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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche - Eine praktische Studie - -Author: Paul Göhre - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60357] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit - halber an den Anfang des Textes verschoben. Die Fußnote wurde an - das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt. - - Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Drei Monate Fabrikarbeiter - - [Illustration] - - - - - Drei Monate Fabrikarbeiter - - - und - - Handwerksbursche - - - Eine praktische Studie - - von - - Paul Göhre - - Kandidaten der Theologie - Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin - - - Erstes bis zehntes Tausend - - [Illustration] - - Leipzig - - Fr. Wilh. Grunow - - 1891 - - - - - Das Recht der Übersetzung bleibt vorbehalten - - - - - Seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik - - Der Verfasser - - - - -Inhalt - - Seite - - Erstes Kapitel: Mein Weg 1 - - Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen 12 - - Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik 40 - - Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie 88 - - Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner - Arbeitsgenossen 108 - - Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum 142 - - Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände 191 - - Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen 212 - - - - -Vorwort - - -Die nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen, -die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden. -Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen -Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben -habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen -gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium -selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe -ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem -Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne -dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen -Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von -den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat. - -Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik -gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und -Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das -Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer -Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber -ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus -einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen -meine, als es andre von sich behaupten. - -Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese -Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein -oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als -die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr -Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung -zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe -dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht -haben. - - Berlin, Anfang Juni 1891 - - =Der Verfasser= - - - - -Erstes Kapitel - -Mein Weg - - -Anfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den -Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches -Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein -derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste -Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab, -ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt, -einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in -struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem -Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte -Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten -sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate +unerkannt+ -als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit -meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit -den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und -getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit -ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein -reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt, -das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will. - -Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und -kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich -bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt -zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der -Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir -eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es eine reiche -Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen -Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage -der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei -dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft -nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so -scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen -auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten -und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen -Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen -von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie -die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse, -die beinahe durchgängig +Parteipresse+ ist und als Vertreterin -bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen, -egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten -ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften -von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische -Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber -gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter -den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem -Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem -Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter, -gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu -werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur -äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur -sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor -allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere -Arbeit bauen zu können: +die volle Wahrheit über die Gesinnung -der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen, -sittlichen, religiösen Charakter+. - -Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht? -Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich -selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit -eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen, -ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte, -die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß -belauschte und selbständig nach den innersten Triebfedern ihrer -Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen -dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem -Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine -Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen, -welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses -Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt -noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie -ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und -- zum -großen Teil mit Recht -- Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu -kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter -Arbeitern, erfahren. Also -- heran an die Quelle! - -Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich -ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich -zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er -mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte. - -Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an, -als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war. - -Expedient, Schreiber. - -Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen. - -Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück. - -Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort -ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren. - -So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der -Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle -und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin, -freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins. - -Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in -Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die -hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an -der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer -nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus. -Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter -durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und -dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit -einer dunstigen, dicken Luft gefüllt war. An den Wänden hingen viele -Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren -nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den -Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich. - -Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der -neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen -Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr. - -Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig -unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich -herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen -Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu: - -Guten Tag, Landser [Landsmann]. - -Guten Tag, Landser, antwortete ich. - -Auch einer von der Zunft? -- Damit hielt er mir seinen ausgestreckten -Zeigefinger vor die Augen. - -Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich -gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und -sagte jedenfalls Nein. - -Was bist du denn? forschte er weiter. - -Expedient, Schreiber. - -Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal -- damit -rückte er vertraulich an mich heran --, es ist wohl nicht ganz richtig -mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig -aus, du bist wohl durchgebrannt? - -Nein, sagte ich sehr einsilbig. - -Oder kommst du vom Zuchthause?... - -Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht -fahren lassen. Ich wurde zunächst grob. - -Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte -ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig -war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast -zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche -Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem -Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen. -Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten -anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht nicht; zu Hause zur -Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir -unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich --- setzte ich hinzu -- doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen, -als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe. - -Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir -der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion -ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle -Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in -der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte. - -Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir. - -Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt. -Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob -allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits -doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien -- wie ich das ja -auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche -Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese -Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen -auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe -vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel -gefunden, um +unerkannt+ unter ihnen sein zu können. Das war aber -die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte. - -Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein -mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei -einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern -drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm -Tische. - -Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit -väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab. - -Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr -Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider, -der einen Rock machen kann, kommt immer durch. - -Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei -seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht -leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet -hätte. - -Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn -das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So -wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich -nicht mit ansehen. - -Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte -jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders -veranlaßte. - -Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort. -Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn -vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir -nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine -Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin. - -Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt -Affe. - -Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein -Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf -eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte. - -Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und -machten sich ihre eignen Gedanken. - -Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in -Chemnitz Arbeit +in einer Fabrik+ bekommen könnte. Sie hielten -das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht, -wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer -Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen. - -Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr -bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte -Ausweg, aber besser als Hungern. - -Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern. -Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht -mehr gesehen. - -Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde, -zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei -kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit, -die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde -ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen -Herberge heimisch. - -Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern -unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen, -siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und -sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit -Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen, -kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still -und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen -immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu. - -Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den -Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter -dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste -einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte -Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder -freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren -Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter -arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen -Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage -in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen -Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage -lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher -der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut. - -Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie -rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen -Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach -etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder -unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange -aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen -Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für -immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen, -wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche -Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung. - -Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die -häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden -Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders -abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern, reservierten, -bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen. - -Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge -herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich -fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen, -stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der -Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch -nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen. - -In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise -zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer -Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er -redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte -das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft. -Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen -unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich. - -Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser -Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall -nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer -sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes -Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des -Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab. - -Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil -jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines -Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends. -Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern -statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus. -Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu -finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber -das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in -eine größere Fabrik. - -So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken. -Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen -Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch -zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter eingestellt. -Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten -und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der -Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie -jeden andern Arbeiter. - -Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen -vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren -meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und -ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem -Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart -worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich -unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner -Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen -habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir -uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten. - -Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und -war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da -zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was -äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz -gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit, -mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern. - -Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da -mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten -Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und -zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her -transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann -hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und -vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre -einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder -reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und -jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der -Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von -verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich -fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten -Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt -hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen -kaum einzuschlafen. - -Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink, -jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den -Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen. -Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es -mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt -zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine -bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war. - -Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage, -wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von -mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen -ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während -dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem -Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich -hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig -über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich -einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel -halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets -erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja -fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß -zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung -kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß -ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für -viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten -Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“ -Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt -mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir -Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine -richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist, -glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür, -es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf -allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung -freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht, -war für sie wohl einfach undenkbar. - -Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen -zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des -Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen -einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen -unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende -verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen -unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den -Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein -pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins, -in denen ich nie fehlte, oder -- und dies je länger desto mehr -- in -den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war. -Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern -jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten -sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war -ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor -Schluß, also vor Mitternacht verließ. - -Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen -Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer -Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über -meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch -mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich -die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke -des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich -mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten -Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser, -dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie -sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen. - -Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu -lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete -- als -Arbeitsloser -- die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von -freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des -„Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug -hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf, -teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und -gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien -zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa sechzig Schlafstellen -wenigstens gründlich +gesehen+. Ein Sozialdemokrat hat in -einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das -Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger -Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre -hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen -sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber -im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle -+nicht+ annähme. - -Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder -Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam -nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So -brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause -zurück. - -Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg, -den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre -Resultate. - - - - -Zweites Kapitel - -Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen - - -Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen -allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In -täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150 -Mann, von denen die meisten mit mir +einer+ Abteilung, dem -Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die -Erfahrungen gemacht, die ich mitteile. - -Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel -ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese -Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine -Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere -Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf -10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher -und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich -leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie -zumeist Deutschböhmen und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den -Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer, -oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens -aus dem Erzgebirge und Vogtlande.[*] Aus den übrigen drei sächsischen -Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15 -bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer -Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder -zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen -Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten. - -Über das +Einkommen+ meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht -ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich -nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit -nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit -zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu -verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht -in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die -Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen; -der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott -und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter. - -Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten -Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu -Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende -eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen. -Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde -entlassen. - -Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20 -Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber -auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht -zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags -und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an -den beiden genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78 -Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen, -Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten -mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen -Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark -die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die -um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter -bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis -30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in -der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach -seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger -Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird -ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch -sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht. -Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im -Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern -sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100 -Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als -zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der -Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender. -Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben -nicht zu prüfen. - -Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse -nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig -bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen -Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die -angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der -Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat -beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig -angesehen wird. - -Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als -diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen -und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich -und ihre Angehörigen hielten, suchten durch +Nebenverdienst+ ihr -Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in -ihren knappen Feierabendstunden sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik -ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme, -bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer, -der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und -seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte, -ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen -über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem -nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider -trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld -zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst, -allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei -Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer, -der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging -des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der -Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in -einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein -Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten -Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn; -ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig -Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn -auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte -allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern -Arbeiterkneipen -- wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen, -als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht -einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit -billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb. -Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch -Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren -Gärten und ähnliche Dinge. - -Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in -der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz -bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“ -zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie -die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die -Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen -am Sonntag Vormittag. - -Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch -nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber -Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit -die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft, -Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern -Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim -auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt. - -Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei -ebenfalls der Frau die +ganze+ Arbeit obliegt, als Quelle zur -Erhöhung des Fabriklohnes angesehen -- kaum mit vollem Rechte. Denn so -viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen -auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit, -von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz -abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus. - -Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern. -Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf -solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen -that. - -Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen -goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf -Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens -sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord -arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und -den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch -seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre -meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter; -ebenfalls ein junger Dreher war -- wohl durch Erbschaft -- Eigentümer -des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein -Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses. -Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl, -der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte, -aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er -es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich -mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren -Manne, dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert -Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er -seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ -- -wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich -es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen -Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten. - -Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von -Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich -auch nicht von Überfluß. +Denn der oben angegebene Betrag des -jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei -den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß -ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere -Nahrungssorgen leben kann.+ Die Sache liegt aber sofort bedeutend -ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur -zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und -andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes -oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel -der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens -verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war -allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich -und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das -Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen -Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur -in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen -möglich war. - -Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die ich -über +Wohnung+, +Kleidung+, +Nahrung+ meiner Arbeitsgenossen gemacht -habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit doch der folgenden -Mitteilung für wert halte. - -Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht -in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich -mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in -den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht -vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein -Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher Fünfziger, -hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem -Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends -seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn -einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“ -nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller -dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen -und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter, -die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen -Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als -wir in unserm Viertel. - -Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider -Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über, -und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange -Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht -selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte -Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf: -zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen, -niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen -zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel -gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den -niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten -Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen -dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit -Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite, -mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an -Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen -freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt -dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die -seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und -Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter. - -Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den -Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft -auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten -Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser -umgebaut und in mehrere Familienwohnungen, „Parten“ genannt, geteilt -war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll. -Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine -Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber -dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen, -mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr -Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter, -und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft -gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich -jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die -vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich -vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie -ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen. - -Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten, -noch +Familien+wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich -eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß -daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete -das Heim eines -- wenn ich recht sah -- sehr großen Teiles unsrer -Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben. -„Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine -Stube?“ waren ganz übliche Worte. - -Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die -Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke -dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben -und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie -den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten -Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger -Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke -versehen war. - -Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser -hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in -erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen -fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für -die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders -gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder -dem ähnliche Gartengebäude. - -Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte -wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als -diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu -geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend, -ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise -reichten sie freilich nicht hinan. - -Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete -Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten, -läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl -sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener -oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge -Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten, -die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß -auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die -aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe -Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu -sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam; -an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig -für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben. - -Wie es nun innen in den Wohnungen aussah? Gut, mittelmäßig, schlecht --- das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig -runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr- -und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast -immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine -Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr -oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der -Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand, -pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“ -und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank -befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast -vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten -Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa -das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der -Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet -man ja ohne Mitgift. Ob aber in einem solchen Haushalt Ordnung, -Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und -größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder -nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst -und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich -der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei -Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die -Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel, -und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und -Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche -verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus, -und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen -die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände -schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem -als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem -und altem Hausgerät. - -Jedenfalls -- und ich betone das scharf und nachdrücklich -- war die -Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung -und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten -versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als -diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war. - -Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein -andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der -Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume -genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei -Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber -eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern -Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen -war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer -beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus -die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und -Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo -weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder -auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und versorgt -waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern -für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei -einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der -Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige -Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der -in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause -wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau -und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube, -einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da -schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven, -und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern -in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches -Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch -schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette -war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei -kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und -besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon -als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer -andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem -zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden -Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen -Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief, -begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer, -Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges -Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine -Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so -wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein -Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine -energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr -herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa -neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit -Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen -aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen -Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder -je in einem Bette zusammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast -den ganzen Raum einnahmen, die +drei+ Burschen in der etwas -geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in +zwei+ Betten, also zwei -einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür -er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese -Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf -meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern -„für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast -immer dahin verstanden wurde, allein in +einem Bette+. - -Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern -Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig. -Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine -zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein -kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und -gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige -Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der -ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit -der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit, -wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht, -doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder -waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen -herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen +fünf+ fremde -Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen: -aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer -und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten, -in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm +zwei+ -böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich, -schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit +drei+ Jahren, -seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem -Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr -abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die -Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden -Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer -mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser -Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam -erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte dann -noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe -für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch -übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem -einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte, -tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem -andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht -ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben -konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei -dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte. - -Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre -Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen -verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle -Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder -seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre -Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde -einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den -Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt -in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft -untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer -Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte -bezeichnet werden mußte! - -Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das -+Schlafstellen-+ und +Kostgängerunwesen+. Das ist der Ruin der -deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den allermeisten -Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe materielle -Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß zum -Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum Spaße -mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im -Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen -kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn -man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als -junge Mädchen. - -Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von -Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch -und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und -nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns unmöglich -gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach -Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben +und den -einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und -Schlafmädchen streng untersagt+. Bei meinen Besuchen und Gängen fand -ich etwa noch folgende Arten an: - -a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten -Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten -stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft -dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren -und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich -im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten -waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von -Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von -der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich -und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere -Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer -und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der -wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man -noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab -und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren -fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns- -oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird, -und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann -natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen -Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß, -es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste -mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein -Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen -Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und -das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer -ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen -Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen. - -b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen -der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie -in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die angeführte -Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so -doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche -dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich -eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d. h. nur mit einem Bette -ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann -kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht -möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter -einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei -Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die -freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger -verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen -Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden. - -Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich -sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit -Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für -den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann -verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für -notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer -mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte -fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur -ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht -wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit -einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich -Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten -vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen -Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit -Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit -ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus -- -auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die -Familie. - -Über die +Kleidungsverhältnisse+ meiner Arbeitsgenossen habe -ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung -selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch -langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste -und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche Kostüm. Mit -Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln -an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem -elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur -wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils -des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter -Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten -Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem -banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und -zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst -gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen -Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu -dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit -schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus, -krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse -weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man -selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte -Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen -Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt, -wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne -Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem, -was richtig an seinem „System“ ist, getragen. - -Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen -allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn -Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein -bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den -man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der -Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer -zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei -bis drei Wochen ohne Anstoß getragen. - -So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein -mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht -zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten, -wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar solchen -Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb -bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau -ist eben eine Schlumpe.“ - -Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger -junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste -sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in -der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns -gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen -alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem -man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu -kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder -doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog. - -Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung -pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst -anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen -nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah. -Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf -diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag -abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker -und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten -Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in -den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum, -höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers -zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an -Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben -bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener, -sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr -er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom -Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht -so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter -ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten. -Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich -komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen -bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man -annehmen sollte. Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über -ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch -sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe -ab. - -Über die +Ernährungsverhältnisse+ der Arbeitsgenossen ist -nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei -Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr -Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh -6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein -die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen -Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher -allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt -worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten. - -Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen; -nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause. -Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen, -wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube -des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte. -Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es -durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit. - -Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot -in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem -Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich -ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der -ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten, -Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil -frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener -Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und -Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der -zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch -gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken. - -Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges -Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot -selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So -begnügten wir uns damit, sie an der selbst schmutzigen Schürze, an -Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann -nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben -hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte -uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach -zweistündiger Morgenarbeit. - -Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas -dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure -Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte -der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern -mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich -und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was -infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen. -Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch, -ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben -so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen -habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier -leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung. -Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben -Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und -mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung -des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der -früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso -transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung -von großer sozialethischer Bedeutung -- hier einmal in günstigem -Sinne -- und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre -Reformversuche. - -Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder -kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern -verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun. -In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei -Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier -gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer -noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete -vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung -dabei wurde besonders dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis -fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen -in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich -sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich -am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu -beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu -fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen -Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den -einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen, -blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen -Blechkrug geschenkt wurde. - -So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das -doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders -anging, und ließ es sich schmecken. - -Für das +Mittagessen+ war, wie gesagt, auch bei uns die übliche -Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch -nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch -einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in -unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt -12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen -Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt -in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an -einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich -immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später, -kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So -reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei -der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte. -Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso -zum Feierabend diese Pfeifen. - -Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich -selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben -hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war -anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es -bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte -es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen -als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter, durch das Einkommen -gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert -der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise -- und sie -sind +nicht+ in der Minderzahl -- fast Unmögliches möglich. -Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich -noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen -+immer+ Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte -ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und -ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe; -jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen, -die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher -als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der -verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine -Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte, -häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines -Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben. - -Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl -gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang -einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende. - -Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt, -namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere -Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene -sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten. - -Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt, -noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge -Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die -selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit -des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch -in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß -in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste -Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich -erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer -aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war -stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten. - -Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum -Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen -ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst, -und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung, -die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile -aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und -die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr -weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der -sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil -es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen -gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich -in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber -anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in -genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen, -jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und -leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man -trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es -Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer -einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und -das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers -vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen, -ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne -Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer -ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu -erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das -dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte -Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten -Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute: -meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen -berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf- -und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und -Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen -zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern -Schichten sind. - -Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der Stadt -teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr -geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen -besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu -ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt -voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke -aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der -Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten -gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in -unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den -man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche -Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch. -Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in -beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei -aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer -Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen, -nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte -einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige. -Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt -zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang -nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die -ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber -man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken -und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel -hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte, -setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das -sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag -über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch -anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich -so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen -Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann -auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische -herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen -guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und -kostenlosesten besonders angelegentlich. - -Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz in der -Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete, -eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der -Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei -Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist -mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder -sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die -Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens -in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der -nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde -alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem -sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern -unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine -leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde -des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die -Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit -kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird -begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen -ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute -selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit -in die Fabrik zurück kam und -- wie es Sitte war -- ihnen Mahlzeit, -gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter -abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete. - -War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper -besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem -Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle -irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein -Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt -und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen, -und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen -sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut! - -Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden -von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den -allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In der Stadt war das aber -ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen -und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um -pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter -zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die -ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel -in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend, --- denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für -die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des -täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven -Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend -ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen -heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch -eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man -im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen -wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen, -den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück -und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen -treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die -Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es -infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten -Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf -der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich -saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da -beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu -unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit -dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde -halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen, -und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem -ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich -12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt -worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach -Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das -Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind -müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl -allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm -übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders -unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von -8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig -geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den -Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern -hunderten von ihnen. - -Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags -mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen -warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst -um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die -ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus -Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder -waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine -Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und -gesund. - -Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen -aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost. -Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe -des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen -Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon -immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und -Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst. - -Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs- -und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen -vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon -die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen -Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen -auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben -mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer -und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, +daß -infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen -Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon -nicht mehr vorhanden ist+. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft -von Eltern und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten -Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in -bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser -anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits -mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen -Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in -der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten -Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten -hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen -Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand, -der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden -eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die -Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu -bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen -pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben -daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht -unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den -Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und -Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten -Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde, -häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den -vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur -mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke -daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach -ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an -und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede -gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen -flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der -Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier -„Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen -Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung, -des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen -Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man -erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes -Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als -daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter -einander leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen -Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen -und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen -Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und -daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und -Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja -daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch -Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit -solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher -Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen -Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends, -so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof, -in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen -und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch -erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde, -und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten -mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die -sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen. -Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne -und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu -derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen -am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich -unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so, -daß Eltern und Kinder ungestört zusammen +allein+ nur noch während -der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit -eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und -Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht, -vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den -Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber -geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade, -um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen -zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die -Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges -behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile. - -Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den Charakter, -die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden. -Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem -Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt -werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie -in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage -sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie -als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten -Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und -in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind -erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen -Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich -namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen -und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall -des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die -Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran -arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser -Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden. - - [*] Viele dieser engern Landsleute waren mit einander verwandt. Ich - fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei uns, fünf - Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, der - Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte. - - - - -Drittes Kapitel - -Die Arbeit in der Fabrik - - -Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus -kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger -Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war, -umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor -standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon -erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige -parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An -ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber, -denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die -Landstraße vorbei. Von hier nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus. -Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang -und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor -verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und -allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert. - -Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig. -Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer, -daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und -Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die -eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen -mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter -Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik -gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden -waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden, -und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne -Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte, -ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber -festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob -sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen -Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen. -Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub. -Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum -oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden -Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel -ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in -dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete -Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich -während der Arbeit ein Blatt davon geholt. - -Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin -abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver, -mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die -zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren. -Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die -Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht. - -Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die -Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin. - -In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später -aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger -angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen -Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er -hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum -Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht -herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander -gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive -Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten -beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der -Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin -der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet -war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der -Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn -der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte, -lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite -des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine -ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter -und freundlicher -- gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in -unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das -Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen -Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen -und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der -große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel -wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre -gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile -der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen -und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da -schafften -- wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte -es nicht wenigstens einer sein? - -Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den -Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke der -Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer -ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren -die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte, -eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum -und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr -unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am -ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen -Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben -bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige -Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte -Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange -eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain -für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere, -jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende -große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel -Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel -benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung -fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in -dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich, -die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken -liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender -Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden -Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der -Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem -Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher -zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag, -stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich -sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen -Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem -einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns -den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und -Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten -freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser. - -Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundertfünfzig, -die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine -Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden -Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen -auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht -hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern -auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler, -öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen -in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in -gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit, -die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im -Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird. - -In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche -Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im -ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend -Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum -ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch -das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes -Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit -irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln. - -Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer -bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten -großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe -waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der -Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen -Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen -haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns -gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser -vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher, -die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede, -Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe -neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler, -Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure, -andre Handlanger jeder Art und Bestimmung -- denn auch unter ihnen -herrscht die Arbeitsteilung --, Kutscher und Portier, eine bunte -Kette, in der doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur -die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher -Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene -Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen -und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde -vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll, -ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird. - -Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert, -voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn -Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die -gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen. -Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand -der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen -Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser -120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel -und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen, -„Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und -die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen -verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre -einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der -Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail. - -Dieser +Arbeitsprozeß+ war schwer, kompliziert, langsam; -aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine -Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die -Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der -modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres -Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit -an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu -würdigen. - -Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine, -etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die -Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die -Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der -Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie -gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe -von Maschinen gearbeitet. Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit -gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand -arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum -fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben -Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale, -war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke -hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie -mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und -dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur -geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion -der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen -kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und -Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit -besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen -möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und -zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb. -Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine -disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig -auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung -der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse -Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war -kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze, -das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern -dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken- -und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in -diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese -Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in -der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich -auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und -feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller -Tischler blaß. - -Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der -benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“ -zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der -Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam -die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung -unterstand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter -und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte -Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes -erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen -fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten. - -Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau -der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung -geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige -Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem -Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe -seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und -weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und -bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen -vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe -und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für -den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt. -Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht -einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr -Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine -deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen -erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß -die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen -eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der -andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f. - -Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in -derselben Abteilung im Bau begriffen sind -- was für den erziehlichen -Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes -Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte -Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber -die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in -dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen -Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die -Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus -der Hand des Modellmeisters überwiesenen groben Stücke, vermögen der -beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon -etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die -Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen -die meisten Stücke noch durch viele Hände. - -Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten -und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl -als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle -Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten -Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und -Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden -Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es -vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten -und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte. -Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der -einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand -diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen -- das eine -steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und -ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als -der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer -sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen -Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen; -aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der -Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit -thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten -Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht -geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende, -einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit -anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor -diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes -hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische -Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die -Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und -andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist -auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich -zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß -mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres -falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen, -der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer -Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen -Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter, -deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer -gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen -Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der -ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum -Ausdruck kommt. - -Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition -ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den -beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender -Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und -der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie -Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer -wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den -Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er -der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er -die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die -einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken -und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu -bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift -des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden. -Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer -und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die -rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das -aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel -seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur -zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade -unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener. -Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein -Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten -Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen -zu arbeiten hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten -nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste -Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter -160-170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur -29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen -sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser -und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem -sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei -jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf -die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten -und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage -lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler -langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen -hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an -größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte, -dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden -Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und -kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese -festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher -und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu -beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu -atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern -- wenn ich -recht berichtet bin -- den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch -durchschnittlich jünger als die andern. - -Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten, -so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich -darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine -steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen. -Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken -Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig -abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten. -Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit -unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu -überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe -es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen, -so mit Nuten, Rissen, Einschnitten und Spitzen zu versehen, daß sie -für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur -noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein -großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer -und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der -Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges, -geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein -organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn -er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man -unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen -werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die -Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter -dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man -fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen -deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist: -gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife. - -Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer -die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein -von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als -die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt -nachzubohren -- alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch -Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche -Charakterbildung möglich? - -Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn -alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen, -geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und -Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen -und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der -eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs, -immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in -der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht -ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile -sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern -mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das -allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal -zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das -elfte und zwölfte mal noch vergeblich zusammenzupassen. Die glatten -Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren, -mußten -- eine schwere Mühe -- mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange -eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen -und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit -wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe -Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem -Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde -geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in -der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd, -liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht -klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer, -Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der -von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm -auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber -allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich -die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da -stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen -Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder -durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal. - -Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres -Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine. -Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten -Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen -- -bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht -war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer -und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der -Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches, -glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie -in Empfang nahmen. - -So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch -war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der -Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort -ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren -Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch -hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde langweiligen -Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient -der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen -Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach -langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle -gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen -fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen -und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon -sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben -Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen -Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue -Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann, -je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine, -dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten -zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher -Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen -Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu -vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch -auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das -selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist, -für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert. -So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit -unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische -Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu -einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die -handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu -höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei -und Kunsttischlerei nahe verwandt. - -Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe -Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler, -Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu -bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder -andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein -- das -wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber -gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den -sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt -worden ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige, -unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer -nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren, -die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne -Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu -liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge -umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem -Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle -zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten. - -Freilich wurde -- und damit komme ich auf das Gesamturteil über die -Arbeit in unsrer Fabrik -- bei ihnen wie bei jenen andern niederern -Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die schlimme -Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade unsers -Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit ethisch -vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip der -Arbeitsbeteiligung +aller+ an +demselben+ einen Arbeitsprodukte. Vom -Meister und Monteur herab bis zum Packer und Transporteur, schaffte -jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an einem einzig sinnvollen -Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer Werkzeugmaschine. Damit -aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger Unentbehrlichkeit -und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das Interesse auch -des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers an dem Ganzen -lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für den Arbeitsprozeß -notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die prompte, akkurate -und verständige Leistung der andern angewiesen. Man wußte genau, -wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der Bohrer genau nach -Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal kostete, Sachen, -die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar zu machen; und man -fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen der Arbeitsgenossen, -die einen in solchen Fällen zu unangenehmer Verantwortung zogen. So -orientierte man sich lieber in zweifelhaften Fällen über Bestimmung und -Zweck des Stückes und verrichtete auch die langweiligste Teilarbeit -nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung und mit verständnisvoller -Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen Maschine. Und indem so -fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen fast jeder Maschine, die -aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und sein Verdienst -hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte Handarbeiter, -der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert hatte, ihre -Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger genau sich -klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das Kunstwerk -fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge und innerer -Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein Hobel -geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, seine -Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war der -heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht -bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn -mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle -der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns -die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit -auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten, -denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier -gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß -sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische -Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst -wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt, -Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut -hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer -dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe -Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts -als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden -an jedem -- Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann -in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich -auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht -so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin -zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter -unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen -vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen -Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige -Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch -eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte. - -Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch -dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein -großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation: -nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die -immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein -Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was -auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor -Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die -Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der -Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her; -aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor -abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten -Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht -für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin -befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch -so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern -Handwerks+gesellen+; darin liegt die Ursache der dauernden -schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner -Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des -Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten -Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines -Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel -eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres -Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um -die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen -ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren -Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen, -den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu -eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt, -die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer -einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist; -gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen -und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille, -ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und -das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt -null und nichtig. So ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit -andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald -wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden -Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische -Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal -und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf, -den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche -Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei -uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb -selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu -Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die -Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche -Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die -Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und -der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und -starkes Streben. - -Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig -wurzelnde Wirkung wurde durch die +Arbeitsordnung+ noch vermehrt, -die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist -meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen -von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die -Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der -Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik. - -Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren -schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr -bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder -überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der -Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen -dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute, -die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem -Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten, -die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu -können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen -Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da -wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst fand -eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8 -und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte, -genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute -schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser -Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt. -Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in -Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen -umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor -in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung -aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich -bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die -+alle+ Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden -bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen -lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch -Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu -vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“ - -Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen -an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit -in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch -das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich. -Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten -vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der -notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte -der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche -Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die -verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen -Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war -an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu -einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine -zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte -an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen -Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise -vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte -sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde -machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der -allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein -Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und -Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben -Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein -Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er. -„Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden -jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich -nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes -statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem -Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig -geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die -ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer -Gang waren. - -Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne -bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom -Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte. -Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen -Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht -berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger -sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder -eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun -die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal -bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß -ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das -englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens -bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den -Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen -Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste -Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich -birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde, -thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken -haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit -durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde -bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu -schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und -seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit -erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem -Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß -er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen -etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde -wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in -Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein -paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der -vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an -ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht -ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden -diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner -großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem -Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn -beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ -erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir -mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich -herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im -Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte. - -Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich -bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert: - - Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach - im +Voraus+ durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder - Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen. - - Eine +Löhnungsperiode+ erstreckt sich, so lange sich nicht - eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche - bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche. - - Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode - folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden - die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender - Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht. - -Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem -Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach -Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion -innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage -folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn -Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann -regelmäßig seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen -Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht -der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu -verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist -gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat. -Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus -irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie -mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes -neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern -denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch -dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes -gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich -und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch -vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen -Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder -abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt -und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von -den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich -in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir -ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre -Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen -folgender mit Recht ziemlich strenger Passus: - - Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach - freiem Ermessen der Direktion statt. - -Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt: - - Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung - und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom - vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel, - welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist. - - Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes - Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt. - - Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des - Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung - kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die - Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich - gebilligt worden ist. - -Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt, -einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut -Anschlages jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß -in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr -vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit -die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden -der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder -gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der -Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus; -dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den -dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher -zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr -günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf. - -Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für -alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag, -der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn -es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar -drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige -Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief -in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“ -übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und -das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit -der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen -am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark -ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt -er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut -geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren -die Leute auch wohl zufrieden. - -Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge -ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die -zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in -der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich -neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem -Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und -sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das -Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die -großen Maschinen, die wie im Schlafe stumm, unbeweglich daliegen -nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein -Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner -Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne, -deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen -Fabrikfenster brechen. - -Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer -Fabrikordnung reichlich und doch -- ich kann das wohl sagen -- meist in -gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die -höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn -einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei -mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde, -letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf -das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in -beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden -konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache, -daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der -That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit -getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und -ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes -„Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen -faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen -Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen, -also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des -Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die -wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags -schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren -hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der -Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal -ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik -zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht -möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe -Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst -einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden. -In solchem Falle, der übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es -vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann -persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe -wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen -wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei -der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an -sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten -Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die -Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall -mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat. -Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden -Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten -alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren -des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon -betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie -bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit -einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen -militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in -Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der -Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige -Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung -derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends -bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären. - -Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung -der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder -verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich -die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz -beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“ -Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die -Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar -Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt -worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus -jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also -ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während des Jahres -in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und -beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand -kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in -der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen -Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer, -solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit -Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen, -womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden. - -Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines -Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen -und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen -wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt, -unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der -hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden -MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der -Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung; -jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach -Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann -gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung -einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die -nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt. -Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von -Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer -Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter -noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden -wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer -mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte, -traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen, -Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit -getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von -Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte -und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte. -Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand: -Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos, -daß in Chemnitz bereits 1100 Familienväter brotlos seien -- damals -jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die -Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen -Arbeiterbevölkerung umgingen. - -Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in -unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus -der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel -verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war, -vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so, -daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt -wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend -einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit) -eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner -Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei -Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren -Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht -mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher -Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser -Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit -besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten, -traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein -Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte -von ihnen war verheiratet. - -Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen -nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge -unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern --- derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge -zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit -verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen -anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei -dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer -Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte. -Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere -ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß -nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie -lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen Partei nahmen, -der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung -die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es -sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an -derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage -- er arbeitete -in Akkord -- war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn -ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei -seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht -habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf -dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt. -Als er -- immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen -Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne -stand -- um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit -+roter+ Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der -erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu -holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische -liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn -gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden. -Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf -die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht -darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten -Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich -hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener -Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung, -vorsichtig zu sein. - -Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die -Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig -sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich -Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in -Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand, -nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige -Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann -aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte -von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung -und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande, -daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten ihn von -diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar -mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn -diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen -und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich -weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern -bewußt war. - -Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die -von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten -acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein -Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale -niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister -Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg, -anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich -nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer -sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern -erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde, -die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand, -den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten -nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und -das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers -arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt. - -Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere -Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig, -unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das -Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier -ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit -beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe. -Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und -im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen -Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem -Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der -Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten -Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend, -der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung, -wenigstens der ältern Generation meiner Genossen im Herzen sitzt. -Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns -bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen, -die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal -aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben -Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem -einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen -hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte, -wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast -durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer -Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft -wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und -wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich -anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch -nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des -bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu -bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine -Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die -ich zuletzt schilderte. - -Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir -kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der -Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes: - - Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten - jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber - besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist - auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene - Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden. - - Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer - anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen, - beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen - Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren - Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen. - -Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei -uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei. -Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte -völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen -und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die -Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle -überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang -auszuhändigende Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere -Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen -wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage -des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist -ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für -die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich -höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht. -Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht -das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem -Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche -Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade -wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster -ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der -Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen, -daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns -gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger -von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand -beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die -wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem -Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen -im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich -weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung -zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der -sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum -Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis -der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere -Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine -volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus. - -Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen -darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz -folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war -es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken -und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und -Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von -den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen, -wo wir bei dem Leiter direkt anfragen konnten, wurden wir freundlich -und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die -freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu -denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht. -Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden -darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen -schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die -Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden -Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich -jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen -vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen -er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit -gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch -nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen -Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten, -in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine -besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu -selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter -den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht -erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten -Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten, -erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen -ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst -auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel -glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht -sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen -Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos -von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen, -immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer -wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der -Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das -furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie -sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer, -charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und -moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation -es sein kann. - -Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare -Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von -den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik -ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa -vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa -zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen -Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und -dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so -häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen -der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten, -und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam -besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half -sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt. - -Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens -der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein -unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier -zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als -Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin -behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft, -was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu -jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende -Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet -werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den -Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne -in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert. -Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch -die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum -Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten -strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales, -das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen, -u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die -nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten. -Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten -wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende -Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau mit Matratze, -Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein -Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung -bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den -Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren -war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von -den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer -notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher -auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte -jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus -geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen, -die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der -Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die -Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach -Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse, -das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter -nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen -Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht. -Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem -bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen -Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion -gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen -Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen. - -Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer -und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an -mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens -in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein -nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich -machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends -am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr -Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens -und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre -Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den -ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von -dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo, -bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden -Produktionsprozeß und bei der Freiheit und Selbständigkeit, wie -sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes -durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden -des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von -Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten. -Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen, -sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler -Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie -verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende, -ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem -Einerlei, oft an ein und derselben Stelle -- dies alles zusammen macht -unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden -Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben -jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß -geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes -- und -dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus -ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei -muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine -verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden -waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten -mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn -ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne -gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den -Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der -Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der -längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht -that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht -allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr -tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei -Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem -Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die -Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter, -starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren. -Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an -Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl. - -Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten -+Arbeitsordnung+ unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am -Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über -eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An -der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen, -steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. +Durch Annahme -der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der -Fabrikordnung+, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar -ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des -Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an -der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „+Änderungen sowie -Zusätze zu derselben+ werden von der Direktion +durch Anschlag -bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft+.“ - -Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter -dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist -deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein -maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine -Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und -der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört. -Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern -wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie -Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen -von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter; -sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade -Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende -Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und -folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters -der heutigen Fabrikarbeiter. - -Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe, -wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer -Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch -die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem -Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter -seiner energischen Persönlichkeit zurück, in dessen thatkräftiger, -militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter -und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem -man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand -gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister, -handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig, -daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht -hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen -schmerzlich zum Bewußtsein kam. - -Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem -+Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und -mit ihren Vorgesetzten+ erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer -Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen, -in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige -Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin -beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge, -und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige -Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos, -grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus -der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung -des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren, -bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine -Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen -ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der -Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten -in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das -einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden -großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere -Tischlerkolonne an die Seite stellen kann. - -Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit -selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte -Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene -Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung -arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie -ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus -der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem -fortwährenden Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst -aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die -Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem -gegenseitigen Verkehr. - -Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen -Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne, -derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig -ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern -Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man -sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder -neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene -ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere -Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier -gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung -aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus -dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das -letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag -plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und -erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem -aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und -mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die -Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen -zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche, -politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den -Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen. -Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle -genügt die eben gemachte Angabe. - -Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo -immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche -Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den -achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich -die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem -Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte -es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche -von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten -und sich, wie es im Volke heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur -einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen, -rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm -dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen -beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin -und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden -sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter -längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir -glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“ -Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig -ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen; -ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von -hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich -nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei -schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen -und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen -den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern -kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache -niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung -meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu -zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und -unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon -verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht. -So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt -glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich -ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen -darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe -auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden. - -Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen, -freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man -mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten -Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie -traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden. - -Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der -Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der -Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen -Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen -begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter -des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage -des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische, -scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen -immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß -man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein -Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die -fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab -und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der -unaufhörliche große Lärm das Hindernis. - -Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in -den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter -Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne -und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb -seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf -über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter -verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter, -Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister -mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und -selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies -aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die -Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber -häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon -ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der -angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft -und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene -Neigung in lebendige Übung bringt. - -Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf -Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten -der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen -in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch -vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich machten. Oder ein guter -Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur -scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst -eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders -zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten -die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man -ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg -trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur -Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den -beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen -zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich -kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu -stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches -Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern -den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf -unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in -die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich -unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher -Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich; -und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und -ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den -leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller -und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen -Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und -Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter, -ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und -ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert. - -Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns -Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich -gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede -zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben -zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser -Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere -Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer -Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst -Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter wieder gehorchten, -sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen -ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede -Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen -nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn -er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat -und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu -thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister -wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er -sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar, -und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als -„Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch -bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die -Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und -wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der -Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit? - -Ja. - -Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar -nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier -fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre -suchen und mitbringen. - -Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit. - -Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung -von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von -Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit -betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der -Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige -oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten -vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als -Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren, -erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen. -Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren -eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den -allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß -einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden dauernd -entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden. - -Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen -Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren -deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren -Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten. -Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie -und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als -verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein -wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die -Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein -gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte -darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges -Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel, -wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt; -viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete -selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die -Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach -der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird -der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der -vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in -irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte. -In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein -polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern -einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker -zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und -Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge, -dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und -darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur -unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten. -Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem -Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen -Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können, -daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere -Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist -um seine Existenz ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte -Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so -groß sein als dort. - -Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem -Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet; -da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig -aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen -Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für -ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die -Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung. - -Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister. -Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen -Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik -herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und -noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch -ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen; -sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während -der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche. -Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den -höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie -sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel -in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im -Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der -einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten -die Arbeiter alle und hatten -- was von besonderer Bedeutung ist -- -Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des -einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an -und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute -nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich -Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von -den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene -Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das -alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu -den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch -sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt. - -Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum -Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es angenehm -oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der -eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein -und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht, -hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte. -Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber -eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von -seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein -heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht -und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten -ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher -Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu -beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der -vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten -großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann, -wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu -behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch -einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen -andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh -morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und -da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht -gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht -taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute -anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die -jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten -dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine -Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten. -Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise -gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann, -je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen -manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der -Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender, -bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben, -bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner -Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle -seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die -Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch ganz seinen Mann -zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse -Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche -Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten -ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen -irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch -diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem -Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten -sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit -und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die -sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen. - -Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten -Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich -auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen -die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie -die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine -äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch -eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem -andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa -mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in -der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich -die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten. - -Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft -zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und -Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich -als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich -und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache, -daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur -selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah, -so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über -das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor -und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab -besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau, -der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln -hatte: auch nicht den kürzesten Gruß zu uns brachte dieser Herr über -die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu -grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen -schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger -wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer -Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen -höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte. -Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher. - -Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen -Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich -und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen: -einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der -verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen -darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller -nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte. - -Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so -wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht -zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer -großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer -Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip -der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten -und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen -beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl -aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben -überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien -Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute -Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter -und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat -man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich -diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen -angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte -Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen -Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen -Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr -selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen -Charakter an, der es bewirkte, daß der Arbeiter sich ohne geschriebene -Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst -subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und -seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet -ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen -Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der -Leute sein müssen. - -Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer -bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und -höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden. -Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie -beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit -in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen -mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig -nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte -repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die -Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte -Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen -zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete -und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen -menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt -wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre -Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit -zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer -harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit -zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines -Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig -oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut -der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das -gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt -vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und -ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr -wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen -Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle -Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden -Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen -erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung -sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der -Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind -sie -- mit oder wider ihren Willen -- durch den Druck einer neuen, -bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung -einfach zu erziehen. - - - - -Viertes Kapitel - -Die Agitation der Sozialdemokratie - - -Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen -Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten -und Dresdner Kupferschmiedemeister +Försterling+ in den -Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm -ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein -Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877 -als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den -Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie -den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser -sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn -jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder -ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz -Schuldirektor ist, gewählt. - -Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der -Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier -„in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881 -über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische -Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre -Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl -700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen -gezählt worden sein sollen. - -Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers -die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den -meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die zu bemerken -war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend. -Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige -irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt -hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für -die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren -diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist -nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe -bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von -auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat, -schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die -Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1-200 Mann; es waren -die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben, -wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte -Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung, -zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der -im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien; -die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten -diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate, -die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte -ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die -Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für -die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und -Vorstadtdörfern. - -Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei -herannahender Reichstagswahl, seinen +sozialdemokratischen -Wahlverein+, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge -und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich -aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei -zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags- -und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei -großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen -Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die -Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen -für die Parteigelder und -- das bedeutsamste an ihm -- die Hochschule -für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten -Arbeiterbildungsvereine, nicht nur besondre Institute, wie deren in -Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann -dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche -Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers -Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer -von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf -den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung -von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der -von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins -sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften -Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer -denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins -sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß -+jeder+ redet, +jeder+ sich ausspricht. Und wenn das auch in -der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht -zu werden, +denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen, -damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern -mit Erfolg antworten zu können+.“ Und ich muß sagen, man kam dieser -Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht -Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und -Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es -herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form, -in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die -ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer -Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine -Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen -Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter -uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und -praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und -Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte, -deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen -Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten -gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug -vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit und fast kindlichem -Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu -meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in -diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe -verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar -darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen -Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die -geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem -Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der -Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten -geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der -Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der -Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren -die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab, -leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur -dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen -Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder -sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert -der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden -immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten -sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten -zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch -anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem -betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja -zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen -Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die -sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der -Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen -Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint. - -Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer -anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit -verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die -Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen -und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu -und trank im Durchschnitt daneben ein, höchstens zwei Glas Bier, -einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige -verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen -der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein. -Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche -Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere -Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der -Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen -Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung -sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große -agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit -ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen -Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie -sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten, -bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen -Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er -imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in -sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine -Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und -der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei -Versammlungen mit den politischen Gegnern. - -Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer -derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des -Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder -- in Fällen -der Behinderung des angekündigten Referenten -- Vorlesung einiger -Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner -Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und -Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit -denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der -Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man -sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen -Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen -immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch -nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch -einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer -bescheidnen Ecke des Zimmers aus überwacht. Doch rührten diese sich -nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern -und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte -sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich -denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer -gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns -gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken. - -Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den -Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine -Gelegenheit, dem +Fachverein+ unsrer Chemnitzer Metallarbeiter -näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und -ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu -erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich -zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte, -namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das -wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste -beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter -den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen -Arbeit sei. - -Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration -unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige -Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie -war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide -Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in -lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich -durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der -Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste, -eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen -aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch -war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man -kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen -unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten -Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten -bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen -allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken -stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren -Unterwirte sozialdemokratisch. In fast allen dieser Fälle war es -offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte. - -Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften, -sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig -und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen -auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser -Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren -weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der -allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller -ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten -Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich -ein neues Zeichen dafür, welch eine +reale+ Macht auch die -sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist. - -In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun -neben den +Lokalzeitungen+ anderer oder überhaupt keiner -Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer -auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor -allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter -aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel -die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz -Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich -die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im -kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es -galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine -Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man -hielt in der Hauptsache -- entweder allein oder, was noch häufiger -war, zu zweien und dreien -- eben die sozialdemokratische „Presse,“ -ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische -Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte -von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der -jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen -Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene -„Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“ -ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon, -häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer -Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und -Arbeitsstellenanzeigers ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl -nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten, -die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“ -Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten, -von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu -halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und -genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von -Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm -gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens -unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur -Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe -ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan -des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur -Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt. - -Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte -in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener, -der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische -Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die -in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die -sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques, -Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel, -Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann -zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei -Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon -war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein -aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten, -auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei -sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es -ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl -zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit -nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur -solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der -Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige -Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen -wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte -eingefleischter Bourgeois sind, zum Verkauf stellen. Auch diese -sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen -Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute -der heutigen Volksbildung. - -Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die -Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten -sozialdemokratischen +Witzblätter+, die jener Kolporteur vertrieb. -Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf -ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt, -die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber -prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist -für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie -ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen -sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen, -eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer -blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung -alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch -nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit -echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von -Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so -harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da -ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da -kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen -Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und -geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten -und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht, -doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert, -daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu -einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der -fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann. - -Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast -allsonntäglich stattfindenden +Arbeiter- und Kinderfesten+ -entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der -Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit -wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte und -Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei -jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere -Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat -deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf -die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden, -namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer -durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden -kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand -amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich -auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist -einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen -der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die -nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser -selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung -und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen -Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie -noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe -ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen -von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch -besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht -fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern -Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge, -als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht -zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie -sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen -Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter -Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch -allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte -Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr -viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich -hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke -steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu -sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite -Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches -sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die -meisten andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und -Volksvergnügungen auch. - -Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das -glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener -drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf -der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz, -und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden -erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der -Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder -sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest -mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und -Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos -man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war. -Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen -Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ -sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein -süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle -Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über -die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den -Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig -lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne -Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte -sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei -in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka, -die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des -Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen -Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der -Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem -Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz -tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch -an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz -zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen -Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen -großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren -gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten -Natürlichkeit zu entbehren pflegte. - -Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern -auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in -Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben -wurde und folgendermaßen lautete: - - ~Ergebenste Einladung~ - - ~zum~ - - ~grossen Sommer-Fest~ - - ~des~ - - ~Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter - Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts - +Sonntag, den 3. August 1890+ im Kaiserhof zu Einsiedel. Bei - wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.~ - - ~+Programm.+~ - - - ~I. Theil.~ - - ~2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.~ - - ~3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von - Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.~ - - ~3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.~ - - - ~II. Theil.~ - - ~1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle, - genannt Achtstunden-Capelle.~ - - ~2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei - Geschlechts.~ - - ~3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit - Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf - aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.~ - - ~4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.~ - - ~5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen - Geschlechts.~ - - ~6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der - Welt.~ - - ~7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.~ - - ~8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause - gehen.~ - - ~9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber - nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.~ - - ~10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen - Händen zu erkennen.~ - - ~11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze - vorhanden sind.~ - - ~Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste, - welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.~ - -Das Konzert dauerte freilich nur von 4-5 Uhr. Währenddessen fand in -dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration das Klettern der -großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der -Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer, -Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen -Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher, -Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die -bedruckten Taschentücher das farbige Bild -- Kaiser Wilhelm ~I.~ -zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz -begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz -schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine -Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder -etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach -bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer, -Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern, -die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller -begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch -hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der -bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für -Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es -nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem -Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten -Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit -Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts -bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel: -die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein -eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter -Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin -war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen -Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin, -als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche -Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene. -Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien -untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle -wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe -Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte -man ihnen hohnlachend eine Nase. - -Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regnerischem -Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches -Kabinett, darin ein Faß mit -- Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen -in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen -an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und -Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen -runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der -sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der -eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten -war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte -das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten -zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war -heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit -des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten -Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder, -bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen -Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches -gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde. -Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch -sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem -Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen -Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am -Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik -als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie -sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die -übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es -herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten -sozialdemokratischen Kinderfeste. - -In der +Fabrik+ selbst, während der Arbeit war von einer -offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen -Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor -allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors. -Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng, -aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er -hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über -der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle -Schippel!“ Er ignorierte das einfach, wie das „Hoch die internationale -Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst -hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal; -draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin -nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man -wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot -zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war, -gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat -gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck; -im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf, -einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des -Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt -in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer -Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß -die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter -charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch -die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im -Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde, -so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft -unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen -zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche -Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht -paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und -darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine -Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten -Einspruch zu erheben wagte. - -Das ist, was ich an +planmäßiger organisierter+ Agitation -der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich -behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte; -aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre -+Leiter und Hauptträger+ war die nicht allzu zahlreiche Schar der -Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der -Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die -Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen -die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer -in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine, -die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen hervor. Sie -allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht -in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren -ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen -von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den -öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern, -die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in -den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten -auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst -einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie --- äußerlich wenigstens -- widerspruchslos als die Führer anerkannt, -und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher -Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits -erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten -Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder -von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser -als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die -Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab -es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer -Agitation standen, und die -- namentlich einer von ihnen -- in den -Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders -das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der -Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man -wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu -gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern -Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige -Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden. -Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an, -lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die -sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig -organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten -Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher -einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger -gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen -18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem -Thatendrange überquollen. Sie waren die allerbrauchbarsten und -gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge -grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs -schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die -etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab -sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte -wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu. - -Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der -Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle -geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im -Gegensatz zu dieser die mehr +freiwillige+, +irreguläre+, -+zufällige+, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden, -den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger -überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß, -den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst -wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das -Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt -sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer, -verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken, -ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie -aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde -nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort, -keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine -äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B. -auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders -wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit -der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an -deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie -ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung: -nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden -am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither- -oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während -der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach -Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen -Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo -immer zwei oder drei Menschen bei einander waren. Sie machte sich, -und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren -Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen, -die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre, -Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja -in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten -Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das -ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, +diese+ -Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht -bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und -eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des -innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als -eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die -Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt, -weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall, -wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders -bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht -und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht. - -Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der -irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern -organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus -verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum -schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That -sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu -bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil -da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein -pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten -Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen -wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte, -die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den -Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten -Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen -einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir -sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber -er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte -mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes -angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform, -Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine -besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu -zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen -Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole, -daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen -dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man -ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen. -Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche -Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der -Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten -wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach -Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu -arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf -ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache, -daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des -Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv -als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus -einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in -diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen -Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die -Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten -Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt -- also eine -gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den -Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte. - -Ihrem +materiellen Inhalte+ nach hatte es diese ganze Agitation -nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und -ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte -zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen -Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft. -Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue -politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht -nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung, -die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische -Anwendung der Lehre von der +natürlichen+ Weltordnung im Gegensatz -zur +sittlichen, göttlichen+ ist. Ich habe dies an dieser Stelle -nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen -der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer -bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und -Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte -kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt -und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht, -wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit -dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich -hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen -Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims -Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene, -d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der -dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch -- wie -jene -- durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch -zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht -Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal -nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen -Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten -Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher -in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei. -Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten -Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich -während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde -da nun zu zeigen haben, +daß die Wirkung dieser so vielseitigen -und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger -tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll -für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken -der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre -geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen -Charakter+. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle, -organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze -der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert -vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter -zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige, -unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen -ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung, -die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft -selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, -- wenn es -nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu -ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja -vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen -Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener -spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es -im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr -oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und -sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so -sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer -die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer -das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große -sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam. - - - - -Fünftes Kapitel - -Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen - - -Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation -ist die Thatsache, +daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und -Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit -der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie -mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls -in ihr, dieser Arbeiterpartei ~par excellence~, ihre einzige -starke und berufene Repräsentantin erblickt+. Der Arbeiter, mit dem -ich Umgang gehabt habe, ist -- bewußt oder instinktiv -- durchdrungen -von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und -der Unternehmer Interessen; er ist erfüllt von dem Drange nach -einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen -er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem -Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er -hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie -die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche -wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er -weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses -Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und -Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die -sozialdemokratische Partei. - -Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem -sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und -- ich bin dessen ganz -gewiß -- keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen -Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei -lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat, -und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals -wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und -Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete, -Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule, -Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und -Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis -auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich -als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre -Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr -als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt -Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist -der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die -Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch -immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die -Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter -ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in -ihren Leiden, Freuden und Idealen. - -Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus -dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem -Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben alle bis auf den -letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und -wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“; -„Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles -sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht, -ist immer dasselbe, eben die Meinung -- ganz im allgemeinen --, daß -Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar -scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen -direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder -gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400-500 Mann unsrer Fabrik -Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch. -Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen -Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem -irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen- -oder Vergnügungsvereine angehörten. In +diesem+ Sinne war -allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen. -Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber -- im -weitesten Sinne -- war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner -Arbeitsgenossen. - -Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer -Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können. -Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte, -etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine; -der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief -angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden -Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen -mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte -von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte -er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich -beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich -mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten -das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im -Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit -und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht -zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren. -Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen -mutigen Nichtanhängern an die Sozialdemokratie nur die verschwindende -Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich -zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten. - -Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter, -über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter -Sozialdemokrat gewesen wäre. +Das gilt vielmehr von kaum drei, -allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar -jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und -Schülern.+ Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften -der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein -kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine -Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele. -In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden -Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die -Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und -zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe, -mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet, -bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch -in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms -Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen -imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und -Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte, -manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt, -aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von -der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen -persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe -und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der -Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und -Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man -hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck. - -+In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen -Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und -klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier -waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten, -verworrensten Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und -Färbungen vertreten.+ Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen, -die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die -persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und -erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern -nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten, -nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig -noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung, -persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur -sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen -Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei -weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen. -Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten -auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre, -erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr -von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen -Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten -Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen -Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer -Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den -klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem -nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser -Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und -je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner -größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres -oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres, -vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von -politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit -der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal- -und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine -Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer, -freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in -roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren -bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör -gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder -dieser Leute eine besondre, von dem andern verschiedene Stellung zum -sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste, -ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und -wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von -ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften, -brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen -wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es -ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende -Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie -zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie -natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können -und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene -Züge davon hier wiederzugeben. - -In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst -einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten -radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms. -Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur -konsequent Opposition machte. +Aber bei der Mehrzahl dieser -Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern, -nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter -ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch -der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär.+ Es -waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres -Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu -hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der -Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und -so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit -diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon -überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen -niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut -gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon -älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der -Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft -haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert -und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls -sehr kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir -einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie -ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich -mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet -bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. +Doch -mache ich mir meine Gedanken für mich.+ Ich bin auch nicht für rote -Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts -alles nicht. +Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen -gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein.+ Das fällt -uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in -der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen -heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich -nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht, -auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre -Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in -der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit -auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden -zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung -aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war -über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und -Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die -Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische -Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren -freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann -genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der -Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl -oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht -noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet, -dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel -nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie -im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner -mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den -Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie -es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungsäußerungen -nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder -falsch sind -- bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das -letztere behaupten --, sondern darauf, zu beweisen, daß +geistig -begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im -allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen, -doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den -Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit -ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis -haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen -Gesellschaftsordnung+. - -+Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter -am stärksten die augenblicklichen+ und -- für Höherangelegte und -Weiterausschauende -- auch die ferner und prinzipieller liegenden -Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn, -an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und -Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der -vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend -eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig, -aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man -übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig -verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich. -Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel -weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her, -oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden -Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte -hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für -andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer -politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe -schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache, -die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung -und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder -der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das -meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung -des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu -ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche -Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen -Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen -Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche -Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß, -widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit -sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also -gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel -Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt -waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher, -Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt, -gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen -mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die -zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben -Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar -nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer -Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere -Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen -steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man -in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine -gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an -einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz -großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten -Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren -freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich -persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber --- ich vermute, es ist anderwärts auch so -- gerade diese Wünsche -ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben -Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine -blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse. -Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe -- worauf für sie -doch so viel anzukommen pflegt -- und ermöglichte ihnen, einen viel -größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm -heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich -die Gedanken über Fragen +unsers+ Betriebes über diese hinaus bis -zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie sie allerdings -die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann -jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen -Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare -Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in -der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen -sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit -ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter -die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des -kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der -gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast -vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso -leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben +ihre+ -Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt -sei, daß eben +sie+ die Maschinen bauten, sie die eigentlichen -Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik -repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und -Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne -spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich -kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis -ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene -erbärmliche, vaterlandslose, +politische+ Gesinnung der Führer -und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten -Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles -wahrhaft Patriotischen und +patriotisch Notwendigen+ verführt. - -Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser -letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser -Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter -ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster -Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande, -dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche -Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich -auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der -Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen, -so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser -und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu Bismarck -ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu -können, für die ich die Bürgschaft übernehme. - -Über das +Militär+ habe ich mich nach meinen Notizen wohl -fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder -absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten -Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa -gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden. -Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen -Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede -Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner -Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der -Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den -Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten, -erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer -Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst, -dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von -Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison -inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in -besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende -Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders -empfängliches Auge zu haben. - -Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück. -Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf -kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung -von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den -Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher -war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt -Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern -hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen -strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als -Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa -einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein -älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne, -oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und -die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern. -Dann gabs auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im -Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter. -Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger -Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer -Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder -Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher -nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an -und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an -die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder -weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll -und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein -ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das -schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles -sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen -sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten. -Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er -hatte dafür -- ich sprach mehrmals mit ihm -- nichts andres als nur -Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich -etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn -Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit -etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch -auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer -Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher -Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als -Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den -Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden -bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals -als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich -ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von -seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das -ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und -unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten -Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal -bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel -derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie -zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck: „Wir sind mit Leib und Seele -Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte -ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch -einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft -redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht -Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben -lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und -der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich -mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im -Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich --- einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie -allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser -kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr -zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere -beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben -- nach dem -ganzen Eindruck, den ich davon hatte -- mehr nur diesen Personen und -einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung. - -Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische -Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst -nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das -natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte -das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und -erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung -der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der -gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee -ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir -Arbeiter allesamt hungern müssen. - -Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern -Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war -das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten -von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die -Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat -die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie -zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in -England, Spanien u. s. w.