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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 11:12:42 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse - -Author: Daniel Defoe - -Illustrator: F. H. Nicholson - -Release Date: November 1, 2019 [EBook #60344] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, -Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart -dargestellt war, Umschließungen mit = fettgedruckten Text. - -Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden -Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter -belassen. - -Im Original endet jedes Kapitel mit einer ornamentalen Illustration. -Verweise auf diese sind für die reine Textfassung entfernt worden. - - - - -[Illustration: Robinson und seine Familie.] - - - - - Robinson Crusoe's - Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse - - Fürs Deutsche bearbeitet nach dem Original - - des - - Daniel de Foe - - Zwanzigste Auflage - - Mit 41 Text-Abbildungen - - nebst *vier* Farbendruckbildern nach Zeichnungen von *F. H. Nicholson* - - [Illustration] - - Leipzig - - *Verlag von Otto Spamer* - - 1904 - - - - -*Inhalt* - - - Seite - -Erstes Kapitel. - - =Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt= 1 - -Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit seinem -Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. -- Des Schiffes -Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons Unschlüssigkeit. -- -Reise nach London. - - -Zweites Kapitel. - - =Robinsons Gefangenschaft und Flucht= 16 - -Robinsons Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury. -- Ankunft in -Brasilien. - - -Drittes Kapitel. - - =Robinson als brasilischer Pflanzer= 24 - -Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise. -- -Schiffbruch. - - -Viertes Kapitel. - - =Rettung nach dem Schiffbruch= 31 - -Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Flosses. -- -Glückliche Landung mit der Fracht. -- Tägliche Fahrten nach dem Wrack. --- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. -- Robinsons -Kalender. -- Tagebuch. - - -Fünftes Kapitel. - - =Robinsons Tagebuch= 45 - -Neujahr. -- Sicherung der Hütte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung. --- Getreideähren. -- Erdbeben. -- Ein Schleifstein. -- Ein Fäßchen -Pulver. -- Zertrümmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkröten. -- -Krankheit. -- Nächtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen. -- -Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und Früchte -im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze und ihre -Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge. - - -Sechstes Kapitel. - - =Robinson als Handwerker und Ackersmann= 57 - -Robinson säet Getreide. -- Korbflechterei. -- Töpferarbeiten. -- -Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Küstenstrich. --- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. -- -Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. -- -Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplünderern. -- -Kleine Ernte. - - -Siebentes Kapitel. - - =Robinson als Bäcker und Schiffbauer= 67 - -Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. -- Ernte. -- Brotbacken. --- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. -- Robinson baut -ein Boot: vereitelte Hoffnungen. -- Rückblicke auf das dreijährige -Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleidung. -- Robinson wird -Schneider. - - -Achtes Kapitel. - - =Robinsons unglückliche Bootfahrt= 77 - -Gefährliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. -- Sehnsuchtsvolle -Betrachtungen. -- Die beiden Strömungen und glückliche Landung. -- Des -Papageis Ruf. -- Robinsons »Familie«. -- Ziegenfang und Ziegenpark. -- -Schneiderkünste. -- Neue Beobachtungen. -- Rückblicke. - - -Neuntes Kapitel. - - =Robinson entdeckt Spuren von Menschen= 84 - -Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons -Bangen. -- Untersuchung der Fußspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken. - - -Zehntes Kapitel. - - =Stillleben mit Unterbrechungen= 99 - -Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch von -Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reiseträume. - - -Elftes Kapitel. - - =Zusammenstoß mit den Kannibalen= 112 - -Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flüchtling -und sein Beschützer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags -Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag -als Koch und Bäckerlehrling. -- Nachrichten über die Nachbarländer. -- -Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen. - - -Zwölftes Kapitel. - - =Eine Zeit großer Ereignisse= 131 - -Bau eines neuen größeren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer -Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und -Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der -Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftspläne. - - -Dreizehntes Kapitel. - - =Durch Kampf zum Sieg= 151 - -Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weißer Männer. -- -Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seeräubern. -- Die -Gefangenen. -- Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer. -- -Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. -- -Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur. - - -Vierzehntes Kapitel. - - =Robinsons Abreise von seiner Insel= 169 - -Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel und -deren Bevölkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in der Heimat. --- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen Besitzungen. -- Der -brave Portugiese. -- Günstige Vermögenslage. -- Landreise durch Spanien -und Frankreich. -- Wölfe in den Pyrenäen. -- Freitag und der Bär. -- -Stillleben in London. - - -Fünfzehntes Kapitel. - - =Aufenthalt in England und neue Reise= 185 - -Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer. -- -Der Büffeljäger. -- Ankunft in der Kolonie. - - -Sechzehntes Kapitel. - - =Die Schicksale der Kolonie= 195 - -Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht über -die Wirren während der Anwesenheit des Gründers. -- Neue Ordnung. -- -Weitere Reisepläne. - - -Siebzehntes Kapitel. - - =Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt= 207 - -Abschied von der Kolonie. -- Kämpfe zur See. -- Freitags Tod. -- -Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das -»Venedig des Eismeeres«. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. -- -Der verlassene Matrose. -- Ein »Robinson« auf einer schwimmenden -Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammenstoß mit -den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rückkehr nach England. --- Endliche Ruhe. - - -Buntbilder: - - Robinson und seine Familie Titelbild - - Robinson und seine Ziege Seite 46 - - Robinson und Freitag " 114 - - Unter den Wölfen " 180 - - - - - Daniel de Foe. - - =Robinson Crusoe.= - - - - -[Illustration] - -Erstes Kapitel. - -Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt. - - - Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit - seinem Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. -- - Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons - Unschlüssigkeit. -- Reise nach London. - -Im Jahre 1632 erblickte ich in der Stadt York das Licht der Welt. Mein -Vater, aus der Familie Creutznaer in Bremen stammend, hatte sich als -Kaufmann in Hull, in England, niedergelassen. Hier war ihm das Glück -hold, so daß es ihm gelang, sich ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. -Darauf zog er sich von den Geschäften zurück und siedelte nach York -über, um seine ferneren Lebensjahre in Ruhe zu verbringen. Dort führte -er meine Mutter heim; sie zählte zu einer alten und angesehenen -Familie, Namens Robinson. So kam es, daß ich den Doppelnamen *Robinson -Creutznaer* empfing; letzterer Name wurde indes durch die Leute -gewöhnlich in *Crusoe* umgewandelt, wie man es in England oft findet. -Wir behielten auch in der Folge diesen Namen bei. - -Ich hatte zwei ältere Brüder; der eine diente als Oberstleutnant in -einem englischen Infanterieregiment in Flandern und fand seinen Tod, -als die Engländer unter Cromwell Dünkirchen den Spaniern abgewannen. -Was aus meinem zweiten Bruder geworden ist, habe ich niemals erfahren, -ebensowenig als meine Eltern je darüber Aufschluß erhielten, wie es mir -selbst später ergangen ist. - -Ich war also der dritte Sohn meiner Eltern und hätte eigentlich daran -denken sollen, ihnen einmal eine Stütze zu werden. Ohne ernstlich die -Wahl eines Lebensberufs zu erwägen, hing ich indessen abenteuerlichen -Gedanken und Plänen nach; ich dachte nur an die Herrlichkeiten fremder -Länder und träumte Tag und Nacht von Palmenwäldern, Goldbergen und den -fabelhaften Schönheiten fremder Zonen. Nichts ging mir über das Leben -eines Schiffers, der in seinem leichten Fahrzeuge sich auf dem blauen -Meere wiegen und alle jene von mir erträumten Wunder mit Augen schauen -kann. - -Zwar ließ es mein Vater an guten Lehren und an Schulunterricht nicht -fehlen, zumal er wünschte, daß ich späterhin ein Rechtsgelehrter werden -sollte. Allein der Hang zum Seeleben, den weder seine ernstlichen -Warnungen noch die schmeichelnden Bitten der Mutter verdrängen konnten, -nahm meine Gedanken unwiderstehlich gefangen und ließ mir alles, was -die Heimat bot, gleichgültig erscheinen. - -Eines Morgens rief mich mein Vater in sein Zimmer, das er infolge der -Gicht hüten mußte, und sprach zu mir in warmen und eindringlichen -Worten. - -»Mein Sohn«, begann er ernst und nachdrucksvoll, »du bist auf dem Wege, -mir und deiner Mutter großen Kummer zu bereiten. Mein Sohn, ich meine -es gut mit dir; laß ab von deinen abenteuerlichen Plänen! Du willst -den heimischen Herd, das Vaterland verlassen; glaubst du, daß du es -anderwärts besser findest als hier, wo dir bei Fleiß und Kenntnissen -eine sorgenfreie Zukunft erblühen wird? Täusche dich nicht! Nur solche, -die arm und hoffnungslos sind, oder die ein ungebändigter Ehrgeiz -treibt, mögen durch außergewöhnliche und kühne Unternehmungen Glück -und Ruhm erjagen. Für dich sind alle diese Dinge entweder zu hoch -oder zu niedrig. Gewöhne dich, den Mittelstand, dem wir angehören, -als den glücklichsten Stand anzusehen. Ist er nicht der Wunsch aller? -Gar manche Könige, in Glanz und Prunk aufgewachsen, hätten gern den -goldenen Thron mit dem bescheidenen Handwerk vertauscht. Selbst der -weiseste Herrscher hat einst den Mittelstand als den glücklichsten -gepriesen, indem er Gott bat, ihm weder Reichtum noch Armut zu geben! -Wer hier die Mittelstraße geht, den stacheln weder Neid noch glühende -Wünsche des Ehrgeizes, noch wohnen in ihm Stolz und Mißgunst.« - -[Illustration: Robinson Crusoe wird von seinem Vater ermahnt.] - -So ermahnte mich mein Vater eindringlich, nicht mich selbst ins -Elend zu stürzen. Er gab mir seine väterliche Absicht kund, daß er -alles aufbieten würde, um mich auf der Laufbahn, die er für mich -bestimmt habe, so freigebig zu unterstützen, als es mir in jeder Weise -förderlich sein würde. - -»Beherzige meine Worte!« fuhr er fort. »Dasselbe sagte ich auch deinen -Brüdern, aber sie gingen ihren eignen Weg. Was war ihr Los? Fern vom -Heimatshaus fiel dein ältester Bruder auf flandrischer Erde, und wo -das Gebein deines zweiten Bruders modert, das weiß Gott allein. Glaube -mir, deinem Vater, der nur auf das Glück deiner Zukunft bedacht ist; -folgst du meinen Ermahnungen nicht, unternimmst du den unüberlegten -Schritt, aufs Geratewohl in die weite Welt hinauszustürmen, so wirst du -sicherlich eines Tages, wenn das Unglück bei dir einkehrt und niemand -der Deinen um dich ist, bitter bereuen, daß du meine Mahnungen nicht -beachtet hast.« - -Tief ergriffen hielt er nach diesen Worten inne, während Thränen der -Wehmut und Rührung seine Wangen netzten. - -In jener Stunde nahm ich mir vor, gehorsam dem Willen meines Vaters -mich zu beugen. Doch schon nach wenigen Tagen erwachte die alte -Sehnsucht aufs neue, und alle guten Vorsätze waren vergessen. Bei -meinem Vater durfte ich nicht hoffen, mit meinen Bitten durchzudringen; -deshalb versuchte ich meine Mutter günstig zu stimmen. Ihr stellte -ich vor, daß mein Trieb, die Welt zu sehen, unüberwindlich sei, daß -ich bereits im achtzehnten Jahre stehe und nun zu alt sei, um die -juristische oder die kaufmännische Laufbahn zu betreten. Sie möge den -Vater zu der Erlaubnis bewegen, mich wenigstens eine Reise unternehmen -zu lassen; gefiele mir das Seemannsleben nicht, so wolle ich dann mit -doppeltem Eifer das Versäumte nachholen. - -Von diesen wiederholten Herzensoffenbarungen war meine besorgte Mutter -durchaus nicht erbaut; sie sagte mir rundweg, daß es ganz zwecklos sei, -mit dem Vater noch einmal über diesen leidigen Gegenstand zu sprechen. -Trotzdem teilte sie gelegentlich die Unterredung dem Vater mit, und -dieser gab ihr seufzend zur Antwort: »Der Junge könnte zu Hause ein -ganz gutes Leben haben; geht er aber davon, so wird er der elendeste -Mensch auf Erden. Ich gebe meine Einwilligung nicht!« - -So verging abermals ein Jahr, währenddessen die wiederholten -Ermahnungen meiner Eltern nur tauben Ohren gepredigt wurden. Eines -Tages war ich nach Hull gegangen und traf dort zufällig mit einem alten -Schulkameraden zusammen, der im Begriff stand, auf einem Schiffe seines -Vaters nach London abzufahren. Er überredete mich, ihn zu begleiten, -indem er mich nach Seemannsart mit den Worten lockte: »Die Fahrt soll -dich nichts kosten, mein Junge.« - -Mein Entschluß war gefaßt. Unbekümmert um die Sorgen der Eltern, -bestieg ich das Schiff; es war am 1. September 1651. - -Selten hat die Strafe für den Leichtsinn so schnell begonnen und so -lange gedauert wie bei mir. Kaum waren wir aus dem Hafen ausgelaufen, -als es zu stürmen begann und die See hohl ging. Ich hatte noch nie -eine Seereise mitgemacht, und so ergriff mich denn die unerbittliche -Seekrankheit. Jetzt überfiel mich auch schon die Reue über meine -unbesonnene Handlungsweise; meine Gedanken kehrten ins Elternhaus -zurück, wo gewiß Vater und Mutter unter Thränen vergeblich meiner -Wiederkehr harrten. - -Der Sturm brauste immer heftiger, das Schiff sank bald in den Abgrund, -bald wurde es hoch emporgeschleudert -- mich überkam namenlose Angst. -In diesen qualenvollen Augenblicken gelobte ich, sofort wieder in -das elterliche Haus zurückzukehren, wenn es nur Gott gefallen würde, -mich aus der Gefahr zu erlösen. Als sich aber am nächsten Tage Sturm -und Wellen gelegt hatten, waren auch alle meine guten Vorsätze -dahin. Gegen Abend klärte sich das Wetter auf; die Sonne ging rein -und glänzend unter, um am nächsten Morgen in gleicher Herrlichkeit -wieder aufzugehen. Ihr heller Schein spiegelte sich auf der weiten -Meeresfläche wider; ich konnte mich an diesem ungewohnten, prachtvollen -Schauspiel nicht satt sehen. - -Während der Nacht hatte ich gut geschlafen und mich auch von meiner -Seekrankheit wieder erholt. Mein Blick schweifte über den glatten -Spiegel des Meeres, dessen Wellen gestern noch so unheilvolles -Verderben drohten. Eben stand ich in tiefes Sinnen versunken, da trat -mein Freund, der mich zu dieser Seereise beredet hatte, an mich heran -und sagte lachend: - -»Nun, Robin, wie ist dir die Bewegung von gestern bekommen? Du hast -dich doch wegen des kleinen Windstoßes nicht geängstiget?« - -»Was? Windstoß? Ich habe in meinem Leben noch keinen solchen Sturm -ausgestanden.« - -»Das nennst du einen Sturm? Nichts war es. Hat man nur ein gutes Schiff -und ist auf offener See, dann macht uns eine Mütze voll Wind mehr oder -weniger nicht bange. Aber davon verstehst du noch nichts; du bist nur -ein Süßwassermensch, mein Junge. Komm, wir wollen eine Bowle Punsch -machen und alles vergessen. Sieh, was für prächtiges Wetter wir haben!« - -Der Punsch wurde gebraut und ich mußte tüchtig trinken, als sei ich -schon seit Jahren Matrose. Da ging im Rausche alle Reue über meinen -Ungehorsam unter; ich vergaß alle guten Vorsätze. Zwar kamen noch -Augenblicke, in denen meine Vernunft widersprach, doch sah ich bald -in solcher Regung nur eine Schwäche und bemühte mich, meine Grillen, -wie ich es nannte, dadurch zu vertreiben, daß ich lustige Gesellschaft -aufsuchte und fleißig den Kameraden zutrank. Nach wenigen Tagen hatte -ich mein Gewissen beschwichtigt und die Erinnerung an alle väterlichen -Lehren übertäubt. - -Am sechsten Tage unsrer Fahrt gelangte unser Schiff auf die Reede von -Yarmouth; widrige Winde und Windstille hatten uns seit jenem Sturme -nicht erlaubt, eine größere Strecke zurückzulegen, und wir sahen uns -genötigt, vor Anker zu gehen. Der Wind, anfangs minder stark, wuchs -aber bald bis zum Orkan; alle Hände mußten zugreifen, um die Stengen -und Raaen zu streichen. Die Wellen schlugen über unser Schiff, und ein -paarmal glaubten wir, unser Ankertau sei zerrissen. Auf Anordnung des -Oberbootsmannes wurde nun der Taganker ausgeworfen, so daß wir sicherer -vor zwei Ankern liegen konnten. - -Der Sturm raste fort; Angst und Entsetzen lagerten sich auf den -Gesichtern der Matrosen. Der Kapitän ließ alle Vorsichtsmaßregeln -anwenden, sein Schiff zu erhalten; doch schien er schon selbst die -Hoffnung aufzugeben, denn als er an meiner Schlafstelle vorüberkam, -hörte ich ihn in die Worte ausbrechen: »Der Herr sei uns gnädig! -Wir sind alle verloren!« -- Da bemächtigte sich meiner eine solche -Todesangst, daß ich für den ersten Augenblick wie gelähmt in der -Kajütte liegen blieb. Ich vermag es nicht zu schildern, was ich -fühlte! Dann aber sprang ich aus der Kajütte auf das Verdeck und -schaute umher. Welch entsetzliches Schauspiel bot sich meinen Blicken! -Die Wellen gingen bergehoch und brachen sich an unsern Schiffswänden -nach je drei oder vier Minuten; wohin ich auch sehen mochte, erblickte -ich nichts als Angst und Not. Zwei schwerbeladene Fahrzeuge, die sich -in unsrer Nähe befanden, hatten ihre Masten am Fuße gekappt -- -- eine -halbe Stunde von uns entfernt sahen wir ein Schiff untergehen. Zwei -andre, von ihren Ankern losgerissen, wurden in die See hinausgeworfen. -Die leichteren Fahrzeuge hatten weniger zu leiden; dennoch trieben zwei -oder drei, nur mit dem großen Blindsegel versehen, bei uns vor dem -Winde vorbei. - -Gegen Abend baten der Hochbootsmann und der Steuermann den Kapitän -um seine Einwilligung, den Vordermast zu kappen. Er mußte es schon -zugeben, da der Hochbootsmann versicherte, das Schiff sei sonst -unrettbar verloren. Als nun der Vordermast gefallen war, stand der -große Mast ohne Stütze und erschütterte das Schiff so sehr, daß man -sich genötigt sah, auch diesen umzuhauen. - -Der Zustand, in welchem ich mich damals bei meiner Unerfahrenheit -mit den Gefahren des Seelebens befand, ist unbeschreiblich. Deutlich -erinnere ich mich, daß mich während dieser qualvollen Stunden mehr die -Reue marterte, von meinen guten Vorsätzen abgegangen zu sein, als mich -die Furcht vor dem Tode schreckte. Der Gedanke, daß dieses Unglück -eine Strafe Gottes für meinen Ungehorsam sei, stürzte mich in tiefe -Betrübnis. Aber das Maß unsrer Leiden war noch nicht voll. - -Der Sturm tobte mit solcher Wut, daß selbst die Matrosen gestanden, -nie einen ähnlichen erlebt zu haben. Obschon unser Fahrzeug tüchtig -war, schwankte es doch heftig hin und her, so daß die Matrosen jeden -Augenblick ausriefen: »Wir kentern!« d. h. wir schlagen um. Ja, was -bei Seeleuten nur selten vorkommt, der Kapitän, der Hochbootsmann und -mehrere andre sanken betend auf die Kniee und starrten hoffnungslos dem -Untergange entgegen. - -Um Mitternacht rief plötzlich einer der Matrosen: »Ein Leck im Schiff!« -Ein andrer schrie: »Das Wasser steht schon vier Fuß hoch im Raum!« -Alles mußte jetzt an die Pumpen. Ich war wie gelähmt und sank auf mein -Lager zurück. Die Matrosen weckten mich unsanft aus meiner Erstarrung -auf und meinten, wenn ich auch vorher zu nichts genutzt hätte, so -könnte ich doch jetzt an den Pumpen mit helfen gleich den andern. - -Mechanisch folgte ich dieser Aufforderung; ich erhob mich und arbeitete -tüchtig. Während dieser Zeit erblickte der Kapitän einige leichte -Fahrzeuge, die, weil sie wegen des Sturmes vor Anker nicht aushalten -konnten, das Tau hatten schlüpfen lassen; sie sahen sich gezwungen, -das offene Meer zu gewinnen, und wendeten alle Mittel an, um einen -Zusammenstoß mit uns zu vermeiden. Der Kapitän ließ durch einen -Kanonenschuß ein Notsignal geben. Da ich nicht wußte, was das zu -bedeuten habe, und glaubte, das Schiff ginge krachend in Trümmer, fiel -ich vor Schrecken besinnungslos nieder. Niemand achtete jetzt meines -Zustandes. - -Jeder war nur für sein eignes Leben besorgt; ja ein Matrose, der mich -für tot hielt, schob mich mit dem Fuße seitwärts und trat an meine -Stelle. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich wieder zu mir selbst kam. - -Trotz der angestrengtesten Arbeit stieg das Wasser im Schiffe immer -höher. Es war gewiß, daß wir sanken. Obgleich der Sturm ein wenig -nachgelassen hatte, konnten wir doch kaum hoffen, einen rettenden Hafen -zu erreichen. Fort und fort erdröhnten die Notschüsse; ein leichtes -Fahrzeug in einiger Entfernung wagte es, uns ein Boot zu Hilfe zu -senden. Nur durch einen glücklichen Zufall kam das Boot in unsre Nähe; -aber es war uns lange nicht möglich, an Bord zu kommen, da es nicht -anlegen konnte. Die Leute im Boote ruderten unter Lebensgefahr mit -allen Kräften. Als sie endlich nahe genug gekommen waren, konnten wir -ihnen ein Tau zuwerfen. - -Sie fingen es auf und legten an Bord. Im Nu waren wir alle im Boote; -doch mußten wir es aufgeben, jenes Schiff zu erreichen, das uns so -menschenfreundliche Hilfe gesendet hatte. Daher beschloß man, das Boot -treiben zu lassen, indem man vorsichtig nach der Küste zu steuerte. Der -Kapitän versprach, es zu ersetzen, wenn es durch Stranden zertrümmert -werden sollte. So, teils rudernd, teils mit dem Winde treibend, -steuerten wir dem Lande zu, gegen das Vorgebirge von Winterton-Neß. - -Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als wir es -*sinken* sahen. Meine Augen umflorten sich, als die Matrosen auf das -untergehende Schiff hinzeigten. Schon von dem Augenblicke an, wo ich in -das Rettungsboot mehr geworfen worden als gestiegen war, legten sich -auch Furcht und Gewissensangst wie Blei auf mein Herz. - -[Illustration: Des Schiffes Untergang.] - -Die Schiffsleute ruderten rastlos, um das Land zu erreichen. Sobald -unser Boot sich hoch aus den Wellen emporhob, bemerkten wir eine -Menge Menschen längs der Küste, die alle bereit waren, uns Hilfe zu -leisten, wenn wir nahe genug gekommen sein würden. Allein unsre Fahrt -ging nur sehr langsam von statten. Erst nachdem wir den Leuchtturm von -Winterton umschifft hatten, wo das Ufer sich westwärts gegen Cromer -umbiegt und die Wogen deshalb nicht mehr so heftig sind, gelangten -wir mit unsäglicher Anstrengung glücklich ans Land. Wir gingen dann -nach Yarmouth, wo wir Schiffbrüchigen mit aller Menschenfreundlichkeit -behandelt wurden. Die Obrigkeit wies uns gute Quartiere an, und die -Kaufleute und Reeder der Stadt steuerten eine Summe Geldes zusammen, -die jeden von uns in den Stand setzte, entweder nach London zu gehen -oder sich nach Hull zurückzubegeben. - -Hätte ich meinen Menschenverstand zusammengenommen und wäre nach Hull -zurückgekehrt -- alle Not würde zu Ende gewesen sein. Mein Vater hätte, -um mich der Worte der Heiligen Schrift zu bedienen, in der Freude -seines Herzens ein gemästetes Kalb geschlachtet. - -Wie mir später mitgeteilt ward, hatte er erfahren, daß das Schiff, auf -welchem ich mich befand, auf der Reede von Yarmouth untergegangen sei, -und erst lange danach wurde ihm Gewißheit darüber, daß ich aus dem -Schiffbruch gerettet worden. Aber es schien, als hätte ein schlimmer -Geist meinen Sinn verblendet. Zwar regte sich manchmal die Vernunft -in mir und mahnte mich, die Schritte wieder zum väterlichen Hause zu -lenken; dennoch hielt mich ein Etwas ab, dieser inneren Stimme zu -gehorchen. Zu der Lust an Abenteuern und am Wandern, die mich zu dem -ersten Schritte des Ungehorsams gegen meine Eltern verleitet hatte, -gesellte sich jetzt die Scham; umkehren wollte ich nicht mehr, und so -trieb mich das Schicksal weiterem Unglück entgegen. - -Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitung gegeben, -mein Gewissen zu beruhigen, war jetzt mutloser als ich. Erst einige -Tage nach unsrer Ankunft in Yarmouth kam ich wieder mit ihm zusammen, -da unsre Quartiere weit auseinander lagen. Jetzt schlug er einen andern -Ton an als vorher; mit trüber Miene fragte er mich, wie es mir gehe. -Als sein Vater dazu kam, teilte er diesem mit, wer ich sei, daß diese -Reise nur ein Versuch für mich gewesen sei, und daß ich weiterreisen -wolle. In dem Kapitän mochten die Erinnerungen an durchlebte -gefahrvolle Tage des Seelebens emporsteigen, er wurde ernst, fast -streng und sagte zu mir: »Junger Mann, Ihr dürft nicht wieder aufs Meer -gehen; die kaum überstandenen Ereignisse müssen Euch die Überzeugung -aufdringen, daß Ihr nicht zum Seemann geboren seid.« - -»Wie, mein Herr«, erwiderte ich verwundert, »wollen Sie denn auch nicht -mehr zur See gehen?« - -»Bei mir ist das etwas andres; das ist mein Beruf, meine Pflicht, Ihr -aber habt mit dieser Reise nur einen Versuch machen wollen, und ich -dächte, Ihr hättet einen hinlänglichen Vorgeschmack dessen bekommen, -was Euch bevorsteht. Doch sagt mir, wie kommt es eigentlich, daß Ihr -zur See gehen wollt?« - -[Illustration: Die Schiffbrüchigen auf dem Boote.] - -Ich erzählte dem Kapitän den Verlauf meines bisherigen Lebens. Als ich -geendigt hatte, fuhr er in unmutigem Tone und tief erregt auf: »Womit -habe ich verdient, daß solch ein Unbesonnener zu mir an Bord kommen -mußte? Um keinen Preis möchte ich je wieder mit Euch meinen Fuß auf -dasselbe Schiff setzen!« - -Das Unglück, welches ihn betroffen, hatte den Kapitän ganz -außerordentlich heftig gestimmt. Indessen sprach er später liebevoller -mit mir und stellte ganz eindringlich mir vor, wie thöricht das -Beginnen sei, die Vorsehung tollkühn versuchen zu wollen; ich thäte -sicher besser, zu meinem Vater zurückzukehren. - -»Seid überzeugt, junger Mann«, schloß er seine wohlgemeinten -Ermahnungen, »daß, wenn Ihr nicht zurückkehrt, Eurer überall nichts als -Täuschungen und Elend harren, und daß die ernsten Worte Eures Vaters in -Erfüllung gehen werden.« - -Ich erwiderte nichts, sondern verabschiedete mich von dem wohlmeinenden -Manne. -- Ich habe ihn leider nicht wiedergesehen. - -Da ich etwas Geld besaß, begab ich mich zu Lande nach London, -unentschlossen, was ich eigentlich thun sollte. Nach Hause zu gehen -verbot mir, wie gesagt, die Scham; auch fürchtete ich das höhnische -Gerede der Nachbarn. Wie thöricht ist doch die Jugend! Sie schämt sich -oft mehr der Reue als der Sünde und stemmt sich mit Gewalt gegen die -Weisungen des Verstandes. Sowie die Erinnerung an die ausgestandenen -Gefahren schwand, trat auch der Gedanke an die Heimkehr in den -Hintergrund; zuletzt gab ich ihn ganz auf und entschloß mich kurz, an -Bord eines überseeischen Schiffes zu gehen. - -Mein größtes Unglück auf allen meinen Reisen war die Hartnäckigkeit, -mit der ich mich weigerte, als Matrose zu dienen. Zwar hätte ich dann -gleich den andern tüchtig die Hände rühren müssen, aber ich hätte auch -Aussicht gehabt, im Laufe der Zeit zum Steuermann, Hochbootsmann, -Leutnant, ja vielleicht gar zum Kapitän emporzusteigen. Allein ich -hatte ein besonderes Geschick, überall das Ungünstige zu wählen, und -da mein Geld noch ausreichte und meine Kleider sich in leidlich guter -Beschaffenheit befanden, so begab ich mich als Passagier an Bord, wobei -ich freilich nichts zu thun hatte, aber auch nichts lernen konnte. - -Ich kam also nach London. Dort hatte ich das Glück, in gute -Gesellschaft zu geraten, was bei einem lockeren, leichtsinnigen -Burschen, wie ich war, sicherlich selten genug ist. Meine erste -Bekanntschaft war der Kapitän eines Schiffes, welches von der Küste von -Guinea zurückgekehrt und im Begriff stand, wieder dorthin abzusegeln. -Dieser treffliche Mann fand Wohlgefallen an mir und schlug mir vor, -auf seinem Schiffe die Reise nach Guinea zu unternehmen. Er meinte, es -solle mich nichts kosten, und wenn ich einige Waren einkaufen wollte, -um sie in Afrika mit Vorteil loszuschlagen, so würde ich dadurch -vielleicht einen erklecklichen Gewinn machen. - -Wer war froher als ich? Ich nahm des Kapitäns Anerbieten ohne Bedenken -an. Auf seinen Rat hatte ich für etwa 40 Pfund Sterling (800 Mark) -Glaswaren und andre kleine Gegenstände eingekauft. Diese Geldmittel -hatte ich durch Hilfe einiger Verwandten aufgebracht, mit denen ich -in Briefwechsel geblieben, und letztere hatten auch meinen Eltern mein -Schicksal und mein Vorhaben mitgeteilt, ja dieselben wohl vermocht, -etwas zu meinem ersten Unternehmen beizusteuern. - -Dies war die einzige Reise, von der ich sagen kann, daß sie glücklich -ablief. Allerdings hatte mich das Mißgeschick nicht gänzlich unberührt -gelassen; infolge der allzugroßen Hitze in den Tropen verfiel ich -in ein heftiges Fieber, so daß ich längere Zeit in Afrika krank -daniederlag; aber die Reise war doch nicht erfolglos für mich gewesen. -Dies hatte ich lediglich der Rechtschaffenheit meines Freundes, des -Kapitäns, zu danken, unter dessen Anleitung ich nicht unbedeutende -Kenntnisse in der Mathematik und der Seemannskunde erlangte. Ich lernte -ein Schiffstagebuch führen, nautische Beobachtungen anstellen, kurz -Dinge, die ein Seemann wissen muß. Er fand ein gleiches Vergnügen -daran, mich zu unterrichten, wie ich, von ihm zu lernen, und so -bildete mich die Reise zum Kaufmann und Seemann. Mein Tauschhandel -ging gut; ich brachte über fünf Pfund Goldstaub zurück, gegen die ich -in London 300 Guineen (6000 Mark) erhielt. Dieser Erfolg erfüllte mich -mit hochfliegenden Gedanken; aber Hochmut kommt stets vor dem Falle, -und dieser Hochmut war die Ursache, daß ich eine dornenvolle Bahn -durchwandern mußte! - - - - -[Illustration: Da ergriff ich die zweite Flinte und traf den Löwen so -sicher durch den Kopf ... (Zu S. 19.)] - -Zweites Kapitel. - -Robinsons Gefangenschaft und Flucht. - - - Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury. - -So war ich also ein Guineakaufmann geworden. Zu meinem größten -Leidwesen starb mein Freund bald nach unsrer Rückkehr, und ich -entschloß mich, auf eigne Faust dieselbe Reise noch einmal zu -unternehmen, und zwar auf demselben Fahrzeuge, welches jetzt der -frühere Oberbootsmann führte. Es ward eine der unglücklichsten Fahrten. - -Ich nahm für 100 Pfund Sterling (über 2000 Mark) Waren auf die Reise -mit und ließ 200 Pfund in den Händen der Witwe meines Freundes zurück, -die denn auch das Übergebene treulich bewahrte und mein Vertrauen in -ihre Redlichkeit nicht getäuscht hat. - -Reich an Hoffnungen steuerten wir zwischen den Kanarischen Inseln und -der afrikanischen Küste hin. Da wurden wir plötzlich eines Morgens, -noch in der Dämmerung, von einem maurischen Seeräuber überrascht, der -bald, alle Segel aufhissend, auf uns Jagd machte. - -Gegen 3 Uhr nachmittags kam er uns nahe und warf auf unser Deck 60 -Mann, die sofort unser Tau- und Takelwerk zusammenhieben. Es kam zum -Kampfe. Nachdem aber von unsern Leuten drei getötet und acht verwundet -waren, mußten wir andern uns der feindlichen Übermacht ergeben. Wir -wurden nach Saleh gebracht, einem unbedeutenden Hafen an der Küste der -Barbareskenstaaten. Man führte mich jedoch nicht, wie meine übrigen -Schicksalsgenossen, in das Innere des Landes, nach der Residenz des -Kaisers, sondern der Kapitän behielt mich bei sich selbst zurück, weil -ich ihm dienstbar sein sollte. So waren denn alle hochfliegenden Pläne -des jungen »Guineakaufmanns« mit einem Schlage vernichtet. Ich war -jetzt nichts als ein unglücklicher Sklave, und meines Vaters mahnende -Stimme trat oft vor meine Seele; niemand war da, der mir rettenden -Beistand geleistet hätte. - -Indessen stieg die Hoffnung in mir auf, daß mich mein neuer Herr an -seinen Seeunternehmungen werde teilnehmen lassen. Ich malte mir schon -im Geiste meine Errettung durch ein spanisches oder portugiesisches -Kriegsschiff aus. Eine derartige Gelegenheit sollte indes noch lange -auf sich warten lassen. Inzwischen mußte ich meinen Herrn häufig auf -seinen Spazierfahrten begleiten, die er in einem kleinen Fahrzeuge auf -dem Meere unternahm, um nahe der Küste zu fischen. Einst hatte er zu -einer gleichen Fahrt als Gäste mehrere vornehme Mauren eingeladen und -traf hierzu außerordentliche Vorbereitungen. - -Schon am Tage vorher mußte ich in die Schaluppe mehr Lebensmittel -als gewöhnlich bringen, ebenso drei Flinten mit Pulver, Kugeln und -Schrot für die Jagd auf Seevögel. Als ich am nächsten Morgen mit dem -blankgeputzten Boote auf das Erscheinen meines Herrn wartete, kam -letzterer allein und erklärte, daß seine Gäste wegen unerwarteter -Geschäfte behindert seien; ich möchte nur mit dem Maurenknaben auf den -Fischfang fahren, da seine Gäste des Abends bei ihm speisen würden. -Dann ging mein Herr und ließ mich mit dem Boote und dem Knaben allein. - -Welche günstige Gelegenheit zur endlichen Ausführung meiner -Fluchtpläne! Wir fuhren hinaus, und ich fischte anscheinend eine -Zeitlang, sprach dann aber zum Knaben: »Wir fangen heute nichts, wir -müssen weiter hinausfahren.« Als wir fern genug von der Küste uns -befanden, sagte ich plötzlich zu dem Knaben: »Xury, wenn du mir treu -sein willst, so werde ich dich zu einem großen Manne machen; schlage -dich ins Gesicht und schwöre mir bei Mohammed und dem Barte deines -Vaters Treue, sonst werfe ich dich in die See.« Der Knabe lächelte mich -in voller Unschuld an und versprach, mit mir zu gehen bis an das Ende -der Welt. - -Bei dem frischen Winde ging unsre stille Wasserfahrt so schnell vor -sich, daß wir am nächsten Tage, nachmittags 3 Uhr, als wir uns dem -Lande näherten, längst über das Gebiet des Kaisers von Marokko hinaus -sein mußten, denn wir sahen keine Spur von Menschen an der Küste. - -Die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, hielt mich indes -ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. Vielmehr segelte -ich fünf Tage lang ununterbrochen fort und warf erst dann, als ich mich -außer aller Verfolgung glauben durfte, den Anker nicht weit von der -Mündung eines kleinen Flusses, ohne zu wissen, wo ich mich eigentlich -befand. Es kam mir niemand zu Gesicht, und ich wollte auch niemand -sehen; alles, was ich bedurfte, war frisches Wasser. Wir liefen am -Abend in die Bucht ein und beschlossen, mit einbrechender Nacht zu -landen, um die Küstengegend zu untersuchen. - -Von meiner ersten Reise her wußte ich, daß die Kanarischen Inseln und -die Inseln des Grünen Vorgebirges nicht weit entfernt sein konnten. Da -ich aber die Lage nicht genau kannte, so hatte ich nur die Hoffnung, -vielleicht einem englischen Schiffe zu begegnen, das uns aufnehmen -könnte. Nach meinem Vermuten lag das Land, welches ich gesehen hatte, -zwischen dem Kaisertum Marokko und Nigritien, dessen weite Einöden nur -von wilden Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier -aus südwärts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten -diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von Tausenden große -Jagden abzuhalten. Löwen und Leoparden, Schakale und Hyänen fanden -wir auf der ganzen Strecke, die wir an der Küste hinfuhren, äußerst -zahlreich, und während der Nacht musizierten diese wilden Bestien in -allen Tonarten. - -Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, an einer -kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg höher und höher, -und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwärts zu treiben, als -Xury, der ein schärferes Auge hatte als ich, mir zuflüsterte: »Herr, -wir müssen fort, dort an dem Felsen ist ein fürchterliches Tier.