summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/60357-0.txt8817
-rw-r--r--old/60357-0.zipbin204486 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60357-h.zipbin300528 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60357-h/60357-h.htm9235
-rw-r--r--old/60357-h/images/cover.jpgbin72402 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60357-h/images/signet.jpgbin13842 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60357-h/images/zier.jpgbin5346 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 18052 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..3a6c338
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #60357 (https://www.gutenberg.org/ebooks/60357)
diff --git a/old/60357-0.txt b/old/60357-0.txt
deleted file mode 100644
index c189cc5..0000000
--- a/old/60357-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,8817 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und
-Handwerksbursche, by Paul Göhre
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche
- Eine praktische Studie
-
-Author: Paul Göhre
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60357]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
- halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an
- das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Drei Monate Fabrikarbeiter
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Drei Monate Fabrikarbeiter
-
-
- und
-
- Handwerksbursche
-
-
- Eine praktische Studie
-
- von
-
- Paul Göhre
-
- Kandidaten der Theologie
- Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin
-
-
- Erstes bis zehntes Tausend
-
- [Illustration]
-
- Leipzig
-
- Fr. Wilh. Grunow
-
- 1891
-
-
-
-
- Das Recht der Übersetzung bleibt vorbehalten
-
-
-
-
- Seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik
-
- Der Verfasser
-
-
-
-
-Inhalt
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel: Mein Weg 1
-
- Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen 12
-
- Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik 40
-
- Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie 88
-
- Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner
- Arbeitsgenossen 108
-
- Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum 142
-
- Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände 191
-
- Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen 212
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Die nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen,
-die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden.
-Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen
-Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben
-habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen
-gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium
-selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe
-ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem
-Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne
-dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen
-Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von
-den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat.
-
-Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik
-gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und
-Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das
-Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer
-Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber
-ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus
-einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen
-meine, als es andre von sich behaupten.
-
-Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese
-Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein
-oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als
-die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr
-Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung
-zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe
-dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht
-haben.
-
- Berlin, Anfang Juni 1891
-
- =Der Verfasser=
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-Mein Weg
-
-
-Anfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den
-Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches
-Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein
-derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste
-Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab,
-ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt,
-einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in
-struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem
-Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte
-Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten
-sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate +unerkannt+
-als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit
-meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit
-den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und
-getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit
-ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein
-reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt,
-das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will.
-
-Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und
-kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich
-bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt
-zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der
-Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir
-eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es eine reiche
-Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen
-Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage
-der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei
-dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft
-nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so
-scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen
-auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten
-und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen
-Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen
-von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie
-die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse,
-die beinahe durchgängig +Parteipresse+ ist und als Vertreterin
-bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen,
-egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten
-ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften
-von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische
-Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber
-gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter
-den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem
-Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem
-Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter,
-gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu
-werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur
-äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur
-sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor
-allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere
-Arbeit bauen zu können: +die volle Wahrheit über die Gesinnung
-der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen,
-sittlichen, religiösen Charakter+.
-
-Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht?
-Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich
-selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit
-eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen,
-ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte,
-die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß
-belauschte und selbständig nach den innersten Triebfedern ihrer
-Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen
-dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem
-Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine
-Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen,
-welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses
-Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt
-noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie
-ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und -- zum
-großen Teil mit Recht -- Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu
-kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter
-Arbeitern, erfahren. Also -- heran an die Quelle!
-
-Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich
-ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich
-zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er
-mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte.
-
-Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an,
-als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war.
-
-Expedient, Schreiber.
-
-Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen.
-
-Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück.
-
-Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort
-ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.
-
-So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der
-Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle
-und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin,
-freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.
-
-Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in
-Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die
-hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an
-der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer
-nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus.
-Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter
-durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und
-dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit
-einer dunstigen, dicken Luft gefüllt war. An den Wänden hingen viele
-Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren
-nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den
-Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.
-
-Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der
-neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen
-Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.
-
-Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig
-unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich
-herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen
-Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:
-
-Guten Tag, Landser [Landsmann].
-
-Guten Tag, Landser, antwortete ich.
-
-Auch einer von der Zunft? -- Damit hielt er mir seinen ausgestreckten
-Zeigefinger vor die Augen.
-
-Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich
-gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und
-sagte jedenfalls Nein.
-
-Was bist du denn? forschte er weiter.
-
-Expedient, Schreiber.
-
-Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal -- damit
-rückte er vertraulich an mich heran --, es ist wohl nicht ganz richtig
-mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig
-aus, du bist wohl durchgebrannt?
-
-Nein, sagte ich sehr einsilbig.
-
-Oder kommst du vom Zuchthause?...
-
-Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht
-fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.
-
-Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte
-ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig
-war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast
-zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche
-Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem
-Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen.
-Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten
-anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht nicht; zu Hause zur
-Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir
-unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich
--- setzte ich hinzu -- doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen,
-als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.
-
-Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir
-der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion
-ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle
-Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in
-der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.
-
-Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.
-
-Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt.
-Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob
-allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits
-doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien -- wie ich das ja
-auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche
-Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese
-Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen
-auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe
-vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel
-gefunden, um +unerkannt+ unter ihnen sein zu können. Das war aber
-die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.
-
-Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein
-mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei
-einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern
-drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm
-Tische.
-
-Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit
-väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab.
-
-Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr
-Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider,
-der einen Rock machen kann, kommt immer durch.
-
-Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei
-seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht
-leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet
-hätte.
-
-Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn
-das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So
-wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich
-nicht mit ansehen.
-
-Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte
-jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders
-veranlaßte.
-
-Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort.
-Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn
-vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir
-nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine
-Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin.
-
-Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt
-Affe.
-
-Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein
-Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf
-eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte.
-
-Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und
-machten sich ihre eignen Gedanken.
-
-Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in
-Chemnitz Arbeit +in einer Fabrik+ bekommen könnte. Sie hielten
-das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht,
-wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer
-Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.
-
-Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr
-bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte
-Ausweg, aber besser als Hungern.
-
-Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern.
-Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht
-mehr gesehen.
-
-Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde,
-zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei
-kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit,
-die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde
-ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen
-Herberge heimisch.
-
-Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern
-unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen,
-siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und
-sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit
-Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen,
-kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still
-und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen
-immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.
-
-Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den
-Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter
-dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste
-einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte
-Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder
-freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren
-Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter
-arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen
-Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage
-in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen
-Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage
-lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher
-der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.
-
-Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie
-rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen
-Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach
-etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder
-unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange
-aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen
-Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für
-immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen,
-wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche
-Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.
-
-Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die
-häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden
-Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders
-abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern, reservierten,
-bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.
-
-Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge
-herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich
-fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen,
-stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der
-Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch
-nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.
-
-In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise
-zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer
-Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er
-redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte
-das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft.
-Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen
-unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.
-
-Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser
-Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall
-nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer
-sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes
-Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des
-Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.
-
-Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil
-jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines
-Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends.
-Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern
-statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus.
-Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu
-finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber
-das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in
-eine größere Fabrik.
-
-So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken.
-Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen
-Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch
-zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter eingestellt.
-Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten
-und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der
-Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie
-jeden andern Arbeiter.
-
-Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen
-vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren
-meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und
-ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem
-Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart
-worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich
-unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner
-Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen
-habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir
-uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.
-
-Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und
-war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da
-zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was
-äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz
-gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit,
-mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.
-
-Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da
-mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten
-Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und
-zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her
-transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann
-hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und
-vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre
-einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder
-reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und
-jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der
-Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von
-verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich
-fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten
-Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt
-hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen
-kaum einzuschlafen.
-
-Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink,
-jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den
-Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen.
-Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es
-mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt
-zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine
-bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.
-
-Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage,
-wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von
-mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen
-ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während
-dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem
-Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich
-hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig
-über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich
-einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel
-halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets
-erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja
-fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß
-zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung
-kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß
-ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für
-viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten
-Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“
-Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt
-mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir
-Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine
-richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist,
-glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür,
-es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf
-allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung
-freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht,
-war für sie wohl einfach undenkbar.
-
-Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen
-zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des
-Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen
-einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen
-unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende
-verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen
-unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den
-Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein
-pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins,
-in denen ich nie fehlte, oder -- und dies je länger desto mehr -- in
-den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war.
-Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern
-jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten
-sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war
-ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor
-Schluß, also vor Mitternacht verließ.
-
-Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen
-Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer
-Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über
-meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch
-mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich
-die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke
-des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich
-mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten
-Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser,
-dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie
-sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.
-
-Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu
-lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete -- als
-Arbeitsloser -- die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von
-freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des
-„Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug
-hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf,
-teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und
-gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien
-zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen
-wenigstens gründlich +gesehen+. Ein Sozialdemokrat hat in
-einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das
-Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger
-Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre
-hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen
-sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber
-im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle
-+nicht+ annähme.
-
-Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder
-Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam
-nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So
-brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause
-zurück.
-
-Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg,
-den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre
-Resultate.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen
-
-
-Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen
-allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In
-täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150
-Mann, von denen die meisten mit mir +einer+ Abteilung, dem
-Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die
-Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.
-
-Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel
-ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese
-Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine
-Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere
-Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf
-10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher
-und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich
-leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie
-zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den
-Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer,
-oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens
-aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen
-Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15
-bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer
-Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder
-zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen
-Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.
-
-Über das +Einkommen+ meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht
-ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich
-nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit
-nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit
-zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu
-verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht
-in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die
-Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen;
-der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott
-und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.
-
-Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten
-Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu
-Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende
-eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen.
-Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde
-entlassen.
-
-Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20
-Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber
-auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht
-zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags
-und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an
-den beiden genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78
-Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen,
-Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten
-mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen
-Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark
-die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die
-um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter
-bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis
-30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in
-der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach
-seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger
-Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird
-ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch
-sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht.
-Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im
-Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern
-sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100
-Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als
-zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der
-Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender.
-Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben
-nicht zu prüfen.
-
-Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse
-nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig
-bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen
-Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die
-angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der
-Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat
-beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig
-angesehen wird.
-
-Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als
-diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen
-und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich
-und ihre Angehörigen hielten, suchten durch +Nebenverdienst+ ihr
-Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in
-ihren knappen Feierabendstunden sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik
-ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme,
-bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer,
-der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und
-seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte,
-ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen
-über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem
-nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider
-trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld
-zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst,
-allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei
-Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer,
-der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging
-des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der
-Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in
-einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein
-Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten
-Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn;
-ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig
-Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn
-auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte
-allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern
-Arbeiterkneipen -- wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen,
-als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht
-einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit
-billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb.
-Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch
-Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren
-Gärten und ähnliche Dinge.
-
-Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in
-der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz
-bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“
-zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie
-die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die
-Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen
-am Sonntag Vormittag.
-
-Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch
-nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber
-Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit
-die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft,
-Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern
-Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim
-auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.
-
-Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei
-ebenfalls der Frau die +ganze+ Arbeit obliegt, als Quelle zur
-Erhöhung des Fabriklohnes angesehen -- kaum mit vollem Rechte. Denn so
-viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen
-auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit,
-von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz
-abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.
-
-Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern.
-Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf
-solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen
-that.
-
-Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen
-goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf
-Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens
-sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord
-arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und
-den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch
-seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre
-meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter;
-ebenfalls ein junger Dreher war -- wohl durch Erbschaft -- Eigentümer
-des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein
-Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses.
-Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl,
-der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte,
-aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er
-es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich
-mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren
-Manne, dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert
-Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er
-seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ --
-wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich
-es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen
-Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.
-
-Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von
-Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich
-auch nicht von Überfluß. +Denn der oben angegebene Betrag des
-jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei
-den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß
-ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere
-Nahrungssorgen leben kann.+ Die Sache liegt aber sofort bedeutend
-ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur
-zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und
-andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes
-oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel
-der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens
-verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war
-allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich
-und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das
-Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen
-Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur
-in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen
-möglich war.
-
-Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich
-über +Wohnung+, +Kleidung+, +Nahrung+ meiner Arbeitsgenossen gemacht
-habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden
-Mitteilung für wert halte.
-
-Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht
-in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich
-mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in
-den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht
-vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein
-Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger,
-hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem
-Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends
-seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn
-einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“
-nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller
-dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen
-und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter,
-die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen
-Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als
-wir in unserm Viertel.
-
-Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider
-Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über,
-und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange
-Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht
-selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte
-Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf:
-zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen,
-niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen
-zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel
-gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den
-niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten
-Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen
-dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit
-Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite,
-mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an
-Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen
-freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt
-dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die
-seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und
-Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.
-
-Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den
-Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft
-auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten
-Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser
-umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt
-war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll.
-Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine
-Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber
-dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen,
-mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr
-Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter,
-und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft
-gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich
-jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die
-vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich
-vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie
-ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.
-
-Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten,
-noch +Familien+wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich
-eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß
-daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete
-das Heim eines -- wenn ich recht sah -- sehr großen Teiles unsrer
-Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben.
-„Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine
-Stube?“ waren ganz übliche Worte.
-
-Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die
-Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke
-dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben
-und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie
-den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten
-Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger
-Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke
-versehen war.
-
-Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser
-hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in
-erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen
-fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für
-die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders
-gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder
-dem ähnliche Gartengebäude.
-
-Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte
-wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als
-diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu
-geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend,
-ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise
-reichten sie freilich nicht hinan.
-
-Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete
-Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten,
-läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl
-sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener
-oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge
-Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten,
-die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß
-auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die
-aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe
-Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu
-sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam;
-an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig
-für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.
-
-Wie es nun innen in den Wohnungen aussah? Gut, mittelmäßig, schlecht
--- das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig
-runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr-
-und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast
-immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine
-Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr
-oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der
-Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand,
-pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“
-und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank
-befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast
-vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten
-Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa
-das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der
-Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet
-man ja ohne Mitgift. Ob aber in einem solchen Haushalt Ordnung,
-Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und
-größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder
-nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst
-und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich
-der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei
-Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die
-Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel,
-und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und
-Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche
-verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus,
-und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen
-die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände
-schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem
-als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem
-und altem Hausgerät.
-
-Jedenfalls -- und ich betone das scharf und nachdrücklich -- war die
-Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung
-und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten
-versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als
-diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war.
-
-Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein
-andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der
-Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume
-genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei
-Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber
-eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern
-Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen
-war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer
-beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus
-die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und
-Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo
-weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder
-auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und versorgt
-waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern
-für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei
-einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der
-Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige
-Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der
-in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause
-wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau
-und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube,
-einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da
-schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven,
-und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern
-in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches
-Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch
-schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette
-war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei
-kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und
-besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon
-als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer
-andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem
-zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden
-Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen
-Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief,
-begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer,
-Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges
-Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine
-Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so
-wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein
-Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine
-energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr
-herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa
-neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit
-Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen
-aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen
-Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder
-je in einem Bette zusammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast
-den ganzen Raum einnahmen, die +drei+ Burschen in der etwas
-geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in +zwei+ Betten, also zwei
-einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür
-er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese
-Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf
-meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern
-„für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast
-immer dahin verstanden wurde, allein in +einem Bette+.
-
-Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern
-Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig.
-Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine
-zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein
-kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und
-gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige
-Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der
-ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit
-der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit,
-wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht,
-doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder
-waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen
-herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen +fünf+ fremde
-Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen:
-aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer
-und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten,
-in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm +zwei+
-böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich,
-schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit +drei+ Jahren,
-seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem
-Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr
-abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die
-Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden
-Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer
-mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser
-Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam
-erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte dann
-noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe
-für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch
-übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem
-einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte,
-tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem
-andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht
-ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben
-konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei
-dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.
-
-Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre
-Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen
-verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle
-Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder
-seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre
-Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde
-einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den
-Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt
-in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft
-untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer
-Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte
-bezeichnet werden mußte!
-
-Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das
-+Schlafstellen-+ und +Kostgängerunwesen+. Das ist der Ruin der
-deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den allermeisten
-Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe materielle
-Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß zum
-Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum Spaße
-mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im
-Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen
-kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn
-man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als
-junge Mädchen.
-
-Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von
-Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch
-und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und
-nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns unmöglich
-gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach
-Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben +und den
-einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und
-Schlafmädchen streng untersagt+. Bei meinen Besuchen und Gängen fand
-ich etwa noch folgende Arten an:
-
-a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten
-Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten
-stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft
-dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren
-und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich
-im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten
-waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von
-Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von
-der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich
-und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere
-Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer
-und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der
-wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man
-noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab
-und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren
-fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns-
-oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird,
-und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann
-natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen
-Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß,
-es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste
-mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein
-Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen
-Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und
-das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer
-ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen
-Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen.
-
-b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen
-der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie
-in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die angeführte
-Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so
-doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche
-dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich
-eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d. h. nur mit einem Bette
-ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann
-kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht
-möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter
-einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei
-Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die
-freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger
-verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen
-Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden.
-
-Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich
-sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit
-Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für
-den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann
-verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für
-notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer
-mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte
-fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur
-ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht
-wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit
-einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich
-Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten
-vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen
-Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit
-Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit
-ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus --
-auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die
-Familie.
-
-Über die +Kleidungsverhältnisse+ meiner Arbeitsgenossen habe
-ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung
-selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch
-langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste
-und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche Kostüm. Mit
-Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln
-an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem
-elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur
-wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils
-des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter
-Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten
-Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem
-banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und
-zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst
-gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen
-Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu
-dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit
-schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus,
-krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse
-weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man
-selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte
-Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen
-Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt,
-wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne
-Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem,
-was richtig an seinem „System“ ist, getragen.
-
-Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen
-allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn
-Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein
-bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den
-man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der
-Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer
-zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei
-bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.
-
-So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein
-mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht
-zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten,
-wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar solchen
-Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb
-bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau
-ist eben eine Schlumpe.“
-
-Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger
-junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste
-sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in
-der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns
-gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen
-alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem
-man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu
-kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder
-doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.
-
-Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung
-pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst
-anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen
-nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah.
-Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf
-diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag
-abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker
-und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten
-Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in
-den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum,
-höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers
-zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an
-Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben
-bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener,
-sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr
-er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom
-Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht
-so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter
-ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten.
-Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich
-komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen
-bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man
-annehmen sollte. Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über
-ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch
-sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe
-ab.
-
-Über die +Ernährungsverhältnisse+ der Arbeitsgenossen ist
-nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei
-Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr
-Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh
-6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein
-die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen
-Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher
-allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt
-worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.
-
-Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen;
-nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause.
-Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen,
-wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube
-des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte.
-Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es
-durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.
-
-Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot
-in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem
-Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich
-ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der
-ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten,
-Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil
-frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener
-Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und
-Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der
-zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch
-gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.
-
-Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges
-Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot
-selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So
-begnügten wir uns damit, sie an der selbst schmutzigen Schürze, an
-Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann
-nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben
-hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte
-uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach
-zweistündiger Morgenarbeit.
-
-Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas
-dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure
-Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte
-der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern
-mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich
-und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was
-infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen.
-Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch,
-ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben
-so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen
-habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier
-leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung.
-Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben
-Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und
-mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung
-des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der
-früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso
-transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung
-von großer sozialethischer Bedeutung -- hier einmal in günstigem
-Sinne -- und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre
-Reformversuche.
-
-Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder
-kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern
-verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun.
-In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei
-Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier
-gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer
-noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete
-vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung
-dabei wurde besonders dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis
-fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen
-in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich
-sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich
-am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu
-beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu
-fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen
-Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den
-einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen,
-blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen
-Blechkrug geschenkt wurde.
-
-So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das
-doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders
-anging, und ließ es sich schmecken.
-
-Für das +Mittagessen+ war, wie gesagt, auch bei uns die übliche
-Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch
-nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch
-einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in
-unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt
-12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen
-Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt
-in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an
-einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich
-immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später,
-kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So
-reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei
-der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte.
-Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso
-zum Feierabend diese Pfeifen.
-
-Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich
-selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben
-hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war
-anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es
-bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte
-es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen
-als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter, durch das Einkommen
-gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert
-der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise -- und sie
-sind +nicht+ in der Minderzahl -- fast Unmögliches möglich.
-Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich
-noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen
-+immer+ Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte
-ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und
-ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe;
-jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen,
-die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher
-als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der
-verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine
-Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte,
-häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines
-Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.
-
-Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl
-gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang
-einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.
-
-Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt,
-namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere
-Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene
-sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.
-
-Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt,
-noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge
-Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die
-selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit
-des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch
-in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß
-in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste
-Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich
-erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer
-aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war
-stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.
-
-Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum
-Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen
-ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst,
-und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung,
-die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile
-aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und
-die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr
-weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der
-sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil
-es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen
-gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich
-in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber
-anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in
-genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen,
-jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und
-leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man
-trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es
-Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer
-einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und
-das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers
-vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen,
-ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne
-Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer
-ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu
-erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das
-dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte
-Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten
-Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute:
-meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen
-berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf-
-und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und
-Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen
-zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern
-Schichten sind.
-
-Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der Stadt
-teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr
-geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen
-besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu
-ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt
-voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke
-aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der
-Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten
-gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in
-unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den
-man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche
-Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch.
-Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in
-beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei
-aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer
-Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen,
-nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte
-einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige.
-Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt
-zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang
-nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die
-ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber
-man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken
-und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel
-hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte,
-setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das
-sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag
-über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch
-anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich
-so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen
-Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann
-auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische
-herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen
-guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und
-kostenlosesten besonders angelegentlich.
-
-Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz in der
-Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete,
-eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der
-Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei
-Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist
-mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder
-sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die
-Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens
-in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der
-nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde
-alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem
-sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern
-unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine
-leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde
-des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die
-Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit
-kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird
-begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen
-ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute
-selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit
-in die Fabrik zurück kam und -- wie es Sitte war -- ihnen Mahlzeit,
-gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter
-abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.
-
-War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper
-besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem
-Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle
-irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein
-Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt
-und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen,
-und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen
-sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!
-
-Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden
-von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den
-allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In der Stadt war das aber
-ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen
-und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um
-pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter
-zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die
-ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel
-in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend,
--- denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für
-die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des
-täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven
-Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend
-ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen
-heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch
-eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man
-im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen
-wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen,
-den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück
-und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen
-treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die
-Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es
-infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten
-Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf
-der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich
-saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da
-beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu
-unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit
-dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde
-halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen,
-und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem
-ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich
-12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt
-worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach
-Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das
-Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind
-müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl
-allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm
-übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders
-unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von
-8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig
-geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den
-Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern
-hunderten von ihnen.
-
-Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags
-mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen
-warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst
-um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die
-ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus
-Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder
-waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine
-Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und
-gesund.
-
-Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen
-aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost.
-Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe
-des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen
-Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon
-immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und
-Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.
-
-Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs-
-und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen
-vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon
-die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen
-Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen
-auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben
-mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer
-und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, +daß
-infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen
-Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon
-nicht mehr vorhanden ist+. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft
-von Eltern und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten
-Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in
-bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser
-anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits
-mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen
-Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in
-der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten
-Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten
-hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen
-Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand,
-der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden
-eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die
-Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu
-bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen
-pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben
-daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht
-unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den
-Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und
-Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten
-Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde,
-häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den
-vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur
-mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke
-daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach
-ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an
-und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede
-gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen
-flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der
-Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier
-„Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen
-Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung,
-des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen
-Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man
-erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes
-Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als
-daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter
-einander leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen
-Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen
-und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen
-Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und
-daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und
-Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja
-daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch
-Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit
-solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher
-Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen
-Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends,
-so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof,
-in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen
-und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch
-erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde,
-und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten
-mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die
-sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen.
-Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne
-und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu
-derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen
-am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich
-unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so,
-daß Eltern und Kinder ungestört zusammen +allein+ nur noch während
-der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit
-eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und
-Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht,
-vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den
-Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber
-geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade,
-um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen
-zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die
-Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges
-behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.
-
-Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den Charakter,
-die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden.
-Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem
-Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt
-werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie
-in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage
-sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie
-als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten
-Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und
-in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind
-erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen
-Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich
-namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen
-und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall
-des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die
-Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran
-arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser
-Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.
-
- [*] Viele dieser engern Landsleute waren mit einander verwandt. Ich
- fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei uns, fünf
- Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, der
- Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-Die Arbeit in der Fabrik
-
-
-Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus
-kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger
-Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war,
-umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor
-standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon
-erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige
-parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An
-ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber,
-denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die
-Landstraße vorbei. Von hier nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus.
-Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang
-und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor
-verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und
-allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.
-
-Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig.
-Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer,
-daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und
-Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die
-eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen
-mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter
-Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik
-gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden
-waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden,
-und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne
-Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte,
-ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber
-festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob
-sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen
-Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen.
-Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub.
-Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum
-oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden
-Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel
-ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in
-dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete
-Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich
-während der Arbeit ein Blatt davon geholt.
-
-Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin
-abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver,
-mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die
-zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren.
-Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die
-Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.
-
-Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die
-Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.
-
-In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später
-aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger
-angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen
-Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er
-hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum
-Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht
-herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander
-gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive
-Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten
-beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der
-Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin
-der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet
-war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der
-Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn
-der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte,
-lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite
-des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine
-ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter
-und freundlicher -- gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in
-unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das
-Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen
-Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen
-und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der
-große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel
-wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre
-gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile
-der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen
-und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da
-schafften -- wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte
-es nicht wenigstens einer sein?
-
-Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den
-Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke der
-Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer
-ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren
-die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte,
-eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum
-und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr
-unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am
-ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen
-Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben
-bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige
-Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte
-Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange
-eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain
-für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere,
-jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende
-große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel
-Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel
-benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung
-fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in
-dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich,
-die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken
-liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender
-Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden
-Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der
-Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem
-Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher
-zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag,
-stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich
-sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen
-Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem
-einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns
-den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und
-Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten
-freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.
-
-Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig,
-die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine
-Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden
-Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen
-auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht
-hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern
-auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler,
-öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen
-in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in
-gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit,
-die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im
-Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.
-
-In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche
-Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im
-ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend
-Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum
-ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch
-das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes
-Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit
-irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.
-
-Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer
-bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten
-großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe
-waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der
-Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen
-Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen
-haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns
-gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser
-vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher,
-die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede,
-Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe
-neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler,
-Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure,
-andre Handlanger jeder Art und Bestimmung -- denn auch unter ihnen
-herrscht die Arbeitsteilung --, Kutscher und Portier, eine bunte
-Kette, in der doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur
-die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher
-Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene
-Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen
-und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde
-vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll,
-ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.
-
-Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert,
-voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn
-Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die
-gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen.
-Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand
-der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen
-Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser
-120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel
-und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen,
-„Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und
-die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen
-verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre
-einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der
-Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.
-
-Dieser +Arbeitsprozeß+ war schwer, kompliziert, langsam;
-aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine
-Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die
-Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der
-modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres
-Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit
-an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu
-würdigen.
-
-Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine,
-etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die
-Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die
-Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der
-Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie
-gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe
-von Maschinen gearbeitet. Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit
-gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand
-arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum
-fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben
-Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale,
-war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke
-hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie
-mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und
-dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur
-geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion
-der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen
-kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und
-Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit
-besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen
-möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und
-zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb.
-Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine
-disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig
-auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung
-der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse
-Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war
-kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze,
-das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern
-dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken-
-und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in
-diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese
-Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in
-der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich
-auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und
-feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller
-Tischler blaß.
-
-Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der
-benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“
-zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der
-Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam
-die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung
-unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter
-und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte
-Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes
-erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen
-fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.
-
-Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau
-der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung
-geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige
-Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem
-Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe
-seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und
-weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und
-bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen
-vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe
-und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für
-den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt.
-Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht
-einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr
-Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine
-deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen
-erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß
-die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen
-eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der
-andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.
-
-Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in
-derselben Abteilung im Bau begriffen sind -- was für den erziehlichen
-Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes
-Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte
-Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber
-die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in
-dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen
-Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die
-Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus
-der Hand des Modellmeisters überwiesenen groben Stücke, vermögen der
-beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon
-etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die
-Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen
-die meisten Stücke noch durch viele Hände.
-
-Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten
-und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl
-als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle
-Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten
-Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und
-Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden
-Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es
-vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten
-und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte.
-Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der
-einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand
-diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen -- das eine
-steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und
-ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als
-der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer
-sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen
-Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen;
-aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der
-Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit
-thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten
-Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht
-geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende,
-einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit
-anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor
-diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes
-hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische
-Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die
-Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und
-andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist
-auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich
-zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß
-mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres
-falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen,
-der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer
-Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen
-Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter,
-deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer
-gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen
-Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der
-ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum
-Ausdruck kommt.
-
-Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition
-ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den
-beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender
-Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und
-der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie
-Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer
-wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den
-Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er
-der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er
-die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die
-einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken
-und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu
-bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift
-des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden.
-Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer
-und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die
-rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das
-aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel
-seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur
-zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade
-unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener.
-Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein
-Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten
-Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen
-zu arbeiten hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten
-nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste
-Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter
-160-170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur
-29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen
-sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser
-und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem
-sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei
-jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf
-die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten
-und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage
-lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler
-langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen
-hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an
-größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte,
-dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden
-Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und
-kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese
-festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher
-und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu
-beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu
-atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern -- wenn ich
-recht berichtet bin -- den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch
-durchschnittlich jünger als die andern.
-
-Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten,
-so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich
-darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine
-steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen.
-Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken
-Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig
-abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten.
-Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit
-unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu
-überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe
-es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen,
-so mit Nuten, Rissen, Einschnitten und Spitzen zu versehen, daß sie
-für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur
-noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein
-großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer
-und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der
-Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges,
-geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein
-organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn
-er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man
-unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen
-werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die
-Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter
-dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man
-fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen
-deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist:
-gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.
-
-Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer
-die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein
-von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als
-die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt
-nachzubohren -- alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch
-Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche
-Charakterbildung möglich?
-
-Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn
-alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen,
-geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und
-Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen
-und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der
-eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs,
-immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in
-der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht
-ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile
-sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern
-mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das
-allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal
-zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das
-elfte und zwölfte mal noch vergeblich zusammenzupassen. Die glatten
-Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren,
-mußten -- eine schwere Mühe -- mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange
-eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen
-und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit
-wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe
-Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem
-Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde
-geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in
-der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd,
-liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht
-klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer,
-Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der
-von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm
-auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber
-allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich
-die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da
-stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen
-Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder
-durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.
-
-Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres
-Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine.
-Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten
-Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen --
-bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht
-war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer
-und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der
-Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches,
-glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie
-in Empfang nahmen.
-
-So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch
-war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der
-Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort
-ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren
-Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch
-hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde langweiligen
-Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient
-der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen
-Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach
-langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle
-gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen
-fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen
-und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon
-sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben
-Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen
-Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue
-Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann,
-je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine,
-dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten
-zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher
-Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen
-Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu
-vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch
-auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das
-selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist,
-für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert.
-So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit
-unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische
-Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu
-einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die
-handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu
-höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei
-und Kunsttischlerei nahe verwandt.
-
-Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe
-Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler,
-Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu
-bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder
-andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein -- das
-wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber
-gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den
-sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt
-worden ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige,
-unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer
-nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren,
-die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne
-Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu
-liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge
-umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem
-Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle
-zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.
-
-Freilich wurde -- und damit komme ich auf das Gesamturteil über die
-Arbeit in unsrer Fabrik -- bei ihnen wie bei jenen andern niederern
-Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die schlimme
-Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade unsers
-Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit ethisch
-vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip der
-Arbeitsbeteiligung +aller+ an +demselben+ einen Arbeitsprodukte. Vom
-Meister und Monteur herab bis zum Packer und Transporteur, schaffte
-jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an einem einzig sinnvollen
-Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer Werkzeugmaschine. Damit
-aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger Unentbehrlichkeit
-und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das Interesse auch
-des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers an dem Ganzen
-lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für den Arbeitsprozeß
-notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die prompte, akkurate
-und verständige Leistung der andern angewiesen. Man wußte genau,
-wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der Bohrer genau nach
-Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal kostete, Sachen,
-die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar zu machen; und man
-fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen der Arbeitsgenossen,
-die einen in solchen Fällen zu unangenehmer Verantwortung zogen. So
-orientierte man sich lieber in zweifelhaften Fällen über Bestimmung und
-Zweck des Stückes und verrichtete auch die langweiligste Teilarbeit
-nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung und mit verständnisvoller
-Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen Maschine. Und indem so
-fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen fast jeder Maschine, die
-aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und sein Verdienst
-hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte Handarbeiter,
-der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert hatte, ihre
-Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger genau sich
-klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das Kunstwerk
-fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge und innerer
-Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein Hobel
-geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, seine
-Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war der
-heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht
-bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn
-mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle
-der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns
-die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit
-auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten,
-denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier
-gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß
-sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische
-Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst
-wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt,
-Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut
-hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer
-dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe
-Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts
-als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden
-an jedem -- Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann
-in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich
-auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht
-so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin
-zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter
-unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen
-vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen
-Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige
-Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch
-eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.
-
-Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch
-dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein
-großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation:
-nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die
-immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein
-Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was
-auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor
-Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die
-Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der
-Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her;
-aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor
-abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten
-Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht
-für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin
-befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch
-so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern
-Handwerks+gesellen+; darin liegt die Ursache der dauernden
-schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner
-Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des
-Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten
-Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines
-Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel
-eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres
-Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um
-die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen
-ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren
-Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen,
-den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu
-eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt,
-die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer
-einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist;
-gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen
-und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille,
-ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und
-das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt
-null und nichtig. So ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit
-andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald
-wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden
-Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische
-Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal
-und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf,
-den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche
-Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei
-uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb
-selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu
-Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die
-Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche
-Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die
-Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und
-der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und
-starkes Streben.
-
-Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig
-wurzelnde Wirkung wurde durch die +Arbeitsordnung+ noch vermehrt,
-die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist
-meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen
-von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die
-Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der
-Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.
-
-Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren
-schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr
-bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder
-überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der
-Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen
-dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute,
-die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem
-Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten,
-die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu
-können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen
-Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da
-wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst fand
-eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8
-und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte,
-genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute
-schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser
-Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt.
-Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in
-Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen
-umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor
-in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung
-aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich
-bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die
-+alle+ Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden
-bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen
-lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch
-Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu
-vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“
-
-Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen
-an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit
-in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch
-das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich.
-Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten
-vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der
-notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte
-der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche
-Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die
-verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen
-Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war
-an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu
-einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine
-zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte
-an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen
-Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise
-vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte
-sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde
-machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der
-allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein
-Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und
-Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben
-Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein
-Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er.
-„Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden
-jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich
-nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes
-statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem
-Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig
-geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die
-ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer
-Gang waren.
-
-Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne
-bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom
-Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte.
-Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen
-Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht
-berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger
-sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder
-eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun
-die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal
-bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß
-ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das
-englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens
-bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den
-Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen
-Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste
-Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich
-birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde,
-thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken
-haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit
-durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde
-bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu
-schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und
-seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit
-erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem
-Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß
-er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen
-etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde
-wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in
-Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein
-paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der
-vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an
-ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht
-ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden
-diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner
-großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem
-Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn
-beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ
-erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir
-mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich
-herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im
-Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.
-
-Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich
-bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert:
-
- Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach
- im +Voraus+ durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder
- Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.
-
- Eine +Löhnungsperiode+ erstreckt sich, so lange sich nicht
- eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche
- bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.
-
- Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode
- folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden
- die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender
- Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.
-
-Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem
-Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach
-Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion
-innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage
-folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn
-Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann
-regelmäßig seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen
-Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht
-der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu
-verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist
-gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat.
-Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus
-irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie
-mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes
-neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern
-denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch
-dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes
-gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich
-und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch
-vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen
-Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder
-abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt
-und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von
-den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich
-in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir
-ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre
-Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen
-folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:
-
- Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach
- freiem Ermessen der Direktion statt.
-
-Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:
-
- Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung
- und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom
- vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel,
- welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.
-
- Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes
- Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.
-
- Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des
- Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung
- kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die
- Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich
- gebilligt worden ist.
-
-Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt,
-einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut
-Anschlages jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß
-in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr
-vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit
-die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden
-der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder
-gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der
-Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus;
-dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den
-dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher
-zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr
-günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.
-
-Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für
-alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag,
-der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn
-es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar
-drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige
-Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief
-in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“
-übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und
-das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit
-der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen
-am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark
-ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt
-er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut
-geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren
-die Leute auch wohl zufrieden.
-
-Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge
-ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die
-zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in
-der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich
-neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem
-Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und
-sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das
-Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die
-großen Maschinen, die wie im Schlafe stumm, unbeweglich daliegen
-nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein
-Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner
-Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne,
-deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen
-Fabrikfenster brechen.
-
-Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer
-Fabrikordnung reichlich und doch -- ich kann das wohl sagen -- meist in
-gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die
-höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn
-einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei
-mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde,
-letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf
-das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in
-beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden
-konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache,
-daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der
-That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit
-getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und
-ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes
-„Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen
-faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen
-Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen,
-also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des
-Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die
-wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags
-schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren
-hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der
-Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal
-ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik
-zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht
-möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe
-Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst
-einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden.
-In solchem Falle, der übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es
-vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann
-persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe
-wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen
-wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei
-der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an
-sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten
-Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die
-Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall
-mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat.
-Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden
-Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten
-alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren
-des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon
-betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie
-bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit
-einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen
-militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in
-Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der
-Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige
-Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung
-derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends
-bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.
-
-Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung
-der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder
-verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich
-die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz
-beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“
-Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die
-Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar
-Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt
-worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus
-jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also
-ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während des Jahres
-in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und
-beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand
-kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in
-der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen
-Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer,
-solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit
-Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen,
-womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.
-
-Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines
-Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen
-und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen
-wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt,
-unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der
-hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden
-MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der
-Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung;
-jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach
-Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann
-gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung
-einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die
-nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt.
-Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von
-Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer
-Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter
-noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden
-wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer
-mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte,
-traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen,
-Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit
-getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von
-Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte
-und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte.
-Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand:
-Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos,
-daß in Chemnitz bereits 1100 Familienväter brotlos seien -- damals
-jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die
-Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen
-Arbeiterbevölkerung umgingen.
