Gesetze Krieg erklärt hat -— verdient er ungeschmälert die höchste Bewunderung, welche ihm als -freiwilligem oder unfreiwilligem Mitgliede der Gesellschaft versagt -bleiben mußte. Anhänger der Theorie der Menschenrechte und Gleichheit, -ließ er die praktische Anwendung derselben, so viel in seinen Kräften, -sich angelegen sein; er beraubte nur Reiche, vorzugsweise solche, die -ihre Schätze ungerecht erworben oder die lieblos sie verwendeten, und -er beeilte sich, den Armen, welche er traf, seine Beute auszutheilen, -für sich selbst ganz uneigennützig. Die niedere Classe betete seiner -Großmuth und Freigebigkeit wegen ihn an und opferte Alles für ihn, -wodurch er den Jahre lang ihn verfolgenden zahlreichen Truppen -trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen — den Chefs derselben ward -endlich Absetzung, selbst Tod gedroht, wenn sie ihn nicht einfingen -— entgehen und seine Macht so ausdehnen konnte, daß eine Zeile von -ihm hinreichte, um reiche Müssiggänger zur Lieferung des Geforderten -zu bewegen. Doch lasse ich die spanischen Räuber, denn ich würde nie -enden, wollte ich von ihnen erzählen. Wir durchkreuzten bald die wilden -Schluchten des Gebirges, die Felsen und Abgründe, über die kühn die -Straße geführt ist. Bei dem Anblick dieser Gebirgsmassen regte sich -der alte Geist in mir; ich sah auf die kleine, sorglos einherziehende -Bedeckung und betrachtete dann die kräftigen Gestalten der dreihundert -Gefangenen: wohl bemerkte ich sehnsüchtige Blicke auf die wilden Felsen -geworfen, und ich glaubte das Blitzen des kühnen Entschlusses in den -dunkel glühenden Augen zu entdecken. Doch der Zug ging ruhig und -ununterbrochen fort; der Charakter, die Seele des Spaniers entsprechen -selten dem Eindrucke, welchen ihre stolze, scharf gezeichnete -Physiognomie hervor<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>bringt. Ich warf einen Blick auf den noch immer -regungslosen Arm, der jede rasche Bewegung mir hemmte: es war -unmöglich, der Versuch wäre Tollheit gewesen und mußte augenblickliches -Verderben nach sich ziehen. Langsam, in hoffnungslosem Schmerze folgte -ich den Gefährten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Marsch durch die Mancha war unheilsvoll gewesen. Mehrere Gefangene, -auch ein Soldat der Christinos, waren von der sengenden Hitze erstickt -todt auf der Heerstraße niedergesunken, andere starben erschöpft in den -Nachtquartieren oder in den Dörfern, in denen sie mußten zurückgelassen -werden, und die Hospitäler aller Städte, die wir durchzogen, wurden -angefüllt durch die Unglücklichen, welche in ihnen die Kraft zu -weiterem Marsche, weiterem Dulden suchen sollten. So wie wir aber die -Sierra morena erstiegen hatten, fühlten wir uns neu belebt durch den -Hauch der milden, lieblichen Lüfte Andalusien’s, dessen Schönheit ich, -ach! nur ahnen durfte; selbst als Gefangener empfand ich den Reiz des -herrlichen, nie genug gerühmten Landes. Ich bewunderte la Carolina, -nebst mehreren anderen Städtchen am Fuße des Gebirges von deutschen -Ansiedlern erbaut, regelmäßig mit schnurgeraden Straßen und freundlich -winkenden Häusern. Wenn gleich die jetzigen Bewohner der Geburt und der -Sprache nach Spanier sind, tragen doch die reichen Gefilde rings umher -das Gepräge deutscher Thätigkeit und Sorgfalt, die mit den einfachen -Sitten ihrer Vorfahren in den Nachkommen fortleben. Dann rasteten -wir einige Tage in Baylen, wo Dupont’s Divisionen den Spaniern sich -ergaben, überschritten bei Andujar den Guadalquivir und zogen dem -alterthümlichen Cordova zu, welches einst die siegreichen Carlisten in -seinen Mauern gesehen hatte. Einen Tag brachten wir dort in eben dem -Forte zu, in dem die Besatzung vor Gomez die Waffen streckte, da es, -ein ausgedehntes massives Gebäude, nun als Gefängniß benutzt<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> wurde. -Von dort wurden wir nach Sevilla geführt, fortwährend den Guadalquivir -cotoyirend, dessen hohe, abgerissene Ufer, wiewohl der Fluß nun sanft -und wohlthätig dahinströmte, die furchtbaren Wassermassen verrieth, -welche in anderer Jahreszeit den Gefilden Verderben bringend sein -Bett zerwühlen. Alle, auch die bedeutendsten Flüsse der pyrenäischen -Halbinsel theilen diese Eigenschaft der Berggewässer; während sie im -Sommer an vielen Punkten zu durchwaten sind, toben sie, wenn häufige -Regen oder der schmelzende Schnee der Gebirge ihnen Nahrung geben, in -weite Landseen verwandelt und rings die Thäler verwüstend, wild dem -Meere zu. Häufig wurde ich unangenehm überrascht, wenn ich die Flüsse, -welche ich als die ersten Spaniens in der majestätischen Pracht der -deutschen Ströme mir dachte, fast trockenen Fußes passiren konnte; -ja bei unserem Abmarsche von Madrid war in dem Manzanares nicht ein -Tropfen Wasser sichtbar.</p> - -<p>Wie wir dem Königreiche Sevilla naheten, breitete die Landschaft in -immer größerer Schönheit den bewundernden Blicken sich aus. Die Hitze -war eben so groß wie in der Mancha und doch wie verschieden: ein -frischer Wind, regelmäßig zwischen neun und zehn Uhr wiederkehrend, -hauchte während der Gluth der Mittagsstunden von der See her -erquickende Kühlung; Flüsse und Quellen bieten im Überfluß ihren -Labetrunk, und die schneeweißen Dörfer und Landhäuser, überall durch -die Felder zerstreut, laden freundlich den müden Reisenden zur Ruhe -und Erholung ein. Die Wege, auf dem wellenförmigen Boden sanft auf- -und niedersteigend, sind mit duftenden Stauden, mit Stachelfeigen -und mannichfachem Caktus eingefaßt, und eben diese Pflanzen dienen -mit ihren langen Stacheln und schneidenden Blättern zum Schutze der -Felder. So oft der Wanderer eine der leichten Höhen erstiegen hat, -weilt sein Auge auf dem lieblichsten Schauspiele, durch welches die -Natur, überschwänglich den Fleiß des Bebauers lohnend, den denkenden<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> -Mann erfreuen kann. Orangen- und Olivenhaine, mit weit ausgedehnten -Weinbergen abwechselnd, bedecken die Hügel bis zum fernsten Horizonte -und zeigen, mit einzelnen Granaten-, Citronen- und Mandelbäumen -oder breitblättrigen Feigen gemischt, die zartesten Nuancen, welche -das wohlthuende Grün in seinen Schattirungen so reich entwickelt. -Reinliche Dörfchen, Landhäuser, kleine Capellen mit den niedrigen, -eleganten Thürmchen und hie und da ein altergraues Kloster, ehrwürdig -von malerischer Höhe das Land überschauend, verschönern das zauberhaft -liebliche Gemälde und erwecken in uns die Erinnerungen und Gefühle, die -so herrlich uns anregen.</p> - -<p>Wenn das Land als eines der am meisten von der Natur begünstigten -erscheint, rufen Städte und Einwohner unwillkürlich die Periode uns ins -Gedächtniß, während der diese Provinzen unter der Herrschaft der Araber -unserem Welttheile entfremdet waren. In Andalusien war der Hauptsitz -der kühnen Morgenländer, in seinen vier Königreichen trotzten sie am -längsten der stets wachsenden Macht der Christen, bis mit Granada’s -Fall ihre letzte Hoffnung vernichtet, ihr letztes Bollwerk genommen -war. Da erst entschlossen sich die trauernden Reste der Eindringlinge, -im nahen Afrika den Schutz ihrer Glaubensbrüder anzuflehen, die längst -zur theuren Heimath gewordene Eroberung den gehaßten Feinden zu -überlassen.</p> - -<p>So ist es nicht zu bewundern, daß der Andalusier das orientalische -Blut, welches lange Berührung und Verschmelzung mit dem Araber ihm -mittheilte, noch jetzt nicht verleugnet, und daß Gebräuche und Sitten -der Vorfahren nur langsam mit denen der Abendländer sich mischen und -von ihnen verwischt werden. Dunkelgebräunt, ernsten Blickes, zeigt er -in seinen Zügen die majestätische, schwermüthige Ruhe, die plötzlich in -wildeste Leidenschaftlichkeit ausbricht, wenn seine Würde, sein Stolz -verletzt werden, oder wenn unerwartete Hindernisse seinen Wünschen -entgegenstehen. Eifersüchtig bis zur Raserei flattert er doch gern<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> von -Blume zu Blume; zugleich ist er verstellt im höchsten Grade und scheut -sich nicht, jedes Mittel zur Erreichung seines Zweckes anzuwenden. -Die Frauen, mit jener Schönheit des Südens begabt, die Viele für den -Augenblick unwiderstehlich anzieht, die aber nie auf immer zu fesseln -vermag, suchen ihren höchsten Stolz, ihr Glück darin, zahllose Anbeter -zu ihren wunderbar zarten Füßen zu sehen, und die Beschäftigung ihres -Lebens besteht in den Künsten, durch die sie über die Nebenbuhlerinn -den Sieg davon zu tragen hoffen. Kein Opfer ist ihnen zu groß, um -solchen Triumph dadurch sich zu bereiten. Doch ich thue Unrecht, diese -Eigenschaften als nur den Andalusierinnen angehörend hinzustellen, -da alle ihre spanischen Schwestern gleichen Anspruch darauf machen -dürfen; was aber unter diesen auf die höheren Classen, die feine -Welt, beschränkt bleibt, während da, wohin solche Verfeinerung nicht -gedrungen, auch die Sittenreinheit nicht ganz gewichen ist, das ist den -Andalusierinnen allgemein, es ist ihnen eigenthümlich und angeboren.</p> - -<p>Auch in dem Äußern der Städte hat die Ähnlichkeit mit denen des Orients -sich bewahrt und drängt sofort der Beobachtung sich auf. Die Häuser, -ohne Ausnahme schneeweiß, zeigen noch nach der Straße hin die kleinen, -mit Eisengittern geschlossenen Fensterchen, durch welche muhamedanische -Eifersucht die Tugend der Weiber zu sichern hoffte; nur in den größten -Handelsstädten haben weite Balkonfenster ihre neidischen Brüder zu -verdrängen vermocht. Die flachen Dächer sind mit duftenden Blumen -geschmückt, oft ganz in Gärten verwandelt und laden freundlich zum -Genusse der frischen Abendluft, während in den größeren Gebäuden weite -Marmorsäle und kühlende Springbrunnen in die Zauberpaläste der Sultane -uns versetzen.</p> - -<p>Das prachtvolle Sevilla lag vor uns, berühmt durch sein Clima, seine -Gärten und die Tertulias mit den reizenden Frauen, die in schmachtender -Schönheit die übrigen Töchter Spaniens weit überstrahlen. Schon dehnte -der Guadalquivir,<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> ein weiter Meeresarm, in stolzer Breite sich aus, -bedeckt mit zahllosen Fahrzeugen, die in jeder Größe und Gestalt, von -dem Handelsschiffe, welches reich mit Indiens Schätzen beladen nach -Monate langer Fahrt von dem fernen Manila heimkehrte, und dem alle -Hindernisse im gleichmäßigen Fluge besiegenden Dampfschiffe bis zum -Fischernachen oder der anmuthigen Gondel, die tausendfachen Bedürfnisse -der Sevillaner zu befriedigen bestimmt sind. Jenseit des Flusses erhob -sich die Kuppel der prachtvollen Kathedrale, kühn den Wolken zustrebend -und von den Spaniern als Meisterwerk ihrer Architektur hoch geschätzt. -Die niederen Thürme der zahllosen Kirchen und Klöster umringten sie, -mehr ihre Herrlichkeit hervorhebend, wie die Edlen den verehrten -Herrscher, während die dichte Masse der Häuser, dem treuen Volke -gleich, vertrauensvoll zu den Füßen der erhabenen Königinn ruhte, in -deren Glanz und Größe sie ja sich selbst verherrlicht sieht.</p> - -<p>Ein altes Kloster nahm uns auf, von Außen abschreckend in seinem -grauen, düstern Braun; da wir aber den innern Hof betraten, mit Orangen -und Cypressen geschmückt, überraschte mich der Ausdruck der Eleganz -und Pracht, die das Innere fast aller spanischen Klöster auszeichnen, -den Reichthum verkündend, durch den sie den Haß des Volkes auf sich -zogen. In bitterer Mißstimmung brachte ich die kurze Zeit hin, welche -wir in Sevilla’s Mauern zurückgehalten wurden. Konnte es anders sein, -da ich verdammt war, die Hauptstädte der schönen Halbinsel zu betreten, -die Gegenden zu durchwandern, deren Schilderung so oft mein Interesse -erregt und die lebhafte Sehnsucht, sie kennen zu lernen, in mir -angefacht hatte; da ich nun verdammt war, sie nur zu durchwandern, ein -Gefangener, dem der Genuß so vieler Reize versagt war, da ich gerade -hinreichend sie sehen durfte, um den harten versagenden Zwang auf das -bitterste mich fühlen zu lassen.</p> - -<p>Wir durchschnitten, wieder auf das linke Ufer des Guadal<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>quivir -zurückkehrend, die herrliche Ebene zwischen Sevilla und Xerez de la -Frontera, aßen das unübertreffbare Brod von Alcalá de los Panaderos, -durch die ganze Halbinsel als Leckerbissen verkauft,<a name="FNAnker_40_40" id="FNAnker_40_40"></a><a href="#Fussnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> und rasteten -in las Cabezas, welches in der Geschichte traurige Berühmtheit -erlangte, indem dort die Revolution von 1820 ausbrach, durch die das -Heer, welches, zur Bekämpfung der aufgestandenen Colonien bestimmt, -den Befehl zur Einschiffung erwartete, die Waffen gegen seinen König -wandte und die Constitution proclamirte, die erst der Einmarsch der -französischen Armee umstürzte. Dann bewunderte ich, da ein deutscher -Kaufmann, den Wache habenden Officier zu Gaste ladend, mich nach seiner -Wohnung führen durfte, das freundliche Xerez, schön und anmuthig wie -der Wein, den seine fruchtbaren Umgebungen erzeugen, und bald sahen -wir von dem Puerto de Santa Maria aus unsern endlichen Bestimmungsort -— Cadix — aus den Wogen auftauchen, glänzend weiß in der Morgensonne -weithinleuchtend, stolz in der Erinnerung seiner früheren Größe. -Wiewohl die Entfernung zu Wasser kaum zwei Stunden beträgt, mußten wir -der sechs Leguas langen Landstraße über den Puerto Real und die Isla de -Leon folgen, deren berühmte Caserne, die geräumigste und prachtvollste -des Königreiches, der Angabe nach für 18000 Mann eingerichtet, eine -Nacht uns beherbergte. In ihr fanden wir einige Tausend unserer -armen Burschen im entsetzlichsten Elende schmachtend und doch -unerschütterlich fest; blutenden Herzens verließen wir sie, ach! ohne -helfen zu können. Mit Thränen in den Augen begrüßten mich mehrere Leute -meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> Compagnie, die gleich mir verwundet in Gefangenschaft gerathen -waren. Meine Lage war beneidenswerth, mit der ihrigen verglichen.</p> - -<p>Am folgenden Tage zogen wir nach der berühmten Festung, einer der -wenigen Spaniens, deren Napoleon’s Schaaren nie sich bemächtigen -konnten. Cadix, wenn auch seit dem Verluste der amerikanischen Colonien -und dem damit verbundenen Fallen des Handels von der Größe und dem -Reichthum gesunken, die einst zur ersten Handelsstadt von Europa -es machten, zeichnet sich stets durch die Schönheit, die liebliche -Zierlichkeit aus, die nebst seinem unermeßlichen Wohlstande den Namen -der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">tasa de plata</span> — der Silbertasse — ihm erwarben. Ein -anziehendes Denkmal des geschwundenen Glanzes hat es den lebhaften, die -Schätze aller Zonen und aller Welttheile in ihm aufstapelnden Verkehr -sich entrissen gesehen, den seine Lage ihm auf immer zu sichern schien. -Aber die mannigfachen Annehmlichkeiten, die das Clima, gemildert durch -den wohlthätigen Einfluß des Meeres, welches die Stadt umwogt, ihr zu -geben vermochten, und die herrliche Lage der schönsten Provinz Spaniens -gegenüber sind ihr mit dem Verluste des Handels nicht genommen; -noch immer bleibt der Ausspruch des phantastisch genialen Dichters -Britanniens wahr, der Cadix als die reizendste der Städte rühmt.</p> - -<p>Durch seine Lage auf einer kleinen Felseninsel wird Cadix zur -außerordentlich starken Festung gemacht, während die Nähe des festen -Landes ihm erlaubt, den höchsten Einfluß auf die dortigen Ereignisse zu -üben, wie in den Kriegen und Umwälzungen, welche in diesem Jahrhunderte -die Halbinsel zerrütteten, mehrfach sich bewährt hat. Die Entfernung -von der Küste reicht hin, um gegen eine Belagerung von dort aus wie -gegen die Wirkung auch der schwersten Kanonen die Stadt zu sichern, -doch vermögen große Mörser ihre Geschosse bis zu ihr zu schleudern; so -verursachten die Franzosen in dem einen Stadtviertel, bis in welches -sie ihre Bomben trieben, einige Verheerung, da<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> sie die gewaltigen -Mörser, welche später als Trophäe nach England gebracht wurden, nahe am -Strande aufgepflanzt hatten. Eine zwei Stunden lange, schmale Landenge -verbindet die Festung mit der Isla de Leon und der auf derselben -liegenden Stadt San Fernando, die, gleichfalls stark befestigt und -durch einen Wassergraben ganz vom Lande getrennt, als Außenwerk von -Cadix betrachtet werden darf. Jene Enge, künstlich erhoben, ist so -schmal, daß die auf ihr hinlaufende Chaussée zu beiden Seiten vom Meere -bespült und zur Zeit der höchsten Ebbe von grundlosem Moraste umgeben, -oft aber von den Wellen bedeckt ist; sie wird durch starke Cortaduras -— Abschnitte — gedeckt und kann in wenigen Minuten ganz vernichtet -werden.</p> - -<p>Noch gehören mehrere bedeutende, zum Theil auf abgesonderten Inselchen -angelegte und hauptsächlich zur Deckung des Zuganges zum Hafen -bestimmte Forts in das Vertheidigungs-System der Festung, welche, -so lange der thätige Erfindungsgeist nicht mit neuen, furchtbareren -Angriffsmitteln uns bekannt macht, als von der Landseite aus unnehmbar -betrachtet werden darf.</p> - -<p>So war ich endlich auf dem Punkte angelangt, der nach dem furchtbar -mühevollen Marsche noch traurigere Ruhe mir gewähren sollte. Nachdem -wir einige Tage in dem Stadtgefängnisse, einem der ausgezeichnetsten -Gebäude der Stadt, zugebracht hatten, wurden wir nach den Casematten -gebracht, die vom Meere bespült und schauerlich feuchtkalt zu unserer -Aufnahme bestimmt waren. In tiefe Kerker, die durch die Thür Licht -und Luft erhielten, waren je dreißig bis vierzig gefangene Officiere -eingeschlossen, während die Unterofficiere und Soldaten in der -großen Caserne von la Isla zurückblieben. Unter den Unglücklichen, -die abgezehrt und bleich uns zu begrüßen kamen, fand ich einige der -Cameraden, die mit mir aus den baskischen Provinzen abmarschirt waren, -und viele andere, welche wir dort zurückgelassen hatten, mißmuthig über -die Entscheidung, die sie noch unthätig zu bleiben verdammte. Tief -bewegt lernte ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> unendlichen Leiden kennen, die sie bestanden, -und vernahm die Kunde von dem rühmlichen Tode so Vieler, die ich einst -trauernd scheiden sah, deren Glück ich oft beneidet hatte; mit innigem -Schmerze hörte ich die Schilderung von dem Untergange der kleinen, -schönen Division, da sie, wie die Tausende anderer Braven, nutzlos dem -unvermeidlichen Verderben geweiht war.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_39_39" id="Fussnote_39_39"></a><a href="#FNAnker_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Nicht mit dem gleichnamigen Dorfe der Provinz Cuenca zu -verwechseln, in dem ich gefangen genommen war.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_40_40" id="Fussnote_40_40"></a><a href="#FNAnker_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Ferdinand VII. ließ Bäcker, Mehl, Wasser und -alles zum Backen Nöthige von Alcalá nach Madrid bringen, ohne doch so -gutes Brod dort schaffen zu können; die Luft soll Schuld daran sein. -Jenes Brod ist in der That schöner als das beste Biscuit und wird auf -Maulthieren nach Lissabon, Madrid und selbst Barcelona versendet.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier15" name="zier15"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 15" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XVI">XVI.</h2> - -</div> - -<p>Don Basilio Garcia war, wie ich früher erwähnte, von der Hauptarmee der -Nordprovinzen in den letzten Tagen des Jahres 1837 entsendet worden, -um in der Provinz Cuenca und in la Mancha,<a name="FNAnker_41_41" id="FNAnker_41_41"></a><a href="#Fussnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> zu deren commandirendem -General er ernannt war, zu operiren, die dort existirenden zahlreichen -Carlisten-Guerrillas zu vereinigen und durch bessere Organisation -dem Feinde sie furchtbar zu machen. Er sollte daher zuerst nach -Aragon ziehen, da Cabrera Befehl hatte, eine seiner Divisionen Don -Basilio zu untergeben. Oráa vereitelte, indem er in Daroca sich -aufstellte, den Versuch der Division, von Calatayud aus nach Cantavieja -durchzudringen, und schob sie, auf der Straße nach Teruel ihren Marsch -cotoyirend, nach der Provinz Cuenca, wo wir am 13. Januar 1838 auf die -Verfolgungs-Division Uribarri trafen und, von der Übermacht erdrückt, -geworfen wurden.</p> - -<p>Von Aragon abgeschnitten wandte sich Don Basilio in forcirten Märschen -nach der Mancha und erreichte die Sierra von Toledo, wo er sofort eine -kleine gegen Palillos operirende Colonne ganz vernichtete. Wenige Tage -später begegnete er, ohne daß einer der beiden Anführer von des andern -Expedition Kunde gehabt hatte, dem Corps des Brigadier Tallada von -der Armee Cabrera’s; es war von Chelva zu einem Zuge nach der Mancha -und Andalusien abmarschirt. Don Basilio wünschte, daß diese Division -sich ihm anschließen möge, weßhalb er, da Tallada, dessen Truppen -weit zahlreicher waren, gar keine Neigung zeigte,<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> ohne besonderen -Befehl Cabrera’s sich ihm unterzuordnen, so weit nachgab, daß sie -gemeinschaftlich die Leitung des Corps übernehmen wollten, bis Cabrera -entschieden habe, welche seiner Divisionen dem königlichen Befehle -gemäß zu Don Basilio’s Disposition gestellt sei. Die beiden Chefs -durchzogen darauf die Mancha, überstiegen die Sierra morena und drangen -in das Königreich Jaen — Andalusien — vor, wobei Tallada durch -gelegentliche Eigenmächtigkeiten seine Selbstständigkeit schien darthun -zu wollen.</p> - -<p>Am 3. Februar stand seine Division, 3500 Mann Infanterie in fünf -Bataillonen und 300 Pferden stark, in Baeza, die der Nordarmee, nur -1600 Mann Infanterie und 140 Pferde, in dem drei Viertelstunden -entfernten Ubeda, nahe dem Guadalquivir, als Don Basilio die Nachricht -erhielt, daß General Pardiñas, der das Commando der Colonne Uribarri’s -übernommen, verstärkt durch die mobilen Truppen der Mancha über den -Paß des Despeñaperros die Sierra morena überschritten habe und zum -Angriffe heranziehend in la Carolina angekommen sei. Er ließ sofort den -Brigadier Tallada auffordern, entweder durch einen forcirten Marsch dem -Feinde entgegenzugehen und ihn überrascht anzugreifen, oder, was er -selbst rieth, durch einen Nachtmarsch in den Rücken der Christinos sich -zu werfen, den Paß des Despeñaperros zu besetzen und so, Andalusien -und die Mancha zugleich bedrohend, jeden Umstand zu benutzen. Tallada -antwortete, seine Truppen bedürften der Ruhe, und wies auch den Antrag, -eine concentrirte Stellung bei Ubeda zu nehmen, mit dem Bemerken ab, -daß er dafür einstände, daß der Feind gar nicht an einen Angriff denke.</p> - -<p>Bei Tagesanbruch ertönte zugleich mit der Nachricht, Pardiñas sei -wenige tausend Schritte von den Vorposten entfernt, lebhaftes Feuer -von Baeza her. Don Basilio sandte einen Adjudanten an Tallada mit -der Bitte, nur eine halbe Stunde sich zu halten, da er zu seiner -Hülfe herbeifliege. Der Adjudant<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> fand die ganze schöne Division in -furchtbarer Unordnung, wie eine große Heerde von den feindlichen -Massen vor sich her gejagt, Tallada selbst außer sich<a name="FNAnker_42_42" id="FNAnker_42_42"></a><a href="#Fussnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> und erhielt -von ihm, da er ihn aufforderte, seine Leute zu sammeln, die Antwort, -wie er nicht einmal für sich, geschweige für seine Leute einstehen -könne. Erst als die Bataillone der Nordarmee mit Festigkeit den -Sturm der Christinos ausgehalten hatten und selbst durch kraftvolle -Bajonnettangriffe sie zurückdrängten, kam er in Etwas zur Besinnung -und ordnete sein Corps zu geregelterem Rückzuge, dem die Division -Don Basilio’s deckend sich anschloß, zwei Stunden weit bot sie unter -stetem Feuer dem Andrange der feindlichen Infanterie und Cavallerie -die Stirn, bis diese, ohne einen Gefangenen ihr abgenommen zu haben, -die Verfolgung einstellten. Pardiñas schrieb die Rettung des Corps -Tallada’s, welches 300 Gefangene einbüßte, der bewundernswürdigen -Bravour der Truppen Don Basilio’s zu.</p> - -<p>Dieser drang in die Provinz Murcia ein. Entsetzliche Leiden -warteten dort der Freiwilligen, indem Regen und Schnee Wochen lang -ununterbrochen auf sie herabstürmten und die Gebirge ungangbar -machten; die Lebensmittel fehlten mehr und mehr, die Leute marschirten -bald barfuß, und ihre Uniformen hingen in Fetzen herab. Da trennte -sich Tallada eigenmächtig von dem Expeditions-Corps, um nach -Valencia zurückzukehren: er ward am 27. Februar, da er eben den -Jucar überschritten<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> hatte, von Pardiñas in Castriel überfallen, -nach der gänzlichen Vernichtung seiner Division gefangen und der -Gerechtigkeit gemäß erschossen. Don Basilio aber, da die geringen -Streitkräfte, welche ihm blieben, durch die Drangsale täglich mehr -zusammengeschmolzen waren, wandte sich wieder nach der Mancha und -vereinigte sich mit den dort hausenden Partheigängern.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Drei Cabecillas hatten sich in diesem Theile Neu-Castiliens besonders -hervorgethan: Jara hatte einige tausend Mann Infanterie gebildet, d. h. -Bauern gesammelt, die nicht exercirt und ohne Uniform größtentheils mit -Büchsen und Jagdflinten bewaffnet waren; Orejita führte ein Bataillon -und etwa funfzig Pferde; Don Vicenta Rojero — Palillos genannt — -commandirte mehrere Escadrone Reiter, deren Zahl den Umständen nach -zwischen sechshundert und tausend schwankte. Diesen Chefs schlossen -sich mehrere Partheigänger an, die gewöhnlich in Estremadura sich -aufhielten, aber häufig nach der Mancha hinein streiften und -gleichfalls 800 bis 1000 Pferde vereinigen konnten.</p> - -<p>Alle diese verschiedenen Banden nannten sich Carlisten und wollten für -eifrige Verfechter der Religion gelten, während sie die Sache, welche -sie zu vertheidigen vorgaben, durch fluchwürdige Excesse schändeten. -Ich spreche nicht davon, daß sie die Feinde, welche in ihre Hände -fielen, unbarmherzig opferten: sie thaten Recht daran. Wie konnten -Männer anders verfahren, die, weil sie schwächer waren, durch die -Gegner von den Wohlthaten jedes Vertrages ausgeschlossen wurden, die -Alles, was ihnen angehörte, ihnen nahestand, getödtet, verwüstet und -vernichtet sahen? Früher habe ich erzählt, durch welche Gräuel die -Christinos den Aufstand in diesen Provinzen zu unterdrücken suchten; -sie konnten nach solchen Schauder erregenden Thaten nie Schonung -erwarten. Nein — wenn jene Männer, zur Raserei<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> getrieben, mit Feuer -und Schwerdt gegen die Liberalen das Werk der Rache übten, handelten -sie nur gerecht und erfüllten ihre Pflicht; denn da wäre Milde und -Verzeihen zur verächtlichen, unvermeidliches Verderben nach sich -ziehenden Schwäche geworden.</p> - -<p>Aber Entehrung häuften sie auf sich selbst, und sie schändeten -die Sache, für die sie zu kämpfen vorgaben, indem sie ihrer -Rache Wuth von den Erbärmlichen, die sie hervorgerufen, auf das -ganze Menschengeschlecht ausdehnten und — zu Räuberbanden sich -erniedrigten. Von ihren Gebirgen aus — denn auch die Reiter hatten -ihre Zufluchtsorte in den schroffsten Gebirgen gesucht, welche die -prachtvollen Pferde mit erstaunlicher Ausdauer auf und ab kletterten -— durchstreiften sie die umliegenden Provinzen, mordeten und -brannten; sie plünderten die Reisenden und die Waaren, welche nur in -großen Convoys mit Bedeckung von Truppen transportirt werden konnten, -schleppten die Gefangenen in ihre Schlupfwinkel und ermordeten sie, -wenn nicht bald reiches Lösegeld aus ihren Händen sie rettete. -Auch die unglücklichen Bauern blieben nicht verschont. Ihre Ernte -wurde häufig zum Futter abgemähet und fortgebracht, wenn nicht gar -muthwillig zerstört, die Maulthiere auf dem Felde aufgefangen und -erst gegen Auszahlung großer Summen herausgegeben. So sanken diese -Banden zu verzweifelten Räubern im ganzen Sinne des Wortes herab, -die, wo sie erschienen, Tod und Elend in ihrem Gefolge führten. Die -Carlisten, d. h. die Männer, welche in den regelmäßigen Heeren für die -Aufrechthaltung der Rechte ihres Königs ehrenvollen Kampf kämpften, -wollten natürlich nie jenen Schaaren der Mancha den Ehrennamen von -Carlisten zugestehen. Die Christinos aber benutzten schlau die von -Jenen verübten Gräuel, um den Anhängern Carls V., unter deren -Namen sie verbreitet wurden, den Abscheu der Welt zu erregen.</p> - -<p>Übrigens waren diese Banden doppelt furchtbar, durch die hohe -individuelle Bravour, durch welche sie, wiewohl nicht or<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span>ganisirt -und ohne Disciplin, nicht selten den gegen sie operirenden Truppen -verderblich wurden. Vor Allem zeichnete die Cavallerie Palillo’s durch -seltene Todesverachtung, ja Verwegenheit sich aus und erwies dem -Expeditions-Corps während der kurzen Zeit, die es mit ihm vereinigt -blieb, wiederholt große Dienste. Die Bewaffnung der Reiter bestand in -Säbel, Pistolen und dem Trabuco, jenem gefürchteten Carabiner, dessen -Lauf von der Schwanzschraube zu der Mündung allmählich sich erweitert -und mit einer Handvoll Kugeln, oft funfzehn bis zwanzig Stück, geladen -wird. Er kann nur auf geringe Entfernungen gebraucht werden und wird -neben der rechten Seite frei auf dem linken Arm ruhend abgedrückt, -da der Rückstoß anderes Anlegen nicht erlaubt; seine Wirkung ist -ungeheuer, indem die Geschosse wie die Cartätsche einen Streukegel -bilden, der Alles vor sich niederreißt. Die christinosche Cavallerie -ward bei dem Anblicke der Trabucos, mit denen die Palillos unbeweglich -bis auf wenige Schritt ihre Annäherung abzuwarten pflegten, von -panischen Schrecken ergriffen, und es sind Beispiele vorgekommen, daß -ein Mann, mit dieser Waffe versehen, eine Straße oder eine Brücke mit -Erfolg gegen feindliche Detachements vertheidigte.</p> - -<p>Solche waren die Banden, welche Don Basilio um sich vereinigen, -denen er Ordnung und Kriegszucht einflößen, die er an regelmäßigen, -ehrenvollen Kampf gewöhnen und dadurch der Sache nützlich machen -sollte, der sie dem Namen nach angehörten. Leider war er nicht der Mann -für so schwierigen Auftrag, der eisernen Willen, Entschlossenheit, -Kraft und — Glück erforderte. Don Basilio besaß keine dieser -Gaben. Im Anfange freilich, da er nur den Eingebungen der wahrhaft -ausgezeichneten Männer folgte, die ihn umgaben, des Marquis von Santa -Olalla, seines Secretairs, des Oberstlieutenant Alcalde, des Obersten -Fulgocio und so vieler anderer Chefs, die fast ohne Ausnahme auf diesem -für die Division so glorreichen wie unglücklichen<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Zuge getödtet wurden -oder in Gefangenschaft fielen; da waren seine Maßregeln trefflich, und -der Erfolg schien sie krönen zu wollen. Er nahm das schon von Gomez -eroberte Almaden und in wenigen Tagen fünf andere kleine Forts<a name="FNAnker_43_43" id="FNAnker_43_43"></a><a href="#Fussnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, -an denen alle Versuche der Partheigänger gescheitert waren, wodurch -er ihre Achtung vor seiner überlegenen Macht erzwang. Dann erließ er -strenge Strafbefehle gegen Jeden, der ein Vergehen gegen die Disciplin -oder die geringste Erpressung und Beleidigung der Einwohner sich -zu Schulden kommen ließe. Wer des Diebstahls überwiesen war, wurde -ohne Gnade erschossen, wer ohne Erlaubniß auf eine Stunde sein Corps -verließ, wurde erschossen; die Christinos selbst rühmten, daß Don -Basilio mit ihren Generalen gemeinschaftlich auf die Banditen Jagd -mache, die bisher jene Provinzen infestirten.</p> - -<p>Da er so den ersten, dringendsten Schritt gethan, um die Räuber in -Soldaten umzuschaffen, strebte er, möglichst sie zu organisiren und -zugleich zu überwachen, indem er viele seiner besten Officiere unter -die Corps von Palillos, Jara und Orejita vertheilte. Auch wollte er -Einigkeit und Combination in ihre Operationen bringen und hoffte, wenn -er einigermaßen an militairisches Handeln sie gewöhnt, um seine kleine -Division als den Kern ein furchtbares Corps zu bilden, welches im -Innern Castiliens, im wahren Centrum der Monarchie, von entscheidendem -Einflusse auf den Krieg werden mußte. So weit war Alles gut.</p> - -<p>Bald jedoch verdarb die Schwäche des Generals, der unglückliche Gang -der Ereignisse und die Abneigung der Cabecillas, was die Kraft kaum -erreicht hatte und nur Kraft erhalten konnte. Orejita war der einzige -unter den Chefs der Mancha, welcher wahrhaft das Beste der Sache im -Auge hatte und daher mit<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> Eifer die Pläne des Generals adoptirte; bald -ward er auf einem Zuge durch den südlichen Theil der Sierra Morena -von überlegener Zahl überrascht, sein noch nicht ganz ausgebildetes -Bataillon von der feindlichen Cavallerie niedergeritten und vernichtet, -er selbst mit fast allen seinen Officieren getödtet. Jara und Palillos -dagegen beugten sich nur gezwungen augenblicklich unter die Zucht, die -Don Basilio etablirt hatte; ein Jeder suchte den Andern zu verdrängen -und bei dem General herabzusetzen, da sie, Beide das Commando in -Anspruch nehmend, die höchste Eifersucht und selbst Haß gegen einander -hegten, der verschiedene Male blutige Streitigkeiten unter ihren -Truppen erzeugt hatte. Beider Streben aber war auf Unabhängigkeit und -auf Abschütteln der lästigen Controle gerichtet, die seit der Ankunft -der Expeditions-Division auf jeder ihrer Bewegungen lastete.</p> - -<p>Die Lage Don Basilio’s war in der That schwierig; anstatt aber mit nie -rastender Thätigkeit und Energie lediglich dem ihm vorgesteckten Ziele -nachzugehen, anstatt auf jede Art die beiden Anführer zur Einigkeit -und zum Befördern der einzigen, endlichen Sieg verheißenden Kriegsart -zu bewegen, gab er bald dem Einem, bald dem Andern Gehör, begünstigte -den gerade Gegenwärtigen und regte dadurch die Leidenschaften immer -mehr auf. Vielleicht mochte er glauben, durch Intrigue und Schlauheit -leichter sie zu bändigen, als mit Gewalt, da daraus wohl offene -Widersetzlichkeit ihrer Schaaren gegen ihn und folglich gänzliches -Fehlschlagen des Zweckes seiner Expedition hervorgehen konnte. Nach -und nach gewann Jara, der listig und fein ihm zu schmeicheln wußte, -sein Vertrauen und nahm ihn gegen den geraden, derben Palillos durch -vielfache Verleumdungen ein, bis dieser, über die wiederholt erlittenen -Zurücksetzungen erbittert, zur großen Freude seiner Reiter ganz von Don -Basilio sich trennte. Da machte der General unkluger Weise die Spaltung -auf immer unheilbar, indem er laut drohete, Palillos zu erschießen, -wenn er seiner habhaft würde. Palillos sprach die<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> gleiche Drohung -gegen den General aus und that entschieden feindselige Schritte gegen -die Division, fing auch sein altes Plünderungswesen von neuem an. Don -Basilio ließ mehrere Reiter, die er zerstreut getroffen, füsiliren; -Palillos drohte Repressalien auszuüben: offener Krieg war im Begriffe -auszubrechen. Da erkannte Don Basilio, daß der Zweck des Zuges ganz -verfehlt und nun unerreichbar sei, daß längeres Verweilen in der Mancha -der Sache nur noch schaden könne. Er entschloß sich schweren Herzens, -das Unmögliche aufzugeben und die Rettung der Trümmer seines braven -Corps zu versuchen. Es sollte nur in der Vernichtung das Ende seiner -Leiden finden.</p> - -<p>Am 26. März hatte die Miniatur-Division in Valdepeñas auf der großen -Heerstraße von Madrid nach Sevilla und Cadix ein glorreiches Gefecht -bestanden, da sie vom General Flinter, seit seiner Auswechselung nach -Gomez Expedition commandirender General der Mancha, mit 5000 Mann -am Mittage angegriffen wurde; die Christinos hatten alle Zugänge -der Stadt besetzt und mehrere Gefangene in den Häusern gemacht, -ehe — unglaubliche Nachlässigkeit des Generals! — die Nachricht -ihrer Annäherung bekannt wurde. Dennoch brachen, als endlich der -Generalmarsch sie aufschreckte, die Bataillone compagnieweise, wie sie -einquartiert waren, durch die Feinde sich Bahn, formirten sich auf -dem Felde in Sturm-Colonnen und kehrten sofort zum Angriffe zurück. -Bis zur Mitte der Stadt drangen sie mit aufgepflanztem Bajonnett vor, -so den größten Theil der Gefährten rettend, welche, da sie vorher das -freie Feld nicht hatten erreichen können, aus den Fenstern der Häuser -die Feinde niederschossen. Nur dreißig Mann Infanterie und fast die -ganze Escadron der Legitimität, welche vom Feinde in ihrem Quartier -überrascht war, fielen in die Hände der Christinos, wogegen die -Division auf dem Rückzuge, den sie unverfolgt bewerkstelligte, vierzig -Gefangene fortführte.</p> - -<p>Mehrere Wochen hindurch wurde das Corps in höchst auf<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>reibenden -und schwächenden Märschen umhergeschleppt, während Don Basilio -noch immer die Ausführung seiner Pläne in Bezug auf die Cabecillas -hoffte. Täglich fanden Gefechte mit den überlegenen Feinden Statt, -stets rühmlich, und die Truppen, schon auf 1300 Mann geschmolzen, -zeichneten sich fortwährend durch herrliche Standhaftigkeit und Muth -aus, die leider ihr Führer nicht so kräftig benutzte, wie die Lage -der Dinge unumgänglich erheischte. Er scheute sich, mit dem Feinde -zusammenzutreffen, da Erfolg doch nur durch entschlossenes Angreifen -auch der größten Schwierigkeiten unter solchen Verhältnissen möglich -wurde. Da kam die Trauerkunde von dem Tode Orejita’s; der Bruch mit -Palillos entschied sich; bald langte Jara an — ohne Corps: seine -Brigade war durch eigene Schuld in ungünstigster Stellung angegriffen, -zersprengt, vernichtet. Jara ward sofort verhaftet und vor ein -Kriegsgericht gestellt. Don Basilio aber, nun ganz auf sich beschränkt, -wandte sich mit den 1100 Mann, die ihm blieben, von vier feindlichen -Divisionen gedrängt und selbst von Palillos angefeindet, nach -Estremadura und drang in die Provinz Salamanca ein, von wo er wohl mit -dem in Alt-Castilien operirenden Corps des Grafen Negri in Verbindung -zu treten hoffte.</p> - -<p>In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ruhte Don Basilio in Vejar, keines -Angriffes gewärtig, da der Feind am Morgen jenes Tages siebenzehn -Meilen entfernt war; Pardiñas aber, der am nächsten ihn verfolgte, -marschirte die ganze Nacht hindurch und war, von Einwohnern von Vejar -geführt, der Stadt nahe, als die Diana die Carlisten zum Weitermarsch -rief. Bei dem Klange der Trommeln und Hörner stutzten die Truppen, -da sie ihre Annäherung verrathen glaubten; der junge feurige General -stellte sich, ein Gewehr in der Hand, an die Spitze seiner Grenadiere -und forderte sie auf, ihm zu folgen. Die carlistischen Bataillone -marschirten dem Sammelplatze zu, als das Feuer von den Eingängen der -Stadt her die Nähe der Gefahr<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> ihnen verkündete, da die Christinos von -ihren Guiden über Felder und Gärten mit Vermeidung der ausgestellten -Vorposten bis innerhalb der Mauern geleitet waren.</p> - -<p>Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in den Straßen. Mit fünffacher -Übermacht stürmten die Christinos, ihrem kühnen General folgend, -gegen den Marktplatz; die Carlisten stürzten mit dem Bajonnett ihnen -entgegen, trotz der Überraschung der gewohnten Bravour treu. Aber von -allen Seiten gedrängt sahen sie ihre Reihen schnell gelichtet und -wichen kämpfend; schon betrat Pardiñas den Marktplatz, als er den -Oberst Fulgocio, in Ferdinand’s Garde einst sein Camerad, zu Pferde vor -einigen hundert Mann, den Überresten seiner Brigade, halten sah, zu -festem Widerstand sie ermunternd. „Ergieb Dich, Fulgocio, ergieb Dich!“ -rief Pardiñas ihm zu; doch der heldenmüthige Fulgocio, edel wie wenige -Spanier, antwortete laut: „Während mein Schwerdt mich schützt, ergebe -ich mich nicht!“ und sank von Kugeln durchbohrt zur Erde. Seine kleine -Schaar ward nach verzweifeltem Ringen gebrochen und niedergestreckt, da -sie Pardon nicht gab noch forderte; alle ihre Anführer waren vor ihr -gefallen. Zweihundert Mann, die in das Stadthaus sich eingeschlossen, -ergaben sich, als sie ihre letzte Patrone verschossen hatten.</p> - -<p>Don Basilio war wie durch Wunder aus einem Fenster seines Logis und -über mehrere Dächer hinweg entkommen, da schon die Thüren des Hauses -vom Feinde besetzt waren. Mit 250 Mann, dem Reste des Corps, welches -durch seine Sorglosigkeit in Märschen und Überfällen — doch stets -glorreich kämpfend — vernichtet ward, gelang es ihm, nach Aragon -durchzudringen und der Armee Cabrera’s sich anzuschließen. Alle die -besten Chefs und Officiere der Division, unter ihnen der General -Marquis von Santa Olalla, Chef des Generalstabes, ein Brigade- -und drei Bataillons-Commandeure waren gefallen; Wenige, darunter -Oberstlieutenant Alcalde vom Generalstabe<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> und der Commandeur des -Bataillons von Valencia, Beide verwundet, fielen in die Hände der -Christinos. Auch Jara, der kein gutes Loos erwarten mochte, hatte -freiwillig als Gefangener sich ausgeliefert.</p> - -<p>Unter den Todten befand sich mein Chef und Freund, der Commandeur des -7. Bataillons von Castilien, Oberstlieutenant Sabi, fast in jedem -Gefechte verwundet und immer gleich unerschrocken. Mit noch offener -Wunde verließ er die Nordprovinzen, um im Anfange der Action von -Sotoca wiederum von einer Kugel getroffen zu werden. Dann fiel er bei -Valdepeñas in die Gewalt der Christinos, die Brust bis zum Rücken -durchbohrt; gegen einen dort gefangenen Escadrons-Chef ausgewechselt, -so wie er transportirt werden konnte, fiel er an der Spitze von 140 -Mann, der kleinen Schaar, die von seinem Bataillon ihm geblieben, als -er, wiewohl noch schwach und ohne Commando, gegen den anstürmenden -Feind sie begleitete. So viele treue Gefährten sanken da in die frühe -Gruft! Von allen Officieren meines Bataillons retteten sich nur zwei -nach Aragon; der eine von ihnen ward dort bei der Belagerung von -Morella getödtet, mir lieb wie ein Bruder. Glücklich, glücklich preise -ich sie: sie ruhen in dem Schooße der Heimath, sie kennen nicht, -wie ihre trauernden Gefährten, den bittern, erdrückenden Schmerz, -verrathen, verkauft dem Monarchen, für dessen Rechte sie ihr Blut -vergossen, in die kalte Fremde folgen zu müssen, ihren König gefangen -schmachten zu sehen und das Vaterland unter dem Joche revolutionairer -Anarchie seufzend zu wissen. Sie errangen sich herrliches, -beneidenswerthes Loos!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Seitdem General Guergué nach der Rückkehr des Königs aus Castilien das -Commando der Armee übernommen, war sein Streben darauf gerichtet, so -bald wie möglich den Krieg wieder nach den Provinzen südlich vom Ebro -zu spielen, wozu er, der<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> Navarrese, das Corps von Castilien benutzte. -Drei große Fehler beging er dabei: er entsendete die Expeditionen in -der Jahreszeit, die alles Ungemach ihnen häufen mußten; er entsendete -sie isolirt, ohne ihnen doch die nöthige Stärke zu geben, um für sich -mit Kraft auftreten zu können; und er gab ihnen Führer, die wenig -geeignet waren, solche Nachtheile aufzuwiegen.</p> - -<p>Die dritte Division erlag dem Verhängnisse, welches seit dem -Augenblicke des Ebro-Überganges im December 1837 über ihr waltete. -Durch unvorhergesehene Hindernisse aufgehalten, folgten ihr erst im -Anfange März die acht Bataillone Castilianer, welche mit ihr bei -Amurrio die Revue vor Sr. Majestät passirt hatten; das Commando -derselben nebst vier Escadronen und zwei Berggeschützen ward dem -Generallieutenant Grafen Negri anvertraut. Ein prachtvolles Corps, ganz -Ergebenheit für die Sache der Legitimität und Ausdauer und Disciplin — -und wie ging es unter! — Graf Negri ist ausgezeichnet durch Geburt und -Bildung, unerschütterlich loyal, persönlich brav; aber General war er -nie und am wenigsten der schwierigen Aufgabe gewachsen, die bei solcher -Expedition ihm zu Theil wurde. Welche herrliche, unersetzbare Kräfte -wurden in diesen Zügen nutzlos vergeudet!</p> - -<p>Ich werde das Schicksal dieser Expedition nicht in seinen Details -verfolgen: sie sind, wie mehrfach schon geschildert, aus Fehlern und -Elend, Strapatzen und bewundernswürdiger Ausdauer, aus einzelnen -lichten Punkten und namenlosem Unglücke zusammengesetzt. Ein kurzer -Umriß des Geschehenen wird genügen. Bei seinem Auszuge aus den -Provinzen wies Negri den General Latre, der seinem Marsche sich zu -widersetzen eilte, mit Verlust zurück und schlug ihn bald nachher -in dem Gebirge von Santander, wobei Latre selbst verwundet wurde. -Er durchzog dann ganz Alt-Castilien und besetzte Segovia, welches -dieses Mal von den Truppen und Behörden geräumt war; der Zweck dieser -Besetzung ist stets dunkel geblieben, wenn man<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> nicht die Absicht, doch -auch in eine bedeutende Stadt einzuziehen, als Beweggrund annimmt, -denn die Verhältnisse waren sehr verschieden von denen, welche die -Expedition Zariategui’s veranlaßt hatten. Nach wenigen Tagen schon war -Negri genöthigt, Segovia zu verlassen; auf dem Fuße von den feindlichen -Colonnen verfolgt, warf er sich in die Gebirge und erreichte sie kaum, -nachdem er alle seine Jäger-Compagnien eingebüßt, da sie, den Rückzug -der Division deckend, von Infanterie und Cavallerie mit unendlicher -Überzahl angegriffen, umringt und in Masse formirt nach hartnäckigem -Kampfe gefangen oder niedergemacht wurden. Da begann das entsetzliche -Elend. Ohne Lebensmittel, ohne Schuhwerk verlor das Corps Zeit und -Kraft in nutzlosen Hin- und Herzügen durch die Gebirge von Soria und -Burgos, der Regen fiel Tag und Nacht in Strömen, den Truppen ward -nicht Ruhe noch Rast gegönnt; sie verlangten nur zu schlagen und Negri -hieß sie marschiren. Die Castilianer sanken erschöpft zusammen und -rafften sich wieder auf und murrten nicht; ihr Pulver war längst durch -unaufhörliche, Alles durchdringende Regengüsse verdorben, sie waren -waffenlos, vertheidigungslos — und ergeben folgten sie ihrem Führer; -seit mehreren Tagen marschirten sie ohne Rationen, von Allem entblößt -— und ihre einzige Bitte war, daß sie gegen den Feind geführt würden, -mit dem Bajonnette das Mangelnde sich zu erringen. Negri hieß sie -marschiren, ohne Rast, ohne Aufhören marschiren.</p> - -<p>Espartero war mit seiner mobilen Colonne nach Burgos gezogen und -erwartete dort ruhig den Augenblick, der das kräftig verfolgte -Expeditions-Corps in seinen Bereich bringen und Gelegenheit zum -Vernichtungsschlage ihm geben werde. Am 27. April zogen die Colonnen -Negri’s wenige Meilen von Burgos entfernt durch die Sierra, -verzweiflungsvoll, den Tod im Herzen; da ertönte der Ruf, Espartero -sei nur noch eine Stunde hinter dem Corps zurück: er war von Burgos -aufgebrochen, es<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> abzuschneiden und übernahm, zu spät gekommen, -mit Lebhaftigkeit die Verfolgung. Unbewegt hörten die Truppen die -Schreckenskunde. Umsonst suchte Negri den Marsch zu beschleunigen, -einen hohen Paß zu erreichen, der leicht vertheidigt ferneren Rückzug -sicherte. Die Soldaten schlichen, schon für Alles gleichgültig, den -Weg hinan, sie hatten mehrere Nächte hindurch keine Ruhe, seit acht -und vierzig Stunden keinen Bissen Brod gehabt, der Regen machte jede -Bewegung doppelt lästig. Bald waren die Truppen Espartero’s, die frisch -und kraftvoll Burgos verlassen, im Angesichte des Nachtrabes, sie -hatten den Weg mit Sterbenden und in Schwäche Hingesunkenen bedeckt -gefunden.</p> - -<p>Da wollte Negri, der so lange ängstlich den Kampf vermieden hatte, doch -rühmlich untergehen; er ordnete seine Divisionen in Bataillons-Colonnen -zur Schlachtordnung, und die braven Castilianer fühlten sich neu -belebt, da sie endlich stehen und fechten sollten. Rasch dringt -Espartero an der Spitze seiner Cavallerie-Massen heran, er stutzt, -da er auf der kleinen Ebene, das Gebirge im Rücken, die acht dichten -Haufen bewegungslos, drohend dastehen sieht, während die beiden -Escadrone die Flanken zu decken scheinen. Doch schnell entscheidet -er sich zur Charge und stürzt auf die ersten Bataillone, die fest -den Sturm erwarten und, da die Reiter wenige Schritt entfernt, auf -der Führer Stimme Feuer geben. — — Die Gewehre sinken aus den -erschlafften Händen: nicht Ein Schuß war erfolgt, da alles Pulver -untauglich geworden. In wenigen Minuten war das unblutige Werk -vollbracht. Graf Negri mit den beiden Escadronen und einigen berittenen -Officieren entfloh unverfolgt und gelangte nach Aragon; die acht -Bataillone, die treuen, ergebenen Castilianer — fielen wehrlos in des -übermüthigen Siegers Hand, der auch die Geschütze und Bagage erbeutete.</p> - -<p>So ward jenes herrliche Corps von Castilien vernichtet, welches nach -der königlichen Expedition die Hoffnungen der Carlisten von neuem -anregen durfte; seine beiden Theile sanken<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> gleich brav, gleich nutzlos -hingeopfert. Aber die Division, welche unter Don Basilio auszog, war -glücklicher, da ihr gegeben war, bis zum Untergange heldenmüthig gegen -die Übermacht zu ringen, da sie kämpfend, tödtend fiel, im Unterliegen -auch des Feindes Bewunderung davon tragend.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während Guergué so zwölf Bataillone und vier Escadrone plan- und -hülflos untergehen ließ, war er in den Nordprovinzen vollkommen -unthätig und genoß der Muße, die Espartero reichlich ihm ließ, indem -auch dieser, nachdem er die im vorhergehenden Feldzuge erschlaffte -Disciplin wiederhergestellt und strenges Gericht über die Schuldigen -gehalten, bis zum Frühlinge mit Spatziermärschen von einem Theile -seiner Linien nach dem andern sich begnügte. So beschäftigte sich -denn Guergué, während er den alten Pfarrer Merino mit den indessen -neugebildeten Bataillonen von Castilien nach dieser Provinz -entsendete,<a name="FNAnker_44_44" id="FNAnker_44_44"></a><a href="#Fussnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a> mit der Reorganisation der traurig herabgekommenen<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> -Armee, was ihm jedoch so wenig gelang, daß, natürliche Folgen der -Unthätigkeit, Mangel an Disciplin und Unzufriedenheit täglich überhand -nahmen.</p> - -<p>Nach der Vernichtung der Expedition Negri’s ward jedoch Espartero -so lebhaft von Madrid aus zu kräftigerem Handeln gedrängt, und das -Geschrei der Liberalen erhob sich so laut und drohend gegen ihn, daß -er seinen Entschluß verkündete, die Festung Peñacerrada in Alava, -welche Uranga im August 1837 erobert hatte, wiederzunehmen, und demnach -umfassende Vorbereitungen traf. Da diese Veste den Carlisten die -reichen Gefilde der Rioja alavesa unterwarf, Castilien ihnen öffnete -und die Verbindung zwischen Alava und Navarra dem Feinde nur auf weitem -Umwege über Miranda de Ebro möglich machte, eilte Guergué zum Schutze -derselben herbei; er gab ihr eine auserlesene Garnison und mehrte, so -viel die Umstände zuließen, die Befestigungen. Da jedoch in dem Heere -die Hauptstütze und Sicherheit des Platzes gegen einen regelmäßigen -Angriff beruhen mußte, errichtete er ein befestigtes Lager über einer -Brücke auf dem Wege, den allein der von Vittoria heranziehende Feind -benutzen konnte.</p> - -<p>Um die Mitte Juni’s verließ Espartero diese Stadt mit 20000 Mann, -von einem zahlreichen Belagerungs-Train begleitet; mit fast 14000 -Mann stellte Guergué sich ihm gegenüber. Aber, o Staunen! er ließ -das ganz unangreifbare, den Zugang beherrschende Lager unbesetzt, ja -er vernichtete nicht einmal die Brücken, wodurch der Transport der -Artillerie unendlich erschwert<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> wäre; dagegen nahm er eine Stellung -zur Seite der Festung in den Gebirgen. Espartero zog daher bequem -heran, da er kein Hinderniß und die Wege im besten Zustande fand, -bemächtigte sich mit Leichtigkeit eines kleinen dominirenden Forts, für -Infanterie-Feuer eingerichtet, etablirte seine Batterien und begann -mit Nachdruck die Beschießung der Stadt, die übrigens auf Befehl des -Generals — der keine längere Belagerung erwartete oder, da ja die -Verbindung mit der Armee, so lange sie ihre Stellung inne hatte, offen -blieb, nicht mehr Munition aussetzen wollte — nur auf drei Tage mit -Schießbedarf versehen war.</p> - -<p>Am 27. Juli nach zweitägigem, ununterbrochenem Feuer war die Bresche -im Begriff practicabel zu werden, auch empfand die Garnison schon -Mangel an Munition, weshalb Guergué, durch einen Adjudanten stündlich -von der Lage der Dinge unterrichtet, den Angriff auf die feindliche -Armee beschloß, welche den Sturm für die kommende Nacht vorbereitete. -Der Kampf wogte hin und her, aber um Mittag hatte die carlistische -Armee den Feind auf allen Seiten zurückgedrängt. Die Besatzung der -Stadt jubelte, und Guergué hielt selbst den Sieg für entschieden, -wiewohl Espartero stets in vollkommener Ordnung einen Flintenschuß -entfernt stand; daher befahl er den Bataillonen, während der glühenden -Hitze zu ruhen und ihre Rationen rasch zuzubereiten, während ein -einziges Bataillon von Navarra dem Feinde gegenüber zur Beobachtung -stehen blieb; am Nachmittage sollte der Angriff fortgesetzt, der -schon unzweifelhafte Sieg vollendet werden. Espartero benutzte diese -Sorglosigkeit, vereinigte seine ganze Cavallerie, stellte sich selbst -an die Spitze der Husaren,<a name="FNAnker_45_45" id="FNAnker_45_45"></a><a href="#Fussnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> warf im glänzenden Choc das Bataillon -von Navarra<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> über den Haufen und stürzte auf die kaum von ihren -Kochtöpfen verwirrt sich aufraffenden Carlisten. Die Husaren von -Arlaban suchten den Sturm aufzuhalten und chargirten mehrmals mit -Glanz, wurden aber nach hartnäckigem Widerstande ganz zusammengehauen; -in einer halben Stunde war die so eben noch siegreiche Armee zerstreut -und floh in wilder Auflösung.</p> - -<p>Der Feind nahm fast die ganze Artillerie der Carlisten, von der -Espartero mehrere in den Fabriken der Provinzen verfertigte Geschütze -wegen ihrer besondern Schönheit als Merkwürdigkeit nach Madrid sandte, -auch machte er eine bedeutende Zahl Gefangener. Am Nachmittage zog er -in Peñacerrada ein, da die Garnison, so wie sie die deckende Armee -auf der Flucht und die Christinos im Begriff sah, ganz die Festung -einzuschließen, ohne Mittel zu längerer Vertheidigung sie verließ und -in die Gebirge sich rettete. Der moralische Eindruck dieses Sieges -war außerordentlich: gewiß ist er der größte und wichtigste, den -Espartero mit den Waffen in der Hand je errungen hat, und Muthlosigkeit -verbreitete sich bei der Nachricht des Geschehenen durch die Provinzen. -Drei Tage später ward Guergué, als General en Chef ganz untauglich, des -Oberbefehls enthoben.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_41_41" id="Fussnote_41_41"></a><a href="#FNAnker_41_41"><span class="label">[41]</span></a> La Mancha umfaßt die Provinzen Toledo und Ciudad Real, -beide zu Neu-Castilien gehörend.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_42_42" id="Fussnote_42_42"></a><a href="#FNAnker_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Tallada nahm kurz vor seiner Bereinigung mit Don -Basilio einige Compagnien der königlichen Garde gefangen, und ließ -die Officiere derselben trotz der zugestandenen Capitulation niedrig -ermorden — aus Habsucht. Seit dem Augenblicke dieser Schandthat wich -alle Energie, die vorher ihn ausgezeichnet hatte, von ihm, und ein -furchtsames Schwanken und Geistesabwesenheit lähmten seine Talente, wie -er denn von Unglück zu Unglück dem schnellen Untergange zueilte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_43_43" id="Fussnote_43_43"></a><a href="#FNAnker_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Jedes bedeutende Dorf in der Mancha war zum Schutze gegen -die Banden befestigt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_44_44" id="Fussnote_44_44"></a><a href="#FNAnker_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Da die Züge Merino’s, deren Résumé Abmarsch, Aufenthalt -in den Wäldern und Vernichtung ist, keine nähere Erörterung verdienen, -erwähne ich ihrer hier kurz. Eine unbegreifliche Verblendung ließ -diesen Greis, der längst sich überlebt hatte und dessen Ruhm seine -Thaten weit überragt, in dem Jahre 1838 mehrfach zum Anführer kleiner -Corps bestimmen, die er denn auch so trefflich zu handhaben wußte, daß -er jedes Mal ganz ohne Truppen zurückkam. Es scheint wahrlich, daß es -damals den Heerführern der Basken nur darauf ankam, der Castilianer -sich zu entledigen, gleichviel auf welche Art. — Merino hatte zu -seiner Zeit nur Cavallerie geführt und hatte gar keinen Begriff von der -Infanterie; doch gab man stets ihm solche. Er verließ die Provinzen -mit zwei Bataillonen, verlor sie, entkam nach Aragon, nahm dort das -Commando der Castilianer-Bataillone, die von Zariategui dorthin sich -gerettet hatten, zog, nachdem er der Belagerung von Morella beigewohnt, -gegen Cabrera’s Willen — auf höheren Befehl — damit aus, verlor sie, -kehrte nach Navarra zurück, erhielt neue drei Bataillone und verlor -sie wieder in Castilien. Von da an blieb er unthätig. Es ist bekannt, -wie der Gram ihn tödtete, da er bei Maroto’s Verrath im verhaßten -Franzosenlande Zuflucht suchen mußte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_45_45" id="Fussnote_45_45"></a><a href="#FNAnker_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Espartero soll persönlich sehr brav sein und zeigt dieses -gern, indem er sich an die Spitze seiner angreifenden Escadrone stellt. -Doch erzählten mir christinosche Officiere, welche bei jenem Angriffe -sich befanden, daß Espartero, da die Husaren von Arleban mit Festigkeit -chargirten, schweigend sein Pferd wandte und von der Tete zu der Queue -der Colonne ritt.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier16" name="zier16"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 16" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XVII">XVII.</h2> - -</div> - -<p>Don Rafael Maroto, in Andalusien geboren, diente im -Unabhängigkeitskampfe gegen Napoleon und später in den Colonien -gegen die Insurgenten, in welchem Kriege er bis zu dem Grade von -Brigadier stieg. Auch er sog dort die niedrigen, selbstischen -Ideen und Grundsätze ein, die in allen Generalen und Chefs, welche -in jenen Kriegen gegen die aufgestandenen Amerikaner ihre Schule -machten, mit seltenen Ausnahmen so auffallend sind und später in -Unbeständigkeit, Bestechung und Verrath sich kund thaten. Bei seiner -Rückkehr nach Europa hatte Maroto umsonst das Commando einer Brigade -in der Garde zu erlangen gesucht; der Graf de España, damals Chef -des Garde-Infanterie-Corps, wußte die mächtige Fürsprache, welche -die schöne Frau des Brigadier ihm erlangt hatte, zu vereiteln, indem -er dem Könige vorstellte, daß Maroto vorher selbst ein Kriegsrecht -fordern müsse, um über sein Benehmen bei dem schimpflichen Ende jenes -Feldzuges sich richten zu lassen. Bald nachher war er genöthigt, jene -Frau, eine reizende, sehr reiche Amerikanerinn, nach ihrem Vaterlande -zurückzusenden, da sich fand, daß er mit ihr sich verheirathet -hatte, während seine erste Frau vergessen in Spanien lebte. — -Maroto vereinigt mit niedrigen Gesinnungen hohe Talente; er ist -fest, unbeugsam in seinem Willen, energisch in der Ausführung des -Beschlossenen wie ohne Bedenken bei der Wahl der Mittel, dabei mit -durchdringendem Verstande und herrischem Temperament begabt. Sein -Äußeres und sein Benehmen üben auf die Umgebung, besonders auf die -Frauen, so mächtig in Spanien, eine unwiderstehliche Gewalt: diese tief -liegenden, dunkel glühenden Augen scheinen die Macht jener Schlange zu -haben, deren Blick die zitternden Opfer fesselt und anzieht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - -<p>Dieser war der Mann, den Carl V. berief, um durch sein Talent die -Unglücksfälle gut zu machen, welche unter Guergué’s Commando die Armee -der Nordprovinzen getroffen hatten; und wahrlich, Viel hätte er thun, -auf immer die Liebe des Volkes und den Dank des Monarchen sich erringen -können, dessen Vertrauen so hoher Stellung ihn werth hielt. Maroto -hatte während des Bürgerkrieges mannigfach sich ausgezeichnet, ohne -doch durch glänzende Erfolge seine Fähigkeiten verkündet zu haben. -Nicht ohne zweideutiges Benehmen nach dem Tode Ferdinand’s kämpfte -er später in untergeordneter Stellung in den baskischen Provinzen -und wurde — sein erstes selbstständiges Commando — im Jahre 1836 -zum commandirenden General in Catalonien ernannt, hatte aber von dem -ersten Augenblicke seines Auftretens daselbst mit so entschiedenem -Unglück zu kämpfen, daß es ihm unmöglich ward, die wilden Horden — -denn andere Namen verdienten sie nicht — der dortigen Carlisten zu -bändigen und durch Vertrauen sich zu verbinden. Er wich den Umständen -und zog sich nach Frankreich zurück, wo er, anscheinend ohne Einfluß, -aber den Ereignissen und Intriguen des königlichen Hauptquartiers nicht -fremd, bis zu dem Augenblicke lebte, in dem der Gang der Dinge die -Machinationen der ihm Verbundenen zu begünstigen schien. Da eilte er, -persönlich seine Pläne zu betreiben.</p> - -<p>Der Hof und in ihren Führern die Armee waren schon lange durch die -Spaltungen, Intriguen und innern Anfeindungen getheilt, die so viel -zur Schwächung der Carlisten und zur Paralysirung ihrer Anstrengungen -beitrugen. Zwei Hauptpartheien oder Fractionen standen sich gegenüber, -die in wenigen Worten charakterisirt sind. Die erste, die von ihren -Feinden aller Orte und aller Arten als ultraroyalistisch bezeichnete -Parthei, d. h. Alle, welche den König als König verehrten, ihn -vertheidigten, weil ihre Grundsätze es erheischten, weil seine Sache -die <em class="gesperrt">gerechte</em> war, Alle, welche bereit waren, für ihn den -letzten<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> Blutstropfen zu vergießen. Die andere Parthei nannte sich -gemäßigt: sie widmete sich der Vertheidigung Carls V., um ihre -persönlichen Zwecke und Interessen zu fördern, sie betrachtete und -betrieb den Krieg als Mittel der Bereicherung, der Größe; sie strebte, -möge nun Legitimität oder Usurpation den Sieg davontragen, für sich -möglichst fette Bissen zu sichern. Ihr schlossen viele Wohlmeinende -sich an, theils kurzsichtig und getäuscht, theils aus schwacher -Verzagtheit. Wie empfehlungswerth und wohlthätig in den gewöhnlichen -Verhältnissen des Lebens die Mäßigung auch sein mag, sie wird nicht -selten als schönes Deckwort der Schwäche, der Verderbtheit benutzt und -muß denen als Schild dienen, die offen zum Kampf nicht vortreten mögen. -Es giebt Umstände, in denen Mäßigung unvermeidliches Verderben bringen, -„Alles oder Nichts“ der Wahlspruch sein muß, da, wer mit Etwas sich -begnügen wollte, bald auch dieses Etwas sich entrungen sehen würde. In -solchem Falle fanden sich die Carlisten.</p> - -<p>An der Spitze der ersten Parthei standen Männer, die seit dem Beginn -des Krieges in Treue und Heldenmuth sich hervorgethan; sie wollten -ihren König ganz als solchen, daher keine Transactionen, keine -Unterhandlungen, Sieg oder Tod! Freilich zählten sich ihnen auch -solche zu, die, nur Fanatismus kennend und blind ihren Leidenschaften -folgend, durch Gräuel die Sache schändeten, welche ihr entschlossener -Muth hob; doch blieben diese stets in geringer Zahl und ohne Einfluß -auf das Ganze. Die Gemäßigten verzagend am Erfolge, der so lange schon -streitig, oder um das Errungene zu sichern und zu genießen, schlugen -Aussöhnung vor und Nachgeben in einzelnen Punkten: die Armen, wie -wenig kannten sie Spaniens Revolutions-Männer! Nebst dem Padre Cyrilo, -Erzbischof von Cuba, leitete sie Maroto, nun an die Spitze des Heeres -gestellt, und gewandt wußten sie die geistesstarke Princessin von -Beira, mit der Carl V. sich zu vermählen gut fand, über ihre -Zwecke zu täuschen und<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> sie ganz für sich zu gewinnen. Maroto’s Pläne -aber gingen weiter, als selbst die große Zahl der ihm Verbundenen -es ahnete; vielleicht ließ er sich, da die ersten Schritte gethan, -hinreißen zu dem, was er nie gewollt, da der Rücktritt schwer, die -Lockung groß, ihm unwiderstehlich sein mochte. Er verkaufte sich, -verkaufte das ihm anvertraute Heer, das Land, den König selbst, der -so hoch ihn gehoben hatte; er ward zum Verräther! — Ehe er aber den -entscheidenden Schritt thun konnte, mußte er von jenen Männern sich -befreien, die, treu bis zum Tode ihrem Herrscher ergeben, offen als -Gegner sich ihm darstellten, die seine Gesinnungen, seine Maßregeln -durchschauten und ihnen entgegen arbeiteten. Maroto ward alles leicht, -was förderlich war: die Edlen starben von Henkershand, und triumphirend -vollendete der Verrath sein Werk.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Maroto’s erstes Auftreten war seinen Talenten angemessen und wohl -geeignet, die Blicke Aller auf ihn zu ziehen und selbst den heller -Sehenden hohe Hoffnungen zu erwecken. Die Disciplin war gänzlich -erschlafft; Wochen reichten dem neuen Obergeneral hin, strenge -wie nie zuvor sie herzustellen. Seine Kraftmaßregeln beugten die -Widerspenstigen, einige leichte Unruhen wurden fest unterdrückt und -gerügt, die kleinsten Fehler gegen die Kriegszucht hart geahndet; -selbst das Mißtrauen, den Haß, der zwischen Basken und Castilianern -geherrscht und so oft in blutigen Zwisten sich Luft gemacht hatte, -wußte seine Energie zu verdecken, wenn nicht auszurotten.</p> - -<p>Der Zufall wollte, daß in dem Augenblicke seiner Ernennung zum -Generalate eine bedeutende Summe, von eines edlen Fürsten Hand — -wohl zu besserm Zwecke — gespendet, die seit langer Zeit leeren -Cassen gefüllt hatte, und Maroto wußte sie trefflich für seine Pläne -zu benutzen. Er bedurfte der Liebe und des Vertrauens der Soldaten. -Während er also sie gehorchen<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> lehrte, sorgte er für ihre Bedürfnisse -mit väterlicher Sorgfalt: die Rationen fehlten nie, denn Geld vermochte -Alles, die Bataillone und Escadrone wurden neu uniformirt und selbst -überflüssig ausgerüstet, Soldaten und Officiere erhielten regelmäßig -ihren Sold, zum ersten Male seit den Zeiten des großen Zumalacarregui. -Zugleich blendete der General seine Truppen durch Glanz und Luxus, wie -die einfachen Gebirgssöhne nie zuvor ihn gekannt. Prachtvolle Pferde, -mit Gold bedeckte Schabracken, reich gestickte Uniformen setzten die -Menge in Erstaunen, ein glänzender Generalstab umringte den Mann, der -das Alles geschaffen hatte, zahlreiche Dienerschaft folgte ihm, jeden -Wink des Gebieters zu erfüllen. Der Soldat, das Volk betrachteten -Maroto als ein höheres Wesen, sie kannten die Quellen nicht, aus denen -diese Wunder entsprungen, und glaubten deshalb, daß alles von ihm -stamme, sein Werk sei. Er ward der Abgott der Truppen, die zugleich -ihn anbeteten und wie einem Vater ihm vertrauten, der Abgott des -Volkes, welches sich erleichtert fühlte trotz solches Aufwandes und -so gehäufter Kosten; die Officiere, da sie strengste Gerechtigkeit -ihn üben und jeden Mißbrauch mit Kraft angegriffen sahen, mehr aber -noch im Gefühle der Verbesserungen, welche die Armee ihm verdankte, -waren ganz sein. Maroto’s Name war in Aller Munde, Alle begrüßten -und ehrten ihn als den Messias, zur Rettung der bedrängten Sache der -Gerechtigkeit abgesandt. Hinter so vielen Talenten, so vielem Eifer und -— so vielem Golde, wer hätte da den undankbaren Verräther gesucht an -dem Könige, der mit Ehre und Wohlthaten ihn überhäuft, der, noch mehr! -sein Vertrauen ihm geschenkt, den Verräther an dem Lande, welches in -freudiger Hoffnung an der Spitze seiner braven Söhne ihn sah!</p> - -<p>Die Christinos hatten beschlossen, das Kriegsglück, welches seit dem -Herbste des Jahres 1837 so hold ihnen gelächelt hatte, kräftig zu -benutzen, um die errungenen Vortheile zu krönen, indem sie im Osten und -Norden zugleich entscheidende Schläge<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> versuchten: Morella, Solsona -und Estella sollten belagert werden. Der Ausgang des Unternehmens -gegen Morella ist bekannt; die Armee des Centrums hat ihre frühere -Überlegenheit über Cabrera’s Truppen seit jener Zeit nicht wieder -erlangt. Später werde ich darauf zurückkommen.</p> - -<p>Estella also sollte genommen werden. Doch wollte Espartero vorher -theils einen Versuch gegen das Castell von Guevara<a name="FNAnker_46_46" id="FNAnker_46_46"></a><a href="#Fussnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a> machen, wozu -der Umstand des gerade eingetretenen Wechsels im Commando ihm sehr -günstig sein mußte, theils auch die Aufmerksamkeit der Carlisten auf -den entgegengesetzten Theil des Kriegstheaters ziehen. Er zog mit 18 -Bataillonen und einem bedeutenden Belagerungspark nach Vitoria, in -dessen Angesicht jenes feste Bergschloß liegt, das als Stützpunkt -und Depot der alavesischen Division, wie durch seine Festigkeit und -Lage von hoher Wichtigkeit war. Maroto eilte mit mehreren Divisionen -von Estella herbei und stellte sich in vortheilhafter Position die -Schlacht anbietend auf; doch Espartero hielt nicht für gerathen -anzugreifen, und da er umsonst durch Märsche und Contremärsche den -carlistischen Feldherrn aus seiner Stellung zu locken, über die eigenen -Absichten ihn zu täuschen gesucht, ging er rasch auf Logroño zurück -und verkündete nun, durch die Division der Rivera unter Don Diego Leon -auf mehr denn 30000 Mann verstärkt, daß er unverzüglich Estella nehmen -werde. Maroto that seinerseits Alles, um diese Stadt in den möglichst -besten Vertheidigungszustand zu setzen: die Forts wurden verstärkt, -alle Zugänge verschanzt und selbst die Straßen mit Abschnitten -und Barrikaden versehen, während fast alle nicht waffenfähigen -Einwohner<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> die bedrohete Stadt verließen. Einige Officiere, unter -ihnen der Commandant eines nahen Forts, die, durch das Gold und die -Versprechungen des feindlichen Führers bestochen, in Einverständniß mit -ihm getreten waren, wurden nach Spruch des Kriegsgerichtes erschossen.</p> - -<p>Jede Vorbereitung war längst getroffen, die schwere Artillerie in -großer Menge in den äußersten festen Punkten der Christinos versammelt, -und Woche auf Woche ging hin, ohne daß Espartero die Erwartungen -der Revolutionaire, welche in seinen Siegen ihren endlichen Triumph -nahe träumten, gerechtfertigt hätte. Die am 18. August aufgehobene -Belagerung von Morella hatte längst den seltsamen Vorwand entfernt, -daß er erst nach der Einnahme jenes Platzes angreifen wolle, um in dem -moralischen Einflusse derselben eine Chance mehr für sich zu haben; -ja eben das gänzliche Fehlschlagen der Operationen Oráa’s schien ihn -aufzufordern, durch einen glänzenden Sieg den übeln Eindruck desselben -auf seine Parthei zu verwischen, den triumphirenden Muth der Carlisten -niederzuschlagen. — Espartero spatzierte fortwährend von einem der -festen Punkte zum andern, stets drohend, stets rüstend, ohne doch je -einen Schritt zur Ausführung zu thun.</p> - -<p>Schwer ist es, zu entscheiden, was zu solcher Unthätigkeit ihn bewegen -konnte. Vielleicht nahm der Federkrieg, in den er gerade damals mit -dem Madrider Cabinet sich eingelassen hatte, zu sehr seine Zeit in -Anspruch, als daß er an Betreibung der militairischen Operationen -hätte denken können. Unzufrieden mit dem Ministerium hatte er die -Entlassung einiger Glieder desselben verlangt, mit der Drohung, die -seinige einzureichen, wenn ihm nicht gewillfahrt würde, und seine -Forderung ward erfüllt, da man vergebens gesucht hatte, durch Nachgeben -und Zugeständnisse ihn zu besänftigen. Die constitutionellen Minister -traten ab, weil der General sie nicht liebte! Solche ist die Freiheit -des liberalisirten Spaniens. — Vielleicht war es<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> nicht die Absicht -des ehrsüchtigen Mannes, durch Erringung entscheidender Vortheile sich -entbehrlich zu machen: Espartero wußte sehr wohl, daß man ihn und seine -Anmaßungen nur duldete, weil die Furcht vor den Carlisten jede andere -Rücksicht überwog, und zu jener Zeit hatte er noch nicht das Heer -so ganz sich zu eigen gemacht, daß er ohne Scheu als unumschränkter -Gebieter auftreten und nach Belieben zu thun und zu lassen sich anmaßen -durfte. — Dann stand er wohl damals schon in Unterhandlungen mit -Maroto; deshalb schonte er ihn. Die Einnahme von Estella hätte gewiß -diesem General seine Stelle gekostet, während doch seine Erhaltung -zur Ausführung des abzuschließenden Handels unbedingt nöthig war; so -opferte Espartero augenblicklich den kleinen Vortheil, um das Ganze -einst desto sicherer und leichter zu erfassen. — Wie dem auch sei, -ich bin überzeugt, wie ich zur Zeit dieser Ereignisse es war, daß die -Christinos ohne Schwierigkeit Estella genommen hätten, wenn sie sofort, -da Maroto noch neu im Commando war, mit Kraft es angriffen, ehe dessen -Maßregeln die Vertheidigungsfähigkeit der Stadt so sehr erhöheten. Und -Estella’s Besitz übte unberechenbaren moralischen Einfluß.</p> - -<p>Doch endlich sollte die lange erwartete Operation vor sich gehen. -Nachdem am 3. September Maroto eine Demonstration nach dem Ebro zu -gemacht, vor Lodosa ein feindliches Corps zurückgetrieben und dann -mit seinen Truppen in Schlachtordnung geprunkt hatte, ohne daß der -Feind einen Schritt gegen ihn gethan hätte, concentrirte Espartero am -6. plötzlich alle seine Divisionen an der Arga und zog langsam gegen -Estella in mehrere Ortschaften ein, die ohne Schwertschlag geräumt -wurden. Alle Welt erwartete mit Spannung die nächsten Schritte... -Espartero ging am 9. über den Ebro zurück: der Angriff auf Estella -war ganz aufgegeben! — Der Vorwand fehlte ihm nie. Er detachirte -einige Bataillone zur Verstärkung der Armee des Centrums, die mehrere -Niederlagen unmittelbar<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> hinter einander gelitten; ein anderes Corps -sandte er, den Pfarrer Merino zu verfolgen, der so eben Valladolid’s -Behörden in Schrecken gesetzt hatte. Er hatte mit 1200 Mann das Heer -Cabrera’s verlassen, um nach den baskischen Provinzen zurückzukehren, -durchzog mit der kleinen Schaar ganz Castilien und vertrieb den -feindlichen General-Capitain, Baron Carandolet, aus Valladolid, da -dieser bei der Annäherung des gefürchteten Geistlichen mit dreifach -überlegener Macht die Stadt räumte. Merino jedoch eilte nach dem -Gebirge von Soria, wo er fast ganz ohne Mannschaft mit dem wilden -Valmaseda sich vereinigte, und, da dieser seine Gefangenen nach Vizcaya -in Sicherheit brachte, mit ihm dorthin ging.</p> - -<p>Valmaseda, ein tapferer, ja tollkühner Reiterchef, rauh, grausam, -Wüthrich gegen Alles, was nicht seine Meinung theilte, zugleich -ausgezeichnet gebildeter Militair, hatte mit der Division des Grafen -Negri den Ebro überschritten, bald aber, unzufrieden mit dem nutz- -und kampflosen Hin- und Herziehen, sich von dem Expeditions-Corps -eigenmächtig getrennt und mit einigen Hundert Mann in die Sierras -von Castilien geworfen. Glänzend bewährte er sich als Partheigänger, -hob kleine Detachements auf, mied stärkere, zerstörte Convoys, hob -Contributionen und verwüstete dabei das Land, bis er seine Thaten -krönte, indem er die Colonne, welche unter Oberst Coba in seiner -Verfolgung beschäftigt war, am 2. September in Quintanar de la Sierra -überfiel und vernichtete. Dreihundert Mann wurden niedergehauen oder -kamen in den Flammen des brennenden Dorfes um, der ganze Rest der -Colonne ward mit ihrem Chef gefangen. Bei seiner Rückkehr nach den -baskischen Provinzen ward ihm die Trennung vom Grafen Negri verziehen, -da dieser ja das Schlimmste erduldet hatte, während Valmaseda reich mit -Beute beladen anlangte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So wie Espartero die Belagerung von Estella aufgegeben hatte, -wandte sich Maroto mit der Hauptmacht nach Vizcaya, theils Bilbao -und dessen Hafenstadt Portugalete bedrohend, theils mit Thätigkeit -die Befestigungen betreibend, durch die er seine Herrschaft bis in -die Provinz Santander auszudehnen suchte. In Navarra war wiederum -der General Don Francisco Garcia als Chef geblieben; er trug am 19. -September entschiedenen Sieg über General Alaix, christinoschen -Vicekönig von Navarra, davon, als dieser mit 9000 Mann von Artajona -heranzog, um westlich von der Arga zu operiren. Garcia traf mit nicht -ganz 6000 Mann auf ihn, und ein hartnäckiges, lange unentschiedenes -Gefecht entspann sich; schon wankte die carlistische Division, von der -Übermacht schwer gedrängt und in nachtheiliger Stellung.<a name="FNAnker_47_47" id="FNAnker_47_47"></a><a href="#Fussnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a> Doch da -Alaix das Regiment von Zaragoza, dessen Munition erschöpft war, durch -Almansa ablösen ließ, benutzte Garcia das in sehr gebrochenem Terrain -ausgeführte Manöver zu neuem, stürmischen Angriffe. Almansa, welches -den linken Flügel inne hatte, da es jenes Regiment im Augenblicke -des Vorrückens der Carlisten abmarschiren sah, wich in Unordnung -mit dem Rufe: „Zaragoza verläßt uns!“ Das Regiment Soria, eines der -bravsten des Heeres, ward durch die auf dem Fuße nachdrängenden -carlistischen Bataillone in der Flanke angegriffen, aufgerollt und -zerstreut, die ganze Linie lösete sich zur Flucht auf. Umsonst suchte -die christinosche Cavallerie das Gefecht herzustellen; auch sie -ward geworfen, worauf das Corps in wilder Verwirrung nach Puente la -Reyna und Larraga sich zerstreute, von den Siegern bis zu den Glacis -der Festungen verfolgt. Die Christinos verloren 1250 Mann, unter -denen 200 Todte, Soria, das Lieblings-Regiment Espartero’s,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> der als -Oberst es commandirte, büßte, da es am hartnäckigsten widerstand, 400 -Mann ein; Alaix war schwer verwundet, sein Chef des Generalstabes -gefangen. Die Carlisten verloren fast 500 Mann. Erst als bedeutende -Verstärkungen angelangt waren, wagten die geschlagenen Divisionen, ihre -Zufluchtsstätten zu verlassen, um den Streifzügen Garcia’s Schranken zu -setzen.</p> - -<p>Am 19. October langte die Prinzessin von Beira in Tolosa an, wo sie -als Gemahlinn des Königs mit den höchsten Ehrenbezeugungen empfangen -ward; sie begleitete der älteste Sohn Carls V., der Prinz von -Asturien.<a name="FNAnker_48_48" id="FNAnker_48_48"></a><a href="#Fussnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> Viele der treuen Anhänger Sr. Majestät jubelten laut, -da sie diese Nachricht vernahmen; sie schlossen, daß Carl V. -wohl sehr begründete Aussichten auf rasche, glückliche Beendigung der -Successions-Frage haben müsse, da er sich entschloß, nicht nur unter -den obwaltenden Verhältnissen sich zu vermählen, sondern auch seinen -Sohn zum Kriegsschauplatz kommen zu lassen. Gerüchte über fremde -Intervention zu Gunsten der Carlisten, über Congresse und kräftige -Unterstützung verbreiteten sich. Ich erinnere mich, welche Hoffnungen, -oft ungereimt, alle so grausam getäuscht, Viele der Unglücklichen -in Cadix’ Casematten belebten! — Andere wollten den Augenblick für -unpassend halten, und glaubten, wie die Ereignisse sich entwickelten, -ihre Ansicht mehr und mehr bestätigt zu sehen. Die Christinos spotteten -und fürchteten dennoch. Gewiß hätte die Königinn den wohlthätigsten, -ja entscheidenden Einfluß üben können, wenn sie nicht das Übergewicht, -welches ihr männlich kräftiger Geist über Carls V. milden -Charakter ihr gab, zur Beförderung und Aufrechthaltung der so genannten -Gemäßigten, vor Allen Maroto’s, benutzt hätte, da diese über ihre -wahren Zwecke bis zum letzten Augenblicke sie zu blenden wußten. So war -sie, ohne es zu ahnen, für den Sturz der Ihrigen thätig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span></p> - -<p>Ein neuer Feind hatte sich indessen gegen die Carlisten erhoben, ein -Feind, der auf den ersten Blick große Gefahr zu bereiten schien. -Muñagorri, einst Notar, dann im Dienste des Königs, jetzt mit der -Madrider Regierung complottirend, warf sich in Frankreich zum Haupte -einer dritten Parthei auf, deren Streben dahin gerichtet war, den -vaterländischen baskischen Provinzen durch die Unterwerfung unter -Christina’s Herrschaft den lange entbehrten Frieden zu geben und -ihnen zugleich die alten Privilegien zu sichern, welche als Bedingung -jener Unterwerfung auf immer bestätigt werden sollten. So wollte also -Muñagorri die Successions-Frage ganz von der lediglich die Basken -betreffenden über deren Vorrechte trennen; seine Losung war: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">paz -y fueros</span>“ — Friede und Privilegien —. Vielleicht wäre sein Plan -besser ihm gelungen, wenn nicht Maroto bereits ähnliche Absichten -gehegt und mehrere der baskischen Führer dafür gewonnen hätte. Wie -hätte dieser nicht Alles aufbieten sollen, um die Fortschritte des -Mannes zu hemmen, ihn zu vernichten, der, wiewohl auf edlerem Wege, -die Waffen in der Hand, eben dem Ziele zustrebte, welches Maroto mit -Aufopferung der heiligsten Verpflichtungen zu erreichen hoffte, dadurch -seine Habgier zu befriedigen; den Mann, dessen Erfolg <em class="gesperrt">seinen</em> -Verkauf unnütz oder weniger wichtig, also das Kaufgeld niedriger machen -würde!</p> - -<p>Dennoch gelang es Muñagorri, durch französischen Einfluß und englisches -Gold unterstützt, ein kleines Corps aus Deserteurs und Flüchtlingen -zu bilden, dem einige Basken sich anschlossen, die ermüdet Frieden -suchten, nur Frieden, in welcher Gestalt er sich auch darbieten möge. -Er drang während des Winters wiederholt in das carlistische Gebiet -ein und setzte sich auch wohl mit der Schaar, die er vereinigt — man -sprach anfangs von Tausenden, die bald auf achthundert sanken — auf -einige Zeit fest. Aber das Volk zeigte wenig Sympathie und hielt sich -ruhig; Maroto nahm kräftige Maßregeln gegen ihn. So war<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> Muñagorri -stets gezwungen über die Gränze zurückzugehen, seine Anhänger wurden -lau und schmolzen täglich zusammen, und das Unternehmen — wie so oft -in Spanien der Fall war — endete desto unbeachteter und erfolgloser, -je mehr es vorher Geräusch und leidenschaftliche Hoffnungen und -Besorgnisse erregt hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während der letzten Monate 1838 und bis zum Frühlinge des folgenden -Jahres ruhten die Operationen der Hauptheere gänzlich, und selten -unterbrach irgend ein Streifzug eines untergeordneten Führers die -Unthätigkeit. So bestand der mit immer gleich rastlosem Eifer wirkende -General Castor einige leichte Gefechte im westlichen Vizcaya und in -der Provinz Santander, von wo er häufig bis nach Asturien hineindrang. -Valmaseda hob verschiedene Detachements und nicht fern von Logroño die -zwei Compagnien starke Bedeckung der Correspondenz auf; ohne Schonung, -wie immer, ließ er sie niedersäbeln, was ihm strengen Verweis zuzog -und Remonstrationen von Seiten Espartero’s veranlaßte, der endlich -selbst zu Repressalien schritt. Von mehr Wichtigkeit war die Action, -welche Maroto mit vier Escadronen gegen die Colonne des General Don -Diego Leon bestand, als dieser über Sesma auf los Arcos durchzudringen -suchte, um der dort befindlichen Vorräthe sich zu bemächtigen. Wiewohl -jenes Corps aus mehr als 5000 Mann mit zahlreicher Cavallerie und -Artillerie bestand, hielt Maroto durch wiederholte glänzende Chargen es -auf, bis die zunächst stehenden Bataillone herankommen konnten, worauf -Leon, ohne weiter das dargebotene Gefecht acceptiren zu wollen, nach -Mendavia sich zurückzog. Ein junger preußischer Husarenofficier, Herr -von Schmidewsky, zeichnete sich besonders aus, indem er, der Erste beim -Choc, einen feindlichen Oberstlieutenant vor seiner Escadron vom Pferde -hieb und den Lanciers, die ihrem Chef zu Hülfe eilten, empfindlich die -Schwere des deutschen Armes fühlbar machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span></p> - -<p>Noch muß ich anführen, daß in den ersten Tagen des neuen Jahres die -Besatzungen von Alhucemas und von Melilla, Fort und Presidio<a name="FNAnker_49_49" id="FNAnker_49_49"></a><a href="#Fussnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> an der -Küste von Afrika, Carl V. proclamirten und mit den Gefangenen, -die fast alle wegen politischer Verbrechen, d. h. wegen Anhänglichkeit -an ihren König, dorthin verbannt waren, zur Vertheidigung sich -vereinigten. Auch in Ceuta ward eine Verschwörung zu demselben Zwecke -angezettelt und entdeckt. Die Besatzung von Alhucemas in der Provinz -Malaga entfloh; Melilla aber ward durch einige Kriegsschiffe blokirt -und genöthigt, eine Capitulation einzugehen, in der bedingt ward, -daß Garnison und Gefangene nach den baskischen Provinzen geführt -würden, um der carlistischen Armee sich anzuschließen. Es ist unnöthig -hinzuzusetzen, daß sie nie dort anlangten. In Cadix ereilte sie ein -Befehl des Ministeriums, dem zu Folge sie nach der Havanna eingeschifft -wurden.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_46_46" id="Fussnote_46_46"></a><a href="#FNAnker_46_46"><span class="label">[46]</span></a> Guevara lag malerisch auf einer hohen Bergkuppe und war -sorgfältig befestigt. Mit dem Fernglase sah man von dort aus jede -Bewegung der Truppen in Vitoria, selbst die Einwohner in den Straßen, -und das ganze Alava bis zum Ebro lag dem Blicke offen. Espartero ließ -es am Ende des Krieges sprengen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_47_47" id="Fussnote_47_47"></a><a href="#FNAnker_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Christinosche Officiere vom Regimente Soria erzählten mir -die Action, wie ich sie gebe.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_48_48" id="Fussnote_48_48"></a><a href="#FNAnker_48_48"><span class="label">[48]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Principe de Asturias</span> ist der Titel der spanischen -Kronprinzen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_49_49" id="Fussnote_49_49"></a><a href="#FNAnker_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Bagno für die zu Zwangsarbeit Verurtheilten. In Afrika -finden sich ihrer mehrere, das hauptsächlichste in Ceuta.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier17" name="zier17"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 17" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XVIII">XVIII.</h2> - -</div> - -<p>Monat auf Monat schwand mir langsam in den düstern Casematten von Cadix -hin. Der Winter, mild wie die lieblichsten Frühlingstage des Nordens, -war vergangen, schon nahete der Sommer, herrliche Früchte, die des -Südens Clima früh reift, im Übermaß ausstreuend; und die Hoffnung -auf Befreiung blieb immer gleich ungewiß. Viel hatten wir gelitten. -Was wilder, ungezügelter Haß, was leidenschaftlicher Partheigeist -und Grausamkeit über die Opfer ihrer Wuth zu verhängen vermögen, das -duldeten im schrecklichsten Grade die Gefangenen jener Periode. Im -Anfange war unsere Behandlung erträglich gewesen, und wenn der Wächter -Kargheit uns oft mit bitterm Mangel bedrohete, war uns doch gestattet, -mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen; Eltern und Verwandte boten -auf, was in ihrer Macht stand, gaben willig ihr Letztes, um den -Theuren Erleichterung zu schaffen, die, weil sie ihrem Könige treu, -in hoffnungsloser Gefangenschaft schmachteten. Und wer, freundlos und -bedürftig, Nichts besaß, litt doch nicht Noth, so lange Cameraden ihm -helfen konnten. — Da ertheilten die Behörden Christina’s die Weisung, -jede Communication uns abzuschneiden.</p> - -<p>Furchtbar waren die Folgen des grausam berechneten Befehls. Es war -zu der Zeit, in der die Repressalien, von den beiden in Aragon und -Valencia sich bekämpfenden Heeren ausgeübt, die Menschheit mit Schauder -erfüllten, in der viele Hunderte, Tausende von Unglücklichen in den -Gefängnissen der beiden Armeen unter den Qualen, die der Grimm des -Pöbels oder die Rache der Krieger über sie verhängten, ihr Leben -aushauchten. Fern von dem Kriegsschauplatze, dem größten Theile -nach nicht einmal jenen Heeren angehörend, blieben die Gefan<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span>genen -zu Cadix doch nicht ganz frei von den Metzeleien, die in den großen -Städten des Ostens an der Tagesordnung waren. Zwei Mal verkündete uns -hohnlachend der Chef des Depots, daß zehn der Officiere<a name="FNAnker_50_50" id="FNAnker_50_50"></a><a href="#Fussnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> durch das -Loos zum Erschießen bestimmt würden, um irgend einen in der Mancha -oder in Aragon verübten Exceß zu rächen; zwei Mal zog ich aus der -verhängnißvollen Voyna das Stückchen Papier, welches Tod oder Leben -entschied. Und dann sahen wir die Gefährten unsern Armen entrissen, -fortgeschleppt zum schrecklichen, unvermeidlichen Tode; athemlos, -unbeweglich standen wir, horchend, zusammenzuckend bei jedem Laut und -doch noch hoffend — da ertönte der dumpfe Wirbel der Trommeln — -eisiger Schauder durchbebte uns, eine Secunde noch.... ha!.. sie sind -nicht mehr! Und von der Blut bedeckten Stätte erschallte rauschend die -Janitscharen-Musik der Christinos und des Pöbels donnerndes <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva</span>!</p> - -<p>Da füllte sich wohl manchem Krieger das Auge mit Thränen, und Mancher -knirschend gelobte Rache, gelobte ewigen Haß.</p> - -<p>Aber Schrecklicheres noch als den Tod wußte der Liberalen Wuth zu -ersinnen, um die Vortheile zu rächen, welche Cabrera’s schwache -Schaaren, gehoben durch das Gefühl des Rechtes, über die Satelliten -der Revolution davon trugen. Der Tod — wenn ein Übel — war ja nur -ein Augenblick; er befreite seine Opfer von den Qualen, die ihre -Peiniger über sie verhängen ließen. Wie Viele erflehten den Tod! -Wie Viele litten ihn hundertfach in der stets erneuten Pein! Unsere -Wächter, „uns fühlen zu lassen, was es heißt, Gefangener in den Händen -der Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> zu sein“,<a name="FNAnker_51_51" id="FNAnker_51_51"></a><a href="#Fussnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> nahmen zum Hunger ihre Zuflucht. Die -Nahrungsmittel, welche uns gegeben wurden, waren kaum hinreichend, -um nothdürftig das Leben zu fristen, und von Tage zu Tage wurden -sie mehr geschmälert: zuletzt waren wir auf ein Bischen Reis und Öl -beschränkt, und oft, sehr oft fehlte auch dieses. Das Brod, auf Ekel -erregende Art mit fremdartigen, schmutzigen Stoffen durchbacken, ward -auf ein Viertel der gewöhnlichen Ration herabgesetzt. Finster brütend -durchschlichen die abgemagerten Gestalten den Hof, gegen Alles stumpf -und unempfindlich geworden, da das Gefühl des nagenden Hungers jeden -andern Gedanken niederdrückte. Längst hatten die tausendfachen Spiele -und Tänze aufgehört, mit denen die Armen während der ersten Zeit der -Einkerkerung ihre Lage augenblicklich vergessen machten; die kraftlosen -Arme vermochten nicht mehr den Ball zu schleudern; selbst das dem -Spanier, wo er sein Stiergefecht nicht haben kann, so ansprechende -Schauspiel der zum blutigen Kampfe gehetzten Hunde, welches sonst einen -weiten Kreis von Zuschauern versammelte, die mit donnerndem Beifallrufe -ihr Interesse kund gaben, hatte nun seine Anziehungskraft für sie -verloren. Täglich führte die Entkräftung Einige der Unglücklichen zum -Hospitale, welches sie häufig nur gegen die Ruhestätte des heiligen -Feldes<a name="FNAnker_52_52" id="FNAnker_52_52"></a><a href="#Fussnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> vertauschen sollten.</p> - -<p>War aber die Lage der Officiere traurig, so ward die der Gefangenen in -der Isla de Leon auf den höchsten Punkt des Entsetzlichen gebracht. -Dort schmachteten etwa viertausend Mann, von denen einige Hunderte -schon seit drei Jahren und länger die Schrecken der Gefangenschaft -trugen, aus Navarra’s Feldern hierher geschleppt, während die -Andern zu Gomez und des Grafen<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> Negri Corps, Einige zur Division -Don Basilio’s gehörten. Was immer durch Furcht oder Hoffnung den -Menschen zu beugen vermag, war gegen diese Braven angewendet worden; -doch umsonst vereinigten sich Drohungen und Verheißungen, Strafen -und Schmeichelworte, um zum Abfall von ihrem Könige sie zu bewegen. -Da sollten auch sie durch Hunger gebändigt werden. Unfähig, sich -aufrecht zu halten, schwankten bald die Freiwilligen, zu vier oder fünf -vereinigt und gegenseitig sich stützend, durch die langen Gänge der -Riesen-Caserne. Jede Kleidung blieb ihnen versagt, so daß die Mehrzahl -nur noch mit elenden Lumpen ihre Blöße bedeckten; das Ungeziefer zehrte -sie auf. So starben über sechshundert Menschen hin, beneidet von den -Gefährten, aus deren entfleischten, farblosen Antlitzen gleicher -Tod starrte. Verzweifelnd entschloß sich endlich eine große Zahl, -fast tausend Mann, die Waffen für Isabella zu nehmen, und der größte -Theil ward nach den Colonien eingeschifft. Diejenigen, welche zu der -Reserve-Armee, die damals unter Narvaez die Mancha reinigte — besser: -im Blut ertränkte — bestimmt waren, fanden rasch den Weg zu den -Ihrigen.</p> - -<p class="mtop2">Erst im Frühlinge 1839 hörte so ruchlose Behandlung auf, die auf immer -ein Schandfleck für Christina’s Anhänger bleibt. Alle Vorstellungen, -welche von den Gefangenen durch die feindlichen Behörden an Maroto -gerichtet worden, hatten gar keinen Erfolg gehabt. Der General -hatte weder Muße noch Lust, für die Rettung von Männern ein Wort zu -verlieren, deren Treue ihm freilich nur hinderlich sein konnte. Aber -das Klagegeschrei der Schlachtopfer war zu Cabrera’s Ohren gedrungen, -dieses Cabrera, den die Zeitungsschreiber von Madrid und ihnen blind -folgend die Presse fast aller europäischen Völker als den Tiger -bezeichneten, der, im Blute seiner Opfer schwelgend, nach mehr Blut -lechzte; von dessen Grausamkeiten sie tausend und tausend abgeschmackte -Mährchen erzählten, während die schändenden Tha<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span>ten, welche ihn -zwangen, trauernden Herzens das Racheschwerdt zu erheben, in das Meer -der Vergessenheit gesenkt wurden.</p> - -<p>Wohl wußten die Christinos, daß Cabrera nie umsonst sprach. Kaum -ertönten die drohenden Worte des Feldherrn, furchtbare Vergeltung -ankündigend für die Leiden seiner Kampfgenossen, als heilsame Furcht -eine Änderung des bisherigen Systemes hervorbrachte. Wenn auch mit -Widerstreben nahmen sie einen Theil der harten Maßregeln zurück, die -ihr Haß, so lange er ungezügelt war, erfinderisch gehäuft hatte; und -die Gefangenen, welche so vielen Jammer zu ertragen vermocht, segneten -den Retter, segneten die Furcht, die ja allein den Niedrigdenkenden in -Schranken zu halten vermag.</p> - -<p>O, wie sehnsüchtig blickten wir da auf jene Armee, deren Siege und -Fortschritte und täglich sich mehrende Macht uns noch erlaubten zu -hoffen, noch Aussicht auf einstige Befreiung uns ließen! Wie verfolgte -ich begierig jede ihrer Operationen, wie jubelten wir entzückt, so -oft die Nachricht eines errungenen Vortheils zu uns dringen durfte! -Herrliche, unschätzbare Hoffnung! Und meine Hoffnung ward nicht -getäuscht: schon nahete der ersehnte, der beseligende Tag der Freiheit; -schon vergaß ich Alles, was ich geduldet, was ich noch litt, um ganz in -dem Bilde der nahen, glücklicheren Zukunft zu schwelgen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Während in den Nordprovinzen die Waffen ruhten, schritt das Werk -der Intrigue, täglich klarer hervortretend, mit Riesenschritten dem -Ziele zu. Maroto hatte Armee und Volk sich gewonnen, er ward zugleich -gefürchtet und angebetet; seine Creaturen und seine Gönner, zum Theil -den Umfang des Planes, an dem sie arbeiteten, gar nicht kennend, -umgaben den betrogenen Monarchen, der — wie zu oft der Edele — -solche Niedrigkeit nicht für möglich hielt und die Warnungen, welche -einzelne Getreue selten wagen durften, unwillig von sich wies. Doch<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> -noch konnte Maroto nicht offen die Ausführung des Complottes betreiben; -noch befanden sich in den ersten Stellen der Armee und der Verwaltung -Männer, welche er haßte, weil der Verräther stets den Loyalen haßt, -welche er fürchtete, weil er wohl wußte, daß sie ihn durchschauten -und überwachten, und weil sie die Macht besaßen, kräftig ihm entgegen -zu arbeiten. Maroto zauderte nicht. Der Untergang jener Männer war -beschlossen, gleichgültig, durch welche Mittel; ihre Stellen sollten -seine Helfershelfer besetzen oder doch solche, die geblendet bereit -waren, das Werk zu befördern, dessen Folgen sie nicht ahneten, und -das sie, da es vollbracht in seiner ganzen Schwärze ihnen klar wurde, -verfluchten wie den Elenden, der unbewußt zu Verräthern sie gestempelt -hatte.</p> - -<p>Espartero durfte nicht länger unthätig bleiben. Die öffentliche Meinung -sprach sich heftig gegen die lange Waffenruhe aus, die Journale, -welche so gern zu Organen derselben sich aufwerfen, wo es ihren -Partheizwecken frommt, verdächtigten den Obergeneral, und das Volk, -beunruhigt durch die wiederholt auf den andern Kriegsschauplätzen -erlittenen Niederlagen, war nicht ungeneigt, jenen Zuflüsterungen -Gehör zu geben. Außerdem wünschte Espartero, die Existenz des -Ministeriums, die Herrschaft der gerade das Ruder führenden Fraction -zu verlängern, und dazu mußte irgend ein Erfolg über das carlistische -Heer unumgänglich davon getragen werden. Maroto im Gegentheil stand -schon unerschütterlich da und fürchtete nicht mehr in einer Niederlage -den Verlust des Commando’s und damit das Scheitern seiner Anschläge; -er wollte vielmehr das Vertrauen der Basken auf die eigene Kraft -erschüttern, dadurch zum Nachgeben sie geneigter zu machen.</p> - -<p>So ward denn beschlossen, daß die Christinos die Forts, welche -während des Winters an der Westgränze von Vizcaya bis in die Gebirge -von Santander hinein errichtet waren und ganz Vizcaya deckten, -nehmen und den größern Theil dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> Provinz erobern sollten. Den -Schein zu retten, vereinigte Espartero mehr als 30000 Mann mit -vieler Belagerungs-Artillerie nebst ansehnlichen Vorräthen an allem -für Schlacht und Belagerung Nöthigen, während Maroto kräftige -Vertheidigungsmaßregeln anordnete. Aber nun drängte die Zeit; ehe -Maroto die Niederlage sich beibringen ließ, mußte er die ihm feindlich -gesinnten Männer entfernen und selbst den Schein des Widerstandes gegen -ihn unmöglich machen: der lange meditirte Schlag wurde ausgeführt.</p> - -<p>Am 16. Februar 1839, da Jedermann fern in Vizcaya ihn glaubte, -erschien Maroto plötzlich in Estella, von geringer Escorte begleitet; -einige Bataillone, die er mitgebracht hatte, waren in nahe liegenden -Dörfern zurück geblieben. Mehrere der angesehensten Ultra-Royalisten -befanden sich in jener Stadt und ihrer Umgebung: der Generallieutenant -Don Francisco Garcia, commandirender General im Königreiche Navarra -ward gewarnt und suchte als Geistlicher verkleidet zu entkommen; er -wurde entdeckt und festgenommen. General Guergué, vor kurzem en Chef -die Armee commandirend, nun mit der Bestellung seines Landgütchens -beschäftigt, Generallieutenant Don Pablo Sanz, Generalmajor Carmona -und der General-Intendant des Heeres Uriz wurden sofort gefangen -gesetzt und in Estella mit General Garcia vereinigt. Dumpfer Schrecken -herrschte: „Was verbrachen diese Männer, so lange bewährt, welches Loos -erwartet sie?“ Flüsternd theilte Jeder seine Besorgniß, seine Zweifel -mit; denn Niemand wagte laut zu sprechen. Da ertönten am 18. Morgens -einige Schüsse; Maroto hatte ohne Kriegsrecht, ohne Befehl seines -Monarchen die fünf Generale füsilirt.