« - -Ich blickte hin und erkannte in der That einen großen Löwen, welcher -sorglos schlief. - -Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud ich unser -größtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, hierauf machte -ich auch meine zweite Flinte schußfertig und lud die dritte mit fünf -Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schuß genau nach dem Kopfe des -Löwen; aber da er die Tatzen über die Schnauze hielt, so traf der Schuß -eine derselben über dem Gelenke und zerschmetterte sie. Er fuhr auf, -sank aber wieder nieder und erhob sich von neuem auf drei Pfoten, indem -er ein entsetzliches Gebrüll ausstieß. Da ergriff ich die zweite Flinte -und traf ihn so sicher durch den Kopf, daß er sich in Todeszuckungen -wälzte. Jetzt faßte Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er -sprang ins Wasser und schwamm, während er mit der einen Hand die Flinte -über seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er in der -nächsten Nähe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr an das Ohr und -tötete es vollends. - -Da fiel mir ein, daß uns vielleicht das Fell des Löwen von Nutzen -sein könnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl Xury recht -geschickt damit umzugehen wußte, plagten wir uns dennoch einen ganzen -Tag lang, ehe wir die Haut vollständig abgestreift hatten; darauf -ließen wir sie zwei Tage auf dem Dache der Kajütte ausgebreitet -trocknen, und ich bediente mich dann ihrer zum Lager. - -Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage südwärts. -Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu Ende gehen mußte, -und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht ging -dahin, den Fluß Senegal oder den Gambia zu erreichen, d. h. die Höhe -des Grünen Vorgebirges, um vielleicht ein europäisches Fahrzeug zu -treffen; denn ich wußte, daß alle nach der Küste von Guinea, nach -Brasilien oder Ostindien bestimmten Schiffe das Grüne Vorgebirge -umsegeln mußten. - -An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den Strand, um -uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land gehen, aber der -kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren ohne Waffen, nur ein -einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte mich, es sei eine Lanze, -welche diese Neger auf weite Entfernungen mit wunderbarer Sicherheit -schleudern können. Ich hielt mich daher in angemessener Entfernung -und suchte nur durch Zeichen ihnen zu verstehen zu geben, daß wir -Lebensmittel wünschten. Sie winkten mir darauf, mit dem Boote still -zu halten, ich legte bei und näherte mich dem Ufer, während zwei der -Männer landeinwärts liefen und nach einer halben Stunde zwei Stücke -getrocknetes Fleisch nebst etwas Korn zurückbrachten. Gern hätten -wir zugegriffen, wir wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein -diese hegten ebenso große Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel -am Strande nieder, zogen sich dann zurück und warteten, bis wir das -Niedergelegte geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer näherten. - -Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres nicht zu -bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, durch -die wir ihnen einen großen Dienst erweisen konnten. Zwei furchtbare -Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten von den Bergen -gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem Laufe davon, nur der -Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien dachten indes nicht -daran, die Schwarzen anzufallen, sondern stürzten in das Wasser, als -seien sie nur gekommen, um sich an einem frischen Bade zu erquicken. -Ich lud unsre drei Gewehre, und da eines der Tiere nahe genug gekommen -war, schoß ich dasselbe gerade durch den Kopf, so daß es untersank. -Bald aber kam es wieder in die Höhe, tauchte bald auf, bald unter -und schien mit dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und -Knall des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der -Wildnis zurück. - -Unmöglich läßt sich das Staunen der Neger beschreiben, das sie bei -dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie aber das Tier -tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen winkte, ans Ufer zu -kommen, faßten sie wieder Mut. Ich schlang dem Tier einen Strick um -eine Pfote und warf dessen Ende den Negern zu, welche dann den Leichnam -ans Land zogen. Jetzt erst bemerkte ich, daß es ein kräftiger, schön -gefleckter *Leopard* war. Die Neger gaben mir zu verstehen, daß sie -nicht übel Lust hätten, das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich -ihnen durch Zeichen ausdrückte, daß ich ihnen diese Beute zum Geschenk -machen wolle, schienen sie außerordentlich dankbar zu sein und gingen -sogleich daran, dem Tiere die Haut abzuziehen. - -Von dem Fleische, das sie mir anboten, nahm ich nichts an, sondern -verlangte nur das Fell, das sie mir gern überließen. Noch begehrte -ich von ihnen Wasser, indem ich einen Krug mit der Hand umkehrte, um -anzudeuten, daß er leer sei. Sofort riefen sie einige Weiber herzu, die -dann ein großes irdenes Gefäß herbeibrachten. Sie stellten es an das -Ufer, wie früher die Lebensmittel, und ich schickte Xury ab, um unsre -drei Krüge aus diesem Gefäße mit Wasser zu füllen. - -So war ich denn mit Fleisch, Korn und Trinkwasser versehen, nahm daher -von den freundlichen Negern Abschied und segelte wiederum in der -bisherigen Richtung zehn Tage lang, ohne zu landen, bis ich endlich -vier oder fünf Stunden entfernt das Land weit in das Meer vorspringen -sah. Die See war still; ich umsegelte diese Landspitze in einer -Entfernung von ungefähr zwei Stunden. Bei dieser Fahrt sah ich ganz -deutlich das andere Ufer des Kaps und vermutete -- wie ich erfuhr, mit -Recht -- daß es das Grüne Vorgebirge sei und die Kapverdischen Inseln. -Ich machte keinen Versuch, nach den letzteren zu steuern, da ich -fürchtete, ein widriger Wind könnte mich in den offenen Ozean treiben. - -In dieser Lage ging ich in die Kajütte und hing meinen Gedanken nach. -Plötzlich rief Xury, der am Steuer saß: »Herr, ein Schiff mit Segeln!« -Er war ganz außer sich vor Schrecken, weil er glaubte, unser maurischer -Herr setzte uns mit einem Fahrzeug nach. Ich sprang aus der Kajütte und -sah sofort, daß das Schiff ein portugiesisches war. Ich segelte und -ruderte, so sehr ich konnte, um es einzuholen; endlich bemerkte man uns -und zog die Segel ein, um uns herankommen zu lassen. - -Man fragte mich auf portugiesisch, auf spanisch und auf französisch, -wer ich sei, allein ich verstand keine dieser Fragen. Zuletzt -erkundigte sich ein schottischer Matrose, der sich an Bord befand, auf -englisch nach meinen Verhältnissen, und diesem sagte ich, daß ich ein -Engländer und aus der Sklaverei der Mauren in Saleh entflohen sei. -Man ließ mich nun an Bord kommen und nahm uns beide samt meiner Habe -freundlich auf. - -Ich empfand über meine Rettung unaussprechliche Freude und bot dem -Kapitän als Beweis meiner Dankbarkeit mein ganzes Besitztum an. Allein -er erwiderte mir großmütig, daß er nichts annehmen wolle: »Nein, Senhor -Inglese (Herr Engländer), ich bringe Euch aus reiner Christenliebe nach -Brasilien, und die Gegenstände, die Ihr mir anbietet, werden Euch dort -zum Lebensunterhalt und zur Rückreise dienen.« - -So edelmütig sein Vorschlag war, so pünktlich erfüllte er ihn auch. -Keiner seiner Matrosen durfte etwas von meiner Habe anrühren. Als er -mein Boot in gutem Zustande sah, machte er mir den Vorschlag, es ihm -zu verkaufen. Ich antwortete ihm, er habe sich so edelmütig gegen mich -gezeigt, daß ich es mir zur Ehre schätze, ihm mein Boot umsonst zu -überlassen. Der Kapitän nahm jedoch das Anerbieten nicht an, sondern -bezahlte das Boot und gab mir 80 Stück Dublonen; ebenso bot er 60 -Stück für meinen Jungen Xury. Er wollte sich verpflichten, Xury nach -zehn Jahren freizugeben, wenn er zum Christentum überginge; der Maure -willigte freudig ein, und ich überließ ihn dem Kapitän. - -Nach einer glücklichen Fahrt, die ohne Unfälle von statten ging, liefen -wir in die Allerheiligenbai ein. Der edelmütige Kapitän ließ mich -nichts für die Überfahrt bezahlen; er gab mir 20 Dukaten für das Fell -des Leoparden und 40 für das des Löwen; er lieferte mir alle meine -Sachen aus und kaufte mir alles ab, was ich ihm ablassen wollte, so z. -B. den Flaschenbehälter, zwei meiner Flinten. Dies brachte mir gegen -220 Stück Dublonen ein; mit diesem Kapital ging ich in Brasilien ans -Land. - -Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitän dem Hause eines Mannes, -der ebenso rechtschaffen war, wie er selbst, und eine Zuckerpflanzung -mit Siedewerk betrieb. Ich blieb einige Zeit bei ihm und machte mich -bald mit dem Verfahren der Zuckerpflanzung vertraut. Dabei hatte -ich Gelegenheit, das bequeme Leben der Pflanzer sowie ihren schnell -emporblühenden Reichtum zu beobachten, so daß in mir der Wunsch -aufstieg, mich ebenfalls als Pflanzer niederzulassen. Ich dachte nun an -Mittel, mein in London gelassenes Geld hierher kommen zu lassen, kaufte -so viel Land, als meine Mittel erlaubten, und entwarf einen Plan zur -Errichtung meiner Pflanzung. - - - - -[Illustration: Robinson als Pflanzer.] - -Drittes Kapitel. - -Robinson als brasilischer Pflanzer. - - - Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise. - -- Schiffbruch. - -Mein edelgesinnter Kapitän hatte drei Monate auf Ladung gewartet und -stand eben im Begriff, die Rückreise anzutreten, als ich das Gespräch -auf das Kapital brachte, welches ich noch in London stehen hatte. Er -erteilte mir den wohlmeinenden Rat: »Senhor Inglese, gebt mir Vollmacht -und legt mir einen Brief bei an diejenige Person in London, bei welcher -Euer Geld steht. Laßt Eure Effekten nach Lissabon gehen, die ich als -Euer Bevollmächtigter Euch auf meiner nächsten Reise mitbringen werde. -Da aber die menschlichen Dinge tausend Zufälligkeiten ausgesetzt -sind, so möchte ich Euch raten, mir nur eine Anweisung auf 100 Pfund -Sterling, als die Hälfte Eures Vermögens, auszustellen; denn geht diese -verloren, so bleibt Euch doch noch die andre Hälfte.« - -Ich nahm diesen Rat an und ließ die Vollmacht für den Portugiesen -ausfertigen. Der Witwe des englischen Kapitäns schilderte ich meine -Abenteuer, meine Sklaverei, mein Entrinnen sowie das Zusammentreffen -mit dem portugiesischen Kapitän und dessen menschenfreundlichen -Beistand. Als der Mann nach Lissabon kam, fand er Mittel, der Frau -meines verstorbenen Freundes meinen Brief zu übersenden, worauf sie ihm -nicht nur das bare Geld, sondern auch ein Geschenk für seine liebevolle -Teilnahme einschickte. Der Kaufmann in London legte diese 100 Pfund -in englischen Waren an, wie ihm der Kapitän aufgetragen hatte, und -sandte sie nach Lissabon ein. Diese Waren nebst allerhand nützlichen -Werkzeugen überschickte mir der Kapitän; ja sogar einen Diener hatte -er für die fünf Pfund Sterling, die er von der Witwe zum Geschenk -erhalten, für mich angeworben mit der Verpflichtung, mir sechs Jahre -zu dienen. Auch der Erlös aus den englischen Manufakturwaren übertraf -meine Erwartungen, so daß ich mit meinen Vermögensverhältnissen -vollkommen zufrieden sein konnte. Nun dachte ich daran, noch einen -europäischen Diener zu mieten und einen Neger zu kaufen. Die Ernte im -nächsten Jahre fiel glänzend aus. - -Wäre ich in den Verhältnissen geblieben, in welchen ich mich -jetzt befand, so hätte ich bis an mein Lebensende ein ruhiges und -beschauliches Glück genießen können. Allein in meinem Kopfe tummelten -sich tausend hochfahrende Unternehmungen. Dergleichen Pläne sind ja -oft das Verderben selbst erfahrener Männer, und ich sollte das auch -empfinden. - -Als Pflanzer in Brasilien hatte ich zum Nachbar einen Portugiesen aus -Lissabon von englischer Herkunft, Namens Wells, dessen Umstände den -meinigen ähnlich waren. Zwei Jahre lang hatten wir alle Hände voll zu -thun, um nur unsern Lebensunterhalt zu verdienen, aber schon im dritten -Jahre ernteten wir Tabak, und im vierten Jahre gedachten wir Zuckerrohr -zu bauen. Ich hatte 50 große Rollen Tabak, von denen jede 100 Pfund -wog, auf meinem eignen Grund und Boden erbaut und sie für die Rückkehr -der Flotte von Lissabon wohl aufbewahrt. Indes fühlten wir recht -drückend den Mangel an mithelfenden Armen, und ich wünschte mehr als -je meinen flinken Xury zurück, der mir recht gute Dienste hätte leisten -können. - -Da wir die sämtlichen Arbeiten nicht selbst ausführen konnten, blieben -wir mit vielem im Rückstande. Es währte nicht lange, da fühlte ich mich -in meiner Lebensweise unbehaglich. Natürlich! Ich hatte mich einer -Beschäftigung hingegeben, die meiner Wanderlust gerade entgegenlief. -Jetzt sah ich ein, daß mein Vater recht hatte, als er mir den -Mittelstand als den glücklichsten angepriesen. »Und dies alles«, sagte -ich häufig zu mir selbst, »hättest du leichter in deinem Vaterlande -haben können; manche Leiden hättest du dir erspart, wenn du daheim -geblieben wärst! Jetzt mußt du nun hier leben, wo kein Freund an deinem -Schicksal teilnimmt.« - -Während der vier Jahre meines Aufenthalts in Brasilien hatte ich die -Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer Kaufleute -in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal über meine -Jugendschicksale und besonders über die Reisen an der Guineaküste -unterhielt. Dabei ließ ich nicht unerwähnt, mit welcher Leichtigkeit -man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, Spiegeln, -Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub ein gutes Geschäft -machen könne. Besonders aufmerksame Zuhörer hatte ich an jenen -Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel sprach, der damals noch -ausschließlich von Spanien und Portugal aus getrieben wurde. - -Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir einen Vorschlag -zu machen; sie teilten mir mit, sie hätten alle drei gleich mir -Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an geeigneten -Arbeitskräften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff nach Guinea -ausrüsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, sondern um Schwarze -aus Afrika zu holen und sie gleichmäßig unter sich zu verteilen. Es sei -nur noch die Frage, ob ich als Aufseher des Schiffes mitgehen und den -Handel an der Guineaküste leiten wolle. Für die Einwilligung würden sie -mich durch einen gleichen Anteil an den Negern entschädigen sowie durch -den Vorteil, keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu müssen. - -Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, war ich -doch so thöricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die Bedingung, daß -meine Pflanzung bis zu meiner Rückkehr gut überwacht würde und, falls -mir ein Unglück widerführe, demjenigen übergeben werden sollte, den ich -als Nachfolger bezeichnete. Zu meinem Universalerben setzte ich den -portugiesischen Kapitän ein, unter der Bedingung, daß er die Hälfte -meines Vermögens nach England gelangen lassen solle. - -Die Ausrüstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September 1659, -demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das elterliche Haus -verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen wir in See. -Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, führte sechs Kanonen und 14 Mann, -den Kapitän samt seinem Schiffsjungen und mich eingerechnet. Die Ladung -des Schiffes bestand nur aus solchem Tand, der sich am besten zum -Handel mit Negern eignet. - -Wir steuerten anfangs längs der Küste von Brasilien nordwärts, weil -wir beabsichtigten, den 12. Grad nördlicher Breite zu erreichen und -dann, wie damals üblich, nach Afrika hinüberzusegeln. Solange wir an -der Küste hinfuhren, wurden wir von dem prächtigsten Wetter begünstigt; -bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land aus dem Gesicht und -steuerten, als wollten wir die Insel Fernando de Naronha erreichen, -Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel ließen wir aber östlich -liegen und passierten nach einer Fahrt von zwölf Tagen die Linie. -Bisher hatten wir uns des schönsten Wetters zu erfreuen gehabt, jetzt -aber brach ein heftiger Wirbelwind los. - -Zwölf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann ließ der -Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, daß wir uns in der -Richtung nach der Küste von Guinea oberhalb des Amazonenstromes und -nicht weit vom Orinoko befanden. Wir überlegten, was unter diesen -Umständen zu thun sei, zumal das Schiff ein Leck bekommen hatte; -endlich entschlossen wir uns, nach Barbados zu segeln, indem wir -uns weit genug auf offener See hielten, um die Einfahrt in den -Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. In vierzehn Tagen konnten wir bei -den Karibischen Inseln sein und steuerten deshalb nordwestlich. - -Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem 14. -Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und trieb uns -weit fort, als plötzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: »Land! -Land!« ertönte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile der Welt wir -entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windstoß unser Fahrzeug auf -eine Sandbank trieb. - -Die Wogen stürzten schäumend über das Deck, und jeder flüchtete in -sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu schützen. Der Wind -tobte fortwährend heftig, und das Fahrzeug konnte in wenigen Minuten -zertrümmert sein, wenn es nicht plötzlich umschlug. Am Hinterteil -des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder war zertrümmert und -die zerschmetterten Teile tanzten auf den empörten Wellen. Zwar lag -noch die Schaluppe an Bord, doch schien es uns unmöglich, dieselbe -ins Wasser zu setzen. Die Todesangst zwang uns endlich doch, einen -verzweifelten Versuch zu machen, und den vereinten Anstrengungen gelang -es, die Schaluppe über Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und -ließen uns -- im ganzen elf Personen -- von Wind und Wogen treiben, -wohin es Gott gefiel. - -Wir sahen wohl ein, daß unser Boot bei der hochgehenden See nicht lange -aushalten würde. Mit allen Kräften ruderten wir dem Lande zu, aber -so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; denn wir konnten -voraussetzen, daß das Boot, wenn es sich der Küste näherte, von der -Macht der Wogen zertrümmert werden würde. So schien es, als ob wir -selbst unsern Untergang beschleunigten. - -Von welcher Beschaffenheit die Küste vor uns war, ob felsig oder -sandig, hoch oder flach -- wir wußten es nicht. Der einzige -Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Möglichkeit, in die -Mündung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, wo wir das -Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von alledem, ja, das -Land erschien uns, je näher wir kamen, grauenhafter als die See, denn -es starrten uns fürchterliche Felsenriffe entgegen. So mochten wir -etwa anderthalb Meilen fortgetrieben sein, als eine berghohe Welle -hinter unsrer Schaluppe einherrollte, uns mit sicherem Untergang -bedrohend; sie stürzte mit solcher Heftigkeit auf unser Boot, daß es -augenblicklich umschlug. Wir wurden getrennt und versanken in den -Abgrund, Gott um Beistand anflehend. - -Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch nicht -zur Oberfläche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich die -Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurückzog und -mich auf dem Trockenen zurückließ, freilich zum Tode ermattet und -außer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt hatte. Ich -fühlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des Körpers, daß ich -mich aufraffte und, da ich die Küste nahe vor mir sah, einen Versuch -machte, sie zu erreichen, ehe eine andre Welle mich wieder zurückriß. -Meine Widerstandskraft erwies sich jedoch dem Elemente gegenüber als -zu schwach. Ich sah die See riesengroß, wie einen erbitterten Feind, -von neuem gegen mich heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr -zu widerstehen. Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu -behalten und schwimmend landeinwärts zu kommen. Doch die Wassermenge -begrub mich viele Meter tief, und ich fühlte, wie ich von ihr nach dem -Ufer gerissen wurde. - -Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und Händen aus -dem Wasser emporschoß. Ich faßte neuen Mut, obgleich ich mich nur -zwei Sekunden über Wasser hielt, um Atem zu schöpfen. Darauf stürzten -wieder die Wellen über mich weg, und dann bemerkte ich, wie sie wieder -zurückgingen. - -Die letzte Welle hätte mir gefährlich werden können, denn ich wurde -mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, daß ich fast das -Bewußtsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das Felsenstück (S. -31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser zurückgegangen war. -Nun kletterte ich die Klippen empor und warf mich auf das Gras, sicher -vor dem Anfluten des Wassers und seinen Gefahren. Ich blickte zum -Himmel und dankte inbrünstig dem Herrn, der mich so wunderbar vom Tode -errettet hatte. - -Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, in weiter -Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war ganz durchnäßt, -und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger und Durst -quälten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung eines Tieres -mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur die Aussicht, entweder -Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Ich -hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas -Tabak in einem Beutel; das war mein ganzer Vorrat und -- der war naß. - -Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwärts und fand frisches -Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah ich indes -nirgends und begnügte mich daher, nach Seemannsbrauch, Tabak zu kauen. -Die Nacht brach allmählich herein. Schwere, finstere Wolken jagten am -Himmel dahin und ließen die Nacht nur um so unheimlicher erscheinen. -Der Wind schüttelte die Äste der Bäume, und die Wellen brachen sich -tosend an den Klippen. Mich überkam die Furcht vor reißenden Tieren, -denen ich waffenlos preisgegeben war. - -Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur Waffe -abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen und -darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich in einen tiefen Schlaf, -aus welchem ich erst nach vielen Stunden wiedererwachte. - - - - -[Illustration: »Gerettet!«] - -Viertes Kapitel. - -Rettung nach dem Schiffbruch. - - - Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Floßes. -- Er - landet glücklich mit seiner Fracht. -- Tägliche Fahrten nach dem - Wrack. -- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. -- - Robinsons Kalender. -- Tagebuch. - -Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Das Wetter war -heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer war ruhig. Am meisten -überraschte mich der Umstand, daß das Schiff durch die Flut gehoben und -fast bis zu dem Punkte getrieben wurde, an welchem mich tags vorher -die Wogen gegen die Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine -halbe Stunde vom Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu -halten. Ich nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu -beschaffenden Bedürfnissen zu versehen. - -Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Höhe -herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine Stunde -entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte dasselbe zu -erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; ebensowenig -vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen. - -Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurückgewichen, daß ich -mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nähern konnte. Ich -legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe zu. Als ich indes -nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das Schiff hatte sich auf -die Seite gelegt und ragte hoch über das Wasser empor; daher konnte -ich nicht an Bord kommen. Zweimal schwamm ich um das Fahrzeug herum, -ohne etwas zu finden, woran ich mich hätte in die Höhe arbeiten -können. Endlich gewahrte ich ein Tauende, welches am Vorderteil so -weit herabhing, daß ich daran emporklettern konnte. Oben angekommen, -sah ich, daß das leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte. -Es lag auf einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, während das -Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang galt -der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorräte in unverdorbenem -Zustande fand. Ich füllte meine Taschen mit Schiffszwieback und -entdeckte dann in der Kajütte Rum, von dem ich einen tüchtigen Schluck -zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur an einem Boote, um die mir nötigen -Sachen ans Land zu schaffen. Da beschloß ich, mir selbst ein Floß zu -bauen. An Bord fand ich einige Raaen, zwei oder drei hölzerne Balken -und ein paar Bramstengen. Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sägen, -Beile, Hammer und Nägel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer, -nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, damit -sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der Seite des -Schiffes hinab und verband die Holzstücke zu einer Art Floß; hierauf -nagelte ich einige Bretter darüber und konnte mich nun schon -darauf wagen. Allein für eine größere Ladung wäre es immerhin noch zu -leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der Zimmermannssäge eine der -Bramstengen in drei Stücke und verstärkte mit diesen mein Floß. Dann -dachte ich daran, wie ich es am vorteilhaftesten befrachten und die -Ladung gegen das Wasser sichern könnte. -- Zuvörderst brachte ich auf -das Floß alle Bretter, deren ich habhaft werden konnte; hierauf füllte -ich zwei Matrosenkisten mit Brot, Reis, holländischen Käsen, fünf Stück -geräucherten Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste. - -[Illustration: Robinsons Rückkehr vom Wrack.] - -Während ich alle Gegenstände zusammenpackte, begann die Flut zu -steigen; ich bemerkte, daß meine Weste und mein Hemd, die ich am Ufer -zurückgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb Bedacht, nach -Kleidungsstücken zu suchen, deren ich genug fand; auch dachte ich an -Munition und Waffen. In der großen Kajütte waren zwei gute Jagdflinten -sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte ich einen kleinen Beutel mit -Schrot, zwei alte verrostete Degen und etliche Pulverhörner. Ich -erinnerte mich, daß drei Pulverfässer auf dem Schiffe waren, aber ich -wußte nicht, wo unser Geschützmeister sie hingestellt hatte. Nach -vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten sich trocken und gut erhalten, -während das dritte durch das Wasser verdorben war; die beiden ersteren -samt den Waffen trug ich auf mein Floß. Dann fielen mir noch etliche -Ruder in die Hände, die zur Schaluppe gehört hatten, sowie zwei Sägen, -eine Axt, ein Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte -ich mein Floß in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es -glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwärts, woraus ich schließen -mußte, daß eine Bucht oder die Mündung eines Flusses diese Strömung -herbeiführte. In der That zeigte sich bald vor mir eine kleine Öffnung, -in welche die Flut mächtig eindrang. - -So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Floß, um es in die Mitte des -Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mögliche auf, indem ich meinen -Rücken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher Zeit mich bemühte, das -Floß richtig zu leiten. Fast eine halbe Stunde mußte ich in dieser -anstrengenden Stellung aushalten, bis endlich die steigende Flut mein -Floß hob, worauf ich glücklich in die Bucht einlief. Da aber die Ufer -steil emporstiegen, so bemühte ich mich, mein Floß durch das Ruder wie -durch einen Anker festzuhalten, bis die Flut ihre größte Höhe erreicht -haben würde. Später trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete -zwei meiner zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese -Art lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein -Floß samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb. - -Ich darf hier nicht vergessen, daß wir an Bord einen Hund und zwei -Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Floß mitgenommen, der Hund -aber war selbst ins Meer gesprungen und folgte mir schwimmend bis ans -Ufer. Dieses anhängliche Tier blieb jahrelang mein treuer Gefährte und -leistete mir wesentliche Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir -die Gesellschaft eines Menschen zu ersetzen. - -Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem Floß gelandet -war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer Kette andrer Berge, -die sich nach Norden hinzog, am höchsten emporragte. Ich nahm eine -Jagdflinte, eine Pistole und ein gefülltes Pulverhorn, und so bewaffnet -erklomm ich die Spitze des Berges. Von hier aus sah ich erst, daß ich -mich auf einer Insel befand. Nirgends war größeres Land zu sehen, nur -in der Ferne hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu, -etwa zwei Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war -die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden Tieren -konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine große Menge Vögel, -deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht zur Speise nicht -einmal eigneten. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel, der -auf einem Baume saß. Es war wohl der erste Schuß, welcher hier seit -Erschaffung der Welt gefallen. Denn kaum ertönte der Knall, als sich -aus allen Teilen des Gehölzes unzählige Vögel aller Art erhoben und mit -wirrem Geschrei durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich -an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen war -etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungenießbar. - -[Illustration: Robinson auf der Vogeljagd.] - -Ich mußte schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise -zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Floß zurück. Jetzt -schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages verbrachte. -Was in der Nacht aus mir werden sollte, wußte ich noch nicht, -denn auf bloßer Erde zu schlafen schien mir bedenklich. Deshalb -verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich ans Land -gebracht hatte, und baute mir für die Nacht eine Art Hütte. - -Am nächsten Morgen überlegte ich, daß ich aus dem gestrandeten Schiffe -wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir beschaffen könnte, und -ich beschloß, wenn möglich, eine zweite Reise nach dem Fahrzeuge -zu unternehmen, ehe ein nächster Seesturm das Wrack vollständig -zertrümmern würde. - -Zu solchem Zwecke beschloß ich, in gleicher Weise wie das erste Mal zu -verfahren. Ich ließ meine Kleider in der Hütte zurück und behielt außer -dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die Schuhe an. In diesem Anzuge -schwamm ich an das Wrack und baute dort schneller als das erste Mal ein -geeigneteres Floß zur Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorräten -des Zimmermanns fand ich ein paar Beutel mit Nägeln und Schrauben, -einen großen Bohrer, eine Anzahl Beile und Äxte und einen Schleifstein. -Von den Gerätschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder drei Hebeeisen, -zwei Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen und eine Bergflinte, -einen kleinen Vorrat Pulver, einen tüchtigen Beutel mit Schrot und eine -große Rolle dünngeschlagenes Blei. - -Außerdem eignete ich mir alle Kleidungsstücke an, die ich nur finden -konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hängematte mit Bettzeug. -Reich beladen brachte ich dann das Floß zu meiner Freude glücklich ans -Land. - -Nun gab es alle Hände voll zu thun, um mittels der Segel und etlicher -Pfähle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa durch die Witterung -Schaden leiden könnte, unter Dach und Fach zu bringen. Ich stellte -leere Fässer, Kisten und Tonnen um das Zelt und umgab mich mit einem -Wall, so daß ich mich vor einem ersten Angriff oder Überfall von -Menschen oder Tieren gesichert glauben durfte. Auch verschloß ich den -Eingang mit Brettern, breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte -zwei Pistolen an das Kopfende, eine geladene Flinte längs der Seite des -Lagers und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestört -bis zum Morgen. - -Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des Wracks. Diesmal -nahm ich alle Taue, Stricke und Schnüre mit, die noch aufzufinden -waren, ebenso ein großes Stück Zeug zum Ausbessern der beschädigten -Segel sowie das Faß mit dem naß gewordenen Pulver. Natürlich ließ ich -auch die Segel nicht zurück, die mir später trefflich zu statten kamen. -Die größte Freude verursachte es mir jedoch, als ich eine große Tonne -mit Brot, drei Fässer voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit -feinem Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt -ans Land. - -So unternahm ich regelmäßig meine täglichen Ausfahrten und hatte in -zwölf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, was ich auf -meinem kleinen Floß fortbringen konnte. Als ich mich zum letztenmal auf -dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der Schublade eines kleinen -Tisches einige Rasiermesser, über ein Dutzend Tischmesser, Gabeln und -Löffel, sowie europäische und brasilische Gold- und Silbermünzen im -Werte von 40 Pfund Sterling (800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde -eines spöttischen Lächelns nicht erwehren. »Was soll mir doch«, dachte -ich zunächst, »dieses glänzende Metall nützen? Ein einziges Messer -ist mir nützlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl -der Mühe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag es -bleiben!« Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich mich eines -andern, wickelte das Geld in ein Stück Leinwand und machte mich dann an -die Errichtung des Floßes. - -Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, erhob sich ein starker -Wind vom Lande her, und den Himmel überzogen schwere, dunkle Wolken. -Ich sah wohl ein, daß keine Zeit zu verlieren war, daher sprang ich -ins Wasser und erreichte schwimmend glücklich das Ufer. Immer heftiger -blies der Wind und immer hohler gingen die Wogen der See; ich aber -saß wohlgeborgen in meinem kleinen Zelte -- jetzt noch ein Krösus -unter meinen Reichtümern. Die ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit -solcher Heftigkeit getobt, daß am Morgen von dem gestrandeten Schiffe -nichts mehr zu erblicken war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man -dürftige Trümmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunächst -war ich nicht wenig bestürzt; dann aber schlug ich mir das ganze -Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit tröstete, die wertvollste -Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues -Standquartier gerettet zu haben. - -Darüber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, daß meine Wohnung -nur den ersten Anforderungen genüge, denn sie befand sich in der Nähe -der Küste auf feuchtem Boden. Aber was sollte ich nun zum Aufenthalt -wählen? Ein Zelt oder eine Höhle? -- Vielleicht beides! Ich begab mich -wiederum auf Entdeckungsreisen und gelangte an einen Hügel, dessen -eine Seite eine hohe senkrechte Felsenwand bildete. Diese erschien -mir geeignet, Schutz vor feindlichen Menschen und Tieren sowie vor -glühenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Außerdem bot sich mir von -dieser Stelle auch die Aussicht auf das weite Meer, so daß ich jedes -vorbeisegelnde Schiff erblicken konnte. Am Fuße der Felswand bemerkte -ich eine Vertiefung, die jedoch keine eigentliche Höhle genannt werden -konnte. Ihr unmittelbar gegenüber wählte ich meine Wohnstätte auf dem -oberen Teile der Fläche. Diese Ebene war ansehnlich breit und dehnte -sich noch einmal so lang wie ein grüner Rasenteppich vor meinem Zelte -aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hügels lag und den kühlenden -Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich auch vor der -glühenden Hitze des tropischen Himmels geschützt. - -Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Höhlung einen -Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In diesen -Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei Reihen Pfähle -so fest in die Erde ein, daß sie wie Säulen standen; sie ragten -anderthalb Meter über den Boden empor und waren oben zugespitzt. -Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem Schiffe abgeschnitten -hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen auf der Spitze -übereinander und stemmte von der Seite andre Pfähle dagegen, so daß -weder Menschen noch Tiere diesen Zaun zu durchbrechen vermochten. - -Der Eingang bestand nicht in einer Thür, sondern ich mußte mit Hilfe -einer Leiter darüber klettern. In diese Zaunfestung nun brachte ich -mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtümer und errichtete dann -ein geräumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem ich über die -untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere bedeckte ich -wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem Segelwerk des -Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu schlafen, wie in -meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich in derselben -Hängematte, in welcher sich früher der Kapitän gewiegt hatte. - -Meine nächste Arbeit galt nun der Aufgabe, den Felsen weiter -auszuhöhlen, um dort alle jene Lebensmittel und sonstigen Gegenstände -unterzubringen, die ich gegen Nässe schützen mußte. Diese -Beschäftigung nahm mich mehrere Tage in Anspruch; doch ehe noch alles -zustande gekommen war, trat ein Ereignis ein, das mich zu großer -Vorsicht mahnte. - -Eines Tages stand ein schreckliches Gewitter am Himmel, und der -Regen ergoß sich in Strömen auf den Erdboden. Da fuhr plötzlich ein -blendender Blitz hernieder und erhellte die Landschaft auf einige -Sekunden mit blaurotem Licht. »Mein Pulver, mein Pulver!