“ - -Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur einmal beim -Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit -einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern -einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann -der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte -den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu -schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst -problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war -eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine -andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer -nur freundliche Gesinnungen. - -Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei -denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich -habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger -und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem -Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit -und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten -aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger, -ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden -Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und -Schützen in Meißen beigewohnt -- aber an die Ausführung dieses Wunsches -war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde --- und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte -ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir -die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und -manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die -vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen -Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis -für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch -trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter -der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das -deutsche Volksheer hegte. - -Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den -idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht -wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist, dem Könige im -Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes -an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das -frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen, -lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder -nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache, -daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste -und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens -ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man -sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse -und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern -und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die -Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal -gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem -Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem -Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen -Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern -fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen -für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden -wollen. - -Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen -Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten -und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob -Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und -es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter -den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber -standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen -ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine -offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen -verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein -und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt -niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht -doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst -nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und -vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat, -hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen, -daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen Vereinen und auch -die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“ -Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den -Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings -zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies -bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die -Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das -königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum -größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen -beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde -Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den -zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir -sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die -Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine, -vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in -ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer -Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber -da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie -ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen -zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort -besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es -zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede -Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei -andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache -die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der -politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den -ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng -reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation -und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der -Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten -mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und -Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte -Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß -diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen -vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge -im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser Frage -zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht -erkennen. - -Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens -- ich darf dies -an dieser Stelle gleich mit erwähnen -- der Turnverein unsers Vorortes. -Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser, -Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber -gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten -aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl -fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und -ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder -nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft -zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem -die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich -und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander -hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen -Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und -hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in -einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben -Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle -ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That -„reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine -geworden sind. - -Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über -die Gesinnung dieser Leute gegen den +deutschen Kaiser+ und den -+König von Sachsen+ gemacht habe. Zwar war es hier natürlich -besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann -hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht -traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie -zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig -verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse -dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder -seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch -daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre, -die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten -auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen -Zuneigung und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit -noch hin und her schwankten. +Aber für die große Mehrzahl eben der -Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische, -volkstümliche Gestalt.+ Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne -Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn -mit anhörte und ihnen zustimmte -- das wäre in diesem Falle noch kein -Beweis für meine Behauptung --, sondern ich habe auch selbst aus dem -Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser -ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute -also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese -Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten -Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und -zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch, -seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs -Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde -alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein -schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück -wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle -andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem -glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im -Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen -für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem -regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt. -Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem -Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten, -meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien -verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der -sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle -ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik -über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie -Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener -Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein -neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde, -stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz -entschieden die Arbeiter gegen die Anklage der Reichsfeindlichkeit: -„Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre -falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem -ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen -durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre -in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte, -sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich -bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König. -Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge -ich durchs Feuer. +Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt -(genug).+“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half -wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters -her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige -reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit -man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich -die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie, -der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat. -Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische -Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern -Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und -Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos -geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür -ist -- nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache -- doch -in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“ -vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen -redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte -Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er -nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der -entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist. -Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen -Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des -Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch -den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte -Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm -ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen. - -Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, +daß der -weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an -keine gewaltsame blutige Revolution dachte+. Ich habe auch für -diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als -Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen -meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen. -An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers -Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und -seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein -sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich -Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere: -„Wir Arbeiter +wollen+ keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet -dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon -so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein -paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner -Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre -zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand -daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen, -glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden -schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte -eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten. -„Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in -Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn -man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener, -selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst -die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken -zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“ -Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller -Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir -Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den -Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung -der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender -Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern -vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage -unsers Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen -Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren -sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und -Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns -schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er -maust sich, was er braucht.“ - -Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse, -die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten -stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende -Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich -zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und -Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er -genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder -von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, +ohne Kampf+ eine -Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt, -zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen -ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine -Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld -seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache -durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen -Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige, -aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien -in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste -soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der -Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die +Gefahr+ einer Revolution -keinen Augenblick. +Sie liegt aber nicht in der Absicht, in -den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der -Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder -Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem -in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch -die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten -wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der -sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.+ -Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch -immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein -sozialistischen und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große -Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen -Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern -und Breitern zu reden haben. - -Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun -auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant, -daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von -der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut -keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil -davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der -Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit -dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen. -Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends -Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie -zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah -immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die -unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es -gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst -die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu -leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war -jedenfalls nicht das geringste zu spüren. - -Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich -zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter -der +gesamten+ Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis zum -harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck hat -Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender gehaßt -da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn herrschte -+eine+ Ansicht, +eine+ Stimme: „Bismarck ist der größte Arbeiterfeind“ -und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind wörtliche Zitate, die ich -mehr als einmal gehört habe. Einmal standen wir etwa ein halbes -Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen Wand, in die ich mit -der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da schrieb einer ganz -plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen Buchstaben an die Wand -und gab uns auf zu raten, was das bedeute. Er löste uns das Rätsel dann -selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder Buchstabe des Bismarckschen -Namens, je von vorn und hinten gelesen, war der Anfangsbuchstabe eines -Wortes in diesen zwei Sätzen. Der eine hieß: „=B=ismarck =I=st =S=einer -=M=ajestät =A=llmächtigster =R=eichs-=K=anzler“ und der andre: „=K=ein -=R=eich =a=rbeitet =m=it =s=o =i=ntelligenten =B=eamten.“ „Ja,“ sagte -ein andrer darauf, „Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. -„Bismarck hat die meisten Steuern +gebildet+,“ war die Antwort. In -beiden Fällen wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder -mit einem andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns -lag. Der Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder -+vor+ noch +nach+ dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und -doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von -seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist -Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist -er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und -Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender -war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern -mit anhörte. - - A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“ - - B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht - neue Attentate an, wie 1878.““ - - A: „Wieso denn?“ - - B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren - Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher. - Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz - erlassen zu können.““ - - Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“ - - B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober - endlich aufgehoben wird.““ - -So thöricht auch dies ganze Gespräch ist -- es ist der höchste Grad -von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch -nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert -erscheint. -- - -Aus der breiten Masse der bisher geschilderten -Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch -eine besonders bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten -manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es -waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten -und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den -weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen -Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn -auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die -aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei -nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren, -sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr -Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in -den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien -Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer -lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit -der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen -Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der -sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie -sie thaten, waren sie -- mochten sie noch so sehr sozialdemokratische -Gesinnung dabei durchdrücken wollen -- doch gezwungen, mit realen -Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen -Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den -problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und -erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte -Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und -sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu -den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher -ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen -Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr -vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche -Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht. - -Diese Erfahrung, die ich da eben ausführte, und für die ich auch -besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der -sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen -könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise z. B. -einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins. -Hier trug an diesem Abend der damalige, jetzt auch abgedrückte -Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube -eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene -Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur -Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus -sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß -das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es -jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und -die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht -abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene -annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses -Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal -mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz -allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer -mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll -wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen -verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht -wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über -die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man -empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches -die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man -irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung -immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang -einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung -herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden -Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich -des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und -seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die, -des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer -in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz -sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene -Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre -Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die -sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es -stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer -Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse angemeldet -waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine -Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung -kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und -- -Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für -die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum -bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z. B. die Notwendigkeit -einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages -am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten -Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener, -mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den -Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze -Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren -geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag -an derselben Stelle bekannt gemacht. - -Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam -nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen -Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar -- ich wiederhole das -nachdrücklich -- fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in -den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die -Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch -auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich -schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und -seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern -der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen -andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders -deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in -einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den -offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter -schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern -befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos -zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen -nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr -lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller -Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch, -daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise -mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer es möglich und nötig gewesen -sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung -und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten. -Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns -zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann -haben sie meist Einsicht und gehen +mit+ uns, +gegen+ ihre -eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und, -wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es -ist vorgekommen, daß +wir+ gegen Zubilligung von Schadenersatz bei -Unfällen, die Arbeitgeber +für+ einen solchen gestimmt haben. Aber -freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und -billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen -auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit -ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden. -Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer -mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische -Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die -offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die -Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn -wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten -mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch -gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung -geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders -stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an -der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden -auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann. -Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies, -daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein -wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern -zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische -Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern -Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem -diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der -zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der -Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse -eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie jene andern in den -offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk -von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten -zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten -- in meinen -Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt -in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit, -die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer -Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier -traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen -Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren -Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger -gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das -glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That, -namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen -Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur -in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit, -schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an -dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu -Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben -Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so -Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der -neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden -Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen, -die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen -zu belegen nicht imstande wäre. - -Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher -zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte, -nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. +Sie -umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und -soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich -bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr -als solche fühlen und wissen.+ Sie sehn nur sehr selten einmal -in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine -sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische -Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische -Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig und genußsüchtig, oder -zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch -- die -bedauernswertesten -- dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit -zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst -nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer -Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung, -nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit -ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders, -womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier, -die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der -ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille, -gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand -den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der -wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es -sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche -Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch -unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen -dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. +Denn nach allen meinen -Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare -und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die -vermuteten üblichen sozialdemokratischen.+ Das hatte, wenigstens in -der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund -in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten -Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und -Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als -möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die -besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben -sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch -Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen -Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat, -durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die -- nach meinen Beobachtungen --- +nicht zahlreichen+ jungen unverheirateten Leute aber, die -sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die -politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch -mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend und sind, wie schon -gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte. - -Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf -und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: +die -stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil+. Sie pfiffen -- -wie es gar nicht anders zu erwarten war --, auch wenn man es ihnen -noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle -Sozialdemokratie, +wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten+. -Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der -sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung. - -Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen -Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst -der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen -Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue -vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos -und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern -Kampfe zugestanden. Aber so und so -- in all den kleinen Fragen des -täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik -auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich -diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der -Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen -der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die -Entscheidung und den Ausschlag, sondern -- zum Jammer der führenden -sozialdemokratischen Heißsporne -- +die von jedem selbsterprobte -praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung, -die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an -Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter -ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche -Interesse+. - -Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage, -bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung -in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so -interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über -die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der -Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier ausführlich -darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf -unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in -diesem Falle ~bona fide~, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen -und Willen gehandelt haben können. - -Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich -ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt: - -„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u. s. w. auch -die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir -eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen. - -Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr -überschritten haben. - -Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und -mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt -sein. - -Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen -der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens -bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die -meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das -Resultat durch Anschlag bekannt gegeben. - -Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese -Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor, -und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere -Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben. - -Bei der Stimmenauszählung haben sich - - Dreher H. und Schmied N. - -zu beteiligen.“ - -Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck, -bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter -kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die -einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist -jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige -und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. +Die Wahl ist eine -offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte -ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen.+ An seine Stelle tritt -der mit der nächst höchsten Stimmenzahl. - -Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft -und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich, -so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage -herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn -still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig, -wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls -nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art -teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn -ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit -dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem -ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem -Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer -Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung -über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie -hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind. -Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die -Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich -sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache -um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts. -Nach ein paar Tagen aber war man -- so war wenigstens die allgemein -sich äußernde öffentliche Meinung -- darüber einig, daß die ganze -Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein -schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese -schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung -jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar -denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte -man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten. -Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme -und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck, -denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei -wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber -solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der -fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre, -und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt -haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe der -Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus -ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft -wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der -Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen -für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage -der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes -wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte -man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht -um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von -Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem -Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen, -wieder einmal die Dummen. - -Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn -ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an -dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt -Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen -hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer -Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer -Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und -forderte +alle+ Arbeiter energisch zur Wahl auf. +Das wirkte. -Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die -durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten.+ Ihre Namen -wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für -konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die -diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik -war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser -Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach -fragte -- niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf -sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die -Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes. - -Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie -betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik, -einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher -gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein -verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann -arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so auffällig -eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man -den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den -allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar -für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das -sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß, -den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was -zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch -in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft: -Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel -versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine -und klare sozialdemokratische Gesinnung. - -So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit, -daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie -bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter -ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der -trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter -noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft, -die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf +diese+ Agitation -verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge -erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der -Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen -Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in -Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte -ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische -Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und -tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern -Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat -sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese -sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten -als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben -und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die -Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn, -vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir -in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen -zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch -auch Thatsache, daß sie sich andern politischen Parteien und sozialen -Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht, -bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und -selbstverständlich als +eine+ große Masse entgegenstellen. - -Nach alledem darf man sich die Arbeiterschaft, unter der ich lebte, in -Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine -uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern -vielmehr -- in einem Bilde -- +als einen gewaltigen pyramidalen Bau, -zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest -und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben -vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und -der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern -Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur -deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus -nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem -Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.+ - - - - -Sechstes Kapitel - -Bildung und Christentum - - -Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei -Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern, -Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen -Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen; -aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz -selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit -bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber -Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik -gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker- -und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen -Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein gekommen -waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen -zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner -auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten -Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg -gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem -Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen -Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt; -die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter -verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der -Maschinenarbeit und auch -- freilich zu einem geringen Teile -- der -gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute. - -Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen -auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die -Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das -Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei -sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden -sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander -getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark -aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter -dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen -neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah -bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger -sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie -die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete -immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache -Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen -Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem -frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie -eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu -bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie -hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den -Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale -und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten, -Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne -technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik -blieben, doch hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der -eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden. - -Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit -nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen -Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der -+geistigen Bildung+ deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist -freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig -würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran -Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die -Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals -ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus -sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der -einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für -die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art -von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede -dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier -des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß -genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen -meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei -Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei -Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit -der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht, -deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft -und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der -Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern -deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen -geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine -eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine -jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter -verkörpert war. - -Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an -meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte -sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und -konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen, -biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der -Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen qualitativ -und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber -nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen -Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger -in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die -Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art -seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und -gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier -wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und -Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen, -besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der -Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende -Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile -Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch -ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie -und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der -religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die -gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der -+Gemeinde+ herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt -ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe -immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und -Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt -sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben. -Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt -und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf -in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist, -auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung, -so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab -und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat -seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische -Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue -Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und -endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch -und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist -die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine -Anregungen holt. - -So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis, -den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich -aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine -Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen -Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen -Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er -allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den -Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen -Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar -verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des -Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums -bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und -sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes, -undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein -dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den -Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim -und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach -wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige -maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das -gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt, -so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen -bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche -Gemeindeleben geregelt. - -Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so -fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren -Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch -die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie -stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der -Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“ -sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem -andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über -dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende -Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann, -sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des -Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz -besonders gewöhnt, die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für -die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war. - -Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten -gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den -Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß -heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht -als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und -Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert -sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt -zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend -Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche -Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende -Lebenskraft; Jesus Christus -- nach dem Vorgang des Dogmas -- mehr ein -metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit. -Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch -der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des -Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für -die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den -mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute --- nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen -- nicht. Vielmehr -ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche -Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos -verwischt ist. - -Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den -Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche -Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige -Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der -Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder -weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre -Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten -Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren -intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann -fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte. - -Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus -meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien eben -erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht -hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger, -der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen. -Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort -vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes, -geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht -den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen, -wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie, -z. B. der Geographie, Naturgeschichte u. s. w., und jedenfalls die -praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu -geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar -ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange -nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der -in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der -neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem -Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas. -Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede -Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde. - -Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer -Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil -des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern -Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist -auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht. -Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken -längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen -Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und -Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse -ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und -sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi -- und all das -immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen -Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen -Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der -Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man -in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer -Notwendigkeit allgemeingiltige Autorität eliminiert und die modernen -Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in -eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten. -So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der -andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird -andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit -Peinlichkeit isoliert. - -Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum -Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen -noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der -rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten -vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt, -in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei -uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale -Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen -Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser -große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar, -und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis -durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine -so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur -Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer -als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird, -mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen -Christentums zu bezahlen pflegt. - -Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die -Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer -Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich -hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach -Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf -etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten -achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit -der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch -hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe -überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen -Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff. - -Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel -schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern dieser -Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende, -verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte -zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen -lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden -Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste -Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter -von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden -früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer -Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann -häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz -aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der -das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt, -ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des -Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten. - -Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen -und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren -Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in -der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr -eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die -Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis -und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die -frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht, -die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine -Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit -der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit -sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar -gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten -und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten -Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und -gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und -bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang -und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie -hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken -heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge -rings umher. - -Dieser Bildungstrieb nun sitzt tief als eine elementare Macht in vielen -Köpfen und Herzen dieser dritten Gruppe von Arbeitern unsrer Fabrik. Er -trat täglich und überall dem Beobachter entgegen und kam in immer neuen -kleinen Einzelzügen, in Worten und Wünschen, in Fragen und Seufzern zu -bald klarerem, bald unklarerem, bald ernsthaftem und schmerzlichem, -bald komischem und heiterm Ausdruck; in besonders kraftvollen -Naturen äußerte er sich geradezu als eine Art von Bildungshunger, -der urteilslos und unterschiedslos verschlingt, wessen er habhaft -werden kann; aber seinen unmittelbarsten und grandiosesten Ausdruck -erhält er doch in der internationalen Bewegung für den Achtstundentag. -Das ist nicht nur eine bloße Manifestation der Faulheit und der -Genußsucht, des Übermuts und der Oppositionslust, auch nicht nur der -sozialdemokratischen Gesinnung und wirtschaftlicher Forderungen, -sondern nach meiner Beobachtung und Überzeugung zugleich ein Beweis der -Sehnsucht des Fabrikvolkes nach mehr Licht, Wahrheit und Wissen. Man -will Zeit gewinnen, um auch dem geistigen Menschen die Pflege zu teil -werden zu lassen, auf die er selbst in einem schlichten Fabrikarbeiter -Recht und Anspruch hat. Das ist aber heute, ich habe das an mir selbst -zur Genüge erprobt, der Mehrzahl noch durchaus nicht möglich, die von -früh sechs Uhr bis abends sechs Uhr und länger an ihre Plätze in der -tosenden dunstigen Fabrik gefesselt ist, die außerdem oft einen langen, -nicht selten einstündigen Weg zur und von der Fabrik hat und des Abends -schmutzig, hungrig und müde heimkommt. Unter diesem Gesichtspunkte, -und jene Achtstundenbewegung ernsthaft so verstanden, wie sie ein Teil -des Volkes nicht minder ernsthaft thatsächlich versteht, nämlich als -den einzig gangbaren Weg zu einer wirklich ausreichenden Befriedigung -dieses Bildungsinteresses, scheue ich mich nicht, sie nicht nur -vorurteilslos zu würdigen und anzuerkennen, sondern auch für ihre -allmähliche, schrittweise Erfüllung einzutreten, unbeeinflußt und -unbeirrt auch davon, daß sie von rüden Elementen als Anlaß zu ebenso -unsittlichen als nutzlosen und dummejungenhaften Demonstrationen -benutzt wird. - -Aber freilich, so stark die Sehnsucht nach Bildung in den Köpfen -steckt, so viele sind der Hemmnisse, die sich ihrer Befriedigung in -den Weg stellen. Das eine hauptsächliche, die allzulange Arbeitszeit, -verbunden mit weiten Fabrikwegen, nannte ich schon; weitere wichtige -sind die kleinen engen Wohnungen mit den vielen Personen in dem -einen Zimmer, dann die Sorgen hier, die Gelegenheiten zum Genuß und -Vergnügen da. Das alles macht, daß bei vielen weniger willensstarken -und idealgerichteten Naturen dieser Drang nach Bildung immer nur -Wunsch und Drang bleibt und selten über gute Absichten und Ansätze -hinauskommt; das bewirkt vor allem auch, daß der größte Teil der Jugend -dieses Bildungsinteresses im Grunde entbehrte. Auch die ehemaligen -Landarbeiter, sahen wir, besaßen es selten aus eigner unmittelbarer -Initiative, und die Angehörigen aus bessern Kreisen nur mehr als -Streben nach Fachbildung. Die Strebemutigen, die Lernbegierigen, die -Vorwärtsringenden waren zumeist Männer der ausgehenden zwanziger und -der dreißiger Jahre aus der letzten, dritten sozialen Schicht. - -Die drei Arten von Bildung, die ich bisher schilderte, machen nun in -der Fabrik eine völlige Wandlung durch. Sie werden unter dem Einflusse -der Sozialdemokratie unaufhörlich zerstört und gehen in einer neuen, -der +sozialdemokratischen Bildung+ unter. - -Denn die Sozialdemokratie hat sich auch dieser Volksbildungsfrage -bemächtigt. Sie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand -belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran gemacht, ihn durch -systematische Arbeit im großen zu befriedigen. So hat sie allmählich -eine Volkslitteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge -der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem Gehalte, -wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher und -leichtfertiger zwar als die bisherigen religiösen und vaterländischen, -aber nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie -keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie -hat mit kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisiert. Sie hat -sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockne Zahlen, langwierige, -nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch -lange nicht verstehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das -Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme, -die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will -dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher -wunschlos aufgeschaut hat; es will mit ihnen selbständig, souverän -sein auch im Reiche der Gedanken. - -Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei gehandelt, -als sie diese neue Volkslitteratur schuf. Sie mißbrauchte das -Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht -die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein -Erzeugnis agitatorischer Berechnung war. Sie fälschte und strich von -der neuen Wahrheit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe -der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den -Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes -Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren -bisherigen natürlichen Verbindungen mit der übrigen Gesellschaft -herauszulösen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser, „der -gesamten übrigen, reaktionären Masse“ zu setzen, und ihnen nicht nur -die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei beizubringen, -sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz besondern, -eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so -giebt es in der That kein beßres Mittel, dies zu erreichen, als eine -klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volkslitteratur. Diese -vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung -zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und -für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Und da diese alte -Bildung, wie wir wissen, völlig eingetaucht ist in den Geist des -Christentums, wurzelt in dem Boden der Bibel, getränkt ist mit der -Lebens- und Weltanschauung, die diese atmen, in ihr ihren letzten -Halt, ihren Kern, ihre zusammenfassende, verbindende, stützende Kraft -hat, mit einem Wort, da diese christliche Weltanschauung im Grunde die -überlieferte Bildung und Gesinnung selbst ist, und da man wohl sah, -daß alles gewonnen war, wenn sie fiel, so schnitt man die ganze neue -Volkslitteratur, die man schuf, auf den Kampf mit dieser christlichen -Weltanschauung zu, wählte man aus den Resultaten der modernen -Wissenschaft aus, was zu ihr im Gegensatze stand oder doch bequem in -Gegensatz dazu gebracht werden konnte. Der Lehre und dem Glauben von -einer göttlichen Weltordnung, die die Bildung der Leute bisher bestimmt -hatte, setzte man so in dieser neuen Litteratur in hundert großen -und kleinen, guten und schlechten Abhandlungen aus der Religions- -wie Naturkunde, aus der Geschichte und Philosophie, aus der Kunst und -Litteratur die Lehre und den Glauben einer bloß natürlichen Weltordnung -entgegen. Man verarbeitete die Werke eines Darwin, eines Häckel, eines -Büchner; man schlachtete Spinoza und Feuerbach, Schopenhauer und -Hartmann aus; die neuen Forschungen der Astronomie und Geologie, diese -objektiver als andres, wurden verwertet, Strauß und Renan, Bruno Bauer -und moderne katholisch-französische Encyklopädisten wurden benutzt; und -endlich fälschte man -- im Zeitalter der Blüte der Geschichtsforschung! --- die ganze Weltgeschichte und verkündete sie dem armen Volke -ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der materialistischen -Philosophie, der ökonomischen Entwicklungen. +So entstand die jüngste -Volkslitteratur, ein einziger, in seiner Art kühner und großartiger -Versuch, in Verbindung mit der Verbreitung der neuen radikalen -ökonomischen und politischen Lehren der Partei die ganze alte Bildung -und Kultur, Christentum und Bibel aus Herz und Köpfen der Massen und -aus der ganzen Welt hinauszufegen.+ In ihr findet sich kein Platz -mehr für den Glauben an einen lebendigen, persönlichen Gott, der unser -Vater ist, und an ein unsterbliches Leben. Sie erzählt nichts von -Sünde und Schuld, von Gnade, Erlösung und Heiligung; an die Stelle -des ewigen, heiligen Sittengesetzes stellt sie das kalte, starre -Naturgesetz, an Stelle der Liebe das Solidaritätsgefühl, an Stelle des -Ideals der Sittlichkeit die Macht der bloßen Sitte, die da wechselt mit -den ökonomischen Verhältnissen des Volkes. - -Und mit Gier stürzte sich nun die Schar der Bildungshungrigen da unten -auf die neue Speise, die man ihnen bot. Das war ja, wie sie wähnten, -das, was sie so lange gesucht und ersehnt, worum sie die „hohen Herrn“ -oben so lange und so bitter beneidet hatten, die Wahrheit, das Wissen, -die Bildung. Diese wollten sie wenigstens haben, da sie heute noch -ihr Geld, ihr Wohlsein, ihren Besitz nicht haben konnten; wenigstens -geistig wollten sie ihnen ebenbürtig, nein, ihnen über sein. Und dann -hatten sie ja auch die Verheißung der sozialdemokratischen Führer: -daß unter dem Zeichen dieser neuen Wahrheit und Wissenschaft die Welt -eine andre werden, unter ihrem Leuchten der neue, herrliche, der -sozialistische Zukunftsstaat heraufziehen, und daß die Träger der neuen -Wahrheit auch die Herren der neuen Zeit sein würden. So hing Gegenwart -und Zukunft gerade der ringenden, vorwärtsdrängenden Arbeitergeister an -diesem neuen Schatze; so kannten sie kein Halten mehr; so warfen sie um -den Preis, jene zu besitzen, und diese zu erleben, freiwillig vom alten -Wissen weg nicht nur das Überlebte, Überholte, den hindernden Ballast, -sondern auch die edeln Güter und die wahrhaftigen Lebenskräfte, -alles, alles, wie es die neuen Bücher und Lehren wohlweislich -heischten; so lebten sie sich in die neuen Gedanken hinein, die diese -ihnen mit demselben Anspruch unfehlbarer Richtigkeit und Autorität -entgegenbrachten, wie einst die alten Lehren, die alte Bibel: +so -wurde die neue sozialdemokratische Bildung im Volke geboren, die eine -Halbbildung ist, wie keine zuvor+. - -Sie trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der -deutschen Arbeiter an. Jene ersten, die ihr gewonnen waren und -anhingen, wurden nach einem Gesetze, das alles Geistesleben -durchdringt, ihre neuen Propheten, ihre begeistertsten Verkündiger. -Sie waren meist kluge, begabte Köpfe, die tüchtigsten von allen -und ehrliche Naturen dazu. Ihre ganze Kraft, alle ihre Fähigkeiten -stellten sie aus innerm Drange in ihren Dienst. Nicht nur in den -Versammlungen der Partei, sondern auch bei der Arbeit und während -der Pausen in der Fabrik, beim Mittagsmahl und Abendbrot daheim, -auf Spaziergängen und wo immer sie zu zweit und dritt versammelt -waren, diskutierten und gaben sie die Gedanken wieder, die sie aus -einem, zwei, fünf, zehn Büchern jener neuen Litteratur gesogen und -bald leidlich verstanden, bald nur halbverdaut und schon halb wieder -vergessen hatten, aber die sie immer wieder aufgefrischt erhielten -durch die Artikel ihrer sozialdemokratischen Blätter. Ich brauche das -alles nicht weiter zu schildern: das ist eben jene ganze freiwillige, -unorganisierte Agitation der neuen sozialdemokratischen Gesinnung, -von der ich am Schlusse des vierten Kapitels geredet habe, die -gewaltigste, schneidigste, überwältigendste Waffe der Partei, die kein -Fabrikherr, keine Polizei verbietet, hinter der die Macht überzeugter -Persönlichkeiten steht. - -Die Wirkung dieser Agitation war die gewünschte. Unter ihrem Eindruck -brach die gesamte alte Bildung der Arbeiter aus ihrer Jugendzeit -zusammen, bricht sie noch heute in jedem einzelnen immer wieder -zusammen, der noch mit ihr in eine unter sozialdemokratischem Einfluß -stehende Fabrik eintritt. Da rächen sich mit einemmale die drei großen -Fehler, an denen, wie wir sahen, unsre ganze heutige Volksschulbildung -krankt, jene Abhängigkeit der einzelnen profanen Bildungselemente von -den Gedankenkreisen und dem Bildungsniveau der Schrift, jene falsche -Auffassung von ihrer Autorität, jene vorwiegend verstandesmäßige -Aneignung der Heilswahrheiten des Christentums. Vor den neuen -Bildungsfaktoren können die antiken der Schrift, vor der Autorität der -exakten Wissenschaften, die jene stützt, kann die Autorität der Bibel, -die diese bisher trug und fälschlicherweise gleich ebenso maßgeblich -und unanfechtbar erklärte wie die religiösen Wahrheiten in ihr, nicht -bestehen; vor der Kritik des modernen realistisch geschulten Menschen -fallen die metaphysischen Spekulationen des überlieferten Dogmas, in -das man die Wahrheit des Christentums bisher hauptsächlich setzte, -über den Haufen. Zwar fühlen manche ehrlichen Gesellen instinktiv, -daß an dieser neuen Bildung auch nicht alles Gold ist, was glänzt -und gleißt; daß sie ebenso freudelos und unbefriedigt und unklar -läßt wie das Alte; daß trotz alledem in diesem Alten die letzte -ewige unwandelbare Wahrheit noch ruhen konnte; aber sie vermögen den -entscheidenden Punkt nicht zu finden, an dem dies der Fall ist. Es -fehlen die Menschen, die ihnen dazu verhelfen, ihnen den Weg zeigen, -das Überlebte, Überholte, Vergängliche, das Verstandeswerk, den Irrtum -von dem ewig wahren Kern zu scheiden; niemand kümmert sich um sie in -den Massengemeinden, in denen sie zumeist leben; niemand schmiedet -ihnen die modernen Waffen, gießt ihnen die neuen Gewehre, vermittelt -ihnen die wahren, echten, vollen, widerspruchslosen, ungefälschten -Ergebnisse der jüngsten Wissenschaft, deren Besitz sie allein befähigen -würde, den mächtig anstürmenden Vorkämpfern jener sozialdemokratischen -Halbbildung entgegenzutreten, ihnen den Beweis des Geistes und der -Kraft zu führen, ihnen ihre Thorheit aufzudecken. Dazu teilen alle ohne -Unterschied das tiefe Sehnen nach ökonomischer Besserung, dessen sich -ebenfalls die Sozialdemokratie bemächtigt hat, und dessen glänzendste -Befriedigung sie ja auch wiederum erst mit dem Siege der neuen -Wissenschaft verheißt. Auch das zwingt den noch zögernden vor dieser -„Wissenschaft“ auf die Kniee nieder. Und so fällt, mögen sie wollen -oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen -sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen -den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man -ihnen versprochen hat, und den seine begeisterten Propheten zu haben -behaupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend, -ob das Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren -will, und doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden -Beweisgründen der klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht stand -halten können. So lebt eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben -hin, ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. „Wenn es nur erst wieder -heute um sechs, wenn es nur erst wieder Sonntag wäre!“ -- das war der -ewige, täglich wie oft zu hörende Seufzer. Und wie manchmal fügte -man ähnliches wie das folgende hinzu: „Es ist doch merkwürdig bei -den Arbeitern; die wünschen sich immer weiter hinaus, das Alter auf -den Hals. Das ist doch eigentlich Unsinn. Es bleibt ja immer einen -Tag wie den andern. Morgen früh geht es doch wieder ebenso los. Und -wir müssen noch froh sein, etwas zu verdienen.“ Das ist der Ton der -vollendeten Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung an einem Wert, einem -Inhalt, einem Zweck des Daseins. Einen Schritt weiter -- und er kann -in den Schrei der Wut, der Empörung umschlagen, die alles zerstört, -weil sie nichts für lebenswert findet, die an allem verzweifelt, weil -sie an sich selbst verzweifeln mußte. Dann ist die Entfesselung aller -Leidenschaften, die Revolution des Volkes da. Es ist kein Zweifel: -heute ist dieser letzte eine Schritt noch nicht gethan; heute denkt -das Volk, wir sahen es, noch an keine Empörung und Revolution. Aber -es ist abermals kein Zweifel, daß ihre Gefahr näher ist als das Volk -wohl selbst wähnt. +Und sie wird in dem Augenblick da sein, wo zu -der religiösen Verwahrlosung der Industriearbeitermassen, die heute -im ganzen vollendet ist, die sittliche hinzutritt; wo aus jener die -letzte Konsequenz für diese gezogen wird. Hier also, und nicht in der -politischen und wirtschaftlichen Organisierung der Massen, liegt der -verhängnisvollste Einfluß der sozialdemokratischen Agitation; und hier -in der Vernichtung des überlieferten Christentums hat sie ihren bisher -größten Erfolg gehabt.+ Es ist auch das freilich nicht ihr Verdienst -oder ihre Schuld allein: sie ist auch hier nur die Schnitterin, die -mit raschem, scharfem Schnitt triumphierend die Früchte erntet, die -andre Hände gesät haben. Aber das ändert an dem Jammer nichts, der nun -herrscht, und nichts an der Größe der Gefahr, die nun droht. - -Im Folgenden habe ich nunmehr die Wahrheit des bisher Ausgeführten -aus meinen Erlebnissen in der Fabrik zu erhärten. Ich werde in loser -Ordnung Gespräch an Gespräch, Zitat an Zitat, Bild an Bild reihen und -nicht viele Worte dazu machen. Und Gespräche, Zitate und Bilder werden -für sich selber reden. - -Eines Tages erhielten zwei Mann unsrer Kolonne den Auftrag, -Riemenscheiben, große fünfzehn bis zwanzig Centimeter breite eiserne -Räder, auf denen die Treibriemen der einzelnen Maschinen laufen, aus -dem Parterre auf die zweite Empore hinaufzuschaffen. Wir luden jeder -ein paar davon auf die Schultern und kletterten hinauf. Da, wo wir sie -aufreihen sollten, saß einsam am Fenster ein Arbeiter in den besten -Jahren. Er hatte unaufhörlich hunderte kleiner stählerner Federn mit -immer demselben Loche zu versehen. Neben ihm lag, unter einer Platte -halb verborgen, die neueste Nummer der „Presse.“ Von seinem hohen -Fenster aus übersah er die ganze Stadt mit ihren hundert rauchenden -Schloten. - -Mein Arbeitsgenosse, der stark schnupfte, trat zu ihm und bot ihm eine -Prise. Aus der respektvollen Art, wie er es that, merkte ich, daß der -neue Bekannte einer der geistig bedeutendern Arbeiter in der Fabrik und -ausgesprochener Sozialdemokrat sein mußte. Ich nahm auch ein Prise, und -bald waren wir im Gespräch. - -Er fragte, warum ich eigentlich hierher in die Fabrik gekommen wäre. -Ich log ihm schweren Herzens mein Märlein vom arbeitslosen Expedienten -vor. - -Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab, -forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“? - -Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die -Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist, -in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und -Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht. - -Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist -unmöglich. - -Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich. - -Die moderne Wissenschaft.... - -Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur -mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um -uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen, -fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben. - -Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus. - -Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus! - -Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man -behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich, -verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn -verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit -dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte -nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden -wiedergebe. - -Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an. - -Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt -habe? - -Ja. - -Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim? - -Ja. - -Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch? - -Ja. - -Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt -hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln -lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen, daß in dem -Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte -Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber -Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In -dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch -Tiere und Menschen entwickelt -- natürlich unter dem Einflusse dieser -Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die -vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse, -mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte, -geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch -kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die -schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber -das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus -folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der -Vater seiner Geschöpfe. - -Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur: - -+Mein Glaube+ ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges -Wesen, sondern einfach Kraft. - -Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche -Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist. - -So haben Sie also doch auch einen +Glauben+, fuhr ich fort, als er -wieder schwieg. - -Ja; aber das +Christentum+ ist ein +Wahnglaube+. Es ist erst -im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu -stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst -fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist -ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man -kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden. - -Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet: - -So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben -Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche -Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich, -bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom -Apostel Paulus herrühren. - -Aber er fährt fort: - -Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus, -wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das -zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das -zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist. - -Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein: - -Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er -wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so, -wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses -Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur -Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn -die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht, -stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion -haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That -beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir -eher glauben...... - -Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen -Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens -wirklich überzeugt. - -Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in -allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste -ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche -Lumpen die +Wahrheit+ des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist -es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in -ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und -edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch -im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des -Christentums. - -Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen -zusammen, so hypnotisiert der einen. - -Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert. -Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene -Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf -Glauben. - -Dazu schweigt er. So fahre ich fort: - -Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf -Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat -es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen -nun, es zu wissen. - -Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache -geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann -ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht. - -Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß -der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es -auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet, -das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen, -durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen -Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der -Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist. -Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es -einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der -unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche -Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen -wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst -niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir -erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem -so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt, -erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach -diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem -Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt. - -Aber er schüttelte abermals den Kopf: - -Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß -er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber -Thatsachen hat er nicht. - -Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der -Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige -Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine -Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich. - -So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange. -Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet -hatte, mit grobem Gepolter auseinander. - -Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So -stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir -sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner -nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich -schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine -eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der -Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte -mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück -er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa -sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die -schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim -Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine -zerquetscht. - -Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr -ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung? - -Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher. - -Für einen Christen giebts aber keinen Zufall. - -Was ist Christentum? -- Nichts. Was der liebe Gott? -- Den hat noch -niemand gesehen. Und Gottes Sohn? -- Dann sind wir alle Gottes Kinder. - -Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen -thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs -Beten kommt besonders viel an. - -Aber er lächelte nur und sagte: - -Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel -Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen... - -Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den -Pastoren. - -Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den -Geistlichen -- im übrigen aber leben sie vom Christentum und befinden -sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der -so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge? - -Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern -käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich. - -Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat -aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst -recht nicht mehr. - -Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht, -sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese -äußere Not zu tragen und zu überwinden. - -Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr. - -Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns -nichts geben. - -Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende. - -Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen -direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war -eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst, -ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts -gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür -hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu -lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche. -Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne -Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede -wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine -Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts -erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta. - -Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus -unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit -leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten -Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein -„Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher -Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am -Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte -Kneipe und trank ein Glas Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch, -fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie -und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz, -die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel -Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches -aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den -vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen -Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn -auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war -kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße -Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll -sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und -durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem -Volke lehrt und predigt. - -Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten, -gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe -meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung -gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie -gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder -weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder -weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel -größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher -als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die -Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort: -„Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern, -manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in -einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und -erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was, -unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz -schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche -schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht -hierher setzen. - -Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte. -Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu -prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist -längst über solche Dinge hinweg. Dem einen, einem Thüringer, galt -Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie -unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das -Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte -fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut -besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene -handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt -hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum -= Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war -es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das -offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht -mehr der Rede wert. Denn „Religion -- det wohnt nich mehr unter den -Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer -junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang -meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine -christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern -mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger, -schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und -allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von -allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer -Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher -Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten -Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte -er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in -der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung. -Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte -ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen, -und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines -Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche -gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir -noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher -Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch. - -Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte -mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen eine hübsche Stube. Diesen, -einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen -gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein -stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie, -einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an -dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie -selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber -guten Einfluß auf den Stubengenossen aus. - -Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik -zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen -religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von -Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen -eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren -sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich --- ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem -Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines -Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen -jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn -+immer+ des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er -wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders -hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale, -oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines -verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind -gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am -andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach -erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen -hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens -4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien -Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um -10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen. - -Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung. -Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die -geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er -„glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte -ihn doch vom Tiere unterscheiden. - -Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse -Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das -frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern, -zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück. - -Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft -mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines -Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte. -Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen -neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches -erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter, -den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein -konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem -Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander -in ein langes Gespräch. - -Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise -weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es -bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel -nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die -Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie -verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges -Zitat. - -Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges -herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte -ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der -homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers -Ilias enthält, in der Hand gehabt. - -Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen -ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem -um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit -unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten. - -H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir -Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart. - -Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z. B. auf die viel -bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen. - -Das bestritt H: - -Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute -im Durchschnitt sind. - -Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb -ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man -sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte -nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte. - -Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch -überlegen dazu. - -So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber.... - -Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser -Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben. - -Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und -kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort -„Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte -überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei. - -Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch -nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang -reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit -zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der -Mensch aus Körper und Geist besteht. - -Aber der Monteur und H. lachten laut auf: - -Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem, -das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei -herauskommt, nennt man heutzutage Geist. - -Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine -Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre -Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt z. B. -eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der -Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es -wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ, -dieser sein Inhalt. - -Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals -überlegen und sagte -- wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit -meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! --: - -Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze -heutige Wissenschaft ist dagegen. - -Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch -ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel -noch was wert ist. - -Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe -sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn -er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre -Dummheit erklären. - -Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem -Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von -dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel -erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen -gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte: - -Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik -von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause -verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei -in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten -entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein -mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine -brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun -recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht? - -Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur. - -Aber warum lehren das dann die Geistlichen? - -Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben, -belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und -der Monteur fügte bestätigend hinzu: - -Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will -nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion -in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen -beiseite schaffen. - -Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: +die längst -überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote Kirche ist heute -nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des -bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält+. - -Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin -und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der -Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts -dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der -uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede. - -Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube -ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen -Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm -gemacht ist. - -Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite -und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch -viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein -halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach -ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber -dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes -ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und -seufzte: - -Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz -feste Gewißheit. - -Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die -nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht. - -Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt, -von ihm etwas zu holen. - -Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht -derweile der Teufel holt -- war die barsche Antwort auf meine Anfrage. - -Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen. - -Aber Sünde, setzte ich dazu. - -Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen -Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch -noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird? - -Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig -nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch -diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben -mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem -Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch. -Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand, -Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach -Hause genommen hätte. - -Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch -darauf zu bringen. - -Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft -wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen -Leute! - -Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich -kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft -nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein -Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten. - -Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich -auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine -Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert -gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau -hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten -sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch -sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden -seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“ -verloren. - -Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen, -beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen, -deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn. - -Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es -eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich. - -Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten -Herren, ob die sie auch kennen. - -Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich -arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei -jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei gewesen war. -Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das -Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der -Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren, -meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden. - -Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe -einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“ - -S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht -dem Bohrer: - -An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher -und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht -mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber -beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn -ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit -meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß, -daß es nichts nützt. - -Dann sind wir auf einmal bei Luther. - -Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so -mächtig gemacht, wie sie heute ist. - -Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre, -wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme -Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben -stehn. Der Monteur unterbricht mich bald: - -Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich -weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen. - -Welches? - -Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert. - -Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch. - -Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß -alles wahr sein, was drin steht. +Sonst hätten sie es ja längst -verboten.+ - -Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle -sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten, -unterdrückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die -vielseitigsten Früchte. - -Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den -Bauernkriegen: - -Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und -wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen -geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! +Und das ist auch sein -Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie -nun nie wieder los werden.+ - -Auch der Dreher giebt seine Meinung ab: - -Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das -fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war. -Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs +alle+ -so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens -kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum. - -Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede. - -Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist -die einstimmige Ansicht. - -Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten -Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert, -wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut -machen wollen. - -Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht -bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das -mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch -nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber -jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen -lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump. - -Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften. - -Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal -ähnliche Gespräche. - -Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in -dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel -bereits erwähnte. Der ganze Laden und die Wohnstube der Besitzerin -waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte -für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es -erhalten hatte, sagte er: - -Danke, der liebe Gott wirds bezahlen. - -Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats -zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts. - -Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der -daneben stand. - -Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch -nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts. - -An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich. - -Was giebts? - -Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle -zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren. - -Sie können +mir+ den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich -Ihnen. Wollen Sies? - -Nein, lieber nicht. - -Und er ging lachend davon. - -Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers -sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter -anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu: - -Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch -nicht beweisen. - -Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange -dabei: - -Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden. -Mein Wahlspruch ist: - - Macht euch das Leben gut und schön, - Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn. - -Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht. - -Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft -des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die -„großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum -Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg. - -Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz -offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall -im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich. -Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut, -ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des -Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint, -hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen -Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten -müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung -und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“ -gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie -auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung -mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare -materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den -Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und -gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich -besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in -der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im -Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte, -und den ich sonst nicht kannte. - -Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen -Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt -zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber -mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber -jener ließ sich nicht belehren. - -Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. +Was der Pfaffe -quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit -hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.