</p> - -<p>Ich gedenke des wilden Tumultes, der bei der Schreckenskunde -unsere Casematten durchtobte. Anfangs zweifelten wir, hielten die -unglaubliche Nachricht für eine jener Erfindungen, wie christinosche -Zeitungsschreiber so oft sie geschmiedet; doch als nun das Schreckliche -sich bestätigte, schien jeden Einzelnen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span> betäubender Schlag -getroffen zu haben. Wohl wollten Manche aufstellen, daß die Generale -gerecht den Tod erlitten, daß Verrath gegen ihren König solche Strafe -auf ihr schuldiges Haupt gezogen habe: das Vertrauen auf Maroto stand -ja so fest, auf ihn gründeten sich alle Hoffnungen, sein Character, -seine Talente galten noch Allen als Pfand des sichern, schnellen -Sieges! Wer aber die gefallenen Opfer kannte, erhob sich unwillig -gegen die entehrende Anschuldigung. War es möglich, daß ein Garcia, -der so edel, so entschlossen treu, mitschuldig sei am Verrathe, daß er -die Hand geboten zum Bunde gegen den Fürsten, in dessen Vertheidigung -er so oft freudig sein Blut vergossen, mit solchem Feuereifer -gekämpft und gesiegt hatte? Und welche Fehler man Einigen der andern -Hingemordeten, so weit Talent und Fähigkeit betraf, auch beimessen -möchte, ihr Character, ihre Redlichkeit und Ergebenheit glänzten -makellos, keinen Angriff scheuend. — Und dennoch! auf der andern Seite -stand Maroto, standen so viele edlere Namen, hoch geachtet als Stützen -unserer Parthei! — Ungewiß schwankten wir hin und her unter Zweifel -und Furcht und trüben Ahnungen. Unter den Gefangenen, welche das -gemeinschaftliche Unglück unauflösbar zu verknüpfen schien, erhob sich -Zwiespalt; dort selbst unter den Leiden, die schonungslose Grausamkeit -auf uns häufte, schuf Partheigeist bittern Groll und entfremdete die -sonst eng Verbundenen. War es zu bewundern, daß der Schauplatz jener -Schreckensscenen das Bild der unsäglichsten Verwirrung bot?</p> - -<p>Die Aufregung in den Provinzen war unter allen Classen gewaltig; -ein Jeder fühlte sich selbst von furchtbarem Unglücke getroffen und -erwartete fürchtend, daß die nächste Zukunft neuen, entsetzlichen -Schlag bringe. Wen nicht die Pflicht aus dem Hause trieb, der -vermied sorgfältig die Straße zu betreten, man athmete beklommen wie -vor schwerem Gewitter. Drückendes Mißtrauen entfernte die Geister -von einander; Niemand wagte zu sprechen, kaum mit Andern sich zu -vereinigen: man wußte<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> ja nicht, ob man den Freund sah oder einen -versteckten Feind, der zum Verderben des Unvorsichtigen das nicht -genau abgemessene Wort benutzen werde. Denn stündlich fanden neue -Arrestationen Statt, und mehrere Officiere wurden erschossen.</p> - -<p>Da erschien eine Proclamation Carls V., welche Maroto’s -Verfahren als illegalen Mord, ihn selbst als Verräther bezeichnete; er -ward für abgesetzt erklärt und der öffentlichen Rache Preis gegeben. -Die Guten jubelten. Noch ein Mal hatten die wahren Carlisten gesiegt -und den Einfluß zurückgedrängt, welchen die Marotisten bisher auf den -König geübt; mehrere Anführer — so Valmaseda und Don Basilio Garcia -— rafften eilig Truppen zusammen und marschirten auf Estella, das -königliche Edict in Ausführung zu bringen. Maroto nahm mit den acht -Bataillonen, die er ganz sich ergeben wußte, solche Stellungen, daß er -im Nothfall auf seine neuen Verbündeten, die Feinde seines Königs, sich -stützen oder zu ihnen entfliehen konnte. Schon hieß es allgemein, er -sei zu den Christinos übergegangen.</p> - -<p>Nicht lange dauerte der Triumph der Carlisten. Zu gut hatten die -Verschworenen ihre Maßregeln genommen; unterstützt von Manchen, die -auch da noch nicht von dem Wahne enttäuscht waren, daß Maroto der -Retter, emporgehalten vor Allem durch den Einfluß der verblendeten -Königinn, konnten sie die Männer verdrängen, welche durch ihren -Rath die Ächtung des Mörders bewirkt hatten. Es gelang ihnen, den -unglücklichen Monarchen in ihre Netze zurückzuführen und ihn selbst -die Schuld seiner hingeschlachteten Treuen glauben zu machen. In einer -neuen Proclamation erklärte Carl V., daß er von der Unschuld und -dem Verdienste seines Generales überzeugt sei, und daß die Erschossenen -als Verräther gerechte Strafe gelitten hätten; er nahm demnach das -frühere Edikt zurück und bestätigte Maroto in allen seinen Stellen und -Ehren. So stand dieser, der ein Vertheidigungsschreiben an den König -erlassen hatte, welches allein des Hochverrathes ihn schuldig machte, -triumphirend mächtiger da<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> als je. Die Edlen, welche ihre nie wankende -Ergebenheit mit dem Tode der Verbrecher gebüßt, blieben ungerächt. -Schon war der Sturz der Sache entschieden, die so viel Heroismus und so -viel Blut gehoben hatten.</p> - -<p>Alle irgend Verdächtigen, Alle, die gegen Maroto sich erklärt hatten, -mußten nach Frankreich auswandern, unter ihnen Uranga, Don Basilio -Garcia, der Minister Arias Tejeiro und viele andere Generale, Obersten -und hohe Civil-Beamten. Valmaseda, zum Tode verurtheilt, entfloh mit -den beiden von ihm gebildeten Husaren-Escadronen und brach sich Bahn zu -dem Heere von Aragon, verzweiflungsvoll die schwarze Fahne aufsteckend, -das Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod. Noch blieben in den -Nordprovinzen und selbst in der Umgebung des Königs viele hochgestellte -Personen, wahre Carlisten, Viele, die später in der schrecklichen -Katastrophe herrlich sich bewährten. Aber Maroto vermochte jetzt Alles, -seine Genossen überwachten den König, seine Mitverschworenen hielten -die wichtigsten Stellen inne, Täuschung und Furcht machten jeden -Widerspruch schweigen; nur der Name des Königs fehlte dem übermüthigen -General, um König zu sein.</p> - -<p>Der erste Act des Trauerspieles war vollendet.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Längst hatten Gerüchte über bevorstehende Auswechselung unruhige -Spannung in dem Depot rege gemacht; ein Jeder hoffte und fürchtete und -berechnete die Chancen, die ihm auf Befreiung wurden. Da ward eines -Morgens dem Chef des Depots eine Liste der Gefangenen übergeben, welche -zur Einschiffung nach Valencia bestimmt waren; Hunderte stürmten, -drängten um das verhängnißvolle Papier: o Glück, unaussprechliche -Wonne, mein Name leuchtete aus der Reihe der Glücklichen mir entgegen!</p> - -<p>Cabrera, jetzt zum Grafen von Morella erhoben, hatte alle<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> Gefangenen, -welche dem Feinde in Valencia und Aragon nach den Metzeleien des -Winters überblieben, ausgewechselt und reclamirte nun neunzig -Officiere aller Grade aus dem Depot von Cadix, da das Kriegsglück ihm -täglich neue Gefangene in die Hände spielte. Von mehreren Classen -befand sich nicht die hinreichende Zahl von Individuen aus der -Armee Cabrera’s unter uns, weßhalb die Fehlenden aus den Officieren -der Nordarmee ergänzt werden mußten; so sollte auch die Classe der -Premier-Lieutenants, unter die ich, wiewohl seit einem Jahre zum -Capitain avancirt, bis zur Auswechselung mich zählte, da ich als -solcher gefangen genommen wurde, um sieben Individuen vermehrt -werden. Nicht lange vorher hatte mich ein wackerer Mann, der Consul -von Großbritannien und Hannover, durch Zufall kennen gelernt und -sofort auf das gütigste meiner sich angenommen, indem er nicht nur -die seit Monaten abgerissene Verbindung mit den Meinigen mir wieder -eröffnete, sondern auch in jeder Hinsicht thätig für mich wirkte, -manche Erleichterung durch seinen mächtigen Einfluß mir schuf und, -unschätzbarste Wohlthat in solcher Lage, stets mit ausgesuchten -Büchern mich versah. Leicht hatte Mr. Brackenbury bewirkt, daß ich zur -Ergänzung meiner Classe bestimmt wurde. Welche christinosche Behörde -hätte gewagt, das irgend Mögliche dem Wunsche eines solchen Mannes zu -versagen? Wo Protektion und Gold Alles erlangen, mußte der Wille des -britischen Consul als höchstes Gesetz gelten.</p> - -<p>Unendlich war meine Freude, meine Dankbarkeit, da das Ende des Leidens -nahe schien. Ha, wie ich erbebte in grimmiger Lust, wie das Blut mir -siedete und jede Muskel krampfhaft sich spannte bei dem Gedanken, daß -ich bald diesen Christinos gegenüber stehen sollte! Wie ich lechzte -nach dem beseligenden Augenblick der Rache, blutiger Rache für -tausendfache Gräuel! — Aber doch durchzuckte mich ein schmerzliches -Gefühl, das Glück trübend, welches so freundlich mir lächelte. So -viele<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> mußte ich ja verlassen, die ich innig liebgewonnen hatte, mußte -sie in solcher Lage lassen, deren Schrecken ich ganz gekannt; meinen -Martinez, kaum den Knabenjahren entwachsen, gemüthvoll, kindlich rein -und offen und mit kindlicher Liebe mich umfassend. Wie oft ruhete er -an meiner Brust und erzählte von den Eltern und Geschwistern, von dem -schönen, friedlichen Leben im väterlichen Hause, von der reizenden -Heimath in dem fruchtbaren Ebro-Thale und von den lieblichen Scenen -des Glückes, wie sie aus den Jahren der Kindheit, seligen Träumen -gleich, in das ernste Leben herüberklingen. Und dann schilderte er, die -Gluth des großen, dunkeln Auges von Thränen umschleiert, den Schmerz -der trauernden Mutter, als sie den Knaben, der mit den Bataillonen -der Expedition zur Vertheidigung seines Königs auszog, scheidend an -das Herz drückte; und die Leiden, welche den Zarten, Unerfahrenen -trafen, mit dem Elend und alle dem Schrecken des Krieges und der -Gefangenschaft, die so rauh ihn verletzen mußten. Ich fühlte mit ihm, -und liebevoll lächelte er durch seine Thränen mir zu, bald wieder -heiter und kindlich froh. Das Ende des Krieges führte den Knaben, zu -weich für seine Schrecknisse, in die Arme der Seinen zurück.</p> - -<p>Auch von ihm sollte ich mich trennen, dem theuern Gefährten, für den -verwandte Gesinnungen, gemeinschaftlich getragenes Leid als Freund mich -empfinden machten; auch er war verdammt, in den Banden der Wütheriche -zurückzubleiben, deren Wuth wir zu bitter erprobt hatten. Einer der -ersten Familien der Schweiz angehörend hatte Guiguer de Prangins bis -zur Juli-Revolution als Officier in Carls X. Schweizer-Garde, -nach ihr in königlich sardinischem Dienste gestanden, aus dem er, -getrieben vom Durste nach kriegerischer Thätigkeit, nach Catalonien -eilte, den Vertheidigern der Legitimität sich anzuschließen. Das Glück -wollte ihm nicht wohl. Bald nach seiner Ankunft in den Nordprovinzen, -wohin Ekel an dem Treiben der Catalonier ihn führte, zog er mit dem -Expeditions-Corps des Grafen Negri nach<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> Castilien und befand sich -unter den Tausenden, welche nach namenlosen Drangsalen der Elemente -Wuth wehrlos den Feinden überlieferte.</p> - -<p>Sein edles Äußere, das Modell männlicher Schönheit, zog unwillkührlich -die Aufmerksamkeit auf sich — ich hörte die Spanier, denen solche -kraftvoll hohe Gestalt, so majestätisches, Ehrfurcht erweckendes -Antlitz wunderbar imponirten, mehrfach den römischen Kriegsknechten ihn -vergleichen, wie wir in den Gemälden alter Meister bei den Wundern und -Leiden des Herrn sie dargestellt sehen —; die erhabenen Eigenschaften -des Geistes und des Herzens mußten den Eindruck, den sein Anblick -hervorgebracht hatte, zu warmer Verehrung steigern, während sie den, -der nicht sie zu würdigen wußte, in ehrerbietiger Ferne hielten. -Fremde unter Spaniern finden sich schnell. Auch wir hatten uns an -einander geschlossen, hatten Ideen und Betrachtungen, Schmerz und -Hoffnungen ausgetauscht und getheilt, hatten viele lange Tage durch -trauliches Gespräch über Vergangenes und Fernes verkürzt. Viel lernte -ich aus meines Freundes Erfahrungen; ich bewunderte die Schärfe seines -Verstandes, sein Urtheil war das des Mannes, der mit feinstem Gefühle -für das Rechte ein scharfes Studium der Menschen, Vertrautheit mit den -verschiedenartigsten Verhältnissen und hohe Bildung verbindet.</p> - -<p>Ergötzlich war es in der That, wenn er in seiner Haushaltswoche das -sehr frugale Mal für uns beide zubereitete, vor dem kleinen zwischen -unsern Betten aufgestellten Heerdchen Episoden aus seinem Leben -ihn schildern oder geistreich über Fragen aus dem Bereiche jedes -Wissens disputiren zu hören, während er eifrig den aufquellenden Reis -überwachte und mit dem kleinen Strohfächer die sparsam zugetheilten -Kohlen wedelnd anfachte.</p> - -<p>Umsonst hatte Mr. Brackenbury sich bemühet, auch die Auswechselung -Prangin’s zu bewirken. Er gehörte einer Classe an,<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> in der von -Cabrera’s Armee mehr Individuen im Depot sich befanden, als nach -Valencia gesandt wurden; so war es unmöglich, ihn in die Liste -einzuschieben, da alle Welt wohl wußte, daß jener General nie einen -andern Officier auswechseln würde, so lange ein einziger der seinigen -in der Gefangenschaft schmachtete. Mit innigem Schmerze schied ich von -dem Freunde. — Als wenige Monate später der Übertritt Carls V. -nach Frankreich die Hoffnung auf glücklichen Ausgang des Krieges nach -der Katastrophe von Bergara vernichtete, und da sie die Aussicht auf -Befreiung ganz schwinden machte, erlangte Prangins durch den Consul den -Paß nach der Heimath und trat in die Dienste des Königs von Sardinien -zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Espartero hatte mit möglichster Energie die Zurüstungen für die -beschlossenen Operationen betrieben, ohne jedoch den Augenblick der -Verwirrung, die jener Gewaltstreich von Estella hervorbrachte, irgend -zu benutzen; erst im April, da der Frühling milderes Wetter brachte, -begann er die Bewegungen gegen die Forts, welche das erste Ziel -seines Angriffes sein sollten. Maroto stellte sich den 35000 Mann der -Christinos mit vierzehn Bataillonen, kaum 9000 Mann, entgegen. Übrigens -war Alles unter den beiden Generalen auf das beste geordnet.</p> - -<p>Früher sagte ich, wie Maroto während des Winters durch die Anlegung -mehrerer befestigter Punkte seine Herrschaft nach Alt-Castilien -hinein ausgedehnt und zugleich Vizcaya gegen Angriffe von Westen -her gedeckt hatte; die hauptsächlichste dieser Befestigungen war -die des Fleckens Ramales in der Provinz Santander, über dem ein -sehr starkes, regelmäßiges Castell errichtet war. In dem Orte -war eine Kanonengießerei, die bei der Annäherung der Christinos -zurückgezogen wurde. Aller jener festen Punkte sollte also Espartero -sich bemächtigen, um dann nach Vizcaya vordringen zu können; Maroto -zog sich vor den<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> anrückenden Feinden langsam auf Ramales zurück. -Schon nicht fern von diesem Punkte ward der Marsch der Christinos -plötzlich aufgehalten: eine Höhle, in der Mitte einer senkrechten -Felswand und nur mit Leitern zu ersteigen, war von dreißig Mann und -einem Vierpfünder besetzt, welcher vollkommen die einzige durch die -Schlucht sich windende Straße beherrschte. Drei schwere Geschütze -wurden sofort gegen die Höhle aufgepflanzt und zwangen am folgenden -Tage die Besatzung, sich zu ergeben, so daß der Zug fortgesetzt werden -konnte. Mehrere kleine Forts, um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, -ergaben sich sofort, andere wurden geräumt; nur in Ramales, als dem -wichtigsten Punkte, sollte der Schein eines kräftigen Widerstandes -gerettet werden, weshalb Maroto eine ausgesuchte Garnison unter sehr -entschlossenem Gouverneur in das Fort legte. Nachdem er am 30. April -die herrlichsten Stellungen, wie jene Gebirge nur sie bieten konnten -und wie sie stets den Heeren der Christinos ganz unzugänglich gewesen, -nach kurzem Scharmützel mit den feindlichen Massen verlassen und so -die Zugänge zum Fort ihnen frei gegeben hatte, stellte er mit seinen -vierzehn Bataillonen rückwärts nahe demselben sich auf.</p> - -<p>Espartero drang sogleich vor und errichtete die Batterien, während -er eilf Bataillone der Garde dem carlistischen Heere zur Beobachtung -gegenüber placirte; Maroto that keinen Schuß auf sie, sich mit der -Rolle des müssigen Zuschauers begnügend. Bald begannen die Batterien, -auf sehr große Distance angelegt, ihr Feuer gegen die Wälle des Forts, -ohne den geringsten Eindruck auf dasselbe zu machen, und setzten -es mehrere Tage lang mit großer Lebhaftigkeit und vielem Lärmen -fort. Dann, da die Kanonen keine Wirkung hervorgebracht hatten, -sandte Espartero seine zwei Bataillone Guiden vorwärts, welche, kaum -belästigt, bis zum Fuße des Glacis drangen, dort sich etablirten -und hinter Parapeten ein sehr lebhaftes Gewehrfeuer gegen die Werke -eröffneten. Es ist leicht zu erachten, welchen Effekt diese neue<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> -Belagerungsmethode haben mußte; viel Pulver wurde verknallt, und die -Garnison des Forts lachte darüber. Doch das wurde wohl langweilig, -und für das damit Beabsichtigte war genug gethan; so kam denn am -dritten Tage dieses Feuerns — am 8. Mai — ein Expresser Maroto’s und -brachte dem Gouverneur des Forts die Ordre, da keine Hülfe möglich, -also Vertheidigung unnütz sei, unter möglichst guten Bedingungen zu -capituliren, worauf die Garnison, gegen welche eben so viele feindliche -Gefangene abgeliefert wurden, das Fort übergab und zu der carlistischen -Armee zurückkehrte, die bereits auf dem Rückzuge begriffen war. Die -Christinos fanden die Werke im besten Zustande und die Magazine mit -allem Nöthigen überfüllt; Espartero sandte pompöse Berichte nach -Madrid, in denen er die unbegränzte Todesverachtung der nie besiegten -Vertheidiger der Constitution und der unschuldigen Königinn auf das -glänzendste hervorhob und ehrend die Bravour der feindlichen Armee und -die Festigkeit der Garnison anerkannte. Maroto erließ Proclamationen -in gleichem Sinne und überhäufte die Vertheidiger des Forts mit -Ehrenbezeugungen, die sie erröthend empfingen, seine Armee mit -schmeichelhaftem Lobe und Belohnungen, während sie fortwährend ohne -Schwerdtschlag sich zurückzog.<a name="FNAnker_53_53" id="FNAnker_53_53"></a><a href="#Fussnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a></p> - -<p>Am 10. Mai ergab sich Guardamino, worauf die christinosche Armee in -Vizcaya vordrang, ohne daß Maroto eine der unnehmbaren Positionen, an -denen so oft die Feldherren der Usurpation gescheitert, zum Schlagen -benutzt oder einen Versuch gemacht hätte, in den wilden Schluchten und -Ketten, so gefürchtet vom Feinde, den Eroberungen desselben ein Ziel -zu setzen. Im Gegentheil, Valmaseda, Arciniaga und die andern festen -Punkte Vizcaya’s, mit so vielem Blute behauptet, unter so vie<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>len -Beschwerden befestigt, wurden ohne Widerstand verlassen; am 22. Mai -besetzte Espartero Orduña, die Hauptstadt der Provinz, und eilte, zum -Waffenplatze sie umzuschaffen. Selbst die berühmte Peña de Orduña, den -Paß über den Hochrücken der Pyrenäen, den hundert Mann gegen ein Heer -vertheidigen, fand er unbesetzt.</p> - -<p>Schrecken, Entsetzen ergriff die Basken, ihr Vertrauen wich, da sie -so Unerhörtes, nie für möglich Gehaltenes sahen; wo waren die Zeiten, -in denen der große Zumalacarregui seine Landsleute zu Kampf und -Sieg führte? Die Verschworenen aber streuten heimlich mannigfache -Gerüchte aus über Transaction und bald zu hoffenden Frieden, dessen -Herrlichkeiten sie listig dem geängsteten Volke in den schönsten Farben -ausmalten.</p> - -<p>Während Espartero in Vizcaya vorwärts marschirte, war Don Diego Leon -in Navarra thätig gewesen. Die Carlisten hatten wenige Stunden von -Pamplona entfernt eine Brücke über die Arga geschlagen und sie durch -eine regelmäßige Verschanzung, das Fort von Velascoain, gedeckt; ihnen -war dadurch der Übergang über jenen Fluß gesichert, und sie konnten -nach Belieben das feindliche Navarra bis Ober-Aragon hin durchstreifen. -General Leon zog mit vierzehn Bataillonen gegen dieses Fort, zu dessen -Unterstützung zwei navarresische Bataillone, spät durch andere zwei -verstärkt, dort waren.<a name="FNAnker_54_54" id="FNAnker_54_54"></a><a href="#Fussnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> Das Kanonenfeuer, am 29. und 30. April mit -großer Lebhaftigkeit und Kraft unterhalten, brachte gar keine Wirkung -auf die Besatzung hervor, weshalb General Leon, ein entschieden -braver Mann, nachdem er die Jäger-Compagnien bis zum Fuße der Werke -vorgeschoben,<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> an der Spitze seiner Bataillone unter dem heftigsten -Feuer der Garnison den Fluß passirte. Einige Bataillone drangen zum -Sturm in geschlossenen Massen vorwärts, während die andern rechts und -links vom Fort gegen die carlistischen Bataillone sich wandten. In -Gefahr, abgeschnitten zu werden, und ganz ohne Hoffnung auf Entsatz -verließ die Garnison die Verschanzungen, in denen der Feind fünf -schwere Geschütze erbeutete.</p> - -<p>Don Diego Leon ward von diesem Siege — er hatte wiederholt der -Sache der Constitution sehr wichtige Dienste geleistet — zum Grafen -von Velascoain ernannt; Espartero aber, weil er ohne Sieg der Armee -Maroto’s in das Innere von Vizcaya gefolgt war, erhielt den Titel des -Herzogs des Sieges — duque de la victoria —, den einst mit mehr Recht -Carl V. dem getödteten Zumalacarregui verliehen hatte, das Andenken des -unbesiegten Helden zu ehren.</p> - -<p>Der zweite Act des großen Trauerspieles war vollendet!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_50_50" id="Fussnote_50_50"></a><a href="#FNAnker_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Es befanden sich zwischen dreihundert und vierhundert -Officiere in Cadix, den Expeditionen Negri’s, Don Basilio Garcia’s -und Merino’s, dem Heere Cabrera’s und den Partheigängern der Mancha -angehörend. Letztere wurden später alle erschossen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_51_51" id="Fussnote_51_51"></a><a href="#FNAnker_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Ihre Lieblings-Phrase: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ya les haremos à Ustedes -sentir lo que es el ser prisionero nuestro</span>.“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_52_52" id="Fussnote_52_52"></a><a href="#FNAnker_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Die Spanier bezeichnen den Kirchhof mit dem Namen des -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">campo santo</span>.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_53_53" id="Fussnote_53_53"></a><a href="#FNAnker_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Ich erfuhr die Einzelnheiten, wie ich sie gebe, -übereinstimmend von christinoschen und carlistischen Officieren, welche -als Augenzeugen in beiden Heeren gegenwärtig waren.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_54_54" id="Fussnote_54_54"></a><a href="#FNAnker_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Maroto zersplitterte, ganz der Kriegsart seiner Vorgänger -zuwider, seine Streitkräfte stets absichtlich so, daß er nie den -feindlichen Heeren mit verhältnißmäßiger Macht entgegentreten konnte. -Damals befanden sich fast funfzig Bataillone in den Nordprovinzen.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier18" name="zier18"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 18" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XIX">XIX.</h2> - -</div> - -<p>Endlich waren die tausend und tausend Schwierigkeiten überwunden, -welche ewiger Geldmangel der Abreise der auszuwechselnden Gefangenen -entgegengesetzt hatte; an einem der letzten Tage Juni’s war Alles -zur Einschiffung bereit. Schweren Herzens nahmen wir Abschied von -den Cameraden, die düster ernst uns Glück wünschten zur Reise, -uns beschworen, dem sieggekränzten Anführer, dessen Armee wir in -Zukunft angehören sollten, ihre Lage und Wünsche vorzustellen. In -dichtgedrängtem Haufen umstanden sie das Thor des Palisaden-Gitters, -die Armen, durch das wir einzeln, so wie unsere Namen verlesen wurden, -die Casematten verließen; mein Name, verstümmelt in des Südländers -Munde, ertönte — noch ein Händedruck, ein herzliches Lebewohl — -schon sah ich die Trauernden nicht mehr; schneller fühlte ich die -Brust sich mir heben, da die furchtbaren Räume, in denen so viele -Monate in peinlicher Muße mir hingeflossen, auf immer hinter mir sich -schlossen. Bald durchzogen wir, kaum durch das gaffende Volk belästigt, -die Stadt mit ihren niedlichen, schneeigen Häusern und bewunderten den -Hafen, wie er, immer noch mit den Flaggen aller Nationen geschmückt, -in sanfter Ruhe sich vor uns ausbreitete. Ihn begränzend erhob sich -uns gegenüber die Küste des Festlandes, von sanft aufsteigenden Hügeln -überschattet, bis wo die dunkleren Massen der Sierra das reizende -Tableau schlossen; Puerto Real und Puerto de Santa Maria, beide wie -Cadix auf das anziehendste gebaut, belebten nebst zahllosen Landhäusern -die mit Weinbergen und lieblichen Orangengärten abwechselnde Gegend. -Noch vor Sonnenuntergang verließen wir die Bucht und flogen, von nicht -ungünstigem Winde getrieben dem offenen Meere zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span></p> - -<p>Das Schiff auf dem wir uns befanden, war ein alter Küstenfahrer, -nicht unbequem, da er, um so viel Waaren wie möglich fassen zu -können, geräumig genug eingerichtet war. Vor dem Winde segelte er mit -außerordentlicher Leichtigkeit, so daß wir dann alle Fahrzeuge, welche -wir zu Gesicht bekamen, zu unserm Ergötzen bald überholten; so wie -aber der Wind von der Seite kam, wurde er doppelt schwerfällig und -langsam, wie man behauptet, eine gewöhnliche Eigenschaft bei alten -Schiffen. Unsere Bedeckung — ich schäme mich fast, ihrer zu erwähnen -— bestand aus einem Officier und sechs oder sieben Marine-Soldaten, -während neunzig gefangene Officiere an Bord sich befanden. Ich suchte -die Gesinnungen derer zu tentiren, welche den meisten Einfluß auf -die Übrigen ausübten, erkannte aber sehr bald, daß ihr persönliches -Interesse das Gefühl des allgemeinen Besten niederhielt, daß sie für -eine große Thorheit gehalten hätten, jetzt, da sie ihrer Befreiung -gewiß waren, nach Gibraltar, wie ich andeutete, oder irgend einem -andern Punkte sich zu wenden, um vielleicht die Leiden des Exils -erdulden zu müssen. Wie wenig ahneten die Armen das Schicksal, -welches wenige Monate später sie ereilen sollte! Umsonst stellten die -Einzelnen, welche mir sich anschlossen, vor, daß der Feind genöthigt -sein würde, noch ein Mal eine gleiche Zahl unserer zurückgebliebenen -Leidensgefährten zu lösen; die weit überwiegende Mehrheit beharrte -entschieden auf ihrer selbstischen Ansicht. Übrigens erkannte der uns -escortirende Officier seine Lage so wohl, daß er sofort die Waffen -seiner Leute in einen Kasten einschließen ließ und sich dadurch wehrlos -unserm Willen hingab. Er hielt es ohne Zweifel für klüger, uns ganz -gewähren zu lassen, als durch Zwang und lästige Vorsichtsmaßregeln uns -zu reizen; auch mochte er wohl des Characters seiner Landsleute gewiß -sein.</p> - -<p>Nachdem während der Nacht Windstille uns gefesselt hatte, trieb nach -Sonnenaufgang ein leichter Hauch das Fahrzeug langsam der Küste -entlang, deren Schönheit um diese Jahreszeit in<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> der höchsten Pracht -entfaltet war. Die Landhäuser der reichen Kaufleute von Cadix bedeckten -in mannigfach wechselnder Gestalt den Strand, bis wo die Kette der -das Meer cotoyirenden Gebirge wilder sich hob; dort lag Chiclana, wo -umsonst die Schaaren der Constitution gegen Angouleme’s Heer Widerstand -versuchten. Dann doublirten wir das Vorgebirge, bei dem der erste -Seeheld der stolzen Britannia mit seinem Tode den herrlichen Sieg -erkaufte, der entscheidend Spaniens und Frankreichs vereinte Flotten -vernichtete, und mit der Überlegenheit seines Vaterlandes über die -gefährlichen Nebenbuhler die Seeherrschaft desselben auf lange Zeit -sicherte. Schon erhoben sich fern am Horizont die bläulichen Hügel -Afrika’s und schienen, vor uns Europa berührend, das Vorwärtsdringen -dem kühnen Seefahrer schließen zu wollen. Der Wind, jeden Augenblick -mehr frischend, näherte uns rasch dem Eingange in die berühmte Straße -des Herkules: zur Rechten zog das maurische Tanger meine Aufmerksamkeit -an, dann links Tarifa mit seinen niedrigen Festungswerken, geschützt -durch eine vorliegende gleichfalls befestigte Insel. Wie in beiden -Städten dasselbe Gemisch von arabischen und europäischen Sitten den -Beobachter frappirt, boten sie auch beide denselben Anblick der -einförmigsten Weiße; jedes Leben schien in ihnen erstorben zu sein.</p> - -<p>Von Strömung und Wind gleich begünstigt flogen wir durch die immer -mehr sich engende Straße zwischen zwei Welttheilen hin, welche durch -einen breiten Strom geschiedene Theile desselben Landes schienen. Zu -beiden Seiten erhoben sich wellenförmig die Höhen vom Gestade zu den -dunkleren Gebirgen, zu beiden Seiten prangten die Gefilde in demselben -lachenden Grün und leuchteten gleiche Häuser und Dörfchen in den -Strahlen der Mittagssonne; in Afrika, wie in Europa zeigte das Fernrohr -reizende Gärten und weite Haine von Orangen und Citronen, unter denen -die schlanke Palme, einer Säule ähnlich, hoch gen Himmel strebte. -Da fesselte ein Felsen meine Blicke, zur Linken<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> scharf über die -niedrigeren Höhen hervortretend: die Veste lag vor uns, deren Name des -stolzen Spaniers Brust im Gefühl vergangener Größe, jetziger Schmach -von Zorn und Rachsucht schwellen macht, sein Antlitz in die Gluthfarbe -der Scham badet. Majestätisch steigt aus den Wellen die finstere Masse -empor, die ihres Vertheidigers erkaufte Nachlässigkeit in die Gewalt -der Briten gab, und durch deren Abtretung der Enkel Ludwigs XIV. -ihnen die Anerkennung seiner Herrschaft bezahlte; die, durch die Kunst -in eine fast unangreifbare Veste umgeschaffen, nun die wichtigste unter -den Stationen ist, mit welchen Englands Herrschsucht Europa, ja den -Globus, wie mit einer Kette zu umschlingen wußte, um seinem Handel als -Stapelplatz, seinen Flotten als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen, und -die ihm erst dürfte entrissen werden, wenn die hundertfaches Verderben -sprühenden Kriegsmänner, welche, bisher unbesiegt, die stolze Insel -zur Königinn der Meere erhoben, einem in jugendlicher Kraft blühenden -Rivalen unterliegen.</p> - -<p>Dann ward Ceuta sichtbar, schon außerhalb der eigentlichen Straße -von Gibraltar gelegen, doch ihm so nahe, daß in jedem der beiden -Punkte Kanonen sich finden sollen, welche den anderen zu erreichen -vermögen; einige jener Ungeheuer, wie der Rhein-Reisende auf dem -Ehrenbreitstein eines bewundert. Auch Ceuta ist sehr stark; es liegt -auf einer Landzunge, deren ganze Breite die die Landseite deckende -Befestigungslinie einnimmt, so daß diese in eingehenden Bogen -construirt werden konnte. Die Regierung Christina’s begrub in den -Kerkern des dortigen Presidio Tausende von Unglücklichen, welche -Anhänglichkeit an ihren König zu Verbrechern stempeln mußte.</p> - -<p>Vor uns dehnte das Mittelländische Meer sich aus, so reich an -Erinnerungen und herrlichen Thaten, umringt von den schönsten Ländern -der alten Welt, von den Reichen, die in der höchsten Blüthe der -Civilisation und der Macht prangten, als die Völker des Nordens, welche -jetzt über den ganzen Erdball hin<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> das Loos der Nationen lenken, auf -lange noch in den Banden des finstern Barbarismus lagen. Und was sind -sie nun, diese herrlichen Länder, welche die Geschichte als die Wiege -alles Erhabenen und Schönen uns malt? Würden die mächtigen Könige -Egyptens, die Erbauer der Pyramiden, die Priester, denen Griechenlands -Weise ihre geistigen Schätze verdankten, ihr Vaterland wieder erkennen -in den öden Gefilden, deren Bewohner eines Mehemed Ali Cultur als -Wunder anstaunen müssen? Könnten wohl die Helden der weltumfassenden -Roma für ihre Nachkommen <em class="gesperrt">die</em> Männer halten, deren schlaffer, -knechtischer Geist selbst den <em class="gesperrt">Gedanken</em> der Thaten ihrer -Vorfahren nicht zu fassen vermöchte? Tunis Dey herrscht da, wo einst -Carthago in seiner stolzen Handelsgröße thronte, wo Hannibal, groß -als Feldherr und groß im Rathe, seine kühnen Pläne zum Kampfe um die -Herrschaft der Welt entwarf; Macedoniens unterdrücktes Volk vergaß -längst, daß ein Alexander triumphirend zu den Gränzen des fabelhaften -Indiens und bis in die glühenden Wüsten von Afrika es führte. Und was -ward aus der pyrenäischen Halbinsel, die eine neue Welt sein nennen -durfte, deren Flotten von Osten und von Westen her die unerschöpflichen -Reichthümer der heißen Zone ihr, der Gebieterinn, zuführten; deren -Herrscher sich rühmte, daß nie in seinen Staaten die Sonne untergehe? -Was ward aus Griechenland, dessen Söhne, lange Jahrhunderte unter -schmähliches Sclavenjoch gebeugt, durch alle Stürme und Leiden hindurch -nur die alte Uneinigkeit zu bewahren wußten? In des großen Constantin -Stadt zittert ohnmächtig der Sohn der Sultane, welche zu Wiens -Belagerung ihre fanatischen Krieger führten; ein türkischer Pascha -gebeut in den Reichen des großen Mithridates, in den Stätten, die durch -Hectors und Achilles Thaten verherrlicht sind. Wo der Herr der Welten -beseligende Liebe verkündete, da kämpfen wilde Horden um das Recht, die -erniedrigten Bewohner bis zum letzten Blutstropfen auszusaugen! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p> - -<p>O, Vergänglichkeit alles Menschlichen! — Und das Meer unter allen -Umwälzungen rollt seit Jahrtausenden unverändert seine Wogen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Südwest, welcher uns so kräftig durch die Straße von Gibraltar -getrieben und die Hoffnung erregt hatte, in wenigen Tagen Valencia -zu erreichen, starb weg, als wir während der Nacht Malaga und Motril -passirt hatten; im Angesichte des Cabo de Gata fesselte uns gänzliche -Windstille, von den Schiffern mit finsterer Stirn begrüßt. Erstickende -Schwüle lähmte Geist und Körper, bleischwer auf uns lastend, die Sonne -glühte sengend auf unsern Scheitel herab, und als die ersehnte Nacht -endlich kam, brachte auch sie nicht jene erfrischende Kühlung, die -sonst sie zu begleiten pflegt. Die Segel schlugen schlaff hin und -her an die Masten, durch ihre Bewegung fortwährend uns Unerfahrene -täuschend, da wir die Wirkung des Windes in ihr suchten; zugleich -schwankte das Schiff tief sich beugend von einer Seite zur andern und -erzeugte dadurch rings umher ein leichtes Zittern des Wassers, gegen -das die todte Glätte des Meeres, so weit das Auge reichte, desto mehr -auffiel.</p> - -<p>Gegen Mittag des folgenden Tages ward fern gen Norden ein kleiner -schwarzer Punkt sichtbar, der reißend anschwoll und den Horizont -überzog; dumpfes Rauschen ertönte aus der Tiefe, aus der Luft, die -Oberfläche des Meeres regte sich, hie und da kleine Streifen weißen -Schaumes zeigend. Emsig kletterten die Seeleute umher, die verwitterten -Züge in starre, drohende Falten geworfen, zogen hier ein Segel ein und -banden sorgfältig es fest oder untersuchten mit prüfendem Auge die -Taue, während dort die Schiffsjungen alles Überflüssige in den Raum -warfen, um das Verdeck, schon durch eine große Zahl von uns überfüllt, -etwas freier zu machen. Rasch bedeckte schwarzes Gewölk hoch auf -einander gethürmt den ganzen Himmel, immer hohler tönte<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> über uns, -wie unten in den Wassern, abgerissen unheilverkündendes Brausen, und -das Fahrzeug ward in kurzen, heftigen Stößen hin und her geworfen. -Augenblickliche Stille trat ein, unheimlich, ängstlich: in der nächsten -Minute brüllte und pfiff der Sturm durch das Tauwerk, welches längst -von seiner Last befreit war.</p> - -<p>Ein Sturm ist so oft geschildert worden, daß es nur lästige -Wiederholung des oft Gehörten wäre, wollte ich unsere körperlichen -und geistigen Leiden während der folgenden Tage im Detail geben. Das -Schiff flog dahin vor der Wuth der losgelassenen Winde, bald hoch -auf einer Woge emporgehoben und weithin das wilde Treiben der Wasser -überschauend, bald war es in den Abgrund versenkt, dessen Schaumwände -einem Kerker gleich, dicht uns umschlossen und jeden Augenblick über -uns zusammenzuschlagen drohten. Nicht mehr bestimmt, so grausen Kampf -zu bestehen, krachte das alte Schiff in allen seinen Fugen, als bräche -es unter der Last der Massen, die es bestürmten. Wehklagen und Jammer -ertönte aus dem Raume, wo jede neue Welle die von der Seekrankheit -Geplagten über und durch einander warf, während so viele, welche auf -dem Lande oft furchtlos dem Tode getrotzt, nun die Stunde verwünschten, -in der sie dem treulosen Elemente sich anvertrauen mußten.</p> - -<p>Als wir uns einschifften, hatte ich wohlweislich ein Plätzchen auf -dem Verdecke mir ausgewählt, und so lange das Wetter günstig, war -mir diese Vorsicht wohl zu Statten gekommen; die frische, zehrende -Luft erregte nur meinen Appetit, und die mannigfachen Leidens- und -Klagelaute, die besonders von unten herauf schallten, hatten, wie -das denn zu geschehen pflegt, mir reichen Stoff zum Lachen geboten. -Jetzt ward aber der Zustand der in freier Luft Lagernden mit jedem -Augenblicke beschwerlicher. Schon mußten wir lang ausgestreckt neben -einem Mastbaume hingekauert mit Händen und Füßen uns anklammern, um -nicht fortgeschleudert oder von den Wogen, die häufig<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> über das Verdeck -hinfegten, über Bord geschwemmt zu werden. Durchnäßt bis auf das -Mark, stets von neuem gerüttelt und gerissen beneidete ich diejenigen -meiner Gefährten, welche unter Deck, wenn sie mit dem Kopfe gegen die -Schiffswand geschlagen wurden, eben dadurch die tröstliche Gewißheit -erhielten, daß diese Wand, so lange sie existirte, die tobenden Wasser -von ihnen fern hielt. Ein kleiner dreizehnjähriger Cadett wurde vor den -Augen seines Vaters, der umsonst einen herzzerreißenden Hülfeschrei -ausstieß, vom Verdeck geschwemmt und augenblicklich in den schäumenden -Fluthen begraben; zwei Officiere entgingen wie durch Wunder demselben -Geschick, da sie, über Bord gehoben, irgend ein Tau ergreifen konnten -und halb zerschlagen zurückgezogen wurden; ein anderer brach sich -zweifach den Arm, viele trugen Contusionen davon.</p> - -<p>Genug des Unangenehmen, welches der Sturm reichlich uns brachte. -Wer etwa mehr davon wissen möchte, wird durch Überlesen einer der -vielen grausigen Erzählungen der Art, wie sie in den Schriften zur -Belehrung der Kinder sich finden, über und über befriedigt werden; wenn -zehnfach übertrieben, sind solche Beschreibungen im Allgemeinen nicht -unbezeichnend, und eine lebhafte Phantasie wird das Fehlende leicht -ergänzen.</p> - -<p>Am dritten Tage hatte der Himmel sich aufgeklärt, das Meer umspülte -wieder sanft plätschernd unser Fahrzeug, Delphine folgten ihm spielend -und kündigten die Dauer des guten Wetters an; der Schiffer aber -erklärte zum großen Erstaunen Vieler unter den Reisegefährten, die -später nicht wenig prahlten, durch einen Sturm so weit vom Vaterlande -fortgetrieben zu sein, daß wir nahe bei der Insel Sardinien uns -befänden. Das Feuer, so lange schon nicht angezündet, wurde wieder -angefacht, und ausgehungert wie wir durch dreitägiges Fasten es waren, -— ich hatte in der That kaum ein Bischen ganz aus über einander -wimmelnden Würmern bestehenden Schiffszwieback gegessen — überwachten -wir mit dem Auge der höchsten Ungeduld<span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span> die Zubereitung des Mahles. -Nie fühlte ich so entsetzlichen Hunger; ich segnete die Seekrankheit, -durch welche die Hälfte von uns unfähig gemacht war, am kärglichen -Essen Theil zu nehmen. Ein halbgünstiger Wind trieb das alte Schiff -vor sich her, und nach wenigen Tagen entdeckten wir wieder Spaniens -blaue Gebirge fern über dem Wasserspiegel. Die Küste des Königreiches -Granada lag vor uns. Bald tauchten die weißen Gipfel der Sierra nevada -am Horizonte empor, selbst in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, -während die Ufer, so weit das Fernrohr sie enthüllte, überall das Bild -der reichsten Fruchtbarkeit darboten. Wir cotoyirten das liebliche -Königreich Murcia, in dem Cartagena’s hohes Castell im Glanze der -Morgensonne aus dem dunkeln Gebirgsrahmen leuchtete, der seine Weiße -noch blendender hervorhob, dann doublirten wir das Cabo de Palos, -begrüßten Alicante, reich an aromatischem Weine, dem Lieblinge der -spanischen Damen, und bogen am Abend des 11. Juli in den Busen von -Valencia ein, das hohe, ihn begrenzende Cabo San Martin umschiffend.</p> - -<p>Die Scene war prachtvoll, erhebend schön. Vor uns breitete die Bay sich -aus, zitternd in kaum fühlbarer Bewegung, zauberhaft wiederstrahlend -in dem schwankenden Lichte der Mondscheinnacht, wie nur des Südens -Himmel, rein und hell, so wunderbar lieblich sie schafft, und umkränzt -von dem dunkeln Streifen der amphitheatralisch sich erhebenden Gebirge. -Tief im Grunde funkelte einsam auflodernd das Feuer auf Valencia’s -Leuchtthurme, während zur Linken, uns näher, zahllose Lichter aus -Denia, Gandia und so vielen das Gestade schmückenden Dörfern, bald -langsam verlöschend, das thätige Treiben der Menschen verriethen. Die -finstern Massen der Handelsschiffe, wie sie theils dem offenen Meere -zuglitten, theils nach Valencia’s Hafen sich wandten, die Produkte -des in ewigem Frühlinge blühenden Königreiches für die Erzeugnisse -fremden Gewerbfleißes einzutauschen, schwanden in ungewissen Umrissen -in<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> der Dunkelheit hin, schwarzen Ungeheuern gleich, die mit glänzend -weißen Flügeln im zweifelhaften Lichte des Mondes über die Silberfläche -hinflogen. Zwischen ihnen schwebten anmuthig wie leichte Sylphen -die Fischerboote, mit ihrem einfachen Segel bedeckt, und die Stimme -der Fischer, bis ihr Klang in der dunkeln Ferne hinstarb, ertönte -schauerlich ernst durch die Nacht, wie sie im Wechselgesange den -Schutzheiligen ehrten, der so oft aus den tobenden Fluthen sie gerettet -hatte, oder die Schönheit und Gnade der jungfräulichen Himmelsköniginn -priesen.</p> - -<p>Am folgenden Tage lagen wir dem Grao gegenüber vor Anker. Die Ordre -zur Ausschiffung erfolgte bald, so daß wir um Mittag die kleine -Hafenstadt durchzogen, um nach Valencia gebracht zu werden, wohin eine -drei Viertel Stunden lange, mit schattigen Bäumen besetzte Straße -führt, umgeben von eleganten Landhäusern und Gärten. Da die Behörden -nicht wagten, durch die von unzähligen niedrigen Thürmen überragte -Stadt uns zu führen, zogen wir rings um die Mauer, die, aus den -Zeiten der Araber stammend, jetzt ausgebessert und mit Schießscharten -versehen war, ohne doch einem ernstlichen Angriffe irgend Widerstand -entgegensetzen zu können. Endlich fanden wir uns in einen der alten -Thürme eingeschlossen, welche zur Flankirung der Mauern bestimmt waren -und nun häufig als Gefängnisse dienen; es war eben derselbe Thurm, aus -dem wenige Monate früher unsere unglücklichen Cameraden, um der Wuth -der Revolutions-Männer zu genügen, wehrlos zur Schlachtbank geschleppt -waren.</p> - -<p>Auch uns war dieses Loos nicht fern. Aufgereizt und bezahlt, wie immer, -durch die Selbstlinge, denen jedes Mittel für ihre Zwecke recht ist, -versammelten sich die National-Garde und der Pöbel Valencia’s, wilde -Drohungen ausstoßend und für die Nacht Wiederholung der so oft erneuten -Mordscenen verheißend. Die Behörden fühlten sich zu schwach, um mit -Gewalt den Aufstand niederzuhalten; so wurden wir denn, anstatt, wie -bestimmt,<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> am folgenden Morgen zu marschiren, plötzlich Mittags aus -unserm Thurme gezogen und eiligst mit starker Bedeckung nach Murviedro -abgeführt, natürlich von den zusammenlaufenden Liberalen möglichst -insultirt und beschimpft.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Herrlich dehnt zwischen dem Meere und dem Gebirge, zwei bis vier -Meilen breit und etwa zwanzig lang, die Ebene sich aus, die unter dem -Namen der Huerta — des Fruchtgartens — von Valencia bekannt ist, -so sorgfältig bebaut und so bis zum kleinsten Fleckchen benutzt, wie -die am reichsten cultivirte Landschaft in Deutschlands Auen es zu -sein vermag. Die Nähe des Meeres verbreitet auch in den glühendsten -Monaten des Sommers wohlthätige Kühlung und befruchtende Feuchtigkeit -über diesen begünstigten Landstrich, die hohen Berge, welche schützend -ihn umgeben, halten die rauhen Winde der kalten Jahreszeit fern. Dazu -hat die Sorgfalt des Landmannes durch Cisternen und Canäle, die in -unendlicher Menge die Felder durchkreuzen, regelmäßige Bewässerung des -Bodens geschaffen, seine Saaten gegen die dörrende Hitze der Sonne -schützend.</p> - -<p>Und diese Sorgfalt, so selten in Spanien, dem Lande der Trägheit, ist -nicht unbelohnt geblieben. Die strotzenden Felder, die reichen Gärten -zeugen von der Fruchtbarkeit des Landes, die reinlichen Dörfer, welche, -dicht an einander gedrängt, in unglaublicher Menge diese gesegneten -Auen schmücken und mit ihren weißen Kirchthürmen freundlich sich zu -begrüßen scheinen, verkünden die Wohlhabenheit der Bewohner und zeigen, -was Natur vermag, wenn des Menschen ausdauernder Fleiß ihr zu Hülfe -kommt. Wäre die ganze Halbinsel wie diese Huerta bebaut, so würde sie -leicht die fünffache Zahl ihrer jetzigen Bewohner ernähren. Zugleich -vermannigfacht das Klima ausnehmend die Produkte, so daß der erstaunte -Fremde Alles dort bewundert,<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span> was im Gebiete der Pflanzenwelt Natur -reichstes und liebliches in allen Zonen und Welttheilen hervorbrachte.</p> - -<p>Asiens Zuckerrohr gedeihet neben der hoch aufstrebenden Palme von -Afrika; Arabien lieh seinen Kaffeebaum, wie Indien die wohlthätige -Pflanze der Baumwolle zur Bereicherung dieses weiten Gartens, und -selbst die Königinn der Früchte, die köstliche Ananas, vertauschte -gern mit Valencia’s Ebene die waldbedeckten Flächen Amerika’s. Auch -in den Gegenden, deren übermäßige Nässe jede Cultur zu verspotten -scheint, belohnt der nährende Reis die Mühe der Armen, welche, bleich -und hinfällig eine Beute der stets herrschenden Fieber, den Gefahren -trotzen mögen, die jene Sumpfgründe täglich ihrem Bebauer drohen.</p> - -<p>Gegen Abend erreichten wir Murviedro, gekrönt auf hohem, unzugänglich -scheinendem Felsen von dem Castell, das als eines der festesten -in Spanien angesehen ist; Murviedro, das alte Sagunt, so reich an -geschichtlichen Erinnerungen und auf immer berühmt durch seine -heldenmüthige Vertheidigung gegen den afrikanischen Feldherrn, der -durch die Belagerung dieser Stadt den ersten Schritt that zu dem -herrlichen Zuge, in dem er seine Schaaren bis vor die Thore der stolzen -Roma führte. Noch jetzt sind einige Trümmer jener alten Veste und -noch mehr des carthagischen Lagers sichtbar. Wir blieben in Murviedro -bis zum folgenden Mittage, worauf wir über Nules den Marsch auf -Castellon de la Plana fortsetzten. Das Land, wenn schon von Hügeln -durchschnitten, die hin und wieder schrofferen Character annahmen, trug -fortwährend den Stempel der Fruchtbarkeit und hoher Wohlhabenheit; -doch hatte der Krieg, der Zerstörer jedes Glückes, hier häufige Spuren -seiner Wuth zurückgelassen.</p> - -<p>Die Bewohner des Königreiches Valencia, mehr gewandt als kräftig, -lebhaft, schlau, oft hinterlistig, und aufbrausend, frappiren den -Fremden sofort durch ihre National-Kleidung, in der sie, durch die -stets gleich milde Sonne begünstigt, den Gebräuchen<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> ihrer Voreltern -treu geblieben sind. Wahrscheinlich ist ihr jetziger Anzug noch -eben derselbe, in dem vor Jahrtausenden die Urvölker Spanien’s die -phönizischen und ägyptischen Handelsflotten empfingen, und dem Klima -angemessen ist er zugleich nicht unmalerisch. Ein weißes leinenes -Hemd bedeckt den Oberkörper, und die weiten gleichfalls weißen -Beinkleider gehen kaum bis zum Knie hinab und sind durch eine breite -schwarze oder scharlachfarbige Schärpe um den Leib festgehalten; -das Unterbein schützen knappe weiße Strümpfe von Wolle, die bis zum -Knöchel hinabreichen, während ihr Schuhzeug in den aus Flachs oder -Hanf geflochtenen Sandalen besteht, an den Fuß mit rothen oder blauen -Bändern zierlich befestigt. Ein schwarzsammetnes Westchen mit vielen -Reihen kleiner silberner Knöpfe vollendet den Anzug, wobei eine -Scharlachmütze, weit über die Schultern hinabfallend, den dunkeln -Lockenkopf deckt. So ziehen sie, mit lauter, klangreicher Stimme ihre -Volkslieder singend, neben den kleinen Maulthieren und Eseln einher, -die ihre einzigen Transportmittel bilden; ich erinnere mich nicht, mit -Ausnahme der größten Städte, irgendwo einen Karren oder ein sonstiges -Fuhrwerk je gesehen zu haben. Die Sprache der Valencianer ist ein -Gemisch der französischen, italienischen und spanischen mit einzelnen -arabischen Formen, dem Dialekt der Catalonier nahe verwandt, doch etwas -mehr dem Castilianischen sich zuneigend; es ist demjenigen, der jene -drei Sprachen besitzt, leicht, sich ihnen verständlich zu machen, was -der Bewohner Castiliens sehr schwierig findet.</p> - -<p>Tag auf Tag verging uns in der schmutzigen Klosterkirche, in die -wir bei der Ankunft in Castellon eingeschlossen waren, ohne daß -die Auswechselung sich verificiren zu wollen schien; und wiewohl -ich mich bemühete, beim gänzlichen Mangel an Büchern durch eine -L’Hombre-Parthie, die gewöhnlich vom Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden -dauerte, möglichst mich zu zerstreuen, war doch die stets neu erregte, -stets wieder getäuschte<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> Erwartung so furchtbar peinlich, daß wir am -Ende in einem Zustande von vollkommener Abspannung uns befanden. Doch -endlich nach langen vierzehn Tagen kam der Glück bringende Augenblick. -Um zwei Uhr Morgens am 1. August 1839 standen wir geordnet vor der Thür -der Kirche zum Abmarsch bereit. Drei unserer Cameraden durcheilten -unsere Reihen, Thränen im Auge, beschworen uns, für sie zu sprechen, -und nahmen mit schmerzlichem Händedruck Abschied, als der ersehnte -Befehl zum Aufbruch ertönte: der Graf von Morella hatte sich geweigert, -sie auszuwechseln, da sie durch Gold und Fürsprache bewirkt hatten, -daß die Christinos sie anstatt anderer drei Officiere von der Armee -Cabrera’s nach Valencia sandten, während jene in Verzweiflung in Cadix -zurückbleiben mußten.<a name="FNAnker_55_55" id="FNAnker_55_55"></a><a href="#Fussnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p> - -<p>Schwellenden Herzens verließen wir Castellon de la Plana und zogen -den nahen Gebirgen zu, den Gebirgen, die wir als den Unseren gehörig -betrachten durften. Nie waren wir so leichten Schrittes gegangen; -kaum vermochte die kleine Escorte, welche dem Vertrage gemäß zur -Auswechselung uns geleitete, so stürmisch rasch zu folgen. Links, -wenige tausend Schritt entfernt, glänzten stolz in der Morgensonne -die hohen Mauern von Villafamés, das so oft unsern schwachen -Angriffsmitteln widerstanden; schon war die Bresche wieder geschlossen, -die wenige Wochen vorher Tortosa’s brave Freiwillige umsonst gestürmt -hatten. Mehr und mehr wurde das Terrain gebrochen; der feindliche mit -der Auswechselung beauftragte Brigadier blickte erwartungsvoll durch -sein Fernrohr umher. Einige Reiter erschienen<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> weithin in dem Grunde -der Schlucht; wir erkannten die rothen und weißen Baretts der Carlisten -und begrüßten sie mit donnerndem Jubelruf.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später standen wir in langer Reihe den Officieren -gegenüber, die für uns sollten ausgetauscht werden; das lästige -Ceremoniel war endlich durchgemacht, ein rauschender Triumphmarsch der -Janitscharen-Musik ertönte: wir waren frei! Carlisten und Christinos -umarmten sich im Taumel der Freude und wünschten sich Glück; dann -schieden wir, um bald im Getümmel des Kampfes uns wiederzufinden.</p> - -<p>Ich war frei, war vereint mit den Meinen; ich durfte hoffen, im Blute -der Gehaßten so viele Leiden, so viele mit Zähneknirschen empfangene -Insulte, so viele hingeopferte Gefährten zu rächen. Ich jubelte im -Vorgefühle des seligen Tages, an dem ich die Waffen in der Hand den -Schaaren Christina’s mich gegenüber sehen würde, ich athmete, ich -schwur Rache, Rache für alle die Unbilde, welche sie höhnend auf uns -Wehrlose gehäuft hatten.</p> - -<p>Das Volk aus den umliegenden Ortschaften war nebst vielen carlistischen -Officieren gekommen, um Zeuge der Auswechselung zu sein, der zweiten, -die seit dem Vertrage Statt fand, welcher den beiderseitigen -Schlächtereien des Winters ein Ziel setzte. Sie hatten Lebensmittel -und den feurigen Wein des Landes mit sich gebracht, und rasch war das -Feld bedeckt mit bunten Gruppen, die fröhlich schmausend und trinkend -ihr Glück in Gesängen des Krieges und der Liebe kund gaben, bis -Guitarre und Castagnetten die Losung zum Tanze gaben, den der Spanier -so selten zurückweiset. Erst als die sinkende Sonne zum Aufbruch -mahnte, vertheilte sich die Masse in die nächsten Dörfer, in denen -Vorbereitungen zu festlichem Empfange getroffen waren. Am folgenden -Tage marschirten wir über las Cuevas nach San Mateo, einem freundlichen -Städtchen in äußerst fruchtbarer und lieblicher Gegend und daher -ausgewählt,<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> damit wir von den Strapazen und Entbehrungen, welche die -Gefangenen so hart geduldet hatten, dort ruhend uns erholten, ehe wir -in Thätigkeit gesetzt würden.</p> - -<p>Unwillig, ferner müssig zu sein — ich hatte nur zu lange in -gezwungener Muße mich aufgezehrt — eilte ich zu unserm Commandeur, -um einen Paß nach Tales ihn zu bitten, wo der General mit einigen -Bataillonen gegen O’Donnell’s Heer operirte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_55_55" id="Fussnote_55_55"></a><a href="#FNAnker_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Ein anderer Officier war niederträchtig genug gewesen, -sein Recht auf Auswechselung um Gold einem Andern zu verkaufen. Er -wurde mit Mühe von der Todesrache eines dritten Officiers gerettet, -dem er zuerst seine Ansprüche abgetreten hatte, um sie dann, da ein -Anderer eine höhere Summe ihm bot, heimlich diesem zu überlassen, -indem er vor dem feindlichen Chef des Depots unauflösbar den Contract -einging. Juan, ein braver, biederer Sohn des Gebirges, kernig an Körper -und Geist und Herz, jeder Falschheit unfähig und sie hassend mit der -ganzen, herrlichen Gluth seiner Seele, dabei wild und leidenschaftlich -ewige Rache athmend, wie unerschütterlich fester Freund — Juan hörte -die Schreckenskunde, durch welche die sichere Hoffnung, das höchste -Ziel alles seines Strebens so bubenmäßig ihm geraubt und in ungewisse -Ferne hinausgerückt war. Wir wurden am Abend in unsere Casematte -eingeschlossen. Da zog Juan ein Papier hervor und las den zwei und -dreißig, die wir zusammen dort wohnten, die Verpflichtung vor, welche -Ruiz gegen ihn eingegangen; zugleich erklärte er, wie dieser Ruiz nun -schändlich sein Wort gebrochen. Er nahete darauf dem Bette desselben -und sagte ihm ruhig. „Du hast fünf Minuten Zeit, Dich vorzubereiten, -dann mußt Du sterben.“ Lautlos starrte der Wicht ihn an und brach in -Thränen und Klagen und Flehen aus. Wie die fünf Minuten verflossen, -ergriff Juan zwei mächtige Bretter und reichte Ruiz das eine derselben -dar mit den Worten: „Waffen haben wir nicht — nimm dieses und wehre -Dich gut; denn wehrst Du Dich, so schlage ich Dich todt, und wehrst -Du Dich nicht, so schlage ich Dich auch todt.“ Die übrigen Officiere -sahen gleichmüthig dem zu, ohne sich zu rühren; auch der Vater von -Ruiz, der den Sohn zu solcher Erbärmlichkeit überredet hatte, drückte -sich in einen Winkel. Dieser aber, anstatt das dargebotene Brett zu -ergreifen, wimmerte feig und jammerte weinend um Hülfe, um Rettung, bis -er, als Juan den Schlag zu führen seinen Arm hob, in Todesangst mit -weitem Sprunge zwischen Guiguer’s und mein Bett sich warf, unsere Kniee -flehend umklammerte und — unter den Betten verschwand. Dem Einflusse -meines Freundes gelang es, Juan auf einen Augenblick durch Bitten und -durch die Bemerkung zu entwaffnen, daß er sich nicht mit dem Blute -eines solchen Wichtes besudeln dürfe; und ehe die Verachtung dem wieder -auflodernden Zorne gewichen, war Ruiz dem Chef des Depot übergeben, der -ihn auf ein Castell abgesondert bringen ließ. Er entschloß sich dann, -für Isabella Parthei zu nehmen, und ward aufgenommen.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier19" name="zier19"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 19" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XX">XX.</h2> - -</div> - -<p>Don Ramon Cabrera, Sohn eines Kaufmanns in Tortosa, Student der -Theologie und Inhaber einer kleinen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capellania</span> bei seiner -Vaterstadt, verließ auf die Nachricht von dem Tode Ferdinands -VII. seine Studien, um den Guerrillas sich anzuschließen, welche -in den Gebirgen Aragon’s, Valencia’s und Cataloniens für die Rechte -Carls V. zu den Waffen griffen. Drei und zwanzig Jahr alt -stellte er sich an die Spitze von funfzehn Genossen, meistens seinen -Schulcameraden, sämmtlich mit Jagdflinten und Stöcken bewaffnet, und -warf sich mit ihnen in die Sierra, welche von dem zum Hochplateau -sich erweiternden Gebirgsstocke von Unter-Aragon nach Norden zum Ebro -ausläuft und jene Provinz von Catalonien, das Flußgebiet des Guadalupe -von dem des Ebro scheidet. Sofort zeichnete Cabrera, feurig und -thatendurstig, durch Unerschrockenheit und Ausdauer eben so sehr sich -aus, wie durch Scharfsinn und entschlossene Kühnheit in der Ausführung -der schwierigsten Unternehmungen.</p> - -<p>Es würde ermüdend sein, Schritt vor Schritt den Zügen und Thaten des -jungen Helden zu folgen; ich begnüge mich, bis zu der Epoche, in der er -an die Spitze aller bis dahin unabhängigen Guerrillas jener Provinzen -gestellt wurde, eine allgemeine Übersicht des von ihm Gethanen zu geben.</p> - -<p>Miralles — el Serrador, der Holzsäger, nach dem Handwerke genannt, -welches er vor seinem Auftreten gegen die Constitution von 1820 -hatte — Quilez, Llagostera, Forcadell, Tallada, la Coba und viele -unbedeutendere Männer waren die Chefs jener Haufen, über welche alle -dem Namen nach Carnicer gebot, ein erfahrener General, der hohen Geist -mit kriegerischem Talente verband. Ihm schloß Cabrera sich an und ward -anfangs<span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span> als Factor oder Commissariats-Gehülfe, bald als Lieutenant und -Abanderado angestellt, in welcher Eigenschaft das schwierige Geschäft -der Rationirung des Bataillons ihm oblag.</p> - -<p>Bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet durch Bravour, Intelligenz und -Thätigkeit erhielt er schon im Frühlinge 1834 mit dem Grade eines -Capitains das Commando einer Jäger-Compagnie, und wie die Wechselfälle -eines solchen Guerrilla-Krieges es mit sich brachten, war er bald mit -seinem Chef vereinigt, bald kämpfte er lange Zeit unabhängig für sich -oder in Combination mit andern Anführern. Sein Ruf verbreitete sich -weit, und ihm vorzugsweise strömte fortwährend junge Mannschaft zu, so -daß er zwei Compagnien, endlich ein Bataillon bilden konnte, mit dem er -während der zweiten Hälfte des Jahres tief nach Aragon hinein und in -den südlichen Theil des Königreiches Valencia Streifzüge machte, häufig -glückliche Gefechte bestand und feindliche Forts nahm und zerstörte, -wobei er durch Gefangene, die gern unter solchem Führer die Waffen -nahmen, wie durch freiwillige Rekruten täglich die Zahl seiner Truppen -mehrte. Schon hatte er seinen Namen zum Schrecken der Constitutionellen -gemacht.</p> - -<p>Im Frühjahre 1835 commandirte Cabrera zwei schöne Bataillone und nahm -unter Carnicer, der hier alle Guerrillas vereinigt hatte, an der -unheilsvollen Schlacht bei Molina Theil, in der er durch persönliche -Bravour und die Leitung seiner Truppen wie durch deren feste Haltung, -Organisation und Disciplin sich auszeichnete und eine glänzende -Ausnahme von der allgemeinen Verwirrung und Entmuthigung machte, -dadurch Vieles rettend. Er ward so zum Lieblinge der Soldaten, welche -schaarenweise die übrigen Chefs verließen, um ihm sich anzuschließen, -ja mehrere dieser Chefs selbst, im Gefühle seiner Überlegenheit, -ordneten freiwillig sich ihm unter, so Don Luis Llagostera y Cadival, -etwas später auch Don Domingo Forcadell und La Coba. Dadurch konnte -Cabrera drei neue, starke Bataillone<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span> und einige Escadrone Lanciers -bilden und stand im Sommer 1835 als der mächtigste und gefürchtetste -Carlisten-Anführer des östlichen Spaniens da. Die Gewandtheit, mit der -er die Vortheile des Terrains benutzte, die Raschheit seiner Märsche, -sein durch kein Hinderniß abgeschreckter Unternehmungsgeist und das -Talent, durch das er selbst aus den einzelnen Niederlagen Vortheile -unerwartet zu erobern wußte, flößten den Feinden, die so oft unter -seinen furchtbaren Schlägen bluteten, den Glauben ein, daß mehrere -Cabrera gegen sie wütheten, und machten ihn zum Abgott der Seinen; -zugleich trat aber auch die Eifersucht vieler Mitanführer, die da -glaubten, höhere Ansprüche als der Jüngling machen zu dürfen, täglich -mehr hindernd und erschwerend hervor.</p> - -<p>Da ward Carnicer von den Christinos gefangen und erschossen, und -der König ernannte an seiner Statt den Brigade-General Cabrera, -der persönlich in den Nordprovinzen sich präsentirt hatte, zum -Oberbefehlshaber sämmtlicher Streitkräfte in Unter-Aragon und Valencia. -Willig gehorchten sogleich alle Chefs dem königlichen Befehle, den die -Weisheit dictirt hatte; nur Miralles, el Serrador, mochte sich nicht -beugen. Er hatte an der Spitze seiner Schaar im Königreiche Valencia -die kühnsten Thaten verrichtet, die ganze Huerta von Castellon de la -Plana, welches er zwei Mal nahm, bis unter die Mauern der Hauptstadt -und südlich bis Murcia’s Gränze beherrscht und der Sache der Carlisten -wesentliche Dienste geleistet; das Landvolk betete ihn an, und lange -reichte sein Name hin, um alle Thore ihm zu öffnen. Diese Rücksichten -bewogen Cabrera, mit Schonung gegen den verdienten Mann zu verfahren, -bis die stets erneueten Eigenmächtigkeiten desselben und der bestimmte -Befehl des Königs ihn zwangen, zur Strenge zu schreiten. Miralles -vertauschte die Gefangenschaft, welche er seit der Expedition Gomez’s -erlitten, nur mit dem Privatleben, aus dem er bis zum Ende des Krieges -nicht heraustreten durfte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span></p> - -<p>So stand Cabrera im Anfange des Jahres 1836 an der Spitze der Armee -von Aragon und Valencia als commandirender General dieser beiden -Provinzen. — Die Christinos hatten seit dem Beginn des Kampfes auch -dort ihr beliebtes System in Anwendung gebracht: sie fühlten sich die -Stärkeren, folglich mußte der Aufstand in Blut und Flammen erstickt -werden. Es ward den Carlisten der Pardon gänzlich verweigert, sie -wurden erschossen, wo immer sie in die Hände ihrer Feinde fielen, die -Verwundeten und Kranken kaltblütig niedergemacht; ihre Güter wurden -verwüstet und andern Eigenthümern übergeben, die Weiber und Kinder auf -empörende Art gemißhandelt und dann fortgejagt. In den Gebirgsdörfern -hauseten die Truppen entsetzlich; alle Einwohner, hieß es, sind -Carlisten und müssen vernichtet werden; so ward denn geplündert, -geraubt, geschändet und niedergebrannt. Viele Hunderte zwang das Elend, -den Carlisten sich anzuschließen.</p> - -<p>Diese, so lange sie schwächer waren, vergalten Gleiches mit Gleichem, -auch sie machten die besiegten Feinde nieder; aber wie so oft in -den baskischen Provinzen, siegte auch hier zu häufig Großmuth über -strengrächende Gerechtigkeit, und Tausenden von den in genommenen -Forts gefangenen Garnisonen wurden die Waffen gegeben, mit denen sie -gewöhnlich ihren früheren Gefährten sich wieder anzuschließen eilten, -Dankbarkeit und Treue zugleich mit Füßen tretend.</p> - -<p>So wie Cabrera den Oberbefehl übernahm, machte er im Vertrauen auf -seine täglich zunehmende Stärke dem Feinde Vorschläge, die zu milderem -Kriegssysteme führen konnten. Er verlangte, in den Vertrag des Lords -Elliot, der schon in den Nordprovinzen gültig war, aufgenommen zu -werden, und erließ, da diese Forderung mit Spott zurückgewiesen wurde, -ein Rundschreiben an sämmtliche Gouverneurs und Colonnen-Anführer -der Christinos, in welchem er erklärte, daß er den Wunsch hege, auf -menschliche Art den Krieg zu führen, und daß daher Gewaltmaßregeln<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> von -seiner Seite nur als Repressalien für die von den Feinden ausgeübten -Statt finden würden. Trotz dem fuhren diese fort, alle Gefangenen zu -erschießen; Cabrera aber empfahl nochmals in einer General-Ordre seinen -Truppen Mäßigung und Schonung der Besiegten. Die Madrider Zeitungen -stempelten ihn indessen unverdrossen zum blutdürstigen Ungeheuer, zum -Tiger und führten als Beweis die Strenge an, mit der er, seine Armee -zu unterhalten und mit allem Nöthigen zu versehen, unvermeidlich und -pflichtgemäß gegen nachlässige oder böswillige Alcaldes und sonstige -Ortsbehörden verfahren mußte.</p> - -<p>Da ließ General Nogueras im Februar 1836 ohne irgend eine Veranlassung -die siebenzigjährige blinde Mutter Cabrera’s, seit Monaten in enger -Haft, auf dem Marktplatze von Tortosa erschießen, als warnendes -Beispiel für alle Rebellen; er ließ die Schwestern desselben öffentlich -stäupen und dann aus der Stadt jagen. — Mina, der General-Capitain -von Catalonien, hatte auf Anfrage Nogueras’s seine Zustimmung zu der -Schandthat gegeben.</p> - -<p>Entsetzlich war die Verzweiflung des Sohnes, da er die schuldlose -Mutter hingemordet sah, gemordet, um sein Verbrechen zu strafen; -Rache, ewige Rache gegen die ruchlosen Mörder war sein erster Schrei. -„Mit thränenschweren Augen,“ schreibt er in der General-Ordre aus -Valderobles wenige Tage nach der Schandthat, die er seinen treuen -Kriegern in Worten namenlosen Schmerzes verkündet, „mit thränenschweren -Augen und gebrochenen Herzens erkläre ich die Mörder meiner schuldlosen -Mutter für verlustig aller der Vortheile, welche Gesetz und Gewohnheit -des Krieges ihnen gewähren könnten; und wie sehr ich auch aus innerster -Seele das Blutvergießen verabscheue, wie sehr ich, wo irgend möglich, -das Leben meiner Mitmenschen zu retten bemüht war, befehle ich jetzt, -dem Rechte und der Pflicht gemäß, daß fortan dem erbarmungslosen Feinde -kein Pardon zugestanden<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> werden soll.“ Als Repressalie aber für den -Tod, „der Besten der Mütter“ ordnete er an, daß sofort die Gemahlinn -des Obersten Fontiveros, Gouverneurs von Chelva, die so eben in die -Hände der Carlisten gefallen war, und mit ihr andere drei Frauen -erschossen würden, sich vorbehaltend, zu gleichem Zwecke andere dreißig -Frauen zu bezeichnen. Für jedes neue Schlachtopfer christinoscher -Grausamkeit sollten aber von nun an zehn der Ihrigen als Sühne fallen.</p> - -<p>Dann stürzte Cabrera zur Rache, und in wenigen Tagen hatte der -verzweifelnde Anführer Fort auf Fort vom Feinde erobert, und Alles, was -lebte, fiel unter seinem Schwerdte. Oberst Fontiveros aber, er, der am -schwersten gelitten, sprach in einer Bittschrift an seine Herrscherinn -den Mann, auf dessen Befehl seine Gattinn gestorben, frei von jeder -Schuld und verlangte mit kraftvoller Beredtsamkeit die Bestrafung -der Ungeheuer, welche durch den einen gräßlichen Frevel so viel Wehe -hervorgerufen hatten.</p> - -<p>Und Cabrera? Wenige Monate, nachdem er das Verdammungsurtheil über -Alles, was Christina angehörte, ausgesprochen, da kaum die erste, -wilde Leidenschaft des unendlichen Schmerzes verraucht war, da hören -wir ihn wieder die Sprache der Mäßigung und Menschlichkeit reden, -da erläßt er wieder Rundschreiben, ähnlich den früheren, an die -feindlichen Befehlshaber und spricht seinen Wunsch aus, dem blutigen -Repressalien-Systeme ein Ende zu machen, von ihren Maßregeln es -abhängig machend, ob das Leben der Gefangenen geheiligt sei oder nicht. -Und bald nachher, da er durch die Wegnahme einiger befestigten Posten -in Aragon über 700 Gefangene im Depot hatte,<a name="FNAnker_56_56" id="FNAnker_56_56"></a><a href="#Fussnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> richtete<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> er an den -General Palarea ein Schreiben, worin er über abermalige Hinschlachtung -der Seinigen sich beschwerte und drohete, im Wiederholungsfalle von -jenen Siebenhundert eine verhältnißmäßige Zahl zu erschießen. Am 30. -Mai aber nahm er bei Bañon 1200 Mann von der Colonne Valdez gefangen -und gab ihnen Allen Pardon, und als er am 29. Juni in Alcoriza -eindrang, führte er die Besatzung gleichfalls gefangen fort, nur die -Nationalen erschießend. — Diese wie die Voluntarios Realistas waren -<em class="gesperrt">nach dem Gesetze</em> stets vom Pardon ausgeschlossen: wer kriegen -will, trete in die Armee ein. — Von den dreißig Frauen, die ferner für -seiner Mutter Tod sterben sollten, ward keine einzige geopfert.</p> - -<p>Und das that derselbe Cabrera, der in Wogen menschlichen Blutes -sich badete, der mit wollüstigem Vergnügen das Todeszucken seiner -Schlachtopfer sah!</p> - -<p>Niedrig mißbrauchten die revolutionären Blätter von Madrid das -Privilegium, ohne Widerspruch Alles sagen zu können, was Partheigeist -ihnen eingeben mochte. Ohne Zweifel sind auch in Aragon viele Thaten -geschehen, die außerhalb Spanien unerhört scheinen würden; unter den -besondern Verhältnissen des Bürger-, des Guerrilla-Krieges wurden -sie zur traurigen Nothwendigkeit, da hohe Strenge allein Erfolg -möglich machte, während Repressalien gerecht und durch die Pflicht -vorgeschrieben waren. Vor Allem darf nicht übersehen werden, daß die -Christinos durch empörende Ausschweifungen und kaltblütige Metzeleien -die Rache-Acte hervorriefen, die sie so wohl zu schildern wußten, -während die zehnfach blutigen und schändenden Aufreizungen ganz -unerwähnt blieben.</p> - -<p>Cabrera war strenge, oft hart, weil er nur so durchsetzen konnte, was -er als nothwendig und gerecht erkannt: der geringste Mangel an Gehorsam -ward beim Bürger und Bauer wie beim Soldaten mit unausbleiblichem -Tode bestraft; er kannte das Volk, mit dem er zu schaffen hatte. -Vorzüglich litten<span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span> darunter die Magistrate und Behörden der -Distrikte, welche abwechselnd von beiden Armeen besetzt, von beiden -abwechselnd ausgebeutet wurden; denn wer nicht auf das genaueste das -Befohlene ausgeführt hatte, starb wie der, welcher überführt war, -<em class="gesperrt">freiwillig</em> dem Feinde Vorschub geleistet zu haben. Daß aber -Cabrera mit aller Strenge nur gerecht war, ist wohl am besten durch die -Liebe und Verehrung bewiesen, die er beim Volke und beim Heere in so -hohem Grade besaß.</p> - -<p>Im Gefecht war Cabrera furchtbar: er flog stets an der Spitze der -Seinen der Erste zum Kampfe, und wo er erschien, da stürzten die -Feinde unter seinem eisernen Arme. So lange er Widerstand fand, kannte -er keine Gnade, und nicht selten ertönte durch das Getümmel seine -Donnerstimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">á ellos, carajo, no hay cuartel</span>!“ — Vorwärts, -kein Pardon! — Gegen den Feind, der besiegt in seiner Gewalt war, -blieb er stets großmüthig, und ich habe mich umsonst bemüht, ein -einziges Beispiel von <em class="gesperrt">überlegter</em> Grausamkeit mit Ausnahme der -natürlichen Rache-Scenen nach dem Tode seiner Mutter, wenn man sie -überlegt nennen darf, während seiner thatenreichen Laufbahn aufzufinden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 15. September 1836 vereinigte sich Cabrera nebst Quilez und Miralles -bei Utiel mit der Division von Gomez. Bei der Beschreibung jener -Expedition sahen wir, wie Cabrera fortwährend mit hoher Auszeichnung -kämpfte, wie er nach dem unglücklichen Treffen von Villarrobledo mit -der Vorhut in Cordova eindrang und dann bei Baena den General Escalante -schlug. Später dankte ihm Gomez die rasche Einnahme von Almaden, -worauf Cabrera am 7. November mit einigen Hundert Reitern von ihm sich -trennte, da der Zustand der Dinge in Aragon gebieterisch die Rückkehr -nach den ihm untergebenen Provinzen forderte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span></p> - -<p>Cabrera wollte jedoch vorher nach den Nordprovinzen passiren, um -mit den Anführern der dortigen Armee über etwanige Operationen und -Combinirung derselben sich zu verständigen; auch war er nicht mit den -kampflosen Zügen von Gomez’s Division seit der Räumung von Cordova -einverstanden gewesen und glaubte, über diesen General gegründete -Beschwerden führen zu müssen. Glücklich durchkreuzte er die Mancha -und die Provinzen Guadalajara und Soria und gelangte bis nach Rincon, -einem Dorfe nahe am Ebro, eine halbe Stunde von dem feindlichen Fort -von Calahorra entfernt. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen in diesem -Theile des Kriegsschauplatzes und Mangel an der nöthigsten Vorsicht -wurden ihm verderblich; anstatt den Ebro zu passiren und dadurch -im wirklich carlistischen Gebiete — in Navarra — Sicherheit zu -suchen, ließ er die erschöpften Truppen im Dorfe auf dem jenseitigen -Ufer ruhen und stellte selbst trotz der Warnungen eines vertrauten -Officiers — des Capitain Garcia aus Calahorra, der, schwer verwundet, -von der Division Gomez mit Cabrera nach den Nordprovinzen zurückgehen -wollte — die auf so gefährlichem Punkte unerläßlichen Vorposten -nicht aus, da die Leute nach einem Ritte von vierzehn Meilen des -Schlafes bedurften.<a name="FNAnker_57_57" id="FNAnker_57_57"></a><a href="#Fussnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> In der Nacht überfiel die Colonne der Rivera -unter Iribarren die sorglos Ruhenden; ein Theil der Reiter wurde -niedergemacht, ein anderer gefangen, mit dem Reste entfloh Cabrera, -der verwundet und halb entkleidet kaum entkommen war, nach der Provinz -Soria, um von dort aus Aragon zu erreichen. Doch vorher wurde seine -geschwächte Schaar gänzlich zersprengt; er selbst, aus drei Wunden<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span> -blutend, ohne Pferd und ganz erschöpft, ward mit Mühe durch einen -treuen Gefährten, den Oberst Don Rodriguez Cano — la Diosa genannt -— gerettet, der den hülflos Daliegenden fortschleppte, auf dem Fuße -verfolgt durch unwegsame Wälder ihn geleitete und endlich den von -Blutverlust und Anstrengung zum Tode Müden in dem vom Feinde besetzten -Städtchen Almazan unter der Pflege eines braven Pfarrers verborgen -zurückließ. Cano eilte nach Aragon, kehrte im Fluge mit einer Compagnie -Lanciers zurück und führte den noch nicht hergestellten Feldherrn den -Seinen zu.</p> - -<p>Cabrera fand die Armee, welche er so glänzend verlassen hatte, in -dem Zustande der furchtbarsten Auflösung. Umsonst hatte der brave -Oberst Arévalo, sein Stellvertreter, Alles gethan, die Fortschritte -des Feindes zu hemmen: seine Kriegserfahrung vermochte Nichts, da die -untergeordneten Anführer, die einst unabhängigen und jetzt nur durch -Cabrera’s Ansehen zusammengehaltenen Guerrilla-Chefs, Mitwirkung und -Gehorsam ihm versagten. Sie wurden einzeln von den übermächtigen Massen -der Christinos erdrückt, und ihre Truppen zerstreuten sich zum Theil -oder verloren doch ganz die Disciplin und das Selbstvertrauen, durch -welche Cabrera so Viel mit ihnen vermocht hatte.</p> - -<p>So war es denn dem General Don Evarista San Miguel möglich gewesen, -selbst Cantavieja, den Haupt- oder vielmehr einzigen Waffenplatz -Cabrera’s in dem Centrum des wilden Gebirgsknoten von Unter-Aragon, am -31. October ohne Schwierigkeit zu nehmen, indem er mehr die Elemente -und die Unzugänglichkeit des Terrains als den Widerstand der Carlisten -zu besiegen hatte. Die Garnison verließ die Stadt, nachdem sie an -dem Versuche, die 3000 Christinos nebst dem Brigadier Lopez, welche -Gomez gefangen dorthin gesandt hatte, vor ihrem Rückzuge zu ermorden, -durch dreihundert Mann von Gomez’s Division verhindert waren, die, zur -Bewachung der Gefangenen zurückgelassen, die Ankunft der Feinde in der -Stadt erwarteten,<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> um die Wehrlosen nicht der Wuth ihrer Gefährten -Preis zu geben. Sie fielen daher in die Hände San Miguel’s. Es wäre -ungerecht, wenn ich nicht als ein Beispiel christinoscher Großmuth -anführte, daß Espartero jene 300 Mann in Anerkennung ihres edlen -Betragens, ohne Auswechselung frei nach Navarra sandte.</p> - -<p>Bei seiner Rückkehr sah also Cabrera die Schwierigkeiten unendlich -gehäuft und seine Macht in eben dem Maße verringert nicht nur durch -die erlittenen Unglücksfälle, sondern auch durch die Trennung von -Quilez, der mit seiner Brigade bei Gomez geblieben war. Die erste Sorge -des Feldherrn war auf die Wiederherstellung der verlorenen Disciplin -gerichtet, wozu freilich der Zauber seiner Gegenwart nebst einigen -exemplarischen Strafen hinreichte. Sofort im Anfange des Jahres 1837 -eilte er nach der Ebene von Valencia und streifte am 16. Januar bis an -die Thore der Hauptstadt; mit reicher Beute zog er sich langsam nach -den Gebirgen, als er am 18. Januar bei Torre blanca auf den General -Borso di Carminati stieß, der seine Colonne zur Deckung Valencia’s -heranführte. Ein hartnäckiger Kampf entspann sich, in dem die Carlisten -vergeblich die Stellung des Feindes zu forciren suchten, da die Jäger -von Oporto, aus Deutschen bestehend, die unter Don Pedro nach Portugal -gekommen und vor kurzem, durch höchste Unerschrockenheit ausgezeichnet, -der Tochter Ferdinand’s zu Hülfe gesandt waren, unerschütterlich fest -standen. Cabrera ward, an der Spitze seiner Cavallerie chargirend, von -neuem im Schenkel verwundet und verlor einige hundert Mann; Borso aber -rettete sich während der Nacht durch einen Gewaltmarsch nach Castellon -de la Plana.</p> - -<p>Der verwundete General beobachtete von Rosell aus die feindliche -Division von Valencia, während Forcadell im Februar eine Expedition -nach der Mancha machte, wo er ungeheure Vorräthe von Getreide und Vieh -zusammenbrachte, mit denen er glücklich nach Aragon zurückkam.</p> - -<p>Schon war Cabrera, noch nicht genesen, wieder rastlos thätig.<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> Er -drang plötzlich tief nach Valencia hinein und griff am 18. Februar -bei Buñol die 5000 Mann starke Colonne des General Cahuet in fester -Stellung an, schlug sie gänzlich, nahm über 1900 Mann gefangen und -jagte den Rest in vollkommener Auflösung und ohne Waffen, die sie zu -leichterer Flucht weggeworfen hatten, nach der Hauptstadt. Sofort eilte -er nach Aragon, um General Oráa, der so eben das Commando der Armee -des Centrums übernommen, dorthin zu locken, wendete sich blitzschnell -wieder nach Süden und stand am 29. März abermals im Angesicht von -Valencia, wo er eine Colonne von 1500 Mann ereilte und vernichtete -und Murviedro beschoß. Er durchzog, ohne Widerstand zu finden, die -reiche südliche Hälfte des Königreiches und erschien am 1. April vor -Alicante, während er Forcadell bis nach Orihuela, der Hauptstadt der -Provinz, vorschob, deren Garnison bei der Annäherung der Carlisten -entfloh. Mit siebenhundert ausgehobenen Pferden und einem ungeheuern -Convoy von Lebensmitteln und Kriegsbedarf nebst 2300 Gefangenen kehrte -Cabrera nach seiner natürlichen Gebirgsfeste zurück, wo Oberst Cabañero -— welcher, ein reicher Gutsbesitzer und Commandeur eines Bataillons -Nationalgarde, vor kurzem ein Corps für die Carlisten gebildet hatte, -um auch sie später zu verrathen — am 27. April die Festung Cantavieja -durch Einverständniß mit den Bürgern wieder genommen und die schwache -Garnison, nur 600 Mann, gefangen hatte.</p> - -<p>In vier Monaten waren durch die Anwesenheit des Generals alle die -zahllosen Verluste ersetzt, die während seiner Entfernung die Armee von -Aragon fast vernichteten; er hatte die Angelegenheiten der Carlisten in -diesem Theile Spaniens selbst auf eine höhere Stufe gehoben, als sie -je vorher gewesen. Aus dem kühnen Guerrilla-Chef war ein Heerführer -geworden, dem der erste Feldherr Christina’s — denn Oráa verdient den -Namen — entgegengestellt wurde, der schon seine gut organisirten und -disciplinirten Truppen auf offenem Felde gegen den Feind führte,<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span> und -der ungestraft die vorzüglichsten Städte Spanien’s bedrohete, seine -reichsten Provinzen sich tributpflichtig machte.</p> - -<p>Im Mai zog Cabrera nach Aragon und Catalonien,<a name="FNAnker_58_58" id="FNAnker_58_58"></a><a href="#Fussnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> wo er seine -Herrschaft täglich ausdehnte, die feindlichen Forts, mit denen das Land -übersäet war — die Christinos hatten jede Stadt, auch die kleinste, -befestigt und verloren so, um Alles zu decken, oft auch das, was sie -ohne Zersplitterung ihrer Macht hätten bewahren können — eroberte, die -Werke derselben zerstörte und dabei fortwährend Zahl und Güte seiner -streitbaren Mannschaft vermehrte. Doch umsonst belagerte er wieder -das herrliche Gandesa, so oft schon bedrohet, umsonst suchte er der -bedeutenden Stadt Alcañiz sich zu bemächtigen, welche er am 23. Mai zur -Übergabe aufforderte; die Mittel zur regelmäßigen Belagerung fehlten -ihm ganz, und die feindlichen Colonnen eilten stets zu raschem Entsatze -herbei. Er zog dann vor Caspe und passirte, Zaragoza bedrohend, den -Ebro, wandte sich sofort nach der Gränze von Aragon und Castilien, fing -dort einen Convoy auf und stand am 14. Juni schon wieder vor Caspe, -dessen Belagerung er eröffnete, um durch seine Einnahme der königlichen -Expedition, die am 5. Juni in Catalonien angelangt war, einen bequemen -Übergangspunkt über den Ebro zu sichern. Die Annäherung Oráa’s zwang -ihn, das Unternehmen auf Caspe aufzugeben, weßhalb er den Übergang bei -Cherta, nahe bei Tortosa, vorbereitete, wo er glücklich am 29. Juni -bewerkstelligt wurde, von dem zu spät herbeieilenden Feinde nicht mehr -gehindert.</p> - -<p>Früher sagte ich, wie ununterbrochen thätig Cabrera während<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> der -Vereinigung mit dem Corps des Königs war, wie er unwillig vor Madrid -zurückwich, dann am 18. September Guadalajara unter den Augen -Espartero’s besetzte und zwei Tage später, von der Expeditions-Armee -sich trennend, mit seiner Division den Rückzug nach den ihm -untergebenen Provinzen antrat.</p> - -<p>Oráa warf sich auf die abgesondert marschirende Infanterie und holte -sie mit seiner Cavallerie bei Arcos de la Frontera, nahe bei Cuenca, -in einer Ebene am Fuße der Gebirge ein. Die zehn Elite-Compagnien -der Brigaden von Tortosa und Mora stellten sich dem Feinde entgegen -und hielten, in Massen formirt, seinen Choc auf, bis die Division -das Gebirge erreicht hatte; so ihre Gefährten rettend sahen sie sich -umzingelt und wurden, als die Infanterie der Christinos ankam, sich zu -ergeben gezwungen. Nie hatte Cabrera so empfindlichen Verlust gelitten, -der aus dem Fehler entsprang, welchen er durch Detachirung der ganzen -Cavallerie unter Forcadell machte, während er mit seiner Infanterie -nicht in einem Terrain blieb, das gegen Angriff der feindlichen -Reiterei ihn gesichert hätte. —</p> - -<p>Oráa beschloß Cantavieja wiederzunehmen. Er vereinigte in Valencia -einen bedeutenden Belagerungs-Train und führte ihn im Anfange Novembers -über San Mateo auf Morella. Cabrera erwartete den Feind auf dem -südlichen steilen Abhange der Sierra Buey zwischen Ares del Mestre und -Cati und wies dessen wiederholte Versuche zur Forcirung des Durchganges -kraftvoll zurück; Oráa zog sich, seinen Plan aufgebend, nach Valencia -zurück. — Er hatte für die Belagerung von Cantavieja allein von der -Stadt Zaragoza 30000 Piaster außerordentlicher Kriegssteuer erhoben, -denn das Land mußte beiden Heeren Alles liefern.</p> - -<p>Cabrera flog, die Entfernung der christinoschen Divisionen benutzend, -nach dem Hügellande Unter-Cataloniens und belagerte von neuem Gandesa, -in dessen Mauern er drei Mal umsonst Bresche geöffnet hatte. Auch jetzt -zog General San Mi<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>guel, einer der fähigsten Anführer der Feinde, -von Zaragoza zum Entsatze. Cabrera warf sich ihm entgegen, griff nur -halb so stark wie der Feind bei Corvera ihn an und nöthigte ihn zum -Weichen, konnte aber nicht verhindern, daß San Miguel ohne weiteren -Verlust durch geschicktes Manövriren die bedrohete Stadt erreichte. -Bei seinem Abmarsche führte er jedoch die Garnison mit sich fort, da -er die Unmöglichkeit längeren Widerstandes erkannte, und ließ so am -Schlusse des Feldzuges die Carlisten in unbestrittenem Besitze des -südlich vom Ebro gelegenen Theiles von Catalonien, der durch seine -Fruchtbarkeit und den Geist der Einwohner von hoher Wichtigkeit war und -die Verbindung mit der royalistischen Armee von Catalonien sicherte. — -Gandesa hatte eilf Belagerungen Cabrera’s erlitten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Winter von 1837 zu 38 war Zeuge einer Scene voll des unendlichsten -Jammers und Elendes, einer Scene, die an herzzerreißendem Schrecken -Alles überragt, was sonst der Bürgerkrieg Entsetzliches mag -hervorgebracht haben.</p> - -<p>Da die Operationen im Verein mit der königlichen Expedition und später -zur Vertheidigung Cantavieja’s bis in den Spätherbst sich ausgedehnt -hatten, war es dem carlistischen Feldherrn unmöglich gewesen, wie in -andern Jahren aus den umliegenden Provinzen Lebensmittel nach dem -Gebirge zu führen, so daß dort bald der empfindlichste Mangel sich -fühlbar machte. Alle Magazine waren leer, alle Vorräthe erschöpft; -das Volk lebte von wenigen Kartoffeln, dem Einzigen, was nebst etwas -Hafer in diesen unfruchtbaren Districten gewonnen wird, die Bataillone -blieben drei und vier Tage lang ohne Lebensmittel und waren während -ganzer Monate auf halbe und Viertel-Rationen beschränkt.</p> - -<p>Tausende von Gefangenen waren in den Depots der Carlisten aufgehäuft, -der Mehrzahl nach von der glorreichen Action vom Villar de los Navarros -herrührend, wo der König das<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> Corps des General Buerens vernichtete. -Cabrera erkannte die Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen -solche Zahl den Winter hindurch zu ernähren. Er setzte daher dem -feindlichen Obergeneral Oráa auseinander, wie gänzlicher Mangel an -allem Nöthigen, unter dem seine eigenen Truppen schwer litten, ihm -nicht erlaubten, die Gefangenen zu versorgen; wie auch bei dem Willen, -es zu thun, die Unmöglichkeit unbesiegbar bleibe, da alle Magazine -geleert seien. Er erbot sich, alle diese Gefangenen gegen einen -bloßen Empfangschein auszuliefern, unter der Bedingung, daß Oráa, so -wie Carlisten in seine Hände fielen, bis zur Completirung jener Zahl -als ausgewechselt sie zurückgebe. Für den Fall aber, daß Oráa dieses -nicht eingehen wollte, forderte er ihn auf, das zur Beköstigung der -Gefangenen Nothwendige zu liefern, bis Cabrera in der bessern Jahrszeit -im Stande sei, es zurückzugeben. Würde weder der eine noch der andere -Vorschlag angenommen, so müßten alle jene Unglücklichen unfehlbar -Hungers sterben.</p> - -<p>Der christinosche General antwortete, daß, wer sich dem Feinde ergebe, -sein wohl verdientes Schicksal tragen möge, was es auch mit sich bringe.</p> - -<p>Furchtbar war das Loos der Krieger, die so von den eigenen Gefährten -hingeopfert wurden. Als die Mittel der Bewohner, welche Wochen lang -spärlich sie unterhielten, endlich ganz erschöpft waren, als sie Alles, -was auf Augenblicke die entsetzliche Qual lindern konnte, bis auf das -Leder ihrer Schuhe zernagt und verschlungen hatten, da sanken Hunderte -in tödtlicher Entkräftung hin, und — — die Überlebenden zehrten -gierig von dem Fleische ihrer gestorbenen Cameraden.</p> - -<p>Da setzte Cabrera schaudernd die Mehrzahl der Verschmachtenden in -Freiheit und vertheilte sie alle unter die Bauern zur Verpflegung. Oráa -lud den Fluch aller menschlich Denkenden jeder Parthei auf sich; die -Exaltados aber riefen ihm Beifall zu und — — schimpften Cabrera als -blutgierigen Tiger!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_56_56" id="Fussnote_56_56"></a><a href="#FNAnker_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Der General Baron von Rahden irrt, da er in seinem Werke -über Cabrera sagt, daß dieser zu Cordova die ersten Gefangenen nach -seiner Mutter Ermordung gemacht habe.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_57_57" id="Fussnote_57_57"></a><a href="#FNAnker_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Viele Reiter waren auf den furchtbar forcirten Märschen -— täglich zwölf bis achtzehn Meilen durch Feindes Land — aus -eigener oder ihrer Pferde Ermüdung zurückgeblieben, mehrere todt -niedergefallen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_58_58" id="Fussnote_58_58"></a><a href="#FNAnker_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Ein kleiner Theil des Fürstenthums Catalonien liegt -südlich vom Ebro, von diesem Flusse, dem Meere, Valencia und Aragon -umgränzt. Dieser Theil war, wie Valencia und Unter-Aragon, Cabrera -untergeben.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier20" name="zier20"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 20" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXI">XXI.</h2> - -</div> - -<p>Als die Expeditions-Division von Zariategui in Aranda de Duero mit der -königlichen Armee sich vereinigte, sandte er die in Valladolid und in -der Provinz neu errichteten Bataillone nach der Sierra de Soria, um -ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Die größere Zahl derselben gelangte -bei dem Rückzuge der beiden Expeditions-Corps in der zweiten Hälfte -des Octobers 1837 mit ihnen nach den baskischen Provinzen, wo sie das -beklagenswerthe Corps von Castilien bildeten; drei dieser Bataillone -aber unter dem Obersten Savega sahen sich nach manchen Abenteuern und -Gefahren, die meistens in der gänzlichen Unerfahrenheit der Rekruten -ihren Grund hatten, durch die Colonnen Espartero’s abgedrängt und in -die Sierra zurückgeworfen. Die ungeheuren Mühseligkeiten hatten auf die -junge, des Krieges ganz ungewohnte Mannschaft so entmuthigend gewirkt, -daß die Brigade schon von 2800 Mann auf 1700 zusammengeschmolzen war, -ohne daß irgend ein ernstliches Treffen Statt gefunden hätte.</p> - -<p>Savega war ein habsüchtiger Mann, der erfreut, als unabhängiger Chef -dazustehen, den Truppen seine Absicht erklärte, in der Provinz Soria -sich zu halten, wo er natürlich sein persönliches Interesse leicht -befördern konnte; er begann also, sofort eifrig große Getreidevorräthe -aufzustapeln. Doch das Officier-Corps dachte anders. Es stellte ihm -vor, daß das Bleiben unvermeidliches Verderben nach sich ziehen müsse, -weil die Mannschaft neu ausgehoben und größtentheils noch gar nicht im -Feuer gewesen sei; weil es so ganz an Munition fehle, daß jeder Soldat -nur fünf Patronen habe, wobei an Ersatz derselben nicht zu denken sei; -weil zwei Colonnen von Burgos und<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span> Soria zu ihrer Verfolgung eilten; -weil endlich der fortwährende Mangel am Nöthigsten in der rauhen -Jahreszeit die ganz abgerissenen Truppen zur Desertion verleiten werde, -welche die Nähe des kaum verlassenen väterlichen Daches noch besonders -begünstige. Sie forderten ihn daher auf, die Brigade entweder nach -Aragon oder nach den Nordprovinzen zu führen.</p> - -<p>Da der Oberst unter nichtigen Vorwänden auf seinem Entschlusse -beharrete, entschlossen sich die Officiere, selbstständig zu handeln. -Sie sammelten daher in einer Nacht das eine Bataillon vollständig, die -Hälfte des zweiten und die Jäger-Compagnie des dritten und verließen -das Städtchen, in dem es dem Obersten mit Hülfe einiger ergebener -Officiere gelang, den Rest der Leute, etwa 600 Mann, zurückzuhalten: -wenige Tage nachher wurden dieselben vom Feinde ereilt und sofort -zersprengt, der Oberst ward gefangen. Doch will ich diese willkürliche -Trennung nicht rechtfertigen; wohl aber darf ich sagen, daß das Corps -fortan stets durch Disciplin und Bravour sich auszeichnete und so jenen -Fehler — bei dem übrigens die Bataillons-Chefs an der Spitze standen -— vergessen machte.</p> - -<p>Nachdem dreißig Artilleristen Zariategui’s, die nach Vergrabung ihrer -beiden Geschütze sich retten konnten, und sechszig Pferde, Versprengte -von allen carlistischen Corps, sich ihr angeschlossen hatten, richtete -sich die kleine Brigade in forcirten Märschen nach Aragon, befreiete -unterweges eine Guerrilla von 300 Mann, die, von einigen christinoschen -Compagnien in einer alten Burg eingeschlossen, aus Mangel sich zu -ergeben im Begriff waren, und langte im Anfange Decembers glücklich bei -Cantavieja an. Cabrera befand sich gerade in der Ebene von Valencia, -wohin er dem nach der verunglückten Demonstration auf Cantavieja sich -zurückziehenden Oráa folgte; er befahl der nun in zwei Bataillone, ein -jedes zu 450 Mann, organisirten Brigade, die Blokade der feindlichen -Festung Morella zu übernehmen.</p> - -<p>Morella im Königreiche Valencia liegt mitten in dem Hoch<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>gebirge, -welches der Schauplatz der Thaten Cabrera’s, der Sitz der carlistischen -Macht im östlichen Spanien und die Basis war, auf die jener Feldherr -seine Operationen nach Aragon, Valencia und Catalonien stützte. -Nur acht Leguas von Cantavieja entfernt und mit starker Garnison -versehen, gewährte die Festung den feindlichen Generalen bei allen -Offensiv-Operationen einen willkommenen Anhaltspunkt, war den Carlisten -— im wahren Centrum ihres Gebietes liegend — nicht selten sehr -hinderlich und konnte bei größerem Unglücke leicht verhängnißvoll -entscheidend werden, während ihre Festigkeit bei der Schwäche der -feindlichen Angriffsmittel gegen jede Tentative sie zu sichern schien.</p> - -<p>Auf einem isolirten Felsberge ragt ein ungeheurer, 140 bis 200 Fuß hoch -senkrecht sich erhebender Granitblock empor. Auf diesem Blocke oder -besser Kegel, der etwa 500 Fuß im Durchmesser hat, ist das gefürchtete, -von den Bewohnern der Umgegend mit stummer Ehrfurcht angestaunte, -Castell von Morella erbaut, und zu seinem Fuße auf dem höchsten Abhange -des Berges dehnt sich im Halbkreise die Stadt aus, durch starke von -Thürmen flankirte Mauern und vorliegende Felsabschüsse geschützt. Die -Werke waren mit zahlreicher Artillerie garnirt und wurden durch eine -ausgesuchte Besatzung von 900 Mann unter dem Obersten Don Bruno Velasco -y Portillo vertheidigt, einem trotzigen Wütherich, dem Schrecken des -Landes.</p> - -<p>So war die Festung, deren Blokade die beiden Bataillone von Burgos und -von Valladolid unternahmen. Sie postirten sich in Cinctorres und el -Orcajo, zwei Meilen entfernt und die Wege nach Cantavieja beherrschend, -und detachirten den Oberstlieutenant Don Martin Gracia mit 200 Mann, um -die Stadt eng einzuschließen. Er vertheilte seine Mannschaft in Posten -von zwanzig bis dreißig Mann, welche die rings um die Festung liegenden -massiven Masadas — Bauernhöfe, große Scheunen<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> — besetzten und durch -geeignete Maßregeln die strengste Blokade etablirten.</p> - -<p>Ich will nicht den Ereignissen derselben in ihren Details folgen; -Ungeheures litten die wackern Castilianer. In elende Lumpen gehüllt, -ohne sie auch nur wechseln zu können, waren sie fortwährend der -rauhen Kälte, dem eisigen Schnee des Hochgebirges ausgesetzt; in -der ganz verwüsteten Landschaft — da bei dem Mangel jenes Winters -die Magazine nichts lieferten — konnten die nöthigen Lebensmittel -nicht aufgetrieben werden, und Wochen lang waren die Armen auf wenig -Brod und wenige Bohnen beschränkt; die Mehrzahl ging bald barfuß, da -weder Schuhe noch Sandalen zum Ersatze der abgerissenen sich fanden. -Dazu machte die vier Mal so starke Garnison fast täglich Ausfälle -mit einigen leichten Geschützen, theils die Masadas, das einzige -Obdach der Carlisten, zu zerstören, theils mit der Absicht, das -fehlende Brennholz sich zu verschaffen. Selten gelang das Eine oder -das Andere, da die Castilianer, rasch dem bedroheten Punkt — es war -nur ein Thor der Festung offen — zu Hülfe fliegend, mit fabelhaft -scheinender Unerschrockenheit immer kraftvoll den Andrang empfingen, -oft die Übermacht in wilder Flucht bis zum Fuße der Mauern jagten, -da das gebrochene Terrain das Feuer der Festung den Tirailleurs ganz -unschädlich machte.</p> - -<p>Und die braven Burschen murrten nicht. Lauter unbärtige Jünglinge sahen -sie mit Liebe und Vertrauen auf die erprobten Führer, welche sie jedes -Ungemach mit ihnen theilen und im Kampfe stets die ersten der Gefahr -sich aussetzen sahen. Der herrliche Character der Alt-Castilianer, -ihre biedere Treuherzigkeit, ihre Ausdauer und die aufopferndste -Anhänglichkeit und Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verleugneten sich -auch hier nicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span></p> - -<p>Sei es mir vergönnt, nun die Worte wiederzugeben, mit denen der -Oberstlieutenant Don Pablo Alió, als ich im Januar 1840 zu Morella ihn -kennen gelernt, in der einfachen Bescheidenheit, die den enthusiastisch -braven, tief religiösen Mann so liebenswürdig machte, die Heldenthat -mir beschrieb, durch die er das furchtbare Felsen-Castell der -Herrschaft seines Königs eroberte, eine Heldenthat, wie die Geschichte -ihrer nicht viele rühmen mag.</p> - -<p>„Seit mehreren Wochen schon standen wir der Festung gegenüber, ohne die -Hoffnung zu erlangen, daß wir je unser sie nennen würden; im Gegentheil -wurde unsere Lage täglich schrecklicher, und es war vorauszusehen, daß -wir bald die Blokade würden aufgeben müssen. Indessen hatte ich seit -dem Augenblicke unserer Ankunft überlegt, ob es denn nicht möglich sei, -durch einen Handstreich etwas gegen sie auszurichten. Aber nahmen wir -auch die Stadt, so war uns wenig geholfen, da das Feuer des Castells -uns sofort wieder vertrieben hätte; und dieses... Wer könnte jene -furchtbar senkrechten Felswände erklimmen, deren Anblick Schwindel -erregt! — Dennoch faßte der Gedanke täglich festere Wurzel in meiner -Brust, bis ich endlich den Entschluß unserm Commandeur Gracia und -dem Blokade-Adjudanten García mittheilte. Sie erschraken im ersten -Augenblicke, aber bald stimmten sie mir bei: das Castell sollte mit -Gottes Hülfe erstiegen werden.“</p> - -<p>„Zuerst suchte ich der Liebe und der unbedingten Ergebenheit meiner -Freiwilligen mich zu versichern. Ich litt selbst an Allem Noth; aber -für das Wenige, was ich besaß, ließ ich Lebensmittel und Wein und -Sandalen kommen und vertheilte Alles unter die armen, ausgehungerten -Burschen. Dann gaben auch der Commandant und García das Ihrige dazu -her, wir erborgten das Geld unserer Cameraden und verkauften endlich -unsere Kleidungsstücke, bis wir Alle gar Nichts mehr hatten. Die armen -Burschen erkannten mit der kindlichsten Dankbarkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span> unsere Fürsorge -und waren für uns zu Allem bereit. Zugleich führte ich sie bei den -häufigen Kämpfen mit dem ausfallenden Feinde immer selbst an, schonte -ihrer, wo ich konnte, und wählte für mich den gefährlichsten Posten: -so gewann ich das Vertrauen meiner Leute, und sie folgten mir freudig, -wohin ich sie auch führen mochte.“</p> - -<p>„Indessen waren heimlich Leitern angefertigt, ungeheuer hoch und an den -Enden gepolstert, um jedes Geräusch beim Ansetzen zu vermeiden; trotz -aller Vorsicht ward Etwas davon bekannt, und die Bauern sprachen Viel -über die Leitern. Ich fürchtete, daß die Christinos es auf irgend eine -Art erfahren könnten, und beschloß deshalb, in der ersten stürmischen -Nacht den Angriff zu wagen; aber da erschrak wieder der Commandant, er -wandte unentschlossen seine Verantwortlichkeit ein und verschob die -Unternehmung trotz unserer Bitten von einem Tage zum andern. Als er nun -am 23. Juni auf einige Tage Urlaub nahm, wollten García und ich nicht -länger zaudern: wir theilten unseren Plan dem Interims-Commandeur mit, -der endlich, als er wieder und wieder die Felsmasse betrachtet hatte, -mit Thränen seine Zustimmung gab. Ich durfte achtzig Freiwillige selbst -mir auswählen; dazu rief ich einen Artilleristen, der wenige Tage -vorher aus der Festung zu uns desertirt war und sich nun, weil er genau -das Castell kannte, zum Führer anbot.