« dachte ich. -Mein Herz pochte mit gewaltigen Schlägen; dann ließ ich alle andern -Arbeiten im Stich und beschäftigte mich damit, meinen Pulvervorrat in -kleine Pakete zu teilen und in Kistchen und Beuteln wohl zu verwahren. -So hatte ich 240 Pfund in etwa hundert verschiedene Päckchen gesondert -und jedes derselben vorsichtig so weit von dem andern entfernt -gestellt, daß, wenn sich auch unglücklicherweise eines derselben -entzündete, doch die übrigen nicht zugleich in die Luft fliegen konnten. - -Bei meinem ersten Morgenspaziergange, welchen ich, mit einer Flinte -bewaffnet, unternahm, um irgend etwas Eßbares zu schießen, machte -ich die erfreuliche Entdeckung, daß die Insel mit zahlreichen Ziegen -bevölkert war; doch zeigten sie sich so scheu und schnellfüßig, daß ich -mich ihnen nicht auf Schußweite nähern konnte. Ich hatte beobachtet, -daß sie stets erschreckt davonliefen, wenn sie vom Berge herab mich im -Thale bemerkten; weideten sie jedoch im Thale und ich selbst stand auf -dem Felsen, so nahmen sie keine Notiz von mir. Dies brachte mich auf -die Vermutung, daß jene Tiere wohl leicht von oben herab, aber schwer -von unten nach oben sehen könnten. Um zu erfahren, ob meine Vermutung -richtig sei, stieg ich auf einen Berg, während unten die Herde graste. -Mit dem ersten Schuß, den ich abfeuerte, erlegte ich eine Ziege, die -ein Junges bei sich hatte. Als ich mich dem getöteten Tiere näherte, -um es aufzuheben, blieb jenes ganz harmlos stehen, ja es folgte mir -freiwillig in mein Zelt. Ich hoffte, das Junge aufziehen zu können; -doch da es keinerlei Futter annehmen wollte, so sah ich mich genötigt, -es zu schlachten und zu verzehren. Durch diese beiden Tiere war ich auf -etliche Tage hinlänglich mit gutem Fleisch versehen und sparte dadurch -an meinem Vorrat, welchen ich vom Schiffe gerettet hatte. - -[Illustration: Robinson erlegt die erste Ziege.] - -Einige Zeit nach meiner Landung dachte ich daran, eine *Zeitrechnung* -aufzustellen, um in der Tag- und Monatsfolge nicht ganz irre zu werden -und ebenso den Sonntag nicht mit den Werktagen zu verwechseln. Da -ich weder Papier, noch Tinte, noch Federn besaß, verfiel ich auf die -Abfassung einer Art Kalender. - -Ich rammte einen viereckigen Pfahl in die Erde und befestigte an dessen -oberen Teil in Gestalt eines Kreuzes eine länglich viereckige Tafel; -nach den Berechnungen, die ich anstellte, war ich am 30. *September* -1659 an dieser Insel angelangt, die etwa 9° 22' nördlich vom Äquator -gelegen sein mußte: deshalb schnitt ich auf die Tafel mit großen -Buchstaben ein: - - »_Hier landete Robinson Crusoe am 30. September 1659._« - -An jedem neuen Tage machte ich an der Kante des Pfahles einen -Messereinschnitt, deren siebenter, länger als die übrigen, den Sonntag -bezeichnete. Der erste Tag eines Monats wurde durch einen stärkeren -größeren Schnitt angemerkt. So ging es eine längere Zeit fort, während -welcher ich emsig an der Vergrößerung meiner Höhle arbeitete, auch -einen Tisch und einen Stuhl fertigte. Dabei kamen mir noch allerhand -Dinge zu statten, die ich nicht einzeln, sondern in Kästen und Säcken -verpackt vom Wrack abgeholt hatte. So fand ich mehrere Kompasse, -mathematische Instrumente, Ferngläser, Seekarten, deren Nützlichkeit -mir in meiner damaligen Lage nur wenig einleuchtete. Was mich aber in -eine freudige Aufregung versetzte, war der Fund eines vollständigen -Schreibzeuges. Nun fühlte ich mich in meiner Einöde nicht mehr so -verlassen wie vorher, konnte ich doch dem Papiere alle meine Gedanken -und Eindrücke anvertrauen. Also begann ich ein *Tagebuch* anzulegen und -schrieb meine Lebensgeschichte seit dem 30. September nieder. Leider -hatte ich in meinem Tagebuche gar bald ein Ereignis zu verzeichnen, das -leicht unglücklich für mich hätte ablaufen können. Ich schrieb darüber -die nachstehenden Zeilen nieder: - - Am 10. *Dezember*. -- Ich hatte an der Vergrößerung meiner Höhle - gearbeitet, die Erdarbeiten waren glücklich von statten gegangen, - meine Arbeit schien beinahe vollendet; da stürzte plötzlich unter - furchtbarem Gekrach eine gewaltige Erdmasse von der Decke und von - einer Seite nieder. Jedenfalls hatte ich meine Minierarbeit zu weit - ausgedehnt und dadurch den Einsturz selbst veranlaßt. Ein Glück - war's, daß ich mich in demselben Augenblicke nicht in der Höhle - befand, sonst wäre ich unzweifelhaft mein eigner Totengräber geworden. - -Die Wiederherstellungsarbeiten -- die Reinigung des Ganges, die -Unterstützung der Decke -- nahmen eine geraume Zeit in Anspruch. - - Am 27. *Dezember*. -- Die Tage des Weihnachtsfestes verliefen sehr - traurig; es regnete unaufhörlich, und so blieb ich in das Innere - meiner Hütte gebannt. Da tauchten die trauten Bilder der Heimat - und der fröhlichen Jugendzeit mit schmerzlicher Sehnsucht in mir - auf, und ich überließ mich willenlos gaukelnden Träumen, die mich - hinübertrugen weit übers Meer an Englands Küste und in das Vaterhaus, - in welchem die Eltern gewiß weinend des verschollenen Sohnes - gedachten. Meine Wehmut löste sich in ein inbrünstiges Gebet auf zu - dem, der alles herrlich hinausführt; allmählich zog Trost ein in mein - banges Herz. - -Am zweiten Tage nach Weihnachten klärte sich das Wetter, und eine -erfrischende Brise kräuselte die Wogen des Meeres. Ich streifte in mein -Revier hinaus und schoß eine junge Ziege; eine andre verwundete ich -nur, fing sie deshalb und führte sie in meine Hütte. Dort verband ich -ihr den verwundeten Fuß, legte ihr Schienen an und pflegte sie auf das -sorgsamste. Unter meiner ärztlichen Behandlung gedieh das Tier ganz -vortrefflich und wurde mit der Zeit so zahm, daß es bei meiner Wohnung -behaglich graste, ohne davonzulaufen. - - - - -[Illustration: Robinson im Gebet.] - -Fünftes Kapitel. - -Robinsons Tagebuch. - - - Neujahr. -- Sicherung der Hütte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung. -- - Getreideähren. -- Erdbeben. -- Schleifstein. -- Ein Fäßchen Pulver. - -- Zertrümmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkröten. -- - Krankheit. -- Nächtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen. - -- Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und - Früchte im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze - und ihre Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge. - -Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglückwünschte ich mich selbst. Es -ist freilich ein Neujahr auf einer öden Insel, und ich verlassen von -allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, Robinson! Mutig in die -Zukunft geblickt! - -Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach dem Innern -der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar -unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so sah ich mich genötigt, -wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bäume auszuruhen. Den -ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich nahte der Abend heran, -nachdem ich mehrere liebliche Thäler durchschritten hatte, die sich -nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen -Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch -versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, immer wußten sie mit schlauer -List zu entrinnen. Deshalb beschloß ich am andern Tage, meinen Hund -mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere -lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu -gewöhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als -ich am nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten -sich die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte -keine absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte -Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so -ließ ich die Sache einstweilen ruhen. - -Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die Arbeiten -für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser Zeit hatte -mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit -meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir die Herrichtung jedes -einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, kann man sich -wohl denken, zumal die Pfähle weit aus dem Innern der Insel zu holen -waren und die Einrammung meine Kräfte stark in Anspruch nahm. - -Einst traf ich eine Art *wilder Tauben*, welche nicht wie die andern -Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach Art der -Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der -Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später mit den -wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten -Heimatssitzen zu. - -Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu -statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den -Mangel an *Beleuchtung*. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett -der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett -in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gefäß und verfertigte mittels -eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen. - -[Illustration: Robinson und seine Ziege.] - -Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher -Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwölf -Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie -mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima -gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken, daß die -Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich -mich, daß ich während der Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen -ausgeschüttet hatte, in welchem sich noch einige kümmerliche Reste der -durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden. -Jenes Säckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt. - -Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei mir erst -recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle -Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes Zeichen -seiner Güte anzusehen. - -Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, und ich -glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. Aber -schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären fast alle -meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mühen, zerstört -worden. - -Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, als -plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Höhle -fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten und stürzten mit -fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trümmern -begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang über die -Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich, -wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mächtiger Felsblock -sich von einem der Berge ablöste und mit donnerähnlichem Getöse in die -wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges -Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume -niedergesunken und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich -meiner!« - -Zwar faßte ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer schwerer, -der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es erhob sich ein -Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. Die See kochte, der -Schaum kräuselte sich in wildem Tanze auf ihrer Oberfläche, und die -Fluten stürzten brausend an die Ufer. Nach drei Stunden ließ das Toben -nach, und ein heftiger Regen strömte hernieder. Jetzt erst fiel mir -ein, daß Wind und Regen die Folgen des Erdbebens seien und daß sie -das Ende desselben anzeigen könnten. Durch diesen Gedanken ermutigt, -kehrte ich nach meinem Zelte zurück und flüchtete ganz durchnäßt in die -Höhle, obwohl ich noch immer befürchtete, es möchte die Decke über mir -zusammenbrechen. - -Der Regen währte die ganze Nacht und den größten Teil des folgenden -Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drängte sich mir der -Gedanke auf, daß ich mich durchaus nach einer andern Wohnung umsehen -müßte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung eines Erdbebens -lebendig unter den Trümmern meiner Höhle begraben! Da ich aber sah, -wie alles um mich her sich in schönster Ordnung befand, wie ich -eigentlich sicher und bequem wohnte, und als ich an die unsägliche -Mühe dachte, welche mir die Einrichtung meines kleinen Festungswerkes -verursacht hatte, so konnte ich mich nur schwer dazu entschließen, -meinen jetzigen Aufenthalt zu ändern. Ich zog es daher vor, einstweilen -noch in meiner alten Wohnung zu bleiben, bis ich eine neue errichtet -hätte, und begnügte mich damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt -herauszuschaffen. - -Vor der Ausführung meiner Pläne prüfte ich meine drei starken Äxte -sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das Fällen und Behauen -des harten Palissadenholzes so schartig und unbrauchbar geworden, daß -ich sie in solchem Zustande nicht mehr benutzen konnte. Da blitzte -ein Gedanke in mir auf: ich besaß ja einen Schleifsein. Aber wie ihn -drehen? Nach langem Sinnen glückte es mir, eine Trittvorrichtung -zu vollenden, welche ich mit dem Fuße in Bewegung setzen konnte, -während mir beide Hände frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste -Schleifer, der nur jemals gefunden werden kann. - -Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, bei -niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte ich -einen Gegenstand, der wie ein Fäßchen aussah und sich als eine kleine -Tonne nebst einigen Trümmern unsres Schiffes erwies, dessen Lage sich -durch den letzten Sturm verändert hatte, denn sein Rumpf ragte höher -aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht mehr im Sande, -sondern stand zwei Meter über der Wasserfläche empor. Das Kastell, von -dem übrigen Teile losgerissen, lag auf der Seite, und Berge von Sand -hatten sich um das Schiff herum aufgehäuft, so daß ich jetzt zur Zeit -der Ebbe trockenen Fußes zu dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff -sehr bald, daß diese Veränderung durch das Erdbeben veranlaßt war. Die -Gewalt desselben hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrümmert, -denn täglich spülte die Flut abgelöste Stücke ans Land. Ich wälzte die -gefundene Tonne weiter an das Ufer und fand nach Eröffnung derselben, -daß sie Pulver enthielt. - -Am 3. Mai ging ich mit einer Säge an das Wrack und durchschnitt einen -Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks trug. Hierauf -räumte ich, so gut es ging, den Sand fort, sah mich aber genötigt, -die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen begann. Den nächsten -Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte ich keinen Angelhaken, nahm -aber ein Stück gekrümmten Eisendraht an einer langen, aus aufgedrehten -Tauen gemachten Schnur; ich fing auch eine Menge Fische, unter andern -einen jungen Delphin. Später wiederholte ich diese Fischjagden öfters, -trocknete meistens die gefangene Beute und aß sie gedörrt. - -Fast täglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter los, schlug -eiserne Bolzen und andre Stücke von demselben Metall heraus und fand -auch neben mancherlei andern verwendbaren Dingen eine Rolle Blei, -von welcher ich kleine Stücke abschlug, um diese einzeln in meinen -Gewahrsam zu schaffen. - -Während der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so heftig, daß -die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrümmert wurden. Die -Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken an das Ufer, und -der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt hatte, war zu einem -solch ansehnlichen Haufen angewachsen, daß ich davon eine Barke hätte -erbauen können, wenn ich nur einen Begriff von Schiffbaukunst gehabt -hätte. Auch ein Faß mit Schweinefleisch kam ans Land geschwommen; ich -hätte dasselbe gern gegessen, mußte jedoch auf den Genuß verzichten, -weil es durch das eingedrungene Seewasser gänzlich ungenießbar geworden -war. - -Als ich eines Morgens im Monat Juni früh am Ufer des Meeres entlang -ging, sah ich eine große *Schildkröte*, die erste, welche ich fand. -Ich tötete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das ich kochte, schien -mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich je gegessen. Hatte -ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel auf das Fleisch wilder -Ziegen und Vögel beschränken müssen! - -Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prüfung -über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die Nächte zum Teil -schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das *Fieber* -mit abwechselndem Frost und Schweiß hatte mich gepackt, so daß ich -leider den ganzen Tag über, ohne Speise und Trank zu genießen, an mein -Lager gefesselt war. Mich quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich -nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete -ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so -eingenommen, daß ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig -auf meine Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung -ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles -besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes keinen -Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich auf dieses Labsal -verzichten und schlief endlich wieder ein. - -Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen Traum. -Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf dem Boden an der -Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus -einer großen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende, -mich brennende Flammen umgaben. Lange schlängelnde Blitze durchzuckten -die Luft, und als seine Füße den Erdboden berührten, erbebte die Erde -in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er -in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme: -»Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb -jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!« - -[Illustration: Robinson, von Reue erfüllt.] - -Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange -Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, daß alles -nur ein Traum gewesen sei. - -Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur Wahrheit -ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der eigentlich -gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren -längst während der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit -gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht, -das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine -gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als -Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um -Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen -Fluchtversuch ausführte. Als ich hierauf von dem portugiesischen -Kapitän aufgenommen ward, regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für -eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf -dieses Eiland geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die -Verhärtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich -zu nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei. - -Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und -wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in mir, die einem Danke -für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie endeten nur als Äußerungen -der Freude, Gefühle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran, -mich gegen den Hunger zu schützen, und trug lediglich Sorge für meinen -Unterhalt und um meine Verteidigung. - -Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides -mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur war ich durch die -Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die -Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preßten -mir Thränen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«, -sagte ich mir, »jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung -gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren -könnte. O meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet -und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft -und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!« - -So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. Nachher ließ -der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch -lange einen großen Schreck in mir zurückließ. - -Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche -mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch röstete ich -auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht -munden. - -Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen -Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf einem Felsenstück -ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit über den jetzt ruhigen -Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf: -»Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen -hat? Und wer erhält und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der -alles weiß und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne -den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in -seine Fügung, der Herr wird es wohl machen!« - -Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend -in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel mein Blick auf -die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche jetzt harte Körner -trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig die Frucht aus den -Rispen und bewahrte sie für die kommende Säezeit auf. - -Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es -überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt zu werden. -Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit -*Tabak* kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen -ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mußte mir -diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch -jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren. -Welch ein kostbarer Fund! - -Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht und -versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein -Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden -lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode -verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darüber, um -den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. Die Pausen, welche -zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der -Bibel auszufüllen; allein die Betäubung durch meine etwas sonderbare -Medizin ließ mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen -zuerst gefallen waren: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich -erretten, und du sollst mich preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine -gegenwärtige Lage passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf -mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange, -lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte. - -Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen -Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in einen so tiefen -Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mußte -sogar glauben, daß ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es -fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen -fühlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein -tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine kräftige Suppe von -saftreichem Schildkrötenfleisch und genas von dieser Zeit an täglich -mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis -Tabak, greifen mußte. - -So fand ich denn auf seltsame Weise die erwünschte Besserung -- durch -ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer -einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so -versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine -Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal stieß ich hierbei -auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher noch nicht bemerkt -hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln, -eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen -Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte traf, namentlich saftige -Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben, -welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von -Baum zu Baum üppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an -der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem -Zustande genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische -Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts -in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren. - -Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß -mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fühlte ich -mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurückkehren zu können. -So schlief ich zum erstenmal außerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage -meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum -und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich -meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im -Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen -begrenzt war. - -Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das -von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt wurde. Eine -reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von -tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen -streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbäume luden -mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer beladen mit köstlichen -Früchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner länger als -sonst verlassenen Hütte zuzueilen. - -Als ich in meinem »Hause« ankam, fand ich die Trauben verdorben und -die Beeren zerquetscht, während die Zitronen, deren ich überhaupt nur -wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren. - -Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so sehr an, daß -in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin zu verlegen; allein -die Erwägung, daß ich von meinem Hause am Strande die offene Aussicht -über das Meer hatte und so ein vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug -erspähen könnte, brachte mich von dem schnell gefaßten Plane ab, und -ich beschränkte mich darauf, eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und -reizvollen Thale zu errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans -Werk und umgab meine zweite Wohnstätte mit einer doppelten Pfahlreihe, -die ich noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstämmen -verstärkte. Diese Arbeiten beschäftigten mich bis Anfang August. - -Unterdessen fand ich meine aufgehängten Weintrauben nun genug -getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon kündigte -sich die in der heißen Zone übliche Regenzeit auf fühlbare Weise an. -Zweihundert Päckchen von Rosinen schaffte ich in meine Vorratskammer, -und so konnte ich mir nun die folgenden Monate hinreichend versüßen. - -Am 14. *August* erlebte ich die Freude einer Vermehrung meiner -Familie. Meine Katze nämlich, die ich vom Wrack mitgenommen hatte, war -eine Zeitlang verschwunden, ohne daß ich mir erklären konnte, wohin -sie geraten sei. Während ich nun an jenem Tage über die Landschaft -schaute, sah ich meine alte Freundin samt drei jungen Sprößlingen -wohlgemut auf meine Hütte zukommen und zögerte nicht, die neuen Gäste -freundlichst aufzunehmen. Sie hatte die Jungen in einem Versteck so -weit groß gezogen, daß sie vor den Angriffen des Katers sicher waren, -und führte sie mir jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit, -und ich machte mich wieder darauf gefaßt, wochenlang in meinem -wohlgeschützten Strandhause zubringen zu müssen. Vom 14. bis 29. August -währte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus Rosinen, -Ziegenfleisch und gerösteter Schildkröte. Dabei war ich täglich -beschäftigt mit der Erweiterung meines Kellers. - -Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die ich in meinen -hölzernen Kalender gemacht hatte, daß seit meiner Landung auf der Insel -ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen Tag mit dankerfülltem -Herzen gegen Gott, dessen Güte mich so wunderbar beschirmt hatte. - - - - -[Illustration: Robinson vor seinem Kalender.] - -Sechstes Kapitel. - -Robinson als Handwerker und Ackersmann. - - - Robinson säet Getreide. -- Korbflechterei. -- Töpferarbeiten. -- - Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Küstenstrich. - -- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. -- - Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. -- - Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplünderern. -- - Kleine Ernte. - -Mit Anfang November ließ der Regen nach, und es lockte mich an dem -ersten schönen Tage nach dem Innern der Insel zu meinem Lusthause. Hier -fand ich noch alles so unversehrt, wie ich es wenige Monate vorher -verlassen hatte. Die Hecke, welche ich um meine Villa gezogen, war -wohl erhalten, nur der »lebendige« Zaun war mit einem Wäldchen grüner -frischer Reiser geschmückt, die in wilder Unordnung sich ineinander -schlangen. Diese verschnitt ich und suchte in das ganze Gewirr einige -Ordnung zu bringen. In der That versprach die Fenz schon nach wenigen -Jahren ein dichtes und schattiges Laubdach zu bilden. Eine gleiche -grüne Mauer zog ich auch um mein festeres Haus am Strande, und die -Folgezeit lehrte, welchen Vorteil mir diese Pflanzung bei Verteidigung -meiner Stammburg brachte. - -Da mein ohnehin kleiner Vorrat von Tinte durch die tägliche und -umständliche Aufzeichnung der gewöhnlichen Begebenheiten und -Beschäftigungen sehr auf die Neige ging, so mußte ich ernstlich auf -möglichste Beschränkung meiner Schreibseligkeit Bedacht nehmen, und nur -die merkwürdigsten Ereignisse wurden fortan noch aufgezeichnet. - -Schon früher erwähnte ich der mir unerwartet zugekommenen -Getreidehalme. Ich glaubte nun gut zu thun, wenn ich die gewonnenen -Körner nach der Regenzeit säete. Deshalb grub ich ein Stück Land, so -schwer es mir auch wurde, mit einem hölzernen Spaten um, teilte es in -zwei Hälften und übergab die Körner der ernährenden Mutter Erde; den -dritten Teil derselben behielt ich indes aus Vorsorge zurück, falls -ich die Jahreszeit nicht richtig gewählt haben sollte. Der folgende -Monat war ein außerordentlich trockener und ließ meine Saat kaum zum -Aufkeimen kommen; ja, ich mußte ganz auf eine Ernte verzichten, da -sich die Keime vor der wiederkehrenden Regenzeit nicht bis zur Reife -entwickeln konnten. Ich suchte nun einen feuchteren Boden auf, grub -ihn um und säete den zurückbehaltenen Rest der Körner im Februar, kurz -vor dem Eintritt der nassen Jahreszeit. Die regnerischen Monate März -und April waren meiner Pflanzung, auf die ich meine letzten Hoffnungen -gegründet hatte, so günstig, daß ich etwa ein Liter von jeder Gattung -erntete. - -Die Jahreszeiten wechselten unter dem Himmel meiner Insel nicht mit so -angenehmen Übergängen wie in der Heimat, sondern sie schieden sich nur -in zwei Perioden, in eine trockene und eine nasse: von Mitte Februar -bis Mitte April Regen, von Mitte April bis Mitte August trockene Zeit; -von Mitte August bis Mitte Oktober Regen, von Mitte Oktober bis Mitte -Februar Trockenheit. - -Die gezwungene Zurückgezogenheit in den Regenmonaten benutzte ich -zu allerhand nützlichen Beschäftigungen. So versuchte ich unter -anderm auch, einen Korb zu flechten, und wurde in dieser Arbeit durch -Erinnerungen aus frühester Kindheit unterstützt. Wie hätte ich vorher -ahnen können, daß die Besuche bei unserm Nachbar Korbflechter, in -dessen Werkstatt ich ein täglicher Gast gewesen, mir später nützlich -sein würden? Die ersten Zweige, mit denen ich meine Arbeit beginnen -wollte, zeigten sich freilich recht spröde. Meine Blicke lenkten sich -unwillkürlich auf die jungen Stecklinge um die Hütte; diese versprachen -besseres Flechtmaterial. Ich fand sie wirklich so geschmeidig wie -Weidenruten, und es ward meinen Künstlerhänden nicht schwer, die -verschiedensten Körbe zu mannigfachen Zwecken herzustellen. - -Meine häuslichen Verhältnisse hatten sich immer behaglicher -gestaltet, nur noch ein einziges Gerät vermißte ich schmerzlich: ein -Kochgeschirr. Zwar besaß ich einen Kessel; allein dieser war von so -bedeutender Größe, daß ich darin weder ein kleines Stück Fleisch -kochen, noch weniger mir Fleischbrühe bereiten konnte. Wie ließ -sich diesem Übelstand abhelfen? Ich dachte so: wenn es mir gelänge, -Thonerde zu finden, so könnte wohl die Glut der tropischen Sonne -meine Töpferarbeiten trocknen. Ach! -- meine Töpferarbeiten! Ich -will hier nicht erzählen, wie viel ungeschickte Versuche ich machte, -welche ungeheuerlichen Formen sich die Mutter Erde unter meinen Händen -gefallen lassen mußte, wie oft meine Gefäße in der großen Sonnenhitze -zerbröckelten oder beim Fortschaffen zerbrachen. Erst nach zwei Monaten -hatte ich endlich zwei Erzeugnisse zusammengebracht, die nicht einmal -mit den schlechtesten Schiffskrügen nur annähernd verglichen werden -konnten. Weniger mißlangen meine Versuche im Anfertigen kleinerer -Gefäße, z. B. der Teller, Töpfe, Krüge, kurz aller Gerätschaften, -die sich mit der Hand formen ließen. Dabei kam mir auch die günstige -Witterung zu statten; die Sonne meinte es in diesen Tagen überaus gut, -so daß mein Töpfergeschirr in erwünschter Weise Härte gewann. - -Mittels meiner fortschreitenden Töpferkünste hatte ich mir Gefäße zum -Aufbewahren von allerlei Lebensmitteln beschafft, aber noch immer -fehlten mir solche, welche auch das Feuer auszuhalten vermochten. Da -ich weder einen Begriff von der Einrichtung eines Ofens, noch von der -Glasur hatte, mit der die Töpfer ihre Waren überziehen, so beschränkte -ich mich darauf, drei Krüge dicht nebeneinander zu stellen; auf diese -setzte ich kleinere Geschirre, und um die so aufgetürmte Pyramide -zündete ich dann ein tüchtiges Feuer an, welches die Sandbestandteile -der Thonerde schmelzen sollte. Die Töpfe nahmen nach Verlauf von fünf -bis sechs Stunden eine hochrote Farbe an. So wurde ich schließlich -der glückliche Besitzer von drei leidlichen Krügen nebst zwei irdenen -Töpfen, die sich auch als feuerfest erwiesen. - -Von meiner Insel blieb noch mancher Teil zu durchstreifen übrig. -Deshalb nahm ich eines Tages meine Flinte samt der nötigen Munition, -ein Beil, zwei Zwiebäcke sowie ein Päckchen Rosinen mit und machte -mich in Begleitung meines Hundes auf den Weg. Am Ende des Thales -angelangt, in welchem meine Villa lag, sah ich westwärts auf das Meer -und, da die Luft äußerst rein und durchsichtig war, fern am Horizont -einen nebligen Streifen, der von West nach West-Süd-West verlief und -eine Ausdehnung von fünf bis sechs Stunden haben mochte. Zwar wußte -ich nicht, ob ich die Küste einer Insel oder die des amerikanischen -Festlandes erblickte; vielleicht war ich auf dem rechten Wege, als -ich vermutete, daß die spanischen Kolonien nicht allzu entfernt von -jenem Küstenstriche lägen, und daß sich doch wohl ein Schiff in diesen -Gewässern sehen lassen müsse. Möglicherweise konnten aber auch dort -jene wilden, menschenfressenden Völkerschaften hausen, die unter dem -Namen »Kannibalen« weithin gefürchtet sind. - -Unter solcherlei Gedanken schritt ich über Ebenen und Wiesen, die mit -Pflanzen und Blumen prächtig geschmückt und auch mit Sträuchern besetzt -waren. Auf den Bäumen hatten sich Scharen von Tauben niedergelassen, -deren Gegirr von dem schrillen Geschrei buntgefiederter Papageien -übertönt ward. Solch einen schmucken Papagei mußte ich haben, und in -der That gelang es mir, einen jungen Vogel dieser Art zu fangen, indem -ich ihn durch einen Wurf mit meinem Wanderstab so gut traf, daß er -betäubt vom Aste herabfiel. Ich hob ihn auf, er kam allmählich wieder -zu sich, und ich nahm ihn mit mir. - -In den Niederungen sah ich außerdem Tiere, welche ich für Hasen hielt; -wieder andere mochten Füchse sein; aber ich ließ meine Flinte in Ruhe, -denn Ziegen, Tauben und Schildkröten lieferten so leckeres Fleisch, und -ich besaß an Rosinen eine so schmackhafte Zukost, daß selbst der beste -Markt von London nichts Besseres geliefert haben würde. - -Auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel rückte ich täglich nur -zwei bis drei Meilen vor, doch machte ich nach links und rechts manche -Abstecher, bis ich ermüdet an einem solchen Platze anlangte, welcher -mir zum Nachtlager geeignet schien. Zum Bett mußten entweder die -breiten Äste eines Baumes oder der harte Boden der Erde dienen. Als ich -an das Ufer des Meeres kam, sah ich zu meiner Überraschung, daß die -Küste meines Königreichs viel angenehmer und von Tieren mehr bevölkert -war als der entgegengesetzte Strand. Zahlreiche Schildkröten sonnten -sich hier im Sande, und Seevögel marschierten mit stolzer Würde umher. - -[Illustration: Schildkröten und Fetttaucher auf der Insel.] - -Trotz alledem verspürte ich keine Lust, meine Wohnung in diese Gegend -zu verlegen. Indessen setzte ich meine Reise noch etwa zwölf Stunden -gegen Osten weiter fort. Den äußersten Grenzpunkt meiner Wanderungen -bezeichnete ein eingerammter Pfahl, der mir später einmal als -Erkennungszeichen dienen sollte. Dann wandte ich mich gegen Westen, um -auf einem andern Wege nach Hause zurückzukehren. Nachdem ich etwa drei -Meilen zurückgelegt hatte, befand ich mich in einem Thalkessel, der -rings von hohen, dicht mit Waldung gekrönten Bergen umsäumt war, so daß -ich mich beim weiteren Fortschreiten, um mich zurecht zu finden, nach -dem Stande der Sonne richten mußte. - -Während der drei Tage, die ich in diesem Thale verweilte, hing aber -der Himmel voll trüber Wolken, und ich wußte oft nicht, wohin ich mich -wenden sollte, ob nach Ost, West, Süd oder Nord. So sah ich mich denn -genötigt, nach meinem Pfahl zurückzukehren und von da aus den Heimweg -anzutreten. - -Unterwegs fing mein Hund eine junge Ziege ein. Eiligst sprang ich -hinzu, um sie seinem scharfen Gebiß zu entreißen, was mir auch glückte. -Bald war dem Tiere ein Halsband übergeworfen, ein Strick durchgezogen, -und weiter ging nun die Wanderung, bis wir endlich, jedoch erst nach -mehreren Tagemärschen, durch die sengende Sonnenglut aufs äußerste -ermattet, in meinem Wohnsitze ankamen. Ich empfand wirklich eine große -Freude, wieder daheim zu sein! Wie sanft schlief ich nach einer -Abwesenheit von mehr als einem Monate zum erstenmal wieder in meiner -Hängematte. - -Das nächste, wofür ich Sorge zu tragen hatte, war, meinem Papagei, -welcher sich an mich bereits etwas gewöhnt hatte, einen Käfig zu bauen, -sowie die Ziege, welcher ich einstweilen in meinem Lusthause ihren -Aufenthalt angewiesen, nach Hause zu schaffen, um das ausgehungerte -Tierchen mit frischem Futter zu versorgen. - -Ich fand es angebunden an derselben Stelle, wo ich es verlassen hatte, -und es folgte mir wie ein zahmes Haustier Schritt für Schritt, indem es -fortwährend aus meiner Hand das Futter fraß, mit dem ich es lockte. - - * * * * * - -Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte ich unter -inbrünstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. Zwei Jahre -lebte ich nun schon auf dem Eilande als dessen alleiniger Bewohner, -mein eigner König und mein einziger Unterthan; -- zwei Jahre reich an -Prüfungen und Erfahrungen! Und doch hatte sich mir nicht einmal ein -Strahl von Hoffnung gezeigt, diese einsame Insel verlassen zu können. -Indessen dankte ich Gott für die unendliche Güte, mit welcher er -mein armseliges Dasein fristete und meine Einsamkeit mir erträglich -erscheinen ließ. - -Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte auf -die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der Jagd zu erlegen, oder -sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, da begleitete mich der stete -Gedanke an mein Unglück und meine oft trostarme Lage. Ich kam mir vor -wie ein Gefangener, der, eingeschlossen durch die endlosen Riegel und -riesigen Schlösser des Ozeans, in einer Wüstenei, ohne Hoffnung auf -Befreiung, ein erbärmliches Dasein fristet, und aufgelöst in Schmerz -und Betrübnis rang ich die Hände und weinte bitterlich. - -Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschöpft aus der Heiligen Schrift, -dem Buche der Bücher, gaben meinem Geiste eine heilsame Richtung, und -ich gewann meine ganze Seelenstärke wieder, wenn meine Augen auf die -Worte des Trostes fielen. Ich fand Beruhigung in dem Gedanken, daß -ich in meinem gegenwärtigen Zustande der Vereinsamung glücklicher sein -könnte, als ich es vielleicht in irgend einer andern Lebensstellung -geworden wäre. Ich dankte dann Gott dafür, daß er mich auf dieses -Eiland geführt hatte. Dann wieder schien mir jener Gedanke zu -weitgehend. »Solltest du wirklich so zwiespältig im Gemüte sein«, sagte -ich zu mir selbst, »Gott für die Versetzung in eine Lage zu danken, aus -welcher erlöst zu werden ein verzeihlicher und natürlicher Wunsch ist?