+ - -Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst -auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet -haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn -- aber darauf -hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein -geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf -verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen. - -Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort -übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes. -Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu -erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von -Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte -und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung -seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er -mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom -Pastor: - -Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das -eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht -beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer.... - -Dreck und Quatsch, ergänzte der andre. - -Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb -angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange -her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur. -Albernheit -- Andacht! - -Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer, -die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe -zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren -Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte -ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten -ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte -nun sein Nachbar hinzu: - -’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die -Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein -großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie -erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er -die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein -halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die -alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte. - -Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25 -Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach -der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen -reich und arm mache, und macht ihn immer, besonders bei Trauungen und -Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich -gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet, -sondern ging weg. - -Dann erzählte der erste wieder: - -Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche -gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit -aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200 -Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram. - -Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor -allen sein soll. - -Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt, -seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit, -haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten. - -Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden, -daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche -Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und -gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase. - -Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor -weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht. -Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man -daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein -muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder -unbegründeten Anstoß zu geben. - -Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und -alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte -aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich -auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht -und heiter. Er erzählte mir: - -Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste --- sie ist acht Jahre alt -- bettelt mich zwar immer darum. Aber ich -gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche -auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und -Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen -nicht veralbern lassen. - -Wieso veralbern lassen? - -Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah -ich einmal eines Sonntags früh -- er stammte auch aus einem Dorf in -der Nähe von Chemnitz -- unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen, -Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus -bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer -Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht. - -Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von -allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa -dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich -sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir: - -In unserm Dorfe -- ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen -Erzgebirge) -- trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war -obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für -ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann -seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen -Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und -Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts -nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist -er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die +Kerle doch -selbst nicht, was sie reden+. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon -sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach -reden, was im Buche steht. - -Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total -abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal: - -Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es -herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie -früher und geben alles her. - -Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben, -das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die -früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie -ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren, -die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen als ein Hauptteil seines -Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit -zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses -Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen -Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen -dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet -überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren -und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer -als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch -jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich -sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen -den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen, -Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den -unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als -jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür -verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung -über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre -sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies -Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter -- aber immer galt er als -Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem -geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges -Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen -Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers -Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen, -durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen, -volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen -Verkehr. - -Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines -andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten -Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte -zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und -nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden -gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus. -Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme -war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte. -Er würde darum niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre; -denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen. -Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht -die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied -zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor -der fremden fand. - -Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an -dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen -Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern -und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem -Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug -von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon -erzählte. Er meinte einmal: - -Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf -studiert; und das kann nicht jeder. - -Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für -den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder -nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch -Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte, -und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, -- die -alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der -aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen -Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl, -ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich -verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter -dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war -weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte: - -Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der -Fabrik nicht laut sagen! - -Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der -Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben -unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker -noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der -alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für -sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung -und Glaubenslosigkeit mit allen Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit -standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen -Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck. -Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte. -Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode -seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und -Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach -schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation, -daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es -war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem -Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit -suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes -am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel -und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von -meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder -vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich -und unvermittelt -- es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln -zweier großer Platten --: - -Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder -auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel -Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen -Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten. - -Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der -auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist, -zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers -Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und -grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und -niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten -brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich -gewiß würden. - -Aber er auch da wieder: - -Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben -und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade -ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die -Katholiken, die Juden und Türken nichts andres glauben. Und davon ließ -er sich nicht abbringen. - -Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen -Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich -bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste: - -Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns -und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost -bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit -gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“ -antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie -haben aber doch gebetet: Vater +dein+, nicht +mein+ Wille -geschehe!“ +Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!+ - -Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit, -und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein, -wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner -Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr -Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da -sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine: - -Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es. - -Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes -Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner -Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner -Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu -leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben -hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn -und seines Glaubens leben ließ. - -Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht -vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun -erklärte ein dritter: - -Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und -ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache -mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung, -wie die meisten andern sagen? Oder ist das nicht bloß Profession von -den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute -keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum -geht es so vielen Guten schlecht?... - -Ja, und wenn es mir schlecht geht -- nun, da haue ich eben alles hin, -fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein: - -Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören! - -Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als -seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone -zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in -diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der -stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen: - -Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein -Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und -damit zufrieden ist. - -Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein -Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter, -die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er -erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils -Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch -paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil -er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer -katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich -auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere -Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige -Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige -besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der -dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein. - -Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik -minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder -doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine -Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur -wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte, -war wohl der einzige, wenn ich mich recht entsinne. Er machte sich mir -gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit -der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe -dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein -Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar -keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er -da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt, -was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden? - -Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch -haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den -beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also -noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung -vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche, -dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu -trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel -hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal -betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag -hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann -man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige -sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt -ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in -Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit, -sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung -besonders deutlich hervor. - -Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der -Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der -wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn -auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in -aller Ruhe: - -Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine -Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme -ich fast nie mehr hinein. +Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir -sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.+ - -Würde das -- es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung -- möglich -sein, wenn das kirchliche Leben auf dem Lande wirklich rege, die -Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht -nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen -weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen. -Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch -Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist -nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum -gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder -seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche -holt. - -So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber -sonst selbständig und verständig urteilender Mann: - -+Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon -in der Schule genug gehabt.+ Aber sie muß sein; sonst wäre der -Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie -nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem -Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen -ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn -hört. - -Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter -Sohn des Dorfes: - -Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch -immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne -das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich -auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein -ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die -„Sozialschen.“ +Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in -die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und -Konfirmation.+ - -Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders -gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die -gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich -fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie -alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre -Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder -der alte noch der neue Glaube zu befriedigen vermochte, sie aber doch -etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung, -ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft -wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel -persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch -noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich -standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen -Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich -genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe, -verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit -der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn -auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum -gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem -sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt -haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen -aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens, -das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer -Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist. -Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer -Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte. - -Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir, -als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten. - -Wie so? - -Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse -ich mir nichts mehr sagen. - -Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere -betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik. -Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von -jedem. - -Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes -Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb -er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von -dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn -dort konfirmiert hatte. - -Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu -lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon. Aber auch -wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die -Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen -Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer -silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau. - -Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen. - -Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim -Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon -rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache -mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten -zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich. - -Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich. - -Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten -Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte -von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles. -Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein. - -Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein -Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war -seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als -Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und -auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er -immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am -Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er -ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen -Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich -nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er -nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten -in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen -- -natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das -war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die -evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne -„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter -Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus. - -Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein -Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer, -ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich, -wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er -war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines -sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei -bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu. -Sonst geht es mir schlecht hier. - -Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch -er hatte mir früher -- freilich beiläufig -- wenig Schmeichelhaftes -über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten -Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders: - -+Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik+, sagte er -einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen -Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich -Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche. -Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen. - -Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das -Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und -stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen -und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte -mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute -nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte -er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er -aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte. - -Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich -seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht -verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz -erstaunt und verständnislos an. - -Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch -manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist -auch durch diese schon schlagend geführt. +Und es ist in der That -kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem anerkennen, daß der -materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich -mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter -aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.+ Die alten Gebilde -und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und -geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter -für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute -auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das -Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne -Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch -Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen -von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer -von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne -Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre -sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen -langsamen, oft qualvollen geistigen Tod. - -Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht -vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat -und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher -sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz -andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in -ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne -gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“ -Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale -Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne -Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher -als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor -seiner großen Persönlichkeit. - - - - -Siebentes Kapitel - -Sittliche Zustände - - -Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel -deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen -das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer, -durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer -Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich -auch in diesen Menschen gären und glühen. - -Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes -näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der -geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von -Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen -Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen -Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir -nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und -Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte -Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben, -umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch -in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche -und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen -Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers -Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit -erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel -mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher -auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder -ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner -Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen, -wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie -verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer -erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten -Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer -nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des -sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da; -sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch -maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die -sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus -denen diese herauswachsen. - -Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit. -Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern -bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der -großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen -besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der -Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur -einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im -zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen -den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte -schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem -man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis -zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer -läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft -verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung -und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine -Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches, -zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag? -Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige -alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür -die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger -Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder -vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig -günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig -zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen -müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet. -Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise -anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern -aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle -zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen -Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner -Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern -gezeitigt hat. - -Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so -verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich -auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine -beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in -Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen. - -Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche -Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre, -widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist, -wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur -ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese -aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen -wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht -befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem -wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen, -in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt -darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens, -sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen -Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch -für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“ -mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder -um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu -straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt -würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles -Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der -Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein. -Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre -des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer -Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles -regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses -Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten -sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen, -ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert -durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der -„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar -erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen, -umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den -Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht -entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die -sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das -beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der -Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle -Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich -werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit, -der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des -Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt, -wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch -der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick -und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus -parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer -Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und -wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das -öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände -immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die -christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer -schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an -ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen. - -Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der -Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel, -das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden -wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und -politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte -Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller -Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese -idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung -gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß, -den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener -Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und -entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und -der Partei. - -Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen -Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier -ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier -weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind, -die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern -angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem -einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch -in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt -hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind, -mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle -verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen -jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in -ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände, -unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen -Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen -ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit -in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie -überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische -Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie -sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer -verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es -manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen -Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders -hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium, -ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen -zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen -sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich -maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen -dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben, -die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem -ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse. - -Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt, -muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten -Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter -den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich -anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die -lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem -der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in -seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung -hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter -entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse -und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch -seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem -Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es -giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte, -eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche -Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den -Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach -rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu -ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus, -der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip -ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit -ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich -erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten -Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen -mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein -Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte, -ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die -ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute, -gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte -Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben; -aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie -gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als -Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit -über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich -unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und -waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum -von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl -von Arbeitsgenossen, die -- ich verweise hier auf den betreffenden -Abschnitt meines fünften Kapitels -- sich nur wenig oder gar nicht mit -Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten -Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien, -wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen -immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder -zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen -zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen -Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten, -die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse -standen -- alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung, -die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich -der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der -sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die -gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und -schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß -die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und -schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte -Arbeit zu thun braucht. - -Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach -meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine -Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes -Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich -beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde, -also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie -ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht, -wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig -wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und -der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen -größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu -einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen -getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in -vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter -solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch -einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von -glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten -Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das -heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist -weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein. -Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen -verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es -auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr -schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten -jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es --- ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen -nur bestätigen -- nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene -Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in -seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio, -der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das -lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt. -Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut -kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute. -Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an -die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren -es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten -Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei -ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches -übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde; -diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum -Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit -und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt -hatten. Wie weit -- um darauf noch einmal zurückzukommen -- bei vielen -Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden -und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist -die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher -Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er -konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen -Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Handwerkern -überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand -Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie -Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln -selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und -Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den -Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend -war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt, -es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit -andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen -Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für -gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern -vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier -- ob als alte Reste oder -neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger -zur Entscheidung -- unter der Decke des großindustriellen -Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen -Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf. - -Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich -kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal: -„Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie -recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß -jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode -häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf -Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist -wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere -Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur -erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei -längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen, -bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des -Mannes. Ein +gegenseitiges+ Borgen aber habe ich wenigstens -unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und -dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte -ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung -aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und -am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten. -Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk -ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner -Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung, -auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte, -oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich -des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer -Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen -Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an -diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu -Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und -von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und -es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch -im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“ -(Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie -schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich -ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es -erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage -erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken, -verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe -es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine -größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man -wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer -mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte. -Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und -ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen -durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches -Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl -man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am -nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung -zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den -Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete. - -Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und -widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse -der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte, -besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer -Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber -auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus -der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer -man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein -stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten -Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer -gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte -haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr -imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er -keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich -abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren, -wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber -doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar -gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers -unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher -Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte, -man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte. - -Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so -krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige -und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber -der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich -in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer -einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und -hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und -Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das -wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur -um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot -wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes -in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps, -dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und -den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der -Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form -der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der -Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an -den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er -machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder -hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den -meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas -los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde -wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich -viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein. -Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch -selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder- -und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag. -Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für -manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte -Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an. -Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe -gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das -thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen -Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen -Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich -böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb. -Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der -erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest; -die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte, -trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten -eigentliche Säufer. - -Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen -oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere -und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die -„Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige -Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie -in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste -Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter -mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer -Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den -Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß -künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem -auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten -werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten -ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe -Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz -unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit -ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren -Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder -so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt -Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug -aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns -der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten, -ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort, -und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der -Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in -Schwung und in die Höhe gebracht. - -Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war -der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung -und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum, -das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen -Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und -auch -- wie man mir versicherte -- Referendare und Offiziere in Zivil -zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen -und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst- -und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu. -Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller -Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist -in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack; -alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt -und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden -sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der -Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug -Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz -mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten, -damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das -Kleid nicht beschmutzte. - -Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck, -den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es -Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und -ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten -sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden -Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer -Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit -vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver, -der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem -Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug. -Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine -Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4 -Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen -Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den -Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über -die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und -eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann, -und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die -Freude am größten. - -In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem -Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn -an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den -Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da -koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende, -glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen, -kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte -Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und -seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt, -der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach -Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld, -wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in -Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das -ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige -Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes -sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom -Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur -ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft, -ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein -Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur -einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit -in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und -Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf -der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der -kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei -und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein -leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche -Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken -Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und -Herzen -- und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem -Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten -Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen -junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben -sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist -Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer -Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der -ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die -Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel, -ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage -nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in -Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß. - -Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges -Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt -ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf -den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute -im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche -und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine -Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot -existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich -bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande, -und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste -und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz -selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo -immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich -ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl -hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die -sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser -„geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so -heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange -oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder -nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So -treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen, -selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die -jungen Leute in die Ehe zusammen. - -Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen, -die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten -wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung, -einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal -von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des -zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen -nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein -Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige -Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe -ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und -größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es -ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige -gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch -mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im -allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den -Männern unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet, -viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart -gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr -ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu -fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins -der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt. - -Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und -einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen -Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen, -übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit -eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird. -Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es -vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des -Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft -und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs -die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls -etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der -Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler, -kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als -Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt -wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls -nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann -gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie -meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war, -gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank -wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu -erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich -auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst -dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten -seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde -war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden -Halbbildung. - -Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt -einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast -jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen -unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man -fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte -mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten -sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger -Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche -zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich -recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das -eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es -sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut. - -Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine -Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen. -Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer, -das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock, -den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden -und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus -sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht -sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen -alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der -Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in -der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und -lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld -aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der -Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar -Pfennige zusammen. - -Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu -einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert. -Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller -Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in -jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während -der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei -des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit, -der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die -besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten -und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen -untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und -Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn, -Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit -und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse -geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie -überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor, -deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute -verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was -mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu -bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer -nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie -gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte -mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den -andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen -sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte -mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit -den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch -von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte -mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz! -Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle, -meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben -Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in -den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen. - -Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den -Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt -die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer -einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der -Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an -eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig -zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu. - -Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja -doch nur Steuern. - -Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte -sich jener. - -Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben, -erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre. - -Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz -parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung. -Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen, -hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen, -lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne -Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und -wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte -Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in -dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und -Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile, -die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute -Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der -er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben! -Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine -Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten -Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern -Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft -glücklich ist. - -Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl -der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“ -Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen -ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber -gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen -Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend -einen +objektiven+ Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem -gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen -entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern -Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt -dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein -Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes, -das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien -enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte, -daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der -Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter -Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu -lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also: -Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem -parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart. -Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir -wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht -mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann -- nicht -gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder -versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines -Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser -Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen! - -Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten -nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige -Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen, -waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die -Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die -unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte -stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen -völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich -unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des -Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder -nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar -kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“ -Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die -Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des -Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten -ist. - -Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze -sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen -eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute, -liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner -festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die -übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie -haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr -wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt, -ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen -willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende -sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert -also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und -sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts -Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte -Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem -großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe -schiebe. +Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre -Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten -Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft -heraufbeschworen hat.+ Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen -nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird. - - - - -Achtes Kapitel - -Ergebnisse und Forderungen - - -Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen. - -Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage -keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs- -und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten -Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten, -würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren. -Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht -einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der -ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die -Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und -Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen, sie ihnen doch einzureden -versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten -zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten -und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist, -ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage -nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht -des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung -und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer -sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine -trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion -und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit -erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den -demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse -heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen -wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden -gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame -Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht -nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang -nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der -Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten -und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller -Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der -Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge, -unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf -genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum -unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch -von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses -Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der -That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen -Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in -erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges -Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre -Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben -geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung -so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das -giebt auch die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt -sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für -spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die -Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist. - -Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß -die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre -Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und -für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die -Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein -Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich -sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen. -Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso -wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik -und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der -Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz -anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß -es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist -heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung -überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht, -daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch -in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo -der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem -Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt, -also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen -hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen -Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine -werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint, -zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben -genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor -allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden -zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen -zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen, -denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark -machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen -gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und Ringens nach dem -Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und -so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen: -es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen -sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier -liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch -erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei. -Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber -möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und -geheiligt wird. - -Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende -Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten -Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu -einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden -des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und -der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich -als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu -bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die -Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem -Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums -hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit -erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und -Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an -den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft -wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen. - -Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die -Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes -allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß -die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei, -auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems, -oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die -Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten, -widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen -Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System; -dieses Prinzip, das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern -angebeteten „Wissenschaft,“ bildet ihre feste Grundlage, giebt -der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat -dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten, -nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische -Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen -Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So -ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein -die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung -des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die -sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig -beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände, -um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und -Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die -Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst -untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit -und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern -ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder -Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen -willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher -Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat heraufziehen, wenn -die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit -und Wahrheit werden würde -- was thut das uns? So treten auch wir -„evangelische Pfaffen“ in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier -oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die -übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich, -frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers -Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres -großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das -vollendete Antichristentum wird. +Es muß der Grundsatz durch uns zur -Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein -Christ Sozialdemokrat sein kann.+ - -Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr -materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener -gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren Glanz heute -die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister -willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft -der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom -Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die -unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft -gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten -unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute -von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos -mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten -ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit, -aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr -entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle -Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß -man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles, -was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in -die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie -sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich, -bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne -eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der -wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts -und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken -zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche -und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten -diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn -wir wissen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft -der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern -menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns -willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer, -kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche -Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen -bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische -Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den -modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten. - -Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel mehr -übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge -der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und -Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und -Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit -auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist. -Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der -Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen -Glaubensgebäudes. Es geht den modernen „aufgeklärten“ Arbeitern wie den -Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung -unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, -- -sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem -Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil -ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung -dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie -die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit -noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form -und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten, -so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und -Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit -der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche, -dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene -heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie -thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach -sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen -Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem -modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der -ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei -Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft -und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht, -beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist -vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht -zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen -hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen -Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst und -Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen -und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer -anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren -stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber -geleistet muß diese Arbeit werden -- sonst, das ist meine feste, aus -bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und -wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum. -Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus -betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der -Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor -die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum -sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen -innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten -an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen -wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so -wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere -Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel -eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen -werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann -wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die -von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht -weniger not. - -Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung -des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser -apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der -alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern -ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten, -den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem -die Arbeiter -- ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte -Gespräche -- erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben. -Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der -kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine -soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war, -seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen -vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen dort wie verlassen in der -Mitte einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie -keinen moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja -daß sie sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie -noch viel weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als -sie es ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an -irgend welchen +praktischen+ Wert des Christentums für ihr leeres Leben -gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht -noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und -seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird -das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein, -wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5-8000 Seelen haben, -wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die -Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie -getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter -frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung, -und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen, -Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie -Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine -Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und -die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und -wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die -Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft -thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der -Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden. - -Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die -Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken -wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in -jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur -die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer -schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst -aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen -erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das -junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich -schreibe an dieser Stelle von ihm nicht in offizieller Eigenschaft, -als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich -am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der -Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe -ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen -und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den -Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen -Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer -Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur -materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und -gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders -so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte -Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden -angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind; -und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich -Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht -nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung -und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird -er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz -werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften -künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den -Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische -Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er -jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite -Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern -die wahren Quellen der materiellen Not, d. i. die wirtschaftlichen -Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese -wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese -Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen -und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der -einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen -die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse -ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen -Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren -Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner -Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in dem -seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch -ihnen den Blick für diese Zustände zu erschließen und das Bewußtsein -der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem -öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen. -Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so -hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das -der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen: -+die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute -noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer -widerchristlichen materialistischen Weltanschauung+. - - -Druck von Carl Marquart, Leipzig. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und -Handwerksbursche, by Paul Göhre - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER *** - -***** This file should be named 60357-0.txt or 60357-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60357/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche - Eine praktische Studie - -Author: Paul Göhre - -Release Date: September 25, 2019 [EBook #60357] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der -Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Textes verschoben. Die -Fußnote wurde an das Ende des betreffenden Abschnitts gesetzt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="schmutztitel">Drei Monate Fabrikarbeiter</p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="zier" name="zier"> - <img class="w4em mtop1" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung zum Schmutztitel" /></a> -</div> - -<h1>Drei Monate Fabrikarbeiter<br /> -<span class="s7">und</span><br /> -<span class="s5">Handwerksbursche</span></h1> - -<hr class="r5" /> - -<p class="s3 center mtop1"><span class="mleft0_3">E</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">e</span> -<span class="mleft0_3">p</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">k</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">s</span><span class="mleft0_3">c</span><span class="mleft0_3">h</span><span class="mleft0_3">e</span> -<span class="mleft0_3">S</span><span class="mleft0_3">t</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span></p> - -<p class="s5 center mtop1">von</p> - -<p class="s2 center"><b>Paul Göhre</b></p> - -<p class="s5 center mbot2"><b>Kandidaten der Theologie</b><br /> -<b>Generalsekretär des evangelisch-sozialen Kongresses in Berlin</b></p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="center mtop2 mbot3"><b>Erstes bis zehntes Tausend</b></p> - -<div class="figcenter padtop1"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w4em" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s4 center padtop3">Leipzig</p> - -<p class="s4 center"><span class="mleft0_2">F</span><span class="mleft0_2">r</span>. -<span class="mleft0_2">W</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">h</span>. -<span class="mleft0_2">G</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">u</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">w</span></p> - -<p class="s4 center">1891</p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Übersetzung bleibt -vorbehalten</p> - -<p class="s2 center padtop3 mbot1 break-before"><b>Seinen Arbeitsgenossen -in der Fabrik</b></p> - -<p class="s4 right mright3"><b>Der Verfasser</b></p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt"><b>Inhalt</b></h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="tdr">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Erstes Kapitel: Mein Weg - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Zweites Kapitel: Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Zweites_Kapitel">12</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Drittes Kapitel: Die Arbeit in der Fabrik - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Drittes_Kapitel">40</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Viertes Kapitel: Die Agitation der Sozialdemokratie - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Viertes_Kapitel">88</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Fünftes Kapitel: Soziale und politische Gesinnung meiner - Arbeitsgenossen - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Fuenftes_Kapitel">108</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Sechstes Kapitel: Bildung und Christentum - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Sechstes_Kapitel">142</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Siebentes Kapitel: Sittliche Zustände - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Siebentes_Kapitel">191</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - Achtes Kapitel: Ergebnisse und Forderungen - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Achtes_Kapitel">212</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort"><b>Vorwort</b></h2> - -</div> - -<p><span class="initial">D</span>ie nachstehenden Mitteilungen sind auf Grund ausführlicher Notizen, -die ich während meiner Arbeiterzeit aufgezeichnet habe, gemacht worden. -Einiges ganz Wenige davon ist aus Artikeln, die ich im vergangenen -Herbste in die „Christliche Welt“ über meine Erlebnisse geschrieben -habe, herüber genommen. Die Lückenhaftigkeit meiner Mitteilungen -gestehe ich zu. Das ist bei einem nur dreimonatlichen Studium -selbstverständlich. Was ich aber gesehen und gefunden habe, habe -ich mit der Objektivität darzustellen versucht, die nur immer einem -Menschen möglich ist, der nicht aus seiner Haut heraus kann. Ich warne -dann noch ernstlich vor einer Verallgemeinerung der von mir gefundenen -Ergebnisse. Ich gebe zu bedenken, daß alles, was ich berichte, nur von -den sächsischen Industriearbeitern Geltung hat.</p> - -<p>Ich habe das Buch meinen ehemaligen Arbeitsgenossen in der Fabrik -gewidmet als ein Zeichen des Gedenkens, der aufrichtigen Liebe und -Zuneigung, die ich immer gegen sie hegen werde. Sie mögen darin das -Bekenntnis sehen, daß ich meine ganze Lebenskraft in den Dienst ihrer -Sache stellen will. Trotzdem bin ich auf Verdächtigungen gefaßt. Aber -ihnen allen gegenüber erhebe ich den Anspruch, daß ich, selbst aus -einfachsten Kreisen herausgewachsen, es nicht weniger ehrlich mit ihnen -meine, als es andre von sich behaupten.</p> - -<p>Mit einem Appell an meine Alters- und Standesgenossen möchte ich diese -Worte beschließen. Ich bitte sie dringend, es mir nachzuthun, allein -oder zu zweien, aber mit offnem Visier, zu keinem andern Zwecke, als -die ärmern Mitbrüder und ihre Lage, ihre Gedanken, ihr Sorgen und ihr -Sehnen kennen zu lernen, ihnen durch solche Opfer die Liebe und Achtung -zu zeigen, auf die sie einen Anspruch haben, und im künftigen Berufe -dann vorurteilslos und ernst da für sie einzutreten, wo immer sie recht -haben.</p> - -<p class="mtop2">Berlin, Anfang Juni 1891</p> - -<p class="s4 right mright2"><b>Der Verfasser</b></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel"><span class="s5">Erstes Kapitel</span><br /> - -<b>Mein Weg</b></h2> - -</div> - -<p><span class="initial">A</span>nfang Juni des vorigen Jahres hängte ich meinen Kandidatenrock an den -Nagel und wurde Fabrikarbeiter. Ein abgelegter Rock, ein ebensolches -Beinkleid, Kommißstiefeln aus der Militärzeit, ein alter Hut und ein -derber Stock bildeten meinen abenteuerlichen Anzug. Eine vielgereiste -Umhängetasche fand sich dazu, die nötigste Wäsche aufzunehmen, und gab, -ein Paar Schuhe und die vorschriftsmäßige Bürste oben aufgeschnallt, -einen prächtigen „Berliner“ ab. So zog ich eines frühen Morgens in -struppigem Haar und Bart als richtiger Handwerksbursche mit klopfendem -Herzen von daheim aus und bald darauf zu Fuß in das mir unbekannte -Chemnitz ein. Hier in Chemnitz, dem Mittelpunkte der ausgedehnten -sächsischen Großindustrie, habe ich fast drei Monate <em class="gesperrt">unerkannt</em> -als einfacher Fabrikarbeiter und beinahe ohne jeden Verkehr mit -meinesgleichen gelebt, habe in einer großen Maschinenfabrik mit -den Leuten täglich elf Stunden gearbeitet, mit ihnen gegessen und -getrunken, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit -ihnen verbracht, mich die Sonntage mit ihnen vergnügt und so ein -reiches Material zur Beurteilung der Arbeiterverhältnisse gesammelt, -das mitzuteilen ich im Folgenden versuchen will.</p> - -<p>Seit Jahren für das Studium der sozialen Frage vom religiösen und -kirchlichen Standpunkte aus erwärmt, war es vor allem eines, das mich -bisher einen klaren Blick, ein sicheres Urteil, einen festen Haltepunkt -zu gewinnen immer wieder verhinderte: die zu geringe Kenntnis der -Wirklichkeit, der thatsächlichen Lage derer, um derentwillen wir -eine soziale, eine Arbeiterfrage haben. Zwar giebt es<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> eine reiche -Litteratur. Aber wer verbürgte mir die Richtigkeit der gegebenen -Darstellungen? Wo ist die Wahrheit? Bei dem Optimisten, der die Lage -der Arbeiter als durchaus nicht so erbarmungswürdig schildert, oder bei -dem Pessimisten, der alles Schwarz in Schwarz sieht und die Zukunft -nur als Revolution? In den sozialdemokratischen Schriften, die, so -scharf und bedeutungsvoll ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen -auch ist, doch für nichts weniger als unparteiisch und sachlich gelten -und, fast alle Agitationsschriften, jedenfalls wissenschaftlichen -Wert nicht beanspruchen können? In den weniger zahlreichen Äußerungen -von Arbeitgebern, die in dieser Angelegenheit ebenso Partei sind, wie -die Arbeiter selbst? Oder gar in unsrer periodischen und Tagespresse, -die beinahe durchgängig <em class="gesperrt">Parteipresse</em> ist und als Vertreterin -bestimmter Interessengruppen die Dinge immer nur von ihrem einseitigen, -egoistischen Interessenstandpunkte aus zu würdigen und zu Gunsten -ihrer Partei auszubeuten geneigt ist? Oder endlich in den Schriften -von Geistlichen? Gewiß wird dem Pastor durch seine seelsorgerische -Thätigkeit eine Fülle von Erfahrungen zur Verfügung stehen; ob aber -gerade besonders reichlich und der Wirklichkeit entsprechend unter -den Arbeitern, die je länger desto mehr sich von der Kirche und ihrem -Einflusse fern zu halten suchen? Und dann ist eins zu bedenken: vor dem -Träger des geistlichen Amtes pflegt sich jedermann, auch der Arbeiter, -gern in sein Sonntagsgewand, thatsächlich wie bildlich gefaßt, zu -werfen; die innersten Gedanken der Leute, ihre Gesinnung, die sie nur -äußern, wenn sie unter sich und unbelauscht sind, lernt auch er nur -sehr schwer und lückenhaft kennen. Und eben das war es, was ich vor -allem wissen wollte, um darauf mein weiteres Studium und meine spätere -Arbeit bauen zu können: <em class="gesperrt">die volle Wahrheit über die Gesinnung -der arbeitenden Klassen, ihre materiellen Wünsche, ihren geistigen, -sittlichen, religiösen Charakter</em>.</p> - -<p>Wie aber ergründen, was sich so gerne dem forschenden Auge entzieht? -Das beste, geradeste, wenn auch nicht eben bequemste war, wenn ich -selbst unerkannt unter die Leute ging, mit eignen Ohren hörte und mit -eignen Augen sah, wie es unter ihnen steht, ihre Nöte, ihre Sorgen, -ihre Freuden, ihr tägliches einförmiges Leben selbst miterlebte, -die Sehnsucht ihrer Seele, ihren Drang nach Freiheit, Besitz, Genuß -belauschte und selbständig nach den innersten<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> Triebfedern ihrer -Handlungen suchte. Wie malt sich eigentlich die Welt in den Köpfen -dieser Leute, die nun schon seit Jahrzehnten vielleicht unter dem -Einflusse der sozialdemokratischen Führer stehen? Welches sind, eine -Frucht jener Agitation, ihre sozialen und politischen Vorstellungen, -welches ist ihr sittlicher Charakter, ihr innerstes religiöses -Empfinden, die Stellung der Einzelnen zur Kirche? Haben sie überhaupt -noch religiöse Bedürfnisse? Und wenn, auf welchem Wege können sie -ihnen am besten befriedigt werden? Wie ist den Verhetzten und — zum -großen Teil mit Recht — Verbitterten überhaupt erst wieder nahe zu -kommen? Das alles konnte ich nur an der Quelle, selbst Arbeiter unter -Arbeitern, erfahren. Also — heran an die Quelle!</p> - -<p>Als ich um die Mittagszeit in Chemnitz einzog, war ich, absichtlich -ohne bestimmten Plan, völlig dem Zufall überlassen. Ich fragte, um mich -zu orientieren, einen an der nächsten Ecke postierten Schutzmann, ob er -mir vielleicht sagen könnte, wo man hier Arbeit nachgewiesen erhielte.</p> - -<p>Was sind Sie? herrschte er mich in bedeutend unfreundlicherem Tone an, -als ich es früher von Schutzleuten gewohnt war.</p> - -<p>Expedient, Schreiber.</p> - -<p>Da werden Sie wohl keine Arbeit in Chemnitz bekommen.</p> - -<p>Ich mache auch jede andre Arbeit, gab ich zurück.</p> - -<p>Dann gehen Sie einmal in die Zentralherberge, Zschopauerstraße; dort -ist noch am ehesten irgendwelche Arbeit zu erfahren.</p> - -<p>So war mir der weitere Weg gewiesen. Ich fragte mich nach der -Zentralherberge durch. Die Herberge war zugleich Arbeitsnachweisstelle -und gehörte räumlich zum Vereinshaus des, wenn ich recht berichtet bin, -freisinnigen Chemnitzer Arbeitervereins.</p> - -<p>Das vordere Zimmer der Herberge war mit einigen jungen Leuten in -Sonntagskleidern und mit mehrern Handwerksmeistern besetzt, die -hier auf zureisende Gesellen warteten. Auf einer großen Tafel an -der Wand las ich: Zureisenden ist der Aufenthalt im vordern Zimmer -nicht gestattet. So ging ich ins hintere. Dort sah es noch öder aus. -Mehrere große graue Tische, um sie herum vielgebrauchte, mitunter -durchgesessene Holzstühle bildeten neben einer alten Handwerkslade und -dem primitiven Schenktische die einzigen Möbel dieses Zimmers, das mit -einer dunstigen, dicken Luft gefüllt<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> war. An den Wänden hingen viele -Plakate mit Adressen von Herbergen der verschiedensten Städte. Es waren -nur vier Mann in diesem Zimmer. Drei in blauem Kittel, die Hüte auf den -Köpfen, saßen zusammen, ein andrer für sich.</p> - -<p>Ich setzte mich schüchtern in eine Ecke. Es wurde mir in der -neuen Umgebung doch etwas bang zu Mute, und ich dachte in diesen -Augenblicken, wohl das einzigemal, ernstlich an eine Umkehr.</p> - -<p>Ich saß etwa eine halbe Stunde und wartete. Ich mußte, noch völlig -unerfahren in dieser Lage, zunächst die Dinge einfach an mich -herankommen lassen. Und sie kamen in der Gestalt des dürren beweglichen -Männchens, das dort einsam am Tische saß. Er trat auf mich zu:</p> - -<p>Guten Tag, Landser [Landsmann].</p> - -<p>Guten Tag, Landser, antwortete ich.</p> - -<p>Auch einer von der Zunft? — Damit hielt er mir seinen ausgestreckten -Zeigefinger vor die Augen.</p> - -<p>Ich wußte nicht, was er damit wollte. Doch ich ahnte, wie es sich -gleich nachher herausstellte, mit Recht einen Schneider in ihm und -sagte jedenfalls Nein.</p> - -<p>Was bist du denn? forschte er weiter.</p> - -<p>Expedient, Schreiber.</p> - -<p>Und warum bist du auf der Walze [Wanderschaft]? Sage mal — damit -rückte er vertraulich an mich heran —, es ist wohl nicht ganz richtig -mit dir? Mir kannst du es schon erzählen. Du siehst noch so anständig -aus, du bist wohl durchgebrannt?</p> - -<p>Nein, sagte ich sehr einsilbig.</p> - -<p>Oder kommst du vom Zuchthause?...</p> - -<p>Das war ein schöner Anfang. Doch durfte ich mein Schneiderlein nicht -fahren lassen. Ich wurde zunächst grob.</p> - -<p>Dummer Kerl, glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? erwiderte -ich, das allgemein gebräuchliche Du, das mir bald ganz geläufig -war, ihm zurückgebend. Ich bin ein Expedient und habe zuletzt fast -zwei Jahre lang bei einem Pastor gearbeitet, der eine christliche -Zeitung herausgiebt. Ich wäre auch noch dort; aber ich bekam von dem -Korrekturenlesen und von nächtlicher Privatarbeit schwache Augen. -Der Doktor verbot mir, sie diesen Sommer über nur im geringsten -anzustrengen. Aber so lange zu bummeln, geht<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> nicht; zu Hause zur -Last liegen will man auch nicht. So bin ich hierher gekommen, um mir -unterdessen in einer Fabrik etwas Verdienst zu suchen. Da brauche ich -— setzte ich hinzu — doch die Augen auch nicht viel mehr aufzumachen, -als wenn ich faulenze und immer spazieren gehe.</p> - -<p>Zur Bekräftigung dessen zog ich ein Arbeitszeugnis hervor, das mir -der Herausgeber der bekannten „Christlichen Welt,“ in deren Redaktion -ich fast zwei Jahre lang als Hilfsarbeiter beschäftigt war, für alle -Notfälle ausgestellt hatte, laut dessen ich so und so lange bei ihm in -der Redaktion als Schreiber und Expedient gearbeitet hätte.</p> - -<p>Das wirkte. Mein Schneiderlein bekam Mitleid mit mir.</p> - -<p>Ich habe jenes Zeugnis nur noch einmal zu gebrauchen nötig gehabt. -Auch in der Fabrik glaubte man meiner bloßen Erzählung und schob -allerhand Kenntnisse, die man trotz aller Gegenbemühungen meinerseits -doch bei mir entdeckte, auf die nächtlichen Studien — wie ich das ja -auch gewünscht hatte. Dennoch hat es mich immer eine große sittliche -Überwindung gekostet, wenn ich meinen Arbeitsgenossen schon diese -Geschichte vorlügen mußte, und ich benutze diese Gelegenheit, um ihnen -auch an dieser Stelle öffentlich dafür Abbitte zu leisten. Ich habe -vorher lange nach einem andern Wege gesucht, aber kein besseres Mittel -gefunden, um <em class="gesperrt">unerkannt</em> unter ihnen sein zu können. Das war aber -die erste Bedingung, wenn ich mein Ziel nur annähernd erreichen wollte.</p> - -<p>Meine Bekanntschaft mit dem Schneider, der etwa vierzig Jahre alt sein -mochte, wurde mir sehr wertvoll. Wir waren schnell gut Freund und bei -einem Glase Bier in eifrigem Gespräch. Bald saßen auch jene andern -drei, ein Maurer, ein Steinmetz und ein Ziegelstreicher, mit an unserm -Tische.</p> - -<p>Der Schneider führte das Wort. Er sah ein wenig gönnerhaft, mit -väterlichem Bedauern auf die arme Schreiberseele herab.</p> - -<p>Ja, wir Schneider, rief er, wir sind doch viel besser dran als ihr -Schreiber. Wir wissen wenigstens, was wir gelernt haben. Ein Schneider, -der einen Rock machen kann, kommt immer durch.</p> - -<p>Auch er war augenblicklich ohne Arbeit. Er hatte erst gestern bei -seinem Meister aufgehört. Ungern, wie er sagte; denn er ginge nicht -leicht von einem Meister fort, bei dem er sich einmal eingearbeitet -hätte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p>Aber siehst du, Schreiber, meinte er, der Mann war ein Säufer. Und wenn -das ein Meister ist, ist er verloren, und es geht mit ihm abwärts. So -wars auch bei diesem, und das Elend in einer solchen Familie kann ich -nicht mit ansehen.</p> - -<p>Er war ein seelensguter Mensch, aber total verworren. Er erzählte -jedem ganz ernsthaft das tollste Zeug, ohne daß man ihn dazu besonders -veranlaßte.</p> - -<p>Wer an Gott nicht mehr glaubt, ist verloren, war sein drittes Wort. -Der alte Fritz hätte gesagt: Jesus lieb haben, wäre mehr wert denn -vieles Wissen. Und der hätte Recht gehabt. Sonst aber wüßten wir -nichts. Nur die Natur ist uns bekannt. Dann redete er zwischen seine -Handwerkserinnerungen hinein plötzlich einmal von Darwin.</p> - -<p>Was der sagt, daß wir von den Affen abstammen, ist albern. Affe bleibt -Affe.</p> - -<p>Nee, wir stammen von Affen, schrie nun wieder ein Betrunkener, ein -Stammgast der Herberge, der inzwischen hereingewankt war und sich auf -eine hölzerne Bank in der andern Ecke schlafen gelegt hatte.</p> - -<p>Die drei andern hörten dem allen ruhig zu, lachten sich eins und -machten sich ihre eignen Gedanken.</p> - -<p>Ich fragte sie, was sie wohl dächten, ob ich zu jetziger Zeit in -Chemnitz Arbeit <em class="gesperrt">in einer Fabrik</em> bekommen könnte. Sie hielten -das für wohl möglich, der Schneider jedoch nicht, und mit Recht, -wie es sich hernach zeigte. Er riet mir vielmehr, in das Zwickauer -Kohlenrevier zu gehen und unter der Erde Arbeit zu suchen.</p> - -<p>Das thun viele, die keine Arbeit hier bekommen, sagte er sehr -bezeichnend. Aber freilich ist es kein Zuckerlecken. Es ist der letzte -Ausweg, aber besser als Hungern.</p> - -<p>Er schlug mir vor, morgen mit einander ins Vogtland hinein zu wandern. -Jedoch gegen drei Uhr nachmittags ging er plötzlich weg und ward nicht -mehr gesehen.</p> - -<p>Ich vermißte ihn nicht mehr zu sehr. Ich hatte nun schon neue Freunde, -zu denen ich mich hielt. Vor allem den Maurer und den Steinmetz, zwei -kluge, stille und anständige Menschen, ohne jede Spur von der Roheit, -die man so gern für den Arbeitertypus hält. Durch sie vor allem wurde -ich auch mit den andern schnell bekannt und rasch in der ganzen -Herberge heimisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<p>Ich lernte bald drei bestimmte Klassen von Herbergsbesuchern -unterscheiden. Die erste, wohl zahlreichste sind die jungen, -siebzehn-, achtzehnjährigen Gesellen, die eben ausgelernt haben und -sich gewöhnlich auf ihrer ersten Wanderschaft befinden. Sie sind mit -Kleidung gut ausgestattet, meist auch mit Geld hinreichend versehen, -kommen erst am Spätnachmittag in kleinen Trupps an, halten sich still -und schüchtern von den übrigen zurück und bringen mit wenig Ausnahmen -immer nur einen Abend und eine Nacht auf der Herberge zu.</p> - -<p>Die zweite Kategorie setzt sich aus den eigentlichen „Kunden,“ den -Bummlern von Profession zusammen. Sie sind im Durchschnitt nicht unter -dreißig und oft über fünfzig Jahre alt, Säufer und vielfach Stammgäste -einer oder mehrerer Chemnitzer Herbergen. Sie haben ganz bestimmte -Reviere, die sie „abkloppen“ und dabei besonders die immer wieder -freigebigen Geistlichen und Lehrer auf dem Lande mitnehmen, über deren -Gutmütigkeit sie sich dann in der Herberge lustig machen. Mitunter -arbeiten sie auch einmal halbe und ganze Tage: laden Steine ab, spülen -Flaschen, tragen Kohlen ein u. s. f. Ich arbeite höchstens zwei Tage -in der Woche, sagte einmal einer in einer andern, der verrufenen -Maurerherberge, das ist genug und langt zum Leben. Die andern Tage -lasse ich andre arbeiten. Ein Teil von ihnen stand bei dem Vorsteher -der Herberge, dem „Vater,“ sichtlich gut.</p> - -<p>Zwischen diese beiden ausgeprägten Klassen schiebt sich die dritte. Sie -rekrutiert sich meist aus zwanzig- bis dreißigjährigen, kraftvollen -Gestalten, die schon weit in der Welt herumgekommen sind, vielfach -etwas Ordentliches gelernt haben und augenblicklich freiwillig oder -unfreiwillig arbeitslos sind. Dehnt sich diese Arbeitslosigkeit lange -aus, so stehen sie in der größten Gefahr, zu gewohnheitsmäßigen -Bummlern herabzusinken, und sind dann der Gesellschaft meist für -immer verloren. Ein besonders hervortretender Charakterzug an ihnen, -wenigstens an denen, die mir begegneten, ist eine unerschütterliche -Ruhe und Sicherheit und große Erfahrung.</p> - -<p>Sonst sind am Orte in Arbeit stehende junge Leute, namentlich die -häufig blau machen und ihre Arbeitsstätten oft wechseln, auf Stunden -Gäste der Herberge, ohne sich jedoch mit den Wandernden besonders -abzugeben. Sie hielten sich denn auch meist im vordern,<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> reservierten, -bessern Zimmer auf und wurden vom Herbergsvater gern gesehen.</p> - -<p>Über acht Tage lang habe ich mich in dieser Zentralherberge -herumgetrieben, meist auch die Nächte hier zugebracht, für mich -fürchterliche Nächte in dem gemeinsamen Schlafraume mit schmutzigen, -stinkenden Betten, Stickluft und vielem Ungeziefer. Auch in der -Herberge zur Heimat übernachtete ich einmal; aber ich schlief auch -nicht besser als dort. Doch ist seitdem ein andrer Hausvater eingezogen.</p> - -<p>In der Zentralherberge pflegte uns ein junger Mensch abteilungsweise -zu Bette zu bringen, hager, bleich, bartlos, in schäbiger modischer -Kleidung, mit ungekämmtem Haar und einem Klemmer auf der Nase. Er -redete nicht mit den Herbergsgästen, gab eine Art Hausknecht ab, putzte -das Eßgeschirr und hing morgens die Betten zum Ausdünsten an die Luft. -Man sagte, daß es ein früherer Handlungskommis wäre. Er machte einen -unsäglich traurigen Eindruck; leider war er auch mir unzugänglich.</p> - -<p>Deutliche sozialdemokratische Regungen habe ich unter dieser -Wanderbevölkerung, wie auch erklärlich, bis auf einen Vorfall -nicht wahrgenommen. Das war, als einer ein aus der Chemnitzer -sozialdemokratischen „Presse“ früher einmal von ihm ausgeschriebenes -Gedicht über die Maurer zum Gaudium aller und unter Neckereien des -Maurers vorlas. Drei bis vier Mann schrieben es sich hernach ab.</p> - -<p>Aber mein Herbergsaufenthalt war doch nur Mittel zum Zweck. Einen Teil -jedes Tages benutzte ich darum, um, vielfach in Gesellschaft eines -Westfalen, Arbeit in einer Fabrik zu suchen. Wir bekamen sie nirgends. -Überall fanden eher Entlassungen als Neueinstellungen von Arbeitern -statt. Die MacKinley-Bill warf schon damals ihre Schatten voraus. -Außerhalb der Fabrik war auch für den gänzlich Fremden eher Arbeit zu -finden. So konnte ich sofort bei einem Brunnenmeister antreten. Aber -das war nicht mein Wille. Ich mußte, um meine Absicht auszuführen, in -eine größere Fabrik.</p> - -<p>So blieb nichts übrig, als mich doch einem Fabrikanten zu entdecken. -Gleich die ersten, die ich anging, die Direktoren einer großen -Maschinenfabrik, waren auf das Uneigennützigste bereit, meinen Wunsch -zu erfüllen. Ich wurde als gewöhnlicher Handarbeiter ein<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>gestellt. -Außer den beiden Herren, die mir strengste Verschwiegenheit zusicherten -und ihr Versprechen treulich gehalten haben, wußte niemand sonst in der -Fabrik, wer ich war. Auch sie behandelten mich, meiner Bitte gemäß, wie -jeden andern Arbeiter.</p> - -<p>Es ist hier der Ort, meine ehemaligen Arbeitsgenossen über die ihnen -vielleicht auftauchende Besorgnis zu beruhigen, daß ich den Herren -meine täglichen Beobachtungen in der Fabrik etwa mitgeteilt haben und -ihr Zuträger gewesen sein könnte. Es war jedoch gleich bei meinem -Eintritt in die Fabrik zwischen uns als selbstverständlich vereinbart -worden, daß dies nicht geschehen dürfte. Zum Beweis, wie gänzlich -unmöglich dies überhaupt war, führe ich an, daß ich nach meiner -Einstellung nur noch einmal mit den Herren längere Zeit gesprochen -habe. Das war, als ich mich von ihnen verabschiedete. Auch da haben wir -uns nur über Arbeiterverhältnisse im allgemeinen unterhalten.</p> - -<p>Ich wurde in der Abteilung für Werkzeugmaschinenbau beschäftigt und -war einer Kolonne von fünf Handarbeitern zugeteilt, die überall da -zugreifen mußten, wo Not am Manne war. Dadurch sah ich mich, was -äußerst wertvoll für mich wurde, nicht an einen bestimmten Platz -gefesselt, sondern hatte volle Bewegungsfreiheit und stets Gelegenheit, -mich fast jedem der Hundertzwanzig mehr oder weniger zu nähern.</p> - -<p>Es war schwere, mir ungewohnte Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Da -mußten eben aus der Gießerei gekommene Eisenteile der verschiedensten -Form und Größe und oft viele Zentner schwer abgeladen, gewogen und -zu den einzelnen Arbeitern sowie wieder zwischen diesen hin und her -transportiert werden, je nachdem sie gerade zu bearbeiten waren. Dann -hieß es ganze schwere Maschinen mittelst Krahnes und Walzen zum und -vom Probiersaale schaffen, Maschinen aus einander nehmen helfen, ihre -einzelnen beim Probieren ölig und schmierig gewordenen Teile wieder -reinigen; dann wieder Kohlen holen, Eisenspäne wegfahren, diese und -jene Bestellung machen. Mitunter wurde man auch aushilfsweise in der -Schlosserei verwendet und hatte z. B. in starke Eisenteile Löcher von -verschiedener Tiefe zu bohren. Wenn ich so in der ersten Zeit täglich -fast elf Stunden mit der Handbohrmaschine, oft in der ungemütlichsten -Haltung, liegend oder gebückt oder auf einer Leiter stehend gebohrt<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -hatte, vermochte ich manchmal des Abends vor Schmerzen in den Armen -kaum einzuschlafen.</p> - -<p>Wir waren mit einem Worte die Diener für alle, auf jeden Wink, -jedes Pst gewärtig. Selbst kleine Schlosserlehrlinge beehrten den -Handarbeiter, freilich meist unter Protest der Ältern, mit Aufträgen. -Häufig ging es von einem schweren Dienst zum andern; dann kostete es -mich alle Kraft, hier auszuhalten. Heute bin ich froh, es durchgesetzt -zu haben. Ich habe damit bewiesen, daß mein ganzes Unternehmen keine -bloße Spielerei und Abenteuerei, sondern bitterer Ernst für mich war.</p> - -<p>Aber es kamen auch bessere Zeiten: Stunden, halbe und ganze Tage, -wo es nicht viel oder nur leichte Arbeit gab. Solche Zeit wurde von -mir stets doppelt fleißig zum Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen -ausgenutzt. Dann ging ich von dem einen zum andern, und während -dessen Maschine rasselte, lenkte ich unser Gespräch von dem zu jenem -Gegenstande, worüber ich gern sein Urteil haben wollte. Oder ich -hörte einfach zu, wo sich eine Gruppe gebildet hatte und sich eifrig -über allerhand Fragen unterhielt, sich neckte oder stritt. Wenn ich -einem oft eine Stunde lang etwa eine eiserne Welle oder einen Hebel -halten oder sonstwie zur Hand sein mußte, so war das für mich stets -erwünschte Gelegenheit, seine Gesinnung, seine Ansichten zu hören. Ja -fast jede gemeinsame Arbeit, jede Handreichung bot so günstigen Anlaß -zu interessanten Studien. Ich machte aus meiner religiösen Überzeugung -kein Hehl, und das rief den Widerspruch hervor. Ich ließ erkennen, daß -ich über manches nachgelesen und nachgedacht hatte, und das wurde für -viele die Ursache, die verschiedensten und mitunter wunderlichsten -Fragen an mich zu richten. Bald hieß ich der „Doktor,“ der „Professor.“ -Einer meinte, an mir wäre ein Pastor verloren, ein andrer hielt -mich für einen heruntergekommenen Studenten, ein dritter machte mir -Aussicht, einmal Reichstagsabgeordneter zu werden. Daß irgendwem eine -richtige Ahnung von meiner Person und meinen Plänen aufgegangen ist, -glaube ich trotz alledem nicht, habe jedenfalls keinen Anhalt dafür, -es anzunehmen. Der Gedanke, daß ein Gebildeter selbst nur auf Zeit auf -allen Komfort, seinen Beruf und seine immerhin hohe Lebensstellung -freiwillig und um ihretwillen verzichten könnte, kam den Leuten nicht, -war für sie wohl einfach undenkbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Auch die kurze Frühstückspause, während deren man in Gruppen -zusammensaß, ließ mich viele Einblicke thun. Die Stunde des -Mittagsessens, das ich für geringen Preis in Arbeiterkneipen -einnahm, führte mich täglich in nahen Verkehr mit den jungen -unverheirateten Leuten meiner und andrer Fabriken. Auch die Abende -verbrachte ich selten allein und daheim, häufig auf den Straßen -unsers Arbeiterviertels, die um diese Zeit bei schönem Wetter von den -Anwohnenden, gleichviel ob jung oder alt, zahlreich belebt zu sein -pflegen, oder in den Sitzungen des sozialdemokratischen Wahlvereins, -in denen ich nie fehlte, oder — und dies je länger desto mehr — in -den Familien der Arbeiter, denen ich allmählich näher gekommen war. -Die Sonntage trafen mich entweder auf einem Ausfluge mit mehrern -jungen Schlossern oder als Teilnehmer der dort sehr beliebten -sozialdemokratischen Arbeiter- und Kinderfeste; am Sonntagsabende war -ich ständiger Besucher der öffentlichen Tanzsäle, die ich fast nie vor -Schluß, also vor Mitternacht verließ.</p> - -<p>Nur die Nächte gehörten mir. Ich hatte gleich nach meinen -Herbergserlebnissen den Plan, mich als Schlafbursche in einer -Arbeiterfamilie einzumieten, aufgegeben. Ich sah, daß es einfach über -meine Kräfte gehen würde, nach so ungewohnter Tagesarbeit auch noch -mehr oder weniger schlaflose Nächte durchzumachen. Auch brauchte ich -die späten Abendstunden sehr notwendig, um unbeobachtet die Eindrücke -des Tages klären und meine Notizen machen zu können. So begnügte ich -mich damit, mir mitten in einer Arbeitervorstadt bei einer schlichten -Familie ein kleines Stübchen zu mieten, das vor mir erst ein Schlosser, -dann ein Kaufmann bewohnt hatte, von derselben ganz einfachen Art, wie -sie junge Arbeiter auch sonst mitunter bewohnen.