“</p> - -<p>„Der 25. Januar war furchtbar stürmisch; so sollte denn in der Nacht -der Versuch gemacht werden. Am Abend versammelte ich die achtzig Mann -in der Masada des Commandanten und sagte ihnen, was ich beabsichtigte, -und wie ich das feste Vertrauen hege, daß unsere Beschützerinn, die -erhabene Jungfrau der Schmerzen, ihren himmlischen Beistand zu dem -Werke nicht versagen werde, da wir es ja für das Recht und für die -Religion unternahmen. Ich forderte, nachdem ich ihnen die ganze -Gefahr aus einander gesetzt hatte, daß ein Jeder, der nicht den Muth -fühle, mit Freudigkeit mir zu folgen, jetzt zu<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span>rücktrete; aber Alle -antworteten, daß sie mit mir sterben wollten. Dann sah ich die Waffen -nach und gab die nöthigen Instructionen, worauf wir Alle beichteten -und das heilige Sakrament nahmen, um uns zum Tode zu weihen; ich ließ -endlich die Freiwilligen tüchtig speisen und befahl ihnen, nachdem -ich nochmals den Segen der heiligen Jungfrau erfleht hatte, sich -niederzulegen und bis zu der Stunde der Ausführung zu ruhen.“</p> - -<p>„Ich trat in das Zimmer des Commandanten und besprach noch ein Mal -Alles mit ihm und García, die Beide bleich waren und zitterten, weil -sie zurückbleiben sollten; auch verabredeten wir, daß ich im Falle des -Gelingens ein hohes Feuer auf dem Platze des Castells anzünden solle, -wenn es aber unglücklich abliefe, würden sie am folgenden Tage unsere -Leichen fordern und sie in geweiheter Erde christlich beisetzen. Dann -umarmte ich beide, die mich immer noch nicht lassen wollten, rief meine -Burschen und trat an ihrer Spitze den Marsch an, während von den beiden -Officieren, die mich begleiteten, der Eine in der Mitte des Zuges ging, -der Andere ihn schloß.“</p> - -<p>„Die Nacht war entsetzlich; ein furchtbarer Schneesturm mit Schlossen -zwang uns, oft still zu stehen, auch bedeckte Fuß hoher Schnee die -Felsenabsätze, über die wir hinkletterten, so daß wir nur sehr langsam -vorwärts kamen. Seufzend gedachte ich der zerrissenen Bekleidung und -der nackten Füße der armen Burschen: was mußten sie nicht leiden! -Aber Niemand klagte. Erst gegen ein Uhr konnten wir von der Mauer des -Kirchhofes, hinter der wir einen Augenblick Athem geschöpft hatten, -nach dem Fuße der Felsenmasse, die dunkel über uns sich aufthürmte, -schleichen, was wir, so viel die Leitern erlaubten, einzeln thaten, -um nicht die Aufmerksamkeit der feindlichen Schildwachen zu erwecken. -Glücklich waren wir endlich Alle angekommen und richteten die Leiter -auf. Ich hatte eine Stelle gewählt, auf der in der Mitte der Wand ein -schmaler, sehr abschüssiger Absatz sich befand, da ich sonst nicht mit -den Leitern bis oben hätte<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> hinkommen können.<a name="FNAnker_59_59" id="FNAnker_59_59"></a><a href="#Fussnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> Dort stiegen wir -einzeln hinauf, wobei die Leitern, deren ich zwei an einander gebunden -hatte, entsetzlich unter unserer Last sich bogen, weil wir sie, um sie -leicht handthieren zu können, sehr schwach machen mußten. Auch wären -sie hundert Mal gebrochen, wenn sie nicht beinah von unten bis oben an -den Felsen sich gelehnt hätten.“</p> - -<p>„So wie die Hälfte von uns auf dem Vorsprunge stand, fingen wir an, die -mit ungeheurer Mühe heraufgeschleppte Leiter in die Höhe zu ziehen; -grausig war die Arbeit, wie wir so über siebenzig Fuß hohem Abgrunde -schwebten — jeder Fehltritt sicherer Tod —, eben so hoch über uns die -senkrechte Felsenwand und oben der Feind. Lange gelang es uns nicht, -die Leiter auf dem abschüssigen Felsenabsatze zu fixiren, den der -unaufhörlich fallende Schnee glatt machte. Endlich stand sie aufrecht -da, natürlich fast ganz senkrecht und von den drei riesenhaften -Gastadores<a name="FNAnker_60_60" id="FNAnker_60_60"></a><a href="#Fussnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>, die ich deshalb mitgebracht hatte, gestützt, da sie -sonst unter uns sofort wieder hinabgeglitten wäre.“</p> - -<p>„Leise flüsterte ich den dicht gedrängten Freiwilligen einige Worte -der Aufmunterung zu und folgte rasch dem Führer zum Sturm, worauf die -Andern in der durch das Loos bestimmten Ordnung sich anschlossen. Auf -der obersten Stufe angelangt fehlten dem Führer noch vier Fuß bis zu -der Höhe des Felsen. Das war furchtbar, denn fiel bei dem Versuche -hinaufzuklettern Einer, steif durch die Kälte, wie Alle waren, so riß -er im Sturze die Übrigen mit sich hinab; und die Leiter schwankte -und bog sich entsetzlich unter der Last. Aber die gnadenreiche -Himmelsköniginn wachte über uns. Der Führer schwang sich hinauf — -schon stand ich ihm zur Seite. Da sah uns die zwanzig Schritt entfernt -in ihr Häuschen gedrückte Schildwache; sie sprang heraus und rief -mit vom Entsetzen hinsterbender Stimme: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">cabo<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> de guardia, los -facciosos</span>!“ Der Schuß des Führers streckte sie todt nieder.“</p> - -<p>„Mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey</span> stürzte ich auf die Wache, die, 30 Mann -stark, in dem Gebäude sich verbarrikadirte und ein heftiges Feuer -begann. Jeder Augenblick war kostbar, denn schon tönten von der Stadt -her die Trommeln und Hörner, und bald klangen die Glocken wild durch -den hundertfachen Lärm; nahmen wir nicht rasch die Wache, so mußte -die Hülfe dasein, und Alles war verloren. Aber wieder begünstigte -uns unsere Schutzheilige. Die Freiwilligen, wie sie oben anlangten, -stürzten herbei und feuerten auf Thür und Fenster des Wachhauses, -da ich umsonst zwei Mal den Eingang zu forciren suchte. Ich befahl -dann, rasch zu schießen und ließ alle Welt laut „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey, viva -Cabrera! acá Castilla! acá Tortosa! Aragon para siempre!</span>“ durch -einander rufen, als wären alle diese Truppen unter Cabrera’s Anführung -dort oben. Die Wache, durch das Geschrei getäuscht, brach plötzlich aus -dem Gebäude hervor, um sich durchzuschlagen; auch gelang es Einigen zu -entkommen, zwölf Mann wurden gefangen, die andern getödtet.“</p> - -<p>„Ich recognoscirte nun rasch die Seite des Castells, welche die Stadt -beherrscht, und sah schon die Garnison auf dem Platze aufmarschirt. -Daher vertheilte ich meine Leute längs den Schießscharten der -Ringmauer, öffnete mit Hülfe von drei gefangenen Artilleristen die -Magazine und ließ eine große Zahl von geladenen Bomben und Granaten -herausholen. Zugleich befahl ich den Artilleristen, mit allen Kanonen -unaufhörlich zu feuern, um nur den Feind einzuschüchtern.“</p> - -<p>„Dieser rückte sofort zum Sturm heran. Eine dunkele Colonne drang -langsam und geschlossen auf dem gewöhnlichen Wege gegen das Thor -vor, während plötzlich ein anderer starker Haufen über die Felsen zu -klimmen und so uns zu überraschen suchte. Da ließ ich alle Granaten -und Bomben anzünden und über die Felsen mitten unter die Massen der -Stürmenden hinabrollen,<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> so daß die ganze Felsenwand mit spielend -hinunterhüpfenden Flammen bedeckt schien. Aber die Christinos rückten -dennoch muthig vor und gelangten bis zu der ersten Biegung des Weges. -Erst als dort das Gewehrfeuer aus tödtlicher Nähe sie niederschmetterte -und fortwährend Bomben und Granaten auf sie regneten, wandten sich -beide Colonnen zur Flucht und stürzten in nie gesehener Verwirrung in -die Stadt zurück. — Morella war unser.“</p> - -<p>„Da sank ich mit Thränen im Auge auf die Knie und mit mir alle die -braven Burschen, und laut dankte ich der gnadenreichen Jungfrau der -Schmerzen, daß sie so herrlichen Sieg uns gegeben habe. — Dann befahl -ich, ein großes Feuer anzuzünden, um den Gefährten das Zeichen zu -geben.“</p> - -<p>So weit der wackere Alió. In zehrender Unruhe horchte sein Commandeur -und der Adjudant García auf das leiseste Geräusch, ob es Nachricht -bringe von den kühnen Genossen. Aber Stunde auf Stunde verging in -lautloser Stille, nichts Gutes verkündend; — und plötzlich ertönte -wildes Gewehrfeuer, bald von dem Krachen der Geschütze übertäubt, -das immer heftiger in die Nacht hinausschallte; der furchtbare -Felsen schien ein rings Flammen sprühender Vulkan, Tod und Verderben -ausspeiend. Sie zweifelten nicht mehr: ihre braven Gefährten -waren entdeckt und lagen schon begraben unter dem immer dichter -fallenden Schnee; im stummen Schmerze starrten sie bewegungslos -das majestätische, Unheil verheißende Schauspiel an. — Da trat -geräuschloses Schweigen an die Stelle des Tumultes, jedes Leben schien -erstorben; einen Augenblick später erhob sich hoch über die dunkle -Felsenmasse eine hell aufleuchtende Flamme — das Glück verkündende -Zeichen des Sieges!</p> - -<p>In stürmischer Freude umarmten sich die beiden Männer und eilten, ihre -Truppen, die sie, auf Alles vorbereitet, vereinigt gehalten hatten, dem -fliehenden Feinde entgegenzuschicken.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span></p> - -<p>Mit Erstaunen hatten die Bewohner weit in der Runde dem ungewohnten -Lärmen von der gefürchteten Veste her gehorcht: sie glaubten, daß -die Garnison unter einander sich bekämpfe, und waren erfreut, daß -Zwietracht die gehaßten Negros wechselseitig sich opfern mache. -Bewunderung machte selbst den Jubel auf einen Augenblick verstummen, -als sie am Morgen die unglaubliche Kunde vernahmen. — Der Gouverneur -Portillo floh mit der Garnison auf der Straße, welche nach el Orcajo -führt, und dann rechts durch das Gebirge auf Alcañiz, aber über 150 -Mann, die in den Schrecken jener Nacht sich zerstreut hatten, wurden -von den Streifparthieen und selbst vom Landvolke aufgefangen und -eingebracht. Dagegen traf Portillo auf der Brücke, die zwischen Morella -und dem Orcajo die Ufer des Bergantes verbindet, eine von letzterer -Stadt entsendete Patrouille des Bataillons von Valladolid und nahm -achtzehn Mann von derselben gefangen.</p> - -<p>Am folgenden Morgen ging die Sonne zum ersten Male seit Wochen -an unbewölktem Horizonte auf, mit ihren Strahlen die unabsehbare -Schneefläche in blendenden Glanz hüllend; der Himmel schien sein -finsteres Sturmgewand nur beibehalten zu haben, um den Carlisten die -Gelegenheit zu der kühnen That nicht zu rauben. Als Alió dann mit -einem Detachement seiner Braven in die Stadt hinabstieg, in deren -Straßen jetzt Todtenstille herrschte, fand er auf dem Platze vierzig -Mann unter einem Sergeanten aufmarschirt, die, zurückgeblieben, um -fortan unter dem carlistischen Banner zu fechten, mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva -Carlos Quinto!</span> ihn begrüßten. Er arretirte sie indessen, da dieser -Entschluß in solchem Augenblicke sehr verdächtig schien.</p> - -<p>Die Einwohner der Stadt, welche besorgt den Tag erwartet hatten, -sahen freudig erstaunt, daß nicht die geringste Unordnung ausgeübt -wurde: kein Freiwilliger betrat irgend ein Haus, wiewohl sie Alle ganz -abgerissen und ohne Wäsche waren, bis Alió ihnen befahl, in die blau -bezeichneten Häuser der dem<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> revolutionairen Gouvernement günstig -Gesinnten<a name="FNAnker_61_61" id="FNAnker_61_61"></a><a href="#Fussnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> zu gehen, und ein Jeder ein Hemd und ein Paar Beinkleider -sich geben zu lassen. Und die treuherzigen Castilianer, sie, die eben -stürmend die unnehmbar geachtete Veste erobert, sie naheten demüthig -den zitternden Bürgern und baten sie beschämt, ein Hemd ihnen zu geben, -weil sie so ganz entblößt seien; und freudig eilten sie zu ihrem -Officier, mit kindlichem Vertrauen den erlangten Schatz ihm zu zeigen.</p> - -<p>Freilich muß ich hinzufügen, daß auch unter den Carlisten solche -Mäßigung wohl recht selten sich gefunden hat. Die jungen Castilianer, -noch nicht durch langes Kriegen verhärtet und noch nicht gestählt gegen -den Eindruck des fremden Jammers durch den immerwährenden Anblick von -Leid und Elend und Gräuel, wußten wohl, dem geliebten Anführer in jede -Gefahr folgend, das Schwerste auszuführen, aber den wehrlosen Bürger -zu berauben wußten sie nicht. Sie gedachten noch des greisen Vaters, -der Lieben, die daheim ja auch friedlich und wehrlos dem Übermuthe der -Gewalt Preis gegeben waren; wie sollten sie da nicht mild und schonend -sich zeigen!</p> - -<p>Die Freudenbotschaft von der Escalade von Morella fand den General in -Benicarló, dessen Fort er, nach der Reinigung von Unter-Catalonien -wieder nach Valencia geeilt, so eben zur Übergabe genöthigt hatte. Er -langte wenige Tage später in der Festung an und belohnte reich den -Heldenmuth der kleinen Schaar. Lieutenant Alió trat als Capitain zu der -Brigade von Tortosa, der Garde des Heeres, über, in der ich später als -Oberstlieutenant ihn kannte.</p> - -<p>So hatte denn das Jahr 1838 höchst günstig für die Sache der Carlisten -begonnen. Durch die Eroberung von Morella sah sich Cabrera im -vollständigen Besitze des Hochgebirges, welches<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> die Grundlage und -den Rückhalt aller seiner Operationen bilden mußte; in ihm konnte -er mit Vortheil der Macht des Feindes sich entgegenstellen, von ihm -aus als dem Centrum alle Provinzen der Christinos bedrohen und nach -einander angreifen. Die Einnahme von Benicarló gab ihm einen Punkt -am mittelländischen Meere und befestigte seine Herrschaft in dem -fruchtbarsten Theile des Königreiches Valencia. Morella ward jetzt -der Centralpunkt der carlistischen Macht im westlichen Spanien, wie -Cantavieja bisher es gewesen war; zugleich schnitt es die Communication -auf dem geraden Wege zwischen dem nördlichen Unter-Aragon und Valencia -ganz ab, wodurch der Feind, das eine und das andere zu schützen, zu -steter Zersplitterung seiner Kräfte genöthigt wurde.</p> - -<p>Cabrera eilte, diese Vortheile zu verfolgen, zu kräftigster Offensive -sie zu benutzen, während Oráa, der in Aragon eine neue Unternehmung -gegen Cantavieja vorbereitete, rasch nach Valencia zur Deckung dieser -Provinz zog, durch deren vollständige Eroberung Cabrera ungeheure -Hülfsquellen sich geöffnet hätte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_59_59" id="Fussnote_59_59"></a><a href="#FNAnker_59_59"><span class="label">[59]</span></a> Die ganze Höhe des escaladirten Felsen betrug 143 Fuß.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_60_60" id="Fussnote_60_60"></a><a href="#FNAnker_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Die bei den Infanterie-Bataillonen befindlichen Sappeurs.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_61_61" id="Fussnote_61_61"></a><a href="#FNAnker_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Portillo ließ die Thüren der Anhänger Christina’s blau, -die der Royalisten roth anstreichen, um Verwechselungen vorzubeugen!</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier21" name="zier21"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 21" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXII">XXII.</h2> - -</div> - -<p>Der Frühling 1838 rechtfertigte keineswegs die Hoffnungen, welche -durch die Eroberung von Morella angeregt waren; er brachte vielmehr -allen carlistischen Armeen gleich empfindliche Verluste, von denen ich -die Vernichtung der von Navarra zu neuen Expeditionen nach Castilien -entsendeten Divisionen früher erzählte. Auch Cabrera, wenn er einzelne -Vortheile errang, litt in seinen Unterfeldherren schwere Niederlagen -und sah mehrfach seine eigenen Unternehmungen vereitelt.</p> - -<p>Die Christinos hatten durch die Befestigung von Castellon, Villafamés -und Lucena mit dem festen Bergschlosse von Villamaleja eine Linie -nördlich vom Flusse Mijares gebildet, welche die Streifzüge der -Carlisten nach dem südlichsten, reichsten Theile von Valencia sehr -erschwerte, die Consolidirung aber ihrer Herrschaft daselbst unmöglich -machte. Cabrera wollte diese Linie brechen und wandte sich deshalb -gegen Lucena, welches, in der Mitte der beiden letztern Festungen und -durch seine Lage äußerst stark, von ganz besonderer Wichtigkeit war. -Alle Versuche Cabrera’s gegen dasselbe vor- und nachher scheiterten -an der Festigkeit der Garnison, die meistens aus National-Milizen -bestand, welche wegen exaltirter Gesinnungen aus ihrer den Carlisten -unterworfenen Heimath geflohen waren und nun den Kampf des glühendsten -Hasses und der Verzweiflung kämpften.</p> - -<p>Kaum war die Belagerung eröffnet, zu der ein Theil der in Morella -genommenen Artillerie herangezogen war, als Oráa mit weit überlegener -Macht von Castellon de la Plana zum Entsatze eilte und, nachdem die -Carlisten durch entschlossenen Widerstand bei Alcora die Zeit zur -Zurückziehung ihrer schweren Geschütze gewonnen — in den unwegsamen -Sierras stets der<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> schwierigste Punkt —, nach Lucena durchdrang. -Cabrera aber flog auf der kürzesten Linie nach dem nun entblößten -Aragon und nahm nach kurzer verzweifelter Gegenwehr das bedeutende -Calanda im Flußgebiete des Guadalupe mit Sturm, worauf Andorra -capitulirte. Er berannte sofort Alcañiz, ward aber zur Aushebung der -Belagerung gezwungen, da General San Miguel von Zaragoza aus der -bedroheten Stadt zu Hülfe zog. Er eilte von da, die Division von Aragon -zurücklassend, nach el Turia, dem Landstriche zu beiden Seiten des -Guadalaviar, wo Aragon, Castilien und Valencia sich berühren, welcher -durch Tallada’s Vernichtung ganz von Truppen entblößt war.</p> - -<p>Tallada war schon frühe als Guerrilla-Chef aufgetreten und von Tage -zu Tage in den Provinzen del Turia und Cuenca mächtiger geworden, -wiewohl er selten entschiedenen Sieg über feindliche Colonnen davon -getragen hatte. Er war gewandter in der Kunst, den Kampf, wenn nicht -alle Chancen ihm günstig, zu vermeiden, als in der des Schlagens, -dabei überraschte er Freund und Feind häufig durch Märsche und durch -Expeditionen bis tief in die Mancha und das Königreich Murcia, welche -den Stempel der höchsten Kühnheit trugen, da er doch alle Verhältnisse -so genau berechnet hatte, daß er seiner Sache sicher war. Seit er -unter Cabrera’s Befehl stand, organisirte er seine Colonne trefflich -und bildete fünf schöne Bataillone und drei Escadronen Lanciers, ein -Ganzes von fast viertausend Mann. Er war indessen grausam gegen die -Christinos, eigennützig und drückte schwer die von ihm heimgesuchten -Districte.</p> - -<p>Ich erwähnte früher, wie Tallada auf seinem Zuge durch die Provinz -Cuenca im Januar 1838 einige Compagnien der königlichen Garde, die -in einer Capelle sich eingeschlossen hatten, gefangen nahm, Leben -und Eigenthum ihnen zusagend; und wie er wenige Stunden nachher die -Officiere derselben gegen sein Wort meuchlings erschießen und ihre -Leichen in einen Fluß werfen ließ, um der bedeutenden Geldsummen sich -zu bemäch<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span>tigen, welche zwei von ihnen mit sich führten. — Seine -eigenen Officiere tadelten laut diesen Act niedriger Wortbrüchigkeit; -sie prophezeiten selbst, daß solches Verbrechen Unheil nach sich -ziehen müßte, und daß gewiß schweres Unglück auf diesem Zuge die -Division treffen würde. Tallada aber verlor seit dem Augenblicke die -Klarheit des Geistes, den Überblick und die Bravour, welche vorher ihn -auszeichneten; er wurde düster und schwankend in seinen Anordnungen.</p> - -<p>Bald vereinigte er sich mit dem Corps Don Basilio Garcia’s, störte -durch seine Eifersucht wesentlich den Erfolg der Expedition, veranlaßte -das unglückliche Gefecht bei Ubeda und trennte sich endlich in Murcia -von jenem General, um nach el Turia zurückzukehren.</p> - -<p>Die furchtbaren Regen, welche schon in der letzten Zeit seiner -Vereinigung mit Don Basilio verderblich gewirkt hatten, fuhren fort -auf dem eiligen Rückmarsche ihn unendlich zu belästigen, auf dem die -Division an Allem Mangel litt und, durch furchtbare Fatiguen erschöpft, -vom General Pardiñas lebhaft verfolgt wurde. Doch gelang es ihr, am -26. Februar den Xucar, hoch durch die Regengüsse angeschwollen und von -feindlichen Colonnen beobachtet, um den Übergang zu verhindern, ohne -Zusammentreffen zu erreichen und auf einer Nothbrücke zu passiren. Die -Division war gerettet, da der Feind, wenn die Brücke zerstört wurde, -sie unmöglich einholen konnte; so blieb sie denn in dem nahen Castriel -zur ersehnten Nachtruhe. Aber am Abend waren kaum zwei Drittel der -Truppen versammelt, indem Erschöpfung und die grundlosen Wege viele -Hunderte gehindert hatten, dem lang gedehnten Zuge zu folgen. Da befahl -Tallada, die Brücke nicht abzubrechen, damit die Nachzügler während der -Nacht der Division sich anschließen könnten.</p> - -<p>Um vier Uhr Morgens am 27. Februar überfiel Pardiñas mit einigen -Compagnien Avantgarde nach furchtbar forcirtem Marsche den offenen Ort. -Wähnend, daß die National-Gardisten<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> der Umgegend sich genähert hätten, -um die Colonne durch ihr Schießen zu allarmiren, ließ der Brigadier -die Truppen ruhig in den Quartieren bleiben, mit der Ordre, aus den -Fenstern der auf das Feld sehenden Häuser auf die Feinde zu schießen, -falls sie zu lästig würden. So konnte Pardiñas, rasch verstärkt, -die Eingänge der Straßen und selbst den Marktplatz ohne Widerstand -besetzen. Als die Carlisten endlich aus den Häusern stürzten, fanden -sie die ganze Stadt in der Gewalt des Feindes, dessen Patrouillen mit -den sich formirenden Compagnien vermischt waren. Ungeheure Verwirrung -herrschte. Die meisten Soldaten wurden gefangen, so wie sie auf die -Straße traten, viele entflohen drei, vier Mal, um eben so oft einem -andern Trupp in die Hände zu fallen; ganze Compagnien abgeschnitten -ergaben sich.</p> - -<p>Nur etwa 400 Mann entkamen und erreichten Chelva im Turia. Brigadier -Tallada selbst, anfangs entflohen und allein umherirrend, ward am -andern Tage von National-Gardisten aufgefangen und, der Einzige -der Division, als Repressalie für den Mord jener Garde-Officiere -füsilirt. Da Cabrera dieses als eine Verletzung der (stillschweigends -eingegangenen) Übereinkunft über Nichterschießung der Gefangenen -ansah und demnach zu rächen drohte, sandten die Christinos ihm die -Actenstücke, welche sie über den Tod der Ihrigen aufgenommen hatten, -worauf der General sich für völlig befriedigt und die Erschießung -Tallada’s für gerechte Strafe einer Schandthat erklärte.</p> - -<p>Diesem ersten Schlage folgten rasch andere, nicht minder verderblich. -Bei der Nachricht von der Vernichtung der Division Tallada war -die Brigade von Castilien, jene kleine, herrliche Brigade, die -so eben durch die Eroberung von Morella unvergängliche Ehre sich -gewonnen hatte, kaum 900 Mann stark, nach dem Turia beordert, die -entblößte Provinz zu decken, während Oberst Arnau, ein Jugendgefährte -Cabrera’s, mit dem Commando derselben und der Organisirung der neu -zu errichtenden<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> Division beauftragt wurde. Arnau, nur durch Bravour -ausgezeichnet,<a name="FNAnker_62_62" id="FNAnker_62_62"></a><a href="#Fussnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> war nicht zum unabhängigen Anführer geschaffen oder -ausgebildet, weßhalb ihn Cabrera, durch brüderliche Freundschaft ihm -verknüpft, später stets in seiner unmittelbaren Nähe behielt. Damals -hatte er noch nie unabhängig commandirt.</p> - -<p>Bei la Yesa erhielt Arnau die Nachricht, daß eine feindliche Colonne -nahe. Er wandte sich zu den Bataillons-Commandeuren und fragte sie, -was die Burschen sagten, ob sie schlagen wollten? Auf die Antwort: -„gewiß gern“ beschloß er: „nun, so schlagen wir.“ Er befahl zu essen -und zu ruhen; der Feind aber war eine halbe Stunde entfernt. Einer -der Commandeure fragte ihn, ob es nicht besser sei, eine Stellung zu -nehmen, worauf Arnau mit dem Ausrufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo, que tontadas!</span>“ -— Dummheiten! — doch aufbrechen ließ und nach einigem Suchen die -Cavallerie endlich auf eine Höhe postirte, von der sie vorwärts -und rückwärts einzeln über die Felsenwege defiliren mußte, das -eine Bataillon in Masse formirt in einer mit Unterholz bedeckten -Schlucht, das andere in Tirailleurs aufgelöset auf einer lichten Ebene -aufstellte. Das Resultat war vorauszusehen. <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">Tambour battant</span> kam -der Feind im Sturmschritt heran und zerstreute in einem Augenblick die -ganze Brigade, ehe noch Arnau das Wie und das Warum begriffen hatte. -Sie verdankte ihre Rettung der Unentschlossenheit der Christinos, -die mit dem leichten Siege sich begnügten, ohne einen Schritt zur -Verfolgung<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span> zu thun, so daß auch die Cavallerie ohne Verlust ihren -halsbrechenden Rückzug bewerkstelligen konnte.</p> - -<p>Übrigens vollführte Arnau seinen Auftrag der Organisation der -neuen Division ausgezeichnet gut und brachte sie auf einen hohen -Grad der Kriegszucht und Disciplin. Er hatte Ordre erhalten, jedes -fernere Zusammentreffen zu vermeiden, und übergab das Commando der -ausgebildeten Division sofort dem kriegserfahrenen Obersten Arévalo; -er kehrte zu dem Stabe Cabrera’s zurück und ward nicht wieder zu -selbstständigem Auftrage von Interesse gebraucht.</p> - -<p>Bald litt die Brigade von Castilien empfindlicheren Schlag. Sie -wurde im Monat März, da Forcadell nach Castilien vordrang, mit -vorgeschoben und besetzte Cañete, wenige Meilen von Cuenca entfernt. -Am 27. April ward sie dort durch Nachlässigkeit des commandirenden -Officiers, der, mehrfach von dem Anrücken einer feindlichen Division -warnend benachrichtigt, ungläubig gar keine Maßregel nahm, am Mittage -überfallen, da die Bataillone außerhalb der Stadt mit Exerciren -beschäftigt waren. Sie warfen sich rasch in die mit einer starken -Mauer aus der Zeit der Araber umgebene Stadt; der commandirende Oberst -aber eilte mit einigen Compagnien und dreißig Reitern dem andringenden -Feinde entgegen und wurde nebst 160 Mann gefangen, während die -Bataillone den Versuch, die Stadt zu nehmen, fest zurückwiesen, worauf -der Feind, da Forcadell nur einige Leguas entfernt stand, nach Cuenca -weiterzog.</p> - -<p>Auch in Aragon erlitt Cabrera herben Verlust. In der Nacht zum 6. März -drang Cabañero, Chef der Division von Aragon, durch Einverständniß -mit einigen Einwohnern in die Hauptstadt Zaragoza ein und bemächtigte -sich derselben. Da aber die Soldaten plündernd sich zerstreuten, -wurden sie von der Garnison und der National-Garde, die in das Castell -sich gerettet hatten, in den Straßen angegriffen und unter vielem -Blutvergießen aus der Stadt verjagt. Das ganze 6te Bataillon<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span> ward -abgeschnitten und in der Kirche, welche es zur Vertheidigung besetzte, -gezwungen, zu capituliren. Der Verlust der Carlisten stieg auf 1100 -Mann. Cabañero aber, da er durch Mangel an Energie und Vernachlässigung -der Kriegszucht die Schuld des mißglückten Unternehmens trug, büßte -sein Commando ein, worauf er nach den baskischen Provinzen abging, -mit Maroto zum Verrath sich einigend. Der Brigadegeneral Don Luis -Llagostera y Cadival erhielt den Oberbefehl der Division und Provinz -Aragon.</p> - -<p>So war die Armee Cabrera’s gegen die Mitte des Jahres 1838 sehr -geschwächt, während die feindliche des Centrums unter Oráa eben so -bedeutend verstärkt war, da nicht nur mehrere Regimenter aus dem -südlichen Spanien sich ihr anschlossen, sondern auch zwei bisher der -Nordarmee angehörende Corps zu ihr stießen. Die Expeditions-Division -von Don Basilio Garcia war im Mai zu Vejar vernichtet und dieser -Führer rettete sich mit dem Überreste derselben, kaum 250 Mann, zu dem -Heere Cabrera’s; er zog dadurch auch die schöne in seiner Verfolgung -beschäftigte Division Pardiñas, gegen 5000 Mann, nach Aragon, wo sie -dem dortigen Heere einverleibt wurde. In derselben Zeit langten etwa -150 Reiter, Alles, was von dem unglücklichen Corps des Grafen Negri -noch existirte, fliehend bei Cabrera an und in ihrem Gefolge abermals -vier Escadrone bei der ihm gegenüber stehenden Armee.</p> - -<p>Dadurch sah sich der carlistische Feldherr genöthigt, die Erweiterung -seines Gebietes, welches er trotz aller Anstrengungen Oráa’s durch die -Zerstörung der das Land beherrschenden Forts bisher ausgedehnt hatte, -für jetzt ganz aufzugeben; ja er war ungeachtet einiger glücklichen -Gefechte im Juni ganz auf die Defensive beschränkt, während die -Feinde mit Entwickelung aller ihrer Kräfte den Krieg auf den Zustand -zurückzuführen suchten, in dem er am Schlusse des vergangenen Jahres -sich befand. Dann hofften sie durch kräftiges Verfolgen der errungenen -Vortheile<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> und durch kluge Combination des moralischen Übergewichtes, -welches sie ihnen geben mußten, mit der physischen Übermacht endlich -die vollständige Unterdrückung der carlistischen Parthei vollenden zu -können.</p> - -<p>Oráa aber war ganz der Mann, um den kühnen Plan kühn und kraftvoll -durchzuführen. Er zeichnete sich eben so durch langjährige Erfahrung, -wie durch wahres Feldherrntalent aus, an dem es den meisten Generalen -beider Partheien so sehr gebrach; er hatte einen raschen, scharfen -Überblick, viel Entschlossenheit und Festigkeit; und unter Mina, -Cordova und Espartero in den Nordprovinzen, wie seit dem Beginn seines -Oberbefehls in Aragon hatte er sich als einen der wenigen Chefs -bewährt, die das Glück klug zu benutzen und, immer gleich besonnen, dem -Unglücke die beste Seite abzugewinnen wissen.</p> - -<p>Oráa hatte einen großen Fehler, einen Fehler, der ihn stürzte: er stand -Cabrera gegenüber. —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Madrider Gouvernement glaubte nach den Siegen des Frühlings -1838, daß der Zeitpunkt gekommen sei, in dem es durch gleichzeitiges -energisches Handeln auf allen Theilen des Kriegstheaters den -furchtbaren Aufstand endlich erdrücken könne, der vor wenigen Monaten -bis vor die Thore der Hauptstadt seine Heere hatte senden dürfen. -Espartero sollte Estella nehmen und Navarra überziehen, um das -carlistische Hauptheer, von der Verbindung mit Frankreich, seiner -vorzüglichsten Hülfsquelle, abgeschnitten, nach Guipuzcoa und Vizcaya -zur Vernichtung zusammenzudrängen; daher begann Espartero seine -Spatziergänge nach der Einnahme von Peñacerrada und stand Wochen auf -Wochen drohend da. Der Baron de Meer eroberte Solsona in Catalonien, -die Hauptveste der dortigen Carlisten, da der alte Graf de España, -welcher kaum das Commando derselben<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> übernommen, nur zuchtlose Haufen -vorgefunden hatte. Oráa sollte Morella wieder nehmen, in Folge dessen -mit Cantavieja des ganzen Hochgebirges sich bemächtigen und dann den -Ausrottungskampf gegen die geschwächten, entmuthigten Anhänger seines -Königs systematisch betreiben.</p> - -<p>Mit außerordentlicher Thätigkeit bereitete Oráa das Unternehmen -vor, dessen Schwierigkeit er sich nicht verhehlte. Er vereinigte -in Alcañiz einen Belagerungspark, wie ihn die Provinzen noch nicht -gesehen, er errichtete eben dort ungeheure Magazine von Lebensmitteln -und Kriegsbedürfnissen und begann am 23. Juli in drei Colonnen die -concentrische Bewegung, deren Ziel das Felsencastell von Morella -war.<a name="FNAnker_63_63" id="FNAnker_63_63"></a><a href="#Fussnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> General Borso di Carminati drang von Castellon de la Plana, -Oráa von Teruel und San Miguel von Alcañiz aus in das Gebirge vor; -trotz den beobachtend sie cotoyirenden Divisionen von Valencia, Aragon -und del Ebro vereinigten sich die drei Führer nach nicht bedeutenden -Gefechten und durch sehr gewandtes Manövriren bei Cinctorres und -standen, in 22 Bataillonen 20000 Mann Infanterie mit fast 2000 Pferden -stark, am 29. Juli im Angesichte der bedroheten Festung, von der ihnen -die schwarze Fahne, das Zeichen des Entschlusses, nie sich zu ergeben, -Tod verkündend winkte.</p> - -<p>Cabrera, da sein Versuch, die Division San Miguel durch einen -Hinterhalt auf ihrem Anmarsche zu vernichten, durch die Hitze eines -untergeordneten Führers so weit mißlungen war, daß er ihr nur einen -Verlust von 300 Mann zufügen konnte, beschloß, die belagernde Armee -seinerseits zu belagern, jeden Fuß breit Terrain ihr streitig zu -machen, sie täglich, stündlich zu belästigen, zu harceliren und -anzugreifen, die Communicationen<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> ihr abzuschneiden und durch strengste -Blokade aller Hülfsmittel sie zu berauben.</p> - -<p>Er besetzte demnach mit einem kleinen Theile seiner Truppen die Muela -de la Garumba, eine nahe Morella steil sich erhebende und bis über el -Orcajo sich hinziehende Bergmasse, die, zum Hochplateau erweitert, -zur Erhaltung der Verbindung mit Cantavieja von Wichtigkeit war; mit -den übrigen Bataillonen stellte er theils dem andringenden Oráa sich -entgegen, theils occupirte er die oft durch Schluchten und über wildes -Gebirge führenden Wege nach Alcañiz und suchte die Herbeiführung der -schweren Artillerie und der Convoys möglichst zu erschweren. Seine -Armee bestand — einige Rekruten-Bataillone waren unbewaffnet — aus -sechszehn Bataillonen in drei Divisionen und aus neun Escadronen, -da das Lanciers-Regiment von Tortosa dem Grafen de España zu Hülfe -gesendet war. Dazu kam die castilianische Brigade, jetzt unter Merino’s -Befehl, und die Trümmer der Expedition von Don Basilio Garcia und -Negri als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">batallon espedicionario</span> und <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">escuadron del conde -Negri</span>. Da aber die Corps ohne Ausnahme durch die Unglücksfälle der -letzten fünf Monate sehr geschwächt waren, zählten sie nur 9700 Mann -Infanterie, von denen 1300 — von Aragon und Tortosa — die Besatzung -der Festung und des Castells bildeten. Die Cavallerie enthielt fast -1000 Pferde.</p> - -<p>Morella’s Befestigungswerke hatten Nichts mit den Meisterwerken -eines Vauban oder Coehorn gemein. Ganz abgesehen davon, daß die -Vertheidigung durch die Lage der Stadt und noch mehr des Castells -lediglich bohrend wurde, und daß kein vorliegendes Werk die Mauern -gegen den unmittelbaren Angriff deckte, waren diese schwachen Mauern -mit den unregelmäßig vertheilten flankirenden Thürmen wohl darauf -berechnet, dem Stoße des ehernen Widderkopfes zu widerstehen; aber der -Alles niederschmetternden Gewalt des Pulvers mußten sie augenblicklich -unterliegen. Und doch waren sie Alles, was Kunst für die<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span> Vertheidigung -der Festung gethan hatte. Desto mehr begünstigten sie ihre Lage und die -Eigenschaften des sie umgebenden Terrains.</p> - -<p>Die Mauer ist rings umher auf ungeheure Felsmassen basirt, welche, -bald unmittelbar zu ihrem Fuße, bald mehr oder weniger — doch nur -unmittelbar neben dem Castell über funfzig Schritt — vorspringend, -zwölf, dreißig, an einzelnen Stellen selbst funfzig und mehr Fuß tief -perpendiculär sich hinabsenken. Sie bilden daher die eigentliche Mauer -der Stadt, indem sie, sollte auch in das künstliche Werk Bresche -geöffnet sein, den Sturm fast unmöglich machen oder doch, wo etwa -einzelne Einschnitte oder Schluchten, die sehr selten sind, weniger -steil auf die Höhe der Felsen führen, den Stürmenden zwingen, unter -dem wirksamsten Feuer der Belagerten auf weiten Umwegen emporklimmend -der Bresche zu nahen. Eben diese Felsbildung macht die Anwendung der -Minen dem Belagerer unzulässig, während wiederum die Lage der Stadt -auf hohem isolirten Berge gegen sehr wenige Punkte die Aufstellung von -Bresche-Batterien erlaubt, da die umliegenden Höhenpunkte fast alle -entweder zu weit entfernt sind oder, bedeutend niedriger, die Wirkung -der Geschütze unendlich schwächen, wo nicht ganz vereiteln. Einige -dieser Höhen sind selbst dem Fußgänger nur mit Gefahr zugänglich, für -Artillerie also impracticabel.</p> - -<p>Der Belagerer hat also, um Bresche zu legen, doppelte Schwierigkeit -zu überwinden: die Mauer muß von der Stelle, auf der die Batterie -errichtet werden kann, wirksam zu erreichen sein, und das -zwischenliegende Terrain muß nach geöffneter Bresche den Sturm -gestatten.</p> - -<p>Solcher Punkte aber findet sich in der That nur einer: nahe dem Thore -San Miguel im Norden der Stadt, wo, etwa fünfhundert Schritt von ihr -entfernt, die Höhe la Querola sich erhebt, während der Zugang zu der -Mauer möglich bleibt; doch ist der Sturm auch hier mit großen Gefahren -verbunden,<span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span> da auf Pistolenschußweite ein Felsabsatz erklimmt oder -die gewöhnliche unter dem Feuer der Festung in starken Windungen zum -Thore hinaufführende Straße erstiegen werden muß. Dort finden sich denn -auch dicht neben einander die Spuren mehrerer Breschen. Denn Morella -war stets von politischer und militairischer Bedeutsamkeit; durch -seine Lage auf den Grenzen von Valencia, Catalonien und Aragon, deren -Communicationen es beherrscht, und seines Castells mehr noch als der -Stadt wegen für wichtige Festung gehalten, hatte es seit den frühesten -Zeiten während der Kriege der kleinen christlichen Könige unter sich -und gegen die Araber, wie im Successions-Kriege und in dem Kampfe des -spanischen Volkes gegen Napoleons Massen manche Belagerung ertragen und -oft seinen Herrn wechseln müssen.</p> - -<p>Nur zwei alte Breschen finden sich an andern Stellen der Mauer. Die -eine, nicht zweihundert Schritt vom Fuße des Castells entfernt, ward -durch den General Starhemberg geöffnet — noch jetzt von den Spaniern -als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el gran capitan</span> bezeichnet —; sie bot zwar die größte -Bequemlichkeit zum Sturm dar, da das Terrain zwischen ihr und der -Batterie ganz eben, aber diese Batterie war kaum hundert Schritt von -der Festung entfernt, und dicht hinter ihr fällt der Fels wenigstens -sechszig Fuß furchtbar schroff hinunter, so daß nur ein Fußsteig -in vielen Windungen hinaufführt. Und ein schwindelfreier Kopf ist -nöthig, um diesen Fußsteig zu benutzen! Es müssen daher ganz besondere -Verhältnisse obgewaltet haben — etwa gänzliche Entblößung der -Veste von Artillerie — damit Starhemberg dort am Fuße des Castells -die Batterie etabliren und die Geschütze entweder jenen Felsen -hinaufschaffen, oder längs der Mauer auf dem gewöhnlichen Fahrwege in -die Batterie sie führen konnte. Übrigens war dem wackern Deutschen -solche Kühnheit dennoch fruchtlos; als die Bresche bei der Annäherung -einer Entsatzarmee erstürmt war, fand er eine unmittelbar dahinter -liegende<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span> Kirche in einen Abschnitt verwandelt, den er <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">à vive -force</span> nicht nehmen konnte, so daß er die Belagerung aufheben mußte.</p> - -<p>Die zweite Bresche war gerade auf der entgegengesetzten Seite der -Festung nach Osten hin geöffnet. Eine zu beiden Seiten von wilden -Felsmassen hoch umgränzte Schlucht, die dem Beschauer durch Kunst -in den Granit gebildet zu sein scheint, führt sanft steigend bis -unmittelbar zum Fuße der Mauer, und da der senkrechte Felsen, auf dem -diese gegründet ist, nur drei Fuß hoch über jenen Einschnitt sich -erhebt, würde hier im Vergleich mit den andern Seiten der Festung, -der Sturm sehr leicht sein. Die Batterie dagegen konnte nur auf den -etwa 700 Schritt entfernten Rocas de Beneito angelegt sein, die, -selbst von den Bergbewohnern für unzugänglich gehalten, der Placirung -des schweren Geschützes gewaltige Hindernisse entgegensetzen, deren -Überwindung mit Bewunderung für die Männer uns erfüllt, welche solches -vollbracht haben. Auch diese Bresche soll aus den ersten Jahren des -Erbfolgekrieges herstammen; ich konnte nicht erfahren, von wem.</p> - -<p>Die Franzosen fanden die Veste unbesetzt. Als Marschall Suchet in -der Mitte des Jahres 1813 hinter den Ebro, Valencia räumend, sich -zurückzog, blieb eine Besatzung von 300 Mann in Morella und schloß -sich beim Anrücken der Spanier in das Castell ein. Fortwährend von -einigen Bataillonen blockirt und gelegentlich durch eine Mörserbatterie -beworfen, hielt sie sich bis zum Anfange des folgenden Jahres, worauf -sie capitulirte, selbst die Bedingungen vorschreibend. So wie sie aber -die Stadt betraten, warfen sich die Einwohner auf sie und plünderten -sie aus; dann wurden sie gefangen fortgeschleppt, anstatt den -Bedingungen gemäß nach Frankreich geführt zu werden. —</p> - -<p>Doch zurück zu 1838.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span></p> - -<p>Auch Oráa wählte die Höhe der Querola zur Aufpflanzung seiner -Batterien, weshalb er der Hermite von San Pedro Martyr auf einem -weithin die Gegend beherrschenden Berggipfel sich zu bemächtigen -eilte. Er nahm sie am 2. August trotz der kräftigen Gegenwehr der -Armee Cabrera’s, die er unter großem Verluste in zweitägigem, -unausgesetztem Kämpfen von Schlucht zu Schlucht, von Felsen zu Felsen -bis dahin zurückdrängte. Kaum hatten die Christinos die Höhe inne, als -Cabrera einen neuen, wilden Angriff an der Spitze einiger Escadrone -machte. Aber wieder durch das Infanterie-Feuer geworfen und von weit -überlegenen Reitermassen chargirt, entging der kühne General nur durch -persönliche Bravour — er tödtete eigenhändig mehrere Cuirassiere —, -durch die Ergebenheit seiner Truppen und durch sein Glück dem Tode oder -der Gefangenschaft. Zwei Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen; -und Oráa rühmte sich in seinem Berichte, den weißen Mantel und die -Voyna des gefürchteten Rebellen, beide von Lanzenstichen und Kugeln -durchbohrt, erbeutet zu haben.</p> - -<p>Cabrera sah sich endlich genöthigt, da die wiederholten Versuche -an der Festigkeit des Feindes scheiterten, den Besitz der Höhe -ihm zu überlassen, worauf Oráa den General San Miguel zur -Eröffnung der Communication mit Alcañiz, wie zur Escortirung des -Belagerungsgeschützes und der dringend nöthigen Lebensmittel entsendete.</p> - -<p>Ich will nicht die einzelnen Bewegungen und Angriffe verfolgen, durch -die Cabrera während der ganzen Dauer der Belagerung das feindliche -Heer auf das äußerste erschöpfte, seine Arbeiten erschwerte und -verzögerte, die Verbindung mit seinen Festungen ihm unterbrach und -endlich durch Auffangung mehrerer Convoys den drückendsten Mangel im -Lager der Christinos veranlaßte, welcher endlich eben so sehr wie der -unerwartete, heroische Widerstand der Besatzung und die erlittenen -schweren Verluste den feindlichen Führer zum Rückzuge vermochte. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> -reicht hin zu sagen, daß Cabrera nie unthätig war, daß er Tag und -Nacht den Feind harcelirte und in ermüdendem Allarm hielt, und daß er, -während seine Truppen ruhten, nach der Festung eilte, dort anzuordnen, -zu ermuntern und selbst für die rasche Ersetzung alles Mangelnden zu -sorgen.</p> - -<p>Denn Morella wurde während der Belagerung nie ganz eingeschlossen: -Oráa war viel zu vorsichtig, als daß er einem Cabrera gegenüber und -in solchem Terrain sein Heer in verschiedene Einschließungs-Corps -hätte theilen sollen; er hielt seine Divisionen dem Punkte gegenüber -vereinigt, den er angreifen wollte, und befestigte sich so viel nur -möglich in den genommenen Stellungen. So blieb der Besatzung die -Verbindung mit der Armee und mit dem acht Leguas entfernten Cantavieja -stets offen, und selbst nachdem Oráa am 12. das Meson de Beltran, -ein auf der Hauptstraße nach el Orcajo und Cantavieja liegendes -Wirthshaus,<a name="FNAnker_64_64" id="FNAnker_64_64"></a><a href="#Fussnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a> besetzt und befestigt hatte, auch dort gegen alle -Angriffe sich hielt, konnte er nicht verhindern, daß täglich von -letzterer Festung auf Gebirgspfaden das nöthige Pulver der Stadt -und den Divisionen zugeführt wurde. Diese litten am Ende so großen -Mangel daran, daß sie von jedem Tage das während der letzten vier und -zwanzig Stunden fertig gewordene und in der Nacht ausgetheilte Pulver -verbrauchten, um das Gefecht abzubrechen, so wie sie davon entblößt -waren. Die Garnison aber, die anfangs sehr verschwenderisch mit der -Munition umgegangen war, mußte ihren nur noch sehr kleinen Vorrath auf -die äußersten Fälle aufsparen.</p> - -<p>Wiewohl die nach Alcañiz führenden Wege auf jede Art unfahrbar gemacht -waren, rückte doch der große Convoy am 7. August bis la Pobleta -de Monroyo, drei Leguas von Mo<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span>rella, vor, da ganze Divisionen -unausgesetzt an der Herstellung des Zerstörten arbeiteten. Am folgenden -Tage griff Cabrera die Escorte Division San Miguel auf dem Marsche -an und zwang sie, nach la Pobleta zurückzukehren, konnte aber den -vereinten Anstrengungen derselben und der Colonne Borso’s, der ihr -zur Hülfe entgegenzog, nicht widerstehen. Nachdem sie auch am 9. -fortwährendes Scharmützel bestanden hatten, gelang es den beiden -Colonnen, am 10. mit dem Belagerungsgeschütz und dem Convoy das Lager -hinter San Pedro Martyr zu erreichen. Oráa trieb alsbald die Truppen -der Garnison, welche bisher die nahen Höhen außerhalb der Mauern -behaupteten, in die Festung und begann den Batterie-Bau auf der -Abdachung der Querola; schon am 13. waren die Geschütze — acht Kanonen -und drei Mörser — aufgefahren, und am 14. Morgens eröffneten sie ihr -Feuer gegen die Mauern der Stadt.</p> - -<p>Der General Graf Negri, welcher in den Gefechten gegen die anrückenden -Divisionen sich besonders hervorthat, hatte das Commando der Festung -und der Truppen in ihr übernommen, während Oberst O’Callaghan als -Gouverneur unter ihm befehligte. Jener theilte die Stadt in Distrikte, -welche alle an das Castell gelehnt und in der Eile möglichst -befestigt, noch innerhalb der Stadt die hartnäckigste Vertheidigung -gegen den Feind erlaubten, falls er die Bresche erstürmen sollte; -er verwandelte die hinter der Angriffsfront liegenden Häuser in -Forts und traf jede Vorsichtsmaßregel zur Verhütung von Feuer oder -sonstigem Unglücke. Zugleich befahl er, die Thüren aller Häuser -zu öffnen, da ein Bombardement erwartet werden mußte, was bei der -Abwesenheit der entflohenen Einwohner zu mannigfachen Unordnungen -führte, denen jedoch rasch gesteuert wurde. Der Geist der Garnison, -der Elite des Heeres, war trefflich; ihr hatten sich etwa dreihundert -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> aus den Bürgern von Morella angeschlossen, -die während der ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span> Belagerung mit hoher Auszeichnung fochten. Die -übrigen Einwohner waren fast sämmtlich ausgewandert, das Schlimmste -befürchtend. Alles, was geblieben war, drängte sich in die Cathedrale, -das einzige bombenfeste Gebäude der Stadt, zusammen, auf den Knieen von -der hohen Schutzherrinn Rettung erflehend; eben diese Kirche mußte denn -auch als Munitions-Magazin, Hospital und als Ruheplatz für die nicht -zum Dienste berufene Mannschaft dienen.</p> - -<p>Die feindliche Artillerie beschoß die Mauer nicht auf die sonst beim -Bresche-Legen übliche Art: sie begann ihr Zerstörungswerk mit dem -obern Theile derselben und flachte sie nach und nach ab, wobei ihre -Schwäche und Hinfälligkeit die Wirkung der Geschosse so begünstigte, -daß schon nach einstündigem Feuer eine bedeutende Öffnung gebildet -war. Da brachte das Feuer des Castells die Kanonen der Belagerer -zum Schweigen, und erst am folgenden Morgen konnten diese die -Bresche vervollständigen, nachdem sie während der Nacht die Batterie -ausgebessert und die demontirten Geschütze ersetzt hatten. Die Mörser -und Haubitzen aber bewarfen die Stadt ununterbrochen und richteten in -ihr, wie im Castell, große Verwüstungen an; auch verursachten einige -in dem letzteren durch Unvorsichtigkeit auffliegende Munitionskasten -empfindlichen Verlust, eine Anzahl Artilleristen mit drei Officieren -tödtend und verwundend. In der Stadt wurden viele Häuser eingestürzt, -und mehrfach brach Feuer aus, welches erst nach langer Anstrengung der -Realisten und Freiwilligen gelöscht werden konnte.</p> - -<p>In der Nacht vom 14. zum 15. August und am folgenden Tage ließ Graf -Negri auf einem kleinen, freien Raum hinter der Bresche eine starke -Brustwehr von Erde als Abschnitt errichten und mit friesischen Reitern -besetzen; auf die nun ganz offene und über vierzig Schritt breite -Bresche und unmittelbar hinter ihr wurden ungeheure Massen trockenen -Holzes und zur Entzündung präparirter Stoffe aufgehäuft. Diese<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> Arbeit -kostete vielen Sappeurs das Leben, da sie unter dem fortwährend -lebhaften Feuer der Christinos bewerkstelligt werden mußte.</p> - -<p>Mit Vertrauen sahen die braven Krieger dem Sturm entgegen, den sie mit -Gewißheit für die kommende Nacht erwarteten.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_62_62" id="Fussnote_62_62"></a><a href="#FNAnker_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Es ist sehr natürlich, daß in höheren Chargen Männer sich -fanden, die eben nur brav waren, da ja nebst Ausdauer die Bravour das -hauptsächlichste Erforderniß des Guerillero in den ersten Kriegsjahren -war. — Später zeigte sich der Scharfblick der Commandirenden in -der Art, wie sie jeden Officier dahin zu postiren wußten, wo seine -individuellen Gaben am meisten in Wirksamkeit traten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_63_63" id="Fussnote_63_63"></a><a href="#FNAnker_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Die Bewegungen und Gefechte der beiden Heere und der -einzelnen Divisionen sind vom General Baron von Rahden in seinem Werke -über „Cabrera“ genau und im Detail gegeben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_64_64" id="Fussnote_64_64"></a><a href="#FNAnker_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Alle Gebäude in diesem Theile Spaniens sind massiv.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier22" name="zier22"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 22" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXIII">XXIII.</h2> - -</div> - -<p>Die Lage der christinoschen Armee vor Morella wurde mit jeder Stunde -schwieriger. Der empfindlichste Mangel an Lebensmitteln machte sich im -Lager geltend, die Transporte, welche mit großen Opfern herbeigeschafft -werden konnten, reichten nicht mehr hin für so gehäufte Bedürfnisse, -und als dann Llagostera, der fortwährend auf der Communications-Linie -mit Alcañiz operirte, den letzten, sehnlich erwarteten Convoy auffing -und fast ganz verbrannte, blieb dem Heerführer der Christinos nur die -Alternative: „Einnahme der Festung oder rascher Rückzug.“ Oráa ließ -die Bresche recognosciren, nachdem er nochmals umsonst die Besatzung -zur Übergabe aufgefordert hatte. Der Ingenieur meldete, daß sie -practicabel, wiewohl sehr schwer zu ersteigen sei; daß aber die hinter -ihr aufgeführte Brustwehr jeden Erfolg sehr zweifelhaft mache. Da -keine Wahl blieb, wurde der Sturm auf die Nacht vom 15. zum 16. August -festgesetzt.</p> - -<p>Um Mitternacht rückten die Colonnen der Stürmenden vorwärts. Die erste -wandte sich gerade gegen die Bresche und gelangte unbemerkt bis an -den Fuß der hier nicht hohen Felswand, welche sie ersteigen mußte; -die andere unter Leitung des früheren Gouverneurs der Stadt, Oberst -Portillo, zog den Fahrweg hinan; zwei kleinere Haufen zur Rechten -und zur Linken waren bestimmt, die Aufmerksamkeit der Belagerten zu -theilen. — Diese hatten die Compagnien Grenadiere von Tortosa und -Jäger der Guiden von Aragon mit dem schweren Werke der Vertheidigung -der Bresche beauftragt, während die Reste dieser Bataillone zu beiden -Seiten die Thürme und die Schießscharten der Mauer besetzt hielten. -Drei andere Bataillone von Tortosa und Aragon, am Abend in die Stadt -gezogen, waren als Reserve in Masse<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> aufgestellt, um sich sofort auf -den eingedrungenen Feind zu werfen, oder standen in den barrikadirten -Häusern längs der Angriffsfront.</p> - -<p>Die Sappeurs arbeiteten indessen thätig an den Abschnitten, die -allenthalben in der Stadt geöffnet wurden, und richteten die -terassenförmig dem Umfange des Castells parallel laufenden Straßen zur -Vertheidigung ein; die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> bewachten rings -die Mauer. Da der Sturm mit Zuversicht erwartet wurde, befand sich -Jedermann seit dem Anbruche der Nacht auf seinem Posten. Auch Graf -Negri, selbst Alles überwachend, logirte in dem der Bresche nächsten -Thurme; er ermahnte die Freiwilligen, nicht eher Feuer zu geben, bis -der Feind den Fuß der Bresche erreicht habe.</p> - -<p>Da ward das Geräusch der nahenden Massen gehört. Rasch entzündet -wirbelte der ungeheure Holzstoß seine Flammen gen Himmel, die ganze -Weite der Bresche in züngelnde Gluth hüllend und weit in die Nacht -hinaus leuchtend. Kaum funfzig Schritt von der Bresche waren die Feinde -entfernt. Sie hielten einen Augenblick hinter dem Felsenabsatz, dann -schwangen sie sich mit wildem Gebrüll hinauf und stürmten rasend den -Feuerwogen zu, die ihnen entgegenzuckten; von den Musikchören der -ganzen Armee erschallte zugleich die Revolutions-Hymne Riego’s, zu -fanatischer Wuth sie zu entflammen, während alle Regimenter, die Blicke -auf das furchtbar erhabene Schauspiel gerichtet, in Schlachtordnung -aufgestellt waren. — Todtenstille herrschte in der Stadt; der -blutrothe Schein der Flammen zeigte den Anstürmenden die dunkeln Massen -der Carlisten ihrer harrend, die Gewehre zum Schuß bereit.</p> - -<p>Mit Muth griffen die Christinos an, deren beste Bataillone ausgewählt -waren. Unter dem lauten Rufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Isabel segunda! viva la -constitucion!</span>“ erreichten sie den Fuß der Bresche, schon betraten -sie die Trümmer, da übertönte ihr Geschrei und das Prasseln des -Scheiterhaufens donnernd das Commandowort<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> „Feuer!“ Die ersten Reihen -der Stürmenden lagen zu Boden gestreckt, aber gleich fest drangen die -Nachfolgenden über die Leichen ihrer Cameraden vorwärts. Die Kugeln aus -der Bresche und von der Mauer zu beiden Seiten schlugen sie nieder, und -nach langem vergeblichem Streben, die Trümmer zu erklimmen, wichen die -Ermüdeten hinter die schützende Felsenwand zurück.</p> - -<p>Auch Portillo’s Colonne war mit Festigkeit vorgerückt. Eine finstere -Masse erstieg sie langsam den vielfach sich schlängelnden Fahrweg, -anfangs unbelästigt, da Aller Augen auf die Bresche gerichtet waren, -deren helle Gluth malerisch die grausige Scene erleuchtete. Aber -bald sprüheten die Mauern auch auf sie Tod und Zerstörung hinab. -Unerschüttert drang die Colonne auf ihrem gefährlichen Marsche vor, der -in der wirksamsten Schußweite längs einem Theile der Mauer hinführte; -das Feuer wurde mit jedem Augenblicke heftiger, große Steine wurden -von den Thürmen des San Martin-Thores herabgeschleudert, und die -Soldaten fielen in dichten Haufen. Da stand die Colonne regungslos, -weder vordringend noch weichend, als Oberst Portillo wüthend vorwärts -stürzte: von den Seinen verspottet und verachtet hatte er geschworen, -die schimpflich verlorene Veste zu nehmen oder unter ihren Mauern -zu sterben. Sein Schwur ward erfüllt. Mit wildem Fluche schleuderte -er seinen Degen über die Mauer hinein in die Stadt, die er nicht zu -bewahren gewußt, und sank gräßlich lästernd, von fünf Kugeln zum Tode -getroffen. Als der Führer gefallen war, stürzte die Masse gelichtet und -schwankend zurück und vereinigte sich, rechts sich schiebend, hinter -dem Felsen mit den Gefährten, die so eben von der Bresche gewichen -waren. — Oberst Portillo blieb am Fuße der Mauer liegen.</p> - -<p>Bald waren die Truppen von neuem geordnet und durch ein Bataillon -verstärkt, das gefürchtetste der christinoschen Armee: die Jäger von -Oporto, aus deutschen Abenteurern bestehend,<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> waren zum Sturm beordert. -Wieder erklimmte die Masse den Felsen und stürmte gegen die Bresche, -nicht mehr in der majestätischen Ordnung wie vorher, — wild und -gedrängt mit fanatischem Freiheitsgeheule; nur die Fremden schritten -lautlos und fest wie zur Parade nach dem gleichmäßigen Tacte der -herüberrauschenden Janitscharen-Musik. Wieder wurden die Trümmer der -Bresche mit den Leichen der Wüthenden bedeckt, und zerstreut flohen die -Verschonten. Die Jäger von Oporto allein wichen nicht, sie erstiegen -die Bresche, oben auf ihr, von Flammen umspielt, suchten sie den Weg -durch die brennenden Stoffe und stürzten dort unter den tödtlichen -Kugeln in die Gluth. Doch das Feuer vor ihnen und dahinter eine neue -Mauer, Verderben speiend, machte alle Anstrengungen vergeblich: die -Deutschen wichen, Morella war gerettet.</p> - -<p>Umsonst ermunterten die Officiere ihre Compagnien zu nochmaligem Sturm, -finsteres Schweigen antwortete ihren Bitten, ihren Drohungen, und die -Soldaten rührten sich nicht hinter dem Felsen, der sie deckte. Um drei -Uhr Morgens zogen die abgeschlagenen Truppen entmuthigt und die Reihen -gelichtet ins Lager zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der 16. August verging unter steten, blutigen Scharmützeln der beiden -Armeen, da die Carlisten so eben einen Transport Pulver erhalten -hatten; zugleich spielte die Artillerie fortwährend gegen die -Festung, den neuen letzten Versuch der Christinos vorzubereiten und -die Ausbesserung der Bresche zu verhindern. Denn noch einen Versuch -wollte Oráa machen und zwar ohne Aufschub: seine Soldaten aßen seit -drei Tagen nur geröstetes Korn, die Pferde hatten alles Getreide der -Felder aufgezehrt und fielen schon häufig. Der Sturm sollte bei Tage -unternommen werden, da die Führer der beim ersten Angriffe angewendeten -Corps das Mißlingen desselben der Verwirrung im<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span> Dunkel der Nacht -und dem Umstande zuschrieben, daß weder die Braven durch Hoffnung -auf Auszeichnung getrieben wären, noch die Feigen Schmach und Strafe -gefürchtet hätten, weil ja beide unbekannt blieben.</p> - -<p>Am 17. August bei Anbruch des Tages gaben drei Kanonenschüsse das -Signal zum Sturm. Dreizehn Bataillone griffen in fünf Colonnen die -Festung von drei Seiten an; aber nur die gegen die Bresche gerichtete -Masse, die Regimenter Ciudad-Real und Ceuta, kämpfte brav. Sie gelangte -auch dieses Mal bis auf die Trümmer — der Kugelregen trieb sie wieder -und wieder zurück, bis endlich Muthlosigkeit die Schaar ergriff, da sie -ihre Chefs und die besten Officiere fallen sahen. In wilder Verwirrung -flohen sie dem verschanzten Lager zu, mit Kraft von den Bataillonen -Guiden und Tortosa verfolgt, welche unter des Grafen Negri Führung, -durch die Bresche hinabsteigend, auf die Fliehenden sich warfen und -ihnen ein leichtes Geschütz abnahmen. Die zur Escalade bestimmten -Colonnen hatten nirgends den Fuß der Mauer erreicht.</p> - -<p>Nachdem Oráa am 17. wiederum die Stadt mit allen Mörsern und Haubitzen -beworfen und dadurch unnütz große Verwüstungen unter den Häusern -angerichtet hatte, brannte er während der Nacht alle Masadas der -Umgegend nieder und begann am 18. den Rückzug auf Alcañiz, die -Unternehmung aufgebend, die er mit so unendlichem Aufwande vorbereitet, -deren Erfolg er als unfehlbar verkündet hatte.</p> - -<p>Da, wie gesagt, die carlistische Armee ganz von Munition entblößt war -— jeder Soldat erhielt am 18. Morgens eilf Patronen von einem gerade -angelangten Transport — kehrte Cabrera nach Morella zurück, die -weitere Verfolgung oder vielmehr Beobachtung der abziehenden Feinde -der Division von Castilien unter Merino überlassend, nachdem er sie am -18. und 19. von Position zu Position, fast immer mit dem Bajonnett, -gedrängt und einige hundert Gefangene ihnen abgenommen hatte. Den<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> -Truppen war auch nicht eine Patrone geblieben. Eben dieser empfindliche -Mangel, durch den Cabrera verhindert wurde, den errungenen Vortheil bis -zur Vernichtung des christinoschen Heeres zu verfolgen, war auch die -Ursache, daß der General während der letzten Tage der Belagerung mit -den Divisionen eine ganz secundäre Rolle spielte und besonders während -der Stürme, bei denen energisches Handeln von außen her entscheidend -sein konnte, als nur passiver Zuschauer dastand. Wie oft dankten -die Feinde des Königs ihre Siege oder ihre Rettung dem ungeheuren -Mißverhältnisse zwischen den materiellen Mitteln der kämpfenden Heere!</p> - -<p>Dennoch waren die Folgen des mißlungenen Unternehmens gegen Morella -unberechenbar. Die feindliche Armee hatte in den tausendfachen Kämpfen -und Strapatzen der letzten vier Wochen einen Verlust von 7000 bis 8000 -Mann, einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke, gehabt, von denen -über 5000 auf dem Kampfplatze oder in den Hospitälern in Folge der -Verwundung durch bronzene Kugeln starben.</p> - -<p>Durch gänzlichen Mangel an Blei waren nämlich die Carlisten genöthigt, -jedes Metall, welches sie erlangen konnten, zu ihren Flintenkugeln -zu benutzen, so daß, wenn nicht augenblicklich Hülfe kam, durch das -Ausscheiden von Gift in der Wunde diese tödtlich werden mußte. Oráa -protestirte gegen den Gebrauch solcher Kugeln als dem Völkerrechte -zuwider, worauf Cabrera sich bereit erklärte, sofort der gewöhnlichen -Kugeln ausschließlich sich zu bedienen, wenn ihm Oráa das zum Guß -derselben nöthige Blei verabfolgen ließe. Da auf diese Forderung weiter -keine Antwort erfolgte, fand die Anwendung der tödtlichen Geschosse -ferner Statt. Die revolutionairen Blätter aber schrien über die -Barbarei und Unmenschlichkeit des Feindes, der solche Waffen gebrauche!</p> - -<p>Jenem ungeheuren Verluste der Christinos gegenüber hatte die -carlistische Armee während der Dauer der Belagerungs-<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span>Operationen nur -1400 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt, wie denn alle Umstände -solche Ungleichheit natürlich machten.</p> - -<p>Weit höher jedoch als dieser materielle Vortheil war der in seinen -Folgen so viel wichtigere moralische Einfluß zu schätzen, welchen die -Aufhebung der Belagerung von Morella auf die beiden Heere, dann auf das -Volk und auf den Krieg ausübte. Der Nimbus der Unwiderstehlichkeit war -nun von der Armee der Christinos gewichen, denn bis dahin rühmte sie -sich, daß, wohin ihre Massen sich wendeten, sie immer durchdrängen und -die leichten Schaaren der Facciosos zerstieben machten oder vor sich -niederschmetterten; sie behaupteten, daß die Carlisten im geregelten -Kampfe ihnen nie widerstehen, ihrem Sturme nie Stand halten könnten; -sie pochten auf ihre Organisation und Massen-Taktik und schrieben -die einzelnen Siege, welche sie den noch immer als Horden und Banden -bezeichneten Feinden zugestanden, nur der Überraschung und der -Benutzung des günstigen Terrains zu.</p> - -<p>Jetzt änderten sie plötzlich ihre Sprache gegen und über jene -verachteten Schaaren. Eine Unternehmung, zu der die Blüthe der Armee -unter allen ihren ausgezeichnetsten Generalen sich vereinigt hatte, und -für welche die umfassendsten Vorbereitungen getroffen waren, war ganz -mißlungen; eine Operation, bei der sie ihre gerühmte Überlegenheit so -vollkommen entwickeln konnten, hatte in entschiedener, schimpflicher -Niederlage geendet. Das Selbstvertrauen der Christinos war dahin, und -mit ihm schwanden alle die Vorzüge und die moralische Macht, die sie -noch immer behauptet hatten. Die Armee des Centrum, wiewohl sogleich -durch mehrere Brigaden der Nordarmee und aus dem Innern verstärkt, -erlangte jene Überlegenheit nie wieder.</p> - -<p>Dagegen erkannten die Freiwilligen, was sie vermochten, und die -Vortheile anerkennend, welche die Organisation und militairische -Ausbildung der Feinde neben ihren großen materiellen<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> Hülfsquellen -ihnen gaben, hielten sie sich jetzt für unüberwindlich, da sie ja über -das Alles so herrlichen Sieg davongetragen hatten. Das Volk aber sah -von nun an die Sache der Carlisten als die entschieden siegreiche; -demnach wagte es entweder offener seine Neigung darzuthun, oder es -schmiegte sich leicht unter das ihm unabwendbar scheinende Verhängniß.</p> - -<p>Die Folgen aber dieses Schlages für die Operationen der Armeen und -für den Krieg im Allgemeinen waren von entscheidendem Gewichte; der -Verrath eines Maroto war nöthig, um sie zu paralysiren. Der ganze große -Vernichtungsplan der Feinde war vereitelt, in sich zusammengefallen; -sie sahen sich nicht nur im westlichen Spanien geschlagen und selbst -schwer bedroht, auch Espartero gab auf die Nachricht davon sogleich -sein Unternehmen auf Estella und auf Navarra auf, zu seiner alten -Unthätigkeit zurückkehrend. Die müssigen Schreier der Puerta del Sol, -die im Voraus gejubelt hatten, wagten nun, den greisen Führer der -Armee des Centrum, den General, der Alles gethan, was der General -thun konnte, weil er eine Niederlage erlitten hatte, als Verräther -zu bezeichnen und des Einverständnisses mit Cabrera zu zeihen. -Wenige Wochen vorher war er der Held, auf den allein sie vertrauten, -überschüttet mit Preis und Schmeichelei. Das ist der Liberalismus der -Spanier!</p> - -<p>Den General Cabrera belohnte seines Königs Gnade für so herrlich -errungene Erfolge durch den Titel des Grafen von Morella, den das -Cabinet Maria Christina’s für Oráa, den Sieger, bestimmt hatte; -zugleich ward er zum General — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">teniente general</span>, dem General -der Infanterie oder der Cavallerie entsprechend — ernannt, als welcher -er die Provinzen Aragon, Valencia, Murcia und Cuenca commandirte. Fünf -Jahre hatten dem armen Studenten hingereicht, um in der Vertheidigung -der Rechte seines Königs von Stufe zu Stufe die höchsten Grade und -Ehren sich zu verdienen und, gefürchtet vom Feinde,<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span> die Hoffnung -der Seinen, an der Spitze eines von ihm selbst im Kampfe gegen -die Usurpation gebildeten Heeres über vier mächtige Provinzen zu -herrschen;<a name="FNAnker_65_65" id="FNAnker_65_65"></a><a href="#Fussnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> in fünf Jahren hatte der unbekannte Jüngling, der mit -einem Stock bewaffnete Guerrillero, europäischen, geschichtlichen Ruhm -sich erworben.</p> - -<p>Auch die Armee ward nach dem Vorschlage des Generals reich belohnt; -die Divisions-Chefs und Brigadiers Don Domingo Forcadell und Don Luis -Llagostera, der ganz besonders durch Thätigkeit und Einsicht sich -hervorgethan hatte, wurden zu General-Lieutenants — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">mariscales -de campo</span> — erhoben und als zweite commandirende Generale den -einzelnen Provinzen vorgesetzt.</p> - -<p>Die Armee unter dem Oberbefehle des Grafen von Morella bestand nach der -Belagerung von Morella aus folgenden Truppen.</p> - -<p>Die Division vom Ebro, unter dem unmittelbaren Befehle des Generals en -Chef, enthielt die Brigade von Tortosa, 3 Bataillone unter dem Oberst -Palacios, stets um die Person des Generals und von den übrigen Truppen -als seine Garde bezeichnet; und die Brigade von Mora, 2 Bataillone -unter Oberst Feliu, nebst dem Regiment Lanciers von Tortosa, unter -Oberst Gil. 3200 Mann Infanterie und in 4 Escadronen 350 Pferde.</p> - -<p>Die Division von Aragon unter dem Mariscal de Campo Llagostera bestand -aus 6 Bataillonen, durch die Verluste des Frühjahres sehr geschwächt, -und 2 Regimentern Lanciers, 2400 Mann Infanterie und in 5 Escadronen -330 Pferde.</p> - -<p>Die Division von Valencia zählte 6 Bataillone und ein Regiment Lanciers -unter dem Mariscal de Campo Forcadell. 3800 Mann Infanterie und in 4 -Escadronen 320 Pferde.</p> - -<p>Die Division von Murcia — früher del Turia und unter Tallada -vernichtet — unter dem Oberst Arnau ward organisirt<span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span> und enthielt -jetzt 2 Bataillone und 2 Escadrone. 700 Mann Infanterie und 120 Pferde.</p> - -<p>So sah sich Cabrera an der Spitze von etwa 10000 Mann Infanterie und -1100 Pferden. Dazu kamen das Artillerie- und das Genie-Corps, letzteres -bis dahin nur aus Sappeurs mit nicht wissenschaftlichen Officieren -bestehend, und die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span>, welche ihre Wohnsitze -nicht verließen, nebst einigen kleinen Freicorps, die kaum 200 Mann -stark waren.</p> - -<p>Merino marschirte alsbald mit den Bataillonen von Castilien ab; ebenso -kehrten Graf Negri und Don Basilio mit den Reitern des ersteren durch -einen kühnen Zug nach Navarra zurück. Don Basilio’s 200 Mann traten zur -Brigade von Tortosa über.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_65_65" id="Fussnote_65_65"></a><a href="#FNAnker_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Denn Cabrera herrschte in ihnen; nur die festen Städte -gehorchten dem Feinde.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier23" name="zier23"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 23" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_392" id="Seite_392">[S. 392]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXIV">XXIV.</h2> - -</div> - -<p>Oráa hatte die Belagerung von Morella aufgehoben. Die Beobachtung des -geschlagenen Feindes der Division von Castilien überlassend, eilte -Cabrera mit zwei Divisionen der fruchtbaren Huerta von Valencia zu, -den glorreichen Sieg thätig zu benutzen: am 24. August schon stand er -vor den Thoren der Hauptstadt, die wenige Tage vorher durch glänzende -Feste die Eroberung von Morella gefeiert hatte, da die Nachricht davon -als unzweifelhaft verbreitet war. Auch jetzt empfing das Jubelgeläute -aller Glocken die carlistische Armee, denn Niemand zweifelte, daß der -wilde Cabrera nach dem Verluste seiner Festung und geschlagen vor -dem siegreichen Heere Christina’s auf der Flucht begriffen sei und -unmittelbar von demselben verfolgt werde.</p> - -<p>Doch er durchzog ruhig die ganze reiche Provinz, erhob überall -Contributionen und häufte große Vorräthe von Lebensmitteln und -Kriegsbedarf an; er überschritt den Guadalaviar, vereinigte sich mit -den Bataillonen von Arnau, der mit einigen Truppen von der Division des -Ebro von Morella direct nach dem während der Belagerung verlassenen -Chelva marschirt war, passirte dann auch den Xucar und drang im -Triumphzuge bis unter die Mauern von Alicante und in die Umgegend von -Murcia. Mit sechshundert requirirten Pferden, einigen hundert Rekruten -und einem ungeheuren Convoy richtete er sich wieder gen Norden. Und auf -dem ganzen stolzen Zuge hatte jeder Freiwillige nur zwei Patronen!</p> - -<p>Während San Miguel die Artillerie nach Alcañiz escortirte, hatte sich -Borso rasch auf Valencia, Oráa nach Teruel gewendet, von wo dieser auf -die Nachricht von dem Zuge Cabrera’s<span class="pagenum"><a name="Seite_393" id="Seite_393">[S. 393]</a></span> gleichfalls nach dem Königreiche -Valencia hinabstieg, um in Vereinigung mit Borso den Carlisten den -Rückweg abzuschneiden. Er stellte sich deshalb in Jerica auf, während -Borso mit seiner Division das nur drei Stunden entfernte Segorve inne -hielt. Cabrera aber, dessen Truppen fortwährend ganz ohne Munition -waren, führte mittelst eines kühnen Manövres den ganzen unermeßlichen -Convoy mitten durch die feindlichen Divisionen hin, welche in die -von ihnen besetzten Städte sich einschlossen und die wehrlose, durch -Tausende von Maulthieren und beladenen Karren zu viele Stunden langem -Zuge verlängerte Colonne unangefochten passiren ließen.</p> - -<p>Bei dem Zustande gänzlicher Entmuthigung, in dem ihre Truppen sich noch -befanden, wagte keiner der beiden Generale den Angriff, bei dem er der -Mitwirkung seines Gefährten nicht gewiß war. Nur Generalmajor Valdés -beunruhigte die Arrieregarde und nahm ihr einige Karren ab, die aber -durch einen raschen Angriff der nächsten Compagnien wieder gewonnen -wurden. So gelangte Cabrera mit der ganzen herrlichen Beute ohne -Verlust nach Onda am Mijares, wo er durch die von Cantavieja’s Fabriken -erhaltenen Sendungen die Divisionen wieder mit Munition versehen konnte.</p> - -<p>General Oráa, von dem man sicher erwartet hatte, daß er nun den -gehaßten Chef vernichten oder wenigstens den Convoy ihm abnehmen werde, -verlor bald das Commando, da er wieder ihn hatte entschlüpfen lassen. -An seine Stelle trat der General Don Antonio van Hahlen, Bruder des -Generals, der einst in den belgischen Unruhen eine bedeutende Rolle -spielte. Sogleich nach dem Rückzuge von Morella war der Kriegsminister -General Latre selbst zur Armee gekommen, um sie zu inspiciren und die -Ursachen jener Niederlage zu erforschen.</p> - -<p>Cabrera wandte sich sofort nach Unter-Catalonien, überschritt bei Mora -den Ebro, zog einige Geschütze aus Miravet, einem alten, sehr starken -maurischen Castell auf dem südlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_394" id="Seite_394">[S. 394]</a></span> Ufer jenes Flusses, welches er -sorgfältig hatte herstellen lassen, und griff die beiden feindlichen -Forts von Falset und Belmunt an, deren ausgedehnte Bleiminen wegen des -drückenden Mangels an diesem Metalle von hoher Wichtigkeit wurden. Oráa -schon in der letzten Zeit seines Heerbefehls zog sich auf der großen -Straße längs der Küste des Meeres bis Tortosa; vor seiner Ankunft hatte -jedoch Cabrera das eine der belagerten Forts genommen, da die Besatzung -während der Nacht entfloh, und war auf das rechte Ufer des Ebro -zurückgekehrt, nachdem er den vorgefundenen Vorrath an Blei und seine -Artillerie nach Miravet gesendet hatte.</p> - -<p>Ein Ereigniß verdient erwähnt zu werden, welches, ein trauriges -Erzeugniß des mit Wildheit des Characters gepaarten, glühenden -Partheihasses, das Grauen selbst der an die blutigen Scenen des -Bürgerkrieges gewöhnten Krieger erregte. Unter der Besatzung von Falset -befand sich ein junger Catalan, dessen beide Brüder in der Division -vom Ebro für die carlistische Sache kämpften. Sie forderten, da Falset -belagert wurde, den Bruder auf, mit ihnen zur Vertheidigung seines -legitimen Königs sich zu vereinigen; er aber erwiederte von der Mauer -herab lästernd und mit Hohn, daß sie selbst aus dem Fort ihn holen -möchten; dann erst würde er ihnen folgen. Wenige Tage nachher räumte -die Besatzung das Fort und zerstreute sich lebhaft verfolgt, worauf -jener Catalan, da er sich auf dem Punkt sah, gefangen zu werden, für -Überläufer sich erklärte. Kaum umringt traf er auf seine Brüder und -eilte zu ihnen, Schutz hoffend. Und die Beiden, wie sie den Kommenden -erblickten, erhoben ihre Gewehre und streckten ihn todt zu ihren Füßen, -ihm zurufend: „Du bist nicht würdig, unser Bruder zu heißen!“</p> - -<p>Bei einer andern Gelegenheit sah ich auf unsern Vorposten einen -Freiwilligen, schon bejahrt, dessen Sohn, kaum zweihundert Schritt -entfernt, einer Feldwache des Feindes angehörte. Beide riefen sich -zu, da sie bei den unter den Posten nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_395" id="Seite_395">[S. 395]</a></span> ungewöhnlichen Gesprächen -sich erkannt, und forderten wechselseitig sich auf, nicht länger für -Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu kämpfen, vielmehr sofort der -gerechten Sache sich zu weihen. Da solche Überredung Nichts fruchtete -und endlich in Gezänk und Schimpfen ausartete, griffen sie fluchend zu -den Waffen, und Vater und Sohn sendeten sich Kugeln zu. Sie trafen sich -nicht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Cabrera nördlich vom Ebro mit der Einnahme von Falset beschäftigt -war, manövrirte General Pardiñas von Alcañiz aus, um die Verbindung -mit Morella ihm abzuschneiden. Cabrera, auf das südliche Ufer -zurückgekehrt, wandte sich gegen ihn, und nachdem die beiden Generale, -einige Tage lang in unmittelbarer Nähe sich beobachtend, umsonst -günstige Gelegenheit zum Schlagen erspähet hatten, zog sich Pardiñas in -den letzten Tagen des Septembers nach Maella am Nonaspe zurück, während -Cabrera das wenige Stunden entfernte Favara besetzte.</p> - -<p>Pardiñas, den wir früher in seinen Siegen kennen lernten, war einer der -ausgezeichnetsten Generale Christina’s, wie Cabrera jung, entschlossen, -brav und thatendurstig; er hatte durch die Vernichtung der Corps von -Don Basilio und Tallada seinen Ruf begründet und sprach laut den Wunsch -aus, mit seinen siegreichen Truppen auf des gefürchteten Häuptlings -Schaaren zu treffen, um den Übermuth desselben blutig niederzuschlagen. -Die Division, welche er in Maella commandirte, bestand aus fünf -erprobten Bataillonen und drei Escadronen, denselben, die er bei der -Verfolgung jener Generale angeführt hatte, und so eben neu ergänzt, so -daß sie 4700 Mann Infanterie und 450 Pferde enthielten. Cabrera hatte -die fünf Bataillone der Division vom Ebro und zwei Bataillone von -Aragon bei sich, etwa 4100 Mann; seine Cavallerie aber war über 700 -Pferde stark.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_396" id="Seite_396">[S. 396]</a></span></p> - -<p>Da Cabrera mehrere Bataillone von Aragon erwartete, verließ er am -Morgen des 1. Octobers seine Stellung, um die Vereinigung mit ihnen -zu erleichtern. Zugleich brach auch Pardiñas von Maella auf, um den -Heranmarsch der Verstärkung zu begünstigen, die von Caspe aus zu ihm -stoßen sollte.<a name="FNAnker_66_66" id="FNAnker_66_66"></a><a href="#Fussnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a></p> - -<p>Von Maella nach Favara, Südwest zu Nordost, erstreckt sich ein etwa -drei Stunden langer Höhenzug, dessen obere, ganz kahle Fläche, ein -Hochplateau bildend, in seiner größten Breite — anderthalb Stunden -von jedem der beiden Orte — etwa eine halbe Stunde beträgt. Die -Verbindungswege zwischen ihnen laufen zu beiden Seiten dieser Höhe in -dem Grunde der sie cotoyirenden Thäler hin, von dem das nordwestliche, -in dessen Tiefe das Flüßchen Nonaspe sich hinschlängelt, reich bebaut -und hauptsächlich mit Weingärten und mit Olivengehölzen bedeckt ist, -auch ist die Höhe dorthin sehr sanft abgedacht. Das andere südöstliche -Ravin ist durch steil abfallende Wände gebildet und durch rauhe, -vorspringende Felsmassen verengt; es ist mit Ausnahme von wenigen -Olivenbäumen ganz ohne Cultur.</p> - -<p>Pardiñas, die von Caspe herführenden Wege zu decken, schlug natürlich, -links sich wendend, den Weg längs dem Flusse ein, um nach der -Vereinigung mit der erwarteten Verstärkung<span class="pagenum"><a name="Seite_397" id="Seite_397">[S. 397]</a></span> Cabrera anzugreifen, -während dieser, ohne von der Absicht und dem Ausbruch jenes Generals -Nachricht zu haben, von Favara aus gleichfalls links das schroffere -südöstliche Thal hinabzog, da die Bataillone, denen er die Hand reichen -wollte, von Süden her naheten.</p> - -<p>Die Eclaireurs der beiden Corps, längs den Flanken der Marschcolonnen -schwärmend, trafen sich auf der Mitte des Plateaus und eröffneten -alsbald das Feuer. Die beiden Generale schickten den Kämpfenden -Verstärkung auf Verstärkung und zogen sich, ihrem Vortrabe folgend, -nach und nach auf die Höhe des Plateaus, wo die Divisionen in -Schlachtordnung auf einander stießen, so daß die Avantgarde einer jeden -der Arrieregarde der andern gegenüberstand, welche die Christinos -jedoch bedeutend zurückgehalten hatten. Die Front der Carlisten war -jetzt nach Norden gerichtet.</p> - -<p>Die feindliche Cavallerie der Avantgarde stürzte sich auf die beiden -Bataillone von Mora, welche den rechten Flügel der Carlisten bildeten, -durchbrach sie, noch nicht geordnet, und säbelte sie furchtbar nieder. -Das Regiment von Tortosa sprengte zu ihrer Rettung herbei, und sie -konnten, von den Guiden von Aragon aufgenommen, sich rasch formiren -und wieder vordringen. Die Lanciers von Tortosa aber wurden durch -einen neuen, heftigen Choc gleichfalls geworfen und verloren eine -große Zahl Todter, da die Christinos Alle, welche sie einholten, mit -dem Rufe: „heute giebt es keinen Pardon für Euch!“ erbarmungslos -niederstachen, wiewohl diese, von den Pferden springend, sich gefangen -gaben.<a name="FNAnker_67_67" id="FNAnker_67_67"></a><a href="#Fussnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> Zugleich griff Pardiñas mit seiner Infanterie des Centrum -die Bataillone von Tortosa an, welche auf vierzig Schritt Entfernung -mit Bataillons-Salven die Massen<span class="pagenum"><a name="Seite_398" id="Seite_398">[S. 398]</a></span> empfingen und dann mit dem Bajonnett -ihnen entgegenstürmten. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück. -Die braven Tortosiner wichen nicht, und die Bataillone von Cordova -und Afrika, eben so brav, drangen immer wieder zu wildem Angriffe. So -ward die Infanterie beider Corps in furchtbarem Handgemenge vermischt, -aus dem die Losungsworte <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto! und viva Isabel -segunda!</span> verwirrt durch einander tönten, da nicht eine einzige -Compagnie in sich geschlossen geblieben war.</p> - -<p>Cabrera erkannte, daß der Augenblick der Entscheidung da war: ein -Cavallerie-Angriff in solchem Chaos mußte Wunder thun. Er beorderte -einige der Escadrone herbei, die so eben auf dem rechten Flügel die -Fortschritte der feindlichen Reiter wieder gehemmt hatten. Aber ehe -sie anlangten, stürzte er, schon leicht verwundet, an der Spitze -seiner Ordonnanzen, kaum 60 Reiter, in die Mitte des Getümmels der -Infanterie, mit dem Rufe: «<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">hay cuartel, abajo las armas!</span>» — -es giebt Pardon, nieder mit den Waffen! — die Christinos betäubend. -Die verwegene That hatte den herrlichsten Erfolg. Die Feinde überall -mit der Infanterie von Tortosa gemischt, konnten sich nicht in Massen -formiren; allgemeine Bestürzung, panischer Schrecken ergriff sie, -und Pelotons, Compagnien und ungeordnete Haufen, wie sie aus dem -Handgemenge sich vereinigen konnten, streckten die Waffen, Alles -verloren wähnend, da sie die Cavallerie der Carlisten in ihrer Mitte -sahen. Wenige flohen. Die Ordonnanzen und die herangezogenen Escadrone -von Tortosa, der Infanterie das Werk der Entwaffnung überlassend, -jagten an dem erstarrten Haufen der Christinos vorüber, die zagend -die Gewehre niederwarfen, bis sie wieder und wieder die ganze Linie -durchkreuzt hatten.</p> - -<p>In einer Viertelstunde war das Unglaubliche vollbracht. Zugleich -warf sich der linke Flügel Cabrera’s auf den zurückgezogenen, auf -dem Abhange stehenden Nachtrab der Feinde, bei<span class="pagenum"><a name="Seite_399" id="Seite_399">[S. 399]</a></span> welchem sämmtliche -Bagage sich befand. Er war sofort zerstreut und floh in gränzenloser -Verwirrung auf Caspe, die Vernichtung der schönen Division verkündend, -worauf die zur Verstärkung derselben bestimmten Truppen dort blieben.</p> - -<p>Pardiñas hatte sich umsonst bemühet, das Gefecht wieder herzustellen; -in Verzweiflung stürzte er mit der Cavallerie des linken Flügels zur -Rettung seiner schon aufgelöseten Bataillone, aber die Escadrone wurden -durch die Festigkeit einiger Compagnien von Tortosa geworfen und durch -einen Chor der Lanciers ganz zerstreut und, in die Schlucht gedrängt, -größtentheils gefangen. Bald war an die Stelle des wilden Tumultes -majestätische Ruhe getreten, nur durch den jubelnden Siegesruf: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva -el Rey!</span> unterbrochen.</p> - -<p>Schon verwundet, das Pferd unter ihm getödtet, floh Pardiñas allein -und zu Fuß dem Ravin zu, durch welches Cabrera’s Armee heraufgezogen -war. Vom Oberstlieutenant Rufo, einem Adjudanten des Generales, zu -Pferde verfolgt, gelangte er bis zu dem Grunde des Thales, vermochte -aber, geschwächt durch Blutverlust, nicht mehr, die entgegengesetzte, -steile Höhe zu ersteigen. Er ergriff das Gewehr eines Grenadiers, der -gleichfalls fliehend an ihm vorübereilte, und zerschmetterte durch -einen Schuß den Arm Rufo’s, da dieser ihn aufforderte, sich zu ergeben. -Das Feuer hatte schon ganz aufgehört; so zog dieser vereinzelte Schuß -einige Ordonnanzen herbei, welche, den Adjudanten ihres Generales -verwundet sehend, den feindlichen Anführer niederhieben, wiewohl er als -Pardiñas sich kund gab.<a name="FNAnker_68_68" id="FNAnker_68_68"></a><a href="#Fussnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_400" id="Seite_400">[S. 400]</a></span></p> - -<p>Oberstlieutenant Rufo, mit einer Schwester des Grafen von Morella -verlobt, starb einige Wochen nach der Action in Valderobles, da die -sogenannten Wundärzte nicht sogleich zur schwierigen Amputation -geschritten waren. Die Nachricht von der Verwundung des Geliebten warf -seine Braut, die liebenswürdigste von den drei reizenden Schwestern -des Generals, auf das Krankenlager; sie überlebte nur um einen Tag die -Schreckenskunde von seinem Tode.</p> - -<p>Der Sieg nach einstündigem, furchtbarem Ringen war vollkommen. 3500 -Mann waren gefangen, über 4000 Gewehre, zwei Geschütze, 350 Pferde und -die ganze reiche Bagage wurden auf dem Schlachtfelde erbeutet. Nur 800 -bis 900 Mann, zum Theil unbewaffnet, entkamen nach Alcañiz und Caspe, -wo sie die größte Bestürzung verbreiteten, die bald durch das ganze -christinosche Spanien wiederhallte. — Der Verlust der Carlisten war -sehr bedeutend, wie solcher Kampf ihn mit sich brachte, sie zählten -ungefähr 1200 Mann Todter und Verwundeter, ein Viertel ihrer ganzen -Stärke.</p> - -<p>Nach dem Siegestage von Maella entsendete Cabrera drei Bataillone und -zwei Escadrone unter dem Oberst Polo nach Castilien, wo sie bis in die -Mancha vordrangen und, ohne Widerstand zu finden, einen großen Convoy -von Lebensmitteln sammelten — der Winter war ja nahe. — Er selbst -durchstreifte mit der Division vom Ebro Nieder-Aragon bis an die Thore -von Zaragoza, während sein Adjudant, Oberst Garcia, der wegen seiner -mannichfachen militairischen Kenntnisse bei dem gänzlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_401" id="Seite_401">[S. 401]</a></span> Mangel an -Genie-Officieren<a name="FNAnker_69_69" id="FNAnker_69_69"></a><a href="#Fussnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> deren Functionen versah, die Blockade von Caspe -leitete. Llagostera aber drang von neuem in die Ebene von Valencia und -bis in das Königreich Murcia vor; bei seiner Rückkehr traf er auf den -General Borso und ward am 2. December bei Chiva geworfen, wobei er -etwa 200 Gefangene einbüßte, welche erschossen wurden, da schon das -Repressalien-System in Kraft getreten war. Doch später davon.</p> - -<p>So wie das Belagerungsgeschütz dort anlangte, war Cabrera nach Caspe -geeilt; er ließ sofort die Batterien errichten, beschoß die Stadt -kräftig und hatte sich schon in einigen Häusern unmittelbar neben der -Mauer festgesetzt, als General van Hahlen mit starkem Corps zum Entsatz -nahete. Auf seiner Flanke und in den Communicationen bedrohet, zog -Cabrera seine Artillerie am 18. October zurück, hob die Belagerung -auf und wandte sich nach dem Königreiche Valencia, wo Forcadell durch -Überfall des Castells von Villamaleja sich bemächtigt hatte. Da van -Hahlen sich sofort dahin in Bewegung setzte, stand der carlistische -Feldherr nach einigen Gewaltmärschen wieder in Aragon und erneuerte die -Belagerung von Caspe, die auch dann fehlschlug, weil Niemand in der -Armee sich fand, der eine Mine, welche nothwendig war, mit gehöriger -Wirkung anzulegen wußte.</p> - -<p>Cabrera durchzog in den letzten Tagen des Novembers noch ein Mal die -fruchtbare Huerta und machte einen vergeblichen Versuch, Lucena in -Valencia durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, worauf er nach Morella -ging, da die Witterung für den Augenblick jede Operation unmöglich -machte. Mehrere Monate verflossen in anscheinender Unthätigkeit. -General van Hahlen begnügte sich, Convoys nach den vorgeschobenen -Festungen<span class="pagenum"><a name="Seite_402" id="Seite_402">[S. 402]</a></span> zu escortiren und im Halbkreise auf der großen Straße -von Castellon nach Valencia, Teruel, Daroca und Zaragoza um das -carlistische Gebiet in beobachtender Ferne sich zu bewegen. Der -Graf von Morella aber arbeitete an der Completirung und Ausbildung -der Armee, ersetzte das Vernichtete und Mangelnde und traf alle -Vorbereitungen, um mit dem Frühjahre kräftig die Offensive ergreifen -zu können, da die glänzenden Erfolge des letzten Feldzuges die -Überlegenheit des carlistischen Heeres unter Cabrera’s Leitung factisch -dargethan hatten.</p> - -<p>Cabrera ward schon von den Anhängern Carls V. als der Mann -betrachtet, der den Krieg beenden und dem Könige den Weg zu dem -Throne seiner Väter öffnen würde; in ihm concentrirten sich jetzt -alle Hoffnungen. Von der Armee der Nordprovinzen erwartete, wünschte -man nur noch, daß sie sich halten und so die ihr gegenüber stehenden -Truppen dort fesseln möge. An endlichen Sieg durch sie dachte Niemand -mehr: „Das Übrige wird schon Cabrera thun“ klang vertrauensvoll aus -Aller Munde. — Wer hätte ahnen mögen, daß Verrath die Waffenthaten -des jugendlichen Helden vergeblich machen und das sinkende Gebäude der -Revolution stützen werde!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Winter von 1838 zu 1839 sticht in der Geschichte des spanischen -Bürgerkrieges blutig durch eine lange Reihe systematischer Metzeleien -hervor, die das Gefühl mehr empören müssen als alle die Gräuel, -welche in den ersten Jahren des Krieges verübt wurden, weil diese -durch die Leidenschaft des Augenblickes und die Verhältnisse eine -theilweise Entschuldigung finden könnten, während jene, nachdem lange -schon menschlicherer Kriegsgebrauch herrschend gewesen, mit kalter -Berechnung und an Unglücklichen Statt fanden, die, seit längerer Zeit -schon gefangen, eben deshalb gegen jede Gefahr gesichert und unter<span class="pagenum"><a name="Seite_403" id="Seite_403">[S. 403]</a></span> -den Schutz von Allem gestellt erschienen, was die Leidenschaften des -Menschen bändigen kann. Ich will die Umstände darlegen, welche jene -Blutscenen veranlaßten, die natürlich ganz und allein dem carlistischen -General zugeschrieben wurden und gegen ihn den Abscheu der Welt häuften.</p> - -<p>Als ich in der Armee Cabrera’s ausgewechselt wurde, war ich, wie hoch -ich die militairischen Eigenschaften dieses Anführers stellte, von eben -so hohen Vorurtheilen gegen ihn als Menschen befangen. Ich betrachtete -die Darstellung, welche die Blätter des liberalisirten Spanien von -seiner Grausamkeit, seinem Blutdurst und den zahllosen Schandthaten -gaben, die ihm zugeschrieben wurden, als übertrieben zwar, aber doch in -ihren Grundstrichen wahr und gegründet. Daher konnte ich, wie sehr auch -der blutige Krieg mit Scenen von Härte und Rücksichtslosigkeit mich -vertraut gemacht, ja mich gewöhnt hatte, mit Gleichgültigkeit den Tod -und das Elend der Menschen bloß als materiellen Verlust oder Gewinnst -zu berechnen, dennoch nur mit Grauen auf den Mann sehen, der so jedes -höhere Gefühl verleugnete, der ohne Veranlassung mit Wollust das Blut -seiner Mitmenschen stromweise vergoß, und der in Anderer Jammer sein -Vergnügen, sein Glück fand. Denn so schilderten ihn die Christinos, -doch mit unendlich stärker aufgetragenen Farben.</p> - -<p>Während meiner Gefangenschaft brachten mich diese meine Empfindungen -gegen Cabrera, da ich offen sie auszusprechen pflegte, selbst in -häufige und scharfe Collisionen mit manchen Officieren der Armee von -Aragon, die auch wohl die Drohung laut werden ließen, im Falle ich -ausgewechselt würde, über meine Äußerungen dem General Meldung zu -machen.</p> - -<p>So darf ich wohl annehmen, daß ich in meinem Urtheile über Cabrera, -so fern es die von ihm erzählten, Schauder erregenden Schandthaten -betrifft, nicht durch blinde Partheilichkeit und durch den Glanz, -welcher für den Carlisten stets die<span class="pagenum"><a name="Seite_404" id="Seite_404">[S. 404]</a></span> Person des Helden Cabrera umgiebt, -geleitet wurde. Sehr widerstrebend, nur wenn vollkommen überzeugt, gebe -ich eine Ansicht auf, da ich einmal sie gefaßt habe. Und in der That -konnte erst die genaueste Forschung an Ort und Stelle mich zwingen, -meine Meinung über den Character Cabrera’s zu ändern; ich glaube aber, -sorgfältig und strenge geprüft zu haben, vielleicht um desto strenger, -wie das Resultat der Prüfung mehr und mehr das Gegentheil von dem mir -aufdrang, was ich mit Sicherheit zu finden erwartet hatte.</p> - -<p>Da erkannte ich denn, daß Cabrera immer fest und selbst strenge -war, daß er Vieles that, was in einem andern Lande oder in einem -andern Kriege verdammungswürdig wäre, daher von so Vielen verdammt -ist; daß er aber Alles, was ihm vorgeworfen wird, der Sache, die er -vertheidigte, und den Seinen schuldig war. Hätte er weniger gethan, -so würde er seine Pflicht verletzt haben, die er, so weit der Soldat -es darf, stets mit der Menschlichkeit zu verbinden suchte. Freilich -war Cabrera kein schwacher, jämmerlicher Wicht, der, wo er die Wuth -der Revolutions-Männer zügeln konnte — sei es, indem er in ihrem -Blute diese Wuth erstickte — wehrlos die treuen Unterthanen seines -Königs ihr hingäbe. Für die Beurtheilung des von ihm gegen die -feindlichen Soldaten und Gefangenen Geschehenen muß der Hauptpunkt -immer im Auge behalten werden, daß die strengsten Repressalien stets -gerecht, in einem Kampfe aber, wie der auf der pyrenäischen Halbinsel -wüthende es war, unumgänglich nothwendig sind und selbst unendlich -mehr Blutvergießen verhüten. Die schwächere, als Empörer, weil sie -schwächer, gebrandmarkte Parthei würde ohne sie ganz dem Bluthasse -ihrer nicht durch Rücksichten irgend einer Art zurückgehaltenen Gegner -sich überliefert haben. So bluteten Hunderte, um vielen Tausenden das -Leben zu erhalten.</p> - -<p>Wenige Monate nach der Ermordung seiner Mutter bemühte sich Cabrera -abermals, wie früher erwähnt wurde,<span class="pagenum"><a name="Seite_405" id="Seite_405">[S. 405]</a></span> menschlichere Art der Kriegführung -geltend zu machen. Es gelang ihm dieses endlich so weit, daß, wenn -ein förmlicher Vertrag fortwährend von den Feinden abgelehnt wurde, -doch der Wehrlose, anstatt wie bis dahin niedergemacht zu werden, nun -gefangen wurde, und daß häufig Auswechselung dieser Gefangenen Statt -fand, wie sehr auch die Exaltirten in allen Provinzen dagegen schrieen. -Und wie hätten die feindlichen Heerführer sich nicht entschließen -sollen, Pardon zu geben, da ja Cabrera, noch ehe sie sich dazu -verstanden, viele Hunderte von Gefangenen aufgehäuft hatte und dann -drohend erklärte, daß sie Alle zur Sühne geopfert würden, wenn nun das -Leben seiner Freiwilligen nicht verschont werde!</p> - -<p>So erpreßte die Furcht vor der immer zunehmenden Macht Cabrera’s, was -seine oft wiederholten gütlichen Vorschläge nie hatten bewirken können. -Auch ward diese stillschweigende Übereinkunft während der zweiten -Hälfte des Jahres 1837 und im folgenden bis nach der Belagerung von -Morella treu beobachtet, und selbst der Hungertod eines Theils der -Gefangenen, von dem ich erzählt habe, konnte keine Änderung darin -hervorbringen, da Oráa, wohl der Schuld sich bewußt, sich hütete, -deshalb als Ankläger aufzutreten oder Maßregeln der Rache dafür zu -nehmen. Doch plötzlich sollte diese völkerrechtliche und den Neigungen -des carlistischen Feldherrn so entsprechende Behandlung des Feindes -aufhören, und an ihre Stelle traten Scenen des Schreckens, wie sie in -solcher Ausdehnung gegen Wehrlose noch nicht Statt gefunden hatten. Die -Action von Maella bot den Vorwand dazu.</p> - -<p>Man erinnert sich, daß die feindliche Cavallerie des linken Flügels -anfangs die der Carlisten warf; sie verfolgte auf dem Fuße die -fliehenden Escadrone, und wiewohl die Eingeholten, dem Gebrauche gemäß, -von den Pferden sprangen und sich dadurch für gefangen erklärten, -schlachteten die wüthenden Reiter diese wehrlos Dastehenden mit dem -Rufe hin: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">hoy no hay<span class="pagenum"><a name="Seite_406" id="Seite_406">[S. 406]</a></span> cuartel para vosotros!</span>“ — heute giebt -es keinen Pardon für Euch! — Etwa vierzig Lanciers von Tortosa wurden -so hingemetzelt, nachdem sie sich ergeben hatten. Die christinoschen -Dragoner erklärten später, daß ihr General Pardiñas beim Beginn -der Action, seine Leute ermunternd, ihnen befohlen habe, nicht mit -Gefangenen sich einzulassen, sondern Alles niederzustechen.</p> - -<p>Nach dem letzten verzweifelten Angriffe von Pardiñas fiel nun ein -großer Theil jener Reiterei, dem Regimente Dragoner des Königs -angehörend, in die Gefangenschaft eben der Lanciers von Tortosa, -welche sie vorher so gemißhandelt hatten, und die trotz dem das Leben -ihnen ließen. Aber Cabrera, der Feldherr, durfte nicht so die Großmuth -allein hören, er mußte die Seinen rächen und Ähnlichem vorbeugen. Daher -ließ er alle Individuen jenes Regimentes absondern und sofort sie -niederschießen, ihnen zeigend, daß sie, indem sie Pardon verweigerten, -demselben auch für sich entsagten. 180 Mann erlitten diese Strafe. -Sie gehörten, wie gesagt, ohne Ausnahme jenem Regimente des Königs -an, wogegen die übrigen Gefangenen, mit der gebräuchlichen Rücksicht -behandelt, nach dem Depot des Orcajo abgeführt wurden.</p> - -<p>Kaum war dieser Act gerechter und nothwendiger Rache unter den -Christinos bekannt geworden, als wilde Gährung der Gemüther sich -bemächtigte, die durch die wiederholten Niederlagen des Heeres schon -zu grimmigem Zorne entflammt waren. Ohne sich erinnern zu wollen, daß -die Erschossenen selbst und ohne Veranlassung den Pardon verweigert -hatten, forderte das Volk — der Pöbel wird bei den Christinos das -Volk genannt, — forderten vor Allen die blutgierigen National-Garden -laut Vergeltung für den Tod jener Schlachtopfer. Die Behörden, selbst -nicht ungeneigt dazu oder sich schwach fühlend, wagten nicht, offen -dem Drängen sich zu widersetzen. Um jedoch für den Augenblick die Wuth -der Schreier abzulenken, und die Überzahl<span class="pagenum"><a name="Seite_407" id="Seite_407">[S. 407]</a></span> der Gefangenen in Cabrera’s -Händen bedenkend, griffen sie zu einem Mittel, ganz der Trabanten der -Revolution würdig.</p> - -<p>In Zaragoza, und dessen Beispiele folgend in allen größern Städten -der Provinz, wurden plötzlich Hunderte von friedlichen Einwohnern, -die sorglos ihren Geschäften nachgingen, den jammernden Familien -entrissen und eingekerkert: ihr Verbrechen war, royalistischer -Gesinnungen verdächtig zu sein. Sie sollten daher für die angebliche -Grausamkeit der Carlisten büßen. Cabrera aber, so wie er von der -empörenden Maßregel Kunde erhielt, warnte die Behörden und vorzüglich -den zweiten Commandirenden in Aragon, General San Miguel, nicht solche -Ungerechtigkeit weiter zu treiben; er machte ihn aufmerksam, daß nicht -nur in den carlistischen Depots viele tausend Gefangene für das Leben -der Eingekerkerten Bürge wären, sondern daß zahllose Liberale in dem -Gebiete der Carlisten und allenthalben, wohin ihre Truppen drängen, die -Mittel zu schrecklicher Repressalie böten.</p> - -<p>Unglücklicher Weise kam in demselben Augenblicke ein Ereigniß dazu, -welches die schon drohend angefachte Gluth sofort in Verderben -sprühende Flammen auflodern ließ. Nach den spanischen Kriegsgesetzen -wird jeder Gefangene, welcher einen Versuch zur Flucht macht, wenn -er ergriffen wird, mit dem Tode bestraft. Die carlistischen und -christinoschen Behörden hatten unzählige Male solche Strafe über ihre -Gefangenen verhängt und mit vollkommenem Rechte, da das Gesetz jedem -Militair bekannt, so sie verhängte; auch war es nie der andern Parthei -in den Sinn gekommen, deshalb Klage oder Drohung laut werden zu lassen. -Ich selbst war wiederholt Augenzeuge solcher gesetzlichen Executionen -sowohl als Gefangener, da sie gegen carlistische Soldaten Statt fanden, -wie in unsern Reihen gegen Christinos, welche auf dem Versuche zur -Flucht entdeckt waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_408" id="Seite_408">[S. 408]</a></span></p> - -<p>Nun zettelten die Sergeanten der Division Pardiñas im Depot zu -el Orcajo eine Verschwörung an, um durch Gewalt die unbedeutende -Bewachungsmannschaft, zwei Compagnien, zu entwaffnen und nach dem -nicht fernen Alcañiz sich zu retten. Die Sergeanten hatten stets in -der christinoschen Armee einen ungemessenen Einfluß auf die Soldaten; -Bildung, Geist, ihre Stellung und festes Aneinanderschließen gab diesen -ihnen, und sie spielten daher stets die Hauptrolle in den tausendfachen -Emeuten vom Tumulte in den Casernen bis zur Revolution der Granja, -durch welche die Verfassung des Staates umgeworfen wurde.