-
-Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in
-unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus
-der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel
-verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war,
-vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so,
-daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt
-wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend
-einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit)
-eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner
-Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei
-Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren
-Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht
-mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher
-Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser
-Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit
-besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten,
-traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein
-Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte
-von ihnen war verheiratet.
-
-Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen
-nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge
-unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern
--- derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge
-zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit
-verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen
-anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei
-dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer
-Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte.
-Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere
-ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß
-nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie
-lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen Partei nahmen,
-der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung
-die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es
-sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an
-derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage -- er arbeitete
-in Akkord -- war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn
-ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei
-seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht
-habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf
-dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt.
-Als er -- immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen
-Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne
-stand -- um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit
-+roter+ Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der
-erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu
-holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische
-liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn
-gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden.
-Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf
-die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht
-darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten
-Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich
-hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener
-Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung,
-vorsichtig zu sein.
-
-Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die
-Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig
-sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich
-Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in
-Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand,
-nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige
-Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann
-aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte
-von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung
-und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande,
-daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten ihn von
-diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar
-mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn
-diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen
-und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich
-weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern
-bewußt war.
-
-Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die
-von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten
-acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein
-Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale
-niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister
-Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg,
-anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich
-nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer
-sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern
-erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde,
-die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand,
-den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten
-nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und
-das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers
-arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.
-
-Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere
-Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig,
-unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das
-Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier
-ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit
-beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe.
-Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und
-im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen
-Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem
-Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der
-Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten
-Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend,
-der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung,
-wenigstens der ältern Generation meiner Genossen im Herzen sitzt.
-Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns
-bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen,
-die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal
-aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben
-Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem
-einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen
-hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte,
-wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast
-durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer
-Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft
-wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und
-wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich
-anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch
-nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des
-bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu
-bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine
-Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die
-ich zuletzt schilderte.
-
-Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir
-kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der
-Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:
-
- Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten
- jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber
- besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist
- auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene
- Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.
-
- Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer
- anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen,
- beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen
- Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren
- Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.
-
-Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei
-uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei.
-Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte
-völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen
-und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die
-Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle
-überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang
-auszuhändigende Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere
-Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen
-wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage
-des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist
-ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für
-die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich
-höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht.
-Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht
-das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem
-Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche
-Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade
-wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster
-ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der
-Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen,
-daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns
-gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger
-von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand
-beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die
-wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem
-Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen
-im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich
-weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung
-zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der
-sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum
-Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis
-der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere
-Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine
-volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.
-
-Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen
-darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz
-folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war
-es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken
-und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und
-Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von
-den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen,
-wo wir bei dem Leiter direkt anfragen konnten, wurden wir freundlich
-und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die
-freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu
-denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht.
-Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden
-darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen
-schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die
-Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden
-Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich
-jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen
-vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen
-er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit
-gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch
-nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen
-Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten,
-in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine
-besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu
-selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter
-den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht
-erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten
-Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten,
-erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen
-ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst
-auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel
-glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht
-sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen
-Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos
-von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen,
-immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer
-wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der
-Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das
-furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie
-sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer,
-charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und
-moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation
-es sein kann.
-
-Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare
-Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von
-den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik
-ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa
-vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa
-zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen
-Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und
-dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so
-häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen
-der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten,
-und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam
-besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half
-sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.
-
-Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens
-der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein
-unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier
-zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als
-Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin
-behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft,
-was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu
-jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende
-Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet
-werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den
-Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne
-in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert.
-Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch
-die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum
-Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten
-strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales,
-das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen,
-u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die
-nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten.
-Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten
-wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende
-Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau mit Matratze,
-Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein
-Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung
-bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den
-Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren
-war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von
-den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer
-notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher
-auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte
-jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus
-geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen,
-die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der
-Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die
-Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach
-Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse,
-das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter
-nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen
-Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht.
-Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem
-bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen
-Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion
-gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen
-Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.
-
-Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer
-und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an
-mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens
-in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein
-nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich
-machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends
-am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr
-Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens
-und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre
-Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den
-ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von
-dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo,
-bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden
-Produktionsprozeß und bei der Freiheit und Selbständigkeit, wie
-sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes
-durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden
-des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von
-Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten.
-Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen,
-sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler
-Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie
-verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende,
-ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem
-Einerlei, oft an ein und derselben Stelle -- dies alles zusammen macht
-unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden
-Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben
-jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß
-geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes -- und
-dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus
-ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei
-muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine
-verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden
-waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten
-mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn
-ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne
-gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den
-Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der
-Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der
-längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht
-that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht
-allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr
-tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei
-Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem
-Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die
-Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter,
-starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren.
-Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an
-Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.
-
-Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten
-+Arbeitsordnung+ unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am
-Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über
-eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An
-der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen,
-steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. +Durch Annahme
-der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der
-Fabrikordnung+, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar
-ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des
-Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an
-der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „+Änderungen sowie
-Zusätze zu derselben+ werden von der Direktion +durch Anschlag
-bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft+.“
-
-Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter
-dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist
-deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein
-maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine
-Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und
-der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört.
-Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern
-wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie
-Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen
-von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter;
-sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade
-Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende
-Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und
-folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters
-der heutigen Fabrikarbeiter.
-
-Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe,
-wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer
-Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch
-die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem
-Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter
-seiner energischen Persönlichkeit zurück, in dessen thatkräftiger,
-militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter
-und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem
-man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand
-gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister,
-handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig,
-daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht
-hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen
-schmerzlich zum Bewußtsein kam.
-
-Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem
-+Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und
-mit ihren Vorgesetzten+ erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer
-Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen,
-in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige
-Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin
-beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge,
-und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige
-Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos,
-grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus
-der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung
-des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren,
-bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine
-Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen
-ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der
-Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten
-in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das
-einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden
-großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere
-Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.
-
-Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit
-selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte
-Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene
-Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung
-arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie
-ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus
-der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem
-fortwährenden Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst
-aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die
-Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem
-gegenseitigen Verkehr.
-
-Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen
-Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne,
-derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig
-ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern
-Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man
-sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder
-neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene
-ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere
-Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier
-gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung
-aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus
-dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das
-letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag
-plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und
-erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem
-aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und
-mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die
-Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen
-zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche,
-politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den
-Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen.
-Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle
-genügt die eben gemachte Angabe.
-
-Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo
-immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche
-Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den
-achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich
-die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem
-Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte
-es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche
-von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten
-und sich, wie es im Volke heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur
-einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen,
-rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm
-dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen
-beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin
-und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden
-sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter
-längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir
-glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“
-Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig
-ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen;
-ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von
-hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich
-nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei
-schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen
-und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen
-den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern
-kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache
-niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung
-meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu
-zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und
-unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon
-verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht.
-So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt
-glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich
-ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen
-darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe
-auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.
-
-Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen,
-freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man
-mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten
-Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie
-traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.
-
-Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der
-Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der
-Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen
-Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen
-begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter
-des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage
-des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische,
-scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen
-immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß
-man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein
-Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die
-fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab
-und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der
-unaufhörliche große Lärm das Hindernis.
-
-Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in
-den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter
-Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne
-und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb
-seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf
-über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter
-verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter,
-Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister
-mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und
-selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies
-aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die
-Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber
-häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon
-ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der
-angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft
-und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene
-Neigung in lebendige Übung bringt.
-
-Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf
-Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten
-der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen
-in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch
-vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich machten. Oder ein guter
-Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur
-scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst
-eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders
-zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten
-die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man
-ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg
-trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur
-Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den
-beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen
-zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich
-kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu
-stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches
-Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern
-den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf
-unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in
-die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich
-unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher
-Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich;
-und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und
-ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den
-leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller
-und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen
-Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und
-Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter,
-ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und
-ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.
-
-Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns
-Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich
-gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede
-zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben
-zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser
-Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere
-Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer
-Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst
-Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter wieder gehorchten,
-sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen
-ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede
-Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen
-nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn
-er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat
-und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu
-thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister
-wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er
-sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar,
-und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als
-„Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch
-bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die
-Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und
-wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der
-Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?
-
-Ja.
-
-Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar
-nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier
-fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre
-suchen und mitbringen.
-
-Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.
-
-Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung
-von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von
-Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit
-betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der
-Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige
-oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten
-vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als
-Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren,
-erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen.
-Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren
-eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den
-allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß
-einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden dauernd
-entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.
-
-Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen
-Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren
-deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren
-Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten.
-Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie
-und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als
-verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein
-wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die
-Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein
-gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte
-darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges
-Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel,
-wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt;
-viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete
-selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die
-Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach
-der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird
-der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der
-vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in
-irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte.
-In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein
-polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern
-einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker
-zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und
-Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge,
-dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und
-darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur
-unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten.
-Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem
-Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen
-Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können,
-daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere
-Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist
-um seine Existenz ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte
-Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so
-groß sein als dort.
-
-Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem
-Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet;
-da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig
-aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen
-Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für
-ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die
-Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.
-
-Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister.
-Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen
-Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik
-herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und
-noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch
-ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen;
-sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während
-der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche.
-Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den
-höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie
-sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel
-in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im
-Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der
-einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten
-die Arbeiter alle und hatten -- was von besonderer Bedeutung ist --
-Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des
-einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an
-und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute
-nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich
-Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von
-den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene
-Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das
-alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu
-den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch
-sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.
-
-Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum
-Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es angenehm
-oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der
-eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein
-und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht,
-hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte.
-Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber
-eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von
-seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein
-heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht
-und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten
-ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher
-Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu
-beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der
-vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten
-großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann,
-wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu
-behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch
-einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen
-andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh
-morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und
-da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht
-gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht
-taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute
-anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die
-jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten
-dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine
-Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten.
-Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise
-gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann,
-je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen
-manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der
-Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender,
-bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben,
-bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner
-Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle
-seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die
-Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch ganz seinen Mann
-zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse
-Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche
-Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten
-ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen
-irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch
-diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem
-Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten
-sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit
-und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die
-sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.
-
-Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten
-Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich
-auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen
-die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie
-die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine
-äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch
-eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem
-andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa
-mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in
-der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich
-die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.
-
-Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft
-zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und
-Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich
-als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich
-und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache,
-daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur
-selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah,
-so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über
-das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor
-und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab
-besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau,
-der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln
-hatte: auch nicht den kürzesten Gruß zu uns brachte dieser Herr über
-die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu
-grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen
-schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger
-wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer
-Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen
-höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte.
-Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.
-
-Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen
-Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich
-und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen:
-einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der
-verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen
-darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller
-nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.
-
-Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so
-wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht
-zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer
-großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer
-Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip
-der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten
-und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen
-beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl
-aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben
-überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien
-Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute
-Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter
-und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat
-man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich
-diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen
-angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte
-Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen
-Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen
-Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr
-selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen
-Charakter an, der es bewirkte, daß der Arbeiter sich ohne geschriebene
-Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst
-subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und
-seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet
-ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen
-Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der
-Leute sein müssen.
-
-Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer
-bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und
-höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden.
-Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie
-beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit
-in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen
-mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig
-nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte
-repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die
-Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte
-Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen
-zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete
-und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen
-menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt
-wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre
-Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit
-zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer
-harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit
-zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines
-Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig
-oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut
-der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das
-gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt
-vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und
-ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr
-wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen
-Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle
-Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden
-Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen
-erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung
-sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der
-Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind
-sie -- mit oder wider ihren Willen -- durch den Druck einer neuen,
-bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung
-einfach zu erziehen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-Die Agitation der Sozialdemokratie
-
-
-Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen
-Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten
-und Dresdner Kupferschmiedemeister +Försterling+ in den
-Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm
-ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein
-Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877
-als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den
-Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie
-den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser
-sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn
-jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder
-ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz
-Schuldirektor ist, gewählt.
-
-Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der
-Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier
-„in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881
-über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische
-Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre
-Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl
-700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen
-gezählt worden sein sollen.
-
-Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers
-die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den
-meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die zu bemerken
-war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend.
-Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige
-irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt
-hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für
-die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren
-diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist
-nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe
-bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von
-auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat,
-schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die
-Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1-200 Mann; es waren
-die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben,
-wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte
-Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung,
-zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der
-im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien;
-die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten
-diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate,
-die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte
-ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die
-Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für
-die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und
-Vorstadtdörfern.
-
-Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei
-herannahender Reichstagswahl, seinen +sozialdemokratischen
-Wahlverein+, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge
-und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich
-aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei
-zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags-
-und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei
-großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen
-Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die
-Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen
-für die Parteigelder und -- das bedeutsamste an ihm -- die Hochschule
-für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten
-Arbeiterbildungsvereine, nicht nur besondre Institute, wie deren in
-Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann
-dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche
-Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers
-Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer
-von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf
-den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung
-von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der
-von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins
-sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften
-Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer
-denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins
-sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß
-+jeder+ redet, +jeder+ sich ausspricht. Und wenn das auch in
-der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht
-zu werden, +denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen,
-damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern
-mit Erfolg antworten zu können+.“ Und ich muß sagen, man kam dieser
-Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht
-Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und
-Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es
-herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form,
-in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die
-ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer
-Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine
-Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen
-Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter
-uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und
-praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und
-Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte,
-deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen
-Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten
-gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug
-vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit und fast kindlichem
-Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu
-meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in
-diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe
-verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar
-darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen
-Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die
-geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem
-Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der
-Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten
-geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der
-Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der
-Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren
-die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab,
-leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur
-dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen
-Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder
-sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert
-der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden
-immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten
-sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten
-zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch
-anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem
-betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja
-zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen
-Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die
-sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der
-Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen
-Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.
-
-Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer
-anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit
-verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die
-Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen
-und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu
-und trank im Durchschnitt daneben ein, höchstens zwei Glas Bier,
-einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige
-verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen
-der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein.
-Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche
-Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere
-Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der
-Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen
-Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung
-sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große
-agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit
-ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen
-Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie
-sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten,
-bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen
-Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er
-imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in
-sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine
-Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und
-der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei
-Versammlungen mit den politischen Gegnern.
-
-Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer
-derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des
-Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder -- in Fällen
-der Behinderung des angekündigten Referenten -- Vorlesung einiger
-Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner
-Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und
-Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit
-denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der
-Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man
-sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen
-Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen
-immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch
-nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch
-einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer
-bescheidnen Ecke des Zimmers aus überwacht. Doch rührten diese sich
-nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern
-und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte
-sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich
-denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer
-gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns
-gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.
-
-Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den
-Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine
-Gelegenheit, dem +Fachverein+ unsrer Chemnitzer Metallarbeiter
-näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und
-ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu
-erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich
-zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte,
-namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das
-wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste
-beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter
-den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen
-Arbeit sei.
-
-Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration
-unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige
-Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie
-war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide
-Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in
-lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich
-durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der
-Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste,
-eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen
-aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch
-war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man
-kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen
-unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten
-Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten
-bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen
-allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken
-stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren
-Unterwirte sozialdemokratisch. In fast allen dieser Fälle war es
-offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.
-
-Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften,
-sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig
-und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen
-auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser
-Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren
-weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der
-allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller
-ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten
-Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich
-ein neues Zeichen dafür, welch eine +reale+ Macht auch die
-sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.
-
-In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun
-neben den +Lokalzeitungen+ anderer oder überhaupt keiner
-Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer
-auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor
-allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter
-aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel
-die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz
-Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich
-die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im
-kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es
-galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine
-Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man
-hielt in der Hauptsache -- entweder allein oder, was noch häufiger
-war, zu zweien und dreien -- eben die sozialdemokratische „Presse,“
-ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische
-Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte
-von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der
-jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen
-Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene
-„Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“
-ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon,
-häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer
-Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und
-Arbeitsstellenanzeigers ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl
-nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten,
-die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“
-Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten,
-von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu
-halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und
-genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von
-Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm
-gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens
-unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur
-Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe
-ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan
-des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur
-Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.
-
-Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte
-in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener,
-der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische
-Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die
-in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die
-sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques,
-Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel,
-Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann
-zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei
-Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon
-war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein
-aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten,
-auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei
-sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es
-ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl
-zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit
-nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur
-solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der
-Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige
-Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen
-wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte
-eingefleischter Bourgeois sind, zum Verkauf stellen. Auch diese
-sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen
-Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute
-der heutigen Volksbildung.
-
-Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die
-Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten
-sozialdemokratischen +Witzblätter+, die jener Kolporteur vertrieb.
-Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf
-ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt,
-die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber
-prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist
-für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie
-ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen
-sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen,
-eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer
-blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung
-alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch
-nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit
-echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von
-Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so
-harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da
-ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da
-kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen
-Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und
-geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten
-und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht,
-doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert,
-daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu
-einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der
-fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.
-
-Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast
-allsonntäglich stattfindenden +Arbeiter- und Kinderfesten+
-entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der
-Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit
-wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und
-Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei
-jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere
-Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat
-deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf
-die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden,
-namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer
-durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden
-kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand
-amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich
-auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist
-einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen
-der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die
-nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser
-selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung
-und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen
-Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie
-noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe
-ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen
-von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch
-besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht
-fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern
-Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge,
-als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht
-zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie
-sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen
-Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter
-Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch
-allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte
-Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr
-viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich
-hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke
-steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu
-sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite
-Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches
-sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die
-meisten andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und
-Volksvergnügungen auch.
-
-Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das
-glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener
-drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf
-der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz,
-und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden
-erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der
-Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder
-sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest
-mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und
-Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos
-man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war.
-Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen
-Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ
-sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein
-süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle
-Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über
-die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den
-Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig
-lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne
-Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte
-sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei
-in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka,
-die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des
-Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen
-Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der
-Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem
-Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz
-tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch
-an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz
-zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen
-Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen
-großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren
-gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten
-Natürlichkeit zu entbehren pflegte.
-
-Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern
-auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in
-Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben
-wurde und folgendermaßen lautete:
-
- ~Ergebenste Einladung~
-
- ~zum~
-
- ~grossen Sommer-Fest~
-
- ~des~
-
- ~Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter
- Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts
- +Sonntag, den 3. August 1890+ im Kaiserhof zu Einsiedel. Bei
- wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.~
-
- ~+Programm.+~
-
-
- ~I. Theil.~
-
- ~2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.~
-
- ~3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von
- Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.~
-
- ~3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.~
-
-
- ~II. Theil.~
-
- ~1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle,
- genannt Achtstunden-Capelle.~
-
- ~2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei
- Geschlechts.~
-
- ~3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit
- Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf
- aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.~
-
- ~4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.~
-
- ~5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen
- Geschlechts.~
-
- ~6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der
- Welt.~
-
- ~7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.~
-
- ~8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause
- gehen.~
-
- ~9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber
- nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.~
-
- ~10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen
- Händen zu erkennen.~
-
- ~11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze
- vorhanden sind.~
-
- ~Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste,
- welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.~
-
-Das Konzert dauerte freilich nur von 4-5 Uhr. Währenddessen fand in
-dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration das Klettern der
-großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der
-Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer,
-Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen
-Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher,
-Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die
-bedruckten Taschentücher das farbige Bild -- Kaiser Wilhelm ~I.~
-zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz
-begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz
-schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine
-Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder
-etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach
-bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer,
-Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern,
-die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller
-begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch
-hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der
-bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für
-Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es
-nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem
-Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten
-Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit
-Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts
-bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel:
-die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein
-eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter
-Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin
-war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen
-Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin,
-als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche
-Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene.
-Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien
-untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle
-wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe
-Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte
-man ihnen hohnlachend eine Nase.
-
-Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regnerischem
-Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches
-Kabinett, darin ein Faß mit -- Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen
-in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen
-an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und
-Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen
-runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der
-sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der
-eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten
-war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte
-das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten
-zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war
-heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit
-des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten
-Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder,
-bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen
-Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches
-gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde.
-Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch
-sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem
-Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen
-Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am
-Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik
-als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie
-sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die
-übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es
-herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten
-sozialdemokratischen Kinderfeste.
-
-In der +Fabrik+ selbst, während der Arbeit war von einer
-offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen
-Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor
-allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors.
-Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng,
-aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er
-hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über
-der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle
-Schippel!“ Er ignorierte das einfach, wie das „Hoch die internationale
-Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst
-hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal;
-draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin
-nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man
-wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot
-zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war,
-gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat
-gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck;
-im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf,
-einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des
-Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt
-in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer
-Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß
-die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter
-charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch
-die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im
-Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde,
-so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft
-unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen
-zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche
-Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht
-paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und
-darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine
-Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten
-Einspruch zu erheben wagte.
-
-Das ist, was ich an +planmäßiger organisierter+ Agitation
-der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich
-behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte;
-aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre
-+Leiter und Hauptträger+ war die nicht allzu zahlreiche Schar der
-Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der
-Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die
-Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen
-die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer
-in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine,
-die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen hervor. Sie
-allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht
-in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren
-ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen
-von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den
-öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern,
-die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in
-den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten
-auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst
-einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie
--- äußerlich wenigstens -- widerspruchslos als die Führer anerkannt,
-und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher
-Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits
-erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten
-Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder
-von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser
-als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die
-Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab
-es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer
-Agitation standen, und die -- namentlich einer von ihnen -- in den
-Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders
-das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der
-Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man
-wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu
-gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern
-Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige
-Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden.
-Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an,
-lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die
-sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig
-organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten
-Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher
-einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger
-gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen
-18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem
-Thatendrange überquollen. Sie waren die allerbrauchbarsten und
-gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge
-grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs
-schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die
-etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab
-sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte
-wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.
-
-Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der
-Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle
-geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im
-Gegensatz zu dieser die mehr +freiwillige+, +irreguläre+,
-+zufällige+, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden,
-den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger
-überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß,
-den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst
-wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das
-Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt
-sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer,
-verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken,
-ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie
-aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde
-nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort,
-keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine
-äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B.
-auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders
-wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit
-der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an
-deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie
-ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung:
-nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden
-am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither-
-oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während
-der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach
-Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen
-Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo
-immer zwei oder drei Menschen bei einander waren. Sie machte sich,
-und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren
-Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen,
-die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre,
-Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja
-in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten
-Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das
-ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, +diese+
-Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht
-bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und
-eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des
-innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als
-eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die
-Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt,
-weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall,
-wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders
-bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht
-und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.
-
-Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der
-irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern
-organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus
-verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum
-schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That
-sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu
-bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil
-da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein
-pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten
-Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen
-wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte,
-die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den
-Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten
-Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen
-einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir
-sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber
-er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte
-mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes
-angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform,
-Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine
-besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu
-zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen
-Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole,
-daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen
-dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man
-ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen.
-Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche
-Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der
-Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten
-wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach
-Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu
-arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf
-ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache,
-daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des
-Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv
-als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus
-einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in
-diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen
-Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die
-Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten
-Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt -- also eine
-gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den
-Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.
-
-Ihrem +materiellen Inhalte+ nach hatte es diese ganze Agitation
-nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und
-ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte
-zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen
-Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft.
-Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue
-politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht
-nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung,
-die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische
-Anwendung der Lehre von der +natürlichen+ Weltordnung im Gegensatz
-zur +sittlichen, göttlichen+ ist. Ich habe dies an dieser Stelle
-nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen
-der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer
-bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und
-Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte
-kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt
-und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht,
-wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit
-dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich
-hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen
-Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims
-Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene,
-d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der
-dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch -- wie
-jene -- durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch
-zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht
-Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal
-nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen
-Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten
-Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher
-in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei.
-Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten
-Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich
-während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde
-da nun zu zeigen haben, +daß die Wirkung dieser so vielseitigen
-und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger
-tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll
-für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken
-der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre
-geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen
-Charakter+. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle,
-organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze
-der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert
-vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter
-zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige,
-unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen
-ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung,
-die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft
-selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, -- wenn es
-nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu
-ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja
-vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen
-Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener
-spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es
-im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr
-oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und
-sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so
-sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer
-die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer
-das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große
-sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen
-
-
-Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation
-ist die Thatsache, +daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und
-Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit
-der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie
-mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls
-in ihr, dieser Arbeiterpartei ~par excellence~, ihre einzige
-starke und berufene Repräsentantin erblickt+. Der Arbeiter, mit dem
-ich Umgang gehabt habe, ist -- bewußt oder instinktiv -- durchdrungen
-von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und
-der Unternehmer Interessen; er ist erfüllt von dem Drange nach
-einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen
-er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem
-Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er
-hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie
-die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche
-wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er
-weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses
-Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und
-Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die
-sozialdemokratische Partei.
-
-Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem
-sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und -- ich bin dessen ganz
-gewiß -- keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen
-Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei
-lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat,
-und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals
-wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und
-Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete,
-Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule,
-Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und
-Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis
-auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich
-als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre
-Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr
-als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt
-Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist
-der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die
-Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch
-immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die
-Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter
-ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in
-ihren Leiden, Freuden und Idealen.
-
-Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus
-dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem
-Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben alle bis auf den
-letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und
-wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“;
-„Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles
-sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht,
-ist immer dasselbe, eben die Meinung -- ganz im allgemeinen --, daß
-Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar
-scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen
-direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder
-gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400-500 Mann unsrer Fabrik
-Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch.
-Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen
-Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem
-irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen-
-oder Vergnügungsvereine angehörten. In +diesem+ Sinne war
-allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen.
-Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber -- im
-weitesten Sinne -- war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner
-Arbeitsgenossen.
-
-Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer
-Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können.
-Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte,
-etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine;
-der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief
-angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden
-Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen
-mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte
-von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte
-er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich
-beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich
-mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten
-das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im
-Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit
-und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht
-zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren.
-Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen
-mutigen Nichtanhängern an die Sozialdemokratie nur die verschwindende
-Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich
-zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.
-
-Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter,
-über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter
-Sozialdemokrat gewesen wäre. +Das gilt vielmehr von kaum drei,
-allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar
-jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und
-Schülern.+ Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften
-der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein
-kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine
-Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele.
-In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden
-Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die
-Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und
-zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe,
-mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet,
-bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch
-in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms
-Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen
-imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und
-Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte,
-manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt,
-aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von
-der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen
-persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe
-und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der
-Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und
-Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man
-hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.
-
-+In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen
-Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und
-klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier
-waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten,
-verworrensten Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und
-Färbungen vertreten.+ Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen,
-die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die
-persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und
-erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern
-nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten,
-nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig
-noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung,
-persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur
-sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen
-Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei
-weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen.
-Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten
-auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre,
-erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr
-von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen
-Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten
-Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen
-Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer
-Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den
-klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem
-nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser
-Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und
-je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner
-größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres
-oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres,
-vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von
-politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit
-der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal-
-und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine
-Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer,
-freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in
-roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren
-bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör
-gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder
-dieser Leute eine besondre, von dem andern verschiedene Stellung zum
-sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste,
-ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und
-wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von
-ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften,
-brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen
-wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es
-ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende
-Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie
-zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie
-natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können
-und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene
-Züge davon hier wiederzugeben.
-
-In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst
-einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten
-radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms.
-Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur
-konsequent Opposition machte. +Aber bei der Mehrzahl dieser
-Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern,
-nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter
-ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch
-der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär.+ Es
-waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres
-Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu
-hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der
-Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und
-so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit
-diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon
-überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen
-niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut
-gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon
-älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der
-Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft
-haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert
-und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls
-sehr kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir
-einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie
-ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich
-mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet
-bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. +Doch
-mache ich mir meine Gedanken für mich.+ Ich bin auch nicht für rote
-Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts
-alles nicht. +Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen
-gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein.+ Das fällt
-uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in
-der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen
-heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich
-nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht,
-auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre
-Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in
-der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit
-auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden
-zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung
-aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war
-über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und
-Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die
-Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische
-Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren
-freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann
-genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der
-Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl
-oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht
-noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet,
-dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel
-nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie
-im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner
-mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den
-Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie
-es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungsäußerungen
-nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder
-falsch sind -- bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das
-letztere behaupten --, sondern darauf, zu beweisen, daß +geistig
-begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im
-allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen,
-doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den
-Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit
-ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis
-haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen
-Gesellschaftsordnung+.
-
-+Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter
-am stärksten die augenblicklichen+ und -- für Höherangelegte und
-Weiterausschauende -- auch die ferner und prinzipieller liegenden
-Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn,
-an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und
-Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der
-vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend
-eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig,
-aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man
-übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig
-verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich.
-Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel
-weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her,
-oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden
-Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte
-hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für
-andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer
-politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe
-schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache,
-die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung
-und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder
-der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das
-meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung
-des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu
-ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche
-Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen
-Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen
-Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche
-Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß,
-widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit
-sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also
-gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel
-Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt
-waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher,
-Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt,
-gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen
-mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die
-zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben
-Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar
-nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer
-Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere
-Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen
-steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man
-in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine
-gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an
-einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz
-großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten
-Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren
-freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich
-persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber
--- ich vermute, es ist anderwärts auch so -- gerade diese Wünsche
-ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben
-Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine
-blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse.
-Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe -- worauf für sie
-doch so viel anzukommen pflegt -- und ermöglichte ihnen, einen viel
-größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm
-heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich
-die Gedanken über Fragen +unsers+ Betriebes über diese hinaus bis
-zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie sie allerdings
-die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann
-jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen
-Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare
-Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in
-der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen
-sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit
-ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter
-die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des
-kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der
-gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast
-vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso
-leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben +ihre+
-Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt
-sei, daß eben +sie+ die Maschinen bauten, sie die eigentlichen
-Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik
-repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und
-Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne
-spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich
-kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis
-ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene
-erbärmliche, vaterlandslose, +politische+ Gesinnung der Führer
-und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten
-Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles
-wahrhaft Patriotischen und +patriotisch Notwendigen+ verführt.
-
-Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser
-letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser
-Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter
-ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster
-Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande,
-dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche
-Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich
-auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der
-Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen,
-so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser
-und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu Bismarck
-ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu
-können, für die ich die Bürgschaft übernehme.
-
-Über das +Militär+ habe ich mich nach meinen Notizen wohl
-fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder
-absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten
-Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa
-gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden.
-Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen
-Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede
-Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner
-Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der
-Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den
-Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten,
-erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer
-Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst,
-dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von
-Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison
-inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in
-besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende
-Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders
-empfängliches Auge zu haben.
-
-Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück.
-Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf
-kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung
-von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den
-Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher
-war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt
-Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern
-hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen
-strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als
-Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa
-einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein
-älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne,
-oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und
-die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern.
-Dann gabs auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im
-Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter.
-Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger
-Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer
-Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder
-Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher
-nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an
-und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an
-die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder
-weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll
-und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein
-ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das
-schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles
-sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen
-sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten.
-Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er
-hatte dafür -- ich sprach mehrmals mit ihm -- nichts andres als nur
-Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich
-etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn
-Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit
-etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch
-auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer
-Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher
-Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als
-Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den
-Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden
-bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals
-als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich
-ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von
-seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das
-ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und
-unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten
-Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal
-bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel
-derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie
-zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck: „Wir sind mit Leib und Seele
-Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte
-ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch
-einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft
-redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht
-Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben
-lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und
-der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich
-mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im
-Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich
--- einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie
-allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser
-kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr
-zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere
-beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben -- nach dem
-ganzen Eindruck, den ich davon hatte -- mehr nur diesen Personen und
-einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.
-
-Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische
-Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst
-nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das
-natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte
-das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und
-erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung
-der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der
-gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee
-ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir
-Arbeiter allesamt hungern müssen.
-
-Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern
-Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war
-das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten
-von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die
-Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat
-die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie
-zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in
-England, Spanien u. s. w.“
-
-Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur einmal beim
-Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit
-einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern
-einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann
-der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte
-den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu
-schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst
-problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war
-eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine
-andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer
-nur freundliche Gesinnungen.
-
-Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei
-denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich
-habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger
-und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem
-Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit
-und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten
-aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger,
-ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden
-Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und
-Schützen in Meißen beigewohnt -- aber an die Ausführung dieses Wunsches
-war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde
--- und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte
-ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir
-die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und
-manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die
-vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen
-Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis
-für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch
-trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter
-der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das
-deutsche Volksheer hegte.
-
-Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den
-idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht
-wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist, dem Könige im
-Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes
-an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das
-frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen,
-lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder
-nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache,
-daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste
-und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens
-ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man
-sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse
-und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern
-und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die
-Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal
-gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem
-Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem
-Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen
-Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern
-fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen
-für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden
-wollen.
-
-Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen
-Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten
-und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob
-Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und
-es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter
-den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber
-standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen
-ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine
-offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen
-verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein
-und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt
-niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht
-doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst
-nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und
-vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat,
-hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen,
-daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen Vereinen und auch
-die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“
-Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den
-Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings
-zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies
-bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die
-Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das
-königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum
-größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen
-beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde
-Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den
-zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir
-sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die
-Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine,
-vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in
-ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer
-Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber
-da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie
-ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen
-zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort
-besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es
-zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede
-Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei
-andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache
-die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der
-politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den
-ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng
-reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation
-und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der
-Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten
-mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und
-Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte
-Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß
-diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen
-vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge
-im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser Frage
-zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht
-erkennen.
-
-Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens -- ich darf dies
-an dieser Stelle gleich mit erwähnen -- der Turnverein unsers Vorortes.
-Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser,
-Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber
-gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten
-aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl
-fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und
-ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder
-nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft
-zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem
-die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich
-und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander
-hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen
-Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und
-hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in
-einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben
-Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle
-ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That
-„reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine
-geworden sind.
-
-Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über
-die Gesinnung dieser Leute gegen den +deutschen Kaiser+ und den
-+König von Sachsen+ gemacht habe. Zwar war es hier natürlich
-besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann
-hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht
-traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie
-zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig
-verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse
-dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder
-seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch
-daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre,
-die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten
-auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen
-Zuneigung und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit
-noch hin und her schwankten. +Aber für die große Mehrzahl eben der
-Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische,
-volkstümliche Gestalt.+ Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne
-Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn
-mit anhörte und ihnen zustimmte -- das wäre in diesem Falle noch kein
-Beweis für meine Behauptung --, sondern ich habe auch selbst aus dem
-Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser
-ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute
-also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese
-Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten
-Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und
-zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch,
-seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs
-Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde
-alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein
-schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück
-wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle
-andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem
-glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im
-Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen
-für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem
-regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt.
-Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem
-Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten,
-meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien
-verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der
-sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle
-ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik
-über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie
-Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener
-Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein
-neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde,
-stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz
-entschieden die Arbeiter gegen die Anklage der Reichsfeindlichkeit:
-„Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre
-falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem
-ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen
-durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre
-in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte,
-sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich
-bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König.
-Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge
-ich durchs Feuer. +Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt
-(genug).+“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half
-wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters
-her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige
-reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit
-man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich
-die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie,
-der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat.
-Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische
-Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern
-Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und
-Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos
-geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür
-ist -- nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache -- doch
-in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“
-vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen
-redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte
-Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er
-nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der
-entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist.
-Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen
-Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des
-Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch
-den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte
-Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm
-ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.
-
-Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, +daß der
-weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an
-keine gewaltsame blutige Revolution dachte+. Ich habe auch für
-diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als
-Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen
-meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen.
-An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers
-Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und
-seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein
-sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich
-Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere:
-„Wir Arbeiter +wollen+ keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet
-dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon
-so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein
-paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner
-Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre
-zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand
-daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen,
-glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden
-schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte
-eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten.
-„Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in
-Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn
-man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener,
-selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst
-die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken
-zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“
-Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller
-Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir
-Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den
-Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung
-der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender
-Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern
-vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage
-unsers Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen
-Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren
-sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und
-Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns
-schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er
-maust sich, was er braucht.“
-
-Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse,
-die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten
-stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende
-Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich
-zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und
-Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er
-genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder
-von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, +ohne Kampf+ eine
-Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt,
-zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen
-ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine
-Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld
-seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache
-durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen
-Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige,
-aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien
-in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste
-soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der
-Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die +Gefahr+ einer Revolution
-keinen Augenblick. +Sie liegt aber nicht in der Absicht, in
-den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der
-Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder
-Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem
-in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch
-die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten
-wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der
-sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.+
-Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch
-immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein
-sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große
-Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen
-Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern
-und Breitern zu reden haben.
-
-Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun
-auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant,
-daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von
-der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut
-keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil
-davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der
-Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit
-dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen.
-Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends
-Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie
-zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah
-immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die
-unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es
-gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst
-die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu
-leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war
-jedenfalls nicht das geringste zu spüren.
-
-Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich
-zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter
-der +gesamten+ Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum
-harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat
-Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt
-da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte
-+eine+ Ansicht, +eine+ Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“
-und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich
-mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes
-Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit
-der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz
-plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand
-und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann
-selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen
-Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines
-Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „=B=ismarck =I=st =S=einer
-=M=ajestät =A=llmächtigster =R=eichs-=K=anzler“ und der andre: „=K=ein
-=R=eich =a=rbeitet =m=it =s=o =i=ntelligenten =B=eamten.“ „Ja,“ sagte
-ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich.
-„Bismarck hat die meisten Steuern +gebildet+,“ war die Antwort. In
-beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder
-mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns
-lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder
-+vor+ noch +nach+ dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und
-doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von
-seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist
-Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist
-er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und
-Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender
-war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern
-mit anhörte.
-
- A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“
-
- B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht
- neue Attentate an, wie 1878.““
-
- A: „Wieso denn?“
-
- B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren
- Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher.
- Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz
- erlassen zu können.““
-
- Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“
-
- B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober
- endlich aufgehoben wird.““
-
-So thöricht auch dies ganze Gespräch ist -- es ist der höchste Grad
-von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch
-nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert
-erscheint. --
-
-Aus der breiten Masse der bisher geschilderten
-Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch
-eine besonders bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten
-manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es
-waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten
-und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den
-weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen
-Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn
-auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die
-aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei
-nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren,
-sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr
-Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in
-den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien
-Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer
-lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit
-der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen
-Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der
-sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie
-sie thaten, waren sie -- mochten sie noch so sehr sozialdemokratische
-Gesinnung dabei durchdrücken wollen -- doch gezwungen, mit realen
-Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen
-Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den
-problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und
-erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte
-Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und
-sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu
-den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher
-ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen
-Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr
-vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche
-Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht.