« -Jedenfalls dankte ich Gott doch innig dafür, daß ich jetzt endlich zur -Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war. - -Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In meine täglichen -Beschäftigungen hatte ich eine gewisse Regelmäßigkeit gebracht. -Zunächst verwandte ich auf die Erfüllung meiner religiösen Pflichten, -insbesondere auf das Lesen in der Bibel täglich eine bestimmte Zeit; -dann jagte ich, wenn das Wetter schön war, ungefähr drei Stunden des -Morgens. Kam ich nach Hause zurück, so hatte ich die mitgebrachten -Lebensmittel wohl aufzubewahren oder zuzubereiten. Die Hitze während -der mittleren Tageszeit gestattete keinen Ausflug, und ich überließ -mich dann gewöhnlich der Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens -und ging des Abends auf die Jagd. - -Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits meiner Gersten- -und Reisernte entgegensehen. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich -bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes gewahr wurde, daß -die Ziegen alle jungen saftigen Halme abgefressen hatten. Es galt nun, -schleunigst weiteren Verwüstungen vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit -einer dichten Umzäunung, worüber ich nahe an drei Wochen zubrachte. -Ferner schoß ich auf die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und -ließ während der Nacht meinen Hund Wache halten, so daß sich endlich -die abgeschreckten Eindringlinge fern hielten. - -Gleichwie die behaarten Vierfüßler sich zu den kräftig emporsprossenden -Halmen hingezogen fühlten, hatten es die gefiederten Zweifüßler auf -die Körner abgesehen. Als ich eines Tages nach dem Stande meiner -Feldfrüchte sah, wimmelte die ganze Umgebung von zahlreichen -verschiedenartigen Vögeln. Ich schoß unter den dicksten Haufen, und -sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten aus dem Kornfeld eine -wahre Wolke von Vögeln, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte. - -Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen trostloser -Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den Rest meines -Getreides der Vernichtung überlassen. - -Während ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte von neuem lud, -saßen die durch meinen ersten Schuß aufgescheuchten Vögel auf den -nächsten Bäumen und schienen nur auf meine Entfernung zu harren. Als -ich mich etwas entfernte, fielen die gefräßigen Tiere von neuem über -die Körner her. Ihre für mich so verderbliche Eilfertigkeit versetzte -mich derart in einen unverständigen Zorn, daß ich nicht einmal wartete, -bis alle herangekommen sein würden, sondern sogleich unter die ersten -schoß, wodurch drei der kleinen Räuber getötet wurden. Dann vollführte -ich an ihnen eine Art Strafgericht; gleichwie man anderwärts die Diebe -aufhängt, so hing ich auch die Vögel auf, damit sie ihren lüsternen -Genossen als warnendes Beispiel dienten. - -Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr auf mein -Feld, ja sie verließen sogar allesamt jenen Teil der Insel, auf dem -es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem Säuberungszug -hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, zur Zeit der zweiten -Reife, mein Korn einernten zu können. Ich sammelte die abgemähten Ähren -in einen großen Korb und körnte sie einzeln mit den Händen aus. Das -Liter Samen hatte mir nach oberflächlicher Schätzung zwei Scheffel -Reis sowie einen halben Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschloß, -den ganzen Ertrag an Körnern für die nächste Aussaat aufzubewahren. -Inzwischen versuchte ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir -einen Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein -besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht -gelungen, denn er wurde mir vermöge seiner Schwerfälligkeit oft recht -unbequem; indes empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung darüber, -daß sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt weiter -vervollkommnet hatten. Die Getreidekörner wurden auf den geräumigen -Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde gebracht, wobei ich für -den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, da, wie ich bemerkt hatte, -derselbe nur auf nassem Boden eine einträgliche Ernte versprach. - -Ich umzäunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte nun hoffen, -am Ende des Jahres eine grüne und schattige Hecke zu haben, welche nur -hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte. - -Während der inzwischen eingetretenen Regenzeit hielt ich mich meist -im Innern meiner Hütte auf und beschäftigte mich mit mancherlei -häuslichen Verrichtungen. Empfand ich hin und wieder das Bedürfnis, -mich von meinen anstrengenden Arbeiten zu erholen, dann unterhielt ich -mich mit meinem munteren Hausgenossen, dem Papagei, und lehrte diesen -sprechen; bald konnte das gelehrige Tier seinen Namen nachplappern und -wiederholte mit deutlicher Stimme: »Poll! Poll!« Das war der erste -artikulierte, wie von einer Menschenstimme kommende Laut, den ich auf -dem Eilande in meiner Einsamkeit, fern von allen menschlichen Wesen, -vernahm. - - - - -[Illustration: Wie Robinson die Halme niedermäht.] - -Siebentes Kapitel. - -Robinson als Bäcker und Schiffbauer. - - - Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. -- Ernte. -- - Brotbacken. -- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. -- - Robinson baut ein Boot; vereitelte Hoffnungen. -- Rückblicke auf das - dreijährige Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleider. -- Robinson - wird Schneider. - -Von allen bekannten Handwerken war mir bis zu dieser Zeit meines Lebens -keines so wildfremd geblieben, wie das eines Steinmetzen, und doch -mußte ich darauf sinnen, mir einen Mörser oder ein andres geeignetes -Werkzeug zu schaffen, um das Getreide in Mehl zu verwandeln. Lange -Zeit suchte ich vergebens nach einem Steinblock, der sich mörserartig -aushöhlen ließe; dann entschloß ich mich endlich, einen harten -Holzblock aus meinem Forst zu holen. - -Mit unsäglicher Anstrengung fällte ich einen dicken Baumstamm, hieb -am unteren Ende ein amboßähnliches Stück ab, rundete es ringsum mit -meiner Axt und höhlte es durch Feuer aus, wie es die wilden Eingebornen -Brasiliens mit ihren kleinen Seefahrzeugen (Kanoes) thun. Als Stampfe -diente mir eine wuchtige Keule aus demselben harten Holze. - -Aber auch für ein Sieb mußte gesorgt werden, um das durch Stampfen -gewonnene Mehl durchzuschütten und es von der Kleie zu sichten. Hier -war guter Rat teuer, denn ich hatte weder Kanevas noch Bastgeflechte. -Aber unter den Matrosensachen, die ich vom Wrack gerettet hatte, -befanden sich etliche Halstücher von Kattun und Musselin; aus diesen -verfertigte ich drei kleine Siebe, die ich auch ziemlich brauchbar fand. - -Die Zeit der Ernte nahte heran. Mit meinen Körben schritt ich hinaus -aufs Feld und überschaute den Früchtereichtum des Bodens. Dann schnitt -ich die Ähren, sammelte sie in Garbenbüscheln in die Körbe und trug die -segenschwere Last nach Hause. Hier ließ ich alles so stehen, wie ich es -eingeheimst hatte, bis ich Zeit und Mittel finden konnte, das Getreide -auszukörnen; denn ich hatte weder eine Tenne noch einen Dreschflegel. - -Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis in mein -Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, das letztere -besser einzurichten. Aus Erfahrung wußte ich jetzt, daß ich jährlich -zweimal säen und ernten könne; die Entscheidung darüber, was in Zukunft -für mich und meinen Hausstand am zweckmäßigsten sein würde, wollte ich -von der Größe meines diesmaligen Verbrauchs abhängig sein lassen. - -Zunächst nahm ich meine Ähren, rieb sie aus, stampfte die Körner -in meinem Mörser und siebte sie durch die Matrosenhalstücher. Zum -Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, und die Not -macht erfinderisch. Ich baute mir große irdene Gefäße zusammen, die -wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann härtete ich diese mehr -pfannenartigen Gefäße im Feuer. Wollte ich nun Brot backen, so zündete -ich ein tüchtiges Feuer auf meinem Herde an, den ich mit rotgebrannten -Steinen eigner Fabrik gepflastert hatte. Sobald das Holz hierauf zu -glühender Kohle ausgebrannt war, breitete ich dieselbe derart auf dem -Boden aus, daß die Steine gehörig durchhitzt wurden. Dann zog ich die -Kohlen zurück, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr -flachen Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden -irdenen Gefäßen und häufte ringsumher glühende Kohlen und Asche, um die -Hitze noch zu verstärken. So bereitete ich meine Brote ebenso gut, als -wären sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, ich versuchte -mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen und Reispuddings, -die in meinen einförmigen Speisezettel eine angenehme Abwechselung -brachten. - -Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigten -sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Küstenlande, welches -ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als dunklen Streifen -am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, daß jenes Land zum -amerikanischen Festlande gehöre, flogen meine Wünsche über die weite -Meeresfläche und regten mit aller Gewalt in mir die Sehnsucht an, -dorthin zu gelangen. - -Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: »Das Wasser hat -keine Balken.« Ich wünschte mir lebhaft meinen treuen Xury und das -Boot mit den lateinischen Segeln zurück, mit dem ich eine so weite und -gefahrvolle Reise längs der afrikanischen Küste zurückgelegt hatte; -ohne Bedenken hätte ich mich dann von neuem dem unsicheren Elemente -anvertraut. - -Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, welche -weit auf die Küste geworfen worden war. Flugs machte ich mich auf, um -zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befände. Ich traf sie -auch noch an der nämlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen hatte, aber -in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten und der Stürme hatte -sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen und aufs Trockene gesetzt. Es -kam zunächst darauf an, die Schaluppe wieder umzukehren und flott zu -machen. Nach vielen vergeblichen Mühen und Anstrengungen kam ich auf -den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst -herabgleiten zu lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen -und Stützen zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die -Schaluppe vorwärts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen, -deshalb gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit während drei bis vier -Wochen die ganze Sache auf. - -So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden doch meine -Begierde und mein Mut nur verstärkt, und ich faßte den Entschluß, -selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. Ich hielt dies nicht -nur für möglich, sondern sogar für leicht, zumal ich über viel mehr -Hilfsmittel verfügte als die Neger oder Indianer. Freilich hätte -ich auch überlegen sollen, daß ich Vereinsamter mit ganz andern -Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde als die Indianer, die einander -beistehen. Was half es mir am Ende, falls ich auch das schönste Kanoe -von ganz Amerika zustande brächte, wenn ich es nicht ins Meer zu -schaffen vermöchte? - -Man sollte denken, daß die Erfahrungen, die ich vordem mit der aufs -Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich der -Möglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen handgreiflichen -Wink gegeben hätten: nichts von alledem! Meine unstäten Gedanken -verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, daß ich die Sache -möglichst ungeschickt anfing. Aber stets beschwichtigte ich alle -Befürchtungen mit der thörichten Tröstung: »Laß nur gut sein, Robinson! -Erst das Boot fertig, das übrige wird sich finden!« - -Kurz, mein Eigensinn siegte über den Verstand. Ich fand auch einen -prächtigen Baum, der mir für meinen Zweck ganz wie geschaffen schien. -Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu fällen, und vierzehn Tage -mußte ich darauf verwenden, Äste und Krone abzuhauen. Dann kostete -es fast einen ganzen Monat Zeit, dem Stamme jene bauchförmige äußere -Gestalt des Bootes zu geben, damit er auf dem Wasser schwimmen könne, -ohne sich zur Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate, -um das Innere auszuhöhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht des -Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und des Meißels. - -Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine wahrhafte -Freude an meiner Schöpfung, denn ich hatte in der That noch nie einen -so großen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen Ruderkahn gesehen, -groß genug, um mehr als zwanzig Mann zu fassen, und demzufolge auch -mich samt meinen Habseligkeiten zu tragen. Das Boot hatte unzählige -Axt- und Hammerschläge, manchen Schweißtropfen gekostet, und wäre es -mir gelungen, dasselbe flott zu machen, wer weiß, ob ich nicht die -unüberlegteste Reise gewagt hätte, wie sie nur je ein wagehalsiger -Abenteurer unternehmen konnte. - -Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; aber das -große Hindernis bestand darin, daß das Ufer zum Meere bergan lief. -Ich ließ indes den Mut nicht sinken, sondern versuchte, die Anhöhe -wegzuräumen und das Land nach der Küste zu abfällig zu machen. Als der -Weg so ziemlich geebnet war, befand ich mich um nichts gefördert, denn -das Kanoe rückte äußerst wenig von der Stelle, so wenig wie vordem -die Schaluppe. Hierauf maß ich die Entfernung ab, welche zwischen -meinem Boote und dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die -erforderliche Breite, um einen genügend breiten und tiefen Kanal bis -zum Meere zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzuführen. Indem -ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte --- denn der Kanal hätte sehr viel Tiefe haben müssen -- und damit die -mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine zwei rüstigen Arme, -in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis meines Voranschlags die -Überzeugung, daß recht gut zehn bis zwölf Jahre vergehen könnten, ehe -ich ans Ziel meiner Wünsche kommen konnte. - -Dieses erfüllte mich mit großer Betrübnis; ich sah jetzt, leider zu -spät, ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man sich -vorher nicht Klarheit darüber verschafft, ob der Größe des Unternehmens -gemäß auch die zur Verfügung stehenden Mittel zur Ausführung -hinreichen. - -Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein *viertes* Jahr auf dem Eiland -zurückgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, wie in früheren -Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, die mir reichen -Trost einflößten. - -An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern entlief, -um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeräuber von Saleh -gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. An dem nämlichen -Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der Reede von Yarmouth gerettet -ward, entfloh ich glücklich aus Saleh. Am 30. September 1659 endlich, -an meinem 26. Geburtstage, wurde ich wunderbar gerettet und auf diese -Insel verschlagen. - -Der erste meiner Vorräte, welcher mir nach der Tinte ausging, war der -Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben höchst haushälterisch -umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein Jahr vor meiner -Kornernte gänzlich aufgezehrt, was mich allerdings etwas in -Verlegenheit versetzte. - -Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn seit -längerer Zeit besaß ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden, -die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schützten. Bei -einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche -Kleidungsstücke sowie ein paar große Überröcke. Fast mußte ich über -den Fund dieser letzteren lächeln, denn ich hätte es in denselben vor -Hitze nicht aushalten können, und doch wußte ich auch hieraus etwas -Brauchbares zu schaffen. Da sich nämlich alle meine Jacken in einem -Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, so lag es sehr -nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderkünstler zu versuchen, und -ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange tragen zu können -hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen Kleidungsstücke, die -meinen Oberkörper bedecken sollten, in einer Weise ausgefallen, die -selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, so legten meine -Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein noch glänzenderes Zeugnis -bejammernswürdiger Unbeholfenheit ab. - -Ich muß hier nachträglich erwähnen, daß ich die Häute aller getöteten -vierfüßigen Tiere aufbewahrte und auf Stäben an der Sonne trocknen -ließ. Einige derselben waren so hart geworden, daß sie zu nichts mehr -taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife zusammengedörrt -waren, leisteten mir leidlich gute Dienste. - -Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue große -Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar außerhalb ließ, -um mich so besser gegen den Regen zu schützen. - -Noch etwas andres stellte sich mir als unentbehrlich heraus, -nämlich ein *Regen-* oder *Sonnenschirm*. Denn da ich meist im -Freien weilen mußte, so quälte mich die Hitze der tropischen Sonne -äußerst empfindlich. Lange Zeit währte es, bis ich etwas Taugliches -zustande brachte. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, den Schirm -so zu verfertigen, daß ich ihn zusammenlegen konnte; im andern Falle -hätte ich ihn stets aufgespannt tragen müssen, was sicherlich die -Bequemlichkeit nicht sehr vermehrt haben würde. Ich bedeckte dieses -tragbare Wetterdach mit Ziegenfellen, deren Haare ich nach auswärts -kehrte; so schützte ich mich, so gut es gehen wollte, gegen den Regen -wie gegen die Sonnenstrahlen. Bedurfte ich seiner nicht mehr, so -klappte ich den Schirm zusammen. - -Vor der Hand hatte ich nun so ziemlich alle Bedürfnisse befriedigt, -die sich in meiner Einsamkeit überhaupt einstellen konnten; aber nie -schweigen die Wünsche des Menschen still. Ich wollte mit dem gewonnenen -Nützlichen auch das Angenehme verbinden, und was konnte mir da wohl -näher liegen als der Besitz -- einer *Tabakspfeife*? Hatte ich mich -doch in der Töpferei hinlänglich erprobt, daß mir die Fabrikation eines -Pfeifenkopfes nur leichtes Spiel schien; auf künstlerische Verzierung -dieses Thonstückes mußte ich freilich immer noch Verzicht leisten. Ein -ausgehöhltes Rohr herzurichten, machte wenig Kopfzerbrechen, und so -konnte ich nun mit meinem edlen Kraute das Inselreich durchdampfen. - -Ich kann nicht sagen, daß mir in fünf Jahren etwas Ungewöhnliches -begegnet sei, denn ich lebte in derselben Lage, an dem nämlichen Orte, -auf die gleiche Weise wie früher. Ich baute mein Korn, buk Brot, -erntete Trauben ein und sorgte immer für einen ausreichenden Vorrat -hinsichtlich aller nötigen Nahrungsmittel; oft ging ich auf die Jagd, -schoß Vögel und Ziegen, fing auch, um eine sehr schmackhafte Suppe zu -haben, dann und wann eine Schildkröte und angelte Fische. Daß ich auch -die ehrsamen Gewerke eines Zimmermanns, Töpfers, Korbflechters, selbst -des Schneiders in Ehren hielt, habe ich bereits erwähnt. - -Während dieser fünf Jahre richtete ich mein Hauptaugenmerk darauf, mir -eine andre Barke zu bauen, diesmal aber die Sache klüger anzufangen -als vorher. Zwar fand ich auch jetzt nicht näher am Strande einen für -mein Vorhaben tauglichen Baum; denn die Baumregion begann erst eine -ziemliche Strecke vom Ufer. Da schlenderte ich eines Tages ungefähr -eine halbe Stunde landeinwärts, längs dem Ufer jenes Baches hin, wo -ich mit den Flößen gelandet war. Dort fand ich endlich, etwa zehn -Schritt vom Wasser, was ich suchte. Ich fällte den Baum, handhabte -dann unablässig Beil und Meißel und hatte schließlich die Freude, -meine Piroge fertig zu sehen. Nun grub ich einen Kanal, schaffte unter -manchem Schweißtropfen mein Kanoe von der Werft auf das Wasser und -flößte es nach dem Meere hinab in die Bucht. - -[Illustration: Robinsons Tabakspfeife.] - -Obgleich ich nicht weniger als zwei Jahre mit meinen -Schiffszimmerarbeiten zugebracht hatte, so entsprach doch die Größe -der Barke nicht dem Zwecke, welchen ich bei Erbauung der ersteren -verfolgte, nämlich dem, mit derselben das gegenüberliegende Festland -zu erreichen, welches nach meiner Schätzung wohl vierzig englische -Meilen entfernt lag. Dennoch empfand ich eine nicht zu beschreibende -Freude, als ich mein selbsterbautes Fahrzeug so sicher und leicht -auf den Wellen dahingleiten sah, und wenn ich auch auf den Wunsch -verzichten mußte, jenes ferne Küstenland zu erreichen, so schien mir -mein Boot doch hinlänglich fest, um in demselben eine Rundreise um -mein Eiland unternehmen zu können. Zu diesem Zwecke pflanzte ich einen -kleinen Mast auf meinen Ruderkahn und brachte ein Segel zustande, das -ich aus mehreren Stück Leinwand zusammenschneiderte. Ebenso sorgte -ich an beiden Seiten für Kästchen und sonstige Behältnisse, um darin -Lebensmittel, Pulver und Blei aufzubewahren und so gegen den Regen und -den Gischt des Meeres gesichert zu sein. Im Innern des Bootes machte -ich der ganzen Länge nach eine Höhlung, legte meine Flinte hinein -und nagelte zum Schutze gegen die Nässe Leinwand darüber. Außerdem -befestigte ich noch meinen Schirm am Hinterteile der Barke, zum Schutze -gegen die brennenden Sonnenstrahlen, setzte ein Steuerruder sowie -einen Anker in Bereitschaft und versuchte mich zunächst in kleinen -Lustfahrten in der Nähe meiner Besitzung. - -Nachdem ich die Tauglichkeit meines Bootes durch solche Ausflüge auf -dem Wasser erprobt hatte, konnte ich doch der Begierde, den ganzen -Umfang meines kleinen Königreichs kennen zu lernen, nicht länger -widerstehen. Ich brachte in mein Kanoe eine hinlängliche Menge -Proviant, nämlich zwei Dutzend Brote oder vielmehr Gerstenkuchen, einen -Topf mit Reis, eine Ziegenhälfte und ein Fläschchen Rum; auch nahm ich -Pulver und Blei mit, sowie zwei Überröcke, die mir in kühlen Nächten -teils als Matratzen, teils als Decke dienen sollten. - -So ausgerüstet begab ich mich am 6. November des sechsten Jahres meines -Insellebens an Bord und stach in See. Indessen sollte diese Seefahrt -eine andre Wendung nehmen, als ich gedacht hatte. Nachdem ich eine -Strecke hinausgefahren und an die östliche Küste gelangt war, bemerkte -ich eine Kette von Felsen, die meilenweit ins Meer hinausragten und von -denen einige Klippen über, andre unter der Wasserfläche vorschoben. Am -Ende des Riffs breitete sich noch eine Sandbank von einer halben Stunde -in derselben Richtung aus, so daß ich einen großen Umweg zu machen -hatte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte. - -Diese Entdeckung kam mir sehr ungelegen, und da mir die Fahrt denn doch -etwas gefährlich schien, steuerte ich in meine Bucht zurück und legte -meine Barke vor Anker. Hierauf griff ich zur Flinte, stieg ans Land -und erklomm einen Hügel, von wo ich das ganze Felsenriff überschauen -konnte. - -Ich bemerkte eine heftige Strömung, die in der Richtung nach Osten -ganz nahe an der äußersten Spitze der Sandbank hinlief. Dieser Umstand -konnte für mich sehr gefährlich werden; denn wenn mich der Strom -packte und mit sich fortriß, so mußte ich der Insel vielleicht auf -immer lebewohl sagen. Von der Südseite ließ sich ein ähnlicher Strom -in der Richtung nach Ost-Nordost wahrnehmen, jedoch in einer größeren -Entfernung vom Ufer. Dann sah ich eine ziemlich genau angedeutete -Sandbank, die gegen die Küste verlief. Diesen Beobachtungen zufolge -mußte ich meinen Kurs so nahe an der ersten Sandbank halten, als es -ohne Gefahr, zu stranden, irgend anging. - -Ein steifer Wind aus Ost-Südost sauste gerade dem nordöstlichsten Strom -entgegen und drängte das Wasser in heftiger Brandung an das Riff und -die Spitze der Landzunge. Deshalb konnte ich mich nicht auf das Meer -wagen. Wegen der Brandung war es doch zu gefährlich, mich nahe am Lande -zu halten, und die Strömung legte mir anderseits die Notwendigkeit auf, -mich nicht weit vom Lande zu entfernen. Aus diesem Grunde blieb ich -ruhig in meiner Bucht zwei Tage vor Anker liegen. - - - - -[Illustration: Robinsons Nachtruhe.] - -Achtes Kapitel. - -Robinsons unglückliche Bootfahrt. - - - Gefährliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. -- - Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. -- Die beiden Strömungen und - glückliche Landung. -- Des Papageis Ruf. -- Robinsons »Familie«. -- - Ziegenfang und Ziegenpark. -- Schneiderkünste. -- Neue Beobachtungen. - -- Rückblicke. - -Am Morgen des dritten Tages legte sich der Wind, das Meer wurde -ruhig, und nun erst begann ich meine Seefahrt. Mein Schicksal möge -unerfahrenen und wagehalsigen Schiffern zur Warnung dienen! Kaum hatte -ich die Spitze der Sandbank erreicht, von dem Ufer nur um die Länge -meiner Barke entfernt, als ein Strom gleich einer Mühlschleuse mich -mit überwältigender Heftigkeit packte. Alle Mühe, dagegen anzukämpfen, -erwies sich als umsonst; immer weiter trieb mich die Strömung von der -Sandbank, die mir zur Linken lag. Weder Segel noch Ruder konnte ich -mit Erfolg gebrauchen. Wurde ich von der Strömung etwa in die See -hinausgeworfen, so schien mein Untergang unvermeidlich, insbesondere -wegen des Mangels an Lebensmitteln. Denn die am ersten Tage in die -Barke geschafften Vorräte nebst einer noch am Meeresufer von mir -gefangenen Schildkröte konnten nicht ausreichen, wenn ich weit hinaus -auf den unermeßlichen Ozean getrieben wurde, vielleicht viele Meilen -von der Küste entfernt. - -Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die mir -nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. »Glückliche -Einöde!« klagte ich, »werde ich dich jemals wiedersehen? Nie wollte -ich dich wieder verlassen!« So erkannte ich, als mir meine Besitzung -schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte aus allen -Kräften und blieb möglichst in derselben Richtung, in welcher die -Strömung die Sandbank treffen konnte. Plötzlich erhob sich ein leichter -Süd-Süd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde zu einer frischen -Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich günstig; ich sah nach meinem -Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine Segel aus und suchte -mich aus der Strömung zu bugsieren. Bald bemerkte ich, daß der Strom -nicht mehr so trübe und heftig war und sich an Felsenklippen brach, so -daß der Hauptstrich dieselben nordöstlich liegen ließ und selbst nach -Süden lief. Der andre Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strömte -nach Nordost. Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde unterstützt, -segelte ich eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, daß mich die Strömung -zu weit nach Norden und von der Insel ablenken würde. Nun befand ich -mich zwischen zwei großen Flutarmen: dem des Südens, der mich zuerst -mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher auf der andern -Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile beherrschte. Ich bot -daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas westlich zu halten und mein -Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. Es gelang mir, und etwa gegen -5 Uhr nachmittags kam ich, durch den Wind begünstigt, auf meiner Insel -wieder an. - -Sobald ich unter meinen Füßen wieder Land fühlte, lieh ich den Gefühlen -meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott Worte und gelobte mir -feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer Meerfahrt zu verzichten -und mich nicht mehr auf die offene See zu wagen. Nachdem ich mich -erholt und durch eine kleine Mahlzeit gestärkt hatte, legte ich mich -im Schatten der Bäume nieder und schlief bald ein. Am andern Tage -überlegte ich, wie ich die Rückreise zu meiner Behausung antreten -sollte. Ich entschloß mich, an der Küste hin gegen Westen zu steuern, -um ein sicheres Asyl für mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige -Meilen weiter einen Kanal, der weit in das Land einmündete, immer -schmäler wurde und in einen kleinen Fluß auslief. - -Hier ließ ich mein Fahrzeug zurück und beschloß, den Rückweg zu Fuß -zurückzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepäck nur mein Gewehr und -meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich gegen Abend auf meinem -Landsitze wieder an und fand daselbst alles noch, wie ich es verlassen -hatte. Flugs überstieg ich den Zaun, legte mich im Schatten nieder und -schlief, von der Hitze und dem weiten Wege ermüdet, auch bald ein. Ich -mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme -erweckt wurde, die mehrmals rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo bist -du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?« - -[Illustration: Glückliche Rückkehr nach verunglückter Seefahrt.] - -Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die Worte -sprach, die ich ihn mit vieler Mühe gelehrt hatte, wenn der Kummer über -meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wußte mir nicht zu erklären, -wie das Tier hierher gekommen war; dasselbe setzte sein Geschwätz und -seine Schmeicheleien fort, als wäre es glücklich, mich wieder zu haben. -Natürlich nahm ich den Schwätzer ohne Verzug mit mir. -- Gern hätte ich -mir den Besitz des Fahrzeuges gesichert, aber ich fand kein Mittel, -diesen Wunsch zu verwirklichen; auch fühlte ich geringe Neigung, mich -noch einmal den überstandenen Gefahren auszusetzen. - -In ruhiger Stimmung des Gemütes und ohne besondere Wandlungen in -meinen Verhältnissen verbrachte ich fortan einige weitere Jahre. Ich -hatte mich mit meiner Lage ausgesöhnt, so daß ich mich auch ohne -menschliche Gesellschaft leidlich glücklich fühlte. Während dieser Zeit -vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, die ich in meiner -Lage glaubte besitzen zu müssen. Es gelangen meine Zimmermannsarbeiten, -trotz der mangelhaften Werkzeuge, immer mehr nach Wunsch; auch die -Gerätschaften, die aus meiner Töpferwerkstatt hervorgingen, zeigten -nicht mehr die frühere Unförmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm -unter meinen fleißigen Händen einen immer höheren Aufschwung. - -Der ernsthafteste Mensch hätte sich eines Lächelns nicht enthalten -können, hätte er mich im Kreise meiner *Familie* gesehen. Vor allem -würde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person bewundert haben, -mich, den König der Insel, den unumschränkten Herrn über Leben und Tod -aller ihrer Bewohner. Mit königlicher Würde hielt ich Tafel und speiste -in Gegenwart meines gesamten Hofstaates. Poll, mein Günstling, genoß -allein das Vorrecht, mit mir zu sprechen, und machte davon häufigen -Gebrauch, wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein -Hund, der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie -ein alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen -warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen auf -ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken auf, die -ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpfötchen waren aber -nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht hatte, denn diese -hatte ich längst mit eigner Hand in der Nähe meiner Wohnung zur Erde -bestattet. Die jüngeren Katzen, die mich jetzt umgaben, waren die -Nachkommen der ersteren. Dieses Geschlecht hatte sich in solchem Grade -vermehrt, daß es endlich eine wahre Geißel für mich wurde; die Tiere -plünderten und hausten in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich -endlich genötigt, gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl -von ihnen aus der Welt zu schaffen. - -Während der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver so sehr -auf die Neige gegangen, daß ich ernstlich daran denken mußte, das für -mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich Ziegen und Vögel -schießen? Wie konnte ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen? Bis -auf die äußerste Not durfte ich es nicht ankommen lassen, deshalb ging -ich darauf aus, Ziegen zu *fangen*, um meinen letzten Vorrat an Pulver -zu schonen. Besonders gern hätte ich eine Mutter mit ihren Jungen -gehascht, und es mochten sich vielleicht auch schon einige gefangen -haben, aber die Netzstricke waren nicht stark genug, und wenn ich eine -Beute zu haben glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich -versuchte ich es mit *Fallgruben* und machte an jenen Plätzen, wo die -Ziegen zu weiden pflegten, tiefe Löcher, legte über diese Gruben ein -Flechtwerk von dünnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum -Reis und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, daß diese die -Körner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll -meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That sämtliches -Getreide abgefressen -- aber keine Ziege gefangen. Nach einigen -weiteren mißlungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines Morgens die -Freude, in einer der Gruben einen großen, feisten Bock, sowie in einer -andern drei junge und zwei ältere Ziegen und einen Bock gefangen zu -erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, war so wild, daß ich mich -nicht an ihn herangetraute, und ihn zu töten konnte nicht in meiner -Absicht liegen, da sein zähes Fleisch für meinen Gaumen durchaus nicht -verlockend schien. Ich gab ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit, -und er floh in weiten Sätzen davon. - -Damals dachte ich freilich noch nicht daran, daß der Hunger selbst -einen Löwen zähmen kann; hätte ich den Bock nur drei bis vier Tage -hungern lassen, ihm dann Wasser und grünes Futter gegeben, so würde -er gewiß zahm geworden sein wie ein Lamm. Meine Zicklein nahm ich -eines nach dem andern aus der Grube, band sie mit Stricken aneinander -und trieb sie nach Hause. Anfangs wollten sie durchaus nicht fressen; -als ich sie jedoch ein paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann -saftige Kräuter vorhielt, ließen sie sich zum Fressen verlocken und -wurden in kurzer Zeit zahm. - -Das war der erste Anfang zu meiner Ziegenherde, und ich sah schon im -Geiste der Zeit entgegen, wo ich, ohne Pulver und Blei nötig zu haben, -fortwährend mit Ziegenfleisch versorgt sein würde. Freilich drängte -sich mir bei dieser frohen Aussicht der Gedanke an einen leidigen -Übelstand auf. Da ich nämlich um jeden Preis zu verhüten hatte, daß die -Tiere mit ihren Brüdern im Thale und in den Wäldern zusammenträfen, so -mußte ich einen Park von Hecken oder Palissaden errichten, damit weder -meine zahmen Ziegen entfliehen, noch die wilden von außen hereinbrechen -konnten. - -Wer in der Errichtung solcher Gehege einige Übung besitzt, würde sich -kaum eines Lächelns haben enthalten können, hätte er gesehen, wie ich -zu meiner ersten Hürdenanlage eine jener großen Wiesen aussuchte, die -man in den Ländern des Westens Savannen nennt. - -Einige klare Bäche schlängelten sich durch den Wiesengrund, an dessen -einem Ende schattige Bäume standen; um aber diese Wiese mit einem Zaune -zu umgeben, bedurfte es einer Reihe Palissaden von beinahe einer halben -Meile Ausdehnung. Hierbei bedachte ich allerdings nicht, daß in einem -so großen Umkreis die Ziegen ebenso schwer zu fangen sein mußten, als -wenn sie frei auf der ganzen Insel hätten umherlaufen dürfen. - -Schon hatte ich etwa 150 Schritte fertig, als mir dieser Gedanke -nachträglich beikam. Ich beschloß deshalb, nur ungefähr 200 Schritt -einzufriedigen, was für eine Herde, wie ich sie in einiger Zeit haben -konnte, wohl genügen mochte. Nach Vollendung jener Arbeit, welche drei -Monate in Anspruch nahm, waren meine Ziegen schon so zahm geworden, -daß sie mir überallhin folgten und mir aus der Hand fraßen. Binnen -zehn Monaten hatte sich meine Herde bis auf zwölf Stück junge und alte -vergrößert, in zwei Jahren war sie auf 43 gestiegen, obgleich ich -mehrere davon zu meinem Lebensunterhalt geschlachtet hatte. - -Nicht allein Fleisch hatte ich nun im Überfluß, auch Milch hatte -meine Speisekammer mehr wie ausreichend aufzuweisen. Nach einigen -vergeblichen Versuchen lernte ich sogar Butter und Käse machen, da -ich auch Salz gefunden hatte, was durch Verdunstung von Seewasser in -Vertiefungen am Meeresufer sich in Krusten gebildet hatte. - -Die größte Beeinträchtigung erfuhr meine Würde als Herr des Insellandes -durch