<a name="FNAnker_70_70" id="FNAnker_70_70"></a><a href="#Fussnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> Auch -in Orcajo nahm die Masse der Gefangenen den Vorschlag freudig auf. -Aber ein Elender fand sich, der seine Freiheit durch Verrath an den -Cameraden zu erkaufen hoffte: er zeigte das Complott an. — Sieben -und neunzig Sergeanten, stolz ihre Schuld eingestehend und rühmend, -wurden dem Kriegsrechte gemäß erschossen. Cabrera aber begnadigte die -verführten Soldaten und ließ den Angeber vor dem Eingange des Depots -aufhängen.</p> - -<p>Da brach die Wuth der Christinos alle Schranken. Sie schleppten -sämmtliche gefangene Unterofficiere aus den verschiedenen Festungen -zusammen, ergänzten ihre Zahl aus den Soldaten bis auf sieben -und neunzig und erschossen sie. Cabrera in hohem Unwillen drohte -mit Repressalien. — Sofort ließ van Hahlen, der gerade Oráa den -Heerbefehl abgenommen hatte, allenthalben die royalistischer Meinungen -Verdächtigen einkerkern und drohete, auch sie hinzurichten. Cabrera -befahl, nochmals sieben und neunzig Mann zu füsiliren und verhieß -strengste<span class="pagenum"><a name="Seite_409" id="Seite_409">[S. 409]</a></span> Rache für jeden neuen Mord, für jede neue Gewaltthat. — Van -Hahlen erklärte den Pardon für aufgehoben.</p> - -<p>Augenblicklich stand tobend der Pöbel in Valencia auf und ließ in -den letzten Tagen des Octobers einen Theil der dortigen Gefangenen, -Militairs und Privatleute, hinrichten; Alicante, Murcia, Zaragoza, -dann alle größeren Städte folgten dem Beispiele: die Kriegsgefangenen -und wegen politischer Vergehen Arretirten wurden mit Zustimmung der -Behörden erschossen oder gegen ihren Willen niedergemetzelt, und die -überall errichteten Repressalien-Juntas opferten zahllose Unglückliche, -da für jedes von den Carlisten getödtete Individuum eine jede Junta -nun auch einen Carlisten tödten wollte. Da befahl Cabrera, im Gefühle -seiner Pflicht gegen die Ermordeten und gegen seine Soldaten, daß -hinfort kein Pardon mehr gegeben werde: gegen die treulosen Mörder -Kampf auf Leben und Tod!</p> - -<p>Den ganzen Winter hindurch wüthete das schreckliche System der -Rache. Forcadell nahm Villamaleja und erschoß 55 Gefangene; in -Valencia fielen fünf und funfzig, in Teruel neun, in Zaragoza acht -Carlisten — die einzigen noch vorhandenen, — in jeder kleinern Stadt -verhältnißmäßig. Borso di Carminati schlug am 2. December bei Chiva den -General Llagostera und nahm ihm 200 Gefangene ab, denen er mit seinem -Ehrenworte das Leben zusagte, da sie sich weigerten, die Waffen zu -strecken. Van Hahlen erschien und füsilirte sie trotz der Protestation -Borso’s, der erzürnt seine Entlassung forderte. Cabrera natürlich -füsilirte wieder eben so viele Christinos.</p> - -<p>Doch verfolgen wir nicht so widerlich empörende Auftritte weiter in -ihre Einzelheiten. Die immer wiederholten Aufstände des Volkes in -Valencia und Zaragoza, die selbst mehreren Chefs der Liberalen das -Leben kosteten,<a name="FNAnker_71_71" id="FNAnker_71_71"></a><a href="#Fussnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a> zogen eben so viele Schlächtereien<span class="pagenum"><a name="Seite_410" id="Seite_410">[S. 410]</a></span> der Gefangenen -und Royalisten nach sich, und als er einst gar keine von denselben in -seiner Gewalt hatte, ließ van Hahlen seinem eigenen Berichte gemäß die -Eltern und Verwandten der carlistischen Soldaten hervorschleppen und -erschießen, die Schandthat erneuernd, welche einst Cabrera’s blinde -Mutter für die Schuld und den Haß büßen machte, welche der kühne Sohn -auf sich geladen hatte. Wie schonend aber dieser General bei aller -strengen Wiedervergeltung, die er stets übte, zu Werke ging, geht -aus dem Umstande hervor, daß bei der Abschließung des Vertrages von -Lézera am 3. April 1839 noch über dreitausend Kriegsgefangene in den -carlistischen Depots sich befanden, und daß er nur Soldaten, mit den -Waffen in der Hand gefangen, opferte, ohne trotz aller jener Proceduren -der Christinos ein einziges Mal die friedlichen Bewohner des Landes -seinen Zorn fühlen zu lassen.</p> - -<p>Übrigens muß zu van Hahlen’s Ehre hinzugefügt werden, daß er sich eben -so bereitwillig zeigte, die Vorschläge anzunehmen, welche Cabrera -auf besondern Befehl seines Monarchen im Frühjahr aufs neue für die -Abschaffung der Repressalien und feste Annahme der völkerrechtlichen -Kriegsgebräuche für beide Theile machte, wie er in der Durchführung -des Repressalien-Systems energisch und rücksichtslos sich bewies. -So ward denn jene Convention von Lézera abgeschlossen, welche den -höchsten Unwillen der Revolutions-Männer gegen van Hahlen erregte und -mehr noch als das unglückliche Resultat der militairischen Operationen -seine Absetzung verursachte. In der That gewährte sie den Carlisten -viele Vortheile, deren vorzüglichster in dem Artikel bestand, daß -die zum ersten Male Desertirten, im Falle sie wieder eingefangen -würden, als Kriegsgefangene sollten betrachtet werden. Denn theils -bestand ein nicht unbedeutender Theil der carlistischen Armee aus -solchen Deserteuren, die, gewaltsam ausgehoben, die erste Gelegenheit -benutzt hatten, um, von der Gemeinschaft mit den verhaßten Negros sich -losreißend,<span class="pagenum"><a name="Seite_411" id="Seite_411">[S. 411]</a></span> den Vertheidigern ihres Königs und ihrer Religion sich -anzuschließen. Noch mehr aber reizte sie die christinoschen Soldaten -zur Desertion, die ja durch solche Clausel straflos und erlaubt wurde, -während der carlistische Feldherr wohl vertrauen durfte, daß seine -Freiwilligen ohne Furcht und ohne Zwang treu an ihm fest hielten. In -einigen Garnisonen mußten die feindlichen Chefs nun ihre Leute strenge -bewachen lassen, und doch gingen während der ersten Wochen nach dem -Vertrage mehrere hundert Soldaten zu den Carlisten über.</p> - -<p>Nur zwei Personen hatte Cabrera von den Wohlthaten ausgenommen, welche -jener Vertrag zusicherte; eigenhändig fügte er die Worte hinzu: „Ich -will keinen Pardon und Nogueras, der Mörder meiner Mutter, erhält -keinen Pardon.“</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_66_66" id="Fussnote_66_66"></a><a href="#FNAnker_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Die folgende Action war eine der entscheidendsten und -merkwürdigsten des Krieges, da die Truppenzahl etwa gleich, das Terrain -beiden Theilen gleich günstig und dennoch der Ausgang des Kampfes für -die eine Division so völlig vernichtend war. Daher erregte sie zu jener -Zeit auch viel Aufsehen und Geschrei, weshalb ich sie näher detailliren -werde. — Die Notizen sammelte ich im Winter 1839 auf dem Schlachtfelde -selbst von Bauern und später von vielen Officieren, welche dort -mit fochten. Ich muß gestehen, daß die Darstellung der Bauern oft -klarer war, als die von Manchem dieser Officiere. — Die Bauern als -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">bagageros</span> waren übrigens Augenzeugen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_67_67" id="Fussnote_67_67"></a><a href="#FNAnker_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Pardiñas ertheilte beim Beginn des Kampfes, des Sieges -gewiß, die Ordre, keinen Pardon zu geben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_68_68" id="Fussnote_68_68"></a><a href="#FNAnker_68_68"><span class="label">[68]</span></a> In der carlistischen Armee ward der Tod von Pardiñas, -über den die christinoschen Lärmmacher lautes Geschrei erhoben, -gewöhnlich erzählt, wie General von Rahden in seinem Werke ihn -wiedergiebt: daß Pardiñas durch Rufo, dieser durch den Grenadier -gefallen sei. — Doch bin ich von der Genauigkeit meiner Version -überzeugt, da ich sie von mehreren unterrichteten Augenzeugen empfing; -so von dem Oberst Don Eliodoro Gil, später Gouverneur von Cañete, der -bei Maella die Lanciers von Tortosa befehligte und hohen Antheil an dem -Siege hatte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_69_69" id="Fussnote_69_69"></a><a href="#FNAnker_69_69"><span class="label">[69]</span></a> Capitain Bessieres, der Einzige, welcher bei der -Vertheidigung von Morella die Arbeiten leitete, war, dem Heere der -Nordprovinzen angehörend, mit dem Grafen Negri und Don Basilio dorthin -zurückgekehrt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_70_70" id="Fussnote_70_70"></a><a href="#FNAnker_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Der Hauptanführer bei derselben, Sergeant Lucas, welcher -bis in das Schlafgemach der Königinn Wittwe drang, ging bekanntlich -nachher zu den Carlisten über, zeichnete sich sehr aus — er nahm Theil -an der Escalade von Morella — ward Officier und wurde dann gefangen -und füsilirt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_71_71" id="Fussnote_71_71"></a><a href="#FNAnker_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Der commandirende General im Königreiche Valencia sogar, -General Mendez Vigo, wurde ermordet.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier24" name="zier24"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 24" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_412" id="Seite_412">[S. 412]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXV">XXV.</h2> - -</div> - -<p>Seit langer Zeit war Cabrera’s Streben darauf gerichtet, durch Kauf mit -Waffen sich zu versehen. Alle die Gewehre, welche seine Armee besaß, -waren den Händen des Feindes entrissen, der größtentheils aus den -britischen Zeughäusern sie erhalten hatte, und die Zahl der fortwährend -erbeuteten mochte wohl den täglichen Abgang ersetzen — der unter den -obwaltenden Verhältnissen ungeheuer war, da kein Kunstverständiger -bei den Bataillonen sich befand, der den etwaigen Schaden sofort -ausgebessert hätte — aber unmöglich konnten sie zu der Bewaffnung -der zahllosen Rekruten hinreichen, welche von allen Seiten den Fahnen -Carls V. zuströmten. Die so eben in Villarluengo etablirte -Gewehrfabrik, noch in ihrer Kindheit und an Arbeitern Mangel leidend, -konnte sehr wenig leisten.</p> - -<p>So bildete denn Cabrera aus jenen Rekruten zwölf starke Bataillone, die -vollkommen organisirt und exercirt wurden, um, sobald sie bewaffnet -wären, zu den Operationen zugezogen zu werden. Leider sollte das Ende -des Krieges sie fast alle in eben dem Zustande der Wehrlosigkeit -finden, in dem sie ein Jahr vorher sich befanden, da alle Versuche des -Generals, aus England und Frankreich Waffen sich zu verschaffen, an der -Wachsamkeit der feindlichen Kreuzer und mehr noch an der Nachlässigkeit -und der Gewissenlosigkeit der Agenten scheiterten.</p> - -<p>Schon waren vier starke Transporte aufgefangen. Da endlich schien -das Glück auch hierin Cabrera wohl zu wollen — und was hätte es -Größeres für ihn thun können! —: ein mit zehntausend Gewehren von -England abgesegeltes Fahrzeug erschien im Februar 1839 an der Küste -von Catalonien, südlich vom Ebro, wohin schon sämmtliche Rekruten -dirigirt waren.<span class="pagenum"><a name="Seite_413" id="Seite_413">[S. 413]</a></span> Aber das Meer ging unruhig, so daß das Schiff nicht -der Küste sich nähern konnte, und der Eigner weigerte sich, dem Wunsche -Cabrera’s gemäß, gegen vollständige Entschädigung es auf den Strand -laufen zu lassen. Der Stiefvater des Generals, ein alter Seemann, der -die carlistische Marine, einige große Kähne, befehligte, wagte es -endlich, zu dem Schiffe hinüberzufahren, und brachte zweihundert schöne -Gewehre ans Land; das Unwetter machte jeden weiteren Versuch unnütz. Am -folgenden Tage sprang der Wind um, das Fahrzeug ward genöthigt, weiter -in’s hohe Meer hinauszusegeln; zwei Guardacostas nahmen es unter den -Augen Cabrera’s und führten es nach Barcelona.</p> - -<p>Die Hoffnung des carlistischen Heerführers, den Feldzug an der Spitze -von dreißig disponibeln Bataillonen zu eröffnen, war durch dieses -neue Mißgeschick vereitelt. Welche außerordentliche Resultate eine -solche Vermehrung seiner Streitmacht hervorbringen mußte, begreift -leicht ein Jeder, der die Erfolge zu würdigen weiß, welche er selbst -ohne sie während der Campagne des Sommers errang. Sie machten ihn zum -unumschränkten Gebieter des ganzen Kriegsschauplatzes und verbürgten, -da sechs Generale nach einander seine Fortschritte umsonst zu -hemmen gesucht hatten, die Ausführung des herrlichen Planes, durch -die Unterwerfung von Castilien und die Einnahme der Hauptstadt den -langwierigen Kampf zu enden.</p> - -<p>Durch die kleine Festung Montalban am Flusse Martin dominirten die -Feinde einen großen Theil des Hügellandes von Unter-Aragon, so oft die -carlistischen Truppen auf einem andern Theile des Kriegsschauplatzes -standen; zugleich hatten sie in ihr einen willkommenen und gegen das -Hochgebirge vorgeschobenen Stützpunkt für ihre Operationen in jenem -Königreiche. Diese Vortheile beschloß Cabrera ihnen zu entreißen; -sein Adlerauge wählte ein altes, in Ruinen zerfallenes Bergschloß -zur Ausführung des Beschlossenen: Segura, drei Leguas westlich<span class="pagenum"><a name="Seite_414" id="Seite_414">[S. 414]</a></span> von -Montalban und in der Mitte des reichen, hügeligen Distriktes, der bis -zum Ebro von dem Gebirgsstock von Unter-Aragon sich hinabsenkend, -bisher stets den feindlichen Colonnen offen gestanden hatte — Segura -sollte befestigt werden.</p> - -<p>Viele Schwierigkeiten bot das Unternehmen. Nachdem er die -feindliche Hauptarmee unter Oráa tief nach Valencia hinuntergezogen -hatte, erschien Cabrera plötzlich in Unter-Aragon, bedrohete -Caspe, überschritt den Ebro, lockte die zur Deckung der Provinz -zurückgebliebene Division Mir durch geschickte Bewegungen nach -Zaragoza, passirte wiederum den Ebro und warf sich mit den Divisionen -vom Ebro und von Aragon in Eilmärschen auf den ausersehenen Punkt. -Am 7. März dort angelangt, ließ er sofort mit höchstem Eifer die -Befestigungsarbeiten beginnen, während ein kleiner Theil der Truppen -Montalban blockirte.</p> - -<p>Tag und Nacht arbeiteten mehrere Bataillone Rekruten, die Handwerker -jeder Art wurden auf zwanzig Meilen in der Runde zusammengeholt, und -einige Compagnien Sappeurs, denen Tausende von Bauern untergeben -wurden, eilten von Morella herbei. Niemand durfte müßig sein, denn der -General selbst legte häufig Hand an und war allenthalben gegenwärtig. -So war es möglich, daß das sehr ausgedehnte und vorher nur noch in -seinen Trümmern bestehende Castell in wenigen Tagen wieder hergestellt -und, da einige Geschütze von Morella zu seiner Bewaffnung gebracht -waren, der kräftigsten Vertheidigung fähig sein konnte, wozu die -Leitung der so eben von der Nordarmee angelangten Ingenieure viel -beitrug.</p> - -<p>Durch die Befestigung dieses Platzes hatte sich Cabrera zum Meister -des reichsten und fruchtbarsten Theiles von Unter-Aragon gemacht, -den Einfluß des feindlichen Montalban paralysirt und die Eroberung -desselben erleichternd vorbereitet. Er beherrschte dadurch die Straße -von Valencia und Teruel nach Zaragoza und die Verbindung dieser Stadt -mit den Festungen der Christinos am unteren Ebro, und er hatte durch -die weit in das bisher<span class="pagenum"><a name="Seite_415" id="Seite_415">[S. 415]</a></span> feindliche Gebiet vorspringende Veste, falls er -sie behaupten konnte, einen herrlichen Anhaltspunkt für seine weiteren -offensiven Operationen gewonnen.</p> - -<p>Die Anführer der Revolutions-Armee verkannten diese Vortheile nicht, -welche den Besitz von Segura weit selbst über einen glänzenden -Sieg hinausstellten. Van Hahlen kehrte eilig von Valencia zurück, -während Mir in Daroca alle disponibeln Truppen des Königreiches an -sich zog: Segura — so lautete die bestimmte Ordre des Madrider -Cabinets — sollte vor Allem genommen und Cabrera dadurch in seine -Schlupfwinkel zurückgeworfen werden. So rückte denn General Ayerbe, zum -commandirenden General von Aragon ernannt, am 22. März mit den beiden -Divisionen Mir und Parra, in 12 Bataillonen und 9 Escadronen 11000 Mann -Infanterie und 1400 Pferde enthaltend, nebst acht leichten Geschützen -und dem Belagerungs-Train über Muniesa bis Cortes und la Josa, etwa -zwei Stunden von Segura, vor.</p> - -<p>Cabrera stellte sich mit acht Bataillonen auf einer Höhe auf, die -unmittelbar den Weg berrschte, auf dem die Artillerie vor das Castell -gebracht werden mußte; drei hinter einander aufgeworfene Reihen -Parapete, hinter denen die Bataillone, zum Theil in Tirailleurs -aufgelöset, lagen, verstärkte die Position gegen den so sehr -überlegenen Feind.</p> - -<p>Am 23. griff Ayerbe an. Während seine sämmtlichen Geschütze die -carlistischen Linien beschossen, stand er über eine Stunde lang auf -Flintenschuß-Weite ihnen gegenüber, mit Gewandtheit manövrirend und -bereit, die leichteste Blöße zu benutzen. Er bedrohete die linke -Flanke, schob sich rasch links und warf sich dann, da Cabrera die -rechte Flanke verstärkte, stürmisch auf den nun geschwächten linken -Flügel. In einem Augenblicke war der Kampf auf der ganzen Linie -allgemein geworden.</p> - -<p>Die Truppen, welche die erste Reihe der Parapete besetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_416" id="Seite_416">[S. 416]</a></span> hielten,<a name="FNAnker_72_72" id="FNAnker_72_72"></a><a href="#Fussnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> -flohen vor dem Andrange des Feindes und warfen sich in Verwirrung auf -die zweite, welche gleichfalls aufgegeben werden mußte, nachdem die -Tortosiner kraftvoll sie vertheidigt hatten. Umsonst suchte Oberst -Palacios durch einen Bajonett-Angriff an der Spitze des 1. Bataillon -von Tortosa die verlornen Linien wiederzunehmen: er ward umzingelt und -kaum durch einen glänzenden Angriff gerettet, den der General mit der -Cavallerie unternahm. Nochmals drangen die Bataillone von Tortosa und -die Guiden von Aragon vor. In Massen formirt wiesen die Christinos fest -sie zurück und stürzten sich sofort auf die dritte Linie, welche sie -nach kurzem Widerstande nahmen und behaupteten.</p> - -<p>Die carlistische Armee — wenn man acht Bataillone mit einigen -Escadronen so nennen darf — floh in Unordnung auf Armillas zurück, -zwei Bataillone aber wurden abgedrängt und warfen sich auf Segura. -Ayerbe, anstatt kraftvoll den gänzlich geschlagenen Feind zu verfolgen, -blieb bewegungslos auf dem Schlachtfelde stehen und machte dadurch -möglich, daß Cabrera — echt guerrilleromäßig — nach einer Stunde -seine Bataillone vollkommen geordnet hatte und sie, keinesweges durch -die nach allem Anschein entscheidende Niederlage entmuthigt, am Abend -wieder zum Kampf führen konnte.</p> - -<p>Nach halbstündigem Ausruhen wandten sich die Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_417" id="Seite_417">[S. 417]</a></span> endlich gegen -das Castell, recognoscirten es und bewarfen es mit einigen Haubitzen; -ja sie besetzten während der Nacht das unmittelbar unter den Werken -liegende Städtchen. Die Besatzung erwartete natürlich, am folgenden -Morgen die Batterieen errichtet zu sehen, wiewohl sie umsonst irgend -ein Geräusch der Arbeit zu erhorchen strebten, um sie durch ihre -Geschütze zu erschweren. Aber Ayerbe hatte seine Artillerie am Abend -zurück gesendet; er selbst trat gegen Morgen still den Rückzug auf -Muniesa und von da nach Daroca an, auf dem Fuße von Cabrera verfolgt, -der während der Nacht ein zur Erhaltung der Communication einige -Stunden rückwärts aufgestelltes Corps angegriffen, es zersprengt und -800 Gefangene ihm abgenommen hatte.</p> - -<p>Nun verkündeten die Christinos, daß, da Ayerbe die -<em class="gesperrt">Recognoscirung</em><a name="FNAnker_73_73" id="FNAnker_73_73"></a><a href="#Fussnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> des Castells mit so großem Erfolge ausgeführt -habe, der Obergeneral van Hahlen zu der Eroberung desselben schreiten -werde. Dieser rückte denn auch in den ersten Tagen des April’s sehr -bedächtig über Muniesa heran und gelangte, da Cabrera eine Aufstellung -rückwärts von Segura genommen hatte, ohne Hinderniß am 6. April vor das -Castell; er führte 18 Bataillone und 12 Escadrone mit acht leichten und -zwölf Belagerungsgeschützen heran. Am folgenden Tage recognoscirte er -wiederum genau die Werke und — — zog sich aus Zaragoza zurück, ohne -einen Schuß gegen die Veste oder die Armee gethan zu haben.</p> - -<p>Der Grund so merkwürdigen Verfahrens ist nie klar geworden, wenn man -nicht etwa den Mangel an Vertrauen, welchen man seit der Belagerung von -Morella in jeder Bewegung der revolutionairen Generale wahrnimmt, als -solchen betrachten will.<span class="pagenum"><a name="Seite_418" id="Seite_418">[S. 418]</a></span> Die Christinos wütheten, da sie die Einnahme -von Segura als ganz unzweifelhaft anzusehen sich gewöhnt hatten. -Van Hahlen, der wenige Tage vorher den ominösen Vertrag von Lézera -unterzeichnet hatte, verlor sofort das Commando, welches dem General -Nogueras, dem Mörder der Mutter Cabrera’s, übertragen wurde. Bei der -Nachricht von seiner Ernennung ward er vom kalten Fieber befallen<a name="FNAnker_74_74" id="FNAnker_74_74"></a><a href="#Fussnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> -und legte alsbald unter dem Vorwande der Krankheit den Heerbefehl -nieder, ohne während desselben je die Feinde aufgesucht zu haben, -worauf General Amor interimistisch an die Spitze der Armee des Centrums -trat.</p> - -<p>Brigadier Valmaseda, nach der Erschießung der fünf Generale durch -Maroto zu gleichem Tode verurtheilt, langte um jene Zeit mit den beiden -Escadronen, die er gebildet und auf der Flucht mit sich geführt hatte, -bei der Armee des Grafen von Morella an und trat unter die Befehle -desselben. Leicht erlangte dieser von Seiner Majestät die Begnadigung -des wilden, aber unerschütterlich treuen Reiterchefs, dessen Escadrone -fortan als die besten des ganzen Heeres sich erwiesen. Valmaseda wurde -für den Augenblick nach Aragon bestimmt, wo er mit der Division dieses -Königreiches operirte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kaum sah Cabrera mit dem Rückzuge von Van Hahlen das Unternehmen des -Feindes gegen Segura gescheitert, als er mit den Brigaden Mora und -Tortosa in Eilmärschen nach dem Königreiche Valencia zog, während -er die Division von Aragon unter Llagostera zur Blokade von Caspe, -Alcañiz und Montalban und zur Beobachtung des Hauptcorps der Christinos -zurückließ, von dem er bei den Zwistigkeiten der verschiedenen<span class="pagenum"><a name="Seite_419" id="Seite_419">[S. 419]</a></span> -Anführer bis zur definitiven Ernennung eines Generals en Chef keine -kraftvolle Operation befürchtete. Er vereinigte sich mit der Division -Forcadell und rückte vor Villafamés, dessen Besitz zum Herrn der -reichen Ebene Valencia ihn machen sollte.</p> - -<p>Das schwere Geschütz, von Morella herbeigezogen, öffnete bald Bresche, -die aber wegen Mangels an Munition sowohl, als weil gegen die Ansicht -des Chefs des Geniewesens, Oberst Barons von Rahden, eine ganz -unpassende Stelle für sie ausersehen war, nicht practicabel gemacht -werden konnte. Dennoch befahl der General den Sturm, welchen einige -Compagnien von Mora, von einem Detachement Sappeurs geführt, mit hoher -Bravour ausführten. Sie erkletterten unter mörderischem Feuer den -Felsen, auf dem die Mauer gegründet ist, und klimmten hinabgestürzt -wieder und wieder gleich Katzen die noch zur Hälfte aufrecht stehende -Mauer hinan; mehrere Freiwillige wurden selbst oben auf der Bresche -getödtet. Aber der Widerstand war des Angriffes würdig; die Stürmenden -flohen.</p> - -<p>Da führte Oberst Palacios das erste Bataillon seiner Brigade von -Tortosa zum Sturm. Unerschütterlich erklimmte es die Bresche, dann -konnte es nicht weiter gelangen. Mit schwerem Verluste standen die -braven Tortosiner unbeweglich unter dem feindlichen Feuer, weder -vorgehend noch weichend, bis Cabrera befahl, das Signal zum Rückzuge -zu geben. Augenzeugen versichern, daß er bei dem Anblicke seiner -hingeschlachteten Lieblinge Thränen vergossen habe, verzweiflungsvoll -ausrufend: „Meine armen Burschen sterben, ohne Widerstand leisten zu -können!“</p> - -<p>Da der fortwährende Mangel an Munition für die Geschütze den Erfolg -ungewiß machte und jedenfalls ihn sehr weit hinausschob, zog sich -Cabrera bei der Annäherung des Generals Aspiroz von Castellon her -zurück, die Belagerung aufhebend.</p> - -<p>Schon während derselben war Oberst Don Juan Muñoz<span class="pagenum"><a name="Seite_420" id="Seite_420">[S. 420]</a></span> y Polo mit drei -Bataillonen und zwei Escadronen von Aragon zu einer Expedition -nach Castilien entsendet und bis tief in die Provinz Guadalajara -vorgedrungen. Jetzt richtete sich Cabrera selbst an der Spitze von nur -sechs Bataillonen und 600 Pferden dorthin, die Division von Valencia -zur Sicherung der Communication in el Turia und der Provinz Cuenca -zurücklassend; er erhob bis in das Innere der Mancha Contributionen und -Rekruten und kehrte dann, ohne daß der Feind sich ihm irgend widersetzt -hätte, über Cañete nach el Turia zurück. Er ordnete die Befestigung -jener Stadt an, die nur acht Stunden von Cuenca entfernt ist, so wie -die von el Collado, einem die ganze Provinz beherrschenden Felsberge, -Alpuente und Vejis in el Turia, wo Brigadier Arévalo an Arnau’s Statt -das Commando übernommen hatte.</p> - -<p>Durch seine Lage über dem Guadalaviar und neben der Quelle dieses -Flusses, des Xucar und des Tajo ward el Turia täglich von größerer -Wichtigkeit, da durch dessen Besitz das Ausbreiten der Herrschaft -nach dem südlichen Valencia und Murcia sowohl, wie in die Ebenen -Castilien’s und gegen die Hauptstadt erleichtert wurde, indem es als -Basis und Anhaltspunct diente. Cabrera aber, der die feindliche Armee -ganz demoralisirt, die seinige an Zahl und Güte täglich zunehmen sah, -wandte schon seine Blicke gen Westen, das glorreiche Ende des Krieges -dort zu suchen. Daher trug er Sorge, durch die Befestigung von el Turia -die Grundlage zu der Ausführung seiner großartigen Pläne zu legen, -während er Cañete nach Castilien eben so kühn vorschob und mit eben den -glänzenden Vortheilen in Betreff Cuenca’s und der Mancha, wie er kurz -vorher das Felsencastell Segura in dem feindlichen Theile von Aragon -drohend errichtet hatte.</p> - -<p>Das Hauptcorps der Christinos war indessen in Aragon beschäftigt und -festgehalten, ohne jenen Zug Cabrera’s und die Befestigung der von ihm -designirten Orte verhindern zu können,<span class="pagenum"><a name="Seite_421" id="Seite_421">[S. 421]</a></span> da Llagostera die Belagerung -von Montalban unternommen hatte. Unter dem Oberbefehle desselben -leitete sie der Oberst Baron von Rahden, während die Division von -Aragon zu ihrer Deckung aufgestellt war.<a name="FNAnker_75_75" id="FNAnker_75_75"></a><a href="#Fussnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Es war vorauszusehen, -daß der Feind trotz dem Mangel an Einheit im Commando, welcher seit -dem Rücktritte van Hahlen’s alle seine Maßregeln lähmte, das Äußerste -thun werde, um die Festung zu retten, die ihm besonders für die nur -aufgeschobene Unternehmung auf Segura vom höchsten Interesse war und -stets bedeutende Streitkräfte der Carlisten festhalten mußte.</p> - -<p>In der That hatten die Belagerer kaum der Stadt sich bemächtigt und -noch nicht die Batterien gegen die Werke des eigentlichen Forts -errichtet, als General Ayerbe in der Nacht zum 2. Mai sie überraschte -und in die Stadt einzog. Er verließ sie jedoch alsbald und ward auf -seinem Rückmarsche kraftvoll vom Obersten Polo verfolgt, der an -demselben Tage mit seiner Brigade von der Expedition nach Castilien -zurückgekehrt war und sich nun der Division wieder anschloß. Eine -Stunde nachher war die Blokade schon von neuem etablirt.</p> - -<p>In der Mitte Mai’s wurde die Belagerung mit Nachdruck aufgenommen; -die Artillerie war von Morella angelangt und die Beschießung begann. -Sogleich eilte General Amor, mit Ayerbe vereinigt, an der Spitze -von funfzehn Bataillonen und zehn Escadronen von Teruel, wo er zur -Beobachtung Cabrera’s sich aufgestellt hatte, der Festung zu Hülfe, -schob sich zwischen die Colonnen von Llagostera und Valmaseda, welche -Eifersucht trennte, warf diesen am 18. zurück und griff am 19. Mai die -Division Llagostera’s bei Utrillas an. Die Christinos schlugen sich -brav, durchbrachen die carlistische Linie und nahmen Utrillas,<span class="pagenum"><a name="Seite_422" id="Seite_422">[S. 422]</a></span> als -Oberst Palacios, mit der Brigade von Tortosa vom General entsendet, -nach forcirtem Marsche von sechs Leguas auf dem Kampfplatze anlangte, -das Vordringen des Feindes endete und selbst durch einen glänzenden -Angriff mit dem Bajonett Utrillas wieder nahm. Amor brach alsbald -das Gefecht ab und zog sich auf Montalban zurück, von wo die schwere -Artillerie in das Gebirge gebracht war.</p> - -<p>Kaum hatte er die Stadt nach Ablösung der Garnison verlassen, als die -Geschütze wieder in den unversehrt gefundenen Batterien aufgestellt -wurden und die Beschießung fortsetzten. Am 22. war Bresche geöffnet, -wiewohl kaum practicabel, und der Sturm ward versucht; er scheiterte -gänzlich an der Festigkeit der Garnison.</p> - -<p>Cabrera langte zugleich von seinem Zuge nach Castilien an und übernahm -selbst das Commando der in Aragon vereinigten Truppen, von denen -Oberst Polo von neuem mit seiner Brigade nach der Provinz Guadalajara -detachirt war. Am 24. Mai zog Ayerbe mit vierzehn Bataillonen zum -Entsatze heran. Cabrera erwartete ihn bei dem Dorfe Armillos, wo er -auf einem niedrigen Höhenzuge eine vortheilhafte Stellung einnahm, die -jedoch für seine Streitkräfte — neun Bataillone und sieben Escadrone -— zu ausgedehnt war. So gelang es Ayerbe, nach blutigem Kampfe -zugleich das Centrum zum Weichen zu bringen und durch die Besetzung -des Dorfes Martin den linken Flügel der Carlisten zu bedrohen, weshalb -Cabrera, die Straße nach Montalban offen lassend, eine halbe Stunde -weit mit geschlossenen Massen sich zurückzog, ohne daß der Feind einen -einzigen Gefangenen gemacht hätte.</p> - -<p>Ayerbe stellte die zerstörten Werke her und zog sich dann, nachdem er -die Garnison verstärkt hatte, am 29. Mai über Muniesa auf Daroca. An -demselben Tage waren die Batterien wieder errichtet und spielten mit -erneuter Kraft gegen die Mauern der Veste.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_423" id="Seite_423">[S. 423]</a></span></p> - -<p>Da Cabrera nun in Person die Belagerung leitete, wurden alle Mittel -aufgeboten, um das Endresultat zu beschleunigen; denn bisher hatte -der Eifer des nun schwer verwundeten Obersten von Rahden vergeblich -gegen die Sorglosigkeit und oft gegen den Unverstand Llagostera’s<a name="FNAnker_76_76" id="FNAnker_76_76"></a><a href="#Fussnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> -angekämpft. Der größte Theil der Werke, durch Minen oder durch die -Wirkung der Geschütze vernichtet, lag bald in Trümmern. Aber Sturm -auf Sturm ward mit großem Verluste zurückgeschlagen; die Belagerten -kämpften mit heroischem Muthe. Eine neue ungeheure Mine — ungeheuer in -Rücksicht auf die Hülfsmittel der Carlisten: sie enthielt 1800 Pfund -Pulver — ward unter ihrem letzten Réduit, der festen auf hohem Felsen -gegründeten Kirche, angelegt, um den Thurm zu sprengen. Da ertönte am -8. Juni die Nachricht, daß Ayerbe eilends nahe.</p> - -<p>Cabrera befahl, die durch den Capitain vom Genie-Corps Verdeja -ausgeführte Mine zu sprengen, wiewohl ihm erklärt ward, daß noch -einige Fuß zur vollkommenen Erlangung der gewünschten Wirkung fehlten. -Ungeheure Massen Felsen und Schutt erhoben sich gen Himmel, der Thurm -wankte und — fiel nicht, wie Cabrera noch immer gehofft hatte; ein -furchtbarer Fluch verkündete die getäuschte Erwartung. Aber der über -der Mine stehende Eckpfeiler des Gebäudes stürzte ein und bot eine -schmale Öffnung zum Sturm dar; rasche Benutzung des Augenblickes -hätte den Erfolg sichern können, aber es ward wohl eine halbe Stunde -verloren, um die den Weg bedeckenden Schutthaufen zu entfernen. Die -Besatzung, welche bei der Explosion entsetzt in das Innere der Kirche -entflohen war, hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_424" id="Seite_424">[S. 424]</a></span> ihre Posten wieder eingenommen: auch dieser -sechste Sturm ward mit außerordentlicher Standhaftigkeit abgewiesen.</p> - -<p>Am folgenden Tage zog Ayerbe ohne Gefecht mit achtzehn Bataillonen und -zehn Escadronen in Montalban ein. Er forderte Freiwillige aus seinem -Corps zur ferneren Vertheidigung der Ruinen, aber Niemand antwortete -dem Aufrufe. Da zog er am Morgen des 11. Juni ab, die Garnison mit sich -führend, von der mehr als die Hälfte todt oder schwer verwundet war; -fast kein Mann war ohne Wunde geblieben.</p> - -<p>Cabrera verfolgte ihn an der Spitze von 900 Reitern und griff in der -weiten Ebene von la Hoz die feindliche Cavallerie an, welche die -Deckung des Marsches übernommen hatte. Sie focht sehr brav, und lange -wogte der Kampf unentschieden; Charge folgte auf Charge, der Boden war -mit Leichen, Pferden und Waffen bedeckt. Endlich ward die Reiterei -der Christinos ganz zersprengt und mit Verlust von fast 400 Pferden -auf die Infanterie geworfen, welche in Masse formirt sie aufnahm und -Cabrera zwang, sich entfernt zu halten, da er gar keine Infanterie bei -sich hatte. Die carlistische Cavallerie hatte sich hier wie nie vorher -bewährt; sie vernichtete die Überlegenheit, deren die Feinde auch in -der Armee des Centrum in dieser Waffe bisher sich rühmen durften. Die -herrliche Escadron von Toledo machte und empfing dreizehn Chargen -hinter einander: Valmaseda’s beide Escadrone fochten mit gleicher -Auszeichnung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Beharrlichkeit Cabrera’s hatte endlich die Eroberung des so oft -entsetzten Montalban erreicht, zu dessen Rettung die Feinde die höchste -Kraft und Thätigkeit umsonst entwickelt hatten; er sah sich dadurch -im ungestörten Besitze von Unter-Aragon bis zu der Heerstraße von -Zaragoza nach Teruel, da die Garnisonen der Festungen Alcañiz und Caspe -nun auf ihre Mauern beschränkt, ganz abgeschnitten und von gar keinem -Einflusse<span class="pagenum"><a name="Seite_425" id="Seite_425">[S. 425]</a></span> mehr auf die Operationen waren. Über jene Straße hinaus -stand aber die ganze Provinz ihm offen und bot ihm ihre Hülfsquellen.</p> - -<p>Er eilte von Montalban, dessen Werke geschleift wurden, nach dem -Königreiche Valencia, wo während seiner langen Abwesenheit der -Generallieutenant Forcadell, der einen Theil seiner Division in el -Turia und Castilien beschäftigt sah, gegen den Feind Terrain verloren -hatte. General Aznar war bis nach San Mateo, einer bedeutenden, offenen -Stadt in dem nördlichen Theile der Ebene vorgedrungen und hatte die -dort aufgehäuften Getreidevorräthe genommen und zerstört. Cabrera -bedrohete ihn mit der Cavallerie auf der Flanke und im Rücken, schnitt -ihn, da die Division del Ebro herangekommen war, von Castellon de la -Plana, seinem Rückzugspunkte ab, und zwang ihn nach hitzigem Gefechte, -mit 3000 Mann nach Lucena sich zu werfen, wo er sofort eng blokirt -wurde, da der Mangel an Lebensmitteln baldige Ergebung hoffen ließ.</p> - -<p>General O’Donell,<a name="FNAnker_77_77" id="FNAnker_77_77"></a><a href="#Fussnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> bisher commandirender General in Guipuzcoa, war -so eben zum Oberbefehlshaber der Armee des Centrum ernannt. Er eilte -mit drei Divisionen zur Rettung der eingeschlossenen Bataillone und -griff am 15. Juni das Heer Cabrera’s, vierzehn Bataillone, bei Alcora -an, wo sie — öfter wiederholter Fehler — eine ausgedehnte Stellung -nur schwach besetzen konnten. O’Donell durchbrach die carlistische -Linie und konnte nach dreitägigem Gefechte den General Aznar befreien, -wobei er jedoch ungeheuern Verlust erlitt, da er fortwährend<span class="pagenum"><a name="Seite_426" id="Seite_426">[S. 426]</a></span> mit -seinen Massen die Tirailleurs der Carlisten bekämpfte und zur Seite -drängte.</p> - -<p>Während so O’Donnell, Aragon entblößend, im Königreiche Valencia -operirte, ließ Cabrera einen Theil der schweren Artillerie von Morella -über Cantavieja nach Alcalá la Selva bringen, der am meisten gen Osten -in der Richtung zum Turia vorspringenden Festung des Hochgebirges von -Unter-Aragon. Von dort sollte sie, sobald eine Gelegenheit sich böte, -nach el Turia und Cañete transportirt werden, um theils zur Garnirung -der neu angelegten Festungen zu dienen, ganz besonders aber für die -Ausführung der beschlossenen Operationen in Castilien zur Hand zu sein.</p> - -<p>Nichts zeigt so unzweifelhaft die Pläne des carlistischen Feldherrn -für die zweite Hälfte des Jahres 1839, als diese Sendung des -Belagerungsgeschützes nach dem so eben durch Befestigung gesicherten -Gebiete, welches das Innere Spanien’s und selbst den Weg nach Madrid -der Armee öffnete, da die Hauptstadt ohne weitere Vertheidigung, als -seine eigenen, schwachen Mauern und seine Garnison, nur noch wenige -Tagemärsche entfernt war. Kurz vorher hatte Cabrera auch Beteta nahe -dem Tajo in der Provinz Guadalajara und zwanzig Leguas von Madrid zu -befestigen angeordnet, was, ohne im geringsten vom Feinde gestört -zu sein, ausgeführt werden konnte, da doch kaum 300 Mann Carlisten -dauernd in der Provinz blieben. So groß war die Apathie, welche sich -bereits der Christinos bemächtigt hatte! Wo immer Truppen Cabrera’s -erschienen, unterwarf sich Alles unbedingt, und mit Recht klagten und -höhnten die liberalen Blätter der Opposition, daß ein Sergeant mit -acht Mann ungehindert ganz Guadalajara durchziehe und die Befehle -seines Anführers mit Muße ausführe, während 6000 Mann Christinos -in ihr vertheilt ständen, um bei dem Erscheinen einer feindlichen -Guerrilla.... in die Festungen sich einzuschließen.</p> - -<p>Durch die Anlegung des Castells von Beteta — einst ein<span class="pagenum"><a name="Seite_427" id="Seite_427">[S. 427]</a></span> maurisches -Schloß — machte sich Cabrera zunächst die Hülfsquellen der ganzen -Provinz zugänglich und sicher; für die späteren Operationen mußte es -durch seine Lage höchste Wichtigkeit erhalten.</p> - -<p>O’Donnell zog nach der Mitte Juni’s von Lucena zur Belagerung des -kleinen Forts von Tales. Schon van Hahlen hatte nämlich die Stadt Onda -befestigt, um durch sie in Verbindung mit Castellon und Segorve nebst -den vorliegenden Vesten Villafamés und Lucena die Huerta, so reich -an Hülfsquellen, gegen die Einfälle der Carlisten zu decken. Diese -hatten nun über Tales, eine halbe Stunde von Onda, ein kleines Castell -nebst zwei Thürmen angelegt, durch die sie der Garnison das Wasser -abschnitten; diese Werke wollte daher O’Donnell vernichten. Cabrera zog -ihm nach und nahm zur Deckung von Tales eine auf dessen Werke gestützte -Stellung.<a name="FNAnker_78_78" id="FNAnker_78_78"></a><a href="#Fussnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a></p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_72_72" id="Fussnote_72_72"></a><a href="#FNAnker_72_72"><span class="label">[72]</span></a> Die Bataillone von Mora, merkwürdiger Weise unter -guten Chefs stets die schlechteste Brigade des Heeres, welche -jeden Augenblick sich zerstreute, während die Brigade von Tortosa, -gleichfalls Catalanen und aus einem benachbarten Distrikte, fortwährend -glänzend sich auszeichnete. — In dieser Action durchlief bei dem -Anblicke des manövrirenden Feindes ein dumpfes Murmeln die Reihen von -Mora, bis sie mit dem Rufe: „Sie manövriren, wir sind verloren!“ in -gänzlicher Unordnung davon liefen, ehe noch der Feind einen Schuß gegen -sie that.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_73_73" id="Fussnote_73_73"></a><a href="#FNAnker_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Jedenfalls war es ein ganz besonderer Gedanke, zu einer -Recognoscirung den Belagerungs-Train mit so ungeheuren Schwierigkeiten -durch die Gebirge mit sich zu schleppen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_74_74" id="Fussnote_74_74"></a><a href="#FNAnker_74_74"><span class="label">[74]</span></a> In den ersten Jahren des Krieges einer der thätigsten -Verfolger der Carlisten und mehr als jeder Andere ihnen furchtbar, -vermied er seit jenem Morde jedes Zusammentreffen mit ihnen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_75_75" id="Fussnote_75_75"></a><a href="#FNAnker_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Herr General B. v. Rahden hat in seinem Werke sehr -schätzbare Notizen über die Operationen des Jahres 1839 gegeben. Auch -die demselben beigefügte Charte des Kriegsschauplatzes ist sehr genau.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_76_76" id="Fussnote_76_76"></a><a href="#FNAnker_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Llagostera verstand Nichts von Artillerie und -Genie-Wesen, dennoch überall die Leitung mit Halsstarrigkeit fordernd. -Übrigens war er einer der besten Untergenerale Cabrera’s im Felde; doch -nicht sehr unternehmend und rasch.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_77_77" id="Fussnote_77_77"></a><a href="#FNAnker_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Die Familie O’Donell ist eine der ausgezeichnetsten -Spanien’s. In diesem Kriege dienten einer jeden Parthei zwei von den -vier Brüdern; der eine Christino ward von Zumalacarregui erschossen, -der eine Carlist gefangen vom Pöbel zu Barcelona ermordet und -aufgefressen. Der andere ward zum Verräther mit Maroto!</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_78_78" id="Fussnote_78_78"></a><a href="#FNAnker_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Ich habe die Operationen des Jahres 1839 nicht so -detaillirt, wie meine Materialien es wohl erlaubt hätten, da General -Baron von Rahden als Augenzeuge sie so meisterhaft beschrieben hat, daß -ich im besten Falle nur das schon Gesagte wiederholen könnte.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier25" name="zier25"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 25" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_428" id="Seite_428">[S. 428]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXVI">XXVI.</h2> - -</div> - -<p>Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei. -Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem -Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas -in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die -Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung -der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt -waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten -rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht, -unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit -der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die -Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.</p> - -<p>Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich -der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das -des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt -wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des -Abscheues würdige Schandthaten trübte.</p> - -<p>Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes, -angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und -meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich -konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender -Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach -dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah -mich erstaunt an und — — schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab. -Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere -zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen -würden, wenn Jemand von uns,<span class="pagenum"><a name="Seite_429" id="Seite_429">[S. 429]</a></span> anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen, -selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie -compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.</p> - -<p>Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem -Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn -Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher -Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum -Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu -Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er -durch Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so -hervorthat, daß er den rühmenden Beinamen des <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">pico de oro</span> — -des Goldschnabels — sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das -carlistische Gebiet zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner -Cameraden nach Chelva im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, -wie unsere Lage und Verhältnisse näher kennen zu lernen.</p> - -<p>Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten — -Sierras — des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen -nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen, -dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen -bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander -gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt -so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend -hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit -stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so -steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast -immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden, -welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die -mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese -nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne -grünbraune<span class="pagenum"><a name="Seite_430" id="Seite_430">[S. 430]</a></span> Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden -Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein -lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang -das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen -gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf -den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der -Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den -lieblicheren Thälern zueilt.</p> - -<p>Und dann die Wege!<a name="FNAnker_79_79" id="FNAnker_79_79"></a><a href="#Fussnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a> Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne -Herzklopfen diese — was hier Wege genannt wird — betritt; wie kann -er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere -sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und -abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens -Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein -Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes -unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich -zum Verderben hinunterreißen zu müssen.</p> - -<p>Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend -abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich -endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während -die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten -meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf -den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden -betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich -an. — Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. — -Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit<span class="pagenum"><a name="Seite_431" id="Seite_431">[S. 431]</a></span> zugleich entwickeln dann -die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten -beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden -Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer -Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher -mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.</p> - -<p>Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser -Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die -Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im -wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind. -Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte -üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch -Maulthiere und Esel ersetzt ist.</p> - -<p>So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach -gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des -Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl -der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und -oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich -erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen -losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,<a name="FNAnker_80_80" id="FNAnker_80_80"></a><a href="#Fussnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> so war doch der -sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche -Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen -Weizen<span class="pagenum"><a name="Seite_432" id="Seite_432">[S. 432]</a></span> bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt; -und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr -und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und -bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch -gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate -lang durch keinen Regenguß gemildert wird.</p> - -<p>Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler -zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft -auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil -abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das -Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">masadas</span>, -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">masias</span> —, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut -zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das -Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es -erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm -angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche, -selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt, -durch die Gefilde befruchtend sich hin.</p> - -<p>Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und -recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein -einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen -Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur -Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe, -als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es -aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte, -die freilich spärlich genug ausfallen mußte.</p> - -<p>Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig -Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende -heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen, -wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann<span class="pagenum"><a name="Seite_433" id="Seite_433">[S. 433]</a></span> begünstigte, aus der -drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und -gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die -ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles -war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim -Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung -der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden -carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes -es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie -sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern, -Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich -in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der -Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den -Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet -werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede -der beiden andern Völkerschaften.</p> - -<p>Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber -zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit, -welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch -die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person -ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher -Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen -die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von -Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den -entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose -Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese -tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in -den krassesten<span class="pagenum"><a name="Seite_434" id="Seite_434">[S. 434]</a></span> Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der -Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste -Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat, -aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,<a name="FNAnker_81_81" id="FNAnker_81_81"></a><a href="#Fussnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> der -Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem -Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie -wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend -umschweben.</p> - -<p>Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der -Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch -strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar -in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der -Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder -zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon -unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder -Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das -Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte — so des Angriffes auf -Zaragoza. — Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine -grobe Härte — auch er ist Aragonese, — weit mehr noch durch manche -andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich -zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich -durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_435" id="Seite_435">[S. 435]</a></span></p> - -<p>Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine -feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als -Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden -Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig -Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher -Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt. -Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu -müssen.</p> - -<p>Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer. -Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus, -der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung -zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten, -ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs -langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft -sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden: -er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich -dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz -entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig -und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem -Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm -durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht -sich lächelnd zurück und — erwartet den wehrlosen Feind hinter einer -Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu -kühlen.</p> - -<p>Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff, -wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so -sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen -Guerrilleros geeignet,<a name="FNAnker_82_82" id="FNAnker_82_82"></a><a href="#Fussnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> denen der Kampf<span class="pagenum"><a name="Seite_436" id="Seite_436">[S. 436]</a></span> fast nur in Überfällen, -Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten -Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia -immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als -die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.</p> - -<p>Zu festem, regelmäßigem Linien- und Massenkampfe mit den Colonnen -der christinoschen Infanterie taugten sie gar nicht: sie wurden -augenblicklich gebrochen und in wilde Flucht geworfen, denn geordneter -Rückzug war ihnen unbekannte Sache. Bei dem Anblicke der Cavallerie -aber pflegten sie, wenn nicht durch das Terrain gesichert, sich zu -zerstreuen, indem ein Jeder für sich im Laufe sein Heil suchte. Und sie -liefen leicht mit den Pferden um die Wette. — Daher schlug Cabrera -alle seine siegreichen Actionen mit den Divisionen von Aragon und vom -Ebro.</p> - -<p>Diese letztere hat den höchsten Ruf erworben: doch müssen dabei ihre -beiden Theile streng gesondert werden. Sie bestand aus Cataloniern, -den Landsleuten Cabrera’s, welche indessen mit den echten Cataloniern -wenig gemein haben und ihnen selbst nicht angehören wollen: sie nennen -sich Tortosinos und sehen mit gleicher Eifersucht auf Valencia und -Catalonien, keinem von beiden sich zurechnend. Es sind die Bewohner -des Ebrothales und des kleinen Theiles dieses Fürstenthumes, der -sich südlich von dem Strome hinzieht. Sie bilden den Übergang von -dem rauhen, braven Aragonesen zu dem geschmeidigen und weichlichen -Valencianer, indem sie viele der bessern Eigenschaften der beiden -Nachbarvölker in sich vereinigen und von deren Fehlern auch nicht ganz -frei geblieben sind. Sie haben neben der unverwüstlichen Kraft und -Ausdauer des Aragonesen die Körpergewandtheit und Leichtigkeit der -Valencianer erhalten, deren auflodernde Heftigkeit und Rachsucht sie -dafür auch theilen. Bieder und treu im Umgange verbinden sie damit die -Schlauheit, durch die sie ihren Vortheil wohl zu wahren wissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_437" id="Seite_437">[S. 437]</a></span></p> - -<p>In Betreff des militairischen Werthes dieser Süd-Catalonier muß wohl -die Brigade von Mora, welche von ihren eigenen Officieren geführt wurde -und nicht unter dem Einflusse von so vielen einwirkenden Umständen war, -als Grundlage für die Beurtheilung angenommen werden. Sie sind demnach -entschieden brav und fest beim Angriffe, tollkühn beim Sturm; aber -selbst angegriffen verlieren sie leichter die Ruhe und Besonnenheit, -und es ist vorgekommen, daß sie, ehe der Feind auch nur einen Schuß auf -sie that, fliehend sich zerstreuten, da er durch langes Manövriren, -dem sie sich nicht gewachsen glaubten, ihr anfängliches Feuer in -Muthlosigkeit erkalten machte. Doch waren sie leicht disciplinirt und -ertrugen standhaft jede Beschwerde.</p> - -<p>Ganz verschieden aber zeigte sich stets die Brigade von Tortosa, die -Garde des Grafen von Morella, zuletzt vier Bataillone stark. Sie -focht mit hoher Auszeichnung immer gleich kaltblütig, gleich brav und -entschlossen, und wie sie wahrhaft der Kern war, um den die Armee nach -und nach sich gebildet hatte, so wurde sie auch die Elite derselben. -Sie war begeistert durch das Gefühl, daß der angebetete General, den -sie überall begleitete, als Landsmann und als Schöpfer ihr angehöre, -und sie verrichtete heroische Thaten, um der Vorliebe eines solchen -Führers sich würdig zu zeigen.</p> - -<p>Unendlich Viel trug zu dieser Überlegenheit der Brigade von Tortosa -über ihre Brüder von Mora ohne Zweifel der Umstand bei, daß Cabrera -alle die ausgezeichnetsten Officiere der Armee, einen Jeden, der durch -eine hohe Kriegerthat hervorleuchtete, zur Ergänzung der täglich in -jener Brigade geöffneten Lücken<a name="FNAnker_83_83" id="FNAnker_83_83"></a><a href="#Fussnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a> bestimmte. Und was hätte er mehr -thun können,<span class="pagenum"><a name="Seite_438" id="Seite_438">[S. 438]</a></span> um sie zu heben! So durfte sie in Disciplin, Bravour, -unerschütterlicher Festigkeit und Ausdauer den Elite-Truppen der ersten -Armeen Europa’s an die Seite gestellt werden. In äußerer Ausschmückung -stand sie freilich weit hinter ihnen.</p> - -<p>Wie seine Officiere wußte Cabrera auch die Vorzüge und Schwächen seiner -Truppen genau zu beurtheilen und sie immer dahin zu stellen, wo sie -ihrer Eigenthümlichkeit wegen den meisten Erfolg hoffen durften. Die -Division von Valencia sehen wir daher fast nie bei einer regelmäßigen -Action genannt, sie wurde gewöhnlich in kleineren Detachements in -der Art des Guerrilla-Krieges in den Provinzen verwendet, in denen -das Terrain auch dem Feinde die Entwickelung seiner Massen nicht -gestattete. Daher war sie besonders im gebirgigen Theile von Valencia, -im Turia und in der Provinz Cuenca höchst thätig, während Cabrera -mit den andern Divisionen in die ebeneren Provinzen, die Huerta, das -westliche Aragon, Mancha und Guadalajara sich ausdehnte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 31. Juli langten wir in Chelva an, einem niedlichen Städtchen -nicht fern vom Guadalaviar, umgeben von Weinbergen und reizenden -Gärten, in denen alle Arten von Südfrüchten prangten. An demselben -Tage wurde ich dem Brigadier Arévalo vorgestellt, welcher damals en -Chef die Provinz del Turia und die Division von Murcia commandirte, -die er, ein erfahrener Militair, der seit dem Unabhängigkeits-Kriege -in dem königlichen Heere gedient hatte, täglich mehr hob. Er sagte, -daß er einen Angriff des Feindes erwarte, und erlaubte uns gern, -da er zu schlagen entschlossen war, für diesen Fall seinen Truppen -uns anzuschließen, wie er denn überhaupt durch höchst feine Bildung -und Artigkeit vortheilhaft vor vielen unserer andern Chefs sich -auszeichnete, die nur brave Soldaten und gute Anführer waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_439" id="Seite_439">[S. 439]</a></span></p> - -<p>Der folgende Tag war in Lust und Scherz hingegangen, indem einige -Officiere der dortigen Division in die tausendfachen Annehmlichkeiten -der Stadt und ihrer köstlichen Umgebung uns einzuführen bemüht waren. -Nachdem wir lange zu Pferde umhergestreift und dann dem üppigen -Nationaltanze zugeschaut hatten, zogen wir uns nach Mitternacht vom -Kaffeehause nach unserm bequemen Logis zurück, wo die Wirthinn, eine -ausgewanderte Murcianerinn, uns schwellende Betten bereitet hatte, wie -wir seit Jahren so einladend sie nicht gesehen, mit dem Gaze-Netze -gegen die Mosquitos sorglich versehen. Da weckte uns früh Morgens am -2. August das Wirbeln der Trommeln, wir erfuhren, daß eine feindliche -Colonne gegen Chulilla heranziehe, weshalb die zwei Compagnien, -welche in Chelva sich befanden, dorthin eilten. Es war die Brigade -Ortiz, welche, 3000 Mann Infanterie und 400 Pferde stark, mit zwei -Feldgeschützen von Valencia entsendet war, um die kaum begonnene -Befestigung von Chulilla zu zerstören und dann gegen die Colonne -Arévalo’s zu operiren.</p> - -<p>Um acht Uhr Morgens waren wir in dem nur zwei Stunden entfernten -Chulilla angelangt, einem kleinen, freundlichen Dorfe, über dem ein -isolirter Felsen an den Guadalaviar gelehnt sich erhebt, der zur -Errichtung eines Castells benutzt war, um dadurch sowohl el Turia -nach Südwesten hin zu decken, als den Übergang über jenen Fluß und -die Einfälle bis zum Xucar und in das Königreich Valencia den Unsern -zu sichern. Kundschafter erschienen indessen von Minute zu Minute, -die Bewegungen des Feindes zu verkünden; doch Arévalo blieb ruhig in -dem Dorfe, wo den von allen Seiten sich vereinigenden Compagnien Brod -und Wein nebst Munitionen ausgetheilt wurde. Erst als ein Bauer<a name="FNAnker_84_84" id="FNAnker_84_84"></a><a href="#Fussnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> -die Nachricht brachte, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_440" id="Seite_440">[S. 440]</a></span> Negros nur noch eine kleine Stunde -entfernt seien, schwang er sich auf’s Pferd und stellte sich an die -Spitze der Bataillone; ich folgte ihm mit einigen Adjudanten auf einem -Bergpferdchen, dem einzigen, welches ich hatte auftreiben können, und -so klein, daß meine Füße nicht selten auf dem unebenen Boden streiften.</p> - -<p>Etwa eine Viertelstunde von Chulilla entfernt zog sich der Weg zwischen -zwei leichten Anhöhen hin; dort stellte Arévalo die drei Bataillone, -welche sich vereinigt hatten, mit dem rechten Flügel an den Guadalaviar -gelehnt, auf, während der linke einige Landhäuser besetzt hielt. -Die Grenadiere und Jäger standen, in Tirailleurs aufgelöset, etwa -vierhundert Schritt vorwärts in den Weinfeldern, und 40 Pferde wurden -dem Feinde entgegengeschickt. Fast drei Escadrone waren in Chulilla -zurückgeblieben. Kaum waren jene Dispositionen getroffen, als auf dem -vorliegenden Höhenkamme die dunkele Colonne der Christinos sichtbar -wurde, höchstens 2000 Schritt entfernt; sie zog langsam herab und -rückte dann in drei Bataillons-Massen gegen unsere Stellung an, eine -starke Tirailleurs-Linie vor sich ausbreitend und die Cavallerie auf -beide Flügel vertheilt.</p> - -<p>Ich hatte mich, eine Büchse in der Hand und die Patrontasche um den -Leib geschnallt, der Grenadier-Compagnie des 1. Bataillon del Turia -angeschlossen, welche nahe am Guadalaviar vorgeschoben war; pochenden -Herzens und glühend von Ungeduld erwartete ich den Angriff der Feinde, -jetzt da ich zum ersten Male nach so langer, schmerzlicher Ruhe, -nach den tausendfachen Unbilden, die ich durch sie gelitten hatte, -den Gehaßten mich gegenüber sah. Die Christinos drangen auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_441" id="Seite_441">[S. 441]</a></span> -Heerstraße fest vor, rechts und links durch die Cavallerie und einige -Compagnien Infanterie gedeckt. Sie warfen mit Leichtigkeit die beiden -Compagnien, welche dort sie empfingen, und erstiegen geschlossen die -Anhöhe, auf der unsere Bataillone aufgestellt waren. Zugleich stürzte -eine Escadron, welche im Trabe dem Flusse entlang avancirte, sich auf -die Grenadiere, denen ich mich zugesellt hatte, und zwang uns, in ein -nahes, mit niedrigen Weinstöcken besetztes Feld uns zu werfen, wo zwei -Compagnien sofort mit dem Bajonnett uns angriffen. Einen Augenblick -wichen die Grenadiere, die rechte Flanke der carlistischen Stellung -entblößend. Aber sofort von ihren Officieren gesammelt und geführt, -drangen sie wieder vor, trieben mit dem Rufe: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey!</span> -die beiden Compagnien vor sich her und nahmen das verlorene Weinfeld -wieder, wobei sie zwanzig Gefangene machten.</p> - -<p>Die Hauptmasse des Feindes aber rückte kräftig im Centrum vor, die -carlistischen Tirailleurs mit einigem Verluste vor sich herschiebend, -und seine beiden Escadrone des rechten Flügels jagten die dorthin -gezogenen 40 Lanciers in die Flucht, zersprengten die Elite-Compagnien, -welche nicht mehr Zeit hatten, sich in Masse zu bilden, und -bedroheten die linke Flanke und selbst den Rücken unserer Bataillone -in dem Augenblicke, in dem sie den Angriff der feindlichen Massen -erwarteten. Die Lage der Dinge war kritisch; Mancher verfluchte wohl -die Unvorsichtigkeit des Brigadiers, der unsere Reiterei unthätig in -Chulilla ließ.</p> - -<p>Da erschien plötzlich auf der Höhe, von welcher der Feind -herabgestiegen war, ein starker Trupp Cavallerie, in eine dichte -Staubwolke gehüllt; die Christinos verstärkend mußte er sofort unsere -Niederlage entscheiden. Beide Colonnen standen bewegungslos, ungewiß, -wem die im scharfem Trabe Nahenden Hülfe brächten, als ein langer -Jubelschrei: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">son los nuestros!</span> — die Unseren! — durch die -Linie der Carlisten ertönte: die rothen und weißen Baretts leuchteten -durch den aufquellenden Staub.<span class="pagenum"><a name="Seite_442" id="Seite_442">[S. 442]</a></span> Die drei Escadrone, welche Arévalo in -dem Dorfe zurückließ, hatten dort den Fluß passirt, auf dem jenseitigen -Ufer den Feind umgangen und fielen ihm nun in den Rücken, auf das linke -Ufer zurückgekehrt.</p> - -<p>Mit dem Losungsrufe <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Carlos quinto!</span> stürmten sie gegen das -nächste Bataillon der Christinos; großentheiles aus Rekruten bestehend, -zerstreute es sich und riß auch das zweite Bataillon, das umsonst -dem Drange sich zu entziehen suchte, in die Flucht fort. Arévalo -gab zugleich das Signal zum allgemeinen Avanciren, und die sechs -Elite-Compagnien warfen sich mit dem Bajonnette von vorn auf die nach -allen Seiten Fliehenden, so die furchtbarste Unordnung erzeugend. Das -eine Detachement der feindlichen Cavallerie ward gleichfalls zerstreut, -da es zur Rettung der Infanterie unsere Escadrone chargirte, das andere -stärkere floh, ohne zu kämpfen, auf Chiva. In einer halben Stunde war -die ganze Colonne vernichtet, und die wilde Verfolgung der Fliehenden -ward bis zum Abend fortgesetzt.</p> - -<p>Nur die Jäger und Grenadiere der Bataillone waren zum Schuß gekommen -und hatten etwa 120 Mann an Todten und Verwundeten eingebüßt. Dagegen -wurden an jenem und dem folgenden Tage 1200 Gefangene nebst siebenzig -Pferden und einer genommenen Kanone nach Chelva gebracht; die andere -hatten die Artilleristen auf der Flucht in einen Brunnen gestürzt, wo -sie unentdeckt blieb, bis einige Wochen später eine andere Division der -Christinos sie herauszog und davon führte. Übrigens hatte der Feind, -welcher nur 71 Todte aus dem Schlachtfelde ließ, von seinen Geschützen -gar keinen Gebrauch gemacht.</p> - -<p>Zweitausend Gewehre waren erbeutet, von denen die besten zur Bewaffnung -einiger neu gebildeten Compagnien und zur Ergänzung der in der Division -von Murcia fehlenden benutzt wurden, worauf Arévalo den Rest an den -General Forcadell ablieferte, welcher damit das 7. Bataillon der -Division von Valencia bewaffnete. Die Brigade Ortiz erschien nicht -wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_443" id="Seite_443">[S. 443]</a></span> im Felde. Uns aber empfing, da wir am Abend mit einem Theile -der Gefangenen nach Chelva zurückkehrten, das Jubelgeschrei der treu -carlistisch gesinnten Einwohner, gegen deren Insulte mit einiger Mühe -die wehrlosen Christinos geschützt wurden. Sie bestanden fast ganz aus -jungen, unbärtigen Männern aller Provinzen und schienen, vor wenigen -Monaten mit Gewalt dem väterlichen Hause entrissen, nun fast erfreut, -da ihre militairische Laufbahn für das Erste beendet war.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_79_79" id="Fussnote_79_79"></a><a href="#FNAnker_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Die Bewohner des Landes bezeichnen diese Wege mit dem -nicht unpassenden Ausdruck der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">caminos reales de perdices</span> — -Rebhühner-Chausseen. —</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_80_80" id="Fussnote_80_80"></a><a href="#FNAnker_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Der Volksglaube knüpft an diese isolirten Blöcke manche -Sage und manchen Aberglauben. Einen derselben sollte Orlando — Roland -— durch einen Fußtritt von einem benachbarten Felsberge hinabgeworfen -haben, auf dessen Gipfel eine Lücke von ähnlicher Gestalt sichtbar ist. -Nicht fern davon ist eine ungeheure Spalte in einem Felsen: Orlando -öffnete sie mit einem Hiebe seines Schwerdtes im Kampfe gegen die -Araber u. s. w.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_81_81" id="Fussnote_81_81"></a><a href="#FNAnker_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Nuestra Señora del pilar de Zaragoza</span> — unsere -Herrin von der Säule von Zaragoza — in ganz Aragon enthusiastisch -verehrt. Die Capelle der Cathedrale, in der ihre auf einer Säule -stehende Statue von Gold bewahrt ist, soll die prachtvollste der -Halbinsel sein. Espartero suchte sich die Gunst der Aragonesen zu -versichern, indem er bei seinem Durchzuge im Herbst 1839 der Jungfrau -seine Ehrfurcht bewies; das Volk aber behauptete, er habe gar nicht die -gehörigen Formen beachtet und sich benommen, als ob er zu hoch stehe, -um ihre Jungfrau anzubeten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_82_82" id="Fussnote_82_82"></a><a href="#FNAnker_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Dagegen taugten sie zu solchen nicht so gut, weil sie die -Strapatzen einer solchen Kriegsart nicht zu ertragen wußten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_83_83" id="Fussnote_83_83"></a><a href="#FNAnker_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Die Division, zu jedem schwierigen Unternehmen unter den -Augen des Generals verwendet, litt immer ungeheure Verluste, so daß sie -endlich aus lauter unbärtigen Jünglingen bestand. Die Officiere aber -fielen natürlich stets die Ersten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_84_84" id="Fussnote_84_84"></a><a href="#FNAnker_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Wo die Carlisten in ihrem Gebiete waren, ermüdeten sie -selten die Truppen mit Vorposten-Dienst: jedes Dorf mußte die geringste -Bewegung des Feindes sofort durch Eilboten melden und während der Nacht -jeden Weg durch einen Posten bewachen lassen, so daß die Truppen durch -mehrfache Reihen wachsamer Bauern geschützt waren.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier26" name="zier26"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 26" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_444" id="Seite_444">[S. 444]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXVII">XXVII.</h2> - -</div> - -<p>Mehrere Wochen waren seit meiner Ankunft im Turia auf die angenehmste -Weise verflossen. Das Gefühl, wieder unter den Meinen, wieder frei zu -sein, würde ja das elendeste Gebirgsdörfchen zum lieben Aufenthalte -mir gemacht haben; wie hätte ich da nicht überglücklich in dem -reizenden Chelva sein sollen, wo eine ausgewählte, wahrhaft gebildete -Gesellschaft sich vereinigte, da nicht nur die Familien vieler -höheren Officiere und Beamten, sondern auch noch weit mehr aus den -nahen, dem Feinde unterworfenen Provinzen vertriebene oder freiwillig -ausgewanderte Carlisten dort sich niedergelassen hatten. Dazu kamen -die eben so belehrenden wie heiteren Stunden, welche ich in Arévalo’s -Gesellschaft, so oft er in Chelva war, zubrachte, die Tertulias in -seinem Hause und die Spatzierritte, zu denen er täglich in der Kühle -des Nachmittags mich einlud, da er seit dem glücklichen Gefechte von -Chulilla durch ganz besonderes Wohlwollen mich ehrte.</p> - -<p>So begleitete ich ihn auch zu einer militairischen Promenade mit zwei -Bataillonen und zwei Escadronen südlich vom Guadalaviar auf Chiva — -unglücklichen Andenkens, da die Expedition des Königs dort von Oráa -geschlagen wurde — und dann gen Westen über Buñol nach Castilien, wo -wir einen Tag in dem schönen Handelsstädtchen Utiel rasteten, um von -da über Tuejar nach Chelva zurückzukehren. Wir hatten nirgends den -Feind gesehen, schleppten aber einen nicht unbedeutenden Convoy von -Lebensmitteln und vierzehn Maulthierladungen von Tuch und Schuhen mit -uns, die, für O’Donnell’s Armee bestimmt, auf der großen Heerstraße von -Madrid nach Valencia von uns aufgefangen waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_445" id="Seite_445">[S. 445]</a></span></p> - -<p>Es war natürlich, daß meine durch den Jammer der anderthalbjährigen -Gefangenschaft ganz zerrüttete Gesundheit unter dem Zusammenwirken so -vieler wohlthätigen Umstände täglich mehr und mehr aufblühte.</p> - -<p>Wenige Tage nach unserer Rückkehr, am 24. August, kam Cabrera, von -Niemand erwartet, mit einer kleinen Escorte seiner Tortosiner in Chelva -an; andere Bataillone von allen Divisionen sollten nebst zahlreicher -Cavallerie theils auf dem Marsche nach dem Turia und der Provinz -Cuenca begriffen sein, theils schon in den umliegenden Ortschaften -sich befinden. Auch Oberst Polo — seit kurzem mit einer Schwester -des Grafen von Morella vermählt — welcher mit fünf Bataillonen zu -einem neuen Zuge nach Castilien detachirt wurde, während der General -den feindlichen Oberfeldherrn mit seiner ganzen Armee bei Tales -einige Wochen festhielt, war so eben mit bedeutenden Geldsummen durch -la Mancha zurückgekehrt, einige dreißig tausend Schafe den Gebirgen -zutreibend, wo sie sofort unter die Bauern vertheilt wurden.</p> - -<p>Alle Maßregeln deuteten auf die nahe Ausführung hoher Pläne, und -Officiere und Soldaten, wenn auch noch ungewiß, wohin ihr angebeteter -Feldherr jetzt sie zu führen beabsichtige, vertrauten jubelnd, daß die -nächste Zukunft Großes bringen werde.</p> - -<p>Wir sahen, wie Cabrera, da er General Aznar’s Rettung nicht hatte -hindern können, zur Deckung der schwachen bei Tales errichteten Werke, -eines kleinen Castells und zweier einfach runden Thürme, dem General -O’Donnell gegenüber sich aufstellte. Es darf nicht übersehen werden, -daß dieser General den größten Theil seiner disponibeln<a name="FNAnker_85_85" id="FNAnker_85_85"></a><a href="#Fussnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a> Armee, 17 -Bataillone und 11 Escadrone<span class="pagenum"><a name="Seite_446" id="Seite_446">[S. 446]</a></span> mit 17 Geschützen, dort vereinigt hatte, -während er nur kleine Colonnen von zwei oder drei Bataillonen — doch -mit zahlreicherer Cavallerie, die in jenem Terrain selten Anwendung -fand — in den übrigen Provinzen seines Commandos zur Beobachtung der -Carlisten zurückgelassen hatte, deren Hauptmacht er natürlich unter -Cabrera’s Befehl sich gegenüber wähnte.</p> - -<p>Dieser aber entsendete nach und nach von den 14 Bataillonen und 7 -Escadronen, welche er nach Tales führte, die größere Hälfte nach den -vom Feinde entblößten Theilen des Kriegsschauplatzes und blieb mit -nur 7 Bataillonen und 2 Escadronen in den Schluchten und Abhängen -nahe Tales stehen, den Feind durch gewandt berechnete Manövres und -Listen glauben machend, daß er fortwährend das ganze Corps vor sich -habe, wobei die unbedingte Ergebenheit der Einwohner trefflich ihn -unterstützte. Ja selbst von jener unbedeutenden Macht detachirte er -noch drei Bataillone und fast die ganze Cavallerie auf längere Zeit, -die Communicationen des Feindes mit Castellon de la Plana und Valencia -bedrohend.</p> - -<p>Durch solche Täuschung irre geleitet, operirte O’Donnell vierzehn -Tage lang nur mit äußerster Behutsamkeit und Zeit raubender Vorsicht -gegen die kleine Schaar Cabrera’s. Als er aber endlich den Betrug -erkannte und die kostbare Zeit, welche er unnütz dort verloren hatte, -während die übrigen carlistischen Truppen weithin das christinosche -Gebiet beherrschen und ausbeuten durften; da erst griff er in blindem -Zorn eben so fehlerhaft, wie er vorher gezaudert, mit allen seinen -Truppen in Masse die Stellung der Carlisten an, die er so lange kaum zu -betasten wagte, und erkaufte den Besitz eines nutzlosen Thurmes mit dem -Blute von Tausenden seiner Krieger.<a name="FNAnker_86_86" id="FNAnker_86_86"></a><a href="#Fussnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_447" id="Seite_447">[S. 447]</a></span></p> - -<p>Schon am 1. August hatte O’Donnell seine Batterien gegen das -kleine, nur funfzig Mann fassende Castell und die beiden, noch weit -unbedeutenderen Thürme errichtet; da jedoch die Stellung Cabrera’s eine -größere Annäherung ohne Kampf nicht zuließ, waren die Batterien so -entfernt, daß sie fast gar keinen Schaden thun konnten. Die Carlisten -harcelirten fortwährend die feindliche Armee, bald hier, bald dort -erscheinend und so ihre Schwäche verbergend. Am 4. August zerstörten -sie selbst einen großen Theil der feindlichen Arbeiten, und am 6. -jagten sie alle avancirten Posten in gänzlicher Verwirrung auf das -Hauptcorps, worauf sie am folgenden Tage den Versuch O’Donnell’s, eines -vorwärts neben dem Castell liegenden Felsens sich zu bemächtigen, mit -Verlust zurückwiesen. Die Scharmützel dauerten während der nächsten -Tage ununterbrochen fort, ohne daß das Feuer der Batterien gegen -die Werke oder die furchtsamen Demonstrationen der Armee gegen die -Bataillone Cabrera’s entscheidenden Effect gehabt hätten.</p> - -<p>Erst am 14. August, da die Feinde durch die Unvorsichtigkeit der -Carlisten<a name="FNAnker_87_87" id="FNAnker_87_87"></a><a href="#Fussnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> von deren Schwäche unterrichtet waren, stürmten sie -mit Aufbietung aller ihrer Kräfte die nur durch vier Bataillone -vertheidigten Stellungen derselben, welche sie auch alsbald nahmen, -den linken Flügel nach hartnäckigem Widerstande aus dem Dorfe Suera -baja vertreibend, worauf sie es niederbrannten. Sie bemächtigten sich -dann der beiden Thürme — ein jeder war durch funfzehn Mann vertheidigt -— und verbrannten auch das Dorf Tales, wurden aber bei dem<span class="pagenum"><a name="Seite_448" id="Seite_448">[S. 448]</a></span> Sturme -auf das Castell zurückgeschlagen, weshalb sie nun ihre Batterien nahe -demselben aufführten.</p> - -<p>Cabrera, der am Morgen in den vordersten Reihen der Tirailleurs -mehrere Male nur durch das sehr gebrochene Terrain dem andringenden -Feinde entkommen war, stürmte am Nachmittage mit zwei Bataillonen von -Tortosa wieder vor, warf die ihm entgegenstehenden Massen über den -Haufen und stand während der Nacht einen Flintenschuß weit von der -am Morgen verlorenen Stellung. Als er aber am folgenden Tage, durch -die detachirten drei Bataillone verstärkt, zu neuem Angriffe eilte, -fand er das Castell in der Gewalt des Feindes: die kleine Garnison -hatte es auf Befehl des Gouverneurs geräumt. Dieser wurde, da er Ordre -erhalten hatte, bis auf den letzten Mann sich zu vertheidigen, nach dem -Ausspruche eines Kriegsgerichtes erschossen.</p> - -<p>O’Donnell zog sich auf Castellon de la Plana. Sein Heer war selbst -in dem errungenen Erfolge außerordentlich entmuthigt und geschwächt, -da es bei Tales gegen 4000 Mann eingebüßt hatte, während zugleich -von allen andern Punkten des Kriegstheaters die niederschlagendsten -Nachrichten einliefen. Die Unterfeldherrn Cabrera’s hatten die -Entfernung der feindlichen Armee thätig benutzt, um bis zu den Thoren -der großen befestigten Städte vorzudringen und das flache Land sich zu -unterwerfen. Teruel, Daroca und Zaragoza waren blokirt, Llagostera, -den Ebro passirend, fiel in Hoch-Aragon ein, Arévalo vernichtete die -Brigade Ortiz, Polo durchzog und brandschatzte Mancha und die Besatzung -von Cañete beherrschte die ganze Provinz Cuenca und drang selbst in -Verbindung mit Beteta in das Innere von Guadalajara vor, wo sie am -6. August den berühmten Badeort Sacedon überfiel und mehrere hohe -Hofbeamten der Königinn Wittwe nebst einigen Deputirten der Cortes -gefangen fortführte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_449" id="Seite_449">[S. 449]</a></span></p> - -<p>Von nun an schloß sich O’Donnell in seine festen Plätze ein, ohne -weiter den Operationen des carlistischen Feldherrn sich entgegen zu -stellen. Er folgte ihm höchstens beobachtend in der Ferne und eilte -bei seiner Annäherung unter den Schutz seiner Festungen zurück. Ohne -Zweifel trug zu solcher Unthätigkeit die Erschlaffung und gänzliche -Muthlosigkeit der christinoschen Truppen viel bei, da sie im Fall eines -Zusammentreffens verderblich werden mußten; aber eben so sehr mochten -den feindlichen General die Instructionen Espartero’s dazu bewegen, -der, des Unterganges der carlistischen Hauptarmee in den Nordprovinzen -gewiß, bis dahin Nichts auf das Spiel zu setzen befahl.</p> - -<p>Cabrera aber flog mit gewohnter Thätigkeit nach Aragon und führte die -schwere Artillerie von Alcalá la Selva über die Heerstraße von Teruel -auf Segorve nach el Turia, wo er sie einstweilen in der Bergveste el -Collado deponirte. Er vereinigte dort die Divisionen vom Ebro und von -Valencia und die Brigade Arnau von der Division von Aragon nebst der -kleinen Division Arévalo’s und der Besatzung von Cañete, zusammen 12000 -Mann Infanterie und 1300 Pferde in 18 Bataillonen und 13 Escadronen. -Llagostera stand mit dem Reste seiner Division in Nieder-Aragon, die -vor kurzem gebildeten Bataillone 4. von Tortosa und 7. von Valencia -nebst dem Bataillon Sappeurs und kleinen Detachements der andern Corps -im Königreiche Valencia, größtentheils als Besatzung der festen Punkte, -während zwei Escadrone von Tortosa am untern Ebro streiften und Oberst -Bosque mit seinem Frei-Bataillon Schützen von Aragon die Festungen -Alcañiz und Caspe blokirte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am Tage nach der Ankunft des Generals stellte Brigadier Arévalo mich -ihm vor. Mein Vorurtheil gegen Cabrera mochte wohl Grund sein, daß ich -in den kühnen Zügen etwas Wildes,<span class="pagenum"><a name="Seite_450" id="Seite_450">[S. 450]</a></span> Unheimliches zu erkennen glaubte, -was mir späterhin nie mehr auffallend war. Übrigens ist das Äußere -desselben so oft geschildert worden, daß ich das oft Gesagte nur -nochmals wiederholen könnte; doch werde ich nie den Eindruck vergessen, -welchen die Augen Cabrera’s auf mich machten, diese dunkel glühenden -Augen, die in unaufhörlicher Bewegung feurige Blitze entsenden und, -wohin sie sich fixiren, bis auf den tiefsten Grund durchbohrend zu -dringen scheinen. — Diejenigen, welche seit einigen Jahren ihn nicht -gesehen hatten, fanden ihn unendlich verändert und gealtert, Sorgen -und rastloses Mühen hatten ihren Stempel dem jugendlichen Antlitze -aufgedrückt.</p> - -<p>Ich ward von Cabrera auf nicht sehr schmeichelhafte Art empfangen, wozu -mein Äußeres, wie es damals wohl choquiren konnte, die Veranlassung -gab. Schon durch meine Statur zog ich stets die Aufmerksamkeit der -Spanier auf mich, da sie allgemein kräftig, aber untersetzt gebaut -sind. Dazu war ich wahrhaft ausgemergelt durch die Leiden und -Entbehrungen der furchtbaren Gefangenschaft in Cadix’ Casematten und -die dadurch hervorgerufene Kränklichkeit, während die Gesundheit, -welche kaum wiederzukehren begann, die Spuren des Elends in den hohlen -Wangen und dem krankhaft bleichen Teint noch nicht zu verwischen -vermochte.</p> - -<p>Der lange Aufenthalt in jenen halbdunkeln, feuchten Räumen, in denen -wir zum Lesen selbst bei Tage des künstlichen Lichtes uns bedienen -mußten, hatte meine Augen so geschwächt und empfindlich gemacht, daß -noch Monate lang nachher das Strahlen der Mittagssonne, in jenen -Landstrichen doppelt blendend, da sie rings von den weißen Häusern -oder von grau glänzenden Felswänden zurückgeworfen wird, brennende -Schmerzen mir erregte. Ich pflegte deshalb die Augen durch blaue oder -grüne Klappenbrillen gegen den widrigen Einfluß zu schützen und beging, -wiewohl das Vorurtheil der einfachen Facciosos gegen alles nicht der -Natur Angemessene mir wohl bekannt war,<span class="pagenum"><a name="Seite_451" id="Seite_451">[S. 451]</a></span> die Unvorsichtigteit, bei -dem Gange zum General eine blaue Brille aufzubehalten, deshalb nichts -Übeles erwartend.</p> - -<p>Als Arévalo mit einigen gütigen Worten mich vorstellte, betrachtete -mich Cabrera eine Sekunde und fragte dann, die Stirn in Falten gezogen: -„Und diese Brille? Ist das Mode in ihrem Lande?“ Auf meine Erwiederung, -daß nicht Mode, sondern die Rücksicht auf meine in den Kerkern der -Christinos geschwächten Augen sie mich tragen mache, sagte er kurz: -„Vorwand, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>!“ Da konnte ich trotz dem Kopfschütteln -Arévalo’s, der neben dem General stehend mir Schweigen zuwinkte, mich -nicht enthalten, zu antworten, daß ich nie einen Vorwand gebrauchen -würde, der übrigens in einer so ganz gleichgültigen Sache höchst unnütz -wäre. „Aber <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, ich mag keine Brillen, Herr!“ donnerte -Cabrera los. — „So ersuche ich Ew. Excellenz um Paß nach Catalonien zu -dem Heere des Grafen von España,“ bat ich fest, aber respektvoll.</p> - -<p>In dem Augenblicke wandte sich Arévalo an den General und führte ihn -an eine Fensterbrüstung, wo er eifrig mit ihm sprach. Bald traten sie -wieder hervor und unterhielten sich mit den Officieren und Beamten, -welche fortwährend mit Meldungen und Anfragen zu- und abgingen. Als -ich endlich nach einer halben Stunde des Wartens mein Gesuch um den -Paß wiederholte, erklärte mir Cabrera kurz, daß ich fürs Erste mit ihm -kommen würde.</p> - -<p>Arévalo, als ich bald mit ihm das Zimmer verließ, machte mir freundlich -Vorwürfe über meine Empfindlichkeit und Schroffheit; er fügte hinzu, -daß man unter Spaniern nicht jedes Wort so strenge nehmen und am -wenigsten höher Stehenden so scharf erwiedern dürfe, wenn man nicht -den unangenehmsten Händeln sich aussetzen wolle. „Ein Spanier, der so -den Paß gefordert hätte, würde gewiß bei erster Gelegenheit erschossen -sein; und Gelegenheit fehlt einem General nie.“</p> - -<p>Wiewohl ich weder solche Macht des Generals noch solchen<span class="pagenum"><a name="Seite_452" id="Seite_452">[S. 452]</a></span> Charakter -selbst im Spanier als allgemein anerkennen konnte, fühlte ich doch, -daß mein Début mich auf etwas schlüpfrigen Boden stellte, und beschloß -demnach, mit doppelter Vorsicht zu verfahren. Den Wunsch Arévalo’s -aber, daß ich nicht wieder mit der ominösen Brille erscheinen möge, -konnte ich unmöglich erfüllen; ich würde sie gern abgelegt haben, so -wie der General mir ihretwegen nicht mehr Kälte zeigte; bis dahin hätte -ich dadurch nur erbärmliche Schwäche kund gegeben. — Während der -folgenden Tage sah ich Cabrera wiederholt und ward stets mit flüchtigem -Blicke und leichtem Neigen des Kopfes freundlich empfangen.</p> - -<p>Der General war, so lange er in Chelva weilte, in ununterbrochener -Thätigkeit; sein Logis war stets gefüllt und umgeben durch Haufen -von Landleuten, welche auf die Kunde seiner Ankunft von allen -Seiten herzuströmten, ihre Klagen und Bitten ihm vorzulegen. Da war -keine Wache, um die Zudringlichen zurückzuweisen, kein Adjudant -oder Kammerdiener, um mit nie erfüllten Versprechungen die Armen -abzuspeisen. Cabrera empfing selbst Jedermann, hörte die Beschwerden -und half sofort, indem er durch einen Adjudanten die betreffende Ordre -niederschreiben, oder, wo Geld helfen konnte, von irgend Jemand aus -seiner Umgebung einige Duros oder Gold-Unzen sich geben ließ; denn die -eigenen Taschen hatte er gewöhnlich in der ersten halben Stunde geleert.</p> - -<p>War er nicht so beschäftigt, so dictirte er im Büreau und sah die -Berichte durch, welche stündlich von allen Seiten an ihn einliefen; -bald empfing er Confidenten, oft aus den fernsten Theilen der -Monarchie, bald hielt er Revue über die Truppen oder inspicirte -Magazine und Hospitale, allenthalben bis in die kleinsten Details -prüfend und jede Verbesserung selbst anordnend. Vorzüglich oft wurden -auch die Kriegscommissaire herbeigerufen, entweder — in Spanien sind -sie alle anerkannte Spitzbuben — um furchtbar sie anzudonnern oder gar -einen aus ihnen auf<span class="pagenum"><a name="Seite_453" id="Seite_453">[S. 453]</a></span> der Stelle erschießen zu lassen,<a name="FNAnker_88_88" id="FNAnker_88_88"></a><a href="#Fussnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a> wenn durch -ihr Verschulden die Bedürfnisse der Truppen unbefriedigt geblieben -waren; oder um anzuweisen, auf welche Art sie neue Ressourcen sich -öffnen konnten. Hin und wieder rastete der General ein halbes Stündchen -in der Mitte seiner Officiere, meistens über die Ereignisse des Tages -sich unterhaltend, bis irgend ein neuer Gedanke der Fürsorge für seine -Freiwilligen der kurzen Muße ihn entriß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 28. August brachen wir von Chelva auf, wo Arévalo mit seinen -Bataillonen zurückblieb. Wir zogen, nur vier Bataillone und einige -Escadrone, über Titaguas der Provinz Cuenca zu, wurden aber bald durch -Theile der Division vom Ebro und von Aragon verstärkt; wir sollten, so -hieß es, nach der Mancha ziehen, wiewohl die eingeschlagene Richtung -eher auf die Provinz Guadalajara als das Ziel des Marsches zu deuten -schien.</p> - -<p>Nachdem wir in einigen unbedeutenden Dörfern geruhet hatten, setzten -wir am folgenden Tage den Marsch fort. Da erschien ein Spion, von -mehreren Bauern begleitet, und ward angelegentlich vom General -examinirt; der Marsch ward beschleunigt, Ordonnanzen entfernten sich in -scharfem Trabe rechts und links, und bald erzählten sich die Adjudanten -des Generals, daß wir eine feindliche Colonne angreifen würden. Der -Spion hatte die Nachricht gebracht, daß fünf Bataillone und drei -Escadrone der Division von Cuenca langsam dieser Stadt zuzögen, da sie -den Aufenthalt Cabrera’s in el Turia und die Anhäufung von Truppen -daselbst erfahren hatten. Wir eilten daher, den Rückzug dorthin ihnen -abzuschneiden.</p> - -<p>Am Mittage des 30. August vereinigten wir uns mit General Forcadell, -der einige Bataillone von seiner Division<span class="pagenum"><a name="Seite_454" id="Seite_454">[S. 454]</a></span> und vier Escadrone uns -zuführte, dann stieß auch Valmaseda mit seinen Reitern und die Escadron -von Toledo zu uns. Wir hatten ohne Aufenthalt den ganzen Tag marschirt, -als ein neuer Confident erschien, dessen Mittheilung den General, der -fast ohne zu sprechen an der Spitze der Divisionen einherritt, lebhaft -anregte. Er wandte sich mehrere Male zu uns um mit den Worten: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">los -tenemos, Señores!</span>“ — wir haben sie! — und Blitze sprühten aus den -leuchtenden Augen. Die feindliche Colonne war nach Carboneras, vier -Stunden von Cuenca, abmarschirt, um dort zu übernachten und am Morgen -Cuenca zu erreichen.</p> - -<p>Nachdem am Abend kurze Zeit gerastet war, setzten wir mit jeder -Vorsicht wieder den erschöpfenden Marsch fort, dessen Beschwerden die -Freiwilligen in der Hoffnung auf baldigen Kampf freudig ertrugen. -Über schroffe Gebirge auf fast ungangbaren Pfaden schritten die -Bataillone Mann hinter Mann einzeln hin, so daß häufig auf freierem -Platze angehalten wurde, um die Queue der langgedehnten Marschcolonne -nachkommen zu lassen; die Cavallerie aber schlug andere, weitere -Wege ein, den Windungen der Thäler folgend. Kurz vor Tagesanbruch -vereinigte sie sich mit der Infanterie; bald ward wieder Halt gemacht. -Todtenstille herrschte unter den Truppen; eine dunkele Masse nicht -achthundert Schritt vor uns sollte das vom Feinde besetzte Dorf sein, -und doch verrieth kein Laut die Gegenwart lebender Wesen in ihm. Da -schallte der eintönige Ruf der Schildwachen zu uns herüber — ein Jeder -wohl athmete leichter, von schwerer Last die Brust befreit. Wenige -Minuten später, als schon der Tag dämmerte, ertönte im Dorfe die Diana, -die Feinde zum Morgen-Appell rufend.</p> - -<p>Unsere Escadrone trabten rechts und links ab, den Ort zu umstellen, -während die Bataillone auf die niedrigen Anhöhen rings sich -vertheilten, von denen die leichten Geschütze in dem Augenblicke ihr -Feuer eröffneten, in dem die Infanterie zum<span class="pagenum"><a name="Seite_455" id="Seite_455">[S. 455]</a></span> Sturm gegen die Häuser -vordrang, welche, gleichfalls auf einer Höhe liegend und sämmtlich -massiv, einer kräftigen Vertheidigung fähig waren.</p> - -<p>In Carboneras befanden sich zwei Bataillone von Ecija und ein und ein -halbes von dem Linien-Regimente el Rey nebst zwei Escadronen; ein -Bataillon des Regimentes Reyna Gobernadora, ein halbes vom Rey und -eine Escadron standen in Reilla, eine Stunde weit auf dem Wege nach -Cuenca liegend. Gegen diese wandte sich Forcadell mit einem Theile des -Corps. Er traf die Feinde auf dem Marsche, da sie, das Feuer hörend, -ihren Cameraden zu Hülfe eilten, griff sie an, zersprengte sie gänzlich -und machte etwa 500 Gefangene, von denen zwei Compagnien der Reyna -Gobernadora niedergemacht wurden, da sie, nachdem sie sich ergeben -hatten, wieder zu den Gewehren griffen und von hinten auf die Sieger -feuerten.</p> - -<p>Forcadell rückte dann zur Beobachtung gegen Cuenca vor, wohin am Abend, -keine Gefahr ahnend, der Anführer der Division mit seinem Chef des -Generalstabes zu einer Berathung mit dem commandirenden General der -Provinz gezogen war, so daß, da der zweite Commandeur in Reilla sich -befand, der älteste Oberstlieutenant zu Carboneras commandirte.</p> - -<p>Der Angriff unserer Freiwilligen, wie erschöpft sie auch sein mußten, -war äußerst brav, aber der Feind, von der ersten Überraschung -zurückgekommen, vertheidigte sich mit gleicher Bravour; jedes Haus -mußte einzeln genommen werden, in jedem kämpften die Christinos -verzweifelt und räumten es gewöhnlich erst, wenn es angezündet über -ihnen zusammenzufallen drohte. Die Bataillone, nachdem sie einige -Stunden gefochten hatten, wurden durch andere abgelöset, um zu -ruhen, worauf sie von neuem ins Feuer gingen, während ihre Cameraden -auf einige Zeit zurückgezogen wurden. Das Dorf brannte fortwährend -rings umher, dichte Rauchwolken gen Himmel sendend, aus denen das -ununterbrochene Knallen der Schüsse, das wilde<span class="pagenum"><a name="Seite_456" id="Seite_456">[S. 456]</a></span> Geschrei der Fechtenden -und das Krachen der einstürzender Mauern schauerlich durch einander -tönten. Am Abend hatte die Eroberung der Trümmer von etwa zwanzig -Häusern, die zum Theil mit dem Bajonnett genommen und wieder genommen -waren, uns schon über 300 Mann gekostet.</p> - -<p>Mit immer gleicher Wuth von beiden Seiten tobte der Kampf die Nacht -hindurch; doch waren die Christinos während derselben schon bedeutend -nach der Mitte des großen Dorfes zusammengedrängt, rings von einem -Kreise rauchenden Schuttes und halb eingesunkener Wände umgeben, -wodurch das Vordringen unserer Freiwilligen bedeutend erschwert wurde. -Auch die noch vertheidigten Häuser brannten langsam weiter, indem die -Angreifer bemüht waren, brennbare Stoffe um sie her anzuhäufen. Die -Einwohner des Dorfes aber, von denen freilich einige getödet waren, -retteten sich meistens zu uns und wurden auf des Generals Befehl sofort -in den nächsten Dörfern untergebracht.</p> - -<p>Cabrera war wüthend. Er fluchte den Feinden und drohete furchtbare -Rache, da sie ganz ohne Hoffnung auf Hülfe nutzloses Blutvergießen -veranlaßten,<a name="FNAnker_89_89" id="FNAnker_89_89"></a><a href="#Fussnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> er jammerte über seine armen Burschen, wie sie -fortwährend todt oder verwundet aus dem Getümmel zurückgebracht wurden; -dabei waren noch immer keine Lebensmittel vorhanden, und die Hitze -wurde gegen Mittag furchtbar drückend. Endlich erschien ein großer -Convoy, von dem nahen Cañete gesendet, worauf der General sofort den -gerade ruhenden Truppen einen Theil der Lebensmittel austheilen ließ -und dann, da sie kaum gegessen hatten — an Kochen war natürlich -nicht zu denken, — zur Ablösung der kämpfenden Bataillone sie -schickte, damit auch diese mit Brod und Wein sich stärkten.<span class="pagenum"><a name="Seite_457" id="Seite_457">[S. 457]</a></span> Zwei -Maulthierladungen von Orangen, welche der Gouverneur von Cañete aus -besonderer Aufmerksamkeit dem General bestimmte, befahl er nebst -dem exquisiten Weine den Verwundeten zu bringen, für sich und jeden -Officier seines Stabes eine Orange zurückhaltend.</p> - -<p>So oft ein Haus lebhaften Widerstand leistete, beorderte Cabrera irgend -einen Officier aus seiner Umgebung, an die Spitze der Stürmenden -sich zu stellen; und wehe! wenn er nicht der Erste der Gefahr sich -entgegenwarf. Auch ich ward mehrere Male mit solchen Aufträgen geehrt -und führte sie mit Glück aus. Cabrera selbst setzte sich häufig -der größten Gefahr aus und ging bis dicht an die noch vom Feinde -vertheidigten Gebäude vor. Officiere und Ordonnanzen wurden an seiner -Seite verwundet, und ein Capitain von Tortosa, da er vor dasselbe -Fenster eines eben eroberten Hauses trat, aus dem der General eine -Sekunde vorher den Fortgang des Kampfes beobachtet hatte, ward durch -eine Büchsenkugel zu seinen Füßen todt niedergestreckt.</p> - -<p>Schon nahete wieder der Abend, und immer noch hatten die Christinos -zehn oder zwölf Häuser rings um die Kirche inne, aus denen sie ein -lebhaftes Feuer gegen die anstürmenden Truppen unterhielten. Mit -mehreren Adjudanten und anderen Officieren stand ich hinter dem -General, der bleich mit furchtbar gefalteter Stirn und über einander -gekniffenen Lippen den vierten Sturm beobachtete, welchen eine -Compagnie von Tortosa auf ein kleines, unscheinbares Haus machte, -das, aus der noch vom Feinde besetzten Masse vorspringend und sie -flankirend, mit großer Festigkeit behauptet wurde und ganz von Truppen -gefüllt schien. Wieder mußten die braven Tortosiner weichen, nachdem -die am kühnsten vorwärts Dringenden unter dem mörderischen Feuer -gefallen waren.</p> - -<p>Einen Augenblick stand der General starr, nur das Gesicht von einer -krampfhaften Bewegung durchzuckt; dann wandte er<span class="pagenum"><a name="Seite_458" id="Seite_458">[S. 458]</a></span> rasch sich um, -und das geisterhaft flammende Auge auf die sich zur Seite wendenden -Officiere gerichtet, rief er mit Donnerstimme: „Wer wagt es? Niemand, -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>?