</p> - -<p>Um aber den Schlafstellenjammer doch wenigstens etwas kennen zu -lernen, verließ ich Mitte August die Fabrik und verwendete — als -Arbeitsloser — die nächste Zeit meist auf die Besichtigung von -freistehenden Schlafstellen. Der tägliche Wohnungsanzeiger des -„Chemnitzer Tageblattes“ wies mir die Wege. Eine Düte mit Zuckerzeug -hatte ich auch stets in der Tasche, und wo immer ich Kinder traf, -teilte ich daraus mit. Das öffnete mir Herz und Mund der Mütter und -gestattete, daß ich mitunter ziemlich lange in einzelnen Familien -zubrachte. So habe ich im ganzen doch etwa<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> sechzig Schlafstellen -wenigstens gründlich <em class="gesperrt">gesehen</em>. Ein Sozialdemokrat hat in -einer öffentlichen Versammlung zu Göttingen diese Methode, „das -Schlafstellenwesen durch Mietsvorspiegelungen und Erregung irriger -Hoffnungen zu rekognoszieren,“ als „unwürdig“ hingestellt. Ich erkläre -hiermit, daß es jedem frei steht, zur Vermietung angebotene Wohnungen -sich anzusehen, und daß ich keine Familie bei meinem Weggang darüber -im Unklaren gelassen habe, daß ich die betreffende Schlafstelle -<em class="gesperrt">nicht</em> annähme.</p> - -<p>Schließlich packte ich abermals mein Bündel und zog, wieder -Handwerksbursche, von Chemnitz aus ins Vogtland hinein. Aber ich kam -nicht mehr weit. Ich fühlte, daß meine Elastizität zu Ende war. So -brach ich, wohl allzu plötzlich, ab und kehrte Ende August nach Hause -zurück.</p> - -<p>Soviel zur Orientierung über meine äußern Erlebnisse, über den Weg, -den ich bei diesen Untersuchungen ging. Nunmehr diese selbst und ihre -Resultate.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel"><span class="s5">Zweites Kapitel</span><br /> - -<b>Die materielle Lage meiner Arbeitsgenossen</b></h2> - -</div> - -<p>Wir waren etwa fünfhundert Mann in unsrer Fabrik beschäftigt, denen -allen ich selbstverständlich nicht gleich nahe gekommen bin. In -täglicher intimer Berührung war ich eigentlich nur mit 120 bis 150 -Mann, von denen die meisten mit mir <em class="gesperrt">einer</em> Abteilung, dem -Werkzeugmaschinenbau, angehörten. An diesen habe ich vornehmlich die -Erfahrungen gemacht, die ich mitteile.</p> - -<p>Unter ihnen wiederum war die überwiegende Mehrzahl Sachsen, soviel -ich habe herausbekommen können, 70 bis 75 Prozent. Ich bitte, diese -Thatsache für alle folgenden Erörterungen im Auge zu behalten und meine -Erfahrungen nicht, wider meinen Willen, unbesehen auch auf andere -Stämme zu übertragen. Der Rest von 25 Prozent verteilte sich etwa auf -10 Prozent Norddeutsche, 5 Prozent Süddeutsche, 10 Prozent Österreicher -und einige Schweizer. Die hohe Ziffer der Österreicher erklärt sich -leicht aus der Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze. Übrigens waren sie -zumeist Deutschböhmen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> und bereits in Sachsen naturalisiert. Unter den -Sachsen überwog wieder das eingeborene Element, geborene Chemnitzer, -oder aus der nähern und weitern Umgebung der Stadt, oder wenigstens -aus dem Erzgebirge und Vogtlande.<a name="FNAnker_A_1" id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[*]</a> Aus den übrigen drei sächsischen -Kreisen war die Zahl der Eingewanderten verhältnismäßig gering, kaum 15 -bis 20 Prozent. Dagegen war das einheimische Element in der Chemnitzer -Wirk- und Webindustrie viel stärker als bei uns, im Gegensatz wieder -zum Baugewerbe, wo die Österreicher, speziell die tschechischen -Arbeiter, ein überraschend großes Kontingent stellten.</p> - -<p>Über das <em class="gesperrt">Einkommen</em> meiner Arbeitsgenossen nun kann ich nicht -ganz sichre Zahlenangaben machen. Denn ich habe sie selbstverständlich -nur von den Leuten selbst und kann darum für ihre genaue Richtigkeit -nicht bürgen. Es war ungemein schwer, hierüber die volle Wahrheit -zu erfahren. Jeder suchte seinen Verdienst vor dem andern zu -verheimlichen, der eine, der mehr verdiente, um durch seinen Lohn nicht -in den Geruch eines Schleichers und Günstlings zu kommen oder die -Mitarbeiter nicht zu einer gleichhohen Lohnforderung zu veranlassen; -der andre, der weniger verdiente, aus Scham und Furcht vor dem Spott -und der Hänselei unvernünftiger Mitarbeiter.</p> - -<p>Die damaligen Löhne standen offenbar unter dem Drucke der verfehlten -Maifeier und der nahenden MacKinley-Bill. Dann einmal wurden neu -Eintretende mit niedrigerm Stundenlohn als der vorhergehende -eingestellt, und dann wurde jede Bitte um Lohnzuschlag zurückgewiesen. -Wer mit seinem bisherigen Verdienst nicht zufrieden war, wurde -entlassen.</p> - -<p>Ich selbst, um damit zu beginnen, bekam als Neuling und Handarbeiter 20 -Pfennige Lohn für die Stunde, den gewöhnlichen Anfangslohn, der aber -auf Bitten, namentlich Verheirateter bald um 1 bis 2 Pfennige erhöht -zu werden pflegte. Das machte bei mir täglich mit Ausnahme des Montags -und Sonnabends, wo eine Stunde weniger gearbeitet wurde, 2,13 Mark, an -den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> genannten Tagen 1,93 Mark, in der ganzen Woche genau 12,78 -Mark. Davon gingen stets fast zwei Mark ab: an Krankenkassenbeiträgen, -Strafgeldern für Verspätungen und Arbeitsversäumnisse, sodaß ich selten -mehr als 11 Mark Verdienst auf die Woche herausbekam. Die übrigen -Handarbeiter verdienten 12 bis 15 Mark, durchschnittlich wohl 14 Mark -die Woche, Schlosser 15 bis 21, ihre Monteure 22 bis 28, Bohrer, die -um Lohn arbeiteten, 15 bis 19 Mark. Dagegen kamen die Akkordarbeiter -bedeutend höher: Hobler im Durchschnitt bis auf 25, Dreher von 20 bis -30, Stoßer und Bohrer von 20 bis 30, 35, einzelne gar bis 40 Mark in -der Woche. Der Maschinist an der großen Dampfmaschine verdiente nach -seiner eignen Angabe bei vierzehnstündiger täglicher und regelmäßiger -Sonntagsvormittagsarbeit 24 Mark die Woche. Bei den Monteuren wird -ebenso wie bei einigen Meistern das Einkommen bedeutend durch -sogenannte Prozente für von ihnen fertig gestellte Maschinen erhöht. -Das Jahreseinkommen der letztern sollte nach Angaben der Leute im -Durchschnitt 1800 bis 2000 Mark betragen. Unter den starken Verdienern -sind viele junge Leute mit einem angeblichen Mindestverdienst von 100 -Mark im Monat. Ein Teil dieser Angaben kann eher noch zu niedrig als -zu hoch gegriffen sein. In einigen andern Maschinenfabriken sollte der -Lohn noch höher sein, aber auch die Arbeit länger und anstrengender. -Doch vermochte ich selbstverständlich die Richtigkeit dieser Angaben -nicht zu prüfen.</p> - -<p>Aus alledem geht hervor, daß von Not unter dieser Arbeiterklasse -nicht die Rede sein kann. Jedenfalls ist sie eine der verhältnismäßig -bestgestellten, konsumtionskräftigsten unter der gesamten sächsischen -Arbeiterschaft, auch wenn man sich immer vor Augen hält, daß die -angegebenen höchsten Zahlen nur für einen kleinen Prozentsatz der -Arbeitsgenossen gelten, daß der Durchschnittsverdienst 80 Mark im Monat -beträgt, und ein Stundenlohn von 32 Pfennigen schon als sehr günstig -angesehen wird.</p> - -<p>Die vielen, die, wie namentlich Handarbeiter, bedeutend weniger als -diese angegebene Summe verdienten, dazu eine zahlreiche Familie, Sorgen -und Schulden hatten, die aber fleißig und strebsam waren und auf sich -und ihre Angehörigen hielten, suchten durch <em class="gesperrt">Nebenverdienst</em> ihr -Einkommen einigermaßen zu erhöhen. Sie suchten sich auf alle Weise in -ihren knappen Feierabendstunden<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> sowie am Sonntage außerhalb der Fabrik -ihre bald besser bald schlechter gelohnte, bald leichte und angenehme, -bald mühsame Nebenbeschäftigung. Hier einige Beispiele. Ein Packer, -der gern und mit herzlichem Behagen von seinem Heim, seiner Frau und -seinen erwachsenen und halberwachsenen Kindern zu erzählen pflegte, -ein schlichter, treuherziger Charakter, schnitzte den Sonntagmorgen -über Kleiderbügel und machte am Nachmittag und in der Nacht auf einem -nicht allzufernen Dorfe den Tanzmeister; ein ehemaliger Schneider -trieb in seiner Freizeit sein altes Handwerk, um sich Taschengeld -zu verdienen, da er, wie er uns sagte, sein ganzes Verdienst, -allvierzehntägig 27 Mark bis auf eine Mark seiner Frau und seinen zwei -Kindern heimbrachte; ein Zimmermann tischlerte nebenbei; ein andrer, -der einst Barbierjunge gewesen, aber aus der Lehre entlaufen war, ging -des Abends von Haus zu Haus und barbierte Bekannte und Genossen aus der -Fabrik; mehrere machten des Sonntags Tanzmusik, einer, ein Dreher, in -einer „fidelen“ Kneipe Ulkmusik; wieder einer verhandelte Fässer; ein -Bohrer war Sonntags nachmittags Hilfskutscher eines in den vermehrten -Sonntagsbetrieb eingestellten Wagens der Chemnitzer Pferdeeisenbahn; -ein Schlosser, der seinen Sohn Kaufmann werden ließ und etwa vierzig -Jahre alt sein mochte, ein gutmütiger Kerl, aber ein großer, wenn -auch nicht allzu unanständiger Verehrer geistiger Getränke, kellnerte -allabendlich und allsonntäglich in einer unsrer vielbesuchten bessern -Arbeiterkneipen — wohl ebenso aus dem Streben, etwas zu verdienen, -als ab und zu einen billigen Trunk zu thun; endlich fand ich nicht -einen nur, der unter den Fabrikgenossen einen schwunghaften Handel mit -billigen Zigarren im Preise von drei, vier, auch fünf Pfennigen trieb. -Auch sonst suchte man sich auf allerhand Weise zu verdienen: durch -Kohleneintragen bei Meistern und Direktoren, durch Grasmähen in deren -Gärten und ähnliche Dinge.</p> - -<p>Einzelnen wenigen brachten auch Überstunden und Sonntagsarbeit in -der Fabrik etwas Nebenverdienst. Es waren das freilich meist ganz -bestimmte, vom Meister ausgesuchte Leute, denen dieser „Vorteil“ -zufiel: um den Preis ihres gewöhnlichen Stundenlohnes übernahmen sie -die Werkstattreinigung an jedem Sonnabend nach Feierabend, ferner die -Reinigung der Dampfmaschinen und sonst sich nötig machende Reparaturen -am Sonntag Vormittag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p> - -<p>Einen weitern Zuschuß brachte die Arbeit der Frauen und manchmal, doch -nicht zu häufig, der größern Kinder. Es ist mir unmöglich, hierüber -Genaueres zu sagen, ich vermag nur anzugeben, daß diese Frauenarbeit -die allerverschiedenste war: Schneidern, Nähen für ein Geschäft, -Waschen und Scheuern, Hausieren oder Handeln mit Grünzeug und andern -Waren; wohl nicht häufig ging man in Fabriken, viel mehr wurden daheim -auf der Strickmaschine Strümpfe gestrickt.</p> - -<p>Auch wurde das Halten von Schlafleuten und Mittagskostgängern, wobei -ebenfalls der Frau die <em class="gesperrt">ganze</em> Arbeit obliegt, als Quelle zur -Erhöhung des Fabriklohnes angesehen — kaum mit vollem Rechte. Denn so -viel ich beobachten konnte, kommt in Anbetracht der dadurch den Frauen -auferlegten schweren Mühe und der Opfer an häuslicher Bequemlichkeit, -von andern tiefern, aber mehr ausnahmsweisen Schäden hier einmal ganz -abgesehen, ein pekuniärer Vorteil selten heraus.</p> - -<p>Das alles aber gilt immer nur von den geringer gestellten Arbeitern. -Ich glaube bemerkt zu haben, daß wer nur immer dazu imstande war, auf -solche Nebenverdienste zu verzichten, es auch mit einigen Ausnahmen -that.</p> - -<p>Aber mein Bild würde unvollständig bleiben, wenn ich ihm nicht einen -goldnen Rahmen gäbe und nicht noch erzählte, daß wir doch auch fünf -Hausbesitzer unter den Arbeitern unsrer Fabrik hatten. Wenigstens -sind mir fünf bekannt geworden: ein enorm fleißiger, auf Akkord -arbeitender Dreher, der sich das Vesperbrot am Munde absparte, und -den man scherzweise den Kommerzienrat nannte, hatte es sich durch -seiner Hände Arbeit und seinen, wie einige sagten, Sparsinn, wie andre -meinten, Geiz erworben; dasselbe galt von einem andern Arbeiter; -ebenfalls ein junger Dreher war — wohl durch Erbschaft — Eigentümer -des flottgehenden Gasthofes eines engbenachbarten Dorfes; und ein -Schmied und ein Schmirgler waren ebenso im Besitz eines Wohnhauses. -Dann war einer in meiner Kolonne, ein guter, bei allen beliebter Kerl, -der aus einer Bauernfamilie der Umgegend stammte und, wie man sagte, -aber wohl übertrieb, im Besitze von soviel tausend Mark sei, daß er -es nicht nötig gehabt hätte, sich bei uns herumzuplagen. Endlich -mußte ich einmal als gelernter „Schreiber“ einem andern schon älteren -Manne,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> dessen Vater gestorben war und den Kindern je mehrere hundert -Mark hinterlassen hatte, einen Kontrakt aufsetzen, auf Grund dessen er -seinen Anteil einem Bruder als Hypothek auf dessen Haus überließ — -wie er mir sagte, da er das Geld ja doch nicht brauchte. Doch habe ich -es kaum nötig, noch ausdrücklich zu erwähnen, daß diese glücklichen -Hausbesitzer und Kapitalisten nicht die Regel unter uns bildeten.</p> - -<p>Nach dem allen wiederhole ich meine oben gemachte Aussage, daß von -Not in unsrer Arbeitergruppe nicht die Rede sein konnte. Freilich -auch nicht von Überfluß. <em class="gesperrt">Denn der oben angegebene Betrag des -jährlichen Durchschnittseinkommens von 800 bis 900 Mark gestattet bei -den heutigen hohen Wohnungs- und Lebensmittelpreisen eben gerade, daß -ein Arbeiter mit einer nicht allzu zahlreichen Familie ohne schwere -Nahrungssorgen leben kann.</em> Die Sache liegt aber sofort bedeutend -ungünstiger, wo wie bei uns Handarbeitern das Jahreseinkommen nur -zwischen 600 bis 700 Mark betrug, oder wo Krankheiten, Todes- und -andre Unglücksfälle, längere Reserve- und Landwehrübungen des Mannes -oder endlich ein häufig mit einer Arbeitspause verbundener Wechsel -der Arbeit einen beträchtlichen Teil auch des höhern Einkommens -verschlangen. Bei denen, die 1200 bis 1500 Mark Einkommen hatten, war -allerdings eine bessere höhere Lebenshaltung und einiger Luxus möglich -und zu meiner Freude vielfach auch vorhanden. Im allgemeinen muß das -Urteil aber dahin zusammengefaßt werden, daß auch bei dem angegebenen -Durchschnittsverdienste die Lebensführung für eine Arbeiterfamilie nur -in den allerbescheidensten, sagen wir in beschränkten Verhältnissen -möglich war.</p> - -<p>Das werden schon die nicht erschöpfenden Beobachtungen zeigen, die -ich über <em class="gesperrt">Wohnung</em>, <em class="gesperrt">Kleidung</em>, <em class="gesperrt">Nahrung</em> meiner -Arbeitsgenossen gemacht habe, und die ich trotz aller Lückenhaftigkeit -doch der folgenden Mitteilung für wert halte.</p> - -<p>Meine Arbeitsgenossen wohnten zu einem beträchtlichen Teile nicht -in dem Vorstadtdorf, in dem unsre Fabrik lag und wo auch ich -mich einquartiert hatte. Viele wohnten in der Stadt, viele in -den umliegenden nahen und fernern Dörfern. Die Fälle waren nicht -vereinzelt, in denen sie stundenweit bis nach Hause hatten. Ein -Handarbeiter unsrer Kolonne, der älteste von uns, ein hoher<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Fünfziger, -hatte so weit zu gehen, daß er es vorzog, die Woche über bei seinem -Schwiegersohn in unsrer Vorstadt Quartier zu nehmen und nur Sonnabends -seine Frau und sein Heim zu besuchen, das ein andrer von uns, der ihn -einmal besuchte, wegen seiner Nettigkeit, Sauberkeit und „Heimlichkeit“ -nicht genug zu rühmen vermochte. Über die Wohnungsverhältnisse aller -dieser vielen Auswärtigen vermag ich fast keine Einzelheiten zu bringen -und nur zu sagen, daß die in der Stadt lebenden bedeutend schlechter, -die von den weiter entfernt und oft in reizender Natur gelegenen -Dörfern hereinkommenden, im Durchschnitt unstreitig besser wohnten, als -wir in unserm Viertel.</p> - -<p>Unser Vorstadtdorf schloß sich so dicht an Chemnitz an, daß man beider -Grenzen nicht mehr herausfinden konnte. Beide gingen ineinander über, -und auf der andern Seite des Dorfes bildete eine ganze stundenlange -Kette von Dörfern, wie das in dem dicht bevölkerten Sachsen nicht -selten vorkommt, seine Fortsetzung. Dieser Zusammenhang bestimmte -Aussehen und Anlage unsers Ortes. Er war halb Stadt halb Dorf: -zwischen den alten charakteristischen hochgiebeligen, kleinfenstrigen, -niedrigen Landhäusern hoben sich die zum Sterben nüchternen städtischen -zwei- bis dreistöckigen Mietskasernen empor. Nur ein kleines Viertel -gab es noch, wo der alte Charakter des ehemaligen Dorfes in den -niedrigen primitiven, planlos und willkürlich nebeneinander gestellten -Tagelöhnerhäuschen und den schmalen, zickzackigen Gängen und Wegen -dazwischen ganz rein erhalten war. Aber dicht daneben wuchs mit -Riesenschnelle wieder ein rein städtischer Teil empor, zwei breite, -mächtige parallel laufende Straßen, wo in gerader Linie Kaserne an -Kaserne stand, deren kalte Front freilich kleine grüne Vorgärtchen -freundlich belebten und schmückten. So gab auch die äußere Gestalt -dieses Vorstadtdorfes ein Abbild der wirtschaftlichen Wandlung, die -seine Bewohner eben durchmachten: die Entwicklung aus Land- und -Ackerbauern in großindustrielle Fabrikarbeiter.</p> - -<p>Meine hier ansässigen Arbeitsgenossen wohnten je nach den -Wohnungspreisen, den Ansprüchen, den Neigungen, der Gewohnheit, oft -auch nach bloßem Zufall teils in dem neuen Viertel, teils in den alten -Häusern, deren Inneres gewöhnlich nach der Weise der neuen Häuser -umgebaut und in mehrere Familienwohnungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> „Parten“ genannt, geteilt -war. Ich weiß nicht, welcher Art Wohnungen ich den Vorzug geben soll. -Die in den alten ländlichen Häusern hatten niedrige Stuben, kleine -Fenster, enge Fluren und waren mitunter äußerlich verwahrlost; aber -dafür lag fast jedes derartige Wohnhaus mitten in einem Gärtchen, -mitten im Grünen. Jene andre Sorte hatte größere und höhere Räume, mehr -Luft und mehr Licht, aber eben auch den ganzen öden Kasernencharakter, -und die Häuser waren vielfach auch recht flüchtig und mangelhaft -gebaut. Die geringsten und unfreundlichsten Wohnungen aber fanden sich -jedenfalls in den häufigen Hinterhäusern dieser neuen Straßen, die -vielfach die Schattenseiten der beiden eben genannten Gattungen in sich -vereinigten und an Armseligkeit der innern Anlage und Ausstattung sowie -ihrer Umgebung oft nichts zu wünschen übrig ließen.</p> - -<p>Es ist schwer, das, was die Leute an Räumen inne zu haben pflegten, -noch <em class="gesperrt">Familien</em>wohnungen zu nennen. Oder kann man wirklich -eine zweifenstrige Stube und ein einfenstriges unheizbares Gelaß -daneben noch so bezeichnen? Eben dies aber und nicht mehr bildete -das Heim eines — wenn ich recht sah — sehr großen Teiles unsrer -Arbeiterfamilien. Darum sprach man da unten auch immer nur von Stuben. -„Ich will mir eine neue Stube mieten“; „Was bezahlst du für deine -Stube?“ waren ganz übliche Worte.</p> - -<p>Bedeutend besser, geräumiger, anheimelnder erschienen schon die -Wohnungen, die aus einer Stube und zwei solcher Gelasse, im Volke -dort fälschlich „Alkoven“ genannt, oder gar aus zwei heizbaren Stuben -und einem Alkoven bestanden. Doch auch ihnen fehlte sehr oft, wie -den Stuben immer, die Küche, dagegen gehörte zu allen genannten -Gattungen regelmäßig noch eine sogenannte Bodenkammer, d. h. ein enger -Bretterverschlag unter dem Dache, deren jeder mit einer kleinen Luke -versehen war.</p> - -<p>Die meisten, namentlich modernen, nach städtischer Art gebauten Häuser -hatten von jeder der geschilderten Wohnungsparten eine Anzahl, aber in -erdrückender Gleichmäßigkeit auch nichts als solche; größere Wohnungen -fanden sich in solchen eigentlichen Arbeitermiethäusern gar nicht. Für -die wenigen Leute am Orte, die danach verlangten, gab es besonders -gebaute Häuser dazwischen und außerdem noch einige wenige Villen oder -dem ähnliche Gartengebäude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p> - -<p>Die Preise für diese Wohnungen waren hoch im Vergleich zu ihrem Werte -wie zu dem Einkommen der meisten Arbeiter, doch wohl niedriger als -diejenigen für gleiche in der Stadt. Ich vermag hier keine Zahlen zu -geben; die wenigen, die ich mir damals notiert habe, sind ungenügend, -ich setze sie darum gleich gar nicht erst her. Aber an Berliner Preise -reichten sie freilich nicht hinan.</p> - -<p>Auch darüber, welche nach der Höhe des Einkommens geordnete -Arbeitergruppen je diese einzelnen Sorten von Wohnungen bewohnten, -läßt sich schwer etwas Allgemeingiltiges festsetzen. Man kann wohl -sagen, daß jene kleinsten Räume natürlich immer die schwachen Verdiener -oder Väter mit zahlreicher und darum kostspieliger Familie oder junge -Eheleute mit noch keinem oder einem einzigen kleinen Kinde bewohnten, -die größern immer die stärkern Verdiener. Aber es war nicht selten, daß -auch Leute mit weniger Lohn solche größeren Wohnungen innehatten, die -aber dann immer eine Anzahl Schlafleute hielten, die ihnen die hohe -Miete mit erbringen mußten. Es war, um dies gleich an dieser Stelle zu -sagen, in der Fabrik immer ein Ach und Weh, wenn der „Zinstermin“ kam; -an dem Lohntage, der diesem Termine zuvorging, pflegte besonders wenig -für die übrigen Bedürfnisse übrig zu bleiben.</p> - -<p>Wie es nun innen in den Wohnungen aussah? Gut, mittelmäßig, schlecht -— das kam auf viele verschiedene Ursachen an. Ein Sofa, ein häufig -runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr- -und noch mehr Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast -immer vorhanden zu sein; nicht selten auch eine Nähmaschine, eine -Hängelampe und ein hübscher, äußerlich eleganter, wenn auch sehr -oberflächlich fabrizierter Kleiderschrank oder Vertikow. In der -Ecke oder an der Seite, wo der zum Kochen benutzte Ofen stand, -pflegte das wenige Küchengeschirr zu hängen; Töpfe, das „Geschühte“ -und sonstiges Gerümpel, vielleicht auch noch irgend ein Schrank -befanden sich dann in dem anstoßenden Zimmerchen, das im übrigen fast -vollständig mit Bettgestellen besetzt war. Einem jungverheirateten -Paare fehlte häufig eins oder mehrere der oben genannten Stücke, etwa -das Sofa, der Spiegel, die Uhr: man war da eben noch nicht in der -Lage gewesen, sie sich schaffen zu können, denn da unten heiratet -man ja ohne Mitgift. Ob<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> aber in einem solchen Haushalt Ordnung, -Reinlichkeit, verständnisvolles Arrangement und bei aller Enge und -größter Einfachheit ein freundlich einladender Geist herrschte oder -nicht, das bestimmten die Zahl der Kinder, ihr Alter, das Verdienst -und die Haltung des Mannes, die Beschäftigung und vor allem natürlich -der Charakter, die Anlage, die Vergangenheit der Frau. Ich war bei -Arbeitskollegen im Hause, die kaum ein paar Pfennige mehr für die -Arbeitsstunde hatten als ich und genug Kinder und wenig gute Möbel, -und bei denen man doch nur gerne blieb; ich war bei Stoßern und -Bohrern, die auf Akkord arbeiteten und 40 bis 50 Mark die Woche -verdienten, wo es nicht einfacher aussah als in meines Vaters Haus, -und weiße Decken den Tisch, das Sofa und die Kommode, weiße Gardinen -die blumenbestandenen Fenster, manches Bild die reinlichen Wände -schmückten, und ich sah auch das Gegenteil bei Leuten sowohl mit großem -als mit geringem Verdienste, mit vielen und wenigen Kindern, mit neuem -und altem Hausgerät.</p> - -<p>Jedenfalls — und ich betone das scharf und nachdrücklich — war die -Zahl der Familien, die bei aller Beschränktheit der Lebenshaltung -und Wohnung so gut als möglich auf Adrettheit und Anstand zu halten -versuchten und auch thatsächlich hielten, unendlich größer, als -diejenigen, bei denen das aus irgend einem Grunde nicht der Fall war.</p> - -<p>Das Traurige an dem ganzen Wohnungswesen dieser Leute war vielmehr ein -andres, schon oft beklagtes: das Mißverhältnis zwischen der Enge der -Räume und der Zahl ihrer Bewohner. Solche eben geschilderte Wohnräume -genügten wohl jungen, erst verheirateten Leuten mit ein oder zwei -Kindern zu einem halbwegs gesunden, zufriedenen Wohnen: wo sich aber -eins, zwei, drei Kinder mehr einstellten, und wo man um des bessern -Auskommens willen noch gar Fremde in Kost und Logis zu nehmen gezwungen -war, gab es dann Zustände, die sich leicht nachfühlen, aber schwer -beschreiben lassen. Das aber war selbstverständlich die Regel. Weitaus -die meisten Familien hatten eine Schar Kinder, hatten Schlafleute und -Kostgänger. Tadellose Wohnungsverhältnisse gab es darum nur da, wo -weder die einen noch die andern vorhanden waren: wenn kinderlose oder -auch ältere Ehepaare, deren Kinder bereits erwachsen und<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> versorgt -waren, leidliches oder gar gutes Einkommen hatten, blieb man gern -für sich und machte es sich freundlich, gemütlich daheim. So bei -einem Stoßer, den ich mehrmals besuchte, dessen Jüngster eben aus der -Schule war. Hier wars einfach reizend. Auch das waren noch günstige -Verhältnisse, wo, wie in der Familie eines aus unsrer Kolonne, der -in einem solchen ehemaligen zum Miethause umgewandelten Bauernhause -wohnte, Vater, Mutter, eine erwachsene Tochter aus erster Ehe der Frau -und drei kleine Kinder aus der jetzigen Ehe eine geräumige Eckstube, -einen einfenstrigen Alkoven und eine Bodenkammer inne hatten: Da -schlief das Mädchen in der letztern allein; die übrigen im Alkoven, -und zwar das Kleinste in der umfangreichen Wiege, die zwei andern -in einem und die Eltern auch in einem Bette. Solches allnächtliches -Zusammenschlafen einmal der Eltern und dann von Geschwistern, auch -schon größern, und dann auch von Bruder und Schwester in einem Bette -war übrigens nach meinen Erfahrungen weitaus die Regel: nur bei zwei -kinderlosen Ehepaaren fand ichs auch in diesem Punkt anders und -besser; da hatten die Gatten je ein Bett für sich. Ungünstiger schon -als bei der eben geschilderten Familie lagen die Dinge bei einer -andern mir befreundet gewordenen, die aus den jungen Eltern, einem -zweijährigen und einem halbjährigen Kinde und einem erwachsenen fremden -Fabrikmädchen bestand, und die sich nur mit einem einzigen engen -Zimmer zur ebnen Erde und der Dachkammer, wo jene Fremde schlief, -begnügen mußte. In dieser einzigen Stube, die natürlich Wohnzimmer, -Schlafzimmer, Besuchszimmer und Küche zugleich war, stand ein einziges -Bett für die Eltern, ein Kinderwagen, ein Tisch, ein paar Stühle, eine -Kommode, ein Kleiderschrank und Küchenzeug eng zusammen. Aber auch so -wars noch verhältnismäßig gut. Es kommt noch schlimmer. Wieder ein -Handarbeiter meiner Kolonne, bei dem ich am häufigsten war, der eine -energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, zwei von ihm und ihr -herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, ein Mädchen von etwa -neun und einen Jungen von sechs Jahren hatte, bewohnte in einem mit -Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen -aus unsrer Fabrik ebenfalls nur ein enges zweifenstriges Zimmer, einen -Alkoven und eine Bodenkammer. Auch hier schliefen Eltern und Kinder -je in einem Bette zu<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>sammen, und zwar so, daß diese zwei Betten fast -den ganzen Raum einnahmen, die <em class="gesperrt">drei</em> Burschen in der etwas -geräumigern Bodenkammer ebenfalls nur in <em class="gesperrt">zwei</em> Betten, also zwei -einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür -er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. Wie verbreitet diese -Sitte war, beweist die geringfügige Thatsache, daß ich, wenn ich auf -meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich möchte gern -„für mich,“ wie ich meinte, in einem Zimmer allein, schlafen, wohl fast -immer dahin verstanden wurde, allein in <em class="gesperrt">einem Bette</em>.</p> - -<p>Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem andern -Mann aus meiner Fabrik. Das war thatsächlich nicht mehr menschenwürdig. -Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine -zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig, ein -kleiner, biedrer, guter Kerl, mit dem ich mich besonders viel und -gern unterhielt. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige -Frau, deren Lebens- und Liebesgeschichte er mir wie seine eigne in der -ganzen Massivheit, wie sie sich unter diesen Leuten abspielt, und mit -der ganzen naiven Offenheit und kameradschaftlichen Vertraulichkeit, -wie sie da unten auch zwischen ältern und jüngern schnell entsteht, -doch nicht ohne poetischen Schimmer ausführlich erzählte. Ihre Kinder -waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen -herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen <em class="gesperrt">fünf</em> fremde -Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen: -aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven, einer einfenstrigen Kammer -und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten, -in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderm <em class="gesperrt">zwei</em> -böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich, -schlief die kränkliche Frau allein; ihr Mann seit <em class="gesperrt">drei</em> Jahren, -seit seine Frau niemand mehr neben sich liegen haben konnte, auf dem -Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr -abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die -Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden -Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer -mußten schon früh ½5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser -Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam -erst abends ½10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> dann -noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe -für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch -übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem -einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte, -tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem -andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht -ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben -konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei -dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.</p> - -<p>Kamen nun obendrein noch Verwandte oder Bekannte zu Besuch, so war ihre -Beherbergung mit weitern großen, fast unglaublichen Einschränkungen -verknüpft. Jenen letztgenannten Arbeiter, bei dem so jammervolle -Wohnungszustände herrschten, besuchte einmal mit zwei ihrer Kinder -seine nach Thüringen verheiratete Tochter, „eine Schlange, die ihre -Eltern auszunutzen sucht,“ wie der Vater in einer mürrischen Stunde -einmal meinte. Da schliefen auch diese beiden Kleinen noch bei den -Großeltern, und zwar in der Dachkammer, mit der Zwölfjährigen zu dritt -in einem Bette, während die Tochter bei Verwandten in der Nachbarschaft -untergebracht war. Und alle solche Zustände herrschten unter einer -Arbeiterschaft, die vorher als eine verhältnismäßig gutgestellte -bezeichnet werden mußte!</p> - -<p>Die meisten und größten dieser Übel kamen jedenfalls durch das -<em class="gesperrt">Schlafstellen-</em> und <em class="gesperrt">Kostgängerunwesen</em>. Das ist der -Ruin der deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den -allermeisten Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der geringe -materielle Vorteil, der dabei herauskommt, ist ein ersehnter Zuschuß -zum Wirtschaftsgeld der Arbeiterfrau. Daß die Arbeiter sich nur zum -Spaße mit solchen Fremden herumplagen, braucht niemand zu glauben. Im -Gegenteil machte ich häufiger die Erfahrung, daß, wer es durchsetzen -kann, womöglich sich diese Leute vom Halse und aus dem Hause hält. Wenn -man es aber thut, nimmt man jedenfalls immer lieber junge Männer als -junge Mädchen.</p> - -<p>Es gab ganz bestimmte, von einander verschiedene Arten von -Schlafstellen, bessere und schlechtere. Die traurigsten, moralisch -und sanitär gefährlichsten hat glücklicherweise eine verständige und -nachahmungswerte Verordnung des Chemnitzer Amtshauptmanns un<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>möglich -gemacht. Durch diese Verordnung wurde für jeden Schläfer ein nach -Kubikmetern bestimmter notwendiger Raum vorgeschrieben <em class="gesperrt">und den -einzelnen Familien das gleichzeitige Halten von Schlafburschen und -Schlafmädchen streng untersagt</em>. Bei meinen Besuchen und Gängen fand -ich etwa noch folgende Arten an:</p> - -<p>a) Schlafstellen unter dem Dache, in den obengeschilderten -Bretterverschlägen. Hier pflegte fast jede Familie ein bis drei Betten -stehen zu haben. Und keine Etage des ganzen Hauses war des Nachts oft -dichter besetzt, als diese Dachräume, deren schiefe Decke Dachsparren -und die nackten Ziegel bildeten. In alten Häusern mußten es, namentlich -im heißen Sommer, nächtliche Marterkästen sein; in solider gebauten -waren es mit die besten Schlafräume. Jedenfalls hatte diese Art von -Schlafstellen den großen Vorzug, daß sie des Nachts den Fremden von -der ihn beherbergenden Familie isolierte. Sie waren ungemein zahlreich -und je nach ihrer Güte teurer oder billiger. Die geringwertigere -Sorte bevorzugten mit Vorliebe die anspruchslosen böhmischen Maurer -und Erdarbeiter, die nur den Sommer über hier auf Arbeit waren. Der -wöchentliche Durchschnittspreis war etwa zwei Mark; dafür bekam man -noch den Morgenkaffee. Bei kleinen Meistern schlafen die Lehrjungen, ab -und zu auch einer ihrer Gesellen hier, manchmal mit einem oder mehreren -fremden Schlafburschen zusammen. In kleinen Beamten-, Kaufmanns- -oder ähnlichen Familien, wo ein Dienstmädchen nötig gebraucht wird, -und die Wohnräume knapp sind, wird auch deren Bett mitunter, dann -natürlich allein, hier aufgestellt. Außer der Bettstelle und einigen -Nägeln in der Wand giebts gewöhnlich kein Mobiliar in diesem Gelaß, -es sei denn, der Fremde brächte sich eine Kommode oder eine Kiste -mit. Jenes passiert selten, dies häufig. Die paar Kleider, die so ein -Menschenkind zu besitzen pflegt, werden dann an die eingeschlagenen -Nägel gehängt, die Wäsche und die andern Siebensachen in der Kiste und -das andre Paar Stiefel in einer Ecke der Bodenkammer untergebracht. Wer -ganz billige Unterkunft haben wollte oder mußte, mietete sich solchen -Bretterverschlag mit einem Bette mit einem Freunde zusammen.</p> - -<p>b) Die zweite Reihe Schlafstellen befindet sich in den Wohnräumen -der Familie selbst. Die bedenklichsten darunter, die mit der Familie -in einem Raume gemeinsamen, sind nebst den durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> angeführte -Verordnung untersagten heute wenn auch noch nicht ganz beseitigt, so -doch selten. Wer in einem Alkoven (in der Stadt wird oft auch die Küche -dazu benutzt) mit mehreren andern zusammenschläft, pflegt wöchentlich -eine Mark zu zahlen; wer in einem leeren, d. h. nur mit einem Bette -ausgestatteten Alkoven allein schläft, mindestens zwei Mark. Dann -kommen die beiden besten, aber auch seltensten Kategorien: schlicht -möblierte Stübchen mit zwei und drei Betten, die namentlich unter -einander befreundete junge Schlosser aus bessern Familien für je zwei -Mark die Woche gemeinsam bewohnen, und ebensolche mit einem Bette, die -freilich wegen ihrer Kostspieligkeit (drei Mark für die Woche) weniger -verlangt werden und bereits den Übergang zu den in studentischen -Kreisen üblichen schlichten Garçonwohnungen bilden.</p> - -<p>Die angeführten Wohnungspreise sind natürlich nur, aber ziemlich -sichere, Durchschnittsangaben. Sie verstehen sich immer mit -Morgenkaffee, häufig auch mit Abendkaffee. Sie sind nicht hoch; für -den jungen Burschen, der meist eben so viel als ein verheirateter Mann -verdient und für niemand zu sorgen hat, mit die geringste Ausgabe für -notwendige Bedürfnisse. Dennoch kommt es nicht selten vor, daß einer -mit dem Logisgeld durchbrennt. Der Chemnitzer Lokalanzeiger brachte -fast täglich eine derartige Notiz, wobei zu bedenken ist, daß nur -ein kleiner Teil der Fälle von den Betroffenen zur Anzeige gebracht -wird. Dann pflegt man gewöhnlich eine verschlossene, aber leere, mit -einigen Steinen beschwerte Kiste als Pfand zurückzulassen. Namentlich -Arbeitslose manövrieren gern so. Sie spiegeln ihren neuen Wirtsleuten -vor, daß sie Arbeit hätten, gehen des Morgens zur vorgeschriebenen -Stunde weg, vertreiben sich den Tag teils auf der Herberge, teils mit -Spaziergängen, teils mit Arbeitsuchen und kommen zur Feierabendzeit -ins Quartier zurück. Wenns paßt, fliegt dann der Vogel einmal aus — -auf Nimmerwiedersehen. Das ist dann immer eine herbe Einbuße für die -Familie.</p> - -<p>Über die <em class="gesperrt">Kleidungsverhältnisse</em> meiner Arbeitsgenossen habe -ich natürlich weniger zu sagen. In der Fabrik war die Kleidung -selbstverständlich primitiv und schmutzig. Ein festes, wenn auch durch -langen Gebrauch abgeschabtes, glänzig gewordenes Beinkleid, eine Weste -und darüber ein blauer Leinwandkittel war das übliche<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Kostüm. Mit -Vorliebe zog man in der Fabrik die Stiefel aus und Holzpantoffeln -an. Wenn man die Stiefel anbehält, schmerzen die Füße nach dem -elfstündigen Stehen und Gehen auf dem Ziegelpflaster zu sehr. Nur -wenige arbeiteten mit unbedecktem Kopfe; die meisten trugen teils -des herumfliegenden Staubes und Schmutzes wegen, teils aus alter -Volksgewohnheit eine leichte billige Mütze oder den alten abgenutzten -Hut, den sie auch auf den Gängen von und zur Fabrik aufhatten. Außerdem -banden wir Handarbeiter und noch einige andre, die viel zu heben und -zu transportieren hatten, noch eine aus altem Sackleinen meist selbst -gefertigte Schürze vor. War es, wie an manchen Tagen des vergangenen -Sommers, besonders heiß und darum trotz allen Wassersprengens, wozu -dann drei Mann von uns kommandiert waren, erstickend dunstig in den mit -schwitzenden Menschen erfüllten Räumen, so zog man gern die Westen aus, -krempelte die Ärmel der Bluse hoch auf und schlug vorn Hemd und Bluse -weit zurück, daß die Brust weit offen lag. Unterbeinkleider trug man -selten, dagegen meist wollene Strümpfe und wollene bunte Hemden; bunte -Leinenhemden sah ich wenig, ganz vereinzelt grobe weiße nur bei einigen -Tischlern und Zimmerleuten. Wollene Kleidungsstücke wurden überhaupt, -wo es anging, mit Vorliebe sowohl von Männern wie von Frauen, auch ohne -Professor Jägers Sanktion, doch in längst erprobter Kenntnis von dem, -was richtig an seinem „System“ ist, getragen.</p> - -<p>Es war allgemein Sitte, daß die üblichen blauen leinenen Blusen -allwöchentlich gewechselt wurden, und es fiel geradezu auf, wenn -Montag morgens einer wieder die altwaschene mitbrachte. Nur ein -bestimmter Arbeitsanzug aus starkem blauem englischen Lederstoff, den -man bei einem einhändigen Expedienten unsers Büreaus mit Erlaubnis der -Direktoren auf Abzahlung billig und preiswert kaufen konnte, der schwer -zu waschen war und auch nicht so leicht schmutzte, wurde länger, zwei -bis drei Wochen ohne Anstoß getragen.</p> - -<p>So alt und bleiglänzig auch die ganze Kleidung meist war und sein -mußte, so wurde doch durchschnittlich darauf gehalten, daß sie nicht -zerrissen war. Wo das der Fall war, namentlich bei Verheirateten, -wurde es gar wohl bemerkt. Man machte mich bei ein paar<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> solchen -Leuten geradezu darauf aufmerksam mit den halb entschuldigenden, halb -bedauernden Worten: „Na, es kann ja auch nicht anders sein; seine Frau -ist eben eine Schlumpe.“</p> - -<p>Nur wenige befolgten bei uns die Sitte, die nach Erzählungen einiger -junger Schlosser in Berlin unter den jungen Leuten mit gutem Verdienste -sehr üblich sein soll, daß man nach Schluß der Arbeitszeit gleich in -der Fabrik das Arbeitszeug aus und gutes anzog; die meisten von uns -gingen im Arbeitsanzuge nach Hause, über die blaue Bluse nur einen -alten ehemaligen Rock oder eine Jacke gezogen, den Blechkrug, in dem -man sich gewöhnlich morgens Kaffee mitbrachte, in der Hand. Ab und zu -kam es aber doch vor, daß man wenigstens die Beinkleider wechselte oder -doch während der Arbeit über die bessern leinene blaue zog.</p> - -<p>Das gerade Gegenteil dieser eben geschilderten Werktagskleidung -pflegte der Sonntagsanzug zu sein. Dieser war fast bei allen höchst -anständig und modisch, oft so sehr, daß ich viele der Arbeitskollegen -nicht wieder erkannte, als ich sie zum erstenmale des Sonntags sah. -Namentlich die jungen, unverheirateten legten den größten Wert auf -diese Sonntagskleidung. In dem einen der besten Säle, wo Sonntag -abends junge Offiziere in Zivil, Referendare, Kaufleute, Handwerker -und Fabrikarbeiter mit eleganten Ladenmädchen und vornehm gekleideten -Dirnen zum öffentlichen Tanz zusammen zu sein pflegten, waren sie in -den meisten Fällen von ihren Tanzgenossen aus höhern Regionen kaum, -höchstens an den größern, derbern Händen und dem Mangel eines Klemmers -zu unterscheiden. Ebenso ließen es auch die Verheirateten nicht an -Schmuckheit in der Sonntagskleidung fehlen. Aber es trat dies Streben -bei diesen doch natürlich und desto mehr zurück, je besonnener, -sparsamer, schlichter einer war, je größere Familie er hatte, je mehr -er auf sie hielt und wendete; auch trug sich immer derjenige, der vom -Lande war oder wohl gar noch dort wohnte, selbstverständlich nicht -so modisch wie der Städter und Vorstädter. Gleichwohl war auch unter -ihnen auf diesem Gebiete die Nivellierung weit vorwärts geschritten. -Rote Schlipse und jene gewaltigen Turnerhüte, die einen so unsäglich -komischen Eindruck namentlich auf Köpfen mit noch ganz jugendlichen -bartlosen Gesichtern machen, waren weniger in Gebrauch, als man -annehmen sollte.<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> Abschließend ist zu sagen, daß sich fast alle über -ihre Verhältnisse hinaus gut kleideten. Was sie dieser spezifisch -sächsischen Neigung opferten, sparten sie sich dann am Essen, am Leibe -ab.</p> - -<p>Über die <em class="gesperrt">Ernährungsverhältnisse</em> der Arbeitsgenossen ist -nun manches zu sagen. Zunächst: wir hatten in der Fabrik nur zwei -Eßpausen. Früh 8 bis 8 Uhr 20 Minuten war Frühstückszeit, 12 bis 1 Uhr -Mittagszeit. Sonst wurde die beinahe elfstündige Arbeitszeit, von früh -6 bis abends 6 Uhr nicht unterbrochen. Nachmittags 4 Uhr durften allein -die Lehrlinge ein halbstündiges Vesper machen; wer von den übrigen -Bedürfnis hatte, aß mitten in der Arbeit ein paar Bissen. Die früher -allgemein übliche Vesperpause war unter Billigung der Leute beseitigt -worden, sodaß sie schon um 6 Uhr Feierabend haben konnten.</p> - -<p>Das Frühstück wurde von beinahe allen in der Fabrik selbst eingenommen; -nur wenige, die in allernächster Nähe wohnten, gingen dazu nach Hause. -Wenige setzten sich auch in den der Fabrik benachbarten Budikerladen, -wo man guten Käse billig kaufte und in der vollgepfropften Wohnstube -des Besitzers oder in dem Laden zum mitgebrachten Butterbrot verzehrte. -Einigen andern brachten auch die Frauen das Frühstück oder schickten es -durch die Kinder, meist mit peinlicher Pünktlichkeit.</p> - -<p>Die allermeisten aber nahmen das bereits am Morgen mitgebrachte Brot -in der Fabrik ein. Hier verteilte man sich nun dabei ganz nach freiem -Belieben. Sobald das Wetter einigermaßen schön war, setzte man sich -ins Freie, d. h. in den geräumigen Fabrikhof, an den Lattenzaun, der -ihn von einer vorüberführenden Eisenbahn trennte. Aus alten Kisten, -Brettern, Eisenteilen baute man sich da schnell seinen Sitz. Ein Teil -frühstückte auch im Speisesaale, einem großen, hellen Raum zu ebener -Erde, mit nüchternen, kahlen Wänden, langen hölzernen Tischen und -Bänken, einem Wärmeofen und dem Schanktisch des Kantinenverwalters, der -zugleich der Kutscher der Fabrik war. Junge Schlosser blieben wohl auch -gleich an ihrem Arbeitsplatze und ließen es sich da schmecken.</p> - -<p>Das ganze Frühstück ging ohne viel Umstände vor sich; an vorheriges -Toilettemachen war natürlich nicht zu denken. Die Kürze der Zeit verbot -selbst eine gründliche Reinigung der schwarzen Hände am Waschtroge. So -begnügten wir uns damit, sie an der<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> selbst schmutzigen Schürze, an -Putzfäden, Sägespänen oder sonst etwas flüchtig abzuwischen. Ich kann -nicht sagen, daß uns das den Appetit auch nur im geringsten verdorben -hätte, der gerade um 8 Uhr bei allen stark vorhanden war. Es schmeckte -uns allen niemals besser als bei diesem zweiten Frühstück, nach -zweistündiger Morgenarbeit.</p> - -<p>Es wurde sehr stark gegessen: ein großes Butterbrot und stets etwas -dazu, Wurst, rohes Fleisch, Käse, ab und zu gekochte Eier, saure -Gurken. Je weiter der letzte Lohntag zurücklag, desto mehr herrschte -der Käse vor. Und die Zukost war außer bei den Handarbeitern und andern -mit besonders wenig Verdienst und vielen Kindern gesegneten reichlich -und immer gut bemessen. Stets auch wurde dazu etwas getrunken, was -infolge unsrer Beschäftigung eben so notwendig war wie gutes Essen. -Man trank gleich häufig kalten oder warmen Kaffee oder Buttermilch, -ein bei der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung allgemein beliebtes, eben -so nahrhaftes als billiges Sommergetränk. Nur in seltenen Fällen -habe ich beobachtet, daß die Wohlhabendern sich auch bairisch Bier -leisteten, und dann auch nur in den ersten Tagen nach der Löhnung. -Dagegen war der Genuß von einfachem Bier, wovon die Flasche sieben -Pfennige kostete, in stetem Zunehmen und verdrängte immer mehr und -mehr den Schnapsgenuß. Eine Hauptursache dazu ist wohl die Erfindung -des allbekannten Patentverschlusses gewesen. Denn der Arbeiter, der -früher die Schnapsflasche in der Tasche hatte, nimmt jetzt die ebenso -transportable Bierflasche mit. So wird eine kleine technische Erfindung -von großer sozialethischer Bedeutung — hier einmal in günstigem -Sinne — und wirkt mehr als viele moralisierende Reden und andre -Reformversuche.</p> - -<p>Speisen und Getränke brachte man sich entweder von daheim mit oder -kaufte sie sich in der Kantine. Jenes pflegten vor allem die ältern -verheirateten, darum sparsamen, dies die unverheirateten Leute zu thun. -In dieser Kantine war nur der Verkauf von Brot, Semmel, dreierlei -Wurst, Käse, ab und zu auch Eiern, sowie von Kaffee und einfachem Bier -gestattet. Die Preise waren nicht hoch, doch so, daß der Verkäufer -noch etwas dabei verdiente; ein Topf Kaffee mit Zucker kostete -vier Pfennige, eine Flasche Bier sieben Pfennige. Eine Einrichtung -dabei wurde besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> dankbar empfunden. Wir waren etwa vier- bis -fünfhundert Arbeiter; nimmt man an, daß nur ein Viertel von ihnen -in der Kantine kaufte, so hätten gegen hundert Mann allmorgendlich -sich um den Verkaufstisch gedrängt, und die letzten hätten glücklich -am Schlusse der Pause bedient werden können. Um diesen Übelstand zu -beseitigen, war gestattet, daß einer von uns Handarbeitern, ein dazu -fest bestimmter, eine Stunde vorher von Mann zu Mann ging, dessen -Bestellungen entgegennahm und dann kurz vor 8 Uhr dies Bestellte den -einzelnen an ihren Platz brachte: den heißen Kaffee in einer großen, -blitzblank gescheuerten blechernen Gießkanne, aus der jedem in seinen -Blechkrug geschenkt wurde.</p> - -<p>So primitiv in vielen Punkten dies ganze Frühstück war, so wurde das -doch nicht unangenehm empfunden. Man sah ein, daß es nicht anders -anging, und ließ es sich schmecken.</p> - -<p>Für das <em class="gesperrt">Mittagessen</em> war, wie gesagt, auch bei uns die übliche -Stunde von 12 bis 1 Uhr frei. Grundsatz war für alle: Wer zu Tisch -nach Hause kommen kann, geht nach Hause. Das war in unsrer Fabrik doch -einer sehr großen Zahl möglich. Und so wiederholte sich täglich in -unsrer Vorstadt ein interessantes Bild. So wie die Dampfpfeifen punkt -12 Uhr ihr Signal gaben, waren mit einem Schlage die sonst stillen -Straßen mit Hunderten von Menschen belebt, die im schnellsten Schritt -in der verschiedensten Richtung, allein oder zu zweien und dreien, an -einander vorübereilten; wer unter sie gehörte, begegnete alltäglich -immer denselben Gesichtern. Und dasselbe Bild eine Stunde später, -kurz vor 1 Uhr, bis dasselbe Signal die Straßen wieder säuberte. So -reguliert, wie früher der Klang der Glocken, heute der schrille Schrei -der Fabrikpfeifen das tägliche Leben der Bewohner unsrer Fabrikorte. -Denn wie mittags 12 und 1 Uhr gellen früh ½6 und um 6 Uhr und ebenso -zum Feierabend diese Pfeifen.</p> - -<p>Was mittags in den einzelnen Familien gegessen wurde, vermag ich -selbstverständlich nicht zu sagen. Häufig fragte ich, was es gegeben -hätte, aber manchmal erfuhr ich nicht die Wahrheit. Dann war -anzunehmen, daß es besonders dürftig gewesen war. Fleisch gab es -bei den hohen Fleischpreisen natürlich nicht immer, doch vermochte -es eine kluge, sparsame Hausfrau öfter auf den Tisch zu bringen -als ihr Gegenteil. Denn innerhalb bestimmter,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> durch das Einkommen -gezogener Grenzen kommt auch hier alles auf das Talent und den Wert -der Frau an. Eine tüchtige Hausfrau macht in dieser Weise — und sie -sind <em class="gesperrt">nicht</em> in der Minderzahl — fast Unmögliches möglich. -Die Frauen von zwei meiner engern Arbeitskollegen, die wöchentlich -noch nicht fünfzehn Mark verdienten, sagten mir, es gebe bei ihnen -<em class="gesperrt">immer</em> Fleisch in irgend welcher Form. Die eine von ihnen hatte -ein zweijähriges und ein halbjähriges Kind, die andre ein neun- und -ein fünfjähriges, eins unter dem Herzen und zwei auf dem Friedhofe; -jene hatte außer ihrem Mann und ihren Kindern noch ein Schlafmädchen, -die andre noch zwei Schlosser am Tisch. Beide Frauen hatten früher -als Dienstmädchen gedient. Dann wieder war bei uns ein Monteur, der -verhältnismäßig viel verdiente; wer seine Frau sah, wußte, warum seine -Kleidung so vernachlässigt war, warum er, wie er mir einmal erzählte, -häufig selbst kochte und briet und sie nicht mitthun ließ. Eines -Sonntags sollte es bei ihm als besondre Delikatesse Hundebraten geben.</p> - -<p>Anstatt der Butter wurde in manchen Familien viel Fett und viel Leinöl -gegessen. Im allgemeinen schließlich gilt der Satz, daß man am Anfang -einer Lohnperiode immer besser lebte als am Ende.</p> - -<p>Zwei Konsumvereine am Orte wurden von den Familien viel benutzt, -namentlich am Abend des Lohntages, wo man gleich für mehrere -Tage Einkäufe machte. Der eine Verein war eine ausgesprochene -sozialdemokratische Gründung, der andre noch jung; beide florierten.</p> - -<p>Viele Familien hatten außer ihren eignen Angehörigen, wie schon gesagt, -noch Kostgänger, häufig ihre eignen Schlafleute, oft noch andre junge -Burschen und Mädchen dazu, ab und zu auch verheiratete Männer, die -selbst zu weit nach Hause hatten, ihrer Familie die Unbequemlichkeit -des Essentragens ersparen, aber auch den noch etwas teuren Mittagstisch -in der Kneipe vermeiden und sich doch auch nicht mit einem kalten Imbiß -in der Fabrik begnügen wollten. Des Sonntags aber war es allgemeinste -Sitte, daß jeder in der Familie aß, in der er wohnte. Soviel ich -erfahren konnte, gab es, wo Fremde mit aßen, häufiger Fleisch, immer -aber bessere Speisen, und der Preis, den der Kostgänger zahlte, war -stets niedriger als der, den wir im Gasthaus zahlten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - -<p>Das war wieder eine andre, verhältnismäßig große Gruppe, die zum -Mittagstisch in eine der in der Nähe liegenden, ganz einfachen Kneipen -ging. Meist waren es junge, unverheiratete Leute mit besserm Verdienst, -und vor allem Schlosser, denen die Engigkeit einer Arbeiterwohnung, -die in der als Küche und Eßzimmer benutzten Stube und bei der Eile -aller Beteiligten gegen Mittag am fühlbarsten wurde, unbequem und -die Ordnung einer Restauration lieber war. Oder sie wohnten sehr -weit und hatten keine ihnen bekannte Familie in der Nähe, von der -sie mittags aufgenommen werden konnten. Ich that es ihnen nach, weil -es mir anfangs ebenso ging. Ich habe hinter einander in drei Kneipen -gegessen, in der einen von ihnen fast dreiviertel der Zeit, die ich -in der Fabrik verbracht habe. Es war das ein kleines, einfaches, aber -anständiges Restaurant; die hübsche Tochter des Wirtes trug auf in -genauer Reihenfolge, wie wir saßen, und um keinen zu benachteiligen, -jeden Tag bei einem andern beginnend. Das Essen war reichlich und -leidlich schmackhaft; einen Tag um den andern gab es Braten, den man -trotz seiner Wässrigkeit sehr liebte, die übrigen Tage setzte es -Kochfleisch und Gemüse, das mir lieber war. Dazu erhielt jeder außer -einer tüchtigen Portion von Kartoffeln ein großes Stück Brot, und -das Ganze kostete Tag für Tag mit einem Glas einfachen Braunbiers -vierzig Pfennige. Es herrschte gute Ordnung unter den Tischgenossen, -ein höflicher Ton und ein anständiges Gebaren. Man aß ruhig, ohne -Hast. Es wurde wenig gesprochen und viel gelesen, sodaß, wenn einer -ein Blatt zu Ende hatte, ein andrer schon immer darauf wartete, es zu -erhalten. Und genau wie hier ging es in dem zweiten Lokale zu. Das -dritte, nur von wenigen besuchte, stand tiefer. Es war die sogenannte -Kutscherstube eines großen Etablissements. Diese allgemein verbreiteten -Kutscherstuben sind sozial und moralisch ganz bedenkliche Institute: -meist unsauber, eng und unfreundlich, bilden sie den Übergang zu jenen -berüchtigten Stehbierhallen und Destillationen, die, häufig mit Kauf- -und Budikerläden verbunden, durch die Leichtigkeit, Einfachheit und -Schnelligkeit der Bedienung, durch die Möglichkeit, sofort wieder gehen -zu können, die größten Verführungsstätten zum Trunk für die untern -Schichten sind.</p> - -<p>Die eben geschilderten Restaurationen vertrat im Innern der<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Stadt -teilweise die städtische Speiseanstalt, die täglich von 12 bis 1 Uhr -geöffnet war, von Hunderten von Arbeitern und auch Arbeiterinnen -besucht wurde und sich gut rentieren soll. Vier große Speisesäle zu -ebener Erde und im ersten Stock waren in dieser Stunde immer gedrängt -voll; selbst auf dem öden, weiten Hofe hatte man Tische und Bänke -aufgestellt. Es gab zwei Klassen hier. In der einen kostete der -Mittagstisch dreißig, in der andern fünfzehn Pfennige. In der ersten -gab es an gedeckten Tischen, doch ohne Bier, etwa dasselbe wie in -unsern Vorstadtrestaurants, in der zweiten in einem großen Napfe, den -man sich selbst holen mußte, Bohnen, Reis, Graupen, Linsen und ähnliche -Hülsenfrüchte, gewöhnlich mit einem Scheibchen Wurst oder Fleisch. -Während meiner Herbergszeit habe ich in beiden Klassen gegessen; in -beiden war es reichlich und verhältnismäßig gut. Einmal wurde ich dabei -aus dem Lokal hinausgeworfen. Ein Bummler in abgetragener modischer -Kleidung, mit langem, grauem Haar und dem Auftreten eines ehemaligen, -nun verkommenen Künstlers, ein häufiger Gast der Herberge, verkaufte -einmal drei Speisemarken zweiter Klasse, das Stück für fünf Pfennige. -Ich nahm natürlich auch eine und ging damit mittags in die Anstalt -zu Tische. Als ich sie vorwies und meinen Napf mit Erbsen in Empfang -nehmen wollte, fragte man mich barsch, woher ich diese Marke habe, die -ganz anders aussah als diejenigen aller übrigen. Ich erzählte es, aber -man schien mir nicht recht zu trauen, sagte, das seien Armenmarken -und wahrscheinlich gestohlen, und jagte mich schleunigst zum Tempel -hinaus. Als ich dann in die Herberge zurück kam und es erzählte, -setzte es dann noch ein zweites Donnerwetter vom Herbergsvater, das -sich dann noch mehrmals wiederholte, so oft wir, „die ihm den Tag -über, ohne etwas zu verzehren, die Stühle durchsäßen,“ mittags noch -anderswohin essen gingen. Denn ich war nicht der einzige, der sich -so in der Herberge herum drückte. Es gab noch manchen, der keinen -Pfennig mehr in der Tasche und Hunger im Leibe hatte, und der dann -auch in die Speiseanstalt ging, um dort im Gedränge die auf dem Tische -herumstehenden Näpfe mit Resten leer zu essen. Einer meiner neuen -guten Freunde empfahl mir heimlich diesen Weg als den besten und -kostenlosesten besonders angelegentlich.</p> - -<p>Der Rest der Arbeitsgenossen brachte die Mittagsstunde ganz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> in der -Fabrik zu. Es waren Junge und Alte, Verheiratete und Unverheiratete, -eine immer noch große Zahl, alle diejenigen, die zu weit ab von der -Fabrik wohnten, und zu sparsam waren oder zu wenig verdienten, um bei -Fremden ein warmes Mittagbrot zu bezahlen; sie begnügten sich meist -mit einem gleichen kalten Imbiß wie zum Frühstück und mit Kaffee, oder -sie wärmten sich Tag für Tag das Gemüse, das ihnen die Mutter oder die -Frau am Abend vorher schon bereitet hatte, und das sie des Morgens -in einem Blechkännchen mit in die Fabrik brachten. Für sie war der -nüchterne Speisesaal eine wahre Wohlthat, denn da in der Mittagsstunde -alle Werkstätten geschlossen wurden, war er der einzige Raum, in dem -sie sich aufhalten konnten. Mir thaten die Leute, namentlich die ältern -unter ihnen, aufrichtig leid; die elf Stunden am Tage wahrhaftig keine -leichte Arbeit zu thun hatten, denen fehlte in dieser einzigen Stunde -des Ausruhens beinahe jede Bequemlichkeit. Man denke sich nur in die -Lage hinein, man versuche es selbst einmal, Mittag um Mittag mit -kalter Küche oder nur aufgewärmtem Zeug fürlieb zu nehmen und man wird -begreifen, daß das dauernd kein würdiges Mittagbrot für einen Menschen -ist, der tagsüber stramm seine Pflicht thut. Das empfanden die Leute -selbst auch sehr gut. Wenn ich kurz vor Beginn der Nachmittagsarbeit -in die Fabrik zurück kam und — wie es Sitte war — ihnen Mahlzeit, -gesegnete Mahlzeit wünschte, da kam es vor, daß einer das bitter -abwehrte. Das sei ja keine Mahlzeit, am allerwenigsten eine gesegnete.</p> - -<p>War das Wetter schön oder der Tag sehr heiß und darum der Körper -besonders schlaff und matt, dann legte man sich, wenn man mit seinem -Butterbrot zu Ende war, im freien Hofe an einer schattigen Stelle -irgend wohin auf ein Brett oder auf die Erde, um seufzend sein -Mittagsschläfchen zu halten. Nur selten brach, wenn wir so abgespannt -und stumm neben einander saßen und lagen, dann einer das Schweigen, -und dann war es oft nur ein herbes Wort, wenns auch scherzend klingen -sollte, wie das: Hats der arme Arbeiter doch gut!</p> - -<p>Eins fehlte bei uns jedoch fast ganz: daß sich die Zurückbleibenden -von daheim das Essen in die Fabrik bringen ließen, was wieder an den -allzu weiten Entfernungen liegen mochte. In<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> der Stadt war das aber -ganz allgemein Sitte; Hunderte von essentragenden Arbeiterfrauen -und Kindern durcheilten da täglich kurz vor 12 Uhr die Straße, um -pünktlich bei dem harrenden hungrigen Gatten und Vater oder der Mutter -zu sein. Und auf den Bänken der städtischen Anlagen sah man dann die -ruhenden Männer mit dem rauchenden Topfe in der einen und dem Löffel -in der andern Hand sitzen, Frau oder Kind daneben und oft mit essend, -— denn die städtische Speiseanstalt ist selbstverständlich nur für -die erreichbar, deren Werkstätte in der Nähe liegt. Diese Art des -täglichen Mittagsbrotes erkläre ich für unwürdig. Unwürdig der braven -Familien, die dazu gezwungen, unwürdig unsrer Zeit, die sich prahlend -ihrer humanen Gesinnungen rühmt, unwürdig der Männer, in deren Händen -heute das Wohl und Wehe dieser Fabrikarbeiter ruht. Wie kann solch -eine Mahlzeit auf der Straße jemals eine gesegnete sein? Wie kann man -im Ernst tadeln, daß sie ohne Gebet und Händefalten hineingeworfen -wird? Wie muß sie ganz anders, als Agitatorenworte es vermögen, -den Familiensinn des Vaters und der Mutter und damit Familienglück -und Familienleben zerstören? Denn diese Zustände und ihre Folgen -treffen ja nicht nur den, dem man das bißchen Essen im Topfe auf die -Promenadenbank bringt, sondern stets die ganze Familie. Oft wird es -infolge dessen auch daheim bei Mutter und Kindern keinen geregelten -Mittagstisch geben. Nur ein drastisches Beispiel dazu. Es war auf -der Promenade an dem großen schönen Chemnitzer Schwanenteiche. Ich -saß auf der Bank neben einem, der eine knappe Viertelstunde von da -beim Trottoirlegen geholfen hatte. Er war in sieben Minuten bis zu -unserm Platz gelaufen und wartete nun auf seinen Knaben, den er mit -dem Essen dorthin bestellt hatte. Aber es wurde ein Viertel, es wurde -halb, und der Junge kam immer noch nicht. Nun gingen wir ihm entgegen, -und endlich, kurz vor dreiviertel kam er atemlos, voll Angst vor dem -ärgerlich gewordenen Vater angerannt: die Schule, die sonst pünktlich -12 Uhr zu Ende zu sein pflegte, war 20 Minuten länger ausgedehnt -worden. In einem Atem war dann der arme Junge von der Schule nach -Hause und von da zu uns gelaufen; in fünf Minuten hatte der Vater das -Essen hinunter und lief dann an die Arbeit zurück, während sein Kind -müde, hungrig, abgespannt nach Hause trollte, um sich nun erst, wohl<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -allein, zum Essen zu setzen, das Mutter, Geschwister und Kostgänger ihm -übergelassen hatten. Vielleicht ist dies ein seltnerer und besonders -unerfreulicher Fall; aber die Hauptsache daran, daß Kinder, die von -8 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags auf der Schulbank müde und hungrig -geworden sind, nun erst, ohne einen Bissen gegessen zu haben, den -Vater bedienen müssen, passiert täglich und nicht einem nur, sondern -hunderten von ihnen.</p> - -<p>Doch zurück in unsre Fabrik. Einzelne von denen, die sich des Mittags -mit kalter Küche begnügten, pflegten allerdings dafür des Abends einen -warmen Ersatz daheim vorzufinden; manchmal aß die ganze Familie erst -um diese Zeit mit ihnen das aufgeschobene Mittagsbrot. Dann lag ja die -ganze Sache nicht so schlimm, wenigstens wenn die ganze Familie nur aus -Erwachsenen oder doch schon größern Kindern bestand. Wo aber Kinder -waren, da war dann das erste Übel durch ein zweites abgelöst. Denn eine -Hauptmahlzeit des Abends ist für Kinder bekanntlich nie förderlich und -gesund.</p> - -<p>Das Abendbrot bestand bei der übrigen Mehrzahl meiner Arbeitsgenossen -aus Kartoffeln oder Brot mit Butter, Fett oder Leinöl und auch Zukost. -Quantität und Qualität dieser Speisen richtete sich stets nach der Höhe -des Einkommens, nach der Sparsamkeit und den sonstigen augenblicklichen -Ausgaben der einzelnen Familien. Aber nie fehlte der Kaffee, wovon -immer auch die Schlafleute ohne Entgelt einige Tassen bekamen. Brot und -Butter aber hielten diese sich gewöhnlich selbst.</p> - -<p>Das ist, was ich von Bemerkenswertem über die Wohnungs-, Kleidungs- -und Ernährungsverhältnisse meiner Arbeitsgenossen mitzuteilen -vermag. Ich meine, auch diese lückenhaften Angaben beweisen schon -die Richtigkeit meiner oben gemachten Behauptung von der notwendigen -Engigkeit und Bescheidenheit ihrer Lebensstellung. Aber sie machen -auch noch eine andre Thatsache begreiflich, die man im Zusammenleben -mit diesen Menschen täglich erfährt, und die unendlich bedeutsamer -und verhängnisvoller als jene ist, nämlich die Thatsache, <em class="gesperrt">daß -infolge dieser Zustände in weiten Kreisen unsrer großstädtischen -Industriebevölkerung die überlieferte Form der Familie heute schon -nicht mehr vorhanden ist</em>. Der alte, auf der Blutsverwandtschaft -von Eltern<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> und Kindern ruhende und aus allein solchen blutsverwandten -Gliedern zusammengesetzte Organismus der Familie, an den sich in -bessern Ständen bisher nur einzelne Dienstboten fester oder loser -anschlossen, hat in der That in jener Bevölkerungsschicht heute bereits -mehr oder weniger einem erweiterten, aus den rein wirtschaftlichen -Bedürfnissen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens aufgebauten, in -der Zusammensetzung seiner Glieder durch Zufälligkeiten gebildeten -Kreise von Blutsverwandten und Fremden Platz gemacht. Deutlich treten -hier die verwandtschaftlichen Neigungen vor den wirtschaftlichen -Verpflichtungen zurück. Aus der Mutter wird der Haushaltungsvorstand, -der von dem eignen Manne, den erwachsenen Kindern und den Fremden -eine fest bestimmte Summe erhält und dafür verpflichtet ist, die -Ausgaben für Wohnungsmiete, Nahrung, Wäsche und ähnliches zu -bestreiten, während für die Kleidung ein jeder für sich zu sorgen -pflegt. Und nicht die Sozialdemokraten und deren Agitation haben -daran die Hauptschuld, sondern eben jene Zustände, die eine Frucht -unsrer ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse sind, und die es den -Arbeiterfamilien unmöglich machen, gemeinsam ihre Morgen- und -Mittagsmahlzeiten einzunehmen, die sie zwingen, die allerdürftigsten -Häuser und allerengsten Wohnungen zu beziehen, dazu noch wildfremde, -häufig wechselnde Schlafgäste bei sich aufzunehmen und ihnen den -vertraulichsten gemeinsamen Umgang zu gestatten, den man sonst nur -mit den eignen Familienangehörigen zu pflegen gewohnt war. Man denke -daran, wie dicht in solchen Arbeitermietskasernen und den nach -ihrem Muster umgebauten ehemals ländlichen Wohnhäusern „Stube“ an -und über „Stube,“ d. h. also Wohnung neben Wohnung liegt, ohne jede -gegenseitige Abschließung, wie dünn die Wände der Zimmer in solchen -flüchtig gebauten Häusern sind, so dünn, daß jedes laute Wort in der -Nachbarfamilie deutlich verstanden wird; und wie die drei und vier -„Stuben“ einer Etage immer nur einen Korridor zu haben pflegen, dessen -Benutzung ebenso gemeinsam sein muß wie diejenige der Wasserleitung, -des Klosets u. a. Das alles führt zu einer Gemeinsamkeit des täglichen -Verkehrs und einer Öffentlichkeit des Familienlebens, über die man -erschrickt, wenn man hinein sieht, und die notwendig der Tod jedes -Familienlebens werden muß. Es ist ja gar nicht anders möglich, als -daß die Kinder solcher Familien dauernd fast wie Geschwister unter -einander<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> leben, wobei der Korridor der Ort des gemeinschaftlichen -Aufenthalts, ihrer Spiele und Plaudereien ist; daß die jungen Burschen -und Mädchen dieser Familien in intimste Berührung, die Männer in nahen -Gedankenaustausch, oft freilich auch in Streit und Hader geraten, und -daß die Frauen jeden Winkel, jeden Makel, jedes Kleidungsstück und -Hausgerät aus den benachbarten Familien auf das genauste kennen, ja -daß die gemeinsame Benutzung solcher Geräte z. B. für die Küche durch -Entleihen und Verleihen einen sehr kommunistischen Zug in die ganze mit -solchen Dingen oft recht dürftig ausgestattete Hauswirtschaft solcher -Familien bringt. Dazu tritt die Enge und Beschränktheit der einzelnen -Wohnungen, die die Menschen mit Macht zur Thüre hinaus und des Abends, -so oft das nur möglich ist, ins Freie, auf die Straße und den Hof, -in die bessern, geräumigern Zimmer der Nachbarn oder in die Kneipen -und Versammlungen drängen. Man bedenke weiter, wie diese Enge noch -erhöht wird durch die Anwesenheit der fremden Schlafleute, die fremde, -und oft genug nicht gerade fromme, beßre Sitten und Gewohnheiten -mitbringen, eine andre Art, andre Anschauungen und Bedürfnisse, die -sie auch ungeniert wie daheim äußern und zur Geltung bringen wollen. -Man bedenke, daß diese fremden Gäste zugleich mit dem eignen Manne -und den eignen erwachsenen Kindern das Haus verlassen, daß sie zu -derselben Zeit wie diese zurückkehren und meist bis zum Schlafengehen -am gleichen Tisch wie diese miteinander sitzen, lesen, rauchen, sich -unterhalten, Karte spielen. Es ist in der That in vielen Familien so, -daß Eltern und Kinder ungestört zusammen <em class="gesperrt">allein</em> nur noch während -der Nacht, im Schlafen sein können. Denn auch die letzte Gelegenheit -eines gemütlichen gemeinsamen Beisammenseins, die Morgens- und -Mittagsmahlzeit wird, wie aus meinen obigen Schilderungen hervorgeht, -vielfach vereitelt durch die Arbeitsbedingungen, die den Vater, den -Sohn und die Tochter abhalten, zu Tische nach Hause zu gehn. Wo es aber -geschieht, da genügt meines Erachtens die einstündige Pause nur gerade, -um den doppelten Weg nach und von Hause machen und das Essen einnehmen -zu können, auch dies bei nur halbwegs größern Entfernungen, die für die -Arbeiter großer Etablissements natürlich die Regel ist, ohne richtiges -behagliches Sichzeitlassen, in Hast und Eile.</p> - -<p class="mbot2">Über die Wirkung dieser Zustände auf die Sittlichkeit, den<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Charakter, -die Gesinnung der Arbeiter habe ich an einer andern Stelle zu reden. -Hier sollte nur die Thatsache der bereits vollzogenen Wandlung in dem -Wesen der Arbeiterfamilie konstatiert, und die Ursachen dargestellt -werden, die sie hervorgerufen haben. Ich wiederhole nochmals, daß sie -in erster Linie eine Frucht unsrer heutigen wirtschaftlichen Lage -sind. Und darum ist vor allem diese, nicht aber die Sozialdemokratie -als die Hauptschuldige anzuklagen, die hier nur wie so oft die letzten -Konsequenzen aus den Wirkungen der herrschenden Zustände gezogen und -in ein System gebracht hat. Die vorhandenen traurigen Zustände sind -erst Grundlage und Anlaß zur Verbreitung des sozialdemokratischen -Familienideals der Zukunft. Über diese Thatsache sollte man sich -namentlich auch in bestimmten kirchlichen Kreisen nicht wegtäuschen -und, anstatt Klagelieder über den allerdings vorhandenen Verfall -des alten christlichen Familienideals und Anklagen gegen die -Sozialdemokratie zu erheben, in diesem Falle zuerst lieber mit daran -arbeiten, daß die verhängnisvollen wirtschaftlichen Ursachen dieser -Zustände endgiltig und dauernd beseitigt werden.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_A_1" id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[*]</span></a> Viele dieser engern Landsleute waren mit einander -verwandt. Ich fand bei flüchtiger Umschau allein vier Brüderpaare bei -uns, fünf Väter, die einen Sohn, mehrere, die Schwiegersöhne, einen, -der Sohn und Schwiegersohn mit in der Fabrik hatte.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel"><span class="s5">Drittes Kapitel</span><br /> - -<b>Die Arbeit in der Fabrik</b></h2> - -</div> - -<p>Unsre Fabrik war durch ihren frühern Besitzer, der noch lebte, aus -kleinen Anfängen zu einem bedeutenden Institut entwickelt, seit einiger -Zeit aber in ein Aktienunternehmen, an dem jener stark beteiligt war, -umgewandelt worden. Ein technischer und ein kaufmännischer Direktor -standen augenblicklich an ihrer Spitze. Die Fabrik lag, wie schon -erzählt, in einem der bedeutenderen Vororte von Chemnitz. Zwei mächtige -parallel laufende Gebäude bildeten den Kern ihrer ganzen Anlage. An -ihrer einen Schmalseite sausten die Eisenbahnzüge dicht vorüber, -denen wir oft sehnsüchtig nachschauten; an der andern führte die -Landstraße vorbei. Von hier<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> nimmt sich die Fabrik fast schmuck aus. -Ein gepflegter Obstgarten der Direktoren, ein breiter, sauberer Eingang -und ein freundliches Portierhäuschen mit einem Rosengärtchen davor -verdeckten den schwarzen Staub, der dahinter, auf Haus und Hof und -allem Gerät einer jeden solchen Eisenfabrik notwendig lagert.</p> - -<p>Unser Hof, der sich an der Eisenbahn hindehnte, war groß und geräumig. -Auf ihm erhob sich unweit des Portierhäuschens ein kleiner Gasometer, -daneben ein größeres Gebäude mit Wohnungen für den Kutscher und -Wächter, mit dem Speisesaal und der Kantine, dem Kesselhaus für die -eine der beiden Dampfmaschinen und dem Pferdestalle; dann ein Schuppen -mit rostenden, einst kostbaren Maschinenteilen nunmehr veralteter -Konstruktion, mit eisernen Särgen, die einst auch in unsrer Fabrik -gebaut wurden, und wovon noch einige verstaubte Exemplare vorhanden -waren, mit Eisenspänen, die angesammelt und wieder gut verkauft wurden, -und mit allerhand anderm Gerümpel. Weiter zurück noch eine offne -Zimmermannswerkstatt, und unter freiem Himmel reiche Brettervorräte, -ein Kistenlager und große Kohlenhaufen. Dicht an dem primitiven, aber -festen hölzernen Zaune, der den Eisenbahndamm vom Hofe schied, erhob -sich ein mächtiger hölzerner Krahn zum Verladen der versandfertigen -Warengüter; ein Schienenstrang verband ihn mit den Eisenbahngeleisen. -Und über allem lag eine dicke Decke von Kohlenschmutz und Eisenstaub. -Selten etwas dem Auge Wohlgefälliges, selten ein dürftiger Baum -oder ein schmales Stück grünen Rasens, der über die herumliegenden -Eisenteile wild und ungepflegt herauswuchs. Nur in einem stillen Winkel -ein bescheidnes Gärtchen, das der Kutscher sich angelegt hatte, und in -dem er sich einiges Gemüse zog. Hier blühten einige Blumen, duftete -Krauseminze und Pfefferkraut. Manches mal haben wir uns heimlich -während der Arbeit ein Blatt davon geholt.</p> - -<p>Dasjenige Hausgebäude, das diesen Hof nach der einen Seite hin -abschloß, war das ältere, die ursprüngliche Fabrik, darum primitiver, -mit niedrigern Stockwerken, kleinen Fenstern, dunkeln Arbeitssälen, die -zu ebner Erde mit oft sehr abgenutzten Ziegelsteinen gepflastert waren. -Hier in diesem Bau hatte man auch das kaufmännische Kontor und die -Expeditionszimmer für die Ingenieure und Zeichner untergebracht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p> - -<p>Zwischen ihm und seinem Bruderbau stand ein dritter, kleinerer: die -Schmiede mit der Werkzeugschlosserei und dem Magazin.</p> - -<p>In dem andern großen Bau war ich mit beschäftigt. Er war später -aufgeführt und darum besser, bequemer, heller, luftiger und geräumiger -angelegt. Er hatte ebenfalls die Höhe eines zwei- bis dreistöckigen -Hauses. Der Bau erinnerte mich immer an das Innere einer Kirche. Er -hatte keine Etagen. Man konnte in der Mitte des Raumes bis hinauf zum -Dache sehen, das zum großen Teil aus Glasplatten bestand, um mehr Licht -herein zu lassen. An den beiden Langseiten liefen je zwei übereinander -gebaute breite Emporen hin, zu denen von unten steile primitive -Holztreppen hinaufführten, die namentlich bei großen Transporten -beschwerlich zu passieren waren. Auf der einen Empore befand sich der -Probiersaal, wo eben vollendete Maschinen ausprobiert wurden, und wohin -der Zutritt der großen Verunglückungsgefahr wegen nur denen gestattet -war, die einen Auftrag dorthin hatten. In einem andern Teile war der -Drehersaal. Die übrigen Emporen standen augenblicklich fast leer. Denn -der eine Zweig unsrer Maschinenproduktion, der hier seinen Sitz hatte, -lag sehr danieder. Auf dem östlichen Ende und der dortigen Schmalseite -des ganzen Baues fehlten die Emporen bis auf eine einzige kleine -ganz; dadurch war ein weiter geräumiger Platz geschaffen, lichter -und freundlicher — gleich dem Altarplatze einer Kirche. Und wo in -unsern Kirchen oft die Sakristeien zu sein pflegen, stand hier das -Maschinenhaus mit dem eisernen stöhnenden Ungeheuer, das seine riesigen -Kräfte durch den ganzen Raum ausströmte und Dutzende schwerer Maschinen -und hundert Menschen in Atem und Bewegung hielt. Daneben ragte der -große Schornstein auf, dessen rußige rauchende Spitze auch zum Himmel -wies. Zwar fehlte Glockenklang und Orgelton. Aber dafür brausten andre -gewaltige Töne unaufhörlich durch die Halle: das Gehämmer und Gefeile -der Schlosser, das Ächzen und Dröhnen der Maschinen, das Quietschen -und Schlagen der Räder. Und was die schwarzen blaukitteligen Männer da -schafften — wars nicht auch ein Gotteswerk, ein Gottesdienst? Konnte -es nicht wenigstens einer sein?</p> - -<p>Platz war gleichwohl nicht viel in dem großen hohen Raume. An den -Fenstern der beiden Langseiten standen die Schraubstöcke<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> der -Schlosser; an den Säulen, die die Emporen trugen, und wo sonst immer -ein geeigneter Platz und halbwegs genügendes Licht sich fand, waren -die großen und kleinen Arbeitsmaschinen aufgestellt; die größte, -eine gewaltige Bohrmaschine, legte sich quer durch den ganzen Raum -und war bei der Passage und vor allem bei Transporten oft sehr -unbequem und hinderlich. Um die einzelnen Arbeitsplätze herum, am -ziegelsteingepflasterten und häufig sehr holprigen und beschwerlichen -Boden lagen Eisenteile, die in Arbeit kommen sollten oder eben -bearbeitet waren, in der Nähe der Schlosser halb oder ganz fertige -Maschinen großen und kleinen Kalibers. Hier standen ausrangierte -Stücke, in gerader Linie aufgereiht, dort lehnten Bretter und lange -eiserne Wellen. In einer Ecke war der Blasebalg, daneben das Terrain -für die Packer; am entgegengesetzten Ende des Raumes nahm die frühere, -jetzt ausrangierte und zu einem Gelegenheitsverkauf bereitliegende -große Dampfmaschine unsrer Fabrik, in ihre einzelne Teile zerlegt, viel -Raum ein und hinderte die Bewegungsfreiheit. Ein gewaltiger Krahn, viel -benutzt und von zwei Mann an der Kurbel in mühsamer Kraftaufwendung -fortbewegt, lief durch den ganzen Raum, zwei kleine bedienten in -dem Teile, den ich oben mit dem Altarplatz einer Kirche verglich, -die dort Arbeitenden. Unter den durch die Emporen gebildeten Decken -liefen die langen Wellen hin, die durch die Dampfmaschine in rasender -Drehung gehalten wurden und durch Riemenscheiben und die verbindenden -Treibriemen die allerhand kleinen und großen Arbeitsmaschinen mit der -Kraft nie ruhender Bewegung speisten. In den ersten Tagen nach meinem -Eintritt in die Fabrik vermochte ich mich nur schwer und unsicher -zwischen dem allen zurecht zu finden. Scheinbar wirr und planlos lag, -stand, bewegte sich in dem Raume alles durcheinander. Erst allmählich -sah das Auge die Ordnung, die doch herrschte, fand der Fuß die schmalen -Gänge zwischen den Maschinen hindurch, die die übliche Passage von dem -einen zum andern und durch den ganzen Raum hin bildeten, und die uns -den Transport größerer umfangreicher Stücke wegen ihrer Engigkeit und -Gewundenheit oft sehr erschwerten. Nur an dem schon oben geschilderten -freundlichern, hellern Ende war es auch in dieser Beziehung besser.</p> - -<p>Das war der Arbeitsplatz der Hundertzwanzig bis Hundert<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>fünfzig, -die hier ihr Tagewerk verrichteten, kahl, öde, schwarz, ohne eine -Bequemlichkeit, durchtost von einem nie abbrechenden nervenzerreißenden -Geräusch grell zusammenklingender Töne. Und doch lag über dem allen -auch Adel und Poesie. Nicht nur, wenn von oben das Sonnenlicht -hereinflutete und selbst den Schmutz und das Eisen verklärte, sondern -auch wenn ein grauer Himmel das Kahle, Öde, Schwarze noch kahler, -öder, schwärzer erscheinen ließ. Das war die Poesie eines grandiosen -in einander greifenden Getriebes, das hier ruhelos und doch in -gleichmäßiger Bewegung sich auswirkte, der Adel menschlicher Arbeit, -die hier an einer einzigen Stelle von mehr als hundert Menschen im -Kampfe ums Brot, um Leben und Genuß tagaus tagein gethan wird.</p> - -<p>In unserm Bau wie in der ganzen Fabrik waren ausschließlich männliche -Personen beschäftigt, keine einzige Frau, kein Mädchen, kein Kind; im -ganzen Betriebe gab es meines Wissens noch nicht ein halbes Dutzend -Knaben zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Lebensjahre und kaum -ein paar Dutzend Lehrlinge von vierzehn bis siebzehn Jahren. Auch -das gab unsrer Fabrik und unsrer Arbeiterschaft ein ganz bestimmtes -Gepräge; mich hinderte es vor allem, über Frauen- und Kinderarbeit -irgend welche persönlichen Erfahrungen zu sammeln.</p> - -<p>Gleichwohl war die Zusammensetzung unsrer Arbeiterschaft noch immer -bunt genug, ein getreues Spiegelbild des Charakters unsrer gesamten -großkapitalistischen Produktionsweise; die verschiedensten Berufe -waren vertreten und in Thätigkeit, alte, von den Vätern, aus der -Zeit der Zünfte her bewährte und berühmte, und junge, die die großen -Erfindungen und die veränderten Bedürfnisse unsrer Tage neu geschaffen -haben. Ich kann über ein Dutzend Handwerke aufzählen, die bei uns -gebraucht wurden. Am zahlreichsten waren natürlich die Schlosser -vertreten; dann folgten in abnehmender Reihenfolge etwa die Dreher, -die Hobler, die Tischler, die Bohrer, die Stoßer, die Schmiede, -Zimmerleute, Anstreicher, Riemer und Klempner. Dann aber jene Reihe -neuer und Zwitterberufe: Anreißer, Aufreiber, Anhänger, Schmirgler, -Räderschneider; dazu Maschinenwärter, Heizer, Packer, Transporteure, -andre Handlanger jeder Art und Bestimmung — denn auch unter ihnen -herrscht die Arbeitsteilung —, Kutscher und Portier, eine bunte -Kette, in der<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> doch jedes Glied eine Notwendigkeit ist, um auch nur -die kleinste Maschine fertig zu bringen: eine Form menschlicher -Arbeitsgemeinschaft, so neu, originell, großartig, wie sie vergangene -Zeiten wohl nie gekannt haben, der sichtbare Ausdruck der geistigen -und wirtschaftlichen Umwälzung, die sich eben jetzt auf unsrer Erde -vollzieht, und von der es sich eben in unsern Tagen entscheiden soll, -ob sie der Menschheit zum Segen oder zum Fluche werden wird.</p> - -<p>Diese Arbeiterschar war selbstverständlich im einzelnen organisiert, -voran die Schlosser. Ihre große Zahl war in Gruppen zu vier bis zehn -Mann geteilt. Je ein Vorarbeiter, der sogenannte Monteur, leitete die -gemeinsame Arbeit und dirigierte und kontrollierte den einzelnen. -Hobler, Dreher, Tischler, Packer hatten ihre Meister; über allen stand -der Schlossermeister, zugleich der Werkmeister des ganzen großen -Raumes, in den wir gehörten. Er war gleichsam der Feldwebel dieser -120 Mann starken Arbeiterkompagnie, die übrigen Meister Vizefeldwebel -und Sergeanten, die Monteure die Unteroffiziere, ihre Abteilungen, -„Montagen“ genannt, die einzelnen Korporalschaften. Der Werkführer und -die übrigen Meister waren den Direktoren, besonders dem technischen -verantwortlich. Die Leitung im einzelnen hatten sie, je für ihre -einzelnen Abteilungen, selbständig; in Fühlung mit ihnen überwachte der -Schlossermeister den gesamten Arbeitsprozeß im Detail.</p> - -<p>Dieser <em class="gesperrt">Arbeitsprozeß</em> war schwer, kompliziert, langsam; -aber er war keiner von denen, die den Menschen durch seine -Einförmigkeit geistig, moralisch und physisch tot machen. Denn die -Maschinenbauindustrie ist eine der höchst entwickelten Zweige der -modernen Großindustrie und steht auch, was den sittlichen Einfluß ihres -Arbeitsprozesses auf die dabei beschäftigte Arbeiterschaft anlangt, mit -an erster Stelle. Das Folgende hat eben dies vor allem zu zeigen und zu -würdigen.</p> - -<p>Der Arbeitsprozeß beginnt auf dem Tischlersaale. Eine große Maschine, -etwa eine Hobelmaschine nach neustem System, ist bestellt worden. Die -Konstruktions- und Berechnungsarbeiten der Techniker sind beendigt, die -Zeichnungen dafür fertig. Da ist die nächste Arbeit die Anfertigung der -Modelle für die einzelnen Teile der neuen Maschine. Dies geschah, wie -gesagt, durch Tischler. Auch dabei wurde, wo es möglich war, mit Hilfe -von Maschinen gearbeitet.<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Eine zwar bei der kleinsten Unvorsichtigkeit -gefährliche aber zehnmal schneller und exakter als Menschenhand -arbeitende Holzsäge-, und ebenso eine Holzhobelmaschine standen zum -fortwährenden Gebrauche. Aber auf ihnen wurden doch nur die groben -Stücke geschnitten; das übrige, bei weitem das meiste aus diesem Saale, -war notwendig Handarbeit. Denn diese großen und kleinen Modellstücke -hatten oft die wunderlichsten Formen, und ein jedes eine andre; sie -mußten genau in der vorgeschriebenen Größe auf das genauste und -dauerhaft ausgeführt werden. Wer hier arbeitete, mußte darum nicht nur -geschickt sein, sondern auch denken können. Er mußte die Konstruktion -der Maschine, deren Modellkörper er eben anfertigte, einigermaßen -kennen; er mußte die Zeichnungen verstehn, die ihm die Maße und -Formen für seine Arbeit angaben; er mußte Geschick und Gewandtheit -besitzen, um aus möglichst wenig Brettern, Pflöckchen und Brettchen -möglichst schnell, praktisch und gut die Formen zusammenzusetzen und -zu gewinnen, die die Zeichnung für das betreffende Stück vorschrieb. -Das Verhältnis zu seinem Meister beschränkte sich nicht nur auf eine -disziplinarische Kontrolle jenes über ihn, sondern bestand notwendig -auch in einem Austausch der Ansichten über die bestmögliche Herstellung -der geforderten Körper. Dabei war dem einzelnen doch eine gewisse -Selbständigkeit in der Ausführung gewahrt; und was er schaffte, war -kein Teilstück, sondern ein in sich geschlossenes und wertvolles Ganze, -das nach seinem Gebrauch in der Gießerei nicht weggeworfen, sondern -dauernd der Modellsammlung der Fabrik einverleibt wurde. Eine gedanken- -und charakterlos machende, rein mechanische Fabrikarbeit war also in -diesem Teile der Fabrik ausgeschlossen. Auch war der Raum, in dem diese -Leute nicht allzu zahlreich mit einander arbeiteten, wohl der beste in -der ganzen Fabrik: groß, hoch, licht und luftig. Staub war freilich -auch hier genug, wie immer in Tischlerwerkstätten mit ihren groben und -feinen Sägespänen, und darum die Gesichtsfarbe auch dieser wie aller -Tischler blaß.</p> - -<p>Die fertigen, meist rotangestrichenen Modelle wurden dann der -benachbarten Gießerei zugestellt, die uns den sogenannten „Guß“ -zu liefern pflegte. Wenn man ihn brachte, war es unsrer, der -Handarbeiterkolonne Aufgabe, ihn abzuladen und zu wiegen, dann kam -die sichtende Hand des Modellmeisters, dem auch die Modellsammlung -unter<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>stand, darüber. Sein erprobtes Auge unterschied leicht Charakter -und Bestimmung der einzelnen rohen Stücke, die oft nur noch entfernte -Ähnlichkeit mit ihrem saubern Modell aufzuweisen hatten, und jedes -erhielt die besondre Chiffre, die nach der Sitte später die einzelnen -fertigen Maschinen in dem Produktionsjournal der Fabrik führten.</p> - -<p>Dann wurden sämtliche Teile dem Monteur überwiesen, der mit dem Bau -der betreffenden Maschine beauftragt worden war. Diese Überweisung -geschieht nicht ohne Auswahl. Nicht jeder Monteur erhält jede beliebige -Maschine zu bauen. Die Verteilung richtet sich im ganzen nach dem -Dienstalter, der Erfahrung und dem Geschick des Mannes und der Größe -seiner Gruppe. Jüngere und ungeübtere Monteure mit kleineren und -weniger geschulten Abteilungen erhielten nur den Bau einfacherer und -bekannterer Maschinen. Doch will ich nicht sagen, daß nicht Ausnahmen -vorkamen. Für jede vollendete Maschine sind nämlich je nach deren Größe -und Kompliziertheit sogenannte Prozente wie für die Direktoren, so für -den Werkmeister und den Vorarbeiter in absteigender Höhe festgesetzt. -Wer von letztern beim Meister gut stand, konnte hier natürlich leicht -einmal bevorzugt werden und Maschinen zu bauen bekommen, die mehr -Prozente abwarfen als andre. Doch habe ich selbst hierüber keine -deutlichen Beobachtungen gemacht, es mir nur von Arbeitsgenossen -erzählen lassen. Auch wird die Ausgabe mit dadurch geregelt, daß -die einzelnen Vorarbeiter immer nur auf ganz bestimmte Maschinen -eingearbeitet sind: der eine auf Hobelmaschinen und Kreissägen, der -andre auf Bohrmaschinen und Drehbänke u. s. f.</p> - -<p>Gewöhnlich ist es so, daß immer zwei und mehr verschiedne Maschinen in -derselben Abteilung im Bau begriffen sind — was für den erziehlichen -Charakter der Arbeit dieser Leute ein unendlich wichtiges, förderndes -Moment ist. Denn dadurch wird auch in diesen Abteilungen die letzte -Möglichkeit einer schablonenhaften Fabrikarbeit beseitigt. Aber -die Veranlassung zu dieser Einrichtung liegt freilich nicht in -dieser sittlichen Rücksicht, sondern in dem Charakter des ganzen -Fabrikationsbetriebes. Diese Maßnahme ist nämlich notwendig, um die -Schlosser überhaupt dauernd beschäftigen zu können. Denn mit dem aus -der Hand des Modellmeisters überwiesenen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> groben Stücke, vermögen der -beauftragte Monteur und seine Leute nur zum geringsten Teile schon -etwas anzufangen. Ehe die Schlosser die letzte Hand anlegen und die -Knaupelarbeit der Zusammensetzung der Maschinen beginnen können, gehen -die meisten Stücke noch durch viele Hände.</p> - -<p>Zunächst kamen sie auf die Platte des Anreißers, eines der wichtigsten -und angesehensten Arbeiters in unsrer Fabrik, durch seinen Beruf sowohl -als durch seine Persönlichkeit. Der Mann hatte eine verantwortungsvolle -Aufgabe. Er hatte nach den ihm vorliegenden, oft verwickelten -Zeichnungen an den großen und kleinen Gußstücken mit Reißnadel und -Grobzirkel alle Bohrungen, alle Hobelflächen, alle abzustoßenden -Kanten und Ecken genau zu berechnen und zu bezeichnen. Von ihm hing es -vor allem ab, ob schließlich die einzelnen Teile sich zusammenfügten -und auf einander paßten, ob die ganze Maschine schließlich klappte. -Macht auch hier langjährige Übung und allmähliche genaue Kenntnis der -einzelnen Maschinen, ein praktischer Blick und eine geschickte Hand -diese Thätigkeit leichter und zu einer gewohnheitsmäßigen — das eine -steht doch fest, daß sie nie ohne die strikteste Aufmerksamkeit und -ohne Gedankenarbeit gethan werden kann. Ich habe, wohl weil ich als -der intelligenteste unter den Handarbeitern erschien, dem Anreißer -sehr oft bei seiner Arbeit behilflich sein und ihm die eisernen -Lineale, Schienen u. s. w. nachtragen, halten und stützen müssen; -aber immer sah ich den Mann inmitten des dröhnenden Lärms, mit der -Zeichnung vor sich, probierend, rechnend, schweigend seine Arbeit -thun. Man ist in vielen Kreisen so wenig imstande, sich einen rechten -Begriff von dem Charakter der Fabrikarbeit zu machen, ist so leicht -geneigt, jede Fabrikarbeit als die durchschnittlich tiefststehende, -einfachste und darum notwendig billigste Art menschlicher Thätigkeit -anzusehen, daß ich es für meine Pflicht halte, an dieser Stelle vor -diesem leichtfertigen Urteil zu warnen und auf die Arbeit dieses Mannes -hinzuweisen, die meines Erachtens viel größere geistige und physische -Kraft fordert und doch viel niedriger gelohnt ist, als z. B. die -Thätigkeit vieler Subalternbeamten, Handlungsgehilfen, Kontoristen und -andrer, die doch eine ganz andre gesellschaftliche Stellung und meist -auch ein ganz andres Einkommen haben als dieser und andre ihm gleich -zu ordnende Fabrikarbeiter. Ich stehe nicht an, es aus<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>zusprechen, daß -mir die einseitige und in dem Grade, wie es geschieht, ja ohne weiteres -falsche und lächerliche Betonung und Überschätzung der körperlichen, -der Hand-, der Fabrikarbeit seitens der Sozialdemokraten auch in unsrer -Fabrik eine ihrer begründeten Ursachen in dieser bisher sehr häufigen -Nichtachtung und Verkennung solcher und ähnlicher Fabrikarbeiter, -deren es viele giebt, zu haben scheint. Es ist der Drang nach einer -gerechteren sittlichen Würdigung und damit auch gesellschaftlichen -Anerkennung dieser Berufe durch die Allgemeinheit, der hier wie in der -ganzen modernen Arbeiterbewegung in elementarer und ungefüger Form zum -Ausdruck kommt.</p> - -<p>Vom Anreißer hinweg brachten wir die Stücke je nach der Disposition -ihrer Meister zu den Bohrern und Hoblern, Stoßern und Drehern. Bei den -beiden ersten Kategorien finden wir das Gegenteil geistig anregender -Fabrikarbeit. In selten unterbrochener Monotonie steht der Bohrer und -der Hobler an seiner kleinen oder großen Arbeitsmaschine und läßt sie -Löcher, immer Löcher bohren, Flächen, immer Flächen hobeln. Immer -wieder sieht er den Stahlhobel die Flächen pflügen und glätten, den -Bohrer wie spielend sich in das Gußeisen graben. Immer wieder führt er -der erhitzten Stelle kühlendes Seifenwasser zu, immer wieder fegt er -die groben Späne beiseite, bläst er die feinen mit dem Munde davon. Die -einzige Thätigkeit, die dabei kurze Zeit ein wenig geistiges Nachdenken -und Aufmerksamkeit fordert, ist das richtige Aufstellen der zu -bohrenden und hobelnden Stücke. Die Löcher müssen nach der Vorschrift -des Anreißers genau senkrecht, die Flächen genau wagerecht werden. -Darum muß mit hölzernen Böcken, mit Brettern und Pflöckchen, mit Hammer -und Wasserwage, mit eines oder mehrerer Handarbeiter Unterstützung die -rechte, genaue und feste Lage für das Stück gefunden werden. Ist das -aber geschehen, so beginnt zum millionenstenmale der Bohrer und Hobel -seine Arbeit, zu der des Menschen Auge nichts weiter thun als immer nur -zusehen und sie überwachen kann. Wunderlicherweise finden sich gerade -unter diesen Leuten ebenso gut schwache wie die stärksten Verdiener. -Der eine, ein Hobler, der die größten Flächen, und der andre, ein -Bohrer, der mit der größten Maschine die gröbsten und längsten -Löcher an den stärksten und oft viele Zentner schweren Hauptteilen -zu arbeiten<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> hatte, und die beide im Akkordlohn standen, sollten -nach übereinstimmendem Urteile vieler Arbeitsgenossen das höchste -Einkommen von allen Arbeitern unsers Baues, jedenfalls nicht unter -160–170 Mark im Monat haben, während z. B. der Anreißer die Stunde nur -29, höchstens 30 Pfennige, also in der Woche kaum 20 Mark verdienen -sollte, und ebenso die anstrengende Arbeit der Durchschnittsschlosser -und der Schmiede unvergleichlich niedriger gelohnt wurde. Bei dem -sogenannten „großen Bohrer“ war das immer noch verständlicher als bei -jenem Hobler, der mit Hilfe von uns Handarbeitern die Eisenteile auf -die tadellose Platte seiner Hobelmaschine hob, sie nur einzurichten -und festzumachen brauchte und dann den Dampf die manchmal halbe Tage -lange Arbeit thun ließ. Im ganzen war wohl die Thätigkeit der Hobler -langweiliger und bequemer als die der Bohrer. Und wieder unter diesen -hatten es diejenigen leichter aber auch noch langweiliger, die an -größern Maschinen standen. Wer dagegen eine kleine zu bedienen hatte, -dessen Aufmerksamkeit war in ganz andrer Weise an den ewig rotierenden -Stahl gefesselt. Denn auf solchen Maschinen konnten ja nur enge und -kurze Löcher, dünne Flächen und kleine Stücke gebohrt werden; diese -festzuschrauben war unmöglich; hier hatte die Hand des Mannes sicher -und stark zuzugreifen, hier hatte das Auge schärfer und schneller zu -beobachten, hier hatte die Lunge unausgesetzt feinen Eisenstaub zu -atmen. Und doch hatten gerade diese Leute von allen Bohrern — wenn ich -recht berichtet bin — den niedrigsten Verdienst, waren freilich auch -durchschnittlich jünger als die andern.</p> - -<p>Wieder anders lag die Arbeit der Stoßer und Dreher. Beide Arbeitsarten, -so verschieden sie im einzelnen auch von einander sind, sind sich -darin gleich, daß sie dem Manne, der an der Drehbank oder Stoßmaschine -steht, wieder größere Selbständigkeit und Selbstthätigkeit ermöglichen. -Der Stoßer, der an meist schon glatt und blank gefeilten Stücken -Flächen, Ecken, Kanten bald geradlinig bald kurven- oder kreisförmig -abzustoßen hat, muß genau die vorgezeichnete Linie einhalten. -Das zwingt ihn, so wie er die Maschine in Bewegung setzt, mit -unausgesetzter Aufmerksamkeit in halbgebückter Stellung ihren Gang zu -überwachen und zu dirigieren. Ganz ebenso der Dreher, dessen Aufgabe -es ist, Bolzen, Wellen, Kurbeln und Hebel so zu kürzen, zu formen, -so mit Nuten, Rissen, Einschnitten<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> und Spitzen zu versehen, daß sie -für die neue Maschine sofort verwendbar sind, jedenfalls aber nur -noch geringer Nachhilfe durch die Schlosserfeile bedürfen. Aber ein -großer Übelstand ist auch diesen Arbeiten wie denjenigen der Bohrer -und Hobler gemeinsam: alles ist nur Teilarbeit. Nie schafft der -Bohrer, der Hobler, der Stoßer, der Dreher ein zum Verkauf fertiges, -geschweige zusammengesetztes, vollkommenes Produkt; es ist kein -organisches Ganze, weder wenn er es unter die Hände bekommt, noch wenn -er es aus den Händen giebt. Es ist immer trauriges Stückwerk. Man -unterschätze dieses Faktum nicht, dessen üble Folgen, wie wir sehen -werden, nur zum Teil wieder aufgehoben werden. Es ist hierauf die -Beobachtung zurückzuführen, die ich immer machte, daß gerade unter -dieser Berufsgruppe jene Züge häufiger hervortraten, auf die man -fälschlicherweise als das bestimmende Charakteristikum des modernen -deutschen Durchschnittsfabrikarbeiters so gern mit Entrüstung hinweist: -gedankenlose Oberflächlichkeit und sittliche Unreife.</p> - -<p>Als eine geradezu bedauernswerte Arbeit aber erschien mir immer -die der Aufreiber, zweier schon älterer Männer, die tagaus tagein -von morgens 6 bis abends 6 Uhr nichts andres zu thun hatten, als -die von den Maschinen roh gebohrten Löcher fein, sauber, glatt -nachzubohren — alles mit der Hand, im ewigen Einerlei. Wo ist da noch -Schaffensfreudigkeit, innere Befriedigung, geistiges Streben, sittliche -Charakterbildung möglich?</p> - -<p>Im vollen Gegensatz hierzu stand die Thätigkeit unsrer Schlosser. Wenn -alles, wie die Zeichnung es forderte, gebohrt, gehobelt, gestoßen, -geschnitten und gedreht war, wenn die Schrauben, Muttern, Bolzen und -Einsatzstücke geglüht und gehärtet, wenn die wenigen schmiedeeisernen -und messingnen Teile beisammen waren, begann ihre Arbeit, der -eigentliche Bau der Maschine. Unter der Leitung ihres Monteurs, -immer die Zeichnung vor Augen, die Feile, den Hammer, den Meißel in -der Hand, wurde ein Stück auf und in das andre gefügt, häufig nicht -ohne größte Mühe. Denn nur in den seltensten Fällen paßten die Teile -sofort zu einander; meist konnte gar nicht von jenen andern Arbeitern -mit der Akkuratesse und Genauigkeit vorgearbeitet werden, die das -allein ermöglicht hätte. Überall gab es darum nachzuhelfen, zehnmal -zu probieren, zehnmal die Sache auseinanderzunehmen, um sie auch das -elfte und zwölfte mal noch vergeblich<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> zusammenzupassen. Die glatten -Flächen, die, nur rauh gehobelt, aufeinander zu laufen bestimmt waren, -mußten — eine schwere Mühe — mit Glassand, Öl und Eisenstaub so lange -eingeschmirgelt werden, bis sie dicht und fest aufeinander schlossen -und doch glatt und leicht funktionierten. Zu dieser gefürchteten Arbeit -wurden wir Handarbeiter mit Vorliebe herangezogen. Dann mußten rauhe -Stellen abgeputzt, große Scheiben auf eiserne Wellen gekeilt, mit dem -Handbohrer die der Maschine unzugänglichen Löcher gebohrt, Gewinde -geschnitten, Bolzen und andre Stücke eingesetzt werden. Alles oft in -der unmöglichsten Lage: hoch auf der Leiter, gebückt, knieend, kauernd, -liegend auf dem Rücken oder auf dem Bauche. Mitunter, wenn es gar nicht -klappte, wurde der oder jener Maschinenarbeiter, der Bohrer, Stoßer, -Dreher herangeholt und nicht gerade in der zärtlichsten Weise von der -von ihm verschuldeten fatalen Situation unterrichtet, ab und zu ihm -auch das eine oder andre Stück zur Verbesserung zurückgegeben. Aber -allmählich wurde es doch; man sah die Maschine wachsen, bis endlich -die letzte Schraube angezogen war, und das Ganze fix und fertig da -stand. Dann folgten, wenn möglich an Ort und Stelle, die ersten rohen -Versuche, die neue Maschine in Gang zu setzen, und endlich, wieder -durch uns Handarbeiter, ihr Transport auf den Probiersaal.</p> - -<p>Auch hier waren Schlosser und Monteure stationiert, und ein andres -Stück Arbeit begann. Denn nicht sofort arbeitete die neue Maschine. -Viele male wurde versucht, der Gang genau beobachtet, die kleinsten -Störungen bemerkt, ihre Ursachen beseitigt, hie und da nachgeholfen — -bis endlich eine tadellose Funktionierung des neuen Werkes erreicht -war. Dann noch eine letzte Hauptprobe vor dem Direktor, dem Werkführer -und dem Monteur, der sie gebaut hatte, und sie wurde den Händen der -Lackierer überantwortet, die dem schwarzen Ungetüm ein freundliches, -glänzendes Gewand gaben, und von denen die Packer als die letzten sie -in Empfang nahmen.</p> - -<p>So viel schwieriger und langwieriger diese Arbeit der Schlosser auch -war, so viel höher muß eine ethische Würdigung sie über diejenige der -Maschinenarbeiter stellen. Dort ist Schablone, hier Freiheit. Dort -ewige Teilarbeit, hier organisch fortschreitende Thätigkeit, deren -Produkt zuletzt ein geschlossenes Ganzes darstellte. Wohl kommt auch -hier mancher öde Auftrag zwischen hinein, manche Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> langweiligen -Feilens, Meißelns, Bohrens; aber das ist nicht die Regel, und es dient -der andern gehaltvollern Arbeit und bringt, vollendet, erfreulichen -Fortschritt. Es erregte wirklich Freude und Befriedigung, wenn nach -langem, mühsamem Probieren das bearbeitete Stück endlich saß, die Welle -gleichmäßig im Lager lief, der Hebel leicht arbeitete, die Flächen -fest aufeinander schlossen. Wie oft habe ich solche Freude an jungen -und alten Schlossern beobachtet, wenn sie es mir, sobald ich davon -sprach, auch nicht immer eingestehen wollten. Daß immer in derselben -Gruppe mehrere Maschinen zu gleicher Zeit in Arbeit und in verschiednen -Stadien ihrer Vollendung begriffen sind, war, wie gesagt, nur eine neue -Ursache, das Interesse an der Arbeit zu vermehren. Denn wenn der Mann, -je nach dem Stande der Vorarbeiten, ein paar Tage an dieser Maschine, -dann einige Stunden an jener, wieder einen Nachmittag an einer dritten -zu arbeiten hatte, so zwang ihn das zu doppelter und dreifacher -Aufmerksamkeit, bei der Sache zu sein, die in Arbeit befindlichen -Teile nicht zu verwechseln und die ganzen Maschinen miteinander zu -vergleichen. Und das ist so förderlich und bedeutsam, daß dadurch -auch das sonst so nachteilige Prinzip der Arbeitsteilung, das -selbstverständlich innerhalb der Montagen ebenfalls im Schwange ist, -für den einzelnen Mann seine schlimmen Folgen fast völlig verliert. -So geht aus allem hervor, daß für den ethischen Charakter der Arbeit -unsrer Schlosser, ebenso wie der Tischler, der großkapitalistische -Fabrikbetrieb nicht nur nicht schädlich war, sondern geradezu -einen Fortschritt bedeutete. Denn er hob beide Berufe über die -handwerksmäßige, beschränktere Art des kleinmeisterlichen Betriebes zu -höhern Aufgaben empor und machte sie der eigentlichen Kunstschlosserei -und Kunsttischlerei nahe verwandt.</p> - -<p>Auf andre, gleich alte und ehrwürdige Handwerker hatte dagegen derselbe -Betrieb die gerade entgegengesetzte Wirkung. Berufe, wie die der Maler, -Sattler, Schmiede, Klempner und Zimmerleute, waren in unsrer Fabrik zu -bloßen Hilfsberufen degradiert. In andern Fabriken werden es wieder -andre, vielleicht gerade die der Schlosser und Tischler sein — das -wird sich je nach dem richten, was produziert wird. Jedenfalls aber -gilt nach meinen Erfahrungen für sie alle dasselbe, was oben über den -sittlichen Wert der Arbeit der Stoßer, Bohrer, Dreher und Hobler gesagt -worden<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> ist. Auch für sie gab es im ganzen nichts als langweilige, -unbefriedigende Flick- und Teilarbeit. Die Maler hatten bei uns immer -nur die Maschinen mit derselben graugrünen Fabrikfarbe zu lackieren, -die Schmiede immer nur einzelne meist sehr einfache schmiedeeiserne -Stücke und sonst ebenso wie der Klempner nur Reparaturarbeiten zu -liefern, die Sattler immer nur Treibriemen in die gewünschte Länge -umzuflicken, und die drei Zimmerleute standen ausschließlich dem -Packmeister zur Verfügung, für den sie nichts als Kisten und Gestelle -zur Verpackung der bestellten Maschinen zu nageln hatten.</p> - -<p>Freilich wurde — und damit komme ich auf das Gesamturteil über die -Arbeit in unsrer Fabrik — bei ihnen wie bei jenen andern niederern -Arbeitskategorien der Bohrer, Hobler, Schlosser und Dreher die -schlimme Folge dieser Teilarbeit durch den Gesamtcharakter gerade -unsers Arbeitsprozesses wesentlich gemildert und auch ihre Thätigkeit -ethisch vertieft. Denn dieser Prozeß beruhte bei uns auf dem Prinzip -der Arbeitsbeteiligung <em class="gesperrt">aller</em> an <em class="gesperrt">demselben</em> einen -Arbeitsprodukte. Vom Meister und Monteur herab bis zum Packer und -Transporteur, schaffte jeder einzelne mit an dem gleichen Objekt, an -einem einzig sinnvollen Ganzen, dem komplizierten Kunstwerke einer -Werkzeugmaschine. Damit aber blieb einmal das Bewußtsein gegenseitiger -Unentbehrlichkeit und Verantwortung unter allen rege, und zweitens das -Interesse auch des einfachsten Schablonenarbeiters und Handlangers -an dem Ganzen lebendig. Denn jede einzelne Arbeitskategorie war für -den Arbeitsprozeß notwendig, jede einzelne mit ihrem Pensum auf die -prompte, akkurate und verständige Leistung der andern angewiesen. Man -wußte genau, wieviel z. B. für die Schlosser darauf ankam, daß der -Bohrer genau nach Vorschrift bohrte; man sah, wieviel Mühe es allemal -kostete, Sachen, die einer verpfuscht hatte, wieder gut und brauchbar -zu machen; und man fürchtete die berechtigten Vorwürfe und Klagen -der Arbeitsgenossen, die einen in solchen Fällen zu unangenehmer -Verantwortung zogen. So orientierte man sich lieber in zweifelhaften -Fällen über Bestimmung und Zweck des Stückes und verrichtete auch die -langweiligste Teilarbeit nicht ganz ohne Aufmerksamkeit und Überlegung -und mit verständnisvoller Rücksicht auf die Zusammensetzung der ganzen -Maschine. Und indem so fast jeder der 120 Mann an dem Gelingen<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> fast -jeder Maschine, die aus unsrer Werkstatt hervorging, seinen Anteil und -sein Verdienst hatte, kam es, daß auch ein jeder, selbst der schlichte -Handarbeiter, der Teile und Ganzes fünfzehn, zwanzigmal transportiert -hatte, ihre Bezeichnung und allgemeine Konstruktion mehr oder weniger -genau sich klar zu machen suchte, und daß der und jener, wenn das -Kunstwerk fertig und zum erstenmal im Gange war, mit prüfendem Auge -und innerer Befriedigung hinzutrat, um die Stücke zu suchen, die sein -Hobel geglättet, sein Bohrer durchbrochen, sein Meißel getroffen, -seine Hand mühsam hin und her geschleppt hatte. Wohl den meisten war -der heilsame Einfluß dieses ganzen gemeinsamen Arbeitsprozesses nicht -bewußt, aber er trat mir immer sofort deutlich vor die Augen, wenn -mich der Zufall, die Neugierde oder ein Auftrag einmal in die Säle -der Stickmaschinenfabrikation führte, in der ganz anders als bei uns -die Thätigkeit vieler Arbeiter in allersimpelste Schablonenarbeit -auseinanderfiel, ohne daß der Betriebsorganismus, den sie hatten, -denselben Vorteil und Ersatz hätte bieten können wie der unsre. Hier -gab es Arbeiten zu verrichten, von denen man mit Recht sagt, daß -sie aller sittlich erziehenden Momente, wie sie die evangelische -Auffassung der Arbeit fordert, bar sind, bei denen der Mann, selbst -wenn er es wollte, gar nicht die Möglichkeit hatte, Streben, Sorgfalt, -Fleiß zu beweisen, anzuwenden, was er gelernt hatte oder für gut -hielt, wo er vielmehr willenlos, gedankenlos, kraftlos nur immer -dasselbe Stahlblättchen an immer derselben Stelle durch immer dieselbe -Handbewegung in immer demselben Tempo durchlochen zu lassen oder nichts -als Maschen, immer Maschen zu zählen hatte, Tag um Tag und elf Stunden -an jedem — Arbeiten, die für einen strebsamen, vorwärtsdrängenden Mann -in der That kein Gottesdienst mehr sind, sondern Höllenqual. Freilich -auch in jenem andern Teile der Fabrik gab es solche Arbeiten noch nicht -so massenhaft, wie wir sie in andern Industrien kennen, aber immerhin -zahlreich und ausgeprägt genug, um den Kontrast gegen den Charakter -unsers Arbeitsprozesses scharf hervortreten zu lassen, der bei allen -vorhandenen Schwächen und Nachteilen doch wenigstens den einzelnen -Mann nicht äußerlich und innerlich isolierte und ihn in eine rührige -Arbeitsgemeinschaft hineinstellte, die ihn trug, erhob und ihm auch -eine mühselige Teilarbeit erträglicher machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p>Aber vor einem großen sittlichen Schaden behütet die Leute auch -dieser so hochstehende Arbeitsprozeß nicht wie wohl überhaupt kein -großindustrieller Betrieb in der heutigen Form der Organisation: -nämlich vor einer gewissen Unselbständigkeit des Charakters, die -immer da eintritt, wo der Arbeiter nicht imstande ist, über sein -Arbeitsprodukt auf dem Markte frei zu verfügen. Es fehlt ihm, was -auch der einfache Handwerksmeister noch besitzt oder doch bis vor -Jahrzehnten besessen hat, die persönliche Verantwortlichkeit für die -Verwertung und den Vertrieb seiner Produkte. Der Arbeiter in der -Fabrik, auch in der unsern, stellt die ihm aufgetragene Arbeit her; -aber in dem Moment, wo er sie dem Monteur, dem Meister, dem Direktor -abliefert, hat er kein Verfügungsrecht und nicht den geringsten -Anspruch mehr darauf; sie existiert nicht mehr für ihn, wie er nicht -für den wirtschaftlichen Markt, auf dem sie zum Verkauf kommt. Hierin -befindet sich jeder großindustrielle Fabrikarbeiter, mag er noch -so tüchtig und alt sein, immer und ewig auf dem Niveau des frühern -Handwerks<em class="gesperrt">gesellen</em>; darin liegt die Ursache der dauernden -schülerhaften Abhängigkeit von dem Leiter der Fabrik, der an seiner -Stelle seine Arbeit auf den Markt bringt und für ihn das Risiko des -Verkaufs übernimmt, damit zugleich aber für ihn einen der wichtigsten -Faktoren beseitigt, durch den auch die schlechteste Berufsarbeit eines -Mannes noch anregend und interessant und das Haupterziehungsmittel -eines geschlossenen Charakters, einer befriedigenden, ihres -Lebenszieles klaren Persönlichkeit wird. Es fehlen die Sorgen um -die Verwertung seiner Arbeiten, die Freude daran, wenn sie gelungen -ist, der Stachel und Ehrgeiz, die rechten und besten Wege für ihren -Absatz zu finden. Gerade das aber reift, klärt, stählt den Willen, -den Charakter, die geistige Fähigkeit des Mannes, macht ihn erst zu -eineeinem ganzen Manne. Jetzt aber ist an diese Stelle, wie gesagt, -die schülerhafte Abhängigkeit getreten, die nicht sich, sondern immer -einem Höhergestellten und immer nur diesem Einzigen verantwortlich ist; -gegenüber seiner Gunst sind Geschick und Glück, gegenüber seinem Willen -und Machtwort, seiner Anordnung und Verfügung ist der eigne gute Wille, -ist die eigne, selbst die größte Geschicklichkeit minderwertig, und -das Selbstbestimmungsrecht im Beruf und der künftigen Existenz jetzt -null und nichtig. So<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> ist es nur natürlich, daß der Arbeiter sich mit -andern bald gleichgiltigen nebensächlichen, kindischen Dingen, bald -wieder mit zu schwierigen, seinem Fassungsvermögen fernabliegenden -Problemen zu beschäftigen oder sich ins Vergnügen oder politische -Radauleben zu stürzen sucht. Jedenfalls aber macht es ihn unnormal -und prägt seinem Charakter den Stempel innerlicher Unfertigkeit auf, -den ich auch an meinen Arbeitsgenossen zum Schaden für ihre sittliche -Lebensführung bemerkt habe. Und also beseitigt, wie sich mir dies bei -uns deutlich und täglich zeigte, der großkapitalistische Fabrikbetrieb -selbst gerade das, was heutzutage noch eine große Majorität zu -Verfechtern des individualistischen Wirtschaftssystems macht, die -Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Berufsarbeiters, seine männliche -Selbständigkeit vor der Öffentlichkeit des Wirtschaftslebens, die -Möglichkeit des persönlichen Risikos, die Freiheit der Produktion und -der Selbstgestaltung der eignen Zukunft und damit edeln Ehrgeiz und -starkes Streben.</p> - -<p>Und diese verhängnisvolle, im technischen Großbetriebe notwendig -wurzelnde Wirkung wurde durch die <em class="gesperrt">Arbeitsordnung</em> noch vermehrt, -die bei uns in Geltung war. Diese im Folgenden darzustellen, ist -meine nächste Aufgabe. Sie war, nebenbei bemerkt, in einem Büchelchen -von dreizehn Oktavseiten im Druck erschienen und wurde jedem in die -Fabrik neu eintretenden Arbeiter eingehändigt unter der Bedingung der -Zurückgabe beim Austritt aus der Fabrik.</p> - -<p>Ich beginne der Vollständigkeit wegen mit der Arbeitszeit, deren -schon früher erwähnt worden war. Sie dauerte also von früh 6 Uhr -bis mittags 12 Uhr, und von 1 bis 6 Uhr nachmittags. Montags, oder -überhaupt an jedem ersten Arbeitstage einer neuen Woche erfolgte der -Beginn morgens eine Stunde später, erst um 7 Uhr, eine von allen -dankbar empfundene Erleichterung, für viele, namentlich junge Leute, -die des Sonntags sich austollten, die Sonntagabend bis 12 Uhr auf dem -Tanzboden und den Rest der Nacht oft bei ihren Mädchen zubrachten, -die Möglichkeit, nun wenigstens ein paar Stunden noch schlafen zu -können und nicht ganz übernächtig und kraftlos die Arbeit der neuen -Woche anzutreten. Auch am Sonnabend war eine Stunde gestrichen. Da -wurde schon um 5 Uhr nachmittags Feierabend gemacht. Sonst<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> fand -eine Unterbrechung dieser Arbeitszeit nur am Vormittag zwischen 8 -und 8,20 Uhr statt, wo das Frühstück, das ich bereits schilderte, -genommen wurde; die Nachmittagsvesperpause war beseitigt, um die Leute -schon 6 Uhr nach Hause schicken zu können. Abweichungen von dieser -Arbeitszeit fanden, so lange ich der Fabrik angehörte, nicht statt. -Doch war in dieser Zeit mehrmals unter den Arbeitsgenossen von in -Aussicht stehenden Überstunden die Rede, wenn die Nachricht von neuen -umfangreichen Maschinenbestellungen, die gemacht seien, aus dem Kontor -in die Arbeitsräume drang. Solche Gerüchte wurden nie mit Befriedigung -aufgenommen und kolportiert; denn in dem Falle, daß sie sich -bewahrheiteten, traten zwei Absätze unsrer Fabrikordnung in Kraft, die -<em class="gesperrt">alle</em> Arbeiter ohne Widerrede zur Übernahme solcher Überstunden -bei dem gleichen Stunden- und Akkordlohne zwangen und folgendermaßen -lauteten: „Abweichungen von der gewöhnlichen Arbeitszeit werden durch -Anschlag bekannt gemacht“ und „Jeder Arbeiter ist verpflichtet, zu -vereinbartem Lohne auch nach Feierabend zu arbeiten.“</p> - -<p>Dagegen hing es vom freien Willen des einzelnen ab, Beschäftigungen -an Feiertagen zu übernehmen. Auch sie fanden in meiner Anwesenheit -in bemerkenswertem Umfange nicht statt; übrigens erschwerte sie auch -das sächsische Gesetz über das Verbot der Sonntagsarbeit erheblich. -Die Überstunden- und Sonntagsarbeit, die in jenen Sommermonaten -vorkamen, beschränkten sich infolgedessen auf das geringe Maß der -notwendigen Reparaturarbeiten und auf Hilfsdienste der einen Hälfte -der Arbeiterschaft an einem Sonn- und Montage, an dem die jährliche -Inventur stattfand. Hierzu wurden die Leute befohlen, zu jenem die -verwendet, die sich freiwillig anboten. Nur einmal erlebte ich einen -Fall, in dem die angebliche Freiwilligkeit nackter Zwang war. Das war -an einem Sonnabende, als vier Mann von uns dem Maschinenmeister zu -einer plötzlichen, gründlichen Reinigung der einen großen Dampfmaschine -zur Verfügung gestellt wurden. Ich gehörte zu den vieren und hatte -an dem Abend gerade den Besuch einer wichtigen sozialdemokratischen -Versammlung vor. Da aber die Sache, wie der Meister schlauerweise -vorgab, nur eine Stunde dauern sollte, trat ich mit an. Doch zeigte -sich sofort, daß die Arbeit dreimal länger währen würde. Eine Stunde -machte ich mit, dann bat ich, mich zu entlassen, und nur mit der<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -allergrößten Mühe erreichte ich mein Ziel. An meine Stelle wurde ein -Bohrer kommandiert, der um diese Zeit mit sechs andern vom Kehren und -Aufräumen des Fabrikraums kam, das allsonnabendlich von diesen sieben -Freiwilligen besorgt wurde. Er hatte nicht die geringste Lust, mein -Nachfolger zu sein, dennoch blieb er. „Was will man machen?“ sagte er. -„Man kann es ja doch nicht mit dem Meister verderben.“ Übrigens fanden -jene schon genannten sonntäglichen Reparaturarbeiten, wenn sie sich -nötig machten, immer während des Vormittags und des Gottesdienstes -statt. Die beiden einzigen aber, die ohne Unterbrechung an jedem -Sonntagvormittage kontraktlich vorgeschriebene, vom Betrieb notwendig -geforderte Arbeit zu thun hatten, waren die beiden Maschinenwärter, die -ihre Maschinen nur in diesen Stunden putzen konnten, in denen sie außer -Gang waren.</p> - -<p>Unsre Arbeit wurde uns teils durch Stunden- teils durch Akkordlöhne -bezahlt, deren Höhe meist beim Eintritt in die Fabrik gewöhnlich vom -Meister, selten durch den Direktor selbst bestimmt zu werden pflegte. -Der Stundenlohn überwog in unsrer Abteilung. Jenen verderblichen -Gruppenlohn aber, bei dem ein oft ganz ungeschickter und gar nicht -berufsmäßig vorgebildeter, nur äußerlich gewandter und geschmeidiger -sogenannter Akkordmeister für die Herstellung einer Maschine oder -eines andern Produktes eine bestimmte Summe erhält, von der er nun -die ihm zugewiesenen und von ihm nur beaufsichtigten, nicht einmal -bei der Arbeit unterstützten Arbeiter häufig so zu lohnen pflegt, daß -ihm der Löwenanteil der Summe zufällt, also mit nackten Worten das -englische Schwitzsystem in deutschem Gewande, gab es meines Wissens -bei uns glücklicherweise gar nicht. Und ein Widerwille gegen den -Akkordlohn war auch nicht, höchstens bei einigen sozialdemokratischen -Prinzipienreitern, vorhanden, wäre in unserm Falle auch die reinste -Thorheit gewesen. Denn die große Gefahr, die die Akkordarbeit in sich -birgt, und die sie auch, wie mir von Arbeitsgenossen erzählt wurde, -thatsächlich in einer der andern großen Chemnitzer Maschinenfabriken -haben sollte, daß die Arbeiter während der ganzen langen Arbeitszeit -durch das Akkordlohnsystem bis aufs Blut angestrengt würden, wurde -bei uns durch das glücklich gewählte nicht zu langsame und nicht zu -schnelle Arbeitstempo vermieden, das in der ganzen Fabrik herrschte und -seinerseits viel dazu beitrug, daß auch die nüchternste Teilarbeit<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -erträglich wurde. Ohne daß gebummelt und gefaulenzt wurde, war doch dem -Einzelnen einigermaßen so viel Freiheit und Spielraum gelassen, daß -er sich in dieser Stunde einmal nach seinen zufälligen Bedürfnissen -etwas Zeit nehmen konnte, um es in einer andern bessern Stunde -wieder nachzuholen. Und das galt noch viel mehr gerade von den in -Akkordlohn stehenden als von der andern Lohngruppe. Ich weiß, daß ein -paar Stoßer, die sehr gute Verdiener waren, in der ersten Hälfte der -vierzehntägigen Lohnperiode fast nur mit Auswahl und nach Belieben an -ihrer Maschine fleißig waren und sich erst in der zweiten Hälfte recht -ins Zeug legten. Von andern, die im Stundenlohn arbeiteten, wurden -diese Akkordlöhner fast immer beneidet; ein Bohrer hatte es zu seiner -großen Befriedigung und seinem pekuniären Vorteil noch kurz vor meinem -Eintritt in die Fabrik durchgesetzt, daß er künftig im Akkordlohn -beschäftigt wurde, was mir andre später noch mehrmals ostentativ -erzählten. Und ein gewandter, mir befreundeter Schlosser klagte mir -mehrmals über die Langweiligkeit seines Stundenlohnes und sehnte sich -herzlich nach Arbeit im Akkordlohn, da man da mehr Abwechslung im -Verdienen und auch Aussicht auf mehr Verdienst hätte.</p> - -<p>Daß die Auszahlung der Löhne aller vierzehn Tage stattfand, sagte ich -bereits. In der Fabrikordnung war die Bestimmung so formuliert:</p> - -<div class="auszug"> - -<p>Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach -im <em class="gesperrt">Voraus</em> durch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder -Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.</p> - -<p>Eine <em class="gesperrt">Löhnungsperiode</em> erstreckt sich, so lange sich nicht -eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche -bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.</p> - -<p>Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode -folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden -die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender -Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.</p> - -</div> - -<p>Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem -Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach -Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion -innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage -folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn -Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann -regelmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> seinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen -Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht -der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu -verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist -gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat. -Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus -irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie -mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes -neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern -denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch -dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes -gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich -und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch -vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen -Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder -abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt -und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von -den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich -in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir -ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre -Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen -folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:</p> - -<div class="auszug"> - -<p>Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach -freiem Ermessen der Direktion statt.