die Beschaffenheit meiner Kleidung. Mein Anzug würde in jedem -von Menschen bewohnten Lande die größte Heiterkeit oder vielleicht -auch Furcht erregt haben. Als Kopfbedeckung trug ich eine hohe -aus Ziegenfell gefertigte Mütze mit einem Zipfel, der bis auf die -Schultern fiel, um mich vor der Sonne und vor Regen zu schützen. Rock -und Beinkleider stammten gleichfalls von Ziegen her, und meine Füße -schützte ich durch eine Art Sandalen, die an der Seite festgehalten -wurden. Den Rock hielt ein Gurt von Leder zusammen, in welchem statt -des Degens eine Axt und eine Säge hingen. Ein andres umgehängtes -Band diente dazu, um meine mit Pulver und Schrot gefüllten Taschen -festzuhalten. In einem Tragkorbe befanden sich meine Lebensmittel, -meine Flinte hing über der Schulter, und außerdem hatte ich noch meinen -Sonnenschirm zu halten, der sich mir als ganz unentbehrlich zeigte. -Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so braun, als man -bei dem heißen Klima vermuten möchte. Das kam natürlich daher, daß ich -meinen Regen- und Sonnenschirm immer bei mir führte, auch wenn ich mich -nur eine kleine Strecke von meiner Wohnung entfernte. - -Jedenfalls war ich in jeder Beziehung ein Landesherr, der -seinesgleichen suchen konnte. - - - - -[Illustration: Robinsons Ziegenherde.] - -Neuntes Kapitel. - -Robinson entdeckt Spuren von Menschen. - - - Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons - Bangen. -- Untersuchung der Fußspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken. - -Mit allem Notwendigen ausgerüstet, begann ich einen neuen Ausflug, auf -den ich fünf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. Mein erster Weg -führte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker ausgeworfen hatte, um -die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu überblicken. Auch diesmal -erstieg ich die Höhe und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß die See -glatt war wie ein Spiegel, nirgends vermochte ich eine Brandung zu -entdecken. Diese befremdliche Erscheinung hatte jedenfalls ihren -natürlichen Grund in der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Flut. Da -ich mir jedoch darüber noch nicht ganz klar war, so wollte ich wie -ein Naturforscher der Sache auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb -gegen Abend, als es bereits dämmerte und die Ebbe eintrat, hinauf -auf den Hügel und sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestüme -Strömung. Zugleich bemerkte ich aber, daß dieselbe eine halbe Stunde -von der Küste entfernt schien, während sie früher dicht an der Sandbank -hinlief. Auf diese Beobachtungen gestützt, sagte ich mir, daß ich die -Insel ohne Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen könnte, -wenn ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes -hatten die überstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck in mir -zurückgelassen, daß ich für jetzt auf das Wagnis einer neuen Seefahrt -verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, wenn auch -höchst mühselig auszuführender Plan in den Sinn. - -Sollte es nicht möglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, um auf -jeder Küste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen? - -Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunächst war es am -Fuße des Felsens und in der Nähe des Ufers mein Zelt oder meine -Burg samt Einzäunung und Höhle hinter dem Zelte. Letztere hatte ich -allmählich vergrößert und neue Gemächer geschaffen, worin ich meine -Vorräte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen -großen Körben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren die Pfähle der -zweiten Umhegung, die, wie ich erwähnte, Zweige getrieben hatten, -bereits zu stattlichen Bäumen angewachsen und ihre Äste so ineinander -verschlungen, daß man selbst in ziemlicher Nähe hinter diesem grünen -Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt hätte. Etwas weiter in -das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, auf deren Bebauung ich -stets den größten Fleiß verwandte, so daß ich jährlich durch reichliche -Ernten belohnt wurde. - -Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nähe meines Landhauses -angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs die grüne Hecke -stattlich empor und gewährte erquickenden Schatten. In der Mitte -spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die Ziegenfelle, welche -ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, während eine -wollene Decke und ein großer Mantel mir während der kühlen Nächte -zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich mein »Schloß« auf -einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, mehrere Tage in aller -Bequemlichkeit zubringen. - -Ganz in der Nähe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwähnt, die -Einzäunungen für meinen Viehstand angebracht. Die beständige Sorge, -daß mir die Ziegen einmal ausbrechen möchten, ließ mir keine Ruhe, -bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht hatte, daß man kaum -eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar während der Regenzeit die -Ruten und Stäbe ausschlugen, bot dieses Gehege den Vorteil einer -undurchdringlichen Mauer. - -In demselben Thale befanden sich auch die Weinstöcke, welche mir -beträchtliche Vorräte für den Winter lieferten, und da die wertvollen -Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so versäumte ich -nie, zur gehörigen Zeit die Trauben zu trocknen. - -Eines Tages überkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug nach der Ost- -und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im Vorbeigehen auch nach -meiner Barke sehen. - -Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich meine -Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei -niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches zu gelangen, der -am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich mich längs des Ufers -desselben, dann aber bog ich nordwärts ab und kam so gegen Abend an -einen Fluß, der bei weitem bedeutender war als alle übrigen, welche ich -bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand -mich bald an der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig, -teils felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte. - -Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand; -ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, von dem Ereignis -des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken. - -Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich -wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen -zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung zu teil, die mich -in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste Aufregung -versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines -- *Menschenfußes*. - -[Illustration: Ein Menschenfuß!] - -Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit -einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster -Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie früher -erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom -Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks stehen; ich -lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber nicht das Geringste. -Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, von welchem aus ich einen -größeren Raum überblicken konnte; dann ging ich wieder an das Ufer des -Meeres hinab und durchlief die Küste von einer Seite zur andern, um -zu sehen, ob noch andre Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich -konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte -Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine -Sinne getäuscht hätten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile -eines Menschenfußes waren nur zu deutlich abgedrückt. Woher mochte -diese Spur kommen? - -Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen -durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nähe -von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster Verwirrung schlug ich den -Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume -und fürchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich -losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich -wieder in meiner Burg ein, ohne daß ich mich nachträglich besinnen -konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthür hereingekommen -war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem -Zufluchtsorte eilte. - -Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. Meine -erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten -Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß jene Spur -von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte denn irgend ein -menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war -irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, daß ich nur eine einzige -Fußspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und -lockere Fläche zeigte? - -Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht -die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch -irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein? -Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der Insel -landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie konnten -dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen -haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in -größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach -ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch -das nicht, so konnten sie doch meine Ziegen wegführen, meine Felder -zerstören und mich meiner Vorräte berauben. - -Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei -Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner -Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorräte an Wasser, -Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, und ebenso notwendig, als -diese zu ersetzen waren, mußte ich meine Ziegen melken, weil sonst zu -befürchten stand, daß ihnen die Milch vergehen möchte. Da half kein -Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwärts zu -gehen, so mußte ich mich doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich -einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing -an, mich über meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an -Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon -längst erwartet zu haben schienen. - -Einige Tage verlebte ich hier, ohne daß ich etwas Besonderes bemerkt -hätte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte meine -Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber meine frühere -Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. »Die Fußspur! die Fußspur!« Ich -mußte Gewißheit darüber haben, ob ich den Abdruck meines eignen oder -eines fremden Fußes gesehen habe. Zu meiner Beruhigung entschloß ich -mich endlich, noch einmal an Ort und Stelle eine genaue Besichtigung -vorzunehmen. Als ich aber den Ort des Schreckens erreichte, überzeugte -ich mich zunächst, daß ich bei meiner Landung mit dem Boote unmöglich -diese Gegend berührt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon -entfernt. Nachdem ich vollends die rätselhafte Spur mit meinem Fuße -gemessen hatte, ergab sich's deutlich, daß sie viel länger und breiter -war. Nun stellte es sich für mich als klar und unumstößlich heraus: das -Merkmal rührte von einem fremden und sicherlich wilden Menschen her. - -Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich meiner von neuem Angst und -Bangen, eisiger Frost schüttelte mich wie einen Fieberkranken; -ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die -unsinnigsten Gedanken ein. - -Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzäunungen niederreißen und -all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, daß es der -unbekannte Feind finden und verlockt werden möchte, öfter hierher -zurückzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, mein Zelt und -das schützende Wäldchen vernichten, um jede Spur einer menschlichen -Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze -Nacht munter, und erst gegen Morgen schlief ich bis zum Tode ermattet -ein. Als ich erwachte, dachte ich weniger befangen über meine Lage -nach. Endlich kam ich zu dem Schluß, daß die anmutige und fruchtbare, -nur in mäßiger Entfernung vom Festland gelegene Insel nicht so ganz -verlassen sein könne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und daß sie -wenigstens mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen -mit ihren Kanoes hier landeten, besucht würde. Zwar hatte ich seit -den *fünfzehn Jahren* meines Aufenthalts auf dieser Insel noch keinen -einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel daher rühren, -daß diejenigen, welche aus irgend einem Grunde hierher kamen, keine -Veranlassung fanden, länger zu verweilen. Die einzige Gefahr für mich -war eine zufällige Landung herumstreifender Menschen vom Festlande. Da -es aber wahrscheinlich war, daß diese nicht leicht aus eignem Antriebe -die Insel besuchen würden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe -schnell zu verlassen, und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der -Küste aufhalten, aus Furcht, die günstige Strömung und die Tageshelle -zur Rückfahrt entbehren zu müssen. Sonach hatte ich also für den Fall, -daß die Anwesenheit von Wilden außer allem Zweifel stand, nichts weiter -zu thun, als mich in meine Festung zurückzuziehen und mich hinter den -Wällen still zu verhalten. - -Trotz solcher beruhigenden Erwägungen steigerten Zweifel meine Unruhe -und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Güte Gottes war dahin; -Trübsal und Verwirrung umschatteten meinen Geist so sehr, daß er sich -nicht aufzurichten vermochte in einem Gebet zu dem, der da spricht: -»Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten.« Hätte ich nur -auf diese Stimme gehört und den Herrn in meiner Not angerufen, so -wären sicherlich fester Mut und größere Beharrlichkeit in meine Seele -eingezogen; Zaghaftigkeit und Furcht, die alle meine Sinne gefangen -hielten, würden dann niedergekämpft worden sein. - -Jetzt bereute ich es, daß ich mir einen Ausgang aus meiner Höhle -gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. Ich -nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der Mauer eine -zweite Palissadierung im Halbkreise aufzuführen, gerade da, wo ich vor -zwölf Jahren eine doppelte Reihe von Bäumen angepflanzt hatte. Diese -standen ohnehin schon dicht genug, daß es nicht mehr viel bedurfte, -um die Zwischenräume zwischen ihnen auszufüllen, so daß nach wenigen -Jahren ein undurchdringliches Gehege emporwuchs. So schützte mich eine -doppelte Mauer, und die äußere ließ sich noch durch Bohlen, alte Taue, -Schutt und Erdreich verstärken. Diesen Wall führte ich nicht nur über -den Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu -laufen, daß es mir an Wasser mangle. - -Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen Abhang der -kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke mit mehr als 2000 -Schößlingen von jenem weidenähnlichen Holze, ließ aber überall zwischen -denselben und meinem Baumwall einen beträchtlichen freien Raum, damit -ich den Feind herankommen sehen, er aber hinter den jungen Bäumen kein -Versteck finden konnte. Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehölz -um meine Festung so dicht, daß es in der That undurchdringlich schien -und kein Mensch hinter diesem Gebüsch eine menschliche Wohnung vermuten -konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen hatte, so -gelangte ich über den äußeren Wall nicht anders als mit Hilfe zweier -Leitern. - -Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, auf dem -ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern weggenommen, -so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich der größten -Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung brachte ich sieben -Schießlöcher an, nicht größer als nötig, um den Arm durchzustecken; -außerdem verstärkte ich diesen Wall bis auf drei Meter, indem ich -dagegen Erde aufschüttete, die ich aus der Höhle schaffte und mit den -Füßen feststampfte. In jene sieben Öffnungen brachte ich sieben mir -noch übrig gebliebene Musketen, richtete Gestelle für sie auf, auf -denen sie so ruhten, wie Kanonen auf ihren Lafetten, und ich war somit -im stande, alle meine Gewehre binnen einer Minute abzuschießen. - -Auf diese Weise hatte ich alle Maßregeln ergriffen, welche die -Klugheit eingeben konnte, und ich fand später, daß sie mir von Nutzen -waren. Während dieser Arbeit versäumte ich jedoch meine übrigen -Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde besorgt. - -Verschiedene kleine Rasenplätze, mit hohen, dichten Wäldern umzäunt, -boten einen geeigneten Park für meine Herden, und dies erschien mir um -so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzäunung nachzuhelfen -brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese Hecken vollendet und trieb -nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke dorthin. - -Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte war jetzt -gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu -machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen ließe. Bei diesen -Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die -westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See -hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen. - -Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht -betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier -umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung über jene Fußspur, -und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht völlig rechtfertigte. -Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, Arm- und Fußknochen und -andern menschlichen Körperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein -Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten, -um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem großen Feuer ihre -abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten. - -[Illustration: Die Reste der Kannibalenmahlzeit.] - -Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an die eigne -Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörte sich gegen eine -solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan -ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen, -nach meiner Wohnung zurück. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb -ich plötzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thränenden -Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten -Tiefe meines Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ, -wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der -Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden ließ, -wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemals landeten, -und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und um das Land -meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht -von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und -kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt über meine -Sicherheit als zuvor. - -Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm -wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen -Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum daß ich mich zu meinen -drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte, -welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In beständiger -Besorgnis, daß die Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte -ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten -konnte. - -Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen, -weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. Aber ein ander -Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht -konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher -Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich -Holzkohlen an. Ich hatte nämlich als Knabe in der Heimat gesehen, -wie man Holz unter Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen -verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch -das Aufsteigen des Rauches. - -Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem -Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte ich nicht -daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets unternahm ich -meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen -sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht -hatte. Man wird mir wohl glauben, daß ich in diesem Aufzuge im stande -war, einigermaßen Furcht einzuflößen. Auf der Rückseite des bekannten -Hügels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten, -von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch -heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen -Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig -Menschen vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten; -die umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen -Rachedurst. - -Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren Kugeln, die -Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier -kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerüstet -hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, der ungefähr eine -Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein -Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier -Monate lang hielt ich hier Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer -hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken. --- Nach so vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich -mein Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in -mir die Oberhand. - -Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter über diese -Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten -ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer -Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern -Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt -haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint es -ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier -schlachten. - -Allerdings geben sich die Wilden einem blutdürstigen Götzendienste hin, -welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei zu vergleichen -mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und in Peru verübt -hatten, wo sie ganze Völkerschaften vertilgten? Als ich daran dachte, -was mir mein Vater aus jenen grausamen Zeiten erzählt hatte, wurde -ich milder gegen die unglücklichen Kannibalen gestimmt, und ich fand -es selbst von meiner Seite unmenschlich, sie in feindseliger Absicht -anzugreifen, solange sie mich nur selbst in Ruhe ließen. - -Außerdem hätte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches Handeln -meinen eignen Untergang herbeigeführt. Denn gesetzt, es wäre eine -Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestürmt, war ich denn wirklich so -sicher, sie alle zu töten? Ja, wenn nur ein einziger mir entkam, um -seinen Kriegsgefährten in der Heimat Kunde zu bringen, so landeten -bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den Tod ihrer gefallenen -Freunde zu rächen. Aus alledem zog ich den Schluß, daß die Klugheit -und die Menschlichkeit mir in gleicher Weise verböten, mich in die -Angelegenheiten jener halbtierischen Menschen überhaupt zu mischen. - -Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich zu -überzeugen, daß meine grausamen Entwürfe gegen die Wilden, die mir -noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten durchaus -zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den Knieen dafür -zu danken, daß er mich nicht eine That begehen ließ, die ich nunmehr -für einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu Gott, mich vor diesen -Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, nur dann Hand an sie zu legen, -wenn meine Selbstverteidigung dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen -beharrte ich fast ein ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen -Nachbarn ungehalten, daß ich während dieser Zeit nicht einmal den Hügel -bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten oder -ob sie kürzlich auf der Insel gewesen wären. - -*Achtzehn* Jahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und noch hatte -ich nicht mehr als einen einzigen Fußabdruck im Sande und die Reste -einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher wohl annehmen, daß -die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr selten stattfanden und -daß ich auch in der Folgezeit unentdeckt bleiben würde. Mein kleines -Boot schaffte ich auf die östliche Spitze der Insel in eine durch -Felsen geschützte Bucht, wohin die Fremden wegen der widrigen Strömung -nicht gelangen konnten. Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu -Ende gegangen, und ich mußte darauf bedacht sein, denselben wieder -zu erneuern. Deshalb wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine -Ziegenherden untergebracht waren und wo ich in einer Höhle am Fuße -eines Berges einen passenden Platz für meine Kohlenbrennerei gewählt -hatte. Während ich in der Nähe eines Felsens Äste abhieb, gewahrte ich -hinter einem dichten Gebüsch eine dunkle Höhlung in der Bergwand, -die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich mir durch -das Gestrüpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde zu befriedigen, da -funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei große mächtige Augen an. -Hierdurch vollständig in Verwirrung gesetzt, rang ich längere Zeit -nach Fassung; endlich fing ich an, mich über meine Furcht zu schämen. -Als ich wieder vor der Felswand stand, nannte ich mich einen Feigling, -indem ich mir sagte, daß ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein -auf einem öden Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um -nicht vor jedem außergewöhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu -erzittern. Ich faßte also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und trat -in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte gethan, -als ich erschrocken zurückfuhr, so daß auf meiner Stirn Schweiß stand. --- Meine Haare sträubten sich empor, denn aus dem Innern der Höhle -klang es wie das Seufzen eines leidenden Menschen, dann folgten ein -Stöhnen und tiefes Seufzen. - -Ich sammelte alle meine Kräfte und ermutigte mich durch den Gedanken, -daß Gott allgegenwärtig sei und mich überall beschützen könne. Noch -einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Höhle zurück, und nun -erst gewahrte ich, daß es nichts weiter war, als ein großer, alter -*Ziegenbock*, der hier im Sterben lag. Vergebens bemühte ich mich, ihn -aufzurütteln, er sank immer wieder in seine vorige Lage zurück. Ich -ließ ihn also liegen und sah mir die Höhle etwas genauer an. Sie war -ziemlich groß und hoch und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern -von der Natur selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine -Öffnung, die noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, daß -man nur auf Händen und Füßen hineinkriechen konnte. Für heute begnügte -ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine Kohlen, -melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurück. - -Am andern Tage kam ich mit sechs großen Lichtern an demselben Orte -an. Ich muß hier erwähnen, daß ich schon seit mehreren Jahren ganz -leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten ich teils -alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel einer -Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich während meiner -Abwesenheit bis an die Öffnung der Höhle geschleppt, wo er auch -liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und begrub es -sogleich. Dann zündete ich zwei Lichter an und trat in die Höhle. Als -ich an die enge Öffnung im Hintergrunde kam, duckte ich mich nieder -und kroch ungefähr drei Meter weit auf den Händen fort; da erweiterte -sich die Öffnung, und meine Augen wurden durch ein prachtvolles -Schauspiel gefesselt. Ich befand mich nämlich in einer herrlichen -Wölbung, an deren Wänden sich der Strahl der Lichter in tausendfachem -Schimmer brach. Waren es Diamanten oder vielleicht Goldkörner, die -sich an die Felsenwände kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht -entscheiden. Der Boden war trocken und eben, mit äußerst feinem -Kies bedeckt, und nirgends eine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen -Ausdünstungen oder widerwärtigen Tieren. Als einzigen Übelstand fand -ich die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dichte Finsternis. -Dennoch freute ich mich über meine Entdeckung, da die Grotte eine -sichere Zufluchtsstätte zu bieten versprach; ich beschloß also gleich, -diejenigen Gegenstände, die mir am wertvollsten schienen, ohne Zögern -hierher zu schaffen. - -Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen beiden -Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser Gelegenheit -öffnete ich auch mein letztes Pulverfäßchen, das ich aus der See -aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, daß das Meerwasser -ein Stück eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten Schale -zusammengebacken, der Rest aber vollständig gut erhalten war. Alles das -schaffte ich in die Grotte und behielt für meinen gewöhnlichen Bedarf -nur wenig zurück. Auch das Blei, welches ich noch besaß, um daraus -Kugeln zu gießen, barg ich nebst andern wertvollen Dingen an diesem von -der Natur so geschützten Orte. Ich gewann nun die Überzeugung, daß, -wenn mich die Kannibalen auf der Insel auszuspähen versuchten, sie -mich hier kaum finden würden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen -sicher zu sein. Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der -Vorzeit, welche in Höhlen und Felsenklüften lebten, in denen sie -unnahbare Zufluchtsstätten fanden. - - - - -[Illustration: Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.] - -Zehntes Kapitel. - -Stillleben mit Unterbrechungen. - - - Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch - von Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reiseträume. - -Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, und ich hatte -mich während dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Nur selten -überkam mich ab und zu die Furcht, durch die Überfälle der Wilden -beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen hatte ich mir alle möglichen -Bequemlichkeiten verschafft, ja selbst an Vergnügungen fehlte es nicht. -Zwar war mir schon nach dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem -Phylax ein treuer Gefährte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei -Lieblingskatzen diesen Verlust. Außerdem sprangen noch einige zahme -Ziegen und ein Böckchen um mich her, die mir überall folgten und ihr -Futter aus meiner Hand nahmen. Den größten Zeitvertreib gewährte -mir mein alter Freund *Poll*, der im Laufe der Zeit so vielerlei und -deutlich sprechen lernte, daß er mich fast die Sehnsucht nach dem -Umgang mit Menschen vergessen ließ; ich besaß nebenbei aber auch noch -zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls lustig ein lautes -»Robin, Robin!« »Crusoe, Crusoe!« ertönte. Überdies hatte ich sogar -mehrere Land- und Seevögel zahm gemacht, ihnen die Flügel gestutzt und -in dem Zaungehege meines Schlosses ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie -sich bald vermehrten und durch ihr reges Treiben Leben um meine Burg -verbreiteten. - -Neue Pläne beschäftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene -Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm auf den Einfall, -mir den Lebensgenuß durch die Beschaffung des edlen Gerstensaftes zu -erhöhen. Wochen und Monate brachte ich mit zahllosen Versuchen zu, ohne -ein Ergebnis zu erzielen. Indessen glaubte ich doch, daß ich bei meiner -Beharrlichkeit noch einen trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben -würde, wenn nicht die beständige Sorge vor den Wilden mich zu andern -Beschäftigungen angetrieben hätte. - -So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht auf eine -gedeihliche Ernte hatte mich häufiger als je auf meine Felder und -Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem in eine nicht geringe -Aufregung versetzt. Als ich nämlich, noch in der Morgendämmerung, -ausrückte, sah ich zu meinem großen Erstaunen den Widerschein eines -Feuers am Ufer, aber nicht etwa in der meiner Wohnung entgegengesetzten -Seite, sondern gerade vor meinem Bezirk, und zwar höchstens eine halbe -Stunde entfernt. In großer Bestürzung zog ich zuerst mich in ein -Wäldchen zurück, das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich -geradeswegs nach meiner Burg zurück, zog die Leiter an mich heran und -traf Anstalten zu meiner Verteidigung. - -Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu -verteidigen, lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten -liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln und -Eisenstücken. Darüber vergaß ich aber nicht, mich dem Schutze Gottes -zu empfehlen und ihn zu bitten, er möge mich vor den gefährlichen -Unholden bewahren. - -In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte ich die -peinliche Ungewißheit nicht länger ertragen. So lehnte ich wieder meine -Leiter an, stieg auf den neben meinem Schloß befindlichen Felsen und -spähte nun mit dem Fernglase nach der Richtung hin, wo ich das Feuer -bemerkt hatte. Hier sah ich gegen zehn ganz unbekleidete Wilde um -einen Herd herum kauern, auf dem sie ein loderndes Feuer unterhielten, -um eine ihrer entsetzlichen Menschenmahlzeiten abzuhalten. Plötzlich -erhoben sie sich und führten unter allerlei Gebärden einen Tanz auf. -Die Kannibalen hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die -Zeit der Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten -wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich einen -Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick in mir -hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die Flut zu -steigen begann und nach Westen strömte, sah ich, wie sich die Wilden -sämtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, daß die -Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen könnten, gab mir eine -große Beruhigung. Solange die Flutzeit dauerte, konnte ich also mit -aller Sicherheit umherstreifen. - -Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, steckte ein -paar Pistolen zu mir, hängte ein großes Jagdmesser um und begab mich -eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr blutiges Fest gehalten -hatten. Da sah ich denn gräßliche Spuren ihrer Grausamkeit: Blut, -Knochen und einige Stücke Fleisch von den menschlichen Opfern. Dann -begab ich mich auf jenen Hügel, wo ich das erste Mal ähnliche Überreste -gefunden hatte, und bemerkte von hier aus, daß noch drei andre Kanoes -mit Wilden dagewesen waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch -gesättigt hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer -Heimat zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschloß. -den ersten, der sich mir auf Schußweite nahen würde, durch eine Kugel -niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefühlen gegen die -Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vorteilhaftesten -überraschen könnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen -Besuche, in zwei Haufen trennten. - -Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne daß sich der Besuch der Wilden -wiederholt hätte; wenigstens konnte ich keine Spur davon entdecken. -Zudem durfte ich auch sicher sein, daß sie in der Regenzeit sich -nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch befand ich mich während -dieser ganzen Zeit in großer Unruhe. Bange Träume von Verfolgung und -Blutvergießen marterten mein Hirn, so daß ich selbst im Wachen zwischen -Beängstigung und Rachedurst schwebte. - -Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselkönig, -als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen -und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den größten Teil der -Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über meine gegenwärtige Lage -beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trösterin, die -Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue -Zuversicht zu schöpfen, da schreckte mich plötzlich ein *dumpfer -Knall*, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf. - -Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle in -meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz und stieg auf -meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel -erreichte und nach der tobenden See schaute, verkündigte von dort her -ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden -mein Ohr erreichte. Er kam von jener östlichen Strömung her, in die -ich früher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete -sofort, daß der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe -herrühre, welches einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch -Signale von seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl -ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so -konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes -Holz, als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen, -schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der -Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich -wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn -das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse ab. -Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den -Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; von Zeit zu Zeit drang -der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an -mein Ohr, bis endlich alles