“ Mit hochklopfendem Herzen flog ich, von einem jungen -Cavallerie-Officier begleitet, an die Spitze der Grenadiere, denen -Cabrera ermunternd: „Vorwärts noch ein Mal, Burschen, und stecht die -Teufel alle nieder!“ zurief.</p> - -<p>Mit lautem <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el Rey! viva Cabrera!</span> stürmten wir vorwärts. -Nach fünf Minuten langem Ringen im Innern des Hauses hatten die -herrlichen Tortosiner es genommen, alle Räume mit Todten und Sterbenden -gefüllt; schon feuerten sie aus den Fenstern auf die zunächst liegenden -Gebäude.</p> - -<p>In dem Augenblicke, da der General in das Haus trat, sah ich, -wie einige Freiwillige drei verwundete Christinos, die einzigen -überlebenden von den Vertheidigern, aus einem Winkel hervorschleppten; -sie durchbohrten kaltblütig den Ersten, einen Officier, und hoben die -Bajonnette, um die Andern, welche umsonst Gnade erflehten, zu opfern, -als mein Ausruf des Entsetzens: „Halt, Infame, Pardon!“ ihre Wuth -hemmte. Da herrschte Cabrera finster mir zu: „ich habe befohlen, kein -Pardon, Herr Capitain!“ mit einem Zornesblick vom Kopf zum Fuß mich -messend, wie ich nie so drohend ihn gekannt. — Mein Entschluß, Aragon -zu verlassen, stand fest, während ich unmuthig nun mit verdoppelter -Anstrengung in den Kampf mich stürzte.</p> - -<p>Während der folgenden Nacht trieben wir den Feind, dessen Widerstand, -wiewohl stets entschieden, doch augenscheinlich mehr und mehr -erschlaffte, von einem Hause zum andern nach dem Mittelpunkte zusammen, -nicht ohne manchen braven Gefährten einzubüßen. Beim Anbruch des Tages -hielt er nur noch die Kirche mit ihrer unmittelbaren Umgebung inne, -nach der er seine Pferde, Bagage und viele Verwundete gerettet hatte, -und die in der Eile durch Öffnung von Schießscharten zur Vertheidigung -eingerichtet war. Obgleich wir die verzweifelte Lage der<span class="pagenum"><a name="Seite_459" id="Seite_459">[S. 459]</a></span> Christinos -kannten, welche, seit vielen Stunden ohne einen Tropfen Wassers, -unmöglich lange ausharren konnten, befahl dennoch der General erbittert -aufs neue den Sturm, als ein Officier, von einem Trompeter begleitet, -sich zeigte und zu capituliren begehrte.</p> - -<p>Ein Capitain von Tortosa ging zuerst bis zur Kirchenthür ihm entgegen, -wohin ich mit andern Officieren ihm folgte. Als wir den kleinen -Platz zwischen den Trümmern der zuletzt genommenen Gebäude und der -Kirche überschritten, sahen wir in allen Schießscharten die Mündungen -der Gewehre blitzen und dahinter die dunkel geschwärzten Köpfe der -feindlichen Soldaten — wohl um zu imponiren; doch wurden sie auf unser -Verlangen sofort zurückgezogen.</p> - -<p>Die Christinos forderten nach kurzem Gespräche, während dessen einem -jüngern Officier, da er seine unzähmbare Gier nach Wasser aussprach, -seine Cameraden drohende Blicke der Wuth und Verachtung zuwarfen, daß -ihnen freier Abzug nach Cuenca mit Waffen und Gepäck zugestanden werde. -Als der General auf die Meldung des Tortosiners dagegen unbedingte -Ergebung verlangte, baten die Parlamentaire, selbst zu Cabrera geführt -zu werden, was sofort geschah. Sie bestanden nach langem Unterhandeln -daraus, daß die Colonne erst nach acht und vierzig Stunden sich ergebe, -im Fall kein Entsatz käme, daß ihr aber bis dahin Lebensmittel und -vor allem Wasser geliefert werde. Da erklärte der General, die Uhr -hervorziehend, daß, wenn in zehn Minuten die Kirche noch besetzt sei, -Niemand lebend sie verlassen werde. Vor Ablauf der Frist zogen die -Christinos compagnieweise aus der Kirche, von Pulverdampf und Rauch -geschwärzt und verzehrt vom glühendsten Durst, so daß viele unter ihnen -nicht mehr vermochten, ein Wort zu sprechen.</p> - -<p>Über 2100 Mann, unter ihnen 450 Verwundete, streckten die Waffen, so -daß wir mit den Gefangenen Forcadell’s deren etwa 2400 zählten; 1620 -Mann waren unter den Trümmern<span class="pagenum"><a name="Seite_460" id="Seite_460">[S. 460]</a></span> des Dorfes und in der Action Forcadell’s -umgekommen, während von der ganzen schönen Division nur 800 Mann von -Reilla nach Cuenca entflohen waren. Auch fielen 140 Pferde und fast -4000 Gewehre in unsere Hände. Bei dem verzweifelten Widerstande des -Feindes mußte natürlich unser Verlust gleichfalls bedeutend sein: mehr -als 800 Mann waren außer Gefecht gesetzt.</p> - -<p>Cabrera — ich muß es hier wiederholen — während er im Getümmel des -Kampfes und vor Allem, wo er seine Freiwilligen um sich her fallen sah, -keine Schonung kannte und, von Haß und Rache glühend, den fechtenden -Feind bis auf den letzten Mann vernichtete; Cabrera bewährte gegen die -Entwaffneten, die Gefangenen stets den Edelsinn und die Großherzigkeit, -welche den Grundtypus seines Charakters bilden. Auch bei Carboneras -wurden die Gefangenen mit ungewöhnlicher Großmuth behandelt. Sie -behielten ihr Gepäck unangerührt, und den Officieren wurden selbst die -Pferde für den weiten Marsch bis zum Depot gelassen, während alle ihre -Bedürfnisse sogleich mit höchster Sorgfalt befriedigt wurden. Als aber -dem General angezeigt ward, daß die Christinos kurz vor der Übergabe -die in den Cassen befindlichen bedeutenden Fonds nach Verhältniß ihrer -Grade unter sich vertheilt hätten, wobei man ihm bemerklich machte, daß -er auf sie als königliche Gelder vollkommenes Recht habe, befahl er: -„Nein, laßt es den Armen; sie werden mehr, als wir, es nöthig haben.“ -Die unglücklichen Einwohner aber des zerstörten Dorfes sprach er für -die Dauer des Krieges von jeder Abgabe und Leistung frei, ließ auf -Kosten des Gouvernements die zerstörten Wohnungen ihnen aufrichten und -bewilligte ihnen ansehnliche Vorräthe an Korn für den Unterhalt und die -Aussaat.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_461" id="Seite_461">[S. 461]</a></span></p> - -<p>Nach Beendigung des Kampfes bat ich den General von neuem um Paß nach -dem Heere von Catalonien, und er gestand ihn ohne Schwierigkeit mir zu. -Ich ersetzte die ganz erschöpfte Kraft durch Speise und kurzen, aber -erquickenden Schlaf und ritt am Nachmittage auf Cañete zurück, nachdem -ich einen letzten Blick auf das unglückliche Dorf geworfen hatte, in -dem nur die Kirche mit vier oder fünf Häusern aus dem Trümmerhaufen -emporragte. Gräßlich durch das Feuer verstümmelt, lagen Leichen in -Entsetzen erregender Zahl unter dem mit Blut getränktem Schutte der -zusammengestürzten Gebäude, aus dem noch hie und da dichte Rauchsäulen -und zuweilen auflodernde Flammen sich erhoben. Ringsum waren die -Bataillone und Escadrone gelagert, von der schweren, sieggekrönten -Arbeit ruhend, nachdem sie jubelnd im feurigen Weine, der nach dem -Kampfe ausgetheilt wurde, auf das Wohl ihres Königs und des angebeteten -Feldherrn getrunken. Schmerzlich bewegt zog ich von dannen; ich -beneidete die Braven, welche ich verließ, überzeugt, daß Großes ihrem -Muthe vorbehalten sei. Unterweges traf ich viele Officiere und kleine -Truppenabtheilungen, die ihnen sich anzuschließen eilten, so wie ein -starkes Detachement Sappeurs, welches von Cañete herab zum Heere -beordert war.</p> - -<p>Nachdem ich wieder einige Tage bei dem wackern Arévalo zugebracht -hatte, reisete ich über Vejis, Linares und Mosqueruela langsam -nach Morella, von wo aus ich nach Catalonien abzureisen gedachte. -Überall zeigten die Gebirge, welche ich zu übersteigen hatte, der -wahre, ein mächtiges Hochplateau bildende Knoten der wilden Sierras -von Unter-Aragon, jene Schroffheit und Unzugänglichkeit, welche im -Königreiche Valencia mich frappirt hatten. Die Thäler aber waren nicht -mehr so lieblich und so reich bebaut, wie dort; auch sie trugen das -Gepräge der Ungastlichkeit und Rauheit, so wie die Wohnungen sich nicht -durch jene Sauberkeit auszeichneten, mit der der Valencianer auch die -Hütte anziehend zu machen weiß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_462" id="Seite_462">[S. 462]</a></span></p> - -<p>Dagegen ward ich überall wahrhaft herzlich willkommen geheißen und -mit tausend Fragen über die Armee und ihre letzten Siege bestürmt, -die gewöhnlich mit einem enthusiastischem viva Don Ramon! geschlossen -wurden. Diese Bergbewohner hatten in der That seit dem Beginn des -Krieges sich stets als echte Carlisten bewährt und standen daher -hoch in der Gunst Cabrera’s, dessen sie sehr wohl sich erinnerten, -wie er als Abanderado in dem Corps von Carnicer im Studentenrock und -ein buntes Tuch turbanartig um den Kopf gewickelt<a name="FNAnker_90_90" id="FNAnker_90_90"></a><a href="#Fussnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a> die Sierra’s -durchstrich, oft nur durch die Ergebenheit der Landleute von den -verfolgenden Streifparthieen der Negros gerettet.</p> - -<p>Schon jetzt war in diesen Gebirgen, deren Bewohner, auf den Bau von -Roggen und Kartoffeln beschränkt, durch Gewerbthätigkeit das Fehlende -sich ersetzen, die Luft rauh und herbe geworden, und wiewohl am Mittage -die belebende Wärme der Sonne in sengende Hitze überging, waren doch -die Nächte schauerlich frisch, und schneidende Kälte begleitete die -Winde von den mit Schnee bedeckten Höhen herab. So näherten wir uns -gern den mächtigen Feuern, welche in allen Häusern einladend vom Heerde -uns entgegen leuchteten, da hier im Gegensatz zu den nackten Hochrücken -von Valencia das Gebirge mit reichen Fichtenwaldungen bedeckt ist.</p> - -<p>Gegen das Ende September’s langte ich in Morella an, dessen Castell von -seinem Felsblocke herab weit umher über die niederen Berge hin sichtbar -war. Ich bewunderte die feste Lage der Stadt, wie sie hoch über die -Thäler erhaben um den Fuß des schützenden Felsens malerisch sich -gruppirt, und ich bewunderte die Bravour der Christinos, welche trotz -so vieler von der<span class="pagenum"><a name="Seite_463" id="Seite_463">[S. 463]</a></span> Natur ihnen entgegengesetzten Schwierigkeiten bis -zum Fuße der Bresche stürmend vordringen konnten. Aber Staunen ergriff -mich, als ich den ungeheuren Felskegel vor mir aufgethürmt sah, auf -dessen Gipfel das Castell wie durch Zaubermacht hingepflanzt scheint; -als ich die senkrechte Wand betrachtete, wo die braven Castilianer -furchtlos sie erstiegen! Unmöglich scheint es, daß Menschen solches -Unternehmen im Geiste auffaßten, unmöglich, daß Menschen sich fanden, -die nicht vor der Ausführung schaudernd zurückbebten. Dort auf dem -schmalen, abschüssigen Absatze in furchtbar schwindelnder Höhe faßten -die Stürmenden Fuß, dort, über dem Abgrunde schwebend, setzten sie die -gebrechlichen Leitern an zur Erklimmung der noch eben so hoch über -ihnen senkrecht aufsteigenden Felsenmasse!?</p> - -<p>Noch ward ich durch Rücksicht auf einige Officiere, die nach Catalonien -mich begleiten wollten, in Morella und dem nahen Orcajo festgehalten, -als am 6. October Cabrera dort ankam, finster die Stirn umwölkt, -während schwankende Gerüchte verkündeten, daß Espartero mit zahlreichen -Heerhaufen in Zaragoza stehe. Nachdem er O’Donnell, der zur Beobachtung -von Valencia über Teruel nach Castilien sich richtete, durch gewandte -Demonstrationen getäuscht und zurückgedrückt hatte, war der General -mit zwölf Bataillonen und neun Escadronen nebst sechs Geschützen über -Beteta nach Guadalajara aufgebrochen, wo keine feindliche Colonne mehr -existirte, die seinem Vormarsch auf Madrid sich hätte widersetzen -können. O’Donnell aber befand sich weit entfernt im Königreiche -Valencia, während Forcadell und Arévalo mit neun Bataillonen und -vier Escadronen in Cañete und dem Turia zurückgelassen waren, um das -feindliche Heer zu beobachten und den Rücken des vordringenden Corps zu -sichern.</p> - -<p>In stolzer Zuversicht durchzogen die Colonnen das fruchtbare Hügelland -Castilien’s; schon jubelten die Freiwilligen, nur noch zwölf Leguas von -der Hauptstadt entfernt, des nahen,<span class="pagenum"><a name="Seite_464" id="Seite_464">[S. 464]</a></span> herrlichen Triumphes gewiß<a name="FNAnker_91_91" id="FNAnker_91_91"></a><a href="#Fussnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a> — -da ordnete Cabrera den Rückzug an und führte die erstaunten Truppen -in Eilmärschen nach Aragon zurück. Er hatte die Nachricht von dem -schmählichen Verkaufe von Bergara und dem Übertritt Carls V. -nach Frankreich erhalten.</p> - -<p>Espartero war in Zaragoza angekommen, um mit O’Donnell vereint die -Armee Cabrera’s zu erdrücken, der sich schon durch den Letzteren von -dem ganz vertheidigungslosen Hochgebirge abgeschnitten sah, welches -die Grundlage und den Kern seiner Macht bildete. Bei seiner Annäherung -zog sich jedoch der feindliche Feldherr ehrerbietig in die Festungen -zurück, ohne den Rückmarsch zu stören. Cabrera eilte, zum Todeskampfe -sich vorzubereiten.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_85_85" id="Fussnote_85_85"></a><a href="#FNAnker_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Denn die ganze Stärke der Armee des Centrum mit -Garnisonen u. s. w. war etwa 60000 Mann.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_86_86" id="Fussnote_86_86"></a><a href="#FNAnker_86_86"><span class="label">[86]</span></a> O’Donnell wollte überall durch Massen siegen, den kleinen -Krieg gar nicht kennend. So erreichte er zwar augenblicklich sein Ziel, -aber stets mit so ungeheurem Verluste, daß jeder Vortheil dadurch einer -Niederlage gleich wurde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_87_87" id="Fussnote_87_87"></a><a href="#FNAnker_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Die beiderseitigen Vorposten pflegten sich zu -unterhalten, oft auch sich zu höhnen und zu schimpfen. Da nun die -Carlisten ihre Gegner fortwährend verspotteten, daß sie durch so wenige -Bataillone zurückgehalten würden, ward endlich der feindliche Führer -durch die immer wiederholten und immer gleichlautenden Nachrichten von -seinem Irrthum überzeugt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_88_88" id="Fussnote_88_88"></a><a href="#FNAnker_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Die Truppen waren nie zufriedener, als wenn gegen einen -von diesen Blutsaugern, die sie redlich haßten, solche rasche Justiz -geübt wurde.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_89_89" id="Fussnote_89_89"></a><a href="#FNAnker_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Übrigens ließ er sie gar nicht zur Übergabe auffordern. -Auch geschah das sehr selten in Spanien, indem der Bedrängte stets die -ersten Schritte thun mußte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_90_90" id="Fussnote_90_90"></a><a href="#FNAnker_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Die Kopfbedeckung der Guerrillas in Aragon und Catalonien -bestand ursprünglich in diesem bunten Tuche, bis sie das Barett der -Basken adoptirten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_91_91" id="Fussnote_91_91"></a><a href="#FNAnker_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Ich will nicht deshalb behaupten, daß Madrid in jenem -Augenblicke den Carlisten in die Hände gefallen wäre. Man darf vielmehr -aus vielfachen Äußerungen abnehmen, daß es Cabrera’s Absicht war, -Schritt vor Schritt Castilien zu erobern und durch angelegte Festungen -— wie Cañete, Beteta — in ihm sich festzusetzen, bis er, wie er -selbst sich ausdrückte, eine Kette von Forts errichtet hätte, deren -letztes in die Fenster Maria Christina’s hineinschauen und auf immer -den Trotz des revolutionairen Pöbels der Hauptstadt brechen sollte. — -Aber sehr, sehr nahe war die Zeit des Triumphes, wenn nicht Espartero’s -Ankunft die Lage der Dinge so ganz umkehrte.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier27" name="zier27"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 27" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_465" id="Seite_465">[S. 465]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXVIII">XXVIII.</h2> - -</div> - -<p>Seht Ihr jene Schaaren, die in nicht endendem Zuge die fruchtbaren -Gefilde von Nieder-Aragon durchschreiten, stolz die Stirn erhebend, als -ob sie so eben ruhmwürdige Thaten vollbracht hätten? Drohend ziehen sie -einher in kriegerischer Haltung, hochmüthig prahlen sie mit ihrer Zahl, -wie in diesem Kriege die zitternden Bürger sie noch nicht vereinigt -sahen. Tausende funkelnder Reiter begleiten die weit ausgedehnten -Colonnen der Infanterie, und in ihrem Gefolge schleppen sie die -Verderben speienden Maschinen, bestimmt, die hohen Mauern und Wälle -niederzuschmettern und Tod und Verwüstung in die Reihen des Feindes, -wie in die Wohnungen des friedlichen Bürgers zu tragen.</p> - -<p>Ha, wie sie jubeln, die Tausende! Wie sie rüstig daherziehen, als -gingen sie, ein lärmendes Freudenfest zu feiern! — Und doch, sind -nicht unter ihnen eben die, welche zwei Jahre früher in diesen Feldern -zitternd entflohen oder, Gnade erflehend, der kühnen, siegreichen -Schaar sich gefangen gaben, die unter ihres Königs Führung von ihrer -Bergveste hinabstieg, bis zu den Thoren von Madrid den Schrecken -ihres Namens zu tragen? Sind sie nicht dieselben, welche so lange -umsonst die braven Basken niederzudrücken suchten, dieselben, deren -ruchloses Wuthgeheul so oft verstummte vor dem loyalen Kriegsrufe der -gefürchteten Söhne des Gebirges, gegen deren Racheschwerdt sie hinter -den Wällen ihrer Festungen schimpflichen Schutz suchten?!</p> - -<p>Sie sind es — — aber, wehe! jener begeisternde Schlachtenschrei der -Treue erschallt nicht mehr; nicht eilen, wie in jenen glorreichen -Tagen, die Krieger Carls V. herbei, den Triumphmarsch des Heeres -der Revolution zu hemmen. Unaufgehalten,<span class="pagenum"><a name="Seite_466" id="Seite_466">[S. 466]</a></span> unangefochten zieht es -über die offene Ebene den Gebirgen zu, denen, fern stufenförmig über -einander gethürmt, die Vertheidiger Isabella’s so lange nur mit Zagen -naheten; und übermüthig verkündet es, daß schon der Krieg, der seit -sechs Jahren das schöne Königreich verwüstete, auf immer beendigt sei, -daß der kleine Haufen, der noch in jenen Bergen für die Vertheidigung -seines rechtmäßigen Königs die Waffen führt, bei ihrem Anblick flehend -sich unterwerfen oder sofort unter der Übermacht zermalmt werde.</p> - -<p>Die Bataillone, welche bisher diesen Massen entgegenstanden und sie -fesselten, existiren nicht mehr. Die Männer, welche, die Waffen in der -Hand, ihre Gebirge gegen alle Anstrengungen der mächtigen Usurpatorinn -vertheidigten, unterwarfen sich, verkauft von dem General, den sie mit -hoffnungsvollem Enthusiasmus an ihrer Spitze sahen, dem verachteten -Feinde, oder sie mußten mit dem Herrscher, für den ihr Blut geflossen, -im fremden Lande unwillig gewährten Schutz suchen.</p> - -<p>Maroto hatte sein Werk vollbracht. Nachdem er die Generale, deren -Ergebenheit er fürchtete, meuchlings hingemetzelt, nachdem er den Geist -der Truppen durch fortwährendes Weichen ohne Gefecht, durch Aufgeben -aller Vortheile und weiter Landstrecken geschwächt und ihre Zuversicht, -wie die der Einwohner, untergraben hatte, krönte der treulose Feldherr -seine Schande, da er am 29. August 1839 den Kern der ihm anvertrauten -Armee dem Feinde in die Hände spielte. Die Umarmung von Bergara, wie -Christina’s Liberale den Act der Überlieferung nannten, zeigte den -erstaunten Völkern das Schauspiel eines Generals, der, von seinem -Könige mit dem höchsten Vertrauen, ja mit fast königlicher Macht -geehrt, diese Macht und dieses Vertrauen benutzte, um seinen Herrscher, -seinen Wohlthäter den empörten Unterthanen desselben zu verrathen und -aus dem angestammten Reiche ihn zu vertreiben.</p> - -<p>Es ist nicht zu verwundern, daß Carl V. unfähig, solche<span class="pagenum"><a name="Seite_467" id="Seite_467">[S. 467]</a></span> -Niedrigkeit zu ahnen, bis zum letzten Augenblicke das künstlich um -ihn geworfene Gewebe nicht durchschaut, und daß er dann, als zu -spät die Wahrheit ihm klar ward, die Besonnenheit verlor und zagend -floh, wo entschlossene Maßregeln und Energie die Schandthat zwar -nicht mehr verhüten, aber doch ihre Wirkungen schwächen und sie -weniger entscheidend machen konnten. Anstatt, da er nicht mehr auf -dem bisherigen Kriegstheater sich halten konnte, an der Spitze der -ihm gebliebenen, stets entschieden treuen Bataillone zur Vereinigung -mit den Armeen sich durchzuschlagen, welche in Catalonien und Aragon -für ihn kämpften, ließ der König nach der Gränze von Frankreich sie -zusammendrängen und zog sich endlich mit ihnen in dieses Königreich -zurück.</p> - -<p>Nach so bitterer Täuschung an Allem verzweifelnd bewog ihn sein immer -gleich milder und christlicher Charakter, ferneres Blutvergießen zu -vermeiden. Ich wiederhole mit tiefem Schmerze: die Eigenschaften Carls -V. hätten ihn zum großen, Segen spendenden Monarchen gemacht, -wenn ihm gegeben wäre, in ruhigerer Zeit friedlich sein Volk zu -regieren. Das Schicksal wies ihm einen Platz an, der eiserne Brust und -eisernen Willen erforderte.</p> - -<p>Doch betrachten wir näher die Ereignisse, welche die Herrschaft -der Carlisten in den baskischen Provinzen vernichteten und ihre -Hoffnungen, die so schön erblüheten, auf immer brachen, da durch sie -auch die Anstrengungen der Braven unnütz gemacht wurden, die im Osten -Spaniens so erfolgreich für die Rechte ihres Königs stritten und zur -Vollendung des von den Basken Begonnenen bestimmt schienen. Schwer wird -es mir wahrlich, meine Blicke auf jene Zeit des Verbrechens und des -Unterganges zu heften und mit Ruhe zu detailliren, wie der erkaufte -Feldherr den Verrath vorbereitete und ausführte.</p> - -<p>Jeder edel Denkende aber, welcher politischen Meinung er auch sei, mag -er nun Carl V. als dem rechtmäßigen Souverain Spaniens oder den -Anhängern der Tochter Ferdinand’s, wähnend,<span class="pagenum"><a name="Seite_468" id="Seite_468">[S. 468]</a></span> daß sie nicht bloß dem -Namen nach Liberale seien, Erfolg gewünscht haben; er wird mit Abscheu -auf den Mann sehen, den keine Verpflichtung zu binden vermochte, für -den Treue und Dankbarkeit und Ehre bedeutungslose Worte waren, da -allein niedrigste Selbstsucht ihn beherrschte und seine Handlungsweise -bestimmte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Maroto hatte während des Monates Mai die in der Provinz Santander -und auf der Gränze von Vizcaya errichteten Forts dem christinoschen -Heere übergeben, dann ohne zu schlagen die westliche Hälfte von -Vizcaya geräumt und selbst in der Hauptstadt Orduña<a name="FNAnker_92_92" id="FNAnker_92_92"></a><a href="#Fussnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> den Feind -sich festsetzen lassen. So schwächte er den Muth und die Zuversicht -des Heeres und vor Allem des Volkes, welches den gehaßten Feind das -Land überschwemmen sah, ohne daß die Truppen den geringsten Widerstand -entgegengesetzt hätten; mit der Zuversicht aber schwand der frühere -Enthusiasmus, wie der Wunsch nach Beendigung des immer drohender sich -gestaltenden Krieges und nach Abhülfe der gehäuften Leiden täglich -glühender wurde.</p> - -<p>Da er diesen ersten Zweck erreicht hatte, glaubte er seine Pläne -schon etwas bestimmter hervortreten lassen zu dürfen. Es galt, die -Menschen nach und nach an den Gedanken des Beschlossenen zu gewöhnen. -Bald sprach man öffentlich in den Provinzen von Unterhandlungen und -Transactionen, und die Chefs, welche mit Maroto im Complott waren -und denen er hauptsächlich in Vizcaya und Guipuzcoa alle wichtigeren -Stellen hatte geben können, thaten, wie Viel sie vermochten, um ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_469" id="Seite_469">[S. 469]</a></span> -Untergebenen für diese Gerüchte empfänglich zu stimmen. Doch wie wenig -klare Ideen die Masse über das Vorhaben ihrer Chefs sich machte, geht -daraus hervor, daß bis zum letzten Augenblicke bald von der Heirath des -Prinzen von Asturias mit der Infantinn Isabella, bald von dem Rückzuge -des Königs nach Frankreich und dem Anerkennen der Fueros durch die -Madrider Regierung gesprochen wurde, während noch öfter behauptet ward, -Espartero wolle mit der carlistischen Armee sich vereinigen, um mit ihr -gegen Madrid zu ziehen.</p> - -<p>Mißtrauen und Unruhe nahmen indessen, da die Armeen bei so prekärer -Lage wieder einige Monate ganz unthätig sich betrachteten, natürlich -mehr und mehr überhand, und die navarresischen Bataillone, deren -erprobte Anführer ja von Maroto hingemordet waren, geriethen in -immer größere Gährung gegen diesen General. Am 9. August brach die -Unzufriedenheit in offenen Aufstand aus, indem das 5. Bataillon, nahe -der Gränze postirt, den Ruf erhob: „Nieder mit Maroto; es lebe Carl -V. <em class="gesperrt">frei</em>!“ Ihm schlossen sich mehrere andere, endlich fast -alle Bataillone von Navarra an.</p> - -<p>Jener Augenblick war der entscheidende. Hätte der König, dem gewiß -schon von den Unterhandlungen, wenn auch nicht ihrer ganzen Ausdehnung -nach, Kunde geworden war, an die Spitze der Navarresen sich stellen, -dadurch ihre Erhebung sanctioniren und mit ihnen gegen den treulosen -General sich wenden können, so würden die übrigen Truppen in der zu -treffenden Wahl zwischen ihrem Herrscher und dem Verräther nicht -geschwankt haben. Aber Carl V. war in der That nicht mehr -König, nicht mehr frei; wohl hatten die Navarresen richtig seine Lage -beurtheilt. Selbst als die <em class="gesperrt">Gemäßigten</em>, von denen er umringt war, -zu einer Zusammenkunft mit den Häuptern der Aufgestandenen ihn gehen -ließen, damit er zur Unterwerfung sie berede, mußte er als Pfand der -Rückkehr die Königinn in ihren Händen lassen. Maroto aber stellte, -die Fortschritte der Royalisten<span class="pagenum"><a name="Seite_470" id="Seite_470">[S. 470]</a></span> zu hemmen, sofort die am meisten ihm -ergebenen Truppen ihnen entgegen.</p> - -<p>So hatte dieser Versuch der treuen Bataillone, die Allmacht des -Generales zu brechen und ihren König dem drohenden Geschick zu -entreißen, keine andere Folgen, als daß der Verräther sein Werk nun -nicht in so großem Maßstabe ausführen konnte, wie er beabsichtigte, ehe -die Navarresen seinem Einfluß sich entzogen.</p> - -<p>Eben dieser theilweise Aufstand zeigte aber Maroto, daß er nicht länger -zögern dürfe; er mußte fürchten, daß auch die Truppen der andern -Provinzen, seine Absichten durchschauend und durch das Beispiel ihrer -Cameraden aufgeregt, gegen ihn sich erklärten. Am 12. August verließ -Espartero mit 20000 Mann und einem starken Artillerie-Train Vitoria -und drang alsbald in Vizcaya vorwärts, Maroto wich fortwährend zurück, -nur selten in ein Scharmützel sich einlassend. So besetzte Espartero, -auf der großen Heerstraße vorgehend, am 22. selbst Durango ohne Kampf. -Die Uneinigkeit und Verwirrung im carlistischen Heere stieg auf den -höchsten Grad: schon waren Niemandem die Unterhandlungen der beiden -Oberfeldherrn verborgen, und englische und französische Agenten eilten -fortwährend von dem einen Hauptquartier zum andern. Espartero zog auch -in Bergara ein.</p> - -<p>Am 25. August hielt der König Revue über die dem Feinde -gegenüberstehenden Divisionen, wobei das Bestehen und die Ausdehnung -der Verschwörung ganz unzweifelhaft wurde, da mehrere Anführer schon -ihrem Herrscher zu trotzen wagten, während dem General die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">vivas</span> -gebracht wurden, welche dem Könige versagt blieben. Nach der Revue -wohnte dieser einem Kriegsrathe der vorzüglichsten Generale bei. Da -legte Maroto, hart befragt, endlich die Maske ab; er gestand die -Übereinkunft mit dem feindlichen Chef und legte die Bedingungen -vor, welche ihm bewilligt waren. Die Sitzung wurde stürmisch. Die -Verbündeten<span class="pagenum"><a name="Seite_471" id="Seite_471">[S. 471]</a></span> Maroto’s stimmten für ihn und stellten ferneren Krieg als -hoffnungslos dar, die wenigen dem Könige Getreuen erklärten laut jene -Unterhandlung für Hochverrath. Gänzlicher Bruch war die Folge.</p> - -<p>Noch hätte rasches, energisches Handeln Vieles retten können, da -die Armee keinesweges unbedingt den Verräthern gehörte; sie würde -gewiß zu ihrer Pflicht zurückgekehrt sein, wenn Maroto und mit ihm -die hauptsächlichsten Verschworenen, so wie sie offen ihr Verbrechen -anerkannten und ihren König insultirten, augenblicklich ergriffen und -vor der Front der Divisionen füsilirt wären. — Aber Carl V., -nicht mehr wissend, wem er vertrauen durfte, wen er als Feind und -Rebellen betrachten mußte, anstatt kraftvoll aufzutreten, schwang sich -auf’s Pferd und schlug, von Wenigen begleitet, den Weg nach Navarra -ein, den Truppen ein schmerzliches: „Kinder, wir sind verkauft!“ -zurufend.</p> - -<p>Maroto dagegen führte das Heer den Positionen des Feindes zu und -stellte sich zwei Stunden von ihm entfernt auf, er hatte in den -folgenden Tagen mehrere Zusammenkünfte mit Espartero, in denen endlich -Alles angeordnet und festgestellt wurde. Am 29. August führte er, -begleitet von den Generalen Urbiztondo, Cabañero, Simon de la Torre, -Luqui und seinem glänzenden Stabe, zwei und zwanzig Bataillone — die -Divisionen von Guipuzcoa und Vizcaya und fünf Bataillone von Castilien -— nebst einer Schwadron und einer Batterie nach Bergara, wo das Heer -der Christinos, in Schlachtordnung aufgestellt, sie erwartete. Ihm -gegenüber rangirte sich das carlistische Corps. Die Castilianer wußten -noch nicht den wahren Zweck der Vereinigung, aber die Feinde hatten -alle nahen Höhenpunkte besetzt, so daß die Rückkehr schon unmöglich -gemacht war.</p> - -<p>Die beiden Generale umarmten sich vor der Front der Armeen, worauf -Maroto eine Anrede an die Christinos hielt,<span class="pagenum"><a name="Seite_472" id="Seite_472">[S. 472]</a></span> während Espartero zu den -bisherigen Carlisten sprach, die endliche Aussöhnung preisend und die -Segnungen des Friedens, der nun das so lange verwüstete Land beglücken -werde. Dann wurden die Gewehre zusammengesetzt, die Soldaten, dem -Beispiele ihrer Anführer folgend, umarmten sich und begrüßten sich als -Brüder, um endlich vermischt die Erfrischungen einzunehmen, welche -zur Feier des Tages herbeigeschafft waren. — So hatte Maroto seinen -Verrath vollbracht!</p> - -<p>Nach dem Vertrage, der für die Provinzen Vizcaya und Guipuzcoa allein -abgeschlossen war, da die Truppen der andern Provinzen sich nicht -unterworfen hatten, sollten sie die Herrschaft Christina’s anerkennen, -wogegen ihre Privilegien aufrecht erhalten würden. Den Officieren der -überlieferten Divisionen wurden ihre Grade und Decorationen bestätigt, -und die Verwundeten bekamen Pensionen, die Truppen aber sollten die -Waffen niederlegen und in die Heimath sich zurückziehen, wenn sie nicht -etwa vorzögen, in die christinosche Armee überzutreten. Diejenigen -Officiere, welche Spanien verlassen wollten, bekamen viermonatlichen -Sold ausgezahlt. Sehr Viele, welche getäuscht oder durch Gewalt nach -Bergara hingezogen waren, verlangten sofort den Paß nach Frankreich.</p> - -<p>Später sah ich mehrere Officiere und Soldaten der Bataillone von -Castilien, die so schmählich in diese Umarmung sich verwickelt -sahen und die erste Gelegenheit benutzten, um zu entfliehen und den -Heeren von Catalonien und Aragon sich anzuschließen. Die Gefühle der -Verkauften wage ich nicht zu schildern. Die Basken freilich, denen ja -stets ihre Provinzialrechte Hauptmotiv und Hauptziel des Krieges waren, -beruhigten sich bald, da die Bewahrung derselben ihnen zugesichert war, -und hingerissen, wie der Soldat so leicht es ist, durch den Einfluß -der Chefs, denen zu gehorchen sie so lange gewohnt waren. Aber die -Castilianer, sie, die kein eigennütziges Streben, kein individuelles -Interesse in die Reihen der Carlisten führte, wahrhafte<span class="pagenum"><a name="Seite_473" id="Seite_473">[S. 473]</a></span> Royalisten und -entschieden für die Sache, deren Vertheidigung sie sich gewidmet hatten -— die Castilianer wurden vom wilden Zorn ergriffen, da sie so den -Liberalen sich übergeben, selbst zu Verräthern sich gestempelt sahen.</p> - -<p>Doch sie wurden strenge bewacht, und während die Basken sofort zu -friedlicheren Beschäftigungen entlassen wurden, sandte Espartero diese -Getäuschten mit Bedeckung nach Vitoria und von dort in das Innere des -Königreichs. Auf dem Marsche wurden Viele erschossen, unter ihnen -einige Officiere, da sie auf dem Versuche zur Flucht ergriffen waren; -die Übrigen wurden in Depots vertheilt, um erst später entlassen zu -werden, ja Manche, die ihren Unwillen laut an den Tag gelegt hatten, -ließ das Gouvernement nach den amerikanischen Colonien und den -Philippinen einschiffen.</p> - -<p>Dennoch gelang es einigen Hunderten der Verkauften, während des Winters -durch die Gebirge Castilien’s bis nach Aragon zu dringen, wo sie -kräftig mitfochten in dem letzten Todeskampfe gegen die Übermacht der -revolutionairen Schaaren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Espartero besetzte nach dem Vertrage von Bergara den Rest von Vizcaya -und das ganze Guipuzcoa, dessen Bewohner mit Erstaunen, aber ohne sich -zu bewegen, in ihrer Mitte die Truppen erblickten, welche seit Jahren -nicht mehr jene reichen Thäler zu betreten gewagt hatten. Er wandte -sich dann rasch nach Navarra, durch energisches Handeln den Schrecken -benutzend, den die Überraschung im ersten Augenblick hervorrufen mußte.</p> - -<p>Der König stand noch immer an der Spitze von 14000 bis 15000 Mann; -alle Bataillone von Navarra und von Alava, das 5. von Castilien und -1. von Cantabrien waren, nebst sieben Escadronen und der ausgewählten -königlichen Bedeckung ihrer Pflicht getreu geblieben. Wohl hätte mit -solcher Macht Viel ausgerichtet werden können, wenigstens wäre es gewiß -leicht<span class="pagenum"><a name="Seite_474" id="Seite_474">[S. 474]</a></span> gewesen, Catalonien mit ihr zu erreichen: selbst die große -Expedition, mit der Carl V. im Jahre 1837 bis an die Thore von -Madrid gelangte, war nicht so stark, als sie von den Nordprovinzen -auszog.</p> - -<p>Und doch, wer möchte dem verrathenen Monarchen vorwerfen, daß er, -entmuthigt und niedergebeugt durch das Geschehene, nicht sofort die zu -dem kühnen Schritte nöthige Entschlossenheit fand! Auch konnte wohl -die bekannte Abneigung der Navarresen, außerhalb ihrer vaterländischen -Provinz zu kämpfen,<a name="FNAnker_93_93" id="FNAnker_93_93"></a><a href="#Fussnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a> Zweifel erregen; und nach dem geringsten -Zaudern war es zu spät, da schon die carlistische Armee ganz umringt -und nach Norden hin zusammengedrängt war. Die Stellung von Lecumberry, -in Gefahr, umgangen zu werden, da die feindlichen Colonnen zugleich -von Guipuzcoa und unter General Rivero aus dem östlichen Navarra -vordrangen, wurde verlassen, und die Bataillone, nun unter Eguia’s -Commando gestellt, zogen sich in das Bastan-Thal zurück. Espartero, der -am 9. September gegen jene Position aufgebrochen war, drang rasch über -das Ulzama-Thal nach. Schon entflohen viele Non-Combattanten über die -französische Gränze.</p> - -<p>Auf dem Fuße von den Massen der Christinos verfolgt, zog sich der König -von Elisondo nach Urdax, unmittelbar neben der Gränze; er konnte sich -noch nicht entschließen, sein Königreich zu verlassen, um im fremden -Lande eine zweideutige Zufluchtsstätte zu suchen. Doch immer näher kam -von allen Seiten der Schall des Feuers. Vier starke Divisionen griffen -rings die Stellungen der Carlisten an, welche die Pässe des Gebirges zu -behaupten suchten; Fuß vor Fuß wichen sie fechtend vor der<span class="pagenum"><a name="Seite_475" id="Seite_475">[S. 475]</a></span> Übermacht, -wobei ein Bataillon umzingelt und fast ganz aufgerieben wurde. Die -feindlichen Schaaren standen, die nahen Höhen krönend, im Angesicht der -Gränze.</p> - -<p>So war am Nachmittage des 14. Septembers fernerer Verzug nicht mehr -möglich. Carl V. betrat, ein Flüchtling, das französische -Gebiet, nachdem er sechs Jahre lang mit männlicher Standhaftigkeit -jeder Strapatze getrotzt und den tausendfach gehäuften Mühen und Sorgen -im Kampfe um den Thron seiner Vorfahren heldenmüthig sich unterzogen -hatte. 2000 Mann, welche ihm unmittelbar folgten, wurden bis zu dem -Augenblicke des Übertrittes von den Kugeln der Christinos decimirt. -Den König begleitete seine erhabene Gemahlinn nebst dem Prinzen von -Asturias und dem Infanten Don Sebastian. Die Behandlung, welche die -französische Regierung dem unglücklichen Fürsten zu Theil werden ließ, -ist allgemein bekannt und gewürdigt.</p> - -<p>Mehrere Generale und Minister waren dem Könige schon vorangegangen, -viele andere folgten sogleich, unter ihnen Graf Casa Eguia, General -Sylvestre, Chef des Genie-Corps, der Kriegsminister Montenegro, -Don Basilio Garcia, vor kurzem erst nach Spanien zurückgekehrt, -Villareal, Gomez, Zariategui, der greise Pfarrer Merino und Andere, -die das Exil der Unterwerfung unter das Joch der Usurpation vorzogen. -Sofort betraten auch sechs Bataillone von Alava mit einer Escadron, -das Bataillon von Cantabrien, einige navarresische Compagnien und -die königliche Garde unter den Generalen Elío und Grafen Negri das -fremde Gebiet; ihnen folgten in den nächsten Tagen alle Bataillone und -Escadrone von Navarra, unfähig sich länger zu halten.</p> - -<p>Estella und die übrigen Forts in Navarra ergaben sich bald, und vor dem -Ende des Monats war mit der Einnahme des schönen Castells von Guevara -in Alava, welches sofort gesprengt wurde, der Krieg in den baskischen -Provinzen gänzlich beendigt.</p> - -<p>Doch noch hatten die Carlisten einen herben Verlust zu<span class="pagenum"><a name="Seite_476" id="Seite_476">[S. 476]</a></span> beklagen, einen -Verlust, der noch schmerzlicher wurde, weil er zu mancher Mißdeutung -Veranlassung gab: der ehrwürdige Moreno, er, der so oft an der Spitze -der Armee gekämpft und zu so manchem glorreichen Siege sie geführt -hatte, ward von seinen eigenen Soldaten ermordet, da er Spanien zu -verlassen im Begriff war. Auch die regelmäßigsten und am höchsten -geachteten Heere verloren die frühere Kriegszucht, wenn furchtbares -Unglück über sie hereinbrach. So ist es nicht zu bewundern, daß die -Navarresen, ehe sie nach Frankreich übergingen, der Straflosigkeit -gewiß, zu manchen Ausschweifungen und Verbrechen sich hinreißen ließen; -und sie sind ganz besonders in diesem Abschütteln der gewohnten Bande -zu entschuldigen, da ja der Umsturz aller ihrer Hoffnungen und der -Werke ihrer schweren Blutarbeit durch die eigenen gepriesenen Anführer -herbeigeführt war und sie also wohl Grund hatten, mit Mißtrauen gegen -ihre Vorgesetzten zu verfahren.</p> - -<p>Noch entschlossen, im Vaterlande sich zu vertheidigen, sahen sie in -einem Jeden, der nach der Gränze floh, einen Verräther, welcher in -der Fremde sich zu sichern suche. Mit andern Unglücklichen fiel der -untadelhaft treue General Moreno ein Opfer dieser Wuth; die Navarresen -tödteten ihn mit dem Geschrei: „Nieder mit den Verräthern!“</p> - -<p>So war der langwierige Kampf der Basken gegen die Macht des -liberalisirten Spanien beendet; das kühne Bergvölkchen hatte mit -Aufopferung seines Königs sein Hauptziel erreicht, seine Privilegien -waren bestätigt, so fern die Versprechungen der Regierung Isabella’s -als Bestätigung gelten konnten. Und beurtheilen wir die Basken nicht -zu hart! Bedenken wir, wie sie von ihren Chefs hingerissen und geführt -wurden, und wie Volk und Soldat ja so oft, anstatt selbst zu urtheilen, -durch diejenigen sich leiten lassen, welchen sie gewohnt sind mit -Ehrfurcht und Gehorsam zu folgen; bedenken wir auch, daß die Basken -wehrlos den Massen der Christinos sich hingegeben sahen, als<span class="pagenum"><a name="Seite_477" id="Seite_477">[S. 477]</a></span> schon -ihre Kraft nach dem langen, blutigen Ringen erschöpft war.</p> - -<p>Das Benehmen aber der Alavesen und Navarresen bis zum letzten -Augenblicke zeigt wohl hinlänglich, daß das Heer und das Volk, wo es -treue Anführer an seiner Spitze sah, bereit war, Alles für seinen -Herrscher zu opfern.</p> - -<p>Aber Schande, ewige Schande dem Mann, der sich nicht scheute, zum -Verrathe die erhabene Stellung und die Macht zu mißbrauchen, welche -das unbeschränkte Vertrauen seines Monarchen ihm schenkte; der um des -schnöden Goldes willen Gefährten, Vaterland und König verkaufen konnte! -Die Rache wird ihn zu ereilen wissen. — Und Schande den Elenden, die -wissend und willig zur Ausführung der ehrlosen That ihre Hand liehen!</p> - -<p>Die Regierung der unmündigen Isabella würdigte den unschätzbaren -Dienst, welchen Maroto ihr geleistet hatte, und sie stand nicht an, -öffentlich ihn dafür zu belohnen. Der abtrünnige General ward in den -Grafenstand<a name="FNAnker_94_94" id="FNAnker_94_94"></a><a href="#Fussnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> erhoben und zum Präsidenten des höchsten Kriegsrathes -ernannt; er prunkte seitdem in Madrid mit den Millionen, die jener -Handel ihm eingebracht hatte. Auch seine Helfershelfer, Cabañero, -Urbiztondo, la Torre und die Führer der vizcaischen, guipuzcoanischen -und castilianischen Truppen, wurden reich abgelohnt.</p> - -<p>Espartero aber, da nun seine Gegenwart im Norden Spaniens überflüssig -ward, beeilte sich, indem er die Provinzen stark besetzt ließ und -zugleich ganz sie entwaffnete, mit 45000 Mann nach Unter-Aragon -aufzubrechen; auch detachirte er eine starke Division nach Catalonien -zur Hülfe des Baron de Meer, der dort schwer gedrängt wurde. Er -hoffte, daß sein gefürchteter Name und der Anblick der Massen, die -er heranführte, hinreichen<span class="pagenum"><a name="Seite_478" id="Seite_478">[S. 478]</a></span> werde, um die kleine Schaar des Grafen -von Morella zu eiliger Unterwerfung zu bewegen. Wie hätte er auch -ahnen mögen, daß er Männer treffen könne, die seinen so oft erprobten -Künsten zu widerstehen wagten; Männer, die mit der Gewißheit des -Unterliegens und mit Bestechung und Verrath aus ihrer eigenen Mitte -angegriffen, vorzogen, ihrem Könige und ihrer Pflicht treu, bis zum -letzten Augenblick ehrenvoll zu kämpfen und mit den Waffen in der Hand -zu fallen, als daß sie den lockenden Verheißungen Gehör gegeben hätten, -durch die der Siegesherzog seine Siege zu erkaufen suchte!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_92_92" id="Fussnote_92_92"></a><a href="#FNAnker_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Orduña ist die einzige <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ciudad</span> und die alte -Hauptstadt der Provinz, wiewohl oft die <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">villa</span> — Stadt zweiter -Classe — Bilbao außerhalb Spaniens falsch als solche bezeichnet wird.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_93_93" id="Fussnote_93_93"></a><a href="#FNAnker_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Sie trat bei jeder Gelegenheit sehr markirt hervor. So -wie der Navarrese Navarra verließ, ward er der schlechteste Soldat, -unruhig, zu Aufstand und Unordnungen geneigt und stets unzufrieden, -indem sein ewiger Refrain war: „Nach Navarra, nach Navarra!“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_94_94" id="Fussnote_94_94"></a><a href="#FNAnker_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Als Graf Casa-Maroto.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier28" name="zier28"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 28" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_479" id="Seite_479">[S. 479]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXIX">XXIX.</h2> - -</div> - -<p>Am 13. October verließ ich Morella, um den Marsch nach Catalonien -anzutreten, auf dem zwei Officiere mich begleiteten, die, in diesem -Fürstenthume geboren, in der Armee desselben ihre Dienste fortzusetzen -wünschten. Wiewohl bis dahin nur unbestimmte Nachrichten über die -Ereignisse in den baskischen Provinzen mich erreicht hatten, wußte ich -doch, daß Espartero mit seinen Divisionen schon in Zaragoza angelangt -sei, und daß er öffentlich erklärt hatte, noch vor dem Ende des Jahres -die Horden Cabrera’s zu Paaren treiben zu wollen. So, ich leugne es -nicht, schmerzte es mich tief, daß ich die Armee des Helden verlassen -sollte, für den in der kurzen Zeit, die ich in seiner Nähe mich befand, -die höchste Bewunderung sich mir aufgedrängt hatte; ich bereuete fast -als zu rasch den Schritt, der nun in so entscheidender Stunde, da Kampf -und Gefahr bevorstand, von den bedroheten Kriegsgefährten mich trennte, -die ich unter dem Feuer des Feindes achten und lieben gelernt hatte. -Wann ist der Soldat mehr in seinem Elemente, als da er gewiß ist, daß -bald das blutige Kriegsspiel in seiner wildesten Gestalt sich entfalten -wird? Und ich sollte, den Ebro passirend, gerade jetzt so süßer -Erwartung entsagen!</p> - -<p>Doch ich beruhigte mich mit der Hoffnung, daß ja auch Catalonien’s Heer -nicht unthätig bleiben werde, und ich jubelte in dem Gedanken, mit -Truppen zu dienen, die, durch Organisation und Kriegszucht die ersten -Spanien’s, als regelmäßige Armee und echte Soldaten im europäischen -Sinne der Worte bezeichnet werden durften. Noch einen — ich wähnte, -den letzten — Scheideblick warf ich auf das mächtige Castell, das<span class="pagenum"><a name="Seite_480" id="Seite_480">[S. 480]</a></span> -trotzig Morella’s Veste überragt; dann zog ich dem Norden zu, so bald -wie möglich das Heer des Grafen von España zu erreichen.</p> - -<p>So wie wir den schroffen Gebirgsknoten hinter uns ließen, bei dem die -Gränzen von Valencia, Aragon und Catalonien sich berühren, nahm das -Land einen milden Charakter an, der immer an Lieblichkeit zunahm, je -mehr wir zum Ebro hinabstiegen. Die Provinz blieb überall gebirgig, -aber die Ketten nahmen an Höhe und Rauhheit ab, befruchtende Bäche, die -bald in Flüßchen sich vereinigten, schlängelten sich zwischen ihnen -hin, und die Thäler wie die Rücken der Hügel waren mit Olivenbäumen -und Reben bedeckt, deren Früchte in lockender Reife prangten. Die -reinlichen Dörfer und Landhäuser, welche rings umher freundlich -winkten, zeigten an, daß wir stündlich weiter von dem Schmutze Aragon’s -uns entfernten; sie waren überall mit reichen Frucht- und Gemüsegärten -umgeben, und zahllose Feigenbäume, durch die Felder längs dem Wege -zerstreut, boten zum zweiten Male im Jahre ihre nährende Frucht dem -Wanderer.</p> - -<p>Als wir endlich den das Ebro-Thal begränzenden Höhenzug erstiegen -hatten, staunten wir bewundernd bei dem Anblicke der herrlichen -Landschaft, die so ruhig und so reich vor uns sich ausbreitete, als -hätte ununterbrochener Friede hier wohlthuend gewaltet, ohne je seine -Gaben den Bewohnern dieses bevorzugten Landes zu entziehen. Ja, als -ich diese liebliche Scene überschaute, in welcher der Ebro, breit und -majestätisch, zwischen den Hügeln sanft hinglitt, die im Norden rasch -steigend an dunkele Gebirge fern sich anlehnten; als ich die zahllosen -Ortschaften im rosigen Scheine der Abendsonne so friedlich mit ihren -fruchtbaren Gefilden glänzen sah, wie sie dicht an einander gereihet -den Strom umkränzten — da verfluchte ich die Leidenschaften, die, in -tausend Formen des Menschen Glück unterwühlend, auch in dieses Paradies -die Thränen und das Elend einführten, ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_481" id="Seite_481">[S. 481]</a></span> steten Begleiterinnen. — -Die Ufer des Ebro wären wahrlich ein Paradies, wenn der Mensch nicht -sie bewohnte.</p> - -<p>Am vierten Tage des Marsches erreichten wir Flix, nächst Mora de Ebro -der wichtigste Übergangspunkt über den Strom, welchen die carlistische -Armee inne hatte, und seit kurzem leicht befestigt, um es gegen einen -<span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">coup de main</span>, besonders von der nahen Festung Mequinenza, zu -sichern. Für die Verbindung mit Catalonien waren jene Punkte natürlich -von hoher Wichtigkeit.</p> - -<p>Wir waren genöthigt, in Flix zu rasten, da gerade eine feindliche -Division in unserer Marschlinie auf Berga, die Hauptstadt des -carlistischen Catalonien’s, sich befand und jede Communication -interceptirte. Erst am 19. October zeigte der Gouverneur, höchste -Vorsicht empfehlend, mir an, daß ich mit einiger Hoffnung auf Erfolg -die Reise antreten könne, und da ich den Abmarsch eines Detachements, -welches in wenigen Tagen aufbrechen sollte, nicht abwarten mochte, -passirte ich mit den beiden Gefährten und meinem Burschen noch an -demselben Tage den Fluß.</p> - -<p>Als die Fähre langsam die spielenden Wellen durchschnitt, gedachte -ich der Zeit, da ich fast zwei Jahre früher den gewaltigen Strom -überschritt. Es war in den letzten Tagen des Jahres, und im Dunkel der -Winternacht mußten wir in die brausenden Fluthen uns stürzen; denn -das Wasser, nicht wie hier sanft und einladend, stürmte mit wildem -Toben einher und riß die durch seine grimme Kälte Erstarrten mit sich -fort zu schrecklichem Tode. Wie mancher brave Gefährte fand da zu -früh sein Grab! — Und ich gedachte der Tage, die seitdem verflossen -waren, in denen so Vieles mich traf, Gutes wie Übel; ich durchlebte -wieder auf den Flügeln des Gedankens Leiden und Gefecht, das traurige -Schmerzenlager nach schwerer Verwundung, die gräßliche, hoffnungs- und -thatenlose Gefangenschaft, dann die Befreiung und wieder die Scenen des -Kampfes<span class="pagenum"><a name="Seite_482" id="Seite_482">[S. 482]</a></span> und des Sieges über die Gehaßten. Hatte ich nicht hundertfach -Grund, dem ewigen Erhalter innigen Dank zu spenden, da ich jetzt -sorglos auf den tanzenden Fluthen mich schaukelte!</p> - -<p>Sorglos! — Ha, wie so ganz anders gestalteten sich seit jener Zeit -die Verhältnisse und die Hoffnungen der erhabenen Sache, deren -Vertheidigung ich mein Schwerdt gewidmet hatte! Damals ja, duldeten -wir viel von der Elemente Wuth und den Fatiguen, unvermeidlich in so -schwierigem Unternehmen; damals umgaben uns rings Gefahren und Leiden, -und Tod drohete in mannichfacher Gestalt. Aber wir litten Alles freudig -und mit Enthusiasmus, wir jubelten bei dem Gedanken, den Krieg in -das Gebiet der stolzen Feinde zu tragen, und wir vertrauten, daß der -Erfolg, so viele Anstrengungen krönend, das ersehnte Glück uns bringen -werde, den Monarchen, für dessen Rechte wir fochten und duldeten, -siegreich auf seiner Vorfahren Thron zurückzuführen.</p> - -<p>Jetzt war keine Hoffnung mehr für uns: das Heer, dem ich früher -angehörte, war vernichtet, der König mit seinen Getreuen in fremdes -Gebiet gedrängt, ein Gefangener. Die Massen der Feinde, die bisher -jenem Heer gegenüberstanden, zogen nun heran, mit vielfacher Übermacht -uns zu erdrücken; wir konnten nur noch streben zu unterliegen unserer -würdig, zu kämpfen, bis auch die Möglichkeit des Kampfes genommen sei, -und dann... Schrecklicher Gedanke: dieser entsetzliche Wechsel ist das -Werk des Verrathes!</p> - -<p>Aber eben dieser Gedanke, wie peinlich schmerzhaft er war, hatte -etwas Erhebendes, Befriedigendes. Unsere Schaaren, aus so schwachem, -so verachtetem Kern entsprossen, standen unbesiegt und drohend, die -zahllosen Söldlinge der Revolution vermochten Nichts gegen die Kämpen -der Loyalität; Bestechung und Verrath allein konnten uns besiegen. Da -war es glorreich, besiegt zu sein. — Wie oft drängt sich das Gebet -jenes Helden uns<span class="pagenum"><a name="Seite_483" id="Seite_483">[S. 483]</a></span> auf: „Schütze mich, o Herr, vor meinen Freunden, vor -den Feinden werde ich selbst mich schützen!“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unser Marsch war gefährlich, da wir über dreißig Meilen weit von dem -eigentlichen Gebiete der catalonisch-carlistischen Armee entfernt -waren, während auf dieser ganzen Strecke nur dann Truppen sich -fanden, wenn die Communication zwischen den beiden Heeren sie dort -nöthig machte. Der Weg, dem wir zu folgen beschlossen, führte uns -fortwährend durch einen wilden Gebirgszug, in dessen schmalen und -scharf abgesetzten, aber fruchtbaren Quer-Thälern, welche wir sämmtlich -durchkreuzen mußten, unansehnliche Dörfer dicht neben einander lagen. -Zur Rechten und zur Linken ließen wir, oft nur eine halbe Stunde -entfernt, die Forts liegen, mit denen die Christinos, wie allenthalben, -das Terrain besäet hatten, welches sie das ihre nannten;<a name="FNAnker_95_95" id="FNAnker_95_95"></a><a href="#Fussnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a> und -wiederholt verdankten wir den Warnungen der ganz royalistisch gesinnten -Bauern unsere Rettung von den kleinen Streifcorps, die unaufhörlich das -Gebirge durchschwärmten, um die Passage zu verhindern.</p> - -<p>Es verdient bemerkt zu werden, daß in allen diesen Dörfern zwei -Behörden etablirt waren, eine christinosche und eine carlistische, -die, wie sie mit der einen Parthei oder mit der andern zu thun -hatten, abwechselnd ihre Functionen ausübten. Diese Einrichtung, -von den beiderseitigen Anführern stillschweigend anerkannt, hatte -für die Truppen sowohl, als für die Einwohner viele Vortheile und -Annehmlichkeiten. Doch entstand daraus für einzelne Reisende, wie wir -es waren, der gefährliche<span class="pagenum"><a name="Seite_484" id="Seite_484">[S. 484]</a></span> Umstand, daß die christinoschen Autoritäten -sofort den Feinden die Ankunft derselben pflichtgemäß melden mußten, -was sie jedoch, gleichfalls Carlisten, gewöhnlich bis nach dem -Abmarsche verschoben. Übrigens wurden die Behörden der einen Parthei -nie von den Truppen der andern belästigt.<a name="FNAnker_96_96" id="FNAnker_96_96"></a><a href="#Fussnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a></p> - -<p>Nach manchen Gefahren und erschöpft durch mehrtägiges Marschiren -ohne Rast, da wir selbst in den abgelegensten Orten kaum die zur -Zubereitung der einfachen Speise nöthige Zeit bleiben durften, hatte -unsere Caravane, aus vier Menschen, eben so vielen Maulthieren und -einigen Guiden bestehend, in der Nacht die letzte feindliche Linie -überschritten, und am Morgen des dritten Tages leuchtete von einem -hohen Felsen die befestigte Hermite von Pinos uns entgegen, die uns als -carlistisches Fort bezeichnet war. Bald sahen wir einige Compagnien von -der Armee von Catalonien: ich bedauerte nicht länger, ihr angehören zu -sollen.</p> - -<p>Nachdem wir im ersten Dorfe durch zwölfstündigen Schlaf uns -gestärkt hatten, langten wir am 23. October in Casserras an, wo der -commandirende General des Fürstenthumes, der gefürchtete Graf von -España, an demselben Tage angekommen war.</p> - -<p>Catalonien ist eine der größten Provinzen der Monarchie und ohne -Zweifel die reichste: ihre Bewohner zeichnen sich eben so sehr durch -Thätigkeit und Industrie aus, wie die meisten übrigen Spanier und -besonders die Bewohner der wie Catalonien von der Natur begünstigten -Theile durch Trägheit und Indolenz. Dabei sind sie wilden, heftigen -Charakters, der in den niederen Ständen oft in Grausamkeit und -Blutdurst ausartet, stolz, standhaft, ja eigensinnig in den Ideen und -auch in<span class="pagenum"><a name="Seite_485" id="Seite_485">[S. 485]</a></span> den Vorurtheilen. Noch immer hängen sie mit Vorliebe, die in -jeder Hütte wie eine alte Sage vom Vater auf die Söhne übertragen wird, -an dem Hause Östreich, für das sie einst so hart gekämpft, so schwer -gelitten haben; noch immer hoffen sie, wieder den östreichischen Stamm -über sich herrschen zu sehen, und jeder <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Austriaco</span> ist sicher, -bis in die fernsten Gebirge hin Wohlwollen und freundlichste Aufnahme -zu finden. Der Franzose aber, der verachtete <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Gavacho</span>, findet nur -Haß und nicht selten martervollen Tod.</p> - -<p>Das Fürstenthum muß als aus zwei in mancher Hinsicht sehr -verschiedenartigen Theilen bestehend angesehen werden. Das Flach- -oder Küstenland, ganz hügelig, im Süden dem Ebro entlang und im Osten -längs dem Ufer des Meeres sich erstreckend, ist mit zahllosen Städten -bedeckt, die durch den Handel zu den reichsten der Halbinsel gemacht -sind. Dort blühen Manufakturen und Fabriken, die Wissenschaften sind in -hohem Schwunge, und das Land zeichnet sich aus durch das lieblichste -Klima, welches alle Arten Südfrüchte in Fülle hervorbringt. Dort -auch sind die festen Plätze der Provinz, dort herrschten stets die -Statthalter Christina’s, und die Einwohner, wie überall, wo der Handel -blühete, wenn nicht vorzugsweise der Herrschaft des Liberalismus -geneigt, waren doch gleichgültiger gegen das Streben der royalistischen -Parthei. Sie wollten Frieden, unter wem es auch sei.</p> - -<p>Wenn man aber in die Gebirge sich vertieft, die von den Pyrenäen -wild verschlungen gen Süden sich hinziehen, den größten Theil des -Fürstenthumes bedeckend, nehmen alsbald Land und Bewohner einen -andern Charakter an. Die Luft wird rauh; anstatt der Weingärten und -Olivenhaine bedecken dichte Eichenwaldungen die Bergrücken und umgeben -Getreidefelder die zahlreichen Dörfer. Große Städte werden seltener und -fallen endlich ganz weg, wogegen kleinere Ortschaften und vor allen die -einzelnen Gehöfte zunehmen, welche überall durch<span class="pagenum"><a name="Seite_486" id="Seite_486">[S. 486]</a></span> die Thäler zerstreut -sind. Ackerbau und einige Viehzucht ist dort der einzige Erwerbszweig.</p> - -<p>Alle Bauern sind sehr wohlhabend, da in Catalonien, der einzigen -Provinz Spanien’s, die Untheilbarkeit der Grundstücke gesetzlich ist. -Die jüngeren Söhne werden irgend eine andere Nahrungsquelle suchen — -daher wohl der Unternehmungsgeist der Catalonier, der so Viele außer -Landes treibt, — wenn sie nicht, wie sehr oft, vorziehen, im Hause -des ältesten Bruders, des als Kind schon mit Ehrfurcht behandelten -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">heréu</span>,<a name="FNAnker_97_97" id="FNAnker_97_97"></a><a href="#Fussnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> als Knechte zu bleiben.</p> - -<p>Diese Gebirgsbewohner sind natürlich rauh, einfacher, biederer und -weniger gebildet als ihre Brüder von der Küste; sie sind sehr religiös, -und die Geistlichkeit hat noch vielen Einfluß über sie bewahrt, während -sie in den großen Seestädten nur Verachtung und Spott findet. Diese -treuherzigen, kräftigen Menschen sind Carlisten mit Leib und Seele. -— Allen Cataloniern aber ist ein Charakterzug gemeinschaftlich, -der unendlich gegen den starren, stets zum Widerstande geneigten -Trotz ihrer Nachbarn, der Aragonesen absticht. Sie treten im ersten -Augenblicke sehr fest und entschieden auf, und Wehe dem, der dadurch -sich einschüchtern läßt oder nicht gleiche Kraft gegen sie entwickelt. -Aber sie schmiegen sich alsbald unter das Joch dessen, der Macht und -Willen besitzt, um sie den Ungehorsam schwer büßen zu machen; um sie -zu bändigen ist eiserner Wille und rücksichtslose Strenge nöthig, der -sie, wie sehr sie auch an ihren Ideen festhalten, doch stets im Äußern -weichen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_487" id="Seite_487">[S. 487]</a></span></p> - -<p>Sofort nach Ferdinand’s VII. Tode erhoben sich auch in den -Hochgebirgen von Catalonien Banden, die sich für Vertheidiger seines -rechtmäßigen Nachfolgers ausgaben; unter dem Namen von Carlisten ließen -sie Raub und Plünderung ihr Hauptziel sein. Disciplin war ihnen eine -ganz unbekannte Sache. Die Soldaten kamen und gingen und thaten, was -ihnen beliebte, die Anführer lebten in höchster Uneinigkeit unter -einander und strebten vor Allem dahin, ihre Koffer mit Gold zu füllen, -den unglücklichen Landmann, der allein die Kosten jenes Krieges zahlte, -durch ihr Plünderungs-System zu Grunde richtend.</p> - -<p>Daher thaten sie denn auch den Christinos im offenen Kampfe geringen -Schaden. Sie durchzogen vielmehr ohne Plan oder Combination die -Gebirge, von denen herab sie des Raubes wegen Einfälle in die Ebene -machten, wenn gerade keine Truppen dort waren, und sie überfielen -höchstens einmal ein feindliches Detachement, dem sie sich zehnfach -überlegen wußten, und das dann ohne Erbarmen niedergemacht wurde. Den -Einwohnern konnten sie natürlich weder Vertrauen noch andere Furcht -einflößen, als die, welche auf ihre Ausschweifungen und Erpressungen -sich gründete, so daß die Carlisten Cataloniens damals in jeder -Hinsicht den Raubhorden gleich standen, die so entsetzliches Elend über -die Bewohner der Mancha brachten.</p> - -<p>Umsonst ward General Guergué im Jahre 1835 mit einer starken Division -von Navarra ausgeschickt, um die catalonischen Banden um sich zu -vereinigen, sie zu organisiren und dadurch wahrhaft der Sache nützlich -zu machen, deren Namen sie mißbrauchten. Alle seine Anstrengungen -scheiterten an der Unlust derselben, der geringsten Zucht und Ordnung -sich zu fügen, worin sie denn von ihren Chefs verstärkt wurden, -die häufig offen gegen den General auftraten. So ward Guergué -genöthigt, ohne seinen Auftrag vollzogen zu haben, nach den Provinzen -zurückzukehren, da die navarresischen Bataillone, ihrer neuen<span class="pagenum"><a name="Seite_488" id="Seite_488">[S. 488]</a></span> -Gefährten bald überdrüssig und an Allem Mangel leidend, einstimmig nach -Navarra geführt zu werden forderten.</p> - -<p>Dann im Jahre 1836 übertrug Carl V. dem General Maroto das -Commando des Fürstenthumes, und Strenge und Festigkeit machten diesen -wohl geeignet zu dem schwierigen ihm anvertrauten Werke. Aber er hatte -von Anfang an wiederholtes Unglück in den militairischen Operationen, -und für einen Feldherrn, der seine Autorität über undisciplinirte -Haufen erst befestigen soll, ist eine Niederlage der größte, nie gut -zu machende Fehler. Nachdem er umsonst Alles versucht hatte, die -Widerstrebenden zu bändigen, mußte auch Maroto weichen und zog sich -nach Frankreich zurück. Tristani, Royo, Urbiztondo und Andere, theils -durch Mangel an Kraft, theils auch aus bösem Willen, richteten noch -weniger aus.</p> - -<p>Ich werde nicht die Geschichte jenes Krieges — wenn er solchen Namen -verdient — erzählen, der ohne Erfolg von einer wie der andern Seite -hingezogen wurde. Geschlagen ward fast nie; die bemerkenswerthesten -Thaten bestanden in der Eroberung irgend eines befestigten Punctes -durch die carlistischen Horden, meist durch Überraschung, und in -der augenblicklichen Wiedernahme desselben, so wie eine Colonne der -Christinos gut fand, vor ihm zu erscheinen. — Gehen wir sogleich zu -dem Zeitpunct über, in dem jene Horden endlich in ein geregeltes Heer -umgeschaffen wurden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Don Carlos de España gehörte einer alten Familie des südlichen -Frankreichs an, von wo er im Anfange der Revolution nach Spanien -emigrirte; er trat als Officier in ein Linienregiment ein. Schon damals -ward große Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit in ihm bemerkbar, die -selbst, da er als Adjudant einen Unterofficier im Dienst niederschlug, -eine königliche Ordre ihm zuzog, durch die der Gebrauch des Stockes, -der in Spanien<span class="pagenum"><a name="Seite_489" id="Seite_489">[S. 489]</a></span> den Adjudanten unterscheidet, ihm untersagt ward; -erst als General ward er von der ferneren Befolgung dieses Befehles -entbunden.</p> - -<p>In dem Kriege gegen Napoleon commandirte de España ein kleines Corps, -mit dem in Estremadura und Alt-Castilien unter Wellington’s Oberbefehl -operirend, er wiederholt die Anerkennung dieses Feldherrn verdiente. -Er zeichnete sich besonders durch die Strenge seiner Disciplin, so -selten in den spanischen Truppen jener Periode, vortheilhaft aus. Unter -Ferdinand VII., während dessen Regierung, so wie in seiner -ganzen Laufbahn, er sich stets als reiner Royalist zeigte, ward er mit -Gunstbezeugungen überhäuft, erhielt das Commando des Infanterie-Corps -der Garde und wurde zum Grafen und Grande erster Classe erhoben.</p> - -<p>Im Jahre 1827 brach in Catalonien und den angränzenden Provinzen die -ultraroyalistische Revolution aus — wenn eine Revolution, deren Zweck -ist, dem Könige die Art seiner Regierung vorzuschreiben, royalistisch -genannt werden darf! — durch die Ferdinand VII. zur Entlassung -seines zu gemäßigten Ministeriums gezwungen werden sollte. Der Aufstand -verbreitete sich mit Schrecken erregender Schnelle, und jede Maßregel -zeigte sich gleich fruchtlos. Da sandte der König den Grafen de España -ab, ihn zu unterdrücken. Dieser beurtheilte richtig den Charakter -des Volkes, mit dem er zu thun hatte: er etablirte in allen Städten -Kriegsgerichte, harte Strafen wurden über die Theilnehmer, noch härtere -über die Begünstiger der Empörung verhängt; zugleich verfolgte er mit -unermüdlicher Energie überall ihre Schaaren. — Eine ungeheure Anzahl -der Rebellen, man behauptet 30000, wurden hingerichtet, wohl eben so -viele deportirt. In wenigen Wochen war die Ruhe ganz hergestellt.</p> - -<p>Der Graf blieb dann als commandirender General in Catalonien, bis er im -Jahre 1832, da Ferdinand schon unter dem Einflusse Maria Christina’s -vegetirte, durch General Llauder<span class="pagenum"><a name="Seite_490" id="Seite_490">[S. 490]</a></span> abgelöset wurde, worauf er nach -Frankreich abreisete. Übrigens war er von unbeugsamen, gebieterischem -Character, gewohnt, in seinen Untergebenen nur Maschinen zu sehen, und -nicht selten tyrannisch; dabei aber bieder und unerschütterlich gerecht -und unpartheiisch gegen Hohe wie gegen Niedere. Die Soldaten hatten -nirgend so Viel zu thun und zu leiden, wie unter seinem Commando, und -waren dennoch nirgends zufriedener, da seine Strenge mit väterlicher -Fürsorge gepaart war; der Officier aber mochte wohl sich vorsehen, denn -sein Fehler fand nie Gnade bei dem General.</p> - -<p>Zugleich erwarb sich der Graf die Zuneigung derer, die ihm nahe -standen, durch Herablassung und Freigebigkeit, und er bezauberte Fremde -leicht durch seinen scharfen Verstand und den Geist, der in jedem -seiner Worte blitzte, wie durch unübertreffbar feines Benehmen.</p> - -<p>Zwei Fehler verdunkelten die hohen Eigenschaften des kräftigen Greises, -er gab den augenblicklichen Einfällen seiner Laune zu sehr Spielraum, -und er wollte Alles ohne Ausnahme rücksichtslos auf militairisch -despotischem Wege ordnen. Sein Despotismus, verbunden mit der durch -die Verhältnisse bedingten Härte in der Bestimmung der Strafen, erwarb -ihm zahlreiche Feinde, die mit spanischer Rachsucht den günstigen -Augenblick erlauerten, in dem sie ihn wehrlos in ihren Händen -sehen würden; während die nicht immer seiner Stellung angemessenen -Seltsamkeiten, zu denen Caprice ihn verleitete, seinen Gegnern und den -Pedanten, deren ja überall so viele sich finden, Veranlassung gab, ihn -verrückt zu schelten, und ihnen manche Waffe gegen ihn lieferte.</p> - -<p>Diesen Mann stellte Carl V. wiederum an die Spitze des -Fürstenthumes, als jeder Versuch, die catalonische Faction zu einem -geordneten Ganzen zu machen, gescheitert war; im Juni 1838 passirte -er die französische Grenze. Wohl kannten ihn die Catalonier, und -Carlisten wie Christinos zitterten, da sie dem<span class="pagenum"><a name="Seite_491" id="Seite_491">[S. 491]</a></span> gefürchteten Greise -das Commando übergeben sahen. Sein Auftreten rechtfertigte sofort die -Furcht und die Hoffnungen, welche der bloße Name des Grafen de España -erregt hatte. So wie er in Berga anlangte, ließ er über der Stadt einen -hohen Galgen errichten und verkündete zugleich, daß ein Jeder, der die -geringste Veruntreuung oder Erpressung sich zu Schulden kommen lasse, -ohne Gnade aufgeknüpft werde, ob es gleich der erste General sei. Und -es blieb nicht bei der Drohung. Officiere und Soldaten, Beamte und -Einwohner empfanden bald die unerbittliche Gerechtigkeitsliebe des -alten Kriegers; mehrere der bisherigen Chefs wanderten nach Frankreich -aus, Böses fürchtend, andere wurden abgesetzt und erhielten ganz -unbedeutende, passive Stellen, und das Commando der Truppen wurde -Männern anvertraut, die als wahre Royalisten und wahre Militairs -sich bewährt hatten, oder die ihre Gesinnungen unter der Maske der -Redlichkeit und des Eifers schlau zu verbergen wußten.</p> - -<p>Da entwickelte der Graf in der Organisation seiner Truppen eben so -viel Kraft wie Talent. In wenigen Monaten waren die nackten Horden, -welche raubend und stets fliehend die Pyrenäen durchirrten, in eine -Armee verwandelt, organisirt und disciplinirt, wie weder Carlisten noch -Christinos seit dem Beginn des Krieges sie besessen hatten.<a name="FNAnker_98_98" id="FNAnker_98_98"></a><a href="#Fussnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> Die -Infanterie, aus 21 Bataillonen in vier Divisionen bestehend, war stets -vollkommen uniformirt und gewaffnet, und sie erhielt regelmäßig ihren -Sold und ihre Rationen; die Officiere mußten abwechselnd die zu dem -Zwecke errichtete Akademie besuchen, um zugleich in Theorie und Praxis -sich zu vervollkommnen. Die Cavallerie, noch im Werden, da es sehr an -Pferden mangelte, zählte drei Escadrone unter<span class="pagenum"><a name="Seite_492" id="Seite_492">[S. 492]</a></span> versuchten Chefs, die -unter Zumalacarregui ihre Schule gemacht hatten.</p> - -<p>Die Artillerie und das Geniecorps, so schwer zu bilden, wo auch die -einfachsten Elemente für sie fehlten, brachte der General durch -Zuziehung von fremden Officieren und durch fortwährende Instruction -zu einem Grad der Brauchbarkeit, wie er sonst nach vieljährigen -Anstrengungen selten sich findet. Kanonengießereien, Gewehr- und -Pulverfabriken wurden angelegt und militairische Schulen für jede -Waffengattung etablirt. Ja, es gelang dem erfahrenen Anführer, seinen -Truppen mit der bewundernswürdigsten Subordination und Kriegszucht -jenes Ehrgefühl und den <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">esprit de corps</span> einzuflößen, die so -unendlich den moralischen Werth derselben heben und ihn verbürgen. -Die ganze Armee bestand übrigens aus kaum 7000 Mann, da der Graf -gleichfalls die Methode adoptirte, seine Bataillone möglichst zu -vervielfältigen, um sich dadurch den Schein größerer Stärke zu geben. -Die meisten Bataillone waren nicht über 300 Mann stark, manche -namentlich nach Gefechten natürlich weit schwächer.</p> - -<p>Indem aber der Graf sein Heer bildete, richtete er auch seine -Aufmerksamkeit auf die Verwaltung, die von beiden Partheien so ganz -vernachlässigt war. Da er höchste Ordnung und Regelmäßigkeit herrschend -machte, waren seine Cassen stets gefüllt, und durch kraftvolle -Maßregeln, denen der Respekt, welchen die Catalonier von früher her ihm -bewahrten, besonderes Gewicht gab, vermochte er auch das Unglaubliche, -daß der größte Theil der vom Feinde besetzten festen Punkte ihm -regelmäßig die fälligen Abgaben und Contributionen zahlte. Die aber, -welche dessen sich weigerten, verloren durch Gewalt den doppelten Werth -des Schuldigen. Einem jeden der Districte, Barcelona nicht ausgenommen, -setzte er militairische Gouverneurs vor, die, in irgend einem, oft weit -entfernten Fort residirend, mit der Erhebung der Abgaben beauftragt -waren; sie hatten selten Gelegenheit, über Säumniß der Behörden zu -klagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_493" id="Seite_493">[S. 493]</a></span></p> - -<p>Dadurch konnte der Graf der Armee stets ihren Sold auszahlen und -alle ihre Bedürfnisse aus den königlichen Magazinen befriedigen, so -daß selbst das Brod aus den eigenen Bäckereien geliefert und den -Truppen nachgeführt wurde. Er bewirkte dadurch, daß die Lasten, welche -der Krieg dem Einwohner, besonders dem Landmanne aufhäufen mußte, -gleichmäßig über das ganze Fürstenthum vertheilt wurden, während bis -dahin, wie in den andern carlistischen Heeren, die Gegend nicht selten -ruinirt wurde, in der eine Colonne eine Zeit lang hausete.</p> - -<p>Die Folgen waren eben so schnell, als wohlthätig. Die friedlichen -Bauern, welche früher die Horden als Todfeinde gefürchtet hatten, -sahen sich plötzlich gegen jede Ausschweifung gesichert, strenge -Gerechtigkeit ward ihnen zu Theil, und die erlittene Beleidigung wurde -hart bestraft. Sie erkannten, daß die Abgaben, wenn auch schwer, -gleichmäßig auf Alle vertheilt waren, und sie gewöhnten sich bald, die -Anwesenheit carlistischer Colonnen als eine Wohlthat zu betrachten, da -sie ja alle Bedürfnisse baar bezahlten und also erwünschte Gelegenheit -zum Absatz der Produkte gaben. Die Einwohner gaben sich daher ganz -ihren den Royalisten so günstigen Gesinnungen hin, und was der -gute Wille der Einwohner vermag, ist durch hundertfach wiederholte -Erfahrungen bewährt.</p> - -<p>Auch verkannten die Catalonier nicht, wem sie solches Glück zu danken -hatten; — denn als glücklich darf ihr Zustand bezeichnet werden -im Vergleich mit dem Elend der früheren Jahre und dem, was die -andern Provinzen litten. — Wie oft hörte ich während meines kurzen -Aufenthaltes im Fürstenthume den Grafen von España als Retter gesegnet; -wie oft wünschten die Bauern ihm Heil und Glück, den Augenblick -preisend, in dem er die Zügel der Regierung in die Hand nahm!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auch schien das Glück dem edlen Greise nicht abhold. Denn wiewohl er -nicht durch gewonnene Schlachten seinen Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_494" id="Seite_494">[S. 494]</a></span> verherrlichte, gelang es -ihm, selbst gegen den Baron de Meer, der eben so kräftig und gewandt in -Barcelona durch Militair-Despotismus herrschte, wie der Graf in Berga, -in den Gebirgen Hoch-Cataloniens sich zu souteniren, während er mit der -Organisation seiner kleinen Armee beschäftigt war. Und als er dieses -vollbracht, breitete er trotz der numerischen Überlegenheit der Feinde, -die über 40,000 Mann stark waren, ihre Zersplitterung klug benutzend, -mehr und mehr in die Niederungen sich aus und nahm einige feindliche -Forts. Täglich wurde sein Übergewicht fühlbarer, seine Herrschaft -weiter ausgedehnt.</p> - -<p>Er belagerte Ripoll, eine ansehnliche, Gewerbe treibende Stadt in -Hoch-Catalonien. Die Besatzung und die Nationalgarde vertheidigten -sich mit äußerster Hartnäckigkeit, wie denn die Einwohner der Stadt -als exaltirt liberal gesinnt berüchtigt waren. Am 27. Mai 1839 ward -der Sturm auf die offene Bresche angeordnet. Die carlistischen -Bataillone griffen äußerst brav unter den Augen des Grafen an, der -kaltblütig dem heftigsten Feuer ausgesetzt blieb und seine Krieger -ermunterte. Dreizehn Mal rückten die Stürmenden unter dem Schall -der Janitscharen-Musik gegen die Bresche; dreizehn Mal wiesen die -Christinos, gleichfalls durch ihre Musik, wie durch das Angstgeschrei -der Weiber und Kinder angefeuert, standhaft den Angriff zurück. Doch -der vierzehnte Sturm ward gleich fest unternommen, und die Vertheidiger -wichen ermattet von der Bresche, auf der die Mehrzahl gefallen war. -Alles, was Waffen trug, wurde von den wüthenden Soldaten niedergemacht; -die übrigen Bewohner mußten sogleich die Stadt verlassen, welche -niedergebrannt und bis auf den letzten Stein rasirt wurde. Der Verlust -der Carlisten war sehr bedeutend; ein Bataillon zählte von seinen acht -Capitains sieben außer Gefecht gesetzt.</p> - -<p>Der Graf ließ eine Säule errichten mit der Inschrift: <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">aqui fué -Ripoll</span>. — Hier stand Ripoll. —</p> - -<p>Ein solches Beispiel rächender Strafe verfehlte seine Wirkung<span class="pagenum"><a name="Seite_495" id="Seite_495">[S. 495]</a></span> nicht. -Mehrere Posten der Feinde wurden geräumt oder ergaben sich, und die -Carlisten streiften, fast ohne Widerstand zu finden, bis nahe nach -Barcelona und südlich in die reichen Gefilde des Ebro, während die -Christinos sich darauf beschränkten, mit starken Massen ihre Festungen -zu verproviantiren. Zugleich trat ein wichtiger Wechsel in der -feindlichen Armee ein, da das Commando derselben an der Stelle des -energischen Baron de Meer, der, ganz Militair, von den Anarchisten -unendlich gefürchtet ward, dem General Valdés übertragen wurde, -demselben, der gegen Zumalacarregui so unglücklich gekämpft hatte.</p> - -<p>Valdés erklärte sofort, daß es mit den Mitteln, über die er verfügte, -nicht möglich sei, die Fortschritte des Grafen de España zu hemmen, -dessen Truppenzahl doch drei bis vier Mal so schwach war, als die -mobile Macht der Christinos. Er mußte indessen, um sich zu halten, -irgend etwas unternehmen und erklärte endlich nach der Mitte Septembers -seine Absicht, Berga, den Hauptsitz der Carlisten, anzugreifen, da er -wohl hoffte, daß die Kunde von dem vollbrachten Verrathe Maroto’s und -der Beendigung des Krieges in Navarra Entmuthigung oder gar Sympathie -für ihn hervorbringen werde. Wahrscheinlich würde es ihm nicht besser -ergangen sein, als einst dem General Oráa vor Morella. Aber Valdés -begnügte sich, da die anticipirte Muthlosigkeit nicht sichtbar wurde, -von einer Höhe herab das einige Stunden entfernte Berga zu betrachten, -und kehrte wieder um.</p> - -<p>España benutzte dagegen trefflich die Fehler des feindlichen Anführers; -er nahm die feste Stadt Moyá und führte die männlichen Bewohner -gefangen fort, da die Garnison sie gezwungen hatte, gleichfalls die -Waffen zu ergreifen und die beiden Forts zu vertheidigen; ein Theil der -Stadt ward bei dem Angriffe eingeäschert. Dann eroberte er das eben so -hartnäckig vertheidigte Copons und zog in Castell-Tresols ein, welches -ihm die Thore öffnete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_496" id="Seite_496">[S. 496]</a></span></p> - -<p>Valdés, an Geld und Hülfsquellen eben so Mangel leidend, wie sie dem -Grafen im Überfluß zuflossen, und nur reich an Soldaten, die er nicht -zu benutzen verstand, wagte kaum noch, im Felde sich zu zeigen, und -erwartete mit Ungeduld die Verstärkungen, welche ihm von Espartero -zugesagt waren. Solsona selbst, durch seine Lage wichtig und bedeutende -Festung, die de Meer den Carlisten abgenommen hatte, schon lange eng -blokirt, war im Begriff, sich zu ergeben, da es ganz an Lebensmitteln -fehlte und Valdés nicht zum Entsatz anrückte. Das Fürstenthum war der -That nach dem Grafen de España unterworfen und duldete willig eine -Herrschaft, die, auf strenge Gerechtigkeit basirt, so sehr die traurige -Lage der Einwohner erleichterte; die Christinos geboten nur noch da, -wo sie gerade standen, und wagten nur in starken Colonnen das Land zu -durchkreuzen, in dem der einzelne Carlist ruhig die Befehle seines -Generals ausführen durfte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_95_95" id="Fussnote_95_95"></a><a href="#FNAnker_95_95"><span class="label">[95]</span></a> In Catalonien besaßen die Christinos nicht weniger als -hundert und einige zwanzig feste Punkte. Es ist einleuchtend, wie -solche Zersplitterung ihrer Macht die Offensive paralysiren mußte; -dagegen hinderten sie auch sehr die Fortschritte der Carlisten.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_96_96" id="Fussnote_96_96"></a><a href="#FNAnker_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Diese doppelten Behörden waren erst eingeführt, seit der -Graf de España das Commando der Carlisten übernommen hatte. Früher -wären sie schwerlich so verschont geblieben.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_97_97" id="Fussnote_97_97"></a><a href="#FNAnker_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Früher erwähnte ich, daß die catalonische Sprache, der -französischen, italienischen und spanischen gleich verwandt, von den -Castilianern nicht verstanden wird. Einzelne gothische Worte und -Wendungen finden sich auch in ihr.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_98_98" id="Fussnote_98_98"></a><a href="#FNAnker_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Gegen das Ende des Jahres 1839 gestanden selbst die -Feinde ein, daß das Heer des Grafen von España nur mit der königlichen -Garde Ferdinand’s VII. verglichen werden könne.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier29" name="zier29"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 29" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_497" id="Seite_497">[S. 497]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXX">XXX.</h2> - -</div> - -<p>In Casserras angelangt, ging ich am 23. October Nachmittags zum -Logis des Grafen de España, mich zu melden; ein Ordonnanz-Officier -überbrachte meine Papiere dem General, der als Antwort mir und den -beiden mich begleitenden Officieren den Befehl sandte, uns als -arretirt auf die Hauptwache zu begeben. Meine Cameraden fluchten und -verwünschten den launigen alten Narren, wie sie wüthend ihn nannten; -ich beschloß, entschieden dem herrischen Mann entgegenzutreten. Der die -Wache habende Officier erzählte uns tröstend, daß die Wachzimmer, wo -der General gerade weilte, stets mit Officieren angefüllt seien, und -daß er selbst vor kurzem zehntägigen Arrest gehabt habe, den er nur -dem Zufalle zuschreiben könne, daß er vor dem Logis des Generals einem -jungen Mädchen zunickte, da unmittelbar nachher ein Adjudant ihm ohne -weiteren Grund die Ordre gebracht habe, sich als Arrestant zu stellen. -Andere Anwesende erzählten da noch manche Sonderbarkeit des Grafen, -indem sie ruhig hinzufügten: „so ist einmal unser Alter.“<a name="FNAnker_99_99" id="FNAnker_99_99"></a><a href="#Fussnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_498" id="Seite_498">[S. 498]</a></span></p> - -<p>Noch am Abend schrieb ich in festem Tone an den General, ihn bittend, -da ich auf eine Art mich empfangen sähe, die ein Officier unter meinen -Umständen gewiß nicht erwarten dürfe, mich sogleich nach der Strenge -der Gesetze zu richten, und wenn ich unschuldig befunden sei, mich dem -Feinde gegenüber zu stellen,<span class="pagenum"><a name="Seite_499" id="Seite_499">[S. 499]</a></span> oder mir zu erlauben, nach dem Heere -von Aragon zurückzukehren, um dort ferner für die Sache des Königs zu -kämpfen. Dann legte ich mich, in den Mantel gehüllt, auf einen Tisch -schlafen, nicht gerade den angenehmsten Gefühlen hingegeben.</p> - -<p>Um drei Uhr schon weckte mich die Reveille, die, von den Musikchören -und den Banden der fünf im Flecken stationirten Bataillone ausgeführt -und alle Straßen durchziehend, auch den Schlaftrunkensten plötzlich -munter machte.</p> - -<p>Stunde auf Stunde verging, die Zeit wurde mir lang. Endlich ritt der -General, von wenigen Officieren begleitet, zu einer Musterung, von der -er gegen Mittag zurückkam; ich sah einen kräftig das Pferd bändigenden -Greis, untersetzt und wohl beleibt, mit der goldgestickten Uniform, dem -dreieckigen Hute und der seidenen Schärpe, die den spanischen General -auszeichnen. Ein Adjudant half ihm beim Absteigen, worauf er leicht in -das Haus trat. Wenige Augenblicke nachher eilte derselbe Officier, der -uns gestern nach der Wache beordert hatte, über die Straße und theilte -mir den Befehl des Generals mit, sofort vor ihm zu erscheinen.</p> - -<p>Ich fand ihn auf der obern Flur des Hauses, welches einfach, wie jedes -große Bauernhaus, und mit sehr massiven hölzernen Meubles versehen war. -Der Graf, sieben und sechszig Jahr alt, hatte mit der Elasticität der -Jugend keinesweges ihr Feuer und wenig von ihrer Kraft verloren; sein -Auge, geistreich und durchdringend, strahlte in hoher Lebendigkeit, -wenige greise Haare umgaben die edel gewölbte Stirn, und ein leichtes -Lächeln um den Mund machte den Eindruck der imponirend majestätischen -Züge sehr einnehmend. Er empfing mich äußerst artig und führte mich -in sein Privat-Zimmerchen, wo er mir sein Bedauern über die unbequeme -Nacht ausdrückte, die er mir verursachte, indem er hinzufügte, daß -sein Adjudant mich als Franzosen genannt habe, gegen welche Nation er, -obgleich selbst der Geburt nach ihr angehörend, den größten Widerwillen -hege.<span class="pagenum"><a name="Seite_500" id="Seite_500">[S. 500]</a></span> Übrigens sei unter den obwaltenden Verhältnissen Verdacht -und Mißtrauen so natürlich, daß dadurch auch die äußerste Vorsicht -gerechtfertigt werde.</p> - -<p>Dann befragte mich der Graf über den Zustand der Armee Cabrera’s, über -ihren Geist und besonders über den Eindruck, den der Verrath Maroto’s -auf sie machte. Da ich ihm erwiederte, daß bisher sehr wenig davon -bekannt und ich selbst in der That nicht von ihrem Umfange unterrichtet -sei, schilderte er mir in glühenden Worten die Schandthat des -Erbärmlichen und die Folgen, welche sie für das Heer und den Monarchen -gehabt hatte. Furchtbarer Unwille sprach sich in Wort und Mienen aus, -seine Augen sprühten Verachtung und den Wunsch der Rache. Der biedere, -bis zum Tode seinem Könige unwandelbar ergebene Greis konnte solche -Niedrigkeit nicht fassen.</p> - -<p>Er befragte mich ferner über die Officiere, welche mich dorthin -begleitet hatten, und sprach seine Absicht aus, sie nach Frankreich -zu senden, da er nicht wage, in solcher Zeit ihm unbekannte Officiere -in die Armee aufzunehmen. Dann examinirte er mich über tausend -verschiedene Gegenstände, in jedem Fache gleich bewandert sich -zeigend, und sprach mit Theilnahme über den Obersten Baron von Rahden, -der einige Zeit bei ihm sich aufgehalten hatte und dann trotz dem -Widerstreben des Generals auf Befehl des Königs zur Armee von Cabrera -abgehen mußte. Er bedauerte noch immer dessen Abreise, da er ihm nicht -nur durch seine Kenntnisse äußerst nützlich, sondern auch lieb gewesen -sei als Gesellschafter und wahrer Edelmann, deren er leider so wenige -in seinen Umgebungen zähle.</p> - -<p>Das Diner war indessen servirt, und ich mußte an der Seite des -Grafen Platz nehmen; sein Secretair, ein Adjudant und ein so eben -mit Aufträgen des Königs aus Frankreich angelangter Beamter bildeten -die Gesellschaft. Die Unterhaltung war leicht, und der alte Graf -belebte sie durch häufige Scherze; auch rief er wohl mit einem -ungeheuren Sprachrohre, wie sie<span class="pagenum"><a name="Seite_501" id="Seite_501">[S. 501]</a></span> auf Schiffen üblich sind, den -vorübergehenden Mädchen Thorheiten zu, weidlich über die Bestürzung -lachend, die die Donnerstimme ihnen erregte, oder er neckte einen -gigantischen Ziegenbock,<a name="FNAnker_100_100" id="FNAnker_100_100"></a><a href="#Fussnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> den er Maroto getauft hatte. Dazwischen -befahl er, einem entlassenen christinoschen Soldaten, der, des -Spionirens verdächtig, zwischen unsern Colonnen aufgefangen war, -funfzig Stockprügel zu geben und ihn bis zum Fuß des Galgens mit dem -vollständigen Apparat des Hängens zu führen, worauf er durch eine -Ordonnanz ihm Begnadigung verkünden ließ, die dem armen Teufel, der -Rettung schon für unmöglich gehalten hatte, todähnliche Ohnmacht -verursachte.</p> - -<p>Die Speisen waren, wie gewöhnlich, sehr einfach, und das Tafel-Service -bestand aus Steingut und Holz; nur mir wurde ein Glas gereicht, da -die übrige Gesellschaft — der General aus Politik — nach der Sitte -der Catalonier aus der Flasche — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el porró</span> — trank, die, mit -einer langen, gebogenen Röhre versehen, kunstmäßig so gehalten wird, -daß der Wein im Bogen aus der engen Öffnung der Röhre in den Mund -fällt, ohne daß die Flasche die Lippen berühre oder ein Tropfen zur -Seite falle. Ich hatte diese Trinkart noch nicht mir zu eigen gemacht. -Übrigens ist das Volk in Catalonien so abergläubisch auf die Sauberkeit -dieses <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">porró</span> bedacht, daß auch der ärmste Hüttenbewohner ihn -sofort zerbricht und nicht selten dem Fremden, d. h. Jedem, der nicht -Catalan ist, vor den Füßen zerschmettert, wenn er aus Unwissenheit oder -Sorglosigkeit ihn mit dem Munde berührte. Mir selbst erging es einst -so in dem reichen Gandesa, südlich vom Ebro; da ich aber zufällig ein -Detachement bei mir hatte, verfehlten die Freiwilligen eifrig nicht, -dem guten Mann seine Impertinenz durch einige derbe Kolbenstöße fühlbar -zu machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_502" id="Seite_502">[S. 502]</a></span></p> - -<p>Nachdem der General nach Tische auf der Flur, die als Empfang -und Speisezimmer, Gesellschaftslocal und Bureau zugleich diente, -spatzieren gegangen war, setzte er sich behaglich in der Küche neben -dem knisternden Feuer nieder. Da fragte er mich plötzlich, was ich -denn zu thun gedenke, wenn ich nicht in Catalonien bliebe? Ob ich -nach Frankreich ginge?<a name="FNAnker_101_101" id="FNAnker_101_101"></a><a href="#Fussnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> Ich erwiederte, daß ich ihn ersuchte, mir -in dem Falle den Paß zur Rückkehr nach Aragon zu geben, da ich jetzt -im Augenblick der Gefahr unter keiner Bedingung die Meinen verlassen -würde. Aber lächelnd meine Hand ergreifend, sagte er mir, daß ich ihm -zwar einen impertinenten Brief geschrieben hätte, nicht bedenkend, daß -ich unter Spaniern sei; daß ich aber dennoch bei ihm bleiben und an ihm -einen Vater haben würde. „Ich liebe die Deutschen, und nützlich werden -Sie mir auch sein.“</p> - -<p>Mein Entzücken bei der so unerwartet gütigen, wie schmeichelhaften -Entscheidung des gepriesenen Feldherrn war unendlich. Ich war -entschlossen, des ehrenden Vertrauens stets mich würdig zu zeigen.</p> - -<p>An demselben Nachmittage war ich schon dem Generalstabe der Armee -zugetheilt, und der Graf ließ mir ein Zimmer in seinem Logis -anweisen mit dem Bedeuten, daß ich fortan ganz als seinem Haushalt -angehörig mich zu betrachten habe. Am Abend schon beschäftigte er -mich mit vergleichendem Ordnen von Karten, Plänen und Croquis, die -trefflich geeignet waren, um der genauesten Kenntniß des Terrains ein -vollständiges Dementi zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_503" id="Seite_503">[S. 503]</a></span></p> - -<p>Wie verschieden hatten sich doch meine Gefühle mit meiner Lage -gestaltet, seit ich vier und zwanzig Stunden früher als Arrestant und -mein Geschick verfluchend im Schlafe Vergessenheit und Trost suchte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am folgenden Tage bewunderte ich bei einer Revue die Bataillone, -die, einfach, aber geschmackvoll uniformirt, mit Präcision und -militairischer Haltung manövrirten; auch ward die Strenge und -Heftigkeit des Generals mehrfach bemerkbar. Selbst höhere Officiere -wurden stark getadelt, und mehrere Subalterne wanderten vom -Exercierplatze direct zur Wache, wogegen den Soldaten im vollen Maße -die ihren Anstrengungen gebührende Anerkennung ward. Ich lernte dort -mehrere untergeordnete Anführer kennen, unter denen der loyale General -Ivañez — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el Llarj de Copons</span>, der Lange von Copons genannt, da -er vielleicht der höchste Mann in Spanien ist — und Oberst Camps, Chef -und Organisateur der Cavallerie des Fürstenthumes, ein ausgezeichneter -Officier, der schon unter Ferdinand VII. und später in Navarra -diente, und unter Freund und Feind wegen der Kraft seines Armes -bekannt. Es wird behauptet, daß er mehrere Male feindlichen Reitern -Kopf und Brust mit einem Hiebe seines aus zwei Klingen zusammen -geschmiedeten Schwerdtes<a name="FNAnker_102_102" id="FNAnker_102_102"></a><a href="#Fussnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> gespalten, und einen andern quer durch -den Leib in zwei Stücke getrennt habe, so daß der untere Theil auf dem -davonjagenden Pferde sitzen blieb.</p> - -<p>Am 25. October Mittags ward das Hauptquartier nach dem nur zwei Stunden -von Casserras entfernten Berga verlegt. Der Abmarsch, wie gewöhnlich, -ganz durch Laune entschieden, war so plötzlich, daß der Graf fünf -Minuten nach dem Entschlusse<span class="pagenum"><a name="Seite_504" id="Seite_504">[S. 504]</a></span> schon mit wenigen Begleitern und -escortirt von der Compagnie Miñones auf dem Wege war. Eine halbe Stunde -später von einem Auftrage zurückkommend, fand ich das Haus leer; ein -Reitpferd des Grafen, welches er mir überlassen hatte, bis man für mich -ein anderes dem Feinde abgenommen habe, ward sogleich von einem mich -erwartenden Miñon<a name="FNAnker_103_103" id="FNAnker_103_103"></a><a href="#Fussnote_103_103" class="fnanchor">[103]</a> vorgeführt.</p> - -<p>Bald holte ich einen Officier ein, der auf einem Maulthiere gleichfalls -Berga zuritt, und ich erkannte einen der beiden mit mir arretirten -Cameraden; er war vom General, der ihn nicht sehen wollte, zu einem -Depot fern im Gebirge bestimmt, dem Verbannungspunkte der Officiere, -welche de España nicht in seinem Heere haben wollte. Der seit der -Ankunft desselben seines Commando’s beraubte Brigadier Don Bartolomé -Porredon — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el Ros de Eroles</span>, der Rothe von Eroles, gewöhnlich -genannt — befehligte es. Mein Gefährte, da er meine neue Stellung -kannte, zeigte sich natürlich kriechend artig — das liegt einmal in -der Natur des modernen Spaniers; übrigens war er ein guter Soldat -und hatte sich wohl nur durch den Umstand, daß er in Amerika gegen -die insurgirten Colonien gefochten, den Widerwillen des Grafen -zugezogen, indem dieser behauptete, daß alle Welt als Schurke von dort -zurückgekehrt sei, welchen Satz er mit vielen merkwürdigen Beispielen -belegte.</p> - -<p>Bitter klagte der Arme über sein Schicksal. Er war aus Moyá gebürtig, -der Stadt, welche nicht lange vorher durch die Unseren erstürmt war, -und so eben hatte er erfahren, da er hieher gekommen war, um den -Seinen näher zu sein, und dadurch<span class="pagenum"><a name="Seite_505" id="Seite_505">[S. 505]</a></span> Unterstützung sich zu sichern, daß -sein väterliches Haus ganz niedergebrannt und der einzige Bruder, vor -längerer Zeit als Carlist gefangen, nach der Insel Cuba deportirt sei; -das Schicksal seines Vaters war ihm unbekannt. Nach fast zehnjähriger -Abwesenheit fand er so seine Heimath wieder! Umsonst suchte ich zu -trösten, und in der That war Trost da schwer.</p> - -<p>So zogen wir langsam der Festung zu, die fast versteckt zwischen -den hohen Felsgebirgen liegt, welche von beiden Seiten dicht sie -umschließen; auf ihnen waren Forts angelegt, die durch sich kreuzendes -Feuer den Übergang über jene Kette fast unmöglich machten. Auf der -andern Seite ist die Stadt von sanft abgedachten Hügeln umgeben, die, -dem Plane des Baron von Rahden gemäß, zur Anlage von regelmäßigen und -ziemlich ausgedehnten Verschanzungen sehr glücklich benutzt wurden, -so daß hinter ihnen und auf die Festung gestützt eine Division, wie -in einem verschanzten Lager, mit Vortheil gegen ein weit überlegenes -Heer sich vertheidigen und, von Position auf Position weichend, den -Fortschritt des Feindes höchst blutig, ja, einem Heere wie dem des -General Valdés ganz unmöglich machen konnte. — Leider ward der Plan -nicht bis zur Vollendung ausgeführt.</p> - -<p>Schon waren wir den am weitesten vorgeschobenen Werken nahe, als -uns ein Haufen Gefangener begegnete, um, von der Arbeit ruhend, ihr -Mittagsmahl einzunehmen. Des Jammers gedenkend, den ich ja selbst vor -kurzem noch gelitten, ritt ich langsam vorbei; da erregte ein Schrei -hinter mir meine Aufmerksamkeit: ich sah meinen Gefährten in den Armen -eines Greises, der, die eingefallenen Schläfen mit wenigen Silberhaaren -bedeckt, mein Mitleid rege gemacht hatte, wie er tief gebeugt und -auf einen Stab gelehnt mühsam einherwankte. Der Sohn hatte in dem -Gefangenen seinen achtzigjährigen Vater erkannt.</p> - -<p>Die Scene war herzzerreißend, und ich fühlte die Brust,<span class="pagenum"><a name="Seite_506" id="Seite_506">[S. 506]</a></span> wie nie mehr, -mir schmerzhaft zusammengepreßt; als ich mich umwandte, sah ich den -bärtigen Miñon mit derbem Fluche eine Thräne sich trocknend. Erst nach -langer sprachloser Umarmung konnte der Sohn sich losreißen, schnelle -Hülfe versprechend. Als wir in Berga anlangten, erklärte der Wicht, er -wage nicht, vom General seines Vaters Freiheit zu erbitten: ein solcher -Schritt für einen Negro würde ihn nur compromittiren. Demnach legte er -sich ruhig nieder, die Siesta zu schlafen! — Der Graf hatte doch wohl -Recht in seinem Urtheile!</p> - -<p>Natürlich ward der Greis nebst einem Großsohn, der mit ihm in dem Fort -von Moyá gefangen war, noch an demselben Tage in Freiheit gesetzt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Graf bewohnte ein großes, massives Haus, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">el palacio</span> genannt, -außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen. Die Thüren waren durch -Tamboure gedeckt, die Fenster des Erdgeschosses durch crenelirtes -Gemäuer geschlossen, und Alles im Innern, wie im Äußern war auf die -höchste Vertheidigungsfähigkeit berechnet. Übrigens herrschte hier -dieselbe Einfachheit, welche in Casserras auffiel, und dieselbe -ununterbrochene Thätigkeit. Die Aufmerksamkeit des Grafen war -besonders auf die Verbesserung der Artillerie und auf die dieser Waffe -correspondirenden Fabriken und Materialien gerichtet, und mehrfach -äußerte er, als ich mit ihm die Werkstätten und Magazine durchschritt, -seinen Verdruß über die geringe Anzahl von Feldgeschützen, die ihm zu -Gebote stand, und deren Vermehrung durch den Mangel an passendem Metall -sehr erschwert ward.</p> - -<p>De España beabsichtigte, um dem Heere von Aragon durch eine Diversion -Hülfe zu bringen, mit der größeren Hälfte seiner Macht nach Süden in -die fruchtbaren Ebenen des Ebro-Thales die Operationen zu verlegen, -deren Erfolg unberechenbar werden<span class="pagenum"><a name="Seite_507" id="Seite_507">[S. 507]</a></span> mußte, da er, im Besitze mehrerer -Übergangspuncte über den Strom, die Flanke und den Rücken Espartero’s -bedroht hätte, als dieser von Zaragoza aus gegen Cabrera’s Heer -vordrang. Oberst Camps, deshalb nach Morella gesendet, war so eben -zurückgekehrt und hatte die Nachricht überbracht, daß Cabrera -einwillige, die Escadrone Valmaseda’s zur Verfügung España’s nach -Catalonien zu senden, da es diesem so sehr an Cavallerie für den -Krieg in der Ebene fehlte. Es ward dem greisen Krieger nicht die Zeit -gelassen, seinen Plan auszuführen.</p> - -<p>Am Nachmittage dieses Tages wurden zwei Officiere erschossen, da sie -geäußert hatten, das Beste sei, den hoffnungslosen Kampf aufzugeben -und wie Maroto möglichst gut zu accordiren. Ein anderer Elender, ein -Ex-Mönch, war wenige Tage vorher gehängt, überführt und geständig, mit -Gift zur Ermordung des Grafen von España von Barcelona gekommen zu -sein; ein Club der Exaltados hatte ihn zu dem Verbrechen gedungen.</p> - -<p>Doch wie sehr ich mich sträube, ich muß endlich zu der blutigen -Katastrophe kommen, durch welche die Sache des Royalismus eines -Vertheidigers beraubt wurde, wie während des Bürgerkrieges nur zwei -sich fanden, die an Kraft, Talent und Wollen ihm zur Seite gestellt -werden konnten.</p> - -<p>Der Graf war am 26. October äußerst thätig gewesen, hatte viele -Menschen aller Classen empfangen, Vieles angeordnet und manche -Vorbereitungen getroffen, die auf schnellen Aufbruch von Berga -deuteten. Nachdem am Nachmittage der Intendant und einige Vocale der -Regierungs-Junta, deren Präsident er war, bei ihm gewesen waren, -sprach er, als schon die Nacht anbrach, seine Absicht aus, der Sitzung -der Junta beizuwohnen, was nur geschah, wenn er besonders wichtige -Gegenstände durchsetzen wollte. Bald ritt er mit seinem Secretair, dem -Oberstlieutenant Don Luis Adell, und begleitet von einigen<span class="pagenum"><a name="Seite_508" id="Seite_508">[S. 508]</a></span> Miñones -und Kosacken,<a name="FNAnker_104_104" id="FNAnker_104_104"></a><a href="#Fussnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> nach dem eine halbe Stunde entfernten Dorfe Avia, -wohin er die Junta wegen Überfüllung der Stadt verlegt hatte. Beim -Weggehen sagte er mir freundlich: „Denken Sie daran, daß der Soldat -stets einen Schlaf und eine Mahlzeit im voraus haben muß.“ Froh legte -ich mich nieder, überzeugt, daß wir am folgenden Tage zu der Operation -abmarschiren würden.</p> - -<p>Gegen Morgen weckte mich lautes Lärmen im Palais. Aus meinem Zimmer -tretend fand ich einige höhere Officiere, welche alle Gemächer -durchsuchten und Papiere und Effekten jeder Art hin und her schleppten, -wobei sie gar seltsam von dem alten Fuchse sprachen, der so fein -gefangen sei, und mit wildem Gelächter fluchten.</p> - -<p>So wie sie mich bemerkten, flüsterten sie unter einander, laut -genug, um mich manche Worte, wie <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">maldito gavacho</span> und ähnliche -Ehrentitel, verstehen zu lassen, worauf einer derselben, ein Oberst -und Vocal der Junta, zu mir kam, der ich mit untergeschlagenen Armen -erstaunt dem Treiben zusah, und mir kurz sagte: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">puede Usted -marcharse, capitan</span>.