</p> - -</div> - -<p>Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:</p> - -<div class="auszug"> - -<p>Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung -und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom -vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel, -welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.</p> - -<p>Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes -Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.</p> - -<p>Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des -Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung -kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die -Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich -gebilligt worden ist.</p> - -</div> - -<p>Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt, -einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut -Anschlages<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> jedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß -in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr -vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit -die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden -der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder -gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der -Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus; -dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den -dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher -zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr -günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.</p> - -<p>Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für -alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag, -der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn -es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar -drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige -Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief -in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“ -übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und -das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit -der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen -am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark -ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt -er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut -geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren -die Leute auch wohl zufrieden.</p> - -<p>Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge -ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die -zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in -der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich -neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem -Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und -sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das -Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die -großen Maschinen, die wie im<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Schlafe stumm, unbeweglich daliegen -nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein -Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner -Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne, -deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen -Fabrikfenster brechen.</p> - -<p>Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer -Fabrikordnung reichlich und doch — ich kann das wohl sagen — meist in -gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die -höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn -einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei -mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde, -letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf -das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in -beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden -konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache, -daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der -That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit -getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und -ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes -„Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen -faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen -Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen, -also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des -Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die -wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags -schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren -hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der -Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal -ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik -zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht -möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe -Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst -einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden. -In solchem Falle, der<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> übrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es -vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann -persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe -wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen -wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei -der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an -sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten -Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die -Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall -mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat. -Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden -Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten -alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren -des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon -betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie -bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit -einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen -militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in -Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der -Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige -Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung -derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends -bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.</p> - -<p>Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung -der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder -verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich -die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz -beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“ -Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die -Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar -Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt -worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus -jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also -ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der während<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> des Jahres -in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und -beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand -kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in -der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen -Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer, -solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit -Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen, -womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.</p> - -<p>Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines -Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen -und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen -wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt, -unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der -hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden -MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der -Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung; -jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach -Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann -gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung -einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die -nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt. -Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von -Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer -Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter -noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden -wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer -mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte, -traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen, -Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit -getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von -Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte -und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte. -Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand: -Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos, -daß in Chemnitz<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> bereits 1100 Familienväter brotlos seien — damals -jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die -Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen -Arbeiterbevölkerung umgingen.</p> - -<p>Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in -unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus -der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel -verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war, -vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so, -daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt -wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend -einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit) -eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner -Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei -Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren -Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht -mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher -Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser -Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit -besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten, -traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein -Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte -von ihnen war verheiratet.</p> - -<p>Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen -nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge -unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern -— derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge -zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit -verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen -anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei -dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer -Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte. -Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere -ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß -nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie -lebhaft alle in diesem Fall für ihren Arbeitsgenossen<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> Partei nahmen, -der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung -die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es -sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an -derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage — er arbeitete -in Akkord — war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn -ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei -seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht -habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf -dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt. -Als er — immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen -Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne -stand — um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mit -<em class="gesperrt">roter</em> Tinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der -erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu -holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische -liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn -gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden. -Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf -die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht -darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten -Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich -hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener -Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung, -vorsichtig zu sein.</p> - -<p>Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die -Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig -sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich -Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in -Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand, -nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige -Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann -aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte -von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung -und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande, -daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignorierten<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> ihn von -diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar -mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn -diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen -und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich -weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern -bewußt war.</p> - -<p>Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die -von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten -acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein -Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale -niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister -Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg, -anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich -nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer -sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern -erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde, -die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand, -den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten -nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und -das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers -arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.</p> - -<p>Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere -Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig, -unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das -Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier -ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit -beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe. -Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und -im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen -Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem -Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der -Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten -Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend, -der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung, -wenigstens der ältern Generation meiner Genossen<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> im Herzen sitzt. -Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns -bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen, -die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal -aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben -Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem -einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen -hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte, -wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast -durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer -Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft -wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und -wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich -anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch -nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des -bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu -bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine -Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die -ich zuletzt schilderte.</p> - -<p>Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir -kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der -Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:</p> - -<div class="auszug"> - -<p>Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten -jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber -besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist -auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene -Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.</p> - -<p>Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer -anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen, -beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen -Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren -Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.</p> - -</div> - -<p>Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei -uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei. -Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte -völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen -und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die -Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle -überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang -auszuhändigende<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Lohn der ersten Woche die nun allerdings größere -Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen -wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage -des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist -ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für -die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich -höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht. -Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht -das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem -Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche -Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade -wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster -ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der -Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen, -daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns -gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger -von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand -beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die -wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem -Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen -im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich -weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung -zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der -sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum -Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis -der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere -Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine -volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.</p> - -<p>Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen -darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz -folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war -es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken -und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und -Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von -den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen, -wo wir bei dem Leiter direkt<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> anfragen konnten, wurden wir freundlich -und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die -freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu -denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht. -Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden -darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen -schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die -Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden -Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich -jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen -vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen -er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit -gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch -nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen -Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten, -in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine -besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu -selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter -den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht -erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten -Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten, -erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen -ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst -auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel -glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht -sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen -Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos -von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen, -immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer -wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der -Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das -furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie -sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer, -charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und -moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation -es sein kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p> - -<p>Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare -Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von -den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik -ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa -vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa -zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen -Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und -dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so -häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen -der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten, -und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam -besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half -sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.</p> - -<p>Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens -der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein -unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier -zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als -Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin -behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft, -was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu -jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende -Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet -werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den -Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne -in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert. -Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch -die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum -Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten -strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales, -das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen, -u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die -nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten. -Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten -wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende -Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Bau<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> mit Matratze, -Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein -Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung -bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den -Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren -war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von -den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer -notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher -auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte -jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus -geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen, -die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der -Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die -Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach -Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse, -das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter -nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen -Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht. -Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem -bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen -Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion -gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen -Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.</p> - -<p>Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer -und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an -mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens -in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein -nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich -machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends -am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr -Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens -und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre -Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den -ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von -dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo, -bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden -Produktionsprozeß und bei der Freiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> und Selbständigkeit, wie -sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes -durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden -des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von -Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten. -Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen, -sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler -Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie -verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende, -ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem -Einerlei, oft an ein und derselben Stelle — dies alles zusammen macht -unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden -Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben -jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß -geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes — und -dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus -ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei -muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine -verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden -waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten -mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn -ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne -gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den -Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der -Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der -längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht -that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht -allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr -tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei -Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem -Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die -Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter, -starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren. -Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an -Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> - -<p>Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteilten -<em class="gesperrt">Arbeitsordnung</em> unsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am -Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über -eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An -der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen, -steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu. <em class="gesperrt">Durch Annahme -der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der -Fabrikordnung</em>, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar -ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des -Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an -der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „<em class="gesperrt">Änderungen sowie -Zusätze zu derselben</em> werden von der Direktion <em class="gesperrt">durch Anschlag -bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft</em>.“</p> - -<p>Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter -dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist -deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein -maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine -Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und -der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört. -Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern -wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie -Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen -von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter; -sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade -Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende -Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und -folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters -der heutigen Fabrikarbeiter.</p> - -<p>Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe, -wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer -Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch -die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem -Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter -seiner energischen Persönlichkeit zurück, in<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> dessen thatkräftiger, -militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter -und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem -man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand -gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister, -handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig, -daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht -hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen -schmerzlich zum Bewußtsein kam.</p> - -<p>Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von dem -<em class="gesperrt">Verhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und -mit ihren Vorgesetzten</em> erzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer -Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen, -in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige -Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin -beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge, -und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige -Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos, -grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus -der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung -des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren, -bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine -Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen -ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der -Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten -in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das -einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden -großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere -Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.</p> - -<p>Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit -selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte -Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene -Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung -arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie -ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus -der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem -fortwährenden<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Wechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst -aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die -Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem -gegenseitigen Verkehr.</p> - -<p>Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen -Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne, -derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig -ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern -Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man -sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder -neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene -ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere -Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier -gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung -aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus -dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das -letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag -plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und -erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem -aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und -mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die -Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen -zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche, -politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den -Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen. -Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle -genügt die eben gemachte Angabe.</p> - -<p>Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo -immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche -Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den -achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich -die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem -Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte -es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche -von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten -und sich, wie es im Volke<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> heute noch viel verbreitete Sitte ist, nur -einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen, -rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm -dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen -beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin -und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden -sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter -längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir -glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“ -Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig -ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen; -ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von -hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich -nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei -schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen -und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen -den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern -kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache -niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung -meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu -zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und -unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon -verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht. -So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt -glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich -ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen -darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe -auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.</p> - -<p>Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen, -freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man -mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten -Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie -traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.</p> - -<p>Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt der<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> -Grundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der -Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen -Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen -begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter -des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage -des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische, -scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen -immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß -man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein -Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die -fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab -und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der -unaufhörliche große Lärm das Hindernis.</p> - -<p>Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in -den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter -Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne -und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb -seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf -über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter -verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter, -Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister -mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und -selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies -aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die -Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber -häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon -ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der -angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft -und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene -Neigung in lebendige Übung bringt.</p> - -<p>Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf -Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten -der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen -in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch -vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglich<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> machten. Oder ein guter -Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur -scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst -eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders -zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten -die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man -ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg -trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur -Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den -beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen -zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich -kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu -stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches -Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern -den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf -unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in -die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich -unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher -Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich; -und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und -ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den -leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller -und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen -Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und -Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter, -ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und -ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.</p> - -<p>Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns -Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich -gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede -zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben -zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser -Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere -Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer -Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst -Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiter<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> wieder gehorchten, -sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen -ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede -Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen -nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn -er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat -und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu -thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister -wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er -sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar, -und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als -„Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch -bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die -Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und -wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der -Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?</p> - -<p>Ja.</p> - -<p>Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar -nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier -fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre -suchen und mitbringen.</p> - -<p>Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.</p> - -<p>Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung -von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von -Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit -betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der -Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige -oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten -vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als -Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren, -erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen. -Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren -eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den -allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß -einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbänden<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> dauernd -entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.</p> - -<p>Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen -Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren -deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren -Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten. -Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie -und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als -verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein -wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die -Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein -gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte -darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges -Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel, -wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt; -viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete -selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die -Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach -der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird -der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der -vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in -irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte. -In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein -polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern -einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker -zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und -Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge, -dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und -darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur -unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten. -Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem -Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen -Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können, -daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere -Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist -um seine Existenz<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> ringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte -Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so -groß sein als dort.</p> - -<p>Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem -Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet; -da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig -aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen -Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für -ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die -Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.</p> - -<p>Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister. -Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen -Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik -herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und -noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch -ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen; -sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während -der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche. -Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den -höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie -sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel -in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im -Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der -einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten -die Arbeiter alle und hatten — was von besonderer Bedeutung ist — -Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des -einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an -und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute -nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich -Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von -den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene -Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das -alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu -den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch -sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.</p> - -<p>Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum -Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> angenehm -oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der -eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein -und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht, -hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte. -Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber -eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von -seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein -heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht -und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten -ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher -Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu -beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der -vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten -großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann, -wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu -behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch -einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen -andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh -morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und -da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht -gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht -taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute -anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die -jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten -dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine -Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten. -Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise -gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann, -je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen -manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der -Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender, -bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben, -bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner -Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle -seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die -Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er noch<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> ganz seinen Mann -zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse -Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche -Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten -ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen -irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch -diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem -Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten -sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit -und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die -sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.</p> - -<p>Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten -Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich -auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen -die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie -die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine -äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch -eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem -andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa -mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in -der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich -die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.</p> - -<p>Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft -zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und -Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich -als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich -und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache, -daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur -selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah, -so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über -das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor -und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab -besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau, -der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln -hatte: auch nicht den kürzesten<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Gruß zu uns brachte dieser Herr über -die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu -grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen -schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger -wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer -Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen -höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte. -Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.</p> - -<p>Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen -Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich -und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen: -einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der -verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen -darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller -nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.</p> - -<p>Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so -wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht -zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer -großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer -Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip -der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten -und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen -beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl -aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben -überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien -Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute -Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter -und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat -man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich -diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen -angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte -Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen -Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen -Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr -selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen -Charakter an, der es bewirkte,<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> daß der Arbeiter sich ohne geschriebene -Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst -subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und -seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet -ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen -Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der -Leute sein müssen.</p> - -<p>Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer -bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und -höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden. -Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie -beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit -in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen -mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig -nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte -repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die -Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte -Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen -zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete -und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen -menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt -wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre -Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit -zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer -harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit -zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines -Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig -oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut -der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das -gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt -vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und -ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr -wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen -Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle -Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden -Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen -erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewäl<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>tigung -sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der -Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind -sie — mit oder wider ihren Willen — durch den Druck einer neuen, -bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung -einfach zu erziehen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel"><span class="s5">Viertes Kapitel</span><br /> - -<b>Die Agitation der Sozialdemokratie</b></h2> - -</div> - -<p>Chemnitz ist einer der ältesten und ersten Sitze der deutschen -Sozialdemokratie. Schon im Jahre 1867 schickte es den Sozialdemokraten -und Dresdner Kupferschmiedemeister <em class="gesperrt">Försterling</em> in den -Norddeutschen Reichstag, der freilich bald nachher wieder aus ihm -ausschied. Dann kurz nach dem Kriege schlug der „wütende Most“ sein -Hauptquartier in Chemnitz auf und wurde daselbst 1874 sowohl wie 1877 -als Reichstagsabgeordneter gewählt. 1878 bei den Neuwahlen nach den -Attentaten fiel er allerdings durch, doch eroberte die Sozialdemokratie -den Kreis im Jahre 1881 durch den Breslauer Schriftsteller Bruno Geiser -sich wieder zurück, um ihn auch 1884 zu behaupten; 1887 verlor sie ihn -jedoch abermals. Aber schon bei den letzten Wahlen 1890 wurde wieder -ein Sozialdemokrat, der bekannte Max Schippel, dessen Vater in Chemnitz -Schuldirektor ist, gewählt.</p> - -<p>Fast 25 Jahre hindurch also wird in Chemnitz und Umgegend von der -Sozialdemokratie agitiert, und immer waren es Parteigrößen, die hier -„in Arbeit“ standen. So ist es nicht verwunderlich, daß schon 1881 -über 10000 und 1887 über 15000, 1890 gar 34642 sozialdemokratische -Stimmen abgegeben wurden, und daß in dem Vororte, in dem unsre -Fabrik stand und die Mehrzahl von uns wohnte, bei der letzten Wahl -700 sozialdemokratische und nur 150 sogenannte „reichstreue“ Stimmen -gezählt worden sein sollen.</p> - -<p>Dieser Vergangenheit würdig, war auch während des letzten Sommers -die Agitation der Partei ununterbrochen rege, auch hier wie an den -meisten Orten Deutschlands überhaupt die einzige, die<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> zu bemerken -war. Sie war durchaus planmäßig, kraftvoll und ins einzelne gehend. -Allwöchentliche große öffentliche Versammlungen für Angehörige -irgend eines Arbeitszweigs oder auch für Männer und Frauen überhaupt -hielten die Aufmerksamkeit der gesamten arbeitenden Bevölkerung für -die Arbeiterpartei zunächst im allgemeinen lebendig. Freilich waren -diese Versammlungen, wenigstens die, die ich mitgemacht habe, meist -nur dürftig besucht; und nur wenn ein besondrer Anlaß eine Reihe -bestimmter Berufszweige zugleich beschäftigte, oder ein bekannter von -auswärts zitierter Redner, eine sozialdemokratische Größe auftrat, -schwollen sie zu imposanten Massenversammlungen an; sonst schwankte die -Durchschnittszahl der Besucher wohl immer zwischen 1–200 Mann; es waren -die in der Bewegung voranstehenden Arbeiter, die immer den Ton angaben, -wo etwas Sozialdemokratisches los war. Meist waren das gut situierte -Leute. Ich erinnere mich, daß ich in der ersten derartigen Versammlung, -zu der ich als Arbeiter in die Stadt hineinkam, der einzige war, der -im schmutzigen Arbeitszeug, ohne weißen Kragen und Schlips erschien; -die andern hatten alle bessere Kleidung an. Jedenfalls aber erregten -diese Versammlungen schon durch die ständigen großen roten Plakate, -die sie vorher an allen Ecken und Enden der Stadt und Vorstädte -ankündigten, ihren Zweck: die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für die -Bewegung wachzuhalten. Im übrigen bildeten sie nur den Rahmen für -die intensivere besondre Agitation in den einzelnen Stadtteilen und -Vorstadtdörfern.</p> - -<p>Denn fast jeder dieser Bezirke besaß, und zwar nicht bloß bei -herannahender Reichstagswahl, seinen <em class="gesperrt">sozialdemokratischen -Wahlverein</em>, der das ganze Jahr hindurch eine stille aber kluge -und tiefgehende Thätigkeit entfaltete, und dessen Mitglieder sich -aus den überzeugtesten und zielbewußtesten Anhängern der Partei -zusammensetzten. Der Wahlverein hat die Agitation für die Reichstags- -und neuerdings auch Gemeinderatswahlen in der Hand; er stellt bei -großen Wahlversammlungen stets eine nie fehlende Schar, die bei allen -Gelegenheiten in blinder Treue nach bekanntem, lärmendem Rezept die -Partei ihrer Arbeiterredner ergreift; er ist eine der Sammelstellen -für die Parteigelder und — das bedeutsamste an ihm — die Hochschule -für die sozialdemokratischen Redner. Denn nicht nur die neugegründeten -Arbeiterbildungsvereine, nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> nur besondre Institute, wie deren in -Hamburg eines in der Stille blühen soll, dienen diesem Zwecke. Man kann -dreist behaupten, daß jeder sozialdemokratische Wahlverein eine solche -Rednerschule für Anfänger bildet. Wenigstens war das bei dem unsers -Vorortes, der etwa 120 Mitglieder zählen sollte und eine Monatssteuer -von zehn Pfennigen erhob, wirklich der Fall. Darum lag immer auch auf -den Debatten, die sich an den jedesmaligen Vortrag oder die Vorlesung -von Artikeln aus der sozialdemokratischen Volkstribüne knüpfte, der -von allen beherzigte Nachdruck. Ja der Vorsitzende unsers Vereins -sprach das zu Beginn jeder Debatte geradezu aus, wenn er zur lebhaften -Teilnahme an ihnen aufforderte und diese Aufforderung mit immer -denselben Worten etwa so begründete: „Die Sitzungen unsers Wahlvereins -sind in erster Linie der Debatten wegen da. Es wird gewünscht, daß -<em class="gesperrt">jeder</em> redet, <em class="gesperrt">jeder</em> sich ausspricht. Und wenn das auch in -der kläglichsten Form geschieht, jeder ist sicher, nicht ausgelacht -zu werden, <em class="gesperrt">denn eben dazu sind wir allvierzehntägig hier zusammen, -damit wir uns schulen, um in den großen Versammlungen unsern Gegnern -mit Erfolg antworten zu können</em>.“ Und ich muß sagen, man kam dieser -Aufforderung getreulich nach. Bis gegen zwölf Uhr nachts, von acht -Uhr abends, zogen sich meist die Debatten der von des Tages Last und -Mühe müden Leute hin. Wer immer etwas auf dem Herzen hatte, redete es -herunter, alt und jung, ohne Unterschied. Oft in der holprigsten Form, -in Sätzen, von denen kein einziger richtig gebaut war, Gedanken, die -ein grauenhaftes Gemisch von Wissen und Unwissenheit, von praktischer -Erfahrung und Mangel an Überblick über das große Ganze, und oft eine -Verranntheit in Ansichten zeigte, über die selbst die klaren, klugen -Köpfe unter den Genossen erschraken. Daneben aber zeigte sich unter -uns auch eine Zahl so gewandter, so schlagfertiger, so scharf und -praktisch urteilender Redner, daß ich im stillen voll Bewunderung und -Scham diesen einfachen Webern, Schlossern, Handarbeitern zuhörte, -deren Beredsamkeit und Sicherheit im Denken und Auftreten nach meinen -Erfahrungen wohl nur eine kleine Zahl unsrer Durchschnittsgebildeten -gleichkommt. Und alle, die da redeten, auch wenn sie das tollste Zeug -vorbrachten, wurden mit Ruhe und Aufmerksamkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> und fast kindlichem -Ernst angehört und in dem, was sie nun eigentlich sagen wollten, zu -meinem Verwundern auch deutlich und klar verstanden. Daß man sich in -diesen Debatten mitunter tüchtig in die Haare fuhr, daß eine Reihe -verschiedener Ansichten aufeinander platzten, ist ebenfalls und zwar -darum besonders erwähnenswert, weil im Gegensatz dazu in großen -Versammlungen mit ihren Gegnern unter den Sozialdemokraten immer die -geschlossenste Einheit an den Tag gelegt zu werden pflegt. In gewissem -Sinne die Fortsetzung dieser Debatten bildete die Beantwortung der -Fragezettel, die während der Debatte von den Leuten in den Fragekasten -geworfen wurden und meist irgend eine Aufklärung über einen in der -Debatte berührten Punkt, über ein Fremdwort oder über eine in der -Zeitung gefundene und nicht verstandene Notiz heischten. Meist waren -die Antworten, die der Vorsitzende, der Redner oder ein andrer gab, -leidlich zutreffend, manchmal aber auch, wie selbstverständlich, nur -dürftig oder gar falsch. Aber sie wurden alle mit der siegesgewissen -Sicherheit gegeben, die immer dem Halbgebildeten, an seine Sache oder -sich selbst glaubenden eigen ist. Hinter diesen Debatten trat der Wert -der Vorträge selbst deutlich zurück. Sie waren meist kurz und wurden -immer von Parteigrößen am Orte, also Chemnitzern, gehalten; oft taugten -sie gar nichts und waren sichtlich aus den neuesten Zeitungsnachrichten -zusammengestoppelt. Solch ein Vortrag pflegte dann, wie das auch -anderwärts unter den Sozialdemokraten allgemeine Sitte ist, von dem -betreffenden Verfasser nicht nur in unserm, sondern noch in fünf, ja -zehn andern Brudervereinen mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen -Emphase fast wörtlich vorgetragen zu werden, eine Erscheinung, die -sich nur aus dem geradezu fanatischen Agitationseifer und wiederum der -Halbbildung erklären läßt, durch die den Leuten die Langeweile solchen -Wiederkäuens nicht zum Bewußtsein zu kommen scheint.</p> - -<p>Vortrag und Debatte wurden von den etwa vierzig Männern, die immer -anwesend zu sein pflegten, wie gesagt, mit größter Aufmerksamkeit -verfolgt. Man sah es diesen sinnenden, leuchtenden Augen an, wie die -Köpfe mitarbeiteten, die vorgetragenen Gedankengänge aufzufassen -und mitzudenken. Man rauchte viel Pfeife, doch auch Zigarren dazu -und trank im Durchschnitt daneben<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> ein, höchstens zwei Glas Bier, -einfaches für 8 Pfennige oder Lagerbier für 15 Pfennige. Nur wenige -verließen die Versammlung vor dem Schlusse, wenige auch, von den Mühen -der Tagesarbeit überwältigt, schlummerten zuletzt ungestört ein. -Sonst herrschte, wie gesagt, ungeteilte Aufmerksamkeit; denn solche -Abende waren für diese Männer kein bloßes Vergnügen, sondern schwere -Arbeit und immer Stunden eifrigen Lernens, scharfen Nachdenkens, der -Auffrischung und Ermutigung in ihrem abwechslungslosen einförmigen -Fabrikleben. Sie ersetzten, das kann man wohl ohne große Übertreibung -sagen, vielen den früher gewohnten Kirchgang. Und darin liegt die große -agitatorische Bedeutung dieser sozialdemokratischen Wahlvereine mit -ihren regelmäßig wiederkehrenden Versammlungsabenden gerade in solchen -Mittelstädten wie Chemnitz. Sie sind es, die den zur Sozialdemokratie -sich neigenden Arbeiter dauernd, unaufhörlich, unauffällig bearbeiten, -bis er mit seinem Dichten und Denken in den parteisozialistischen -Gedankenkreisen aufgeht, und die den Befähigten schulen, daß er -imstande ist, das Feuer der Überzeugung, das er an jenen Stätten in -sich entfacht hat, nicht nutzlos verglühen zu lassen, sondern seine -Kraft wieder zu verwerten in Agitation unter den Arbeitsgenossen und -der eignen Familie, wie im Eintreten für die gemeinsame Sache bei -Versammlungen mit den politischen Gegnern.</p> - -<p>Äußerlich verliefen diese Abende immer gleichmäßig, unter immer -derselben Tagesordnung: Aufnahme neuer Mitglieder, Verlesung des -Protokolls über die letzte Sitzung, Vortrag, oder — in Fällen -der Behinderung des angekündigten Referenten — Vorlesung einiger -Artikel aus einer sozialdemokratischen Zeitung, meist der „Berliner -Volkstribüne,“ die sich gut dazu eignet, darauf Debatte und -Fragekasten. Gleich einförmig und stereotyp waren die Worte, mit -denen der sonst begabte Vorsitzende die Versammlung leitete, und der -Schriftführer über den Verlauf der vergangnen Sitzung berichtete: man -sah hier deutlich, wie äußerlich angelernt noch die parlamentarischen -Formen an diesen einfachen Menschen waren. Gäste waren in den Sitzungen -immer willkommen, kamen aber stets nur aus Arbeiterkreisen, doch auch -nicht allzu zahlreich. Jede der Sitzungen wurde abwechselnd durch -einen königlichen Gendarm und den Gemeindediener des Ortes von einer -bescheidnen Ecke des Zimmers<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> aus überwacht. Doch rührten diese sich -nie, und übrigens schien ihr persönliches Verhältnis zu den Arbeitern -und das dieser zu ihnen nicht allzu feindlich zu sein. Man wünschte -sich wenigstens fast immer gegenseitig einen guten Abend; auch sah ich -denselben Ortsdiener manchmal an andern Abenden der Woche in einer -gemütlichen Kneipe, die viel von uns Arbeitern besucht wurde, mit uns -gemeinsam am runden Tische in Uniform sein Glas Bier trinken.</p> - -<p>Während meine Arbeitsgenossen mich sichtlich als Mitglied für den -Wahlverein unsers Ortes zu gewinnen suchten, fand ich nie eine -Gelegenheit, dem <em class="gesperrt">Fachverein</em> unsrer Chemnitzer Metallarbeiter -näher zu kommen. In der Fabrik wurde nie von ihm gesprochen, und -ich selbst mußte mich hüten, es zu thun, um nicht aufdringlich zu -erscheinen oder als Spitzel verdächtigt und dadurch überhaupt unmöglich -zu werden. Andre Fachvereine, deren Versammlungen ich aber besuchte, -namentlich derjenige der Lithographen, erörterten damals schon das -wichtige Thema, das ja heute alle Gewerkschaften aufs lebhafteste -beschäftigt, die Frage, ob Zentral- oder Lokalorganisation die unter -den heutigen beschränkten Verhältnissen beßre Form einer erfolgreichen -Arbeit sei.</p> - -<p>Die Sitzungen unsers Wahlvereins fanden in der Restauration -unsrer Vorstadt statt, die das offizielle aber nicht alleinige -Versammlungslokal der hier wohnenden Sozialdemokraten war. Sie -war eine der besten im ganzen Orte. Wirt und Wirtin waren beide -Sozialdemokraten, wenn sie sich auch gewissenhaft hüteten, sich in -lange politische „Diskurse“ einzulassen. Die Frau zeichnete sich -durch eine besondre, bei Frauen von mir noch nie erlebte Roheit der -Gesinnung aus. Ich weiß noch genau, wie sie uns, die letzten Gäste, -eines Nachts gähnend und schlafmüde mit der Blasphemie zum Heimgehen -aufforderte: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“ Doch -war, wie gesagt, dies nicht das einzige sozialdemokratische Lokal. Man -kann wohl behaupten, daß die meisten, jedenfalls alle kleinen Kneipen -unsers Ortes sozialdemokratische Wirte hatten. In zwei der größten -Etablissements mit großen Konzertgärten, die auch von sogenannten -bessern Chemnitzer Familien viel besucht wurden, und in denen -allsonntäglich die verhältnismäßig nobelsten öffentlichen Tanzmusiken -stattfanden, waren nur die dazu gehörigen „Kutscherstuben“ und deren -Unterwirte sozial<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>demokratisch. In fast allen dieser Fälle war es -offenbar das reine Geschäftsinteresse, das die Wirte dazu gemacht hatte.</p> - -<p>Dieselbe Thatsache trat auch in kleinern Materialwarengeschäften, -sogenannten „Büdchen,“ zu Tage. Ich habe da mehrmals erlebt, wie eifrig -und beflissen die Besitzer, aber vor allem auch die Besitzerinnen -auf die sozialistische Gesinnung ihrer Käufer eingingen. Dieser -Geschäftssozialismus ist wohl in allen solchen Industriezentren -weiter verbreitet, als man glaubt; er ist das Eigentum der -allerverschiedensten zahlreichen Geschäftsleute und der Jammer aller -ideal gerichteten Sozialdemokraten; denn er ist in den meisten -Fällen gleichbedeutend mit Gesinnungslosigkeit. Aber er ist zugleich -ein neues Zeichen dafür, welch eine <em class="gesperrt">reale</em> Macht auch die -sozialdemokratische Bewegung in solchen Orten bereits geworden ist.</p> - -<p>In jeder der oben genannten Restaurationen und Kneipen lagen nun -neben den <em class="gesperrt">Lokalzeitungen</em> anderer oder überhaupt keiner -Parteifarbe, neben „Kladderadatsch“ und „Fliegenden Blättern“ immer -auch ein oder mehrere Exemplare sozialdemokratischer Zeitungen, vor -allem der Chemnitzer „Presse,“ und einzelner Gewerkschaftsblätter -aus. Es ist ja längst anerkannte Thatsache, welch ein Machtmittel -die sozialdemokratische Agitation in ihrem Heer von über ganz -Deutschland verbreiteten Zeitungen besitzt. Sie werden augenblicklich -die Zahl von 130 übersteigen. In unserm Vororte zeigte sich im -kleinen Kreise, im engen Rahmen ihr Einfluß und ihre Bedeutung. Es -galt wohl für selbstverständlich, daß jeder von uns Arbeitern seine -Zeitung las. Ausnahmen bestätigten auch hier nur die Regel. Man -hielt in der Hauptsache — entweder allein oder, was noch häufiger -war, zu zweien und dreien — eben die sozialdemokratische „Presse,“ -ein durchaus besonnen und meist tüchtiger als unsre kleinstädtische -Lokalpresse redigiertes Blatt, das so frei war, auch einmal Gedichte -von Gerok und Uhland zu bringen, wie von irgend einem Windbeutel der -jüngstdeutschesten, ins sozialdemokratische Lager übergegangenen -Dichterschule. Daneben wurden auch der gut und besonnen geschriebene -„Landesanzeiger,“ sowie die noch billigern „Neuesten Nachrichten,“ -ein kleines, ganz unparteiisches Blättchen, wohl ein Absenker davon, -häufig gehalten. Das ziemlich farblose reichstreue „Chemnitzer -Tageblatt“ wurde nur wegen seines inhaltreichen Wohnungs- und -Arbeitsstellenanzeigers<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> ab und zu eingesehen, regelmäßig gelesen wohl -nur von einer ganz kleinen Schar Arbeiter, den Elitesozialdemokraten, -die es sich zu dem höchst anerkennenswerten und manchem „reichstreuen“ -Philister zur Nachahmung zu empfehlenden Grundsatze gemacht hatten, -von den hauptsächlichen politischen Parteirichtungen je ein Blatt zu -halten, und das heißt für solche Leute immer auch: regelmäßig und -genau durchzustudieren. Die Berliner „Volkstribüne,“ damals noch von -Max Schippel redigiert und mehr wissenschaftlich, fachlich, vornehm -gehalten, ohne Tagesklatsch und Parteigezänk (Tugenden, die es übrigens -unter dem neuen radikalern und stark demagogisch angelegten Redakteur -Paul Ernst neuerdings leider sämtlich verloren zu haben scheint), habe -ich auch nur in diesem kleinen Kreise gefunden, häufiger das Fachorgan -des großen Metallarbeiterverbandes, das aber bei weitem nicht nur -Fachvereinsangelegenheiten zur Sprache bringt.</p> - -<p>Für die Verbreitung sonstiger sozialdemokratischer Litteratur sorgte -in unserm Bezirke ein wegen des ersten Mai arbeitslos gewordener, -der als Kolporteur das sehr interessante sozialdemokratische -Witzblatt: „Der wahre Jakob,“ mitunter auch dessen Bruderblatt, die -in Wien erscheinenden „Glühlichter,“ vertrieb, Zeichnungen auf die -sozialdemokratischen Lieferungswerke annahm und expedierte, Berloques, -Streichholzbüchsen, Busennadeln mit den Bildern von Schippel, -Bebel, Liebknecht und Photographien von diesen Herren an den Mann -zu bringen suchte, und der immer in Versammlungen ebenso wie bei -Vergnügungsfesten anwesend, oft auch einer der Mitarrangeure davon -war. Was er sonst trieb, weiß ich nicht, jedenfalls aber habe ich ein -aufdringliches Bestreben, die Leute, namentlich Neulinge zu bearbeiten, -auch an diesem Manne nicht wahrgenommen. Er war der Agent der drei -sozialdemokratischen Buchhandlungen, die es auch in Chemnitz gab. Es -ist bekannt, daß diese Buchhandlungen, denen manchmal eine Anzahl -zweifelhafter Antiquariate sich angliedern, in unerhörter Einseitigkeit -nichts als sozialdemokratische Parteilitteratur und außerdem nur -solche führen, deren Lektüre doch meistens indirekt eine Förderung der -Parteisache bedeutet. Erst neuerdings scheinen sie soviel geistige -Freiheit und Unparteilichkeit gewonnen zu haben, daß sie auch Sachen -wie Schillers und Goethes Werke, die freilich in ihren Augen Produkte -eingefleischter Bourgeois<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> sind, zum Verkauf stellen. Auch diese -sozialdemokratischen Buchhandlungen sind Quellpunkte der kraftvollen -Agitation, und zeigten sich auch in Chemnitz als bedeutsame Institute -der heutigen Volksbildung.</p> - -<p>Eine eigentümliche und nicht zu unterschätzende Bedeutung für die -Agitation der Partei besaßen auch die beiden bereits genannten -sozialdemokratischen <em class="gesperrt">Witzblätter</em>, die jener Kolporteur vertrieb. -Wer sie kennt, wird zugestehen, daß sie ganz respektable Leistungen auf -ihrem Gebiete sind. Die Bilder sind fast immer künstlerisch gewandt, -die Witze, natürlich stets politisch gefärbt und zugespitzt, aber -prägnant und schlagend, der Humor gesund und gut. Ihre Existenz ist -für mich immer eine Ursache innerer Befriedigung gewesen, denn sie -ist mir ein Beweis für den unblutigen Charakter der ganzen großen -sozialdemokratischen Geistesbewegung. Eine Bande rabiater Gesellen, -eine Partei, deren ausschließliches bewußtes Ziel der Ausbruch einer -blutigen Revolution, deren einzige und größte Freude die Vernichtung -alles dessen, was ist, sein würde, dächte nicht daran und wäre auch -nicht fähig, etwas wie diese Witzblätter zu produzieren. Wo der mit -echtem, heiterm Humor durchsetzte Witz im Gegensatz zu der bloßen von -Verbitterung und Verbissenheit erfüllten und diktierten Satire zu so -harmlosem Ausdruck gelangen kann, wie in diesen beiden Blättern, da -ist ein solcher „blutiger“ Verdacht mehr und mehr auszuschließen; da -kann man vielmehr auch aus solchen kleinen, an sich geringfügigen -Zeichen die Gewißheit nehmen, daß bei allem sittlich Bedenklichen und -geistig Unreifen, das dieser Bewegung anhaftet, bei allem ernsten -und gefährlichen Explosionsstoff, der in ihr noch unleugbar ruht, -doch auch so viel gesunde Kraft und frisches Blut in ihr pulsiert, -daß bei richtiger Behandlung und Beeinflussung auch sie noch zu -einem bedeutenden gottgewollten und gottgesegneten Faktor in der -fortschreitenden Kulturentwicklung der Menschheit erzogen werden kann.</p> - -<p>Eine bedeutsame Agitation wurde weiter bei den im Sommer fast -allsonntäglich stattfindenden <em class="gesperrt">Arbeiter- und Kinderfesten</em> -entfaltet. Ich weiß nicht, ob das eine besondre Spezialität der -Chemnitzer Sozialdemokraten ist; in Berlin treten ihnen zur Winterszeit -wenigstens allerhand Bälle, Theateraufführungen, Konzerte<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> und -Maskenscherze mindestens gleichwertig an die Seite. Ich habe drei -jener Sommerfeste mit erlebt, eines in unserm Dorfe, zwei in mehrere -Stunden von Chemnitz entfernten reizend gelegenen Orten. Man hat -deutlich den Eindruck, wie sehr es bei diesen Festen gerade auf -die dem rein Politischen und Volkswirtschaftlichen fernstehenden, -namentlich auf Arbeiterfrauen, Mädchen und Kinder abgesehen ist. Wer -durch den Ernst des politischen Parteigedankens nicht gefesselt werden -kann, soll durch die Freude an heiterer Geselligkeit und allerhand -amüsanter Unterhaltung für die Partei gewonnen werden und so allmählich -auf diesem leichten und lustigen Wege sozialdemokratischen Geist -einsaugen. Indem man den Kindern Freude macht, gewinnt man die Herzen -der Mütter; indem man daneben ein Tänzchen arrangiert, bringt man die -nur auf Vergnügen gerichtete männliche und weibliche Jugend, dieser -selbst unbewußt, mit der sozialdemokratischen Bewegung in Berührung -und verknüpft ihre doch so ganz anders gearteten oberflächlichen -Interessen mit denen der Partei. In Orten, wo die Sozialdemokratie -noch nicht allzu festen Fuß gefaßt hat, wird mit besondrer Vorliebe -ein solches Fest abgehalten; denn man präsentiert sich auf ihnen -von der liebenswürdigsten, harmlosesten Seite und erscheint auch -besonnenern und zaghaftern Arbeitern acceptabel und gar nicht -fürchterlich. In solchen Fällen erfüllt solch Sommerfest im besondern -Sinne Pionier- und Agitationsarbeit, und meist mit größerm Erfolge, -als durch Abhaltung einer Anzahl öffentlicher Versammlungen erreicht -zu werden pflegt. Noch eine besondre Aufgabe haben diese Feste. Sie -sind alle zugleich ein finanzielles Geschäftsunternehmen der lokalen -Parteileitung; denn ihr stets angestrebter und meist auch erzielter -Überschuß muß die Parteikasse füllen helfen. Auch wurden durch -allerhand Dinge, die ich gleich schildern will, noch gern gezahlte -Extrasteuern erhoben. Das alles aber verhinderte nicht, daß sehr -viele der Teilnehmer gleichwohl einer durchaus harmlosen Freude sich -hingaben, und daß diese Harmlosigkeit, diese kindliche, tief im Volke -steckende Lust, ungebunden, ganz hingegeben mit einander fröhlich zu -sein, für viele Anwesende den eigentlichen Parteizweck in die zweite -Linie zurückdrängte. Unter solchen Umständen macht dann ein solches -sozialdemokratisches Kinderfest äußerlich denselben Eindruck, wie die -meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> andern sonst üblichen „unparteiischen“ Volksbelustigungen und -Volksvergnügungen auch.</p> - -<p>Es kommt gerade bei ihnen viel auf den Ort, das Wetter und das -glückliche Arrangement an, um sie gelingen zu lassen. Zwei jener -drei Feste sind mir in durchaus freundlicher Erinnerung. Das auf -der sogenannten Jagdschenke, in der Nähe von Siegmar bei Chemnitz, -und dasjenige in Einsiedel, einem von Chemnitz in etwa zwei Stunden -erreichbaren idyllisch gelegenen Dorfe. Der Tag war schön, der -Himmel blau, die Luft klar. Bei dem ersten Feste spielten die Kinder -sichtlich die Hauptrolle; es war ein echtes, volkstümliches Jugendfest -mit Kinderwagen und Kindergeschrei, mit Blechtrompetentönen und -Ziehharmonikamusik, mit Sternschießen und Luftballon. Wie harmlos -man sich da freute, zeigt ein originelles Spiel, das mir neu war. -Ein junger Arbeiter in buntem Kostüm hatte sich ganz mit einfachen -Pfefferkuchenstückchen behängt; so trat er unter die Kinder und ließ -sich nun von ihnen jagen; wer ihn einholte, durfte sich solch ein -süßes Stückchen von seinem Leibe reißen. Das gab eine lustige, tolle -Jagd, das Bild eines modernen Rattenfängers von Hameln. Auch über -die Spiele, die mehrere Arbeiter geschickt und unermüdlich mit den -Kindern arrangierten, und denen eine große Menge Erwachsener lustig -lachend zusah, freute ich mich. Da spielte man einmal sichtlich ohne -Parteitendenz, wie das bekannte, abwechslungsreiche: Adam hatte -sieben Söhne und ähnliches. Die Tanzlustigen vergnügten sich dabei -in einem sehr primitiven Saale bei Zithermusik an Walzer und Polka, -die Mehrzahl der Verheirateten draußen im Freien unter den Bäumen des -Gartens. Das besondre Charakteristikum dieser sozialdemokratischen -Feste war auch hier vertreten: das Raritätenkabinett und die Sitte der -Arretierungen. Aber dies schildere ich besser bei der Erzählung von dem -Feste in Einsiedel, das schon wieder einen andern, nicht mehr so ganz -tendenzlosen naiv-heitern Charakter trug. Vielleicht mochte das auch -an den allzuvielen Chemnitzer Genossen liegen, die hier im Gegensatz -zu dem Feste in Siegmar das Übergewicht gegen die ortseingesessenen -Teilnehmer bildeten und den Ton angaben, der, wenn er von diesen -großstädtischen, in sozialdemokratischer Gesinnung und Gebaren -gedrillten Arbeitern ausgeht, der Liebenswürdigkeit und ungekünstelten -Natürlichkeit zu entbehren pflegte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - -<p>Einigermaßen interessant ist das Programm, das mit roten Lettern -auf gelbem Kartonpapier gedruckt, einem auf diesem zweiten Feste in -Einsiedel gegen die Zahlung von 15 Pfennigen Eintrittsgeld übergeben -wurde und folgendermaßen lautete:</p> - -<div class="einladung"> - -<div class="erster_teil"> - -<p class="center">Ergebenste Einladung</p> - -<p class="center">zum</p> - -<p class="center">grossen Sommer-Fest</p> - -<p class="center">des</p> - -<p class="center">Wirker-Fachvereins für Einsiedel und Umgegend unter -Belustigungen grosser und kleiner Kinder beiderlei Geschlechts</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Sonntag, den 3. August 1890</em></p> - -<p class="center">im Kaiserhof zu Einsiedel.</p> - -<p class="center">Bei wolkenbruchartigem Regen 14 Tage später.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Programm.</em></p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center">I. Theil.</p> - -<p>2 Uhr: Sammeln aller grossen und kleinen Kinder im Kaiserhof.</p> - -<p>3 Uhr: Zusammentreffen mit den Besuchern, welche per Bahn von -Chemnitz kommen, dann gemeinsamer Abmarsch nach dem Festplatz.</p> - -<p>3 Uhr 4½ Minuten: Ankunft auf demselben.</p> - -</div> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center">II. Theil.</p> - -<p>1. Grosses Freiconcert von der weltberühmten Haus-Capelle, -genannt Achtstunden-Capelle.</p> - -<p>2. Grosses Prämienschiessen aller kleinen Kinder beiderlei -Geschlechts.</p> - -<p>3. Für kleine Wirker oder sonstige Lohnnehmer wird eine mit -Wurst und anderen Sachen behängte Kletterstange errichtet, darf -aber Niemand höher klettern, als die Stange ist.</p> - -<p>4. Aufstellen des weltberühmten Schnellphotographen.</p> - -<p>5. Grosses Prämien-Knaulwickeln für grosse Kinder weiblichen Geschlechts.</p> - -<p>6. Besichtigung des grossartigsten Raritätencabinetts der Welt.</p> - -<p>7. Rückfahrt nach der Stadt, 7 Uhr oder ½11 Uhr Abends.</p> - -<p>8. Alle 36 Stunden muss jeder Theilnehmer einmal nach Hause gehen.</p> - -<p>9. Jeder kann theilnehmen, wenn er eingeladen ist, darf aber -nicht unter 3 Tage und nicht über 90 Jahre alt sein.</p> - -<p>10. Das Festcomité ist an den leeren Magen und schwieligen -Händen zu erkennen.</p> - -<p>11. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden, da schon genug Spitze -vorhanden sind.</p> - -<p class="center">Zum Schluss grossartiger Fackelzug und Abschied der Gäste, -welche mit dem ½11-Uhr-Zug fahren.</p> - -</div> - -<p>Das Konzert dauerte freilich nur von 4–5 Uhr. Währenddessen fand in -dem kleinen, engen Rasengarten der Restauration<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> das Klettern der -großen Knaben, das Sternstechen der Mädchen, das Blindekuhspielen der -Kleinsten statt. Jeder erhielt eine Kleinigkeit, die Jungen Messer, -Mundharmonikas, Federhalter, Taschentücher, Wurst, die Mädchen -Ohrringe, Broschen, Geldtäschchen, Strumpfbänder, Taschentücher, -Würstchen, alles ganz billige Ware, wohl ein Gelegenheitskauf, da die -bedruckten Taschentücher das farbige Bild — Kaiser Wilhelm <span class="antiqua">I.</span> -zeigten. Während dann für die erwachsene Jugend gegen 5 Uhr der Tanz -begann und die Musikstücke aus den offnen Fenstern über den Festplatz -schallten, bildete sich hier unter den zahlreichen Besuchern eine -Männergruppe und sang, nachdem die Polizei inspiziert und sich wieder -etwas entfernt hatte, aus dem sozialdemokratischen Liederbuche nach -bekannten Melodien sozialdemokratische Weisen. Dicht umstanden Männer, -Frauen und Kinder die Sänger und lauschten aufmerksam den Liedern, -die vielen eine noch neue Welt kühner Gedanken in schwungvoller -begeisternder Form enthüllten. In einer Ecke des Platzes stand auch -hier das bereits genannte Raritätenkabinett und eine Nachahmung der -bekannten auf Jahrmärkten und auch sonst nie fehlenden Buden für -Schnellphotographie. Jeder mußte in eine der Buden hinein. Wer es -nicht freiwillig that, wurde von einem mit Militärmütze und altem -Uniformrock bekleideten, und mit einem Holzschwert bewaffneten -Arbeiter, dem „Polizisten“, unter Assistenz mehrerer Genossen mit -Gewalt hineintransportiert, „arretiert.“ Den Inhalt des Kabinetts -bildeten wunderliche Raritäten. Da lag ein riesiger, üblicher Knüppel: -die Keule des Kain; ein Stück rundes Glas: der Erdspiegel; ein -eingetrockneter Hering: ein Riesenwallfisch; ein alter verrosteter -Säbel und ebensolches Messer: Waffen von 1848 u. s. f. Jeder, der drin -war zahlte 10 Pfennige, die der sogenannte Erklärer der wunderlichen -Sachen kassierte und in ein Notizbuch notierte. Ich war gerade drin, -als der königliche Gendarm und der Gemeindediener das verfängliche -Lokal inspizierten. Ich muß sagen, es war eine lächerliche Szene. -Die beiden Beamten, die mit strenger finstrer Miene diese Lappalien -untersuchten, die naivdreisten Antworten der beiden auf solche Fälle -wohlstudierten durchtriebenen Kassierer und Erklärer, das schadenfrohe -Lächeln der andern, der Besucher. Als die Beamten hinausgingen, drehte -man ihnen hohnlachend eine Nase.</p> - -<p>Unerfreulicher war das Fest in unserm Orte selbst, bei regne<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>rischem -Wetter, im engen, kahlen Hofe der Restauration. Auch hier ein solches -Kabinett, darin ein Faß mit — Arbeiterschweiß. Die Kinder mit Schürzen -in roten oder deutschen Farben, die Erwachsenen mit roten Schleifen -an der Brust. Die beiden Gasthofszimmer waren dicht mit Qualm und -Menschen gefüllt und blieben es bis nachts 11 Uhr. An einem großen -runden Tische war dichtes Gedränge und ein heftiger Streit zwischen der -sozialdemokratischen Mehrzahl und einem Baiern, einem Kaufmann, der -eben erst aus Amerika zurückgekommen und zufällig in dies Lokal geraten -war. Neben ihm saß schweigend der Direktor der Brauerei, die dem Wirte -das Bier lieferte und deswegen ihren Direktor aus Geschäftsrücksichten -zu diesem Besuch und Verkehr verpflichtet hatte. Der Streit war -heiß und kühlte sich nur immer wieder an der jovialen Gelassenheit -des kaltblütig aber nicht geschickt opponierenden amerikanisierten -Baiern. Daneben sang man demonstrativ sozialdemokratische Lieder, -bis sich endlich die Woge der Diskussion legte und in einer solennen -Kneiperei auf Kosten des Baiern verlief. Hierbei habe ich manches -gesehen und gehört, wovon ich an einer andern Stelle erzählen werde. -Dies „Kinderfest“ war kein Kinderfest, sondern ein durch und durch -sozialdemokratisches, ziemlich wüstes Parteifest, das in schroffem -Gegensatz stand zu dem hübschen Vergnügen des Hirsch-Dunckerschen -Gewerkvereins der Chemnitzer Metallarbeiter und Weber, dem ich am -Sonntag darauf beiwohnte. Ich traf da zwei Schlosser unsrer Fabrik -als Mitglieder, zwei unsrer ruhigsten, anständigsten Leute. Und wie -sie, so wohlanständig, gewandt und höflich benahmen sich auch die -übrigen Mitglieder und Gäste bei diesem Konzert und Tanzvergnügen. Es -herrschte ein merklich andrer Ton als auf jenem eben geschilderten -sozialdemokratischen Kinderfeste.</p> - -<p>In der <em class="gesperrt">Fabrik</em> selbst, während der Arbeit war von einer -offnen und ostentativ-politischen Agitation der ausgesprochenen -Sozialdemokraten so gut wie nichts zu beobachten. Das verhinderte vor -allem wohl schon die energische Haltung unsers technischen Direktors. -Er machte es jedenfalls schlauer als der „König“ Stumm. Er war streng, -aber er überspannte den Bogen nicht, wie dieser es zu thun scheint. Er -hatte ruhig, noch nach sieben Monaten, die große Kreideinschrift über -der Eingangsthür zu unserm Bau stehn lassen: „Arbeiter, wählt alle -Schippel!“ Er ignorierte das einfach,<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> wie das „Hoch die internationale -Sozialdemokratie!“, das in vielen Ecken zu lesen stand. Aber sonst -hatte er ihnen angekündigt: „Die Sozialdemokratie ist mir ganz egal; -draußen könnt ihr euch so rot anstreichen, wie ihr wollt, hier drin -nicht; hier kommandiere ich; wer es dennoch thut, fliegt hinaus.“ Man -wußte, daß er damit ernst machte, und hütete sich demgemäß, das Verbot -zu überschreiten. Nur zu intimen Bekannten, deren man ganz sicher war, -gab der oder jener agitatorisch angelegte zielbewußte Sozialdemokrat -gelegentlich auch seinen politischen Anschauungen offnen Ausdruck; -im übrigen beschränkte sich die kleine Schar der Getreuen darauf, -einen um so intensivern indirekten Einfluß auf Angelegenheiten des -Betriebes auszuüben. Ich merkte schon wenige Tage nach meinem Eintritt -in die Fabrik, daß in solchen Fragen die gesamte Arbeiterschaft unsrer -Abteilung unter einem gewissen undefinierbaren Drucke stand, und daß -die Fäden dieser stummen Beeinflussung in den Händen ganz bestimmter -charakteristischer Persönlichkeiten zusammenliefen. Wenn z. B. durch -die Leiter der Fabrik irgend eine Neuerung in der Produktion, im -Betriebe, in der Arbeitszeit, in der Löhnungsform eingeführt wurde, -so konnte man genau beobachten, wie die Mehrzahl der Arbeiterschaft -unschlüssig, zagend mit ihren eignen Ansichten und Urteilen -zurückhielt, bis auf einmal die Parole ausgegeben, die „öffentliche -Meinung“ gebildet erschien. Und wenn sie auch vielen der Leute nicht -paßte, ja deren augenblicklichem Interesse direkt entgegenstand und -darum deutlich von ihnen gemißbilligt wurde, so war sie doch eine -Macht, die man respektierte, und gegen die man offen nur selten -Einspruch zu erheben wagte.</p> - -<p>Das ist, was ich an <em class="gesperrt">planmäßiger organisierter</em> Agitation -der sozialdemokratischen Partei an unserm Orte bemerkt habe. Ich -behaupte und glaube nicht, daß sie sich auf diese Arbeit beschränkte; -aber ich habe nur das, was ich schilderte, beobachten können. Ihre -<em class="gesperrt">Leiter und Hauptträger</em> war die nicht allzu zahlreiche Schar der -Elitesozialdemokraten, der überzeugten Genossen, die die Phalanx der -Partei an jedem Orte, den Halte- und Krystallisationspunkt für die -Tausende bilden, die sich um sie gruppieren. Aus dieser Schar gingen -die Kandidaten für die sozialdemokratischen Wahlen, die Unterführer -in den einzelnen Bezirken, die Vorstände der Wahl- und Fachvereine, -die Komiteemitglieder für die Agitation bei Wahlen<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> hervor. Sie -allein waren in abstufender Reihenfolge mehr oder weniger eingeweiht -in die Pläne der gesamten allgemeinen Zentralleitung, waren deren -ausführende Organe, erhielten allein Mitteilungen und Anweisungen -von ihr. Sie leiteten die Feste, waren die Wortführer in den -öffentlichen Versammlungen und Auseinandersetzungen mit den Gegnern, -die Wanderredner in der Umgegend, die unermüdlichen Vortragenden in -den regelmäßigen Sitzungen der Wahl- und Fachvereine; sie instruierten -auch die tonangebenden Personen in den Betrieben, in denen nicht selbst -einer von ihnen beschäftigt war. Von den übrigen Arbeitern wurden sie -— äußerlich wenigstens — widerspruchslos als die Führer anerkannt, -und mit einem absonderlichen interessanten Gemisch kameradschaftlicher -Vertraulichkeit und achtungsvollen Respekts behandelt; sie ihrerseits -erwiderten diesen Ton wenigstens vielfach mit einer Art berechneten -Wohlwollens und selbstgewisser Zurückhaltung. Doch war nicht jeder -von ihnen bei jedem gleich gefeiert und geachtet. Einer gefiel besser -als der andre; den hatte man lieber als jenen. Darüber entschied die -Art seines Auftretens, seiner Reden, seiner ganzen Gesinnung. So gab -es z. B. zwei Brüder R., die damals mit an der Spitze der Chemnitzer -Agitation standen, und die — namentlich einer von ihnen — in den -Sitzungen unsers Vereins sowie bei den Sonntagsfesten besonders -das große Wort führten, heute aber, wie ich höre, der eine aus der -Partei ausgeschlossen, der andre ausgetreten sind. Diese hatte man -wegen ihres polternden, aufbrausenden, anmaßenden Wesens nicht allzu -gern, und man zog andre wegen ihrer mildern, geschloßnern, ernstern -Art vor. Es sind mir mehrmals in der Fabrik solche ganz selbständige -Urteile von ältern Arbeitsgenossen über Führer ausgesprochen worden. -Gleichwohl erkannte man sie als die leitenden Persönlichkeiten an, -lauschte ihren autoritativen Worten, respektierte die Anordnungen, die -sie von Parteiwegen zur Ausbreitung eben der von ihnen gleichmäßig -organisierten und geleiteten und in der That meist wohlüberlegten -Agitation geben zu müssen glaubten. Als ausführende Organe solcher -einzelner Befehle ließ sich aber nur eine kleine Schar der Anhänger -gebrauchen, fast ausschließlich ganz jugendliche Persönchen zwischen -18 und 22, 23 Jahren, die von blindem Parteieifer und unreifem -Thatendrange überquollen.<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Sie waren die allerbrauchbarsten und -gefährlichsten Werkzeuge in den Händen jener Agitatoren, das junge -grüne Holz, aus dem diese ihre ergebenen Adjutanten und ihren Nachwuchs -schnitzten. Die Menge der Anhänger aber, namentlich derjenigen, die -etwas selbständige Neigungen und gemütliche Bedürfnisse hatten, gab -sich mit dieser Art der organisierten Parteiagitation nicht ab, hatte -wohl auch nicht die Zeit, die Kraft und die Mittel dazu.</p> - -<p>Sie huldigten vielmehr einer andern für sie bequemern Art der -Agitation, die jener planmäßigen, von einer Zentralstelle -geleiteten und gut funktionierenden nebenherging. Man kann sie im -Gegensatz zu dieser die mehr <em class="gesperrt">freiwillige</em>, <em class="gesperrt">irreguläre</em>, -<em class="gesperrt">zufällige</em>, dem Ermessen, dem augenblicklichen Empfinden, -den Fähigkeiten, der Gesinnungstreue der einzelnen Anhänger -überlaßne nennen. Sie war mit einem Worte der persönliche Einfluß, -den der sozialdemokratische Arbeiter auf den noch nicht oder erst -wenig sozialdemokratischen Genossen ausübt; sie war gleichsam das -Fleisch, jene andre das Gerippe des ganzen Ungeheuers, so da heißt -sozialdemokratische Propaganda. Sie war wichtiger, bedeutsamer, -verhängnisvoller als jene, aus der sie zwar ihre Kraft, ihre Gedanken, -ihre ganze geistige Nahrung und immer neuen Antrieb empfing, der sie -aber ihrerseits auch erst Leben und Nachdruck verlieh. Sie wurde -nicht sonderlich kontrolliert, sie war an keine Zeit, keinen Ort, -keine Weisungen von oben, keine kostspieligen Unternehmungen, keine -äußern festlichen Veranstaltungen geknüpft, wenn sie auch, wie z. B. -auf jenen Sonntagsfesten, auf diesen ihre ebenfalls und da besonders -wirksame Thätigkeit entfaltete. Sie war allein an die Persönlichkeit -der Tausende von Anhängern gebunden, die die Partei am Orte zählte, an -deren Begeisterung, deren Gesinnungstreue, deren Überzeugungskraft. Sie -ließ dem so Agitierenden alle Mittel und Wege zur freien Verfügung: -nicht nur die langen theoretischen Auseinandersetzungen, die Reden -am Biertisch und im Vergnügungsverein wie im Pfeifen-, im Zither- -oder Harmonikaklub, sie war auch möglich in den Gesprächen während -der Arbeit zwischen Mann und Mann, auf gemeinsamen Spaziergängen nach -Feierabend, an schönen Sommerabenden, bei den gegenseitigen langen -Besuchen in den nachbarlichen Familien, beim Kartenspiel, kurz wo -immer zwei oder drei Menschen bei<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> einander waren. Sie machte sich, -und hier oft gerade mit doppeltem Erfolge, schon in den unmittelbaren -Äußerungen des unbewachten Augenblicks geltend, in den Scherzen, -die von Lippe zu Lippe fliegen, in den Urteilen, die über andre, -Abwesende fallen, in einer einzigen kurzen malitiösen Bemerkung, ja -in einem überlegnen Lächeln, einem scharfen Blick, einem beredten -Schweigen, einer flüchtigen, aber bezeichnenden Handbewegung. Und das -ist vielfach ein weiteres Charakteristikum an ihr: sie, <em class="gesperrt">diese</em> -Agitation, ist in vielen Fällen den Agitierenden selbst gar nicht -bewußt, und gerade dann, wo dies eintritt, erst recht eindringlich und -eindrucksam. Denn sie ist dann erst recht der unmittelbare Ausfluß des -innern Empfindens, der innern Gedanken, die die Seele beherrschen, als -eine Glaubensmacht und treibende Lebenskraft, der Ausdruck und die -Ausprägung der eigensten Persönlichkeit, die dabei ihr bestes einsetzt, -weil sie von ihrem besten redet. Darum wird gerade diese überall, -wo Sozialdemokraten anwesend sind, geübte Agitation so besonders -bedeutungsvoll, daß hinter ihr die ganze Person der Agitierenden steht -und den Argumenten des Wortes den wuchtenden Nachdruck verleiht.</p> - -<p>Das ist aber auch zugleich die Ursache, warum mit dieser Form der -irregulären, persönlichen Agitation mehr als mit jener andern -organisierten, d. h. durch Überlegung kontrollierten ein Fanatismus -verbunden sein kann, der dann bei bestimmten Gelegenheiten zum -schroffen Terrorismus führt. Eben dieser Terrorismus war in der That -sehr oft im Verkehr mit den sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern zu -bemerken, besonders häufig und drückend natürlich in der Fabrik, weil -da der persönliche Verkehr am längsten und intensivsten möglich zu sein -pflegt. Er war die Ursache, daß man sich in der oben geschilderten -Weise den von den Führern gegebenen Parolen in Betriebsfragen -wenigstens äußerlich fügte, daß man allerhand Geschichten mitmachte, -die man vielleicht sonst unterlassen hätte, daß man Äußerungen in den -Mund nahm, die nicht, wenigstens nicht ganz der Ausdruck der innersten -Wünsche und Neigungen war, daß die meisten sich in ihren Urteilen -einschüchtern und beeinflussen ließen, was sich namentlich, wie wir -sehen werden auf geistigem, sittlich-religiösem Gebiete zeigte. Aber -er führte auch geradezu zu thätlichen Vergewaltigungen. So erzählte -mir einer, der selbst dem sozialdemokratischen Konsumverein des Ortes<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> -angehörte, natürlich auch, freilich in der üblichen Durchschnittsform, -Sozialdemokrat war, aber gern seine eignen Wege ging und seine -besondern Neigungen hatte, daß einmal die Fabrikdirektion infolge zu -zahlreicher Bestellungen Überstundenarbeit angesetzt hätte. Dagegen -Agitation der tonangebenden Sozialdemokraten in der Fabrik; die Parole, -daß keiner, trotz der Verpflichtung in der Arbeitsordnung, kommen -dürfe; einige opponieren, schon um mehr zu verdienen; da nimmt man -ihnen heimlich das Werkzeug weg um sie zur Unthätigkeit zu zwingen. -Das ist nackter Terrorismus, der noch dadurch eine eigentümliche -Beleuchtung erhält, daß eben diese terrorisierenden Agitatoren nach der -Erzählung meines Gewährsmannes dann, als die von ihnen beeinflußten -wirklich nicht an der Überstundenarbeit teilgenommen hatten und nach -Hause gegangen waren, daß sie selbst zurückgeblieben waren, um zu -arbeiten. Ich kann diese Geschichte freilich nicht im einzelnen auf -ihre Wahrheit prüfen, es ist auch nicht nötig; schon die Thatsache, -daß jener mir so etwas erzählen konnte, beweist das Vorhandensein des -Terrorismus, dessen Wirkungen auch ich persönlich oft mehr instinktiv -als in deutlichen Vorgängen wahrnehmen konnte. Aber ein solcher aus -einer Sitzung des schon genannten Konsumvereins sei noch gestreift: in -diesem Falle wurde in der Sitzung bei einer für den Verein wichtigen -Frage der innern Verwaltung ein Antrag nicht nur, sondern auch die -Meinungsäußerung der weniger energisch sozialdemokratisch gerichteten -Mitglieder darüber einfach nicht geduldet, unterdrückt — also eine -gerade entgegengesetzte Erscheinung der gegenüber, die ich oft in den -Sitzungen unsers Wahlvereins beobachten konnte.</p> - -<p>Ihrem <em class="gesperrt">materiellen Inhalte</em> nach hatte es diese ganze Agitation -nicht nur auf die Verbreitung neuer politischer Anschauungen und -ökonomischer Grundsätze abgesehen, sondern sie bezweckte und bewirkte -zugleich auch eine Umwandlung der bisherigen Bildung, der religiösen -Überzeugung und des sittlichen Charakters der deutschen Arbeiterschaft. -Das macht, weil die Sozialdemokratie von heute nicht nur eine neue -politische Partei oder ein neues wirtschaftliches System, auch nicht -nur dies beides, sondern zugleich eine neue Welt- und Lebensanschauung, -die Weltanschauung des konsequenten Materialismus, die praktische -Anwendung der Lehre von der <em class="gesperrt">natürlichen</em> Weltordnung im Gegensatz -zur <em class="gesperrt">sittlichen, göttlichen</em> ist. Ich habe<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> dies an dieser Stelle -nicht theoretisch, aus der Geschichte, den Schriften, den Zeitungen -der Sozialdemokratie und dem Entwicklungsgange und Charakter ihrer -bisherigen Führer nachzuweisen. Das überschreitet bei weitem Rahmen und -Zweck dieser Schrift. Aber jeder, der nur einigermaßen diese Geschichte -kennt, diese Schriften studiert, diese Zeitungen aufmerksam verfolgt -und die führenden Elemente und deren Interessen einigermaßen überwacht, -wird mir ohne weiteres die heute immer mehr anerkannte Wahrheit -dieses Satzes zugestehen. Um wenigstens eins zu sagen, erinnere ich -hier allein an den frappanten Gegensatz der sozialdemokratischen -Bestrebungen zu denen der Bodenbesitzreformer unter Michael Flürscheims -Führung, der in der Grund- und Bodenfrage ebenso radikal ist wie jene, -d. h. den gesamten Grund- und Bodenbesitz verstaatlichen will, der -dies Ziel nicht nur durch litterarische Arbeiten, sondern auch — wie -jene — durch Bildung politisch-ökonomischer Vereine agitatorisch -zu erreichen sucht, und der meines Erachtens doch durchaus nicht -Sozialdemokrat ist, weil er dieses sein politisch-ökonomisches Ideal -nicht verquickt mit einer radikalen Opposition gegen die überkommenen -Bildungselemente, gegen Christentum und Kirche und mit dem bewußten -Versuche der Umgestaltung auch der sittlichen Grundsätze, die bisher -in unserm Volke Geltung und Nachachtung fanden. Doch das nebenbei. -Hier wird es meine Aufgabe sein, die Wahrheit jenes oben behaupteten -Satzes einmal aus den praktischen Erfahrungen zu erhärten, die ich -während meiner dreimonatlichen Arbeiterzeit gemacht habe. Ich werde -da nun zu zeigen haben, <em class="gesperrt">daß die Wirkung dieser so vielseitigen -und energischen sozialdemokratischen Agitation bisher viel weniger -tiefgreifend, nachhaltig und vor allem viel weniger verhängnisvoll -für die politische Gesinnung und die wirtschaftlichen Gedanken -der Arbeiter, die mir begegneten, gewesen ist, als eben für ihre -geistige Bildung, ihre religiöse Überzeugung und ihren sittlichen -Charakter</em>. Man könnte vielleicht sagen, daß die offizielle, -organisierte Agitation mehr die politischen und die sozialen Grundsätze -der Partei, wie sie bisher im Eisenacher Programm formuliert -vorlagen, in allen Tonarten und Nüancen in die Köpfe der Arbeiter -zu bringen suchte, während die andre, die sogenannte freiwillige,<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> -unorganisierte, die Gelegenheitsagitation in erster Linie eben jenen -ganzen sozialdemokratischen Geist, die materialistische Gesinnung, -die Weltanschauung der Partei weiter trug und zu immer größerer, oft -selbst nicht im ganzen Umfange erkannter Geltung brachte, — wenn es -nicht gerade hier schwer wäre, eine solche scharfe Grenzscheidung zu -ziehen. Wie das auch in der sozialdemokratischen Tagespresse, die ja -vor allem ebenfalls der Verfechtung und Propagierung des offiziellen -Programmes dienen soll, gleichwohl aber auf jeder Zeile den Geist jener -spezifischen Weltanschauung atmet, deutlich zu sehen ist, so war es -im allgemeinen auch mit dieser Doppelagitation: sie floß stets mehr -oder weniger in einander über; die eine hob und trug die andre; und -sie trat umso zusammengeschlossener, umso harmonischer, wenn ich so -sagen darf, auf, je geschlossener, zielbewußter, sozialdemokratischer -die Persönlichkeiten waren, die sie machten, je völliger und klarer -das ganze einseitige und doch in dieser starren Einseitigkeit große -sozialdemokratische System in diesen Persönlichkeiten zum Ausdruck kam.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel"><span class="s5">Fünftes Kapitel</span><br /> - -<b>Soziale und politische Gesinnung meiner Arbeitsgenossen</b></h2> - -</div> - -<p>Die erste und bedeutsamste Wirkung dieser eben geschilderten Agitation -ist die Thatsache, <em class="gesperrt">daß die gesamte Arbeiterschaft von Chemnitz und -Umgegend, die ich kennen lernte, mit nur geringen Ausnahmen heute mit -der sozialdemokratischen Partei irgendwie weit verknüpft ist, daß sie -mehr oder weniger in der Luft ihrer Ideen lebt, und daß sie jedenfalls -in ihr, dieser Arbeiterpartei <span class="antiqua">par excellence</span>, ihre einzige -starke und berufene Repräsentantin erblickt</em>. Der Arbeiter, mit dem -ich Umgang gehabt habe, ist — bewußt oder instinktiv — durchdrungen -von dem Gefühl des bestehenden feindlichen Gegensatzes seiner und -der Unternehmer Interessen; er<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> ist erfüllt von dem Drange nach -einer geschlossenen thatkräftigen Organisation der Massen, zu denen -er gehört, von dem Sehnen nach einem großen Fortschritt, nach einem -Aufschwung des ganzen vierten Standes, den diese Massen bilden; er -hat, auch ein Kind der neuen gedankendurchfluteten, gärenden Zeit, wie -die andern Zeitgenossen allerhand neue Interessen, höhere, leibliche -wie geistige Bedürfnisse, deren Befriedigung er verlangt; und er -weiß, sieht, fühlt, daß dieses elementare Drängen und Sehnen, dieses -Streben und Bedürfen ihm niemand anders bis heute ohne Rückhalt und -Eigennutz, energisch und weitausgreifend befriedigen will, als eben die -sozialdemokratische Partei.</p> - -<p>Und darum, mag ihn sonst vieles von ihr trennen, vieles von ihrem -sonstigen Wesen abstoßen, gehört er ihr an, und — ich bin dessen ganz -gewiß — keine augenblicklich herrschende Gewalt, auch keine geistigen -Machtfaktoren werden ihn heute ohne weiteres wieder von dieser Partei -lösen, werden es vermögen, daß die Gedanken, die jene geweckt hat, -und aus denen sie doch auch wieder erst herausgeboren wird, jemals -wieder völlig verschwinden. Darum hängen ihr unterschiedslos Junge und -Alte, Gut- und Schlechtgestellte, Verheiratete und Unverheiratete, -Gelernte und Ungelernte, Sparsame und Lüderliche, Fleißige und Faule, -Kluge und Dumme, Herauf- und Heruntergekommene, Eingeborene und -Eingewanderte, alle Gruppen, Klassen und Kategorien der Fabrik bis -auf eine verschwindend kleine Gruppe irgendwiesehr an, wissen sich -als Sozialdemokraten, folgen den Führern und glauben an sie, ihre -Worte und Schriften wie an ein neues Evangelium. Man hat es mir mehr -als einmal in der Fabrik geradezu ins Gesicht gesagt: „Was bis jetzt -Jesus Christus war, wird einst Bebel und Liebknecht sein.“ Das ist -der Ausdruck des Bewußtseins, daß die Sozialdemokratie heute die -Arbeiterschaft ist, daß diese sich in ihr zusammenfindet oder doch -immer mehr zusammenfinden wird und daß, so groß und viel auch die -Unterschiede, die Gegensätze, die Widersprüche, die Trennungen unter -ihnen sind und immer sein werden, sie doch alle zusammen gehören in -ihren Leiden, Freuden und Idealen.</p> - -<p>Zum Beweis dessen führe ich eine Reihe ganz spontaner Äußerungen aus -dem Munde der verschiedensten Arbeitsgenossen an. Sie lauten ihrem -Sinne nach einander alle gleich: „Bei uns haben<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> alle bis auf den -letzten Mann sozialdemokratisch gestimmt“; „Die Arbeiter sind und -wählen alle Sozialdemokraten“; „Jeder Arbeiter ist Sozialdemokrat“; -„Ich wähle meinesgleichen“; und, besonders drastisch: „Hier ist alles -sozialdemokratisch, selber die Maschinen!“ Was sich da ausspricht, -ist immer dasselbe, eben die Meinung — ganz im allgemeinen —, daß -Sozialdemokratie und Arbeiterschaft ein und dasselbe sein muß. Zwar -scheinen dem eine Reihe andrer Aussprüche andrer Arbeitskollegen -direkt zu widersprechen. Denn einige der Leute meinten auch wieder -gelegentlich, „daß nur etwa die Hälfte der 400–500 Mann unsrer Fabrik -Sozialdemokraten seien.“ Doch ist das nur ein scheinbarer Widerspruch. -Denn da meinte man immer nur solche, die mit ihrer sozialdemokratischen -Gesinnung irgendwie besonders bemerkbar hervortreten, vor allem -irgend welchem sozialdemokratischen Wahl-, Fach-, Hilfskassen- -oder Vergnügungsvereine angehörten. In <em class="gesperrt">diesem</em> Sinne war -allerdings noch lange nicht die Hälfte Sozialdemokraten zu nennen. -Sozialdemokratisch gerichtet, bestimmt, gesinnt aber — im -weitesten Sinne — war, wie gesagt, die erdrückende Mehrzahl meiner -Arbeitsgenossen.</p> - -<p>Bewußte und erklärte Nichtsozialdemokraten habe ich nur drei in unsrer -Abteilung von 120 Mann im Laufe der Zeit ausfindig machen können. -Davon waren zwei in dem auch in Chemnitz bestehenden, wie ich hörte, -etwa siebzig Mitglieder zählenden Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine; -der dritte war eine gute, treue Seele, der religiös noch zu tief -angeregt war und auch einer zu konservativen und zu wohlhabenden -Bauernfamilie angehörte, um irgendwie sozialdemokratische Neigungen -mit gutem Gewissen und aus innerm Bedürfnis haben zu können. Man sagte -von ihm, er ginge nur zu seinem Vergnügen in die Fabrik; nötig hätte -er es nicht. Außer diesen dreien gab es nun freilich, soviel ich -beobachten konnte, auch bei uns noch einige andre, die thatsächlich -mit der Sozialdemokratie nichts gemein hatten. Aber sie behielten -das für sich und zogen es vor, die Genossen über ihre Gesinnung im -Ungewissen zu lassen. Manchmal war auch angeborene große Schüchternheit -und nicht bloße Berechnung die Ursache dazu. Obgleich ihre Zahl nicht -zu schätzen ist, glaube ich doch nicht, daß ihrer allzuviele waren. -Jedenfalls bildeten diese Neutralen auch zusammen mit jenen drei offnen -mutigen Nichtanhängern an die<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Sozialdemokratie nur die verschwindende -Minderheit gegenüber den Arbeitsgenossen, die sich selbstverständlich -zur Sozialdemokratie rechneten oder offen zu ihr bekannten.</p> - -<p>Das heißt nun freilich nicht, daß jeder von diesen ein zielbewußter, -über das Prinzip und Programm der Partei klar orientierter -Sozialdemokrat gewesen wäre. <em class="gesperrt">Das gilt vielmehr von kaum drei, -allerhöchstens vier Prozent der Gesamtheit, nur von der kleinen Schar -jener Leiter und Träger der Agitation und ihren nächsten Freunden und -Schülern.</em> Sie allein hatten einigermaßen die Agitationsschriften -der Partei gründlich und mit Verständnis gelesen, sie allein -kannten und verstanden das gesamte offizielle Programm, seine -Interimsforderungen nicht minder als seine letzten radikalsten Ziele. -In oft glühendem Fanatismus hatten sie die eignen, widersprechenden -Erfahrungen aus der Praxis, das geistige Erbe ihrer Vergangenheit, die -Kritik ihres gesunden Menschenverstandes gewaltsam unterdrückt und -zum Schweigen gebracht, hatten sie sich, oft mit unsäglicher Mühe, -mit pekuniären Opfern aller Art in dies Programm hineingearbeitet, -bis sie endlich ganz in seinen Gedankengängen aufgingen, nur noch -in ihnen und für sie lebten, nur durch die Brille dieses Programms -Menschen und Dinge, Zustände und Ereignisse anzusehen und zu beurteilen -imstande waren. Es waren meist echte, ehrliche, deutsche Schwärmer und -Idealisten, aus denen sich dieser Kreis von Arbeitern zusammensetzte, -manche dazu noch von einem unbändigen Ehrgeiz und Thatendrang erfüllt, -aber nach allen meinen Beobachtungen nur wenige unter ihnen von -der Klasse der ausgeprägten Egoisten, die heimlich irgend welchen -persönlichen Vorteil suchten und fanden. Hier in dieser kleinen Gruppe -und in ihr allein fand man wirklich die Anschauungen und Grundsätze der -Sozialdemokratie klar und rein vertreten und ausgesprochen, Prinzip und -Ziel fest erkannt und erstrebt. Doch gab man ihnen seltner, als man -hätte vermuten und erwarten können, auch ebensolchen offnen Ausdruck.</p> - -<p><em class="gesperrt">In der ganzen übrigen erdrückenden Mehrheit der sozialdemokratischen -Arbeiterschaft aber war von einer ebensolchen geschlossenen und -klaren politischen und sozialen Gesinnung nicht mehr die Rede. Hier -waren vielmehr die allerverschiedensten, auseinandergehendsten, -verworrensten<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> Ansichten in buntem Gemisch, in allen Nüancen und -Färbungen vertreten.</em> Hier waren die eignen praktischen Erfahrungen, -die ein jeder in seinem bisherigen Leben und Berufe gemacht, die -persönlichen Wünsche und Erwartungen, die gerade er hegte und -erstrebte, die eigentümlichen Eindrücke, die er in seiner frühern -nicht sozialdemokratischen Zeit, im Elternhause und sonstwo erhalten, -nicht so gewaltsam unterdrückt und verwischt, sondern vielmehr häufig -noch besonders rege und lebendig, und alles zusammen, eigne Erfahrung, -persönliche Wünsche, frühere Einflüsse in eine wunderliche, oft nur -sehr lose und nur sehr beschränkte Verbindung mit sozialdemokratischen -Anschauungen und Lehrsätzen gebracht. Und auch diese wieder waren bei -weitem nicht vollständig, nicht geklärt und geordnet aufgenommen. -Denn nur wenige aus diesem großen und unübersehbaren Kreise hatten -auch nur einigermaßen so hartnäckig und ernsthaft wie jene andre, -erstgeschilderte Gruppe die Parteischriften studiert. Was sie vielmehr -von politischen und wirtschaftlichen Ansichten sozialdemokratischen -Ursprungs besaßen, war ihnen meistenteils aus kurzen halbverdauten -Artikeln der unregelmäßig gelesenen sozialdemokratischen -Lokalpresse, teils aus den Vorträgen und Reden sozialdemokratischer -Versammlungen, teils endlich aus dem persönlichen Umgange mit den -klarern, zielbewußtern Kameraden hängen geblieben. Und je nachdem -nun einer oder mehrere der oben genannten vier Faktoren in dieser -Verquickung das Übergewicht und den bestimmenden Einfluß hatten und -je nach den geistigen Fähigkeiten des einzelnen Mannes und seiner -größern oder geringern Initiative, entstand so ein vollständigeres -oder unvollständigeres, geklärteres oder widerspruchsvolleres, -vernünftigeres oder unvernünftigeres, immer aber buntes Gemisch von -politischen und sozialen Gedanken, das sich in keinem Falle mehr mit -der wasch- und programmechten sozialpolitischen Anschauung des Normal- -und Elitesozialdemokraten zu decken vermochte, das überhaupt in keine -Parteischablone einzuordnen war, und das nun bald in liebenswürdigerer, -freundlicherer, ruhigerer und leidenschaftsloser, bald aber auch in -roher, abstoßender, gehässiger, radaumäßiger Art, bald in gewandteren -bald unbeholfneren Ausdrücken, bald häufiger bald seltner zu Gehör -gebracht wurde. Und obgleich so notwendigerweise fast ein jeder -dieser Leute eine besondre, von dem<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> andern verschiedene Stellung zum -sozialdemokratischen Programm einnahm und oft das Allerverschiedenste, -ja Konservativste mit unter dasselbe subsummierte, fühlten und -wußten sie sich doch alle als Sozialdemokraten, und manch einer von -ihnen glaubte steif und fest, daß eben seine eignen lückenhaften, -brockenweisen Gedanken gerade diejenigen der Partei, sein eigen -wunderlich Ideal auch das ganze Ideal der Sozialdemokratie sei. Es -ist unter solchen Umständen geradezu unmöglich, eine erschöpfende -Darstellung dieser verworrenen, verschiedenartigsten, halb oder nie -zum klaren Ausdruck gebrachten Ansichten zu geben. Ich selbst habe sie -natürlich auch bei weitem gar nicht alle in Erfahrung bringen können -und muß mich darum darauf beschränken, mir besonders frappant gewesene -Züge davon hier wiederzugeben.</p> - -<p>In einem sehr wichtigen Gesichtspunkte näherten sie sich zunächst -einander ziemlich alle. Das war in dem Verhältnis zu den letzten -radikalen Zielen des sozialdemokratischen Parteiprogramms. -Ich sage nicht, daß man sie offen verwarf oder ihnen auch nur -konsequent Opposition machte. <em class="gesperrt">Aber bei der Mehrzahl dieser -Durchschnittssozialdemokraten und gerade auch bei den klügern, -nachdenklichen, praktischen, erfahrenen und gereiften Männern unter -ihnen war weder der offizielle demokratische Republikanismus noch -der wirtschaftliche Kommunismus eigentlich recht populär.</em> Es -waren dies Größen, für die die meisten dieser Köpfe kein inneres -Verständnis und ebenso viele Herzen keine Begeisterung und Wärme zu -hegen vermochten. Aber man nahm eben auch dies wie so vieles von der -Sozialdemokratie hin als etwas, was nun wohl einmal dazu gehören und -so sein müßte, gleichgiltig es den Führern überlassend, sich mit -diesen unfaßbaren Problemen herumzuschlagen, im stillen vielfach davon -überzeugt, jedenfalls aber darauf gefaßt, daß diese Prophezeiungen -niemals in Erfüllung gehen würden. So sagte mir einmal ein ziemlich gut -gestellter, kinderloser, darum sorgenlos lebender Bohrer, ein schon -älterer, gutmütiger, höflicher Mann, aber ein begeisterter Anhänger der -Sozialdemokratie, genau wörtlich: „So wie Bebel die Sache in Zukunft -haben will, wird es doch niemals kommen. Er hat sich schon geändert -und wird sich auch weiter noch mehr ändern.“ Ein andrer, ebenfalls -sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> kluger, nachdenkender und überzeugter Sozialdemokrat erzählte mir -einmal unter anderm in einem längern Gespräche: „Weißt du, ich lese nie -ein sozialdemokratisches Buch und selten eine Zeitung. Früher habe ich -mich überhaupt nie mit Politik beschäftigt. Aber seit ich verheiratet -bin und fünf tüchtige Fresser im Hause habe, muß ichs thun. <em class="gesperrt">Doch -mache ich mir meine Gedanken für mich.</em> Ich bin auch nicht für rote -Schlipse, große runde Hüte und sonstige ähnliche Sachen. Das machts -alles nicht. <em class="gesperrt">Wir wollen auch gar nicht den Reichen und Vornehmen -gleich werden. Reich und arm muß und wird immer sein.