verstummte. - -Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast. -Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher -Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand; -aber nach meiner Überzeugung mußte es ein Schiff oder Wrack sein. -Da ich nun auch den Tag über, wie man sich leicht denken kann, mit -gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber -sich nicht von der Stelle rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl -ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm -ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der -Küste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen -hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel -Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an -derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches -Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte -Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung -der Insel herbeiführten. - -So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum -Verderben des andern. - -Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen. -Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht ein -einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher -Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten -sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem -widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel -hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und mußten -demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war es auch, daß sie in ihre -Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome, der mich vormals in Gefahr -gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden -waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die -Worte zu finden, um das Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim -Anblick der Schiffstrümmer bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn -sich doch nur einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten, -Gefährten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort -richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat -meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage, -überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung nie so bitterlich. - -Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt -nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu -retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner Hilfe zu spät -käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche Dinge auf dem -Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so -heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt -und nicht länger anstand, an die Ausführung des Unternehmens zu gehen. - -Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, einen -Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie -einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schöpfte -das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn -flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und kehrte nach -Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich -einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers, -etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen -Käse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweiße meines -Angesichts brachte ich dieses Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott -um Schutz anflehte, stieß ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der -Küste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der -Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu -wagen. Ein Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der -Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an -die Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke, -ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen -werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte -mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang und -mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen -kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit -mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei. - -Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein -Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern mußte. Hierauf -dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der Strömungen mich mit -derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit welcher mich die andre -von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hügel, von wo aus -ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich -denn, daß die Strömung der Flut in der Nähe des Landes nach Norden -ging, und daß ich, um meiner Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu -thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann -ich meinen früheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von -neuem mein Boot und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome -und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um -die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost treiben -und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an. - -Das Schiff, seiner Bauart nach ein *spanisches*, bot einen -bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das -Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen -zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fuße abgebrochen; der -Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein. - -Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein *Hund*, -der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief -ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in -welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor -Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und fütterte es mit Brot, -welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang -im Schnee gehungert hat. - -Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke fielen, -waren zwei in der Vorderkajütte ertrunkene Menschen, die einander im -Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst ließ sich nichts von Tier -oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der größte Teil der Fracht -schien durch das Seewasser stark gelitten zu haben. Im Mittelraume sah -ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen mit Wein oder Branntwein; -allein sie waren zu groß, als daß ich sie hätte von den Stelle bewegen -können; ebenso fand ich einige Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen -gehörten. Daher brachte ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu -durchsuchen. - -Wäre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrümmert gewesen, so hätte -sich gewiß reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit nach -kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la Plata, südlich von -Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach Havana. - -In der Nähe der Koffer fand ich auch ein kleines Fäßchen mit Likör, -ungefähr 20 Liter enthaltend; in der Kajütte lagen mehrere Gewehre und -ein großes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend Schießwaffen besaß, so -ließ ich jene liegen und nahm nur das Horn mit, in welchem sich etwa -vier Pfund Pulver befanden. Was mir aber am nützlichsten werden konnte, -das waren eine Feuerschaufel, eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel, -eine kupferne Schokoladenkanne und ein Rost. Mit dieser Ladung und von -dem Hunde begleitet, trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden -Flut begünstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das -Ufer meiner Insel. - -Ich fühlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, daß ich -nicht mehr nach meiner Burg zurückkehren mochte, vielmehr legte ich -mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, in meiner Barke -schlafen, vor einem plötzlichen Überfall sicher, da ich ja einen -Wächter in dem Hunde zur Seite hatte. - -Neu gestärkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem -Imbiß, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft teilte, schaffte -ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes Stück. Der Branntwein -in dem Fäßchen erwies sich als eine Art Rum, und in den Koffern -entdeckte ich mancherlei, was mir sehr willkommen war, z. B. ein -Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, in welchem sich mehrere, -drei Liter haltige, mit silbernen Stöpseln versehene Flaschen feiner -Branntweine befanden; sodann zwei Töpfe mit eingemachten Früchten, -die so fest verschlossen waren, daß das Seewasser nicht einzudringen -vermocht hatte; ferner etliche gute Hemden, anderthalb Dutzend -weißleinene Taschentücher und mehrere farbige Halstücher. Auf dem -Boden des Koffers fand ich zuguterletzt noch drei große Beutel mit -Silbermünzen, im ganzen 1100 Stück; in dem einen waren 6 Dublonen in -Gold und etliche kleine Goldbarren. Gern hätte ich das ganze Gold, das -ich nicht viel höher als Kieselsteine schätzte, für drei oder vier Paar -englische Schuhe und Strümpfe dahingegeben, die ich seit so vielen -Jahren schmerzlich entbehren mußte. In dem andern Koffer befanden sich -Kleidungsstücke sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen außerordentliche -Feinheit darauf hinwies, daß er nur zur Vogeljagd bestimmt sein -konnte. Der Koffer, welchen ich zuletzt öffnete, enthielt noch eine -Geldsumme in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der -Fund von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer großen -Flasche voll Tinte. - -Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach nach meiner -Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich selbst kehrte -darin nach der Burg zurück, wo ich alles in derselben Ordnung vorfand, -wie ich es kürzlich verlassen. - -Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen und Katzen, -als sie meinen vierbeinigen Gefährten erblickten, der sie laut bellend -anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der Parteien, und -sämtliche tierische Genossen lebten dann in ungestörtem »Burgfrieden« -einträchtig bei einander. - -[Illustration: Traurige Überraschung] - -Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die Nähe des -Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem großen Schmerze den Leichnam -eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gespült hatten. Er trug -nur eine Matrosenjacke, an den Knieen zerrissene Beinkleider, sowie -ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. Nichts verriet, welcher Nation -er angehörte. In seinen Taschen fand ich zwei kleine Münzen und eine -Pfeife, über welche letztere ich hoch erfreut war, und die in meinen -Augen hundertmal mehr Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen -verunglückten Schiffsmannschaft, soviel ich auch umherspähte, entdeckte -ich nicht das Geringste. - -Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben wieder die -frühere Eintönigkeit ein, nur daß ich bei allen Verrichtungen, die ich -vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer auf alles acht gab, -was sich außerhalb meiner Burg etwa ereignete. Wenn ich mein Landhaus -besuchte, so wagte ich nicht, mich dahin zu begeben, ohne mich bis an -die Zähne zu bewaffnen. Traf es sich aber, daß mich der Weg nach dem -östlichen Teile der Insel führte, so konnte ich schon mit größerer -Sicherheit, wenn auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks -besichtigen. Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an, -eine zweite Reise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen; -allein mein Verstand sagte mir, daß es nichts enthielte, was die -Beschwerlichkeiten und Gefahren vergüten könnte. - -Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem Wrack -Menschen, Gefährten in meiner Einöde zu finden, ließ noch ganz andre -Pläne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche grenzten. Mich -packte wieder die alte Wanderlust, meine »Ursünde«, wie ich sie nannte, -und ich wollte wenigstens einmal den beiden meiner Insel zunächst -gelegenen Eilanden mit meinem Boote einen Besuch abstatten. Von da aus -konnte ich dann auch einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika -unternehmen. Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich -einst mit dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; hätte ich sie -in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfügung gehabt, ich -würde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glück dem trügerischen Element -anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von Menschen zu -gelangen. Gern hätte ich auch wissen mögen, welchen Teil des Erdballs -jene Fremdlinge bewohnten, die mich für immer aus meiner sorglosen Ruhe -aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land von meiner Insel entfernt sei, -und ich fragte mich selbst, warum ich nicht ebenso gut an *ihrer* Küste -landen könnte, als sie an der meinigen. - -Es war in der Regenzeit, im März des 24. Jahres meiner Anwesenheit auf -der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in meiner Hängematte -zubrachte, obgleich ich mich körperlich gerade nicht unwohl fühlte. -Es ging nochmals die ganze Geschichte meines vergangenen Lebens wie -in einem Zauberbilde an meinem geistigen Auge vorüber. Freudige -Betrachtungen wechselten mit traurigen in rascher Folge. Ich rief -mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines einsamen Aufenthalts -zurück und verglich die frühere ruhige Lage mit der beängstigenden -Existenz, die ich seit dem Augenblicke führte, als ich in dem Sande -die verhängnisvolle Spur eines Fußes fand. Ich zweifelte durchaus -nicht, daß die Wilden schon vorher meiner Insel wiederholte Besuche -abgestattet hatten; aber da mir dieselben unbekannt blieben, so hatte -ich sorglos dahingelebt. Wie gütig nimmt sich doch immer unser -Herrgott unser an, indem er unser Urteil und unsre Voraussicht in so -enge Grenzen schließt. Ruhig und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren -hindurch, deren Anblick uns allen Genuß an der Gegenwart rauben würde. -Wie oft wanderte ich vormals im Gefühle der größten Sicherheit in -meinem Königreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem -Hügel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die Hände -der Kannibalen gefallen war. - -Tief gerührt dankte ich dem Allmächtigen für die Bewahrung vor so -vielen augenfälligen und unbekannten Gefahren. - -Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und mein Puls -hämmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen sank ich vor Ermattung -in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich im Traume meinen gewöhnlichen -Morgenspaziergang an die Küste auf der Ostseite der Insel und sah zwei -Kanoes, aus denen elf Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie -verzehren wollten. Plötzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und -suchte eine Zufluchtsstätte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich -ging ihm entgegen und forderte ihn auf, näher zu mir zu kommen. Der -arme Gefangene stürzte vor mir auf die Kniee nieder, um meinen Beistand -gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es mir vor, als zeigte ich -ihm meine Leiter, hälfe ihm über die Mauer und führte ihn in meine -Wohnung, wo er mein Diener wurde. »Mit diesem neuen Gefährten«, sagte -ich mir selbst, »werde ich endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen -können. Nichts hindert mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn -er wird mir als Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun -oder unterlassen soll.« - -Ich hatte so lebendig geträumt, und alle Einzelheiten des im Schlafe -Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorübergeschwebt, daß ich mich -nach dem Erwachen noch längere Zeit der Täuschung überließ, ich könnte -das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so außerordentlich ergriff --- und ich jauchzte vor Freuden laut auf. - -Indes Träume -- sind Schäume, sagte das Sprichwort, ich rieb mir die -Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich aus meiner Umgebung die -Gewißheit gewann, daß meine Rettungspläne nichts als Hirngespinste -waren, bemächtigte sich meiner eine große Niedergeschlagenheit. - -Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womöglich einen Wilden, -den die Kannibalen nach meiner Insel führten, um ihn abzuschlachten, -aus ihren mörderischen Händen zu befreien; auf keine andre Art schien -mir eine Rettung für meine eigne Person denkbar zu sein. Aber ein -solches mit den größten Schwierigkeiten und Gefahren verknüpftes -Unternehmen -- wie leicht konnte es fehlschlagen! Auf der andern Seite -kamen mir wieder Zweifel gegen die Angemessenheit meiner Pläne bei, -ich scheute vor dem Gedanken an Blutvergießen zurück. Kurz, Gründe und -Gegengründe stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach -Befreiung, und ich beschloß, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen -Wilden in meine Hände zu bekommen. Nun kam es darauf an, wie zu meinem -Ziele zu gelangen sei? - -Das nächste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu lauern, -wenn sie an dieser Küste landeten, und das übrige meinem Glücke -anheimzustellen. Ich ging von nun an täglich auf Kundschaft aus, -besonders nach dem westlichen und südwestlichen Teile meines Eilandes; -aber wie sehr ich auch ringsumher spähte, nirgends wollte sich ein mit -wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So verlief eine geraume -Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmännlicher Entmutigung -hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen die Kannibalen zur hellen -Flamme an, so daß sich täglich in mir immer mehr die Begierde regte, -im Kampfe mit meinen Feinden mich zu messen, und es verging kaum eine -Nacht, in welcher ich mich im Traume nicht im Streite mit meinen -grimmen Feinden befunden hätte. - - - - -[Illustration: Robinson auf seiner Warte.] - -Elftes Kapitel. - -Zusammenstoß mit den Kannibalen. - - - Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flüchtling - und sein Beschützer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags - Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag - als Koch und Bäckerlehrling. -- Nachrichten über die Nachbarländer. - -- Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen. - -Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre -verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dämmerzeit fünf -Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung nach -meiner Wohnung an der Küste gelandet waren. Eine solche Zahl machte -mich stutzig, ich wußte, daß sich gewöhnlich fünf bis sechs Mann in -einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb ein verzweifeltes -Wagestück, allein vielleicht ihrer dreißig angreifen zu sollen. Mit -Besorgnissen erfüllt, zog ich mich daher hinter meine Festungswälle -zurück. Hier traf ich die nötigen Anstalten, jedem feindlichen Besuch -gebührend zu begegnen. - -Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gäste gewartet, -wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselkönigreich -vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fuße der Leiter nieder; gleich -nachher war ich selbst mit zwei Sätzen auf dem Gipfel des Hügels. -Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, die unter den -seltsamsten Gebärden um ein Feuer tanzten. Darauf sah ich, wie man zwei -Unglückliche aus den Kanoes herbeischleppte, um sie zu schlachten. Der -eine von ihnen stürzte sogleich zu Boden, wahrscheinlich durch eine -Keule getötet; in wilder Hast fielen zwei oder drei von den Kannibalen -über ihn her und schnitten ihn in Stücke, während das andre Opfer ein -gleiches Schicksal erwartete. Plötzlich erwachte in dem Unglücklichen -die Lust zum Leben; er ergriff die Flucht und rannte mit unglaublicher -Schnelligkeit am Ufer hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den -Tod erschrocken, als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal -ein Trupp ihm alsbald nachsetzte. Ich rührte mich nicht und schöpfte -erst dann frischen Mut, als ich bemerkte, daß nur noch drei Männer dem -Flüchtling folgten, der unterdessen einen beträchtlichen Vorsprung -gewonnen hatte. - -Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich öfter schon -erwähnt habe. Wollte der Flüchtling seinen Verfolgern entrinnen, so -mußte er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der That warf er sich ohne -Zaudern in die Flut und gewann das andre Ufer. Er erkletterte behende -das Gestade und setzte seine Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die -drei Verfolger an das Wasser kamen, kehrte einer bedächtlich um und -begab sich zu seinen schmausenden Gefährten zurück; die beiden andern -dagegen schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so -viel Zeit dazu. - -Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich erfüllen -konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu für berufen, dem -Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von meiner Warte herab, -nahm die beiden Gewehre, die ich am Fuße der Leiter gelassen, und eilte -dem Meere zu, indem ich einen kürzeren Weg einschlug. Bald befand ich -mich denn auch zwischen dem Entflohenen und den Verfolgern. Jenen -rief ich laut an, allein der Arme erschrak fast noch mehr über mich, -als er sich vor seinen Feinden fürchtete. Ich machte ihm deshalb mit -der Hand ein Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen -die Verfolger, stürzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn -mit einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefährte des Erschlagenen blieb -entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach Bogen und -Pfeil, um auf mich zu schießen. Ich kam ihm indes flugs zuvor und -streckte ihn durch einen Flintenschuß nieder. - -Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen so -bestürzt, daß er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlüssig, was zu -thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir zu -nähern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir heranzukommen. -Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that auch einige Schritte -vorwärts, hierauf stand er wieder etwas still, kam dann etwas näher, -hielt hernach aber von neuem inne. Ich fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken -und ihm durch freundliche Gebärden seine Todesangst zu benehmen. -Dies bewog ihn, sich allmählich zu nähern, aber wiederholt kniete er -nieder, um mir seine Unterwürfigkeit auszudrücken. Endlich kam er zu -mir heran, legte sich nieder, küßte die Erde, ergriff meinen rechten -Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu -verstehen geben, daß er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich -richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mögliche, um ihm -Mut einzuflößen. - -[Illustration: Robinson findet Freitag.] - -Währenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben glaubte, -wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich machte meinen -Schützling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf an seinen -Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren nicht mehr gehörte -liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem Munde eines Menschen. -Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen zu überlassen, der -Verwundete stand bereits im Begriff, sich wiederzuerheben. Deshalb -legte ich auf ihn an, um ihn niederzuschießen, allein mein Schützling -gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm den Säbel, der an -meiner Seite hing, überlassen möge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit -Blitzesschnelle stürzte er mit derselben auf seinen Feind los und -hieb ihm mit einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels -dieses Meisterstücks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu -wollen, denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand -mir unverständliche Bewegungen ausführend, und legte Kopf und Degen mir -zu Füßen. - -Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte Bewegungen -versetzte, war der Umstand, daß ich den einen seiner Verfolger -aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er ließ mich seine -Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis bitten -zu wollen, sich überzeugen zu dürfen, ob sein Feind wirklich tot sei, -was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem Leichnam stand, betrachtete -er ihn mit großer Verwunderung, wendete ihn dann bald auf die eine, -bald auf die andre Seite und untersuchte die Wunde, aus der nur wenig -Blut floß, denn die Kugel war tief in die Brust eingedrungen und das -Blut hatte sich nach innen ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein -Wilder mit Bogen und Pfeilen des Getöteten wieder zurück, und da ich -jetzt heimgehen wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er -aber, als echter Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete -mir durch Zeichen an, wir möchten die Toten in den Sand eingraben, -damit deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte -ich vollständig überein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die -beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt. - -Noch wußte ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. Meinem -Traume gemäß hätte ich ihn nach meiner Burg führen müssen, doch besser -schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von meiner Hauptwohnung -entferntesten Teile der Insel, zu gehen. Dort gab ich ihm Brot, Rosinen -und frisches Wasser, was ihm trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm -eine Schütte Reisstroh zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke. -Bald war er ruhig eingeschlafen. - -Es war ein schöngebauter, kräftiger, schlanker Bursche von etwa 25 -Jahren. Seine regelmäßigen Züge waren einnehmend, sie hatten im Grunde -wenig Wildes und trugen den Ausdruck männlichen Stolzes. Wenn er -lächelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut aus denselben, wie sie -meist den Wilden nicht eigen ist; seine langen Haare waren nicht wollig -oder kraus, sondern hingen schlicht auf den Nacken nieder; seine Haut -war dunkelbraun, von einer olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht -war rund und voll, die Stirn frei, der Mund nicht übel geformt, seine -Zähne weiß wie Elfenbein. - -Während der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem nahen Gehege, -um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit beschäftigt, als mein -Indianer, der höchstens eine halbe Stunde geruht hatte, eilends auf -mich zukam, sich wiederum demütig vor mich hinlegte, meinen Fuß -auf seinen Kopf setzte und mir durch alle möglichen Zeichen seine -Dankbarkeit ausdrückte. - -Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, daß -ich mit ihm zufrieden sei; -- nachher machte ich ihm verständlich, -daß er den Namen Freitag führen solle, weil ich nach meinem Kalender -glaubte, daß ich ihm an einem *Freitag* das Leben gerettet hätte. Dann -bedeutete ich ihn, mich *Herr* zu nennen, da er meinen Weisungen Folge -zu leisten hätte; in gleicher Weise lehrte ich ihn den Unterschied -zwischen *Ja* und *Nein* sowie die Aussprache dieser Worte. Hiermit -endigte die erste Lektion im sprachlichen Unterricht. Dann gab ich ihm -Brot und Milch in einem irdenen Gefäße, ich selbst aber brockte mir ein -Stück Gerstenkuchen in die Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu -folgen. - -Ich blieb mit ihm den übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht in -der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden war, nahm ich ihn mit in -meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, denn er lief herum, wie -ihn Gott erschaffen hatte. Als wir an der Stätte vorbeikamen, wo die -getöteten Wilden eingescharrt waren, zeigte er mir genau die Stelle -und machte ein Zeichen, als denke er daran, die Toten auszugraben, um -sie zu verzehren. Er erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen -Abscheu ausdrückte. - -Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefährten zu mir heran, -um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte ich mich -vergewissern, ob die Wilden fort wären; deutlich ließ sich durch -das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. Von ihnen -selbst aber und ihren Kähnen war nicht die geringste Spur mehr zu -entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne sich um die -zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern. Ich mußte mir Gewißheit -verschaffen, gab meinem Freitag einen Säbel in die Hand, hing ihm Bogen -und Pfeile um und gab ihm überdies eine Flinte für mich zu tragen. Ich -selbst ergriff zwei Gewehre, und so bewaffnet marschierten wir nach dem -Lagerplatz der Wilden. - -Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem -grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern. -Der Boden war ringsum mit Blut gefärbt, Menschenknochen lagen -zerstreut umher. Drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei -oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stücke Fleisch waren -die Überbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten zu -verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt hatten; -eine große Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten Stamme -habe stattgefunden. Ich ließ Freitag die Schädel, die Knochen, die -Fleischstücke auf einen Haufen tragen und zündete ein großes Feuer an, -um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte sich in Freitag die -alte Kannibalennatur; er trug nicht übel Lust, seinem Appetite nach -Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber ich verbot ihm dergleichen -Gelüste auf das entschiedenste, so daß er nicht wagte, sein Verlangen -zu befriedigen. - -Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den Rücken -gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; hier wollte ich -vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. Zuerst gab ich ihm ein -paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich eine Weste von Ziegenfell nach -dem bequemsten Schnitt, denn ich war ein leidlich gewandter Schneider -geworden. Auch für eine Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und -eine bequeme, gar nicht übel aussehende Mütze von Hasenfell vollendete -die Ausrüstung Freitags. Für den ersten Augenblick schien er entzückt -darüber zu sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fühlte er -sich gar bald in seinem Kostüm unbehaglich. Die Beinkleider schienen -ihm zur Last zu sein, und die Wamsärmel drückten ihm Schultern und Arm. -Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, etwas -nachgeholfen, gewöhnte er sich bald an seine Tracht und legte sie -zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an. - -Ich sann nun darüber nach, wo ich meinen guten Freitag unterbringen -könnte, ohne daß ich von ihm etwas zu fürchten hätte; es schien mir -das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken ein Zelt -aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur Höhle hatte, so -brachte ich daselbst eine hölzerne Thür an und setzte diese in die -Öffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch meine Leiter -mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung von langen Stangen, -welche mein Zelt bedeckte und sich an die Felsenwand anlehnte. Über -jene Stangen waren als Latten kleine Stäbe gelegt und auf letztere -eine Schicht Reisstroh gebreitet, so daß es einem Rohrdach glich. Die -Öffnung, durch welche man aus und ein gelangen konnte, hatte ich mit -einer Art von Fallthür geschlossen und dadurch mich gegen Freitag -vollkommen gesichert. Hätte *er* ja in feindlicher Absicht durchbrechen -wollen, so wäre ich durch das Zuwerfen der Thür aufmerksam gemacht -worden; aber ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner -Nähe. - -Doch alle diese Vorsichtsmaßregeln waren, wie ich mich immer mehr -überzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum eine treuere -und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser Freitag war. Nie -legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; stets fand ich in ihm -nur die aufrichtigste Ergebung in meinen Willen. Er war mir herzlich -zugethan und liebte mich wie einen Vater, so daß ich wohl sagen -kann, er hätte gern und freudig sein Leben für mich hingegeben. Bald -konnte ich von seiner Anhänglichkeit so überzeugt sein, daß ich alle -getroffenen Maßregeln wieder einstellte. Seine Heiterkeit und seine -Unverdrossenheit bei jedweder Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in -so hohem Grade für ihn ein, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, -als mich mit ihm über allerlei Dinge unterhalten zu können. Mit Eifer -setzte ich daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine -Freude an seiner Lernbegierde. Hauptsächlich suchte ich bei ihm dahin -zu wirken, daß er die unnatürliche Begierde, Menschenfleisch zu essen, -unterdrücke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres Fleisch an. -Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine Ziege mit ihren -beiden Jungen in geringer Entfernung von mir liegen sah, faßte ich ihn -beim Arme und sprach zu ihm: »Halte dich still und rege dich nicht!« In -demselben Augenblick schoß ich eines der Zicklein nieder. - -Der arme Bursche war so erschrocken, daß er vor Furcht selber -zusammenstürzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschießen wollen, -denn er riß sein Wams auf, um zu fühlen, ob er verwundet sei. Dann fiel -er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverständliche Worte und -schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. Ich aber nahm ihn -bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete auf das Zicklein, das -ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu holen. Während er meinem -Befehle nachkam und das tote Tier mit Staunen betrachtete, lud ich von -neuem mein Gewehr. Er war noch nicht klar darüber, wie das Tier getötet -sein konnte. - -Um ihm diesen Vorgang erklärlich zu machen, zeigte ich mit dem Finger -auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich in schußgerechter -Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf gab ich ihm zu -verstehen, daß ich auch diesen Vogel durch mein Gewehr töten könne, -hieß ihn seine Augen scharf nach dem Tiere richten, drückte los und -schoß den Papagei vom Baume herunter. - -Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste und -zeigte eine wahre abgöttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. Da er -nämlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte er, die -Waffe enthielte eine unerschöpfliche Zauberkraft des Schreckens, -des Todes und der Vernichtung, fähig, Menschen und Tiere aus jeder -beliebigen Entfernung zu töten. Er sprach mit dem Gewehr, als ob er -verstanden werden könne, bat dasselbe, daß es ihn doch ja nicht töten -möge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten, während er wie -Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, bevor er es wagte, -die Flinte anzurühren. - -Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot ich -ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach längerem Ausbleiben --- denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine Strecke weit -fortgeflattert -- brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen wir auch -das Zicklein und kehrten nach Hause zurück; dort zerlegte ich das Tier -und kochte einen Teil noch denselben Abend. - -Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige Fleisch. -Auffallend erschien es ihm hierbei, daß ich meine Speisen mit Salz -würzte, und er gab mir zu verstehen, daß dies seinem Geschmack ganz -zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, legte er ein -Stück Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht mit unnachahmlicher -Grimasse, spuckte den salzigen Schleim wieder aus und spülte darauf den -Mund mit frischem Wasser aus. Ich meinerseits suchte ihn mit seinen -eignen Gründen zu schlagen, indem ich ein Stück Fleisch ohne Salz zu -mir nahm und mich in ähnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art -von Beweisführung, die ihm jedoch nicht stichhaltig schien. - -Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen -Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich ein Mittel -an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich steckte nämlich -zwei Stäbe in gewisser Entfernung voneinander neben einem tüchtigen -Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte ich quer über die beiden -ersten, hing an denselben mein Fleisch am Ende einer Schnur und ließ -es drehen. Freitag drückte über dieses sinnreiche Verfahren seine -Verwunderung aus. Als er aber erst den Braten gekostet hatte, gab er -durch wohlgefälliges Schnalzen und Zähnefletschen kund, welch ein -Leckerbissen das Genossene für ihn gewesen sei; ja er war davon so -entzückt, daß er mir hoch und teuer versicherte, nie mehr in seinem -Leben Menschenfleisch essen zu wollen. - -Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukörnen und sie auf die -schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt -anstellte. - -Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt und -wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, daß -ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost allein -überlassen konnte. - -Da ich jetzt außer mir noch einen Menschen mit kräftiger Eßlust zu -versorgen hatte, mußte ich eine größere Menge Korn säen, um reicheren -Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich ein umfangreicheres -Stück Ackerland aus und zäunte es auf ähnliche Weise ein wie die -früheren. Bei der Arbeit unterstützte mich Freitag aufs eifrigste, -zumal er schon wußte, dies alles geschähe, um für mich und ihn das -nötige Brot backen zu können. - -Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande bisher -zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen wenigen -Monaten sich recht geläufig englisch ausdrücken und wußte die Namen -fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller Orte, wo ich ihn -hinschicken konnte. - -So genoß ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich wieder das -Vergnügen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; aber außer -diesem langentbehrten Genusse fand ich auch täglich mehr Freude an -meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt und seine Anhänglichkeit machten -ihn mir immer teurer, und er wiederum liebte mich, wie er vielleicht -niemand zuvor geliebt haben mochte. Einstmals versuchte ich zu -ergründen, wie groß sein Verlangen sei, sein Heimatland wiederzusehen, -und da er so viel Englisch verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben -zu können, so sagte ich zu ihm: - -»Hat der Stamm, dem du angehörst, bei seinen Kriegszügen öfters den -Sieg davon getragen?