“ — Sie können gehen — Wohin? fragte ich -natürlich; „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">al infierno!</span>“ — zur Hölle. — Das war nicht sehr -klar und noch weniger artig; daher fragte ich finster, wo der Graf -sei? Einen Augenblick blickte<span class="pagenum"><a name="Seite_509" id="Seite_509">[S. 509]</a></span> der Vocal mir starr in die Augen, -dann erwiederte er mit kurzem, widerlich aus der Gurgel tönenden -Lachen: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, der Alte ist weit von hier; gehen Sie nur zum -Gouverneur.“ Und da ich, mich nur vom Grafen abhängig erklärend, immer -noch zauderte, rief ein Anderer mit dem gemeinsten unter allen den -gemeinen Flüchen, die dem spanischen Militair auch der höchsten Grade -so vertraut sind: „Stich den trotzigen Hund nieder!“</p> - -<p>Das war schon klarer, besonders da er, den mächtigen Schleppsäbel -ziehend, mir nahete, und da ich mit Cataloniern zu thun hatte. Ich -griff daher zum Mantelsack, in dem meine Pistolen sich befanden; doch -kaum erblickten ihn die Herren, als er mir schon mit dem Bescheide -entrissen war, es dürfe Nichts aus dem Hause entfernt werden. So ging -ich denn auf die Straße, wo ich zu meinem Erstaunen weder die Wache -noch die Burschen antraf, wohl aber viele Miñones, sonst die steten -Begleiter des Generals.</p> - -<p>Der Gouverneur wies mir mit der Erklärung, der Graf sei während der -Nacht abgereiset, ein Logis an und versprach, für meinen Mantelsack zu -sorgen; ich empfing ihn am folgenden Tage, die trefflichen Pistolen -aber waren auf immer verschwunden.</p> - -<p>Augenscheinlich theilte alle Welt meine Ungewißheit und Unruhe über -die Vorfälle jener Nacht. Auf der Straße sah man wenige Menschen, und -diese eilten rasch an einander vorüber, nur flüchtig und wie verstohlen -sich begrüßend. Jedermann sprach flüsternd, als fürchte man überall -Horcher, und dennoch wagte auch so Niemand über das zu reden, was einem -Jeden am schwersten auf dem Herzen lag. Ängstliche Beklommenheit, wie -wenn furchtbares, unvermeidliches Verderben droht, schien auf Allen zu -lasten; dazu kam Mißtrauen und die Furcht, durch ein unüberlegtes Wort -dem Zorn und der Rache von Feinden sich auszusetzen, die man doch nicht -kannte.</p> - -<p>Zugleich durcheilten einzelne Männer geschäftig und mit<span class="pagenum"><a name="Seite_510" id="Seite_510">[S. 510]</a></span> höhnisch -triumphirendem Antlitze die leeren Straßen, gerade solche, die bisher -am unscheinbarsten sich gemacht und, tief vor dem allgefürchteten -Grafen im Staube kriechend, umsonst seine Verachtung mit stets erneuten -Betheurungen der unwandelbarsten Ergebenheit zu besiegen gesucht hatten.</p> - -<p>Bald langte General Segarra an, der zweite Befehlshaber im -Fürstenthume. Er betrug sich alsbald als unabhängiger Chef und befahl, -vor Allem die politischen Gefangenen und die männlichen Einwohner -der kürzlich genommenen Städte in Freiheit zu setzen, da sie, als -Vertheidiger mit in die Forts der Christinos eingeschlossen, bis dahin -als Kriegsgefangene betrachtet wurden. Segarra zeigte durch diesen -ersten Schritt, daß er anstatt der unerbittlichen Strenge des alten -Grafen, die er stets mißbilligte, eine ganz entgegengesetzte Richtung -einschlagen werde; er kannte die Catalonier nicht, oder wenn er richtig -sie beurtheilte, besaß er nicht die Kraft, ja Härte, die doch allein in -seiner Stellung Erfolg ihm sichern konnte.</p> - -<p>Überhaupt ist Segarra ein Mann von mildem und selbst schwachem -Charakter, ein guter Militair, der, durch langen und ehrenvollen -Dienst ausgebildet, häufig seine kriegerischen Talente bewährt -hatte und ihretwegen vom Grafen de España hoch geschätzt wurde. Ich -bin überzeugt, daß er an dem schmählichen Tode seines Feldherrn -und Wohlthäters keinen Theil hatte und noch weit weniger, wie wohl -geschehen ist, als der Haupturheber der Schandthat angesehen werden -darf. Der Mann war nicht dazu fähig. Die Verschworenen täuschten ihn -über ihre wahren Absichten und befriedigten ihre persönliche Rachsucht, -ohne ihn zu Rathe zu ziehen; sie ließen ihn dann dem Anschein nach die -Frucht des Verbrechens ernten, weil sie ihn ja leiteten und lenkten, -wie sie nur wollten.</p> - -<p>Aber nichts desto weniger ist er strafbar, da er als Werkzeug für die -Intriguen der selbstsüchtigen Mörder sich brauchen ließ und zum Sturze -des Generals ihnen sich anschloß, den<span class="pagenum"><a name="Seite_511" id="Seite_511">[S. 511]</a></span> sein König ihm vorgesetzt hatte; -er stellte sich selbst als Mitschuldigen dar, indem er die Thäter -unbestraft ließ, die höchsten Stellen ihnen anvertraute und ganz ihrer -Leitung folgte. Er gab sich endlich der Verachtung preis und erlaubte, -auch das Niedrigste, das Entehrendste von ihm zu glauben, da er, als -die Sache der Legitimität hoffnungslos im letzten Todeszucken lag, -seines Eides und seiner Ehre uneingedenk, die unterliegenden Gefährten -verließ und ein Verräther dem übermüthigen, übermächtigen Feinde -sich anschloß, wohl von des Grafen von Morella Hand die Strafe jenes -Verbrechens fürchtend. — So weit führt Schwäche!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Noch an demselben Tage erfuhr ich im Vertrauen durch einen mir -bekannten Officier, der einem Vocale der Junta verwandt war, daß der -Graf auf königlichen Befehl abgesetzt und nach Frankreich geführt -sei. Es war ein harter Schlag! Ich seufzte tief, denn ich würdigte -den ungeheuren Verlust, den unsere schon so vertheidigungslose Sache -dadurch erlitt; aber der König befahl, da mußte jede andere Rücksicht -schweigen. Am folgenden Morgen ging ich, dem General Segarra mich -vorzustellen und seine Ordres zu empfangen. Der Saal war mit Officieren -jedes Grades und Civilisten gefüllt, von denen viele, die zwei Tage -vorher tief zur Erde die Voyna vor mir gesenkt und mir tausendfach -wiederholte Dienstanerbietungen gemacht hatten, jetzt finster mich -anschauten und höhnisch unter einander zischelten.</p> - -<p>Ich nahm so wenig Notiz von ihren Impertinenzen, wie ich früher ihre -Schmeicheleien berücksichtigt hatte; auch ward ich von einem Obersten, -der bei meinem Eintritt in das Cabinett des Generals gegangen war, bald -dorthin beschieden. Segarra, vor einem Lehnstuhle stehend, begrüßte -mich sehr artig. Seine Magerkeit und Blässe, wie die Haltung des -leidend nach vorn<span class="pagenum"><a name="Seite_512" id="Seite_512">[S. 512]</a></span> gebeugten Körpers verriethen die Kränklichkeit, -unter der er stets schmachtete; auf den Gesichtszügen lagerten dunkle -Wolken, doch umzog ein leichtes und, wie es schien, stehendes Lächeln -den nicht unangenehmen Mund. Mit wenigen Worten erklärte ich dem -General, daß ich, vom Grafen de España dem Generalstabe zugetheilt, -da ich meine unmittelbaren Vorgesetzten nicht kennte,<a name="FNAnker_105_105" id="FNAnker_105_105"></a><a href="#Fussnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> ihn um -Verhaltungsbefehle ersuchte. Er erwiederte mir, stets lächelnd, er habe -schon von mir gehört, und ich müsse, da kein Platz für mich offen sei, -zu einem Depot gehen.</p> - -<p>Das überraschte mich. Doch schnell entschlossen antwortete ich ihm, -daß, um im Depot müssig zu sein, wäre ich weit bequemer im Vaterlande -müssig geblieben; ich bäte ihn daher, mir die Rückkehr zu der Armee des -Grafen von Morella zu erlauben, da ich dort wenigstens nicht verhindert -sein würde, dem Feinde mich entgegenzustellen. — „Wie Sie wollen, ich -wünsche glückliche Reise.“ —</p> - -<p>Eine halbe Stunde später hatte ich den Paß und bereitete mich zur -Abreise vor. Es mußte mir einerseits peinlich sein, wieder zu Cabrera -zurückzukehren, da ich nicht auf die freundlichste Art von ihm -geschieden war; und doch wieder freute ich mich, jetzt nach Aragon -zu kommen und an dem Kampfe Theil zu nehmen, der mit den überlegenen -Massen Espartero’s bevorstand. Ich hoffte nicht den Sieg, zu solcher -Hoffnung gehörte echt spanische Verblendung, und die theilte ich -nicht mit so vielen Tausenden. Aber ich hoffte und vertraute, daß -wir ehrenvoll unterliegen würden, wie wir ehrenvoll den glorreichen -Kampf bis dahin durchgeführt hatten, ich war überzeugt, daß wir unter -des Grafen von Morella Führung selbst der Vernichtung<span class="pagenum"><a name="Seite_513" id="Seite_513">[S. 513]</a></span> mit Stolz -entgegensehen durften. Denn, wenn ich gar keinen Grund hatte, um -Cabrera zu lieben, schätzte und verehrte ich ihn eben so sehr als -Feldherr und bravsten Krieger, wie als kraftvollen, festen und nie -zagenden Mann, als unwandelbaren und unerschütterlichen Royalisten.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_99_99" id="Fussnote_99_99"></a><a href="#FNAnker_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Ich erinnere mich zweier Anekdoten von ihm, die ziemlich -bezeichnend sind. Als er gerade das Commando übernommen hatte, erfuhr -er, daß die Anführer und Officiere der zu bändigenden Horden selbst -ihre Leute zum Widerstreben reizten und jede seiner Maßregeln und -Handlungen bekrittelten oder gar lächerlich machten. Er versammelte -sie auf der Parade, ließ einen Hund in die Mitte führen, hielt -ihm eine heftige Strafrede, weil er schlecht von seinem General, -der an des Königs Statt dastehe, gesprochen habe, und drohete, im -Wiederholungsfalle ihn zu erschießen. — Da die disciplinwidrigen -Äußerungen noch nicht aufhörten, wurden die Officiere wieder -versammelt, der Hund ward gebunden von der Wache her gebracht, und der -Graf erklärte ihm, daß er, trotz der Warnung desselben Verbrechens -schuldig, nun erschossen werde. Ein Piquet ward beordert und der Hund -füsilirt. — Dann wandte sich der General zu den Officieren mit den -Worten. „Meine Herren, ich warne nie öfter, als zwei Mal!“ — Niemand -gab ihm Gelegenheit, die Anwendung des aufgestellten Beispieles weiter -zu treiben.</p> - -<p>Später beklagten sich die Officiere, daß sie so schlecht besoldet -würden, daß sie kaum davon essen könnten. In der That erhielten -sie, da ihnen der Gehalt nicht ausgezahlt wurde, wenig mehr als -die so reichlich bedachten Soldaten. — España lud eines Tages das -Officier-Corps zum Frühstück ein. Eine Schüssel mit gesalzenen -Häringen ward aufgetragen, ihr folgte eine andere mit gekochten -Häringen, dann eine dritte mit Häringen, in Öl gebraten, und wieder -eine mit gerösteten Häringen. Ein Commißbrod lag auf dem Tisch, -und kristallhelles Wasser war im Überfluß zur Löschung des mächtig -angeregten Durstes vorhanden. — Erstaunt sahen die Officiere sich -an, da sie gehofft hatten, der General werde heute seiner gewohnten -Frugalität entsagen; als dieser lächelnd sie aufforderte, frei auf -Soldatenart das Mahl eines Soldaten zu theilen. „Ich äße gern wilde -Enten, Pasteten und köstliche Leckerbissen — denn ich bin gewaltig -lecker, meine Herren! — und ich tränke gern Xerez oder Champagner. -Aber das Geld, das Geld! Der Gehalt wird nicht bezahlt, ich bin meinem -Könige in den jetzigen Umständen ein so leichtes Opfer schuldig; und -Häringe, zwei Stück für einen Sou, sättigen mich am Ende eben so gut. -Dann werde ich durstig, und das Wasser schmeckt mir trefflich, das -kostet aber gar nichts. — Greifen sie zu, meine Herren! Auf baldiges -Frühstück in den Hotels von Barcelona!“</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_100_100" id="Fussnote_100_100"></a><a href="#FNAnker_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Der Graf liebte sehr die Thiere und führte stets viele -mit sich, besonders Hunde und Ziegen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_101_101" id="Fussnote_101_101"></a><a href="#FNAnker_101_101"><span class="label">[101]</span></a> Der Graf hegte augenscheinlich noch immer Mißtrauen; er -glaubte vielleicht, daß ich aus irgend einem politischen Grunde die -Armee Cabrera’s hätte verlassen müssen, und tentirte mich deshalb. So -bot er mir auch eine bedeutende Summe an, die ich natürlich ablehnte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_102_102" id="Fussnote_102_102"></a><a href="#FNAnker_102_102"><span class="label">[102]</span></a> Einen gewöhnlichen Säbel weiß Camps gar nicht zu -gebrauchen, weil er ihm zu leicht ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_103_103" id="Fussnote_103_103"></a><a href="#FNAnker_103_103"><span class="label">[103]</span></a> Die Miñones sind ausgewählte Soldaten, im Frieden -Gensdarmen-Dienst versehend. Ihre Uniform und der über die linke -Schulter herabhängend getragene Überrock sind sehr reich in Gold -gestickt. — De España und Cabrera wählten Beide diese Miñones zu ihrer -persönlichen Bedeckung.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_104_104" id="Fussnote_104_104"></a><a href="#FNAnker_104_104"><span class="label">[104]</span></a> Der Graf hatte einige hundert Mann mit Bauernpferden -beritten gemacht, um sie als Ordonnanzen, auch wohl zu Streifzügen, auf -denen kein Zusammentreffen mit feindlicher Cavallerie zu fürchten war, -zu gebrauchen. Ohne Uniform, mit einer Lanze oder etwas ihr Ähnlichem -— etwa einer Stange mit einem beliebigen scharfen Eisen — bewaffnet, -oft ohne Sattel und mit einem Strick statt des Zügels, sahen diese -Reiter abenteuerlich genug aus. España benannte sie Kosacken, nach den -Flüssen von Hoch-Catalonien die Compagnien als vom Segre, vom Cardenet, -Llobregat und Ter bezeichnend.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_105_105" id="Fussnote_105_105"></a><a href="#FNAnker_105_105"><span class="label">[105]</span></a> Ich habe in der That nichts von einem Chef des -Generalstabes gesehen, dessen Geschäfte der Graf, so wie Cabrera, mit -Hülfe seines Sekretairs Adell meistens selbst verrichtete.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier30" name="zier30"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 30" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_514" id="Seite_514">[S. 514]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXI">XXXI.</h2> - -</div> - -<p>Der Graf de España hatte, wie ich weiter oben erzählte, unter Ferdinand -VII. den Auftrag erhalten, die Empörung der sogenannten -Ultra-Royalisten<a name="FNAnker_106_106" id="FNAnker_106_106"></a><a href="#Fussnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> in Catalonien zu unterdrücken; er vollführte ihn -eben so rasch wie vollständig, und bald war dem Fürstenthume Friede -und Ruhe wiedergegeben. Ich erwähnte dort der Tausende, die mit dem -Leben ihre verbrecherischen Anschläge büßten; Alle aber, auf denen -der leiseste Verdacht der Theilnahme haftete, wurden deportirt oder -hatten Jahre lang den Jammer eines spanischen Gefängnisses zu dulden. -Die Feinde des Grafen, und ihrer waren viele, behaupteten, er habe -die Provinz in einen weiten Kirchhof verwandelt, und die Ruhe, welche -er schuf, sei die Ruhe des Grabes. Ohne die zahllosen Wohlthaten zu -beachten, welche seine Verwaltung nach hergestellter Ordnung über -das Land ausschüttete, wollten sie nur die Blutströme sehen, deren -Vergießung zur Verhütung weit schrecklicheren Unheils unumgänglich war, -und sie urtheilten so einseitiger Ansicht gemäß.</p> - -<p>Unzeitige Milde ist oft grausamer, als die härteste Strenge. Hätte de -España mit der revolutionairen Bewegung temporisirt, hätte er nicht -mit eiserner Faust durch einen Schlag sie niedergeschmettert, so würde -schon damals das ganze Königreich in Elend und Blut ertränkt sein. -Denn die Grundsätze, welche jener Aufstand verfocht, waren die des -politischen und religiösen Fanatismus, der, unduldsam gegen Alles, -was um einen Grad<span class="pagenum"><a name="Seite_515" id="Seite_515">[S. 515]</a></span> tiefer oder höher steht, keine andere Mittel zur -Befestigung seiner Herrschaft kennt, als das Beil des Henkers, die -Flammen des Auto da Fé und alle die Schrecken, durch die in andern -Jahrhunderten die Inquisition ihre Opfer verfolgte.</p> - -<p>Als der Graf de España im Jahre 1838 nach Catalonien zurückkehrte, -fand er die Verhältnisse ganz anders gestaltet. Die Mehrzahl der -Theilnehmer jener früheren Empörung hatte sich nun den carlistischen -Banden angeschlossen, und Viele, die damals, vom Grafen als Verbrecher -bestraft, in den Gefängnissen geschmachtet hatten oder gar nach -Afrika’s Giftküste deportirt waren, hielten jetzt die ersten Stellen im -Heere und in der Regierungs-Junta inne; noch Mehrere haßten in ihm den -Feind, durch den ihre Verwandten und Genossen Tod oder schwere Leiden -fanden. Sie alle unterwarfen sich ihm nur durch die Macht des Zwanges -und durch die Furcht, die beim Nennen seines Namens sie durchbebte.</p> - -<p>Mit diesen Unzufriedenen verbanden sich natürlich alle diejenigen, -welche des neuen Generals Strenge und Gerechtigkeitsliebe hinderte, das -alte Raubsystem fortzusetzen, welches doch ihr Hauptzweck war in dem -Kampfe, den sie unter dem Vorwande des Carlismus unternommen hatten.</p> - -<p>Während der erfahrene Feldherr also Alles that, um die Sache zu heben, -deren Führung ihm anvertraut war, und während er sich dadurch die -Liebe, ja die Anbetung der Soldaten und Einwohner, so wie die Verehrung -aller Gutgesinnten erwarb, umringten ihn alte und neue Feinde, begierig -dem Augenblick entgegensehend, der ihnen Gelegenheit biete, ihren -glühenden Rachedurst zu löschen. Und diese Feinde waren Catalonier, -wild und rauh, wie die schroffen Gebirgszüge der Pyrenäen, in denen sie -geboren, bereit, jedes Mittel zu ergreifen, welches ihnen Befriedigung -der Rache versprach, dieser Lieblingsleidenschaft jedes Spaniers, der -alles überwiegenden Sucht der Catalonier. Zugleich wußten sie jedoch -ihren Haß meisterlich zu verbergen<span class="pagenum"><a name="Seite_516" id="Seite_516">[S. 516]</a></span> und heuchelten tiefste Ergebenheit, -enthusiastische Anhänglichkeit dem greisen Führer, während sie, die -zuckende Faust an den Dolch gelegt, jede seiner Bewegungen bewachten, -um eine Blöße zu erspähen, in die sie sicher die verrätherische Waffe -stoßen könnten.</p> - -<p>Indeß wußte der alte Graf sehr wohl, daß er nicht von lauter Freunden -umgeben war, und die Maßregeln, welche er für seine Sicherheit und -damit für die des Ganzen nahm, hinderten die Verschworenen lange, -ihre blutlechzenden Pläne auszuführen. Nach und nach aber gelang es -ihnen, das Mißtrauen einzuschläfern und immer mehrere ihrer Genossen -in die bedeutendsten Stellen, besonders in die Junta, einzuschieben; -der General, da fortwährend Nichts gegen ihn oder seine Autorität -unternommen wurde, zeigte sich weniger vorsichtig und glaubte wohl, -daß die Furcht den alten Haß niedergedrückt habe. — Da erschallte die -Schreckenskunde von dem Übergange Maroto’s und dem Rückzuge des Königs -nach Frankreich.</p> - -<p>Junta und General standen allenthalben, wo diese beiden Autoritäten -existirten, stets feindselig oder besser als Rivale neben einander. -Die Junta als Stellvertreterinn des Gouvernements will Alles ordnen -und leiten und stürzt es gewöhnlich in erschöpfende Unordnung und -Verwirrung, wo nicht in gänzliche Anarchie; der General, an der Spitze -der militairischen Macht die Mängel und Schwächen, welche durch die -vielköpfige Verwaltung der Junta entstehen, am bittersten fühlend -und häufig durch sie gehemmt und gehindert, sucht sich dem widrigen -Einflusse derselben zu entziehen, indem er sich unabhängig von ihr und -dann sie zu seinem Werkzeuge zu machen und sich unterzuordnen strebt. -Diese Nothwendigkeit, die sonst unbeschränkten Befugnisse der Junta -zu Gunsten des Generals zu schmälern, mußte in einem Kriege, wie die -Carlisten ihn führten, doppelt stark hervortreten, da ja der Anführer -mit so viel mehr Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und Alles ohne -Ausnahme selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_517" id="Seite_517">[S. 517]</a></span> schaffen und sich erringen sollte. Die Folge war, daß -der General stets zum Präsidenten der Junta ernannt wurde, wodurch -natürlich die Stellung der beiden Gewalten zu einander sehr verändert -ward.</p> - -<p>Auch der Graf de España hatte die Junta von Catalonien mehr als seine -Gehülfinn bei dem großen Werke, denn als höhere Behörde betrachtet -und Manches von ihren ursprünglichen Attributen ihr genommen. Dennoch -war nicht selten heftiges Widerstreben sichtbar geworden und hatte -einige Male — wiewohl der General, wenn etwas Wichtiges vorgeschlagen -ward, persönlich präsidirte, um durch seine mächtige Gegenwart den -Widerstand niederzuschlagen — verzögernd in den raschen Gang seiner -Organisations- und Operationspläne eingegriffen.</p> - -<p>Da, als Carl V. schon nach Bourges abgereiset war, wohl -erkennend, daß unter den nun unendlich mehr schwierigen Umständen nur -die höchste Energie und Einheit retten könne, erklärte sich der Graf -de España zum Stellvertreter des Königs in dem Fürstenthume und ward -in dieser Eigenschaft von Sr. Majestät bestätigt, so daß er nun alle -ursprünglichen Befugnisse der Junta in sich vereinigte.</p> - -<p>Die Junta blieb nicht gleichgültig bei so entscheidendem Angriffe -auf das, was sie als ihr Recht ansah, und die persönlichen Feinde -des Generals wußten schlau diesen Schritt zu benutzen, um auch die -übrigen Vocale gegen ihn einzunehmen und zu Gewaltmaßregeln sie geneigt -zu machen. Es ward beschlossen, aus eigener Machtvollkommenheit den -General zu entsetzen, der Herrschaft sich zu bemächtigen und fortan die -Zügel nicht mehr aus den Händen zu geben. Deshalb ward der schwache -Segarra, von dem man Nichts befürchtete, zum Nachfolger des Grafen -designirt; er war bald in den Bund gegen seinen Oberfeldherrn, der -stets ehrend ihn ausgezeichnet, hineingezogen, und auch der Intendant -des Heeres Don Jaspar Diaz de Labandero, ein tüchtiger Geschäftsmann, -schloß den Verschworenen<span class="pagenum"><a name="Seite_518" id="Seite_518">[S. 518]</a></span> sich an. Es kam nun darauf an, den Greis -hülflos in ihre Gewalt zu führen.<a name="FNAnker_107_107" id="FNAnker_107_107"></a><a href="#Fussnote_107_107" class="fnanchor">[107]</a></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Graf hatte zur Besoldung der ganzen Armee am nahen Namenstage des -Königs, wie für die zu eröffnenden Operationen die Herbeischaffung -einer starken Summe befohlen, wogegen die Junta und der Intendant -Schwierigkeiten erhoben. Da am 26. October darüber berathen werden -sollte, beschloß er, bei der Sitzung selbst zu präsidiren, wozu eine -Deputation der Junta ihn besonders einlud; er zog mit einem Detachement -Miñones und einigen Kosacken nach Avia, ließ diese unten in dem Hause -der Sitzung und begab sich mit dem Oberstlieutenant Adell in die erste -Etage. Mehrere Vocale, unter ihnen der Vice-Präsident Brigadier Ortéu, -empfingen den Grafen artig und unterhielten ihn einige Zeit, bis die -fehlenden Glieder ankommen möchten; bald eilten zwei von ihnen fort, um -sie holen zu lassen.</p> - -<p>Diese ertheilten im Namen des Grafen der Escorte Befehl, für die Nacht -in zwei nahe Landhäuser sich zurückzuziehen, was die Officiere ohne -Argwohn thaten, wiewohl die Miñones der ein für alle Mal gegebenen -Instruction zufolge nur vom General selbst und von seinen Adjudanten -Befehle empfangen sollten. Die Vocale eilten wieder hinauf, und einer -von ihnen, Ferrer, sagte laut die Losungsworte: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">ya está hecho!</span>“ -— es ist geschehen. — Sofort drängten sich die Vocale Torrebadella, -Sanz, der Präsident Ortéu und andere um den General mit der Erklärung, -er sei auf Befehl des Königs abgesetzt und ihr Gefangener. Zugleich -traten aus einem Cabinett zwei bis an<span class="pagenum"><a name="Seite_519" id="Seite_519">[S. 519]</a></span> die Zähne bewaffnete, dort -verborgen gewesene Menschen hervor, und Ferrer hielt dem Grafen zwei -Pistolen auf die Brust, indem er drohte, bei der geringsten Bewegung -ihn niederzuschießen.</p> - -<p>Fest verlangte de España die königliche Ordre zu sehen und erklärte -sich bereit, dann, aber auch nur dann, seine Charge aufzugeben. Die -Antwort war ein Schlag auf die Schulter; da der Greis entrüstet gegen -den Thäter sich wandte, streckte ihn ein zweiter Schlag auf das Haupt -besinnungslos nieder. Adell, der, auf kurze Zeit in das Dorf gegangen, -jetzt wieder zurückkehrte, wurde entwaffnet und in eine Kammer -eingeschlossen.</p> - -<p>So wie der Graf sich erholte, ward er, noch auf der Erde ausgestreckt, -mit Schmähungen und Mißhandlungen überhäuft, bis ein Maulthier -herbeigeführt war, auf das er, nur mit seiner Uniform bekleidet, -gehoben wurde, ohne daß ihm gestattet wäre, Etwas von seinem -Privat-Eigenthume mit sich zu nehmen. Zwei Vocale, unter ihnen wieder -Ferrer, der glühendste Feind des Gestürzten, wurden beauftragt, ihn -nach Frankreich. zu geleiten; mit ihnen vereinigten sich auf dem Wege -dahin mehrere Chefs, auch der Ros de Eroles, alle rachgierig und -nach dem Blute des edlen Greises dürstend. Die Mißhandlungen wurden -von jedem neu Hinzukommenden wiederholt, das Empörendste ward an dem -Hülflosen, dem man Bauerntracht angelegt hatte, ausgeübt, Schandthaten, -wie nur Spanier sie erdenken mögen, verwildert und an alle Gräuel -gewöhnt durch die schaudervollen Scenen, deren Theater ihr Vaterland -seit dem Anfange dieses Jahrhunderts war.</p> - -<p>Umsonst flehte der Gemarterte, fast siebenzigjährige Mann um -raschen Tod — er hatte ja die Hoffnung, Frankreichs Gränze zu -erreichen, längst aufgegeben —; umsonst suchte er die Peiniger zu -leidenschaftlicher Wuth zu reizen, indem er ihr Verbrechen, ihren -niedrigen Undank ihnen vorwarf und zeigte, wie sie zu Verräthern an -dem Könige wurden, dem sie zu dienen<span class="pagenum"><a name="Seite_520" id="Seite_520">[S. 520]</a></span> vorgaben. Von Hof zu Hof durch -die finstern Schluchten des Gebirges der Gränze parallel geschleppt, -duldete der Greis, der Feldherr während drei Tage, was immer seiner -Henker Wuth ihn zu quälen ersinnen konnte. Und er bewährte bis zum -letzten Augenblicke die hohe Standhaftigkeit, durch die er während -seiner ganzen Laufbahn sich auszeichnete.</p> - -<p>Da endlich naheten seine Begleiter der Gränze; noch ein Mal belebte -ein schwacher Hoffnungsstrahl die Brust des Grafen: wann schwände dem -Menschen ganz die Hoffnung! Aber plötzlich wird angehalten und der -Dulder, durch Erschöpfung schon dem Tode nahe, ist vom Maulthiere -gehoben, und losgebunden; er sieht vor seinen Füßen eine dunkle Tiefe, -in deren Grunde der Segre schäumend über die Felsen sich Bahn bricht. -Errathend, was seiner hattet, erfleht der Greis, sich bekreuzend, die -Gnade der heiligen Jungfrau und fordert dann die Elenden auf, ihr Werk -zu vollenden.</p> - -<p>Doch ein junger Officier stürzt athemlos herbei: Don Mariano Ortéu, -der Adjudant des Grafen und sein Liebling — noch kommt er zu rechter -Zeit, um zu retten und zu rächen! Der Graf, als er ihn erblickt, haucht -schwach mit bittend hoffnungsvollem Tone: „Mariano!“ — Das Ungeheuer -drückt hohnlächelnd sein Pistol ab und durchbohrt die Brust seines -Generals, seines Wohlthäters, Güte und Liebe mit Mord vergeltend.</p> - -<p>Der Sterbende ward gebunden in den Fluß gestürzt, auf dessen Ufern -nach einigen Tagen Landleute den zerschmetterten Leichnam, kaum noch -kenntlich, fanden; trauernd beerdigten sie die Überreste des verehrten -und gefürchteten Grafen de España auf dem Friedhofe ihres Dörfchens.</p> - -<p>Die Mörder aber kehrten im Triumph nach Berga zurück und erfrechten -sich selbst, das Andenken ihres Opfers zu schänden, indem sie in einer -allgemein verbreiteten Proclamation als Verräther ihn darstellten, -der, ein zweiter Maroto, seine Armee dem Feinde habe verkaufen wollen. -Die Verleumdung fand<span class="pagenum"><a name="Seite_521" id="Seite_521">[S. 521]</a></span> überall die gebührende Verachtung. Der edle Graf -de España wird stets als ein Märtyrer seiner Treue und nie wankenden -Loyalität in dem Andenken aller guten Spanier eben so hoch stehen, wie -er lange schon als General und als gerechter Mann die Achtung und das -Vertrauen seines Fürsten und die Bewunderung Aller sich erworben hatte, -die seine Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen wußten.</p> - -<p>Das Heer empfing die Nachricht von der Absetzung und dann von dem -Tode seines Anführers mit Staunen, welches mehrfach selbst in Gährung -überging. Aber auch Segarra hatte bis dahin die Achtung und Liebe der -Soldaten genossen, und er wußte für den Augenblick ihre Unruhe durch -Freigebigkeit und durch Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Heeres -hinzuhalten, bis bald der Versuch des General Valdés, das bedrängte -Solsona mit Lebensmitteln zu versehen, ihre kriegerische Thätigkeit -ganz in Anspruch nahm. Und der Soldat, gewohnt zu gehorchen und Andere -für sich denken zu lassen, ist ja so leicht getäuscht, so leicht -gelenkt, wenn er nur begriffen ist.</p> - -<p>Viele Officiere aber verließen die Armee Cataloniens, unwillig, unter -den Mördern des Chefs weiter zu dienen, den ihres Königs Weisheit ihnen -gegeben hatte. Einige schlossen sich der Armee des Grafen von Morella -an; die meisten, unter ihnen General Ivañez — el Llarj de Copons -—, Oberst Camps und Perez Davila, Commandeur der ersten Division, -verzweifelnd, da solche That unbestraft bleiben konnte, wanderten nach -Frankreich aus.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_106_106" id="Fussnote_106_106"></a><a href="#FNAnker_106_106"><span class="label">[106]</span></a> Die Aufrührer Cataloniens gegen Ferdinand’s rechtmäßige -Regierung und die Edlen, welche in Estella von dem Verräther Maroto -gemordet wurden, sind mit dem einen Namen von Ultra-Royalisten -bezeichnet!</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_107_107" id="Fussnote_107_107"></a><a href="#FNAnker_107_107"><span class="label">[107]</span></a> Ich erzähle die Schandthat, wie sie im Januar 1840 im -Hauptquartiere des Grafen von Morella von Cataloniern berichtet ward, -welche hoch genug standen, um genau unterrichtet zu sein.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier31" name="zier31"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 31" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_522" id="Seite_522">[S. 522]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXII">XXXII.</h2> - -</div> - -<p>In trübe Gedanken versenkt zog ich am 30. October aus den Thoren von -Berga, welches ich wenige Tage vorher mit so freudigen Hoffnungen -betreten hatte. Das erste dumpfe Gerücht von des Grafen Ermordung war -am Morgen bis zu mir gedrungen, zu voreilig wohl, denn kaum konnte die -Nachricht des auf dem Ufer des nicht nahen Segre Geschehenen so rasch -herdringen. — Der Graf ermordet! Kaltes Grausen überlief mich, und -eine innere Gewalt trieb mich vorwärts, weit, weit die Mauern hinter -mir zu lassen, in denen die blutbedeckten Mörder hauseten.</p> - -<p>Allein, denn meinem Burschen war die Erlaubniß, mich zu begleiten, vom -General Segarra versagt worden, folgte ich auf meinem Maulthiere der -Straße nach der festen Hermite von Pinos, von einem stummen Knaben als -Führer geleitet. So wie ich das Fort verließ, begann schon die Gefahr, -die jetzt, da ich ganz allein und unbewaffnet reisete, noch weit -drohender, als bei dem Marsche vom Ebro herauf war; doch am Nachmittage -wurde ich durch eine Gesellschaft überrascht, die ich freilich nicht -erwartet hatte und unter jenen Umständen nicht eben wünschenswerth -nennen konnte. Zwei junge Frauen holten mich ein und flehten, sie -unter meinen Schutz zu nehmen. Die jüngere, kaum neunzehn Jahr alt, -hatte fünf Tage nach der Hochzeit mit dem Bruder ihrer Gefährtinn den -Gatten sich entrissen gesehen, da er, um wenige Stunden zu spät in das -schützende Band der Ehe getreten, nach dem durch de España eingeführten -Conscriptions-Gesetze für eines unserer catalonischen Bataillone -ausgehoben war. Die zweite, vielleicht sechs und zwanzig Jahr alt, war -seit dem Beginn des carlistischen Aufstandes von ihrem Manne getrennt, -der, ein echter, freiwilliger Royalist in den<span class="pagenum"><a name="Seite_523" id="Seite_523">[S. 523]</a></span> Schaaren, welche -Carnicer nach Ferdinand’s VII. Tode bildete, bei der Vernichtung -derselben gefangen genommen und nach der Insel Cuba geschickt wurde, -weil er sich weigerte, unter Christina’s Banner gegen die Vertheidiger -seines Königs zu fechten.</p> - -<p>Die beiden Frauen, in einem am Ebro liegenden Dorfe wohnhaft, hatten, -wie häufig die Familien unserer Soldaten es thaten, ihrem Bruder und -Gatten Wäsche und andere Bedürfnisse überbracht; zagend waren sie -auf der Heimreise bis Pinos gelangt, da sie von der Brutalität der -christinoschen Soldaten und vor Allem der Nationalgardisten, denen sie -auf dem dreißig Leguas langen Wege bis zum Ebro so leicht begegneten, -das Schlimmste fürchten mußten. So waren sie innigst erfreut, einem -Mayor<a name="FNAnker_108_108" id="FNAnker_108_108"></a><a href="#Fussnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> sich anschließen zu dürfen. Natürlich erlaubte ich ihnen -ohne Zögern, mich zu begleiten, aber ich mußte oft lächeln, wenn ich -das Trio betrachtete, welches zu dreitägigem Marsche durch feindliches -Gebiet und zwischen zwölf bis vierzehn feindlichen Vesten hin sich -vereinigt hatte: ein Fremder, des Terrains gar nicht und sehr wenig -der eigenthümlichen Sprache der Provinz kundig, ohne Waffen gegen den -Feind und nur seinen Character als carlistischer Capitain habend, um -von den Einwohnern die Bedürfnisse — Maulthiere, Rationen und Führer -— sich zu erzwingen; und mit ihm zwei junge Frauen, welche, die -dunkeln Gluthaugen in steter ängstlicher Bewegung, bei jedem Geräusch -zusammenschraken und scheu zum Begleiter, Hülfe suchend, aufschauten.</p> - -<p>Wenn die Carlisten, wie so oft, solche gefährliche Reisen<span class="pagenum"><a name="Seite_524" id="Seite_524">[S. 524]</a></span> machen -mußten, pflegten sie bei Tage zu ruhen und nur bei Nacht den Marsch -fortzusetzen, in der Dunkelheit ihre Sicherheit suchend. Ich beschloß -nun, dieses zu benutzen und gerade das Gegentheil davon zu thun: ich -marschirte nur bei Tage und strebte, besonders die gefährlichsten -Punkte am Mittage zu überschreiten, wogegen ich des Abends irgend -einen größeren Ort, wo möglich, oder sonst einen Weiler aufsuchte, wie -sie auch in dem schroffsten Gebirge nur selten fehlten, um dort die -Nachtstunden zuzubringen. Später, da ich häufig in ähnlichen Lagen mich -befand, habe ich die Methode stets mit dem besten Erfolge angewendet. -Denn da der Feind jene Gewohnheit des nächtlichen Marsches kannte, traf -er demnach seine Maßregeln; er legte sich am Abend in Hinterhalte, die -Einherziehenden erwartend, während er in der Nacht gern die Ortschaften -vermied, da er jeden Augenblick die Ankunft eines carlistischen Trupps -erwarten mußte, was bei der Abneigung der Bevölkerung gegen ihn leicht -ihm verderblich werden konnte. Da war ich also mit einiger Vorsicht -ganz sicher.</p> - -<p>Am Tage dagegen wußte er die Carlisten ruhend und suchte deßhalb in -ihren Schlupfwinkeln sie zu überraschen; dann zog ich aufmerksam meines -Weges und war, wenn ich etwa einer feindlichen Streifparthie begegnete, -immer zeitig genug von ihrem Nahen benachrichtigt, um über die zu -ergreifenden Maßregeln mich entscheiden zu können.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der erste, besonders Gefahr drohende Punkt auf meinem Marsche war -die große Heerstraße von Barcelona über Lerida nach Zaragoza: sie -mußte zwischen den beiden, anderthalb Leguas von einander entfernten -Festungen la Igualada und Cervera überschritten werden, was bei -unserer Hinaufreise nicht ohne viele Mühe und in steter Besorgniß um -Mitternacht bewerkstelligt war. Jetzt kam ich, von den zitternden -Weibern<span class="pagenum"><a name="Seite_525" id="Seite_525">[S. 525]</a></span> begleitet, um eilf Uhr Morgens bei der Straße an, nachdem ich -von einer nahen Höhe das Terrain sorgfältig recognoscirt hatte.</p> - -<p>Rechts, eine gute Viertelstunde entfernt, breitete sich, auf einem -Hügel liegend, Cervera mit seinen aus schneeweißen Quadersteinen -errichteten Befestigungen aus, hoch von zahlreichen Thürmen überragt, -welche den früheren Glanz der Stadt beurkunden; noch jetzt enthält sie -die einzige Universität des Fürstenthumes. Ich hatte den Übergangspunkt -ihr so nahe gewählt, weil dort die Gebirge zu beiden Seiten bis nahe -an die Chaussee sich hinziehen; übrigens wagten die Christinos nie -anders, als in schlagfertigen Trupps, auch nur tausend Schritt weit -aus ihren Werken hervorzugehen. Bis zu den Thoren von Cervera hin war -die Aussicht frei, so daß wir deutlich selbst die Soldaten der Wache -unterschieden. Links, jedoch in weiter Ferne, wurden die Thürme des -Fleckens la Igualada sichtbar, welcher durch die zwischenliegenden -Höhen unsern Blicken verdeckt war.</p> - -<p>Stolz ritt ich die zweihundert Schritt hin, welche ich der Straße zu -folgen genöthigt war, mit Staunen von den einzelnen Bauern angegafft, -die, vom Markte in der Stadt heimkehrend, ihre unbeladenen Esel vor -sich hertrieben. Ich wußte sehr wohl, daß ich von Cervera aus von -den Feinden gesehen und erkannt wurde, denn ich hatte mein weißes -Barett mit goldenem Quaste nicht abgelegt; und es lag etwas angenehm -Kitzelndes in der Idee, so spottend der Einzelne den Vielen zu trotzen. -Doch unterließ ich dabei nicht, meines Maulthieres gewohnten Schritt -durch einige derbe Stöße zu beschleunigen.</p> - -<p>Da plötzlich schrie eines der Mädchen auf und zeigte bleich mit -dem Finger nach dem Seitenwege, welchen wir einschlagen sollten. -Etwa dreißig Reiter in glänzender Uniform, kaum zweihundert Schritt -entfernt, naheten in scharfem Trabe! Das hochmüthige Gefühl war -schon durch den Anblick niedergeschlagen, da ich in einer Minute -niedergehauen oder im glücklichsten Falle ein Gefangener sein mußte; -an Flucht aber war nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_526" id="Seite_526">[S. 526]</a></span> mehr zu denken, indem ich auf dem wenigstens -tausend Schritt weit ganz ebenen Boden sofort eingeholt wäre. Was -thun? — Doch ein zweiter Blick auf die Reiter machte mich zweifeln: -rothe Voynas glänzten auf ihren Köpfen; sie mußten also, wenn das -Unterscheidungszeichen nicht log, dem carlistischen Heere angehören. -Aber woher dann diese funkelnden Uniformen, diese weißen Dolmans mit -den Scharlachstickereien, woher die flatternden Pelze, wie ich selbst -im Vaterlande nicht reicher und geschmackvoller zugleich sie gesehen?</p> - -<p>Einen Augenblick später begrüßte mich der Officier, welcher das -Detachement führte, mich befragend, ob irgend etwas Neues auf meinem -Wege vorgefallen sei oder der Feind dort stehe, und meine gleiche Frage -dahin beantwortend, daß Valmaseda’s Escadrone, denen er angehörte, den -Ebro passirten, um zum Grafen de España zu stoßen. Er wußte noch Nichts -von der Entfernung des Grafen; da dort aber nicht gerade der passende -Ort war, um in weitläuftige Erzählungen uns einzulassen, setzten wir, -glückliche Reise uns wünschend, bald den Marsch fort. Langsameren -Schrittes, als die leicht davon trabenden Reiter, verließ ich die -Heerstraße mit meinen niedlichen Gefährtinnen, die manchen derben -Scherz der lebenslustigen Husaren hervorriefen.</p> - -<p>Kaum hatten diese sich von mir getrennt, als ein Kanonenschuß von -Cervera donnernd ertönte, alsbald dumpf von la Igualada beantwortet: -das Signal, daß <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">facciosos</span> die Linie passirten. Ich beschleunigte -den Schritt, da ich voraussetzen mußte, daß alle kleinen Streifcorps -der Christinos nun in Bewegung kommen würden, um, wo möglich, irgend -eine Beute zu erwischen, und bald hatte ich mich wieder in die tief -eingeschnittenen Schluchten geworfen, die diesen südlichen Ausläufern -der Pyrenäen einen so besonders wilden Ausdruck verleihen.</p> - -<p>Munter und ohne weiteren Aufenthalt zogen wir bis zum Abend fort, -wobei die Frauen, denen ich natürlich häufig mein Maulthier überließ, -wiewohl hauptsächlich die Jüngere so zartes<span class="pagenum"><a name="Seite_527" id="Seite_527">[S. 527]</a></span> Äußere hatte, wie man -in Deutschland vergeblich bei einer Bäuerin es suchen würde, die -unendliche Gewandheit und Ausdauer der Gebirgsbewohner entwickelten, -mein lebhaftes Staunen erregend. Sie hüpfen leicht wie die Gemsen auf -den oft Grausen weckenden Pfaden hin und eilten jetzt im Fluge in -die tiefen Abgründe hinunter, um dann wieder unermüdet den oft sich -windenden und immer noch entsetzlich steilen Felsenweg hinaufzuklimmen.</p> - -<p>Die Wege waren wirklich furchtbar, überall mit Absicht über die -schroffsten und unzugänglichsten Theile des Gebirges geführt, oft fast -unkennbar und durch loses Gestein plötzlichen Sturz in die gähnende -Tiefe drohend; zugleich durchschnitten sie quer alle die schmalen -Thäler, so daß ein ununterbrochener Wechsel von halb bis einstündigem -jähen Aufsteigen und eben so langem, vielleicht noch gefährlicherem -Hinabklettern Statt fand. Auch versicherten die Einwohner der Dörfer, -welche wir in jedem Thale fanden, daß, ehe die carlistischen Truppen -diese Verbindungswege öffneten, Niemand für möglich gehalten habe, -dort zu passiren, so daß die Communication auf Stunden weiten Umwegen -um den Fuß der Gebirge bewerkstelligt wurde. Unsere Freiwilligen -pflegten stets die kürzeste Linie für ihre Märsche zu wählen, ohne die -Eigenschaften des Terrains viel zu Rathe zu ziehen.</p> - -<p>Als ich am Abend in einem niedlichen Dorfe Halt machte, waren wir -bereits über sieben Leguas von der Chaussee entfernt; ich warf mich -daher zu freilich nicht sehr ruhigem Schlafe auf eine Matratze neben -dem Heerde nieder, nachdem ich den Alcalden mit seinem Kopfe dafür -verantwortlich gemacht hatte, daß auf jeder dem Orte zuführenden Straße -ein sicherer Mann zur Beobachtung aufgestellt werde.</p> - -<p>Gegen vier Uhr Morgens weckte mich mein braver Alcalde, bestürzt mir -meldend, daß ich nicht frühstücken könne; auf meine verdrießliche -Frage: „und warum nicht, <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>?“ antwortete er<span class="pagenum"><a name="Seite_528" id="Seite_528">[S. 528]</a></span> mit tausend -Versicherungen der Unschuld und Bitten, daß meine Herrlichkeit ihm -verzeihe. Erst nach langem Drängen brachte er hervor: „im Augenblick -sind die Negros hier, sonst hätte ich Ew. Herrlichkeit ja nicht -geweckt.“ Da war ich freilich schnell auf den Beinen. Der Bauer, -welcher, einer der ausgesandten Patrouillen, die Nachricht überbracht -hatte, berichtete, daß er selbst einen Theil der Besatzung des -nächsten, fünf Viertelstunden entfernten Forts den Weg gerade nach dem -Dorfe habe einschlagen sehen, wohl von dem christinoschen Alcalden -benachrichtigt; und daß die Schwarzen, da er auf Nebenwegen und laufend -vorausgeeilt sei, in einer Viertelstunde anlangen könnten.</p> - -<p>Das Maulthier, vom Wirthe als das beste des Thales gerühmt, stand -schon seit dem Abend reisefertig, das heißt, mit einem ungeheuren -Bastgeflecht zur Aufnahme des Gepäckes und mit einem Stricke statt -des Zügels versehen, die beiden Gefährtinnen, auf der andern Seite -des Heerdes ruhend, waren sofort munter. Also saß ich zwei Minuten -nachher auf dem Strohsattel, mit einem großen, stark nach dem beliebten -Knoblauch, dem Spanier das non plus ultra der Gewürze, duftenden Topfe, -der das Frühstück enthalten sollte, vor mir, und geflügelten Schrittes -zogen wir weiter dem Süden zu.</p> - -<p>Ohne weitere Hindernisse überschritt ich den zweiten besonders -gefährlichen Punkt, die Heerstraße von Tarragona nach Lérida. Als wir -aber auf dem Gipfel eines Berges ankamen und nach kurzer Ruhe uns -anschickten, zu dem am Fuße desselben liegenden Flecken eine gute halbe -Stunde hinabzusteigen, tönte plötzlich lautes, verworrenes Geschrei -zu uns herauf. Wir stutzten, denn der Schrei schien von Tausenden -herrühren zu müssen, und ich hatte nicht gehört, daß eine Colonne sich -in der Gegend befände. Ein Bauer, den wir bald trafen, konnte uns nur -sagen, daß viele Soldaten dort unten seien, was dieselbe Ungewißheit -bestehen ließ; als wir nun langsam hinabstiegen, oft anhaltend und -lauschend, sah ich dunkele Reihen, von<span class="pagenum"><a name="Seite_529" id="Seite_529">[S. 529]</a></span> Gewehren überblitzt, sich -uns entgegen schlängeln. Schon wollte ich umkehren, als des Führers -Adlerauge die so oft ersehnten Baretts unterschied.</p> - -<p>Es war eine Brigade des Heeres von Catalonien, die eine Excursion -in das Ebro-Thal gemacht hatte, und deren Operationen, in dieser -Richtung die kleinen feindlichen Streifparthieen verscheuchend, wohl -viel beitrug, meinen Marsch ungefährdet zu machen. Das früher gehörte -Geschrei aber rührte von den Vivas her, mit denen die Truppen eine -Anrede ihres Führers erwiederten.</p> - -<p>Wie oft habe ich die Idee gesegnet, welche Zumalacarregui bewog, die -malerischen Voynas der Basken für seine Armee zu adoptiren! wie oft bin -ich, so wie tausend Andere, durch sie aus Verlegenheit befreit oder -gewarnt! wie oft haben sie aus der Furcht der Ungewißheit und selbst -vom nahen Verderben mich gerettet! Wenn das glänzende Scharlach oder -Weiß aus der Ferne leuchtete, war ich ja sicher, unter den Meinen zu -sein; wo sie fehlten, nahte man nur mit der größten Vorsicht, da, wenn -auch unsere Soldaten häufig blaue Voynas trugen, die Officiere doch -durch jene Farben hervorstachen.</p> - -<p>Ehe ich den Ebro erreichte, traf ich auf Valmaseda’s Escadrone, durch -ihre Bravour, wie durch die Tollkühnheit und die fanatische Wildheit -ihres Führers bekannt; eine treffliche Schaar: lauter kräftige Leute, -echte Söhne Castilien’s, und getragen von stolzen andalusischen -Hengsten, die sie auf ihren kühnen Zügen zusammenbeuteten. Diese -Reiterei war das Schönste und Kriegerischste, was ich in Spanien sah, -an Glanz den Elite-Regimentern der Christinos nicht nachstehend und -in den dunkel gebräunten, bärtigen Antlitzen der Krieger das Gepräge -langen und harten Kämpfens bietend, wie es nur in den ersten Zeiten der -carlistischen Erhebung Statt finden konnte. Da sah der Guerrillero, wie -das Wild durch die Gebirge auf den Tod gehetzt, oft Wochen lang keine -menschliche Wohnung,<span class="pagenum"><a name="Seite_530" id="Seite_530">[S. 530]</a></span> und Wochen lang war er in den unzugänglichen -Klüften zur Fristung des Lebens auf Kastanien und süße Eicheln -beschrankt.</p> - -<p>Am Abend des dritten Tages nach dem Abmarsche von Pinos dehnten sich -wieder die fruchtbaren Auen des Ebro vor uns aus, und während meine -Begleiterinnen nach herzlichem Abschiede den Fluß entlang freudig -ihrem heimathlichen Dorfe zuschritten, trug mich die Fähre nach dem -befreundeten Flix zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da erhielt ich denn trübe Nachrichten, wie ich freilich nicht so rasch -sie erwarten konnte: Espartero stehe mit seiner ganzen Armee nur wenige -Stunden von Morella und Cantavieja entfernt, und stündlich werde der -Angriff auf eine der bedroheten Festungen erwartet; Cabrera mit einem -Theile seiner Truppen habe sich dem so unendlich überlegenen Feinde -beobachtend entgegengestellt. Meine Absicht, einen Tag im reichen Flix -zu ruhen, war vereitelt, da ich vor Anbruch des Tages schon weiter -eilte, um zu rechter Zeit zum Kampffeste anzukommen.</p> - -<p>Doch wie ich vorwärts schritt, blieben die Nachrichten merkwürdiger -Weise stets dieselben. Espartero war immer einige Stunden von Morella -entfernt, Cabrera ihm ganz nahe, und die beiden Heere schauten müssig -sich an. Diesen Stillstand mußte freilich unser braver General schon -als hohen Sieg betrachten; seit Jahren nur gewohnt, zu vertheidigen und -zu decken, hatte Espartero wohl vergessen, daß er anzugreifen und zu -erobern hieher gekommen war, oder er mochte es schwer finden, für die -Lieblingsmethode, durch die er die Nordprovinzen ohne Kampf und ohne -Gefahr sich unterwarf, in Aragon sogleich bereitwillige Werkzeuge zu -finden.</p> - -<p>Da hielt denn der Siegesherzog mit seinen Sechzigtausend inne vor -wenigen Bataillonen unserer Treuen, und ungewiß, wie die ihm neue -Aufgabe des Erkämpfens mit den Waffen in<span class="pagenum"><a name="Seite_531" id="Seite_531">[S. 531]</a></span> der Hand zu lösen sei, stand -er da Woche auf Woche, das so nahe und ihm doch unerreichbare Ziel -seines Strebens anstarrend, ohne daß er die Hand zu seiner Erreichung -auszustrecken gewagt hätte. Und dann erkannte er endlich, daß der Sieg, -einem Cabrera gegenüber, doch wohl nicht so im Fluge erhascht werde. -Anstatt, seiner phrasenreichen Ankündigung gemäß, vor dem Ende des -Jahres die Horden der Rebellen niederzuschmettern, kehrte er, erstaunt -über das, was er gewagt, zurück aus der drohenden Nähe, in die er -ungehindert sich aufgestellt hatte — zu welchem Zweck, möchten wohl -seine schmeichelnden Lobredner weit eher ausfindig zu machen wissen, -als er selbst —; und er beschloß, doch lieber bei dem sicherern -Systeme zu beharren, welches ja schon Titel und Ehren — wenn auch -nicht Ehre — und Macht in Fülle ihm eingebracht hatte.</p> - -<p>Verrath, Bestechung, Fälschung, Meuchelmord und Gift<a name="FNAnker_109_109" id="FNAnker_109_109"></a><a href="#Fussnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a> sind die -Waffen, deren Espartero als Meister sich zu bedienen wußte; durch sie -sollte denn auch die Macht des gefürchteten Cabrera gebrochen werden. -— Doch greife ich dem Gange der Ereignisse nicht vor!</p> - -<p>In Morella fand ich Alles eben so friedlich, wie drei Wochen früher -bei meiner Abreise; auf meine Fragen nach dem Stande der Dinge hieß -es: „Ja, die Christinos stehen ein paar Stunden von hier in Luco und -Bordon, aber unser Graf ist in Zurita, ihnen gegenüber.“ Dagegen sprach -alle Welt mit Entsetzen von dem neuen Mordversuche, dem achten schon -oder neunten, der vor wenigen Tagen auf den geliebten General gemacht -war, und dem er durch wunderbares Geschick entging, da ihm Voyna und -Mantel von Kugeln getroffen waren. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_532" id="Seite_532">[S. 532]</a></span> Thäter, zwei durch das Gold -Cabañero’s gewonnene und von einem früheren carlistischen Spione -geführte Bauern, wurden von den Miñones ergriffen, und die drei büßten -ihre Schandthat auf der Stelle mit dem Tode.</p> - -<p>Ebenso erregte der Verrath allgemeinen Unwillen, durch den Cantavieja -dem schleichenden Feinde hatte überliefert werden sollen. Er mißlang -nur durch die rasche Energie Cabrera’s, der, wenige Stunden vor der -Ausführung dort anlangend, mehrere Officiere, die des Einverständnisses -mit Espartero durch aufgefangene Correspondenz überwiesen waren, -sogleich erschießen ließ.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich eilte, den Oberst Baron von Rahden als Landsmann aufzusuchen, -und ward von ihm mit wahrer Herzlichkeit empfangen, indem er mir -vorwarf, daß ich nicht gleich nach meiner Auswechselung zu ihm kam. -Die Katastrophe des Grafen von España erschütterte ihn tief. Herr -von Rahden hatte, da er in Folge von Zwistigkeiten mit Maroto auf -Befehl des Königs nach Aragon abging, einige Zeit in Catalonien sich -aufgehalten und war dem ermordeten Grafen so werth geworden, daß dieser -ihn erst spät und in Rücksicht auf den bestimmten königlichen Befehl -die Reise zur Armee Cabrera’s fortsetzen ließ, nachdem er ihn mit -Beweisen des Wohlwollens und der höchsten Achtung überhäuft hatte.</p> - -<p>So war es wohl natürlich, daß die Nachricht von dem schmählichen Ende -des hochverdienten Greises Herrn von Rahden unendlich ergriff; sein -gewiß von jedem Deutschen getheilter Abscheu gegen das Volk und das -Land, in dem solche Schandthat geschehen und unbestraft bleiben konnte, -trug eben so viel, als Rücksicht auf die von spanischen Wundärzten -behandelte schwere Wunde, welche ihm selbst das Reiten nicht erlaubte, -dazu bei, daß er freudig die Botschaft an den König übernahm,<span class="pagenum"><a name="Seite_533" id="Seite_533">[S. 533]</a></span> welche -ihm Cabrera kurz nachher anbot. Oft hörte ich, wenn wir über die -Ereignisse des verflossenen Jahres sprachen, so reich an Verbrechen -und Schande, schwer seufzend ihn äußern, daß er niederfallen werde und -den Boden küssen in dem Augenblick, da er Spaniens Gränze hinter sich -sehe. Er benutzte daher ohne Zögern die so günstige Gelegenheit, um die -Wintermonate, die nach Espartero’s Rückzuge in Unthätigkeit vergehen -mußten, angenehmer unter den Genüssen des Friedens zuzubringen, -vertrauend, daß er im Frühjahre neu gestärkt zum Kampfe zurückkehren -werde.</p> - -<p>Und ich leugne nicht, daß ich mit schmerzlichem Gefühle ihn scheiden -sah; ich hätte Viel geopfert, um das, was mir ein glückliches Loos -schien, mit ihm theilen zu dürfen. Später freilich, da ich vernahm, -wie Herr von Rahden, nach mannigfachen Gefahren die französische -Gränze erreichend, zu Bourges von der Polizei einem Verbrecher gleich -gefangen, gemißhandelt, ausgeplündert und endlich gar verhindert ward, -zum letzten Entscheidungskampfe seinen Cameraden sich anzuschließen und -bis zum letzten Augenblicke die Sache des Royalismus zu vertheidigen — -sein höchster Wunsch und sein Stolz —; da freilich schätzte ich mich -glücklich, daß früher mein Sehnen nicht erfüllt war, daß Polizeispione -und die Gewaltthätigkeiten französischer Machthaber nicht mich zwingen -konnten, aus der Ferne unthätig dem Untergange der Sache zuzuschauen, -der ich, weil sie gerecht und edel war, mich gewidmet hatte.</p> - -<p>Es ist leicht begreiflich, daß ein Mann, wie der Oberst von Rahden, -in Cabrera’s Armee unendlich nützlich und wichtig sein mußte. Der -General hegte zwar, wie ich später von seiner Umgebung erfuhr, anfangs -auch gegen ihn die Vorurtheile, welche jeden Spanier, aus welcher -Klasse er sei, gegen den Fremden stets erfüllen, und die, Erzeugniß -des Nationalstolzes und der Eitelkeit, mehr und mehr in seiner Brust -zu wurzeln scheinen, je tiefer er sein Vaterland erniedrigt und -gedemüthigt<span class="pagenum"><a name="Seite_534" id="Seite_534">[S. 534]</a></span> sieht. Aber Baron von Rahden, immer der Vorderste zu der -Gefahr und in ihr besonnen und ruhig, entschlossen in Rath und That und -durch langjährige Erfahrung und Studien ausgezeichneter Militair, wußte -bald jene Abneigung zu besiegen; ja er erwarb sich in kürzester Zeit -die Bewunderung und die Freundschaft des kühnen Grafen von Morella.</p> - -<p>Er besaß die ganz nordische, unerschütterliche Bravour, die auch -dem verwegensten Südländer Staunen erregt, und mehrere Male hörte -ich selbst Cabrera äußern, daß Rahden der unerschrockenste Mann -sei, den er je gesehen, daß er aber solche Kaltblütigkeit nicht -begreife. Da war es denn unvermeidlich, daß Viele eifersüchtig den so -weit sie überstrahlenden Deutschen haßten und ihm tausend drohende -Schwierigkeiten in den Weg legten, Schwierigkeiten, denen der brave -Chef des Geniecorps, der, nicht sehr biegsam, nie das Recht sich -entwinden, nie Unrechtes ungerügt ließ, ohne die Hülfe einiger edel -Gesinnten und besonders die Stütze, welche er an dem General en Chef -sich gewonnen, wohl nicht immer so siegreich hätte begegnen können.</p> - -<p>Am Tage nach meiner Ankunft in Morella zog ich mit dem Oberst von -Rahden nach dem Hauptquartiere Cabrera’s, welches so eben nach -Cantavieja verlegt war, wo wir gerade vor Thoresschluß anlangten. Auf -dem ganzen Wege, der einige Mal nicht über eine kleine Stunde von den -vom Feinde besetzten Punkten vorbeiführte, hatten wir nur in Mirambel -zwei Escadrone getroffen. In Cantavieja wurden wir mit unendlicher -Zuvorkommenheit von dem Titulair-Oberst im Genie-Corps Cartagena -empfangen, einem hagern, etwa sechszigjährigen Manne, dessen stiere, -vorquellende Augen und immer lächelndes, immer gleich nichtssagendes -Gesicht als eben so dumm wie halsstarrig ihn bezeichneten, wiewohl er -nach seiner Erzählung unendlich Viel gethan und geleistet hatte. Er -war in dem Kriege gegen Napoleon — Gott weiß, wie? — zum Capitain,<span class="pagenum"><a name="Seite_535" id="Seite_535">[S. 535]</a></span> -in dem kurzen Kampfe nach der Constitutions-Epoche von 1823 zum -Oberstlieutenant avancirt, nach hergestellter Ruhe aber jedesmal sofort -in den Ruhestand zurück versetzt.</p> - -<p>Im Jahre 1837 vereinigte er sich mit Cabrera, der, vom Ingenieurwesen -selbst gar Nichts verstehend und keinen Officier dieser Waffe -besitzend, ihn nach seiner einzigen Festung Cantavieja schickte, wo er -denn bis dahin gehauset und in den Befestigungswerken, die er stets -auf die zweckwidrigste Weise zu arrangiren wußte, ungeheure Summen -vergeudet hatte. Der General erklärte einst, daß er mit dem verwandten -Gelde das ganze Cantavieja rasiren und es neu und regelrecht befestigen -könne.</p> - -<p>Oberst von Rahden hatte dieses Individuum in jener Festung vorgefunden -und ihn, da Cabrera wegen seiner Dienste in den früheren Kriegen ihn -zu schonen wünschte,<a name="FNAnker_110_110" id="FNAnker_110_110"></a><a href="#Fussnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a> dort gelassen, seit der Zeit aber natürlich -seine weiteren Arbeiten überwacht. Es mußte daher etwa alle acht Tage -ein Ingenieur-Officier nach Cantavieja als außerordentlicher Commissair -reisen, um das Geschehene zu inspiciren und Ferneres anzuordnen, -wobei denn zwischen dem alten Oberst und den jungen Capitains, welche -solchen Auftrag bekamen, oft die sonderbarsten Scenen vorfielen, -da der eigensinnige Cartagena immer gerade das Gegentheil von dem -gethan hatte, was ihm acht Tage vorher vorgeschrieben und durch jedes -mögliche Mittel versinnlicht war. Auch ich erhielt später abwechselnd -mit dem Capitain Verdeja diese Commission und ward gewöhnlich nach -vielstündigem Demonstriren mit dem Bescheide abgefertigt: „Jetzt wollen -die Gelbschnabel Alles besser wissen, als wir Alten. Aber Don Ramon -will es so! — Sprechen Sie doch mit ihm, daß er den rück<span class="pagenum"><a name="Seite_536" id="Seite_536">[S. 536]</a></span>ständigen -Gehalt mir auszahlt.“ Und dann versprach er Alles, um, so wie wir den -Rücken wendeten, ganz nach seinem Kopfe zu handeln.</p> - -<p>Trotz der Befehle des Obersten von Rahden und trotz unseres Ärgers, -den er mit stoischer Ruhe aufnahm, brachte er es wirklich dahin, daß -Cantavieja im Frühjahr als unhaltbar geräumt und gesprengt wurde, da, -als der interimistische Director des Corps während der Abwesenheit -des Herrn von Rahden, Oberst Alzaga, der bis dahin die Dinge gehen -ließ, wie sie wollten, sich endlich entschloß, dem General den -jämmerlichen Zustand der Festung anzuzeigen, der Feind bereits sein -Belagerungsgeschütz heranschleppte.</p> - -<p>Wir fanden den General im Kreise seiner Adjudanten und anderer -Officiere am Caminfeuer sitzend. Es war mir doch peinlich zu Sinne, -da ich wieder mich ihm vorstellte; die blaue Brille, welche früher so -übeln Eindruck gemacht, hatte ich, wiewohl ich ihrer schon selten mich -bediente, wieder aufgesetzt, nicht wünschend, daß ihr Weglassen einem -niedrigen Beweggrunde zugeschrieben werde. Cabrera empfing mich mit: -„Wie, schon zurück!“ und schlug die Bitte des Obersten von Rahden, -mich zum Geniecorps zu bestimmen, mit der Bemerkung ab, daß durch -dieses wissenschaftliche Corps schon zu viele Officiere den Bataillonen -entzogen wären. Dennoch erlangte der Oberst bald, indem er von meinen -Leiden in der Gefangenschaft und vor Allem von den schweren Wunden -sprach, was nie verfehlte, Cabrera günstig zu stimmen, daß ich dem -Corps aggregirt und selbst zu seinem Adjudanten ernannt wurde, was -mich doppelt erfreute, da ich so mit dem verehrten Landsmann vereinigt -blieb. Hätte ich geahnet, daß er sobald Aragon verlassen würde, so -hätte ich freilich der Ansicht treu, die ich bei meinem Eintritt in -Spanien aussprach, vorgezogen, ferner in der Infanterie fortzudienen.</p> - -<p>Auch hier äußerte Cabrera wiederum, daß die Brillen ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_537" id="Seite_537">[S. 537]</a></span> widerlich -seien, er müsse einem Jeden frei in das Auge sehen können.</p> - -<p>Nachdem Herr von Rahden seine Geschäfte mit dem General und dem -Oberst Cartagena vollbracht hatte, der manche bittere Pille dabei -verschlucken mußte, traten wir den Rückmarsch nach Morella an, wo ich -in des Obersten Logis gleichfalls mich einrichtete. Wir bewohnten eines -der vorzüglichsten Häuser der Stadt; der Balkon des großen Saales war -merkwürdiger Weise mit Glasfenstern statt des sonst üblichen, in Öl -getränkten Papieres versehen, und wir beschlossen, durch Erbauung eines -Ofens uns einen der vielen vaterländischen, hier so lange und so bitter -entbehrten Genüsse zu verschaffen.</p> - -<p>Die drei Wochen, welche ich dann in der Gesellschaft des Baron von -Rahden zubrachte, darf ich als die glücklichste Zeit betrachten, die -ich in Spanien verlebte, wenn ich etwa jene einzelnen Momente der -Begeisterung ausnehme, wie das Kriegerleben so mächtig sie hervorruft, -die, alles Äußere zurückdrängend, in der Wonne des Kampfes und -des Sieges oder irgend einer hohen That uns schwelgen machen. Und -doch, wie könnte ich das Glück jener Wochen mit diesem Rausche der -Empfindung zusammenstellen! Denn, wahrlich! ein Rausch ist es, der -augenblicklich, unserm gewöhnlichen Selbst uns entreißend, mit neuen -Gefühlen, nie gekannten Kräften uns anregt und zu Thaten treibt, über -die wir selbst staunen, wenn der Geist geflohen, der die Brust uns -füllte; — eine Berserker-Wuth, wie die Sage in den Helden unserer -nordischen Stammverwandten beim Beginne des ersehnten Kampfes sie -schildert —. Wenn aber der Rausch schwindet und mit ihm die strahlende -Glorie, durch die Alles in unseren Augen verherrlicht wurde, wenn wir -uns zurückgeschleudert sehen in das Treiben der Menschheit mit der -Niedrigkeit und der leidenschaftlichen Erbärmlichkeit, welche vorher -vor dem reineren Feuer, das in uns glühete, scheu sich versteckt hatte; -dann folgt geistige Erschlaffung der Spannung, die so hoch über<span class="pagenum"><a name="Seite_538" id="Seite_538">[S. 538]</a></span> uns -selbst und unsere Umgebung uns hob, und die Begeisterung, den tödtenden -Eindrücken weichend, welche die immer wiederholten Enttäuschungen -aufdrängen, löset sich in Ekel und Alles verachtende Bitterkeit auf.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gegen das Ende Novembers kam Cabrera auf einige Tage nach Morella. Bald -theilte mir Herr von Rahden mit, daß er unverzüglich nach Frankreich -abreisen werde, da der Wunsch des Generals, ihn an den König zu senden, -der stets zu Bourges zurückgehalten wurde, mit seiner Neigung und -seinen Bedürfnissen zusammentraf. Am 30. November 1839 verließ er -Morella, von dem Oberst Caravajal nebst einigen Officieren und dem -Maler Lopez begleitet, einem sehr geschickten Künstler und wahren -Carlisten, der früher in der königlichen Armee gekämpft und während -der kurzen Zeit, die er, von Rom kommend, im Auftrage Carls V. -bei dem Heere Cabrera’s gewesen war, ein sehr gelungenes Portrait des -gefeierten Feldherrn angefertigt hatte.</p> - -<p>Mein Bedauern bei der Trennung von dem einzigen Deutschen, der in der -Armee sich befand — denn einige Schurken, die von der französischen -und portugiesischen Legion als Deserteurs zu uns gekommen waren, -verdienten nicht, so genannt zu werden — von dem Manne, dessen -freundschaftlicher Theilnahme ich so sehr mich verpflichtet fühlte, war -herzlich, wiewohl ich hoffte, daß er in wenigen Monaten wieder an der -Spitze des Corps stehen würde, welches er geschaffen und auf eine so -hohe Stufe gehoben hatte.</p> - -<p>Etwa drei Wochen später brachten die Burschen, welche bis zu der -Gränze ihn begleitet hatten, mit einem dicht am französischen Gebiete -geschriebenen Billet die frohe Nachricht, daß Herr von Rahden — er war -im November zum Brigade-General<span class="pagenum"><a name="Seite_539" id="Seite_539">[S. 539]</a></span> ernannt — wenn auch oft von Gefahren -bedroht, endlich ohne Unfall Spanien habe verlassen können. Eines -der Pferde, die sie zurückbrachten, wies mir Cabrera, der in Hervés -erkrankt lag, mit der Bemerkung zu: „Sie werden es ihres Freundes -wegen hoch schätzen.“ Es war das letzte, welches der Feind bei der -Katastrophe des folgenden Jahres mir abnahm.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_108_108" id="Fussnote_108_108"></a><a href="#FNAnker_108_108"><span class="label">[108]</span></a> <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">El mayor</span>, der Älteste, nannten die einfachen -Gebirgsbewohner in ihrer unbegränzten Ehrfurcht jeden Officier; -gewohnt, den Ältesten der Familie mit höchstem Respekt zu behandeln, -trugen sie die Benennung auch auf die Militairs über, denen solcher -Respekt bewiesen ward.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_109_109" id="Fussnote_109_109"></a><a href="#FNAnker_109_109"><span class="label">[109]</span></a> Diese Blätter werden Belege für Alles liefern, dessen -ich den Siegesherzog hier anklage.</p> -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_110_110" id="Fussnote_110_110"></a><a href="#FNAnker_110_110"><span class="label">[110]</span></a> Ein beachtenswerther Zug in dem jungen General war seine -hohe Achtung und Rücksicht für alle altgedienten Soldaten.</p> -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier32" name="zier32"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 32" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_540" id="Seite_540">[S. 540]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXIII">XXXIII.</h2> - -</div> - -<p>Espartero, nachdem er die baskischen Provinzen erkauft, war in den -letzten Tagen Septembers von Navarra aufgebrochen, um sein Werk durch -die Unterwerfung des Gebirgslandes zu vollenden, in dem der Graf von -Morella als Stellvertreter Carls V. befehligte. Er führte -40 Bataillone und 16 Escadrone von der Nordarmee nach Aragon; die -Bataillone waren durch die neue im Sommer gemachte Aushebung von 40000 -Mann auf den höchsten Etat gebracht, den sie während des Krieges je -gehabt hatten: sie enthielten nach den Aussagen von Augenzeugen, wie -nach dem, was ich später von den Christinos selbst hörte, in ihren -acht Compagnien 1100 bis 1200 Mann. Die drei Heeres-Divisionen und die -der Avantgarde, in welche jene Masse eingetheilt war, wurden von den -erprobtesten Führern der Christinos commandirt; der frühere Vicekönig -von Navarra, Don Diego Leon, Graf von Velascoain, befehligte die -neun Bataillone starke königliche Garde. Mit Espartero war auch der -berüchtigte Schleichhändler Martin Zurbano, genannt Barea, von der -usurpatorischen Regierung mit dem Grade eines Obersten belohnt, nach -Aragon gekommen; sein Freicorps zählte fast 3000 Mann Infanterie und -200 Pferde.</p> - -<p>Die Armee des Centrum, unter dem Oberbefehl des Generals O’Donnell im -Königreiche Valencia stehend, war aus 24 bis 26 Bataillonen und etwa 20 -Escadronen zusammengesetzt, da der Rest als Garnisons der zahlreichen -Festungen beschäftigt war. O’Donnell zog mit 21 Bataillonen und 7 -Escadronen nach Teruel, um von dort aus in Verbindung mit Espartero die -entscheidenden Operationen zu beginnen. So gebe ich die unter diesen -beiden Chefs vereinigten Streitkräfte gewiß nicht zu stark an, indem -ich ihre Zahl auf 75000 bis 80000 Mann schätze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_541" id="Seite_541">[S. 541]</a></span></p> - -<p>Der Graf von Morella befand sich, da er die Nachricht von dem Verrathe -Maroto’s und dem Anmarsche der Nordarmee erhielt, mit 12 Bataillonen -und 800 Pferden weit im Innern Castilien’s, wo kein feindliches -Corps seine Fortschritte hinderte. Er eilte sofort zur Deckung des -Hochplateaus, von dem hinab er bisher siegreich nach allen Seiten sich -ausgedehnt hatte; am 6. October langte er in Morella an und traf sofort -die Maßregeln, welche zum kräftigen Empfange des Feindes beitragen -konnten.</p> - -<p>Die Armee unter seinem unmittelbaren Commando bestand aus folgenden -Truppen:</p> - -<p>Die Division von Aragon unter General Llagostera enthielt 9 Bataillone, -von denen zwei erst kürzlich bewaffnet waren, und 6 Escadrone; die -Division von Valencia unter General Forcadell 7 Bataillone, von denen -das eine neu gebildet, und 4 Escadrone; die Division vom Ebro in der -1. Brigade, Tortosa, unter Oberst Palacios 4 Bataillone, in der 2. -Brigade, Mora, unter Oberst Feliú 3 Bataillone und 4 Escadrone.</p> - -<p>Dazu kamen das Schützen-Freibataillon des Oberst Bosque, das -Sappeurs-Bataillon und das Bataillon der Artillerie, so daß die Armee -aus 26 Bataillonen und 14 Escadronen oder 14000 Mann Infanterie und -1300 Pferden bestand.</p> - -<p>Die Brigade, welche, 4 Bataillone und 2 Escadrone stark, jenseit -der Heerstraße von Teruel nach Segorbe stand und die Festungen des -Turia nebst Cañete und Beteta kaum hinlänglich garnisoniren konnte, -darf nicht in Betracht gezogen werden, da sie zu den diesseitigen -Operationen gar nicht mitwirkte, der Feind auch zwei überlegene -Colonnen unabhängig ihr entgegengestellt hatte; ebenso wenig die beiden -Escadrone, mit denen Valmaseda nach Catalonien und im December, von -dort zurückkommend, nach Neu-Castilien abging.</p> - -<p>14000 Mann und 1300 Pferde sollten dem Angriffe von 80000 Mann -begegnen! Doch hatte jene Minderzahl den<span class="pagenum"><a name="Seite_542" id="Seite_542">[S. 542]</a></span> Vortheil des Terrains für -sich, so wie die Stütze, welche ihre Forts und der Geist der Einwohner -ihnen gewährten; dagegen machte wieder das Terrain den Gebrauch ihrer -herrlichen Cavallerie unmöglich, weshalb diese größtentheils entsendet -wurde, um in Flanke und Rücken des Feindes seine Communicationen -zu erschweren. Aber dieses kleine Heer wurde furchtbar durch die -gränzenlose Hingebung der Krieger, ihre unwandelbare Treue und vor -Allem ihr Vertrauen auf den Führer, den sie stets an ihrer Spitze auf -dem Pfade des Sieges und der Ehre gesehen hatten. Unendlich war der -Enthusiasmus, den der Anblick des geliebten Generals, ein ermunterndes -Wort aus seinem Munde in den Freiwilligen erregte; und die friedlichen -Einwohner begrüßten mit eifrigen Wünschen für sein Glück den Feldherrn, -der gegen Feind und Freund so brav wie gerecht sie geschützt, und den -sie daher als rettenden Engel zu betrachten sich gewöhnt hatten.</p> - -<p>Cabrera unterließ Nichts, was diesen Geist des Heeres und des Volkes -erhalten und heben konnte. Er erließ Proclamationen, in denen er mit -schwarzen Zügen den Verrath — wiewohl nicht in seinen ganzen Folgen -— schilderte, der den König gezwungen hatte, das angestammte Reich -zu meiden. Er sprach dann in feurigen Worten zu den Herzen seiner -Kameraden; er erinnerte sie an die zahllosen Unbilde und die Schmach, -welche die Männer der Revolution auf Alles gehäuft hatten, was ihnen -theuer und heilig sein mußte; er rief die Gefahren und die Drangsale -ihnen ins Gedächtniß, die sie unter seiner Leitung erduldet, und aus -denen die Hülfe des Höchsten sie stets mit Ehre und Ruhm gerettet, die -Siege, welche sie so oft, weit schwächer und wo schon Rettung unmöglich -schien, über die prunkenden Massen der erbitterten Negros davongetragen -hatten. Er zeigte, wie von dem Augenblicke an, in dem er mit funfzehn -Mann und ohne Waffen den Kampf begonnen für die Vertheidigung seines -Königs und seiner Religion, wie er da, von<span class="pagenum"><a name="Seite_543" id="Seite_543">[S. 543]</a></span> Schritt zu Schritt durch -die himmlische Vorsehung geleitet, endlich ein glänzendes Heer habe -bilden, und, der anfangs Verachtete und einem wilden Thiere gleich von -Schlucht zu Schlucht Verfolgte, die übermüthigen Feinde im Sitze ihrer -Macht bedrohen können.</p> - -<p>Er forderte schließlich seine treuen Streitgenossen auf, nicht zu -verzagen, da sie nun die jauchzenden Schaaren der Christinos sich -heranwälzen sahen, er bat sie, vertrauensvoll und brav, wie bisher, -ihrem Führer zu folgen, der stets der Erste sein werde, wo Gefahr und -Ehre lockten, und er versprach ihnen, wenn sie standhaft aushielten in -dem großen Kampfe, bei dem die Frucht aller ihrer Anstrengungen auf -dem Spiele stand, den Schutz der gnädigen Himmelsköniginn, der hehren -Jungfrau der Schmerzen, die nie zugeben werde, daß ihre frommen Kämpen -unter den Streichen der alles Heilige verspottenden Trabanten der -Revolution erlägen.</p> - -<p>Und der Aufruf ihres Generals entflammte zu höchstem Feuer die -Begeisterung der wackern Soldaten. Sie alle schwuren, bis zum Tod -ihrem Eide treu zu bleiben, und als Cabrera zu Morella die Garnison -versammelte und, wie jeder Unteranführer in seinem Corps es thun mußte, -öffentlich erklärte, daß jetzt alle die, welche nicht den Muth in -sich fühlten zur Fortsetzung des schweren Kampfes, bis das Begonnene -ganz vollbracht sei, frei und unangetastet in die Heimath sich -zurückziehen könnten, daß aber von dem folgenden Tage an der Soldat, -welcher von seinem Corps sich entferne, ohne Gnade erschossen würde — -da antwortete ihm ein allgemeines, dreimal wiederholtes: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva el -Rey!</span>“ von dem den Freiwilligen fast eben so vertrauten „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva -Don Ramon!</span>“ begleitet, und nicht Einer fand sich unter den braven -Burschen,<a name="FNAnker_111_111" id="FNAnker_111_111"></a><a href="#Fussnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> der von des Generals Aufforderung Gebrauch gemacht -hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_544" id="Seite_544">[S. 544]</a></span></p> - -<p>Zugleich bemühete sich der General, viele der Mißbräuche abzuschaffen, -die ganz besonders in die Verwaltung sich eingeschlichen hatten, und -von denen er, bei seiner eigenen Uneigennützigkeit des Argwohnes -kaum fähig, durch bittere Erfahrungen kürzlich überzeugt war: die -Hülfsquellen des Landes, so wie die Beute, welche die kühnen Züge -Cabrera’s durch Castilien, Valencia und Murcia schafften, wurden auf -die unverantwortlichste Art vergeudet oder noch häufiger benutzt, -die Habgier Einzelner zu befriedigen. Daher fehlten nicht selten die -dringendsten Bedürfnisse, und — was ein furchtbarer Donnerschlag für -Cabrera war, der Ähnliches nicht ahnete, da die Freiwilligen nie eine -Klage deshalb erhoben — die Bataillone waren fast ein Jahr mit ihrem -Solde im Rückstande.</p> - -<p>Der General-Intendant des Heeres, Bocos de Bustamente, der bisher die -ganze Administration leitete, wurde seiner Stelle entsetzt und die -Junta aufgelöset, da sie, anstatt zu ordnen und zu leiten, nur die -schon so schwierigen Verhältnisse mehr und mehr verwickelte. Leider -konnte der General den Blutsaugern nicht die Millionen entreißen, -mit denen sie auf Kosten des Heeres, des Landes und der Sache, deren -eifrige Vertheidiger sie sich nannten, ihre Zukunft zu sichern gewußt -hatten.</p> - -<p>An die Stelle der aufgelöseten ward eine <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Real Junta militar de -administracion y govierno</span> gebildet, die unter dem Vorsitze des -Generals en Chef fast ganz aus Militairs höherer Grade zusammengesetzt -war, welche durch strenge Pflichterfüllung, Entschiedenheit in -ihren politischen Ansichten und Redlichkeit solchen Vertrauens -würdig schienen. Bald zeigte es sich, wie auch der am schärfsten -Blickende getäuscht wird, und wohl noch mehr, wie Versuchung dem -Besten gefährlich ist: im Frühjahr<span class="pagenum"><a name="Seite_545" id="Seite_545">[S. 545]</a></span> gingen drei der Vocale und unter -ihnen derjenige, welcher mit Recht als der Tüchtigste, Thätigste und -Einflußreichste unter den Gliedern der Junta gerühmt wurde, der Oberst -Villalonga, zu Espartero über, da sie den gänzlichen Fall der Parthei -unvermeidlich nahe sahen. Sie nahmen die Casse der Junta mit sich. — -Viele Enttäuschungen warteten des edlen Cabrera!</p> - -<p>In eben dieser Zeit ward ein Mann in Morella ergriffen, der, Jedermann -unbekannt, seit einigen Tagen dort sich umhertrieb und, so wie der -General in der Festung anlangte, zu ihm sich zu drängen suchte. Da -er nicht Auskunft über sich geben wollte, durch seine Reden aber -den Verdacht böser Absichten fast zur Gewißheit steigerte, ward ihm -erklärt, daß er, falls er nicht gestehe, wer er sei und weshalb er -dorthin gekommen, unverzüglich erschossen werde. Um ihn noch mehr -einzuschüchtern, wurde er selbst in <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capilla</span> gesetzt, und ein -Priester sollte zu christlichem Tode ihn vorbereiten. Schäumend vor -Wuth gab er sich da, weil er ja doch sterben müsse, als Mörder an, -der von den Radicalen zu Barcelona gedungen sei, die Welt von dem -gefürchtetsten Vertheidiger der Legitimität zu befreien. Er rühmte sich -zugleich, an der Ermordung des gefangenen Obersten O’Donnell und der -Seinen, so wie an der Niedermetzelung der Mönche thätig Theil genommen, -ja ein Stück jenes unglücklichen Opfers geröstet und verzehrt zu haben; -dann versprach er wieder, im Fall ihm das Leben geschenkt werde, -Espartero in der Mitte seiner Garde niederzustoßen. Der Mann, plump, -frech und erbärmlich feig zugleich, war gewiß sehr schlecht gewählt -für das Geschäft, dem er sich unterzogen hatte. Sein abgeschlagenes -Haupt ward zur Warnung auf einem Galgen vor der Stadt aufgesteckt. Vor -seinem Tode erklärte er, daß mit ihm noch zwei Banditen von Barcelona -abgesendet seien, die jedoch meines Wissens nie versuchten, die -beschlossene Schandthat auszuführen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_546" id="Seite_546">[S. 546]</a></span></p> - -<p>Espartero rückte in der zweiten Hälfte Octobers mit den 35 Bataillonen, -die er persönlich führte, von Norden gegen die Gebirgsmasse vor, -welche den Grundsitz der carlistischen Macht bildete, und zu -deren Vertheidigung Cabrera seine Truppen concentrirt hatte. Sie -konnte als eine große Veste angesehen werden, in der Morella und -Cantavieja, durch Lage, Kunst — so glaubte man wenigstens — und -noch mehr durch die Schwierigkeit der Annäherung besonders stark, den -Haupt-Vertheidigungskörper, die vorliegenden Forts Cullá, Alcalá la -Selva, Aliaga, Villarluengo und Castillote die Außenwerke, das weit -vorgeschobene Segura aber, so wie die Festungen des Turia im Südwesten -und Villamaleja im Süden, selbstständige detachirte Werke bildeten, -welche in Flanke oder Rücken dem angreifenden Feinde sehr gefährlich -werden konnten.</p> - -<p>Cabrera sandte deshalb Llagostera mit einem starken Corps, um -bei Segura sich aufzustellen, von wo dieser jedoch, da Espartero -unaufgehalten über Muniesa und am 26. October selbst bis Calanda -vordrang und so die schwächste Seite der Gebirgsveste bedrohete, auf -Castillote sich zog und dort Espartero sich entgegenstellte.</p> - -<p>Zugleich hatte O’Donnell von Teruel seine 21 Bataillone herangeführt -und war sofort bis Villarroyo vorgedrungen, worauf er das Städtchen -Camarillas als Depot und Anhaltspunkt befestigen ließ, zu welchem -Zwecke Espartero Estercuel ausersah, indem er auch Montalban, um -Segura in Schach zu halten, wieder befestigen und diese Puncte durch -mehrere feste Posten links mit Calanda und rechts mit den von O’Donnell -besetzten Orten und bis Teruel verband, so im Halbkreis eine Linie, -ähnlich denen der Nordprovinzen, um das eingeengte Gebiet der Carlisten -ziehend.</p> - -<p>Eine Colonne von 8 Bataillonen befehligte der Brigade-General Don -Juan Cabañero, der, früher in Cabrera’s Armee die Division von Aragon -befehligend, mit Maroto zu den Christinos<span class="pagenum"><a name="Seite_547" id="Seite_547">[S. 547]</a></span> übergegangen war und sich -der besondern Gunst des Siegesherzoges erfreute, da er genau mit dem -Kriegsschauplatze bekannt war und versprochen hatte, seine früheren -Cameraden zu bearbeiten. So gab er ein treffliches Werkzeug ab für die -Bestechungspläne seines neuen Anführers.</p> - -<p>Kleinere abgesonderte Detachements sollten die Communicationen sichern, -das Land besetzen und dadurch seine Hülfsquellen den Carlisten -unzugänglich machen und auch wohl die Bewohner, indem sie das ganze -Land von den Schaaren der Christinos überschwemmt sahen, heilsame -Furcht vor der Macht des gerühmten Feldherrn lehren. So schweifte -Martin Barea in dem Gebiete von Montalban und Segura, das Bataillon der -portugiesischen Fremdenlegion, welches so lange schon unter Borso di -Carminati’s Befehlen brav gegen Cabrera gekämpft hatte und aus einer -Brigade zu einem Bataillon zusammengeschmolzen war, zwischen Segura und -der großen Heerstraße umher.</p> - -<p>Bisher hatten die Feinde, wenn auch stets von unsern Colonnen -beobachtet und oft in günstigen Stellungen aufgehalten, keinen -ernstlichen Widerstand gefunden, und jubelnd wähnten sie, daß die -Kraft unserer Krieger gebrochen sei, und daß rasches Vorwärtsschreiten -ihnen hinreiche, um der leichten Beute sich zu versichern. Viele -glaubten selbst, daß Cabrera nur die Unterwerfung verzögere, um bessere -Bedingungen für sich und die Seinen zu erpressen. Espartero hatte -schon seine Siegeskünste in Thätigkeit gesetzt; wenn das Gold über den -Obergeneral nichts vermochte, sollte es bei den Untergebenen desto mehr -seine Macht bethätigen. Er erließ Proclamationen, in denen er das Volk -aufforderte, sich ihm anzuschließen, um die Segnungen des Friedens zu -erringen; den carlistischen Soldaten versprach er eine Geldbelohnung -und die Entlassung in die Heimath, wenn sie den tollen Widerstand -aufgäben und zu den siegreichen Truppen der unschuldigen Königinn -übergingen, während er den Officieren, die sich ihm präsentiren -würden,<span class="pagenum"><a name="Seite_548" id="Seite_548">[S. 548]</a></span> Anstellung in den Graden, die sie erlangt, und selbst -Bestätigung der Orden und sonstigen Auszeichnungen zusagte, welche -ihnen im Kampfe gegen seine eigenen Truppen geworden waren.</p> - -<p>Diese waren die ersten Schritte, die er zu der Ausführung seines -Lieblingssystemes that; wollte Gott, daß alle andern eben so nichtigen -Erfolg gehabt hätten!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>O’Donnell drang vorwärts, um seinem Gefährten die Hand zu reichen -und zugleich die Aufmerksamkeit Cabrera’s auf sich zu ziehen. Am -30. October griff er Fortanete an, zu dessen Vertheidigung Cabrera -rasch herbeieilte und in der That mit vier Bataillonen, die er dort -vereinigte und erst am folgenden Morgen mit andern zwei verstärkte, -den Ort bis zum Abend des 31. hielt. Am 1. November bereitete er sich, -den ermatteten Feind von neuem zu bestürmen, als er durch einen Spion -die Nachricht erhielt, daß Espartero am Tage vorher von Calanda über -dem Mas de las Matas mit seiner ganzen Macht vorgedrungen sei, Morella -sowohl wie Cantavieja bedrohend; und daß Cabañero Einverständniß mit -einigen Officieren angezettelt habe, welche ihm am Abend desselben -Tages die Festung Cantavieja einhändigen würden.</p> - -<p>Fortanete aufgebend flog der General, nur von seinen Adjudanten und -Miñones begleitet, der bedroheten Veste zu; am Tage nachher wurden die -Schuldigen erschossen, und kaum gelang es dem verrätherischen Cabañero, -mit seiner Colonne durch die Schluchten, ihm sämmtlich wohlbekannt, den -Massen Espartero’s wiederum sich anzuschließen. Da war es, als abermals -die gedungenen Mörder das Leben des Grafen von Morella bedrohten, über -dessen Haupte ein schützender Genius zu schweben schien, die Elenden -blendend, welche gegen ihn die Hand zu erheben wagten.</p> - -<p>In las Parras hatte Espartero sein Hauptquartier aufge<span class="pagenum"><a name="Seite_549" id="Seite_549">[S. 549]</a></span>schlagen, -während die Garden unter General Leon die Dörfer Luco und Bordon, vier -bis fünf Stunden von Morella, besetzt hielten. O’Donnell ging bis -la Cañada vor, welches er leicht nahm; aber seine Versuche, darüber -hinauszudringen, um mit Espartero in Verbindung zu treten, blieben ganz -fruchtlos und kosteten ihm viele Menschen. In eben diesen Stellungen -befanden sich die beiden feindlichen Armeen, als ich von Catalonien -zurückkehrte, und ein bunteres Durcheinanderwerfen der christinoschen -und carlistischen Truppen schien ganz unmöglich zu sein und kann -nur durch die Eigenschaften des Terrains erklärt werden, welches so -furchtbar gebrochen, mit unzugänglichen Felsmassen und tief gefurchten -Schluchten durchzogen ist, daß die Corps häufig auf geradem Wege wohl -kaum eine Viertelstunde von einander entfernt waren, während sie, um -sich zu treffen, Stunden langen mühsamen Marsch zu machen hatten. — -In einem regelmäßigen Kriege würde ein ähnliches Gebirge für durchaus -impracticabel erklärt werden.</p> - -<p>Espartero stand, wie gesagt, in las Parras, Luco und Bordon,<a name="FNAnker_112_112" id="FNAnker_112_112"></a><a href="#Fussnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a> -die Front gegen el Orcajo, die beiden Hauptfestungen der Carlisten -bedrohend; seine ganze Cavallerie war im Mas de las Matas concentrirt -und deckte so die Verbindung mit Calanda, welches jedoch vom Obersten -Bosque blokirt wurde, der selbst unter dem Schutz des Terrains drei Mal -den Ort überfiel, die Thorwache niederhieb und Officiere und Leute von -den Straßen gefangen fortführte, ehe die christinoschen Truppen unter -die Waffen kamen. Es durften daher nur Colonnen von<span class="pagenum"><a name="Seite_550" id="Seite_550">[S. 550]</a></span> einigen tausend -Mann von Calanda zum Heere und nach dem Hauptdepot Alcañiz geschickt -werden oder von dort kommen.</p> - -<p>Dieser Linie parallel zwischen ihr und Morella und den Weg nach dem -Orcajo deckend, welches ein äußerst wichtiger Punkt war, da dort die -Straßen nach jenen beiden Festungen rechts und links abgehen, standen -von Monroyo bis Olocau vier Bataillone, die aber sofort verstärkt -werden konnten. Cabrera selbst blieb, nur von seiner Compagnie Miñones -und den Ordonnanzen gedeckt, in Zurita, drei Viertelstunden von dem mit -Truppen überladenen Luco. An der andern Seite der feindlichen Position -lag das starke Castillote, eine Stunde von las Parras und dem Mas de -las Matas entfernt. Dort stand, auf das Fort gestützt, Llagostera mit -einem Theile seiner Division, die er in glücklichen Zügen und mit -überraschender Thätigkeit — da er gewöhnlich sehr langsam sich zeigte -— bis tief in das nun feindliche Gebiet hinein, nach Segura und über -dasselbe hinaus führte.</p> - -<p>In der Nacht vom 6. zum 7. November überraschte er in Barrachina -das Fremdenbataillon, welches ihn zwanzig Stunden entfernt wähnte, -und brachte ihm einen Verlust von 300 Todten bei: die fremden Corps -hatten keinen Pardon. Den kleinen Rest rettete der entschlossene -Muth desselben, da er ohne Munition der schon genommenen Kirche sich -bemächtigte, in der das Bataillon seinen Pulvervorrath niedergelegt -hatte, und in ihr sich vertheidigte.</p> - -<p>Zwischen jener Armee und der O’Donnell’s, die in Fortanete und la -Cañada sich verbarrikadirte, standen die carlistischen Bataillone -in Pitarque, Tronchon und Mirambel, während O’Donnell’s rechter -Flügel durch drei Bataillone in Val de Linares, sein Rücken gar durch -die beiden Festungen Aliaga und Alcalá la Selva und den auf sie -gestützten Freicorps bedroht und seine Communicationen natürlich ganz -abgeschnitten waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_551" id="Seite_551">[S. 551]</a></span></p> - -<p>Es wird stets unerklärbar bleiben, was den großen Siegesherzog bewegen -konnte, in eine so precäre Lage sich zu begeben und seine Massen ohne -Plan und Zweck in die Schluchten zu schieben, welche allen seinen -Vorgängern so unheilsvoll sich bewährt hatten. Denn hätte er einen Plan -dabei gehabt, so müßte derselbe in seinen Folgen sichtbar geworden -sein. Vorwärts gehen aber, still stehen, um Hunger zu leiden, und -dann wieder ohne Erfolg umkehren sind gewiß nicht die Mittel, durch -die irgend ein Zweck erreicht werden kann. Und wenn er etwa einen der -bedrohten Punkte anzugreifen beabsichtigte, was konnte er hoffen, da -er auch nicht ein einziges Belagerungsgeschütz mit sich führte, so wie -denn auch gar nicht die für die Einnahme einer Festung unumgänglichen -Vorbereitungen getroffen waren!</p> - -<p>Oder wäre etwa diese ganze unbedachte Bewegung vorwärts nur auf -den moralischen Eindruck berechnet gewesen? Sollte Espartero seine -Streitkräfte vor den Augen der Feinde haben entwickeln wollen, -damit sie, ihre Ohnmacht anerkennend, durch Unterwerfung die Mühe -des Besiegens ihm ersparen möchten? Das wäre freilich eine traurige -Speculation gewesen. — Es ist wahr, das erste kräftige Vorgehen -der Christinos machte einen augenblicklich tiefen Eindruck auf die -carlistischen Truppen und mehr noch auf das Volk; ja, ich habe von -Männern, deren Urtheil ich hoch stelle, die Behauptung mit nicht -ungewichtigen Gründen belegen gehört, daß Espartero damals durch -rasches, entschiedenes Handeln unendlich Viel hätte ausrichten, -vielleicht allem ferneren Widerstande zuvorkommen können. Die -Überraschung war so plötzlich, und gar nichts war gerüstet, gar nichts -gethan, was ihn wirksam zurückgehalten hätte.</p> - -<p>Aber um so Großes zu erlangen, mußte er jede Minute benutzen; das -geringste Zögern gab die Staunenden mehr und mehr sich selbst wieder -und schwächte ihn, während es den Gegnern neue Kraft und neues -Vertrauen verlieh. Und bedachte der geübte Rechner denn gar nicht, -daß wenn das Entwickeln<span class="pagenum"><a name="Seite_552" id="Seite_552">[S. 552]</a></span> seiner ungeheuern Übermacht und das kühne -Vorwärtsdringen moralisch hohen Einfluß üben mußte, daß dann seine -unerklärbare, wochenlange Unthätigkeit und gar der endliche Rückzug -allen jenen Demonstrationen das Siegel des Lächerlichen aufdrücken, -daß es ihn und seine Massen — und was kann Schlimmeres dem begegnen, -der moralisch zu wirken sucht? — zum Gegenstande des Spottes und der -Verachtung machen mußte?</p> - -<p>Wahrscheinlich waren es ganz andere Motive, durch die Espartero -zu solch einem <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">faux pas</span> bewogen wurde, Motive, die mit dem alten -System zusammenhängen, in das allein er, wohl sich kennend, für -seine Eroberungen Vertrauen setzte. Von seinem Cabañero prächtig -unterstützt, zweifelte er nicht, daß er Männer finden werde, die gern, -um das in rühmlichem Kampfe Erworbene zu sichern und zu mehren, ihr -Gewissen, ihren König und ihre Cameraden verkaufen würden. Der gegen -Cantavieja gemachte Versuch, die neuen Verräthereien, welche mehreren -Officieren das Leben, andern und sehr angesehenen, unter ihnen dem -Oberst Echavaste, Amt und Freiheit kosteten, und die von allen Seiten -an Cabrera eingegangenen und durch Documente bestätigten Anzeigen von -versuchter Bestechung<a name="FNAnker_113_113" id="FNAnker_113_113"></a><a href="#Fussnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> zeigen zur Genüge, wie Espartero arbeitete, -wie er kein Mittel scheute, um das ersehnte Ziel zu erreichen.</p> - -<p>Und da freilich war das Eindringen in die Gebirge und das Verweilen -in ihrem Innern von unschätzbarem Vortheil; Espartero konnte so mit -Leichtigkeit jede sich etwa darbietende Gelegenheit benutzen, und er -ermuthigte diejenigen, welche geneigt sein mochten, auf seine Ideen -einzugehen. Doch noch sollte er unverrichteter Sache abziehen, da er -Männer fand, die mit Verachtung seine klangreichen Überredungsmittel -zurückzuweisen<span class="pagenum"><a name="Seite_553" id="Seite_553">[S. 553]</a></span> wußten. Wahrlich, ich wäre irre geworden an der -menschlichen Natur — das letzte Jahr hatte so Entsetzliches gebracht! -— wenn ich da nicht erkannt hätte, daß unter den Carlisten Viele, -die weit überwiegende Mehrzahl selbst, den eigenen Werth zu würdigen -wußten. Wenn auch besiegt, durften sie mit Stolz und Verachtung auf -den Sieger hinabsehen, gewiß, daß er die Ehre ihnen nicht zu nehmen -vermochte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Vom 31. October bis zum 18. November standen die beiden Generale der -Christinos unbeweglich in ihren Dörfern — die Besetzung der Cañada -durch O’Donnell am 7. November blieb ohne weitere Folgen —; sie -hatten alle Ausgänge derselben verbarrikadirt, und den Soldaten war -auf das strengste untersagt, einen Schritt außerhalb der Orte zu thun, -so daß sie, da bald doch nur wenige Nüsse und Eicheln als Ration -ausgetheilt wurden, selbst die rings um die Dörfer eingegrabenen -Kartoffeln nicht mehr holen durften, nachdem Cabrera, der zufällig zu -einer Recognoscirung sich genähert, 250 Mann weggefangen hatte, welche -zu jenem Zwecke von Bordon ausgesandt waren. Die Garde, am weitesten -vorgeschoben, hatte natürlich den schwierigsten Stand.</p> - -<p>Die carlistischen Führer waren indessen nicht unthätig. Zwar suchte -Cabrera umsonst die feindlichen Massen in ihren Quartieren zu -bestürmen; sein Angriff auf O’Donnell mißlang, und eben so wenig -vermochte er Espartero’s Truppen in’s Feld oder, indem er ihnen die -wichtige Straße nach dem Orcajo ganz frei ließ, zu weiterem Vordringen -in das Gebirge zu locken. Er mußte sich begnügen, mit seinen Miñones -bis an die Dörfer selbst vorzugehen, so daß die Freiwilligen in die -Straßen und Häuser hineinschossen, wodurch der Feind viele Mannschaft -verlor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_554" id="Seite_554">[S. 554]</a></span></p> - -<p>Dafür waren aber unsere Streifparthieen im Rücken der Colonnen -Espartero’s ihnen desto verderblicher. Llagostera operirte nach der -Vernichtung des Fremden-Bataillons auf der Communications-Linie der -Christinos, unterbrach fortwährend die Verbindung, hob die Convoys auf -oder verzögerte ihre Ankunft und bedrohete unaufhörlich die kleinen -Garnisons, von denen er mehrere gefangen fortführte, während der -verwegene Barea vergeblich seine Unternehmungen zu hemmen strebte. Er -sandte 1100 Gefangene und 337 Maulthierladungen von Lebensmitteln nach -Cantavieja und Morella.</p> - -<p>Oberst Bosque, wie gesagt, blokirte stets Calanda. Da nun Martin Barea -neunzehn gefangene Carlisten erschossen hatte, führte auch Bosque von -den Gefangenen, die er bei seinem zweiten Eindringen in jenen Ort -machte, einen Adjudanten Espartero’s und achtzehn Soldaten an den Fuß -der Mauern zurück und füsilirte sie dort. Nachdem sie die Nacht in -höchstem Alarm zugebracht, fand die Garnison am Morgen die Leichname -und in der Hand des Adjudanten ein Schreiben, durch welches dieser -Act als nothwendige Repressalie für die Ermordung jener Freiwilligen -angekündigt wurde.</p> - -<p>Die Besatzung von Alcalá la Selva, unterstützt von dem 4. Bataillon -von Aragon, fing einen Convoy auf, der von Teruel dem ausgehungerten -O’Donnell zugesandt wurde, und nahm drei ihn escortirende Compagnien -gefangen.</p> - -<p>Espartero’s Lage wurde täglich mißlicher: alle seine Anschläge -waren gescheitert, und jede Stunde machte die Stellung, in die er -sich gezwängt hatte, weniger erträglich. Bald fehlte es ganz an -Lebensmitteln, und nachdem das Holz, welches in den Dörfern sich fand, -dann auch die Meubles, die Thüren und Fenster aufgebrannt waren, machte -sich der Mangel an Feuerung gleich fühlbar. Umsonst erwartete der -bedrängte Siegesherzog das schlechte Wetter, welches sonst in diesen -Gebirgen nie ausbleibt, umsonst hoffte er, daß Schnee und Sturm<span class="pagenum"><a name="Seite_555" id="Seite_555">[S. 555]</a></span> ihm -einen Vorwand geben würden, der den Rückzug und die Nichterfüllung -seiner pomphaften Verheißungen auf Rechnung der Jahreszeit zu setzen -erlaubte. Der Himmel schien sich mit den Carlisten zu verschwören, um -seine Verlegenheit zu vergrößern, da, wiewohl es ziemlich kalt war, die -Luft fortwährend rein blieb und kein Wölkchen am Horizonte sichtbar -wurde. — Erst mit dem Anfange des Februars 1840 schien der Winter zu -beginnen.</p> - -<p>So ward denn Espartero endlich gezwungen, der Demüthigung sich zu -unterziehen und die drohende Stellung aufzugeben, welche er seit -drei Wochen im Herzen des Gebietes der verachteten Rebellen, wenige -Stunden von ihren Hauptfestungen entfernt, behauptet hatte. Anstatt -der erwarteten Eroberung von Morella lasen die erstaunten Madrider die -Nachricht von dem Rückzuge ihres lorbeerbekränzten Helden. In der Nacht -vom 18. zum 19. November verließen die Garden ihre Stellungen, um sich -auf las Parras zurückzuziehen, wohin sie von den Compagnieen, welche -zu ihrer Beobachtung bestimmt waren, begleitet und so kräftig gedrängt -wurden, daß sie im Dunkel der Nacht in gänzliche Unordnung geriethen -und ihren Schrecken selbst den bereits zu ihrem Empfange ausgerückten -Divisionen mittheilten. Am folgenden Tage zog sich Espartero nach -Calanda, O’Donnell von Fortanete auf Camarillas zurück, nachdem sie -4000 Mann geopfert hatten, um Spott und schimpflichen Rückzug damit zu -erkaufen.</p> - -<p>Rühmlich hatte die kleine Schaar, welche weder durch Versprechungen -noch durch Furcht vor der sechsfachen Übermacht in ihrer Treue sich -wankend machen ließ, den Feldzug des verhängnißvollen Jahres 1839 -geschlossen. Mit Festigkeit sah sie den Schrecken entgegen, die der -Frühling über sie häufen mußte. Espartero aber sann ergrimmt auf neue -Mittel, durch die er leichten Triumph sich sichern, den gefürchteten -Helden, der hindernd seinen Plänen in den Weg trat, unschädlich machen<span class="pagenum"><a name="Seite_556" id="Seite_556">[S. 556]</a></span> -könne; er wußte, daß Cabrera’s Geist Alles belebte und aufrecht hielt, -daß ohne ihn, auf den Alle mit Liebe und Vertrauen blickten, der Alles -geschaffen hatte, das Werk in sich zerfallen würde. — Seine Wahl war -rasch getroffen.</p> - -<p>Die letzten Tage des Monats vergingen ohne bedeutende Operationen. Nur -Llagostera zeichnete sich wiederum aus, da er in der Nacht vom 25. zum -26. November das vom Feinde befestigte und als Depot benutzte Estercuel -angriff, sich dadurch in die Mitte der feindlichen Linie und zwischen -die Truppen schiebend, welche rings umher cantonnirten. Er öffnete in -der folgenden Nacht durch eine Mine Bresche und nahm die Stadt mit -Sturm, worauf er den größten Theil der Magazine fortführte, das Übrige -zerstörte und eine halbe Stunde vor dem Eintreffen des heranrückenden -christinoschen Corps den Ort verlassen hatte.</p> - -<p>Diese letzten Monate des Jahres 1839 bilden die Glanzperiode -Llagostera’s, da die ungewohnte Thätigkeit, welche er unter den doppelt -schwierigen Umständen entwickelte, und die dadurch errungenen Erfolge -den sehr gegen ihn eingenommenen Geist der Armee auf einige Zeit mit -ihm aussöhnten. Doch wußte er durch sein späteres Handeln die neu -erregten Hoffnungen nicht zu befriedigen und verlor deshalb im April -1840 sein Commando.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_111_111" id="Fussnote_111_111"></a><a href="#FNAnker_111_111"><span class="label">[111]</span></a> Sie waren fast alle unbärtige, sechszehn- bis -zwanzigjährige Jünglinge. Die Männer, welche in den ersten Jahren des -Krieges sich erhoben, hatten größtentheils mit dem Leben ihre Treue -besiegelt oder befanden sich längst in dem Invaliden-Corps.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_112_112" id="Fussnote_112_112"></a><a href="#FNAnker_112_112"><span class="label">[112]</span></a> General Baron von Rahden hat seinem Werke über Cabrera -eine Charte des Kriegsschauplatzes im östlichen Spanien hinzugefügt, -welche sehr genau und für das Verständniß der Züge und Operationen -Cabrera’s seit dem Beginne des Krieges und der ihn bekämpfenden Heere -zu empfehlen ist.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_113_113" id="Fussnote_113_113"></a><a href="#FNAnker_113_113"><span class="label">[113]</span></a> Kein Chef vom Oberst aufwärts ist ohne glänzende -Anerbietungen von Seiten Espartero’s geblieben.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier33" name="zier33"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 33" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_557" id="Seite_557">[S. 557]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXIV">XXXIV.