-
-Diese Erfahrung, die ich da eben ausführte, und für die ich auch
-besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der
-sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen
-könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise z. B.
-einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins.
-Hier trug an diesem Abend der damalige, jetzt auch abgedrückte
-Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube
-eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene
-Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur
-Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus
-sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß
-das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es
-jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und
-die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht
-abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene
-annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses
-Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal
-mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz
-allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer
-mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll
-wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen
-verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht
-wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über
-die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man
-empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches
-die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man
-irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung
-immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang
-einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung
-herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden
-Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich
-des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und
-seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die,
-des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer
-in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz
-sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene
-Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre
-Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die
-sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es
-stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer
-Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse angemeldet
-waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine
-Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung
-kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und --
-Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für
-die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum
-bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z. B. die Notwendigkeit
-einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages
-am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten
-Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener,
-mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den
-Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze
-Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren
-geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag
-an derselben Stelle bekannt gemacht.
-
-Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam
-nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen
-Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar -- ich wiederhole das
-nachdrücklich -- fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in
-den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die
-Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch
-auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich
-schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und
-seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern
-der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen
-andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders
-deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in
-einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den
-offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter
-schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern
-befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos
-zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen
-nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr
-lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller
-Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch,
-daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise
-mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer es möglich und nötig gewesen
-sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung
-und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten.
-Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns
-zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann
-haben sie meist Einsicht und gehen +mit+ uns, +gegen+ ihre
-eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und,
-wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es
-ist vorgekommen, daß +wir+ gegen Zubilligung von Schadenersatz bei
-Unfällen, die Arbeitgeber +für+ einen solchen gestimmt haben. Aber
-freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und
-billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen
-auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit
-ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden.
-Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer
-mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische
-Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die
-offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die
-Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn
-wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten
-mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch
-gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung
-geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders
-stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an
-der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden
-auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann.
-Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies,
-daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein
-wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
-zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische
-Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern
-Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem
-diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der
-zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der
-Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse
-eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie jene andern in den
-offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk
-von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten
-zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten -- in meinen
-Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt
-in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit,
-die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer
-Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier
-traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen
-Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren
-Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger
-gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das
-glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That,
-namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen
-Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur
-in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit,
-schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an
-dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu
-Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben
-Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so
-Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der
-neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden
-Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen,
-die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen
-zu belegen nicht imstande wäre.
-
-Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher
-zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte,
-nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. +Sie
-umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und
-soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich
-bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr
-als solche fühlen und wissen.+ Sie sehn nur sehr selten einmal
-in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine
-sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische
-Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische
-Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig und genußsüchtig, oder
-zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch -- die
-bedauernswertesten -- dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit
-zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst
-nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer
-Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung,
-nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit
-ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders,
-womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier,
-die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der
-ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille,
-gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand
-den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der
-wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es
-sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche
-Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch
-unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen
-dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. +Denn nach allen meinen
-Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare
-und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die
-vermuteten üblichen sozialdemokratischen.+ Das hatte, wenigstens in
-der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund
-in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten
-Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und
-Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als
-möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die
-besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben
-sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch
-Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen
-Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat,
-durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die -- nach meinen Beobachtungen
--- +nicht zahlreichen+ jungen unverheirateten Leute aber, die
-sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die
-politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch
-mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend und sind, wie schon
-gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte.
-
-Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf
-und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: +die
-stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil+. Sie pfiffen --
-wie es gar nicht anders zu erwarten war --, auch wenn man es ihnen
-noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle
-Sozialdemokratie, +wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten+.
-Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der
-sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung.
-
-Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen
-Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst
-der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen
-Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue
-vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos
-und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern
-Kampfe zugestanden. Aber so und so -- in all den kleinen Fragen des
-täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik
-auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich
-diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der
-Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen
-der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die
-Entscheidung und den Ausschlag, sondern -- zum Jammer der führenden
-sozialdemokratischen Heißsporne -- +die von jedem selbsterprobte
-praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung,
-die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an
-Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter
-ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche
-Interesse+.
-
-Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage,
-bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung
-in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so
-interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über
-die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der
-Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier ausführlich
-darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf
-unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in
-diesem Falle ~bona fide~, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen
-und Willen gehandelt haben können.
-
-Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich
-ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt:
-
-„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u. s. w. auch
-die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir
-eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen.
-
-Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr
-überschritten haben.
-
-Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und
-mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt
-sein.
-
-Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen
-der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens
-bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die
-meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das
-Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.
-
-Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese
-Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor,
-und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere
-Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben.
-
-Bei der Stimmenauszählung haben sich
-
- Dreher H. und Schmied N.
-
-zu beteiligen.“
-
-Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck,
-bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter
-kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die
-einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist
-jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige
-und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. +Die Wahl ist eine
-offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte
-ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen.+ An seine Stelle tritt
-der mit der nächst höchsten Stimmenzahl.
-
-Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft
-und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich,
-so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage
-herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn
-still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig,
-wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls
-nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art
-teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn
-ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit
-dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem
-ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem
-Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer
-Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung
-über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie
-hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind.
-Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die
-Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich
-sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache
-um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts.
-Nach ein paar Tagen aber war man -- so war wenigstens die allgemein
-sich äußernde öffentliche Meinung -- darüber einig, daß die ganze
-Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein
-schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese
-schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung
-jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar
-denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte
-man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten.
-Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme
-und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck,
-denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei
-wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber
-solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der
-fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre,
-und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt
-haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe der
-Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus
-ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft
-wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der
-Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen
-für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage
-der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes
-wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte
-man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht
-um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von
-Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem
-Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen,
-wieder einmal die Dummen.
-
-Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn
-ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an
-dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt
-Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen
-hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer
-Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer
-Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und
-forderte +alle+ Arbeiter energisch zur Wahl auf. +Das wirkte.
-Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die
-durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten.+ Ihre Namen
-wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für
-konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die
-diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik
-war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser
-Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach
-fragte -- niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf
-sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die
-Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes.
-
-Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie
-betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik,
-einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher
-gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein
-verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann
-arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so auffällig
-eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man
-den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den
-allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar
-für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das
-sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß,
-den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was
-zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch
-in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft:
-Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel
-versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine
-und klare sozialdemokratische Gesinnung.
-
-So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit,
-daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie
-bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter
-ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der
-trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter
-noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft,
-die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf +diese+ Agitation
-verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge
-erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der
-Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen
-Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in
-Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte
-ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische
-Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und
-tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern
-Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat
-sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese
-sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten
-als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben
-und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die
-Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn,
-vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir
-in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen
-zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch
-auch Thatsache, daß sie sich andern politischen Parteien und sozialen
-Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht,
-bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und
-selbstverständlich als +eine+ große Masse entgegenstellen.
-
-Nach alledem darf man sich die Arbeiterschaft, unter der ich lebte, in
-Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine
-uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern
-vielmehr -- in einem Bilde -- +als einen gewaltigen pyramidalen Bau,
-zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest
-und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben
-vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und
-der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern
-Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur
-deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus
-nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem
-Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.+
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-Bildung und Christentum
-
-
-Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei
-Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern,
-Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen
-Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen;
-aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz
-selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit
-bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber
-Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik
-gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker-
-und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen
-Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein gekommen
-waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen
-zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner
-auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten
-Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg
-gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem
-Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen
-Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt;
-die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter
-verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der
-Maschinenarbeit und auch -- freilich zu einem geringen Teile -- der
-gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute.
-
-Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen
-auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die
-Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das
-Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei
-sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden
-sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander
-getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark
-aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter
-dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen
-neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah
-bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger
-sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie
-die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete
-immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache
-Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen
-Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem
-frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie
-eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu
-bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie
-hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den
-Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale
-und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten,
-Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne
-technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik
-blieben, doch hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der
-eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden.
-
-Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit
-nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen
-Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der
-+geistigen Bildung+ deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist
-freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig
-würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran
-Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die
-Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals
-ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus
-sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der
-einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für
-die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art
-von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede
-dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier
-des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß
-genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen
-meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei
-Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei
-Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit
-der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht,
-deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft
-und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der
-Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern
-deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen
-geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine
-eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine
-jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter
-verkörpert war.
-
-Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an
-meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte
-sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und
-konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen,
-biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der
-Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen qualitativ
-und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber
-nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen
-Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger
-in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die
-Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art
-seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und
-gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier
-wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und
-Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen,
-besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der
-Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende
-Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile
-Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch
-ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie
-und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der
-religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die
-gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der
-+Gemeinde+ herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt
-ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe
-immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und
-Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt
-sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben.
-Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt
-und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf
-in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist,
-auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung,
-so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab
-und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat
-seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische
-Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue
-Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und
-endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch
-und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist
-die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine
-Anregungen holt.
-
-So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis,
-den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich
-aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine
-Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen
-Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen
-Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er
-allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den
-Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen
-Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar
-verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des
-Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums
-bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und
-sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes,
-undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein
-dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den
-Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim
-und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach
-wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige
-maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das
-gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt,
-so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen
-bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche
-Gemeindeleben geregelt.
-
-Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so
-fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren
-Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch
-die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie
-stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der
-Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“
-sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem
-andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über
-dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende
-Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann,
-sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des
-Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz
-besonders gewöhnt, die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für
-die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war.
-
-Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten
-gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den
-Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß
-heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht
-als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und
-Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert
-sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt
-zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend
-Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche
-Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende
-Lebenskraft; Jesus Christus -- nach dem Vorgang des Dogmas -- mehr ein
-metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit.
-Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch
-der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des
-Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für
-die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den
-mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute
--- nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen -- nicht. Vielmehr
-ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche
-Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos
-verwischt ist.
-
-Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den
-Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche
-Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige
-Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der
-Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder
-weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre
-Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten
-Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren
-intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann
-fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte.
-
-Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus
-meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien eben
-erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht
-hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger,
-der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen.
-Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort
-vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes,
-geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht
-den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen,
-wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie,
-z. B. der Geographie, Naturgeschichte u. s. w., und jedenfalls die
-praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu
-geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar
-ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange
-nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der
-in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der
-neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem
-Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas.
-Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede
-Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde.
-
-Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer
-Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil
-des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern
-Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist
-auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht.
-Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken
-längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen
-Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und
-Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse
-ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und
-sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi -- und all das
-immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen
-Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen
-Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der
-Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man
-in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer
-Notwendigkeit allgemeingiltige Autorität eliminiert und die modernen
-Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in
-eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten.
-So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der
-andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird
-andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit
-Peinlichkeit isoliert.
-
-Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum
-Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen
-noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der
-rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten
-vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt,
-in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei
-uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale
-Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen
-Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser
-große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar,
-und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis
-durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine
-so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur
-Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer
-als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird,
-mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen
-Christentums zu bezahlen pflegt.
-
-Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die
-Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer
-Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich
-hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach
-Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf
-etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten
-achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit
-der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch
-hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe
-überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen
-Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff.
-
-Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel
-schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern dieser
-Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende,
-verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte
-zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen
-lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden
-Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste
-Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter
-von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden
-früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer
-Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann
-häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz
-aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der
-das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt,
-ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des
-Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten.
-
-Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen
-und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren
-Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in
-der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr
-eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die
-Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis
-und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die
-frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht,
-die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine
-Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit
-der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit
-sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar
-gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten
-und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten
-Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und
-gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und
-bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang
-und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie
-hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken
-heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge
-rings umher.
-
-Dieser Bildungstrieb nun sitzt tief als eine elementare Macht in vielen
-Köpfen und Herzen dieser dritten Gruppe von Arbeitern unsrer Fabrik. Er
-trat täglich und überall dem Beobachter entgegen und kam in immer neuen
-kleinen Einzelzügen, in Worten und Wünschen, in Fragen und Seufzern zu
-bald klarerem, bald unklarerem, bald ernsthaftem und schmerzlichem,
-bald komischem und heiterm Ausdruck; in besonders kraftvollen
-Naturen äußerte er sich geradezu als eine Art von Bildungshunger,
-der urteilslos und unterschiedslos verschlingt, wessen er habhaft
-werden kann; aber seinen unmittelbarsten und grandiosesten Ausdruck
-erhält er doch in der internationalen Bewegung für den Achtstundentag.
-Das ist nicht nur eine bloße Manifestation der Faulheit und der
-Genußsucht, des Übermuts und der Oppositionslust, auch nicht nur der
-sozialdemokratischen Gesinnung und wirtschaftlicher Forderungen,
-sondern nach meiner Beobachtung und Überzeugung zugleich ein Beweis der
-Sehnsucht des Fabrikvolkes nach mehr Licht, Wahrheit und Wissen. Man
-will Zeit gewinnen, um auch dem geistigen Menschen die Pflege zu teil
-werden zu lassen, auf die er selbst in einem schlichten Fabrikarbeiter
-Recht und Anspruch hat. Das ist aber heute, ich habe das an mir selbst
-zur Genüge erprobt, der Mehrzahl noch durchaus nicht möglich, die von
-früh sechs Uhr bis abends sechs Uhr und länger an ihre Plätze in der
-tosenden dunstigen Fabrik gefesselt ist, die außerdem oft einen langen,
-nicht selten einstündigen Weg zur und von der Fabrik hat und des Abends
-schmutzig, hungrig und müde heimkommt. Unter diesem Gesichtspunkte,
-und jene Achtstundenbewegung ernsthaft so verstanden, wie sie ein Teil
-des Volkes nicht minder ernsthaft thatsächlich versteht, nämlich als
-den einzig gangbaren Weg zu einer wirklich ausreichenden Befriedigung
-dieses Bildungsinteresses, scheue ich mich nicht, sie nicht nur
-vorurteilslos zu würdigen und anzuerkennen, sondern auch für ihre
-allmähliche, schrittweise Erfüllung einzutreten, unbeeinflußt und
-unbeirrt auch davon, daß sie von rüden Elementen als Anlaß zu ebenso
-unsittlichen als nutzlosen und dummejungenhaften Demonstrationen
-benutzt wird.
-
-Aber freilich, so stark die Sehnsucht nach Bildung in den Köpfen
-steckt, so viele sind der Hemmnisse, die sich ihrer Befriedigung in
-den Weg stellen. Das eine hauptsächliche, die allzulange Arbeitszeit,
-verbunden mit weiten Fabrikwegen, nannte ich schon; weitere wichtige
-sind die kleinen engen Wohnungen mit den vielen Personen in dem
-einen Zimmer, dann die Sorgen hier, die Gelegenheiten zum Genuß und
-Vergnügen da. Das alles macht, daß bei vielen weniger willensstarken
-und idealgerichteten Naturen dieser Drang nach Bildung immer nur
-Wunsch und Drang bleibt und selten über gute Absichten und Ansätze
-hinauskommt; das bewirkt vor allem auch, daß der größte Teil der Jugend
-dieses Bildungsinteresses im Grunde entbehrte. Auch die ehemaligen
-Landarbeiter, sahen wir, besaßen es selten aus eigner unmittelbarer
-Initiative, und die Angehörigen aus bessern Kreisen nur mehr als
-Streben nach Fachbildung. Die Strebemutigen, die Lernbegierigen, die
-Vorwärtsringenden waren zumeist Männer der ausgehenden zwanziger und
-der dreißiger Jahre aus der letzten, dritten sozialen Schicht.
-
-Die drei Arten von Bildung, die ich bisher schilderte, machen nun in
-der Fabrik eine völlige Wandlung durch. Sie werden unter dem Einflusse
-der Sozialdemokratie unaufhörlich zerstört und gehen in einer neuen,
-der +sozialdemokratischen Bildung+ unter.
-
-Denn die Sozialdemokratie hat sich auch dieser Volksbildungsfrage
-bemächtigt. Sie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand
-belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran gemacht, ihn durch
-systematische Arbeit im großen zu befriedigen. So hat sie allmählich
-eine Volkslitteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge
-der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem Gehalte,
-wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher und
-leichtfertiger zwar als die bisherigen religiösen und vaterländischen,
-aber nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie
-keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie
-hat mit kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisiert. Sie hat
-sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockne Zahlen, langwierige,
-nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch
-lange nicht verstehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das
-Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme,
-die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will
-dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher
-wunschlos aufgeschaut hat; es will mit ihnen selbständig, souverän
-sein auch im Reiche der Gedanken.
-
-Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei gehandelt,
-als sie diese neue Volkslitteratur schuf. Sie mißbrauchte das
-Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht
-die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein
-Erzeugnis agitatorischer Berechnung war. Sie fälschte und strich von
-der neuen Wahrheit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe
-der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den
-Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes
-Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren
-bisherigen natürlichen Verbindungen mit der übrigen Gesellschaft
-herauszulösen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser, „der
-gesamten übrigen, reaktionären Masse“ zu setzen, und ihnen nicht nur
-die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei beizubringen,
-sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz besondern,
-eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so
-giebt es in der That kein beßres Mittel, dies zu erreichen, als eine
-klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volkslitteratur. Diese
-vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung
-zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und
-für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Und da diese alte
-Bildung, wie wir wissen, völlig eingetaucht ist in den Geist des
-Christentums, wurzelt in dem Boden der Bibel, getränkt ist mit der
-Lebens- und Weltanschauung, die diese atmen, in ihr ihren letzten
-Halt, ihren Kern, ihre zusammenfassende, verbindende, stützende Kraft
-hat, mit einem Wort, da diese christliche Weltanschauung im Grunde die
-überlieferte Bildung und Gesinnung selbst ist, und da man wohl sah,
-daß alles gewonnen war, wenn sie fiel, so schnitt man die ganze neue
-Volkslitteratur, die man schuf, auf den Kampf mit dieser christlichen
-Weltanschauung zu, wählte man aus den Resultaten der modernen
-Wissenschaft aus, was zu ihr im Gegensatze stand oder doch bequem in
-Gegensatz dazu gebracht werden konnte. Der Lehre und dem Glauben von
-einer göttlichen Weltordnung, die die Bildung der Leute bisher bestimmt
-hatte, setzte man so in dieser neuen Litteratur in hundert großen
-und kleinen, guten und schlechten Abhandlungen aus der Religions-
-wie Naturkunde, aus der Geschichte und Philosophie, aus der Kunst und
-Litteratur die Lehre und den Glauben einer bloß natürlichen Weltordnung
-entgegen. Man verarbeitete die Werke eines Darwin, eines Häckel, eines
-Büchner; man schlachtete Spinoza und Feuerbach, Schopenhauer und
-Hartmann aus; die neuen Forschungen der Astronomie und Geologie, diese
-objektiver als andres, wurden verwertet, Strauß und Renan, Bruno Bauer
-und moderne katholisch-französische Encyklopädisten wurden benutzt; und
-endlich fälschte man -- im Zeitalter der Blüte der Geschichtsforschung!
--- die ganze Weltgeschichte und verkündete sie dem armen Volke
-ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der materialistischen
-Philosophie, der ökonomischen Entwicklungen. +So entstand die jüngste
-Volkslitteratur, ein einziger, in seiner Art kühner und großartiger
-Versuch, in Verbindung mit der Verbreitung der neuen radikalen
-ökonomischen und politischen Lehren der Partei die ganze alte Bildung
-und Kultur, Christentum und Bibel aus Herz und Köpfen der Massen und
-aus der ganzen Welt hinauszufegen.+ In ihr findet sich kein Platz
-mehr für den Glauben an einen lebendigen, persönlichen Gott, der unser
-Vater ist, und an ein unsterbliches Leben. Sie erzählt nichts von
-Sünde und Schuld, von Gnade, Erlösung und Heiligung; an die Stelle
-des ewigen, heiligen Sittengesetzes stellt sie das kalte, starre
-Naturgesetz, an Stelle der Liebe das Solidaritätsgefühl, an Stelle des
-Ideals der Sittlichkeit die Macht der bloßen Sitte, die da wechselt mit
-den ökonomischen Verhältnissen des Volkes.
-
-Und mit Gier stürzte sich nun die Schar der Bildungshungrigen da unten
-auf die neue Speise, die man ihnen bot. Das war ja, wie sie wähnten,
-das, was sie so lange gesucht und ersehnt, worum sie die „hohen Herrn“
-oben so lange und so bitter beneidet hatten, die Wahrheit, das Wissen,
-die Bildung. Diese wollten sie wenigstens haben, da sie heute noch
-ihr Geld, ihr Wohlsein, ihren Besitz nicht haben konnten; wenigstens
-geistig wollten sie ihnen ebenbürtig, nein, ihnen über sein. Und dann
-hatten sie ja auch die Verheißung der sozialdemokratischen Führer:
-daß unter dem Zeichen dieser neuen Wahrheit und Wissenschaft die Welt
-eine andre werden, unter ihrem Leuchten der neue, herrliche, der
-sozialistische Zukunftsstaat heraufziehen, und daß die Träger der neuen
-Wahrheit auch die Herren der neuen Zeit sein würden. So hing Gegenwart
-und Zukunft gerade der ringenden, vorwärtsdrängenden Arbeitergeister an
-diesem neuen Schatze; so kannten sie kein Halten mehr; so warfen sie um
-den Preis, jene zu besitzen, und diese zu erleben, freiwillig vom alten
-Wissen weg nicht nur das Überlebte, Überholte, den hindernden Ballast,
-sondern auch die edeln Güter und die wahrhaftigen Lebenskräfte,
-alles, alles, wie es die neuen Bücher und Lehren wohlweislich
-heischten; so lebten sie sich in die neuen Gedanken hinein, die diese
-ihnen mit demselben Anspruch unfehlbarer Richtigkeit und Autorität
-entgegenbrachten, wie einst die alten Lehren, die alte Bibel: +so
-wurde die neue sozialdemokratische Bildung im Volke geboren, die eine
-Halbbildung ist, wie keine zuvor+.
-
-Sie trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der
-deutschen Arbeiter an. Jene ersten, die ihr gewonnen waren und
-anhingen, wurden nach einem Gesetze, das alles Geistesleben
-durchdringt, ihre neuen Propheten, ihre begeistertsten Verkündiger.
-Sie waren meist kluge, begabte Köpfe, die tüchtigsten von allen
-und ehrliche Naturen dazu. Ihre ganze Kraft, alle ihre Fähigkeiten
-stellten sie aus innerm Drange in ihren Dienst. Nicht nur in den
-Versammlungen der Partei, sondern auch bei der Arbeit und während
-der Pausen in der Fabrik, beim Mittagsmahl und Abendbrot daheim,
-auf Spaziergängen und wo immer sie zu zweit und dritt versammelt
-waren, diskutierten und gaben sie die Gedanken wieder, die sie aus
-einem, zwei, fünf, zehn Büchern jener neuen Litteratur gesogen und
-bald leidlich verstanden, bald nur halbverdaut und schon halb wieder
-vergessen hatten, aber die sie immer wieder aufgefrischt erhielten
-durch die Artikel ihrer sozialdemokratischen Blätter. Ich brauche das
-alles nicht weiter zu schildern: das ist eben jene ganze freiwillige,
-unorganisierte Agitation der neuen sozialdemokratischen Gesinnung,
-von der ich am Schlusse des vierten Kapitels geredet habe, die
-gewaltigste, schneidigste, überwältigendste Waffe der Partei, die kein
-Fabrikherr, keine Polizei verbietet, hinter der die Macht überzeugter
-Persönlichkeiten steht.
-
-Die Wirkung dieser Agitation war die gewünschte. Unter ihrem Eindruck
-brach die gesamte alte Bildung der Arbeiter aus ihrer Jugendzeit
-zusammen, bricht sie noch heute in jedem einzelnen immer wieder
-zusammen, der noch mit ihr in eine unter sozialdemokratischem Einfluß
-stehende Fabrik eintritt. Da rächen sich mit einemmale die drei großen
-Fehler, an denen, wie wir sahen, unsre ganze heutige Volksschulbildung
-krankt, jene Abhängigkeit der einzelnen profanen Bildungselemente von
-den Gedankenkreisen und dem Bildungsniveau der Schrift, jene falsche
-Auffassung von ihrer Autorität, jene vorwiegend verstandesmäßige
-Aneignung der Heilswahrheiten des Christentums. Vor den neuen
-Bildungsfaktoren können die antiken der Schrift, vor der Autorität der
-exakten Wissenschaften, die jene stützt, kann die Autorität der Bibel,
-die diese bisher trug und fälschlicherweise gleich ebenso maßgeblich
-und unanfechtbar erklärte wie die religiösen Wahrheiten in ihr, nicht
-bestehen; vor der Kritik des modernen realistisch geschulten Menschen
-fallen die metaphysischen Spekulationen des überlieferten Dogmas, in
-das man die Wahrheit des Christentums bisher hauptsächlich setzte,
-über den Haufen. Zwar fühlen manche ehrlichen Gesellen instinktiv,
-daß an dieser neuen Bildung auch nicht alles Gold ist, was glänzt
-und gleißt; daß sie ebenso freudelos und unbefriedigt und unklar
-läßt wie das Alte; daß trotz alledem in diesem Alten die letzte
-ewige unwandelbare Wahrheit noch ruhen konnte; aber sie vermögen den
-entscheidenden Punkt nicht zu finden, an dem dies der Fall ist. Es
-fehlen die Menschen, die ihnen dazu verhelfen, ihnen den Weg zeigen,
-das Überlebte, Überholte, Vergängliche, das Verstandeswerk, den Irrtum
-von dem ewig wahren Kern zu scheiden; niemand kümmert sich um sie in
-den Massengemeinden, in denen sie zumeist leben; niemand schmiedet
-ihnen die modernen Waffen, gießt ihnen die neuen Gewehre, vermittelt
-ihnen die wahren, echten, vollen, widerspruchslosen, ungefälschten
-Ergebnisse der jüngsten Wissenschaft, deren Besitz sie allein befähigen
-würde, den mächtig anstürmenden Vorkämpfern jener sozialdemokratischen
-Halbbildung entgegenzutreten, ihnen den Beweis des Geistes und der
-Kraft zu führen, ihnen ihre Thorheit aufzudecken. Dazu teilen alle ohne
-Unterschied das tiefe Sehnen nach ökonomischer Besserung, dessen sich
-ebenfalls die Sozialdemokratie bemächtigt hat, und dessen glänzendste
-Befriedigung sie ja auch wiederum erst mit dem Siege der neuen
-Wissenschaft verheißt. Auch das zwingt den noch zögernden vor dieser
-„Wissenschaft“ auf die Kniee nieder. Und so fällt, mögen sie wollen
-oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen
-sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen
-den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man
-ihnen versprochen hat, und den seine begeisterten Propheten zu haben
-behaupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend,
-ob das Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren
-will, und doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden
-Beweisgründen der klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht stand
-halten können. So lebt eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben
-hin, ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. „Wenn es nur erst wieder
-heute um sechs, wenn es nur erst wieder Sonntag wäre!“ -- das war der
-ewige, täglich wie oft zu hörende Seufzer. Und wie manchmal fügte
-man ähnliches wie das folgende hinzu: „Es ist doch merkwürdig bei
-den Arbeitern; die wünschen sich immer weiter hinaus, das Alter auf
-den Hals. Das ist doch eigentlich Unsinn. Es bleibt ja immer einen
-Tag wie den andern. Morgen früh geht es doch wieder ebenso los. Und
-wir müssen noch froh sein, etwas zu verdienen.“ Das ist der Ton der
-vollendeten Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung an einem Wert, einem
-Inhalt, einem Zweck des Daseins. Einen Schritt weiter -- und er kann
-in den Schrei der Wut, der Empörung umschlagen, die alles zerstört,
-weil sie nichts für lebenswert findet, die an allem verzweifelt, weil
-sie an sich selbst verzweifeln mußte. Dann ist die Entfesselung aller
-Leidenschaften, die Revolution des Volkes da. Es ist kein Zweifel:
-heute ist dieser letzte eine Schritt noch nicht gethan; heute denkt
-das Volk, wir sahen es, noch an keine Empörung und Revolution. Aber
-es ist abermals kein Zweifel, daß ihre Gefahr näher ist als das Volk
-wohl selbst wähnt. +Und sie wird in dem Augenblick da sein, wo zu
-der religiösen Verwahrlosung der Industriearbeitermassen, die heute
-im ganzen vollendet ist, die sittliche hinzutritt; wo aus jener die
-letzte Konsequenz für diese gezogen wird. Hier also, und nicht in der
-politischen und wirtschaftlichen Organisierung der Massen, liegt der
-verhängnisvollste Einfluß der sozialdemokratischen Agitation; und hier
-in der Vernichtung des überlieferten Christentums hat sie ihren bisher
-größten Erfolg gehabt.+ Es ist auch das freilich nicht ihr Verdienst
-oder ihre Schuld allein: sie ist auch hier nur die Schnitterin, die
-mit raschem, scharfem Schnitt triumphierend die Früchte erntet, die
-andre Hände gesät haben. Aber das ändert an dem Jammer nichts, der nun
-herrscht, und nichts an der Größe der Gefahr, die nun droht.
-
-Im Folgenden habe ich nunmehr die Wahrheit des bisher Ausgeführten
-aus meinen Erlebnissen in der Fabrik zu erhärten. Ich werde in loser
-Ordnung Gespräch an Gespräch, Zitat an Zitat, Bild an Bild reihen und
-nicht viele Worte dazu machen. Und Gespräche, Zitate und Bilder werden
-für sich selber reden.
-
-Eines Tages erhielten zwei Mann unsrer Kolonne den Auftrag,
-Riemenscheiben, große fünfzehn bis zwanzig Centimeter breite eiserne
-Räder, auf denen die Treibriemen der einzelnen Maschinen laufen, aus
-dem Parterre auf die zweite Empore hinaufzuschaffen. Wir luden jeder
-ein paar davon auf die Schultern und kletterten hinauf. Da, wo wir sie
-aufreihen sollten, saß einsam am Fenster ein Arbeiter in den besten
-Jahren. Er hatte unaufhörlich hunderte kleiner stählerner Federn mit
-immer demselben Loche zu versehen. Neben ihm lag, unter einer Platte
-halb verborgen, die neueste Nummer der „Presse.“ Von seinem hohen
-Fenster aus übersah er die ganze Stadt mit ihren hundert rauchenden
-Schloten.
-
-Mein Arbeitsgenosse, der stark schnupfte, trat zu ihm und bot ihm eine
-Prise. Aus der respektvollen Art, wie er es that, merkte ich, daß der
-neue Bekannte einer der geistig bedeutendern Arbeiter in der Fabrik und
-ausgesprochener Sozialdemokrat sein mußte. Ich nahm auch ein Prise, und
-bald waren wir im Gespräch.
-
-Er fragte, warum ich eigentlich hierher in die Fabrik gekommen wäre.
-Ich log ihm schweren Herzens mein Märlein vom arbeitslosen Expedienten
-vor.
-
-Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab,
-forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“?
-
-Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die
-Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist,
-in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und
-Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht.
-
-Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist
-unmöglich.
-
-Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich.
-
-Die moderne Wissenschaft....
-
-Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur
-mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um
-uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen,
-fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben.
-
-Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus.
-
-Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus!
-
-Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man
-behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich,
-verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn
-verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit
-dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte
-nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden
-wiedergebe.
-
-Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an.
-
-Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt
-habe?
-
-Ja.
-
-Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim?
-
-Ja.
-
-Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch?
-
-Ja.
-
-Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt
-hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln
-lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen, daß in dem
-Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte
-Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber
-Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In
-dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch
-Tiere und Menschen entwickelt -- natürlich unter dem Einflusse dieser
-Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die
-vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse,
-mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte,
-geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch
-kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die
-schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber
-das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus
-folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der
-Vater seiner Geschöpfe.
-
-Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur:
-
-+Mein Glaube+ ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges
-Wesen, sondern einfach Kraft.
-
-Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche
-Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist.
-
-So haben Sie also doch auch einen +Glauben+, fuhr ich fort, als er
-wieder schwieg.
-
-Ja; aber das +Christentum+ ist ein +Wahnglaube+. Es ist erst
-im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu
-stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst
-fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist
-ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man
-kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden.
-
-Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet:
-
-So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben
-Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche
-Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich,
-bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom
-Apostel Paulus herrühren.
-
-Aber er fährt fort:
-
-Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus,
-wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das
-zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das
-zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist.
-
-Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein:
-
-Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er
-wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so,
-wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses
-Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur
-Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn
-die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht,
-stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion
-haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That
-beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir
-eher glauben......
-
-Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen
-Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens
-wirklich überzeugt.
-
-Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in
-allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste
-ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche
-Lumpen die +Wahrheit+ des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist
-es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in
-ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und
-edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch
-im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des
-Christentums.
-
-Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen
-zusammen, so hypnotisiert der einen.
-
-Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert.
-Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene
-Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf
-Glauben.
-
-Dazu schweigt er. So fahre ich fort:
-
-Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf
-Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat
-es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen
-nun, es zu wissen.
-
-Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache
-geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann
-ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht.
-
-Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß
-der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es
-auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet,
-das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen,
-durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen
-Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der
-Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist.
-Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es
-einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der
-unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche
-Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen
-wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst
-niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir
-erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem
-so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt,
-erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach
-diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem
-Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt.
-
-Aber er schüttelte abermals den Kopf:
-
-Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß
-er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber
-Thatsachen hat er nicht.
-
-Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der
-Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige
-Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine
-Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich.
-
-So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange.
-Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet
-hatte, mit grobem Gepolter auseinander.
-
-Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So
-stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir
-sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner
-nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich
-schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine
-eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der
-Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte
-mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück
-er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa
-sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die
-schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim
-Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine
-zerquetscht.
-
-Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr
-ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung?
-
-Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher.
-
-Für einen Christen giebts aber keinen Zufall.
-
-Was ist Christentum? -- Nichts. Was der liebe Gott? -- Den hat noch
-niemand gesehen. Und Gottes Sohn? -- Dann sind wir alle Gottes Kinder.
-
-Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen
-thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs
-Beten kommt besonders viel an.
-
-Aber er lächelte nur und sagte:
-
-Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel
-Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen...
-
-Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den
-Pastoren.
-
-Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den
-Geistlichen -- im übrigen aber leben sie vom Christentum und befinden
-sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der
-so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge?
-
-Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern
-käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich.
-
-Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat
-aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst
-recht nicht mehr.
-
-Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht,
-sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese
-äußere Not zu tragen und zu überwinden.
-
-Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr.
-
-Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns
-nichts geben.
-
-Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.
-
-Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen
-direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war
-eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst,
-ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts
-gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür
-hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu
-lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche.
-Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne
-Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede
-wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine
-Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts
-erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.
-
-Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus
-unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit
-leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten
-Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein
-„Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher
-Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am
-Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte
-Kneipe und trank ein Glas Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch,
-fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie
-und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz,
-die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel
-Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches
-aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den
-vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen
-Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn
-auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war
-kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße
-Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll
-sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und
-durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem
-Volke lehrt und predigt.
-
-Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten,
-gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe
-meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung
-gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie
-gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder
-weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder
-weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel
-größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher
-als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die
-Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort:
-„Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern,
-manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in
-einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und
-erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was,
-unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz
-schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche
-schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht
-hierher setzen.
-
-Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte.
-Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu
-prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist
-längst über solche Dinge hinweg. Dem einen, einem Thüringer, galt
-Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie
-unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das
-Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte
-fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut
-besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene
-handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt
-hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum
-= Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war
-es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das
-offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht
-mehr der Rede wert. Denn „Religion -- det wohnt nich mehr unter den
-Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer
-junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang
-meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine
-christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern
-mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger,
-schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und
-allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von
-allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer
-Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher
-Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten
-Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte
-er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in
-der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung.
-Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte
-ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen,
-und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines
-Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche
-gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir
-noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher
-Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.
-
-Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte
-mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen eine hübsche Stube. Diesen,
-einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen
-gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein
-stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie,
-einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an
-dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie
-selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber
-guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.
-
-Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik
-zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen
-religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von
-Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen
-eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren
-sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich
--- ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem
-Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines
-Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen
-jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn
-+immer+ des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er
-wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders
-hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale,
-oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines
-verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind
-gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am
-andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach
-erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen
-hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens
-4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien
-Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um
-10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.
-
-Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung.
-Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die
-geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er
-„glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte
-ihn doch vom Tiere unterscheiden.
-
-Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse
-Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das
-frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern,
-zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück.
-
-Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft
-mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines
-Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte.
-Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen
-neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches
-erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter,
-den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein
-konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem
-Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander
-in ein langes Gespräch.
-
-Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise
-weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es
-bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel
-nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die
-Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie
-verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges
-Zitat.
-
-Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges
-herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte
-ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der
-homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers
-Ilias enthält, in der Hand gehabt.
-
-Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen
-ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem
-um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit
-unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten.
-
-H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir
-Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart.
-
-Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z. B. auf die viel
-bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen.
-
-Das bestritt H:
-
-Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute
-im Durchschnitt sind.
-
-Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb
-ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man
-sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte
-nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte.
-
-Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch
-überlegen dazu.
-
-So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber....
-
-Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser
-Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben.
-
-Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und
-kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort
-„Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte
-überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei.
-
-Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch
-nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang
-reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit
-zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der
-Mensch aus Körper und Geist besteht.
-
-Aber der Monteur und H. lachten laut auf:
-
-Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem,
-das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei
-herauskommt, nennt man heutzutage Geist.
-
-Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine
-Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre
-Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt z. B.
-eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der
-Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es
-wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ,
-dieser sein Inhalt.
-
-Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals
-überlegen und sagte -- wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit
-meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! --:
-
-Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze
-heutige Wissenschaft ist dagegen.
-
-Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch
-ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel
-noch was wert ist.
-
-Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe
-sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn
-er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre
-Dummheit erklären.
-
-Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem
-Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von
-dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel
-erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen
-gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte:
-
-Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik
-von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause
-verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei
-in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten
-entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein
-mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine
-brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun
-recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht?
-
-Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur.
-
-Aber warum lehren das dann die Geistlichen?
-
-Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben,
-belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und
-der Monteur fügte bestätigend hinzu:
-
-Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will
-nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion
-in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen
-beiseite schaffen.
-
-Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: +die längst
-überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote Kirche ist heute
-nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des
-bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält+.
-
-Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin
-und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der
-Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts
-dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der
-uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede.
-
-Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube
-ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen
-Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm
-gemacht ist.
-
-Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite
-und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch
-viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein
-halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach
-ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber
-dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes
-ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und
-seufzte:
-
-Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz
-feste Gewißheit.
-
-Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die
-nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht.
-
-Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt,
-von ihm etwas zu holen.