« - -»O ja!« sprach Freitag lächelnd, »wir kämpften immer als beste.« - -»Ihr kämpftet am besten, waret den andern also überlegen! Wie kommt es -aber dann, daß sie dich zum Gefangenen gemacht haben?« - -»Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!« - -»Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wärest du jetzt kein Gefangener.« - -»An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher als die -Brüder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei Brüder und mich -gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem andern Platze, wo ich nicht -war, besiegt; mein Stamm hat ihnen dafür eins, zwei, ein zehnmal zehn -und noch einmal zehnmal zehn genommen.« - -»Aber warum haben deine Gefährten nichts für deine Befreiung gethan?« - -»Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften uns in ihre -Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.« - -»Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt er sie auch fort -und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf der Insel waren?« - -»Ja, Herr, mein Stamm ißt auch Menschen, ißt alle Gefangenen auf.« - -»Wohin aber bringt ihr sie?« - -»An einen andern Platz, als sie denken.« - -»Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?« - -»Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.« - -»Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?« - -»Ja, Herr, von dort!« Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen -Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag. - -»Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der Überfahrt?« - -»O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in den Strom fallen, -der weit ins Meer hinausläuft; auch weht ein guter Wind des Morgens und -wieder ein andrer des Abends.« - -Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; später -indes überzeugte ich mich selbst, daß in der That zwei verschiedene -Windströmungen in diesen Gewässern herrschten, die wahrscheinlich -von der heftigen Flut und Rückflut des gewaltigen *Orinoko*stromes -herrührten, an dessen Mündung meine Insel lag. Das Land, das ich im -Westen und Nordwesten erblickte, war die große Insel *Trinidad*. - -Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf -sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Küstenstriche und -die benachbarten Völkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit -bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus ihm -betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die Bezeichnung -»*Karibs*«, woraus ich schloß, daß es die *Kariben* seien, die den -Landstrich von der Mündung des Orinoko bis nach *Guayana* und *St. -Martha* bewohnen. - -Er erzählte mir ferner: weit jenseit des Mondes -- d. h. westwärts, wo -der Mond unterging -- gäbe es auch so weiße und bärtige Männer, wie -ich sei (dabei deutete er auf meinen langen Bart), und diese Männer -hätten viele Leute getötet. Es war daraus leicht zu erraten, daß er -die *Spanier* meinte. Die Grausamkeit derselben war ja in ganz Amerika -bekannt und hatte sich durch Erzählung von Geschlecht zu Geschlecht -fortgepflanzt. - -Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene Insel zu -erreichen und zu den weißen Männern zu gelangen, antwortete er mir: -»Ja, ja, du kannst hingehen in zwei maß Kanoes.« - -Ich verstand nicht, was er mit »zwei maß Kanoes« sagen wollte, bis -sich herausstellte, daß er einen Kahn meinte, zweimal so groß wie der -meinige. - -Da Freitag immer größere Fortschritte im Erlernen der englischen -Sprache machte, so versäumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren der -christlichen Religion einzuführen. Es entwickelte sich dabei folgendes -Gespräch: - -»Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die Berge und die -Wälder gemacht?« - -»Ein erhabener Greis, Namens *Benamucki*. Er wohnt auf dem höchsten -Berge und ist viel älter als das Meer und das Land, als Mond und -Sterne.« - -»Wenn also«, fragte ich weiter, »Benamucki alle Dinge erschaffen hat, -beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?« - -Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der größten -Herzenseinfalt: »Alle Wesen sagen zu ihm: O!« - -»Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach ihrem Tode -in eine andre Welt über?« - -»Ja, sie gehen alle zu Benamucki.« - -»Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?« - -»Gewiß, o Herr!« - -»Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?« - -»Nein, junge Leute dürfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte Männer, -die *Uwukaki*, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge herabsteigen, so -verkünden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.« - -Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, die -sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses hüllten und die -unwissende Menge in Aberglauben erhielten. Ich suchte meinem Schüler -einen Begriff von dem wahren Gott, dem Allvater, dem Schöpfer des -Himmels und der Erde, beizubringen; ich sprach von seiner Allmacht: -alles liege in seiner Hand, er könne geben und nehmen nach seinem -weisen Willen. - -Freitag hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit besonderer -Freude vernahm er die Lehre von der Erlösung durch unsern Heiland Jesus -Christus sowie von der Wirkung unsrer Gebete, die wir an Gott im Himmel -richten. - -Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: »Gut! Wenn Gott -über der Sonne und den Sternen thront und dort Gebete hört, so muß er -ja wohl viel größer sein als Benamucki, der nur dann die Gebete der -Uwukaki hört, wenn sie selbst zu ihm hinaufsteigen!« - -»Du hast recht, Freitag! Gott ist groß und mächtig wie kein andres -Wesen.« - -[Illustration: Robinson als Lehrer.] - -Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion -und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung durch -unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sündigen -Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter -vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine -Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht -mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel verschlagen worden -zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich -daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glückseligkeit wahrer -Gotteserkenntnis geleitet zu haben. - -Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander -verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben durch -den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen -auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Während ich meinem -Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mußte -ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der -Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir häufig -Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken über unsre verschiedenen -Heilslehren. - -Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund auch -mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug -Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz des Wilden -einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von den Ländern Europas -und dessen Völkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen -Städten, in denen eine betriebsame Bevölkerung sich geschäftig regt. -Ebenso führte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und -Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei. -Zuletzt überließ ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber -er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel, -an welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem -Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn -mit einem kleinen Beile. - -Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm auch die -Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei -ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte -ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich zur Antwort: - -»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.« - -Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er -meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das meinige in seiner -Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben worden sei. - -Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches Schiff -gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe an das -Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte: -»Wir haben die weißen bärtigen Männer vom Ertrinken gerettet« -- da -ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt, und ich fragte ihn: -»Wieviel weiße Männer haben sich in jenem Boote befunden?« - -»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern zählend. - -»Und was ist aus ihnen geworden?« - -»Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brüdern.« - -»Weißt du auch, wie lange dies her ist?« - -»Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre -verstrichen.« - -Jetzt erinnerte ich mich auch, daß diese Zeitangabe genau mit der -Strandung jenes Fahrzeugs übereinstimmte, dessen Trümmer an meiner -Insel festsaßen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft des Schiffes -in eine Schaluppe geflüchtet und war, dem Sturme und den Wellen -preisgegeben, an die Küste der Wilden getrieben worden. - -»Du sagtest mir vorhin, Freitag, daß die weißen Menschen bei deinem -Volke lebten. Wie kommt es denn, daß deine Landsleute sie nicht -aufgefressen haben?« - -»Sie haben Brüderschaft mit uns gemacht«, erwiderte Freitag; »und wir -essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen sind. Sie -befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brüder liefern ihnen, was sie -zum Unterhalt gebrauchen.« - -Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung vergangen, -als ich einstmals mit meinem Gefährten auf einen Berg der südöstlichen -Hügelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein Wölkchen zeigte sich -an dem tiefblauen Firmament; die Luft war durchsichtig, und von der See -her wehte uns eine frische Brise entgegen. Freitag sah auf das weite -Meer hinaus und blickte nach einer Weile unverwandt auf einen Punkt -hin. - -Plötzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen und zu jubeln -und rief mich zu sich heran: - -»Robin, Robin, komm schnell hierher!« - -»Was gibt's, Freitag?« - -»O meine Freude! Ich bin glücklich, selig! Ich sehe mein Heimatvolk! -Dort kommt mein Volk.« - -Das, was meinen guten Freitag in so überschwengliche Aufregung -versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefühle hervor. Was -lag näher als die Vermutung, daß in den unverhohlenen Ausbrüchen -der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen aussprach? -Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn gegen meinen Freund -und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte mich unfreundlich, ja -verschlossen; aber hierdurch that ich dem armen Burschen das größte -Unrecht, denn er kam mir stets mit einem Vertrauen, mit einer Hingebung -entgegen, daß ich endlich alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit -fallen ließ. - -Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei nebeligem -Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen. - -»Du würdest dich wohl sehr glücklich preisen, Freitag, wenn du wieder -in deine Heimat kommen und deine Brüder sehen könntest?« - -»O ja, Robin, ich würde sein viel froh, zu sehen mein Volk.« - -»Und möchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brüder, -Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?« - -»O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch essen; er -wird sagen seinen Brüdern, sich untereinander zu lieben, nicht mehr zu -Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern Tieren zu essen und -Brot von Korn und Gerste zu backen.« - -»Aber fürchtest du nicht, Freitag, daß sie dich umbringen würden, wenn -du so zu ihnen sprächest?« - -»O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht töten; sie wollen gern -lernen.« - -»So möchtest du also wieder zu den Deinen zurückkehren?« - -»Ja, das schon! Aber wie könnte ich so weit bis dort zu jenem Lande -schwimmen?« - -»Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.« - -»Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich würde ich die Insel nie -verlassen.« - -»Ich, Freitag? Nur zu bald würden deine Brüder über mich herfallen, -mich töten, in Stücke zerlegen und über dem Feuer schmoren lassen.« - -»Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde ihnen -sagen, daß du mir das Leben gerettet hast, daß du mich liebst wie einen -Bruder, und dann werden sie dich auch lieben und dir Gutes thun.« - -»Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen -zurückkehren?« - -»O Herr, du bist gewiß recht böse auf mich, daß du mich fortschicken -willst!« - -»Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte ich dir -eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine Heimat -entließe.« - -Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn. - -»Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?« - -»O, dort gibt's genug für dich zu thun; wie du mich unterrichtet und -gebessert hast, so wirst du auch meine Brüder sanft erziehen.« - -»Mein guter Freitag! Du weißt selbst nicht, was du sprichst. Zu einem -solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.« - -»O, du kommst doch mit, Robin?« - -»Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben und -wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.« - -Die treue Seele war tief gerührt, Thränen standen ihm in den Augen. -Dann griff er an seinen Gürtel, holte das Beil hervor und überreichte -es mir. - -»Was soll ich damit, Freitag?« - -»Mich totmachen, Herr!« - -»Aber was fällt dir ein?« - -»Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als daß du ihn fortjagst; er -kann nicht ohne dich leben.« - -Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel über Freitags -Anhänglichkeit aus meinem Herzen, und in mir selbst regte sich von -neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise zu unternehmen und nach -dem großen Festlande zu steuern, auf welchem nach Freitags Bericht die -weißen bärtigen Gesichter -- Portugiesen oder Spanier -- zu treffen -sein mußten. Eines Tages führte ich Freitag zu jenem Boote an der -Bai, das ich seit mehreren Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern -im Wasser versenkt hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten -sollte. Wir schöpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann -selbst hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine -Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach -einer Weile sagte ich zu ihm: »Nun, Freitag, wie wäre es, wenn wir -jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten?« Er schien über -meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel zu klein, um darin -eine so weite Reise zurückzulegen. Hierauf sagte ich ihm, daß ich wohl -noch ein größeres Fahrzeug hätte, und daß wir es am nächsten Tage -aufsuchen wollten. Ich führte ihn denn auch, wie versprochen, zu dem -Orte, wo die Barke lag, die ich nicht hatte ins Wasser bringen können; -da ich mich indes länger als 20 Jahre nicht weiter um sie gekümmert -hatte, seit ich sie gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und -gesprungen, daß sie sich in einer ganz kläglichen Verfassung befand. -Freitag aber sagte, daß ein Fahrzeug von dieser Größe, da man genug -Eß- und Trinkvorräte darin unterbringen könne, ganz tauglich zu einer -Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plänen entgegen. - - - - -[Illustration: Zusammenstoß mit den Kannibalen.] - -Zwölftes Kapitel. - -Eine Zeit großer Ereignisse. - - - Bau eines neuen größeren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer - Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und - Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der - Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftspläne. - -Da ich unaufhörlich an die siebzehn weißen Männer dachte, welche nach -Freitags Behauptung bei seinen Landsleuten wohnen sollten, so wuchs -in mir das Verlangen, dieselben aufzusuchen. Ich machte mich daher -unverzüglich ans Werk, um mit Freitags Hilfe ein neues Boot zu bauen. -Alsbald hatte Freitag, der in der Wahl des Holzes besser Bescheid wußte -als ich, einen Baum gefunden, wie wir ihn bedurften. Er wollte sich -nun anschicken, das Innere des Stammes, nach Art seiner Landsleute, -mittels Feuers auszuhöhlen. Aber ich lehrte ihn, wie man denselben -Zweck durch Handwerkszeug erreichen könne, und er zeigte sich auch bald -als ein brauchbarer Schiffszimmermann. Nach Verlauf eines Monats war -endlich ein Fahrzeug von gefälliger Form zustande gebracht; denn wir -hatten auch die Außenseiten sorgfältig mit den Äxten bearbeitet. Noch -lag ein schweres Stück Arbeit vor uns; denn um die Barke mit Walzen und -Hebebäumen bis an das Meer zu schaffen, gebrauchten wir zwei Wochen. -Als sie dann endlich flott geworden, betrachtete ich sie mit einem -Gefühle von Genugthuung, denn ihre Größe hätte hingereicht, 20 Mann an -Bord aufzunehmen. Auch Freitag empfand lebhafte Freude, und er lenkte -das Fahrzeug trotz dessen Größe mit ungemeiner Geschicklichkeit. - -»Nun, Freitag, was meinst du wohl, können wir uns mit dieser Barke bis -an die Küste deiner Heimat wagen?« - -»O gewiß!« entgegnete Freitag; »wir werden darin sehr gut fahren, -selbst wenn großer Wind weht.« - -Aber ich hatte noch einen andern Plan gefaßt. So wie es war, genügte -mir unser Boot noch nicht; ich wollte es auch noch mit einem Mast, -einem Segel und einem Steuer versehen. Ein Mast war nicht schwer zu -erlangen; ich fand einen jungen, schlanken Baum ganz in der Nähe, wie -zu meinem Vorhaben geschaffen. Während Freitag denselben fällte und den -Stamm nach meiner Anleitung behieb, übernahm ich selbst die Herstellung -der Segel. Unter meinem Vorrat alter Segelstücke fanden sich noch -einige ziemlich gut erhaltene Stücke, und ich nähte ein dreieckiges -oder lateinisches Segel daraus zusammen. Auch brachte ich für den Fall, -daß der Wind umsetzte, ein kleines Focksegel und ein Besansegel an; -besonders aber ließ ich es mir angelegen sein, ein Steuerruder an dem -hinteren Teile der Barke herzurichten. - -Als unsre Takelage beendigt war, bestiegen wir das Boot und segelten in -der Bai umher. Freitag war zwar ein guter Ruderer, aber er hatte noch -keinen Begriff von der Handhabung eines Steuers und dem Gebrauche eines -Segels. Er schaute mir daher voll Bewunderung zu, wie ich das Fahrzeug -nach meinem Willen vor- und rückwärts lenkte. - -[Illustration: Freitag erhält Unterricht im Schiffbau.] - -Ich hatte jetzt das 27. Jahr meiner »Verbannung« auf meiner Insel -angetreten. Nie unterließ ich es, den Jahrestag meines Schiffbruchs -und meiner Ankunft auf der Insel in inbrünstigen Gebeten zu Gott zu -begehen. Seine Güte hatte mich bisher so wunderbar behütet, und nun -erfüllte mich die beglückende Hoffnung, wieder in die Gesellschaft der -Menschen zurückzukehren. Auch während der letzten Zeit setzte ich meine -Tagesarbeiten fort. Ich grub, pflanzte, ergänzte meine Einzäunungen, -sammelte Korn, Reis, Baumfrüchte und Trauben ein; ich besorgte meine -Ziegenherden, buk Brot und Kuchen, verfertigte Kleider, Körbe und -Töpfe. -- Unterdessen war die Regenzeit herangenaht, und ich mußte -Bedacht darauf nehmen, unser Boot sicher unterzubringen. Ich schaffte -es daher so weit auf den Strand, als die steigende Flut es erlaubte, -und gebot Freitag, daneben ein Becken zu graben, tief genug, um das -Boot beständig flott zu erhalten. Als die Flut dann zurückwich, führten -wir einen starken Damm auf, der das Becken verschloß und dem Eindringen -des Meeres vorbeugte. Um aber unser Fahrzeug gegen den Regen zu -schützen, bedeckten wir es mit einem Dach und erwarteten so den Monat -November oder Dezember, um die ersehnte Fahrt anzutreten. - -Mit Beginn der schönen Jahreszeit beeilten wir uns, die nötigen -Zurüstungen zur Reise zu treffen. Denn ich gedachte, vielleicht schon -in acht bis zwölf Tagen das Wasserbecken zu öffnen und das Boot -auslaufen zu lassen. Eines Morgens hatte ich Freitag nach dem Meere -hinabgeschickt, um eine Schildkröte zu fangen, weil wir sowohl das -Fleisch als auch die Eier dieses Tieres sehr wohl zu schätzen wußten. -Aber schon nach wenigen Minuten kam er eiligst wieder zurück und -übersprang den ersten Festungszaun. - -»O Herr, Herr, o Jammer!« - -»Was gibt's denn, was hast du?« - -»Dort unten, dort unten! Eins, zwei, drei Kähne!« Freitag war -so erschrocken, daß er am ganzen Körper zitterte; er hatte sich -eingebildet, daß die Wilden nichts Geringeres beabsichtigten, als ihn -einzufangen, in Stücke zu zerhauen und aufzuessen. Ich suchte ihn zu -beruhigen, so gut ich konnte, und ihm begreiflich zu machen, daß ich ja -ganz in der nämlichen Gefahr schwebe wie er. - -»Freitag«, sagte ich, »wir müssen mit ihnen um unser Leben kämpfen; -bist du bereit dazu?« - --- »Jawohl, ich schieße auf sie; aber ihre Zahl ist groß.« - -»Was thut das, Freitag? Unsre Gewehre werden einen Teil von ihnen -niederstrecken, und das Feuer und der Knall wird die andern in die -Flucht schlagen. Wenn ich dich aber mit meinem Leben verteidige, willst -du mir auch treulich zur Seite stehen und alles thun, was ich dir sage?« - -»Ja, Herr, ich will sterben, wenn du mir zu sterben befiehlst.« - -Hierauf holte ich eine Flasche Rum, um Freitag in seiner mutigen -Stimmung zu erhalten; dann gebot ich ihm, die beiden gewöhnlichen -Jagdgewehre herbeizubringen, und ich selbst lud sie mit tüchtigen -Posten. - -Hiernach stieg ich mit meinem Fernrohr auf die Warte, um zu sehen, was -an der Küste vorging. Da entdeckte ich nun, daß 21 Wilde in drei Kanoes -gelandet waren, und zwar an der Südostküste, was mich um so mehr wunder -nahm, als ich noch nie an dieser Stelle das geringste Anzeichen einer -Landung der Kannibalen bemerkt hatte. Der Ort, wo sie ausgestiegen -waren, schien sehr flach, der Strand niedrig; etwa 100 Schritte davon -begann der Saum eines dichten Gebüsches, welches sich ziemlich weit -bis in die Felsengruppen der inneren Insel hineinzog. Es deuchte mich, -als ob sie drei Gefangene bei sich hätten und auch diesmal aus keinem -andern Grunde an meine Insel gekommen wären, als wieder eines ihrer -Siegesfestmahle abzuhalten. - -Zunächst lud ich nun vier Musketen mit sieben Kugeln, sowie meine -beiden Pistolen mit zwei Kugeln. Den Degen steckte ich in den Gürtel -und befahl Freitag, sein Beil, ein Pistol, zwei Musketen und eine -Flinte nebst Vorrat von Pulver und Blei zu ergreifen; ich selbst aber -nahm das andre Pistol und die übrigen Schießgewehre. Außerdem steckten -wir einige Brotkuchen und getrocknete Rosinen zu uns, sowie ein -Fläschchen Rum zur Stärkung unsrer Lebensgeister. So gerüstet rückten -wir aus. Auf einem Umweg von ungefähr einer Viertelmeile bogen wir nach -dem Rande des Gehölzes ein, um hier, ungesehen von den Wilden, bis an -die Bucht zu gelangen und sie in Schußlinie vor uns zu haben. - -Unter Beobachtung größter Vorsicht gelangten wir an das Ende des -Gehölzes und somit in die Nähe der Feinde, von denen mich nur noch -eine einzige Baumgruppe trennte. Ich befahl Freitag, auf einen Baum zu -steigen, um zu sehen, was die Wilden vornähmen. Er kletterte sehr bald -wieder herab und berichtete, er habe die Feinde ganz deutlich gesehen; -sie säßen rings um ein Feuer und verzehrten das Fleisch eines ihrer -Gefangenen; ein andrer liege dicht daneben an Händen und Füßen gebunden -und werde wahrscheinlich demnächst an die Reihe des Verspeisens kommen. -»Aber«, fügte Freitag bedeutungsvoll hinzu, »es ist keiner von unserm -Stamme, sondern einer von den weißen bärtigen Männern, die sich in -unserm Vaterlande angesiedelt haben.« Dieser Bericht versetzte mich in -Zorn und Wut. Ich stieg nun mit meinem Fernglas ebenfalls auf einen -Baum und erkannte deutlich an Gesicht und Bekleidung in dem gebundenen -Manne einen Europäer. - -Ein kleines Gebüsch zog sich von der Waldspitze noch ungefähr 100 -Schritte nach links gegen den Strand hin, und ich konnte, durch -dasselbe gedeckt, den Wilden mich noch mehr nähern. Am Ende des -Buschwerks gelangte ich auf einen kleinen Sandhügel oder eine Düne, -von wo aus ich die jetzt nur noch in einer Entfernung von 80 Schritt -lagernden Wilden aufs genaueste beobachten konnte. Es war kein -Augenblick mehr zu verlieren, denn eben bemerkte ich, wie sich zwei der -Kannibalen anschickten, des Europäers Hände und Füße von den Fesseln zu -befreien, um ihn dann am Feuer zu schlachten. Ich sah mich nach Freitag -um. - -»Jetzt«, sagte ich zu ihm, »thue, wie ich dir sagen werde.« - -»Ja, Herr! Befiehl!« - -»So ahme genau das nach, was du *mich* thun siehst, und fehle nicht!« - -Mit diesen Worten legte ich eines der Jagdgewehre und eine der Musketen -auf den Boden. Freitag that dasselbe. Dann zielte ich auf die beiden -mit ihrem Schlachtopfer beschäftigten Wilden und gebot Freitag, unter -den übrigen Haufen zu feuern. - -»Bist du fertig, Freitag?« -- Freitag nickte zustimmend. - -»Nun -- dann Feuer!« - -Zwei donnerähnliche Schüsse hallten hinaus auf Land und Meer. -- - -[Illustration: Befreiung eines Gefangenen.] - -Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir ausgerichtet -hatten. Durch meinen Schuß war der eine getötet, der andre verwundet -worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt und drei verwundet. -Der Schrecken aber, der durch den Knall unsrer Gewehre unter die -Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. Die Verwundeten jammerten und -wälzten sich am Boden, die andern sprangen entsetzt auf und suchten -zu entfliehen. In der gräßlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin -und her; denn sie wußten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben -drohte. Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich -weiter thun würde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf den -Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. »Hahn gespannt. -Angelegt. Feuer!« Wiederum rollte der Donner unsrer Gewehre über die -Häupter der Wilden hinweg. Diesmal stürzten, da unsre Flinten nur mit -grobem Schrot geladen waren, bloß zwei Männer zu Boden, aber es waren -ihrer so viele verwundet, daß die meisten, mit Blut bedeckt und vor -Schmerz heulend, wie im Wahnsinn durcheinander liefen. Bald stürzten -noch drei von ihnen zu Boden, obgleich sie nicht tot waren. - -»Jetzt, Freitag, mir nach!« sagte ich, nachdem ich die letzte, Freitag -aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem Geschrei stürzten -wir aus dem Gebüsche, gerade auf die Wilden los. Der eine von den -beiden, welche den Gefangenen losbinden wollten, lag tot, während der -andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen war, wohin ihm noch vier -seiner Gefährten folgten. - -Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flüchtlinge zu feuern; er verstand -mich sehr gut, lief ungefähr 40 Schritte weit, um die Flüchtigen aufs -Korn zu nehmen, und schoß los. Er hatte seine Sache gut gemacht; denn -sofort stürzten alle fünf nieder, so daß ich schon glaubte, er hätte -sie sämtlich getötet; indessen sprangen zwei von ihnen wieder auf, -die andern blieben regungslos liegen, entweder schwer verwundet oder -getötet. - -Während dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und schnitt -mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Händen und Füßen -gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte auf -portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer Sprache: -»_Christianus_«, war aber so entkräftet, daß er weder stehen, noch ein -weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein Rumfläschchen, aus -dem er einen kräftigen Schluck nahm, der ihn sichtbar stärkte. Außerdem -gab ich ihm auch ein Stück Brot, und er aß es mit der größten Hast. -Währenddem fragte ich noch, aus welchem Lande er stamme, und erhielt -zur Antwort: »*Spanien*«. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab -er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei -für die Rettung aus der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm -auf Spanisch, so gut es eben gehen wollte: »Sennor, später wollen -wir uns weiter aussprechen, jetzt müssen wir kämpfen. Wenn Ihr noch -irgend Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun Gott -befohlen!« - -Kaum fühlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er neu beseelt -von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger hieb er auf seine -Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei derselben zu Boden. Die -Wilden waren durch die Wirkung unsrer Feuerwaffen und den ungestümen -Überfall so überrascht, daß die meisten von ihnen wie gelähmt -niederstürzten und ebensowenig zu fliehen als unserm Angriffe zu -widerstehen vermochten. - -Ich hielt mein Gewehr schußfertig, ohne jedoch abzuschießen, um nicht -ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen und Pistole -gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot ihm, die -abgeschossenen Gewehre, die wir zurückgelassen hatten, herbeizuholen, -was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden sogleich unsre -Gewehre; ich übergab Freitag eine Muskete und sagte ihm, er solle -weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedürfe. Unterdessen fand -ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden statt, -der mit einem eisenharten hölzernen Schwerte auf ihn einhieb. Allein -jener, ebenso kühn und tapfer, widerstand trotz seiner Schwäche lange -Zeit den Angriffen des Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am -Kopfe beigebracht. Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte -jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun den -Degen zu entwinden. Der Spanier ließ die Waffe fahren, riß die Pistole -aus dem Gürtel und jagte seinem Feinde eine Kugel durch die Brust, die -ihn sofort tötete. - -Freitag blieb seinerseits auch nicht unthätig: er verfolgte die -Flüchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen, -die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen, -den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, und ich überließ -ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte damit zwei Wilde -und verwundete sie beide; da er sie aber nicht einzuholen vermochte, -so entkamen sie nach dem Walde. Hier aber trafen sie auf Freitag, -der sogleich den einen von ihnen niederstreckte; der andre, wiewohl -verwundet, lief nach dem Strande, warf sich ins Meer und schwamm dem -Kanoe nach, in welchem sich ein Toter und ein Verwundeter befanden, -während drei noch Lebende das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17 -Wilde teils getötet, teils so schwer verwundet worden, daß sie an ihren -Wunden sterben mußten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer -derselben aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert. - -Die in dem Kanoe Flüchtenden ruderten mit aller Anstrengung, um aus dem -Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich Freitag noch zwei- oder -dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch keiner getroffen zu sein. -Freitag zeigte sich so kampfbegierig, daß er eins ihrer Boote nehmen -wollte, um die Wilden zu verfolgen, und in der That schien mir dieser -Gedanke beachtenswert. Denn gelang es auch nur einem zu entrinnen, der -die Nachricht von der Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich -mich sicherlich auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefaßt machen, -die uns durch ihre Überzahl erdrückt hätten. Ich eilte also mit Freitag -nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie erstaunte -ich, als ich hier noch einen an Händen und Füßen gefesselten Wilden -erblickte, der vor Angst halb tot war! - -Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen Menschen -emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, sondern -stöhnte nur auf eine ganz erbärmliche Weise, weil er wahrscheinlich -glaubte, er solle nun getötet werden. Ich gab Freitag mein -Rumfläschchen, um den Armen durch einen Schluck zu stärken, und trug -ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkündigen. Der -Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den Armen so, daß er -sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. Als ihm aber Freitag -aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie umgewandelt. Er umarmte -den Geretteten, küßte ihn und drückte ihn stürmisch an die Brust; dann -lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, tanzte, sang, gebärdete sich -wie ein Unsinniger, weinte und rang die Hände. Lange währte es, ehe -auch nur ein einziges vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen war: -endlich, als er wieder ein wenig zu sich selbst kam, sagte er zu mir, -der Gerettete sei sein *Vater*. - -Es läßt sich nicht mit Worten das Entzücken des guten Freitag beim -Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung schildern; -zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; dann setzte er -sich an die Seite seines Vaters und öffnete sein Kleid, um den Kopf -desselben an seine Brust zu drücken und ihn zu erwärmen; dann nahm er -wieder seine Arme, seine Beine, welche durch das harte Zuschnüren der -Bande steif und geschwollen waren, und rieb sie mit seinen Händen. Ich -gab ihm nun etwas Rum, um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu -waschen, was demselben augenscheinlich sehr wohl that. - -Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es nicht -über mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. Erst als ich -glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen Genüge gethan, -rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem Gesicht auf mich los. - -»Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? Er wird -wohl tüchtigen Hunger haben.« - -»Nein, ach nein, Herr!« erwiderte fast weinend der arme Bursche; »o, -ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!« - -»Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stück Kuchen, das ich gerade -noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch Rosinen und einen -Schluck Rum, damit stärke deinen Vater!« - -Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte das -Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze aus dem Kahne -und lief wie ein gehetztes Wild davon, so daß er im Nu aus unsern -Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief ihm nach -- er hörte -nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen war, sah ich ihn -wiederkommen, aber nicht so eilig, als er davongelaufen war, weil -er etwas in den Händen trug. Er hatte nämlich in dieser kurzen Zeit -den Weg nach der Burg zurückgelegt, um noch mehr Brot und einen Krug -frischen Wassers hierher zu bringen. Sein Vater, der bald vor Durst -verschmachtete, wurde durch den kühlen Trunk mehr erquickt, als all -mein Rum vermocht hätte. - -Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch etwas -Wasser übrig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf, dieses -sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr bedurfte -und auf einem Rasenhügel im Schatten eines Baumes ausruhte. - -Als Freitag zurückgekommen, schlug er die Augen zu mir empor und -blickte mich mit dem Ausdrucke größter Dankbarkeit an. Gern hätte -sich der Spanier erhoben und wäre zu uns gekommen, allein er war so -erschöpft und seine Glieder durch die harten Bande so angeschwollen, -daß er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ich befahl daher -Freitag, ihm Hände und Füße mit Rum einzureiben. Dabei drehte letzterer -alle Augenblicke den Kopf herum, um nach seinem Vater zu sehen. Als er -ihn einmal nicht in seiner vorigen Stellung sah, ließ er ohne weiteres -vom Einreiben ab, sprang auf und schoß wie ein Pfeil nach dem Boote, in -welchem sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen müden Gliedern -Ruhe zu gönnen. Erst als er völlig zufrieden gestellt sein durfte, -kehrte Freitag eiligst zurück und vollendete die ihm aufgetragene -Hilfeleistung. - -Alles dies hatte uns von der Verfolgung der Wilden abgezogen, und ihre -Barke selbst war uns bereits aus dem Gesicht, als wir wieder an sie -dachten. Die Verhinderung unsrer anfänglichen Absicht war jedoch ein -großes Glück für uns. Denn zwei Stunden später erhob sich ein heftiger -Wind, der den übrigen Teil des Tages und die ganze Nacht hindurch -anhielt. Wie übel hätte es uns in unsrer leichten Barke ergehen können! - -Dem Spanier machte ich den Vorschlag, sich auf Freitag zu stützen und -bis zu einem der Kähne sich weiter zu helfen, um ihn dann nach unsrer -Wohnung zu schaffen, wo ich besser für seine Pflege und Bequemlichkeit -sorgen könnte. Allein er fühlte sich so schwach, daß er nicht mehr -stehen konnte. Ohne weitere Umstände nahm daher Freitag mit kräftiger -Hand den Fremden auf seinen Rücken, trug ihn nach dem Kahne, setzte ihn -an der Seite seines Vaters nieder, stieß das Boot vom Ufer und ruderte -dasselbe, ungeachtet des sich erhebenden Windes, die Küste entlang, -schneller als ich gehen konnte. Darauf eilte er zurück. Als er an mir -vorbei lief, fragte ich ihn: »Wo rennst du so hurtig hin?