</em> Das fällt -uns gar nicht ein. Aber wir wollen gerechtere und bessere Ordnung in -der Fabrik und im Staate, und was ich darüber denke, sage ich offen -heraus, wenns auch nicht gefällt. Etwas Ungesetzliches aber thue ich -nicht.“ Überhaupt scheuten sich Klügere und Selbstbewußtere nicht, -auch gegenüber augenblicklichen Fragen ihrer Partei ihre besondre -Stellung auszusprechen. So ein Monteur, der älteste, erfahrenste in -der ganzen Abteilung, der, wie er mir bei einer andern Gelegenheit -auseinandersetzte, ähnlich dem vorher zu Worte gekommenen Kameraden -zur Sozialdemokratie stand, und der durchaus nicht die Verwirklichung -aller ihrer Forderungen erwartete, ja kaum wünschte. Dieser war -über die Haltung der offiziellen Partei zur Frage der Frauen- und -Kinderarbeit, wie viele, nicht sehr erbaut. Bekanntlich drängte die -Parteileitung bis vor kurzen dahin, daß die gesamte sozialdemokratische -Agitation auf deren Beseitigung, und der Arbeiter möglichst auf deren -freiwillige Unterlassung bestand. „Das ist aber Unsinn. Wenn der Mann -genug verdient, läßt er schon von allein Frau und Kinder nicht in der -Fabrik arbeiten. Wird aber das Geld gebraucht, so müssen sie eben wohl -oder übel mitarbeiten; da sollte man denn doch den Verdienst nicht -noch einschränken wollen. Denn das ist falsch, daß man behauptet, -dann würden die Löhne steigen. Ein bißchen vielleicht, aber viel -nicht. Sollte wirklich ein Ersatz geschaffen werden, dann müßten sie -im Durchschnitt verdoppelt werden; dann brauchte allerdings keiner -mehr seine Frau oder sein Kind arbeiten lassen. Aber wer kann das den -Fabrikanten zumuten? Ich glaube gar nicht, daß sie das, selbst wenn sie -es wollten, leisten könnten.“ Es kommt in diesen Meinungs<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>äußerungen -nicht darauf an, ob sie sachlich und wirtschaftlich richtig oder -falsch sind — bei der eben angeführten z. B. müßte man doch das -letztere behaupten —, sondern darauf, zu beweisen, daß <em class="gesperrt">geistig -begabte, gewandte und überlegende Arbeiter, so sehr sie sich im -allgemeinen mit der sozialdemokratischen Partei verbunden wissen, -doch eigne Ansichten nicht nur bewahren, sondern sie auch unter den -Genossen ruhig auszusprechen sich nicht schämen und jedenfalls mit -ganz andern Fragen sich innerlich auseinanderzusetzen das Bedürfnis -haben, als mit den Phrasen von einer republikanisch-kommunistischen -Gesellschaftsordnung</em>.</p> - -<p><em class="gesperrt">Vielmehr beschäftigen diese große, breite Gruppe der besten Arbeiter -am stärksten die augenblicklichen</em> und — für Höherangelegte und -Weiterausschauende — auch die ferner und prinzipieller liegenden -Fragen des eignen Wirtschaftsbetriebes, den sie kennen und verstehn, -an dem sie unmittelbar beteiligt sind, in dem sie Erfahrung und -Urteil besitzen. So ließ manchen schon die so ganz harmlose Frage der -vierzehntägigen Lohnauszahlung nicht in Ruhe. Sie wünschten dringend -eine achttägige Lohnperiode. Ich meinte da, das sei doch gleichgiltig, -aber da kam ich nicht gut an. Die Bedürfnisse für acht Tage könnte man -übersehen, das Geld so lange zusammenhalten und richtig und gleichmäßig -verteilen. Das sei bei vierzehntägiger Löhnung nicht gut möglich. -Größere Ausgaben, die notwendig dazwischen kämen, nähmen da zu viel -weg, und am Ende der vierzehn Tage ginge es dann immer knapp genug her, -oder man lebte auf Borg. Das waren nun zwar keine ausschlaggebenden -Gründe, wohl aber leider ein weiterer Beweis für die schon bemerkte -hauswirtschaftliche Unfähigkeit unsrer Arbeiterschaft. Wieder für -andre war das Problem einer gerechteren Bezahlung Kern und Stern ihrer -politischen und sozialen Anschauungen. Mit Fug und Recht. Ich habe -schon in einem frühern Kapitel diese Sache gestreift. Es ist Thatsache, -die viel beklagt wurde und mir immer wieder auffiel, daß in der Wertung -und Löhnung der einzelnen Berufskategorien und innerhalb deren wieder -der einzelnen Arbeiter kaum eine gerechte Ordnung herrscht. Es ist das -meines Erachtens ebenso wie jene totale Vernachlässigung einer Regelung -des Verhältnisses und der Kompetenzen der subalternen Vorgesetzten zu<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -ihren unterstellten Arbeitern auf jenes verhängnisvolle wirtschaftliche -Prinzip des Gehenlassens und der Verachtung der menschlichen -Persönlichkeit zurückzuführen, das es in seinem absolutistischen -Dünkel gar nicht der Mühe wert hält, gar nicht als eine sittliche -Pflicht auch nur ahnen und verstehn läßt, daß hier Ordnung sein muß, -widrigenfalls hier eine Quelle dauernder größter Unzufriedenheit -sprudelt. So war es Sitte, daß die Schlosser und Schmiede, also -gelernte Leute, für ihre mühsame, schwere, oft knaupliche und viel -Intelligenz erfordernde Arbeit im Durchschnitt viel geringer gelohnt -waren als eine große Anzahl an der Maschine arbeitender Bohrer, Dreher, -Hobler und Stoßer. Und wieder unter diesen hatten, wie schon gesagt, -gerade die an den großen Drehbänken, Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen -mühelos beschäftigten einen unverhältnismäßig höhern Lohn als die -zu unausgesetzter Aufmerksamkeit gezwungenen Arbeiter an denselben -Maschinen kleinen und kleinsten Kalibers, von den Handarbeitern gar -nicht zu reden. Diese Mißstände zu beseitigen war mancher unsrer -Sozialdemokraten dringendste Forderung. Sie verlangten hier gerechtere -Berücksichtigung und dann mit einer ganzen Reihe von Arbeitsgenossen -steigenden Lohn mit der wachsenden Anzahl der Jahre, währenddem man -in ein und demselben Betriebe beschäftigt war, wenn möglich auch eine -gewisse Avancementsfähigkeit, so vom Handarbeiter zum Arbeiter an -einer kleinen, allmählich zu solchem an einer größern und auch ganz -großen Maschine, die auch heute schon von keinen darauf gelernten -Leuten bedient wurden. Ansätze zu einer solchen Avancementsskala waren -freilich bei uns, aber auch wohl nur unbeabsichtigt vorhanden. Ich -persönlich würde nicht so leicht begreifen, warum unsre Arbeitgeber -— ich vermute, es ist anderwärts auch so — gerade diese Wünsche -ihrer Leute bis heute so total ignoriert haben, wenn es nicht eben -Thatsache wäre, daß sie von der Erfüllung sittlicher Pflichten keine -blasse Ahnung haben. Und doch läge das in ihrem eigensten Interesse. -Es kostete ihnen kaum eine nennenswerte Summe — worauf für sie -doch so viel anzukommen pflegt — und ermöglichte ihnen, einen viel -größern und viel seßhaftern, damit auch konservativern Arbeiterstamm -heranzuziehen. Noch andre unsrer Arbeitsgenossen spannen nun freilich -die Gedanken über Fragen <em class="gesperrt">unsers</em> Betriebes über diese hinaus bis -zu allgemeinen wirtschaftlichen Problemen der Art, wie<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> sie allerdings -die Sozialdemokratie ihnen vorformulierte. Dabei kamen ihnen dann -jene früher geschilderten Erscheinungen zu Hilfe, die ihrer scharfen -Beobachtung nicht entgingen, z. B. daß der ganze ihnen sichtbare -Betrieb durchaus gesellschaftlich, sozialistisch gebildet war, in -der Form der gemeinsamen Produktion einzelner kunstvoller Ganzen -sowohl, wie in der Art des gegenseitigen Verkehrs unter sich und mit -ihren nächsten Vorgesetzten bei dieser Arbeit. Dazu verhalf weiter -die Thatsache, daß die eigentliche Gesamtleitung, die Thätigkeit des -kaufmännischen Zweiges eines solchen großen Etablissements sowie der -gesamten technischen Abteilung der Ingenieure und Zeichner sich fast -vollständig ihren Augen entzog, sodaß diese einfachen Menschen umso -leichter zu der irrigen Ansicht kommen konnten, daß eben <em class="gesperrt">ihre</em> -Arbeit die eigentliche, die hauptsächliche, die Arbeit überhaupt -sei, daß eben <em class="gesperrt">sie</em> die Maschinen bauten, sie die eigentlichen -Schöpfer und Macher seien, sie, diese Arbeiterschaft, die Fabrik -repräsentierten. Aber auch sie, die so ihre grübelnden Gedanken und -Träume selbstbewußt und stolz oft weit hinaus in verschwimmende Ferne -spannten, thaten auch das doch ohne rechtes Versenken in die eigentlich -kommunistischen Prinzipien, ohne eigentlich klares Verständnis -ihres Wesens und ihrer Konsequenzen und fast immer auch ohne jene -erbärmliche, vaterlandslose, <em class="gesperrt">politische</em> Gesinnung der Führer -und Elitesozialdemokraten, deren Humanitätsduselei zum schwächlichsten -Kosmopolitismus und damit zur Verkennung und Proskribierung alles -wahrhaft Patriotischen und <em class="gesperrt">patriotisch Notwendigen</em> verführt.</p> - -<p>Ich glaube es nachdrücklich wiederholen zu können, daß eben von dieser -letzten schlimmern Sorte von Sozialdemokratismus unter der Masse dieser -Durchschnittssozialdemokraten, auch der strebsamen, überzeugtern unter -ihnen, nur erst noch sehr wenig als wirklicher Bestandteil innerster -Überzeugung vorhanden, und daß vielmehr z. B. dem deutschen Vaterlande, -dem Kaiser und dem Heere gegenüber eine überraschend freundliche -Gesinnung unter ihnen lebendig war. So schwer, ja unmöglich es für mich -auch in diesem Falle war, bei der Verworrenheit und Unklarheit der -Meinungen dieser Leute ein geschlossenes Gesamtbild davon zu gewinnen, -so glaube ich doch gerade über ihre Stellung zum Militär, zum Kaiser -und zum Könige von Sachsen, zur Revolution, endlich auch zu<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Bismarck -ziemlich vollständige und richtige Angaben im folgenden machen zu -können, für die ich die Bürgschaft übernehme.</p> - -<p>Über das <em class="gesperrt">Militär</em> habe ich mich nach meinen Notizen wohl -fast zwanzigmal in der verschiedensten Richtung hin zufällig oder -absichtlich, länger oder kürzer und mit den allerverschiedensten -Leuten unterhalten. So schon in der Herberge. Da war ein mir etwa -gleichaltriger Steinmetzgeselle mein besondrer Intimus geworden. -Auch er war natürlich Sozialdemokrat von der geschilderten üblichen -Durchschnittssorte; er hatte dabei ein seelengutes Gemüt ohne jede -Verbitterung, und hatte noch manches von früherer Zeit in seiner -Gesinnung bewahrt. Er hatte in einem thüringischen Bataillon, in der -Residenz eines der kleinen Fürsten, gestanden. Davon und von den -Paraden, die er mitgemacht, den Offizieren, die ihn befehligt hatten, -erzählte er mir auf unsrer gemeinsamen Wanderschaft mit besondrer -Vorliebe. Vor allem hatte es ihm imponiert, daß sein eigner Fürst, -dienstlich im Range geringer, dem alten Generalfeldmarschall von -Blumenthal die Honneurs gemacht hätte, als dieser einst die Garnison -inspizierte. Blumenthal war überhaupt sein Ideal. Ihn schilderte er in -besonders lichten Farben und mit großer Begeisterung. Für glänzende -Uniformen und schöne prächtige Offiziere schien er ein besonders -empfängliches Auge zu haben.</p> - -<p>Auch in der Fabrik dachte ein jeder gern an seine Dienstzeit zurück. -Wenn wir zusammenstanden, und das Gespräch durch irgend etwas darauf -kam, fing man bald Feuer dafür. Dann erzählte man mit Genugthuung -von den Strapazen des Dienstes, den heißen Sommertagen auf den -Exerzierplätzen und den kalten Winternächten auf Posten. Und mancher -war auf sein Regiment besonders stolz. Und doch waren es allesamt -Sozialdemokraten, alte und junge, die so redeten. Von den letztern -hatten wir einen, einen kleinen, hübschen, netten, 18jährigen -strebsamen Schlosser, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als -Vierjährig-Freiwilliger bei der reitenden Artillerie in Riesa -einzutreten. Er ging von seinem Plan auch nicht ab, so sehr sich ein -älterer, übrigens wohlmeinender Genosse unsrer Handarbeiterkolonne, -oft und meines Erachtens mit Recht bemühte, ihm ihn auszureden und -die Schattenseiten eines vierjährigen Militärlebens zu schildern. -Dann gabs<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> auch eine Anzahl bereits ausgehobener Rekruten, die im -Herbste einzutreffen hatten. Auch ein Österreicher war darunter. -Sie alle, besonders der letztere, warteten wie Kinder mit freudiger -Ungeduld und doch natürlich mit einigem Bangen auf den Termin ihrer -Einberufung, auch von ihnen ein jeder stolz auf sein Grenadier- oder -Gardereiterregiment, zu dem er ausgehoben war. Der Österreicher -nahm sichtlich schon eine immer strammere militärische Haltung an -und grüßte gar nicht anders mehr als durch Anlegen der Hand an -die Mütze, ganz nach militärischer Art. Auch sie waren mehr oder -weniger alle „sozialsch,“ wie es einmal einer sehr geschmackvoll -und gewandt ausdrückte. Ja eben der künftige Gardereiter, ein -ziemlich leichtsinniges Bürschchen, war es gewesen, der mir das -schon oben zitierte famose Wort gesagt hatte. „Bei uns ist alles -sozialdemokratisch, selber die Maschinen.“ Dann traf ich einen -sogenannten Zehnwöchentlichen unter uns, also einen Ersatzreservisten. -Auch er sollte in weniger als vier Wochen eintreffen. Und auch er -hatte dafür — ich sprach mehrmals mit ihm — nichts andres als nur -Worte einer gewissen stillen und stolzen Genugthuung. Er that sich -etwas darauf zu gute, daß er jetzt sparen mußte, um während der zehn -Wochen Militärzeit etwas zum Zusetzen zu haben! Einmal stand ich mit -etwa fünf andern Sozialdemokraten zusammen. Auch da kam das Gespräch -auf das Militär und vor allem auf die Manöver in der Chemnitzer -Gegend. Und auch da war es nur der Anstoß zu einer Menge hübscher -Manövergeschichten, die einzelne von ihnen meist als Zuschauer und als -Quartierleute zu ihrer Freude mit erlebt hatten. Dann war unter den -Handarbeitern unsrer Fabrik ein früherer Schneider, der in Dresden -bei der Artillerie gestanden hatte und diese Dresdner Zeit mehrmals -als die schönste und lustigste seines Lebens bezeichnete. Als ich -ihn einmal auf dem Krankenbette abends besuchte, ließ er sich von -seiner Frau seine eigne und seiner Kameraden Photographien sowie das -ganze Batteriebild herbeiholen, um sie mir mit sichtlicher Freude und -unter genauer Schilderung des Lebensganges eines jeden abgebildeten -Vaterlandsverteidigers vorzuführen. Dann erklärten mir wieder einmal -bei der Arbeit zwei Packer, alte, wetterfeste, knorrige Leute, die viel -derbe Späße im Kopfe hatten und leidlich genießbar waren, wenn man sie -zu nehmen wußte, mit besonderm Nachdruck:<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> „Wir sind mit Leib und Seele -Soldat und werden es bis an unsern Tod bleiben.“ Und dasselbe könnte -ich noch von einer Reihe andrer berichten, die beim Frühstück und auch -einmal eines Abends in der Kneipe ganz ähnlich von ihrer Soldatenschaft -redeten. Selbst jener ganz heruntergekommene Schlosser, der nur acht -Tage bei uns blieb, sich gleich am ersten Tage hatte Vorschuß geben -lassen und, freilich ohne Glück, uns alle anzuborgen versuchte, und -der sich als ein Regimentskamerad von mir entpuppte, unterhielt sich -mit ganzem Herzen über die uns gemeinsam bekannten Offiziere im -Regiment, über die Kaserne und allerhand andre Wichtigkeiten. Freilich -— einzelne räsonnierten ja auch manchmal über ihre Offiziere, die sie -allzu scharf angefaßt hatten. Ein junger sozialdemokratischer Schlosser -kannte auch die bekannte Abelsche Broschüre und sagte, er stimmte ihr -zu: aber auch bei ihm und denen, die sich manchmal über ihre Offiziere -beklagten, war das mehr persönlicher Groll und galt eben — nach dem -ganzen Eindruck, den ich davon hatte — mehr nur diesen Personen und -einzelnen Vorfällen als der gesamten Einrichtung.</p> - -<p>Einmal unterhielten sich auch zwei über die sozialdemokratische -Forderung der Abschaffung des stehenden Heeres. Der eine, selbst -nicht Soldat gewesen, vertrat sie, aber mäßigte sie dahin, daß das -natürlich nicht sofort und auf einmal möglich wäre. Vielmehr könnte -das nur ganz allmählich vor sich gehen. Der andre bestritt das und -erklärte die eventuelle Auflösung der Regimenter und die Entlassung -der Hunderttausende junger, frischer Arbeitskräfte für einen Ruin der -gesamten Arbeiterbevölkerung. Dann würde die industrielle Reservearmee -ins ungeheure anschwellen, die Löhne ganz gewaltig sinken, und wir -Arbeiter allesamt hungern müssen.</p> - -<p>Eine ganz wunderliche Vorstellung traf ich bei zwei andern -Sozialdemokraten, von denen nur einer unsrer Fabrik angehörte. Es war -das bei dem Kinderfeste auf der Jagdschenke bei Siegmar. Sie redeten -von Streiks. Da sagte der mir Unbekannte plötzlich: „Ja, wenn erst die -Offiziere streiken werden. Es fängt schon an, zu gären. Nur darum hat -die Regierung auch neuerdings ihre Gehälter verbessern wollen, um sie -zufrieden zu machen. Übrigens, setzte er hinzu, geht es schon los, in -England, Spanien u. s. w.“</p> - -<p>Eigentliche Erbitterung gegen das Militär habe ich nur<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> einmal beim -Mittagessen in unsrer Kneipe an einem finstern wortkargen Burschen mit -einem fanatischen Jesuitengesichte angetroffen. Dieser las einem andern -einen Militärartikel aus einem Blatte vor. Darin wurde der Hauptmann -der Vater, der Feldwebel die Mutter der Kompagnie genannt. Das brachte -den Mann sehr in Aufregung, und er erging sich denn da in nicht allzu -schmeichelhaften Ausdrücken über die in der That ja manchmal höchst -problematische Vater- und Muttertreue der beiden Herren. Aber das war -eben auch einer der rabiaten „Elitesozialdemokraten,“ von dem keine -andre Meinung zu erwarten war. Sonst jedoch fand ich, wie gesagt, immer -nur freundliche Gesinnungen.</p> - -<p>Eine besondre Vorliebe für das Militär äußerte sich natürlich bei -denen unter uns, die den Feldzug in Frankreich mitgemacht hatten. Ich -habe von ihnen drei in treuer Erinnerung, einen Ulanen, einen Jäger -und einen Infanteristen. Alle drei erzählten mit Stolz von jenem -Jahr in Frankreich mit der ganzen epischen Breite, Komik, Derbheit -und Natürlichkeit, die alle solche Schilderungen im Munde von Leuten -aus dem Volke so originell und reizvoll machen. Der eine, der Jäger, -ein Bohrer, hätte so gern der damals gerade in Aussicht stehenden -Zusammenkunft der alten Kameraden von den sächsischen Jägern und -Schützen in Meißen beigewohnt — aber an die Ausführung dieses Wunsches -war natürlich bei seinem Verdienst von 27 oder 29 Pfennigen die Stunde -— und dem Rudel Kinder, das er hatte, kein Gedanke. Endlich möchte -ich doch auch erwähnen, was mir nicht ganz unwichtig scheint, daß mir -die Militär- und Soldatenbilder und Bildchen oft primitivster Art, und -manchmal im allerdürftigsten Farbendrucke ausgeführt, auffielen, die -vielfach an den Arbeitskästen neben dem Arbeitsplatze der einzelnen -Leute angeklebt waren. Auch das scheint mir ein deutliches Zeugnis -für die Vorliebe zu sein, die man nach meinem Urteil auch heute noch -trotz mehr denn zwanzigjähriger sozialdemokratischer Agitation unter -der Arbeiterbevölkerung eines großen deutschen Industrieortes für das -deutsche Volksheer hegte.</p> - -<p>Ich führe diese erfreuliche Erscheinung nun allerdings weniger auf den -idealen Gedanken zurück, daß man auch in dieser Bevölkerungsschicht -wie im Adel und einigen Bürgerkreisen stolz ist,<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> dem Könige im -Heere dienen zu dürfen, sondern vielmehr auf die Freude des Volkes -an dem bunten Rock und dem militärischen Glanz und Gepränge, auf das -frische, freie, heitre, sorgenlose Leben, das der vollkräftigen, -lebenslustigen Arbeiterjugend in dieser Zeit wie meist niemals wieder -nachher beschieden ist, und auf die nicht minder wichtige Thatsache, -daß diese Militärzeit für den Fabrikarbeiter die längste, völligste -und glänzendste Abwechslung in dem öden Einerlei seines Fabriklebens -ist. Daraus erkläre ich mir auch die auffällige Erscheinung, daß man -sich allerseits doch auch (wenn nicht ganz armselige Verhältnisse -und allzugroße Not in der Familie herrschen) verhältnismäßig gern -und willig an den Reserveübungen beteiligt, weil man dabei die -Erinnerung an die alte schöne Zeit für kurze Wochen wieder einmal -gemeinsam auffrischt. Und diese Erscheinung gewinnt noch an moralischem -Schwergewicht, wenn man daran denkt, daß für solche Leute aus dem -Arbeiterstande die Reserveübungen bisher ja mit einem gänzlichen -Ausfall an Verdienst für die Familien und darum mit viel größern Opfern -fürs Vaterland verbunden sind, als die jährlichen achtwöchigen Übungen -für Söhne wohlhabender Eltern, die Reserveoffiziere sind oder es werden -wollen.</p> - -<p>Auch über die Militärvereine wurde zweimal in der Fabrik von meinen -Arbeitsgenossen gesprochen, beide male in einer höchst interessanten -und mitteilenswerten Weise. Es handelte sich um die Frage, ob -Sozialdemokraten Mitglieder eines Militärvereins sein dürfen; und -es zeigte sich hierbei, daß drei ganz verschiedne Meinungen unter -den Arbeitsgenossen vorhanden waren, die sich schroff gegenüber -standen. Die einen behaupteten, man müßte unter allen Umständen -ehrlich und charakterfest sein. Es stünde fest, daß die Militärvereine -offiziell jeden sozialdemokratischen Kameraden auszuschließen -verpflichtet wären. So sollte jeder Genosse auch so stolz sein -und von selbst aus diesen Vereinen austreten, besser überhaupt -niemals in sie eintreten, um keinen Betrug zu begehen und nicht -doch schließlich hinausgeworfen zu werden. Zwei andre, die selbst -nie Soldaten gewesen waren, bestritten diese Ansicht lebhaft und -vertraten die gegenteilige: „Jeder Sozialdemokrat, der gedient hat, -hat die Pflicht, in den Verein einzutreten und es dahin zu bringen, -daß sie allmählich ganz zu sozialdemokratischen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> Vereinen und auch -die bisher anders gesinnten Kameraden Sozialdemokraten werden.“ -Diese beiden, jüngere Männer voll Initiative, hatten dabei wohl den -Militärverein unsers Vororts im Auge, dessen Mitglieder allerdings -zur Mehrzahl aus erklärten Sozialdemokraten bestanden, der dies -bei irgend einer Gelegenheit auch offen bekannt und daraufhin die -Zugehörigkeit zum sächsischen Militärvereinsbunde und das Recht, das -königliche Wappen in seiner Fahne zu führen, verloren hatte. Zum -größten Bedauern und zur Mißbilligung der dritten Gruppe bei jenen -beiden Gesprächen, die, schon ältere Leute, eine mehr vermittelnde -Anschauung, doch auch nachdrücklich und gegensätzlich genug den -zwei andern gegenüber vertrat. Sie meinten, die Sache sei so: „Wir -sind Soldaten und Sozialdemokraten, beides mit Leib und Seele. Die -Militärvereine sind Soldaten- und zugleich Unterstützungsvereine, -vornehmlich mit das letztere; und wir haben lange Jahre auch mit in -ihre Kasse gesteuert. Wir haben also ein Anrecht an dem Genuß ihrer -Vorteile. Schon deshalb dürfen wir in den Vereinen bleiben. Aber -da deren Satzungen die politische Gesinnung der Sozialdemokratie -ausschließen, so wäre es Blödsinn und Tollkühnheit, sie in den Vereinen -zu äußern oder gar Propaganda dafür zu machen. Man behält sie dort -besser für sich und redet nicht davon.“ In beiden Gesprächen kam es -zu keiner Einigung und Annäherung dieser drei Anschauungen. Jede -Gruppe bestand auf der Richtigkeit der ihrigen und erklärte die zwei -andern für durchaus falsch. Jedenfalls zeigt auch diese Thatsache -die Verschiedenheit der treibenden innersten Prinzipien in der -politischen Gesinnung dieser Durchschnittssozialdemokraten. Bei den -ersten entscheidet der Idealismus und fordert offnes Visier und streng -reinliche Trennung; bei den zweiten drängt der Gedanke der Agitation -und Propaganda zu kühnem Wagen; bei den dritten kämpft das von der -Partei aufgezwungne vaterlandslose Empfinden des Sozialdemokraten -mit der guten vaterländischen Gesinnung des alten Soldaten, und -Nützlichkeitsrücksichten bestärken noch mehr die dadurch erzeugte -Unentschiedenheit der Stellung. Ich glaube, annehmen zu können, daß -diese drei Meinungen auch in weitern Kreisen meiner Fabriksgenossen -vorhanden waren, da sie, wie gesagt, eben damals infolge der Vorgänge -im Militärvereine unsers Ortes gezwungen waren, sich mit dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> Frage -zu beschäftigen. Welche von den Richtungen überwog, konnte ich nicht -erkennen.</p> - -<p>Einen meines Erachtens guten Dienst leistete übrigens — ich darf dies -an dieser Stelle gleich mit erwähnen — der Turnverein unsers Vorortes. -Er war noch nicht alt und verhältnismäßig stark. Junge Schlosser, -Weber, Arbeiter, aber auch Kaufleute, Expedienten und Schreiber -gehörten ihm an. Auch einen jungen Zeichner, also einen höhern Beamten -aus unsrer Fabrik, traf ich unter den Turnern. Kurz, es waren wohl -fast alle Berufsarten unsers Vorortes in dem Vereine vertreten, und -ebenso die sozialdemokratischen wie die sozialistisch noch nicht oder -nur wenig durchsetzten. Und alle Glieder schienen gute Kameradschaft -zu halten. So war dieser Turnverein ein neutraler Boden, auf dem -die verschiedensten politischen Gesinnungen und Neigungen friedlich -und nach den Satzungen des Vereins unausgesprochen neben einander -hergingen. Es war damit eine Stätte der persönlichen gegenseitigen -Annäherung gebildet über die engherzige Parteigesinnung hinweg. Und -hierin sehe ich die große ethische Bedeutung aller Turnvereine, die in -einer ähnlich wie bei uns zusammengesetzten Bevölkerung nach denselben -Grundsätzen existieren und blühen. Von diesem Gesichtspunkt aus stelle -ich sie auch höher als die Militärvereine, die heute doch in der That -„reichstreue“ Parteivereine und antisozialdemokratische Kampfvereine -geworden sind.</p> - -<p>Gleich freundlicher Art sind nun auch die Erfahrungen, die ich über -die Gesinnung dieser Leute gegen den <em class="gesperrt">deutschen Kaiser</em> und den -<em class="gesperrt">König von Sachsen</em> gemacht habe. Zwar war es hier natürlich -besonders schwierig, einen sichern Einblick zu bekommen. Jedermann -hütete sich vor einer Majestätsbeleidigung, da keiner dem andern recht -traute. Ich glaube auch, daß sich ein nicht ganz geringer Bruchteil wie -zu manchem andern so auch zu Kaiser und Reich durchaus gleichgiltig -verhielt. Sie hegten weder Haß noch Liebe; sie hatten kein Interesse -dafür, häufig auch zu viel mit sich, ihren engen Verhältnissen oder -seichten Vergnügungen zu thun, um daran denken und ihr Herz noch -daran begeistern zu können. Dann waren gewiß auch wieder andre, -die, von der parteikorrekten Gesinnung der Elitesozialdemokraten -auch in dieser Beziehung schon angekränkelt, innerlich zwischen -Zuneigung<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> und Abneigung, Vaterlandsliebe und Vaterlandslosigkeit -noch hin und her schwankten. <em class="gesperrt">Aber für die große Mehrzahl eben der -Durchschnittsanhänger war doch der Kaiser eine durchaus sympathische, -volkstümliche Gestalt.</em> Nicht nur, daß man ohne Opposition, ohne -Murren und finstre Mienen billige und freundliche Urteile über ihn -mit anhörte und ihnen zustimmte — das wäre in diesem Falle noch kein -Beweis für meine Behauptung —, sondern ich habe auch selbst aus dem -Munde der Leute nicht einmal nur das runde Urteil gehört: „Der Kaiser -ist gut und tüchtig.“ Einmal bei einem der Kinderfeste, wo die Leute -also doch ganz unter sich waren und sich nicht genierten, trat diese -Ansicht besonders deutlich zu Tage: „Kaiser Wilhelm hat die besten -Absichten; aber er kann nicht, wie er will. Den halten sie fest und -zwingen ihn nach ihren Plänen. Aber hoffentlich gelingt es ihm noch, -seine eignen Wege zu gehn.“ Dort hörte ich auch um Kaiser Friedrichs -Tod die nicht seltene Klage: „Schade um ihn! Wie ganz anders stünde -alles, wenn er nur fünf Jahre regiert hätte.“ Ein andermal sagte ein -schon ziemlich herabgekommener Fleischergeselle, mit dem ich ein Stück -wanderte: „Kaiser Friedrich hielt auf die Arbeiter mehr als auf alle -andern. Sie haben aber auch recht.“ An Kaiser Friedrich vor allem -glaubt man da unten. Der milde freundliche Hohenzoller ist noch im -Grabe ein Friedensmittler zwischen dem Thron und dem Volk und ein Segen -für beide. Hie und da findet sich auch ein Bild von ihm wie von dem -regierenden Kaiser an den Arbeitsplätzen einzelner Leute angeklebt. -Auch traf ich patriotische Lebensbeschreibungen von Friedrich dem -Dritten sowohl als Wilhelm dem Ersten, freilich in Form der bekannten, -meist so minderwertigen Kolportagegroschenhefte in mehreren Familien -verbreitet, deren Väter wiederum sonst offen mit in das Horn der -sozialdemokratischen Partei stießen. Ich werde an einer spätern Stelle -ein haarsträubendes Gespräch zweier Sozialdemokraten unsrer Fabrik -über Bismarck mitteilen. Auch diese beiden zeigten, so sehr sie -Bismarck fluchten, doch volles Vertrauen zum Kaiser. Als ich bei jener -Unterhaltung meinte, ich glaube nicht, daß der Kaiser, selbst wenn ein -neues Attentat käme, das Sozialistengesetz aufrecht erhalten würde, -stimmten mir beide nachdrücklich zu. Ein andermal verwahrte einer ganz -entschieden die Arbeiter gegen die<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Anklage der Reichsfeindlichkeit: -„Wir sind nicht gegen die Regierung und den Kaiser, nur gegen ihre -falschen Freunde.“ Und ein andrer Durchschnittssozialdemokrat, mit dem -ich mich besonders häufig über politische Dinge unterhielt, auf dessen -durchdachte Ansichten ich einiges hielt und der, bereits neun Jahre -in unsrer Fabrik, auch die einzelnen Genossen ziemlich genau kannte, -sagte mir einmal ganz offen und ohne dazu aufgefordert zu sein: „Ich -bin im geringsten gar nicht gegen den Kaiser oder gegen unsern König. -Ich habe zwar beide noch nicht gesehn; aber für unsern König ginge -ich durchs Feuer. <em class="gesperrt">Und so wie ich, giebts ihrer unter uns noch satt -(genug).</em>“ Zu dieser weit verbreiteten freundlichen Gesinnung half -wohl gleichmäßig mit das feste monarchische Bewußtsein, das von alters -her tief im deutschen und sächsischen Volke sitzt, die aufrichtige -reformfreundliche, soziale Gesinnung des Kaisers, von deren Ehrlichkeit -man auch da unten oft wider Willen überzeugt scheint, und schließlich -die nur beschränkte antimonarchische Agitation der Sozialdemokratie, -der man gerade in diesem Punkte die Flügel arg beschnitten hat. -Freilich darf man nicht meinen, daß diese günstige monarchische -Gesinnung auch nur in einem wesentlichen Punkte jener frühern -Unterthänigkeit gleicht, die in tiefster Ehrfurcht, mit Zittern und -Zagen vor Seiner Allmächtigen Majestät erstarb. Willenlos, gedankenlos -geht wohl keiner mehr auch da unten mit durch Dick und Dünn. Aber dafür -ist — nach meinem Dafürhalten eine viel gewichtigere Thatsache — doch -in weiten Kreisen jene Achtung vor dem „ersten Diener des Staates“ -vorhanden, dessen Daseinsnotwendigkeit anerkannt ist, an dessen -redliche, pflichttreue, volksfreundliche, unparteiische und gerechte -Absichten man glaubt, von dem man aber auch mehr ahnt als weiß, daß er -nicht der allmächtige Herr, sondern ein durch Zwang und Widerstreit der -entgegengesetztesten Interessen vielfach sehr gebundner Herrscher ist. -Ich bin nach alledem davon überzeugt, daß es der sozialdemokratischen -Agitation kaum gelingen dürfte, diese vernünftige Gesinnung des -Volkes zu vernichten, wenn nur der Kaiser wie bisher fortfährt, auch -den Arbeitern und ihren begründeten Forderungen nicht nur gerechte -Billigung zu teil werden zu lassen, sondern ihnen auch, so viel an ihm -ist, Geltung und Erfüllung zu verschaffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>Im Zusammenhang damit ist es nun auch verständlich, <em class="gesperrt">daß der -weitaus größte Teil meiner Chemnitzer Fabrikgenossen durchaus an -keine gewaltsame blutige Revolution dachte</em>. Ich habe auch für -diese Thatsache nicht nur den sichern allgemeinen Eindruck als -Beweis, sondern auch zahlreiche direkte und ehrliche Äußerungen -meiner Arbeitsgenossen, die ebenfalls deren Richtigkeit bestätigen. -An jenem aufgeregten Sonntagabend, an dem nach dem Kinderfest unsers -Wahlvereins die heiße Redeschlacht mit dem amerikanisierten Baiern und -seinem Freunde, dem Brauereidirektor, geschlagen wurde, an dem ein -sozialdemokratisches Lied auf das andre gesungen wurde, und wirklich -Herz und Mund den Leuten auf- und übergingen, erklärten mir mehrere: -„Wir Arbeiter <em class="gesperrt">wollen</em> keine Revolution. Wir sind viel zu gebildet -dazu. Wir wollen auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen; jetzt schon -so viel als möglich, und unsre Nachkommen den Rest.“ Und das waren ein -paar jüngere Leute. In der Fabrik sagte mir gleich im Anfang meiner -Arbeiterlaufbahn ein andrer: „Es fällt uns gar nicht ein, Revolutionäre -zu sein; hier in Chemnitz und Umgegend denkt wenigstens niemand -daran.“ Und später einer: „Daß die Arbeiter Revolution machen wollen, -glauben die oben im Ernst doch selber nicht.“ Und einer der beiden -schon genannten strammsozialdemokratisch-rabiaten Bismarckhasser sagte -eben da, als wir von der Aufhebung des Sozialistengesetzes redeten. -„Der Kaiser hat gesehn, daß alles auch ohne das Sozialistengesetz in -Ruhe und Ordnung weitergeht. Revolution kommt schließlich nur, wenn -man unsre Sache gewaltsam unterdrückt.“ Ebenso ein sehr erfahrener, -selbständiger, schon mehrmals genannter Monteur. „Wir wären doch selbst -die größten Dummhute, wenn wir Revolution machen und die Fabriken -zerstören wollten. Das wäre albern und schadete uns selber am meisten.“ -Dann einer der vordern in der Chemnitzer Weberbewegung, ein kraftvoller -Mensch und ausgezeichneter Turner: „Die Großen wünschen, daß wir -Revolution machen; aber wir werden ihnen unter keinen Umständen den -Gefallen thun.“ Und endlich sagte einmal in einer geschlossenen Sitzung -der Vorsitzende mit großem Nachdruck und unter aller schweigender -Zustimmung: „Wir im Fachverein wollen keine Umstürzler sein, sondern -vielmehr ein gutes Beispiel geben und nur die Besserung der Lage -unsers<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> Standes anstreben.“ Nur ein einziges mal traf ich auf einen -Ausspruch, den man auch anders auslegen könnte: „Die großen Herren -sollten uns mit mehr Liebe entgegenkommen. Dann wäre all der Haß und -Streit nicht. Wenn sie das aber durchaus nicht wollen, so gehts uns -schließlich wie dem, der Hunger hat und nichts zu essen kriegt: er -maust sich, was er braucht.“</p> - -<p>Ich meine, die Fülle dieser verschiedenen ausdrücklichen Zeugnisse, -die fast alle gerade von ziemlich selbstgewissen Sozialdemokraten -stammen, können genügen, um meine mir unerschütterlich feststehende -Behauptung zu erhärten: der Chemnitzer Fabrikarbeiter, mit dem ich -zusammen gearbeitet habe, sträubt sich heute noch mit Händen und -Füßen gegen den Gedanken einer blutigen Revolution. Zwar weiß er -genau, daß eine durchgreifende Besserung seiner Lage, die ein jeder -von ihnen erwünscht, erstrebt, erwartet, <em class="gesperrt">ohne Kampf</em> eine -Unmöglichkeit ist. Dazu kennt und erfährt er selbst, wie gesagt, -zu oft den heute unüberbrückbaren Interessengegensatz zwischen -ihm und dem Unternehmertum. Aber er sieht ihn heute noch als eine -Naturnotwendigkeit und nur im gegebnen Falle auch als Schuld -seines Arbeitgebers an. Er hält darum auch dessen Person und Sache -durchschnittlich auseinander und will auch seinerseits nicht einen -Kampf roher Gewalt, sondern die zwar mannhafte und unnachgiebige, -aber gesetzmäßige Auseinandersetzung zweier organisierter Parteien -in einem parlamentarisch freien Staate. Nicht die Zahl der Fäuste -soll entscheiden, sondern die Zahl der Stimmen und die Macht der -Wahrheit. Gleichwohl leugne ich die <em class="gesperrt">Gefahr</em> einer Revolution -keinen Augenblick. <em class="gesperrt">Sie liegt aber nicht in der Absicht, in -den augenblicklichen politischen und sozialen Gesinnungen der -Leute, sondern einmal in der immerhin möglichen Unterlassung oder -Verschleppung einer grundlegenden Sozialreform, und dann vor allem -in der erbärmlichen, neuen Lebensanschauung, die, begünstigt durch -die vorhandene innere Krisis der Kirche und durch unsre verwahrlosten -wirtschaftlichen und sozialen Zustände, sich heute infolge der -sozialdemokratischen Agitation weithin im Volke verbreitet hat.</em> -Hier allein und nicht in einer, gegebenenfalls übrigens doch -immer nur formalen wirtschaftlichen Schulung der Arbeiter im rein -sozialistischen<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> und kommunistischen Sinne liegt die eigentliche große -Gefahr, der eigentliche verhängnisvolle Erfolg der ganzen bisherigen -Agitation der Partei. Darüber werden die nächsten Kapitel des Weitern -und Breitern zu reden haben.</p> - -<p>Im Zusammenhang mit dem eben erörterten Revolutionsgedanken ist nun -auch die fernere Beobachtung, die ich machte, nicht uninteressant, -daß der ihm verwandte Gedanke, die sozialdemokratische Phrase von -der Verbrüderung aller Nationen, bisher in der Praxis noch absolut -keinen fruchtbaren Boden gefunden hatte. Vielmehr gerade das Gegenteil -davon konnte man in Chemnitz täglich studieren, da hier wegen der -Nähe der sächsisch-böhmischen Grenze Hunderte von Tschechen, mit -dem Spitznamen „Seffs“ genannt, meist auf Bauten in Arbeit standen. -Zwischen ihnen und den einheimischen Deutschen herrschte durchgehends -Abneigung und Gleichgiltigkeit. Für viele Arbeiterfamilien waren sie -zwar wertvolle und nicht übelbehandelte Erwerbsobjekte; aber man sah -immer auf sie herunter. Sie hatten auch ihre eignen Tanzböden, die -unsre Leute nicht gern besuchten, weil es da zu roh zuging, und es -gab häufig Schlägereien mit ihnen. In unsrer Fabrik hatten selbst -die Deutsch-Böhmen unter dieser Abneigung gegen ihre Landsleute zu -leiden. Von einer Verbindung zwischen Tschechen und unsern Leuten war -jedenfalls nicht das geringste zu spüren.</p> - -<p>Dagegen war es tief betrübend, wenn auch nicht gerade verwunderlich -zu sehen, wie erfolgreich die sozialdemokratische Agitation unter -der <em class="gesperrt">gesamten</em> Arbeiterbevölkerung, vom eingefleischtesten bis -zum harmlosesten Sozialdemokraten herab, gegen den Fürsten Bismarck -hat Stimmung machen können. Kein Mann ist mehr, bitterer, glühender -gehaßt da unten als der Gründer des deutschen Reiches. Über ihn -herrschte <em class="gesperrt">eine</em> Ansicht, <em class="gesperrt">eine</em> Stimme: „Bismarck ist -der größte Arbeiterfeind“ und „Bismarck ist ein Betrüger.“ Das sind -wörtliche Zitate, die ich mehr als einmal gehört habe. Einmal standen -wir etwa ein halbes Dutzend Mann zusammen vor einer großen eisernen -Wand, in die ich mit der Handbohrmaschine Löcher zu bohren hatte. Da -schrieb einer ganz plötzlich mit Kreide Bismarcks Namen in großen -Buchstaben an die Wand und gab uns auf zu raten, was das bedeute. -Er löste uns das Rätsel dann selbst. Es bedeutete zwei Sätze; jeder -Buchstabe des Bismarckschen Namens,<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> je von vorn und hinten gelesen, -war der Anfangsbuchstabe eines Wortes in diesen zwei Sätzen. Der -eine hieß: „<b>B</b>ismarck <b>I</b>st <b>S</b>einer <b>M</b>ajestät -<b>A</b>llmächtigster <b>R</b>eichs-<b>K</b>anzler“ und der andre: -„<b>K</b>ein <b>R</b>eich <b>a</b>rbeitet <b>m</b>it <b>s</b>o -<b>i</b>ntelligenten <b>B</b>eamten.“ „Ja,“ sagte ein andrer darauf, -„Bismarck hat viel Bildung“. Wieso? fragte ich. „Bismarck hat die -meisten Steuern <em class="gesperrt">gebildet</em>,“ war die Antwort. In beiden Fällen -wenig Witz, aber viel Haß. Ein andermal stand ich wieder mit einem -andern zusammen. Wir redeten vom ersten Mai, der hinter uns lag. Der -Mann behauptete, daß in unsrer Fabrik damals kein Wort weder <em class="gesperrt">vor</em> -noch <em class="gesperrt">nach</em> dem „Ersten“ über eine Maifeier gefallen sei. „Und -doch hat man so ernstliche Maßregelungen angedroht; nicht nur von -seiten der Arbeitgeber, sondern auch der Regierung. Aber daran ist -Bismarck schuld; dieser hat das größte Unheil angerichtet. Zwar ist -er nun fort, und das ist gut, aber dafür sind nun seine Anhänger und -Getreuen noch immer sehr mächtig bei der Regierung.“ Noch bezeichnender -war das schon erwähnte Gespräch, das ich wieder zwischen zwei andern -mit anhörte.</p> - -<div class="mtop2 mbot2"> - -<p>A: „Was wird jetzt Bismarck machen?“</p> - -<p>B: „„Der sitzt gemütlich in Friedrichsruh und stellt vielleicht -neue Attentate an, wie 1878.““</p> - -<p>A: „Wieso denn?“</p> - -<p>B: „„Nun, das ist doch klar. Weder Nobiling noch Hödel waren -Sozialdemokraten. Jener war ein Liberaler, dieser ein Stöckerscher. -Beide waren von Bismarck angestellt, um dann das Sozialistengesetz -erlassen zu können.““</p> - -<p>Ich: „Und warum sollte er denn jetzt wieder an so etwas denken?“</p> - -<p>B: „„Um zu verhindern, daß das Sozialistengesetz zum ersten Oktober -endlich aufgehoben wird.““</p> - -</div> - -<p>So thöricht auch dies ganze Gespräch ist — es ist der höchste Grad -von Mißtrauen, Haß und Verachtung, der aus ihm spricht, und der auch -nicht durch ein einziges andres freundliches Urteil über ihn gemildert -erscheint. —</p> - -<p>Aus der breiten Masse der bisher geschilderten -Durchschnittssozialdemokraten hob sich nun meiner Beobachtung noch -eine besonders<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> bedeutsame Gruppe ab, deren Zahl, wie ich zu vermuten -manche gute Gründe habe, heute überall in stetigem Wachsen ist. Es -waren gerade die besonders klugen, praktischen, verständigen, ernsten -und gebildeten Leute, Männer mittlern Alters, die sich auch mit den -weitergehenden sozialdemokratischen wirtschaftlichen und politischen -Problemen nicht ohne Verständnis beschäftigt hatten, und ihnen, wenn -auch mit Kritik, doch teilweise gerade besonders stark huldigten, die -aber trotzdem von der rein politischen Agitationsarbeit der Partei -nichts oder nicht viel hielten und darum, thatenlustig wie sie waren, -sich auf die näher liegende, unmittelbare, praktische Erfolge und mehr -Befriedigung versprechende Arbeit in den Fach- und Gewerkvereinen, in -den Komitees der Kranken- und Unfallversicherungskassen, der freien -Hilfskassen und vor allem auch auf die Thätigkeit innerhalb ihrer -lokalen politischen Gemeinde geworfen hatten; natürlich immer mit -der festen Absicht, diese Arbeit im Sinne der sozialdemokratischen -Grundsätze und selbstverständlich zu Nutzen und Frommen der -sozialdemokratischen, der Arbeiterinteressen zu thun. Aber indem sie -sie thaten, waren sie — mochten sie noch so sehr sozialdemokratische -Gesinnung dabei durchdrücken wollen — doch gezwungen, mit realen -Thatsachen zu rechnen, reale Ziele verfolgen zu lernen. Diese realen -Thatsachen und Ziele beginnen zu interessieren; sie treten vor den -problematischen und fern hinausliegenden der Gesamtpartei voran und -erziehen so diese Männer, die dabei meist immer noch überzeugte -Sozialdemokraten bleiben, zu wahrhaft praktischer politischer und -sozialer Thätigkeit. Damit ist aber ein wirksames Gegengewicht zu -den Träumereien und Utopienjagden geschaffen, denen sie früher -ausschließlich nachhingen und nachgingen, wenn sie ihren politischen -Menschen anzogen; dadurch wird hoffentlich auch mit die Gefahr -vermieden, daß die Sozialdemokratie zu einer kindlichen, nie wirkliche -Reformen erzwingenden Schattenpartei wird und sich lächerlich macht.</p> - -<p>Diese Erfahrung, die ich da eben ausführte, und für die ich auch -besonders aus der aufmerksamen Verfolgung der jüngsten Entwicklung der -sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung ausreichende Beweise bringen -könnte, machte ich in besonders klarer und überraschender Weise -z. B. einmal in einer Sitzung unsers sozialdemokratischen Wahlvereins. -Hier trug an diesem Abend der da<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>malige, jetzt auch abgedrückte -Redakteur der Chemnitzer sozialdemokratischen „Presse,“ wie ich glaube -eine ehrliche Seele, über die damals noch nicht in Kraft getretene -Alters- und Invaliditätsversicherung vor, zunächst hauptsächlich zur -Orientierung der Genossen. Es war eine im großen und ganzen durchaus -sachlich gehaltene Rede. Sie gipfelte in der doppelten Behauptung, daß -das neue Gesetz in der That vielfach noch mangelhaft sei, und daß es -jedenfalls nicht die durchgreifende Hilfe für die Arbeiterschaft und -die Lösung der sozialen Probleme sei, daß man sich aber dennoch nicht -abschrecken lassen dürfte, sondern nun zunächst einmal das Angebotene -annehmen, aber zugleich wacker an der allmählichen Verbesserung dieses -Gesetzes mitarbeiten sollte. Man sollte, so schloß er, endlich einmal -mit dem ganz überflüssigen Räsonnieren und Schnauzen aufhören. Trotz -allem steckte in der Arbeiterversicherung ein guter Kern, den immer -mehr herauszuschälen die Hauptaufgabe wäre. Er gab damit mutvoll -wohl einer Meinung Ausdruck, die vielfach unter den Arbeitsgenossen -verbreitet war, sich aber nur selten und schüchtern ans Tageslicht -wagte, nachdem die offizielle Sozialdemokratie ihr Verdikt über -die heutige Versicherungsgesetzgebung ausgesprochen hat. Denn man -empfindet heute schon dankbar, wenn auch als etwas Selbstverständliches -die bereits deutlich spürbaren Wohlthaten des Gesetzes. Wenn man -irgendwie über sie klagte, so betraf das nach meiner Beobachtung -immer nur einzelne Mängel, wie die dreitägige Karenzzeit zu Anfang -einer jeden Krankheit, oder Mißstände, die sich in der Verwaltung -herausstellten, und an denen oft nur die an ihrer Spitze stehenden -Personen die Schuld hatten. So erzürnte ein Fall, den ich gelegentlich -des Besuches eines meiner erkrankten Arbeitsgenossen erfuhr, ihn und -seine Familie besonders sehr. Es handelte sich da um eine Böhmin, die, -des Deutschen nicht mächtig, bei dieser Familie im vergangnen Sommer -in Schlafstelle gewesen war und auf einem Bau, wie das in Chemnitz -sehr Sitte war, in Arbeit stand. Diese wurde krank. Der herbeigerufene -Arzt aber suchte sie, anstatt sie zu behandeln, schleunigst in ihre -Heimat zu ihren wohlhabenden Eltern abzuschieben. Ihrer Wirtin, die -sie treulich pflegte, fiel das auf, sie spürte der Sache nach, und es -stellte sich heraus, daß die Böhmin sowohl wie eine ganze Reihe ihrer -Arbeitsgenossinnen überhaupt nicht bei der Krankenkasse<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> angemeldet -waren: Bauunternehmer und Krankenkassenarzt hätten, wie meine -Gewährsmännin, die ich übrigens nicht auf die Wahrheit ihrer Erzählung -kontrollieren konnte, behauptete, in gleicher Weise Schuld und — -Profit daran. In der Fabrik gingen die Wahlen der Vertrauensmänner für -die Ausschüsse der Kassen in der ruhigsten, geräuschlosesten, in kaum -bemerkbarer Weise vor sich. Ein Anschlag machte z. B. die Notwendigkeit -einer solchen Ersatzwahl für eine bestimmte Berufskategorie eines Tages -am Thore unsers Fabrikgebäudes bekannt, und an dem dafür bestimmten -Termin ging mitten in der Arbeit ein großer hölzerner, verschlossener, -mit einem Spalt versehener ziemlich primitiver Kasten unter den -Beteiligten von Mann zu Mann; in einer halben Stunde war das ganze -Wahlgeschäft beendigt, der Kasten im Beisein von Arbeiterkommissaren -geöffnet, und am folgenden Tage das Resultat ebenfalls durch Anschlag -an derselben Stelle bekannt gemacht.</p> - -<p>Genau dieselbe freundliche Gesinnung zu den Versicherungsgesetzen kam -nun auch in jener Sitzung unsers Wahlvereins unter den zahlreichen -Anwesenden zum erfreulichen Ausdruck. Zwar — ich wiederhole das -nachdrücklich — fehlten auch gegnerische Stimmen, die sich ganz in -den offiziellen Urteilen der sozialdemokratischen Fraktion über die -Gesetze ergingen, nicht. Aber die Meinung des Vortragenden war doch -auch diejenige der Majorität. Die ganze lange Debatte spitzte sich -schließlich zu einer hartnäckigen Kontroverse zwischen diesem und -seinen Gesinnungsgenossen einerseits und den wenigen Verfechtern -der Sache der sozialdemokratisch geleiteten freien Hilfskassen -andrerseits zu. Unter diesen befand sich einer, der sie besonders -deshalb so eifrig verteidigte, weil er nach seinen Erfahrungen in -einem kleinen erzgebirgischen Industrieorte meinte, daß in den -offiziellen Kassen sich die gewählten Arbeitervertreter in devoter -schweigender Abhängigkeit von den mit im Komitee sitzenden Arbeitgebern -befänden und sich von diesen als stummes Stimmvieh widerspruchslos -zu deren Gunsten und Vorteil mißbrauchen ließen. Dem widersprachen -nun besonders die in solchen gemischten Kommissionen oft schon sehr -lange, seit dem Inkrafttreten der Gesetze sitzenden Genossen mit aller -Entschiedenheit. Sie nahmen für sich die Anerkennung dafür in Anspruch, -daß sie sich thatsächlich niemals hätten in der oben angegebnen Weise -mißbrauchen lassen, vielmehr, wo immer<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> es möglich und nötig gewesen -sei, aufs energischste und in echt sozialdemokratischer Gesinnung -und Mannhaftigkeit die Interessen ihrer Leute wahrgenommen hätten. -Und immer mit gutem Erfolge. „Wenn man in Streitfällen den mit uns -zusammensitzenden Arbeitgebern nur ordentlich mit Gründen kommt, dann -haben sie meist Einsicht und gehen <em class="gesperrt">mit</em> uns, <em class="gesperrt">gegen</em> ihre -eignen Kollegen.“ „Ja es ist,“ so führt ein besonders gewandter und, -wie es schien, hierin viel erfahrener, ungemein kluger Redner aus, „es -ist vorgekommen, daß <em class="gesperrt">wir</em> gegen Zubilligung von Schadenersatz bei -Unfällen, die Arbeitgeber <em class="gesperrt">für</em> einen solchen gestimmt haben. Aber -freilich, man muß überlegen, muß immer sachlich bleiben und gerecht und -billig urteilen. Dann aber thun es jene, wenigstens viele von ihnen -auch. Und dann sind die Gesetze eine Wohlthat, und es kann viel mit -ihnen, viel mehr als durch die freien Hilfskassen erreicht werden. -Trotzdem müssen wir freilich immer mehr an ihnen zu bessern, immer -mehr für uns herauszuschlagen suchen, auch unsre sozialdemokratische -Gesinnung bewahren. Aber das ist auch durchaus möglich. Nur die -offiziellen, nicht die freien Hilfskassen sind, wie nun einmal die -Dinge liegen, lebensfähig und haben die Zukunft; es ist Thorheit, wenn -wir das nicht ausnutzen wollten.“ Und in derselben Weise sekundierten -mehrere andre. Die Debatte wurde so lebhaft und heftig, daß sie noch -gegen zwölf Uhr nicht zu Ende gehen wollte, und daß, als die Sitzung -geschlossen wurde, sie auf dem Nachhausewege zwischen den besonders -stark in sie verwickelt gewesenen wieder aufgenommen wurde und sich an -der Straßenecke, an der ich meine Wohnung hatte, und wo die Streitenden -auseinander gehen mußten, wohl noch eine halbe Stunde lang fortspann. -Das besonders Wertvolle an diesem Erlebnis ist für mich erstens dies, -daß sich hier in der That einmal wieder in einem bestimmten Fall ein -wirkliches Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern -zeigte, und dann, daß hier Sozialdemokraten um wirklich praktische -Fragen stritten und dafür eintraten. Ich begreife für den letztern -Punkt auch die Verteidiger des Hilfskassenwesens mit ein. Denn indem -diese sich mit der Organisation und Verwaltung solcher Kassen, mit der -zeitweiligen Unterbringung und Sicherstellung ihrer Gelder, mit der -Sorge um das finanzielle Risiko und das Gelingen einer solchen Kasse -eingehend beschäftigen, sind auch sie, genau wie<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> jene andern in den -offiziellen Komitees sitzenden Arbeiter, genötigt, ihr ganzes Augenmerk -von utopistischen Phantasien ab und auf wirkliche, ihre Fähigkeiten -zunächst ganz in Anspruch nehmende Aufgaben zu richten — in meinen -Augen ein ganz eminenter, vielverheißender Fortschritt. Dasselbe gilt -in gleichem, in Zukunft vielleicht noch höherm Maße für die Thätigkeit, -die heute schon einzelne unsers Wahlvereins in der Verwaltung ihrer -Ortsgemeinde, in der sie ansässig waren, entfalteten. Auch hier -traten die sozialdemokratische Gesinnung und die sozialdemokratischen -Ziele, deren Verwirklichung sie, wenn auch je nach ihrem Alter, ihren -Fähigkeiten, ihrer Erfahrung und ihrem Charakter mehr oder weniger -gemäßigt anstrebten, deutlich hervor: aber das ist auch hier das -glückliche, daß sie die harten Thatsachen und die oft in der That, -namentlich in der Kassenverwaltung der Gemeinden vorhandnen großen -Übelstände zwingen, ihre Ideale, Wünsche und Bestrebungen immer nur -in der Arbeit von Fall zu Fall, in gründlicher Einzelthätigkeit, -schrittweise, korrigiert und abgeschliffen an den Ansichten und an -dem Willen andersgesinnter, wenn überhaupt, dann nur teilweise zu -Geltung und Wirksamkeit zu bringen. Endlich ließe sich von demselben -Gesichtspunkte aus ein Ähnliches, vielleicht heute noch nicht so -Überzeugendes, aber doch sehr Hoffnungsvolles von der Arbeit der in der -neuesten Phase der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung stehenden -Arbeiter behaupten. Doch enthalte ich mich hier weiterer Ausführungen, -die ich aus meiner eignen Fabrikarbeiterzeit mit schlagenden Beispielen -zu belegen nicht imstande wäre.</p> - -<p>Dieser großen Masse der Durchschnittssozialdemokraten, die ich bisher -zu schildern versucht habe, steht nun schließlich eine letzte, -nicht minder große Gruppe von Arbeitsgenossen gegenüber. <em class="gesperrt">Sie -umfaßt alle diejenigen, die überhaupt keine eigne politische und -soziale Überzeugung haben, sie auch nicht einmal zu gewinnen sich -bemühen, und die sich doch Sozialdemokraten nennen und noch mehr -als solche fühlen und wissen.</em> Sie sehn nur sehr selten einmal -in eine sozialdemokratische Zeitung hinein, sie gehn kaum in eine -sozialdemokratische Versammlung, sie suchen nicht sozialdemokratische -Gespräche. Aber sie schwören gleichwohl auf das sozialdemokratische -Programm. Sie sind entweder zu leichtsinnig<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> und genußsüchtig, oder -zu unfähig und gedankenlos, oder zu faul und feige, oder auch — die -bedauernswertesten — dauernd zu gedrückt und sorgenvoll, um sich damit -zu beschäftigen. Sie wählen sozialdemokratisch, aber kümmern sich sonst -nicht viel um die Partei, in der sie vor allem den Ausdruck ihrer -Unzufriedenheit sehn. Sie haben von nichts eine klare Vorstellung, -nur ungewisse Wünsche, verbitterte Stimmungen, Sehnsucht, daß es mit -ihrer teils selbstverschuldeten teils unverschuldeten Lage bald anders, -womöglich besser werden möchte. Es sind oft die ärgsten Schreier, -die rohsten Gesellen, die echten verlumpten Proletarier in der -ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Aber es sind ebenso oft stille, -gedrückte, hilf- und haltlose Menschen, harmlose Seelen, die niemand -den kleinen Finger krümmen, denen die hochaufzischenden Wogen der -wirtschaftlichen Stürme rettungslos über dem Kopfe zusammenschlagen. Es -sind unter ihnen Kandidaten für Korrektionshäuser wie für christliche -Arbeitervereine. Und alle Berufsklassen, alle Altersstufen sind auch -unter ihnen vertreten, besonders stark aber doch die Jugend zwischen -dem sechzehnten und zwanzigsten Jahr etwa. <em class="gesperrt">Denn nach allen meinen -Erfahrungen sind die meisten jungen Leute noch ohne nur irgendwie klare -und bewußt gewollte politische und soziale Meinungen, auch ohne die -vermuteten üblichen sozialdemokratischen.</em> Das hatte, wenigstens in -der von mir studierten Arbeitergruppe, seinen hauptsächlichsten Grund -in der unbegrenzten Vergnügungssucht der Burschen und in der leichten -Möglichkeit, sie zu befriedigen. Sie bringen die Sonntagnachmittage und -Nächte meist auf den Tanzböden, die Wochenabende ebenfalls so oft als -möglich mit ihren Mädchen oder auf gemeinsamen Spaziergängen, und die -besten von ihnen in Zither-, Feuerwehr- und Turnvereinen zu. Dann haben -sie bei der Arbeit und während der Arbeitspausen meist weder Zeit noch -Lust noch Kraft noch Gelegenheit, sich mit den schwierigen politischen -Dingen zu beschäftigen. Das kommt dann erst meist nach der Heirat, -durch den Ernst und Zwang des Lebens. Die — nach meinen Beobachtungen -— <em class="gesperrt">nicht zahlreichen</em> jungen unverheirateten Leute aber, die -sich im Gegensatz zu ihren Altersgenossen schon frühzeitig für die -politischen und sozialen Fragen interessieren, thun das dann immer auch -mit dem ganzen Ungestüm und Feuereifer der Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> und sind, wie schon -gesagt, die besten Handlanger und Knappen der Agitatoren am Orte.</p> - -<p>Diese dritte Gruppe hat ein sehr bezeichnendes besonders scharf -und rücksichtslos ausgeprägtes Charakteristikum an sich: <em class="gesperrt">die -stetige Rücksicht auf den persönlichen Vorteil</em>. Sie pfiffen — -wie es gar nicht anders zu erwarten war —, auch wenn man es ihnen -noch so dringend einpaukte und auf sie moralisch drückte, auf alle -Sozialdemokratie, <em class="gesperrt">wenn sie keinen Nutzen von ihr hatten</em>. -Gerade bei ihnen versagte immer am ersten die Autorität der -sozialdemokratischen Führer in der Fabrik ihre Wirkung.</p> - -<p>Sie teilten nun freilich diese Eigenschaften auch mit einem großen -Teile der Angehörigen der vorhergeschilderten zweiten, ja selbst -der ersten Gruppe der Elitesozialdemokraten. Nur waren bei diesen -Gesinnungstüchtigern die Beweggründe für solche Gesinnungsuntreue -vielleicht etwas gewichtigere, jedenfalls niemals so skrupellos -und niedrig, sondern überlegter, manchmal erst nach langem innern -Kampfe zugestanden. Aber so und so — in all den kleinen Fragen des -täglichen Betriebes, die während meiner Anwesenheit in der Fabrik -auftauchten, gab doch immer nicht die Rücksicht auf die freilich -diktatorisch starren und rücksichtslosen Grundsätze und Prinzipien der -Partei, nicht die so oft in stürmischen Versammlungen, wo die Wogen -der sozialdemokratischen Begeisterung hochgingen, gelobte Treue die -Entscheidung und den Ausschlag, sondern — zum Jammer der führenden -sozialdemokratischen Heißsporne — <em class="gesperrt">die von jedem selbsterprobte -praktische Erfahrung und nüchterne und besonnen abwägende Überlegung, -die nur zu gewisse Kenntnis von den Grenzen ihrer Macht, der Gedanke an -Weib und Kind, ja, auch bei den idealer angelegten und ernstern unter -ihnen, die Rücksicht auf das Wohl und Wehe, das platte, augenblickliche -Interesse</em>.</p> - -<p>Diese Thatsache trat bei einem Falle besonders frappant zu Tage, -bei dem Versuche der Bildung einer ständigen Arbeitervertretung -in unsrer Fabrik. Die Sache ist auch nach andern Seiten hin so -interessant und bei der augenblicklich schwebenden Streitfrage über -die Arbeiterausschüsse so lehrreich, daß ich die ganze Geschichte der -Einführung dieser sogenannten Arbeitervertretung hier aus<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>führlich -darlegen will. Sie scheint freilich kein allzu günstiges Licht auf -unsre Fabrikleiter zu werfen; doch glaube ich trotzdem, daß sie in -diesem Falle <span class="antiqua">bona fide</span>, in aufrichtiger Gesinnung, mit bestem Wissen -und Willen gehandelt haben können.</p> - -<p>Eines Tages, ich war noch nicht lange in der Fabrik, erschien plötzlich -ein Anschlag an den Fabrikthoren mit folgendem Inhalt:</p> - -<p>„Um bei Fabrikseinrichtungen und sonstigen Anordnungen u. s. w. auch -die Wünsche und Ansichten unsrer Arbeiter kennen zu lernen, wollen wir -eine Arbeitervertretung, aus 6 Personen bestehend, wählen lassen.</p> - -<p>Wahlberechtigt sind alle diejenigen, welche das 21. Lebensjahr -überschritten haben.</p> - -<p>Die zu wählenden Vertreter müssen mindestens 30 Jahre alt und -mindestens seit 3 Jahren in unsrer Fabrik ununterbrochen beschäftigt -sein.</p> - -<p>Die Wahl erfolgt in der Weise, daß jeder Wahlberechtigte die 6 Namen -der zu erwählenden Vertreter auf die 1. Seite des Einrechnungsbogens -bis nächsten Freitag abend schreibt; diejenigen 6 Personen, welche die -meisten Stimmen auf sich vereinigen, gelten als gewählt, und wird das -Resultat durch Anschlag bekannt gegeben.</p> - -<p>Die Ablehnung derjenigen gewählten Arbeiter, welche uns für diese -Vertrauensstellung nicht geeignet erscheinen, behalten wir uns vor, -und würden vorkommenden Falls Arbeiter, welche die nächst höhere -Stimmenzahl auf sich vereinigen, einzutreten haben.</p> - -<p>Bei der Stimmenauszählung haben sich</p> - -<p class="mleft3">Dreher H. und Schmied N.</p> - -<p class="p0">zu beteiligen.“</p> - -<p>Das heißt also kurz: Die geplante Arbeitervertretung hat den Zweck, -bei neuen Fabrikeinrichtungen aller Art die Ansichten der Arbeiter -kund zu geben. Sie besteht aus sechs Mann, die ohne Rücksicht auf die -einzelnen Berufskategorien gewählt werden können. Wahlberechtigt ist -jeder einundzwanzigjährige Arbeiter, wahlfähig jeder dreißigjährige -und ältere, der drei Jahre der Fabrik angehört. <em class="gesperrt">Die Wahl ist eine -offne und bedingte. Wer von den Gewählten der Direktion zu dem Amte -ungeeignet erscheint, wird zurückgewiesen.</em> An seine Stelle tritt -der mit der nächst höchsten Stimmenzahl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span></p> - -<p>Die Bekanntmachung wurde an jenem Tage, da sie angeschlagen war, oft -und genau, von vielen vielmals gelesen. Ich drückte mich absichtlich, -so oft ich es ohne aufzufallen riskieren konnte, vor dem Anschlage -herum. Ich fand, wie eine sehr große Anzahl der Arbeitsgenossen ihn -still für sich studierte und bald nachdenklich bald auch gleichgiltig, -wie sie gekommen waren, wieder an ihre Arbeit gingen. Eine ebenfalls -nicht geringe Zahl machte ihre Späße dazu, die teils ganz harmloser Art -teils aber beißende Satire über die ganze neue Einrichtung waren. Wenn -ein besondrer Dummkopf oder harmloser Geselle zufällig dabei stand, mit -dem man auch sonst gern seine Allotria trieb, versicherte man diesem -ganz ernsthaft, daß man gerade ihn auf jeden Fall wählen und zu diesem -Ehrenposten verhelfen würde. Wenige murrten. Ein einziger jüngerer -Mann, etwa ein dreißiger, sprach sofort scharf seine Mißbilligung -über den Anschlag offen aus. Die Sache taugte in der Form, wie sie -hier geplant wäre, absolut nichts, sondern wäre ein totgebornes Kind. -Einige, die dabei standen, wagten schüchterne Einwände. Sie gaben die -Fehlerhaftigkeit des Planes zu; doch müßte man erst abwarten. Wen ich -sonst von den Arbeitern an diesem und dem folgenden Tage über die Sache -um seine Meinung befragte, zuckte die Achseln und sagte gar nichts. -Nach ein paar Tagen aber war man — so war wenigstens die allgemein -sich äußernde öffentliche Meinung — darüber einig, daß die ganze -Sache mindestens falsch angefangen, wahrscheinlich aber wieder ein -schlauer Coup der Fabrikleitung gegen die Arbeiter wäre. Das bewiese -schon der Wahlmodus. Die offne Wahl wäre angeordnet, um die Gesinnung -jedes einzelnen Mannes kennen zu lernen. Wählte er energische, klar -denkende, ihn wirklich ehrlich und offen vertretende Genossen, so wüßte -man sofort, daß er ebenfalls Sozialdemokrat wäre, wie die gewählten. -Denn nur diese hätten den Mut einer freien Meinung. Wählte er zahme -und untaugliche, so hätte die ganze Einrichtung eben keinen Zweck, -denn die würden zu allem, was die Herren wünschten, ja sagen und bei -wirklichen Mißständen von selbst niemals den Mund aufmachen. Aber -solche Arbeiter wollten die Herrn auch nur, das zeigte deutlich der -fünfte Abschnitt des Anschlags. Wenn jene erste Absicht erreicht wäre, -und man erst die Gesinnung der einzelnen ehrlichen Wähler erkannt -haben würde, würde man sich einfach ohne Rücksicht auf die Höhe<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> der -Stimmenzahl die zahmen und genehmen Kandidaten aussuchen und aus -ihnen eine Arbeitervertretung bilden, „die für die Herren ebenso Luft -wäre, wie überhaupt keine.“ Auch wollte man wahrscheinlich mit der -Einrichtung dieser Scheinvertretung andern größern Verpflichtungen -für später aus dem Wege gehn. Denn es wäre ja nur noch eine Frage -der Zeit, daß mit dem Inkrafttreten des neuen Arbeiterschutzgesetzes -wirksame Arbeitervertretungen gesetzlich eingeführt würden. Da hoffte -man denn, diesen Zwangseinrichtungen zuvorzukommen, sich vielleicht -um sie herumdrücken zu können und sich zugleich den Schein von -Arbeiterfreundlichkeit zu geben. So hoffte man, drei Fliegen mit einem -Schlag zu treffen, und die Arbeiter wären, wenn sie darauf eingingen, -wieder einmal die Dummen.</p> - -<p>Diese Ansichten blieben die maßgebenden; die Folge war, daß, wenn -ich recht beobachtet habe und recht unterrichtet worden bin, an -dem aufgegebnen Wahltermine kaum die Hälfte der Leute überhaupt -Namen auf ihr Lohnberechnungsblatt eingetragen hatten. Die übrigen -hatten sich standhaft der Wahl enthalten. Darauf erschien ein neuer -Anschlag, erklärte diese erste unvollständige Wahl wegen zu geringer -Beteiligung für ungiltig, setzte einen neuen Wahltermin an und -forderte <em class="gesperrt">alle</em> Arbeiter energisch zur Wahl auf. <em class="gesperrt">Das wirkte. -Die allergrößte Mehrzahl wählte nunmehr und wählte Kandidaten, die -durchweg die Bestätigung der Fabrikleitung erhielten.</em> Ihre Namen -wurden bekannt gemacht, und die neue Arbeitervertretung damit für -konstituiert erklärt. Aber ich habe in den mehr als zwei Monaten, die -diesem Vorgange folgten, und während deren ich noch in der Fabrik -war, niemals wieder auch nur das geringste Lebenszeichen von dieser -Arbeitervertretung gespürt. So oft ich auch die Kollegen danach -fragte — niemand wußte etwas von ihr. Für die denkenden und scharf -sozialdemokratisch gerichteten war das nur ein neuer Beweis für die -Richtigkeit ihres vorhin mitgeteilten Verdachtes.</p> - -<p>Noch eine Geschichte andrer Art, die aber dasselbe beweist. Sie -betrifft einen sehr überzeugten Sozialdemokraten unsrer Fabrik, -einen überaus tüchtigen Mann, dessen bedeutsame Arbeit schon früher -gewürdigt worden ist. Sie wurde damals im ganzen Bau von ihm allein -verrichtet. Früher hatten sie zwei Mann gethan. Aber unser Mann -arbeitete gleich nach seinem Eintritt in die Fabrik so<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> auffällig -eifrig und intensiv (obgleich er nicht in Akkordlohn stand), daß man -den andern schwächern bald entbehren konnte, ihn entließ und dafür den -allein Zurückgebliebenen wohl etwas besser lohnte. Das war nun zwar -für ihn vorteilhaft und wohl auch verdient, aber durchaus gegen das -sozialdemokratische Solidaritätsprinzip, das doch, so viel ich weiß, -den mittelalterlich-zünftlerischen Satz wieder wahr machen will: Was -zwei ernährt, soll nicht einer thun. Aber es zeigte sich eben auch -in diesem Falle, wie in dem vorher Geschilderten und wie sonst oft: -Das eigne, augenblickliche Interesse siegt auch über eine sehr viel -versprechende sozialpolitische Prinzipienreiterei und eine sonst reine -und klare sozialdemokratische Gesinnung.</p> - -<p>So bewährt sich an all dem Berichteten mit vollster Deutlichkeit, -daß die rein politische und soziale Agitation der Sozialdemokratie -bei dem phantastischen, unaussprechlichen, unfaßbaren Charakter -ihrer Lehrsätze, sowie bei dem nüchternen praktischen Charakter, der -trotz aller Schwärmerei und Träumerei auch dem deutschen Arbeiter -noch innewohnt, und im Verhältnis zu der Fülle von Zeit und Kraft, -die nunmehr seit Jahrzehnten in Chemnitz auf <em class="gesperrt">diese</em> Agitation -verwendet worden ist, bisher eigentlich nicht allzu große Erfolge -erzielt hat und daß es ihr jedenfalls noch nicht gelungen ist, der -Mehrzahl der Arbeiterschaft dieselben ganz gleichen politischen -Ansichten und Wünsche einzuprägen. Ich glaube, daß es auch in -Zukunft niemals viel anders damit werden wird; jedenfalls behaupte -ich mit vollster Entschiedenheit, daß die ganze sozialdemokratische -Propaganda auf diesem Gebiete überhaupt nicht ihre wirkungsvollste und -tiefstgreifendste Arbeit thut. Diese liegt auf einem andern wichtigern -Felde, von dem das nächste Kapitel reden wird. Aber das eine Große hat -sie doch auch sozialpolitisch unter den Arbeitern erreicht, daß diese -sich trotz aller Unterschiede, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten -als eine große politische und soziale Schicht empfinden gelernt haben -und sich nun dauernd mit einander solidarisch verbunden und durch die -Sozialdemokratie, ganz einerlei wie sie im einzelnen zu ihr stehn, -vertreten wissen. Und so sehr einerseits die Recht hatten, die es mir -in der Fabrik bitter klagten, daß die Arbeiter nur in Versammlungen -zusammen hielten, sonst aber nicht zusammenstünden, so sehr ist es doch -auch Thatsache, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> sie sich andern politischen Parteien und sozialen -Gesellschaftsschichten, gerade in Stunden, da die Begeisterung erwacht, -bei Wahlen und eben auch in solchen Versammlungen unwillkürlich und -selbstverständlich als <em class="gesperrt">eine</em> große Masse entgegenstellen.</p> - -<p>Nach alledem darf man sich die Arbeiterschaft, unter der ich lebte, in -Hinsicht auf ihre politischen und sozialen Gesinnungen nicht als eine -uniforme, gleichmäßige und gleichwertige Masse vorstellen, sondern -vielmehr — in einem Bilde — <em class="gesperrt">als einen gewaltigen pyramidalen Bau, -zu dem sie durch den Mörtel der sozialdemokratischen Agitation fest -und wuchtig genug zusammengefügt ist. Ihre Spitze bilden die oben -vielgenannten Elitesozialdemokraten. Aber von diesen, den Führern, und -der kleinen Schar ihrer Getreusten geht es allmählich in immer breitern -Absätzen bis zu der chaotischen Masse aller derer hinab, die nur -deshalb Sozialdemokraten sind, weil sie, was ihnen heutzutage durchaus -nicht zu verdenken ist, bei den Wahlen einem von „ihresgleichen,“ einem -Arbeiterkandidaten, einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben.</em></p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel"><span class="s5">Sechstes Kapitel</span><br /> - -<b>Bildung und Christentum</b></h2> - -</div> - -<p>Die Arbeiter unsrer Fabrik setzten sich deutlich aus drei -Bevölkerungsgruppen zusammen: aus ehemaligen ländlichen Arbeitern, -Knechten, Tagelöhnern und Häuslern, die teils aus ihrem heimatlichen -Dorfe verzogen waren, teils von ihm aus täglich zur Fabrik kamen; -aus eigentlichen großstädtischen Industriearbeitern, die ganz -selbstverständlich schon von Kindesbeinen an für die Fabrikarbeit -bestimmt gewesen waren, und deren Großeltern, wenigstens aber -Eltern ebenfalls schon ihr Brod und ihren Lebensberuf in der Fabrik -gefunden hatten, und endlich aus Angehörigen kleiner Handwerker- -und Beamtenfamilien, die meist aus kleinen oder mittelgroßen -Provinzialstädten, seltner aus einer Großstadt zu uns herein ge<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>kommen -waren. Die mittelste Gruppe war selbstverständlich die an Köpfen -zahlreichste; jedoch kam ihnen die Schar der ehemaligen Landbewohner -auch sehr nahe; die kleinste Gruppe bildeten die zuletzt genannten -Klein- und Mittelstädter. Diese waren übrigens fast durchweg -gelernte Leute, meist Schlosser, und standen noch in jugendlichem -Alter, zwischen 18 und 23 Jahren; die Leute vom Lande thaten dagegen -Handarbeit oder waren an Bohr-, Hobel- und Stoßmaschinen beschäftigt; -die eigentlichen, wenn man so sagen darf, zunftmäßigen Fabrikarbeiter -verteilten sich endlich auf alle drei Kategorien der Handarbeit, der -Maschinenarbeit und auch — freilich zu einem geringen Teile — der -gelernten Berufe der Schlosser, Schmiede, Tischler, Zimmerleute.</p> - -<p>Es ist selbstverständlich, daß die Angehörigen dieser drei Gruppen -auch den Geist, die Gesinnung, den sozialen Charakter, die -Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten mit in die Fabrik und das -Zusammenleben unsrer Arbeiterschaft hineinbrachten, die in den drei -sonst getrennten Bevölkerungsschichten ganz verschiedenartig vorhanden -sind. Natürlich blieben dieselben hier nun nicht scharf von einander -getrennt und dauernd rein erhalten. Vielmehr rieben sie sich stark -aneinander, schliffen sich gegenseitig ab und wurden, namentlich unter -dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation und des eigentümlichen -neuen Fabriklebens, mehr oder weniger nivelliert. Und das geschah -bei den einzelnen Leuten desto schneller und intensiver, je länger -sie bereits diesem Fabrikleben angehörten und je rückhaltloser sie -die Verbindung mit der Vergangenheit gelöst hatten. Dennoch flutete -immer von frischem, in immer neuer Reinheit derselbe dreifache -Strom der Gesinnung und Gesittung, der politischen und sozialen -Anschauungen und Wünsche in unsre Fabrik herein, da immer von neuem -frische Kräfte vom Lande und aus den kleinen und Mittelstädten in sie -eintraten, die einen, vor allem die ländlichen, um dauernd in ihr zu -bleiben, jene andern, um nur eine längere oder kürzere Zeit durch sie -hindurchzugehen, zu lernen, was hier zu lernen war, und dann in den -Kleinbetrieb der väterlichen Werkstatt zurückzukehren oder in kommunale -und staatliche Anstalten technischer Art, wie Eisenbahnwerkstätten, -Feuerwehrdepots, Gas- und Wasserleitungsanstalten als subalterne -technische Beamte einzutreten oder auch, falls sie in der Fabrik -blieben, doch<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> hier oft Meister oder Monteure und damit ebenfalls der -eigentlichen Arbeiterklasse entnommen zu werden.</p> - -<p>Entsprechend dieser scharf unterscheidbaren und in ihrer Wirksamkeit -nach allen Seiten und Beziehungen hin bedeutsamen dreifachen sozialen -Schicht war nun auch, man kann ruhig sagen, eine dreifache Art der -<em class="gesperrt">geistigen Bildung</em> deutlich unter ihnen zu erkennen. Diese ist -freilich nicht allein durch jenen Einfluß entstanden; aber ebensowenig -würde der andre gleichwichtige Faktor, der zur andern Hälfte daran -Ursache war, der Unterricht in den verschiedenen Schulen, die die -Leute besucht hatten, und zwar der Dorfschule für die ehemals -ländlichen Arbeiter, der sogenannten Bürgerschule, für die aus -sozial besser situierten Kreisen stammenden Mittelstädter und der -einfachen großstädtischen Gemeinde-, Bezirks- oder Volksschule für -die eigentlich großindustriellen Fabrikarbeiter, diese dreifache Art -von Bildung allein haben zeitigen können. Dazu sind die Unterschiede -dort der Erwerbsart, des Einkommens, der Lebensgewohnheiten, hier -des Lehrpersonals, der Lehrform, des Lehrinhalts an sich nicht groß -genug. Erst der gemeinsame Einfluß beider Faktoren hat sie nach allen -meinen Beobachtungen hervorgebracht. Denn indem je eine dieser drei -Schularten sich überwiegend benutzt zeigt von allemal je einer der drei -Bevölkerungsgruppen, und indem so die geistige Eigenart der Schule mit -der ganzen sozialen Eigenart der betreffenden Bevölkerungsschicht, -deren Kinder eben diese Schulen hauptsächlich besuchen, zusammentrifft -und sich unwillkürlich in den einzelnen kleinen Persönlichkeiten der -Kinder verbindet, entsteht in der That eine immer von den beiden andern -deutlich unterscheidbare Qualität des Wissens, des Denkens, des ganzen -geistigen Niveaus, von denen man jede nunmehr mit Recht als eine -eigentümliche Kategorie der Bildung bezeichnen darf, und von denen eine -jede in den Personen zahlreicher Arbeiter bald reiner bald unbestimmter -verkörpert war.</p> - -<p>Ich beginne mit der Schilderung der Dorfschulbildung, wie sie an -meinen ehemals ländlichen Arbeitsgenossen zu Tage trat. Sie zeigte -sich, das ist ihr oberstes Charakteristikum, als durchaus religiös und -konfessionell dogmatisch bestimmt, als eine, man kann wohl kurz sagen, -biblische Bildung. Und das war ebenso natürlich als erklärlich. Der -Religionsunterricht der Dorfschule nimmt anerkanntermaßen<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> qualitativ -und quantitativ den breitesten Raum in ihrem Lehrgebäude ein. Aber -nicht nur das, er ist auch das starke Rückgrat des gesamten übrigen -Unterrichts. Der Geist und der Ton, der in jenen herrscht, wird weniger -in ausdrücklichen Worten und mit bewußter Lehrtendenz als durch die -Persönlichkeit und die Haltung des Lehrers und durch die ganze Art -seines Unterrichtens auch in die übrigen Lehrstunden hineingetragen und -gilt jedenfalls vor allem in den Augen der Kinder als derselbe hier -wie dort. In den Singstunden werden geradezu außer Vaterlands- und -Volksliedern, die aber ebenfalls vielfach religiösen Charakter tragen, -besonders Choräle und Gesangbuchslieder geübt; das Lesebuch, das in der -Lesestunde benutzt wird, enthält zahlreiche religiös-moralisierende -Erzählungen, und der Geschichtsunterricht ist zu einem großen Teile -Unterricht in der jüdischen und biblischen Geschichte; so wird auch -ganz unwillkürlich in der Schreib- und Rechenstunde, in der Geographie -und Naturkunde der höhere letzte Gesichtspunkt, der sie beherrscht, der -religiöse sein. Dazu kommt, daß das Familienleben im Elternhause, die -gesamte Lebensanschauung der Dorfgenossen, die ganze Sitte, die in der -<em class="gesperrt">Gemeinde</em> herrscht, kirchlich, religiös beeinflußt und bestimmt -ist, daß also auch hier, außerhalb der Schule, der heranwachsende Knabe -immer und überall auf Gedankenkreise, Ansichten, Worte, Handlungen und -Gewohnheiten trifft, die durch dieselben geistigen Faktoren bedingt -sind, die den gesamten Unterricht in der Schule erfüllen und treiben. -Und diese Einflüsse ändern sich auch nicht, wenn er die Schule verläßt -und als Knecht, als Tagearbeiter oder Eigenhäusler seinen Lebensberuf -in der Heimat gefunden hat. Zeigt er außerdem, was nicht häufig ist, -auch nach der Schulzeit einiges Bedürfnis nach geistiger Fortbildung, -so ist wieder der Pfarrer der einzige gebildete Mann, mit dem er ab -und an zusammentrifft und sich auszusprechen vermag. Dieser aber hat -seinerseits, so oft er mit ihm verkehrt, zunächst seelsorgerische -Absichten und Pflichten gegen ihn und vermittelt ihm darum neue -Gedanken auch wieder nur in vorwiegend religiöser Form und Hülle; und -endlich bleibt die Kanzel die einzige Stätte, sind Bibel, Gesangbuch -und vielleicht noch ein von den Vätern ererbtes uraltes Gebetbuch meist -die einzigen Bücher, woher er sich seine geistige Nahrung und seine -Anregungen holt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>So wird es geradezu zu einer Notwendigkeit, daß der Vorstellungskreis, -den der schlichte, handarbeitende Mann auf dem Lande sich allmählich -aneignet, durchaus auf der religiösen Seite liegt, daß der kleine -Schatz von Wissen, den er besitzt, auf das Gebiet des profanen -Wissens der Schrift beschränkt und von dem Stand ihrer geistigen -Bildung durchaus abhängig ist, und daß er die Gedanken, die er -allmählich selbständig denken lernt, in den Bahnen, in den Formen, den -Kategorien und Begriffen denkt, in denen die Menschen der heiligen -Schrift gedacht haben. Seine Geschichtsauffassung ist unlösbar -verknüpft mit dem Wunderglauben, ohne den die Jahrhunderte des -Altertums, des Mittelalters und des nachreformatorischen Zeitraums -bis zur Aufklärungszeit die Vergangenheit nicht auszufüllen und -sich vorzustellen vermochten. Die Natur ist ihm ein unerforschtes, -undurchdringbares Rätsel, eine schweigende Sphinx, über die ein -dichter Schleier gebreitet ist; er kennt noch nichts von den -Entwicklungsgesetzen, die die moderne Wissenschaft lehrt, von Urschleim -und Stoffwechsel; und der biblische Schöpfungsbericht ist ihm nach -wie vor die eigentliche Quelle seiner Naturauffassung, der einzige -maßgebende Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Welt. Endlich das -gesellschaftliche Leben der Menschheit erscheint ihm, wenn überhaupt, -so wie in Israel vornehmlich von religiösen und sittlichen Beweggründen -bestimmt und durch das in die erstarrte Sitte gebannte kirchliche -Gemeindeleben geregelt.</p> - -<p>Und diese so gestaltete biblische Anschauungsform erwies sich mir um so -fester in Kopf und Herz der Leute eingeprägt, als sie deutlich in ihren -Augen getragen und gestützt, verbrieft und versiegelt erschien durch -die überlieferte und unfehlbare Autorität der Schrift, aus der sie -stammt. Diese Autorität gilt ihnen gemäß der alten Auffassung von der -Inspiration nicht bloß, soweit diese Schrift „Jesum Christum treibet,“ -sondern sie gilt gleichwertig und gleich einschränkungslos von allem -andern, was sie an profanem Wissen mitteilt, bis auf den Punkt über -dem i. Ich sah, daß sie in ihr nicht nur auf die Frage befriedigende -Antwort suchten, wie der Mensch den Frieden des Herzens gewinnen kann, -sondern auch auf alle möglichen Zweifel des Verstandes und Fragen des -Wissens. Ja ich darf sagen, zu diesem letzten Zwecke waren sie ganz -besonders gewöhnt,<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> die Schrift zu benutzen, während ihnen ihr Wert für -die Lösung der andern Frage meist völlig unklar geblieben war.</p> - -<p>Dazu trat als eine dritte ebenso wichtige und von allen ernsten -gedankenvollen Männern längst anerkannte, in meinem Verkehr mit den -Leuten ebenfalls täglich bestätigte Erscheinung der Umstand hinzu, daß -heutzutage in der Schule die Heilsthatsachen des Evangeliums nicht -als persönliche Lebenswahrheiten unmittelbar, sondern als Lern- und -Memorierstoff lehr- und schulmäßig, wie sie im Katechismus formuliert -sind, nicht den Herzen, sondern den Köpfen der Kinder übermittelt -zu werden pflegen. Der Religionsunterricht ist hier also vorwiegend -Verstandesunterricht anstatt Erziehung des Charakters; die christliche -Heilswahrheit kalter Lernstoff anstatt warme, alles durchdringende -Lebenskraft; Jesus Christus — nach dem Vorgang des Dogmas — mehr ein -metaphysisches Rätsel als eine historische gottvolle Persönlichkeit. -Und darf ich nach meinen Erfahrungen weiter schließen, so ist auch -der übliche Konfirmandenunterricht kein Ersatz für den Mangel des -Schulunterrichts. Seine Hauptaufgabe, eine feste Grundlage für -die Auseinandersetzung der ewigen Wahrheiten der Religion mit den -mannigfachen Thatsachen der Erfahrung zu bieten, leistet auch er heute -— nach seiner Wirkung auf die Leute zu schließen — nicht. Vielmehr -ist es meine durchgehende Beobachtung, daß der vielleicht feierliche -Eindruck der Konfirmation in kurzer Zeit schon in der Jugend spurlos -verwischt ist.</p> - -<p>Diese drei Züge, die Abhängigkeit der geistigen Bildung von den -Gedankenkreisen und der Bildungsweise der Schrift, die falsche -Auffassung von ihrer Autorität und die vorwiegend verstandesmäßige -Aneignung der Wahrheiten des Christentums gaben ausschließlich der -Bildung die Signatur, die jene ehemaligen Landbewohner, mehr oder -weniger scharf geprägt, immer von neuem mit in die Stadt und unsre -Fabrik hineinbrachten, und die hier für sie bis auf den letzten -Mann unter ihnen auch immer von neuem die Ursache einer schweren -intellektuellen und religiösen Krisis wurde, in der diese Bildung dann -fast immer Bankerott und einer andern Platz machen mußte.</p> - -<p>Einen andern Charakter zeigte die Bildung der jungen Leute, die aus -meist besser situierten Handwerker- und kleinen Beamtenfamilien<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> eben -erst zu uns hereingekommen waren. In den Bürgerschulen, die sie besucht -hatten, sind die Schulstunden zahlreicher, der Lehrplan reichhaltiger, -der Lehrinhalt größer und gehaltvoller als in jenen Dorfschulen. -Was hier an Lehrstoff geboten wird, sind nicht nur, wie dort -vielfach, bloße Anfangsgründe, sondern mehr, meist ein abgerundetes, -geschlossenes, systematisches Ganze, das den Versuch macht, zwar nicht -den gesamten Inhalt eines Wissensgebietes den Kindern nahe zu bringen, -wohl aber ihnen doch einen klaren Überblick über diese gesamte Materie, -z. B. der Geographie, Naturgeschichte u. s. w., und jedenfalls die -praktisch wertvollen Hauptsachen und das ganze Gerippe der Disziplin zu -geben. Weiter ist der Unterricht in diesen einzelnen Fächern offenbar -ganz anders als in der Dorfschule Selbstzweck. Er vollzieht sich lange -nicht so wie dort in einer religiös-moralisierenden Atmosphäre; der -in ihnen gelehrte Wissensstoff fußt vielmehr auf den Ergebnissen der -neuen, modernen Wissenschaft und ist unabhängiger als dort von dem -Wissensstoffe der Bibel und der Gedankenwelt des überlieferten Dogmas. -Der Unterricht ist also moderner und profaner zugleich; nicht jede -Schulstunde ist so wie dort eine religiös bestimmte Stunde.</p> - -<p>Der Religionsunterricht selbst aber ist nur ein allerdings bedeutsamer -Bestandteil des Unterrichts, aber eben nur wieder ein Bestandteil -des Unterrichts, nicht der Erziehung, der im allgemeinen den andern -Fächern gleichartig betrieben wird. Denn der Religionsunterricht ist -auch hier genau wie in der Dorfschule vorwiegend Katechismusunterricht. -Sein Gegenstand ist das logisch mit den Mitteln einer antiken -längstveralteten Wissenschaft aufgebaute Lehrgebäude des kirchlichen -Dogmas, seine Aneignungsform das verstandesmäßige Begreifen und -Auswendiglernen dieser Glaubenssätze, Bibelsprüche und Gesangbuchverse -ohne ebenso starke und innerliche Aneignung ihrer religiösen und -sittlichen Lebenskräfte in der Person Jesu Christi — und all das -immer auch hier unter selbstverständlicher Anerkennung der wörtlichen -Inspiration der Schrift und der Richtigkeit auch aller ihrer profanen -Bestandteile. Aber man erlaubt sich hinsichtlich des letztern in der -Praxis eine starke, wenn auch stillschweigende Korrektur, indem man -in den übrigen Unterrichtsstunden eben diese nach innerer logischer -Notwendigkeit allgemeingiltige<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Autorität eliminiert und die modernen -Erkenntnisse hier als Autorität anerkennt und benutzt, ohne jedoch in -eine klare Auseinandersetzung dieses innern Widerspruchs einzutreten. -So wird der Religionsunterricht einerseits zwar ebenfalls wie der -andre Unterricht ein rein verstandsmäßiges Lehrgebiet, aber er wird -andrerseits auch von allen übrigen als etwas besonders Heikles mit -Peinlichkeit isoliert.</p> - -<p>Das pflegt nun freilich zunächst der naiven Schülerseele fast nie zum -Bewußtsein zu kommen, umsoweniger, da die in den elterlichen Kreisen -noch einigermaßen als wohlanständig erhaltene kirchliche Sitte und der -rationalistisch-ethische Sinn solange einen gewissen Halt zu bieten -vermag, als der herangewachsene junge Mann, sozial leidlich geschützt, -in dieser Schicht bleibt. Sowie er aber aus ihr heraus und, wie bei -uns in einen großen Fabrikbetrieb und damit auch in eine andre soziale -Gruppe, hier diejenigen der großstädtischen sozialdemokratischen -Industriearbeiter eintritt, wird ihm dieser innere Widerspruch, dieser -große Schaden an seiner geistigen und religiösen Bildung fühlbar, -und auch er ist gezwungen, gleich dem Genossen vom Lande eine Krisis -durchzumachen, die zwar nicht eine so radikale Wirkung, nicht eine -so völlige Hilf- und Haltlosigkeit auch seines profanen Wissens zur -Folge hat wie bei diesem, aus der er aber ebenfalls meist für immer -als ein andrer hervorgeht, und die er vor allem, wie sich zeigen wird, -mit der Darangabe des ganzen ihm gelehrten und bisher autoritativen -Christentums zu bezahlen pflegt.</p> - -<p>Endlich die großstädtische Gemeindeschulbildung, die -Durchschnittsbildung der letzten und größten Gruppe unsrer -Arbeiterschaft. Sie ähnelte wohl, nach dem Eindrucke, den ich -hatte, in manchem derjenigen der Bürgerschule, aber sie steht, nach -Bildungsziel und Lehrcharakter der Schule, im Grunde doch nur auf -etwa demselben Niveau wie die Bildung einer großen völlig ausgebauten -achtklassigen Dorfschule. Auch hier die übertriebene Abhängigkeit -der profanen Wissensbestandteile von denjenigen der Bibel, auch -hier die falsche Auffassung von deren Autorität, auch hier dieselbe -überwiegend verstandesmäßige Mitteilung und Aneignung der christlichen -Heilsthatsachen ähnlich wie bei jedem andern Lehrstoff.</p> - -<p>Aber hier tritt nun die schlimme Wirkung dieses Zustandes viel -schneller und unmittelbarer an den Tag. Denn bei den Schülern<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> dieser -Schulgattung pflegt im Durchschnitt die erhaltende, überbrückende, -verbessernde Kraft der häuslichen und gesellschaftlichen Sitte -zu fehlen, die sich noch in den beiden andern sozialen Gruppen -lebendig zeigte. Denn unter dem Drucke der neuen alles verändernden -Gebilde des großindustriellen Fabrikbetriebes wurde diese jüngste -Bevölkerungsschicht der berufsmäßigen großstädtischen Fabrikarbeiter -von allen überlieferten, festen Lebensformen befreit, die aus dem Boden -früherer Gesellschaftsgruppierungen herausgewachsen waren; an ihrer -Stelle sind neue noch nicht geschaffen, kaum erst in Ansätzen, und dann -häufig nur in unreifen und lebensunfähigen, vorhanden. Der Gegensatz -aller Stätigkeit, ein fortwährendes unruhiges Hin- und Herfluten, der -das Leben dieser Menschen zu keinem gleichmäßigen Gange kommen läßt, -ist das maßgebende Gesetz, dem sie unterworfen sind; die Macht des -Augenblicks ist an die Stelle der alten kraftvollen Sitte getreten.</p> - -<p>Diese Unruhe des neuen sozialen Lebens übt auch auf den geistigen -und religiösen Bildungscharakter der meisten einen folgenschweren -Einfluß aus. Sie läßt es zu keiner Erhaltung und Festigung der in -der Schule angeeigneten Bildungselemente kommen, schwemmt vielmehr -eine Menge davon schnell wieder hinweg, macht bedenklich gegen die -Zuverlässigkeit der bewahrten und weckt damit zugleich das Bedürfnis -und die Sehnsucht nach einer bessern und umfassendern Bildung, die -frei von Widersprüchen ist, die vor der modernsten Kritik besteht, -die ihnen wieder imponiert, ihnen zugleich einen Ersatz und eine -Befriedigung bietet für die teilweise oder gänzliche Leere und Fadheit -der eintönigen uninteressanten Berufsarbeit, und für die sie bereit -sind, die ganze alte, niemals geliebte, weil niemals recht fruchtbar -gewordene schulmäßige Jugendbildung zu opfern. So tritt bei den meisten -und gerade den Begabten, Strebsamen, Gedankenvollen dieser dritten -Gruppe jene oben bereits erwähnte Krisis plötzlicher, heftiger und -gründlicher ein als bei den Angehörigen der zwei andern Gruppen; und -bei ihnen kommt sie im Gegensatz zu jenen meist ohne maßgebenden Zwang -und Einfluß von andern aus dem Drucke der Verhältnisse, in die sie -hineingeboren sind, aus dem eignen Empfinden der Gegensätze und Lücken -heraus, aus dem selbständigen Nachdenken über die Menschen und Dinge -rings umher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span></p> - -<p>Dieser Bildungstrieb nun sitzt tief als eine elementare Macht in vielen -Köpfen und Herzen dieser dritten Gruppe von Arbeitern unsrer Fabrik. Er -trat täglich und überall dem Beobachter entgegen und kam in immer neuen -kleinen Einzelzügen, in Worten und Wünschen, in Fragen und Seufzern zu -bald klarerem, bald unklarerem, bald ernsthaftem und schmerzlichem, -bald komischem und heiterm Ausdruck; in besonders kraftvollen -Naturen äußerte er sich geradezu als eine Art von Bildungshunger, -der urteilslos und unterschiedslos verschlingt, wessen er habhaft -werden kann; aber seinen unmittelbarsten und grandiosesten Ausdruck -erhält er doch in der internationalen Bewegung für den Achtstundentag. -Das ist nicht nur eine bloße Manifestation der Faulheit und der -Genußsucht, des Übermuts und der Oppositionslust, auch nicht nur der -sozialdemokratischen Gesinnung und wirtschaftlicher Forderungen, -sondern nach meiner Beobachtung und Überzeugung zugleich ein Beweis der -Sehnsucht des Fabrikvolkes nach mehr Licht, Wahrheit und Wissen. Man -will Zeit gewinnen, um auch dem geistigen Menschen die Pflege zu teil -werden zu lassen, auf die er selbst in einem schlichten Fabrikarbeiter -Recht und Anspruch hat. Das ist aber heute, ich habe das an mir selbst -zur Genüge erprobt, der Mehrzahl noch durchaus nicht möglich, die von -früh sechs Uhr bis abends sechs Uhr und länger an ihre Plätze in der -tosenden dunstigen Fabrik gefesselt ist, die außerdem oft einen langen, -nicht selten einstündigen Weg zur und von der Fabrik hat und des Abends -schmutzig, hungrig und müde heimkommt. Unter diesem Gesichtspunkte, -und jene Achtstundenbewegung ernsthaft so verstanden, wie sie ein Teil -des Volkes nicht minder ernsthaft thatsächlich versteht, nämlich als -den einzig gangbaren Weg zu einer wirklich ausreichenden Befriedigung -dieses Bildungsinteresses, scheue ich mich nicht, sie nicht nur -vorurteilslos zu würdigen und anzuerkennen, sondern auch für ihre -allmähliche, schrittweise Erfüllung einzutreten, unbeeinflußt und -unbeirrt auch davon, daß sie von rüden Elementen als Anlaß zu ebenso -unsittlichen als nutzlosen und dummejungenhaften Demonstrationen -benutzt wird.</p> - -<p>Aber freilich, so stark die Sehnsucht nach Bildung in den Köpfen -steckt, so viele sind der Hemmnisse, die sich ihrer Befriedigung in -den Weg stellen. Das eine hauptsächliche, die allzulange<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> Arbeitszeit, -verbunden mit weiten Fabrikwegen, nannte ich schon; weitere wichtige -sind die kleinen engen Wohnungen mit den vielen Personen in dem -einen Zimmer, dann die Sorgen hier, die Gelegenheiten zum Genuß und -Vergnügen da. Das alles macht, daß bei vielen weniger willensstarken -und idealgerichteten Naturen dieser Drang nach Bildung immer nur -Wunsch und Drang bleibt und selten über gute Absichten und Ansätze -hinauskommt; das bewirkt vor allem auch, daß der größte Teil der Jugend -dieses Bildungsinteresses im Grunde entbehrte. Auch die ehemaligen -Landarbeiter, sahen wir, besaßen es selten aus eigner unmittelbarer -Initiative, und die Angehörigen aus bessern Kreisen nur mehr als -Streben nach Fachbildung. Die Strebemutigen, die Lernbegierigen, die -Vorwärtsringenden waren zumeist Männer der ausgehenden zwanziger und -der dreißiger Jahre aus der letzten, dritten sozialen Schicht.</p> - -<p>Die drei Arten von Bildung, die ich bisher schilderte, machen nun in -der Fabrik eine völlige Wandlung durch. Sie werden unter dem Einflusse -der Sozialdemokratie unaufhörlich zerstört und gehen in einer neuen, -der <em class="gesperrt">sozialdemokratischen Bildung</em> unter.</p> - -<p>Denn die Sozialdemokratie hat sich auch dieser Volksbildungsfrage -bemächtigt. Sie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand -belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran gemacht, ihn durch -systematische Arbeit im großen zu befriedigen. So hat sie allmählich -eine Volkslitteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge -der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem Gehalte, -wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher und -leichtfertiger zwar als die bisherigen religiösen und vaterländischen, -aber nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie -keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie -hat mit kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisiert. Sie hat -sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockne Zahlen, langwierige, -nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch -lange nicht verstehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das -Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme, -die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will -dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher -wunschlos aufgeschaut hat; es<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> will mit ihnen selbständig, souverän -sein auch im Reiche der Gedanken.</p> - -<p>Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei gehandelt, -als sie diese neue Volkslitteratur schuf. Sie mißbrauchte das -Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht -die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein -Erzeugnis agitatorischer Berechnung war. Sie fälschte und strich von -der neuen Wahrheit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe -der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den -Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes -Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren -bisherigen natürlichen Verbindungen mit der übrigen Gesellschaft -herauszulösen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser, „der -gesamten übrigen, reaktionären Masse“ zu setzen, und ihnen nicht nur -die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei beizubringen, -sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz besondern, -eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so -giebt es in der That kein beßres Mittel, dies zu erreichen, als eine -klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volkslitteratur. Diese -vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung -zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und -für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Und da diese alte -Bildung, wie wir wissen, völlig eingetaucht ist in den Geist des -Christentums, wurzelt in dem Boden der Bibel, getränkt ist mit der -Lebens- und Weltanschauung, die diese atmen, in ihr ihren letzten -Halt, ihren Kern, ihre zusammenfassende, verbindende, stützende Kraft -hat, mit einem Wort, da diese christliche Weltanschauung im Grunde die -überlieferte Bildung und Gesinnung selbst ist, und da man wohl sah, -daß alles gewonnen war, wenn sie fiel, so schnitt man die ganze neue -Volkslitteratur, die man schuf, auf den Kampf mit dieser christlichen -Weltanschauung zu, wählte man aus den Resultaten der modernen -Wissenschaft aus, was zu ihr im Gegensatze stand oder doch bequem in -Gegensatz dazu gebracht werden konnte. Der Lehre und dem Glauben von -einer göttlichen Weltordnung, die die Bildung der Leute bisher bestimmt -hatte, setzte man so in dieser neuen Litteratur in hundert großen -und<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> kleinen, guten und schlechten Abhandlungen aus der Religions- -wie Naturkunde, aus der Geschichte und Philosophie, aus der Kunst und -Litteratur die Lehre und den Glauben einer bloß natürlichen Weltordnung -entgegen. Man verarbeitete die Werke eines Darwin, eines Häckel, eines -Büchner; man schlachtete Spinoza und Feuerbach, Schopenhauer und -Hartmann aus; die neuen Forschungen der Astronomie und Geologie, diese -objektiver als andres, wurden verwertet, Strauß und Renan, Bruno Bauer -und moderne katholisch-französische Encyklopädisten wurden benutzt; und -endlich fälschte man — im Zeitalter der Blüte der Geschichtsforschung! -— die ganze Weltgeschichte und verkündete sie dem armen Volke -ausschließlich unter dem Gesichtspunkte der materialistischen -Philosophie, der ökonomischen Entwicklungen. <em class="gesperrt">So entstand die jüngste -Volkslitteratur, ein einziger, in seiner Art kühner und großartiger -Versuch, in Verbindung mit der Verbreitung der neuen radikalen -ökonomischen und politischen Lehren der Partei die ganze alte Bildung -und Kultur, Christentum und Bibel aus Herz und Köpfen der Massen und -aus der ganzen Welt hinauszufegen.</em> In ihr findet sich kein Platz -mehr für den Glauben an einen lebendigen, persönlichen Gott, der unser -Vater ist, und an ein unsterbliches Leben. Sie erzählt nichts von -Sünde und Schuld, von Gnade, Erlösung und Heiligung; an die Stelle -des ewigen, heiligen Sittengesetzes stellt sie das kalte, starre -Naturgesetz, an Stelle der Liebe das Solidaritätsgefühl, an Stelle des -Ideals der Sittlichkeit die Macht der bloßen Sitte, die da wechselt mit -den ökonomischen Verhältnissen des Volkes.</p> - -<p>Und mit Gier stürzte sich nun die Schar der Bildungshungrigen da unten -auf die neue Speise, die man ihnen bot. Das war ja, wie sie wähnten, -das, was sie so lange gesucht und ersehnt, worum sie die „hohen Herrn“ -oben so lange und so bitter beneidet hatten, die Wahrheit, das Wissen, -die Bildung. Diese wollten sie wenigstens haben, da sie heute noch -ihr Geld, ihr Wohlsein, ihren Besitz nicht haben konnten; wenigstens -geistig wollten sie ihnen ebenbürtig, nein, ihnen über sein. Und dann -hatten sie ja auch die Verheißung der sozialdemokratischen Führer: -daß unter dem Zeichen dieser neuen Wahrheit und Wissenschaft die Welt -eine andre werden, unter ihrem Leuchten der neue, herrliche, der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -sozialistische Zukunftsstaat heraufziehen, und daß die Träger der neuen -Wahrheit auch die Herren der neuen Zeit sein würden. So hing Gegenwart -und Zukunft gerade der ringenden, vorwärtsdrängenden Arbeitergeister an -diesem neuen Schatze; so kannten sie kein Halten mehr; so warfen sie um -den Preis, jene zu besitzen, und diese zu erleben, freiwillig vom alten -Wissen weg nicht nur das Überlebte, Überholte, den hindernden Ballast, -sondern auch die edeln Güter und die wahrhaftigen Lebenskräfte, -alles, alles, wie es die neuen Bücher und Lehren wohlweislich -heischten; so lebten sie sich in die neuen Gedanken hinein, die diese -ihnen mit demselben Anspruch unfehlbarer Richtigkeit und Autorität -entgegenbrachten, wie einst die alten Lehren, die alte Bibel: <em class="gesperrt">so -wurde die neue sozialdemokratische Bildung im Volke geboren, die eine -Halbbildung ist, wie keine zuvor</em>.</p> - -<p>Sie trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der -deutschen Arbeiter an. Jene ersten, die ihr gewonnen waren und -anhingen, wurden nach einem Gesetze, das alles Geistesleben -durchdringt, ihre neuen Propheten, ihre begeistertsten Verkündiger. -Sie waren meist kluge, begabte Köpfe, die tüchtigsten von allen -und ehrliche Naturen dazu. Ihre ganze Kraft, alle ihre Fähigkeiten -stellten sie aus innerm Drange in ihren Dienst. Nicht nur in den -Versammlungen der Partei, sondern auch bei der Arbeit und während -der Pausen in der Fabrik, beim Mittagsmahl und Abendbrot daheim, -auf Spaziergängen und wo immer sie zu zweit und dritt versammelt -waren, diskutierten und gaben sie die Gedanken wieder, die sie aus -einem, zwei, fünf, zehn Büchern jener neuen Litteratur gesogen und -bald leidlich verstanden, bald nur halbverdaut und schon halb wieder -vergessen hatten, aber die sie immer wieder aufgefrischt erhielten -durch die Artikel ihrer sozialdemokratischen Blätter. Ich brauche das -alles nicht weiter zu schildern: das ist eben jene ganze freiwillige, -unorganisierte Agitation der neuen sozialdemokratischen Gesinnung, -von der ich am Schlusse des vierten Kapitels geredet habe, die -gewaltigste, schneidigste, überwältigendste Waffe der Partei, die kein -Fabrikherr, keine Polizei verbietet, hinter der die Macht überzeugter -Persönlichkeiten steht.</p> - -<p>Die Wirkung dieser Agitation war die gewünschte. Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> ihrem Eindruck -brach die gesamte alte Bildung der Arbeiter aus ihrer Jugendzeit -zusammen, bricht sie noch heute in jedem einzelnen immer wieder -zusammen, der noch mit ihr in eine unter sozialdemokratischem Einfluß -stehende Fabrik eintritt. Da rächen sich mit einemmale die drei großen -Fehler, an denen, wie wir sahen, unsre ganze heutige Volksschulbildung -krankt, jene Abhängigkeit der einzelnen profanen Bildungselemente von -den Gedankenkreisen und dem Bildungsniveau der Schrift, jene falsche -Auffassung von ihrer Autorität, jene vorwiegend verstandesmäßige -Aneignung der Heilswahrheiten des Christentums. Vor den neuen -Bildungsfaktoren können die antiken der Schrift, vor der Autorität der -exakten Wissenschaften, die jene stützt, kann die Autorität der Bibel, -die diese bisher trug und fälschlicherweise gleich ebenso maßgeblich -und unanfechtbar erklärte wie die religiösen Wahrheiten in ihr, nicht -bestehen; vor der Kritik des modernen realistisch geschulten Menschen -fallen die metaphysischen Spekulationen des überlieferten Dogmas, in -das man die Wahrheit des Christentums bisher hauptsächlich setzte, -über den Haufen. Zwar fühlen manche ehrlichen Gesellen instinktiv, -daß an dieser neuen Bildung auch nicht alles Gold ist, was glänzt -und gleißt; daß sie ebenso freudelos und unbefriedigt und unklar -läßt wie das Alte; daß trotz alledem in diesem Alten die letzte -ewige unwandelbare Wahrheit noch ruhen konnte; aber sie vermögen den -entscheidenden Punkt nicht zu finden, an dem dies der Fall ist. Es -fehlen die Menschen, die ihnen dazu verhelfen, ihnen den Weg zeigen, -das Überlebte, Überholte, Vergängliche, das Verstandeswerk, den Irrtum -von dem ewig wahren Kern zu scheiden; niemand kümmert sich um sie in -den Massengemeinden, in denen sie zumeist leben; niemand schmiedet -ihnen die modernen Waffen, gießt ihnen die neuen Gewehre, vermittelt -ihnen die wahren, echten, vollen, widerspruchslosen, ungefälschten -Ergebnisse der jüngsten Wissenschaft, deren Besitz sie allein befähigen -würde, den mächtig anstürmenden Vorkämpfern jener sozialdemokratischen -Halbbildung entgegenzutreten, ihnen den Beweis des Geistes und der -Kraft zu führen, ihnen ihre Thorheit aufzudecken. Dazu teilen alle ohne -Unterschied das tiefe Sehnen nach ökonomischer Besserung, dessen sich -ebenfalls die Sozialdemokratie bemächtigt hat, und dessen glänzendste -Befriedigung sie ja auch<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> wiederum erst mit dem Siege der neuen -Wissenschaft verheißt. Auch das zwingt den noch zögernden vor dieser -„Wissenschaft“ auf die Kniee nieder. Und so fällt, mögen sie wollen -oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen -sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen -den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man -ihnen versprochen hat, und den seine begeisterten Propheten zu haben -behaupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend, -ob das Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren -will, und doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden -Beweisgründen der klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht stand -halten können. So lebt eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben -hin, ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Hilfe. „Wenn es nur erst wieder -heute um sechs, wenn es nur erst wieder Sonntag wäre!“ — das war der -ewige, täglich wie oft zu hörende Seufzer. Und wie manchmal fügte -man ähnliches wie das folgende hinzu: „Es ist doch merkwürdig bei -den Arbeitern; die wünschen sich immer weiter hinaus, das Alter auf -den Hals. Das ist doch eigentlich Unsinn. Es bleibt ja immer einen -Tag wie den andern. Morgen früh geht es doch wieder ebenso los. Und -wir müssen noch froh sein, etwas zu verdienen.“ Das ist der Ton der -vollendeten Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung an einem Wert, einem -Inhalt, einem Zweck des Daseins. Einen Schritt weiter — und er kann -in den Schrei der Wut, der Empörung umschlagen, die alles zerstört, -weil sie nichts für lebenswert findet, die an allem verzweifelt, weil -sie an sich selbst verzweifeln mußte. Dann ist die Entfesselung aller -Leidenschaften, die Revolution des Volkes da. Es ist kein Zweifel: -heute ist dieser letzte eine Schritt noch nicht gethan; heute denkt -das Volk, wir sahen es, noch an keine Empörung und Revolution. Aber -es ist abermals kein Zweifel, daß ihre Gefahr näher ist als das Volk -wohl selbst wähnt. <em class="gesperrt">Und sie wird in dem Augenblick da sein, wo zu -der religiösen Verwahrlosung der Industriearbeitermassen, die heute -im ganzen vollendet ist, die sittliche hinzutritt; wo aus jener die -letzte Konsequenz für diese gezogen wird. Hier also, und nicht in der -politischen und wirtschaftlichen Organisierung der<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Massen, liegt der -verhängnisvollste Einfluß der sozialdemokratischen Agitation; und hier -in der Vernichtung des überlieferten Christentums hat sie ihren bisher -größten Erfolg gehabt.</em> Es ist auch das freilich nicht ihr Verdienst -oder ihre Schuld allein: sie ist auch hier nur die Schnitterin, die -mit raschem, scharfem Schnitt triumphierend die Früchte erntet, die -andre Hände gesät haben. Aber das ändert an dem Jammer nichts, der nun -herrscht, und nichts an der Größe der Gefahr, die nun droht.</p> - -<p>Im Folgenden habe ich nunmehr die Wahrheit des bisher Ausgeführten -aus meinen Erlebnissen in der Fabrik zu erhärten. Ich werde in loser -Ordnung Gespräch an Gespräch, Zitat an Zitat, Bild an Bild reihen und -nicht viele Worte dazu machen. Und Gespräche, Zitate und Bilder werden -für sich selber reden.</p> - -<p>Eines Tages erhielten zwei Mann unsrer Kolonne den Auftrag, -Riemenscheiben, große fünfzehn bis zwanzig Centimeter breite eiserne -Räder, auf denen die Treibriemen der einzelnen Maschinen laufen, aus -dem Parterre auf die zweite Empore hinaufzuschaffen. Wir luden jeder -ein paar davon auf die Schultern und kletterten hinauf. Da, wo wir sie -aufreihen sollten, saß einsam am Fenster ein Arbeiter in den besten -Jahren. Er hatte unaufhörlich hunderte kleiner stählerner Federn mit -immer demselben Loche zu versehen. Neben ihm lag, unter einer Platte -halb verborgen, die neueste Nummer der „Presse.“ Von seinem hohen -Fenster aus übersah er die ganze Stadt mit ihren hundert rauchenden -Schloten.</p> - -<p>Mein Arbeitsgenosse, der stark schnupfte, trat zu ihm und bot ihm eine -Prise. Aus der respektvollen Art, wie er es that, merkte ich, daß der -neue Bekannte einer der geistig bedeutendern Arbeiter in der Fabrik und -ausgesprochener Sozialdemokrat sein mußte. Ich nahm auch ein Prise, und -bald waren wir im Gespräch.</p> - -<p>Er fragte, warum ich eigentlich hierher in die Fabrik gekommen wäre. -Ich log ihm schweren Herzens mein Märlein vom arbeitslosen Expedienten -vor.</p> - -<p>Was war das für eine theologische Zeitung, die Ihr Pastor da herausgab, -forschte er dann weiter. Etwa wie das Sonntagsblatt „Der Nachbar“?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>Nein, gab ich zurück. Das Blatt schreibt für die Gebildeten, die -Studierten, besonders die Nichttheologen unter ihnen. Sein Ziel ist, -in seinen Artikeln den Beweis zu führen, daß zwischen Christentum und -Kultur, zwischen Religion und Wissenschaft durchaus keine Kluft besteht.</p> - -<p>Das ist nicht wahr; da kann Ihr Pastor lange machen; so ein Beweis ist -unmöglich.</p> - -<p>Das bestreite ich denn doch noch, erwiderte ich.</p> - -<p>Die moderne Wissenschaft....</p> - -<p>Die moderne Wissenschaft, die auf der Naturforschung ruht, hat sich nur -mit der sichtbaren Welt, mit der weiten sinnlich wahrnehmbaren Natur um -uns her zu befassen; sie kann nur das studieren, was wir hören, sehen, -fühlen, schmecken, riechen, und nur darüber kann sie ein Urteil haben.</p> - -<p>Ja, das ist ganz schön und gut und richtig. Aber die Schlüsse daraus.</p> - -<p>Nun gut, ziehen wir die Schlüsse daraus!</p> - -<p>Und ich versuchte, wie manchmal, ein Experiment zu machen. Man -behauptet noch immer vielfach, Gott lasse sich wissenschaftlich, -verstandesmäßig beweisen. Hier war offenbar einer, der ihn -verstandesmäßig leugnete. Ist jener Satz Wahrheit, so konnte ich mit -dem üblichen Beweise meinen Gegner vielleicht überzeugen. Ich suchte -nun möglichst populär darzulegen, was ich dem Sinne nach im Folgenden -wiedergebe.</p> - -<p>Mein Mann kannte Darwin; so knüpfte ich am besten daran an.</p> - -<p>Darwin lehrt doch, daß die ganze Welt sich von unten herauf entwickelt -habe?</p> - -<p>Ja.</p> - -<p>Er sagte, das Erste, was war, war der Urschleim?</p> - -<p>Ja.</p> - -<p>Aber jede Wirkung muß eine Ursache haben. Der Urschleim also auch?</p> - -<p>Ja.</p> - -<p>Es muß also eine Kraft vorhanden gewesen sein, die ihn erzeugt -hat und aus ihm wieder das ganze Universum sich hat entwickeln -lassen? Nennen wir diese Kraft einmal Gott. Wir sehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> daß in dem -Entwicklungsprozesse und der dadurch entstandenen Welt bestimmte -Gesetze herrschen. Sie müssen aus dieser Kraft stammen. Wo aber -Gesetzmäßigkeit und Ordnung ist, muß Vernunft, Geist vorhanden sein. In -dieser Welt haben sich nun nicht nur Steine und Pflanzen, sondern auch -Tiere und Menschen entwickelt — natürlich unter dem Einflusse dieser -Kraft. Menschen sind vernunft- und geistbegabte Persönlichkeiten. Die -vernunftbegabte Kraft, die sie erzeugt, muß Herrin ihrer Erzeugnisse, -mehr als diese, mindestens also aber auch eine vernunftbegabte, -geistige Persönlichkeit sein. Ferner das Höchste nun, was der Mensch -kennt, die Vollkommenheit, nach der er ringt, liegt in der Liebe. Die -schöpferische, zielbewußte, vernunftbegabte, persönliche Kraft muß aber -das haben und sein, wonach die streben, die sie geschaffen hat. Daraus -folgt: es giebt einen persönlichen Gott, und dieser ist die Liebe, der -Vater seiner Geschöpfe.</p> - -<p>Aber mein Gegner schüttelte den Kopf und erwiderte nur:</p> - -<p><em class="gesperrt">Mein Glaube</em> ist: Die Natur ist Gott, aber kein vernünftiges -Wesen, sondern einfach Kraft.</p> - -<p>Es war die folgerichtige Antwort, die ich erwartet hatte. Denn solche -Beweise haben nur für den Wert, der schon Christ ist.</p> - -<p>So haben Sie also doch auch einen <em class="gesperrt">Glauben</em>, fuhr ich fort, als er -wieder schwieg.</p> - -<p>Ja; aber das <em class="gesperrt">Christentum</em> ist ein <em class="gesperrt">Wahnglaube</em>. Es ist erst -im vierten Jahrhundert entstanden, wo es durch Majoritätsbeschluß zu -stande kam... Die Bibel ist ein Buch wie jedes andre. Sie ist auch erst -fünfhundert Jahre nach Christo nach Belieben zusammengesetzt. Es ist -ein Ausbeutungsbuch für die Großen. In der Bibel steht alles drin; man -kann alles herauslesen. Und die einzelnen Bücher sind erfunden.</p> - -<p>Ich erwiderte, daß sei doch wohl etwas zu viel behauptet:</p> - -<p>So viel ich von dem Pastor weiß, bei dem ich war, haben -Universitätsprofessoren, das genau untersucht und festgestellt, welche -Bücher auf keinen Fall bloß erfunden sind. So weiß man, glaub ich, -bestimmt, daß die Briefe an die Römer, Korinther und Galater vom -Apostel Paulus herrühren.</p> - -<p>Aber er fährt fort:</p> - -<p>Es existiert kein einziges gerichtliches (!) Dokument von Christus,<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> -wie doch von Sokrates und solchen Leuten. Wie kommt es, daß über das -zwölfte bis dreißigste Lebensjahr von Christus nichts bekannt ist? Das -zeigt doch, daß auch das übrige von ihm sagenhaft ist.</p> - -<p>Hierauf wird mir eine Entgegnung leicht. Und so lenkt er ein wenig ein:</p> - -<p>Wahr ist von Christus nur, daß er ein Mensch wie wir gewesen ist. Er -wollte seinen Mitmenschen helfen, und er bildete seine Lehrsätze so, -wie es die damalige Zeit brauchte, er kleidete sie in ein religiöses -Gewand. Heute ist die Religion nur noch zur Einschüchterung, zur -Niederhaltung des großen Lümmels „Volk“ da...... Warum befolgen denn -die Großen nicht die Lehren des Christus? Warum helfen sie nicht, -stellen die Nöte nicht ab, bringen nicht Opfer? Wenn sie Religion -haben, und Religion Wahrheit ist, so müssen sie es doch durch die That -beweisen, erst einmal praktisches Christentum treiben; dann könnten wir -eher glauben......</p> - -<p>Er forderte den Beweis der glaubensstarken, lebendigen christlichen -Persönlichkeit, eben das, was allein von der Wahrheit unsers Glaubens -wirklich überzeugt.</p> - -<p>Gewiß, gab ich zurück, Sie haben in manchem, wenn auch nicht in -allem Recht. Ich hasse die Brut auch, die so heuchelt, das Heiligste -ausbeutet und dadurch in den Schmutz zieht. Aber fällt durch solche -Lumpen die <em class="gesperrt">Wahrheit</em> des Christenglaubens gleich mit dahin? Ist -es mit der Schlosserei nichts, weil manche Schlosser nur Pfuscher in -ihrem Handwerke sind? Und ich habe die letzten Jahre mit guten und -edeln Christen zusammengelebt, die sich Mühe gaben, ihrem Glauben auch -im Leben Ehre zu machen. Die sind mir ein Beweis für die Wahrheit des -Christentums.</p> - -<p>Von denen sind Sie eben hypnotisiert. Lebt man lange mit einem Menschen -zusammen, so hypnotisiert der einen.</p> - -<p>Dann sind Sie von Männern der entgegengesetzten Ansicht hypnotisiert. -Dann giebt es überhaupt keine eigne, männliche, selbsterrungene -Ansicht. Dann ist alles Lug und Trug. Dann beruht erst recht alles auf -Glauben.</p> - -<p>Dazu schweigt er. So fahre ich fort:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>Und es ist auch so, im letzten Grunde beruht wirklich alles auf -Glauben. Dort der Baum. Woher wissen Sie, daß das ein Baum ist? Man hat -es Ihnen von Kindheit an gelehrt, und Sie haben es geglaubt und meinen -nun, es zu wissen.</p> - -<p>Das mag wohl sein, gesteht er zu, giebt jedoch zugleich der Sache -geschickt eine andre Wendung: Aber von der Existenz dieses Baumes kann -ich mich doch überzeugen, von der Existenz eines Gottes nicht.</p> - -<p>Doch. Nur nicht auf die gleiche Weise, nicht mit dem Verstande. Daß -der Baum dort wirklich existiert, das sehe und fühle ich, höre es -auch, wenn der Wind hineinfährt. Aber es giebt noch ein andres Gebiet, -das man nicht mit den Sinnen wahrnehmen und dem Verstande erfassen, -durchdenken kann. Das ist das Gebiet des moralischen, sittlichen -Lebens, wo der Verstand bankerott wird, wo das Gewissen und der -Glaube entscheidet und seine Notwendigkeit und Wahrheit erweist. -Die Wissenschaft, der Verstand freilich kann weder beweisen, daß es -einen Gott giebt, noch daß es keinen giebt. Der Beweis aber, der -unumstößliche, wird geführt durch die geschichtliche, menschliche -Person Jesus Christus. Aus seinem Lehren, Leben und Sterben erkennen -wir, daß es einen Gott giebt. Denn in ihm war eine Kraft, die sonst -niemand besitzt, und die, sagt er selbst, hatte er von Gott. Wir -erkennen aber darin auch, wer dieser Gott ist: die Liebe. Und daß dem -so ist, daß es diesen von Christus verkündigten lebendigen Gott giebt, -erfährt jeder, der die Sehnsucht und den Mut hat, sein Leben nach -diesem Christus einzurichten, der sich entschließt, sich von ganzem -Herzen diesem Gotte anzuvertrauen, mit andern Worten: der glaubt.</p> - -<p>Aber er schüttelte abermals den Kopf:</p> - -<p>Wer den Wahnglauben einmal hat, für den ist es selbstverständlich, daß -er nun alles dreht und wendet, um seine Sache plausibel zu machen. Aber -Thatsachen hat er nicht.</p> - -<p>Er meinte massive, augenfällige und greifbare Thatsachen, wie sie der -Materialismus verlangt und hat. Für historische, sittliche, geistige -Thatsachen hatte er kein Verständnis und nach dem Frieden keine -Sehnsucht. Ohne das aber ist Christentum unmöglich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<p>So brach ich ab, und wir kamen auf andre Dinge zu reden. Nicht lange. -Dann jagte uns ein Werkmeister, der uns wohl schon länger beobachtet -hatte, mit grobem Gepolter auseinander.</p> - -<p>Etwa vierzehn Tage später hatten wir einmal nicht viel zu thun. So -stand ich müßig bei einem an der Drehbank, einem stillen Manne, der mir -sympathisch war. Vor einer halben Stunde erst hatte man einen meiner -nähern Kollegen, jenen Handarbeiter nach Hause geschafft, von dem ich -schon an einer früheren Stelle ausführlich erzählte, daß ihm eine -eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund auf den Fuß gestürzt war. Der -Dreher und ich sprachen von dem Falle. Ich sagte ihm, daß der Verletzte -mir noch heute morgen freudestrahlend erzählt hätte, welches Glück -er gestern gehabt hätte. Eine große, viele Zentner schwere und etwa -sechs Centimeter starke Eisenplatte für eine Parketthobelmaschine, die -schon einem unsrer Transporteure eine Zehe gekostet hatte, wäre beim -Aufheben wieder zurückgefallen und hätte ihm bei einem Haar beide Beine -zerquetscht.</p> - -<p>Nun hat es ihn heute doch noch getroffen, wenn auch viel gelinder, fuhr -ich fort. Ist das nun Zufall oder Fügung?</p> - -<p>Das sind Dinge, hinter die man nicht sehen kann, erwiderte mein Dreher.</p> - -<p>Für einen Christen giebts aber keinen Zufall.</p> - -<p>Was ist Christentum? — Nichts. Was der liebe Gott? — Den hat noch -niemand gesehen. Und Gottes Sohn? — Dann sind wir alle Gottes Kinder.</p> - -<p>Gewiß, sagte ich, sind wir das, wenn wir Jesus nachleben, Gottes Willen -thun, an ihn von ganzem Herzen glauben und täglich darum bitten. Aufs -Beten kommt besonders viel an.</p> - -<p>Aber er lächelte nur und sagte:</p> - -<p>Dann die Bibel. Freilich steht viel Wahres drin. Aber auch viel -Falsches. Sie ist auch nicht für uns gemacht, sondern für die Großen...</p> - -<p>Also wieder diese furchtbare Anklage!... Dann redeten wir von den -Pastoren.</p> - -<p>Ach ja, sagte er, es giebt ja ganz gute und tüchtige Menschen unter den -Geistlichen — im übrigen aber leben sie vom Christentum<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> und befinden -sich wohl dabei. Wo ist heute einer, der so handelte wie Christus? der -so viele Entbehrungen und Verfolgungen ertrüge?</p> - -<p>Und wenn nun ein Geistlicher, wie Christus, zu uns Fabrikarbeitern -käme, würde er etwas ausrichten? fragte ich.</p> - -<p>Nicht viel. Es ist zu spät. Nachdem Christus selbst die Not nicht hat -aus der Welt schaffen können, vermag es das Christentum heute erst -recht nicht mehr.</p> - -<p>Die Not wegschaffen will es gar nicht, wollte auch Christus nicht, -sondern nur den Menschen innern Frieden und heilige Kraft geben, diese -äußere Not zu tragen und zu überwinden.</p> - -<p>Kraft, Frieden? Das geben andre Dinge viel mehr.</p> - -<p>Nein, wenn das Christentum dies nicht geben könnte, dann kann es uns -nichts geben.</p> - -<p>Dazu schweigt er still, und auch dies Gespräch hat ein Ende.