-
-Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht
-derweile der Teufel holt -- war die barsche Antwort auf meine Anfrage.
-
-Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen.
-
-Aber Sünde, setzte ich dazu.
-
-Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen
-Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch
-noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird?
-
-Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig
-nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch
-diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben
-mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem
-Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch.
-Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand,
-Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach
-Hause genommen hätte.
-
-Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch
-darauf zu bringen.
-
-Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft
-wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen
-Leute!
-
-Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich
-kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft
-nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein
-Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.
-
-Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich
-auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine
-Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert
-gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau
-hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten
-sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch
-sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden
-seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“
-verloren.
-
-Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen,
-beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen,
-deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.
-
-Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es
-eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.
-
-Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten
-Herren, ob die sie auch kennen.
-
-Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich
-arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei
-jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei gewesen war.
-Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das
-Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der
-Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren,
-meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.
-
-Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe
-einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“
-
-S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht
-dem Bohrer:
-
-An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher
-und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht
-mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber
-beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn
-ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit
-meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß,
-daß es nichts nützt.
-
-Dann sind wir auf einmal bei Luther.
-
-Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so
-mächtig gemacht, wie sie heute ist.
-
-Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre,
-wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme
-Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben
-stehn. Der Monteur unterbricht mich bald:
-
-Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich
-weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen.
-
-Welches?
-
-Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert.
-
-Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch.
-
-Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß
-alles wahr sein, was drin steht. +Sonst hätten sie es ja längst
-verboten.+
-
-Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle
-sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten,
-unterdrückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die
-vielseitigsten Früchte.
-
-Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den
-Bauernkriegen:
-
-Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und
-wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen
-geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! +Und das ist auch sein
-Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie
-nun nie wieder los werden.+
-
-Auch der Dreher giebt seine Meinung ab:
-
-Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das
-fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war.
-Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs +alle+
-so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens
-kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum.
-
-Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.
-
-Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist
-die einstimmige Ansicht.
-
-Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten
-Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert,
-wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut
-machen wollen.
-
-Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht
-bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das
-mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch
-nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber
-jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen
-lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.
-
-Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.
-
-Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal
-ähnliche Gespräche.
-
-Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in
-dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel
-bereits erwähnte. Der ganze Laden und die Wohnstube der Besitzerin
-waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte
-für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es
-erhalten hatte, sagte er:
-
-Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.
-
-Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats
-zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.
-
-Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der
-daneben stand.
-
-Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch
-nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.
-
-An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.
-
-Was giebts?
-
-Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle
-zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.
-
-Sie können +mir+ den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich
-Ihnen. Wollen Sies?
-
-Nein, lieber nicht.
-
-Und er ging lachend davon.
-
-Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers
-sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter
-anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:
-
-Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch
-nicht beweisen.
-
-Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange
-dabei:
-
-Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden.
-Mein Wahlspruch ist:
-
- Macht euch das Leben gut und schön,
- Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.
-
-Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.
-
-Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft
-des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die
-„großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum
-Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.
-
-Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz
-offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall
-im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich.
-Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut,
-ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des
-Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint,
-hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen
-Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten
-müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung
-und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“
-gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie
-auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung
-mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare
-materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den
-Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und
-gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich
-besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in
-der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im
-Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte,
-und den ich sonst nicht kannte.
-
-Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen
-Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt
-zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber
-mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber
-jener ließ sich nicht belehren.
-
-Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. +Was der Pfaffe
-quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit
-hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.+
-
-Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst
-auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet
-haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn -- aber darauf
-hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein
-geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf
-verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.
-
-Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort
-übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes.
-Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu
-erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von
-Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte
-und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung
-seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er
-mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom
-Pastor:
-
-Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das
-eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht
-beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....
-
-Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.
-
-Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb
-angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange
-her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur.
-Albernheit -- Andacht!
-
-Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer,
-die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe
-zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren
-Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte
-ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten
-ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte
-nun sein Nachbar hinzu:
-
-’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die
-Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein
-großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie
-erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er
-die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein
-halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die
-alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.
-
-Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25
-Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach
-der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen
-reich und arm mache, und macht ihn immer, besonders bei Trauungen und
-Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich
-gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet,
-sondern ging weg.
-
-Dann erzählte der erste wieder:
-
-Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche
-gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit
-aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200
-Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.
-
-Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor
-allen sein soll.
-
-Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt,
-seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit,
-haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.
-
-Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden,
-daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche
-Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und
-gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.
-
-Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor
-weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht.
-Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man
-daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein
-muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder
-unbegründeten Anstoß zu geben.
-
-Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und
-alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte
-aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich
-auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht
-und heiter. Er erzählte mir:
-
-Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste
--- sie ist acht Jahre alt -- bettelt mich zwar immer darum. Aber ich
-gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche
-auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und
-Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen
-nicht veralbern lassen.
-
-Wieso veralbern lassen?
-
-Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah
-ich einmal eines Sonntags früh -- er stammte auch aus einem Dorf in
-der Nähe von Chemnitz -- unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen,
-Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus
-bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer
-Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.
-
-Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von
-allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa
-dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich
-sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:
-
-In unserm Dorfe -- ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen
-Erzgebirge) -- trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war
-obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für
-ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann
-seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen
-Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und
-Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts
-nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist
-er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die +Kerle doch
-selbst nicht, was sie reden+. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon
-sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach
-reden, was im Buche steht.
-
-Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total
-abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:
-
-Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es
-herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie
-früher und geben alles her.
-
-Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben,
-das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die
-früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie
-ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren,
-die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen als ein Hauptteil seines
-Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit
-zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses
-Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen
-Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen
-dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet
-überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren
-und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer
-als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch
-jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich
-sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen
-den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen,
-Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den
-unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als
-jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür
-verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung
-über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre
-sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies
-Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter -- aber immer galt er als
-Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem
-geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges
-Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen
-Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers
-Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen,
-durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen,
-volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen
-Verkehr.
-
-Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines
-andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten
-Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte
-zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und
-nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden
-gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus.
-Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme
-war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte.
-Er würde darum niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre;
-denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen.
-Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht
-die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied
-zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor
-der fremden fand.
-
-Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an
-dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen
-Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern
-und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem
-Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug
-von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon
-erzählte. Er meinte einmal:
-
-Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf
-studiert; und das kann nicht jeder.
-
-Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für
-den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder
-nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch
-Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte,
-und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, -- die
-alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der
-aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen
-Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl,
-ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich
-verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter
-dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war
-weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:
-
-Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der
-Fabrik nicht laut sagen!
-
-Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der
-Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben
-unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker
-noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der
-alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für
-sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung
-und Glaubenslosigkeit mit allen Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit
-standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen
-Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck.
-Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte.
-Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode
-seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und
-Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach
-schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation,
-daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es
-war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem
-Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit
-suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes
-am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel
-und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von
-meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder
-vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich
-und unvermittelt -- es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln
-zweier großer Platten --:
-
-Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder
-auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel
-Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen
-Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.
-
-Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der
-auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist,
-zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers
-Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und
-grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und
-niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten
-brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich
-gewiß würden.
-
-Aber er auch da wieder:
-
-Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben
-und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade
-ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die
-Katholiken, die Juden und Türken nichts andres glauben. Und davon ließ
-er sich nicht abbringen.
-
-Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen
-Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich
-bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:
-
-Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns
-und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost
-bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit
-gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“
-antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie
-haben aber doch gebetet: Vater +dein+, nicht +mein+ Wille
-geschehe!“ +Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!+
-
-Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit,
-und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein,
-wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner
-Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr
-Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da
-sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:
-
-Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.
-
-Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes
-Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner
-Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner
-Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu
-leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben
-hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn
-und seines Glaubens leben ließ.
-
-Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht
-vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun
-erklärte ein dritter:
-
-Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und
-ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache
-mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung,
-wie die meisten andern sagen? Oder ist das nicht bloß Profession von
-den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute
-keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum
-geht es so vielen Guten schlecht?...
-
-Ja, und wenn es mir schlecht geht -- nun, da haue ich eben alles hin,
-fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:
-
-Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!
-
-Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als
-seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone
-zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in
-diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der
-stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:
-
-Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein
-Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und
-damit zufrieden ist.
-
-Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein
-Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter,
-die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er
-erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils
-Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch
-paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil
-er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer
-katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich
-auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere
-Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige
-Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige
-besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der
-dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.
-
-Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik
-minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder
-doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine
-Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur
-wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte,
-war wohl der einzige, wenn ich mich recht entsinne. Er machte sich mir
-gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit
-der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe
-dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein
-Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar
-keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er
-da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt,
-was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?
-
-Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch
-haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den
-beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also
-noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung
-vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche,
-dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu
-trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel
-hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal
-betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag
-hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann
-man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige
-sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt
-ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in
-Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit,
-sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung
-besonders deutlich hervor.
-
-Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der
-Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der
-wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn
-auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in
-aller Ruhe:
-
-Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine
-Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme
-ich fast nie mehr hinein. +Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir
-sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.+
-
-Würde das -- es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung -- möglich
-sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die
-Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht
-nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen
-weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen.
-Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch
-Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist
-nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum
-gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder
-seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche
-holt.
-
-So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber
-sonst selbständig und verständig urteilender Mann:
-
-+Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon
-in der Schule genug gehabt.+ Aber sie muß sein; sonst wäre der
-Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie
-nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem
-Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen
-ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn
-hört.
-
-Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter
-Sohn des Dorfes:
-
-Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch
-immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne
-das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich
-auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein
-ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die
-„Sozialschen.“ +Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in
-die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und
-Konfirmation.+
-
-Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders
-gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die
-gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich
-fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie
-alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre
-Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder
-der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch
-etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung,
-ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft
-wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel
-persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch
-noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich
-standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen
-Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich
-genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe,
-verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit
-der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn
-auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum
-gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem
-sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt
-haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen
-aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens,
-das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer
-Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist.
-Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer
-Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.
-
-Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir,
-als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.
-
-Wie so?
-
-Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse
-ich mir nichts mehr sagen.
-
-Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere
-betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik.
-Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von
-jedem.
-
-Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes
-Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb
-er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von
-dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn
-dort konfirmiert hatte.
-
-Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu
-lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch
-wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die
-Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen
-Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer
-silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.
-
-Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.
-
-Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim
-Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon
-rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache
-mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten
-zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.
-
-Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.
-
-Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten
-Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte
-von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles.
-Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.
-
-Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein
-Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war
-seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als
-Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und
-auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er
-immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am
-Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er
-ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen
-Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich
-nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er
-nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten
-in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen --
-natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das
-war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die
-evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne
-„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter
-Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.
-
-Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein
-Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer,
-ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich,
-wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er
-war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines
-sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei
-bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu.
-Sonst geht es mir schlecht hier.
-
-Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch
-er hatte mir früher -- freilich beiläufig -- wenig Schmeichelhaftes
-über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten
-Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:
-
-+Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik+, sagte er
-einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen
-Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich
-Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche.
-Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.
-
-Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das
-Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und
-stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen
-und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte
-mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute
-nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte
-er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er
-aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.
-
-Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich
-seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht
-verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz
-erstaunt und verständnislos an.
-
-Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch
-manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist
-auch durch diese schon schlagend geführt. +Und es ist in der That
-kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der
-materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich
-mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter
-aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.+ Die alten Gebilde
-und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und
-geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter
-für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute
-auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das
-Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne
-Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch
-Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen
-von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer
-von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne
-Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre
-sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen
-langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.
-
-Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht
-vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat
-und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher
-sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz
-andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in
-ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne
-gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“
-Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale
-Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne
-Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher
-als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor
-seiner großen Persönlichkeit.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-Sittliche Zustände
-
-
-Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel
-deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen
-das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer,
-durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer
-Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich
-auch in diesen Menschen gären und glühen.
-
-Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes
-näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der
-geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von
-Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen
-Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen
-Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir
-nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und
-Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte
-Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben,
-umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch
-in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche
-und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen
-Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers
-Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit
-erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel
-mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher
-auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder
-ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner
-Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen,
-wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie
-verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer
-erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten
-Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer
-nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des
-sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da;
-sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch
-maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die
-sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus
-denen diese herauswachsen.
-
-Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit.
-Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern
-bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der
-großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen
-besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der
-Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur
-einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im
-zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen
-den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte
-schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem
-man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis
-zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer
-läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft
-verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung
-und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine
-Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches,
-zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag?
-Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige
-alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür
-die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger
-Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder
-vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig
-günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig
-zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen
-müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet.
-Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise
-anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern
-aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle
-zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen
-Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner
-Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern
-gezeitigt hat.
-
-Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so
-verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich
-auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine
-beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in
-Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.
-
-Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche
-Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre,
-widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist,
-wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur
-ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese
-aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen
-wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht
-befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem
-wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen,
-in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt
-darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens,
-sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen
-Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch
-für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“
-mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder
-um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu
-straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt
-würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles
-Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der
-Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein.
-Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre
-des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer
-Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles
-regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses
-Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten
-sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen,
-ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert
-durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der
-„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar
-erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen,
-umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den
-Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht
-entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die
-sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das
-beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der
-Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle
-Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich
-werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit,
-der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des
-Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt,
-wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch
-der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick
-und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus
-parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer
-Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und
-wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das
-öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände
-immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die
-christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer
-schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an
-ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.
-
-Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der
-Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel,
-das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden
-wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und
-politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte
-Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller
-Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese
-idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung
-gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß,
-den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener
-Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und
-entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und
-der Partei.
-
-Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen
-Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier
-ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier
-weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind,
-die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern
-angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem
-einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch
-in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt
-hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind,
-mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle
-verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen
-jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in
-ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände,
-unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen
-Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen
-ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit
-in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie
-überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische
-Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie
-sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer
-verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es
-manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen
-Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders
-hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium,
-ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen
-zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen
-sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich
-maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen
-dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben,
-die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem
-ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.
-
-Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt,
-muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten
-Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter
-den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich
-anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die
-lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem
-der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in
-seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung
-hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter
-entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse
-und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch
-seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem
-Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es
-giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte,
-eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche
-Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den
-Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach
-rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu
-ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus,
-der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip
-ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit
-ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich
-erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten
-Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen
-mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein
-Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte,
-ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die
-ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute,
-gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte
-Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben;
-aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie
-gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als
-Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit
-über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich
-unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und
-waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum
-von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl
-von Arbeitsgenossen, die -- ich verweise hier auf den betreffenden
-Abschnitt meines fünften Kapitels -- sich nur wenig oder gar nicht mit
-Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten
-Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien,
-wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen
-immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder
-zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen
-zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen
-Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten,
-die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse
-standen -- alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung,
-die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich
-der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der
-sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die
-gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und
-schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß
-die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und
-schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte
-Arbeit zu thun braucht.
-
-Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach
-meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine
-Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes
-Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich
-beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde,
-also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie
-ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht,
-wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig
-wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und
-der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen
-größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu
-einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen
-getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in
-vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter
-solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch
-einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von
-glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten
-Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das
-heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist
-weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein.
-Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen
-verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es
-auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr
-schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten
-jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es
--- ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen
-nur bestätigen -- nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene
-Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in
-seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio,
-der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das
-lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt.
-Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut
-kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute.
-Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an
-die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren
-es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten
-Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei
-ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches
-übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde;
-diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum
-Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit
-und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt
-hatten. Wie weit -- um darauf noch einmal zurückzukommen -- bei vielen
-Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden
-und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist
-die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher
-Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er
-konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen
-Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Handwerkern
-überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand
-Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie
-Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln
-selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und
-Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den
-Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend
-war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt,
-es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit
-andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen
-Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für
-gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern
-vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier -- ob als alte Reste oder
-neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger
-zur Entscheidung -- unter der Decke des großindustriellen
-Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen
-Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.
-
-Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich
-kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal:
-„Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie
-recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß
-jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode
-häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf
-Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist
-wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere
-Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur
-erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei
-längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen,
-bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des
-Mannes. Ein +gegenseitiges+ Borgen aber habe ich wenigstens
-unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und
-dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte
-ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung
-aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und
-am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten.
-Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk
-ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner
-Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung,
-auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte,
-oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich
-des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer
-Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen
-Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an
-diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu
-Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und
-von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und
-es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch
-im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“
-(Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie
-schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich
-ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es
-erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage
-erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken,
-verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe
-es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine
-größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man
-wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer
-mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte.
-Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und
-ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen
-durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches
-Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl
-man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am
-nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung
-zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den
-Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.
-
-Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und
-widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse
-der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte,
-besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer
-Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber
-auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus
-der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer
-man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein
-stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten
-Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer
-gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte
-haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr
-imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er
-keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich
-abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren,
-wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber
-doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar
-gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers
-unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher
-Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte,
-man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.
-
-Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so
-krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige
-und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber
-der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich
-in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer
-einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und
-hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und
-Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das
-wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur
-um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot
-wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes
-in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps,
-dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und
-den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der
-Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form
-der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der
-Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an
-den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er
-machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder
-hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den
-meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas
-los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde
-wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich
-viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein.
-Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch
-selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder-
-und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag.
-Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für
-manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte
-Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an.
-Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe
-gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das
-thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen
-Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen
-Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich
-böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb.
-Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der
-erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest;
-die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte,
-trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten
-eigentliche Säufer.
-
-Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen
-oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere
-und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die
-„Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige
-Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie
-in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste
-Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter
-mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer
-Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den
-Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß
-künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem
-auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten
-werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten
-ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe
-Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz
-unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit
-ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren
-Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder
-so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt
-Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug
-aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns
-der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten,
-ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort,
-und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der
-Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in
-Schwung und in die Höhe gebracht.
-
-Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war
-der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung
-und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum,
-das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen
-Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und
-auch -- wie man mir versicherte -- Referendare und Offiziere in Zivil
-zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen
-und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst-
-und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu.
-Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller
-Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist
-in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack;
-alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt
-und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden
-sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der
-Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug
-Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz
-mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten,
-damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das
-Kleid nicht beschmutzte.
-
-Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck,
-den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es
-Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und
-ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten
-sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden
-Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer
-Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit
-vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver,
-der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem
-Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug.
-Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine
-Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4
-Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen
-Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den
-Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über
-die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und
-eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann,
-und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die
-Freude am größten.
-
-In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem
-Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn
-an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den
-Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da
-koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende,
-glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen,
-kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte
-Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und
-seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt,
-der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach
-Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld,
-wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in
-Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das
-ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige
-Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes
-sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom
-Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur
-ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft,
-ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein
-Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur
-einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit
-in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und
-Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf
-der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der
-kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei
-und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein
-leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche
-Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken
-Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und
-Herzen -- und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem
-Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten
-Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen
-junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben
-sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist
-Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer
-Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der
-ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die
-Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel,
-ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage
-nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in
-Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.
-
-Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges
-Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt
-ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf
-den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute
-im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche
-und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine
-Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot
-existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich
-bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande,
-und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste
-und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz
-selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo
-immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich
-ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl
-hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die
-sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser
-„geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so
-heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange
-oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder
-nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So
-treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen,
-selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die
-jungen Leute in die Ehe zusammen.
-
-Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen,
-die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten
-wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung,
-einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal
-von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des
-zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen
-nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein
-Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige
-Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe
-ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und
-größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es
-ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige
-gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch
-mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im
-allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den
-Männern unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet,
-viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart
-gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr
-ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu
-fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins
-der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.
-
-Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und
-einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen
-Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen,
-übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit
-eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird.
-Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es
-vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des
-Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft
-und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs
-die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls
-etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der
-Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler,
-kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als
-Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt
-wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls
-nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann
-gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie
-meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war,
-gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank
-wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu
-erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich
-auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst
-dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten
-seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde
-war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden
-Halbbildung.
-
-Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt
-einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast
-jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen
-unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man
-fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte
-mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten
-sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger
-Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche
-zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich
-recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das
-eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es
-sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.
-
-Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine
-Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen.
-Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer,
-das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock,
-den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden
-und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus
-sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht
-sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen
-alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der
-Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in
-der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und
-lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld
-aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der
-Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar
-Pfennige zusammen.
-
-Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu
-einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert.
-Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller
-Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in
-jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während
-der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei
-des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit,
-der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die
-besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten
-und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen
-untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und
-Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn,
-Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit
-und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse
-geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie
-überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor,
-deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute
-verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was
-mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu
-bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer
-nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie
-gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte
-mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den
-andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen
-sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte
-mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit
-den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch
-von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte
-mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz!
-Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle,
-meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben
-Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in
-den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.
-
-Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den
-Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt
-die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer
-einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der
-Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an
-eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig
-zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.
-
-Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja
-doch nur Steuern.
-
-Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte
-sich jener.
-
-Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben,
-erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.
-
-Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz
-parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung.
-Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen,
-hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen,
-lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne
-Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und
-wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte
-Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in
-dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und
-Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile,
-die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute
-Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der
-er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben!
-Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine
-Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten
-Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern
-Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft
-glücklich ist.
-
-Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl
-der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“
-Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen
-ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber
-gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen
-Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend
-einen +objektiven+ Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem
-gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen
-entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern
-Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt
-dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein
-Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes,
-das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien
-enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte,
-daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der
-Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter
-Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu
-lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also:
-Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem
-parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart.
-Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir
-wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht
-mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann -- nicht
-gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder
-versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines
-Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser
-Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!
-
-Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten
-nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige
-Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen,
-waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die
-Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die
-unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte
-stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen
-völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich
-unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des
-Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder
-nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar
-kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“
-Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die
-Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des
-Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten
-ist.
-
-Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze
-sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen
-eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute,
-liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner
-festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die
-übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie
-haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr
-wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt,
-ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen
-willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende
-sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert
-also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und
-sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts
-Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte
-Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem
-großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe
-schiebe. +Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre
-Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten
-Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft
-heraufbeschworen hat.+ Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen
-nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-Ergebnisse und Forderungen
-
-
-Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.
-
-Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage
-keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs-
-und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten
-Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten,
-würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren.
-Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht
-einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der
-ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die
-Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und
-Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen, sie ihnen doch einzureden
-versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten
-zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten
-und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist,
-ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage
-nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht
-des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung
-und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer
-sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine
-trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion
-und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit
-erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den
-demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse
-heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen
-wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden
-gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame
-Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht
-nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang
-nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der
-Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten
-und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller
-Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der
-Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge,
-unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf
-genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum
-unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch
-von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses
-Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der
-That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen
-Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in
-erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges
-Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre
-Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben
-geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung
-so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das
-giebt auch die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt
-sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für
-spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die
-Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.
-
-Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß
-die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre
-Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und
-für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die
-Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein
-Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich
-sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen.
-Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso
-wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik
-und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der
-Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz
-anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß
-es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist
-heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung
-überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht,
-daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch
-in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo
-der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem
-Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt,
-also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen
-hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen
-Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine
-werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint,
-zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben
-genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor
-allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden
-zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen
-zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen,
-denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark
-machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen
-gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und Ringens nach dem
-Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und
-so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen:
-es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen
-sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier
-liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch
-erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei.
-Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber
-möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und
-geheiligt wird.
-
-Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende
-Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten
-Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu
-einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden
-des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und
-der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich
-als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu
-bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die
-Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem
-Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums
-hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit
-erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und
-Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an
-den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft
-wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.
-
-Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die
-Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes
-allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß
-die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei,
-auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems,
-oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die
-Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten,
-widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen
-Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System;
-dieses Prinzip, das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern
-angebeteten „Wissenschaft,“ bildet ihre feste Grundlage, giebt
-der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat
-dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten,
-nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische
-Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen
-Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So
-ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein
-die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung
-des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die
-sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig
-beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände,
-um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und
-Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die
-Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst
-untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit
-und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern
-ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder
-Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen
-willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher
-Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat heraufziehen, wenn
-die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit
-und Wahrheit werden würde -- was thut das uns? So treten auch wir
-„evangelische Pfaffen“ in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier
-oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die
-übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich,
-frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers
-Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres
-großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das
-vollendete Antichristentum wird. +Es muß der Grundsatz durch uns zur
-Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein
-Christ Sozialdemokrat sein kann.+
-
-Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr
-materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener
-gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren Glanz heute
-die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister
-willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft
-der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom
-Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die
-unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft
-gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten
-unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute
-von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos
-mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten
-ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit,
-aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr
-entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle
-Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß
-man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles,
-was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in
-die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie
-sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich,
-bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne
-eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der
-wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts
-und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken
-zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche
-und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten
-diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn
-wir wissen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft
-der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern
-menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns
-willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer,
-kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche
-Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen
-bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische
-Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den
-modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten.
-
-Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel mehr
-übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge
-der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und
-Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und
-Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit
-auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist.
-Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der
-Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen
-Glaubensgebäudes. Es geht den modernen „aufgeklärten“ Arbeitern wie den
-Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung
-unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, --
-sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem
-Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil
-ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung
-dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie
-die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit
-noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form
-und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten,
-so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und
-Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit
-der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche,
-dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene
-heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie
-thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach
-sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen
-Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem
-modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der
-ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei
-Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft
-und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht,
-beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist
-vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht
-zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen
-hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen
-Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst und
-Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen
-und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer
-anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren
-stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber
-geleistet muß diese Arbeit werden -- sonst, das ist meine feste, aus
-bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und
-wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum.
-Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus
-betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der
-Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor
-die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum
-sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen
-innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten
-an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen
-wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so
-wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere
-Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel
-eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen
-werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann
-wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die
-von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht
-weniger not.
-
-Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung
-des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser
-apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der
-alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern
-ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten,
-den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem
-die Arbeiter -- ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte
-Gespräche -- erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben.
-Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der
-kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine
-soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war,
-seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen
-vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen dort wie verlassen in der
-Mitte einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie
-keinen moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja
-daß sie sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie
-noch viel weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als
-sie es ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an
-irgend welchen +praktischen+ Wert des Christentums für ihr leeres Leben
-gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht
-noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und
-seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird
-das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein,
-wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5-8000 Seelen haben,
-wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die
-Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie
-getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter
-frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung,
-und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen,
-Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie
-Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine
-Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und
-die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und
-wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die
-Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft
-thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der
-Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden.
-
-Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die
-Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken
-wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in
-jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur
-die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer
-schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst
-aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen
-erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das
-junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich
-schreibe an dieser Stelle von ihm nicht in offizieller Eigenschaft,
-als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich
-am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der
-Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe
-ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen
-und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den
-Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen
-Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer
-Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur
-materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und
-gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders
-so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte
-Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden
-angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind;
-und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich
-Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht
-nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung
-und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird
-er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz
-werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften
-künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den
-Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische
-Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er
-jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite
-Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern
-die wahren Quellen der materiellen Not, d. i. die wirtschaftlichen
-Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese
-wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese
-Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen
-und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der
-einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen
-die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse
-ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen
-Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren
-Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner
-Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in dem
-seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch
-ihnen den Blick für diese Zustände zu erschließen und das Bewußtsein
-der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem
-öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen.
-Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so
-hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das
-der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen:
-+die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute
-noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer
-widerchristlichen materialistischen Weltanschauung+.
-
-
-Druck von Carl Marquart, Leipzig.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und
-Handwerksbursche, by Paul Göhre
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER ***
-
-***** This file should be named 60357-0.txt or 60357-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60357/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/60357-0.zip b/old/60357-0.zip
deleted file mode 100644
index 55aad3b..0000000
--- a/old/60357-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60357-h.zip b/old/60357-h.zip
deleted file mode 100644
index 229b8e9..0000000
--- a/old/60357-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60357-h/60357-h.htm b/old/60357-h/60357-h.htm
deleted file mode 100644
index 52217a9..0000000
--- a/old/60357-h/60357-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,9235 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche, by Paul Göhre.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-
-.break-before {page-break-before: always;}
-
-div.titelei,div.einladung {
- width: 70%;
- margin: auto 15%;}
-
-div.einladung {
- padding-top: 1em;
- padding-bottom: 1em;
- font-style: italic;}
-
-div.einladung p {
- font-size: 90%;
- margin-left: 3em;
- text-indent: -3em;}
-
-div.einladung p.center {
- text-indent: 0;}
-
-div.erster_teil {
- width: 90%;
- margin: auto 5%;}
-
-h1,h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;}
-
-h1 {font-size: 225%;}
-h2,.s2 {font-size: 175%;}
-.s3 {font-size: 125%;}
-.s4 {font-size: 110%;}
-.s5 {font-size: 90%;}
-.s7 {font-size: 50%;}
-
-h1 {
- page-break-before: always;
- margin-top: 3em;}
-
-h2.nobreak {
- font-weight: normal;
- page-break-before: avoid;
- padding-top: 3em;
- line-height: 1.5em;}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1.5em;}
-
-p.p0,p.center {text-indent: 0;}
-
-p.schmutztitel {
- font-size: 175%;
- text-align: center;
- font-weight: bold;
- padding-top: 3em;
- page-break-before: always;
- text-indent: 0;}
-
-.mtop1 {margin-top: 1em;}
-.mtop2 {margin-top: 2em;}
-.mbot1 {margin-bottom: 1em;}
-.mbot2 {margin-bottom: 2em;}
-.mbot3 {margin-bottom: 3em;}
-.mleft0_2 {margin-left: 0.2em;}
-.mleft0_3 {margin-left: 0.3em;}
-.mleft3 {margin-left: 3em;}
-.mright2 {margin-right: 2em;}
-.mright3 {margin-right: 3em;}
-
-.padtop1 {padding-top: 1em;}
-.padtop3 {padding-top: 3em;}
-.padtop5 {padding-top: 5em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
- clear: both;}
-
-hr.full {width: 95%; margin: 2.5em 2.5%;}
-
-hr.r5 {width: 5%; margin: 1em 47.5%;}
-hr.r10 {width: 10%; margin: 1em 45%;}
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 95%;
- font-size: 70%;
- text-align: right;
- text-indent: 0;
- letter-spacing: 0;
- font-style: normal;
- color: #999999;} /* page numbers */
-
-.auszug {
- margin: 1em auto;
- font-size: 85%;
- font-weight: bold;}
-
-.center {text-align: center;}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.antiqua {font-style: italic;}
-
-.initial {
- font-size: 175%;
- font-weight: bold;
- line-height: 1;}
-
-.gesperrt {
- letter-spacing: 0.2em;
- margin-right: -0.2em; }
-
-em.gesperrt {
- font-style: normal; }
-
-/* Images */
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;}
-
-img {max-width: 100%; height: auto;}
-
-img.w4em {width: 4em; height: auto;}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {
- border: thin black dotted;
- background-color: #ffffcc;
- color: black;}
-
-.footnote {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
- font-size: 0.9em;}
-
-.footnote p {text-indent: 0;}
-
-.footnote .label {
- position: absolute;
- right: 84%;
- text-align: right;}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-
-.poetry {
- display: inline-block;
- text-align: left;}
-
-.poetry .verse {
- text-indent: -3em;
- padding-left: 3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;}
-
-.nohtml {display: none;}
-
-@media handheld {
-
-.nohtml {display: inline;}
-
-div.titelei,div.einladung {
- width: 100%;
- margin: auto;}
-
-hr.full {visibility: hidden; display: none;}
-
-em.gesperrt {
- font-family: sans-serif, serif;
- font-size: 90%;
- margin-right: 0;}
-
-.poetry {
- display: block;
- text-align: left;
- margin-left: 2.5em;}
-
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und
-Handwerksbursche, by Paul Göhre
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche
- Eine praktische Studie
-
-Author: Paul Göhre
-
-Release Date: September 25, 2019 [EBook #60357]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der
-Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben. Die
-Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="schmutztitel">Drei Monate Fabrikarbeiter</p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="zier" name="zier">
- <img class="w4em mtop1" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung zum Schmutztitel" /></a>
-</div>
-
-<h1>Drei Monate Fabrikarbeiter<br />
-<span class="s7">und</span><br />
-<span class="s5">Handwerksbursche</span></h1>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="s3 center mtop1"><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">e</span>
-<span class="mleft0_3">p</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">k</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">s</span><span class="mleft0_3">c</span><span class="mleft0_3">h</span><span class="mleft0_3">e</span>
-<span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span></p>
-
-<p class="s5 center mtop1">von</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Paul Göhre</b></p>
-
-<p class="s5 center mbot2"><b>Kandidaten der Theologie</b><br />
-<b>Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin</b></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="center mtop2 mbot3"><b>Erstes bis zehntes Tausend</b></p>
-
-<div class="figcenter padtop1">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w4em" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center padtop3">Leipzig</p>
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft0_2">F</span><span class="mleft0_2">r</span>.
-<span class="mleft0_2">W</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">h</span>.
-<span class="mleft0_2">G</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">w</span></p>
-
-<p class="s4 center">1891</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Übersetzung bleibt
-vorbehalten</p>
-
-<p class="s2 center padtop3 mbot1 break-before"><b>Seinen Arbeitsgenossen
-in der Fabrik</b></p>
-
-<p class="s4 right mright3"><b>Der Verfasser</b></p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><b>Inhalt</b></h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="tdr">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Erstes Kapitel: Mein Weg
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Zweites_Kapitel">12</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Drittes_Kapitel">40</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Viertes_Kapitel">88</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner
- Arbeitsgenossen
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Fuenftes_Kapitel">108</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Sechstes_Kapitel">142</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Siebentes_Kapitel">191</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Achtes_Kapitel">212</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort"><b>Vorwort</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">D</span>ie nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen,
-die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden.
-Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen
-Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben
-habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen
-gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium
-selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe
-ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem
-Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne
-dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen
-Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von
-den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat.</p>
-
-<p>Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik
-gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und
-Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das
-Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer
-Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber
-ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus
-einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen
-meine, als es andre von sich behaupten.</p>
-
-<p>Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese
-Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein
-oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als
-die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr
-Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung
-zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe
-dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht
-haben.</p>
-
-<p class="mtop2">Berlin, Anfang Juni 1891</p>
-
-<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser</b></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="s5">Erstes Kapitel</span><br />
-
-<b>Mein Weg</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">A</span>nfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den
-Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches
-Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein
-derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste
-Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab,
-ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt,
-einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in
-struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem
-Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte
-Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten
-sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate <em class="gesperrt">unerkannt</em>
-als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit
-meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit
-den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und
-getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit
-ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein
-reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt,
-das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will.</p>
-
-<p>Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und
-kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich
-bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt
-zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der
-Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir
-eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> eine reiche
-Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen
-Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage
-der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei
-dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft
-nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so
-scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen
-auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten
-und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen
-Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen
-von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie
-die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse,
-die beinahe durchgängig <em class="gesperrt">Parteipresse</em> ist und als Vertreterin
-bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen,
-egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten
-ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften
-von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische
-Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber
-gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter
-den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem
-Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem
-Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter,
-gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu
-werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur
-äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur
-sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor
-allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere
-Arbeit bauen zu können: <em class="gesperrt">die volle Wahrheit über die Gesinnung
-der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen,
-sittlichen, religiösen Charakter</em>.</p>
-
-<p>Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht?
-Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich
-selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit
-eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen,
-ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte,
-die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß
-belauschte und selbständig nach den innersten<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Triebfedern ihrer
-Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen
-dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem
-Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine
-Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen,
-welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses
-Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt
-noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie
-ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und &mdash; zum
-großen Teil mit Recht &mdash; Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu
-kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter
-Arbeitern, erfahren. Also &mdash; heran an die Quelle!</p>
-
-<p>Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich
-ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich
-zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er
-mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte.</p>
-
-<p>Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an,
-als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war.</p>
-
-<p>Expedient, Schreiber.</p>
-
-<p>Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen.</p>
-
-<p>Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück.</p>
-
-<p>Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort
-ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.</p>
-
-<p>So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der
-Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle
-und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin,
-freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.</p>
-
-<p>Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in
-Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die
-hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an
-der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer
-nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus.
-Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter
-durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und
-dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit
-einer dunstigen, dicken Luft gefüllt<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> war. An den Wänden hingen viele
-Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren
-nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den
-Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.</p>
-
-<p>Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der
-neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen
-Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.</p>
-
-<p>Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig
-unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich
-herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen
-Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:</p>
-
-<p>Guten Tag, Landser [Landsmann].</p>
-
-<p>Guten Tag, Landser, antwortete ich.</p>
-
-<p>Auch einer von der Zunft? &mdash; Damit hielt er mir seinen ausgestreckten
-Zeigefinger vor die Augen.</p>
-
-<p>Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich
-gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und
-sagte jedenfalls Nein.</p>
-
-<p>Was bist du denn? forschte er weiter.</p>
-
-<p>Expedient, Schreiber.</p>
-
-<p>Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal &mdash; damit
-rückte er vertraulich an mich heran &mdash;, es ist wohl nicht ganz richtig
-mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig
-aus, du bist wohl durchgebrannt?</p>
-
-<p>Nein, sagte ich sehr einsilbig.</p>
-
-<p>Oder kommst du vom Zuchthause?...</p>
-
-<p>Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht
-fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.</p>
-
-<p>Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte
-ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig
-war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast
-zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche
-Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem
-Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen.
-Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten
-anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> nicht; zu Hause zur
-Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir
-unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich
-&mdash; setzte ich hinzu &mdash; doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen,
-als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.</p>
-
-<p>Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir
-der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion
-ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle
-Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in
-der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.</p>
-
-<p>Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.</p>
-
-<p>Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt.
-Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob
-allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits
-doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien &mdash; wie ich das ja
-auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche
-Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese
-Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen
-auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe
-vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel
-gefunden, um <em class="gesperrt">unerkannt</em> unter ihnen sein zu können. Das war aber
-die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.</p>
-
-<p>Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein
-mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei
-einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern
-drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm
-Tische.</p>
-
-<p>Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit
-väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab.</p>
-
-<p>Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr
-Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider,
-der einen Rock machen kann, kommt immer durch.</p>
-
-<p>Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei
-seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht
-leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet
-hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p>Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn
-das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So
-wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich
-nicht mit ansehen.</p>
-
-<p>Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte
-jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders
-veranlaßte.</p>
-
-<p>Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort.
-Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn
-vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir
-nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine
-Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin.</p>
-
-<p>Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt
-Affe.</p>
-
-<p>Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein
-Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf
-eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte.</p>
-
-<p>Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und
-machten sich ihre eignen Gedanken.</p>
-
-<p>Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in
-Chemnitz Arbeit <em class="gesperrt">in einer Fabrik</em> bekommen könnte. Sie hielten
-das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht,
-wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer
-Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.</p>
-
-<p>Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr
-bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte
-Ausweg, aber besser als Hungern.</p>
-
-<p>Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern.
-Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht
-mehr gesehen.</p>
-
-<p>Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde,
-zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei
-kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit,
-die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde
-ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen
-Herberge heimisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<p>Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern
-unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen,
-siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und
-sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit
-Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen,
-kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still
-und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen
-immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.</p>
-
-<p>Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den
-Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter
-dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste
-einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte
-Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder
-freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren
-Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter
-arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen
-Flaschen, tragen Kohlen ein u.&nbsp;s.&nbsp;f. Ich arbeite höchstens zwei Tage
-in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen
-Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage
-lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher
-der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.</p>
-
-<p>Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie
-rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen
-Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach
-etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder
-unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange
-aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen
-Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für
-immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen,
-wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche
-Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.</p>
-
-<p>Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die
-häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden
-Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders
-abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern,<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> reservierten,
-bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.</p>
-
-<p>Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge
-herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich
-fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen,
-stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der
-Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch
-nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.</p>
-
-<p>In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise
-zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer
-Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er
-redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte
-das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft.
-Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen
-unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.</p>
-
-<p>Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser
-Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall
-nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer
-sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes
-Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des
-Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.</p>
-
-<p>Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil
-jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines
-Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends.
-Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern
-statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus.
-Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu
-finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber
-das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in
-eine größere Fabrik.</p>
-
-<p>So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken.
-Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen
-Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch
-zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter ein<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>gestellt.
-Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten
-und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der
-Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie
-jeden andern Arbeiter.</p>
-
-<p>Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen
-vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren
-meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und
-ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem
-Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart
-worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich
-unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner
-Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen
-habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir
-uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.</p>
-
-<p>Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und
-war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da
-zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was
-äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz
-gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit,
-mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.</p>
-
-<p>Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da
-mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten
-Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und
-zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her
-transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann
-hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und
-vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre
-einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder
-reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und
-jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der
-Schlosserei verwendet und hatte z.&nbsp;B. in starke Eisenteile Löcher von
-verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich
-fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten
-Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen
-kaum einzuschlafen.</p>
-
-<p>Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink,
-jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den
-Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen.
-Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es
-mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt
-zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine
-bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.</p>
-
-<p>Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage,
-wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von
-mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen
-ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während
-dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem
-Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich
-hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig
-über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich
-einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel
-halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets
-erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja
-fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß
-zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung
-kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß
-ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für
-viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten
-Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“
-Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt
-mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir
-Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine
-richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist,
-glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür,
-es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf
-allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung
-freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht,
-war für sie wohl einfach undenkbar.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen
-zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des
-Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen
-einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen
-unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende
-verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen
-unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den
-Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein
-pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins,
-in denen ich nie fehlte, oder &mdash; und dies je länger desto mehr &mdash; in
-den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war.
-Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern
-jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten
-sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war
-ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor
-Schluß, also vor Mitternacht verließ.</p>
-
-<p>Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen
-Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer
-Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über
-meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch
-mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich
-die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke
-des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich
-mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten
-Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser,
-dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie
-sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.</p>
-
-<p>Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu
-lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete &mdash; als
-Arbeitsloser &mdash; die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von
-freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des
-„Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug
-hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf,
-teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und
-gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien
-zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> sechzig Schlafstellen
-wenigstens gründlich <em class="gesperrt">gesehen</em>. Ein Sozialdemokrat hat in
-einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das
-Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger
-Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre
-hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen
-sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber
-im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle
-<em class="gesperrt">nicht</em> annähme.</p>
-
-<p>Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder
-Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam
-nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So
-brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause
-zurück.</p>
-
-<p>Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg,
-den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre
-Resultate.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="s5">Zweites Kapitel</span><br />
-
-<b>Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen
-allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In
-täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150
-Mann, von denen die meisten mit mir <em class="gesperrt">einer</em> Abteilung, dem
-Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die
-Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.</p>
-
-<p>Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel
-ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese
-Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine
-Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere
-Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf
-10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher
-und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich
-leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie
-zumeist Deutschböhmen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den
-Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer,
-oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens
-aus dem Erzgebirge und Vogtlande.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[*]</a> Aus den übrigen drei sächsischen
-Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15
-bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer
-Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder
-zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen
-Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.</p>
-
-<p>Über das <em class="gesperrt">Einkommen</em> meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht
-ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich
-nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit
-nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit
-zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu
-verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht
-in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die
-Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen;
-der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott
-und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.</p>
-
-<p>Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten
-Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu
-Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende
-eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen.
-Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde
-entlassen.</p>
-
-<p>Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20
-Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber
-auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht
-zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags
-und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an
-den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78
-Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen,
-Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten
-mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen
-Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark
-die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die
-um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter
-bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis
-30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in
-der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach
-seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger
-Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird
-ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch
-sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht.
-Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im
-Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern
-sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100
-Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als
-zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der
-Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender.
-Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben
-nicht zu prüfen.</p>
-
-<p>Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse
-nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig
-bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen
-Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die
-angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der
-Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat
-beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig
-angesehen wird.</p>
-
-<p>Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als
-diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen
-und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich
-und ihre Angehörigen hielten, suchten durch <em class="gesperrt">Nebenverdienst</em> ihr
-Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in
-ihren knappen Feierabendstunden<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik
-ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme,
-bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer,
-der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und
-seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte,
-ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen
-über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem
-nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider
-trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld
-zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst,
-allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei
-Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer,
-der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging
-des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der
-Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in
-einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein
-Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten
-Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn;
-ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig
-Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn
-auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte
-allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern
-Arbeiterkneipen &mdash; wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen,
-als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht
-einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit
-billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb.
-Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch
-Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren
-Gärten und ähnliche Dinge.</p>
-
-<p>Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in
-der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz
-bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“
-zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie
-die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die
-Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen
-am Sonntag Vormittag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p>
-
-<p>Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch
-nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber
-Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit
-die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft,
-Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern
-Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim
-auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.</p>
-
-<p>Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei
-ebenfalls der Frau die <em class="gesperrt">ganze</em> Arbeit obliegt, als Quelle zur
-Erhöhung des Fabriklohnes angesehen &mdash; kaum mit vollem Rechte. Denn so
-viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen
-auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit,
-von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz
-abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.</p>
-
-<p>Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern.
-Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf
-solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen
-that.</p>
-
-<p>Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen
-goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf
-Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens
-sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord
-arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und
-den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch
-seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre
-meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter;
-ebenfalls ein junger Dreher war &mdash; wohl durch Erbschaft &mdash; Eigentümer
-des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein
-Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses.
-Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl,
-der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte,
-aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er
-es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich
-mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren
-Manne,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert
-Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er
-seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ &mdash;
-wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich
-es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen
-Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.</p>
-
-<p>Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von
-Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich
-auch nicht von Überfluß. <em class="gesperrt">Denn der oben angegebene Betrag des
-jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei
-den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß
-ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere
-Nahrungssorgen leben kann.</em> Die Sache liegt aber sofort bedeutend
-ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur
-zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und
-andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes
-oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel
-der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens
-verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war
-allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich
-und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das
-Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen
-Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur
-in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen
-möglich war.</p>
-
-<p>Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die
-ich über <em class="gesperrt">Wohnung</em>, <em class="gesperrt">Kleidung</em>, <em class="gesperrt">Nahrung</em> meiner
-Arbeitsgenossen gemacht habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit
-doch der folgenden Mitteilung für wert halte.</p>
-
-<p>Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht
-in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich
-mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in
-den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht
-vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein
-Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Fünfziger,
-hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem
-Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends
-seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn
-einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“
-nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller
-dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen
-und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter,
-die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen
-Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als
-wir in unserm Viertel.</p>
-
-<p>Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider
-Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über,
-und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange
-Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht
-selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte
-Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf:
-zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen,
-niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen
-zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel
-gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den
-niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten
-Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen
-dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit
-Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite,
-mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an
-Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen
-freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt
-dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die
-seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und
-Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.</p>
-
-<p>Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den
-Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft
-auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten
-Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser
-umgebaut und in mehrere Familienwohnungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> „Parten“ genannt, geteilt
-war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll.
-Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine
-Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber
-dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen,
-mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr
-Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter,
-und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft
-gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich
-jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die
-vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich
-vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie
-ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.</p>
-
-<p>Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten,
-noch <em class="gesperrt">Familien</em>wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich
-eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß
-daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete
-das Heim eines &mdash; wenn ich recht sah &mdash; sehr großen Teiles unsrer
-Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben.
-„Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine
-Stube?“ waren ganz übliche Worte.</p>
-
-<p>Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die
-Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke
-dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben
-und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie
-den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten
-Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d.&nbsp;h. ein enger
-Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke
-versehen war.</p>
-
-<p>Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser
-hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in
-erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen
-fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für
-die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders
-gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder
-dem ähnliche Gartengebäude.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p>Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte
-wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als
-diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu
-geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend,
-ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise
-reichten sie freilich nicht hinan.</p>
-
-<p>Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete
-Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten,
-läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl
-sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener
-oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge
-Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten,
-die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß
-auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die
-aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe
-Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu
-sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam;
-an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig
-für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.</p>
-
-<p>Wie es nun innen in den Wohnungen aussah? Gut, mittelmäßig, schlecht
-&mdash; das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig
-runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr-
-und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast
-immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine
-Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr
-oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der
-Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand,
-pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“
-und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank
-befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast
-vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten
-Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa
-das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der
-Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet
-man ja ohne Mitgift. Ob<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> aber in einem solchen Haushalt Ordnung,
-Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und
-größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder
-nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst
-und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich
-der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei
-Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die
-Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel,
-und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und
-Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche
-verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus,
-und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen
-die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände
-schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem
-als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem
-und altem Hausgerät.</p>
-
-<p>Jedenfalls &mdash; und ich betone das scharf und nachdrücklich &mdash; war die
-Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung
-und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten
-versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als
-diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war.</p>
-
-<p>Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein
-andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der
-Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume
-genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei
-Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber
-eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern
-Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen
-war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer
-beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus
-die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und
-Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo
-weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder
-auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> versorgt
-waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern
-für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei
-einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der
-Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige
-Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der
-in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause
-wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau
-und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube,
-einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da
-schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven,
-und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern
-in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches
-Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch
-schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette
-war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei
-kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und
-besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon
-als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer
-andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem
-zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden
-Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen
-Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief,
-begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer,
-Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges
-Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine
-Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so
-wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein
-Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine
-energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr
-herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa
-neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit
-Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen
-aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen
-Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder
-je in einem Bette zu<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>sammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast
-den ganzen Raum einnahmen, die <em class="gesperrt">drei</em> Burschen in der etwas
-geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in <em class="gesperrt">zwei</em> Betten, also zwei
-einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür
-er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese
-Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf
-meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern
-„für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast
-immer dahin verstanden wurde, allein in <em class="gesperrt">einem Bette</em>.</p>
-
-<p>Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern
-Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig.
-Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine
-zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein
-kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und
-gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige
-Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der
-ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit
-der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit,
-wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht,
-doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder
-waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen
-herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen <em class="gesperrt">fünf</em> fremde
-Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen:
-aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer
-und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten,
-in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm <em class="gesperrt">zwei</em>
-böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich,
-schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit <em class="gesperrt">drei</em> Jahren,
-seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem
-Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr
-abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die
-Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden
-Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer
-mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser
-Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam
-erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> dann
-noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe
-für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch
-übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem
-einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte,
-tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem
-andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht
-ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben
-konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei
-dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.</p>
-
-<p>Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre
-Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen
-verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle
-Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder
-seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre
-Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde
-einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den
-Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt
-in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft
-untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer
-Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte
-bezeichnet werden mußte!</p>
-
-<p>Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das
-<em class="gesperrt">Schlafstellen-</em> und <em class="gesperrt">Kostgängerunwesen</em>. Das ist der
-Ruin der deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den
-allermeisten Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe
-materielle Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß
-zum Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum
-Spaße mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im
-Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen
-kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn
-man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als
-junge Mädchen.</p>
-
-<p>Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von
-Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch
-und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und
-nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns un<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>möglich
-gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach
-Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben <em class="gesperrt">und den
-einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und
-Schlafmädchen streng untersagt</em>. Bei meinen Besuchen und Gängen fand
-ich etwa noch folgende Arten an:</p>
-
-<p>a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten
-Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten
-stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft
-dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren
-und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich
-im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten
-waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von
-Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von
-der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich
-und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere
-Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer
-und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der
-wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man
-noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab
-und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren
-fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns-
-oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird,
-und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann
-natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen
-Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß,
-es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste
-mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein
-Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen
-Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und
-das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer
-ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen
-Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen.</p>
-
-<p>b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen
-der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie
-in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> angeführte
-Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so
-doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche
-dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich
-eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d.&nbsp;h. nur mit einem Bette
-ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann
-kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht
-möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter
-einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei
-Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die
-freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger
-verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen
-Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden.</p>
-
-<p>Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich
-sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit
-Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für
-den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann
-verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für
-notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer
-mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte
-fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur
-ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht
-wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit
-einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich
-Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten
-vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen
-Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit
-Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit
-ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus &mdash;
-auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die
-Familie.</p>
-
-<p>Über die <em class="gesperrt">Kleidungsverhältnisse</em> meiner Arbeitsgenossen habe
-ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung
-selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch
-langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste
-und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Kostüm. Mit
-Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln
-an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem
-elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur
-wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils
-des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter
-Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten
-Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem
-banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und
-zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst
-gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen
-Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu
-dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit
-schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus,
-krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse
-weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man
-selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte
-Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen
-Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt,
-wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne
-Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem,
-was richtig an seinem „System“ ist, getragen.</p>
-
-<p>Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen
-allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn
-Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein
-bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den
-man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der
-Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer
-zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei
-bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.</p>
-
-<p>So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein
-mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht
-zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten,
-wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> solchen
-Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb
-bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau
-ist eben eine Schlumpe.“</p>
-
-<p>Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger
-junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste
-sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in
-der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns
-gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen
-alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem
-man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu
-kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder
-doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.</p>
-
-<p>Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung
-pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst
-anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen
-nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah.
-Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf
-diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag
-abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker
-und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten
-Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in
-den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum,
-höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers
-zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an
-Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben
-bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener,
-sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr
-er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom
-Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht
-so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter
-ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten.
-Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich
-komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen
-bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man
-annehmen sollte.<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über
-ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch
-sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe
-ab.</p>
-
-<p>Über die <em class="gesperrt">Ernährungsverhältnisse</em> der Arbeitsgenossen ist
-nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei
-Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr
-Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh
-6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein
-die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen
-Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher
-allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt
-worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.</p>
-
-<p>Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen;
-nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause.
-Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen,
-wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube
-des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte.
-Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es
-durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.</p>
-
-<p>Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot
-in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem
-Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich
-ins Freie, d.&nbsp;h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der
-ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten,
-Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil
-frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener
-Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und
-Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der
-zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch
-gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.</p>
-
-<p>Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges
-Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot
-selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So
-begnügten wir uns damit, sie an der<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> selbst schmutzigen Schürze, an
-Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann
-nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben
-hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte
-uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach
-zweistündiger Morgenarbeit.</p>
-
-<p>Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas
-dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure
-Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte
-der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern
-mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich
-und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was
-infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen.
-Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch,
-ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben
-so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen
-habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier
-leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung.
-Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben
-Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und
-mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung
-des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der
-früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso
-transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung
-von großer sozialethischer Bedeutung &mdash; hier einmal in günstigem
-Sinne &mdash; und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre
-Reformversuche.</p>
-
-<p>Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder
-kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern
-verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun.
-In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei
-Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier
-gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer
-noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete
-vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung
-dabei wurde besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis
-fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen
-in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich
-sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich
-am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu
-beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu
-fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen
-Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den
-einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen,
-blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen
-Blechkrug geschenkt wurde.</p>
-
-<p>So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das
-doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders
-anging, und ließ es sich schmecken.</p>
-
-<p>Für das <em class="gesperrt">Mittagessen</em> war, wie gesagt, auch bei uns die übliche
-Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch
-nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch
-einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in
-unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt
-12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen
-Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt
-in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an
-einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich
-immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später,
-kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So
-reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei
-der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte.
-Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso
-zum Feierabend diese Pfeifen.</p>
-
-<p>Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich
-selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben
-hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war
-anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es
-bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte
-es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen
-als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> durch das Einkommen
-gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert
-der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise &mdash; und sie
-sind <em class="gesperrt">nicht</em> in der Minderzahl &mdash; fast Unmögliches möglich.
-Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich
-noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen
-<em class="gesperrt">immer</em> Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte
-ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und
-ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe;
-jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen,
-die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher
-als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der
-verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine
-Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte,
-häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines
-Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.</p>
-
-<p>Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl
-gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang
-einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.</p>
-
-<p>Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt,
-namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere
-Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene
-sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.</p>
-
-<p>Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt,
-noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge
-Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die
-selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit
-des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch
-in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß
-in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste
-Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich
-erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer
-aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war
-stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p>Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum
-Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen
-ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst,
-und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung,
-die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile
-aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und
-die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr
-weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der
-sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil
-es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen
-gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich
-in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber
-anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in
-genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen,
-jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und
-leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man
-trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es
-Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer
-einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und
-das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers
-vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen,
-ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne
-Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer
-ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu
-erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das
-dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte
-Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten
-Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute:
-meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen
-berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf-
-und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und
-Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen
-zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern
-Schichten sind.</p>
-
-<p>Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Stadt
-teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr
-geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen
-besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu
-ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt
-voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke
-aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der
-Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten
-gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in
-unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den
-man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche
-Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch.
-Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in
-beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei
-aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer
-Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen,
-nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte
-einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige.
-Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt
-zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang
-nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die
-ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber
-man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken
-und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel
-hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte,
-setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das
-sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag
-über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch
-anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich
-so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen
-Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann
-auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische
-herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen
-guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und
-kostenlosesten besonders angelegentlich.</p>
-
-<p>Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> in der
-Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete,
-eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der
-Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei
-Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist
-mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder
-sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die
-Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens
-in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der
-nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde
-alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem
-sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern
-unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine
-leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde
-des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die
-Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit
-kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird
-begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen
-ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute
-selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit
-in die Fabrik zurück kam und &mdash; wie es Sitte war &mdash; ihnen Mahlzeit,
-gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter
-abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.</p>
-
-<p>War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper
-besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem
-Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle
-irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein
-Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt
-und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen,
-und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen
-sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!</p>
-
-<p>Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden
-von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den
-allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> der Stadt war das aber
-ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen
-und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um
-pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter
-zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die
-ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel
-in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend,
-&mdash; denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für
-die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des
-täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven
-Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend
-ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen
-heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch
-eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man
-im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen
-wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen,
-den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück
-und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen
-treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die
-Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es
-infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten
-Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf
-der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich
-saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da
-beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu
-unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit
-dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde
-halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen,
-und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem
-ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich
-12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt
-worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach
-Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das
-Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind
-müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm
-übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders
-unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von
-8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig
-geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den
-Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern
-hunderten von ihnen.</p>
-
-<p>Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags
-mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen
-warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst
-um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die
-ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus
-Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder
-waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine
-Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und
-gesund.</p>
-
-<p>Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen
-aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost.
-Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe
-des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen
-Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon
-immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und
-Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.</p>
-
-<p>Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs-
-und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen
-vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon
-die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen
-Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen
-auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben
-mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer
-und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, <em class="gesperrt">daß
-infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen
-Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon
-nicht mehr vorhanden ist</em>. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft
-von Eltern<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten
-Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in
-bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser
-anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits
-mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen
-Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in
-der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten
-Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten
-hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen
-Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand,
-der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden
-eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die
-Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu
-bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen
-pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben
-daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht
-unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den
-Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und
-Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten
-Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde,
-häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den
-vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur
-mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke
-daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach
-ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an
-und über „Stube,“ d.&nbsp;h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede
-gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen
-flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der
-Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier
-„Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen
-Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung,
-des Klosets u.&nbsp;a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen
-Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man
-erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes
-Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als
-daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter
-einander<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen
-Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen
-und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen
-Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und
-daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und
-Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja
-daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z.&nbsp;B. für die Küche durch
-Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit
-solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher
-Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen
-Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends,
-so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof,
-in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen
-und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch
-erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde,
-und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten
-mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die
-sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen.
-Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne
-und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu
-derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen
-am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich
-unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so,
-daß Eltern und Kinder ungestört zusammen <em class="gesperrt">allein</em> nur noch während
-der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit
-eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und
-Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht,
-vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den
-Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber
-geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade,
-um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen
-zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die
-Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges
-behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.</p>
-
-<p class="mbot2">Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Charakter,
-die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden.
-Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem
-Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt
-werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie
-in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage
-sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie
-als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten
-Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und
-in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind
-erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen
-Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich
-namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen
-und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall
-des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die
-Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran
-arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser
-Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[*]</span></a> Viele dieser engern Landsleute waren mit einander
-verwandt. Ich fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei
-uns, fünf Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen,
-der Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="s5">Drittes Kapitel</span><br />
-
-<b>Die Arbeit in der Fabrik</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus
-kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger
-Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war,
-umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor
-standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon
-erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige
-parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An
-ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber,
-denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die
-Landstraße vorbei. Von hier<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus.
-Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang
-und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor
-verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und
-allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.</p>
-
-<p>Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig.
-Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer,
-daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und
-Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die
-eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen
-mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter
-Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik
-gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden
-waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden,
-und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne
-Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte,
-ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber
-festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob
-sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen
-Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen.
-Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub.
-Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum
-oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden
-Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel
-ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in
-dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete
-Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich
-während der Arbeit ein Blatt davon geholt.</p>
-
-<p>Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin
-abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver,
-mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die
-zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren.
-Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die
-Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p>Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die
-Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.</p>
-
-<p>In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später
-aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger
-angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen
-Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er
-hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum
-Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht
-herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander
-gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive
-Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten
-beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der
-Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin
-der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet
-war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der
-Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn
-der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte,
-lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite
-des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine
-ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter
-und freundlicher &mdash; gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in
-unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das
-Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen
-Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen
-und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der
-große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel
-wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre
-gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile
-der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen
-und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da
-schafften &mdash; wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte
-es nicht wenigstens einer sein?</p>
-
-<p>Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den
-Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> der
-Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer
-ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren
-die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte,
-eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum
-und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr
-unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am
-ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen
-Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben
-bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige
-Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte
-Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange
-eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain
-für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere,
-jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende
-große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel
-Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel
-benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung
-fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in
-dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich,
-die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken
-liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender
-Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden
-Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der
-Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem
-Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher
-zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag,
-stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich
-sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen
-Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem
-einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns
-den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und
-Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten
-freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.</p>
-
-<p>Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundert<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>fünfzig,
-die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine
-Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden
-Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen
-auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht
-hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern
-auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler,
-öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen
-in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in
-gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit,
-die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im
-Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.</p>
-
-<p>In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche
-Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im
-ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend
-Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum
-ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch
-das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes
-Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit
-irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.</p>
-
-<p>Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer
-bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten
-großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe
-waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der
-Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen
-Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen
-haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns
-gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser
-vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher,
-die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede,
-Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe
-neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler,
-Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure,
-andre Handlanger jeder Art und Bestimmung &mdash; denn auch unter ihnen
-herrscht die Arbeitsteilung &mdash;, Kutscher und Portier, eine bunte
-Kette, in der<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur
-die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher
-Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene
-Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen
-und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde
-vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll,
-ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.</p>
-
-<p>Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert,
-voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn
-Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die
-gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen.
-Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand
-der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen
-Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser
-120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel
-und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen,
-„Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und
-die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen
-verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre
-einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der
-Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.</p>
-
-<p>Dieser <em class="gesperrt">Arbeitsprozeß</em> war schwer, kompliziert, langsam;
-aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine
-Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die
-Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der
-modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres
-Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit
-an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu
-würdigen.</p>
-
-<p>Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine,
-etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die
-Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die
-Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der
-Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie
-gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe
-von Maschinen gearbeitet.<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit
-gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand
-arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum
-fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben
-Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale,
-war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke
-hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie
-mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und
-dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur
-geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion
-der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen
-kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und
-Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit
-besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen
-möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und
-zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb.
-Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine
-disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig
-auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung
-der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse
-Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war
-kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze,
-das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern
-dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken-
-und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in
-diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese
-Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in
-der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich
-auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und
-feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller
-Tischler blaß.</p>
-
-<p>Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der
-benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“
-zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der
-Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam
-die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung
-unter<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>stand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter
-und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte
-Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes
-erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen
-fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.</p>
-
-<p>Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau
-der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung
-geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige
-Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem
-Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe
-seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und
-weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und
-bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen
-vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe
-und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für
-den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt.
-Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht
-einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr
-Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine
-deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen
-erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß
-die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen
-eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der
-andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u.&nbsp;s.&nbsp;f.</p>
-
-<p>Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in
-derselben Abteilung im Bau begriffen sind &mdash; was für den erziehlichen
-Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes
-Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte
-Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber
-die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in
-dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen
-Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die
-Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus
-der Hand des Modellmeisters überwiesenen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> groben Stücke, vermögen der
-beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon
-etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die
-Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen
-die meisten Stücke noch durch viele Hände.</p>
-
-<p>Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten
-und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl
-als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle
-Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten
-Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und
-Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden
-Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es
-vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten
-und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte.
-Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der
-einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand
-diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen &mdash; das eine
-steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und
-ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als
-der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer
-sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen
-Lineale, Schienen u.&nbsp;s.&nbsp;w. nachtragen, halten und stützen müssen;
-aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der
-Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit
-thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten
-Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht
-geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende,
-einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit
-anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor
-diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes
-hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische
-Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z.&nbsp;B. die
-Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und
-andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist
-auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich
-zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es aus<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>zusprechen, daß
-mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres
-falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen,
-der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer
-Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen
-Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter,
-deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer
-gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen
-Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der
-ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum
-Ausdruck kommt.</p>
-
-<p>Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition
-ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den
-beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender
-Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und
-der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie
-Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer
-wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den
-Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er
-der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er
-die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die
-einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken
-und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu
-bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift
-des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden.
-Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer
-und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die
-rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das
-aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel
-seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur
-zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade
-unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener.
-Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein
-Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten
-Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen
-zu arbeiten<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten
-nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste
-Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter
-160&ndash;170 Mark im Monat haben, während z.&nbsp;B. der Anreißer die Stunde nur
-29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen
-sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser
-und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem
-sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei
-jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf
-die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten
-und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage
-lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler
-langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen
-hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an
-größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte,
-dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden
-Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und
-kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese
-festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher
-und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu
-beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu
-atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern &mdash; wenn ich
-recht berichtet bin &mdash; den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch
-durchschnittlich jünger als die andern.</p>
-
-<p>Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten,
-so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich
-darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine
-steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen.
-Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken
-Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig
-abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten.
-Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit
-unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu
-überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe
-es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen,
-so mit Nuten, Rissen, Einschnitten<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> und Spitzen zu versehen, daß sie
-für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur
-noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein
-großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer
-und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der
-Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges,
-geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein
-organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn
-er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man
-unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen
-werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die
-Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter
-dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man
-fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen
-deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist:
-gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.</p>
-
-<p>Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer
-die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein
-von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als
-die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt
-nachzubohren &mdash; alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch
-Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche
-Charakterbildung möglich?</p>
-
-<p>Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn
-alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen,
-geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und
-Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen
-und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der
-eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs,
-immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in
-der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht
-ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile
-sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern
-mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das
-allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal
-zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das
-elfte und zwölfte mal noch vergeblich<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> zusammenzupassen. Die glatten
-Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren,
-mußten &mdash; eine schwere Mühe &mdash; mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange
-eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen
-und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit
-wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe
-Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem
-Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde
-geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in
-der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd,
-liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht
-klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer,
-Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der
-von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm
-auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber
-allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich
-die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da
-stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen
-Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder
-durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.</p>
-
-<p>Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres
-Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine.
-Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten
-Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen &mdash;
-bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht
-war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer
-und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der
-Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches,
-glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie
-in Empfang nahmen.</p>
-
-<p>So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch
-war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der
-Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort
-ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren
-Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch
-hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> langweiligen
-Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient
-der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen
-Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach
-langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle
-gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen
-fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen
-und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon
-sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben
-Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen
-Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue
-Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann,
-je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine,
-dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten
-zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher
-Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen
-Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu
-vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch
-auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das
-selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist,
-für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert.
-So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit
-unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische
-Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu
-einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die
-handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu
-höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei
-und Kunsttischlerei nahe verwandt.</p>
-
-<p>Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe
-Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler,
-Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu
-bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder
-andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein &mdash; das
-wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber
-gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den
-sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt
-worden<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige,
-unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer
-nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren,
-die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne
-Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu
-liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge
-umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem
-Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle
-zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.</p>
-
-<p>Freilich wurde &mdash; und damit komme ich auf das Gesamturteil über die
-Arbeit in unsrer Fabrik &mdash; bei ihnen wie bei jenen andern niederern
-Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die
-schlimme Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade
-unsers Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit
-ethisch vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip
-der Arbeitsbeteiligung <em class="gesperrt">aller</em> an <em class="gesperrt">demselben</em> einen
-Arbeitsprodukte. Vom Meister und Monteur herab bis zum Packer und
-Transporteur, schaffte jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an
-einem einzig sinnvollen Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer
-Werkzeugmaschine. Damit aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger
-Unentbehrlichkeit und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das
-Interesse auch des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers
-an dem Ganzen lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für
-den Arbeitsprozeß notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die
-prompte, akkurate und verständige Leistung der andern angewiesen. Man
-wußte genau, wieviel z.&nbsp;B. für die Schlosser darauf ankam, daß der
-Bohrer genau nach Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal
-kostete, Sachen, die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar
-zu machen; und man fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen
-der Arbeitsgenossen, die einen in solchen Fällen zu unangenehmer
-Verantwortung zogen. So orientierte man sich lieber in zweifelhaften
-Fällen über Bestimmung und Zweck des Stückes und verrichtete auch die
-langweiligste Teilarbeit nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung
-und mit verständnisvoller Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen
-Maschine. Und indem so fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> fast
-jeder Maschine, die aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und
-sein Verdienst hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte
-Handarbeiter, der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert
-hatte, ihre Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger
-genau sich klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das
-Kunstwerk fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge
-und innerer Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein
-Hobel geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen,
-seine Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war
-der heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht
-bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn
-mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle
-der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns
-die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit
-auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten,
-denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier
-gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß
-sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische
-Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst
-wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt,
-Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut
-hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer
-dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe
-Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts
-als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden
-an jedem &mdash; Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann
-in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich
-auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht
-so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin
-zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter
-unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen
-vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen
-Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige
-Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch
-eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p>Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch
-dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein
-großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation:
-nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die
-immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein
-Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was
-auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor
-Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die
-Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der
-Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her;
-aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor
-abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten
-Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht
-für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin
-befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch
-so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern
-Handwerks<em class="gesperrt">gesellen</em>; darin liegt die Ursache der dauernden
-schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner
-Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des
-Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten
-Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines
-Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel
-eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres
-Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um
-die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen
-ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren
-Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen,
-den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu
-eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt,
-die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer
-einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist;
-gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen
-und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille,
-ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und
-das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt
-null und nichtig. So<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit
-andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald
-wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden
-Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische
-Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal
-und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf,
-den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche
-Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei
-uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb
-selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu
-Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die
-Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche
-Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die
-Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und
-der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und
-starkes Streben.</p>
-
-<p>Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig
-wurzelnde Wirkung wurde durch die <em class="gesperrt">Arbeitsordnung</em> noch vermehrt,
-die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist
-meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen
-von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die
-Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der
-Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.</p>
-
-<p>Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren
-schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr
-bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder
-überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der
-Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen
-dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute,
-die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem
-Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten,
-die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu
-können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen
-Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da
-wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> fand
-eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8
-und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte,
-genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute
-schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser
-Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt.
-Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in
-Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen
-umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor
-in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung
-aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich
-bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die
-<em class="gesperrt">alle</em> Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden
-bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen
-lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch
-Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu
-vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“</p>
-
-<p>Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen
-an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit
-in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch
-das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich.
-Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten
-vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der
-notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte
-der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche
-Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die
-verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen
-Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war
-an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu
-einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine
-zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte
-an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen
-Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise
-vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte
-sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde
-machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein
-Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und
-Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben
-Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein
-Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er.
-„Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden
-jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich
-nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes
-statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem
-Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig
-geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die
-ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer
-Gang waren.</p>
-
-<p>Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne
-bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom
-Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte.
-Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen
-Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht
-berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger
-sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder
-eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun
-die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal
-bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß
-ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das
-englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens
-bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den
-Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen
-Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste
-Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich
-birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde,
-thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken
-haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit
-durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde
-bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu
-schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und
-seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem
-Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß
-er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen
-etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde
-wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in
-Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein
-paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der
-vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an
-ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht
-ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden
-diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner
-großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem
-Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn
-beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ
-erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir
-mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich
-herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im
-Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.</p>
-
-<p>Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich
-bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert:</p>
-
-<div class="auszug">
-
-<p>Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach
-im <em class="gesperrt">Voraus</em> durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder
-Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.</p>
-
-<p>Eine <em class="gesperrt">Löhnungsperiode</em> erstreckt sich, so lange sich nicht
-eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche
-bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.</p>
-
-<p>Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode
-folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden
-die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender
-Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.</p>
-
-</div>
-
-<p>Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem
-Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach
-Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion
-innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage
-folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn
-Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann
-regelmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen
-Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht
-der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu
-verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist
-gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat.
-Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus
-irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie
-mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes
-neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern
-denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch
-dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes
-gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich
-und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch
-vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen
-Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder
-abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt
-und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von
-den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich
-in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir
-ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre
-Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen
-folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:</p>
-
-<div class="auszug">
-
-<p>Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach
-freiem Ermessen der Direktion statt.</p>
-
-</div>
-
-<p>Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:</p>
-
-<div class="auszug">
-
-<p>Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung
-und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom
-vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel,
-welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.</p>
-
-<p>Auf rechtzeitiges, d.&nbsp;h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes
-Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.</p>
-
-<p>Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des
-Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung
-kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die
-Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich
-gebilligt worden ist.</p>
-
-</div>
-
-<p>Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt,
-einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut
-Anschlages<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß
-in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr
-vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit
-die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden
-der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder
-gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der
-Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus;
-dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den
-dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher
-zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr
-günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.</p>
-
-<p>Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für
-alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag,
-der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn
-es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar
-drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige
-Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief
-in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“
-übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und
-das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit
-der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen
-am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark
-ausgezahlt. Hatte einer z.&nbsp;B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt
-er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut
-geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren
-die Leute auch wohl zufrieden.</p>
-
-<p>Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge
-ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die
-zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in
-der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich
-neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem
-Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und
-sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das
-Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die
-großen Maschinen, die wie im<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Schlafe stumm, unbeweglich daliegen
-nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein
-Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner
-Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne,
-deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen
-Fabrikfenster brechen.</p>
-
-<p>Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer
-Fabrikordnung reichlich und doch &mdash; ich kann das wohl sagen &mdash; meist in
-gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die
-höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn
-einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei
-mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde,
-letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf
-das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in
-beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden
-konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache,
-daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der
-That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit
-getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und
-ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes
-„Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen
-faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen
-Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen,
-also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des
-Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die
-wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags
-schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren
-hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der
-Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal
-ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik
-zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht
-möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe
-Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst
-einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden.
-In solchem Falle, der<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es
-vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann
-persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe
-wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen
-wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei
-der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an
-sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten
-Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die
-Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall
-mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat.
-Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden
-Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten
-alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren
-des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon
-betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie
-bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit
-einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen
-militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in
-Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der
-Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige
-Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung
-derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends
-bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.</p>
-
-<p>Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung
-der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder
-verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich
-die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz
-beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“
-Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die
-Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar
-Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt
-worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus
-jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also
-ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> des Jahres
-in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und
-beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand
-kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in
-der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen
-Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer,
-solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit
-Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen,
-womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.</p>
-
-<p>Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines
-Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen
-und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen
-wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt,
-unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der
-hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden
-MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der
-Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung;
-jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach
-Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann
-gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung
-einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die
-nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt.
-Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von
-Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer
-Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter
-noch bedeutend besser als z.&nbsp;B. für die Weber. Bei uns fanden
-wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer
-mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte,
-traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen,
-Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit
-getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von
-Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte
-und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte.
-Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand:
-Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos,
-daß in Chemnitz<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> bereits 1100 Familienväter brotlos seien &mdash; damals
-jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die
-Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen
-Arbeiterbevölkerung umgingen.</p>
-
-<p>Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in
-unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus
-der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel
-verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war,
-vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so,
-daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt
-wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend
-einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit)
-eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner
-Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei
-Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren
-Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht
-mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher
-Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser
-Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit
-besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten,
-traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein
-Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte
-von ihnen war verheiratet.</p>
-
-<p>Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen
-nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge
-unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern
-&mdash; derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge
-zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit
-verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen
-anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei
-dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer
-Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte.
-Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere
-ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß
-nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie
-lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Partei nahmen,
-der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung
-die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es
-sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an
-derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage &mdash; er arbeitete
-in Akkord &mdash; war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn
-ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei
-seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht
-habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf
-dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt.
-Als er &mdash; immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen
-Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne
-stand &mdash; um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit
-<em class="gesperrt">roter</em> Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der
-erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu
-holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische
-liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn
-gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden.
-Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf
-die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht
-darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten
-Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich
-hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener
-Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung,
-vorsichtig zu sein.</p>
-
-<p>Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die
-Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig
-sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich
-Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in
-Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand,
-nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige
-Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann
-aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte
-von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung
-und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande,
-daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> ihn von
-diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar
-mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn
-diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen
-und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich
-weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern
-bewußt war.</p>
-
-<p>Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die
-von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten
-acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein
-Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale
-niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister
-Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg,
-anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich
-nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer
-sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern
-erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde,
-die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand,
-den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten
-nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und
-das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers
-arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.</p>
-
-<p>Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere
-Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig,
-unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das
-Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier
-ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit
-beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe.
-Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und
-im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen
-Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem
-Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der
-Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten
-Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend,
-der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung,
-wenigstens der ältern Generation meiner Genossen<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> im Herzen sitzt.
-Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns
-bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen,
-die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal
-aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben
-Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem
-einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen
-hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte,
-wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast
-durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer
-Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft
-wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und
-wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich
-anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch
-nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des
-bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu
-bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine
-Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die
-ich zuletzt schilderte.</p>
-
-<p>Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir
-kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der
-Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:</p>
-
-<div class="auszug">
-
-<p>Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten
-jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber
-besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist
-auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene
-Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.</p>
-
-<p>Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer
-anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen,
-beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen
-Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren
-Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei
-uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei.
-Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte
-völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen
-und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die
-Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle
-überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang
-auszuhändigende<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere
-Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen
-wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage
-des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist
-ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für
-die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich
-höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht.
-Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht
-das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem
-Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche
-Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade
-wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster
-ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der
-Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen,
-daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns
-gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger
-von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand
-beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die
-wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem
-Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen
-im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich
-weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung
-zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der
-sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum
-Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis
-der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere
-Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine
-volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.</p>
-
-<p>Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen
-darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz
-folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war
-es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken
-und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und
-Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von
-den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen,
-wo wir bei dem Leiter direkt<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> anfragen konnten, wurden wir freundlich
-und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die
-freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu
-denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht.
-Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden
-darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen
-schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die
-Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden
-Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich
-jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen
-vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen
-er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit
-gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch
-nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen
-Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten,
-in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine
-besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu
-selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter
-den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht
-erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten
-Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten,
-erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen
-ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst
-auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel
-glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht
-sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen
-Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos
-von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen,
-immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer
-wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der
-Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das
-furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie
-sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer,
-charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und
-moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation
-es sein kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p>Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare
-Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von
-den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik
-ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa
-vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa
-zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen
-Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und
-dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so
-häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen
-der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten,
-und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam
-besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half
-sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.</p>
-
-<p>Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens
-der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein
-unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier
-zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als
-Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin
-behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft,
-was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu
-jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende
-Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet
-werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den
-Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne
-in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert.
-Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch
-die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum
-Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten
-strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales,
-das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen,
-u.&nbsp;s.&nbsp;w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die
-nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten.
-Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten
-wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende
-Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> mit Matratze,
-Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u.&nbsp;s.&nbsp;w. Ein
-Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung
-bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den
-Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren
-war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von
-den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer
-notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher
-auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte
-jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus
-geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen,
-die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der
-Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die
-Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach
-Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse,
-das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter
-nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen
-Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht.
-Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem
-bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen
-Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion
-gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen
-Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.</p>
-
-<p>Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer
-und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an
-mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens
-in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein
-nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich
-machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends
-am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr
-Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens
-und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre
-Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den
-ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von
-dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo,
-bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden
-Produktionsprozeß und bei der Freiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> und Selbständigkeit, wie
-sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes
-durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden
-des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von
-Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten.
-Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen,
-sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler
-Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie
-verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende,
-ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem
-Einerlei, oft an ein und derselben Stelle &mdash; dies alles zusammen macht
-unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden
-Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben
-jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß
-geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes &mdash; und
-dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus
-ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei
-muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine
-verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden
-waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten
-mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn
-ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne
-gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den
-Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der
-Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der
-längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht
-that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht
-allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr
-tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei
-Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem
-Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die
-Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter,
-starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren.
-Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an
-Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten
-<em class="gesperrt">Arbeitsordnung</em> unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am
-Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über
-eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An
-der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen,
-steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. <em class="gesperrt">Durch Annahme
-der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der
-Fabrikordnung</em>, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar
-ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des
-Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an
-der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „<em class="gesperrt">Änderungen sowie
-Zusätze zu derselben</em> werden von der Direktion <em class="gesperrt">durch Anschlag
-bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft</em>.“</p>
-
-<p>Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter
-dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist
-deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein
-maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine
-Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und
-der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört.
-Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern
-wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie
-Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen
-von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter;
-sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade
-Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende
-Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und
-folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters
-der heutigen Fabrikarbeiter.</p>
-
-<p>Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe,
-wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer
-Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch
-die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem
-Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter
-seiner energischen Persönlichkeit zurück, in<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> dessen thatkräftiger,
-militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter
-und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem
-man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand
-gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister,
-handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig,
-daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht
-hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen
-schmerzlich zum Bewußtsein kam.</p>
-
-<p>Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem
-<em class="gesperrt">Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und
-mit ihren Vorgesetzten</em> erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer
-Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen,
-in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige
-Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin
-beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge,
-und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige
-Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos,
-grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus
-der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung
-des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren,
-bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine
-Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen
-ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der
-Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten
-in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das
-einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden
-großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere
-Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.</p>
-
-<p>Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit
-selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte
-Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene
-Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung
-arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie
-ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus
-der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem
-fortwährenden<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst
-aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die
-Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem
-gegenseitigen Verkehr.</p>
-
-<p>Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen
-Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne,
-derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig
-ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern
-Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man
-sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder
-neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene
-ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere
-Neuigkeiten aus der Fabrik, z.&nbsp;B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier
-gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung
-aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus
-dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das
-letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag
-plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und
-erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem
-aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und
-mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die
-Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen
-zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche,
-politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den
-Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen.
-Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle
-genügt die eben gemachte Angabe.</p>
-
-<p>Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo
-immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche
-Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den
-achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich
-die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem
-Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte
-es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche
-von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten
-und sich, wie es im Volke<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur
-einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen,
-rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm
-dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen
-beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin
-und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden
-sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter
-längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir
-glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“
-Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig
-ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen;
-ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von
-hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich
-nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei
-schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen
-und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen
-den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern
-kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache
-niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung
-meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu
-zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und
-unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon
-verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht.
-So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt
-glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich
-ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen
-darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe
-auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.</p>
-
-<p>Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen,
-freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man
-mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten
-Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie
-traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.</p>
-
-<p>Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der
-Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen
-Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen
-begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter
-des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage
-des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische,
-scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen
-immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß
-man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein
-Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die
-fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab
-und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der
-unaufhörliche große Lärm das Hindernis.</p>
-
-<p>Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in
-den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter
-Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne
-und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb
-seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf
-über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter
-verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter,
-Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister
-mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und
-selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies
-aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die
-Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber
-häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon
-ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der
-angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft
-und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene
-Neigung in lebendige Übung bringt.</p>
-
-<p>Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf
-Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten
-der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen
-in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch
-vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> machten. Oder ein guter
-Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur
-scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst
-eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders
-zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten
-die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man
-ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg
-trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur
-Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den
-beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen
-zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich
-kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu
-stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches
-Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern
-den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf
-unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in
-die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich
-unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher
-Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich;
-und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und
-ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den
-leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller
-und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen
-Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und
-Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter,
-ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und
-ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.</p>
-
-<p>Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns
-Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich
-gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede
-zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben
-zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser
-Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere
-Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer
-Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst
-Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> wieder gehorchten,
-sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen
-ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede
-Verabredung, geboykottet; d.&nbsp;h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen
-nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn
-er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat
-und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu
-thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister
-wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er
-sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar,
-und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als
-„Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch
-bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die
-Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und
-wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der
-Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p>Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar
-nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier
-fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre
-suchen und mitbringen.</p>
-
-<p>Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.</p>
-
-<p>Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung
-von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von
-Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit
-betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der
-Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige
-oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten
-vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als
-Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren,
-erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen.
-Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren
-eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den
-allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß
-einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> dauernd
-entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.</p>
-
-<p>Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen
-Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren
-deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren
-Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten.
-Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie
-und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als
-verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein
-wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die
-Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein
-gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte
-darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges
-Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel,
-wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt;
-viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete
-selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die
-Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach
-der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird
-der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der
-vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in
-irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte.
-In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein
-polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern
-einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker
-zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und
-Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge,
-dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und
-darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur
-unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten.
-Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem
-Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen
-Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können,
-daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere
-Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist
-um seine Existenz<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte
-Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so
-groß sein als dort.</p>
-
-<p>Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem
-Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet;
-da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig
-aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen
-Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für
-ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die
-Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.</p>
-
-<p>Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister.
-Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen
-Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik
-herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und
-noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch
-ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen;
-sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während
-der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche.
-Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den
-höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie
-sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel
-in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im
-Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der
-einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten
-die Arbeiter alle und hatten &mdash; was von besonderer Bedeutung ist &mdash;
-Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des
-einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an
-und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute
-nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich
-Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von
-den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene
-Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das
-alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu
-den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch
-sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.</p>
-
-<p>Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum
-Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> angenehm
-oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der
-eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein
-und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht,
-hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte.
-Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber
-eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von
-seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein
-heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht
-und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten
-ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher
-Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu
-beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der
-vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten
-großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann,
-wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu
-behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch
-einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen
-andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh
-morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und
-da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht
-gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht
-taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute
-anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die
-jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten
-dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine
-Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten.
-Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise
-gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann,
-je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen
-manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der
-Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender,
-bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben,
-bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z.&nbsp;B. ein älterer Genosse meiner
-Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle
-seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die
-Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> ganz seinen Mann
-zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse
-Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche
-Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten
-ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen
-irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch
-diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem
-Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten
-sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit
-und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die
-sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.</p>
-
-<p>Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten
-Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich
-auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen
-die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie
-die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine
-äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch
-eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem
-andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa
-mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in
-der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich
-die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.</p>
-
-<p>Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft
-zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und
-Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich
-als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich
-und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache,
-daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur
-selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah,
-so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über
-das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor
-und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab
-besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau,
-der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln
-hatte: auch nicht den kürzesten<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Gruß zu uns brachte dieser Herr über
-die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu
-grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen
-schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger
-wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer
-Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen
-höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte.
-Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.</p>
-
-<p>Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen
-Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich
-und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen:
-einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der
-verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen
-darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller
-nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.</p>
-
-<p>Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so
-wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht
-zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer
-großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer
-Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip
-der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten
-und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen
-beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl
-aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben
-überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien
-Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute
-Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter
-und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat
-man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich
-diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen
-angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte
-Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen
-Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen
-Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr
-selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen
-Charakter an, der es bewirkte,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> daß der Arbeiter sich ohne geschriebene
-Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst
-subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und
-seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet
-ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen
-Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der
-Leute sein müssen.</p>
-
-<p>Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer
-bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und
-höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden.
-Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie
-beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit
-in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen
-mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig
-nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte
-repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die
-Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte
-Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen
-zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete
-und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen
-menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt
-wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre
-Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit
-zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer
-harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit
-zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines
-Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig
-oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut
-der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das
-gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt
-vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und
-ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr
-wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen
-Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle
-Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden
-Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen
-erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewäl<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>tigung
-sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der
-Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind
-sie &mdash; mit oder wider ihren Willen &mdash; durch den Druck einer neuen,
-bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung
-einfach zu erziehen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="s5">Viertes Kapitel</span><br />
-
-<b>Die Agitation der Sozialdemokratie</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen
-Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten
-und Dresdner Kupferschmiedemeister <em class="gesperrt">Försterling</em> in den
-Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm
-ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein
-Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877
-als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den
-Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie
-den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser
-sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn
-jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder
-ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz
-Schuldirektor ist, gewählt.</p>
-
-<p>Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der
-Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier
-„in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881
-über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische
-Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre
-Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl
-700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen
-gezählt worden sein sollen.</p>
-
-<p>Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers
-die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den
-meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> zu bemerken
-war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend.
-Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige
-irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt
-hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für
-die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren
-diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist
-nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe
-bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von
-auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat,
-schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die
-Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1&ndash;200 Mann; es waren
-die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben,
-wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte
-Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung,
-zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der
-im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien;
-die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten
-diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate,
-die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte
-ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die
-Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für
-die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und
-Vorstadtdörfern.</p>
-
-<p>Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei
-herannahender Reichstagswahl, seinen <em class="gesperrt">sozialdemokratischen
-Wahlverein</em>, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge
-und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich
-aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei
-zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags-
-und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei
-großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen
-Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die
-Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen
-für die Parteigelder und &mdash; das bedeutsamste an ihm &mdash; die Hochschule
-für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten
-Arbeiterbildungsvereine, nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nur besondre Institute, wie deren in
-Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann
-dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche
-Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers
-Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer
-von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf
-den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung
-von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der
-von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins
-sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften
-Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer
-denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins
-sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß
-<em class="gesperrt">jeder</em> redet, <em class="gesperrt">jeder</em> sich ausspricht. Und wenn das auch in
-der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht
-zu werden, <em class="gesperrt">denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen,
-damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern
-mit Erfolg antworten zu können</em>.“ Und ich muß sagen, man kam dieser
-Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht
-Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und
-Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es
-herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form,
-in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die
-ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer
-Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine
-Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen
-Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter
-uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und
-praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und
-Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte,
-deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen
-Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten
-gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug
-vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> und fast kindlichem
-Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu
-meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in
-diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe
-verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar
-darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen
-Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die
-geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem
-Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der
-Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten
-geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der
-Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der
-Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren
-die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab,
-leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur
-dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen
-Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder
-sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert
-der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden
-immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten
-sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten
-zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch
-anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem
-betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja
-zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen
-Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die
-sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der
-Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen
-Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.</p>
-
-<p>Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer
-anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit
-verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die
-Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen
-und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu
-und trank im Durchschnitt daneben<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> ein, höchstens zwei Glas Bier,
-einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige
-verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen
-der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein.
-Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche
-Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere
-Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der
-Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen
-Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung
-sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große
-agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit
-ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen
-Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie
-sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten,
-bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen
-Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er
-imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in
-sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine
-Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und
-der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei
-Versammlungen mit den politischen Gegnern.</p>
-
-<p>Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer
-derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des
-Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder &mdash; in Fällen
-der Behinderung des angekündigten Referenten &mdash; Vorlesung einiger
-Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner
-Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und
-Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit
-denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der
-Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man
-sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen
-Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen
-immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch
-nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch
-einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer
-bescheidnen Ecke des Zimmers<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> aus überwacht. Doch rührten diese sich
-nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern
-und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte
-sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich
-denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer
-gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns
-gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.</p>
-
-<p>Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den
-Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine
-Gelegenheit, dem <em class="gesperrt">Fachverein</em> unsrer Chemnitzer Metallarbeiter
-näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und
-ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu
-erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich
-zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte,
-namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das
-wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste
-beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter
-den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen
-Arbeit sei.</p>
-
-<p>Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration
-unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige
-Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie
-war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide
-Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in
-lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich
-durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der
-Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste,
-eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen
-aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch
-war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man
-kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen
-unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten
-Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten
-bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen
-allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken
-stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren
-Unterwirte sozial<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>demokratisch. In fast allen dieser Fälle war es
-offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.</p>
-
-<p>Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften,
-sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig
-und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen
-auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser
-Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren
-weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der
-allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller
-ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten
-Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich
-ein neues Zeichen dafür, welch eine <em class="gesperrt">reale</em> Macht auch die
-sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.</p>
-
-<p>In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun
-neben den <em class="gesperrt">Lokalzeitungen</em> anderer oder überhaupt keiner
-Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer
-auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor
-allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter
-aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel
-die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz
-Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich
-die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im
-kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es
-galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine
-Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man
-hielt in der Hauptsache &mdash; entweder allein oder, was noch häufiger
-war, zu zweien und dreien &mdash; eben die sozialdemokratische „Presse,“
-ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische
-Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte
-von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der
-jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen
-Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene
-„Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“
-ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon,
-häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer
-Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und
-Arbeitsstellenanzeigers<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl
-nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten,
-die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“
-Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten,
-von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu
-halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und
-genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von
-Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm
-gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens
-unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur
-Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe
-ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan
-des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur
-Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.</p>
-
-<p>Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte
-in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener,
-der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische
-Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die
-in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die
-sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques,
-Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel,
-Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann
-zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei
-Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon
-war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein
-aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten,
-auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei
-sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es
-ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl
-zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit
-nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur
-solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der
-Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige
-Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen
-wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte
-eingefleischter Bourgeois<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> sind, zum Verkauf stellen. Auch diese
-sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen
-Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute
-der heutigen Volksbildung.</p>
-
-<p>Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die
-Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten
-sozialdemokratischen <em class="gesperrt">Witzblätter</em>, die jener Kolporteur vertrieb.
-Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf
-ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt,
-die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber
-prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist
-für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie
-ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen
-sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen,
-eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer
-blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung
-alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch
-nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit
-echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von
-Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so
-harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da
-ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da
-kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen
-Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und
-geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten
-und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht,
-doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert,
-daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu
-einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der
-fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.</p>
-
-<p>Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast
-allsonntäglich stattfindenden <em class="gesperrt">Arbeiter- und Kinderfesten</em>
-entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der
-Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit
-wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> und
-Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei
-jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere
-Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat
-deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf
-die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden,
-namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer
-durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden
-kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand
-amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich
-auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist
-einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen
-der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die
-nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser
-selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung
-und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen
-Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie
-noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe
-ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen
-von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch
-besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht
-fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern
-Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge,
-als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht
-zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie
-sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen
-Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter
-Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch
-allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte
-Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr
-viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich
-hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke
-steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu
-sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite
-Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches
-sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die
-meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und
-Volksvergnügungen auch.</p>
-
-<p>Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das
-glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener
-drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf
-der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz,
-und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden
-erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der
-Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder
-sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest
-mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und
-Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos
-man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war.
-Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen
-Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ
-sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein
-süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle
-Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über
-die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den
-Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig
-lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne
-Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte
-sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei
-in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka,
-die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des
-Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen
-Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der
-Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem
-Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz
-tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch
-an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz
-zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen
-Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen
-großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren
-gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten
-Natürlichkeit zu entbehren pflegte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p>Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern
-auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in
-Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben
-wurde und folgendermaßen lautete:</p>
-
-<div class="einladung">
-
-<div class="erster_teil">
-
-<p class="center">Ergebenste Einladung</p>
-
-<p class="center">zum</p>
-
-<p class="center">grossen Sommer-Fest</p>
-
-<p class="center">des</p>
-
-<p class="center">Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter
-Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Sonntag, den 3. August 1890</em></p>
-
-<p class="center">im Kaiserhof zu Einsiedel.</p>
-
-<p class="center">Bei wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Programm.</em></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center">I. Theil.</p>
-
-<p>2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.</p>
-
-<p>3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von
-Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.</p>
-
-<p>3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.</p>
-
-</div>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center">II. Theil.</p>
-
-<p>1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle,
-genannt Achtstunden-Capelle.</p>
-
-<p>2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei
-Geschlechts.</p>
-
-<p>3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit
-Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf
-aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.</p>
-
-<p>4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.</p>
-
-<p>5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen Geschlechts.</p>
-
-<p>6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der Welt.</p>
-
-<p>7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.</p>
-
-<p>8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause gehen.</p>
-
-<p>9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber
-nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.</p>
-
-<p>10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen
-Händen zu erkennen.</p>
-
-<p>11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze
-vorhanden sind.</p>
-
-<p class="center">Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste,
-welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.</p>
-
-</div>
-
-<p>Das Konzert dauerte freilich nur von 4&ndash;5 Uhr. Währenddessen fand in
-dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> das Klettern der
-großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der
-Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer,
-Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen
-Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher,
-Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die
-bedruckten Taschentücher das farbige Bild &mdash; Kaiser Wilhelm <span class="antiqua">I.</span>
-zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz
-begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz
-schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine
-Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder
-etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach
-bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer,
-Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern,
-die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller
-begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch
-hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der
-bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für
-Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es
-nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem
-Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten
-Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit
-Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts
-bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel:
-die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein
-eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter
-Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u.&nbsp;s.&nbsp;f. Jeder, der drin
-war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen
-Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin,
-als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche
-Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene.
-Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien
-untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle
-wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe
-Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte
-man ihnen hohnlachend eine Nase.</p>
-
-<p>Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regne<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>rischem
-Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches
-Kabinett, darin ein Faß mit &mdash; Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen
-in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen
-an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und
-Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen
-runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der
-sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der
-eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten
-war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte
-das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten
-zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war
-heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit
-des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten
-Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder,
-bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen
-Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches
-gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde.
-Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch
-sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem
-Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen
-Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am
-Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik
-als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie
-sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die
-übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es
-herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten
-sozialdemokratischen Kinderfeste.</p>
-
-<p>In der <em class="gesperrt">Fabrik</em> selbst, während der Arbeit war von einer
-offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen
-Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor
-allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors.
-Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng,
-aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er
-hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über
-der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle
-Schippel!“ Er ignorierte das einfach,<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> wie das „Hoch die internationale
-Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst
-hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal;
-draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin
-nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man
-wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot
-zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war,
-gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat
-gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck;
-im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf,
-einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des
-Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt
-in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer
-Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß
-die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter
-charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z.&nbsp;B. durch
-die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im
-Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde,
-so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft
-unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen
-zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche
-Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht
-paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und
-darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine
-Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten
-Einspruch zu erheben wagte.</p>
-
-<p>Das ist, was ich an <em class="gesperrt">planmäßiger organisierter</em> Agitation
-der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich
-behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte;
-aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre
-<em class="gesperrt">Leiter und Hauptträger</em> war die nicht allzu zahlreiche Schar der
-Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der
-Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die
-Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen
-die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer
-in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine,
-die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> hervor. Sie
-allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht
-in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren
-ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen
-von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den
-öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern,
-die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in
-den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten
-auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst
-einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie
-&mdash; äußerlich wenigstens &mdash; widerspruchslos als die Führer anerkannt,
-und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher
-Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits
-erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten
-Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder
-von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser
-als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die
-Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab
-es z.&nbsp;B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer
-Agitation standen, und die &mdash; namentlich einer von ihnen &mdash; in den
-Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders
-das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der
-Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man
-wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu
-gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern
-Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige
-Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden.
-Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an,
-lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die
-sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig
-organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten
-Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher
-einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger
-gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen
-18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem
-Thatendrange überquollen.<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Sie waren die allerbrauchbarsten und
-gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge
-grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs
-schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die
-etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab
-sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte
-wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.</p>
-
-<p>Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der
-Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle
-geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im
-Gegensatz zu dieser die mehr <em class="gesperrt">freiwillige</em>, <em class="gesperrt">irreguläre</em>,
-<em class="gesperrt">zufällige</em>, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden,
-den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger
-überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß,
-den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst
-wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das
-Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt
-sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer,
-verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken,
-ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie
-aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde
-nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort,
-keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine
-äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z.&nbsp;B.
-auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders
-wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit
-der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an
-deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie
-ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung:
-nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden
-am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither-
-oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während
-der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach
-Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen
-Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo
-immer zwei oder drei Menschen bei<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> einander waren. Sie machte sich,
-und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren
-Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen,
-die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre,
-Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja
-in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten
-Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das
-ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, <em class="gesperrt">diese</em>
-Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht
-bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und
-eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des
-innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als
-eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die
-Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt,
-weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall,
-wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders
-bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht
-und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.</p>
-
-<p>Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der
-irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern
-organisierten, d.&nbsp;h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus
-verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum
-schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That
-sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu
-bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil
-da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein
-pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten
-Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen
-wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte,
-die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den
-Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten
-Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen
-einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir
-sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber
-er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte
-mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform,
-Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine
-besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu
-zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen
-Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole,
-daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen
-dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man
-ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen.
-Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche
-Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der
-Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten
-wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach
-Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu
-arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf
-ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache,
-daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des
-Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv
-als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus
-einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in
-diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen
-Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die
-Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten
-Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt &mdash; also eine
-gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den
-Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.</p>
-
-<p>Ihrem <em class="gesperrt">materiellen Inhalte</em> nach hatte es diese ganze Agitation
-nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und
-ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte
-zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen
-Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft.
-Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue
-politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht
-nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung,
-die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische
-Anwendung der Lehre von der <em class="gesperrt">natürlichen</em> Weltordnung im Gegensatz
-zur <em class="gesperrt">sittlichen, göttlichen</em> ist. Ich habe<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> dies an dieser Stelle
-nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen
-der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer
-bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und
-Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte
-kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt
-und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht,
-wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit
-dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich
-hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen
-Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims
-Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene,
-d.&nbsp;h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der
-dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch &mdash; wie
-jene &mdash; durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch
-zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht
-Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal
-nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen
-Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten
-Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher
-in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei.
-Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten
-Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich
-während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde
-da nun zu zeigen haben, <em class="gesperrt">daß die Wirkung dieser so vielseitigen
-und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger
-tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll
-für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken
-der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre
-geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen
-Charakter</em>. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle,
-organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze
-der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert
-vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter
-zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige,<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>
-unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen
-ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung,
-die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft
-selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, &mdash; wenn es
-nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu
-ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja
-vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen
-Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener
-spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es
-im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr
-oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und
-sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so
-sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer
-die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer
-das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große
-sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="s5">Fünftes Kapitel</span><br />
-
-<b>Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation
-ist die Thatsache, <em class="gesperrt">daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und
-Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit
-der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie
-mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls
-in ihr, dieser Arbeiterpartei <span class="antiqua">par excellence</span>, ihre einzige
-starke und berufene Repräsentantin erblickt</em>. Der Arbeiter, mit dem
-ich Umgang gehabt habe, ist &mdash; bewußt oder instinktiv &mdash; durchdrungen
-von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und
-der Unternehmer Interessen; er<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> ist erfüllt von dem Drange nach
-einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen
-er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem
-Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er
-hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie
-die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche
-wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er
-weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses
-Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und
-Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die
-sozialdemokratische Partei.</p>
-
-<p>Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem
-sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und &mdash; ich bin dessen ganz
-gewiß &mdash; keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen
-Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei
-lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat,
-und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals
-wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und
-Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete,
-Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule,
-Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und
-Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis
-auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich
-als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre
-Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr
-als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt
-Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist
-der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die
-Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch
-immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die
-Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter
-ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in
-ihren Leiden, Freuden und Idealen.</p>
-
-<p>Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus
-dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem
-Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> alle bis auf den
-letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und
-wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“;
-„Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles
-sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht,
-ist immer dasselbe, eben die Meinung &mdash; ganz im allgemeinen &mdash;, daß
-Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar
-scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen
-direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder
-gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400&ndash;500 Mann unsrer Fabrik
-Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch.
-Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen
-Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem
-irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen-
-oder Vergnügungsvereine angehörten. In <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne war
-allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen.
-Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber &mdash; im
-weitesten Sinne &mdash; war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner
-Arbeitsgenossen.</p>
-
-<p>Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer
-Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können.
-Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte,
-etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine;
-der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief
-angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden
-Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen
-mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte
-von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte
-er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich
-beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich
-mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten
-das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im
-Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit
-und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht
-zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren.
-Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen
-mutigen Nichtanhängern an die<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Sozialdemokratie nur die verschwindende
-Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich
-zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.</p>
-
-<p>Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter,
-über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter
-Sozialdemokrat gewesen wäre. <em class="gesperrt">Das gilt vielmehr von kaum drei,
-allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar
-jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und
-Schülern.</em> Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften
-der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein
-kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine
-Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele.
-In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden
-Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die
-Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und
-zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe,
-mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet,
-bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch
-in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms
-Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen
-imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und
-Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte,
-manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt,
-aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von
-der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen
-persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe
-und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der
-Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und
-Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man
-hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen
-Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und
-klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier
-waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten,
-verworrensten<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und
-Färbungen vertreten.</em> Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen,
-die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die
-persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und
-erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern
-nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten,
-nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig
-noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung,
-persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur
-sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen
-Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei
-weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen.
-Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten
-auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre,
-erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr
-von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen
-Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten
-Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen
-Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer
-Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den
-klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem
-nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser
-Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und
-je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner
-größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres
-oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres,
-vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von
-politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit
-der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal-
-und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine
-Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer,
-freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in
-roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren
-bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör
-gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder
-dieser Leute eine besondre, von dem<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> andern verschiedene Stellung zum
-sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste,
-ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und
-wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von
-ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften,
-brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen
-wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es
-ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende
-Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie
-zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie
-natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können
-und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene
-Züge davon hier wiederzugeben.</p>
-
-<p>In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst
-einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten
-radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms.
-Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur
-konsequent Opposition machte. <em class="gesperrt">Aber bei der Mehrzahl dieser
-Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern,
-nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter
-ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch
-der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär.</em> Es
-waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres
-Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu
-hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der
-Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und
-so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit
-diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon
-überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen
-niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut
-gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon
-älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der
-Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft
-haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert
-und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls
-sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir
-einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie
-ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich
-mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet
-bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. <em class="gesperrt">Doch
-mache ich mir meine Gedanken für mich.</em> Ich bin auch nicht für rote
-Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts
-alles nicht. <em class="gesperrt">Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen
-gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein.</em> Das fällt
-uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in
-der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen
-heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich
-nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht,
-auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre
-Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in
-der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit
-auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden
-zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung
-aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war
-über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und
-Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die
-Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische
-Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren
-freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann
-genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der
-Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl
-oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht
-noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet,
-dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel
-nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie
-im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner
-mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den
-Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie
-es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungs<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>äußerungen
-nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder
-falsch sind &mdash; bei der eben angeführten z.&nbsp;B. müßte man doch das
-letztere behaupten &mdash;, sondern darauf, zu beweisen, daß <em class="gesperrt">geistig
-begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im
-allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen,
-doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den
-Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit
-ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis
-haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen
-Gesellschaftsordnung</em>.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter
-am stärksten die augenblicklichen</em> und &mdash; für Höherangelegte und
-Weiterausschauende &mdash; auch die ferner und prinzipieller liegenden
-Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn,
-an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und
-Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der
-vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend
-eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig,
-aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man
-übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig
-verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich.
-Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel
-weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her,
-oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden
-Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte
-hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für
-andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer
-politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe
-schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache,
-die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung
-und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder
-der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das
-meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung
-des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche
-Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen
-Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen
-Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche
-Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß,
-widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit
-sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also
-gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel
-Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt
-waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher,
-Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt,
-gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen
-mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die
-zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben
-Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar
-nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer
-Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere
-Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen
-steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man
-in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine
-gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an
-einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz
-großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten
-Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren
-freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich
-persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber
-&mdash; ich vermute, es ist anderwärts auch so &mdash; gerade diese Wünsche
-ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben
-Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine
-blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse.
-Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe &mdash; worauf für sie
-doch so viel anzukommen pflegt &mdash; und ermöglichte ihnen, einen viel
-größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm
-heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich
-die Gedanken über Fragen <em class="gesperrt">unsers</em> Betriebes über diese hinaus bis
-zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> sie allerdings
-die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann
-jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen
-Beobachtung nicht entgingen, z.&nbsp;B. daß der ganze ihnen sichtbare
-Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in
-der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen
-sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit
-ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter
-die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des
-kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der
-gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast
-vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso
-leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben <em class="gesperrt">ihre</em>
-Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt
-sei, daß eben <em class="gesperrt">sie</em> die Maschinen bauten, sie die eigentlichen
-Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik
-repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und
-Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne
-spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich
-kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis
-ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene
-erbärmliche, vaterlandslose, <em class="gesperrt">politische</em> Gesinnung der Führer
-und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten
-Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles
-wahrhaft Patriotischen und <em class="gesperrt">patriotisch Notwendigen</em> verführt.</p>
-
-<p>Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser
-letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser
-Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter
-ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster
-Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z.&nbsp;B. dem deutschen Vaterlande,
-dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche
-Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich
-auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der
-Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen,
-so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser
-und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Bismarck
-ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu
-können, für die ich die Bürgschaft übernehme.</p>
-
-<p>Über das <em class="gesperrt">Militär</em> habe ich mich nach meinen Notizen wohl
-fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder
-absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten
-Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa
-gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden.
-Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen
-Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede
-Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner
-Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der
-Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den
-Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten,
-erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer
-Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst,
-dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von
-Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison
-inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in
-besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende
-Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders
-empfängliches Auge zu haben.</p>
-
-<p>Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück.
-Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf
-kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung
-von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den
-Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher
-war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt
-Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern
-hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen
-strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als
-Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa
-einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein
-älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne,
-oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und
-die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern.
-Dann gabs<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im
-Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter.
-Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger
-Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer
-Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder
-Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher
-nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an
-und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an
-die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder
-weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll
-und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein
-ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das
-schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles
-sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen
-sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten.
-Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er
-hatte dafür &mdash; ich sprach mehrmals mit ihm &mdash; nichts andres als nur
-Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich
-etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn
-Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit
-etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch
-auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer
-Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher
-Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als
-Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den
-Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden
-bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals
-als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich
-ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von
-seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das
-ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und
-unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten
-Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal
-bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel
-derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie
-zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck:<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> „Wir sind mit Leib und Seele
-Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte
-ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch
-einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft
-redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht
-Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben
-lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und
-der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich
-mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im
-Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich
-&mdash; einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie
-allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser
-kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr
-zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere
-beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben &mdash; nach dem
-ganzen Eindruck, den ich davon hatte &mdash; mehr nur diesen Personen und
-einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.</p>
-
-<p>Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische
-Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst
-nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das
-natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte
-das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und
-erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung
-der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der
-gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee
-ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir
-Arbeiter allesamt hungern müssen.</p>
-
-<p>Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern
-Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war
-das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten
-von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die
-Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat
-die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie
-zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in
-England, Spanien u.&nbsp;s.&nbsp;w.“</p>
-
-<p>Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> einmal beim
-Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit
-einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern
-einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann
-der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte
-den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu
-schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst
-problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war
-eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine
-andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer
-nur freundliche Gesinnungen.</p>
-
-<p>Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei
-denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich
-habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger
-und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem
-Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit
-und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten
-aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger,
-ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden
-Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und
-Schützen in Meißen beigewohnt &mdash; aber an die Ausführung dieses Wunsches
-war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde
-&mdash; und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte
-ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir
-die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und
-manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die
-vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen
-Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis
-für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch
-trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter
-der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das
-deutsche Volksheer hegte.</p>
-
-<p>Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den
-idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht
-wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> dem Könige im
-Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes
-an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das
-frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen,
-lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder
-nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache,
-daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste
-und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens
-ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man
-sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse
-und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern
-und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die
-Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal
-gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem
-Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem
-Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen
-Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern
-fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen
-für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden
-wollen.</p>
-
-<p>Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen
-Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten
-und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob
-Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und
-es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter
-den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber
-standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen
-ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine
-offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen
-verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein
-und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt
-niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht
-doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst
-nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und
-vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat,
-hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen,
-daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> Vereinen und auch
-die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“
-Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den
-Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings
-zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies
-bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die
-Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das
-königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum
-größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen
-beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde
-Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den
-zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir
-sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die
-Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine,
-vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in
-ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer
-Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber
-da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie
-ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen
-zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort
-besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es
-zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede
-Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei
-andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache
-die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der
-politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den
-ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng
-reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation
-und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der
-Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten
-mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und
-Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte
-Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß
-diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen
-vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge
-im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Frage
-zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht
-erkennen.</p>
-
-<p>Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens &mdash; ich darf dies
-an dieser Stelle gleich mit erwähnen &mdash; der Turnverein unsers Vorortes.
-Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser,
-Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber
-gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten
-aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl
-fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und
-ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder
-nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft
-zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem
-die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich
-und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander
-hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen
-Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und
-hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in
-einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben
-Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle
-ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That
-„reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine
-geworden sind.</p>
-
-<p>Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über
-die Gesinnung dieser Leute gegen den <em class="gesperrt">deutschen Kaiser</em> und den
-<em class="gesperrt">König von Sachsen</em> gemacht habe. Zwar war es hier natürlich
-besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann
-hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht
-traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie
-zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig
-verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse
-dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder
-seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch
-daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre,
-die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten
-auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen
-Zuneigung<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit
-noch hin und her schwankten. <em class="gesperrt">Aber für die große Mehrzahl eben der
-Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische,
-volkstümliche Gestalt.</em> Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne
-Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn
-mit anhörte und ihnen zustimmte &mdash; das wäre in diesem Falle noch kein
-Beweis für meine Behauptung &mdash;, sondern ich habe auch selbst aus dem
-Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser
-ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute
-also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese
-Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten
-Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und
-zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch,
-seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs
-Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde
-alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein
-schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück
-wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle
-andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem
-glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im
-Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen
-für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem
-regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt.
-Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem
-Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten,
-meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien
-verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der
-sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle
-ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik
-über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie
-Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener
-Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein
-neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde,
-stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz
-entschieden die Arbeiter gegen die<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Anklage der Reichsfeindlichkeit:
-„Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre
-falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem
-ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen
-durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre
-in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte,
-sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich
-bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König.
-Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge
-ich durchs Feuer. <em class="gesperrt">Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt
-(genug).</em>“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half
-wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters
-her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige
-reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit
-man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich
-die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie,
-der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat.
-Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische
-Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern
-Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und
-Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos
-geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür
-ist &mdash; nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache &mdash; doch
-in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“
-vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen
-redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte
-Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er
-nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der
-entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist.
-Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen
-Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des
-Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch
-den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte
-Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm
-ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, <em class="gesperrt">daß der
-weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an
-keine gewaltsame blutige Revolution dachte</em>. Ich habe auch für
-diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als
-Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen
-meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen.
-An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers
-Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und
-seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein
-sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich
-Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere:
-„Wir Arbeiter <em class="gesperrt">wollen</em> keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet
-dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon
-so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein
-paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner
-Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre
-zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand
-daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen,
-glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden
-schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte
-eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten.
-„Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in
-Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn
-man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener,
-selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst
-die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken
-zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“
-Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller
-Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir
-Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den
-Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung
-der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender
-Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern
-vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage
-unsers<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen
-Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren
-sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und
-Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns
-schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er
-maust sich, was er braucht.“</p>
-
-<p>Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse,
-die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten
-stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende
-Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich
-zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und
-Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er
-genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder
-von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, <em class="gesperrt">ohne Kampf</em> eine
-Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt,
-zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen
-ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine
-Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld
-seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache
-durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen
-Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige,
-aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien
-in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste
-soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der
-Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die <em class="gesperrt">Gefahr</em> einer Revolution
-keinen Augenblick. <em class="gesperrt">Sie liegt aber nicht in der Absicht, in
-den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der
-Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder
-Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem
-in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch
-die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten
-wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der
-sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.</em>
-Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch
-immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein
-sozialistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große
-Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen
-Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern
-und Breitern zu reden haben.</p>
-
-<p>Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun
-auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant,
-daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von
-der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut
-keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil
-davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der
-Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit
-dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen.
-Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends
-Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie
-zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah
-immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die
-unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es
-gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst
-die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu
-leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war
-jedenfalls nicht das geringste zu spüren.</p>
-
-<p>Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich
-zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter
-der <em class="gesperrt">gesamten</em> Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis
-zum harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck
-hat Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender
-gehaßt da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn
-herrschte <em class="gesperrt">eine</em> Ansicht, <em class="gesperrt">eine</em> Stimme: „Bismarck ist
-der größte Arbeiterfeind“ und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind
-wörtliche Zitate, die ich mehr als einmal gehört habe. Einmal standen
-wir etwa ein halbes Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen
-Wand, in die ich mit der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da
-schrieb einer ganz plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen
-Buchstaben an die Wand und gab uns auf zu raten, was das bedeute.
-Er löste uns das Rätsel dann selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder
-Buchstabe des Bismarckschen Namens,<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> je von vorn und hinten gelesen,
-war der Anfangsbuchstabe eines Wortes in diesen zwei Sätzen. Der
-eine hieß: „<b>B</b>ismarck <b>I</b>st <b>S</b>einer <b>M</b>ajestät
-<b>A</b>llmächtigster <b>R</b>eichs-<b>K</b>anzler“ und der andre:
-„<b>K</b>ein <b>R</b>eich <b>a</b>rbeitet <b>m</b>it <b>s</b>o
-<b>i</b>ntelligenten <b>B</b>eamten.“ „Ja,“ sagte ein andrer darauf,
-„Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. „Bismarck hat die
-meisten Steuern <em class="gesperrt">gebildet</em>,“ war die Antwort. In beiden Fällen
-wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder mit einem
-andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns lag. Der
-Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder <em class="gesperrt">vor</em>
-noch <em class="gesperrt">nach</em> dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und
-doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von
-seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist
-Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist
-er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und
-Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender
-war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern
-mit anhörte.</p>
-
-<div class="mtop2 mbot2">
-
-<p>A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“</p>
-
-<p>B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht
-neue Attentate an, wie 1878.““</p>
-
-<p>A: „Wieso denn?“</p>
-
-<p>B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren
-Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher.
-Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz
-erlassen zu können.““</p>
-
-<p>Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“</p>
-
-<p>B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober
-endlich aufgehoben wird.““</p>
-
-</div>
-
-<p>So thöricht auch dies ganze Gespräch ist &mdash; es ist der höchste Grad
-von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch
-nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert
-erscheint. &mdash;</p>
-
-<p>Aus der breiten Masse der bisher geschilderten
-Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch
-eine besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten
-manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es
-waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten
-und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den
-weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen
-Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn
-auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die
-aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei
-nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren,
-sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr
-Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in
-den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien
-Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer
-lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit
-der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen
-Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der
-sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie
-sie thaten, waren sie &mdash; mochten sie noch so sehr sozialdemokratische
-Gesinnung dabei durchdrücken wollen &mdash; doch gezwungen, mit realen
-Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen
-Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den
-problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und
-erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte
-Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und
-sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu
-den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher
-ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen
-Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr
-vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche
-Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht.</p>
-
-<p>Diese Erfahrung, die ich da eben ausführte, und für die ich auch
-besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der
-sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen
-könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise
-z.&nbsp;B. einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins.
-Hier trug an diesem Abend der da<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>malige, jetzt auch abgedrückte
-Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube
-eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene
-Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur
-Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus
-sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß
-das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es
-jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und
-die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht
-abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene
-annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses
-Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal
-mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz
-allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer
-mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll
-wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen
-verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht
-wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über
-die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man
-empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches
-die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man
-irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung
-immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang
-einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung
-herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden
-Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich
-des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und
-seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die,
-des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer
-in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz
-sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene
-Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre
-Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die
-sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es
-stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer
-Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> angemeldet
-waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine
-Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung
-kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und &mdash;
-Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für
-die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum
-bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z.&nbsp;B. die Notwendigkeit
-einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages
-am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten
-Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener,
-mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den
-Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze
-Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren
-geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag
-an derselben Stelle bekannt gemacht.</p>
-
-<p>Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam
-nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen
-Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar &mdash; ich wiederhole das
-nachdrücklich &mdash; fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in
-den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die
-Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch
-auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich
-schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und
-seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern
-der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen
-andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders
-deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in
-einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den
-offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter
-schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern
-befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos
-zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen
-nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr
-lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller
-Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch,
-daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise
-mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> es möglich und nötig gewesen
-sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung
-und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten.
-Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns
-zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann
-haben sie meist Einsicht und gehen <em class="gesperrt">mit</em> uns, <em class="gesperrt">gegen</em> ihre
-eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und,
-wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es
-ist vorgekommen, daß <em class="gesperrt">wir</em> gegen Zubilligung von Schadenersatz bei
-Unfällen, die Arbeitgeber <em class="gesperrt">für</em> einen solchen gestimmt haben. Aber
-freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und
-billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen
-auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit
-ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden.
-Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer
-mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische
-Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die
-offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die
-Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn
-wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten
-mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch
-gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung
-geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders
-stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an
-der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden
-auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann.
-Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies,
-daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein
-wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern
-zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische
-Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern
-Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem
-diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der
-zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der
-Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse
-eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> jene andern in den
-offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk
-von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten
-zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten &mdash; in meinen
-Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt
-in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit,
-die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer
-Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier
-traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen
-Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren
-Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger
-gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das
-glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That,
-namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen
-Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur
-in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit,
-schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an
-dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu
-Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben
-Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so
-Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der
-neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden
-Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen,
-die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen
-zu belegen nicht imstande wäre.</p>
-
-<p>Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher
-zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte,
-nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. <em class="gesperrt">Sie
-umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und
-soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich
-bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr
-als solche fühlen und wissen.</em> Sie sehn nur sehr selten einmal
-in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine
-sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische
-Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische
-Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> und genußsüchtig, oder
-zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch &mdash; die
-bedauernswertesten &mdash; dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit
-zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst
-nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer
-Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung,
-nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit
-ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders,
-womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier,
-die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der
-ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille,
-gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand
-den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der
-wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es
-sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche
-Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch
-unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen
-dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. <em class="gesperrt">Denn nach allen meinen
-Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare
-und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die
-vermuteten üblichen sozialdemokratischen.</em> Das hatte, wenigstens in
-der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund
-in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten
-Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und
-Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als
-möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die
-besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben
-sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch
-Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen
-Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat,
-durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die &mdash; nach meinen Beobachtungen
-&mdash; <em class="gesperrt">nicht zahlreichen</em> jungen unverheirateten Leute aber, die
-sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die
-politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch
-mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> und sind, wie schon
-gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte.</p>
-
-<p>Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf
-und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: <em class="gesperrt">die
-stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil</em>. Sie pfiffen &mdash;
-wie es gar nicht anders zu erwarten war &mdash;, auch wenn man es ihnen
-noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle
-Sozialdemokratie, <em class="gesperrt">wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten</em>.
-Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der
-sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung.</p>
-
-<p>Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen
-Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst
-der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen
-Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue
-vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos
-und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern
-Kampfe zugestanden. Aber so und so &mdash; in all den kleinen Fragen des
-täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik
-auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich
-diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der
-Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen
-der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die
-Entscheidung und den Ausschlag, sondern &mdash; zum Jammer der führenden
-sozialdemokratischen Heißsporne &mdash; <em class="gesperrt">die von jedem selbsterprobte
-praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung,
-die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an
-Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter
-ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche
-Interesse</em>.</p>
-
-<p>Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage,
-bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung
-in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so
-interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über
-die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der
-Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier aus<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>führlich
-darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf
-unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in
-diesem Falle <span class="antiqua">bona fide</span>, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen
-und Willen gehandelt haben können.</p>
-
-<p>Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich
-ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt:</p>
-
-<p>„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u.&nbsp;s.&nbsp;w. auch
-die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir
-eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen.</p>
-
-<p>Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr
-überschritten haben.</p>
-
-<p>Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und
-mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt
-sein.</p>
-
-<p>Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen
-der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens
-bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die
-meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das
-Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.</p>
-
-<p>Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese
-Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor,
-und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere
-Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben.</p>
-
-<p>Bei der Stimmenauszählung haben sich</p>
-
-<p class="mleft3">Dreher H. und Schmied N.</p>
-
-<p class="p0">zu beteiligen.“</p>
-
-<p>Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck,
-bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter
-kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die
-einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist
-jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige
-und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. <em class="gesperrt">Die Wahl ist eine
-offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte
-ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen.</em> An seine Stelle tritt
-der mit der nächst höchsten Stimmenzahl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p>
-
-<p>Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft
-und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich,
-so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage
-herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn
-still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig,
-wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls
-nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art
-teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn
-ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit
-dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem
-ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem
-Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer
-Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung
-über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie
-hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind.
-Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die
-Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich
-sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache
-um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts.
-Nach ein paar Tagen aber war man &mdash; so war wenigstens die allgemein
-sich äußernde öffentliche Meinung &mdash; darüber einig, daß die ganze
-Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein
-schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese
-schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung
-jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar
-denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte
-man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten.
-Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme
-und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck,
-denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei
-wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber
-solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der
-fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre,
-und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt
-haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> der
-Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus
-ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft
-wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der
-Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen
-für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage
-der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes
-wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte
-man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht
-um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von
-Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem
-Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen,
-wieder einmal die Dummen.</p>
-
-<p>Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn
-ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an
-dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt
-Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen
-hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer
-Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer
-Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und
-forderte <em class="gesperrt">alle</em> Arbeiter energisch zur Wahl auf. <em class="gesperrt">Das wirkte.
-Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die
-durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten.</em> Ihre Namen
-wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für
-konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die
-diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik
-war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser
-Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach
-fragte &mdash; niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf
-sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die
-Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes.</p>
-
-<p>Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie
-betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik,
-einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher
-gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein
-verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann
-arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> auffällig
-eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man
-den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den
-allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar
-für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das
-sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß,
-den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was
-zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch
-in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft:
-Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel
-versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine
-und klare sozialdemokratische Gesinnung.</p>
-
-<p>So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit,
-daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie
-bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter
-ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der
-trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter
-noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft,
-die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf <em class="gesperrt">diese</em> Agitation
-verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge
-erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der
-Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen
-Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in
-Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte
-ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische
-Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und
-tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern
-Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat
-sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese
-sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten
-als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben
-und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die
-Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn,
-vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir
-in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen
-zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch
-auch Thatsache, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> sie sich andern politischen Parteien und sozialen
-Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht,
-bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und
-selbstverständlich als <em class="gesperrt">eine</em> große Masse entgegenstellen.</p>
-
-<p>Nach alledem darf man sich die Arbeiterschaft, unter der ich lebte, in
-Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine
-uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern
-vielmehr &mdash; in einem Bilde &mdash; <em class="gesperrt">als einen gewaltigen pyramidalen Bau,
-zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest
-und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben
-vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und
-der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern
-Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur
-deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus
-nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem
-Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="s5">Sechstes Kapitel</span><br />
-
-<b>Bildung und Christentum</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei
-Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern,
-Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen
-Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen;
-aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz
-selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit
-bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber
-Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik
-gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker-
-und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen
-Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein ge<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>kommen
-waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen
-zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner
-auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten
-Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg
-gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem
-Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen
-Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt;
-die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter
-verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der
-Maschinenarbeit und auch &mdash; freilich zu einem geringen Teile &mdash; der
-gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute.</p>
-
-<p>Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen
-auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die
-Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das
-Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei
-sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden
-sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander
-getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark
-aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter
-dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen
-neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah
-bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger
-sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie
-die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete
-immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache
-Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen
-Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem
-frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie
-eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu
-bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie
-hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den
-Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale
-und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten,
-Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne
-technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik
-blieben, doch<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der
-eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden.</p>
-
-<p>Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit
-nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen
-Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der
-<em class="gesperrt">geistigen Bildung</em> deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist
-freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig
-würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran
-Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die
-Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals
-ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus
-sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der
-einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für
-die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art
-von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede
-dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier
-des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß
-genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen
-meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei
-Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei
-Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit
-der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht,
-deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft
-und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der
-Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern
-deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen
-geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine
-eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine
-jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter
-verkörpert war.</p>
-
-<p>Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an
-meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte
-sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und
-konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen,
-biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der
-Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> qualitativ
-und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber
-nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen
-Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger
-in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die
-Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art
-seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und
-gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier
-wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und
-Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen,
-besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der
-Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende
-Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile
-Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch
-ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie
-und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der
-religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die
-gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der
-<em class="gesperrt">Gemeinde</em> herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt
-ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe
-immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und
-Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt
-sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben.
-Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt
-und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf
-in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist,
-auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung,
-so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab
-und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat
-seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische
-Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue
-Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und
-endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch
-und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist
-die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine
-Anregungen holt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis,
-den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich
-aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine
-Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen
-Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen
-Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er
-allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den
-Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen
-Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar
-verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des
-Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums
-bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und
-sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes,
-undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein
-dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den
-Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim
-und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach
-wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige
-maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das
-gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt,
-so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen
-bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche
-Gemeindeleben geregelt.</p>
-
-<p>Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so
-fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren
-Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch
-die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie
-stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der
-Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“
-sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem
-andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über
-dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende
-Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann,
-sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des
-Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz
-besonders gewöhnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für
-die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war.</p>
-
-<p>Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten
-gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den
-Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß
-heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht
-als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und
-Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert
-sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt
-zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend
-Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche
-Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende
-Lebenskraft; Jesus Christus &mdash; nach dem Vorgang des Dogmas &mdash; mehr ein
-metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit.
-Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch
-der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des
-Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für
-die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den
-mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute
-&mdash; nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen &mdash; nicht. Vielmehr
-ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche
-Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos
-verwischt ist.</p>
-
-<p>Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den
-Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche
-Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige
-Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der
-Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder
-weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre
-Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten
-Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren
-intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann
-fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte.</p>
-
-<p>Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus
-meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> eben
-erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht
-hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger,
-der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen.
-Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort
-vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes,
-geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht
-den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen,
-wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie,
-z.&nbsp;B. der Geographie, Naturgeschichte u.&nbsp;s.&nbsp;w., und jedenfalls die
-praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu
-geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar
-ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange
-nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der
-in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der
-neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem
-Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas.
-Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede
-Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde.</p>
-
-<p>Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer
-Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil
-des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern
-Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist
-auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht.
-Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken
-längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen
-Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und
-Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse
-ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und
-sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi &mdash; und all das
-immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen
-Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen
-Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der
-Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man
-in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer
-Notwendigkeit allgemeingiltige<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Autorität eliminiert und die modernen
-Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in
-eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten.
-So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der
-andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird
-andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit
-Peinlichkeit isoliert.</p>
-
-<p>Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum
-Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen
-noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der
-rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten
-vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt,
-in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei
-uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale
-Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen
-Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser
-große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar,
-und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis
-durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine
-so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur
-Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer
-als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird,
-mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen
-Christentums zu bezahlen pflegt.</p>
-
-<p>Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die
-Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer
-Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich
-hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach
-Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf
-etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten
-achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit
-der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch
-hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe
-überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen
-Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff.</p>
-
-<p>Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel
-schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> dieser
-Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende,
-verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte
-zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen
-lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden
-Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste
-Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter
-von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden
-früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer
-Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann
-häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz
-aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der
-das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt,
-ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des
-Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten.</p>
-
-<p>Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen
-und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren
-Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in
-der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr
-eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die
-Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis
-und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die
-frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht,
-die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine
-Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit
-der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit
-sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar
-gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten
-und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten
-Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und
-gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und
-bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang
-und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie
-hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken
-heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge
-rings umher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p>
-
-<p>Dieser Bildungstrieb nun sitzt tief als eine elementare Macht in vielen
-Köpfen und Herzen dieser dritten Gruppe von Arbeitern unsrer Fabrik. Er
-trat täglich und überall dem Beobachter entgegen und kam in immer neuen
-kleinen Einzelzügen, in Worten und Wünschen, in Fragen und Seufzern zu
-bald klarerem, bald unklarerem, bald ernsthaftem und schmerzlichem,
-bald komischem und heiterm Ausdruck; in besonders kraftvollen
-Naturen äußerte er sich geradezu als eine Art von Bildungshunger,
-der urteilslos und unterschiedslos verschlingt, wessen er habhaft
-werden kann; aber seinen unmittelbarsten und grandiosesten Ausdruck
-erhält er doch in der internationalen Bewegung für den Achtstundentag.
-Das ist nicht nur eine bloße Manifestation der Faulheit und der
-Genußsucht, des Übermuts und der Oppositionslust, auch nicht nur der
-sozialdemokratischen Gesinnung und wirtschaftlicher Forderungen,
-sondern nach meiner Beobachtung und Überzeugung zugleich ein Beweis der
-Sehnsucht des Fabrikvolkes nach mehr Licht, Wahrheit und Wissen. Man
-will Zeit gewinnen, um auch dem geistigen Menschen die Pflege zu teil
-werden zu lassen, auf die er selbst in einem schlichten Fabrikarbeiter
-Recht und Anspruch hat. Das ist aber heute, ich habe das an mir selbst
-zur Genüge erprobt, der Mehrzahl noch durchaus nicht möglich, die von
-früh sechs Uhr bis abends sechs Uhr und länger an ihre Plätze in der
-tosenden dunstigen Fabrik gefesselt ist, die außerdem oft einen langen,
-nicht selten einstündigen Weg zur und von der Fabrik hat und des Abends
-schmutzig, hungrig und müde heimkommt. Unter diesem Gesichtspunkte,
-und jene Achtstundenbewegung ernsthaft so verstanden, wie sie ein Teil
-des Volkes nicht minder ernsthaft thatsächlich versteht, nämlich als
-den einzig gangbaren Weg zu einer wirklich ausreichenden Befriedigung
-dieses Bildungsinteresses, scheue ich mich nicht, sie nicht nur
-vorurteilslos zu würdigen und anzuerkennen, sondern auch für ihre
-allmähliche, schrittweise Erfüllung einzutreten, unbeeinflußt und
-unbeirrt auch davon, daß sie von rüden Elementen als Anlaß zu ebenso
-unsittlichen als nutzlosen und dummejungenhaften Demonstrationen
-benutzt wird.</p>
-
-<p>Aber freilich, so stark die Sehnsucht nach Bildung in den Köpfen
-steckt, so viele sind der Hemmnisse, die sich ihrer Befriedigung in
-den Weg stellen. Das eine hauptsächliche, die allzulange<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> Arbeitszeit,
-verbunden mit weiten Fabrikwegen, nannte ich schon; weitere wichtige
-sind die kleinen engen Wohnungen mit den vielen Personen in dem
-einen Zimmer, dann die Sorgen hier, die Gelegenheiten zum Genuß und
-Vergnügen da. Das alles macht, daß bei vielen weniger willensstarken
-und idealgerichteten Naturen dieser Drang nach Bildung immer nur
-Wunsch und Drang bleibt und selten über gute Absichten und Ansätze
-hinauskommt; das bewirkt vor allem auch, daß der größte Teil der Jugend
-dieses Bildungsinteresses im Grunde entbehrte. Auch die ehemaligen
-Landarbeiter, sahen wir, besaßen es selten aus eigner unmittelbarer
-Initiative, und die Angehörigen aus bessern Kreisen nur mehr als
-Streben nach Fachbildung. Die Strebemutigen, die Lernbegierigen, die
-Vorwärtsringenden waren zumeist Männer der ausgehenden zwanziger und
-der dreißiger Jahre aus der letzten, dritten sozialen Schicht.</p>
-
-<p>Die drei Arten von Bildung, die ich bisher schilderte, machen nun in
-der Fabrik eine völlige Wandlung durch. Sie werden unter dem Einflusse
-der Sozialdemokratie unaufhörlich zerstört und gehen in einer neuen,
-der <em class="gesperrt">sozialdemokratischen Bildung</em> unter.</p>
-
-<p>Denn die Sozialdemokratie hat sich auch dieser Volksbildungsfrage
-bemächtigt. Sie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand
-belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran gemacht, ihn durch
-systematische Arbeit im großen zu befriedigen. So hat sie allmählich
-eine Volkslitteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge
-der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem Gehalte,
-wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher und
-leichtfertiger zwar als die bisherigen religiösen und vaterländischen,
-aber nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie
-keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie
-hat mit kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisiert. Sie hat
-sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockne Zahlen, langwierige,
-nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch
-lange nicht verstehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das
-Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme,
-die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will
-dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher
-wunschlos aufgeschaut hat; es<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> will mit ihnen selbständig, souverän
-sein auch im Reiche der Gedanken.</p>
-
-<p>Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei gehandelt,
-als sie diese neue Volkslitteratur schuf. Sie mißbrauchte das
-Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht
-die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein
-Erzeugnis agitatorischer Berechnung war. Sie fälschte und strich von
-der neuen Wahrheit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe
-der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den
-Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes
-Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren
-bisherigen natürlichen Verbindungen mit der übrigen Gesellschaft
-herauszulösen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser, „der
-gesamten übrigen, reaktionären Masse“ zu setzen, und ihnen nicht nur
-die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei beizubringen,
-sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz besondern,
-eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so
-giebt es in der That kein beßres Mittel, dies zu erreichen, als eine
-klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volkslitteratur. Diese
-vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung
-zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und
-für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Und da diese alte
-Bildung, wie wir wissen, völlig eingetaucht ist in den Geist des
-Christentums, wurzelt in dem Boden der Bibel, getränkt ist mit der
-Lebens- und Weltanschauung, die diese atmen, in ihr ihren letzten
-Halt, ihren Kern, ihre zusammenfassende, verbindende, stützende Kraft
-hat, mit einem Wort, da diese christliche Weltanschauung im Grunde die
-überlieferte Bildung und Gesinnung selbst ist, und da man wohl sah,
-daß alles gewonnen war, wenn sie fiel, so schnitt man die ganze neue
-Volkslitteratur, die man schuf, auf den Kampf mit dieser christlichen
-Weltanschauung zu, wählte man aus den Resultaten der modernen
-Wissenschaft aus, was zu ihr im Gegensatze stand oder doch bequem in
-Gegensatz dazu gebracht werden konnte. Der Lehre und dem Glauben von
-einer göttlichen Weltordnung, die die Bildung der Leute bisher bestimmt
-hatte, setzte man so in dieser neuen Litteratur in hundert großen
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> kleinen, guten und schlechten Abhandlungen aus der Religions-
-wie Naturkunde, aus der Geschichte und Philosophie, aus der Kunst und
-Litteratur die Lehre und den Glauben einer bloß natürlichen Weltordnung
-entgegen. Man verarbeitete die Werke eines Darwin, eines Häckel, eines
-Büchner; man schlachtete Spinoza und Feuerbach, Schopenhauer und
-Hartmann aus; die neuen Forschungen der Astronomie und Geologie, diese
-objektiver als andres, wurden verwertet, Strauß und Renan, Bruno Bauer
-und moderne katholisch-französische Encyklopädisten wurden benutzt; und
-endlich fälschte man &mdash; im Zeitalter der Blüte der Geschichtsforschung!
-&mdash; die ganze Weltgeschichte und verkündete sie dem armen Volke
-ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der materialistischen
-Philosophie, der ökonomischen Entwicklungen. <em class="gesperrt">So entstand die jüngste
-Volkslitteratur, ein einziger, in seiner Art kühner und großartiger
-Versuch, in Verbindung mit der Verbreitung der neuen radikalen
-ökonomischen und politischen Lehren der Partei die ganze alte Bildung
-und Kultur, Christentum und Bibel aus Herz und Köpfen der Massen und
-aus der ganzen Welt hinauszufegen.</em> In ihr findet sich kein Platz
-mehr für den Glauben an einen lebendigen, persönlichen Gott, der unser
-Vater ist, und an ein unsterbliches Leben. Sie erzählt nichts von
-Sünde und Schuld, von Gnade, Erlösung und Heiligung; an die Stelle
-des ewigen, heiligen Sittengesetzes stellt sie das kalte, starre
-Naturgesetz, an Stelle der Liebe das Solidaritätsgefühl, an Stelle des
-Ideals der Sittlichkeit die Macht der bloßen Sitte, die da wechselt mit
-den ökonomischen Verhältnissen des Volkes.</p>
-
-<p>Und mit Gier stürzte sich nun die Schar der Bildungshungrigen da unten
-auf die neue Speise, die man ihnen bot. Das war ja, wie sie wähnten,
-das, was sie so lange gesucht und ersehnt, worum sie die „hohen Herrn“
-oben so lange und so bitter beneidet hatten, die Wahrheit, das Wissen,
-die Bildung. Diese wollten sie wenigstens haben, da sie heute noch
-ihr Geld, ihr Wohlsein, ihren Besitz nicht haben konnten; wenigstens
-geistig wollten sie ihnen ebenbürtig, nein, ihnen über sein. Und dann
-hatten sie ja auch die Verheißung der sozialdemokratischen Führer:
-daß unter dem Zeichen dieser neuen Wahrheit und Wissenschaft die Welt
-eine andre werden, unter ihrem Leuchten der neue, herrliche, der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-sozialistische Zukunftsstaat heraufziehen, und daß die Träger der neuen
-Wahrheit auch die Herren der neuen Zeit sein würden. So hing Gegenwart
-und Zukunft gerade der ringenden, vorwärtsdrängenden Arbeitergeister an
-diesem neuen Schatze; so kannten sie kein Halten mehr; so warfen sie um
-den Preis, jene zu besitzen, und diese zu erleben, freiwillig vom alten
-Wissen weg nicht nur das Überlebte, Überholte, den hindernden Ballast,
-sondern auch die edeln Güter und die wahrhaftigen Lebenskräfte,
-alles, alles, wie es die neuen Bücher und Lehren wohlweislich
-heischten; so lebten sie sich in die neuen Gedanken hinein, die diese
-ihnen mit demselben Anspruch unfehlbarer Richtigkeit und Autorität
-entgegenbrachten, wie einst die alten Lehren, die alte Bibel: <em class="gesperrt">so
-wurde die neue sozialdemokratische Bildung im Volke geboren, die eine
-Halbbildung ist, wie keine zuvor</em>.</p>
-
-<p>Sie trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der
-deutschen Arbeiter an. Jene ersten, die ihr gewonnen waren und
-anhingen, wurden nach einem Gesetze, das alles Geistesleben
-durchdringt, ihre neuen Propheten, ihre begeistertsten Verkündiger.
-Sie waren meist kluge, begabte Köpfe, die tüchtigsten von allen
-und ehrliche Naturen dazu. Ihre ganze Kraft, alle ihre Fähigkeiten
-stellten sie aus innerm Drange in ihren Dienst. Nicht nur in den
-Versammlungen der Partei, sondern auch bei der Arbeit und während
-der Pausen in der Fabrik, beim Mittagsmahl und Abendbrot daheim,
-auf Spaziergängen und wo immer sie zu zweit und dritt versammelt
-waren, diskutierten und gaben sie die Gedanken wieder, die sie aus
-einem, zwei, fünf, zehn Büchern jener neuen Litteratur gesogen und
-bald leidlich verstanden, bald nur halbverdaut und schon halb wieder
-vergessen hatten, aber die sie immer wieder aufgefrischt erhielten
-durch die Artikel ihrer sozialdemokratischen Blätter. Ich brauche das
-alles nicht weiter zu schildern: das ist eben jene ganze freiwillige,
-unorganisierte Agitation der neuen sozialdemokratischen Gesinnung,
-von der ich am Schlusse des vierten Kapitels geredet habe, die
-gewaltigste, schneidigste, überwältigendste Waffe der Partei, die kein
-Fabrikherr, keine Polizei verbietet, hinter der die Macht überzeugter
-Persönlichkeiten steht.</p>
-
-<p>Die Wirkung dieser Agitation war die gewünschte. Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> ihrem Eindruck
-brach die gesamte alte Bildung der Arbeiter aus ihrer Jugendzeit
-zusammen, bricht sie noch heute in jedem einzelnen immer wieder
-zusammen, der noch mit ihr in eine unter sozialdemokratischem Einfluß
-stehende Fabrik eintritt. Da rächen sich mit einemmale die drei großen
-Fehler, an denen, wie wir sahen, unsre ganze heutige Volksschulbildung
-krankt, jene Abhängigkeit der einzelnen profanen Bildungselemente von
-den Gedankenkreisen und dem Bildungsniveau der Schrift, jene falsche
-Auffassung von ihrer Autorität, jene vorwiegend verstandesmäßige
-Aneignung der Heilswahrheiten des Christentums. Vor den neuen
-Bildungsfaktoren können die antiken der Schrift, vor der Autorität der
-exakten Wissenschaften, die jene stützt, kann die Autorität der Bibel,
-die diese bisher trug und fälschlicherweise gleich ebenso maßgeblich
-und unanfechtbar erklärte wie die religiösen Wahrheiten in ihr, nicht
-bestehen; vor der Kritik des modernen realistisch geschulten Menschen
-fallen die metaphysischen Spekulationen des überlieferten Dogmas, in
-das man die Wahrheit des Christentums bisher hauptsächlich setzte,
-über den Haufen. Zwar fühlen manche ehrlichen Gesellen instinktiv,
-daß an dieser neuen Bildung auch nicht alles Gold ist, was glänzt
-und gleißt; daß sie ebenso freudelos und unbefriedigt und unklar
-läßt wie das Alte; daß trotz alledem in diesem Alten die letzte
-ewige unwandelbare Wahrheit noch ruhen konnte; aber sie vermögen den
-entscheidenden Punkt nicht zu finden, an dem dies der Fall ist. Es
-fehlen die Menschen, die ihnen dazu verhelfen, ihnen den Weg zeigen,
-das Überlebte, Überholte, Vergängliche, das Verstandeswerk, den Irrtum
-von dem ewig wahren Kern zu scheiden; niemand kümmert sich um sie in
-den Massengemeinden, in denen sie zumeist leben; niemand schmiedet
-ihnen die modernen Waffen, gießt ihnen die neuen Gewehre, vermittelt
-ihnen die wahren, echten, vollen, widerspruchslosen, ungefälschten
-Ergebnisse der jüngsten Wissenschaft, deren Besitz sie allein befähigen
-würde, den mächtig anstürmenden Vorkämpfern jener sozialdemokratischen
-Halbbildung entgegenzutreten, ihnen den Beweis des Geistes und der
-Kraft zu führen, ihnen ihre Thorheit aufzudecken. Dazu teilen alle ohne
-Unterschied das tiefe Sehnen nach ökonomischer Besserung, dessen sich
-ebenfalls die Sozialdemokratie bemächtigt hat, und dessen glänzendste
-Befriedigung sie ja auch<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> wiederum erst mit dem Siege der neuen
-Wissenschaft verheißt. Auch das zwingt den noch zögernden vor dieser
-„Wissenschaft“ auf die Kniee nieder. Und so fällt, mögen sie wollen
-oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen
-sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen
-den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man
-ihnen versprochen hat, und den seine begeisterten Propheten zu haben
-behaupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend,
-ob das Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren
-will, und doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden
-Beweisgründen der klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht stand
-halten können. So lebt eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben
-hin, ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. „Wenn es nur erst wieder
-heute um sechs, wenn es nur erst wieder Sonntag wäre!“ &mdash; das war der
-ewige, täglich wie oft zu hörende Seufzer. Und wie manchmal fügte
-man ähnliches wie das folgende hinzu: „Es ist doch merkwürdig bei
-den Arbeitern; die wünschen sich immer weiter hinaus, das Alter auf
-den Hals. Das ist doch eigentlich Unsinn. Es bleibt ja immer einen
-Tag wie den andern. Morgen früh geht es doch wieder ebenso los. Und
-wir müssen noch froh sein, etwas zu verdienen.“ Das ist der Ton der
-vollendeten Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung an einem Wert, einem
-Inhalt, einem Zweck des Daseins. Einen Schritt weiter &mdash; und er kann
-in den Schrei der Wut, der Empörung umschlagen, die alles zerstört,
-weil sie nichts für lebenswert findet, die an allem verzweifelt, weil
-sie an sich selbst verzweifeln mußte. Dann ist die Entfesselung aller
-Leidenschaften, die Revolution des Volkes da. Es ist kein Zweifel:
-heute ist dieser letzte eine Schritt noch nicht gethan; heute denkt
-das Volk, wir sahen es, noch an keine Empörung und Revolution. Aber
-es ist abermals kein Zweifel, daß ihre Gefahr näher ist als das Volk
-wohl selbst wähnt. <em class="gesperrt">Und sie wird in dem Augenblick da sein, wo zu
-der religiösen Verwahrlosung der Industriearbeitermassen, die heute
-im ganzen vollendet ist, die sittliche hinzutritt; wo aus jener die
-letzte Konsequenz für diese gezogen wird. Hier also, und nicht in der
-politischen und wirtschaftlichen Organisierung der<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Massen, liegt der
-verhängnisvollste Einfluß der sozialdemokratischen Agitation; und hier
-in der Vernichtung des überlieferten Christentums hat sie ihren bisher
-größten Erfolg gehabt.</em> Es ist auch das freilich nicht ihr Verdienst
-oder ihre Schuld allein: sie ist auch hier nur die Schnitterin, die
-mit raschem, scharfem Schnitt triumphierend die Früchte erntet, die
-andre Hände gesät haben. Aber das ändert an dem Jammer nichts, der nun
-herrscht, und nichts an der Größe der Gefahr, die nun droht.</p>
-
-<p>Im Folgenden habe ich nunmehr die Wahrheit des bisher Ausgeführten
-aus meinen Erlebnissen in der Fabrik zu erhärten. Ich werde in loser
-Ordnung Gespräch an Gespräch, Zitat an Zitat, Bild an Bild reihen und
-nicht viele Worte dazu machen. Und Gespräche, Zitate und Bilder werden
-für sich selber reden.</p>
-
-<p>Eines Tages erhielten zwei Mann unsrer Kolonne den Auftrag,
-Riemenscheiben, große fünfzehn bis zwanzig Centimeter breite eiserne
-Räder, auf denen die Treibriemen der einzelnen Maschinen laufen, aus
-dem Parterre auf die zweite Empore hinaufzuschaffen. Wir luden jeder
-ein paar davon auf die Schultern und kletterten hinauf. Da, wo wir sie
-aufreihen sollten, saß einsam am Fenster ein Arbeiter in den besten
-Jahren. Er hatte unaufhörlich hunderte kleiner stählerner Federn mit
-immer demselben Loche zu versehen. Neben ihm lag, unter einer Platte
-halb verborgen, die neueste Nummer der „Presse.“ Von seinem hohen
-Fenster aus übersah er die ganze Stadt mit ihren hundert rauchenden
-Schloten.</p>
-
-<p>Mein Arbeitsgenosse, der stark schnupfte, trat zu ihm und bot ihm eine
-Prise. Aus der respektvollen Art, wie er es that, merkte ich, daß der
-neue Bekannte einer der geistig bedeutendern Arbeiter in der Fabrik und
-ausgesprochener Sozialdemokrat sein mußte. Ich nahm auch ein Prise, und
-bald waren wir im Gespräch.</p>
-
-<p>Er fragte, warum ich eigentlich hierher in die Fabrik gekommen wäre.
-Ich log ihm schweren Herzens mein Märlein vom arbeitslosen Expedienten
-vor.</p>
-
-<p>Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab,
-forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die
-Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist,
-in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und
-Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht.</p>
-
-<p>Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist
-unmöglich.</p>
-
-<p>Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich.</p>
-
-<p>Die moderne Wissenschaft....</p>
-
-<p>Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur
-mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um
-uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen,
-fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben.</p>
-
-<p>Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus.</p>
-
-<p>Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus!</p>
-
-<p>Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man
-behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich,
-verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn
-verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit
-dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte
-nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden
-wiedergebe.</p>
-
-<p>Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an.</p>
-
-<p>Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt
-habe?</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p>Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim?</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p>Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch?</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p>Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt
-hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln
-lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> daß in dem
-Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte
-Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber
-Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In
-dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch
-Tiere und Menschen entwickelt &mdash; natürlich unter dem Einflusse dieser
-Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die
-vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse,
-mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte,
-geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch
-kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die
-schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber
-das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus
-folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der
-Vater seiner Geschöpfe.</p>
-
-<p>Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mein Glaube</em> ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges
-Wesen, sondern einfach Kraft.</p>
-
-<p>Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche
-Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist.</p>
-
-<p>So haben Sie also doch auch einen <em class="gesperrt">Glauben</em>, fuhr ich fort, als er
-wieder schwieg.</p>
-
-<p>Ja; aber das <em class="gesperrt">Christentum</em> ist ein <em class="gesperrt">Wahnglaube</em>. Es ist erst
-im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu
-stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst
-fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist
-ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man
-kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden.</p>
-
-<p>Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet:</p>
-
-<p>So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben
-Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche
-Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich,
-bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom
-Apostel Paulus herrühren.</p>
-
-<p>Aber er fährt fort:</p>
-
-<p>Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus,<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das
-zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das
-zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist.</p>
-
-<p>Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein:</p>
-
-<p>Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er
-wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so,
-wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses
-Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur
-Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn
-die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht,
-stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion
-haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That
-beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir
-eher glauben......</p>
-
-<p>Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen
-Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens
-wirklich überzeugt.</p>
-
-<p>Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in
-allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste
-ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche
-Lumpen die <em class="gesperrt">Wahrheit</em> des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist
-es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in
-ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und
-edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch
-im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des
-Christentums.</p>
-
-<p>Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen
-zusammen, so hypnotisiert der einen.</p>
-
-<p>Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert.
-Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene
-Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf
-Glauben.</p>
-
-<p>Dazu schweigt er. So fahre ich fort:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf
-Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat
-es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen
-nun, es zu wissen.</p>
-
-<p>Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache
-geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann
-ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht.</p>
-
-<p>Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß
-der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es
-auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet,
-das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen,
-durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen
-Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der
-Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist.
-Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es
-einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der
-unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche
-Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen
-wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst
-niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir
-erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem
-so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt,
-erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach
-diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem
-Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt.</p>
-
-<p>Aber er schüttelte abermals den Kopf:</p>
-
-<p>Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß
-er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber
-Thatsachen hat er nicht.</p>
-
-<p>Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der
-Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige
-Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine
-Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange.
-Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet
-hatte, mit grobem Gepolter auseinander.</p>
-
-<p>Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So
-stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir
-sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner
-nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich
-schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine
-eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der
-Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte
-mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück
-er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa
-sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die
-schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim
-Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine
-zerquetscht.</p>
-
-<p>Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr
-ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung?</p>
-
-<p>Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher.</p>
-
-<p>Für einen Christen giebts aber keinen Zufall.</p>
-
-<p>Was ist Christentum? &mdash; Nichts. Was der liebe Gott? &mdash; Den hat noch
-niemand gesehen. Und Gottes Sohn? &mdash; Dann sind wir alle Gottes Kinder.</p>
-
-<p>Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen
-thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs
-Beten kommt besonders viel an.</p>
-
-<p>Aber er lächelte nur und sagte:</p>
-
-<p>Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel
-Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen...</p>
-
-<p>Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den
-Pastoren.</p>
-
-<p>Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den
-Geistlichen &mdash; im übrigen aber leben sie vom Christentum<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> und befinden
-sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der
-so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge?</p>
-
-<p>Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern
-käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich.</p>
-
-<p>Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat
-aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst
-recht nicht mehr.</p>
-
-<p>Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht,
-sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese
-äußere Not zu tragen und zu überwinden.</p>
-
-<p>Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr.</p>
-
-<p>Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns
-nichts geben.</p>
-
-<p>Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.</p>
-
-<p>Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen
-direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war
-eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst,
-ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts
-gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür
-hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu
-lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche.
-Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne
-Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede
-wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine
-Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts
-erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.</p>
-
-<p>Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus
-unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit
-leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten
-Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein
-„Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher
-Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am
-Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte
-Kneipe und trank ein Glas<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch,
-fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie
-und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz,
-die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel
-Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches
-aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den
-vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen
-Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn
-auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war
-kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße
-Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll
-sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und
-durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem
-Volke lehrt und predigt.</p>
-
-<p>Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten,
-gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe
-meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung
-gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie
-gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder
-weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder
-weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel
-größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher
-als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die
-Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort:
-„Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern,
-manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in
-einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und
-erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was,
-unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz
-schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche
-schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht
-hierher setzen.</p>
-
-<p>Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte.
-Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu
-prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist
-längst über solche Dinge hinweg. Dem<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> einen, einem Thüringer, galt
-Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie
-unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das
-Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte
-fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut
-besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene
-handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt
-hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum
-= Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war
-es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das
-offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht
-mehr der Rede wert. Denn „Religion &mdash; det wohnt nich mehr unter den
-Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer
-junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang
-meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine
-christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern
-mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger,
-schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und
-allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von
-allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer
-Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher
-Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten
-Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte
-er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in
-der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung.
-Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte
-ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen,
-und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines
-Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche
-gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir
-noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher
-Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.</p>
-
-<p>Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte
-mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> eine hübsche Stube. Diesen,
-einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen
-gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein
-stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie,
-einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an
-dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie
-selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber
-guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.</p>
-
-<p>Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik
-zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen
-religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von
-Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen
-eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren
-sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich
-&mdash; ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem
-Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines
-Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen
-jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn
-<em class="gesperrt">immer</em> des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er
-wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders
-hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale,
-oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines
-verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind
-gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am
-andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach
-erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen
-hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens
-4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien
-Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um
-10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.</p>
-
-<p>Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung.
-Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die
-geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er
-„glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte
-ihn doch vom Tiere unterscheiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse
-Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das
-frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern,
-zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück.</p>
-
-<p>Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft
-mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines
-Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte.
-Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen
-neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches
-erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter,
-den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein
-konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem
-Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander
-in ein langes Gespräch.</p>
-
-<p>Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise
-weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es
-bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel
-nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die
-Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie
-verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges
-Zitat.</p>
-
-<p>Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges
-herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte
-ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der
-homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers
-Ilias enthält, in der Hand gehabt.</p>
-
-<p>Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen
-ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem
-um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit
-unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten.</p>
-
-<p>H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir
-Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart.</p>
-
-<p>Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z.&nbsp;B. auf die viel
-bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p>Das bestritt H:</p>
-
-<p>Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute
-im Durchschnitt sind.</p>
-
-<p>Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb
-ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man
-sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte
-nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte.</p>
-
-<p>Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch
-überlegen dazu.</p>
-
-<p>So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber....</p>
-
-<p>Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser
-Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben.</p>
-
-<p>Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und
-kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort
-„Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte
-überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei.</p>
-
-<p>Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch
-nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang
-reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit
-zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der
-Mensch aus Körper und Geist besteht.</p>
-
-<p>Aber der Monteur und H. lachten laut auf:</p>
-
-<p>Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem,
-das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei
-herauskommt, nennt man heutzutage Geist.</p>
-
-<p>Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine
-Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre
-Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt
-z.&nbsp;B. eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der
-Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es
-wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ,
-dieser sein Inhalt.</p>
-
-<p>Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-überlegen und sagte &mdash; wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit
-meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! &mdash;:</p>
-
-<p>Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze
-heutige Wissenschaft ist dagegen.</p>
-
-<p>Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch
-ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel
-noch was wert ist.</p>
-
-<p>Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe
-sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn
-er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre
-Dummheit erklären.</p>
-
-<p>Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem
-Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von
-dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel
-erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen
-gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte:</p>
-
-<p>Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik
-von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause
-verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei
-in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten
-entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein
-mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine
-brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun
-recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht?</p>
-
-<p>Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur.</p>
-
-<p>Aber warum lehren das dann die Geistlichen?</p>
-
-<p>Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben,
-belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und
-der Monteur fügte bestätigend hinzu:</p>
-
-<p>Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will
-nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion
-in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen
-beiseite schaffen.</p>
-
-<p>Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: <em class="gesperrt">die längst
-überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Kirche ist heute
-nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des
-bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält</em>.</p>
-
-<p>Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin
-und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der
-Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts
-dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der
-uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede.</p>
-
-<p>Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube
-ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen
-Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm
-gemacht ist.</p>
-
-<p>Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite
-und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch
-viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein
-halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach
-ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber
-dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes
-ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und
-seufzte:</p>
-
-<p>Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz
-feste Gewißheit.</p>
-
-<p>Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die
-nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht.</p>
-
-<p>Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt,
-von ihm etwas zu holen.</p>
-
-<p>Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht
-derweile der Teufel holt &mdash; war die barsche Antwort auf meine Anfrage.</p>
-
-<p>Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen.</p>
-
-<p>Aber Sünde, setzte ich dazu.</p>
-
-<p>Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen
-Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch
-noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p>
-
-<p>Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig
-nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch
-diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben
-mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem
-Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch.
-Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand,
-Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach
-Hause genommen hätte.</p>
-
-<p>Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch
-darauf zu bringen.</p>
-
-<p>Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft
-wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen
-Leute!</p>
-
-<p>Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich
-kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft
-nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein
-Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.</p>
-
-<p>Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich
-auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine
-Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert
-gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau
-hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten
-sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch
-sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden
-seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“
-verloren.</p>
-
-<p>Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen,
-beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen,
-deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.</p>
-
-<p>Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es
-eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.</p>
-
-<p>Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten
-Herren, ob die sie auch kennen.</p>
-
-<p>Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich
-arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei
-jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> gewesen war.
-Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das
-Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der
-Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren,
-meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.</p>
-
-<p>Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe
-einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“</p>
-
-<p>S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht
-dem Bohrer:</p>
-
-<p>An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher
-und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht
-mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber
-beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn
-ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit
-meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß,
-daß es nichts nützt.</p>
-
-<p>Dann sind wir auf einmal bei Luther.</p>
-
-<p>Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so
-mächtig gemacht, wie sie heute ist.</p>
-
-<p>Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre,
-wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme
-Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben
-stehn. Der Monteur unterbricht mich bald:</p>
-
-<p>Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich
-weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen.</p>
-
-<p>Welches?</p>
-
-<p>Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert.</p>
-
-<p>Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch.</p>
-
-<p>Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß
-alles wahr sein, was drin steht. <em class="gesperrt">Sonst hätten sie es ja längst
-verboten.</em></p>
-
-<p>Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle
-sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten,
-unter<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>drückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die
-vielseitigsten Früchte.</p>
-
-<p>Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den
-Bauernkriegen:</p>
-
-<p>Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und
-wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen
-geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! <em class="gesperrt">Und das ist auch sein
-Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie
-nun nie wieder los werden.</em></p>
-
-<p>Auch der Dreher giebt seine Meinung ab:</p>
-
-<p>Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das
-fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war.
-Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs <em class="gesperrt">alle</em>
-so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens
-kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum.</p>
-
-<p>Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.</p>
-
-<p>Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist
-die einstimmige Ansicht.</p>
-
-<p>Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten
-Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert,
-wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut
-machen wollen.</p>
-
-<p>Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht
-bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das
-mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch
-nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber
-jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen
-lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.</p>
-
-<p>Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.</p>
-
-<p>Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal
-ähnliche Gespräche.</p>
-
-<p>Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in
-dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel
-bereits erwähnte. Der ganze Laden und<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> die Wohnstube der Besitzerin
-waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte
-für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es
-erhalten hatte, sagte er:</p>
-
-<p>Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.</p>
-
-<p>Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats
-zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.</p>
-
-<p>Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der
-daneben stand.</p>
-
-<p>Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch
-nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.</p>
-
-<p>An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.</p>
-
-<p>Was giebts?</p>
-
-<p>Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle
-zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.</p>
-
-<p>Sie können <em class="gesperrt">mir</em> den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich
-Ihnen. Wollen Sies?</p>
-
-<p>Nein, lieber nicht.</p>
-
-<p>Und er ging lachend davon.</p>
-
-<p>Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers
-sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter
-anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:</p>
-
-<p>Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch
-nicht beweisen.</p>
-
-<p>Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange
-dabei:</p>
-
-<p>Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden.
-Mein Wahlspruch ist:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">Macht euch das Leben gut und schön,</div>
- <div class="verse">Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.</p>
-
-<p>Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft
-des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die
-„großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum
-Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p>
-
-<p>Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz
-offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall
-im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich.
-Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut,
-ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des
-Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint,
-hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen
-Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten
-müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung
-und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“
-gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie
-auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung
-mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare
-materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den
-Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und
-gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich
-besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in
-der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im
-Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte,
-und den ich sonst nicht kannte.</p>
-
-<p>Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen
-Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt
-zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber
-mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber
-jener ließ sich nicht belehren.</p>
-
-<p>Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. <em class="gesperrt">Was der Pfaffe
-quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit
-hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.</em></p>
-
-<p>Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst
-auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet
-haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn &mdash; aber darauf
-hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein
-geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf
-verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort
-übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes.
-Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu
-erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von
-Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte
-und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung
-seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er
-mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom
-Pastor:</p>
-
-<p>Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das
-eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht
-beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....</p>
-
-<p>Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.</p>
-
-<p>Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb
-angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange
-her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur.
-Albernheit &mdash; Andacht!</p>
-
-<p>Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer,
-die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe
-zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren
-Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte
-ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten
-ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte
-nun sein Nachbar hinzu:</p>
-
-<p>’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die
-Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein
-großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie
-erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er
-die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein
-halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die
-alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.</p>
-
-<p>Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25
-Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach
-der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen
-reich und arm mache, und macht ihn immer,<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> besonders bei Trauungen und
-Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich
-gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet,
-sondern ging weg.</p>
-
-<p>Dann erzählte der erste wieder:</p>
-
-<p>Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche
-gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit
-aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200
-Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.</p>
-
-<p>Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor
-allen sein soll.</p>
-
-<p>Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt,
-seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit,
-haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.</p>
-
-<p>Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden,
-daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche
-Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und
-gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.</p>
-
-<p>Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor
-weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht.
-Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man
-daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein
-muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder
-unbegründeten Anstoß zu geben.</p>
-
-<p>Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und
-alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte
-aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich
-auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht
-und heiter. Er erzählte mir:</p>
-
-<p>Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste
-&mdash; sie ist acht Jahre alt &mdash; bettelt mich zwar immer darum. Aber ich
-gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche
-auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und
-Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen
-nicht veralbern lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p>
-
-<p>Wieso veralbern lassen?</p>
-
-<p>Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah
-ich einmal eines Sonntags früh &mdash; er stammte auch aus einem Dorf in
-der Nähe von Chemnitz &mdash; unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen,
-Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus
-bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer
-Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.</p>
-
-<p>Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von
-allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa
-dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich
-sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:</p>
-
-<p>In unserm Dorfe &mdash; ich bin aus dem „Gebärg“ (d.&nbsp;h. aus dem armen
-Erzgebirge) &mdash; trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war
-obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für
-ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann
-seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen
-Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und
-Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts
-nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist
-er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die <em class="gesperrt">Kerle doch
-selbst nicht, was sie reden</em>. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon
-sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach
-reden, was im Buche steht.</p>
-
-<p>Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total
-abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:</p>
-
-<p>Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es
-herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie
-früher und geben alles her.</p>
-
-<p>Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben,
-das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die
-früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie
-ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren,
-die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> als ein Hauptteil seines
-Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit
-zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses
-Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen
-Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen
-dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet
-überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren
-und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer
-als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch
-jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich
-sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen
-den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen,
-Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den
-unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als
-jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür
-verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung
-über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre
-sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies
-Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter &mdash; aber immer galt er als
-Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem
-geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges
-Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen
-Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers
-Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen,
-durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen,
-volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen
-Verkehr.</p>
-
-<p>Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines
-andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten
-Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte
-zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und
-nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden
-gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus.
-Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme
-war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte.
-Er würde darum<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre;
-denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen.
-Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht
-die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied
-zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor
-der fremden fand.</p>
-
-<p>Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an
-dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen
-Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern
-und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem
-Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug
-von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon
-erzählte. Er meinte einmal:</p>
-
-<p>Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf
-studiert; und das kann nicht jeder.</p>
-
-<p>Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für
-den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder
-nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch
-Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte,
-und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, &mdash; die
-alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der
-aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen
-Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl,
-ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich
-verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter
-dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war
-weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:</p>
-
-<p>Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der
-Fabrik nicht laut sagen!</p>
-
-<p>Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der
-Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben
-unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker
-noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der
-alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für
-sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung
-und Glaubenslosigkeit mit allen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit
-standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen
-Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck.
-Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte.
-Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode
-seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und
-Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach
-schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation,
-daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es
-war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem
-Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit
-suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes
-am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel
-und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von
-meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder
-vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich
-und unvermittelt &mdash; es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln
-zweier großer Platten &mdash;:</p>
-
-<p>Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder
-auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel
-Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen
-Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.</p>
-
-<p>Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der
-auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist,
-zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers
-Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und
-grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und
-niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten
-brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich
-gewiß würden.</p>
-
-<p>Aber er auch da wieder:</p>
-
-<p>Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben
-und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade
-ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die
-Katholiken, die Juden und<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> Türken nichts andres glauben. Und davon ließ
-er sich nicht abbringen.</p>
-
-<p>Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen
-Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich
-bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:</p>
-
-<p>Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns
-und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost
-bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit
-gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“
-antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie
-haben aber doch gebetet: Vater <em class="gesperrt">dein</em>, nicht <em class="gesperrt">mein</em> Wille
-geschehe!“ <em class="gesperrt">Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!</em></p>
-
-<p>Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit,
-und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein,
-wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner
-Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr
-Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da
-sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:</p>
-
-<p>Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.</p>
-
-<p>Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes
-Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner
-Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner
-Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu
-leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben
-hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn
-und seines Glaubens leben ließ.</p>
-
-<p>Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht
-vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun
-erklärte ein dritter:</p>
-
-<p>Die beiden haben oft solchen Diskur (d.&nbsp;i. Gespräch) mit einander. Und
-ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache
-mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung,
-wie die meisten andern sagen? Oder<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> ist das nicht bloß Profession von
-den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute
-keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum
-geht es so vielen Guten schlecht?...</p>
-
-<p>Ja, und wenn es mir schlecht geht &mdash; nun, da haue ich eben alles hin,
-fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:</p>
-
-<p>Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!</p>
-
-<p>Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als
-seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone
-zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in
-diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der
-stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:</p>
-
-<p>Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein
-Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und
-damit zufrieden ist.</p>
-
-<p>Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein
-Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter,
-die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er
-erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils
-Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch
-paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil
-er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer
-katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich
-auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere
-Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige
-Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige
-besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der
-dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.</p>
-
-<p>Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik
-minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder
-doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine
-Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur
-wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte,
-war wohl der einzige, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> mich recht entsinne. Er machte sich mir
-gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit
-der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe
-dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein
-Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar
-keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er
-da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt,
-was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?</p>
-
-<p>Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch
-haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den
-beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also
-noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung
-vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche,
-dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu
-trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel
-hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal
-betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag
-hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann
-man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige
-sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt
-ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in
-Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit,
-sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung
-besonders deutlich hervor.</p>
-
-<p>Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der
-Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der
-wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn
-auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in
-aller Ruhe:</p>
-
-<p>Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine
-Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme
-ich fast nie mehr hinein. <em class="gesperrt">Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir
-sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.</em></p>
-
-<p>Würde das &mdash; es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung &mdash; möglich
-sein, wenn das kirchliche Leben auf dem<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Lande wirklich rege, die
-Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht
-nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen
-weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen.
-Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch
-Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist
-nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum
-gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder
-seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche
-holt.</p>
-
-<p>So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber
-sonst selbständig und verständig urteilender Mann:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon
-in der Schule genug gehabt.</em> Aber sie muß sein; sonst wäre der
-Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie
-nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem
-Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen
-ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn
-hört.</p>
-
-<p>Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter
-Sohn des Dorfes:</p>
-
-<p>Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch
-immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne
-das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich
-auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein
-ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die
-„Sozialschen.“ <em class="gesperrt">Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in
-die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und
-Konfirmation.</em></p>
-
-<p>Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders
-gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die
-gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich
-fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie
-alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre
-Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder
-der alte noch der neue Glaube zu<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> befriedigen vermochte, sie aber doch
-etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung,
-ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft
-wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel
-persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch
-noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich
-standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen
-Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich
-genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe,
-verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit
-der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn
-auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum
-gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem
-sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt
-haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen
-aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens,
-das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer
-Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist.
-Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer
-Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.</p>
-
-<p>Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir,
-als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.</p>
-
-<p>Wie so?</p>
-
-<p>Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse
-ich mir nichts mehr sagen.</p>
-
-<p>Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere
-betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik.
-Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von
-jedem.</p>
-
-<p>Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes
-Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb
-er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von
-dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn
-dort konfirmiert hatte.</p>
-
-<p>Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu
-lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon.<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> Aber auch
-wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die
-Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen
-Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer
-silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.</p>
-
-<p>Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.</p>
-
-<p>Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim
-Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon
-rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache
-mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten
-zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.</p>
-
-<p>Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.</p>
-
-<p>Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten
-Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte
-von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles.
-Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.</p>
-
-<p>Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein
-Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war
-seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als
-Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und
-auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er
-immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am
-Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er
-ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen
-Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich
-nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er
-nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten
-in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen &mdash;
-natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das
-war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die
-evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne
-„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter
-Maria u.&nbsp;s.&nbsp;w., aber noch an Gott und Christus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<p>Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein
-Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer,
-ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich,
-wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er
-war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines
-sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei
-bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu.
-Sonst geht es mir schlecht hier.</p>
-
-<p>Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch
-er hatte mir früher &mdash; freilich beiläufig &mdash; wenig Schmeichelhaftes
-über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten
-Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik</em>, sagte er
-einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen
-Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich
-Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche.
-Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das
-Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und
-stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen
-und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte
-mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute
-nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte
-er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er
-aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.</p>
-
-<p>Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich
-seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht
-verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz
-erstaunt und verständnislos an.</p>
-
-<p>Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch
-manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist
-auch durch diese schon schlagend geführt. <em class="gesperrt">Und es ist in der That
-kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> anerkennen, daß der
-materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich
-mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter
-aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.</em> Die alten Gebilde
-und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und
-geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter
-für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute
-auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das
-Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne
-Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch
-Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen
-von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer
-von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne
-Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre
-sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen
-langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.</p>
-
-<p>Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht
-vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat
-und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher
-sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz
-andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in
-ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne
-gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“
-Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale
-Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne
-Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher
-als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor
-seiner großen Persönlichkeit.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="s5">Siebentes Kapitel</span><br />
-
-<b>Sittliche Zustände</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel
-deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen
-das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer,
-durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer
-Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich
-auch in diesen Menschen gären und glühen.</p>
-
-<p>Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes
-näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der
-geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von
-Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen
-Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen
-Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir
-nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und
-Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte
-Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben,
-umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch
-in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche
-und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen
-Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers
-Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit
-erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel
-mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher
-auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder
-ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner
-Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen,
-wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie
-verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer
-erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten
-Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> erstarren dann oft zu einer
-nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des
-sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da;
-sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch
-maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die
-sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus
-denen diese herauswachsen.</p>
-
-<p>Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit.
-Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern
-bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der
-großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen
-besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der
-Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur
-einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im
-zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen
-den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte
-schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem
-man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis
-zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer
-läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft
-verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung
-und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine
-Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches,
-zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag?
-Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige
-alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür
-die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger
-Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder
-vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig
-günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig
-zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen
-müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet.
-Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise
-anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern
-aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> zu betonen, daß sie alle
-zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen
-Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner
-Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern
-gezeitigt hat.</p>
-
-<p>Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so
-verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich
-auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine
-beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in
-Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.</p>
-
-<p>Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche
-Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre,
-widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist,
-wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur
-ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese
-aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen
-wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht
-befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem
-wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen,
-in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt
-darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens,
-sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen
-Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch
-für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“
-mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder
-um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu
-straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt
-würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles
-Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der
-Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein.
-Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre
-des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer
-Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles
-regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses
-Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten
-sittlichen Charakter<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen,
-ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert
-durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der
-„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar
-erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen,
-umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den
-Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht
-entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die
-sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das
-beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der
-Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle
-Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich
-werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit,
-der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des
-Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt,
-wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch
-der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick
-und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus
-parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer
-Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und
-wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das
-öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände
-immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die
-christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer
-schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an
-ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.</p>
-
-<p>Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der
-Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel,
-das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden
-wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und
-politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte
-Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller
-Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese
-idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung
-gebracht werden, zum großen Teil<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> den guten erziehlichen Einfluß,
-den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener
-Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und
-entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und
-der Partei.</p>
-
-<p>Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen
-Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier
-ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier
-weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind,
-die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern
-angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem
-einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch
-in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt
-hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind,
-mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle
-verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen
-jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in
-ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände,
-unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen
-Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen
-ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit
-in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie
-überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische
-Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie
-sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer
-verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es
-manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen
-Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders
-hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium,
-ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen
-zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen
-sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich
-maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen
-dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben,
-die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem
-ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt,
-muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten
-Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter
-den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich
-anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die
-lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem
-der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in
-seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung
-hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter
-entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse
-und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch
-seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem
-Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es
-giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte,
-eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche
-Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den
-Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach
-rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu
-ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus,
-der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip
-ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit
-ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich
-erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten
-Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen
-mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein
-Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte,
-ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die
-ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute,
-gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte
-Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben;
-aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie
-gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als
-Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit
-über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und
-waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum
-von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl
-von Arbeitsgenossen, die &mdash; ich verweise hier auf den betreffenden
-Abschnitt meines fünften Kapitels &mdash; sich nur wenig oder gar nicht mit
-Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten
-Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien,
-wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen
-immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder
-zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen
-zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen
-Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten,
-die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse
-standen &mdash; alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung,
-die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich
-der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der
-sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die
-gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und
-schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß
-die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und
-schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte
-Arbeit zu thun braucht.</p>
-
-<p>Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach
-meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine
-Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes
-Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich
-beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde,
-also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie
-ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht,
-wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig
-wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und
-der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen
-größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu
-einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen
-getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in
-vielen Fällen in mehr oder<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> weniger glückende That umsetzt. Unter
-solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch
-einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von
-glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten
-Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das
-heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist
-weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein.
-Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen
-verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es
-auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr
-schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten
-jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es
-&mdash; ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen
-nur bestätigen &mdash; nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene
-Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in
-seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio,
-der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das
-lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt.
-Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut
-kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute.
-Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an
-die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren
-es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten
-Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei
-ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches
-übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde;
-diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum
-Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit
-und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt
-hatten. Wie weit &mdash; um darauf noch einmal zurückzukommen &mdash; bei vielen
-Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden
-und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist
-die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher
-Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er
-konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen
-Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>werkern
-überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand
-Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie
-Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln
-selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und
-Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den
-Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u.&nbsp;s.&nbsp;w. Und dementsprechend
-war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt,
-es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit
-andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen
-Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für
-gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern
-vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier &mdash; ob als alte Reste oder
-neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger
-zur Entscheidung &mdash; unter der Decke des großindustriellen
-Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen
-Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.</p>
-
-<p>Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich
-kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal:
-„Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie
-recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß
-jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode
-häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf
-Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist
-wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere
-Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur
-erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei
-längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen,
-bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des
-Mannes. Ein <em class="gesperrt">gegenseitiges</em> Borgen aber habe ich wenigstens
-unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und
-dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte
-ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung
-aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und
-am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten.
-Das waren in aller Augen Fest<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>tage, und an Festtagen läßt das Volk
-ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner
-Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung,
-auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte,
-oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich
-des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer
-Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen
-Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an
-diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d.&nbsp;h. zu
-Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und
-von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und
-es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch
-im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“
-(Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie
-schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich
-ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es
-erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage
-erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken,
-verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe
-es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine
-größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man
-wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer
-mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte.
-Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und
-ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen
-durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches
-Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl
-man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am
-nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung
-zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den
-Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.</p>
-
-<p>Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und
-widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse
-der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte,
-besteht fast durchweg aus Säufern;<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> von ihnen waren in den Chemnitzer
-Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber
-auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus
-der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer
-man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein
-stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten
-Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer
-gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte
-haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr
-imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er
-keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich
-abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren,
-wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber
-doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar
-gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers
-unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher
-Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte,
-man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.</p>
-
-<p>Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so
-krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige
-und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber
-der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich
-in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer
-einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und
-hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und
-Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das
-wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur
-um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot
-wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes
-in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps,
-dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und
-den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der
-Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form
-der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der
-Durchschnittsarbeiter von Chemnitz<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> ging, außer am Lohntage und an
-den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er
-machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder
-hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den
-meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas
-los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde
-wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich
-viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein.
-Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch
-selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder-
-und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag.
-Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für
-manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte
-Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an.
-Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe
-gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das
-thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen
-Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen
-Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich
-böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb.
-Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der
-erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest;
-die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte,
-trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten
-eigentliche Säufer.</p>
-
-<p>Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen
-oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere
-und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die
-„Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige
-Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie
-in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste
-Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter
-mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer
-Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den
-Militärbehörden hiermit zur<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß
-künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem
-auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten
-werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten
-ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe
-Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz
-unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit
-ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren
-Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder
-so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt
-Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug
-aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns
-der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten,
-ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort,
-und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der
-Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in
-Schwung und in die Höhe gebracht.</p>
-
-<p>Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war
-der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung
-und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum,
-das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen
-Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und
-auch &mdash; wie man mir versicherte &mdash; Referendare und Offiziere in Zivil
-zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen
-und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst-
-und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu.
-Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller
-Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist
-in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack;
-alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt
-und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden
-sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der
-Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug
-Handschuhe, was manche der Damen veran<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>laßte, ihren Herren beim Tanz
-mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten,
-damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das
-Kleid nicht beschmutzte.</p>
-
-<p>Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck,
-den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es
-Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und
-ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten
-sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden
-Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer
-Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit
-vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver,
-der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem
-Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug.
-Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine
-Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4
-Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen
-Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den
-Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über
-die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und
-eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann,
-und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die
-Freude am größten.</p>
-
-<p>In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem
-Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn
-an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den
-Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da
-koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende,
-glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen,
-kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte
-Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und
-seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt,
-der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach
-Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld,
-wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> begeht, oder bis in
-Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das
-ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige
-Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes
-sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom
-Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur
-ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft,
-ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein
-Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur
-einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit
-in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und
-Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf
-der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der
-kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei
-und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein
-leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche
-Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken
-Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und
-Herzen &mdash; und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem
-Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten
-Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen
-junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben
-sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist
-Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer
-Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der
-ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die
-Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel,
-ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage
-nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in
-Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.</p>
-
-<p>Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges
-Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt
-ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf
-den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute
-im weitesten Umfange verbreitet.<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> Er gilt einfach als das Natürliche
-und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine
-Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot
-existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich
-bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande,
-und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste
-und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz
-selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo
-immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich
-ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl
-hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die
-sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser
-„geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so
-heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange
-oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder
-nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So
-treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen,
-selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die
-jungen Leute in die Ehe zusammen.</p>
-
-<p>Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen,
-die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten
-wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung,
-einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal
-von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des
-zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen
-nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein
-Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige
-Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe
-ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und
-größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es
-ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige
-gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch
-mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im
-allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den
-Männern<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet,
-viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart
-gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr
-ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu
-fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins
-der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.</p>
-
-<p>Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und
-einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen
-Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen,
-übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit
-eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird.
-Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es
-vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des
-Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft
-und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs
-die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d.&nbsp;h. jedenfalls
-etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der
-Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler,
-kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als
-Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt
-wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls
-nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann
-gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie
-meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war,
-gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank
-wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu
-erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich
-auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst
-dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten
-seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde
-war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden
-Halbbildung.</p>
-
-<p>Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt
-einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute.<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Fast
-jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen
-unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man
-fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte
-mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten
-sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger
-Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche
-zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich
-recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das
-eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es
-sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.</p>
-
-<p>Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine
-Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen.
-Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer,
-das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock,
-den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden
-und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus
-sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht
-sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen
-alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der
-Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in
-der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und
-lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld
-aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der
-Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar
-Pfennige zusammen.</p>
-
-<p>Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu
-einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert.
-Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller
-Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in
-jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während
-der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei
-des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit,
-der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die
-besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere,<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> ihre guten
-und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen
-untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und
-Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn,
-Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit
-und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse
-geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie
-überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor,
-deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute
-verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was
-mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu
-bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer
-nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie
-gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte
-mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den
-andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen
-sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte
-mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit
-den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch
-von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte
-mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz!
-Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle,
-meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben
-Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in
-den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.</p>
-
-<p>Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den
-Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt
-die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer
-einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der
-Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an
-eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig
-zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.</p>
-
-<p>Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja
-doch nur Steuern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-<p>Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte
-sich jener.</p>
-
-<p>Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben,
-erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.</p>
-
-<p>Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz
-parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung.
-Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen,
-hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen,
-lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne
-Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und
-wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte
-Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in
-dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und
-Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile,
-die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute
-Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der
-er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben!
-Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine
-Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten
-Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern
-Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft
-glücklich ist.</p>
-
-<p>Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl
-der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“
-Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen
-ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber
-gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen
-Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend
-einen <em class="gesperrt">objektiven</em> Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem
-gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen
-entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern
-Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt
-dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein
-Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes,
-das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien
-enthielt mit, wenn ich mich<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> recht entsinne etwa dem Inhalte,
-daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der
-Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter
-Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu
-lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also:
-Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem
-parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart.
-Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir
-wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht
-mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann &mdash; nicht
-gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder
-versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines
-Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser
-Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!</p>
-
-<p>Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten
-nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige
-Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen,
-waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die
-Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die
-unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte
-stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen
-völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich
-unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des
-Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder
-nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar
-kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“
-Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die
-Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des
-Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten
-ist.</p>
-
-<p>Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze
-sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen
-eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute,
-liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner
-festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>
-übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie
-haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr
-wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt,
-ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen
-willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende
-sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert
-also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und
-sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts
-Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte
-Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem
-großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe
-schiebe. <em class="gesperrt">Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre
-Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten
-Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft
-heraufbeschworen hat.</em> Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen
-nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="s5">Achtes Kapitel</span><br />
-
-<b>Ergebnisse und Forderungen</b></h2>
-
-</div>
-
-<p>Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.</p>
-
-<p>Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage
-keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs-
-und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten
-Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten,
-würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren.
-Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht
-einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der
-ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die
-Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und
-Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> sie ihnen doch einzureden
-versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten
-zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten
-und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist,
-ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage
-nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht
-des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung
-und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer
-sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine
-trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion
-und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit
-erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den
-demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse
-heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen
-wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden
-gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame
-Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht
-nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang
-nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der
-Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten
-und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller
-Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der
-Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge,
-unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf
-genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum
-unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch
-von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses
-Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der
-That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen
-Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in
-erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges
-Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre
-Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben
-geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung
-so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das
-giebt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt
-sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für
-spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die
-Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.</p>
-
-<p>Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß
-die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre
-Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und
-für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die
-Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein
-Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich
-sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen.
-Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso
-wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik
-und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der
-Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz
-anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß
-es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist
-heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung
-überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht,
-daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch
-in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo
-der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem
-Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt,
-also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen
-hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen
-Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine
-werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint,
-zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben
-genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor
-allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden
-zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen
-zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen,
-denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark
-machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen
-gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> Ringens nach dem
-Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und
-so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen:
-es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen
-sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier
-liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch
-erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei.
-Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber
-möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und
-geheiligt wird.</p>
-
-<p>Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende
-Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten
-Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu
-einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden
-des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und
-der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich
-als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu
-bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die
-Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem
-Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums
-hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit
-erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und
-Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an
-den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft
-wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.</p>
-
-<p>Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die
-Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes
-allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß
-die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei,
-auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems,
-oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die
-Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten,
-widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen
-Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System;
-dieses Prinzip,<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern
-angebeteten „Wissenschaft,“ bildet ihre feste Grundlage, giebt
-der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat
-dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten,
-nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische
-Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen
-Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So
-ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein
-die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung
-des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die
-sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig
-beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände,
-um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und
-Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die
-Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst
-untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit
-und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern
-ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder
-Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen
-willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher
-Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat heraufziehen, wenn
-die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit
-und Wahrheit werden würde &mdash; was thut das uns? So treten auch wir
-„evangelische Pfaffen“ in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier
-oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die
-übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich,
-frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers
-Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres
-großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das
-vollendete Antichristentum wird. <em class="gesperrt">Es muß der Grundsatz durch uns zur
-Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein
-Christ Sozialdemokrat sein kann.</em></p>
-
-<p>Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr
-materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener
-gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Glanz heute
-die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister
-willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft
-der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom
-Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die
-unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft
-gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten
-unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute
-von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos
-mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten
-ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit,
-aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr
-entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle
-Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß
-man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles,
-was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in
-die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie
-sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich,
-bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne
-eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der
-wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts
-und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken
-zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche
-und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten
-diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn
-wir wissen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft
-der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern
-menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns
-willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer,
-kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche
-Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen
-bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische
-Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den
-modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten.</p>
-
-<p>Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> mehr
-übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge
-der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und
-Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und
-Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit
-auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist.
-Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der
-Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen
-Glaubensgebäudes. Es geht den modernen „aufgeklärten“ Arbeitern wie den
-Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung
-unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, &mdash;
-sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem
-Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil
-ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung
-dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie
-die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit
-noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form
-und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten,
-so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und
-Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit
-der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche,
-dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene
-heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie
-thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach
-sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen
-Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem
-modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der
-ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei
-Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft
-und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht,
-beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist
-vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht
-zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen
-hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen
-Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> und
-Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen
-und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer
-anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren
-stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber
-geleistet muß diese Arbeit werden &mdash; sonst, das ist meine feste, aus
-bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und
-wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum.
-Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus
-betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der
-Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor
-die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum
-sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen
-innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten
-an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen
-wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so
-wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere
-Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel
-eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen
-werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann
-wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die
-von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht
-weniger not.</p>
-
-<p>Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung
-des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser
-apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der
-alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern
-ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten,
-den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem
-die Arbeiter &mdash; ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte
-Gespräche &mdash; erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben.
-Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der
-kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine
-soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war,
-seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen
-vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> dort wie verlassen in der Mitte
-einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie keinen
-moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja daß sie
-sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie noch viel
-weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als sie es
-ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an irgend
-welchen <em class="gesperrt">praktischen</em> Wert des Christentums für ihr leeres Leben
-gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht
-noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und
-seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird
-das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein,
-wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5&ndash;8000 Seelen haben,
-wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die
-Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie
-getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter
-frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung,
-und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen,
-Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie
-Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine
-Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und
-die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und
-wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die
-Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft
-thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der
-Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden.</p>
-
-<p class="mbot3">Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die
-Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken
-wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in
-jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur
-die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer
-schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst
-aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen
-erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das
-junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich
-schreibe an dieser Stelle von<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> ihm nicht in offizieller Eigenschaft,
-als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich
-am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der
-Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe
-ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen
-und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den
-Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen
-Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer
-Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur
-materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und
-gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders
-so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte
-Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden
-angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind;
-und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich
-Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht
-nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung
-und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird
-er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz
-werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften
-künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den
-Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische
-Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er
-jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite
-Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern
-die wahren Quellen der materiellen Not, d.&nbsp;i. die wirtschaftlichen
-Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese
-wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese
-Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen
-und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der
-einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen
-die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse
-ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen
-Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren
-Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner
-Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> dem
-seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch
-ihnen den Blick für diese Zustände zu erschließen und das Bewußtsein
-der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem
-öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen.
-Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so
-hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das
-der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen:
-<em class="gesperrt">die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute
-noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer
-widerchristlichen materialistischen Weltanschauung</em>.</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s5 center padtop3 mbot3">Druck von Carl Marquart, Leipzig.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und
-Handwerksbursche, by Paul Göhre
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER ***
-
-***** This file should be named 60357-h.htm or 60357-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60357/
-
-Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/60357-h/images/cover.jpg b/old/60357-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 7d8e976..0000000
--- a/old/60357-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60357-h/images/signet.jpg b/old/60357-h/images/signet.jpg
deleted file mode 100644
index 724d562..0000000
--- a/old/60357-h/images/signet.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60357-h/images/zier.jpg b/old/60357-h/images/zier.jpg
deleted file mode 100644
index 8911295..0000000
--- a/old/60357-h/images/zier.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