</h2> - -</div> - -<p>Während der Abwesenheit des Generals Baron von Rahden stand das -Geniecorps unter der interimistischen Direction des Obersten Don José -Alzaga, welcher, da während des Winters in allen Festungen thätig -gearbeitet werden sollte und daher alle Officiere des Corps beschäftigt -waren, die Leitung der Werke von Morella und dessen Castell gleichfalls -über sich nahm. Diese befanden sich zur Zeit des Anrückens Espartero’s -in eben dem Zustande, in dem Oráa im Jahre 1838 sie gelassen hatte; -man war lediglich darauf bedacht gewesen, die Bresche zu schließen. -Umsonst hatte Herr von Rahden seit seiner Ankunft darauf gedrungen, die -Befestigung zu vervollständigen und die nahen, vom Feuer des Castells -beherrschten Höhen mit wechselseitig sich vertheidigenden Werken zu -krönen, hinter denen ein deckendes Corps wie in einem verschanzten -Lager stehen könnte, während sie die Arbeiten des Feindes unendlich -erschwert hätten, da sie ihn nöthigten, Zeit und Material für die gar -nicht leichte Eroberung derselben zu verlieren und die Arbeiten auf -weit größere Distance anzufangen, indem sie von seinem eigentlichsten -Angriffspunkte, den schwachen Mauern der Stadt, lange und wirksam ihn -fern hielten.</p> - -<p>Wohl hatte der Graf von Morella die Wichtigkeit dieser Arbeiten erkannt -und deshalb Herrn von Rahden aufgetragen, den Plan zu entwerfen; ja, -der größte Theil derselben war längst abgesteckt und bezeichnet. -Aber die Offensiv-Operationen nahmen während des ganzen Jahres die -Aufmerksamkeit und noch mehr alle Mittel des Generals in Anspruch, -so daß bei den fortwährend unternommenen Belagerungen das Geniecorps -immer fern von Morella beschäftigt war. Auf die dringenden<span class="pagenum"><a name="Seite_558" id="Seite_558">[S. 558]</a></span> Mahnungen -des Herrn von Rahden pflegte er dann mit derbem Fluche zu erwiedern, -daß, so lange er lebe, die Christinos nie mehr wagen würden, Morella -sich zu nähern. So hatte Jener kaum erlangen können, daß der Bau des -regelmäßigen Hornwerkes angefangen wurde, durch das er des wichtigen -Punktes der Hermite von San Pedro Martyr sich versichern wollte, der -von einer weit die Umgegend beherrschenden Höhe die Festsetzung des -Feindes und vor Allem die Errichtung der Batterien auf dem fast einzig -dazu passenden Punkte, der Querola, unmöglich machte.</p> - -<p>Als die Schreckenskunde von der Annäherung Espartero’s ertönte, war -dieses Werk noch sehr zurück. Da eilte denn freilich Cabrera herbei, -die rasche Vollendung zu betreiben, und da er den ursprünglichen, -trefflichen Plan und das zu seiner Ausführung noch Mangelnde sah, -befahl er mit dem Ausrufe: „Carajo, das sind ja wahre Römer-Arbeiten; -die passen nicht hierher!“ das Hornwerk zu verkürzen. Die Folgen des -peremtorischen Befehls waren traurig. Das Fort mußte, da es außer dem -wirksamen Bereiche des Geschützes der Festung lag, als detachirtes und -unabhängiges Werk ganz auf die eigene Vertheidigung beschränkt sein; es -ward nun aber möglich, da, wo die Abschneidung Statt finden mußte, bis -auf hundert und funfzig Schritt sich ihm gedeckt zu nähern, und gerade -dieser bedrohete Punkt verlor fast seine ganze Flankenvertheidigung. -Dort griffen denn später die Feinde das Werk auch an und nahmen es nach -dreitägiger Beschießung.</p> - -<p>Herr von Rahden hatte im Augenblicke der Gefahr die Verschanzung -rasch — zum Theil mit Pallisaden — geschlossen, um sie gegen einen -Handstreich sicher zu stellen. Oberst Alzaga befahl sofort, das so eben -Errichtete wieder niederzureißen und es ganz kunstgemäß und permanent -von neuem zu erbauen — er fand nie gut, was nicht von ihm selbst -herrührte. — Zugleich sollte dort eine bombenfeste Caserne angelegt -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_559" id="Seite_559">[S. 559]</a></span></p> - -<p>Die Leitung dieser Arbeiten auf San Pedro Martyr ward mir übertragen, -so wie ich die kürzlich begonnene Befestigung von Villarluengo -vollenden und abwechselnd mit dem Capitain Verdeja Cantavieja -inspiciren sollte. Diesem wurden die Forts Ares del Mestre und Cullá -südlich und dem Capitain Jimenez Castillote und Peñaroya nördlich von -Morella zugetheilt, während der vierte Capitain Don Manuel Brusco -in den Festungen jenseit der Heerstraße von Teruel nach Segorbe -befehligte. Die Subalternofficiere und Werkmeister, so wie die -Compagnien des Sappeurs-Bataillons waren dem Bedürfnisse gemäß unter -uns vertheilt.</p> - -<p>Im ersten Augenblicke fühlte ich mich etwas unsicher in meinem neuen -Wirkungskreise. Wenn ich auch in früheren Verhältnissen viel mit der -Theorie der Befestigungskunst mich beschäftigt und in Spanien mehrfach -Gelegenheit gehabt hatte, mich in ihr praktisch auszubilden, konnte -ich doch unmöglich meine Kenntnisse für hoch genug anschlagen, um mit -Ruhe so verantwortungsschweren Aufträgen mich zu unterziehen. Dazu -fehlten wissenschaftliche Bücher ganz, so wie Instrumente so selten -waren, daß ich selbst einen Zirkel von Holz mir anfertigen mußte. -Indessen der Würfel war einmal geworfen, und ich konnte nur streben, -durch Thätigkeit das etwa Mangelnde zu ersetzen. Thätigkeit aber war -im erschöpfendsten Maße nothwendig, da ich wöchentlich zwei Mal von -Morella nach Villarluengo und zurück und alle vierzehn Tage nach -Cantavieja zum immer gleich unnützen Strauße mit dem Obersten Cartagena -reisen mußte und überall der Arbeit im Übermaß fand. — Doch sollte ich -noch einige Wochen unverhoffter Weise frei bleiben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenige Tage nach des Herrn von Rahden Abreise ward ich zum General -gerufen und bekam die Ordre, auf den Nachmittag marschfertig zu sein, -da ich ihn begleiten würde; er entließ<span class="pagenum"><a name="Seite_560" id="Seite_560">[S. 560]</a></span> mich erst nach mehreren Fragen -und Bemerkungen über den Fortgang der Befestigung von San Pedro Martyr. -Ich war um so mehr durch die auf mich gefallene Wahl überrascht, da -der Liebling Cabrera’s, Capitain Verdeja, gerade in Morella sich -befand; ohne Zweifel wollte er selbst mich prüfen, und ich war froh, -daß es geschah. Rasch war ein Bagage-Maulthier besorgt und mit dem -Mantelsäckchen beladen, und am Mittage des 3. Decembers ritten wir den -treppenförmig construirten Weg hinab, der von dem Felsberge Morella’s -in das Thal führt, worauf wir gen Norden uns wandten.</p> - -<p>Cabrera wollte persönlich die Werke von Mora de Ebro inspiciren, welche -Stadt von höchster Wichtigkeit war, da sie nicht nur die Verbindung -mit dem Heere von Catalonien, sondern auch die Herrschaft über das -ganze reiche Thal des untern Ebro sicherte. Eben deshalb war auch das -etwas höher liegende Flix gegen den ersten Anlauf gedeckt und Miravet, -einige Stunden südlich von Mora, ein altes maurisches Castell, mit -großem Kostenaufwande in ein sehr starkes Fort umgewandelt. Jetzt -ordnete Cabrera auch die Befestigung von Peñaroya an, wodurch er den -doppelten Zweck erlangen wollte, die Communication Espartero’s mit dem -Königreiche Valencia auf der geraden Linie durch das Hochgebirge zu -verhindern und die eigene mit jenen Forts sicher zu stellen. Peñaroya -ward übrigens im Frühjahre geräumt, da die Jahreszeit die so rasche -Beendigung der Arbeiten nicht zugelassen hatte.</p> - -<p>Auf dem Marsche war der General nur von einigen Ordonnanzen und etwa -sechszig Miñones begleitet, die stets vor den scharf trabenden Pferden -in eben so leichtem Laufe bergauf und bergab flogen. Nur selten, wo die -Gebirgspfade es unumgänglich erheischten, durfte der Trab eingestellt -werden, und ein einziges Mal, da wir mit Hand und Fuß uns anklammernd -in eine tiefe Schlucht hinabkletterten, sah ich auch Cabrera absteigen; -wie die Pferde lebend herunterkamen, kann ich<span class="pagenum"><a name="Seite_561" id="Seite_561">[S. 561]</a></span> noch nicht begreifen. -Dabei verließ er oft die gewöhnlichen Wege, um Stunden lang fast -unbetretenen Pfaden zu folgen, die er alle genau zu kennen schien: wir -befanden uns auf dem Schauplatze seiner ersten Kriegesthaten, aus denen -seine Gefährten mehrere blutige Anekdoten erzählten, die uns die wilde -Unerschrockenheit, die Ausdauer und den Scharfsinn des feurigen jungen -Studenten bewundern ließen.</p> - -<p>Über Hervés, Monroyo, Valderobles und das reiche, nun halb zerstörte -Gandesa in wunderlichen Hin- und Herzügen — denn Cabrera wollte -Alles selbst sehen und überall anordnen — langten wir endlich auf -dem Ufer des majestätischen Ebro an. Nur vom Gouverneur und von mir -begleitet, eilte der General sofort zur Besichtigung der neu angelegten -Werke von Mora. Da kamen denn sonderbare Dinge zum Vorschein, wie ich -ihrer jedoch, so oft beim Mangel eines Ingenieurs die Gouverneure die -Arbeiten leiteten, fast immer noch weit schlechtere antraf; der General -selbst, wiewohl auch er in Betreff der Befestigungen den Ansichten des -Guerrillero nicht ganz entsagt hatte, äußerte seine Unzufriedenheit. -Das Ganze bestand aus einer Menge über einander gehäufter Mauern, -die fast gar keine flankirende Vertheidigung gewährten und auf die -eigenthümlichst bunteste Art crenelirt waren — und deshalb war das -Land weit umher hart bedrückt!</p> - -<p>So beklagte sich der Magistrat von Gandesa, daß von den Maulthieren -der Stadt die eine Hälfte stets unterweges sei, um die andere von den -Arbeiten in Mora abzulösen; nur vier blieben frei, und diese reichten -lange nicht hin, um den Bagagedienst auf so besuchter Straße zu -versehen. Der General befahl daher, daß die voluntarios realistas zu -den Leistungen für die Armee, von denen sie bis dahin befreit waren, -zugezogen würden, um dadurch das Land zu erleichtern.</p> - -<p>Dieser Theil des carlistischen Gebietes, unendlich reich durch seine -Fruchtbarkeit, zeichnete sich ganz besonders durch die ent<span class="pagenum"><a name="Seite_562" id="Seite_562">[S. 562]</a></span>schieden -royalistische Gesinnung der Einwohner aus, welche zwischen drei und -viertausend Männern, außer der Division vom Ebro, die Waffen in die -Hände gegeben hatte, um im Falle eines Angriffes die vaterländische -Provinz zu vertheidigen. Begünstigt durch die Schroffheit der -niedrigen Gebirgszüge, welche von dem Hochgebirge nach dem Ebro hin -sich absenken, trugen sie im Frühjahre Viel dazu bei, dem Feinde die -Eroberung des Ebro-Thales zu erschweren und unserer Armee die Passage -des Flusses frei zu erhalten.</p> - -<p>Auf Befehl des Generals hatte ich den Plan zur weiteren Befestigung -von Mora entworfen und, während er einen Ausflug nach Miravet machte, -den Gouverneur, einen alten Kampfgenossen Cabrera’s und deshalb -stets mit Schonung von ihm behandelt, in dem Nöthigsten instruirt -und die Haupttheile der zu errichtenden Werke tracirt, auch vieles -die Verwaltung Betreffende besser geordnet, da, soweit sie die -Fortification betrifft, nach dem spanischen Reglement auch sie ganz -unter der Controle der Ingenieure steht. Diese sind dadurch in eine -sehr unabhängige Stellung versetzt, werden aber auch stets von -Kriegscommissairen, Factoren, Gouverneuren und allen denen, die dabei -die Hand im Spiele haben, auf das bitterste angefeindet, wenn sie nicht -mit ihnen zum Unterschleif sich verbinden wollen.</p> - -<p>Bei der Rückkehr des Generals hatte ich die Genugthuung, alle meine -Maßregeln ganz von ihm gebilligt zu sehen, so wie er denn täglich -wohlwollender gegen mich sich äußerte, wobei er einst erklärte, daß -ich mit der verdammten blauen Brille noch freimaurermäßiger<a name="FNAnker_114_114" id="FNAnker_114_114"></a><a href="#Fussnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a> -ausgesehen habe, als der Franzose, der<span class="pagenum"><a name="Seite_563" id="Seite_563">[S. 563]</a></span> einst für die Christinos bei -ihm spionirte. Da erfuhr ich, daß im Jahre 1837 ein Franzose, der -gleichfalls eine Brille getragen, als exaltirter Carlist von Madrid -zu der Armee gekommen, bald aber als Emissair der usurpatorischen -Regierung entdeckt und erschossen war!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wir traten den Rückmarsch an. In Orta erhielt Cabrera die Rapporte der -verschiedenen Corps über den Etat der Bataillone und Escadrone. Mit -Thränen im Auge rief er aus: „Wie kann ich meinen treuen Burschen so -viel Hingebung und Festigkeit vergelten; nicht ein einziger ist seit -dem Anmarsche Espartero’s desertirt! Dagegen,“ und die ausdrucksvollen -Züge verfinsterten sich, „sind drei Officiere übergegangen, von denen -zwei die Cassen ihrer Bataillone mitnahmen. Ich muß wieder einmal ein -Dutzend solcher Spitzbuben erschießen lassen.“ Zu seinen Adjudanten -gewendet, fügte er hinzu, daß sie zuerst die Reihe treffen würde, da er -am wenigsten um seine Person Schurken duldete. „Wer kein gutes Gewissen -hat, der mache, daß er fortkomme!“ — Einer jener Officiere wurde kurz -nachher bei einem Überfall, den einige Bataillone von Valencia auf -einen Convoy ausführten, von seiner eigenen Compagnie gefangen und -sofort füsilirt.</p> - -<p>Nachdem wir auch Peñaroya besucht und die Vorarbeiten für die -Befestigung angeordnet hatten, ritten wir über Monroyo auf Aguaviva, -eine kleine Stunde von dem vom Feinde besetzten Mas de las Matas -entfernt, dem wir sofort uns näherten, von zwei Compagnien Schützen -des Obersten Bosque begleitet. An der Spitze von zehn oder zwölf -Ordonnanzen flog der General voraus und traf etwa tausend Schritt von -dem Dorfe auf ein unglückliches Detachement, das, aus einer halben -Compagnie und sechszehn Pferden bestehend, auf die Kunde von<span class="pagenum"><a name="Seite_564" id="Seite_564">[S. 564]</a></span> unserer -Annäherung dorthin sich zurückzog. Im Nu hatte Cabrera die Reiter -zersprengt und mit Verlust von fünf Todten verjagt, die Infanterie aber -abgeschnitten, nachdem sie sich in einen kleinen Busch geworfen hatte; -so wie sie die Miñones eiligen Laufes herankommen sahen, hielten die -Christinos die Kolben der Gewehre hoch in die Luft, Pardon erflehend. -Während die Truppen im Mas Alarm schlugen, hatten wir uns mit 63 -Gefangenen zurückgezogen; zwei Ordonnanzen waren schwer verwundet.</p> - -<p>Am 16. December langten wir wieder in Hervés an. Der General nahm ein -leichtes Mahl zu sich, in kurzer Zeit zubereitet, denn Delicatessen -existirten nicht. Eine halbe Stunde nachher fühlte er sich unwohl, -Beängstigungen traten ein, mit heftigen Schmerzen in den Gliedern -verbunden, und kalter Schweiß brach hervor. Dann folgte furchtbare -Abspannung, durch die der Kranke genöthigt ward, das Bett zu hüten.</p> - -<p>Angstvolles Entsetzen ergriff Alle. Erstarrt schlich ein Jeder umher, -in den Augen der Andern denselben Schauder erregenden Gedanken lesend, -der auch seine Brust beklemmte; kaum hörbar flog bald das Wort: -Gift! von Mund zu Mund, und die Symptome machten den Verdacht nicht -unwahrscheinlich. Untersuchungen wurden angestellt. Der Wirth war eben -so wie seine Frau, die mit den Burschen selbst die Speisen bereitet -hatte, als exaltirter, vielfältig compromittirter Royalist bekannt -und dem General persönlich sehr ergeben; auch haftete auf ihnen der -Argwohn keinen Augenblick. Aber das Haus war, wie allenthalben, wo -Cabrera’s Ankunft bekannt wurde, stets gedrängt voll von Menschen -jeder Klasse, die Bitten oder Beschwerden vorzutragen hatten und durch -keine Schildwache zurückgehalten wurden. Viele von ihnen waren in der -Küche, ihre Cigarillos anzuzünden und selbst sich zu wärmen, ein- -und ausgegangen. Da war jede Nachforschung vergeblich, und an eine -chemische Prüfung der Speisen war nicht zu denken; ich zweifele<span class="pagenum"><a name="Seite_565" id="Seite_565">[S. 565]</a></span> sehr, -daß irgend Jemand in der ganzen Armee mit ihr sich zu befassen gewagt -hätte.</p> - -<p>Die herbei gerufenen Ärzte erklärten alsbald den General in größter -Gefahr, wiewohl sie über die Art der Krankheit schwiegen. Hie und da -ward wohl von Typhus gesprochen, von dem aber weder vorher noch später -irgend ein Fall sich zeigte, so daß die Idee, daß er gerade allein den -General ergriffen habe, ganz ungereimt und der Natur dieser Seuche -direkt widersprechend ist. — Die rasch angewandten Mittel linderten -für den Augenblick die Leiden Cabrera’s; bald ergriff ihn jedoch eine -Starrheit, eine Schwäche des Geistes wie des Körpers, die seiner -früheren Kraft und Energie so sehr entgegengesetzt war, und von der er -nie ganz genesen sollte.</p> - -<p>Da der Kranke nicht transportirt werden durfte und ihm höchste Ruhe -verordnet ward, eilte ich am folgenden Tage nach Morella, dort -die mir obliegenden Geschäfte zu übernehmen. Die Stadt schien von -zerschmetterndem Unglück befallen. Auf den Straßen standen kleine -Gruppen mit niedergeschlagenen Mienen und alle über den einzigen -Gegenstand redend, über das Schreckliche, was jeden Augenblick erwartet -werden mußte; müssige Haufen sammelten sich an dem Thore, begierig auf -den Weg hinaufschauend, ob Jemand Kunde bringe von dort, wohin Aller -Gedanken sich richteten. „Was weiß man von Don Ramon?“ war die erste -Frage eines Jeden, und die immer düsterer tönenden Nachrichten lockte -eine Thräne in manches kräftigen Mannes Auge.</p> - -<p>Die Schwestern Cabrera’s eilten nach Hervés, den Bruder zu pflegen, -der, täglich schwächer und schon besinnungslos, täglich weniger -Hoffnung auf Besserung gewährte. Da brachte das neue Jahr die -Trauerbotschaft von seinem Tode! — Verzweiflung ergriff die Bewohner -Morella’s, wie die Krieger, welche so oft seine Lorbeeren getheilt -hatten. „Wir sind verloren,“ riefen die Jammernden, „er allein hielt -uns aufrecht, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_566" id="Seite_566">[S. 566]</a></span> ihn wird Zwietracht und Eifersucht wehrlos dem -Feinde uns in die Hände liefern!“ Himmelstrost brachte der Bote, -welcher bald verkündete, daß Scheintod den Kranken gefesselt habe, der -schon wieder zu sich gekommen sei. Nur die Erinnerung an die immer noch -gleich drohende Gefahr konnte den Ausdruck des unendlichen Jubels in -die Brust zurückdrängen.</p> - -<p>Der General befand sich indessen regungslos an sein Bett gekettet -in einem offenen Flecken, der nicht drei Stunden von den Stellungen -der feindlichen Armee entfernt war, und zu seiner Deckung hatte er -eine schwache Compagnie, die Miñones, bei sich. Kein Bataillon wurde -zwischen Hervés und die von den Christinos besetzten Dörfer geschoben, -und laut ward Llagostera, der interimistisch commandirte, beschuldigt, -daß er die Gefangennehmung seines Feldherrn nicht ungern gesehen hätte. -Espartero aber rührte sich nicht. Er that nicht den geringsten Schritt, -um Cabrera’s sich zu bemächtigen, der doch als das einzige Hinderniß -seines Sieges mußte angesehen werden, und von dem er, wie die Madrider -Blätter spotteten,<a name="FNAnker_115_115" id="FNAnker_115_115"></a><a href="#Fussnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a> nur durch eine Wand geschieden war, ohne daß er -Muth gehabt hätte, in die Höhle des sterbenden Löwen zu treten.</p> - -<p>Ach, er war seiner Beute nur zu gewiß! Espartero hatte das Mittel -gefunden, welches, die Kraft seines Gegners auf immer brechend, den -leichten Sieg ihm in die Hände spielen sollte, und passend vermehrte -er mit so schmählich, so entehrend gewonnenem Lorbeer den Kranz, -den er bei Bergara sich zu erkaufen gewußt. Aber er wollte seinem -edlen Feinde selbst nicht den Ruhm lassen, zu sterben für die Sache, -welche er glorreich vertheidigt hatte; er wußte wohl, daß, so lange -Cabrera lebte, die<span class="pagenum"><a name="Seite_567" id="Seite_567">[S. 567]</a></span> Besiegung des Helden ihm den Ruhm geben würde, den -seine Thaten in den baskischen Provinzen ihm nicht erringen konnten. -Daher zog er vor, den Gefürchteten geistig zu schwächen und so sich -unschädlich zu machen.</p> - -<p>Am 10. Januar wurde der General auf einem Tragebette nach Morella -gebracht, und am 31. konnte er zum ersten Male zu Pferde sich zeigen, -mit Enthusiasmus vom Volke begrüßt. Das zur Feier seiner Genesung -gehaltene <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">Te Deum</span> zog eine so große Zahl dankbarer Zuhörer an, -daß die prachtvolle Cathedrale, ein altes gothisches Gebäude, sie alle -nicht zu fassen vermochte; auch der weite Platz vor ihr war ganz mit -Menschen bedeckt. Vivas und allgemeiner Jubel begrüßten den verehrten -Feldherrn, wo er erschien, und am Nachmittage erfreuten gefahrlose -Rindergefechte — wegen des Mangels an geübten Kämpfern waren nicht -ganz ausgewachsene Rinder gewählt — die gaffende und jauchzende Menge.</p> - -<p>Doch erregte die Mattigkeit des sonst so feurigen Auges und das -geisterhaft bleiche Antlitz Besorgnisse, die nur zu bald verwirklicht -wurden. Kaum war Cabrera nach dem Ebro-Thale abgereiset, dessen -lieblich mildes Klima die gänzliche Wiederherstellung beschleunigen -sollte, als er einen Rückfall hatte, der abermals den Pforten des -Grabes ihn nahe brachte. Er wollte indessen dieses Mal die wichtigsten -Geschäfte selbst versehen und ließ sich fortwährend über Alles Bericht -abstatten, bis er gegen das Ende des Aprils 1840 dem Anschein nach -wieder an die Spitze der Armee sich stellte.</p> - -<p>Dem Anschein nach! — Er war nicht mehr der frühere Cabrera, der Held, -welcher schaffend und kämpfend und siegend den Titel des Grafen von -Morella so ruhmreich sich erworben hatte. Sein Körper war zerrüttet, -sein Geist geschwächt, die Alles überwältigende Energie in Lauheit -hingeschwunden: ohne Kampf sah er die feindlichen Heere in die -Schluchten und Defilées des Hochgebirges sich vertiefen, durch Verrath -oder durch<span class="pagenum"><a name="Seite_568" id="Seite_568">[S. 568]</a></span> die gewaltige Übermacht ihres Materials ein Fort nach dem -andern erobern und endlich Morella belagern, Morella, den Kern seiner -Macht, den Schauplatz herrlicher Thaten und Siege. Er opferte die -starke und erprobte Garnison im vergeblichen Widerstande, ohne einen -Schritt zu ihrer Rettung zu versuchen.</p> - -<p>Und dann überschritt er den Ebro, um wenige Wochen später vor dem -nachdrängenden Espartero ein Asyl in Frankreich zu suchen, während noch -viele Tausende braver Krieger seinem Commando gehorchten, ja da einige -catalonische Anführer noch länger den ungleichen Kampf fortsetzten!</p> - -<p>Nie hätte der wahre Cabrera so den glorreichen Krieg geendigt; er -hätte nie in halben Maßregeln das Blut seiner Streitgenossen unnütz -vergeudet, nie ohne Schwerdtschlag vor dem übermüthigen Feinde weichend -die Vertheidigung der heiligen Sache aufgegeben, für die er so oft -freudig sein Blut vergossen, sein Leben eingesetzt hatte. Cabrera würde -gewußt haben zu sterben mit den Waffen in der Hand, da das Geschick -die Möglichkeit des Sieges ihm versagte. Espartero mußte zum bloßen -Schatten seines eigenen früheren Ich ihn machen, damit er so seiner -selbst unwürdig handeln konnte.</p> - -<p>Es ist nothwendig, bei der Beurtheilung der Thaten des Grafen von -Morella von diesem Gesichtspunkte auszugehen. Dann wird es leicht, den -himmelweiten Abstand dessen, was er nach dem unheilsvollen 16. December -unternahm, von den mit eben so viel Talent entworfenen, wie mit Energie -und Geist ausgeführten Plänen der ganzen sechs Krieges- und Siegesjahre -vor jener Epoche sich zu erklären. Auch der strengsten Kritik gegenüber -steht Cabrera während dieser langen Zeit als Royalist, als Anführer -und als Soldat gleich groß da; es wäre ungerecht, die letzten Monate, -während deren er in Spanien vegetirte, zur Grundlage des Urtheiles über -ihn zu wählen.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_114_114" id="Fussnote_114_114"></a><a href="#FNAnker_114_114"><span class="label">[114]</span></a> Die spanischen Royalisten bedienen sich des Ausdruckes -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">franmason</span> zur Bezeichnung eines wild revolutionairen Menschen, -da die dortigen Freimaurerlogen stets als Anzettler und Leiter der -anarchischen Complotte erschienen.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_115_115" id="Fussnote_115_115"></a><a href="#FNAnker_115_115"><span class="label">[115]</span></a> Auf der Charte mußte ihnen übrigens die Distance weit -kleiner scheinen, als sie durch das wilde Gebirgsterrain es ist, -welches denn auch viele Schwierigkeiten schuf, die natürlich von Madrid -aus übersehen wurden.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier34" name="zier34"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 34" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_569" id="Seite_569">[S. 569]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXV">XXXV.</h2> - -</div> - -<p>Eintönig und langsam, wiewohl in ununterbrochener Thätigkeit, vergingen -mir die ersten drei Monate des neuen Jahres: eintönig, da die Leitung -der Arbeiten und die fortwährenden Reisen von Morella nach Villarluengo -und Cantavieja — während der letzten sechs Wochen unter stetem -Schneegestöber — gar wenig Abwechselung darboten; langsam, denn ich -sehnte mit der ganzen Gluth der Seele den Augenblick herbei, in dem -Espartero seine Batterien gegen uns errichten würde. Unsere Vernichtung -war, besonders bei dem Zustande des Generals, nur zu hoffnungslos -gewiß; daher wünschte ich, daß die Stunde der Entscheidung, was sie -auch bringen möge, rasch da sei.</p> - -<p>Dabei war die Lebensweise in Morella keinesweges angenehm zu nennen. -Die Rationen waren sehr spärlich, und andere Lebensmittel selten -zu erhalten; noch schlimmer aber war, daß ich gar keinen Anspruch -auf Gehalt hatte, da die Intendantur das ganz zwecklose System -eingeführt hatte, von den im Rückstande befindlichen Monaten immer -den am längsten verflossenen nach den in ihm eingereichten Listen der -Corps auszuzahlen, so daß z. B. im Januar 1840 der Sold des Monats -April 1839 bezahlt wurde. Dadurch blieben sehr viele Officiere und -Soldaten, welche zu jener Zeit noch nicht im Dienste, oder wie ich -gefangen gewesen waren, und selbst die, welche damals einer andern -Armee angehörten, ganz ohne Gehalt auf die Rationen beschränkt, bis -vielleicht nach Jahren die Zeit, in der sie dienten, zur Auszahlung -kommen würde. Dagegen erhielten die Corps den Gehalt aller während -jener neun Monate Getödteten und Desertirten, weil deren Namen -auf der Liste sich befanden, was denn die meisten Commandeure, da -Niemand Ansprüche darauf machte, zur eigenen Bereicherung oder, -wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_570" id="Seite_570">[S. 570]</a></span> uneigennützig — und das fand sich nicht häufig —, etwa zur -Ausschmückung des Corps benutzten. Seit dem Ende des Märzes ward diesem -Übelstande abgeholfen, da befohlen wurde, nun stets den laufenden Monat -auszuzahlen.</p> - -<p>Für viele Officiere, selbst höherer Classen, wenn sie nicht auf irgend -eine unrechtmäßige Art Hülfsquellen sich verschaffen wollten, hatte -indessen jener Fehler der Administration die Folge, daß sie lediglich -die ihnen zukommenden Rationen für ihren Unterhalt hatten, so daß ich -buchstäblich Monate lang, wenn nicht zu Gast gebeten, nur mit Öl und -Weinessig abgekochte trockene Vicebohnen und schwarzes halb Hafer- halb -Roggenbrod genoß, woraus der Bursche für Morgen, Mittag und Abend mit -möglichster Variation das Mahl bereiten mußte. Damals verlor ich nie -viel Zeit bei Tische.</p> - -<p>An Geselligkeit war auch nicht viel zu denken. Die Schwestern des -Generals, in deren Hause sonst täglich Tertulia war, folgten ihrem -Bruder nach Mora, und die übrigen Familien verließen nach und nach die -Festung, um theils nach den christinoschen Provinzen, theils, wenn -sehr compromittirt, nach kleinen Dörfern im Gebirge abzureisen: sie -erkannten sehr wohl, daß Morella bald nicht mehr passender Aufenthalt -für Damen sein werde. So waren wir ganz auf die Gesellschaft unserer -Cameraden beschränkt, unter denen besonders im Sappeurs-Corps -mehrere sehr gebildete Officiere sich fanden, mit denen ich, rings -um das flackernde Feuer des Küchenheerdes oder, wenn viel Luxus, um -den mit glühenden Kohlen gefüllten Bracero gruppirt, manchen Abend -verplauderte. Meine schriftlichen Arbeiten dagegen und selbst das -Zeichnen der Pläne u. s. w. mußte ich bei der grimmigen Kälte des -Februars und Märzes in ungeheizter, mit Papierfenstern versehener Stube -verrichten, alle zehn Minuten trotz der wärmenden Zamarra und des -Mantels und wollener Decken aufspringend, um durch Laufen und Hauchen -die erstarrten Glieder geschmeidig zu machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_571" id="Seite_571">[S. 571]</a></span></p> - -<p>Vor allem waren mir da die Tage erfreulich, die ich in Gesellschaft -eines Freundes, des Genie-Capitains — er fiel als Oberstlieutenant -bei der letzten Belagerung von Morella — Don José Maria Verdeja -Arguelles y Mier zubringen durfte. Er zeichnete sich eben so sehr durch -die feinste Bildung aus, die er seiner Erziehung in dem Collegium -der Jesuiten zu Madrid verdankte, wie durch lebhaften Geist, hohe -Kenntnisse in seinem Fache und großen persönlichen Muth. Cabrera -schätzte ihn sehr, Herr von Rahden liebte ihn wahrhaft und pflegte ihn -nur seinen Sohn zu nennen, und der von demselben bei seiner Abreise -ausgesprochene Wunsch, daß wir wie Brüder zusammen leben möchten, -war durch die herzlichste, auf Achtung gegründete Cameradschaft ganz -erfüllt.</p> - -<p>Verdeja war nebst dem Fort von Cullá mit der regelmäßigen Befestigung -einer großen Höhle bei Ares del Mestre beauftragt, die, unter einem -Felsberge hinlaufend und mit zwei Ausgängen versehen, dabei als Fort -durch seine Lage von strategischer Wichtigkeit, von Cabrera zum -Stützpunkte seiner Operationen für den kommenden Feldzug ausersehen -war. Wie so Vieles, war auch diese Arbeit vergeblich, seit der General -am 16. December auf immer erkrankte! — Von dort nun kam Verdeja, wenn -ich in Morella mich befand, herüber, um von unserm Chef, dem Obersten -Alzaga, Instructionen zu empfangen und, die Hauptsache, über den Mangel -an allem zu kräftiger Beförderung der Arbeiten Nothwendigen bitter zu -hadern, wobei ich durch stets wiederholte, stets gleich vergebliche -Forderungen ihn unterstützte.</p> - -<p>Alzaga, Baske von Geburt, stand als Civil-Ingenieur, beauftragt mit den -königlichen Lustschlössern um Madrid, unter Ferdinand VII. in -hohem Ansehen und sehr einträglichen Ämtern, die er, seine Loyalität -beurkundend, opferte, um mit höchster Gefahr nach Vizcaya zu entfliehen -und dem Heere Zumalacarregui’s sich anzuschließen. Er war stolz und -ehrgeizig und hatte<span class="pagenum"><a name="Seite_572" id="Seite_572">[S. 572]</a></span> daher, wie er selbst gestand, gegen Herrn von -Rahden die höchste Eifersucht gehegt und sich mit Widerstreben dem -Fremden untergeordnet. Außerordentlich pedantisch und ängstlich, immer -zögernd und aufschiebend, hob er gern seine Wichtigkeit hervor, wollte -Alles selbst leiten und ordnen, tadelte stets, was Andere gethan, -und war unendlich eifersüchtig auf seine Autorität. Dabei, wohl im -Gefühl seiner Schwäche, hatte er eine wahrhaft lächerliche Furcht vor -Cabrera, die denn wieder seine Ängstlichkeit in allen verantwortlichen -Geschäften auf den höchsten Grad trieb. Überhaupt war er leicht durch -festes Auftreten eingeschüchtert und zum Nachgeben gebracht, wenn sein -Stolz nicht verletzt wurde.</p> - -<p>Mit diesem Manne nun mußten wir über eine jede Sache verhandeln und -ihn um Rath fragen; von ihm hatten wir die unaufhörlichen Bedürfnisse -an Menschen, Thieren, Instrumenten und Materialien zu fordern, und -vor Allem sollten wir von ihm Hülfe erwarten in dem steten Kampfe -gegen Gouverneure, Commandanten und Kriegscommissaire, die, wo eine -Gelegenheit sich bot, störend in unsere Befugnisse eingriffen. Er aber -zögerte immer und verschob, und das Resultat war, daß alle Arbeiten -ungeheuer zurückblieben. Es fehlte fortwährend an dem Nöthigsten, die -Gouverneure wollten mit leiten, hauptsächlich selbst die Requisite -herbeischaffen, wobei denn zwei Drittel in ihren Taschen kleben -blieben, und unser Chef, anstatt uns zu unterstützen, wußte stets neue -Schwierigkeiten uns aufzuthürmen.</p> - -<p>Wie seufzten wir da über die Abwesenheit unseres energischen -Brigadiers! Wie knirschten wir oft mit Ingrimm, da Woche auf Woche -verfloß und Monat auf Monat, da der unheilschwangere Frühling -immer näher rückte, während wir stets gleich langsam in unseren -Vorbereitungen vorwärts kamen!</p> - -<p>Wenn wir ihm dann freilich von vierzehn zu vierzehn Tagen den Bericht -über das Geschehene und nicht Geschehene vorlegten, da verzagte der -Oberst und klagte, den General von<span class="pagenum"><a name="Seite_573" id="Seite_573">[S. 573]</a></span> Rahden zurückwünschend, sein -Mißgeschick an, das in so schwierige Stellung ihn gesetzt hatte. Er -versprach, morgen mit verdoppelter Kraft zu beginnen — „wenn ich nur -wüßte, wie es machen!“ und er seufzte wohl kleinlaut: „Meine Herren, -der General läßt mich erschießen; um Gottes willen, rathen Sie mir, -Sie haben ja sonst immer solche Riesenpläne im Kopfe.“ Schlugen wir -dann aber vor, daß er sofort einige tausend Arbeiter und Maulthiere vom -Lande requiriren, alle Maurer und Zimmerleute aus unserm ganzen Gebiete -durch Detachements zusammenholen und von jedem Hause einen Sack und -ein Handwerksgeräth eintreiben, dabei selbst zum noch immer kranken -General eilen, ihm den Zustand der Dinge und die Nothwendigkeit der -entschieden strengsten Maßregeln vorstellen möge; so wußte er tausend -verschiedene Schwierigkeiten anzuführen: den Befehl des Generals gegen -jede Plackerei der Landleute, das die Arbeiten erschwerende Wetter, -den Zorn Cabrera’s, weil nicht früher daran gedacht war, und den bösen -Willen der Gouverneure. Er beschloß, etwas Anderes zu ersinnen, und -— — Nichts geschah. Alles blieb beim Alten!</p> - -<p>Und doch war Alzaga außer Dienst ein biederer, braver, gefälliger und -bis auf seine Wichtigkeitsmiene, die häufig Stoff zum Lachen gab, -selbst liebenswürdiger Mann. Er paßte nicht für solche Stellung.</p> - -<p>Endlich wurde ich zu meiner Freude aus jener peinlichen Lage befreit. -Der Capitain Don Manuel Brusco leitete die Befestigungen im Turia und -in Neu-Castilien, wo er, seit der Premieurlieutenant Aparicio vom -Ingenieurs-Corps bei einem feindlichen Überfall in Beteta gefangen war, -ganz allein mit seinen zwei Compagnien Sappeurs sich befand, deren -Officiere er durch die ihm untergebenen Festungen vertheilen mußte. -Seit Monaten schon forderte er dringend, daß man von seinem schweren -Posten ihn ablöse oder doch einen andern Capitain dahin sende, der die -Last mit ihm theile; ebenso verlangte er<span class="pagenum"><a name="Seite_574" id="Seite_574">[S. 574]</a></span> mehrere Subaltern-Officiere. -Der Oberst, unschlüssig wie immer und zugleich unwillig, irgend -einen von uns zu detachiren, da wir in der That für die dringendsten -Bedürfnisse des diesseitigen Gebietes nicht hinreichten, verschob die -Erfüllung jenes Wunsches fortwährend und würde ihn ohne Zweifel nie -gewährt haben.</p> - -<p>Da sandte Brusco einen seiner Officiere direct an den General nach Mora -de Ebro; er stellte ihm vor, daß er allein sechs Festungen — Vejis, el -Collado, Alpuente, Castielfavib, Cañete und Beteta —, die eine Linie -von funfzig Stunden Weges bildeten und sämmtlich vom Feinde bedroht -waren, unter seiner Obhut habe und daher seiner Pflicht an keinem Orte -genügen könne. — Am 19. März langte die Ordre Cabrera’s an, daß ich -sofort mit zwei Officieren nach jener Linie abgehen solle, um dort in -Gemeinschaft mit Brusco die Leitung zu übernehmen.</p> - -<p>Es war mir dadurch die Hoffnung geraubt, bei der letzten Vertheidigung -von Morella mitzukämpfen, und diese Aussicht hatte mich so vieles -Schwere und Verdrießliche freudig ertragen gemacht. Aber dennoch -war es mir so lieb wie schmeichelhaft, daß der General mich zu dem -wichtigen und mit so vieler Verantwortlichkeit verknüpften Auftrage -ausersehen hatte; denn die dorthin gesandten Ingenieure mußten als -ganz selbstständig und unabhängig angesehen werden, da ihre Verbindung -mit dem Chef in Morella nur höchst unterbrochen und mitten durch -feindliches Land bewerkstelligt wurde. Auch wußte ich wohl, daß unsere -Stellung daselbst bei weit größerer Gefahr natürlich in jeder Hinsicht -sehr angenehm war, und Brusco kannte ich durch des Herrn von Rahden und -Verdeja’s Schilderungen als trefflichen Mann und treuen Cameraden, mit -dem ich gern mich vereinigen konnte. Und der Soldat liebt Abwechselung -und Veränderung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_575" id="Seite_575">[S. 575]</a></span></p> - -<p>So wie Espartero im November auf Calanda sich zurückgezogen, begann er -die ungeheuern Rüstungen, durch die er im Frühjahre jeden Widerstand -zu erdrücken dachte. Die Ingenieurs- und Artillerie-Parks wurden -vervollständigt, Belagerungsgeschütze und besonders Mörser wurden in -großer Zahl in Alcañiz versammelt und mit achtzigtausend Schüssen -versehen, die Truppen arbeiteten unaufhörlich an der Anfertigung von -Faschinen, Schanzkörben und Sandsäcken, und selbst aus entlegenen -Provinzen wurden Transportmittel zusammengeschleppt.</p> - -<p>Zugleich, da er gesehen hatte, daß Furcht und Versprechungen gleich -wenig die Standhaftigkeit der carlistischen Freiwilligen erschütterten, -suchte er durch einen Act kalt berechneter Grausamkeit auf sie zu -wirken, wie ihn bis dahin in solcher Ausdehnung selbst Spanien nicht -gesehen hatte; und diese Grausamkeit traf Schuldlose! Er ertheilte -Befehl, alle Individuen in Aragon, Valencia und Murcia, welche einen -Sohn, einen Bruder, Vater oder Gatten in den Reihen der Royalisten -zählten, unverzüglich aus ihren Wohnsitzen zu vertreiben und nach dem -nächsten carlistischen Gebiete zu führen. Bei Todesstrafe ward ihnen -die Rückkehr untersagt, während ihr Vermögen confiscirt wurde. — Zu -Tausenden langten bald die unglücklichen Ausgestoßenen in Morella und -den andern festen Punkten an, von Allem entblößt und ihr Geschick -beklagend; dennoch forderten sie die Ihrigen zur Ausdauer auf und -flößten ihnen nur noch wilderen Haß ein. Cabrera, indem er ihnen -Rationen reichen ließ, befahl strenge Repressalien, wohin immer seine -Truppen dringen möchten.</p> - -<p>Espartero’s Absicht war, während des Winters unsere Armee in ihrem -Hochgebirge zu blokiren und sie zu hindern, Hülfsmittel aus den -fruchtbaren Niederungen zu ziehen. Er errichtete deshalb Linien, ließ -viele kleine Orte befestigen und garnisoniren und gab selbst, wo das -Volk irgend den Christinos geneigt sich zeigte, den Landleuten Waffen -in die Hand, damit<span class="pagenum"><a name="Seite_576" id="Seite_576">[S. 576]</a></span> sie gegen unsere Streifcorps sich schützen könnten. -Dennoch drangen diese mitten durch sie und selbst in den Rücken jener -Linien ein und beuteten die Provinzen aus. Doch rettete die Krankheit -des Generals den Feind vor größeren Verlusten, da die Unterfeldherren -mehr mit Intriguen wegen der Folgen von Cabrera’s sicher erwartetem -Tode, als mit der Bekämpfung der Christinos sich beschäftigten und ihre -Truppen während des Winters fast ganz unthätig ließen.</p> - -<p>O’Donnell aber, um die Verbindung Arévalo’s im Turia mit der Hauptarmee -ganz abzuschneiden, hatte alle Ortschaften längs der Chaussee von -Teruel nach Segorbe befestigt, so daß es unumgänglich wurde, zwischen -zwei dieser, höchstens drei bis vier Stunden von einander entfernten, -Forts zu passiren, zwischen denen stets starke Cavallerie-Patrouillen -die Straße auf- und abtrabten. Er nahm darauf das drei Stunden jenseit -derselben liegende leicht befestigte Manzanera.</p> - -<p>Dann wurde General Aspiroz beordert, Chulilla anzugreifen, welches im -Thale des Guadalaviar — Rio Blanco — den Übergang über denselben -beherrschte, das südliche Valencia den Streifzügen der Carlisten -öffnete und dagegen den Feinden el Turia nach Südosten hin schloß. -Das Fort, auf einem isolirten Felsen angelegt, dessen Fuß im Süden -der Fluß bespült, enthielt nur Infanterie, etwa 200 Mann. Aspiroz -stellte sechszehn Geschütze gegen dasselbe auf, mit denen er bald die -künstlichen Vertheidigungswerke zermalmte, und die er so nahe placirte, -daß drei Scharfschützen, hinter einem Felsen liegend, eine Batterie -von vier Geschützen in einem Tage zweimal zum Schweigen brachten. -Dreizehn Tage hielt die brave Garnison das Feuer dieser Geschützmasse -aus, der sie nur ihre Gewehre entgegensetzen konnte; viermal versuchte -der Feind mit hohem Muthe die Erstürmung durch Escalade, und viermal -wurde er, schon auf dem Felsen angekommen, mit den Leitern in die Tiefe -zurückgeschleudert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_577" id="Seite_577">[S. 577]</a></span></p> - -<p>Doch Entsatz war nicht möglich, das Wasser fehlte, und endlich setzte -eine Bombe auch das Magazin der Mundvorräthe in Brand. Da vereinigten -sich die 87 Mann, welche noch lebten, ließen sich bei Nacht an Stricken -von der 50 Fuß hohen Felswand in den Fluß hinab und schlugen sich durch -den staunenden Feind, der hier am wenigsten angegriffen zu werden -erwartete. — Arévalo belohnte einen jeden Freiwilligen mit einem -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">real vitalicio</span> — einem Real täglich auf Lebenszeit, in Spanien -gewöhnliche Prämie für kriegerische Auszeichnung der Soldaten —; die -Officiere bekamen einen Grad.</p> - -<p>Nach dem Verluste von Chulilla ward Chelva, wo eine Kirche zur -Sicherung gegen einen Handstreich befestigt war, geräumt, worauf -der Feind es sofort besetzte und nebst Tuejar, Titaguas und Aras -befestigte, wo er dann seine Depots für die auf das Frühjahr -aufgeschobene Belagerung der übrigen carlistischen Festungen bildete.</p> - -<p>Arévalo, der sich im Allgemeinen ganz auf die Defensive beschränkte, -überfiel im Februar 1840 eine feindliche Colonne in Peralejos de las -Truchas in Castilien und nahm dreihundert Mann gefangen, gab aber im -März das Commando an den Brigadier Don Salvador Palacios ab, welcher -bis dahin mit Auszeichnung die Brigade von Tortosa befehligt hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Norden arbeitete indessen Espartero eifrig, um seinen Kaufplänen -Eingang zu verschaffen. Schon im December war Cabrera genöthigt -gewesen, eine General-Ordre mit der Bestimmung zu erlassen, daß -Niemand etwaigen schriftlichen Befehlen, selbst wenn sie mit seiner -Unterschrift und seinem Siegel versehen und auf das dazu gebräuchliche, -lithographisch reich verzierte Papier geschrieben seien, in irgend -zweifelhaftem Falle gehorche, wenn sie nicht persönlich durch -einen der — in der Ordre mit Namen bezeichneten — Adjudanten und -Ordonnanz-<span class="pagenum"><a name="Seite_578" id="Seite_578">[S. 578]</a></span>Officiere überbracht würde. Espartero hatte nämlich -durch einen Spion an den Gouverneur der Festung Aliaga eine Ordre -gesendet, vom Grafen von Morella unterzeichnet, welche die bestimmte -Weisung enthielt, die Festung sofort zu räumen und nach Verbrennung -aller Vorräthe, wo möglich mit den leichten Kanonen des Forts, auf -Villarluengo oder Cantavieja sich zurückzuziehen. Dem Gouverneur, der -kurz vorher ganz entgegengesetzte Befehle erhalten hatte, schien dieser -so eigenthümlich, daß er einen Irrthum voraussetzte, die Vollziehung -auf seine Verantwortung aufschob, bis er neue Instructionen vom General -erhalten würde, an den er sogleich einen Adjudanten schickte, und -während der Zeit den Überbringer, der sich verwirrt zeigte, arretirte.</p> - -<p>Da fand sich, daß der General nie eine ähnliche Ordre ausgestellt -hatte. Der Spion, da er sich entdeckt sah, gestand, daß Espartero sie -ihm eingehändigt und für die Überbringung eine große Belohnung zugesagt -habe; er ward erschossen. Der große Siegesherzog an der Spitze seiner -sechsfach überlegenen Massen fand es nicht unter seiner Würde, auch -noch zur Fälschung seine Zuflucht zu nehmen! Er hatte die Handschrift -des Grafen von Morella und die Verzierungen den echten so vollkommen -nachgemacht, daß ein Unterschied nicht zu entdecken war. — Ich selbst -sah im Hauptquartiere diese falsche Ordre.</p> - -<p>Da der Streich nicht gelungen war, griff er wieder zur Bestechung. Am -9. Januar ließ Llagostera einen Capitain und einen Kriegscommissair in -Castillote erschießen, überführt und geständig, mit dem feindlichen -Heerführer in Communication zu stehen und Geldsummen von ihm erhalten -zu haben. Wenige Tage später wurden zu Morella zwei Sergeanten und ein -Assistenz-Wundarzt, kurz vorher vom feindlichen Garde-Corps desertirt, -gefangen gesetzt, da sie durch heimlichen Verkehr mit unbekannten -Personen Verdacht erregt und viel in den Befestigungswerken sich -umhergetrieben hatten. So wie die Nachricht davon bekannt<span class="pagenum"><a name="Seite_579" id="Seite_579">[S. 579]</a></span> wurde, -verschwand ein Geistlicher, der in der Verwaltung angestellt und -in dessen Wohnung der Wundarzt mehrere Male gesehen war. Unter den -Effecten des Arztes fanden sich bei der Durchsuchung vier Päckchen mit -schnell wirkendem Gifte, versteckt unter anderen Päckchen von eben -derselben Form, welche Arzneimittel enthielten.</p> - -<p>Der Wundarzt wurde von den erbitterten Miñones des kranken Generals -niedergestochen, die Sergeanten aber, kaum der Wuth der Soldaten -entrissen, bekannten sich als Scheinüberläufer, zur Ausforschung und -Bearbeitung des Geistes der Besatzung und nebenbei zur Besichtigung -der Werke bestimmt; sie standen übrigens ganz zur Disposition des -Wundarztes, der auch durch zwei Bauern die Correspondenz mit dem -feindlichen Hauptquartier führte. Beide Sergeanten wurden füsilirt. Die -Bauern erschienen nicht wieder, der verschwundene Geistliche befand -sich schon am andern Morgen im Mas de las Matas.</p> - -<p>Doch wie viele seiner Anschläge vereitelt wurden, Espartero ermüdete -nicht, und es ist leicht begreiflich, daß unter Tausenden Einzelne -sich fanden, die seinen lockenden Verheißungen Gehör gaben und zum -Verrathe an der sinkenden Sache sich hinreißen ließen, da ja solcher -Verrath Gold und Ämter und selbst — Schande den sogenannten Liberalen -Spaniens! — Ehrenbezeugungen ihnen sicherte. Schon war die Armee ihres -Führers beraubt und damit die Hauptsache gethan. Der nächste Schlag -sollte ihr einen ihrer trefflichsten Stützpunkte nehmen, denjenigen, -der am meisten Espartero’s Truppen beunruhigte, da er weit in ihre -Flanke und ihren Rücken vorgeschoben war, und durch dessen Besitz es -den Carlisten möglich wurde, noch immer bis tief nach Aragon hinein zu -operiren.</p> - -<p>Die Wichtigkeit des Castells von Segura ist früher hinlänglich -dargethan. Da Espartero erst den Verkäufer gefunden, wußte er die -Ausführung so schlau und gewissenlos zu ordnen,<span class="pagenum"><a name="Seite_580" id="Seite_580">[S. 580]</a></span> daß auch der -Scharfsinnigste getäuscht und im Augenblicke der That unvorbereitet -überrascht werden mußte.</p> - -<p>Der Gouverneur von Segura, ein Oberst, dessen Name mir entfallen, -war ein alter braver Haudegen, seit dem Beginn des Krieges unter -den Waffen und entschiedener Royalist, der die Briefe, in denen ein -Adjudant Espartero’s im Namen seines Generals ihm Grade und bedeutende -Geldsummen anbot, im Fall er seine Veste überliefere, unerbrochen -dem Grafen von Morella zusandte, welcher das höchste Vertrauen in -seinen alten Waffengefährten setzte. Er hatte unter seinem Commando -drei Compagnien Infanterie von Aragon, ein Detachement Sappeurs und -ein anderes von der Artillerie als Besatzung des Castells und einige -Cavallerie, den Umständen nach von verschiedener Stärke, mit einem -kleinen Freicorps für die Streifzüge in das Innere der Provinz.</p> - -<p>Am 18. Februar fing der dienstthuende Capitain im Thore einen Bauer -auf, der in das Castell trat, und fand bei ihm Briefschaften von -Espartero, durch die dessen Einverständniß mit dem Gouverneur und dem -Platzmajor von Segura unzweifelhaft klar ward, so wie die Absicht, -während der Nacht die Festung zu überliefern. Der Capitain sticht -sofort den Bauer nieder, lieset seinen Grenadieren die aufgefangenen -Schreiben vor und fordert sie auf, im Blute der elenden Verräther die -Schandthat zu rächen und ihrem angebeteten Don Ramon zu zeigen, daß er -noch treue Soldaten hat. Einen Augenblick später haben die Grenadiere -wüthend den Gouverneur, den Platzmajor und einen andern Officier -getödtet, und ihr Capitain als ältester Officier übernimmt das Commando.</p> - -<p>Espartero, der bisher ruhig in seinen Standquartieren geblieben war, um -nicht die Aufmerksamkeit oder gar Truppen dorthin zu ziehen, eilte am -folgenden Tage mit einem Theile seines Heeres nach Segura. Eben so flog -Llagostera auf die Nachricht des Geschehenen von Castillote hinzu, die -Garnison<span class="pagenum"><a name="Seite_581" id="Seite_581">[S. 581]</a></span> abzulösen und einen neuen Gouverneur zu ernennen. Er fand, -am 21. bis Ejulve vorgedrungen, durch Espartero’s Massen den Weg sich -versperrt.</p> - -<p>Dieser begann am 23. die Belagerung der Festung, und am 25. eröffneten -seine Batterien ihr Feuer, welches die sechs Geschütze des Castells mit -Kraft erwiederten. Es dauerte sechs und dreißig Stunden ununterbrochen -fort, ohne jedoch Bresche geöffnet zu haben, da eine schmale Öffnung -in den Werken an einer Stelle, wo die Mauer auf einen dreißig Fuß tief -perpendiculair sich senkenden Felsen gegründet war, den Namen einer -Bresche nicht verdiente; es wäre unmöglich gewesen, sie practicabel zu -machen, da die Felswand stets dasselbe Hinderniß gegen den Sturm bot.</p> - -<p>Indessen hatte der selbstbestallte Gouverneur seine Compagnie seinem -Zwecke gemäß bearbeitet, indem er sie auf die gefährlichsten Posten -stellte, wo sie sehr litt, sie stets im Dienst hielt und dabei von -der Unmöglichkeit des Entsatzes und der Nutzlosigkeit weiterer -Vertheidigung durch dazu bestellte Leute reden ließ. Bei Tagesanbruch -am 27. rief er die Garnison zusammen und erklärte die Nothwendigkeit -der Capitulation, da Bresche geöffnet, Entsatz nicht zu hoffen -sei. Seine Compagnie stimmte ihm bei, aber die übrigen Officiere -erklärten entschieden, daß an Übergabe nicht gedacht werden könne, -und der Commandeur der Sappeurs, begleitet von den beiden andern -Compagnien, führte seine Leute zu der sogenannten Bresche, um den -Schutt aufzuräumen und sie sofort zu schließen, jenen Vorwand für die -Ergebung zu entfernen. Thätig mit der Arbeit beschäftigt, erhielten die -braven Freiwilligen plötzlich eine Salve aus dem Innern des Castells; -die Grenadiere hatten mit dem Geschrei: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">viva Don Ramon</span>; diese -wollen uns opfern!“ den Christinos das Thor geöffnet.</p> - -<p>So fiel die herrliche Festung, bei deren Erbauung so glänzende -Hoffnungen gefaßt werden durften, durch Verrath in die<span class="pagenum"><a name="Seite_582" id="Seite_582">[S. 582]</a></span> Gewalt der -Feinde. Die ganze Besatzung ward auf Discretion gefangen, doch erlaubte -ihr Espartero in seinem Jubel, ihr Gepäck und so viel Lebensmittel -mit sich zu nehmen, wie sie fortbringen könnte. Ungeheure Vorräthe -fanden sich im Castell und sechs schöne Geschütze, von denen nicht ein -einziges demontirt war.</p> - -<p>Llagostera, nach erhaltener Verstärkung am 26. bis Cabra, nahe -Montalban, vorgedrungen, zog sich auf die Nachricht von dem Verluste -von Segura auf Castillote zurück. Wenige Tage später langten sechszehn -von den Gefangenen, auf dem Marsche nach Daroca entflohen, bei der -Armee an; unter ihnen waren drei Grenadiere, die arretirt, aber, da sie -selbst so schändlich getäuscht waren, nicht weiter bestraft wurden.</p> - -<p>Der loyale Gouverneur und sein Major waren als Opfer ihrer Treue -gefallen, während der Capitain der Grenadiere — welcher <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">garde du -corps</span> Ferdinands VII., Secondelieutenant in der Armee, -gewesen war — nachdem er die Sache, der er sich widmete, verrathen, -seine Chefs und eigenhändig selbst den Unglücklichen, der ihm als -Werkzeug diente, ermordet und den ihm anvertrauten Posten ehrlos -überliefert hatte, als Oberst und mit dem Orden Isabella’s der Zweiten -geschmückt, ohne Scham in den Standquartieren der Christinos sich -zeigte, bis er nach Cuba, wohin er versetzt ward, abreisete. Espartero -aber, nachdem er prahlende Berichte über seine Waffenthat ausgefertigt -hatte, zog sich in seine alten Stellungen zurück, über weitere -Ausdehnung seines Systems zu brüten.</p> - -<p>Den Unwillen und das Entsetzen zugleich, welche der Verkauf von -Segura, begleitet von so empörenden Umständen, in Volk und Heer -hervorrief, wage ich nicht zu beschreiben; Jedermann blieb betäubt -und von kaltem Schauder durchrieselt bei der furchtbaren Nachricht. -Den hingeschlachteten Treuen zu Ehren ward ein feierlicher -Trauergottesdienst angeordnet, während dem Verräther der Fluch Aller -folgte. Noch war diese<span class="pagenum"><a name="Seite_583" id="Seite_583">[S. 583]</a></span> That in ihren Folgen besonders unheilbringend, -da schon die erste Botschaft von dem beabsichtigten Verrathe des -wackern Gouverneurs und von seinem Tode auf den General so tiefen -Eindruck machte, daß man abermals für sein Leben zitterte.</p> - -<p>Ich gestehe, daß ich außer mir war vor bitterm Schmerz und Grimm; ich -lachte, aber das Knirschen der Zähne tönte durch das dumpfe Gelächter -hindurch. Das waren entsetzliche Tage! Meine Gefühle machten mich -ungerecht. Da sehnte ich mich und flehte, daß ich von diesen Spaniern -befreit werde, daß Espartero rasch angreife und unter den Trümmern von -Morella uns begrabe, um nur nicht in solcher Lage leben zu müssen. -„So muß ich denn in jedem Gefährten einen Verräther fürchten,“ -fügte ich der Schaudernachricht im Tagebuche zu, „und darf Niemand -mehr vertrauen! Schrecklich, schrecklich, von solchem Geschlecht -sich umgeben zu wissen. Wenn doch Espartero mit einem Schlage Alles -beendete, Alles zermalmte, wenn es sein soll! Sollte ich das Ende des -Krieges überleben, so wird der Augenblick, in dem ich Spaniens Gränze -überschreite, der herrlichste meines Lebens, der Tag auf immer ein -Dank- und Jubelfest mir sein!“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wie wenig übrigens die Christinos daran dachten, die Zusagen zu -erfüllen, welche sie doch, so bald dadurch Hoffnung auf Erfolg sich -bot, überreichlich verschwendeten, trat um eben diese Zeit klar hervor, -da die constitutionelle Regierung im Königreiche Galicia in einer Nacht -alle die früheren Guerrilleros, welche dem Vertrage von Bergara sich -angeschlossen hatten, verhaften und nach den Colonien deportiren ließ. -Über funfzehnhundert jener Unglücklichen wurden so, größtentheils wohl -auf immer, ihrem Vaterlande und ihren Familien entrissen, da sie doch -volle Ansprüche auf alle die Vortheile hatten, welche der Vertrag den -ihm sich Anschließenden gewähren sollte. Wie schwer<span class="pagenum"><a name="Seite_584" id="Seite_584">[S. 584]</a></span> sie auch fehlten, -da sie verzagend ihren König verließen, als er gerade mehr als je -ihrer Treue und Festigkeit bedurfte, war es doch nie die Sache der -Christinos, dieses Verbrechen, dessen Früchte sie geerntet hatten, -selbst ihr Wort brechend, zu strafen.</p> - -<p>Gewiß eine gute Lehre für die, welche, nur den Einflüsterungen der -Selbstsucht folgend, geneigt sein mochten, den Versprechen und -Lockungen Gehör zu geben, durch die jetzt Espartero ebenso ihrer -Pflicht sie abwendig zu machen suchte.</p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier35" name="zier35"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 35" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_585" id="Seite_585">[S. 585]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXVI">XXXVI.</h2> - -</div> - -<p>Am 22. März verließ ich Morella, um den Marsch nach dem Turia -anzutreten. Die Gipfel der Gebirge waren weithin mit tiefem Schnee -bedeckt, während die Thäler schon das freundliche Frühlingskleid -anzulegen begannen, so daß ich, stets auf- und niedersteigend, eben -so oft die eisige Temperatur des Winters gegen laue Westhauche -vertauschte. Wo aber hoch im Gebirge der an ihrem Fuße so liebliche -Wind schneidend durch die Schluchten brausete, schien er alles Lebende -erstarren zu wollen.</p> - -<p>Wenige Tage früher hatte Espartero die Operationen wieder aufgenommen. -Auf dem Wege nach Cinctorres hörte ich weithin zur Rechten das Krachen -der Geschütze, die gegen das seit dem 19. März belagerte Castillote -so eben ihr Feuer eröffneten; und auch am folgenden Tage, da ich das -Gebirge gegen Mosqueruela erstiegen hatte, begleitete mich lange der -todverkündende Schall, schauerlich dumpf über die starren Schneegefilde -hintönend.</p> - -<p>Die Bravour, mit der Castillote vertheidigt wurde, ist selbst von -den Feinden anerkannt, die lediglich dem ungeheuern Übergewichte -ihres Materiales die endliche Eroberung zuschrieben und eingestanden, -daß sie durch die Waffen der Belagerten, wie durch das plötzlich -eingetretene strenge Wetter 2300 Mann <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">hors de combat</span> zählten -— der carlistische Bericht gab 4500 Mann an —. Das Castell, von -einem hohen Felsen hinab den Flecken beherrschend, hatte nur einen -Zugang, gegen den neunzehn schwere Geschütze aufgestellt wurden. Die -Garnison, nachdem sie den achten Sturm abgeschlagen hatte, ergab sich -am 26. März, nur noch 270 Mann stark, da alle künstlichen Werke der -Angriffsfronte demolirt waren und die im Angesicht des Forts stehenden -carlistischen Truppen keine Bewegung zu Gunsten desselben unternahmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_586" id="Seite_586">[S. 586]</a></span></p> - -<p>Der Mariscal de Campo Don Luis Llagostera verlor sein Commando, weil -er, mit sechs Bataillonen kaum eine halbe Stunde von Castillote -entfernt, vor seinen Augen es hatte nehmen lassen, ohne auch nur die -Arbeiten der Belagerungsarmee, die übrigens 32 Bataillone stark war, -im geringsten zu erschweren oder einen Versuch zur Rettung der braven -Besatzung zu machen. Der älteste Brigadegeneral Don Juan Muñoz y Polo -erhielt an seiner Stelle den Oberbefehl der Division von Aragon, da -er im Sommer 1839 mehrere Expeditionen in das Innere Castiliens mit -Gewandheit ausgeführt hatte und so eben von einem neuen Zuge nach der -Provinz Guadalajara zurückkehrte.</p> - -<p>Ich ward auf meinem Marsche von zwei Lieutenants des Geniecorps und -von acht Sappeurs begleitet, welche ich selbst aus dem Bataillon mir -ausgewählt; lauter entschlossene Kerle, auf die ich vor dem Feinde -mich verlassen durfte. Mit diesem Detachement sollte ich die funfzig -Meilen bis Cañete zurücklegen und zwar großentheils mitten durch ganz -dem Feinde unterworfenes und von seinen Forts gedecktes Land. Doch war -wirklich Gefahr nur in den fünf Meilen zu jeder Seite der Heerstraße -von Teruel nach Segorbe, während der Rest des Weges mit guten Führern, -Sorgfalt und Glück wohl ohne große Besorgniß zurückgelegt werden konnte.</p> - -<p>Außer jener Bedeckung sollte auch der Sappeur-Officier, welcher von -Brusco an den General gesendet war, mit mir nach Cañete zurückkehren. -Don Manuel Matias hatte in seinem Vaterlande Portugal als Sergeant -in dem Heere Don Miguel’s gedient und war nach dessen Vertreibung -mit der portugiesischen Legion nach Spanien gekommen, wo er die -erste Gelegenheit ergriff, um zu den Carlisten überzugehen. Bei -wildem, aufbrausendem Charakter zugleich höchst brav, entschlossen -und kenntnißreich war er bald zum Officier ernannt; noch in Chulilla -hatte er sich besonders hervorgethan, da er von Brusco zur Leitung der -Arbeiten dorthin detachirt war. Oberst Alzaga<span class="pagenum"><a name="Seite_587" id="Seite_587">[S. 587]</a></span> hatte ihn in Morella -arretirt, weil er einer Dame wegen, welche, die Gnade des Generals für -ihren auf dem Collado wegen Veruntreuungen in enger Haft gehaltenen -Gatten, einen Oberstlieutenant, zu erflehen, mit Matias von Cañete her -gekommen war, und mit der er in sehr vertrauten Verhältnissen stehen -sollte, grobe Nachlässigkeiten sich zu Schulden kommen ließ. Erst im -Augenblicke des Abmarsches wurde er in Freiheit gesetzt. Er hatte -übrigens etwa zwölfhundert Duros für die beiden jenseit der Straße -stationirten Compagnien Sappeurs bei sich, so wie das Pferd und die -prachtvollen Waffen, welche sein Compagnie-Chef für die Reise ihm -geliehen hatte.</p> - -<p>In dem Städtchen Cinctorres angelangt, fand ich den vorausgerittenen -Matias und mit ihm — die verrufene Doña! Das war mir ein Donnerschlag -aus heiterem Himmel, da abgesehen von dem Widerwillen, den solche -Geschöpfe stets mir einflößten, auf einem Marsche, wie der unsere, und -unter jenen Verhältnissen Damen mit sich führen wenig anders hieß, als -geradezu sich und, was schlimmer, die anvertrauten Leute dem Feinde -in die Hände liefern. Ich expostulirte mit Matias, der mir jedoch -erklärte, daß ihm die Ehre nicht erlaube, die Dame zu verlassen, -welche seinem Schutze sich übergeben habe, und daß er lieber allein -mit ihr den Gefahren der Reise sich aussetzen werde, wenn ich für -meine Sicherheit oder Bequemlichkeit ihre Gesellschaft nicht zulassen -wolle. Da schwieg ich und gab achselzuckend meine Einwilligung unter -der Bedingung, daß wir nie ihretwegen warten oder gar Veränderungen in -unserm Reiseplane — wir mußten billiger Weise Tag und Nacht marschiren -— treffen würden, was bereitwillig angenommen wurde.</p> - -<p>Doch schon am folgenden Morgen stand das Detachement eine halbe Stunde -zum Abmarsch fertig, ehe Matias seinen Schützling heranführte. Die -Sappeurs, deren einige mit ihm von Cañete gekommen und da um des -Weibes willen Viel geplagt waren, murrten laut und prophezeiten Unheil -aus solcher<span class="pagenum"><a name="Seite_588" id="Seite_588">[S. 588]</a></span> Begleitung; erst die Drohung, zweihundert Stockschläge -auszutheilen und im Wiederholungsfalle den Schuldigen erschießen zu -lassen, brachte sie zum Schweigen, da sie wohl wußten, daß das Recht -dazu mir zustand, und daß ich nicht zweimal zu drohen pflegte.</p> - -<p>Aus Rücksicht auf den Cameraden hatte ich meine Abneigung so weit -besiegen zu müssen geglaubt, daß ich der Dame, da kein Maulthier im -Dorfe aufzutreiben war, eines meiner Packthiere einräumte, wogegen ich -dachte, ihr Sohn, ein Cadet von vierzehn Jahren, könne füglich eben so -gut wie meine Sappeurs zu Fuß gehen. Ich ritt mit dem Lieutenant Losada -und vor mir zwei Sappeurs an der Spitze, Matias mit seiner Gefährtinn -und der Bagage folgte, und Lieutenant Valero mit vier Sappeurs schloß -den Zug, während die beiden andern rechts und links das Terrain -durchsuchten. Der Cadet, ein hübscher, munterer Junge, sprang leicht -wie ein Reh bald vor mir her, bald scherzte er hinten mit Valero, der -eben so munter und etwa achtzehn Jahr alt war.</p> - -<p>Da die Wege furchtbar schlecht und oft mit fußhohem Schnee bedeckt -waren, ein grimmig kalter Wind aber fortwährend neue Schneemassen uns -in das Gesicht peitschte, bildete sich nicht selten ein Zwischenraum -von einigen hundert Schritt zwischen den verschiedenen Abtheilungen, -die eine jede für sich streng geschlossen zu bleiben angewiesen waren.</p> - -<p>Plötzlich erregte ein lautes Geschrei hinter mir meine Aufmerksamkeit. -Matias, vom Pferde gesprungen, haute unter Fluchen und Schreien mit -einem Knittel auf einen der <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">bagageros</span> los, der auf dem kaum -sechs Fuß breiten Wege zurückweichend, im Begriffe war, in den neben -demselben tief unten brausenden Fluß rücklings hinabzustürzen, als ein -Sappeur den Lieutenant ergriff und mit unwiderstehlicher Kraft dem -Abgrunde zuschleuderte. Mit dem Kopfe voran stürzte Matias hinunter; -aber seine Füße verwickelten sich in einigen Wurzeln, und rasch<span class="pagenum"><a name="Seite_589" id="Seite_589">[S. 589]</a></span> mit -den Händen unten sich anklammernd blieb er hängen, während er, in die -Tiefe fallend, unrettbar auf den Felsen zerschmettert wäre.</p> - -<p>Im nächsten Augenblicke war ich dort und hatte den Sappeur durch einen -Säbelhieb zu Boden gestreckt; es war Zurita, der beste und ruhigste -Mann des Bataillons. Bald war Matias an den Füßen in die Höhe gezogen -und konnte, wiewohl noch todtenbleich, den Vorfall erzählen. Seine -Freundinn wollte den Cadet mit sich auf das Saumthier steigen lassen, -wogegen der Eigenthümer protestirte; die Dame schalt in nicht sehr -gewählten Ausdrücken auf den Bauer, dieser antwortete impertinent, -und der leidenschaftliche Matias eilte, ihn dafür zu strafen. Jetzt -forderte er — und mit Recht —, daß Zurita, da er sich an seinem -Vorgesetzten vergriffen hatte, augenblicklich erschossen werde. Ich -begnügte mich indessen, den in die Schulter so schwer Verwundeten, -daß er ein Maulthier besteigen mußte, zu arretiren, das Weitere mir -vorbehaltend, worauf wir den Marsch fortsetzten und spät am Abend in -Mosqueruela anlangten. Im Hause eines armen, aber wackern Mannes, -bei dem ich früher ein Mal logirt hatte und daher eines herzlichen -Empfanges sicher war, thauete ich an einem tüchtigen Feuer in der Küche -die erstarrten Glieder auf.</p> - -<p>Am 24. März mußte ich in dem Städtchen, welches niedlich und zur -Zeit des Friedens durch Gewerbthätigkeit wohlhabend ist, wiewohl -die Lage im wildesten Gebirge es nicht begünstigt, wegen heftigen -Schneegestöbers ruhen, da der Weg über das hohe und rauhe Plateau, die -Wasserscheide des Ebro-Gebietes und der südlich durch Valencia dem -Meere zuströmenden Gewässer, nach Linares ganz ungangbar war. — Ich -erklärte dort dem Lieutenant Matias, daß ich fortan gar keine Rücksicht -auf seine Gefährtinn nehmen werde, da ich um solch eines Weibes willen -die Sicherheit meiner Leute nicht länger compromittiren durfte, die -übrigens stets unruhiger und nur<span class="pagenum"><a name="Seite_590" id="Seite_590">[S. 590]</a></span> durch größte Festigkeit, gepaart mit -guter Behandlung, in ihrer Pflicht erhalten wurden. Sie waren, wie -gesagt, die besten Leute des Corps; aber der Gedanke, ihren Cameraden -wegen jener Frau vielleicht füsilirt zu sehen, regte sie so auf, daß -sie leicht zu jeder Gewaltthat sich hätten hinreißen lassen.</p> - -<p>Zurita dagegen erkannte sehr wohl die Größe des Verbrechens, welches -er begangen hatte. Zu sich gekommen von der ersten Überraschung, -war er betäubt bei der Idee dessen, was er gethan; er begriff -nicht, wie er dazu gekommen war, und indem er die Gerechtigkeit der -Strafe anerkannte, beklagte er nur, so schimpflichen Todes sterben -zu müssen. Ich war glücklich, da die Umstände mir gestatteten, den -Bedauernswerthen dem ihm drohenden Geschicke zu entziehen.</p> - -<p>Am 25. ging die Sonne an wolkenleerem Himmel auf, aber die Kälte -war entsetzlich. Der Schnee lag auf der ganzen drei Stunden weiten -Strecke bis Linares drei bis fünf Fuß hoch und war so fest gefroren, -daß selbst die Pferde wie auf Felsen über ihn weggingen, ohne Spuren -zu hinterlassen. Dabei war natürlich Nichts vom Wege sichtbar, und -ich verdankte es nur meiner Vorsicht, da ich trotz der Klagen des -Ayuntamiento von Mosqueruela sechs Guiden mitgenommen hatte, daß ich -endlich um Mittag in Linares ankam. Der Wind war auf jenem Plateau -unglaublich schneidend kalt, und ich erinnere mich nicht, je so Viel -von der Kälte gelitten zu haben, wie dort auf der Gränze des gerühmten -Königreiches Valencia in den letzten Tagen des Märzes; an Reiten war -gar nicht zu denken, und tief in den Mantel gewickelt, mit dem Kragen -desselben selbst den Kopf bedeckt, mußte ich dennoch alle zehn Minuten -Halt machen, um unter dem Schutze irgend eines Felsens und dem Winde -den Rücken zugewendet vor Allem Gesicht und Ohren durch Reiben etwas zu -erwärmen. Es war mir, als würden während der ganzen drei Stunden mit -einem spitzen Instrumente Furchen über das Gesicht gezogen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_591" id="Seite_591">[S. 591]</a></span></p> - -<p>In Linares fand ich einen Aide de camp des Generals mit der Errichtung -eines — wie er es nannte — Forts beschäftigt. Eine alte Kirche suchte -er nämlich auf die merkwürdigste Weise mit Flankenfeuer zu versehen, -zu welchem Zwecke er auch oben unter dem Dache einige Balken weit -hervorgeschoben und auf ihren äußersten Enden, über der wenigstens -achtzig Fuß hohen Tiefe schwebend, ein hölzernes Hüttchen mit bunt -durcheinander geworfenen Schießscharten gebaut hatte, was er denn stolz -flankirende Thürme von seiner Erfindung nannte. Und dazu ließ er ein -Dutzend Häuser rings um die Kirche abbrechen! Die ganze Stadt liegt -übrigens in einem tiefen Kessel, so daß das wunderbare Fort auf weniger -als halbe Flintenschußweite von allen Seiten durch hohe Berge überragt -war.</p> - -<p>Ich gab dem guten Aide de camp den Rath, nicht länger seine Zeit hier -zu vergeuden, und eilte trotz seiner Bitte, so wie ich mich gewärmt -und durch Speise gestärkt hatte, von dannen, den Marsch gen Süden -fortsetzend. Nun ging es fortwährend bergab, und ehe wir viele Stunden -zurücklegten, umsäuselten uns wieder die milden Zephyre, mehr dem -Frühlinge angemessen; bald fanden wir schon Blumen und endlich gar in -den Gärten der anmuthigen Dörfer Gemüse und wohlschmeckende Kräuter, -wie die wärmeren Theile Spaniens in jeder Jahreszeit sie hervorbringen. -Ohne selbst es zu empfinden, hätte ich so raschen Wechsel nicht für -möglich gehalten, da wir, von dem großen Hochplateau von Aragon -und Valencia, in dem ich die letzten fünf Monate zugebracht hatte, -herabsteigend, plötzlich aus dem strengsten Winter in oft drückende -Sommerwärme versetzt waren.</p> - -<p>Meine Absicht war, in la Puebla de Arenoso neue Führer und Maulthiere -zu nehmen, dann bis zu einer einsamen Masada, die eine Stunde von der -gefährlichen Chaussee liegen sollte, vorzugehen und nach kurzer Ruhe -am folgenden Morgen die Straße zu überschreiten, um jenseits noch -während des Tages aus dem<span class="pagenum"><a name="Seite_592" id="Seite_592">[S. 592]</a></span> Bereiche des Feindes gelangen zu können. -Als wir gegen Abend Olva uns näherten, befahl ich daher dem Lieutenant -Matias, der am besten beritten war, mit dem Passe vorauszueilen und in -la Puebla Rationen und Guiden zu besorgen, wodurch jeder Aufenthalt -vermieden wurde. Seine Reisegefährtinn folgte uns stets auf geringe -Entfernung, ohne daß er zu unserm Erstaunen sich weiter um sie zu -bekümmern schien.</p> - -<p>Um neun Uhr langte ich in la Puebla an, wo ich von Matias keine Spur, -wohl aber ein Bataillon von Valencia traf; die Wachen im Dorfe sagten -aus, daß kein Officier angekommen sei, die Dame und der Cadet waren -seit Olva nicht mehr gesehen worden. Einen Augenblick zweifelte ich -und hoffte, er werde, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, rasch -nachkommen. Aber die Aussagen einiger Bauern drängten mir bald die -traurige Gewißheit auf: Matias war desertirt.</p> - -<p>Sofort sandte ich den Lieutenant Losada und drei Sappeurs zur -Verfolgung der Flüchtigen mit der Ordre, im Falle er sie einhole, -das Weib gefangen zurückzubringen, Marias aber, wenn er Miene zum -Widerstande oder zur Flucht mache, ohne Bedenken niederzuschießen. -Ich selbst ging mit Valero auf Olva zurück, wo ich um Mitternacht -anlangte; der Commandant d’armes der Stadt sollte so eben eine Depesche -erhalten und demzufolge nach Linares abgereiset sein, weshalb ich -selbst für alle Bedürfnisse sorgen mußte. Meine Lage war nicht sehr -beneidenswerth. Kaum drei Stunden entfernt waren zwei feindliche Forts, -die sehr bald von unserm Dasein Nachricht erhalten mußten; auch würde -Matias, mit allem uns Betreffenden vertraut, wenn er entkam, die Mittel -zu unserer Gefangennehmung leicht angegeben haben. An Abmarsch aber -war nicht zu denken, ehe die Saumthiere abgelöset wurden, was vor dem -nächsten Tage nicht geschehen konnte. Ich gestehe, daß ich zur kurzen -Ruhe mit der Idee mich niederlegte, am folgenden Abend getödtet oder -gefangen zu sein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_593" id="Seite_593">[S. 593]</a></span></p> - -<p>Früh Morgens kam Losada zurück. Er hatte die Spur der Flüchtigen von -Masada zu Masada verfolgt, bis die Erschöpfung seiner Leute ihm die -Hoffnung geraubt hatte, sie zu erreichen. In kurzem brachte ein Spion -die Nachricht, daß ein Officier der Sappeurs mit Frau und Bruder, dem -Cadetten, in la Albentosa sich präsentirt habe, wo auch der Commandant -d’armes von Olva — bisher als eifrigster Carlist und sehr wichtiger -Dienste wegen gerühmt! — während der Nacht angelangt war. Matias hatte -alles ihm anvertraute Geld, so wie Pferd und Waffen des Lieutenants -Norma mit sich genommen.</p> - -<p>Seufzend verfluchte ich die Elenden, die durch so selbstische Motive -zum Verrath sich hinreißen ließen, und verfluchte die Schwäche, so oft -durch traurige Beispiele belegt, des Mannes, da ein verbuhltes Weib bis -zur schmachvollsten Verletzung seiner Pflichten und seiner Ehre ihn zu -treiben vermag!</p> - -<p>Das Glück wollte mir wohl. Am Abend passirte ich ohne Unfall die -Heerstraße zwischen den beiden drittehalb Stunden von einander -entfernten Forts Barracas und la Albentosa, nachdem fünf Minuten -vorher eine Escadron feindlicher Dragoner vor unsern Augen sie -abpatrouillirt hatte. Zwei Tage später, nachdem ich einen hohen -und wilden Gebirgsrücken überstiegen und den Guadalaviar passirt, -langte ich in dem festen Castiel Favib an und wurde am 30. März -in Cañete — Neu-Castilien, Provinz Cuenca — von Brusco und dem -Premierlieutenant Norma herzlich empfangen. Nach einigen Verwünschungen -gegen den Treulosen tröstete sich Norma bald über den durch Matias’ -Desertion ihm gewordenen Verlust, da er wenige Wochen vorher bei der -Anwesenheit einiger Bataillone und Escadrone mit merkwürdigem Glücke -über dreihundert und achtzig Unzen Gold — <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la onza</span>, die größte -Goldmünze Spaniens, gilt 84 <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">francs</span> — zusammengewonnen hatte.</p> - -<p>Auf dem Marsche nach Überschreitung der Heerstraße war ich einigen -Bataillonen von Tortosa und Valencia nebst mehreren<span class="pagenum"><a name="Seite_594" id="Seite_594">[S. 594]</a></span> Escadronen von -Aragon begegnet, die seit dem Januar unter Brigadier Polo auf einer -Expedition in die Provinz Guadalajara begriffen und nun auf der -Rückkehr nach Morella waren, um dort beim Beginn der Feindseligkeiten -nicht zu fehlen. Hauptsächlich ausgesendet, um die Zahl der -Consumirenden in unserm Gebiete zu vermindern, waren sie ruhig und -friedlich in jener Provinz umhergezogen, da die Christinos vorzogen, -bei ihrer Annäherung in die festen Punkte sich einzuschließen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Cabrera richtete von jeher seine Aufmerksamkeit auf das reiche -und carlistisch gesinnte Ländchen el Turia, dessen Besitz alle -Unternehmungen nach dem südlichen Valencia, Murcia und Neu-Castilien -ungemein erleichterte, während seine zum Theil sehr bedeutenden Gebirge -der Kriegsweise der Carlisten nicht ungünstig waren. So wurde diese -Provinz vom Anfang an häufig der Schauplatz von Cabrera’s Siegen, und -es hatten sich selbst bedeutende Corps dort und in der nahen Provinz -Cuenca gebildet, welche durch die Configuration der Oberfläche ähnliche -Vortheile darbot, die jedoch in höherem Grade durch die Nähe der -Hülfsquellen der Feinde und die vermehrte Aufmerksamkeit paralysirt -wurden, welche dieselben deßhalb gegen die Festsetzung der Carlisten in -ihr richteten.</p> - -<p>Tallada bildete seine schöne Division von 4000 Mann ganz in jenen -beiden Provinzen, und als sie durch des Führers Fehler im Februar 1838 -vernichtet, er selbst getödtet war, eilte Arnau, aus den Trümmern -derselben und den fortwährend hinzukommenden Elementen ein neues Corps -zu bilden, mit dem er in Chelva sich behauptete.</p> - -<p>Als nun aber in der zweiten Hälfte 1838 die Armee des Grafen von -Morella, überall siegreich, die glänzendsten Vortheile davontrug, -und als der General nun seine Operationen über<span class="pagenum"><a name="Seite_595" id="Seite_595">[S. 595]</a></span> den engen Kreis, -in den sie bis dahin eingezwängt blieben, ausdehnen und auf die -Eroberung Castiliens und die dadurch herbeizuführende Beendigung -des Krieges denken durfte, da sollte el Turia zur Grundlage für die -Ausführung dieser Pläne dienen und demnach so befestigt werden, daß -es als Depot für alle Kriegsbedürfnisse und als Stützpunkt für die -Offensiv-Operationen sowohl, als zum Repli im Falle eines Unglückes -gesichert sei und jeden feindlichen Angriff mit Kraft zurückweisen -könne. Vejis, Chulilla und Alpuente wurden so wie der Gipfel des -mehrere tausend Fuß hohen und isolirten Collado in Festungen -umgewandelt, und zur Sicherung der Verbindung mit dem Hochgebirge -von Morella und Cantavieja wurden auch Montan und Manzanera leicht -befestigt.</p> - -<p>Im Sommer 1839 ward Capitain Brusco mit der Leitung dieser -Vertheidigungswerke beauftragt, während Brigadegeneral Arévalo in der -Provinz commandirte, wo er mehrfach bedeutende Vortheile über den -Feind davontrug und bald wieder drei vollständige Bataillone mit zwei -Escadronen organisirt hatte.</p> - -<p>Während dieses in el Turia geschah, drangen Cabrera und seine -Unterfeldherren nach Westen vorwärts, denn dorthin lag ja die -Entscheidung; und so wie sie vordrangen, suchten sie das Erworbene sich -zu sichern, ihren Truppen Anhalts- und Stützpunkte zu verschaffen, auf -denen sie dann weiter bauen könnten. Daher befahl Cabrera, Cañete, acht -Stunden östlich von Cuenca, zu befestigen, zu dessen Verbindung mit -dem Turia dann auch Castiel Favib besetzt werden mußte. Daher ward im -Sommer 1839, als die Carlisten — da die Feinde ihnen schon nicht mehr -entgegentraten, vielmehr bei ihrer Annäherung in die großen Städte sich -zurückzogen — bis tief in die Provinz Guadalajara hinein herrschten, -dort Beteta zur Festung gemacht, nur ein und zwanzig Leguas von Madrid -entfernt und nahe dem Tajo dessen Quellen beherrschend.</p> - -<p>So lange aber jene Glanzepoche der carlistischen Macht im<span class="pagenum"><a name="Seite_596" id="Seite_596">[S. 596]</a></span> östlichen -Spanien dauerte, hatte Cabrera immer nur vorwärts gestrebt, ohne weiter -an Ausdehnung nach den Seiten hin zu denken; er wollte sich ja nicht -in Castilien zur Vertheidigung vorbereiten, da ein Angriff unmöglich -schien, sondern lediglich den Weg nach Madrid sich bahnen, dessen -Eroberung das Centrum der Halbinsel ganz ihm übergeben hätte. Durch den -Andrang Espartero’s war er nun genöthigt gewesen, zur Vertheidigung -des Hochplateaus, des Hauptsitzes seiner Macht, sich zurückzuziehen, -und in diesen so weit vorgeschobenen Festungen konnte er kaum die -nöthigen Besatzungen lassen, welche ganz auf sich angewiesen blieben, -da Arévalo’s Bataillone bei den weiten Entfernungen der Punkte wohl gar -wenig wirken konnten und sich auf el Turia, als ein abgerundetes Ganzes -mehr vertheidigungsfähig, beschränkten.</p> - -<p>Die Christinos dagegen sandten sofort zwei starke Colonnen gegen sie, -von denen die eine unter General Aspiroz, von Valencia vordringend, -nach der Einnahme von Chulilla zunächst Vejis und Alpuente bedrohete, -während die zweite unter General Balboa bestimmt war, die Provinzen -Cuenca und Guadalajara zu schützen, die Besatzungen von Cañete und -Beteta in Schach zu halten und endlich diese Punkte anzugreifen, wozu -sie stets Vorbereitungen traf, bis der Fall von Morella, den Krieg -entscheidend, sie unnütz machte.</p> - -<p>Diese Linie von Cañete, wie sie nach ihrem Hauptorte genannt wurde, war -nun zu einer wahren Linie geworden, die ganz ohne Ausdehnung nach den -Seiten hin tief in das Innere von Neu-Castilien, echt christinosches -Land, sich erstreckte. Das Resultat davon war, daß wir dort eben die -Rolle spielten, auf die wir beim Beginn des Krieges die feindlichen -Truppen und Besatzungen in den aufgestandenen Provinzen zu beschränken -pflegten. Die Carlisten herrschten nur da, wo sie gerade sich befanden, -d. h. in ihren festen Plätzen, und allenthalben, wo die Furcht vor -ihren oft sehr gewagten Streifzügen ihnen<span class="pagenum"><a name="Seite_597" id="Seite_597">[S. 597]</a></span> Respect verschaffte. Die -Christinos zogen dagegen beliebig zwischen den einzelnen Vesten umher, -und wir konnten von der einen zur andern nur mit starker Bedeckung, oft -auf weiten Umwegen und auch so noch nicht ohne große Gefahr gelangen, -da die Garnisons der zahlreichen, die Linie überall umgebenden und -flankirenden Forts und die noch gefährlicheren Partheigänger stets -bereit waren, einzelne oder unvorsichtige Reisende wegzufangen.</p> - -<p>Von einem carlistischen Gebiete konnte also dort seit dem Rückzuge -Cabrera’s gar nicht die Rede sein. Brusco hatte vorgeschlagen, das -Gebirge von el Albarracin zu befestigen, dadurch der Quellen der vier -mächtigen in ihm entspringenden Flüsse sich zu versichern und so, ohne -durch sie gehindert zu sein, von ihm aus nach den umliegenden Provinzen -sich auszudehnen. Auch hätte dieser Plan, wenn er, als noch Cabrera -unbestritten jene Länder beherrschte ausgeführt wäre, von höchstem -Nutzen für den späteren Vertheidigungskrieg sein können. Aber damals -glaubte Niemand, daß Cabrera je auf einen solchen reducirt sein würde, -und als Maroto’s Verrath ihn so plötzlich in hoffnungslose Defensive -zurückwarf, war es zu spät zur Ausführung.</p> - -<p>Noch verdient bemerkt zu werden, daß sich durch die Ereignisse aus den -einzelnen Festungen der Linie eben so viele, man darf wohl sagen, ganz -unabhängige Militair-Republiken gebildet hatten. Arévalo — und seit -dem Monate März Brigadier Palacios — war commandirender General im -Turia und dem Namen nach im Königreiche Murcia, da die Eroberung dieser -Provinz, in die vor Espartero’s Andrängen häufige Expeditionen gemacht -wurden, von hier aus geschehen sollte, während Castilien unter dem -unmittelbaren Oberbefehle des Generals en Chef stand. Jene erklärten -daher mit Recht, sie würden das Commando in Castilien nicht übernehmen, -weil ihnen mit demselben die Verantwortlichkeit und im Falle eines -Angriffs die Verpflichtung zu helfen geworden wäre, der sie sich nicht -unterziehen<span class="pagenum"><a name="Seite_598" id="Seite_598">[S. 598]</a></span> wollten, da sie auch im eigenen Gebiete nicht mehr zu -helfen wußten. Was sollten sie thun mit ihren drei Bataillonen?</p> - -<p>Brigadier Valmaseda aber, von Sr. Majestät zum commandirenden General -von Alt-Castilien ernannt, hatte von Cabrera bei seiner Rückkehr aus -Catalonien Beteta angewiesen bekommen, um von dort aus, bis er in -seiner Provinz sich festsetzen könne, seine Operationen zu unternehmen. -Er commandirte also nur dort und zwar vorübergehend.</p> - -<p>So kam es, daß der Gouverneur von Cañete, Oberst Gil, da Jedermann -behauptete, dort Nichts zu schaffen zu haben, gleichfalls ganz -unabhängig dastand und mit seiner Garnison und einem kleinen Freicorps, -welches er für die nöthigen Streifzüge errichtet hatte, so weit die -Christinos es zuließen, unumschränkt herrschte. Die drei Anführer -hatten sich übrigens vereinigt, um, wenn immer die eigenen Verhältnisse -es erlaubten, zu gegenseitiger Hülfe zu eilen und ihre Operationen -zu combiniren; und die Art, in der sie bis zum letzten Augenblick es -thaten — eben dieser letzte Augenblick machte eine traurige Ausnahme -— verdient Bewunderung, da nie Eifersucht sich kund gab. Von Cabrera -erhielten sie gar keine Instructionen oder Ordres mehr, indem theils -seine Krankheit und die Unterbrechung der Communication durch die -Feinde solche verhinderten, theils auch die Verhältnisse der Art -waren, daß augenblickliches, selbstständiges Handeln allein wirksam -sein konnte, was der General zu wohl zu würdigen wußte, als daß er den -Commandirenden nicht ganz freies Spiel gelassen hätte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gewiß ist es unbegreiflich, daß die Christinos die außerordentliche -Schwäche ihrer Gegner im Turia und in Castilien nicht eher wahrnahmen -oder, falls sie davon unterrichtet waren, sie nicht lange vorher -vernichteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_599" id="Seite_599">[S. 599]</a></span></p> - -<p>Im Turia befehligte, wie gesagt, im Frühjahre 1840 der Brigadier -Palacios. Die ganze Macht, welche er vorfand, bestand aus drei -Bataillonen und zwei Escadronen, 2200 Mann Infanterie und 180 Pferden, -welche noch dazu die drei Forts von Vejis, Alpuente und el Collado -garnisoniren mußten. Die beiden letzteren lernte ich auf einer -Inspections-Reise kurz vor dem Verluste von Alpuente kennen. Dieses war -ein kleines Städtchen, über dem auf einer felsigen Höhe das Castell -prangte, so massiv gebaut, daß seine Mauern an einzelnen Stellen, -ganz der sonst üblichen Befestigungsart in jenem Kriege zuwider, über -dreißig Fuß Dicke hatten. Auch war es mit starken Erdwällen versehen, -die sonst gleichfalls selten sich fanden, da der Spanier allgemein die -bloßen Mauern weit höher schätzt, und es enthielt für die Magazine -sowohl, als für die Garnison bombenfeste unterirdische Räume, die -Nichts zu wünschen übrig ließen. Die Werke vertheidigten und flankirten -sich wechselseitig sehr gut, und da der aus dem härtesten Felsen -bestehende Grund den Gebrauch der Minen sehr erschwerte, durfte das -Castell als ausgezeichnet vertheidigungsfähig angesehen werden.</p> - -<p>Der letzte Gouverneur von Alpuente war ein Catalan, ganz ohne -Erziehung, roh und leidenschaftlich, der, ohne lesen und schreiben -zu können, durch persönliche Bravour auf dem Schlachtfelde vom -Soldaten zum Oberstlieutenant sich emporgeschwungen hatte. Durch einen -beklagenswerthen Mißgriff war ihm solch ein Posten anvertraut. Als -er belagert wurde, zeigte sich, daß sein beim Angriff und in offener -Schlacht so stürmischer Muth nicht mit der ausdauernden Festigkeit -und Kaltblütigkeit gepaart war, die allein in der Vertheidigung -seines Castells ohne Aussicht auf Hülfe und fast ganz ohne Artillerie -gegen überreichlich damit versehene Feinde ein ehrenvolles Ende ihm -versichern konnten, wo der Sieg nicht mehr möglich war.</p> - -<p>El Collado aber ist ein wenige Meilen nördlich von Alpuente gelegener -Berg, so hoch, daß das Hinaufreiten mich eine<span class="pagenum"><a name="Seite_600" id="Seite_600">[S. 600]</a></span> gute Stunde kostete. Auf -der etwa fünfhundert Schritt langen und hundert und funfzig Schritt -breiten Ebene auf dem Gipfel desselben war ein Fort construirt, -welches weit die umliegenden Berge überragte und nach allen Seiten -hin eine weite Fernsicht über Aragon, Valencia und Castilla gewährte. -Hinlänglich mit allen Bedürfnissen versehen und gut vertheidigt durfte -es, wenn solche Bezeichnung überall gebraucht werden kann, uneinnehmbar -genannt werden, da es mit seiner schweren Artillerie alle Zugänge -vollkommen beherrschte, während Minen auch hier nicht anwendbar waren. -Das Fort hatte gleichfalls sehr gute bombenfeste Gewölbe, so wie eine -erprobte Besatzung und einen tüchtigen Gouverneur. Er hielt sich noch, -als Cabrera bereits nach Frankreich übergetreten war.</p> - -<p>Hierher hatte der General im Sommer 1839 einen Theil seines schweren -Geschützes gesandt, welches dann bei dem Anmarsche Espartero’s nicht -vollständig zurückgebracht werden konnte, wodurch in Morella und -Cantavieja der Mangel an Artillerie später sehr empfindlich wurde. -So befanden sich im Collado neun Achtzehn- und Vierundzwanzigpfünder -nebst mehreren Haubitzen und Mörsern; vier von ihnen waren nach Cañete -bestimmt, langten aber nie dort an, da der im Turia commandirende -General unter verschiedenen Vorwänden, deren die Nähe des überlegenen -Feindes so viele darbot, den Transport stets aufzuschieben wußte.</p> - -<p>Wir sahen, wie den Streitkräften Palacios’ gegenüber General Aspiroz -in Chulilla, Chelva, Tuejar und Titaguas sich festgesetzt hatte. Bald -befestigte er auch Aras und erwartete nur die bessere Jahreszeit, -um mit seinen 8000 Mann und dem Belagerungs-Park, den Valencia ihm -geliefert, der andern carlistischen Forts sich zu bemächtigen.</p> - -<p>Der Gouverneur von Cañete, Oberst Don Eliodoro Gil, hatte als Besatzung -seiner Festung ein neu gebildetes Bataillon von Castilien, aus 700 -<em class="gesperrt">Conscribirten</em> bestehend — die übrigen<span class="pagenum"><a name="Seite_601" id="Seite_601">[S. 601]</a></span> Bataillone waren aus -Freiwilligen zusammengesetzt —; erst vier Compagnien waren bewaffnet, -von denen die erste in Castiel Favib stand. Dann hatte er ein Freicorps -als Grundlage eines andern Bataillons gebildet, in zwei Compagnien etwa -250 Freiwillige stark, die sämmtlich, wiewohl zum Theil mit Büchsen, -bewaffnet waren, und eine Escadron Kosacken, denen des Grafen de España -ähnlich; beide unregelmäßige Corps hatten jedoch sehr gute Officiere. -Den Kern seiner Macht aber bildeten 40 Burschen von den Bataillonen von -Tortosa, welche in der letzten Expedition Polo’s krank zurückgeblieben -waren und, bald geheilt, unter dem Befehl eines Capitains ihrer -Brigade, Don José Echevarria, standen, der, ausgezeichnet durch Talent -und Wissen, schnell das <span class="antiqua" xml:lang="la" lang="la">fac totum</span> des Gouverneurs wurde. Er war mir -eng befreundet, da wir in den Nordprovinzen und während der Expedition -Don Basilio Garcia’s zusammen gedient und dann vereint die Leiden der -Gefangenschaft ertragen hatten.</p> - -<p>Mit diesen 650 Mann und 80 Pferden Bewaffneter und etwa 400 -Unbewaffneten beherrschte — man darf es so nennen — Oberst Gil die -ganze Provinz Cuenca und machte gelegentlich Streifzüge bis tief nach -Aragon hinein und selbst in die Mancha, von wo er Vieh, Getreide -und sonstige Lebensmittel, so wie Contributionen eintrieb. Denn für -Sold und Unterhalt der Seinen, so wie für die tausend täglich sich -darbietenden Ausgaben mußte er selbst alles Nöthige anschaffen, da er -von der Hauptarmee gar Nichts geliefert bekam. Die Bewohner der Provinz -aber wurden mit Menschen und Thieren zum Festungsbau zugezogen, ohne -daß die Colonne Balboa’s in Cuenca oder die zahlreichen feindlichen -Besatzungen wirksam ihm sich widersetzt hätten.</p> - -<p>Valmaseda endlich befehligte in Beteta seine beiden Escadrone, gegen -200 prächtige Pferde, die wir früher kennen lernten; dazu erhielt er -im Monat April ein Bataillon, ganz aus Castilianern bestehend, die -so eben ausgewechselt waren, nachdem<span class="pagenum"><a name="Seite_602" id="Seite_602">[S. 602]</a></span> sie Jahre lang in den Kerkern -der Christinos jede Unbilde standhaft ertragen hatten, 600 Mann, -begierig, so viele Leiden blutig zu rächen. Aber nur 200 von ihnen -waren bewaffnet, während die Garnison des Schlosses von Beteta kaum 150 -Mann stark war. Mit dem Bataillone „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fidelidad al Rey</span>“ — Treue -dem Könige — wie die Ausgewechselten ehrend benannt waren, und seinen -Escadronen machte Valmaseda durch ganz Guadalajara und selbst nach den -Provinzen Soria und Burgos hin Ausflüge, in denen leider Menschlichkeit -nicht immer seine unbezähmbare Bravour und Kühnheit begleitete.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wie ich allgemein Alles, was seit dem Rückzuge Espartero’s aus -seiner drohenden Stellung im Innern des Hochgebirges von Cantavieja -und Morella sich ereignete, mehr als gewöhnlich detaillirt habe, -weil ich der einzige Deutsche bin, der während des Winters und -bis zum Augenblicke der gänzlichen Vernichtung mit den letzten -Vertheidigern des rechtmäßigen Königs gegen die Übermacht und den -Verrath kämpfen durfte — so weile ich auch länger bei der Schilderung -der Verhältnisse, wie sie in diesem, nun ganz isolirten Theile der -carlistischen Macht Statt fanden. Sie gewähren einen tieferen Blick -in die Eigenthümlichkeiten jenes Krieges und versetzen uns in mancher -Beziehung in die Zeiten zurück, da die Carlisten, noch schwach und -unbedeutend, in einzelnen Guerrillas von ihren festen Sitzen in den -unzugänglichen Gebirgen herab den rings sie umgebenden Feindeshaufen -Hohn sprachen und Incursionen in das Innere des feindlichen Gebietes -machten, um ihre Bedürfnisse — vor Allem Waffen und Lebensmittel — -sich zu verschaffen, oder irgendwo einen schlau berechneten und kühn -ausgeführten Schlag zu führen, wo die Christinos am wenigsten ihn -erwarten konnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_603" id="Seite_603">[S. 603]</a></span></p> - -<p>Doch darf dabei der Unterschied nicht übersehen werden, den die -jetzt so sehr vervollkommnete Organisation der carlistischen Truppen -hervorbrachte, so wie der Umstand, daß hier künstliche Festungen die -Stelle jener natürlichen und unzerstörbaren Bergvesten vertraten, -wodurch die Unternehmen sehr erschwert und gefesselt wurden, da -das überall zugängliche Terrain nicht hinreichend die Carlisten -begünstigte, als daß die Rücksicht auf jene künstlichen Stützpunkte -nicht stets hätte überwiegend sein müssen.</p> - -<p>Welche Reize aber ein solches Leben immerwährender Unternehmung und -Gefahr hat, wie es die ganze Spannungskraft des Geistes unaufhörlich -in Thätigkeit erhält und ihn eben so wie den Körper gegen alles -Schwächende und Erschlaffende stählt, ist in der That erst dem, der -selbst es erfahren, ganz verständlich. Nie habe ich größer, kühner und -stolzer empfunden, nie höhere innere Kraft gefühlt und freudiger das -Schwerste unternommen, dem Härtesten mich unterzogen, als zu jener -Zeit, da jeder Schritt Tod drohte, da ich, von übermächtigen Feinden -umgeben und verfolgt, an der Spitze weniger Braven in die Mitte ihrer -Schaaren mich drängte und zwischen ihren Vesten und Colonnen hindurch -weit das Land durchzog, wo eigener Muth, eigene Entschlossenheit und -List die einzigen Rettungsmittel aus den in tausendfacher Gestalt sich -entgegenstellenden Gefahren und Schwierigkeiten waren.</p> - -<p>Da fühlt der Mann, was er vermag trotz aller Schwäche, und dieses -Selbstbewußtsein giebt ihm herrlichen Muth und Vertrauen, um Allem -freudig zu trotzen.</p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier36" name="zier36"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 36" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_604" id="Seite_604">[S. 604]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXVII">XXXVII.</h2> - -</div> - -<p>Don Manuel Brusco war Lieutenant im Geniecorps der portugiesischen -Armee unter Don Miguel und zeichnete sich vor Oporto mehrfach aus; er -verließ sein Vaterland bei dem unglücklichen Ausgange des Krieges und -hielt sich längere Zeit in England und Frankreich auf. Zu Paris hatte -er ein besonderes Glück an der verrufenen Roulette-Tafel, da er niedrig -spielend ein Fünffrankenstück unbemerkt liegen ließ, welches wieder -und wieder gewann, bis endlich die Bankhalter baten, der Eigenthümer -möge genau erklären, auf welchen Nummern er spiele, da der große Haufen -Gold und Papiere dieses nicht mehr erkennen ließ. Brusco sah ruhig -dem Spiele zu und schwieg, als auf die Frage der Banquiers einige -Nahestehenden erklärten, daß ihm das Geld gehöre. Da es von sonst -Niemand reclamirt wurde, steckte er freudig erstaunt den Gewinnst ein -und fand bei näherer Untersuchung, daß er vierzig und einige tausend -Francs betrug.</p> - -<p>Er benutzte das ihm so zugefallene Geld zu einer Reise durch die -Niederlande, Deutschland und die Schweiz, indem er besonders die -Schlachtfelder besuchte und studirte, worauf er, da sein Geld rasch dem -Ende nahete, im Jahr 1836 nach Navarra ging, um Carl V. seine -Dienste anzubieten.</p> - -<p>Da er thätiger zu kämpfen wünschte, als es dort im Geniecorps möglich -war, trat er in das 4. Bataillon von Castilien ein, verließ mit der -königlichen Expedition die Provinzen und fiel bei dem Übergange über -den Cinca mit den Trümmern des braven Bataillons in die Hände der -Feinde. In Zaragoza erduldete er alle Leiden der Gefangenschaft, bis -Cabrera Ende 1838 ihn auswechselte, anfangs in seinem Generalstabe -placirte und dann überall benutzte, wo seine hohen Kenntnisse als -Ingenieur<span class="pagenum"><a name="Seite_605" id="Seite_605">[S. 605]</a></span> anwendbar waren. Brusco erwarb sich die Achtung des Generals -in hohem Grade, ward nach der Ankunft des Baron von Rahden zu dessen -Adjudanten ernannt und im Sommer 1839 mit den Festungen im Turia -beauftragt, wo seine unermüdliche Thätigkeit weiten Spielraum fand. -— Auch er entkam, als der Widerstand aufgehört hatte, verwundet nach -Frankreich.</p> - -<p>Die Stellung des Ingenieurs hat in Spanien sehr viele Vorzüge; aber -nirgends war sie so angenehm, wie die unsere dort in Neu-Castilien. Dem -spanischen Reglement gemäß empfängt der Ingenieur Instructionen nur -von den Chefs seines eigenen Corps — als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">cuerpo facultativo</span> -das erste der Armee — und ist ihnen allein verantwortlich; er ist -ganz unabhängig von den übrigen Waffengattungen, mit deren Commandeurs -er nur berathet, ihre Mitwirkung, wo er deren bedarf, fordern kann, -aber nicht ihren Befehlen untergeben ist. Da uns nun die Verbindung -mit unserm Chef in Morella fast immer abgeschnitten war, wir auch -dessen Resolutionen natürlich nie erwarten durften, so waren wir ganz -selbständig und standen eben so wohl da als Haupt in unserm Districte, -wie Palacios, Gil und Valmaseda in den ihrigen. Nur galt es, mit -Festigkeit unsere vielfach angefochtenen Rechte aufrecht zu halten.</p> - -<p>Und zwar war dieser unser District so weit ausgedehnt, wie jene -Anführer ihre Herrschaft auszudehnen vermochten, da wir dort alle -Bedürfnisse für unsere Festungsbauten einzutreiben berechtigt waren, -weshalb wir denn häufig Kriegszüge auf eigene Faust unternahmen. Wir -hatten nemlich zu unserer Verfügung zwei Compagnien Sappeurs, über -250 Mann, lauter ausgesuchte Leute, da das Sappeurscorps, so wie die -Artillerie, unter den Rekruten auswählte, ehe sie durch Loos den -Bataillonen zugetheilt wurden. Sie waren vollkommen und selbst mit -Pracht in Bewaffnung und Kleidung ausgerüstet, indem alle Bedürfnisse -von Cuenca, Valencia und selbst Madrid hergeschmuggelt<span class="pagenum"><a name="Seite_606" id="Seite_606">[S. 606]</a></span> wurden. Geld -dazu war stets im Überfluß, da der General bei der Bildung derselben -befohlen hatte, in die Casse der Sappeurs ein Sechstel der wegen nicht -geleisteter Festungsarbeiten von den Provinzen zu zahlenden Strafgelder -abzuliefern, was oft außerordentlich große Summen ausmachte, so daß -Sold, Arbeitslohn und Rationen, Alles doppelt so stark wie die der -Linientruppen, stets regelmäßig bezahlt wurden. Bei der Katastrophe im -Juni enthielt meine Casse für die Befestigung des einzigen Cañete über -9000 Duros in Silber, die dem Feinde in die Hände fielen.</p> - -<p>Sowohl wegen unserer schönen Compagnien, als auch, weil sie bei -tausend Gelegenheiten unser nicht wohl entbehren konnten, suchte -ein Jeder der Chefs uns zu sich zu ziehen und durch Bezeugung der -größten Rücksichten festzuhalten. Es bestand aber unter uns selbst -ein eigenes Verhältniß, da ich, als Infanterie-Officier dem Corps nur -aggregirt, in den lediglich die Functionen desselben betreffenden -Angelegenheiten das Commando über den effectiven Ingenieurs-Capitain -nicht glaubte übernehmen zu können, während Brusco, da ich älterer -Capitain war, gleichfalls sich weigerte, die Oberleitung beizubehalten. -Als kurz nachher Beider Avancement zum Grad von Oberstlieutenant der -Infanterie<a name="FNAnker_116_116" id="FNAnker_116_116"></a><a href="#Fussnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a> anlangte, blieb die Lage der Dinge ganz dieselbe.</p> - -<p>Wir beschlossen also, gemeinschaftlich an der Spitze des Corps zu -stehen und uns in die Geschäfte und die Verant<span class="pagenum"><a name="Seite_607" id="Seite_607">[S. 607]</a></span>wortlichkeit, so wie -in die Vortheile brüderlich zu theilen. Die letzteren waren aber auch -in pecuniärer Hinsicht bedeutend, da wir Stellen versahen, die nach -dem Reglement nur Brigadegeneralen zukamen, deren gesetzlich fixirte -Gratificationen nach einer von Brusco früher erwirkten Ordre des -Generals uns ausgezahlt wurden.</p> - -<p>Da die Befestigungen im Turia so weit vollendet waren, daß sie unserer -Gegenwart nicht mehr bedurften, übernahm ich die Leitung der Werke von -Cañete und Castiel Favib nebst der gelegentlichen Inspection des Turia, -während Brusco die Arbeiten in Beteta und diejenigen übernahm, welche -bei den Operationen Valmaseda’s in das Innere nöthig würden. Er reisete -daher einige Tage später nach seinem Punkte ab, wo bereits der größere -Theil der zweiten Compagnie, die ihm geblieben, sich befand; die erste -unter Premierlieutenant Norma, 130 Mann stark, behielt ich bei mir. -Nachdem ich den mit mir angelangten Lieutenant Losada in Castiel Favib -installirt und die Festungen im Turia besucht hatte, kehrte ich nach -der Mitte des Aprils nach Cañete zurück.