</p> - -<p>Einmal gegen Ausgang meines Aufenthalts in der Fabrik fragte ich einen -direkt, was er von Religion und Christentum hielte. Ich wußte, er war -eifriger Sozialdemokrat, aber die Gutmütigkeit und Höflichkeit selbst, -ein richtiger Sachse. Er hatte früher im Hause eines Rechtsanwalts -gewohnt und dort manches geflickt und ausgebessert. Zum Dank dafür -hatte ihm dieser außer seinem pflichtmäßigen Lohn manche Bücher zu -lesen gegeben, geographische, naturwissenschaftliche, geschichtliche. -Ihre Titel konnte er mir nicht mehr genau angeben. Auf meine offne -Frage antwortete der Mann nun gleich offen, ehrlich und kurz: Ich rede -wenig von den Sachen und streite mich nie darum. Ich lasse jedem seine -Ansicht. Aber ich habe auch meine eigne, und ich denke: Wo man nichts -erkennen kann, da ist auch nichts. Damit basta.</p> - -<p>Er war liebenswürdiger als ein andrer Gesinnungsgenosse von ihm aus -unserm Vorort, übrigens seines Zeichens ein Fabrikwirker, aber mit -leidlichem Verdienst. Ich hatte ihn eines Abends im schon erwähnten -Turnverein unsers Ortes getroffen. Der Mann war, was man ein -„Turngenie“ zu nennen pflegt, mit tadellosem Körperbau und gleicher -Muskelbildung, ein schöner, kraftvoller Mann. Ich ging mit ihm am -Schlusse der Turnstunde in eine nahe einfache, von uns gern besuchte -Kneipe und trank ein Glas<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Bier mit ihm. Er war auch ein kluger Mensch, -fanatischer Anhänger der Kaltwasserheilmethode und der Sozialdemokratie -und ein Führer unter der zahlreichen Weberbevölkerung von Chemnitz, -die unter wirklichen Notständen seufzte, ohne anscheinend allzuviel -Rücksicht bei den Unternehmern zu finden. Er erzählte mir manches -aus den Lohnkämpfen, die sie geführt, und in denen er mit in den -vordersten Reihen gestanden hätte, ernst, objektiv, mit der epischen -Ruhe, die so vielen Leuten im Volke eigen ist. Dann lenkte ich ihn -auch auf die religiöse Frage und drängte ihn zu einem Urteil. Es war -kurz, bündig und konsequent sozialdemokratisch: Die Kirche ist bloße -Verdummungsanstalt und wohlberechnetes Staatsinstitut; aber man soll -sie trotzdem nicht beseitigen, sondern nur umwandeln, aber durch und -durch. Man soll es dahin bringen, daß sie die Naturwissenschaften dem -Volke lehrt und predigt.</p> - -<p>Alle bisher Geschilderten gehörten jener zielbewußten, begeisterten, -gedankenkräftigen, edeldenkenden, wirklich wahrheitsdurstigen Gruppe -meiner sozialdemokratischen Arbeitsgenossen an. Bei aller Ablehnung -gegen die Religion, bei aller Geringschätzung der Kirche waren sie -gemäßigt in ihrem Urteil, anständig in ihren Äußerungen und mehr oder -weniger bemüht, die Stellung derer, die noch glaubten, mehr oder -weniger zu würdigen, zu verstehen, zu erklären. Aber es gab eine viel -größere Gruppe gleich stark geprägter Sozialdemokraten, die, roher -als jene, in der That nur noch Hohn und Spott und Blasphemie für die -Heiligtümer unsers Glaubens hatten. Auch bei ihnen war das Stichwort: -„Natur ist Gott, Gott ist die Natur.“ Aber sie variierten es gern, -manchmal in der unzüchtigsten Form. So saßen solche Kumpane einmal in -einer Kneipe zusammen; man kam auch auf solche Dinge zu sprechen und -erklärte sie kurzer Hand für Blödsinn, und einer rief aus: „Ach was, -unser Gott ist ein strammes Weib.“ Ein lautes Gelächter über den Witz -schnitt dann die ganze flüchtige Debatte schnell ab. Andre ähnliche -schlimme Dinge, die ich bei andern Gelegenheiten hörte, mag ich nicht -hierher setzen.</p> - -<p>Vorzüglich war es die Jugend, die vielfach solche Gesinnungen hatte. -Hier war von Ernst, von einem Bemühen, auch nur einmal objektiv zu -prüfen, am allerwenigsten die Rede. Man war selbstverständlich meist -längst über solche Dinge hinweg. Dem<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> einen, einem Thüringer, galt -Christentum gleich Antisemitismus, den er als ebenso unnobel wie -unberechtigt haßte, und den er, übrigens mit einigem Recht, für das -Gegenteil vom Christentum erklärte. Man ginge in die Kirche, machte -fromme Gesichter, und im übrigen lebte man doch draußen keinen Deut -besser als die andern, Gleichgiltigen, die viel ehrlicher als jene -handelten. Ich konnte ihm nur erwidern, was ich dem ersten gesagt -hatte. Er war auch still davon aber von jener Gleichung: Christentum -= Antisemitismus ließ er sich partout nicht abbringen. Übrigens war -es schwer, mit ihm darüber überhaupt länger zu reden. Er hielt das -offenbar, wie viele, die mir das geradezu ins Gesicht sagten, nicht -mehr der Rede wert. Denn „Religion — det wohnt nich mehr unter den -Arbeitern,“ sagte in gleicher Haltung und Meinung einmal ein andrer -junger Bursche, aus Berlins Umgebung gebürtig. Er war mir zu Anfang -meines Fabriklebens besonders hochmütig gekommen, als ich ihn meine -christliche Gesinnung merken ließ; später verkehrte ich viel und gern -mit ihm; er war trotz mancher Berliner Manieren ein kleiner kluger, -schneidiger, strebsamer Kerl, der es eben nicht besser wußte und -allmählich, der einzige von allen, wirklich durch meinen übrigens von -allem Bekehrungsstreben freien Verkehr zu andrer, tieferer, ernsterer -Gesinnung über Religion und Christentum, aber wohl kaum zu wirklicher -Frömmigkeit gelangte. Ich traf ihn gleich an einem meiner ersten -Sonntage nachmittags und ging dann mit ihm spazieren. Unterwegs fragte -er mich gelegentlich, was ich am Vormittag gemacht hätte. „Ich war in -der Kirche,“ antwortete ich. „Dummer Mensch,“ war seine Entgegnung. -Ich fragte ihn freundlich, wie er dazu käme, so zu reden, und sagte -ihm einiges von der Vernünftigkeit meiner religiösen Überzeugungen, -und kurz bevor ich für immer von Chemnitz fortging, sagte er mir eines -Sonnabends ganz freiwillig, er wollte mit mir morgen in die Kirche -gehn, wo es ihm dann auch ganz gut gefiel. Schließlich machte er mir -noch eine Liebeserklärung: er wünschte, er könnte immer in solcher -Gesellschaft wie der meinen sein, da würde man ein ganz andrer Mensch.</p> - -<p>Er war übrigens schon in der besten Gesellschaft von allen. Er bewohnte -mit einem Gleichaltrigen, Zwanzigjährigen<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> eine hübsche Stube. Diesen, -einen Pommern, hatte er, wenn ich mich recht erinnere, in Berlin kennen -gelernt und war mit ihm zusammen nach Chemnitz gewandert. Das war ein -stiller, harmloser Mensch aus einer allerdings armen Handwerkerfamilie, -einer von den wenigen, die noch Christentum im Leibe hatten, an -dem sie nicht rütteln ließen, und von dem alle Gegeneinflüsse wie -selbstverständlich wirkungslos abglitten. Der übte einen stummen, aber -guten Einfluß auf den Stubengenossen aus.</p> - -<p>Eben dieser stille Junge, ebenfalls Schlosser, stand in der Fabrik -zwischen zwei gleichaltrigen Handwerkskollegen. Von des einen -religiöser Gesinnung weiß ich nicht viel. Er war aus der Gegend von -Wurzen bei Leipzig, wo sein Vater in einem ganz kleinen Landstädtchen -eine große, gut gehende Schlosserei hatte, und wohin er zurückkehren -sollte, wenn er sich in der Welt und den Fabriken umgesehen und sich -— ausgetobt hätte. Er zeigte mir einmal eine Flasche mit hellem -Trinkwasser lächelnd mit der witzig sein sollenden Bemerkung: „Reines -Gotteswort.“ Der andre Nachbar war Typus für den durchschnittlichen -jungen Fabrikschlosser und machte tüchtig lebenschön. Ich traf ihn -<em class="gesperrt">immer</em> des Sonntags auf den Tanzböden mit seinem Mädchen; er -wußte, daß er leidlich situierte Eltern hatte. An ihm besonders -hatte die glaubenslose Agitation der Sozialdemokratie ihre normale, -oben geschilderte Wirkung gethan. Er war nämlich Gevatter eines -verheirateten jungen Freundes. Eines Tages war sein Patenkind -gestorben, drei Tage nachher, nachmittags 3 Uhr, das Begräbnis. Am -andern Tage war er müde und übernächtig. Auf meine Frage darnach -erzählte er mir in einem Zuge, daß der Pastor am Grabe schön gesprochen -hätte, und daß sie danach den Nachmittag und die Nacht bis morgens -4 Uhr gekneipt und gezecht hätten. Man hätte ja doch einmal freien -Nachmittag gehabt. Der Vater des toten Kindes wäre allerdings schon um -10 Uhr aus der Kneipe nach Hause gegangen.</p> - -<p>Ein andrer war sein getreues Ebenbild an Alter, Beruf und Gesinnung. -Er glaubte an ein „höheres Wesen,“ von dem er sich aber nicht die -geringste Vorstellung machte, und das ihn völlig gleichgiltig ließ. Er -„glaubte“ bloß noch daran, weil das so zum Menschen gehöre. Etwas müßte -ihn doch vom Tiere unterscheiden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p>Das sind einige Schlaglichter auf die Gesinnung und religiöse -Verfassung unsrer jungen erwachsenen Leute; auch sie bewähren schon das -frühere Urteil über sie. Ich kehre nun zur Charakteristik der reifern, -zielbewußten sozialdemokratischen Männer zurück.</p> - -<p>Es war eines Vormittags; ich bohrte seit einigen Tagen krampfhaft -mit der Handbohrmaschine in eine hohe starke eiserne Wand eines -Rundsägegatters Löcher, die ich mir mit Kreide vorgezeichnet hatte. -Da trat ein Monteur, der in der Nähe arbeitete, der älteste von allen -neun Monteuren, an mich heran; ein zweiter, von dem ich noch manches -erzählen werde, ein Handarbeiter kam dazu; dann noch ein dritter, -den ich ebenfalls schon mehrmals erwähnt habe. Der letztere war ein -konsequenter Sozialdemokrat, konsequenter und von der Partei in seinem -Denken bewußter abhängig als jene zwei andern. Wir kamen mit einander -in ein langes Gespräch.</p> - -<p>Man löschte mir, während ich einmal wegsah, im Scherze die Kreidekreise -weg, die ich mir auf meine Eisenwand aufgezeichnet hatte. Als ich es -bemerkte, nahm ich den Scherz auf und sagte: „Zerstört mir meine Zirkel -nicht!“ Was meinst du damit? sagte da der eine. Ich fragte, ob sie die -Geschichte von Archimedes und der Zerstörung von Syrakus kennten. Sie -verneinten, und ich erzählte sie ihnen und erklärte ihnen mein obiges -Zitat.</p> - -<p>Darauf fragte einer, ob das auch um die Zeit des trojanischen Krieges -herum passiert wäre. Den trojanischen Krieg kennte er genau, hätte -ihn gelesen. Und er schilderte ganz richtig und gut den Verlauf der -homerischen Geschichte. Ich glaube, er hatte das Reklamheft, das Homers -Ilias enthält, in der Hand gehabt.</p> - -<p>Dann sprang das Gespräch auf Ägypten über, auf die Pharaonen, von denen -ebenfalls alle wußten. Wir redeten von den Pyramiden, die sie vor allem -um der Menschen willen lebhaft beschäftigten, die einst mühsam, mit -unsäglichen Strapazen ihre Steine aufeinander getürmt hatten.</p> - -<p>H: Das waren die Lasttiere, die Sklaven vor 4000 Jahren; wir -Fabrikarbeiter von heute sind die Sklaven und Lasttiere der Gegenwart.</p> - -<p>Das ist zu viel behauptet, erwiderte ich und wies z. B. auf die viel -bessere allgemeine Bildung hin, die heute alle besitzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p>Das bestritt H:</p> - -<p>Die Leute waren damals nicht ungebildeter und unklüger, als sie heute -im Durchschnitt sind.</p> - -<p>Nein, früher waren sie noch viel klüger als jetzt, mischte sich halb -ironisch halb ernsthaft der andre, S. mit Namen, ein. Früher konnte man -sogar Wasser in Wein verwandeln. Er sagte das unsicher, und ich konnte -nicht erkennen, wie er selbst darüber dachte.</p> - -<p>Mein Monteur lachte laut auf, als er das hörte, und H. lächelte auch -überlegen dazu.</p> - -<p>So fuhr S. fort: Ja freilich, das ist Glauben, aber....</p> - -<p>Aber der Monteur schnitt ihm kurzer Hand das Wort ab: Ach was, unser -Glaube ist, daß zehn Pfund Rindfleisch eine gute Brühe geben.</p> - -<p>Und jener wagte keine Entgegnung mehr. Dann redeten wir weiter und -kamen wieder auf wirtschaftliche Dinge, wobei ich einmal das Schlagwort -„Soziale Frage“ in den Mund nahm. Sofort stach das H. auf und meinte -überlegen, ich wüßte doch nicht, was die soziale Frage sei.</p> - -<p>Das kommt noch darauf an, antwortete ich. Das ist in der That auch -nicht so leicht zu sagen. Darüber kann man Stunden, Tage, Wochen lang -reden. Aber jedenfalls ist sie ein Ungeheuer von vielen Fragen und mit -zwei Seiten, der materiellen und der geistigen Seite, genau wie der -Mensch aus Körper und Geist besteht.</p> - -<p>Aber der Monteur und H. lachten laut auf:</p> - -<p>Geist? Geist giebts nicht. Es giebt nur ein Gehirn, ein Nervensystem, -das funktioniert, wie die Maschine. Diese Funktion, das, was dabei -herauskommt, nennt man heutzutage Geist.</p> - -<p>Wer hat euch das bewiesen? fragte ich. Das ist doch höchstens nur eine -Annahme, eine Behauptung, also nichts andres als meine freilich andre -Meinung auch. Übrigens habe ich auch Gründe für die meine. Nehmt -z. B. eine Trompete und blast hinein, dann giebt sie einen Ton. Aber der -Ton ist etwas durchaus andres als die Trompete; so ists, so kann es -wenigstens mit dem Gehirn und Geist auch sein. Jenes ist das Organ, -dieser sein Inhalt.</p> - -<p>Darauf stutzte H. eine kurze Zeit. Aber dann lächelte er abermals<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> -überlegen und sagte — wie unendlich bezeichnend für die Richtigkeit -meiner Darlegungen an der Spitze dieses Kapitels! —:</p> - -<p>Ich sehe schon, Sie hängen noch ganz an Orthodoxie und Bibel. Die ganze -heutige Wissenschaft ist dagegen.</p> - -<p>Ja und nein, gebe ich zurück. Übrigens ist das weder eine Schande noch -ein Unglück, sondern das Gegenteil von beiden, wenn einem die Bibel -noch was wert ist.</p> - -<p>Man lacht Sie bloß aus damit. Wenn Sie zu einem Gebildeten dasselbe -sagen wie zu mir, so wird er Sie bloß fragen, was Sie sind; und wenn -er hört: bloß Arbeiter, so wird er Sie einfach auslachen und sich Ihre -Dummheit erklären.</p> - -<p>Hier mischt sich ein vierter ins Gespräch, der inzwischen mit einem -Bohrer zusammen ebenfalls hinzugekommen war, ein Handarbeiter, von -dessen innerer religiöser Verfassung ich noch weiter unten viel -erzählen muß. Er war ebenso voll von Hoffnungslosigkeit und Mißtrauen -gegen den Glauben, wie von Sehnsucht nach ihm. Er erzählte:</p> - -<p>Gestern packten wir einen von den eisernen Särgen ein, den die Fabrik -von dem kleinen noch vorhandenen Lager einmal wieder nach langer Pause -verkauft hatte. Wir waren drei Mann beim Einpacken und gerieten dabei -in Streit, ob es ein ewiges Leben gäbe. Die beiden andern meinten -entschieden nein; auch der Meister, der hinzu kam und sich hinein -mischte, sagte, daß sie recht hätten: der Mensch wäre einfach wie eine -brennende Cigarre; sie verglüht, und der Rest ist Asche. Haben die nun -recht oder nicht? Giebts ein Wiedersehen oder nicht?</p> - -<p>Ja wohl, in Buxtehude, lachte abermals der Monteur.</p> - -<p>Aber warum lehren das dann die Geistlichen?</p> - -<p>Damit die Menschen hübsch arm und dumm und hübsch zufrieden bleiben, -belehrt ihn der, der vorhin das Jesuswunder zu Kana erwähnt hatte; und -der Monteur fügte bestätigend hinzu:</p> - -<p>Der Mensch ist ein Raubtier, ja schlimmer als das. Das Raubtier will -nur satt werden, der Mensch will mehr. Gäbs nicht das bißchen Religion -in der Welt, so müßten wir jeden Morgen so und so viele Leichen -beiseite schaffen.</p> - -<p>Das war die weitverbreitete Meinung in der Fabrik: <em class="gesperrt">die längst -überholte, innerlich unwahre, in ihrem Leben tote<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Kirche ist heute -nichts als ein sehr erwünschtes und kräftiges Polizeiinstitut des -bestehenden Staates, der es eifrig und künstlich aufrecht erhält</em>.</p> - -<p>Endlich kamen wir am Schlusse unsers langen Gesprächs auch auf Darwin -und die Lehre von der Abstammung des Menschen von den Affen. Der -Handarbeiter und Monteur sind für sie, S. dagegen, H. sagt gar nichts -dazu. S. meinte, das wäre unmöglich; denn wir hätten den Verstand, der -uns durchaus von den Tieren, auch den Affen schiede.</p> - -<p>Das ist ja richtig, entgegnete der Handarbeiter; aber trotzdem glaube -ich daran. Was bleibt auch andres übrig? Denn das kann ich auf keinen -Fall glauben, wie es in der Bibel steht, daß der Mensch aus Lehm -gemacht ist.</p> - -<p>Als wir dann auseinander gingen, blieb der Handarbeiter an meiner Seite -und kam wieder auf das Sterben und das ewige Leben zurück, wie noch -viele male, wenn wir beisammen waren. Er hatte vor einiger Zeit ein -halberwachsenes Mädchen verloren. Nun quälte ihn die Sehnsucht nach -ihr, sie wieder zu sehen. Er wollte immer wieder hören, was ich darüber -dächte und glaubte. Und immer wieder, so oft ich ihm mein Innerstes -ausgeschüttet, mein Bestes gegeben hatte, schüttelte er den Kopf und -seufzte:</p> - -<p>Ach wenn wir nur glauben könnten. Aber Gewißheit müßten wir haben, ganz -feste Gewißheit.</p> - -<p>Auch dieser Ärmste hatte kein Verständnis mehr für eine Gewißheit, die -nicht auf Augenschein und Tastgefühl, Gehör und Geschmack beruht.</p> - -<p>Ein andermal hatte mich ein Schlosser zu einem ältern Dreher geschickt, -von ihm etwas zu holen.</p> - -<p>Die Arbeit ist noch nicht fertig, wird es morgen erst, wenn mich nicht -derweile der Teufel holt — war die barsche Antwort auf meine Anfrage.</p> - -<p>Teufel giebts nicht, meinte sein Nachbar dazwischen.</p> - -<p>Aber Sünde, setzte ich dazu.</p> - -<p>Unsinn; das widerspricht sich, fuhr mich der erstere an. Wenn es keinen -Teufel giebt, giebts auch keine Sünde. Übrigens, glauben Sie denn auch -noch an das Zeug, das einem in der Schule weis gemacht wird?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></p> - -<p>Man hat eben, das ist ein neues scharfes Charakteristikum, durchgängig -nicht das geringste Bewußtsein mehr von Schuld und Sünde. Auch -diejenigen nicht, die religiös noch schwanken und ringen und eben -mitten in jener Bildungskrisis stehn. Ein andrer kleiner Zug aus einem -Gespräche mit einem ältlichen, ernst gesinnten Manne beweist das noch. -Dieser hatte mir erzählt, daß er irgend einen kleinen Gegenstand, -Schrauben oder sonst, ich weiß nicht mehr, was mit aus der Fabrik nach -Hause genommen hätte.</p> - -<p>Das ist ja aber verboten, also Sünde, warf ich ein, um das Gespräch -darauf zu bringen.</p> - -<p>Nein, das ist keine Sünde. Sünde thut man in so einem großen Geschäft -wie hier nie. Die Besitzer versündigen sich auch an uns. Ach, wir armen -Leute!</p> - -<p>Sonst habe ich eigentlich nur selten bemerkt, daß die Leute heimlich -kleine Utensilien aus der Fabrik mit nach Hause in die Wirtschaft -nahmen. Öfter beobachtete ich, daß sie sich in der Fabrik selbst ein -Thürband, ein Schloß oder sonst was bauten.</p> - -<p>Ganz gleiche Äußerungen, wie die zuletzt angeführte, fand ich -auch schon in der Herberge. So bei einem, der mir eben seine -Lebensgeschichte erzählt hatte. Er war früher einmal gut situiert -gewesen, jetzt war er stellenlos, wohnungslos, Tagearbeiter. Seine Frau -hatte er verlassen; seine drei Kinder waren erwachsen und kümmerten -sich nicht um ihn, wie er sich nicht um sie. Der Branntwein war auch -sein Unglück; noch kurz vorher hatte er in der Betrunkenheit in Dresden -seinen ganzen Berliner „mit einem guten Anzuge und guter Wäsche“ -verloren.</p> - -<p>Ich bin zu ehrlich gewesen, deswegen bin ich heruntergekommen, -beteuerte er. Ich habe keinen Betrug machen wollen wie die Reichen, -deren Schliche ich gar gut kenne, die betrügen und in Ansehen stehn.</p> - -<p>Das ist aber doch nicht immer so. Und wenn es der Fall ist, so ist es -eben eine Sünde und Schande, beschwichtigte ich.</p> - -<p>Schande? fragte er da. Was ist Sünde und Schande? Frage mal die fetten -Herren, ob die sie auch kennen.</p> - -<p>Nun eine neue, interessantere Szene, wieder aus der Fabrik. Ich -arbeitete mit einem Bohrer und demselben S. zusammen, der auch bei -jenem langen Gespräche, das ich vorhin berichtete, dabei<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> gewesen war. -Ich weiß nicht mehr wie, jedenfalls aber ohne mein Zuthun, kam das -Gespräch auf Gott. Der Bohrer, einer der stärksten Verdiener in der -Fabrik, ein breiter, untersetzter, ruhiger Mann von 40 bis 45 Jahren, -meinte, der liebe Gott müßte erst erfunden werden.</p> - -<p>Oder vielmehr nein, fuhr er fort, es giebt ihn doch schon; ich habe -einen Bekannten in X., den nennen sie „Lieber Gott.“</p> - -<p>S. ist diesmal offner und geht mit der Sprache heraus. Er widerspricht -dem Bohrer:</p> - -<p>An ein höheres Wesen glaube ich. Ich habe auch viele Erbauungsbücher -und die ganze Bibel mit meinen Eltern gelesen. Jetzt thue ich es nicht -mehr; denn die Bibel paßt nicht mehr für unsre Zeit zum Lesen. Aber -beten thue ich noch täglich das Vaterunser, früh und abends, und wenn -ich die Arbeit antrete. Aber ich thue das nur so aus Gewohnheit, seit -meiner Kindheit her, wo es die Eltern mir eingelernt haben. Ich weiß, -daß es nichts nützt.</p> - -<p>Dann sind wir auf einmal bei Luther.</p> - -<p>Der hat viel Unheil angerichtet, sagt S., und die Geistlichkeit erst so -mächtig gemacht, wie sie heute ist.</p> - -<p>Wie ich nun Luther gegen diese Angriffe verteidige, gehen zwei andre, -wieder ein etwa dreißigjähriger Monteur und ein Dreher, beide stramme -Sozialdemokraten, vorüber, hören zufällig, was ich rede, und bleiben -stehn. Der Monteur unterbricht mich bald:</p> - -<p>Luther hat ja viele gute Seiten gehabt, aber auch viele schlechte. Ich -weiß das ganz genau; ich habe ein Buch über ihn gelesen.</p> - -<p>Welches?</p> - -<p>Das Pfaffentum seit dem zwölften Jahrhundert.</p> - -<p>Na, da weiß ich schon genug. Das ist ein schönes Schund- und Lügenbuch.</p> - -<p>Das kann nicht sein, ist die aufrichtig ernste Antwort. Es muß -alles wahr sein, was drin steht. <em class="gesperrt">Sonst hätten sie es ja längst -verboten.</em></p> - -<p>Der Mann dachte offenbar an das Sozialistengesetz, das alle -sozialdemokratischen Schriften, die auf Entstellung beruhten, -unter<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>drückte. Man sieht, das Sozialistengesetz zeitigt die -vielseitigsten Früchte.</p> - -<p>Der Monteur kommt dann auf Luther zurück und sein Verhalten in den -Bauernkriegen:</p> - -<p>Erst hetzte er die Bauern auf, nachher schnauzte er über sie. Und -wie hat er den Fürsten geholfen, wie sie unterstützt, wie ihnen -geschmeichelt und sich vor ihnen gedemütigt! <em class="gesperrt">Und das ist auch sein -Werk, daß er erst die Kirche so fest und stark gemacht hat, daß wir sie -nun nie wieder los werden.</em></p> - -<p>Auch der Dreher giebt seine Meinung ab:</p> - -<p>Ja, das muß man Luther lassen, ein gescheiter Mensch war er. Aber das -fiel nur deshalb so auf, weil damals das ganze Volk so verdummt war. -Jetzt wäre Luther nichts besondres mehr. Jetzt machen wirs <em class="gesperrt">alle</em> -so wie er mit der Kirche und dem religiösen Humbug. Ich wenigstens -kümmere mich nicht mehr um das Zeug und gehe um jede Kirche weit herum.</p> - -<p>Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.</p> - -<p>Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist -die einstimmige Ansicht.</p> - -<p>Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten -Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert, -wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut -machen wollen.</p> - -<p>Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht -bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das -mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch -nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber -jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen -lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.</p> - -<p>Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.</p> - -<p>Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal -ähnliche Gespräche.</p> - -<p>Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in -dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel -bereits erwähnte. Der ganze Laden und<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> die Wohnstube der Besitzerin -waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte -für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es -erhalten hatte, sagte er:</p> - -<p>Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.</p> - -<p>Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats -zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.</p> - -<p>Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der -daneben stand.</p> - -<p>Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch -nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.</p> - -<p>An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.</p> - -<p>Was giebts?</p> - -<p>Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle -zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.</p> - -<p>Sie können <em class="gesperrt">mir</em> den Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich -Ihnen. Wollen Sies?</p> - -<p>Nein, lieber nicht.</p> - -<p>Und er ging lachend davon.</p> - -<p>Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers -sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter -anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:</p> - -<p>Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch -nicht beweisen.</p> - -<p>Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange -dabei:</p> - -<p>Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden. -Mein Wahlspruch ist:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">Macht euch das Leben gut und schön,</div> - <div class="verse">Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.</div> - </div> -</div> - -<p>Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.</p> - -<p>Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft -des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die -„großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum -Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p> - -<p>Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz -offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall -im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich. -Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut, -ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des -Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint, -hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen -Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten -müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung -und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“ -gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie -auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung -mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare -materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den -Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und -gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich -besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in -der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im -Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte, -und den ich sonst nicht kannte.</p> - -<p>Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen -Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt -zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber -mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber -jener ließ sich nicht belehren.</p> - -<p>Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus. <em class="gesperrt">Was der Pfaffe -quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit -hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.</em></p> - -<p>Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst -auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet -haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn — aber darauf -hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein -geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf -verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort -übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes. -Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu -erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von -Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte -und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung -seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er -mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom -Pastor:</p> - -<p>Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das -eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht -beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....</p> - -<p>Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.</p> - -<p>Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb -angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange -her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur. -Albernheit — Andacht!</p> - -<p>Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer, -die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe -zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren -Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte -ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten -ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte -nun sein Nachbar hinzu:</p> - -<p>’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die -Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein -großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie -erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er -die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein -halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die -alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.</p> - -<p>Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25 -Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach -der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen -reich und arm mache, und macht ihn immer,<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> besonders bei Trauungen und -Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich -gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet, -sondern ging weg.</p> - -<p>Dann erzählte der erste wieder:</p> - -<p>Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche -gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit -aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200 -Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.</p> - -<p>Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor -allen sein soll.</p> - -<p>Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt, -seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit, -haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.</p> - -<p>Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden, -daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche -Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und -gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.</p> - -<p>Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor -weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht. -Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man -daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein -muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder -unbegründeten Anstoß zu geben.</p> - -<p>Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und -alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte -aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich -auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht -und heiter. Er erzählte mir:</p> - -<p>Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste -— sie ist acht Jahre alt — bettelt mich zwar immer darum. Aber ich -gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche -auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und -Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen -nicht veralbern lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span></p> - -<p>Wieso veralbern lassen?</p> - -<p>Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah -ich einmal eines Sonntags früh — er stammte auch aus einem Dorf in -der Nähe von Chemnitz — unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen, -Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus -bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer -Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.</p> - -<p>Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von -allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa -dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich -sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:</p> - -<p>In unserm Dorfe — ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen -Erzgebirge) — trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war -obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für -ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann -seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen -Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und -Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts -nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist -er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben die <em class="gesperrt">Kerle doch -selbst nicht, was sie reden</em>. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon -sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach -reden, was im Buche steht.</p> - -<p>Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total -abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:</p> - -<p>Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es -herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie -früher und geben alles her.</p> - -<p>Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben, -das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die -früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie -ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren, -die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsen<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> als ein Hauptteil seines -Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit -zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses -Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen -Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen -dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet -überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren -und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer -als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch -jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich -sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen -den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen, -Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den -unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als -jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür -verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung -über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre -sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies -Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter — aber immer galt er als -Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem -geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges -Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen -Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers -Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen, -durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen, -volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen -Verkehr.</p> - -<p>Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines -andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten -Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte -zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und -nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden -gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus. -Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme -war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte. -Er würde darum<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> niemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre; -denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen. -Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht -die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied -zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor -der fremden fand.</p> - -<p>Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an -dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen -Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern -und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem -Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug -von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon -erzählte. Er meinte einmal:</p> - -<p>Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf -studiert; und das kann nicht jeder.</p> - -<p>Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für -den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder -nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch -Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte, -und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, — die -alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der -aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen -Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl, -ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich -verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter -dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war -weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:</p> - -<p>Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der -Fabrik nicht laut sagen!</p> - -<p>Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der -Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben -unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker -noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der -alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für -sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung -und Glaubenslosigkeit mit allen<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Zweifeln und ihrer Haltlosigkeit -standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen -Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck. -Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte. -Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode -seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und -Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach -schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation, -daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es -war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem -Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit -suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes -am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel -und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von -meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder -vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich -und unvermittelt — es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln -zweier großer Platten —:</p> - -<p>Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder -auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel -Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen -Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.</p> - -<p>Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der -auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist, -zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers -Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und -grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und -niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten -brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich -gewiß würden.</p> - -<p>Aber er auch da wieder:</p> - -<p>Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben -und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade -ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die -Katholiken, die Juden und<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> Türken nichts andres glauben. Und davon ließ -er sich nicht abbringen.</p> - -<p>Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen -Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich -bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:</p> - -<p>Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns -und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost -bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit -gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“ -antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie -haben aber doch gebetet: Vater <em class="gesperrt">dein</em>, nicht <em class="gesperrt">mein</em> Wille -geschehe!“ <em class="gesperrt">Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!</em></p> - -<p>Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit, -und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein, -wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner -Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr -Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da -sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:</p> - -<p>Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.</p> - -<p>Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes -Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner -Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner -Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu -leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben -hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn -und seines Glaubens leben ließ.</p> - -<p>Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht -vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun -erklärte ein dritter:</p> - -<p>Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und -ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache -mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung, -wie die meisten andern sagen? Oder<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> ist das nicht bloß Profession von -den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute -keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum -geht es so vielen Guten schlecht?...</p> - -<p>Ja, und wenn es mir schlecht geht — nun, da haue ich eben alles hin, -fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:</p> - -<p>Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!</p> - -<p>Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als -seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone -zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in -diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der -stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:</p> - -<p>Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein -Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und -damit zufrieden ist.</p> - -<p>Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein -Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter, -die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er -erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils -Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch -paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil -er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer -katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich -auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere -Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige -Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige -besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der -dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.</p> - -<p>Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik -minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder -doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine -Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur -wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte, -war wohl der einzige, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> mich recht entsinne. Er machte sich mir -gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit -der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe -dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein -Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar -keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er -da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt, -was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?</p> - -<p>Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch -haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den -beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also -noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung -vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche, -dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu -trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel -hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal -betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag -hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann -man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige -sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt -ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in -Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit, -sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung -besonders deutlich hervor.</p> - -<p>Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der -Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der -wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn -auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in -aller Ruhe:</p> - -<p>Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine -Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme -ich fast nie mehr hinein. <em class="gesperrt">Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir -sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.</em></p> - -<p>Würde das — es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung — möglich -sein, wenn das kirchliche Leben auf dem<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> Lande wirklich rege, die -Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht -nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen -weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen. -Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch -Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist -nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum -gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder -seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche -holt.</p> - -<p>So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber -sonst selbständig und verständig urteilender Mann:</p> - -<p><em class="gesperrt">Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon -in der Schule genug gehabt.</em> Aber sie muß sein; sonst wäre der -Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie -nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem -Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen -ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn -hört.</p> - -<p>Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter -Sohn des Dorfes:</p> - -<p>Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch -immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne -das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich -auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein -ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die -„Sozialschen.“ <em class="gesperrt">Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in -die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und -Konfirmation.</em></p> - -<p>Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders -gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die -gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich -fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie -alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre -Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder -der alte noch der neue Glaube zu<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> befriedigen vermochte, sie aber doch -etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung, -ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft -wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel -persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch -noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich -standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen -Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich -genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe, -verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit -der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn -auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum -gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem -sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt -haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen -aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens, -das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer -Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist. -Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer -Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.</p> - -<p>Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir, -als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.</p> - -<p>Wie so?</p> - -<p>Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse -ich mir nichts mehr sagen.</p> - -<p>Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere -betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik. -Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von -jedem.</p> - -<p>Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes -Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb -er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von -dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn -dort konfirmiert hatte.</p> - -<p>Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu -lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon.<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> Aber auch -wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die -Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen -Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer -silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.</p> - -<p>Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.</p> - -<p>Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim -Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon -rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache -mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten -zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.</p> - -<p>Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.</p> - -<p>Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten -Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte -von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles. -Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.</p> - -<p>Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein -Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war -seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als -Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und -auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er -immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am -Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er -ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen -Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich -nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er -nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten -in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen — -natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das -war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die -evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne -„Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter -Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<p>Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein -Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer, -ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich, -wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er -war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines -sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei -bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu. -Sonst geht es mir schlecht hier.</p> - -<p>Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch -er hatte mir früher — freilich beiläufig — wenig Schmeichelhaftes -über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten -Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:</p> - -<p><em class="gesperrt">Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik</em>, sagte er -einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen -Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich -Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche. -Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das -Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und -stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen -und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte -mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute -nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte -er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er -aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.</p> - -<p>Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich -seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht -verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz -erstaunt und verständnislos an.</p> - -<p>Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch -manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist -auch durch diese schon schlagend geführt. <em class="gesperrt">Und es ist in der That -kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledem<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> anerkennen, daß der -materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich -mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter -aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.</em> Die alten Gebilde -und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und -geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter -für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute -auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das -Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne -Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch -Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen -von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer -von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne -Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre -sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen -langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.</p> - -<p>Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht -vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat -und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher -sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz -andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in -ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne -gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“ -Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale -Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne -Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher -als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor -seiner großen Persönlichkeit.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel"><span class="s5">Siebentes Kapitel</span><br /> - -<b>Sittliche Zustände</b></h2> - -</div> - -<p>Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel -deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen -das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer, -durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer -Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich -auch in diesen Menschen gären und glühen.</p> - -<p>Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes -näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der -geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von -Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen -Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen -Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir -nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und -Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte -Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben, -umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch -in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche -und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen -Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers -Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit -erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel -mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher -auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder -ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner -Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen, -wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie -verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer -erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten -Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> erstarren dann oft zu einer -nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des -sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da; -sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch -maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die -sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus -denen diese herauswachsen.</p> - -<p>Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit. -Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern -bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der -großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen -besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die „Wissenschaft“ der -Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur -einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im -zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen -den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte -schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem -man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis -zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer -läßt sich darauf der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft -verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung -und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine -Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches, -zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag? -Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige -alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür -die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger -Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder -vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig -günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig -zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen -müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet. -Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise -anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern -aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> zu betonen, daß sie alle -zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen -Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner -Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern -gezeitigt hat.</p> - -<p>Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so -verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich -auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine -beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in -Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.</p> - -<p>Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche -Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre, -widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist, -wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur -ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese -aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen -wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht -befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem -wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen, -in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt -darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens, -sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen -Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch -für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser „Sittlichkeit“ -mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder -um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu -straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt -würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles -Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der -Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein. -Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre -des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer -Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles -regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses -Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten -sittlichen Charakter<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen, -ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert -durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der -„wissenschaftlichen“ Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar -erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen, -umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den -Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht -entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die -sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das -beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der -Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle -Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich -werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit, -der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des -Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt, -wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch -der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick -und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus -parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer -Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und -wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das -öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände -immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die -christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer -schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an -ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.</p> - -<p>Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der -Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel, -das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden -wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und -politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte -Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller -Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese -idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung -gebracht werden, zum großen Teil<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> den guten erziehlichen Einfluß, -den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener -Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und -entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und -der Partei.</p> - -<p>Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen -Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier -ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier -weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind, -die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern -angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem -einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch -in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt -hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind, -mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle -verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen -jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in -ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände, -unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen -Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen -ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit -in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie -überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische -Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie -sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer -verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es -manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen -Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders -hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium, -ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen -zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen -sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich -maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen -dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben, -die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem -ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p> - -<p>Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt, -muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten -Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter -den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich -anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die -lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem -der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in -seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung -hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter -entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse -und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch -seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem -Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es -giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte, -eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche -Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den -Resultaten der modernen „Wissenschaft“, deren rechte Konsequenzen nach -rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu -ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus, -der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip -ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit -ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich -erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten -Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen -mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein -Fäßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte, -ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die -ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute, -gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte -Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben; -aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie -gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als -Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit -über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> -unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und -waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum -von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl -von Arbeitsgenossen, die — ich verweise hier auf den betreffenden -Abschnitt meines fünften Kapitels — sich nur wenig oder gar nicht mit -Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten -Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien, -wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen -immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder -zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen -zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen -Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten, -die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse -standen — alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung, -die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich -der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der -sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die -gesunden Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und -schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß -die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und -schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte -Arbeit zu thun braucht.</p> - -<p>Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach -meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine -Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes -Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich -beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde, -also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie -ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht, -wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig -wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und -der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen -größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu -einem geordnetern, verständigern, von höhern und edlern Bedürfnissen -getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in -vielen Fällen in mehr oder<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> weniger glückende That umsetzt. Unter -solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch -einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von -glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten -Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das -heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist -weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein. -Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen -verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es -auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr -schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten -jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es -— ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen -nur bestätigen — nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene -Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in -seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio, -der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das -lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt. -Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut -kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute. -Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an -die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren -es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten -Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei -ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches -übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde; -diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum -Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit -und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt -hatten. Wie weit — um darauf noch einmal zurückzukommen — bei vielen -Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden -und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist -die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher -Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er -konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen -Arbeiten selbst verrichtete, deren Besorgung man sonst Hand<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>werkern -überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand -Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie -Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln -selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und -Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den -Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend -war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt, -es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit -andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen -Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für -gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern -vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier — ob als alte Reste oder -neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger -zur Entscheidung — unter der Decke des großindustriellen -Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen -Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.</p> - -<p>Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich -kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal: -„Jeder Arbeiter hat Schulden,“ aber ich habe, offen gestanden, nie -recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß -jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode -häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf -Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist -wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere -Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur -erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei -längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen, -bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des -Mannes. Ein <em class="gesperrt">gegenseitiges</em> Borgen aber habe ich wenigstens -unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und -dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte -ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung -aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und -am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmarkte etwas Besondres zu leisten. -Das waren in aller Augen Fest<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>tage, und an Festtagen läßt das Volk -ganz selbstverständlich „etwas aufgehn.“ Jeder freilich in seiner -Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung, -auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte, -oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich -des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer -Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen -Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an -diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau „aus-,“ d. h. zu -Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und -von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und -es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch -im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von „Destille“ -(Destillation) zu „Destille,“ von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie -schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich -ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es -erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung aus vierzehn Tage -erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken, -verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe -es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine -größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man -wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer -mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte. -Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und -ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen -durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches -Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl -man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am -nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung -zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den -Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.</p> - -<p>Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und -widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse -der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte, -besteht fast durchweg aus Säufern;<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> von ihnen waren in den Chemnitzer -Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber -auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus -der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer -man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein -stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten -Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer -gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte -haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr -imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er -keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich -abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren, -wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber -doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar -gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers -unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher -Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte, -man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.</p> - -<p>Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so -krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige ständige -und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber -der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich -in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer -einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und -hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und -Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das -wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur -um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot -wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes -in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps, -dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und -den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der -Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form -der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der -Durchschnittsarbeiter von Chemnitz<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> ging, außer am Lohntage und an -den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er -machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder -hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den -meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas -los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde -wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich -viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein. -Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch -selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder- -und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag. -Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für -manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte -Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an. -Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe -gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das -thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen -Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen -Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich -böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb. -Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der -erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest; -die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte, -trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten -eigentliche Säufer.</p> - -<p>Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen -oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere -und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die -„Kaiserkrone“ in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der „blutige -Knochen“ genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie -in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste -Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter -mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer -Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den -Militärbehörden hiermit zur<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß -künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem -auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten -werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten -ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe -Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz -unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern mit -ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren -Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder -so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt -Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug -aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns -der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten, -ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort, -und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der -Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in -Schwung und in die Höhe gebracht.</p> - -<p>Das Gegenteil von diesem Saale war das „Kolosseum“ in Kappel. Es war -der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung -und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum, -das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen -Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und -auch — wie man mir versicherte — Referendare und Offiziere in Zivil -zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen -und Verkäuferinnen, aber auch „feinere“ Huren, dagegen wenig Dienst- -und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu. -Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller -Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist -in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack; -alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt -und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden -sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der -Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug -Handschuhe, was manche der Damen veran<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>laßte, ihren Herren beim Tanz -mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten, -damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das -Kleid nicht beschmutzte.</p> - -<p>Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck, -den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es -Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und -ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten -sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden -Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer -Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit -vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver, -der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem -Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug. -Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine -Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4 -Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen -Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den -Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über -die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und -eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann, -und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die -Freude am größten.</p> - -<p>In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem -Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn -an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den -Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da -koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende, -glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen, -kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte -Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und -seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt, -der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach -Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld, -wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> begeht, oder bis in -Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das -ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige -Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes -sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom -Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur -ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft, -ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein -Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur -einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit -in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und -Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf -der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der -kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei -und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein -leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aufsicht, ohne elterliche -Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken -Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und -Herzen — und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem -Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten -Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen -junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben -sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist -Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer -Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der -ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die -Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel, -ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage -nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in -Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.</p> - -<p>Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges -Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt -ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf -den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute -im weitesten Umfange verbreitet.<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> Er gilt einfach als das Natürliche -und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine -Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot -existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich -bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande, -und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste -und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz -selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo -immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich -ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl -hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die -sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser -„geht man“ dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so -heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange -oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder -nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So -treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen, -selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die -jungen Leute in die Ehe zusammen.</p> - -<p>Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen, -die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten -wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung, -einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal -von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des -zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen -nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein -Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige -Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe -ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die „letzte und -größte Dummheit, die einer machen kann.“ In manchen Familien ist es -ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige -gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch -mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im -allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den -Männern<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> unendlich viel niedriger geschätzt, viel weniger geachtet, -viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart -gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr -ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu -fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins -der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.</p> - -<p>Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und -einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen -Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen, -übertragen sie vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit -eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird. -Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es -vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des -Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft -und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur halbwegs -die Verhältnisse erlauben, etwas „Ordentliches,“ d. h. jedenfalls -etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der -Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler, -kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als -Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt -wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls -nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann -gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie -meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war, -gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank -wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu -erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich -auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst -dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten -seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde -war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden -Halbbildung.</p> - -<p>Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt -einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute.<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Fast -jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen -unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man -fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte -mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten -sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger -Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche -zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich -recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das -eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es -sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.</p> - -<p>Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine -Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen. -Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer, -das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock, -den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden -und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus -sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht -sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen -alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der -Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in -der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und -lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld -aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der -Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar -Pfennige zusammen.</p> - -<p>Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu -einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert. -Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller -Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in -jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während -der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei -des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit, -der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die -besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere,<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> ihre guten -und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen -untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und -Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn, -Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit -und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse -geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie -überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor, -deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute -verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was -mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu -bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer -nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie -gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte -mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den -andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen -sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte -mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit -den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch -von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte -mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz! -Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle, -meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben -Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in -den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.</p> - -<p>Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den -Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt -die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer -einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der -Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an -eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig -zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.</p> - -<p>Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja -doch nur Steuern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p> - -<p>Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte -sich jener.</p> - -<p>Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben, -erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.</p> - -<p>Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz -parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung. -Die „Reichen,“ die „großen Herren,“ die nichts zu arbeiten brauchen, -hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die „fressen, saufen, reisen, -lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne -Weiber.“ Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und -wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte -Menschen, die ja freilich die „Reichen“ nicht immer sind, gerade in -dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und -Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile, -die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute -Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der -er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben! -Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine -Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten -Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern -Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft -glücklich ist.</p> - -<p>Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl -der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese „vornehmen“ -Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen -ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber -gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen -Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend -einen <em class="gesperrt">objektiven</em> Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem -gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen -entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern -Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt -dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein -Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes, -das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien -enthielt mit, wenn ich mich<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> recht entsinne etwa dem Inhalte, -daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der -Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter -Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu -lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also: -Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem -parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart. -Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir -wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht -mehr diese „Wohlthat“ zu beanspruchen brauchen und dann — nicht -gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder -versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines -Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser -Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!</p> - -<p>Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten -nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige -Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen, -waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die -Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die -unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte -stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen -völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich -unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des -Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder -nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar -kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare „kindische“ -Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die -Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des -Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten -ist.</p> - -<p>Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze -sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen -eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute, -liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner -festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> -übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie -haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr -wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt, -ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen -willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende -sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert -also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und -sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts -Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte -Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem -großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe -schiebe. <em class="gesperrt">Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre -Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten -Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft -heraufbeschworen hat.</em> Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen -nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel"><span class="s5">Achtes Kapitel</span><br /> - -<b>Ergebnisse und Forderungen</b></h2> - -</div> - -<p>Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.</p> - -<p>Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage -keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs- -und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten -Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten, -würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren. -Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht -einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der -ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die -Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und -Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen,<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> sie ihnen doch einzureden -versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten -zu diesem „Massenkampfe“ begeistert, was gerade auch die bestgestellten -und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist, -ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage -nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht -des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung -und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer -sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine -trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion -und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit -erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den -demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse -heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen -wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden -gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame -Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht -nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang -nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der -Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten -und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller -Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der -Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge, -unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf -genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum -unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch -von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses -Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der -That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen -Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in -erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges -Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre -Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben -geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung -so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das -giebt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt -sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für -spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die -Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.</p> - -<p>Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß -die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre -Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und -für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die -Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein -Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich -sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen. -Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso -wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik -und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der -Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz -anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß -es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist -heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung -überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht, -daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch -in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo -der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem -Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt, -also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen -hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen -Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine -werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint, -zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben -genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor -allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden -zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen -zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen, -denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark -machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzutauschen -gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> Ringens nach dem -Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und -so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen: -es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen -sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier -liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch -erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei. -Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber -möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und -geheiligt wird.</p> - -<p>Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende -Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten -Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu -einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden -des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und -der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich -als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu -bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die -Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem -Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums -hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit -erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und -Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an -den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft -wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.</p> - -<p>Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die -Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes -allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß -die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei, -auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems, -oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die -Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten, -widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen -Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System; -dieses Prinzip,<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern -angebeteten „Wissenschaft,“ bildet ihre feste Grundlage, giebt -der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat -dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten, -nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische -Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen -Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So -ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein -die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung -des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die -sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig -beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände, -um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und -Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die -Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst -untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit -und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern -ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder -Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen -willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher -Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat heraufziehen, wenn -die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit -und Wahrheit werden würde — was thut das uns? So treten auch wir -„evangelische Pfaffen“ in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier -oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die -übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich, -frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers -Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres -großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das -vollendete Antichristentum wird. <em class="gesperrt">Es muß der Grundsatz durch uns zur -Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein -Christ Sozialdemokrat sein kann.</em></p> - -<p>Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr -materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener -gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Glanz heute -die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister -willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft -der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom -Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die -unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft -gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten -unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute -von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos -mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten -ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit, -aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr -entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle -Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß -man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles, -was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in -die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie -sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich, -bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne -eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der -wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts -und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken -zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche -und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten -diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn -wir wissen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft -der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern -menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns -willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer, -kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche -Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen -bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische -Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den -modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten.</p> - -<p>Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> mehr -übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge -der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und -Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und -Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit -auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist. -Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der -Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen -Glaubensgebäudes. Es geht den modernen „aufgeklärten“ Arbeitern wie den -Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung -unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, — -sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem -Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil -ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung -dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie -die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit -noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form -und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten, -so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und -Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit -der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche, -dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene -heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie -thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach -sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen -Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem -modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der -ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei -Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft -und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht, -beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist -vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht -zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen -hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen -Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> und -Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen -und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer -anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren -stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber -geleistet muß diese Arbeit werden — sonst, das ist meine feste, aus -bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und -wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum. -Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus -betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der -Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor -die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum -sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen -innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten -an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen -wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so -wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere -Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel -eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen -werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann -wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die -von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht -weniger not.</p> - -<p>Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung -des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser -apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der -alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern -ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten, -den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem -die Arbeiter — ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte -Gespräche — erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben. -Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der -kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine -soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war, -seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen -vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> dort wie verlassen in der Mitte -einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie keinen -moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja daß sie -sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie noch viel -weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als sie es -ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an irgend -welchen <em class="gesperrt">praktischen</em> Wert des Christentums für ihr leeres Leben -gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht -noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und -seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird -das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein, -wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5–8000 Seelen haben, -wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die -Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie -getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter -frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung, -und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen, -Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie -Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine -Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und -die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und -wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die -Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft -thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der -Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden.</p> - -<p class="mbot3">Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die -Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken -wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in -jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur -die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer -schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst -aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen -erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das -junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich -schreibe an dieser Stelle von<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> ihm nicht in offizieller Eigenschaft, -als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich -am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der -Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe -ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen -und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den -Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen -Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer -Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur -materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und -gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders -so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte -Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden -angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind; -und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich -Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht -nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung -und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird -er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz -werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften -künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den -Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische -Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er -jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite -Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern -die wahren Quellen der materiellen Not, d. i. die wirtschaftlichen -Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese -wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese -Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen -und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der -einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen -die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse -ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen -Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren -Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner -Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> dem -seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch -ihnen den Blick für diese Zustände zu erschließen und das Bewußtsein -der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem -öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen. -Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so -hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das -der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen: -<em class="gesperrt">die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute -noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer -widerchristlichen materialistischen Weltanschauung</em>.</p> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s5 center padtop3 mbot3">Druck von Carl Marquart, Leipzig.</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Drei Monate Fabrikarbeiter und -Handwerksbursche, by Paul Göhre - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MONATE FABRIKARBEITER *** - -***** This file should be named 60357-h.htm or 60357-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/5/60357/ - -Produced by Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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