</p> - -<p>Die Stadt liegt an dem südlichen Abhange des Gebirgszuges, welcher, als -Sierra de Albarracin bekannt, den Tajo dem atlantischen und die kaum -drei Viertelstunden von diesem und von einander entfernt entspringenden -Flüsse Guadalaviar und Xucar dem mittelländischen Meere zusendet und -durch das Gebirge von Cuenca mit der Sierra morena zusammenhängt. Die -Provinz, wiewohl von mehreren schrofferen Ketten durchzogen, bietet im -Allgemeinen zwischen niedrigen Bergreihen breite, ebene Thäler dar und -ist fruchtbar. Doch hatte die Kriegsplage schon seit Jahren so schwer -darauf gelastet, daß es keine Hülfsquellen mehr lieferte, indem die -Einwohner nur noch das für den eigenen Unterhalt und die geforderten -Abgaben gerade nöthige Land bestellten und das übrige unbebaut liegen -ließen.</p> - -<p>Die Truppen mußten deshalb weither ihre Subsistenzmittel<span class="pagenum"><a name="Seite_608" id="Seite_608">[S. 608]</a></span> herzuführen, -wobei sehr Viel durch Schleichhändler geschah, die aus den reichen -Ebenen Valencia’s mit Gefahr des Lebens — die Christinos erschossen -jeden Maulthiertreiber, der, freiwillig nach unsern Festungen reisend, -von ihnen aufgefangen wurde — aber auch mit ungeheurem Gewinne -Lebensmittel jeder Art und selbst die mannigfachsten Delicatessen -brachten. Täglich langten solche Caravanen, oft auch mit sorgfältig -versteckten Waffen, militairischen Abzeichen, Tuch und sogar Pulver -beladen, aus den umliegenden Provinzen an, und da das Gouvernement -durch die weithin eingetriebenen Contributionen reichlich mit Geld -versehen waren, die Truppen auch regelmäßig ihren Sold erhielten, fand -Alles raschen Absatz.</p> - -<p>Der Gouverneur war ein biederer alter Junggeselle, der als Jüngling -schon gegen Napoleon gekämpft und unter Ferdinand VII. eine -Escadron in einem Linien-Regimente commandirt hatte. Seit dem Anfang -des Aufstandes kriegte er an der Spitze einer Guerrilla in Aragon und -Valencia, häufig dem Anschein nach auf immer vernichtet und jedesmal -unermüdet sich wieder erhebend, bis er später Cabrera sich anschloß, -der seine hohe Achtung vor ihm bekundete, da er ihn zum Chef des -herrlichen Cavallerie-Regimentes von Tortosa ernannte.</p> - -<p>Durch Wunden verhindert, ferner in der Cavallerie zu dienen, erhielt -Oberst Gil das Gouvernement von Alpuente, welches er in den besten -Stand setzte, und dann das des wichtigen Cañete, wo er durch Festigkeit -und Einsicht, wie durch außerordentliche Milde sich hervorthat, ja -diese zuweilen zu weit trieb, wie er z. B. meinen unumgänglichen und -pflichtgemäßen Requisitionen für die Befestigungsarbeiten gewöhnlich -durch Klagen über die armen Leute, die schon ganz ruinirt seien, -Einhalt zu thun suchte. Doch dieser Fehler des Militairs, so selten in -jenem Kriege, steigert unsere Achtung vor dem Menschen, und er erwarb -ihm die Neigung des Volkes, welches in Valmaseda ja sein Gegenstück mit -Jammer kennen lernte. Zugleich<span class="pagenum"><a name="Seite_609" id="Seite_609">[S. 609]</a></span> war der Oberst sehr uneigennützig, auch -dadurch vortheilhaft hervorstechend, ein angenehmer Gesellschafter, -stets guter Laune und bereit, Rath anzunehmen; er war selbst darin -etwas schwach, indem er sich die ausschließliche Leitung aus den Händen -winden und sein Gouvernement in der That zu einer militairischen -Aristokratie werden ließ, da sechs oder sieben der angesehensten Chefs -gemeinschaftlich regierten. Dadurch ward freilich zuweilen einiges -Zaudern und Schwanken unvermeidlich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Cañete ist auf drei Seiten mit einer sägenförmigen, etwa acht Fuß -starken Mauer umgeben, aus den Zeiten der Araber herstammend; einige -Thürme, zum Theil neu angelegt, flankiren sie. Die vierte Seite nimmt -der 220 Fuß hohe Felsberg ein, auf dessen oberer, etwa 600 Fuß langer -und 30 bis 80 Fuß breiter Fläche das Castell, ganz den Umrissen des -Felsens folgend, erbaut ist. Doch war die Stadt nicht haltbar, da sie -von mehreren, auf Flintenschußweite entfernten Höhen eingesehen und -dominirt wird und gar keine bombenfeste Gebäude besaß.</p> - -<p>Das Castell dagegen war in brillantem Zustande, enthielt vier -abgeschlossene Plätze, deren jeder den vorliegenden vollkommen -beherrschte und nach dessen Verlust der kräftigsten Vertheidigung -fähig war, und bot den feindlichen Geschützen ein starkes Profil -dar. Dabei waren die Werke rings umher auf zwanzig bis neunzig Fuß -tief perpendiculär sich senkende Felsen gegründet mit Ausnahme eines -kleinen Raumes von dreißig Fuß Breite, der eine — wenn auch mit -unendlicher Schwierigkeit — ersteigbare Bresche zuließ, weshalb -dorthin alle Vertheidigungsmittel gehäuft wurden. Eine naheliegende -Höhe enfilirte das Castell, weshalb ich nach Niederreißung des auf ihr -von einem früheren Gouverneur erbauten runden Thurmes, der gar keines -Widerstandes fähig war, eine der Gestalt des Felsens angemessene starke -Redoute dort anlegte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_610" id="Seite_610">[S. 610]</a></span></p> - -<p>Übrigens ward während der zwei Monate, in denen ich die Leitung der -Arbeiten in Cañete hatte, sehr Viel zur Vervollständigung der Werke -gethan, für die meistens Brusco schon den Plan entworfen hatte. -Zweihundert Kriegsgefangene und sechshundert Bauern mit Maulthieren -oder Eseln waren täglich in der Errichtung jener Redoute und dem -Hinaufschaffen von Baumstämmen nach dem Castell, so wie in der -Zubereitung und dem Transport der mannigfachen Materialien beschäftigt, -während — bei unsern Mitteln eine ungeheure Arbeit — unter der -Oberfläche des Felsens bombenfeste Casernen, Magazine und Cisternen -geöffnet wurden, welche, vollkommen beendigt, auch der furchtbarsten -Artillerie spotten konnten.</p> - -<p>Zugleich gelang es, von dem nahen Flüßchen für den Fall des Angriffes -eine Überschwemmung rings um die Mauer vorzubereiten und den bedeckten -Weg zu beendigen, der von der Stadt nach dem Castell hinauf in den -Felsen gehauen und gesprengt<a name="FNAnker_117_117" id="FNAnker_117_117"></a><a href="#Fussnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a> wurde. Ein starkes Blockhaus auf -der halben Höhe und eine unten am Ausgange des bedeckten Weges -befestigte und unter dem Feuer des Castells und der Redoute in der -die letzteren trennenden Schlucht liegende Hermite vervollkommneten -das Vertheidigungs-System, so daß wir nur noch bedauern mußten, nicht -die zur vollständigen Garnirung der Werke hinlängliche Artillerie -zu besitzen. Denn echt facciosisch hatten wir lediglich vier kleine -tragbare Berggeschütze, eine vierpfündige Kanone, eine fünfzöllige -Haubitze — der spanische Fuß ist um<span class="pagenum"><a name="Seite_611" id="Seite_611">[S. 611]</a></span> etwa ein Zehntel größer, als -der des rheinländischen Maßes — und zwei siebenzöllige Morteretes, -sehr niedliche bronzene Mörserchen, die ein Maulthier transportirte; -sie alle waren aus der Stückgießerei von Cantavieja. Die vier uns -bestimmten schweren Geschütze kamen, wie gesagt, nie aus dem Collado an.</p> - -<p>Wohin wir indessen unsere Blicke richteten, war der Schwierigkeiten und -Mängel Legion, und Allem mußte und sollte abgeholfen werden. Zuerst -bestand der ganze Vorrath an Geschossen für unsere Miniatur-Artillerie -aus hundert und dreißig Kugeln, einigen siebenzig Granaten und -etwa neunzig kleinen Bomben; dann hatten wir auch keinesweges das -für den täglichen Bedarf und noch weniger das für eine Belagerung -nöthige Pulver, während wir doch auch darin ganz auf uns angewiesen -waren. Unverdrossen ging es ans Werk, Pulverfabrik, Schmelzofen und -Kugelgießerei zu etabliren, was zwar manchen verunglückten Versuch und -noch mehr Flüche der Ungeduld veranlaßte, aber doch endlich so weit -gelang, daß wir ein brauchbares, wiewohl grobes, Pulver erzeugten, wie -auch Valmaseda in Beteta es anfertigen ließ, und unsern Vorrath von -Kugeln bedeutend vermehrten. Von einigen in unserm Bereiche liegenden -Glashütten ließen wir etwa sechshundert gläserne Granaten liefern — -als Handgranaten mit schwacher Ladung gegen den Sturm sehr mörderisch -—, worauf alsbald General Balboa zwei jener Hütten niederbrennen ließ.</p> - -<p>Wir überlegten selbst, wie wir einige schwere Kanonen gießen -könnten, was freilich seine Schwierigkeiten hatte und auch wegen der -Katastrophe, die plötzlich unserer Herrschaft ein Ende machte, nicht -zur Ausführung kam. Doch hatten wir schon mehrere Vorbereitungen -getroffen und zu dem Ende drei und zwanzig Glocken zusammengeschleppt -trotz dem Jammer der guten Pfaffen, welche ihre Kirchen so -geplündert sahen; die Orgelpfeifen aber wurden zu Flintenkugeln und -Uniformsknöpfen umgeschmolzen. Für die Sappeurs fertigte ich selbst<span class="pagenum"><a name="Seite_612" id="Seite_612">[S. 612]</a></span> -die Form der reglementsmäßigen Knöpfe von einer weichen Steinart an, -die sich nur in einer einzigen Schlucht bei dem Dorfe Salvacañete -fand, worauf Lieutenant Norma mit seinen Officieren an einem regnigten -Tage die nöthigen Knöpfe goß, welche allgemeinen Neid erregten. Dabei -amüsirten wir uns trefflich.</p> - -<p>Ferner mußte für die Bewaffnung der Rekruten, so wie für die Ausrüstung -der Truppen im Allgemeinen gesorgt werden. Da wurde den Eltern und -Verwandten der Deserteurs als Strafe die Lieferung einer gewissen Zahl -Gewehre oder Ellen Tuch auferlegt, welche sie aus den feindlichen -Festungen und oft, besonders die ersteren, aus dem Innern des -Königreiches holten und sehr selten zu überbringen unterließen, da dann -ihre Güter sequestrirt wurden.</p> - -<p>Noch fehlten mir sehr viele, im Fall einer Belagerung unentbehrliche -Gegenstände, wie Instrumente, Sandsäcke und andere, die ich persönlich -anzuschaffen beschloß, weil sie in mein Fach gehörten und ich also -für sie verantwortlich war. Mit 40 Sappeurs, 25 Infanteristen -und 10 Kosacken zog ich nördlich von Cañete bis tief nach Aragon -hinein, besetzte das uralte El Albarracin, Hauptstadt der Provinz -und früher von den Christinos befestigt, und streifte bis unter die -Mauern von Teruel, worauf ich nach eilf Tagen mit drei und funfzig -beladenen Maulthieren in Cañete wieder anlangte, wo man zweimal die -Nachricht erhalten hatte, daß ich gefangen und erschossen sei. Ich -hatte fast hundert und zwanzig Leguas zurückgelegt und über funfzig -Ortschaften besucht, zwei feindliche Partheigänger, die sich zum -Angriffe vereinigten, geschlagen und ihnen neun Gefangene abgenommen, -welche ich heimführte, und war durch gute Kundschafter, Benutzung -des Terrains und häufig forcirte Contremärsche einem Detachement von -300 Mann, welches von Teruel aus zu meiner Verfolgung gesendet war, -ohne Verlust entgangen, obgleich ich Tage lang, so wie ich einen -höhern<span class="pagenum"><a name="Seite_613" id="Seite_613">[S. 613]</a></span> Berg erstieg, es mir nahe hinziehen sah oder, wenn ich kaum -meine Requisitionen bewerkstelligt, eine Ortschaft in dem Augenblicke -verließ, da der Feind von der andern Seite einrückte.</p> - -<p>Ein dritter Partheigänger, der von Cuenca aus sich in Hinterhalt gelegt -hatte, um bei meinem Rückmarsche in einem Defilée auf mich zu fallen, -ward ganz vernichtet, indem zufällig Palacios mit zwei Bataillonen, -um mit Valmaseda sich zu vereinigen, dort passirte, und Jener dessen -Vorhut angriff, für mein Detachement sie haltend. — Während ich nach -Norden mich wandte, hatte der brave Lieutenant Norma zu gleichem Zwecke -die Gegend südlich von Cañete durchzogen und gleichfalls große Ausbeute -gemacht. Er fing einen Spion auf, dessen Kopf nach des Obersten Gil -Befehl auf eine hohe Stange neben dem Gemeindehause seines Geburtsortes -Salvacañete gesteckt wurde.</p> - -<p>Ich aber schlief vier und zwanzig Stunden lang fast ununterbrochen, da -ich in jenen eilf Tagen nie zwei Stunden hinter einander geruht hatte -und auf solchen Zügen, die Pferde zurücklassend, stets zu Fuß, mit -dem leichten Trabuco auf der Schulter, an der Spitze meiner Soldaten -einherschritt.</p> - -<p>Bald bot sich mir Gelegenheit zu einem neuen Ausfluge. Von der -ersten Compagnie Sappeurs waren vor meiner Ankunft fast funfzig Mann -desertirt, und auch jetzt verschwanden wieder mehrere. Einen derselben -hatte ich auf meinem Streifzuge eingefangen, und er war schon in -<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">capilla</span>, um am folgenden Tage erschossen zu werden, als seine -rührenden Bitten den Oberst Gil, welcher zufällig ihn sah, vermochten, -mich um seine Begnadigung zu bitten,<a name="FNAnker_118_118" id="FNAnker_118_118"></a><a href="#Fussnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a> worauf ich persönlich ihn -zu sprechen<span class="pagenum"><a name="Seite_614" id="Seite_614">[S. 614]</a></span> ging. Die Kindlichkeit, mit der der Bursche in Thränen -erzählte, wie er nur seine arme alte Mutter einmal habe sehen wollen, -und reuevoll auf den Knieen versprach, gewiß immer der beste Soldat -Carls V. zu sein, wenn ich das Leben ihm schenke, frappirte mich -so ungemein, daß ich ihn in Freiheit setzte und selbst bald zu meinem -Bedienten wählte, nachdem ich ihn geprüft hatte. — Meine Wahl reute -mich nie: als Alle mich verließen, blieb er allein mir treu!</p> - -<p>Da aber fortwährend die Desertionen in allen Waffengattungen sich -häuften — die armen Teufel schienen zu fühlen, daß die Stunde des -Unterganges uns nahete — mußte nothwendig ein Beispiel aufgestellt -werden, weshalb ich am 16. Mai mit 80 Sappeurs und 12 Pferden nach -der Mancha aufbrach, wo mehrere Deserteurs den Anzeigen unserer -Kundschafter gemäß sich aufhalten sollten. Auch da ging es wie bei -meinem früheren Zuge; ich wurde hart verfolgt und verlor selbst im -Gefechte mit einer kleinen feindlichen Colonne drei Sappeurs, deren -Tod jedoch schwer gerächt wurde. Einem Detachement, welches ich nach -Moya hineinjagte, nahm ich fünf mit Wein beladene Maulthiere ab, -durchzog die Provinz Cuenca und den nordöstlichen Theil der Mancha, -überall die rückständigen Contributionen erhebend, und kehrte mit einem -bedeutenden Convoy am 27. nach Cañete zurück. Nur einen Deserteur von -der Infanterie brachte ich zurück, da ein anderer vom Sappeurscorps -unterwegs wieder entkommen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_615" id="Seite_615">[S. 615]</a></span></p> - -<p>Jener wurde am Tage nachher füsilirt und.... in derselben Nacht ließen -sich abermals sieben Mann von der Mauer hinab, um zu entfliehen! Am -Fuße derselben wurden sie niedergemacht, da der Gouverneur, von ihrem -Vorhaben benachrichtigt, eine Compagnie zu ihrem Empfange versteckt -aufgestellt hatte. — Einer meiner Bedienten, dem Scheine nach mit -Leib und Seele mir ergeben, desertirte mit einem Maulthiere und einem -Theile meines Gepäckes, da ich nach einem einige Stunden entfernten -Dorfe ihn, etwas Vergessenes zu holen, zurückschickte. Während ich, -unruhig über sein Ausbleiben, bittere Vorwürfe mir machte, daß ich um -einer Kleinigkeit willen ihn exponirte, da ich überzeugt war, er müsse -in die Gewalt des Feindes gefallen sein, langte die Nachricht an, daß -er wohlbehalten im nächsten feindlichen Fort angekommen war. Und doch -konnte ich ihm nicht zürnen: er war treu und gutherzig, aber sehr -furchtsam und hatte, der nahen Belagerung mit Zittern entgegensehend, -mehrfach mich gebeten, ihm während derselben Urlaub zu geben, den ich -natürlich abschlagen mußte. Da war die Versuchung zu stark gewesen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unser Horizont umzog sich indessen mit immer dunkler sich aufthürmenden -Wolken, die, fern wetterleuchtend, baldigen Ausbruch des Verderben -drohenden Gewitters verkündeten. Die Nachrichten von Morella lauteten -trübe, wie die heller Sehenden sie freilich nicht anders erwartet -hatten, und auch wir wurden täglich mehr eingeschränkt und hörten -täglich von den Vorbereitungen, die in Cuenca für die Eroberung von -Cañete und Beteta umfassend getroffen wurden.</p> - -<p>Nach der Einnahme von Castillote drangen beide Armeen der Christinos -von Norden und Westen in das Gebirge vor. Brigadier — vor dem Kriege -Schleichhändler — Zurbano, der jetzt hohe Thätigkeit entwickelte, -überfiel mit seinem Freicorps<span class="pagenum"><a name="Seite_616" id="Seite_616">[S. 616]</a></span> am 6. April bei Pitarque zwei Bataillone -von Aragon und nahm ihnen nach hartnäckigem Kampfe 400 Gefangene -ab, worauf General Ayerbe am 8. Villarluengo und Don Diego Leon mit -den Garden am 10. Peñaroya besetzte, welche beiden Punkte, da die -Befestigungen zu kraftvoller Gegenwehr nicht hinlänglich vollendet, -bei der Annäherung der Feinde geräumt wurden. Diese befestigten darauf -Monroyo, sechs Stunden von Morella, als Depot.</p> - -<p>Um durch die Besetzung des Ebro der carlistischen Armee die Verbindung -mit Catalonien und die Hoffnung auf Rückzug abzuschneiden, durchkreuzte -General Leon, Graf von Velascoain, nachdem Zurbano am 19. April -nach lebhaftem Gefechte mit dem 1. Bataillon von Aragon in Beceyte -eingedrungen war, den südlichen Theil von Catalonien, ohne ernsten -Widerstand zu finden, nahm Flix und am 28. auch Mora de Ebro ein, -welches der Graf von Morella erst am Tage vorher verlassen hatte, -um noch immer krank an die Spitze des Heeres sich zu stellen. Doch -vermochte Leon des ganzen Flußthales des Ebro noch nicht sich zu -bemächtigen.</p> - -<p>Hätte wohl unser unternehmender Feldherr, wie er früher es war, ruhig -den Feind solche Fortschritte machen, zu bloß passiver Defensive -sich drängen lassen, ohne kräftigen Widerstand, ohne Diversionen zu -versuchen und jeden Fußbreit Landes den Sieger theuer mit seinem Blute -bezahlen zu machen? Hätte Cabrera je seine Forts, die so große Opfer, -so unendliche Anstrengungen gekostet, von Position zu Position ohne -Kampf weichend, geräumt oder gar ihre Vertheidiger in nutzlosem Ringen -gegen die Übermacht hülflos hingeopfert, um endlich unthätig sich -zurückzuziehen, nachdem er eben so unthätig der Vernichtung seiner -Treuen zugeschaut hatte?! —</p> - -<p>O’Donnell war seinerseits nicht weniger erfolgreich. Im Anfange Aprils -schon schritt er zur Belagerung von Aliaga, und nach kraftvoller -Gegenwehr, die dem Feinde 1100 Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_617" id="Seite_617">[S. 617]</a></span> gekostet hatte, ergab sich am 15. -die Besatzung, nachdem zwei und zwanzig Geschütze vier Tage lang sie -beschossen hatten. Sofort eilten die Christinos, das Fort von Alcalá -la Selva zu berennen, dessen Gouverneur barbarischer Weise, nur um den -Belagernden das Obdach zu nehmen, bei deren Annäherung das Städtchen -niederbrannte, wiewohl es seiner Vertheidigung keinen Abbruch thun -konnte. Auch er zeigte sich brav. Die schwarze Fahne, das bekannte -Zeichen des Kampfes auf Leben und Tod, winkten von den Mauern hinab den -feindlichen Schaaren entgegen; aber nach zweitägigem Bombardement war -das Innere des Forts in einen Schutthaufen verwandelt, die Cisternen -waren verschüttet, die Gewölbe zertrümmert durch die Macht der -schweren Wurfgeschosse und die Mauern an mehreren Punkten rasirt, da -die Carlisten nur vier leichte Geschütze, gleich denen in Cañete, den -zwanzig Belagerungsgeschützen entgegensetzen konnten.</p> - -<p>Da empörte sich die zusammengeschmolzene Garnison verzweifelnd und -öffnete den Christinos die Thore, nachdem sie wieder 900 Mann eingebüßt -hatten. Als der Gouverneur vor O’Donnell geführt wurde, fragte ihn -dieser lächelnd, warum er seinen Entschluß, sich nicht zu ergeben, -nicht ausgeführt habe, und entließ ihn auf die Erklärung, daß er sofort -das Commando des Forts in dem jetzigen Zustande wieder übernehme, wenn -er zuverlässige Mannschaft bekomme, mit den Worten: „Sie sind ein -Braver und haben schon zu Viel gethan.“</p> - -<p>Dann zog O’Donnell gegen Cantavieja, während Espartero mit dem -Hauptheere zu der so lange vorbereiteten, so lange angekündigten -Belagerung von Morella sich anschickte.</p> - -<p>Oben sagte ich, daß Cantavieja’s Befestigung, den Händen des Obersten -Cartagena anvertraut, traurig vernachlässigt war. Die Stadt ist auf -drei Seiten durch die Schroffheit und Höhe des felsigen Bergrückens, -auf dem sie gebaut, vollkommen gegen jeden Angriff gesichert; aber -gegen Süden ist sie auf Flintenschußweite<span class="pagenum"><a name="Seite_618" id="Seite_618">[S. 618]</a></span> von einer durch eine Ebene -mit ihr verbundenen Erhöhung beherrscht, die demnach mit mehreren -Forts, der eigentlichen Angriffsfronte, gedeckt wurde. Es war nun -durch die Fehler des ursprünglichen Planes und durch die allmählich -vorgenommenen Änderungen und Nachhülfen<a name="FNAnker_119_119" id="FNAnker_119_119"></a><a href="#Fussnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> ein Flickwerk entstanden, -welches endlich nicht mehr den Namen einer Festung verdiente und aus -einer Anhäufung von Mauern, Gräben, Caponieren, Traversen und sonderbar -gestalteten, namenlosen Dingen bestand, die wechselseitig einander -hinderten und unnütz machten.</p> - -<p>Die Carlisten thaten also das Klügste, was ihnen übrig blieb, als sie -die Titulair-Veste bei dem Anmarsche O’Donnell’s am 11. Mai räumten und -sich auf Morella zurückzogen.</p> - -<p>Dieser General fand die Stadt in Flammen: die männlichen Bewohner -hatten sämmtlich als <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> die Waffen ergriffen -und setzten, mit Weib und Kind abziehend, selbst ihre Wohnungen in -Brand, um sie nicht dem Feinde zu überlassen. Die großen Fabriken und -Magazine waren schon nach Morella verlegt, die Artillerie jedoch wurde, -da der Entschluß zur Räumung erst im letzten Augenblicke gefaßt war, -vernagelt zurückgelassen. Ein unersetzlicher Verlust!</p> - -<p>O’Donnell zog darauf nach dem nördlichen Valencia und dem Ebro zu, um -in Cabrera’s Rücken zu operiren und von dem Flusse ihn abzuschneiden, -traf aber bei la Cenia auf diesen General, in dem dort ein Überrest des -alten Feuers noch einmal — leider ohne weitere Folge — aufzulodern -schien. Er bewährte, was er vermocht hätte. Nach siebenstündigem -furchtbaren Ringen auf dem den Christinos nicht ungünstigen Ter<span class="pagenum"><a name="Seite_619" id="Seite_619">[S. 619]</a></span>rain -zwang er sie, wiewohl sie doppelt so stark waren, mit Verlust von 2500 -Mann zum Rückzuge auf Vinaroz. Der Bruder O’Donnell’s, welcher, früher -carlistischer Oberst, „der Umarmung von Bergara“ sich angeschlossen -hatte und nun mit demselben Grade als Adjudant seines Bruders gegen -seine früheren Waffengefährten focht, ward schwer verwundet, der Chef -des Generalstabes getödtet.</p> - -<p>Cabrera aber... eilte nach dem Ebro und überließ Morella seinem -Schicksale! —</p> - -<p>Doch nein; ich thue Unrecht, da ich dem edlen, braven Cabrera, ihm, -der tausendfach sich bewährt, den Schein eines Tadels gebe. Beklagen -wir ihn und die Sache, welche er so lange aufrecht hielt, daß des -Siegesherzoges wohl berechnetes Verbrechen so entsetzlich wirken durfte!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Auch Aspiroz hatte sich seit den ersten Tagen des Aprils wieder in -Bewegung gesetzt. Montan, ein nur für Gewehrfeuer und gegen einen -Handstreich eingerichtetes Fort, fiel sofort, worauf Aspiroz sich gegen -Alpuente wandte. Von dem Gouverneur desselben sprach ich weiter oben. -Er ließ die unglückliche Stadt einäschern und selbst, um dem Feinde -Unbequemlichkeit zu verursachen, alle Masadas auf zwei Meilen rings -um das Castell verwüsten, eine Maßregel, die bei ihrer Nutzlosigkeit -auch unter den Carlisten allgemeinen Unwillen erregte. Und dann übergab -der Erbärmliche nach zweitägiger Beschießung sein herrliches Castell, -eingeschüchtert durch die Menge der geworfenen Bomben, da doch noch -nicht die Spur einer Bresche da war!</p> - -<p>Während jener zwei Tage hatte er, das feindliche Feuer fast gar nicht -erwiedernd, mit der ganzen Besatzung in die bombenfesten Gewölbe -sich versteckt, so daß ein kühner Hornist der christinoschen Jäger -unaufgehalten die Werke erklimmte und in<span class="pagenum"><a name="Seite_620" id="Seite_620">[S. 620]</a></span> das Innere des Castells -gelangte, ehe er entdeckt und, da er allein war, verjagt wurde. Der -ganze Verlust der Belagerer bestand in — einem Officier und drei Mann! -Alsbald zog Aspiroz gegen Vejis, welches er in der Mitte des Mais nach -kräftigerer Gegenwehr gleichfalls einnahm.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_116_116" id="Fussnote_116_116"></a><a href="#FNAnker_116_116"><span class="label">[116]</span></a> Der Capitain im Geniecorps avancirt zum Grade des -Oberstlieutenants der Infanterie. Überhaupt finden in der spanischen -Armee von einer Charge zur andern stets zwei Avancements Statt: das -erste Mal erhält z. B. der Secondelieutenant, — und so alle Chargen -bis zum Obersten — den Grad von Premierlieutenant und erst wenn er -sich zum zweiten Male auszeichnet, die Effectivität desselben. Als -graduirt versieht er den Dienst seiner früheren Charge, die Anciennetät -in der folgenden zählt aber vom Tage der Ernennung zum Grade.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_117_117" id="Fussnote_117_117"></a><a href="#FNAnker_117_117"><span class="label">[117]</span></a> Bei einer Explosion ward ein Stein über das Castell -hinweg bis auf die an der andern Seite im Thal hinlaufende Straße — -fabelhaft scheinende Entfernung — geschleudert und traf ein armes -Mädchen von dreizehn Jahren an den Kopf, so daß es eine Stunde nachher -starb. Überhaupt kamen bei den Arbeiten im Felsen viele Unglücksfälle -vor.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_118_118" id="Fussnote_118_118"></a><a href="#FNAnker_118_118"><span class="label">[118]</span></a> Jeder unabhängige Corps- oder Detachements-Chef hat den -spanischen Kriegsgesetzen gemäß das Recht, bis zur Todesstrafe über -seine Untergebenen zu verhängen, wobei Kriegsgerichte fast nie Statt -finden. Unzählige Male war ich bei Carlisten und Christinos Zeuge, daß -der Anführer einen bei einem Diebstahl ertappten oder insubordinirten -Soldaten und selbst Bauern, die des Spionirens <em class="gesperrt">verdächtig</em> waren -oder, wie so oft, gezwungen für den Feind Papiere überbringen mußten, -augenblicklich niederknieen und füsiliren ließ. — Früher erwähnte ich, -daß ich als unabhängiger Corps-Chef dastand.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_119_119" id="Fussnote_119_119"></a><a href="#FNAnker_119_119"><span class="label">[119]</span></a> Des Herrn von Rahden Plan war nach dessen Abreise von -dem eigensinnigen Cartagena trotz aller Remonstrationen gar nicht -weiter beachtet.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier37" name="zier37"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 37" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_621" id="Seite_621">[S. 621]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXVIII">XXXVIII.</h2> - -</div> - -<p>Unerwartet war Brusco nach Cañete zurückgekommen. Da Valmaseda, der von -Fortification gar keinen Begriff hatte, in Beteta die unthunlichsten -Dinge vollbracht sehen wollte, war Brusco mit ihm in lebhafte -Streitigkeiten gerathen und verließ endlich die Festung, um sich nicht -wehrlos der wilden Leidenschaftlichkeit des Brigadiers hinzugeben, -dessen erstes Wort, wo er festen Widerstand erfuhr, „Niederschießen“ zu -sein pflegte, was er denn auch nicht lange anstand auszuführen.</p> - -<p>Da saßen wir denn oft, drei oder vier Cameraden, auf die alten -hölzernen Lehnsessel hingestreckt bis tief in die Nacht um das -knisternde Feuer — denn die Abende waren noch immer sehr frisch, -so daß der Sitz am Herde in der Küche ganz heimisch war — und -unterhielten uns traulich über das, was die nächste Zukunft bringen -mußte. Wenige Tage vorher waren die beiden Cavallerie-Regimenter -von Aragon angelangt, welche nach dem Vordringen des Feindes in das -Innere des Gebirges dort unnütz nach Castilien detachirt waren. Sie -brachten uns die General-Ordre, durch die Brusco und mir der Grad von -Oberstlieutenant verliehen war; und durch sie erfuhren wir den Stand -der Dinge bei der Armee. Bald kam auch mein wackerer Manuel, ein -Bedienter, den ich krank in Morella zurücklassen mußte, mit zwei andern -Sappeurs von dort an, da der Wunsch, ferner bei mir zu sein, durch alle -Gefahren des Weges ihn getrieben hatte. Da hörten wir, daß Morella -bereits, wenn auch wegen des Terrains nicht vollständig, blokirt sei, -und daß der Gouverneur von Ares del Mestre dieses Fort dem Feinde -verkauft habe, indem er, als die Garnison in der Kirche zur Messe -versammelt war, die Christinos einließ, so daß eine Compagnie<span class="pagenum"><a name="Seite_622" id="Seite_622">[S. 622]</a></span> Sappeurs -und zwei von Valencia gefangen wurden. Wieder Verrath!</p> - -<p>Es war ein eigenthümliches Gefühl, wie wir so die Stunde des -Unterganges mit Riesenschritten heranrücken sahen, unvermeidlich und -ohne daß menschliche Kraft den Strom aufzuhalten vermocht hätte. Wir -berechneten schon unsere Existenz nur noch nach Wochen und erwogen jede -Chance für und wider, welche die Katastrophe um einen Tag beschleunigen -oder um so viel weiter hinausschieben konnte; und doch scherzten wir -selbst bei diesen ernsten Betrachtungen und haschten nach Lust und -Vergnügen, wie immer, und handelten, als sei gar keine Veränderung -in unsern Verhältnissen eingetreten. Der Mensch ist ein sonderbares -Wesen; ich begreife wahrlich jetzt kaum, wie solche Contraste in uns -sich vereinigen konnten. Während wir sehr wohl erkannten, wie nur -noch Tage uns überblieben, und im vertrauteren Kreise diese Gewißheit -uns nicht verheimlichten, schienen wir fortwährend, wie im vorigen -Jahre, die siegesstolzen, hochstrebenden Krieger, die in kurzem ihren -König auf den Thron seiner Väter zurückzuführen und die rebellische -Herrscherstadt zu seinen Füßen zu beugen hofften. Im öffentlichen -Leben, in allem Dienstlichen fuhren wir fort, Pläne zu entwerfen, -auf Monate hinaus zu denken und vorzuarbeiten, als gäbe es gar keine -Vernichtung drohende Gefahr. Höchstens verrieth etwa ein scherzhafter -Wink, daß das Bewußtsein derselben nicht in uns erloschen sei. Und jene -Arbeiten und Entwürfe wurden mit eben der Sorgfalt betrieben, wie wenn -wir des Triumphes durch sie gewiß wären.</p> - -<p>Aspiroz aber bereitete seinen Artilleriepark vor, um uns zu erdrücken, -Balboa that ebendasselbe in Cuenca, wo er bereits siebenzehn grobe -Geschütze vereinigt hatte. Er ließ Recognoscirungen bis unter die -Mauern von Beteta vornehmen, denen die schwachen carlistischen Truppen -sich nicht widersetzen konnten, und stellte die Wege nach jenem -Platze sowohl, als nach<span class="pagenum"><a name="Seite_623" id="Seite_623">[S. 623]</a></span> Cañete für Artillerie her, während Palacios -und Valmaseda, der erstere nur noch auf den Collado gestützt, eine -thätige Defensive durch Streifzüge, unerwartete Märsche und wiederholte -Überfälle kleinerer Detachements führten. Doch gewannen die Feinde -durch Übermacht Schritt vor Schritt Terrain.</p> - -<p>Tag auf Tag brachte so irgend eine neue Unglückskunde, bis eines -Morgens — es war an einem der ersten Tage Juni’s — Brusco, vom -Gouverneur kommend, ernst in mein Zimmer trat und mir zuflüsterte: -„Morella ist gefallen, und der General hat den Ebro passirt!“ — Wenn -auch längst erwartet, wirkte die Schreckensbotschaft doch im ersten -Augenblick erstarrend auf Jedermann, und mancher schwere Seufzer -entwand sich der Brust, da mit Morella ja der letzte Pfeiler des -schon lange untergrabenen Gebäudes einstürzte. Furchtbar beklemmend, -erdrückend ist der Schmerz des Mannes, wenn er das unrettbar vernichtet -sieht, dem er ganz sich hingegeben hat, dessen Triumph sein Ziel und -seine Hoffnung war, und für das er mit enthusiastischem Feuer gekämpft -und sein Blut vergossen hat. Schwere, schwere Stunden waren jene, in -denen kaum das Gefühl, bis zum Untergange treu und fest die Pflicht -erfüllt zu haben, den glühenden Schmerz lindern konnte. — Und dann die -theuren Gefährten, welche wir in Morella wußten!</p> - -<p>Seit dem Anfange Aprils, da schon die Gefahr so ungeheuer drängte, -hatte plötzlich die höchste, krampfhafte Energie und Thätigkeit jene -Lauigkeit ersetzt, die bis dahin mit der Strenge des Winters sich -verbündete, um die Fortschritte der Vertheidigungswerke von Morella zu -hindern. San Pedro Martyr, der Vollendung nahe, war rasch geschlossen, -und nun wurde mit der Kraft der Verzweiflung — und auch mit ihrer -Blindheit — der Plan wieder aufgenommen, den Herr von Rahden einst -entworfen und bereits tracirt hatte. Man bedachte nicht, daß jetzt -weder hinreichende Zeit gegeben war, um so umfassende Werke gehörig -auszuführen, noch das nöthige Material, besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_624" id="Seite_624">[S. 624]</a></span> an Artillerie, -zur wirksamen Vertheidigung derselben angeschafft werden konnte; man -bedachte auch nicht, daß jener Plan auf die kraftvolle Mitwirkung der -Armee berechnet war, wie sie von Cabrera — dem Cabrera der sechs -ersten Kriegsjahre vor dem verhängnißvollen 16. December — nicht -anders erwartet werden konnte, und ohne die freilich so ausgedehnte -Arbeiten unnütz wurden.</p> - -<p>Indessen geschah das unmöglich Scheinende. Capitain Verdeja, nach -Morella berufen, leitete die außerhalb der Ringmauer anzulegenden -Verschanzungen, und da Espartero nach kurzer Blokade in der zweiten -Hälfte des Mais zur Belagerung der Festung schritt, fand er die nahen, -unter dem Feuer des Castillo liegenden Höhen mit Erdwerken bedeckt, die -jedoch sämmtlich nur mit Infanterie besetzt waren.</p> - -<p>Die Garnison von Morella bestand aus drei Bataillonen Infanterie, indem -jede der Divisionen eins geliefert hatte, aus vier Compagnien Sappeurs, -zwei Compagnien Artillerie, dreihundert <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">voluntarios realistas</span> -von Aragon und etwa hundert von Morella, da die übrigen fünfhundert -bei der Annäherung des Feindes vorgezogen hatten, ihre Vaterstadt zu -verlassen. So befanden sich etwa 2800 Mann in der Festung. San Pedro -Martyr war mit 400 Mann und vier Geschützen besetzt, deren das Castell -und die Stadt nur neun hatten, während die Christinos drei und sechszig -Belagerungsgeschütze mit einer großen Zahl Mörser heranführten. Der -brave Brigadier Beltran commandirte als Gouverneur.</p> - -<p>Espartero war genöthigt, zuerst das beschnittene Hornwerk von San Pedro -Martyr anzugreifen; er that es natürlich auf dem Punkte, welcher auf -Befehl des Generals verkürzt und dadurch sehr schwach geworden war. -So konnte er das Feuer von vorn herein auf nur zweihundert Schritt -Distance eröffnen, bis wohin er vollkommen gedeckt vorgehen konnte. Am -25. Mai ergab sich das wichtige Werk, da die Bresche practicabel und<span class="pagenum"><a name="Seite_625" id="Seite_625">[S. 625]</a></span> -die Geschütze demontirt waren. An demselben Tage nahmen die Belagerer -mehrere der kürzlich errichteten Verschanzungen nach kurzem Widerstande -der Carlisten, welche, erschreckt durch den raschen Fall von San Pedro, -in dessen Stärke sie so viel Vertrauen gesetzt, und überschüttet mit -Geschossen jeder Art von der feindlichen Artillerie, in die Stadt sich -zurückzogen, gegen die sofort die Batterien etablirt wurden.</p> - -<p>Es war indessen nicht die Absicht Espartero’s, mit dem Blute seiner -Soldaten den Besitz von Morella zu erkaufen, dessen er leichter sich zu -bemächtigen hoffte. Er errichtete mehrere Mörser-Batterien und begann -ein lebhaftes Bombardement, welches alsbald die unheilsvollste Wirkung -hatte, da nur das Castell einige bombenfreie Räume besaß, während -in der Stadt die einzige Cathedrale nicht einmal für die Niederlage -der Munition und der Hauptbedürfnisse ausreichte. Nach dreitägiger -Bewerfung war die ganze Stadt in einen Haufen rauchender Trümmer -verwandelt; alle Vorräthe waren zerstört, selbst ein Pulvermagazin -flog auf und tödtete den Chef der Artillerie, Oberst Soler, mit vielen -Officieren und sechszig Mann. Laut forderten die Truppen, da keine -Hülfe von außen her sichtbar wurde, gegen den Feind geführt zu werden, -um in seinem Lager ihn anzugreifen.</p> - -<p>Da beschloß der zusammengerufene Kriegsrath, sich durchzuschlagen: in -der ganz ruinirten Stadt länger zu bleiben hieß, ohne den geringsten -Nutzen sich aufopfern. In der Nacht zum 29. Mai stürmte die Garnison, -2200 Mann stark, aus der Festung und warf sich auf die feindlichen -Positionen; nach blutigem Kampfe, in dem 250 Mann abgeschnitten -und gefangen wurden, ward sie von der Übermacht in die Stadt -zurückgeworfen. Einzelne nur waren durch die Schluchten entkommen. Der -Gouverneur verlangte zu capituliren, aber seine Bedingungen wurden -zurückgewiesen, und das Bombardement begann<span class="pagenum"><a name="Seite_626" id="Seite_626">[S. 626]</a></span> von neuem. Am Morgen ergab -sich die Besatzung, noch fast 1800 Mann stark, auf Discretion.</p> - -<p>Kein Flintenschuß war von der carlistischen Armee, die nach Catalonien -sich zurückzog, auf die Belagerer abgefeuert, keine Bewegung zu Gunsten -der Festung unternommen. So fiel Morella in die Gewalt der Christinos; -der Krieg war beendigt. —</p> - -<p>Am 29. Mai ward auch der Mariscal de Campo Don Domingo Forcadell -getödtet, seit siebentehalb Jahren einer der thätigsten und -einflußreichsten Anführer der Carlisten im östlichen Spanien, -commandirender General von Valencia und Chef der Division dieser -Provinz. Er traf bei Hervés mit einigen hundert Mann auf das Freicorps -des Brigadiers Zurbano und starb im Kampfe der Verzweiflung.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unsere Lage war sehr kritisch, da wir, nachdem Cabrera den Ebro -überschritten hatte, im Innern der Halbinsel ganz isolirt standen, -rings von drohenden Massen umgeben. Dazu ward die Desertion in unserm -Rekruten-Bataillone von Cañete täglich größer, wiewohl der Fall von -Morella nur den sechs oder sieben Chefs bekannt war, die wir an der -Spitze unserer Republik standen, und es war zu fürchten, daß allgemeine -Muthlosigkeit die Menge ergreifen würde, so wie die Nachricht von den -Ereignissen des letzten Monats sich verbreitete.</p> - -<p>Schon wurde in unserm Rathe von Räumung der Festung gesprochen, die -doch nur kurze Zeit dem Feinde trotzen könne; es ward beantragt, in die -Gebirge uns zu werfen, um den kleinen Krieg fortzusetzen, wie ihn die -Guerrillas der Carlisten im Anfange des Krieges so erfolgreich geführt. -Dagegen protestirten Brusco und ich, da durch solch eine Maßregel -bei dem Stande der Dinge bald nur noch Raubbanden bestehen würden, -eine Geißel dem Lande und ohne Vortheil, ja zur Schande der<span class="pagenum"><a name="Seite_627" id="Seite_627">[S. 627]</a></span> Sache, -welche wir vertheidigten. So weit würden wir nie uns erniedrigen. Wir -verlangten, daß Cañete vertheidigt werde, da das Rühmlichste sei, bis -zum letzten Augenblick auf dem anvertrauten Posten zu verharren und -kämpfend ehrenvolle Bedingungen sich zu erzwingen, wenn Unterliegen zur -Nothwendigkeit wurde.</p> - -<p>Dessen weigerten sich die Spanier fast alle, indem sie es für Wahnsinn -hielten, in die Mauern sich einzuschließen und so ohne Nutzen und ohne -Hoffnung muthwillig den Feinden sich auszuliefern. „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">Al pinar, al -pinar!</span>“ — in das Waldgebirge! — war ihr Losungsgeschrei. Dann -schlugen wir vor, nach Frankreich uns durchzuschlagen, und erklärten, -daß wir, im Fall die Festung zur Fortsetzung jenes kleinen Krieges -abandonnirt werde, mit unsern beiden Compagnien allein den Versuch -machen wollten, die Gränze zu erreichen, da es unsere Pflicht sei, -unsere Leute nicht zu opfern, um etwas ganz Zweckloses zu unternehmen, -was nur zu schimpflichstem Ende führen könnte.</p> - -<p>Nach sehr lebhafter Discussion wurde endlich mit Mühe der Beschluß -durchgesetzt, ruhig zu bleiben, bis wir die Ansicht der andern -mächtigeren Führer erfahren und mit ihnen über das Auszuführende uns -verständigt hätten. Brusco ward demnach mit dem Capitain Echevarria -nach Castiel Favib gesandt, um dort Palacios zu treffen, mit dem -so eben drei Bataillone von Valencia nebst einigen Escadronen, vom -Ebro abgedrängt, sich vereinigt hatten. Ich aber eilte nach Beteta, -dessen Leitung ich Brusco abnahm, um sowohl dort das zur Vertheidigung -Nöthige anzuordnen, falls diese beschlossen würde, als auch im -entgegengesetzten Falle das Detachement Sappeurs, welches Brusco -dort gelassen hatte, nach Cañete oder zur Vereinigung mit dem Corps -zu führen und zugleich die Absichten Valmaseda’s zu sondiren, das -Schwierigste von Allem bei dem Charakter dieses Chefs.</p> - -<p>Ehe ich abreisete, hatte ich die Genugthuung, zu der Rettung<span class="pagenum"><a name="Seite_628" id="Seite_628">[S. 628]</a></span> einer -werthen Familie, der ich mannigfach verpflichtet war, beitragen zu -können. Vielleicht erinnert sich der Leser, daß, als ich im Jahre 1838 -schwer verwundet ein Gefangener in Cuenca mich befand, ein junges -Mädchen mit ihrer Mutter im Hospitale mich besuchte und tausend kleine -Annehmlichkeiten mir verschaffte. Die enthusiastisch royalistische -Familie hatte dort manche Unbilde und Beschimpfung zu ertragen, da sie, -wo Carlisten ihrer Hülfe bedurften, furchtlos jedes Opfer mit Freude -brachte, und selbst die kleine Paquita, unter dem Namen <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">la hermosa -facciosa</span> — die schöne Rebellinn — bekannt, ward durch ihre Reize -nicht immer gegen die Insulte der Freiheitsmänner geschützt.</p> - -<p>Bei meiner Ankunft in Cañete ward ich von meinem alten Cameraden -Echevarria fast mit Gewalt bei einer Familie eingeführt, die mich -kennen und mit höchstem Interesse nach mir geforscht haben sollte. -Meine Überraschung und meine Freude waren gleich groß, als ich, in -das niedrige Häuschen tretend, von der herrlich aufgeblühten Paquita -Cantero, nicht weniger überrascht, mich empfangen sah. Ihre Eltern -waren in Folge von Espartero’s Austreibungs-Gesetz gezwungen, Cuenca -zu verlassen, nachdem ihr ganzes Vermögen confiscirt war; kaum hatten -sie durch List eine kleine Summe für die ersten Bedürfnisse gerettet. -Ich brachte seitdem, so oft ich in Cañete war, die angenehmsten Stunden -in der Gesellschaft dieser Familie zu, welche, wie zurückgezogen sie -sonst auch lebte, mich ganz als Sohn vom Hause behandelte. Paquita, -als das reizendste Mädchen der Gegend gerühmt, war so anspruchslos wie -liebenswürdig, und nie erschien sie einnehmender, als wenn sie, die an -jede Bequemlichkeit und Eleganz der höheren Stände Gewöhnte, lachend -die häuslichen Geschäfte versah, welche die Verhältnisse jetzt ihr -auferlegten, und die ihre Mutter, eine wohlwollende alte Dame, stolz -auf die schöne Tochter, umsonst scheltend ihr abnehmen wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_629" id="Seite_629">[S. 629]</a></span></p> - -<p>In den ersten Tagen des Juni bekam der alte Herr, eben so -exaltirter Royalist, als biederer, braver Mann, die Nachricht, daß -mächtige Freunde es dahin gebracht hatten, das gegen ihn erlassene -Verbannungs-Edict aufzuheben, weshalb er nach Cuenca zurückkehren -und den Besitz des confiscirten Vermögens wieder antreten sollte. Er -überreichte mir den Brief, mit verächtlichem Lächeln hinzufügend, daß -die Christinos sehr sich irrten, wenn sie glaubten, daß er um der Güter -willen seine Carlisten verlassen und neuen Insulten sich aussetzen -werde.</p> - -<p>Ich erschrack. Der Gedanke an das unglückliche Loos, welches der -Familie harrte, hatte mich oftmals schmerzlich beschäftigt, ohne daß -ich ein Mittel zu seiner Abwendung hätte ausfinden können; und nun wies -der Arme halsstarrig selbst die helfende Hand zurück, welche gütig die -Vorsehung bot! Er freilich ahnete nicht die Hoffnungslosigkeit unserer -Lage, die, wie gesagt, nur Einzelnen, den Leitern, ganz klar war. Er -schmeichelte sich mit der Idee, daß die jetzige Bedrängniß, wie so -viele andere, vorübergehen, daß Morella, das uneinnehmbare nach der -Meinung der Menge, auch dieses Mal siegreich widerstehen und Cabrera -dann von neuem nach Castilien vordringen, das triumphirende Ende des -Krieges rasch erkämpfen werde. Solche waren bis zur entscheidenden -Stunde die Träume fast aller Carlisten, selbst vieler höher -stehenden Männer; alle ließen sich fortwährend blenden und durch die -ungereimtesten Hoffnungen täuschen.</p> - -<p>So ward während des Winters allgemein erzählt, daß eine russische Armee -durch Frankreich zu Hülfe komme, daß Sardinien eine Flotte senden -werde, um an der Küste gegen die Christinos zu operiren, ja endlich -hieß es, daß der Prinz von Asturias mit einem französischen Heere die -Gränze überschreite, um Espartero im Rücken anzugreifen. Tausend und -aber tausend abgeschmackte Gerüchte wurden unter Volk und Truppen -verbreitet und mit Begierde aufgenommen. Auch die Religion<span class="pagenum"><a name="Seite_630" id="Seite_630">[S. 630]</a></span> ward zu -Hülfe gerufen, um das Vertrauen aufrecht zu erhalten. Dort war die -heilige Jungfrau Officieren der revolutionairen Armee erschienen und -hatte den nahen Untergang derselben und den Triumph der Vertheidiger -des Altares verkündet; dort hatte ein Bauer, als Heiliger verehrt, Heil -zusagende Offenbarungen, und Wunder wurden häufig — von entfernten -Orten her — gemeldet. Zu Ehren der reinen Jungfrau der Schmerzen aber, -welche die ersehnte Hülfe bringen sollte, wurde im ganzen carlistischen -Gebiete viertägiger feierlicher Gottesdienst angeordnet, weshalb auch -wir in Cañete, brennende Wachsstöcke in den Händen, große Processionen -der Generalordre gemäß abhielten.</p> - -<p>Mit der Mehrzahl hegte auch Don Remigio noch immer jene Hoffnungen und -war demnach taub für alle Gründe, durch die ich zur Heimreise nach -Cuenca ihn zu bewegen suchte. Er wolle kämpfen und siegen mit den -Carlisten; auch er wisse ein Gewehr zu handhaben, um zur Vertheidigung -der Festung mitzuwirken, und wo ich aushalte, da werde auch er -auszuhalten wissen, war seine stolze Antwort. Umsonst wies ich auf die -hülflosen Damen ihn hin. Sie möchten für den Augenblick dulden, bald -werde der Sieg alles Verlorene reichlich ihnen ersetzen.</p> - -<p>Da schwankte ich nicht länger. Die Sache, welche ich vertheidigte, war -unrettbar verloren, ihr konnte durch das Unglück einer edlen Familie -nicht geholfen, selbst nicht im Geringsten genützt werden; ich wäre ein -Wicht gewesen, wenn ich aus Rücksicht auf meine Sicherheit — jeder -Officier, der unbefugt entmuthigende Nachrichten mittheilte, war zu -augenblicklichem Tode verurtheilt, und unter den Carlisten wurde selten -eine Drohung zum Scherz ausgesprochen — wenn ich deshalb schwieg und -dadurch den getäuschten Greis und die Seinen, denen ich so vielfach -verpflichtet war, ins Elend sich stürzen ließ. Ich führte Don Remigio -zur Seite und sprach offen mit ihm über unsere<span class="pagenum"><a name="Seite_631" id="Seite_631">[S. 631]</a></span> Verhältnisse, ich -schilderte unsere Lage und sagte ihm endlich, daß Morella erobert sei, -daß Cabrera mit den Trümmern des Heeres den Ebro passirt habe. Der Arme -war niedergeschmettert bei so furchtbarer Kunde und lange für Alles -unempfindlich.</p> - -<p>Dann zeigte ich ihm, daß, wenn es meine Pflicht sei, als Soldat auf -dem mir anvertrauten Posten auszuharren und jede Rücksicht aus den -Augen zu setzen, so lange Widerstand möglich blieb, er als Privatmann -und Familienvater eine andere Pflicht habe, die, für das Beste der -Seinen nach Kräften zu sorgen; daß er also, da unsere Parthei für -jetzt hoffnungslos vernichtet und seine fernere Aufopferung ihr ganz -ohne Nutzen war, die dargebotene Gelegenheit, um seine Familie aus dem -Strudel zu retten, nicht dürfe entschlüpfen lassen. Und was sollte -aus den Frauen, aus seiner Tochter werden, wenn sie in die belagerte -Festung sich einschlossen! Was, wenn sie mit den Soldaten in das wilde -Banditenleben der Guerrilleros geschleudert wurden!</p> - -<p>Lange, lange stand der alte Herr unbeweglich da, in schmerzliches -Nachdenken versunken; dann umarmte er mich, einen wahren Freund mich -nennend, wie er unter seinen Landsleuten nicht ihn gefunden habe. Am -Tage vor meinen Abmarsche nach Beteta reisete er und seine Familie nach -Cuenca zurück, Glück und Segen mir wünschend, als ich mit den Sappeurs, -mit denen ich bis eine Stunde vor dem nächsten feindlichen Fort ihn -geleitet hatte, zurückzukehren genöthigt war. — Mit erleichtertem -Herzen sah ich der Zukunft entgegen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am 9. Juni spät Abends langte ich in Beteta — Provinz Guadalajara -— an, nachdem ich, nebst meinen Bedienten und einer Ordonnanz nur -von zehn Pferden begleitet, dreißig Stunden mit weniger Unterbrechung -marschirt war. Da eine feindliche Colonne jede Verbindung auf der -geraden Linie unterbrach,<span class="pagenum"><a name="Seite_632" id="Seite_632">[S. 632]</a></span> hatte ich mehrfach Umwege einschlagen müssen -und war kaum den drohenden Gefahren entgangen. Das Terrain war übrigens -im Allgemeinen hügelig mit weiten, fruchtbaren Thälern; nur in der -Mitte etwa zwischen den beiden Festungen durchkreuzten wir drei bis -vier Stunden lang die rauhen, mit Nadelholz bedeckten Schluchten und -Rücken der Sierra de Cuenca.</p> - -<p>Valmaseda war in den ersten Tagen des Monates mit seinen Escadronen -und fast der ganzen bewaffneten Infanterie in das Innere von Castilien -vorgedrungen, wo er Soria durchzog und selbst bis nahe vor Burgos, -Schrecken verbreitend, gelangte. Er befestigte rasch die herrliche -Stellung von Carazo auf einem hohen Felsenplateau in letzterer Provinz, -nicht fern vom Duero, während er verwüstend mehrere bedeutende Städte -besetzte und selbst seine Vaterstadt, deren Einwohner als sehr liberal -gesinnt bekannt waren, fast ganz niederbrannte, mit seinem eigenen -Hause anfangend. Oberst Mondediu aber, sein Stellvertreter, wußte -nicht, was er für Maßregeln ergreifen sollte, da er nur über etwa -hundert und funfzig Mann Bewaffneter und die unbewaffnete Hälfte des -Bataillons <span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">fidelidad al Rey</span> nebst einigen Pferden disponirte; er -wollte sich dem anschließen, was die übrigen Chefs entscheiden würden.</p> - -<p>Das romantische Castell, welches, auf den Ruinen eines maurischen -Schlosses aufgeführt, hoch die Stadt überragte, fand ich in einem -traurigen Zustande. Seit Brusco’s Abreise hatte der Gouverneur, in -Fortification eben so unwissend, wie eigennützig und erpresserisch -in der Verwaltung, Alles gethan, was ihm gut dünkte, da Valmaseda -den dort befindlichen Lieutenant <span class="antiqua" xml:lang="fr" lang="fr">du genie</span> mit sich nach -Castilien genommen hatte, dieser auch in seiner untergeordneten -Stellung zu schwach war, um vorher den Ansinnen jenes Chefs fest sich -entgegenzustellen. In wenigen Tagen war so viel Unnützes und offenbar -Nachtheiliges gethan, so viel Nothwendiges unterlassen, daß ich -mich weigern mußte, die Fortführung der Arbeiten und die eventuelle -Vertheidigung<span class="pagenum"><a name="Seite_633" id="Seite_633">[S. 633]</a></span> zu übernehmen: wie hätte ich unter so drohenden -Verhältnissen solcher Verantwortlichkeit mich unterziehen sollen!</p> - -<p>Der Plan des Castells war übrigens höchst angemessen; aber durch -Nichtvollendung des Begonnenen stand der Eingang in die Werke dem -Feinde fast ganz offen, auch waren sie nur mit einem kleinen Mörser -versehen, indem Valmaseda die übrige Artillerie fortgeführt hatte. -Die Fabriken waren im besten Gange, eine Pulvermühle war nach dem -Auffliegen der ersten mit überraschender Thätigkeit neu etablirt, -und in eben jenen Tagen sollte das erste grobe Geschütz, ein -Achtzehnpfünder, gegossen werden, was jedoch durch die reißend schnell -sich drängenden Ereignisse verhindert wurde.</p> - -<p>Schon war ich im Begriff, trotz den Bitten Mondediu’s mit meinen -Sappeurs nach Cañete aufzubrechen, als am 12. Juni Abends ein Schreiben -von Palacios aus dem nahen Peralejos anlangte, durch das er die Chefs -zu einem Kriegsrathe einlud. Er erklärte uns, daß er sich entschlossen -habe, mit den Truppen, welche er vereinigen konnte, nach Frankreich -sich durchzuschlagen, und forderte uns demnach auf, wenn wir gleiche -Absicht hätten, uns ihm anzuschließen; Brigadier Arévalo stehe mit -einigen Bataillonen ein paar Meilen entfernt und werde gleichfalls -mitziehen. Auf meine Frage nach der Besatzung von Cañete erwiederte -er, daß sie noch erwartet werde. — Wir stimmten vollkommen mit dem -vorgeschlagenen Plane überein und kehrten deshalb in der Nacht nach -Beteta zurück, die Vorbereitungen zu treffen.</p> - -<p>Am folgenden Morgen bot das Städtchen ein Schauspiel der unsäglichsten -Verwirrung dar. Überall wurden Befehle, oft sich widersprechend, -ertheilt und häufig nicht ausgeführt, Munitionen wurden den -Truppen gegeben, Saumthiere jeder Art, mit ungeheuren Ballen der -verschiedenartigsten Effecten beladen, sperrten die Straßen, die -Magazine wurden geöffnet, und Jedermann erhielt Erlaubniß, so Viel zu -nehmen, als er fortbringen<span class="pagenum"><a name="Seite_634" id="Seite_634">[S. 634]</a></span> könne. Frauen und Kinder liefen schreiend -durch die Soldatenhaufen, welche bald die Llamada zum Sammelplatze -rief, und die Einwohner schauten, in Gruppen vor den Thüren versammelt, -stumm und niedergeschlagen dem wilden Treiben zu, während in den Mienen -der Freiwilligen finsterer Trotz sich malte. Die Absicht, das Fort zu -abandoniren, war klar; aber den Plan, nach Frankreich durchzudringen, -verschwiegen die Chefs, so wie die unglücklichen Ereignisse der letzten -Wochen, und machten die Truppen glauben, daß Depeschen von Valmaseda -uns nach Castilien riefen.</p> - -<p>Um Mittag zog endlich Oberst Mondediu mit seinen Truppen ab, eine -Stunde später folgte ich mit den Sappeurs und die Mitglieder der Junta -de Govierno mit ihrer Bedeckung, den Nachtrab sollte die eigentliche -Garnison des Castells bilden, welches der Gouverneur bei seinem Abzuge -in die Luft zu sprengen Ordre erhielt. Ehe er dieses aber ins Werk -gesetzt, langte Brigadier Palacios an und befahl ihm, mit der Compagnie -im Castell zu bleiben, da ein Mißverständniß obwalte: die Truppen -würden nur eine kurze Expedition gegen eine feindliche Colonne machen -und alsbald wiederkehren.</p> - -<p>Wir übernachteten in dem vier Leguas entfernten Zahorejas, wo Palacios -mit drei Bataillonen und fünf Escadronen mit uns sich vereinigte. Früh -Morgens am 14. Juni setzten wir den Marsch nach der Provinz Soria hin -fort und rasteten in dem zwei Leguas entfernten Villar de Coveta; dort -erwartete uns Mondediu mit seinen unbewaffneten Compagnien, Arévalo -aber war zugleich mit drei Bataillonen und vier Escadronen in dem -eine halbe Stunde entfernten Coveta eingetroffen. — Drei Bataillone -und zwei Escadrone von Valencia hatten sich, von Cabrera’s Armee -abgeschnitten, nach Castilien gezogen, wo schon, wie erwähnt, fünf -Escadrone von Aragon angelangt waren, so daß sich dort eine Colonne von -sieben Bataillonen und neun<span class="pagenum"><a name="Seite_635" id="Seite_635">[S. 635]</a></span> Escadronen, 4200 Mann Infanterie und über -700 Pferde, unter Arévalo und Palacios vereinigte. —</p> - -<p>Nachdem die Truppen bis gegen Abend geruht hatten, sollte dann -während der Nacht die Heerstraße von Madrid nach Zaragoza, auf der -am Tage vorher die Königinn Wittwe mit ihren Töchtern nach dieser -Stadt gereiset war,<a name="FNAnker_120_120" id="FNAnker_120_120"></a><a href="#Fussnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> so wie die von Ziguenza in jene einmündende -Chaussee passirt werden, worauf wir bald mit Valmaseda, der zweihundert -Reiter und ein halbes Bataillon commandirte, uns zu vereinigen und den -Durchzug durch Navarra nach der Gränze zu erzwingen hofften.</p> - -<p>Der Wunsch, mit Brusco und den Meinen vereint zu sein, trieb mich -nach Coveta, wo ich mit Arévalo’s Colonne sie zu finden hoffte. Wie -groß war mein Staunen, mein Schrecken, da ich erfuhr, sie seien nicht -dort, und von Arévalo auf meine Frage hörte, die Garnison von Cañete -sei zurückgeblieben, damit nicht die ganze Macht des Feindes sofort -auf die Abziehenden sich werfe! Ich flog wieder nach dem Villar, wo -denn Palacios nach dringendem Forschen mir endlich erklärte, daß der -Gouverneur jener Festung von dem Beabsichtigten gar nicht in Kenntniß -gesetzt sei.</p> - -<p>Mein Unwille bei solcher Eröffnung ist leicht zu begreifen; auf -die niedrigste Art waren ja die Unglücklichen von ihren Gefährten -verlassen, deren Rückzug sie durch die eigene Vernichtung sichern -sollten. Augenscheinlich hatte der Umstand, daß die Mannschaft des -Obersten Gil zum Theil unbewaffnet war, viel zu Palacios’ Entschluß -beigetragen. Als ich ihm nun sagte, daß ich nie meine Cameraden auf -solche Art verlassen würde, auch durch meine Pflicht, so lange Cañete -besetzt sei, dorthin gerufen werde, antwortete er achselzuckend mit dem -spanischen Sprichworte, daß die Freundschaft aufhöre, wo es sich um -den<span class="pagenum"><a name="Seite_636" id="Seite_636">[S. 636]</a></span> Hals handele. Übrigens stehe ich nicht unter seinen Befehlen und -werde daher thun, was mir beliebe, wiewohl er mich warne, da die Folgen -vorauszusehen seien und ich vielleicht doch nicht mehr nach Cañete -gelangen könne.</p> - -<p>Ich leugne nicht, daß ich schwankte und lange ungewiß blieb, was ich -wählen, welcher Stimme ich gehorchen sollte. Wohl wünschte ich da, in -abhängiger Stellung zu sein und den Befehlen eines Chefs gehorchen -zu müssen, unbekümmert, was sie geböten. Als spät am Nachmittage die -Hörner zum Marsche bliesen und bald die Bataillone langsam aufbrachen, -den unermeßlichen Haufen der Bagage mit Weibern, Kindern und Kranken in -die Mitte nehmend; als dann auch die Cavallerie ihr folgte und endlich -die letzte Escadron in ernstem Schweigen den Zug schloß: — ja, da ward -mir unendlich beklemmt und wehmuthsvoll ums Herz, es drängte mich, -den Abziehenden mich anzuschließen und mit ihnen der rettenden Gränze -zuzueilen. Einzelne Bekannte hatten erstaunt mich dastehen gesehen und -meine Absicht zu bleiben lebhaft bekämpft, und die Sappeurs, welche -hinter mir aufmarschirt die Entscheidung erwarteten, murrten laut und -lauter, daß ja doch schon Alles verloren sei, und daß sie sich nicht -opfern würden.</p> - -<p>Vor mir lag die Hoffnung, rasch aus dem Kriege zu scheiden, der unter -den obwaltenden Verhältnissen mich nicht mehr anziehen konnte, die -Hoffnung, dieses Spanien zu verlassen, wonach ich so lange glühend -mich sehnte, und in das Leben der civilisirten Welt zurückzutreten; -und dann, was nützte mein Bleiben? Hinter mir sah ich nur Elend und -unvermeidlichen Untergang, schnellen Tod oder im glücklichsten Falle -— und da war die Wahl nicht leicht — die furchtbare, so bitter -empfundene Gefangenschaft. Aber dort standen die Gefährten verlassen -in der Mitte der übermächtigen Feinde, die bereit waren, sich auf sie -zu stürzen, um der Beute sich zu versichern; sollte ich nicht ihr Loos -theilen, wie schwer es auch sein möge? Dorthin<span class="pagenum"><a name="Seite_637" id="Seite_637">[S. 637]</a></span> rief mich vor Allem -die Pflicht. Von dem mir anvertrauten Posten durfte ich nicht feige -fliehen, so lange die Unseren zur Vertheidigung ihn inne hielten, -ich wollte, ich konnte nicht aus dem Kampfe, den ich mit Stolz Jahre -lang gefochten, scheiden, indem ich, die eigene Rettung zu fördern, -meine Untergebenen dem drohenden Schicksal überließ. Wäre dieses das -ehrenvolle Ende, welches, da Verrath den Sieg uns entrissen, das -höchste Ziel meiner Wünsche geworden war?</p> - -<p>Der Kampf war sehr, sehr hart, doch die bessere Stimme siegte. Das -Murren der Sappeurs rief mich zuerst zur gewohnten Energie zurück. -Nachdem ich ihnen geschworen, daß ich einen Jeden, der ferner ein -subordinationswidriges Wort äußere, auf der Stelle werde niederschießen -lassen, und zugleich kurz die Beweggründe zur Vereinigung mit den -Cameraden angegeben hatte, schlug ich an ihrer Spitze den Weg nach -Beteta ein, einen letzten trauernden Blick den schon im Gebirge sich -verlierenden Colonnen zuwerfend. — Meine Sappeurs aber, wiewohl sie -schwiegen, zeigten eine Unruhe, eine Muthlosigkeit, die mir deutlich -sagten, daß ich nicht mehr auf sie bauen dürfe. Wie konnte ich von den -Burschen Anderes erwarten?</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_120_120" id="Fussnote_120_120"></a><a href="#FNAnker_120_120"><span class="label">[120]</span></a> Daher behaupteten die Christinos, daß Palacios diese -Fürstinnen habe aufheben wollen, was gänzlich falsch ist.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier38" name="zier38"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 38" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_638" id="Seite_638">[S. 638]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XXXIX">XXXIX.</h2> - -</div> - -<p>Am Morgen des 15. Juni befand ich mich wieder in Beteta, nachdem ich -während der Nacht im Walde bivouakirt hatte. Ich fand das Städtchen -traurig verwüstet, da auf die Nachricht von dem Abzuge der Garnison -einige hundert Christinos herzugeeilt waren, um die Festung in Besitz -zu nehmen; sie hatten in der Stadt die gräulichsten Excesse ausgeübt -und sich dann zurückzogen, da sie ihren Versuch zur Überrumpelung mit -Verlust von eilf Mann kräftig abgewiesen sahen. Der kleine Mörser, als -die Werke gesprengt werden sollten, den Felsen hinab in eine tiefe -Schlucht gestürzt, lag bei diesem Besuche der Feinde noch dort, so daß -die Besatzung ihnen die Bomben in das Städtchen nur hinabrollen konnte. -Erst nach ihrem Abzuge wurde der Mörser wieder hinaufgeschafft.</p> - -<p>Ich traf dort einen Obersten von der Junta, der mit einigen Officieren -schon von Zahorejas zurückgekehrt war, um das Commando der Provinz -zu übernehmen. Auf seine Anfrage setzte ich ihm auseinander, daß das -Castell einem regelmäßigen Angriffe nicht vier und zwanzig Stunden -widerstehen könne. Er stutzte, beschloß aber doch dort zu bleiben; -seine Absicht dabei konnte ich nicht wohl begreifen, da er nur achtzig -Mann im Castell hatte, die er durch Austheilung von Geld und doppelte -Rationen Wein bei gutem Muth zu erhalten suchte. Vier Tage später -hatten die Christinos Beteta genommen und die Garnison gefangen -gemacht. Der Oberst wurde auf der Flucht getödtet.</p> - -<p>Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, indem ich mit einem Umwege -von mehr als zwölf Leguas auf Checa, eine nicht unbedeutende Stadt in -Aragon, mich dirigirte, da der<span class="pagenum"><a name="Seite_639" id="Seite_639">[S. 639]</a></span> Feind mit Sicherheit auf dem geraden -Wege vorausgesetzt werden mußte. Von dort wollte ich dann nach Süden -mich richten und die Sierra de Albarracin übersteigen, wodurch ich bis -nahe Cañete mich stets in sehr schroffem Gebirge befand.</p> - -<p>Als ich von Palacios’ Colonne mich trennte, bestand mein Detachement -aus einem Sergeanten und acht und zwanzig Sappeurs nebst zwei Bedienten -und einer Ordonnanz. Bei meiner Ankunft in Beteta zählte ich nur noch -siebenzehn Mann, und während des Nachtmarsches nach Checa verschwanden -wiederum acht, denen, während wir dort frühstückten, der Sergeant mit -zwei Corporalen folgte. Wir näherten uns der Provinz el Albarracin, aus -der die Mehrzahl der in unsern Compagnien stehenden Sappeurs gebürtig -war, weshalb sie, von Muthlosigkeit ergriffen, die doppelt günstige -Gelegenheit zu benutzen eilten, um durch die Rückkehr zum väterlichen -Hause den Gefahren sich zu entziehen, welche in Cañete ihrer warteten. -Das Landvolk erzählte ihnen überall, wie ich später erfuhr, daß sie -die Festung schon nicht mehr erreichen würden und gewissem Tode -entgegengingen.</p> - -<p>Als ich gegen Abend in Griegos Halt machte, um zu futtern, war ich nur -noch von den beiden Bedienten und der Ordonnanz begleitet; auf sie -konnte ich sicher vertrauen, da sie mir ganz ergeben waren. Manuel -hatte ja hundertfachen Gefahren getrotzt, um von Morella mir zu folgen, -er zeigte sich stets als treuen, redlichsten Menschen und hing mit -wahrer Liebe an mir, Marco aber, der Deserteur, den ich nicht lange -vorher von der Todesstrafe befreite, flog jeden Wunsch zu erfüllen, ehe -ich ihn auszusprechen Zeit hatte, während die Ordonnanz, welche seit -meiner Ankunft in Castilien mit mir war, gleichfalls sich bewährt hatte.</p> - -<p>Bei Sonnenuntergang brach ich auf, um den höchsten Punkt des wilden, -aber fruchtbaren Gebirges zu ersteigen, das westlich vom Albarracin -bis zur Sierra de Cuenca sich erstreckt<span class="pagenum"><a name="Seite_640" id="Seite_640">[S. 640]</a></span> und die Quellen von vier -bedeutenden Flüssen dicht neben einander enthält; dann konnte ich -Cañete leicht am folgenden Mittage erreichen. Die Führer betraten so -eben den Saum eines dichten Waldes, als Marco, der hinter mir meine -beiden Maulthiere führte, mir zurief, daß Manuel und die Ordonnanz -noch zurück wären. Ich hielt das Pferd an, sie zu erwarten: Niemand -erschien; ich befahl Marco, laut zu rufen: keine Antwort erfolgte. Von -düsterer Ahnung ergriffen ließ ich das Gepäck ihn untersuchen; mit -einem Fluche rief er aus, daß ihre Tornister fehlten. — Auch sie waren -davon gegangen!</p> - -<p>Der Schlag traf mich hart, da ich Alles, nur das nicht, erwartet hatte. -Das Gefühl der bitter schmerzlichen Enttäuschung preßte gewaltsam die -Brust mir zusammen; ich seufzete tief. Die Sappeurs hatte ich einen -nach dem andern verschwinden sehen, ohne daß es mir mehr, als ein -augenblickliches, verächtliches Lächeln entlockt hätte, während ich -so ruhig blieb, als wäre Nichts geschehen, da ich von ihnen ja nichts -Anderes hoffen durfte. Aber mein Manuel! Auch er verließ mich! Das -erschütterte mich.</p> - -<p>Mit dumpfer Stimme wandte ich mich zu Marco: „So gehe Du auch hin, -wenn Du willst; ich werde allein mich durchschlagen.“ Doch der wackere -Bursche antwortete ernst: „Nein, Herr, wohin Sie gehen, dahin gehe -ich — bis zur Hölle.“ Gerührt drückte ich ihm die Hand und setzte -freudiger den Marsch fort, tief nachsinnend über so Manches, was mich -bewegte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der Masada la Fuente de Garcia, zwanzig Schritt von der Quelle des -Tajo, wo ich neue Führer nehmen sollte, fand ich nur Weiber, weshalb -ich bis zum Morgen dort ruhen mußte. Bald berichtete mir, als ich -dann gen Süden von der Sierra hinabstieg, ein Bauer, daß er am Abend -vorher in Salvacañete die Colonne des Generals Aspiroz gesehen habe, -welche, 6000 Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_641" id="Seite_641">[S. 641]</a></span> stark, zur Belagerung des nur drei Stunden von dort -entfernten Cañete zog. Ich beschleunigte den Schritt, entschlossen, -Alles zu wagen, um in die bedrohete Festung zu gelangen. Auf entlegenen -Fußsteigen durch das steilste Gebirge ziehend, hoffte ich, entweder -die Stadt noch nicht eingeschlossen zu finden, oder sonst bei Nacht -mit Hülfe meiner genauen Kenntniß des Terrains mich durchschleichen zu -können.</p> - -<p>Um Mittag ward die Hitze in den Schluchten entsetzlich drückend, -da die Felswände rings die Gluthstrahlen der Sonne zurückwarfen. -Wir machten in einer kleinen Masada, die tief in einem engen Thale -versteckt lag, Halt, und die Wirthinn bereitete schnell aus den -reichlich mitgebrachten Vorräthen und einigen Forellen des nahen -Flüßchens ein wohlschmeckendes Mahl. Die Familie so wie die Führer aßen -tüchtig mit, da ja Überfluß vorhanden war, und während dann der Bauer, -welcher das Gepräge der herzlichsten Biederkeit in den offenen Mienen -trug, in Ablösung eines andern Führers mit mir kam, blieb sein Weib -überglücklich zurück, da ich einen Schinken ihr geben ließ. Seit Jahren -hatten die Armen nur Kartoffeln und Forellen gegessen, zu denen ihnen -oft selbst das Öl fehlte; die unerschwinglichen Contributionen nahmen -ihnen Alles.</p> - -<p>Da wir nur noch zwei bis drei Stunden von Cañete entfernt waren, -hatte ich zugleich die Bagage umpacken und ein Mantelsäckchen mit den -wichtigsten Effecten nebst meinem und Marco’s Mänteln lose oben auf -die Lasten placiren lassen, indem ich Jedermann anwies, im Fall des -Zusammentreffens mit dem Feinde, da an Widerstand nicht zu denken war, -diese auf die Schultern zu nehmen und zu retten. Getrost zogen wir dann -den schmalen Fußsteig hinauf.</p> - -<p>Eine kleine halbe Stunde mochten wir marschirt sein, als der -vorausgesandte Bauer eiligen Laufes die Nachricht brachte, daß in dem -Thale, zu dem wir gerade hinabstiegen, hie und da Soldaten sichtbar -wurden. Ich berieth mit ihm über die zu<span class="pagenum"><a name="Seite_642" id="Seite_642">[S. 642]</a></span> ergreifenden Maßregeln, -als einige Flintenschüsse aus nahem Gebüsch zu unserer Rechten uns -aufschreckten; die Kugeln schlugen zwischen und um uns nieder, -Steinsplittern über uns ausschüttend. Im nächsten Augenblick ertönte -eine zweite stärkere Salve gegenüber, und dicht umschwirrten uns die -Geschosse, während eins der Maulthiere verwundet zusammenstürzte. -Hunderte von Christinos erschienen mit wildem Geschrei auf dem nur -durch eine unbedeutende Schlucht von uns getrennten Berge und suchten -raschen Laufes uns abzuschneiden. Die Gefahr war dringend. Ich sprang -vom Pferde, welches auf dem steilen Felswege nur langsam vorwärts -konnte, und schrie den Führern zu, das Gepäck zu ergreifen und zu -fliehen; sie aber standen zitternd und riefen mit der Stimme des -Entsetzens: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">por Dios, misericordia</span>!“ Nur der brave Bauer zagte -nicht. Er und Marco ergriffen die ihnen bezeichneten Effecten, während -ich des Letzteren Gewehr nahm und abfeuerte, worauf wir, Pferde, -Maulthiere und Führer zurücklassend, den Berg hinauf flogen, weithin -von den Kugeln der Feinde verfolgt.</p> - -<p>Nach halbstündigem, furchtbar erschöpfendem Laufe, bei dem wir -fortwährend die Gewehre der Christinos blitzen sahen und ihr Geschrei -zur Rechten und zur Linken hörten, barg uns der Bauer in einer Waldung -auf einem isolirten Berggipfel, an dessen Fuße seine Masada lag. -Er eilte dann davon, uns Wasser zu bringen, da wir vom glühendsten -Durste verzehrt wurden, und Nachrichten über die feindlichen Truppen -einzuziehen. Auf Alles gefaßt lud ich das Gewehr; vertheidigungslos -wollte ich uns nicht schlachten lassen.</p> - -<p>Schrecklich war meine Lage, aber zu meiner Freude fühlte ich mich -vollkommen ruhig und besonnen; nachdem ich auf der Charte der Provinz, -die ich wenige Tage vorher von Madrid erhalten, mich orientirt hatte, -gedachte ich der Heimath und so vieler Lieben in ihr, und mancher -glückliche Tag, der mit<span class="pagenum"><a name="Seite_643" id="Seite_643">[S. 643]</a></span> ihnen mir geworden, schwebte wieder dem Geiste -vor.<a name="FNAnker_121_121" id="FNAnker_121_121"></a><a href="#Fussnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a> Wenn sie sähen, wie ich jetzt hülflos von drohender Gefahr -rings umgeben bin! Da lag ich, den treuen Marco neben mir, unter einem -dichten Busche versteckt, jeden Augenblick das Furchtbarste, die -Entdeckung, fürchtend, und Marco, so ganz kindlich wie immer, fragte -leise: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">nos mataran, Señor?</span>“ — werden sie uns todtschießen? — -„Noch haben sie uns nicht“ war der einzige Trost, den ich dem Armen -bieten konnte.</p> - -<p>Weit unter uns aber sahen wir nach allen Seiten hin Haufen von -Christinos die Thäler und Schluchten durchziehen, häufig auch einzelne -Höhen ersteigen und forschend umherspähen. Bald wandte sich auch eine -Schaar nach unserer Masada, und plötzlich funkelten auf einem nahen -Felsberge uns gegenüber Waffen und Uniformen, daß wir, den Blicken ganz -bloßgestellt, auf dem Bauche uns fortschiebend hinter einen andern, -mehr sichernden Busch uns verstecken mußten. Da ward nicht fern von -uns ein Rascheln im Holze hörbar — war es unser Bauer oder nahten die -suchenden Feinde, uns zu verderben? Ich griff zum Gewehre und richtete -mich halb auf, den Hahn spannend. Marco schlummerte sanft — wozu ihn -wecken: wir hatten ja nur eine Waffe! Näher und näher kam das Geräusch, -bald rechts, bald links schweifend; das gierig horchende Ohr faßte -jeden Laut auf, während die Augen starr auf das Gebüsch geheftet waren, -welches schon sich bewegte. Ein Hündchen sprang hinter ihm hervor, und -eine weibliche Gestalt folgte demselben, ihre Freude ausdrückend, daß -sie endlich uns gefunden habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_644" id="Seite_644">[S. 644]</a></span></p> - -<p>Das Weib unsers Retters brachte den ersehnten Labetrunk, so wie -einfache, aber willkommene Speise. Sie berichtete, daß die Negros, -welche von Cañete, das die Besatzung geräumt habe, ausgezogen seien, -überall nach mir suchten, weil sie glaubten, der fortgebrachte -Mantelsack müsse Geld enthalten. Auch in ihrer Hütte wären sie gewesen -und hätten ihrem Manne, den sie sofort erkannt, mit wilden Drohungen -hart zugesetzt; er hätte sie aber auf eine falsche Fährte gebracht. — -Rasch verließ sie uns, keinen Verdacht zu erregen, und ließ mich in -neue, peinliche Unruhe versenkt: Cañete war geräumt! Da seufzte ich -wohl schwer unter den mannigfachen Gefühlen, welche die Nachricht in -mir erregen mußte. Und dann unser Bauer. — Von seiner Redlichkeit hing -unser Leben ab.</p> - -<p>Endlich brach die Dunkelheit an. Jede Stunde war zur Ewigkeit geworden, -da wir mit Ungeduld die schirmende Nacht herbeiwünschten, von Minute zu -Minute wieder zur Sonne blickend und mit Sorge den Raum messend, den -sie noch zu durchlaufen hatte. Bald erschien auch unser Retter, mit -einem Ausrufe der Freude begrüßt. Er bestätigte die Aussagen seines -Weibes: die Garnison von Cañete hatte während der Nacht, da sie die -Nachricht von dem Abmarsche der Division unter Palacios erhalten, die -Festung geräumt, als das Belagerungscorps nur eine Stunde entfernt war. -Sie sah sich von den eigenen Gefährten verlassen, geopfert, Hülfe war -nicht möglich, und die Vertheidigung der Stadt, während sie der Sache -nicht nutzte, mußte unabwendbares Verderben über die Truppen bringen. -So hielt es Oberst Gil für Pflicht, sie wo möglich zu retten, keinen -Falls aber ganz ohne ferneren Zweck sie der Vernichtung preis zu geben. -Daher warf er sich in das Gebirge und schlug den Weg nach Beteta ein, -um mit der dortigen Besatzung sich zu vereinigen und gleichfalls der -Gränze zuzueilen.</p> - -<p>Die Truppen der Feinde, die von Cañete entsendet waren, um etwaige -Versprengte und Flüchtlinge aufzufangen, waren<span class="pagenum"><a name="Seite_645" id="Seite_645">[S. 645]</a></span> beim Anbruche der Nacht -der Sicherheit wegen dorthin zurückgekehrt, so daß nun das Terrain frei -war.</p> - -<p>Ich verhehlte mir nicht, wie wenig ich zu hoffen hatte: die -Marschrichtung der Garnison ließ mir gar keine Aussicht, mich ihr -anzuschließen, so daß Tod oder Gefangenschaft unvermeidlich wurde. -Während der Nacht zog ich dem höheren Gebirge zu, in welchem ich am -folgenden Morgen viele zerstreute Soldaten von dem Rekruten-Bataillone -antraf. Sie sagten aus, daß die Colonne von Cuenca unter Balboa am -Nachmittage der Garnison entgegengekommen sei, sie bei Tragacete -geworfen und zum Theil auseinander gesprengt habe; der Rest, kaum 800 -Mann, hatte sich den Quellen der Flüsse zugewandt. So suchte ich denn -möglichst rasch dorthin zurückzukehren. Mein wackerer Marco folgte -mir überall willig, aber jeder Versuch, auch nur Einen der übrigen -Soldaten, die augenscheinlich von panischem Schrecken ergriffen waren, -zum Umkehren zu bewegen, war fruchtlos; der Krieg war beendet, sie -zogen ihrer Heimath zu.</p> - -<p>Da traf ich einige Officiere, dann dichte Haufen Freiwilliger von allen -Waffengattungen, endlich selbst einen Theil meiner Sappeurs, eiligen -Schrittes und mit finsterem Antlitze durch die Thäler sich zerstreuend. -Der niederschlagende, nur zu wahre Bericht Aller war derselbe: Oberst -Gil hatte, da er vergeblich gestrebt, nach Frankreich sich Bahn zu -brechen, und rings umstellt von feindlichen Colonnen, den nutzlosen -Kampf aufgegeben. Er vereinigte seine Truppen und erklärte ihnen, daß -sie, von den Gefährten verlassen und ganz isolirt in der Mitte der -Christinos, im Widerstande keine Rettung hoffen durften; er entband sie -daher ihrer Pflicht als Soldaten im Dienste des Königs und forderte -sie auf, ein Jeder für die eigene Sicherheit zu sorgen und, so gut er -könne, dem väterlichen Hause zuzueilen.</p> - -<p>Oberst Gil mit mehreren der angesehensten Officiere war nach Cuenca -gegangen, um dort dem Feinde sich zu ergeben, Brusco aber hatte sich -auf Zaragoza gewendet, wo er als Fremder<span class="pagenum"><a name="Seite_646" id="Seite_646">[S. 646]</a></span> Paß nach Frankreich zu -erlangen hoffte. Die übrigen Officiere hatten sich, wie die Soldaten, -nach allen Seiten hin zerstreut.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>So war denn Alles vorbei. — Blutenden Herzens zog ich nach Royuela, -Marco’s Dorfe, und blieb dort noch einen Tag in dem Hause des Pfarrers -versteckt, den ich von einem meiner Streifzüge her als redlichen -Mann kannte. Der Bruder desselben überbrachte dem Gouverneur der -feindlichen Festung Teruel ein Schreiben, in welchem ich mich bereit -zeigte, die Waffen niederzulegen, wenn mir der Paß nach der Gränze -zugestanden werde. Da ich unverzüglich vom Gouverneur die Antwort -bekam, daß er Befehl habe, einen jeden Carlisten, der freiwillig die -Waffen niederlege, nach seinem Geburtsorte zu entlassen, weshalb ich -ohne Besorgniß kommen möge, den Paß zu empfangen, setzte ich mich am -Morgen des 20. Juni nach Teruel in Marsch. Die Theilnahme, welche die -Einwohner von el Albarracin und den übrigen Ortschaften, in denen ich -früher an der Spitze meiner Truppen gewesen war, in so veränderter -Lage mir bewiesen, mußte bei allem Schmerze, den die Erinnerung -hervorrief, mir unendlich genugthuend sein; das rauhe, aber biedere -Gebirgsvölkchen, gewohnt, nur Härte und erpressenden Eigennutz zu -finden, hatte die Rücksicht anerkannt, die in der Ausübung der schweren -Pflicht mich stets Schonung und Milde, wo sie erlaubt waren, gegen die -Bedauernswerthen üben ließ.</p> - -<p>Gegen Mittag lag die Festung vor mir. Bei eben dem Gartenhäuschen, bis -zu welchem ich wenige Wochen vorher mit meinen Sappeurs vorgedrungen -war, trennte ich mich nun nach herzlichem Abschiede von meinem treuen -Marco, der bis dicht an die Stadt mich geleiten wollte.</p> - -<p>Als ich wenige Minuten später das gewölbte Thor betrat,<span class="pagenum"><a name="Seite_647" id="Seite_647">[S. 647]</a></span> als ich den -triumphirenden Feinden mich überlieferte, da schwand meine Kraft, -ich fühlte mich niedergeschmettert, und nur der Gedanke, von den -verhaßten Christinos umgeben zu sein, konnte mich stärken, um im -Äußern Festigkeit und Ruhe zu zeigen, während die widerstreitendsten -Empfindungen meine Brust durchwühlten. Es war ja Alles vorbei. Die ewig -gerechte Sache, für die wir gestritten, deren Sieg das erhabene Ziel -unseres Strebens und unserer Hoffnungen bildete, war der herrlichen -Früchte so vieler Thaten, so vielen Blutes — vielleicht auf immer — -beraubt; sie unterlag der Übermacht der usurpatorischen Revolution, -welche sie so glorreich bekämpft und so oft mit dem Untergange bedroht -hatte, unterlag, weil ein Elender sich fand, ein Verräther, der, -niedrigen Leidenschaften zu genügen, das Heiligste für Gold hingab! — -Das zerreißt das Herz und füllt den Busen mit Gluth des Hasses und der -Rache, welche nie erlöscht.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wenige Zeilen werden hinreichen, um eine Übersicht der Ereignisse zu -geben, welche von der Eroberung Morella’s bis zu dem bald und ohne -wichtigen Kampf erfolgenden Übertritt der Trümmer der carlistischen -Heere auf französisches Gebiet erfolgten. Sie sind, da der Sieg -entschieden war, von nur untergeordnetem Interesse, mögen aber der -Vollständigkeit wegen kurz angeführt werden.</p> - -<p>Palacios und Arévalo trafen schon am Tage nach meiner Trennung von -ihnen, am 15. Juni, mit ihren sieben Bataillonen und neun Escadronen -westlich von Medinaceli mit der Colonne des Generals Concha zusammen, -der die Königinn Wittwe auf ihrer Reise nach Zaragoza escortirt -hatte. Die Carlisten wurden, doch ohne auf ernsthaftes Gefecht sich -einzulassen, geworfen und erlitten den schweren Verlust von 1400 -Mann, welche von dem Nachtrabe abgeschnitten und gefangen<span class="pagenum"><a name="Seite_648" id="Seite_648">[S. 648]</a></span> wurden. -Sie vereinigten sich darauf in den Pinares zwischen Soria und Burgos -mit Valmaseda, welcher zwei starke Escadronen und 400 Mann Infanterie -führte, und zogen dem Ebro zu, um durch Navarra die französische Gränze -zu erreichen.</p> - -<p>Sie überschritten jenen Fluß in Miranda de Ebro und durchzogen -Alava, wurden aber, da sie das Volk in Navarra umsonst zum Aufstande -zu bewegen suchten, am 25. Juni bei Tafalla nochmals ereilt und -geschlagen. Valmaseda drang jedoch mit kaum 2000 Mann nach Frankreich -durch; er betrat dieses Königreich am 28. im Departement des Basses -Pyrenees und ward sofort als Gefangener nach dem Norden abgeführt. -Palacios dagegen sah sich abgeschnitten und genöthigt, in Pamplona sich -zu präsentiren, indem er erklärte, daß er die Waffen niederlegen und in -feine Heimath sich zurückziehen wolle. Unter dem Vorwande, daß dieser -Schritt zu spät gethan und durch die äußerste Nothwendigkeit erzwungen -sei, wurde er als Kriegsgefangener behandelt.</p> - -<p>Der Graf von Morella hatte den Ebro mit nicht ganz 5000 Mann -Infanterie und etwa 400 Pferden passirt, da mehrere Bataillone von ihm -abgeschnitten wurden, andere die Garnison von Morella bildeten, alle -aber durch die wiederholten empfindlichen Verluste des Frühjahres sehr -geschwächt waren. Wir sahen oben, wie der größte Theil der Cavallerie -dem Brigadier Palacios sich anschloß. Er vereinigte sich alsbald mit -den Divisionen von Catalonien, welche durch Königliche Ordre bald -nach der Ermordung des Grafen von España gleichfalls seinen Befehlen -untergeben waren. Auch sie hatten schon bedeutende Verluste erlitten -und zählten nur noch 5000 Mann.</p> - -<p>Der General wandte sich nach Berga, welches er auf den besten -Vertheidungszustand zu bringen befahl, während er noch einmal einen -Rest der alten Energie zeigte, da er die Mörder des heldenmüthigen de -España nach der Strenge der Gesetze bestrafen ließ. Mehrere Theilnehmer -der Schandthat wurden arretirt<span class="pagenum"><a name="Seite_649" id="Seite_649">[S. 649]</a></span> und sogleich erschossen; die meisten -hatten sich auf die Nachricht seiner Annäherung durch die Flucht -gerettet.</p> - -<p>Espartero aber, so wie er Morella erobert hatte, führte zur Verfolgung -der Carlisten den größten Theil seines Heeres über den Ebro und -übernahm den Oberbefehl im Fürstenthum Catalonien. Er drängte rasch -die schwachen, ihm entgegengestellten Truppen in die Gebirge von -Hoch-Catalonien zurück, ohne irgendwo kräftigen Widerstand zu finden. -Berga wurde nach leichten Scharmützeln eingeschlossen; es ergab sich, -ehe noch die Belagerungs-Artillerie herangebracht war. Das Heer, -fortwährend den Kampf vermeidend, zog sich auf dem Fuße verfolgt -nach der Gränze zurück, welche seit dem Anfange des Julius täglich -Flüchtlinge, Beamte, Priester, Weiber und Kinder überschritten, denen -bald einzelne Officiere sich anschlossen. — Am 6. Juli führte Cabrera -etwa 8000 Menschen von der Armee von Aragon, unter denen über 3000 -Nichtcombattanten, auf das französische Gebiet, wo er arretirt und nach -Paris mit Gensdarmen gebracht wurde. Die catalonischen Truppen, deren -Anführer General Segarra zu den Feinden überging, zerstreuten sich -größtentheils, der Rest folgte alsbald ihren Gefährten nach Frankreich, -und die unbedeutenden Banden, welche hauptsächlich unter der Anführung -des Generals Tristany noch einige Wochen lang die rauhen Schluchten -der catalonischen Pyrenäen durchzogen, wurden ohne Mühe erdrückt und -vernichtet.</p> - -<p>Nach fast siebenjährigem Bürgerkriege, durch ihre Selbstsucht -hervorgerufen, sahen die Männer der Revolution ihre Herrschaft über -das verwüstete, mit dem Blute seiner besten Söhne getränkte Königreich -befestigt. Sie zögerten nicht, den schmählich erkauften Triumph -würdig zu benutzen. Maria Christina, so lange ihr Werkzeug, nun als -überflüssig mit Hohn bei Seite geworfen, sollte das erste Opfer ihrer -Umtriebe werden.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_121_121" id="Fussnote_121_121"></a><a href="#FNAnker_121_121"><span class="label">[121]</span></a> Einige Zeilen, die ich dort in dem Verstecke in mein -Tagebuch notirte, schließen nach kurzer Erzählung des Geschehenen mit -den Worten: „Jetzt liege ich in einem Pinar verborgen, von glühendem -Durste gequält. Mein treuer Bursche Marco Valero von Royuela hat mich -nicht verlassen; er schläft an meiner Seite. — O Spanien! O meine -Heimath!“</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier39" name="zier39"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 39" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_650" id="Seite_650">[S. 650]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="XL">XL.</h2> - -</div> - -<p>Vom Gouverneur von Teruel mit hoher Artigkeit empfangen, entging ich -nicht den Insulten des Nationalgarden-Pöbels, besonders, da ich das -weiße Barett der Carlisten nicht ablegte und nie verheimlichte, daß -ich nur durch die Macht der Verhältnisse gezwungen und mit bitterem -Schmerze jetzt dem Kampfe für die Sache des Royalismus entsagte. Am -Nachmittage wurden einige hundert Gefangene von den Truppen von Cañete, -so wie die Besatzung von Beteta eingebracht. Wuthgeheul begrüßte sie, -und trotz dem kräftigen Einschreiten des Militairs wurden mehrere der -Unglücklichen durch Steine schwer verletzt. Ein armer Priester aber, -der früher in der Stadt angestellt gewesen war, hatte, die Wuth der -Elenden fürchtend, — er hatte die päpstlichen Indulgenz-Bullen, deren -Ertrag für die Kriegscasse der Carlisten vom Papst bestimmt war, in der -Provinz Teruel verkauft und dabei manche Härte ausgeübt — vom Chef -der Escorte erlangt, mit zwei Soldaten in einem Gartenhäuschen bis zum -Anbruche der Nacht zu bleiben. Eine rasende Schaar flog auf die Kunde -davon hinaus und bemächtigte sich des Priesters; <em class="gesperrt">Weiber</em> mordeten -ihn unter langen, entsetzlichen Martern und Gräueln mit Scheeren und -Nadeln.</p> - -<p>Am 21. Juni Morgens verließ ich zu Fuß Teruel, die werthvollsten -Gegenstände, welche ich gerettet, in einem Pakete tragend. Ich ahnete -nicht, daß Gefahr existiren könne, oder sorgte sie nicht in meinen -düstern Gedanken, weshalb ich ganz allein den Marsch nach Frankreich -antrat. Ein halbes Stündchen war ich gegangen, als ein Mann keuchend -mich einholte und mir im Namen des Gouverneurs befahl, zu diesem -zurückzukehren. Kaum waren wir hundert Schritt weit zurückgegangen,<span class="pagenum"><a name="Seite_651" id="Seite_651">[S. 651]</a></span> -als ein zweiter Kerl, in einen zerlumpten rothen Mantel gehüllt, sich -uns zugesellte und auf meine andere Seite trat; eine kleine Strecke -weiter trafen wir zwei ähnliche Menschen im Chausseegraben sitzend, -welche bei unserer Annäherung sich erhoben.</p> - -<p>Da befahl plötzlich der Rothmantel: „Nehmet diesem Menschen das Bündel -und bindet ihm die Hände!“ Verächtlich lächelnd hielt ich das Packet -hin, indem ich nur einige Papiere zu bergen suchte, als, ehe noch -die Beiden herzugetreten waren, der Bandit eine Pistole unter dem -Mantel hervorzog. Ein jäher Schreck durchzuckte mich: Meuchelmord! -Ich versuchte, durch Versprechungen die Gefahr abzuwenden, aber ruhig -den Hahn spannend, hielt er mit den Worten: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, ich habe -lange Lust, solch’ Einen zu tödten“ die Pistole mir auf die Brust. -Blitzschnell wandte ich mich um, und das Packet flog dem Mörder an den -Kopf in dem Augenblicke, da der Schuß ertönte: mein Arm sank blutend an -der Seite nieder, aber unaufgehalten flog ich der Stadt zu. Die Kugel, -durch die rasche Bewegung das Ziel verfehlend, streifte nur längs der -Brust, drang in die Schulter und durchbohrte den rechten Oberarm.</p> - -<p>Schon erschöpft durch Blutverlust und Schmerzen erreichte ich die -Thorwache, von wo ich zum Gouverneur und dann in das Hospital getragen -wurde. Durch seltenen Zufall hatte die Kugel weder die Arterie noch -den Knochen bedeutend verletzt, da doch beide gestreift waren und das -Hindurchgleiten zwischen ihnen und den Sehnen, von denen einige halb -abgeschnitten waren, nach dem Ausspruche der Ärzte ein Wunder schien.</p> - -<p>Nach sechs Wochen konnte ich das Hospital verlassen. Der Gouverneur -erklärte mir, daß seine Bemühungen, die Meuchelmörder zu entdecken, -fruchtlos gewesen seien; das mir Geraubte, worunter viele wichtige -Andenken aus den letzten vier Jahren, Notizen und Effecten, war -unwiederbringlich verloren. Während meines Aufenthaltes im Hospitale -wurden übrigens über zwanzig<span class="pagenum"><a name="Seite_652" id="Seite_652">[S. 652]</a></span> entwaffnete Carlisten, mehr oder -weniger schwer verwundet, nach demselben gebracht, und täglich liefen -Nachrichten von Mordthaten ein, welche in der Umgegend vorgefallen -waren. Ich glaube, mich selten gefürchtet zu haben; aber als ich zum -erstenmale wieder die Straßen von Teruel betrat, konnte ich das Gefühl -der Furcht nicht überwinden und warf fortwährend scheue Blicke nach -allen Seiten. Schrecklich ist der Gedanke, nach so vielen überstandenen -Gefahren und nach dem Schlusse des Krieges zu fallen — durch Mord!</p> - -<p>Vorsichtiger gemacht marschirte ich nun mit einem Convoy wegen -schwerer Wunden nach den Bädern bestimmter Christinos nach Valencia -ab. Während das Volk, eben dasselbe, welches uns, da wir bewaffnet -und siegreich das Land durchzogen, stets mit Jubel aufgenommen hatte, -nach dem Blute der Wehrlosen lechzete, übten die Krieger, verstümmelt -im Kampfe mit den Carlisten, — zwei von ihnen waren im Scharmützel -mit meiner eigenen Streifparthie verwundet — die zarteste Rücksicht -gegen mich aus und verfluchten die Feigen, welche, so lange der Krieg -wüthete, unthätig hinter ihren Mauern sich versteckt hatten und nun -ihren Patriotismus durch gefahrlose Insulte und Mord darzuthun suchten. -Ja, eben diesen verwundeten Feinden dankte ich wiederholt das Leben. -Der wahre Soldat, wenn auch wild und blutdürstig in der Aufregung -des Kampfes, wird nie dem mit Muth unterliegenden Gegner Achtung und -Bewunderung versagen.</p> - -<p>Schon in Segorve war ich kaum einigen Erbärmlichen entgangen, -die unter dem Vorwande, mich nach meinem Logis zu führen, in die -abgelegensten Theile der Stadt mich lockten. Ihr Glaube, daß ich den -valencianischen Dialect nicht verstehe, rettete mich. In Murviedro -aber am 31. Juli erkannten mich einige Nationalgardisten, da ich -früher als Kriegsgefangener dort gewesen war; zum Glück bemerkte ich -ihr Nachschleichen, ihre lauernden Blicke und das drohende Geflüster, -mit dem sie<span class="pagenum"><a name="Seite_653" id="Seite_653">[S. 653]</a></span> wieder und wieder vor meiner Thür vorbeigingen. Da die -Militairbehörden von Murviedro im entlegenen Castell wohnten und ich -so spät nicht mehr wagen durfte, dorthin mich zu begeben, baten mich -einige der Verwundeten, welche neben meinem Hause einquartiert waren, -bei ihnen die Nacht zuzubringen, für meine Sicherheit sich verbürgend. -Und wohl bedurfte ich dieses Schutzes. Bis nach Mitternacht standen -große Haufen von halbtrunkenen Schurken, mit ihren armlangen Messern -bewaffnet, an der Thür und hinter den Ecken, erwartend, daß ich meinen -Zufluchtsort verlasse.</p> - -<p>Wieder durchschritt ich die herrlichen Gefilde der Huerta, aber mit wie -so ganz andern Empfindungen. Damals ging ich kampflustig und vertrauend -auf nahen Triumph zur Auswechselung, die langen Leiden ein Ziel setzen -sollte; und jetzt...!</p> - -<p>Nachdem mir der englische Consul in Valencia bereitwillig einen Paß -unter falschem Namen als verabschiedetem Soldaten der britischen -Hülfslegion ausgestellt hatte, da ich nur so mit einiger Sicherheit -die Reise fortsetzen konnte, schiffte ich mich am 8. August auf einem -kleinen Kauffahrer im Grao ein, um die im ewigen Frühlinge prangende -Stadt zu verlassen. Ein günstiger Wind trieb uns längs den mit Hügeln -umkränzten Küsten von Valencia und Catalonien hin, deren niedliche -Städte, dicht an einander gereihet, langsam vorüberschwanden. Wir -bewunderten die von der Natur zum geräumigsten und gegen alle Winde -gleich trefflich geschützten Hafen gemachte Bai der Alfarques, da wir, -drohendes Gewölk fürchtend, eine Nacht auf ihrer stets spiegelglatten -Fläche zubrachten. Unter Carl IV. ward dort die Grundlage zu -einer neuen Stadt, San Carlos, gelegt, in der einzelne prachtvolle -Gebäude eine hohe Cathedrale umgeben, so wie alle Straßen abgesteckt -sind. Die politischen Stürme und Drangsale, unter denen Spanien seit -funfzig Jahren seufzet, ließen die Ausführung des schönen Gedankens auf -günstigere Zeiten verschieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_654" id="Seite_654">[S. 654]</a></span></p> - -<p>Dann durchschnitten wir den schmalen, weiß schäumenden Streifen, durch -den der Ebro einige Meilen weit ins Meer hinein die Gewalt seiner -Wasser bekundet, und legten am 11. Juli vor Tarragona bei, schon zur -Zeit der Römer gerühmt und unter den Arabern als eine der ersten Städte -der Halbinsel blühend, jetzt nur noch durch Ruinen an seine einstige -Größe erinnernd. Am folgenden Tage erreichten wir den schönen Hafen von -Barcelona, der reichsten Stadt Spaniens, eben so lieblich durch ihr -Klima, wie sie in der Geschichte des Bürgerkrieges durch die Wildheit -ihrer Bewohner hervorsticht, welche häufige Revolutionen und Mordscenen -hervorrief.</p> - -<p>Die Königinn Wittwe befand sich seit einiger Zeit mit ihren Töchtern -in Barcelona nebst den Generalen Espartero, dem Siegesherzoge, Leon, -Grafen von Velascoain und O’Donnell, welche ich kurz nach der Landung -auf der Parade sah. Espartero ist von untersetzter Statur und dunkel -gebräunten Antlitzes mit feurigen Augen und scharf markirten, listigen -Zügen; in seinem Auftreten und Wesen malten sich unendlicher Stolz und -Eitelkeit. Er stand zu jener Epoche auf dem Gipfel der Volksgunst und -war von dem Heere angebetet. Vivas empfingen, Deputationen begrüßten -ihn bei jedem Schritte, selbst über die Regentinn ihn erhebend, da er -gerade durch eine Proclamation entschieden gegen das Regierungssystem -sich ausgesprochen hatte. Espartero war schon der wahre Herrscher -Spaniens. Neben ihm zog die starke imponirende Gestalt des Generals -Leon die Aufmerksamkeit an: ein dichter schwarzer Bart, aus dem die -Augen dunkel blitzten, bedeckte das ganze Gesicht und gab ihm einen -besonders finstern Ausdruck. Augenscheinlich herrschte Kälte zwischen -ihm und dem Oberfeldherrn. O’Donnell dagegen, wohlbeleibt, mit dem -feststehenden Lächeln auf den immer sich gleichen Zügen, denen die -scharf gebogene Adlernase einen Anstrich von Energie verlieh, machte -sich Viel mit Espartero zu schaffen und schien durch freundliches -Grüßen<span class="pagenum"><a name="Seite_655" id="Seite_655">[S. 655]</a></span> der Gruppen rechts und links das Wohlwollen des Volkes zu -erstreben.</p> - -<p>Am Nachmittage setzte ich den Marsch fort, längs der Küste nordwärts -mich richtend. Da ich in der Nacht unter einer Hecke mich niedergelegt -hatte, ward ich durch einen lauten Ruf geweckt; zwei Männer mit -Büchsen standen vor mir und forderten, indem sie sich als Carabineros -— ein militairisch organisirtes Corps Zollwächter — zu erkennen -gaben, meinen Paß. Als ich ihn hervorzog, ergriff einer derselben -das Taschenbuch und blätterte darin umher. Todesschrecken machte mir -das Blut erstarren: durch eine Unvorsichtigkeit, welche mir später -unbegreiflich war, befand sich in dem Taschenbuche ein Päckchen Briefe, -welche mir in Angelegenheiten des Dienstes nach Cañete geschrieben -waren. Der Carabinero zog alsbald das unheilsvolle Packet hervor und -fragte mich mit dem Ausrufe: „<span class="antiqua" xml:lang="es" lang="es">carajo</span>, wie viele Briefe!“ von wem -sie wären. „Von meiner Familie“ war die Antwort. Im ungewissen Lichte -des Mondes betrachtete er einen jeden Brief einzeln und gab sie endlich -mir zurück, der ich, kaum athmend, das Resultat der Untersuchung -erwartete. Er zündete dann eine Laterne an und las sorgfältig den Paß, -während ich, jeden Verdacht zu vermeiden, die Brieftasche ruhig in der -Hand hielt. Nachdem sie jedes Wort des englischen Passes studirt hatten -und natürlich, da sie nicht eine Silbe verstanden, befriedigt waren, -verließen sie mich, gegen die Gefahren des Weges durch das Gebirge mich -warnend. Tief aufathmend dankte ich für die Rettung aus der Gefahr, der -ich mich übrigens nicht wieder aussetzte. Die Carabineros waren stets -unsere blutgierigsten Feinde, die weder Pardon gaben noch erhielten!</p> - -<p>Über Gerona und Figueras langte ich am 15. August Abends nach -unendlichen Mühseligkeiten und Entbehrungen — Brombeeren waren von -Barcelona her meine einzige Nahrung — bei Perthus auf der Gränze von -Frankreich an. Als ich die<span class="pagenum"><a name="Seite_656" id="Seite_656">[S. 656]</a></span> Brücke überschritt, welche die beiden -Königreiche verbindet, zitterte ich, wie nie im Leben, und jubelte und -dankte Gott, daß er schützend aus diesem Spanien mich befreit hatte, -aus den Klauen spanischer Volksaufklärer.</p> - -<p>Nachdem ich den Zug der Pyrenäen, welcher schmal, aber rauh, bis -ins Meer sich hineinzieht, überstiegen, befand ich mich am Mittage -des folgenden Tages in Perpignan. Der Präfect der Ost-Pyrenäen -und der commandirende General der Militair-Division stellten mir -die Alternative, entweder mit meinem Grade in die Fremdenlegion -einzutreten,<a name="FNAnker_122_122" id="FNAnker_122_122"></a><a href="#Fussnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a> für welchen Fall sofort Gelder angeboten wurden, oder -aber unmittelbar nach Deutschland abzugehen. Da ich das Ansinnen der -Franzosen — vielleicht etwas derbe — zurückstieß und der Präfect es -für eine passende Rache hielt, mir die Erlaubniß zum Aufenthalte, bis -ich mir Hülfsmittel verschaffte, zu verweigern, trat ich am 18. August -den mühevollen Marsch nach dem Vaterlande an.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_122_122" id="Fussnote_122_122"></a><a href="#FNAnker_122_122"><span class="label">[122]</span></a> Von den mit Cabrera übergetretenen Carlisten hatten -etwa 800 Mann in der Fremdenlegion Dienste genommen, so wie dreißig -Officiere, denen ihr effectiver Rang zugesichert ward. Ein Bataillon -ward daraus gebildet, welches bald nach Afrika abging. Die übrigen -Carlisten weigerten sich trotz aller Aufforderungen, Versprechungen und -Vexationen, Ludwig Philipp zu dienen.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier40" name="zier40"> - <img class="w8em" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung Ende Kapitel 40" /></a> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Vier Jahre in Spanien., by August Karl von Goeben - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE IN SPANIEN. *** - -***** This file should be named 60358-h.htm or 60358-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60358/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -transcription was produced from images generously made -available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State -Library.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60358-h/images/cover.jpg b/old/60358-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c341069..0000000 --- a/old/60358-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60358-h/images/zier.jpg b/old/60358-h/images/zier.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d8dc198..0000000 --- a/old/60358-h/images/zier.jpg +++ /dev/null |