« -- »Andern -Kahn holen!« lautete lakonisch seine Antwort, und schnell wie der Wind -war er davon. Als ich bei der Bucht anlangte, war auch Freitag fast -gleichzeitig mit dem nachgeholten Boote daselbst eingetroffen. - -Soweit war alles gut gegangen. Da aber weder Freitags Vater noch der -Spanier zu gehen im stande war, so befanden wir uns in nicht geringer -Verlegenheit, wie wir dieselben bis zur Burg und besonders über die -Wallmauer bringen sollten. Wir hatten indes keine Zeit, noch lange -zu überlegen. Das geeignetste Transportmittel schien mir unter den -vorliegenden Umständen eine Tragbahre zu sein. Sofort machte ich mich -denn auch, indem ich die beiden unsrer Obhut anvertrauten Männer am -Ufer ruhig niedersitzen ließ, mit Freitag ans Werk, und nach einem -Stündchen hatten wir mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre -hergerichtet, wie sie unsern Zwecken notdürftig entsprechen konnte. - -So trugen wir denn den Spanier und Freitags Vater und gelangten -bis an die äußere Umfassungsmauer unsrer Burg. Hier aber entstand -wiederum die Frage: Wie werden wir die beiden Entkräfteten über den -Wall hinwegbringen? Es blieb denn nichts andres übrig, als zwischen -der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Gebüsch ein Zelt zu -errichten. Freitag ging mit seiner gewohnten Geschicklichkeit ans Werk, -und nach zwei Stunden hatten wir eine leidlich hübsche Hütte zustande -gebracht, bedeckt mit alten Segeln und Baumzweigen. Im inneren Raume -derselben stellten wir einen Tisch hin nebst einer Bank und ein paar -roh gezimmerten Stühlen, sodann zwei Lagerstätten von gutem Reisstroh -nebst je zwei wollenen Decken: eine, um darauf zu liegen, die andre, um -sich damit zuzudecken. - -Sobald alles unter Dach und Fach gebracht war, erschien es wohl -natürlich, daß ich nun auch an mich und Freitag dachte. Ich befahl -letzterem, eine junge Ziege zu schlachten und sie in Stücke zu -zerschneiden. Mit einigen derselben, die ich Freitag kochen -ließ, bereitete ich eine kräftige Suppe und ein vortreffliches -Fleischgericht. Dann wartete ich in dem neu aufgeschlagenen Zelte auf -und hieß meine Gäste guten Mutes sein und tapfer zulangen. - -Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke -herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange der -verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. Nächstdem -gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater über die Wilden auszufragen, und -ob er glaube, daß sie einen Rachezug gegen uns unternehmen würden. -Freitags Vater meinte, die Flüchtlinge hätten in ihrem leichten -Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer Abfahrt erhob, um so -weniger widerstehen können, als er sie bereits auf dem ersten Viertel -ihres Seewegs überrascht hätte. Wenn aber das Fahrzeug auch nicht -umgeschlagen wäre und seine Insassen in den Wellen begraben hätte, so -würden diese doch nach Süden zu unvermeidlich an Küsten geschleudert -worden sein, wo sie als Kriegsgefangene dem Tode preisgegeben wären. -Sollten sie dennoch in ihre Heimat kommen, so würden sie ihren -Landsleuten eher ab- als zureden, diese Insel jemals wieder zu -betreten. Er habe nämlich vernommen, wie sie sich gleich nach unsern -ersten Gewehrsalven ängstlich und zitternd einander zuriefen: die -beiden Wesen (nämlich *ich* und *Freitag*) seien keine Menschen, -sondern böse Geister, die vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wären, -um sie zu vernichten; denn Menschen, wie sie immer auch seien, könnten -nicht Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die Ferne -schicken. Gewiß käme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes Land vor, -dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, was sich in ihre Nähe -wagte. - -Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb ich auf -der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten wir es getrost -mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen. - -Nachdem wir uns noch über mancherlei unterhalten hatten, überließ ich -Freitags Vater und den Spanier der benötigten Ruhe, denn sie waren -immer noch matt und schwach. Auch wir beiden andern zogen uns nach -dem Wohnhause zurück und suchten gleichfalls unser Lager auf. Trotz -meiner Müdigkeit wollte mich der Schlaf nicht überkommen; die jüngsten -Ereignisse tauchten wieder so lebhaft in meiner Seele auf, daß ich den -ganzen Kampf gleichsam von neuem durchlebte. - -Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache gestiegen, und -ich war naturgemäß der unumschränkte Monarch über diese Insulaner. -So klein aber die Zahl auch war, eine große Verschiedenheit zeigte -die Bevölkerung hinsichtlich der Abstammung und der Religion. -Freitags Vater war Karibe, Heide und Menschenfresser, der Sohn -Spaniens war Katholik, und ich nebst Freitag huldigten der Lehre des -Protestantismus. Aber diese Verschiedenheit sollte kein Stein des -Anstoßes werden, kein Gewissenszwang beirrte in meinem Staate die -Gemüter. - -Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich Freitag, die -getöteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft zu verpesten -drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte Freitag auch die -eklen Überreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, damit sie nicht -unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich meines Befehls mit -gewohnter Bereitwilligkeit. - -Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und ihre Umgebungen -und gingen nach der Höhle und den Ziegenparks. Ich wollte nämlich -sowohl mich selbst von dem Stande der Dinge unterrichten, als auch -meine neuen Gefährten mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt -machen. Freitag hatte als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn -sein Vater war über die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz -erstaunt, und ich ließ ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie -möglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht wenig -überrascht von den zweckmäßigen Einrichtungen, die ich im Laufe so -vieler Jahre getroffen und allmählich mehr und mehr verbessert hatte. - -Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren Schmerzen an -Händen und Füßen befreit fühlten, boten sie mir bereitwillig ihre -Kräfte zur Verrichtung der ländlichen und vielen andern Arbeiten -an. Freitag ließ ich meist in Gesellschaft seines Vaters arbeiten, -während sich der Spanier in meiner nächsten Nähe zu halten pflegte. -Da fehlte es denn nicht an hunderterlei Fragen und Mitteilungen, an -Plänen und Aussichten für die Zukunft, an Erörterungen hinsichtlich der -Mittel, nach dem Festland hinüberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater -versichert hatte, um seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden würde. - -Der Spanier unterrichtete mich zuvörderst von seinem und seiner -Genossen Schicksal. »Ich heiße«, erzählte er, »*Don Juan Caballos* -und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren auf einem Fahrzeuge -abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach der Havanna gehen und dort -Pelzwaren und Silber gegen europäische Waren umtauschen sollte. Es -erhob sich ein heftiger Sturm, und in der Nacht darauf wurden wir -so heftig gegen ein Felsenriff geschmettert, daß wir, im ganzen elf -Spanier und fünf Portugiesen, uns beeilen mußten, in die Schaluppe zu -kommen. Sturm und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst, -Angst und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Küste verschlagen und -schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet zu -werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir glaubten: sie -nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und ließen uns in Frieden unter sich -leben. Da wir uns indes an ihre schlechten Lebensmittel und namentlich -an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch bestehend, nicht gewöhnen -konnten, so nagten wir fast beständig am Hungertuche. Zwar besaßen wir -einige Feuergewehre und Säbel; aber wir hatten bereits in den ersten -Tagen nach unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht -und waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden -angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus diesem Lande -sich in uns allen bis zum glühendsten Wunsche steigerte? Dies, Freund -Robinson, ist die Lage meiner Genossen unter den Kannibalen.« - -»Das ist in der That traurig, Don Juan«, erwiderte ich dem Spanier. -»Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: würden wohl Eure Gefährten -einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?« - -»O sicherlich mit dem innigsten Dankgefühl, Sennor; denn in ihrer -jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst -jemals befreien zu können!« - -»Mein Vorschlag wäre demnach folgender: sie sämtlich nach unsrer -Insel herüberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit ein Fahrzeug -zu bauen, das groß genug sein würde, um uns alle samt den nötigen -Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien oder nach einer spanischen -Kolonie zu bringen. Freilich würde ich es aber bitter zu bereuen haben, -das Werkzeug ihrer Rettung geworden zu sein, wenn sie gegen mich, als -einen *Engländer*, die obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen -und britischen Nation geltend machen würden.« - -»O Sennor«, entgegnete der Spanier, »meine Genossen haben den Kelch der -bittersten Leiden zu lange gekostet, als daß sie nicht schon den bloßen -Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht zuzufügen, dem -sie für die Rettung aus Not und Verbannung verpflichtet wären.« - -»Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine gewöhnliche -Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten dieselben ihre -Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen durch empfangene -Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem eignen persönlichen -Vorteil, dem sie alle übrigen Rücksichten nachsetzen.« - -»Wohl, Sennor, *aufzwingen* läßt sich Vertrauen nicht. Aber wenn Ihr -gestattet, so laßt mich mit Freitags Vater wieder zurückfahren, meine -Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, mit ihnen einen Vertrag -abschließen, den sie mit einem heiligen Eide beschwören sollen. Diesen -Vertrag werde ich unterzeichnet hierher zurückbringen. Ich selbst aber -will mich, ehe ich abreise, durch einen Eid verbindlich machen, Euch -treu und gehorsam zu bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen -eben dazu anzuhalten; Euch selbst will ich für den Fall, daß letztere -sich widerspenstig oder untreu bezeigen sollten, auf das kräftigste -beistehen und Eure Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.« - -Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der Spanier und -Portugiesen wagen zu dürfen und ordnete an, daß Caballos mit dem alten -Wilden abgesandt werden solle. Als aber bereits alles zur Abreise -vorbereitet war, erhob der Spanier selbst eine Schwierigkeit, in -welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit bekundeten, so daß ich -gern seinen Rat annahm und die Befreiung seiner Gefährten noch um sechs -Monate hinaus verschob. - -[Illustration: Zurüstung des Bootes zur Abfahrt.] - -Er musterte nämlich meine Vorräte an Reis und Gerste und begriff -sofort, daß dieselben allerdings für mich und Freitag mehr als -hinreichend waren, daß jedoch jetzt, wo wir unser vier von diesem -Haushalt zehren mußten, die weiseste Sparsamkeit von nöten sein würde. -Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch noch die 16 Europäer -auf unser Kornmagazin angewiesen waren? Dabei riet mir der Spanier, ich -möchte ihn sowie die beiden Indianer so viel Land beackern und besäen -lassen, als dies ohne zu erhebliche Verringerung der Vorräte geschehen -könne, und dann die nächste Ernte abwarten. Würde diese ungünstig -ausfallen, so könnte leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und -Zwistigkeiten herbeiführen; seine Gefährten könnten dann wohl meinen, -nur aus einem Unglück in das andre gefallen zu sein. - -»Wißt Ihr doch selbst, Sennor«, fügte er hinzu, »wie auch die Kinder -Israel anfänglich über ihre Errettung aus Ägyptenland frohlockten, -dann aber, als es ihnen in der Wüste an Brot gebrach, sich gegen ihren -Führer auflehnten.« - -Der Rat des Spaniers schien mir so wohl überdacht und beachtenswert, -daß ich ihm ohne Zögern folgte. Wir machten uns daher alle vier, so -gut es mit unsern hölzernen Werkzeugen gehen wollte, an die Arbeit, -gruben ein ziemlich großes Stück Land um, und bereits nach Verlauf -eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerland -zubereitet, daß wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krüge Reis säen konnten; -es blieb aber für uns bis zur nächsten Erntezeit noch genug Gerste -zu unsrer täglichen Nahrung übrig. Da wir jetzt zahlreich genug -waren, um die Wilden nicht mehr fürchten zu müssen, so gingen wir -frei und unbesorgt auf der ganzen Insel umher, um alles Notwendige -zu unsrer Befreiung, die unsre Gemüter ausschließlich beschäftigte, -instandzusetzen. Als die Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflücken -und zu trocknen, ließ ich eine solche Menge derselben aufhängen, daß -wir 60 bis 80 Fässer hätten füllen können, wenn wir in Alicante gewesen -wären, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Früchte und das Brot -bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Außerdem aber flochten wir fleißig -Körbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorräte unentbehrlich waren. - -Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer Ziegen zu -vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit dem Spanier auf -die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem wir die alten Ziegen -schossen, die Jungen aber einfingen, brachten wir an 20 junge Ziegen -zusammen, die ich dann mit den übrigen aufzog. - -Auch bezeichnete ich mehrere Bäume, die ich zur Erbauung eines größeren -Fahrzeuges geeignet hielt, und ließ sie durch Freitag und seinen Vater -fällen, während ich dem Spanier die Überwachung und Leitung dieser -Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit welcher Geduld und Ausdauer -ich große Bäume zu Booten verarbeitet hatte, und wies sie gleichfalls -dazu an. Sie schnitten ein Dutzend guter Bretter von 60 _cm_ Breite, -5-11 _m_ Länge und 5-10 _cm_ Dicke -- eine Arbeit, die manchen schweren -Schweißtropfen kostete. - -Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir arbeiteten mit -Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu ergiebig, denn ich hatte -früher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach sie doch unsern -Erwartungen. Wir erhielten über 220 Scheffel Gerste und in demselben -Verhältnisse Reis. Das bildete einen Vorrat, der uns alle, mit -Einschluß der Gefährten des Spaniers, bis zur nächsten Ernte nicht nur -hinlänglich ernährt, sondern auch noch bequem zur Verproviantierung -eines Fahrzeuges gereicht hätte, um zu dem von Europäern bewohnten -Festlande von Amerika zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorräte -untergebracht hatten, fand ich es für angemessen, das Feld noch einmal -zu bearbeiten und zu besäen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel -an Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten mußten. - -Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot in -Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln -sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. Um mich -aber für jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich dem Spanier am -Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer Sprache abgefaßten -schriftlichen Befehl auf, der folgendermaßen lautete: - -»Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von Freitags -Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium schwört, mich, -*Robinson Crusoe*, als seinen obersten Befehlshaber anzuerkennen, mir -treu und gehorsam zur Seite zu stehen, mir wissentlich nie Schaden -oder Böses zuzufügen, mich gegen jeden Angriff, woher er auch komme, -zu verteidigen und sich meinen Befehlen und meiner Leitung, wohin -ich ihn auch führen würde, niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig -zu versprechen, mein Wohl nach seinen Kräften zu fördern. -- Alles -dies soll von sämtlichen Leuten beschworen und durch eigenhändige -Unterschrift anerkannt werden.« - - - - -[Illustration: Sehnsuchtsvolle Umschau.] - -Dreizehntes Kapitel. - -Durch Kampf zum Sieg. - - - Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weißer Männer. -- - Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seeräubern. -- Die - Gefangenen. -- Die Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer. - -- Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. - -- Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur. - -Es mochte wohl nach meiner ungefähren Schätzung, denn ich hatte die -genaue Fortführung meines Pfahlkalenders vernachlässigt, im Monat -Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit Freitags Vater nach -dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag war bei dem Abschiede -von seinem Vater so betrübt, daß er Thränen vergoß. Auch ich selbst -sah mit Rührung der kleinen Barke nach; und doch empfand ich eine -innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, daß dies nach 27 *Jahren* -die erste Veranstaltung war, die ich zu meiner Errettung aus meinem -einsamen Insellande ins Werk gesetzt hatte und welche vielleicht einen -günstigen Erfolg haben konnte. Alle meine Gedanken beschäftigten sich -jetzt mit der nahen Abreise in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen, -aber auch manche Zweifel stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum, -überreich an Erfahrungen, lag zwischen meinen Jünglingsjahren und der -Gegenwart! Welche Veränderungen mochten unterdes in England vor sich -gegangen sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden, -die mich gewiß längst als einen Toten beweinten? - -Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben oder -acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich geraten, -recht sparsam und haushälterisch damit umzugehen. Außerdem waren sie -mit so viel Brot und Rosinen ausgerüstet worden, daß sie nicht nur -für sich, sondern auch für die zu Befreienden wohl auf acht Tage -ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwähnung gethan, unterzeichnen -zu lassen, gab ich dem Spanier ein Fläschchen mit Tinte und einigen -Federn mit und verabredete das Signal, durch welches sie ihre Rückkehr -schon von fern kundgeben sollten. - -Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten Wilden -verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag der Rückkehr -meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines Morgens Freitag mit dem -lauten, freudenvollen Rufe: »*Herr, sie sind wiedergekommen*, sie sind -da!« - -Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider über, und ohne ein Gewehr -mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie groß war meine -Bestürzung, als ich aus dem Buschwäldchen trat, das meine Burg umgab, -und, nach der See hinauslugend, eine Schaluppe erblickte, welche mit -einem lateinischen Segel versehen war und mit frischem Winde gegen die -Küste zusteuerte! Das war nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden -her, sondern von Südost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt -war, schnell zurück und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wäldchen im -Versteck zu halten, denn ich wußte nicht, ob die Leute, die da kamen, -Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in unsre Burg -zurück, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr meine Warte, -um die Ankömmlinge zu beobachten. - -Kaum hatte ich den Hügel erklommen, als ich in einer Entfernung von -dritthalb Stunden gegen Südsüdost ein Schiff vor Anker liegen sah und -ganz deutlich erkannte, daß Schiff und Schaluppe *englische* waren. - -Unmöglich kann ich die Gefühle schildern, die sich meiner bemächtigten. -Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden Landsleute, -Engländer, Freunde zu begrüßen, dann aber verdrängten Zweifel und -Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte wohl ein *englisches* -Fahrzeug in diesem Winkel der Erde, in diesen Gewässern suchen, in -denen nie ein englischer Kauffahrer seine Wimpel blähte? Was führte -die zweifelhaften Gäste hierher, da doch die Witterung anhaltend schön -war und sie keine »Mütze voll Wind«, wie einst mich, an dieses Eiland -getrieben haben konnte? Hier war höchste Vorsicht geboten, um nicht in -die Gewalt von Räubern oder *Freibeutern* zu fallen. Nicht lange stand -ich auf meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer näherte und -dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, und ich -erkannte in den Personen Engländer, acht mit Säbeln bewaffnet, drei -aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen in verzweifelter Lage -zu sein, denn sie streckten die Hände flehend empor. Dieses Schauspiel -setzte mich in große Verwirrung, und Freitag, der mir nachkam, raunte -mir zu: »Sieh, Herr, diese englischen Männer essen Gefangene, ebenso -wie meine Landsleute.« - -»Wie, Freitag«, entgegnete ich, »glaubst du wirklich, daß sie so -unmenschlich wären, ihre Gefangenen zu essen?« - -»Ja, ja, Herr; o ich weiß, auch die Engländer essen ihre weißen Brüder.« - -»Nicht doch, Freitag«, suchte ich ihn zu belehren; »wohl möglich, daß -sie ihre Feinde dort töten werden, aber essen! -- niemals! niemals!« - -»Ist aber doch kein großer Unterschied, Herr!« - -Ich überlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien -vermöchte, zumal ich in den Händen ihrer Peiniger Feuerwaffen nicht -bemerkte. Die Engländer selbst gingen am Ufer auf und ab, ohne sich -weiter um ihre Gefangenen zu kümmern. Obgleich nun diese hätten frei -umherlaufen können, so waren sie doch zu sehr eingeschüchtert und -setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage erinnerte mich lebhaft -an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die Gewalt des Sturmes an -diesen Strand geschleudert wurde, unter Aufbietung der letzten Kräfte -die Felsen erkletterte und jeden Augenblick den Tod erwartete. Wie ich -damals auf die Stunde der Befreiung kaum hoffen konnte, so saßen auch -jetzt diese drei armen Unglücklichen an ödem Strande und ahnten nicht, -wie nahe ihnen die Errettung bevorstünde. - -Als die fremden Gäste an der Insel angelangt waren, hatte die Flut -gerade ihre äußerste Höhe erreicht. Während sich nun die Seeleute -auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, und die -Schaluppe lag gänzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte alsbald zu der -Überzeugung, daß wenigstens zehn Stunden vergehen müßten, ehe die -Schaluppe wieder flott werden könne. Deshalb stieg ich von meinem -Beobachtungsposten herunter und ging in meine trefflich verschanzte -Burg. Da ich jedoch wußte, daß ich es jetzt mit einem viel gewandteren -Feinde zu thun haben würde, als die Wilden waren, so lud ich mit -Freitag sowohl die Kanonen als auch unsre übrigen Feuerwaffen. - -Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze hatte -eine erdrückende Höhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute -mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurückgezogen, um -sich im Schatten der Bäume dem Schlafe zu überlassen. Nur die drei -Gefangenen saßen noch in dem Schatten eines Baumes, ohne jedoch der -Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von meinem Schlößchen lagernd, -befanden sie sich gewissermaßen unter meinen Augen, dagegen gänzlich -aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen Verfolger. - -Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen zu -wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm zwei Flinten, ein -Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete Freitag mit drei Musketen, -einem Seitengewehr und einem Pistol. - -Mein Aussehen flößte Furcht ein; man denke nur an meinen Anzug aus -Ziegenfellen, die hohe Mütze und den langen Bart! Auch Freitag sah -phantastisch und fürchterlich genug aus. In solchem Aufzuge nun und -wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis zu den Fremden heran. Ohne von -denselben bemerkt zu werden, rief ich ihnen auf spanisch zu: »Wer sind -Sie, meine Herren?« - -Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick unsrer -abenteuerlichen Erscheinung noch mehr überrascht zu sein; ja sie -zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: »Fürchten Sie -nichts von mir, Ihr Retter ist näher, als Sie glauben.« - -Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte sehr ernst: -»So muß er uns geradeswegs vom Himmel gesandt sein, denn von Menschen -erwarten wir keine Hilfe mehr.« - -»Ich sah Ihre Not«, sagte ich. »Sie schienen Ihre rohen Begleiter -anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend seinen Säbel -schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlösen kann!« - -Der unglückliche Mann war außer sich vor Überraschung. »Sind Sie ein -Mensch oder ein Bote des Himmels?« rief er. - -»Ich bin ein Engländer, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir sind -zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen und -Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rückhalt, was für ein Ungemach Sie -betroffen und was wir für Sie thun können.« - -»Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen -mich empörte und meinen Tod beschloß. Man kam überein, mich nebst -zwei Männern, meinem Leutnant und einem Passagier an dieses Land -auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale preiszugeben.« - -»Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?« - -»Dort in jenen Wald«, antwortete der Kapitän. - -»Sind Ihre Feinde mit Schießgewehren versehen?« - -»Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.« - -»Gut, Kapitän, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wäldchen.« - -Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die Männer, die -sich sämtlich dem Schlafe überlassen hatten. - -»Jetzt wäre es leicht, sie zu töten«, begann ich wieder, »ohne daß ein -einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber zu Gefangenen -machen?« - -»Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen Fall Gnade -verdienen. Könnte man sich dieser beiden Menschen bemächtigen, so -würden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht zurückkehren.« - -»Hören Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um Sie zu retten, -würden Sie dann wohl in einige Bedingungen willigen?« - -»Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft werden können, -sollen ganz zu Ihrer Verfügung stehen.« - -»Nun gut!« fuhr ich fort, »ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen. -*Erstens*: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten Sie sich -zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche ich Ihnen anvertraue, haben -Sie mir stets auf mein Verlangen zurückzugeben und zu geloben, weder -mir noch den Meinigen zu schaden, vielmehr nur mein Bestes zu fördern. -*Zweitens*: Kommen Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen -Sie mich und meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze, -unentgeltlich nach England.« - -»Sir«, erwiderte darauf sofort der Kapitän, »diese Bedingungen sind so -natürlich, daß ich freudig auf dieselben eingehe.« - -»Und wir«, fielen des Kapitäns beide Gefährten ein, »wir geloben, Ihnen -zu folgen, wohin es auch sein mag!« - -»Brav gesprochen, ihr Männer!« erwiderte ich und drückte ihnen die -Hände. »Wohlan, ans Werk! Hier sind drei Musketen nebst Pulver und -Blei. Das beste wäre, auf die Meuterer zu feuern, während sie noch -schlafen. Bleiben einige von der Weckungssalve verschont und bitten um -Pardon, so können wir sie begnadigen.« - -Währenddessen sahen wir zwei der Männer aus dem nahen Gebüsch treten. - -»Sind das die Rädelsführer?« fragte ich den Kapitän. - -»Nein, Sir!« - -»Gut, so lassen wir sie laufen, da sie die Vorsehung rettet. Nun aber -vorwärts!« - -Angefeuert durch meine Worte, nahm der Kapitän sein Gewehr auf, seine -Gefährten thaten desgleichen, und vorwärts ging der Marsch. Durch -das entstandene Geräusch wachte ein dritter von den Seeleuten auf. Er -stieß, als er die Anrückenden sah, ein Geschrei aus, um die Schläfer -zu wecken. Letztere sprangen erschrocken auf, aber in demselben -Augenblicke feuerten der Leutnant und der Passagier so glücklich, daß -einer der Rädelsführer auf der Stelle tot blieb, der andre verwundet -wurde. Der Kapitän, der sich des Schießens weislich enthalten hatte, -stürzte auf ihn los und streckte ihn durch einen kräftigen Kolbenschlag -vollends zu Boden. Ein andrer war leicht verwundet, die übrigen drei -baten, als sie mich und Freitag heranrücken sahen, flehentlich um -Gnade. Während sie noch auf ihren Knieen lagen, kamen auch jene beiden, -die zuerst erwacht waren, angelockt durch die gefallenen Schüsse, -herbeigeeilt. Als sie jedoch merkten, wie sehr sich die Verhältnisse -verwandelt hatten und wie ihre bisherigen Gefangenen, mit Flinten -bewaffnet, Herren des Feldes waren, so versuchten sie keinen unnützen -Widerstand, sondern unterwarfen sich gleich ihren Gefährten. Somit -hatten wir einen vollständigen Sieg errungen. - -Der Kapitän wandte sich nun mit folgenden ernsten Worten an die -Besiegten: »Ihr wißt, daß ihr als Empörer und Meuterer den Tod verdient -habt. Ich will jedoch Gnade für Recht ergehen lassen und euch das Leben -schenken, aber nur unter der Bedingung, daß ihr euern Verrat bereut und -schwört, mir beizustehen, um mein Schiff zurückzuerobern!« - -Hiergegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, verpflichtete ihn aber -dazu, die Gefangenen, solange sie auf der Insel sein würden, an Händen -und Füßen gebunden in Sicherheit zu halten. Ich ließ ihnen daher -sogleich an den Händen Fesseln anlegen und gab dem Leutnant und Freitag -den Auftrag, die Gefangenen nach der Grotte zu bringen und ihnen die -Füße zu binden. - -Es befanden sich noch 26 Seeleute an Bord des Schiffes. Alle hatten -wegen ihrer Auflehnung gegen ihr Oberhaupt das Leben verwirkt. Der -Kapitän sprach sich dahin aus, daß es sehr schwierig sein würde, ihnen -wirksam beizukommen, denn sie würden sich wohl aufs äußerste zur Wehre -setzen. Wir mußten daher auf eine List sinnen, um sie an einer Landung -zu verhindern. Zu rechter Zeit fiel mir noch ein, daß die auf dem -Schiffe zurückgebliebenen Leute, wenn ihre Kameraden mit der Schaluppe -nicht zurückkämen, diese unfehlbar mit dem zweiten Boote suchen würden -und uns dann viel zu schaffen machen könnten. - -Zuerst mußte die eine Schaluppe, die sich bereits in unsern Händen -befand, unbrauchbar gemacht werden, damit sie nicht fortgeführt werden -könne. Unverweilt begaben wir uns an diese Arbeit, nahmen Ruder, Mast, -Segel, Steuerruder, ferner die Flinte, ein Pulverhorn, eine Flasche -Branntwein, eine zweite mit Rum, Zwieback und ein großes Stück Zucker -heraus. Nachdem wir alles an den Strand gebracht, bohrten wir ein -großes Loch in den Boden der Barke, um ihre Wegführung unmöglich zu -machen. Nun kamen auch der Leutnant und Freitag zurück, und unsern -vereinten Anstrengungen gelang es bald, die Schaluppe so hoch auf den -Strand zu ziehen, daß selbst die höchste Flut sie nicht erreichen oder -wegspülen konnte. - -Für jetzt ließ sich nichts weiter thun. Wir brachen deshalb nach -meiner Burg auf. Nur wenige Schritte waren wir fortgegangen, als ein -Kanonenschuß vom Schiffe her über die Wellenfläche erscholl, jedenfalls -in der Absicht, die Schaluppe zurückzurufen. Aber diese lag in guter -Ruhe und rührte sich nicht. Da der erste Signalschuß wirkungslos blieb, -so feuerte die Mannschaft des Schiffes von Zeit zu Zeit mehrere Schüsse -hintereinander ab, natürlich ohne jeden Erfolg. - -Wir beschleunigten unsre Schritte, um möglichst rasch die Burg zu -erreichen. Der Kapitän sowie seine beiden Gefährten bewunderten meine -Befestigungswerke und die Kunst, wie ich sie so geschickt vor jedem -Späherauge verborgen hatte. Freilich war aber auch das Wäldchen -vor mehr als 20 Jahren gepflanzt und schnell zu solchem Dickicht -verwachsen, daß man schlechterdings nicht durchkommen konnte, außer auf -dem engen, sich durchschlängelnden Pfade, der nur von mir und Freitag -begangen wurde. - -»Nun, Kapitän«, fragte ich, »wie gefällt Ihnen mein Schloß? Gewährt -diese Mauer nicht ein ganz prächtiges Versteck?« - -»Vortrefflich, Sir! Hinter dieser lebendigen Mauer sind wir besser -geschützt, als wenn wir unser zwanzig wären.« - -»Das ist aber noch nicht alles, Kapitän«, fuhr ich rasch fort; »ich -besitze auch noch eine Sommerresidenz, in welcher ich einen Teil der -schönen Jahreszeit zubringe. Die sollten Sie sehen, Herr; dort liegt -das Paradies der Insel! Auch diese werde ich Ihnen ehestens zeigen -können. Jetzt aber ist es notwendig, daß Sie mir samt Ihren Genossen -auf meine Warte folgen, um von dort aus das Schiff zu beobachten. Du, -Freitag, bringe die Ferngläser und einige Erquickungen hinauf!« - -Oben angelangt, bemerkten wir, wie die Schiffsmannschaft des heftig -vom Winde geschüttelten Fahrzeugs, nachdem alle ihre Schüsse ohne -die erwartete Wirkung geblieben waren, eine bunte Flagge aufgehißt -und, weil auch dieses Mittel nicht verfing, das andre Boot ausgesetzt -hatte, welches sofort der Küste zusteuerte. Das Meer befand sich in -starkem Wogengang, und die Leute in der Schaluppe hatten kräftig -zuzugreifen, um vorwärts zu kommen. Das Boot mochte etwa mit zehn -Männern, einschließlich des Schiffsjungen, bemannt und diese sämtlich -mit Schießgewehren versehen sein. - -»Leider«, sagte der Kapitän, »befinden sich unter diesen Leuten nur -drei ehrliche Burschen, welche durch Furcht zur Empörung gezwungen -worden sind. Die andern aber, hauptsächlich der Hochbootsmann, welcher -die Schaluppe kommandiert, sind so abgefeimte Schurken, daß wir uns des -Ärgsten von ihnen versehen dürfen.« - -»Oho, Leute wie wir, Kapitän«, entgegnete ich, »brauchen sich nicht -zu fürchten. Ich habe auf dieser Insel schon schlimmere Zeiten -überstanden; darum fassen Sie Mut und Vertrauen, mein Herr!« - -»Ich will es!« - -»Nun gut! Zunächst scheint es doch zweckmäßig gewesen zu sein, die -übrigen in der Höhle fern zu halten. Nur eins beunruhigt mich etwas, -daß nämlich drei brave Burschen unter den Ankommenden sind, die wir -schonen und uns zu eigen machen möchten.« - -Jetzt näherte sich die Schaluppe dem Ufer und steuerte demselben -entlang bis zu jener Stelle, wo das zuerst angekommene Boot angelegt -hatte. Hier stieg die Rotte ans Land und zog ihre Schaluppe hoch auf -den Strand hinauf. Zuerst sahen sie nach ihrem Boote. Wer aber malt -ihre Bestürzung, als sie dasselbe fest, wie die Arche Noahs, auf dem -Trockenen sitzen, stark durchbohrt und von der ganzen Ausrüstung -entblößt sahen! Dann erhoben sie einen dreimaligen lauten Ruf; aber -keine Antwort tönte ihnen zurück. Da dieses Signal, wie die früheren, -vergeblich blieb, stellten sie sich in einen Kreis und schossen ihre -Gewehre auf einmal los, so daß es durch die Felsenthäler wie dröhnender -Donner rollte. Atemlos lauschten sie auf eine Antwort. Doch kein -menschliches Wesen ließ seinen Ruf ertönen; nur das Echo der Berge gab -den Klang der Feuerwaffen wieder. - -Da schien es den Fremden nicht mehr geheuer zu sein: schnell setzten -sie ihr Boot ins Wasser und stießen vom Strande ab. Bald aber wendeten -sie sich wieder rechtsum und steuerten geraden Laufes von neuem auf die -Insel los, um ihre vermißten Kameraden aufzusuchen. Wirklich stiegen -sieben aus, und es blieben drei Mann zur Bewachung des Bootes zurück. -Das lag freilich nicht in unsrer Berechnung; denn was half es uns, jene -sieben Männer zu überwältigen, wenn unterdes die Zurückgebliebenen dem -Schiffe wieder zusteuern und mit demselben sich auf und davon machen -konnten? - -Die sieben Gelandeten schritten, sich dicht beisammen haltend, am Saume -des dichten Buschwäldchens vor meiner Festung hin und stiegen auf -einen jener westlichen Hügel, von denen sich eine weite Fernsicht über -die Ebenen nach Nordost darbot. Oben auf dem Gipfel begannen sie laut -zu rufen. Augenscheinlich mochten sie sich nicht weiter landeinwärts -wagen, denn sie setzten sich im Schatten eines Baumes nieder, um Rat zu -halten. Plötzlich brachen sie wieder auf und schlugen den Rückweg nach -der Schaluppe ein. Dieser Augenblick forderte zu schneller Entscheidung -auf; hier konnte nur eine List helfen. - -Ich trug dem Leutnant und Freitag auf, linker Hand nach derselben -Hügelreihe, von welcher die Mannschaft hergekommen, vorsichtig -vorzugehen, dann auf einen Hügel zu steigen und aus allen Leibeskräften -so lange zu schreien, bis die Matrosen ihnen antworten würden. Wenn -dies geschehe, so sollten sie dieselben unter wiederholtem Rufen -langsam von Hügel zu Hügel in das Gehölz des Innern locken, ohne sich -jedoch von ihnen einholen zu lassen. - -Die Meuterer wollten eben wieder in See stechen, als der Leutnant den -ersten Ruf erschallen ließ. Sofort machten jene Halt und schritten der -Richtung zu, aus welcher der Ton erscholl. Unsre Leute wiederholten -ihr Geschrei, und unter fortgesetzten Lockrufen ging es immer tiefer -landeinwärts. - -Jetzt schien der günstige Augenblick gekommen zu sein, um die Schaluppe -zu überfallen. Nur ein Mann befand sich in derselben; von den beiden -andern Wächtern war der eine ausgestiegen und dem Haufen nachgerannt, -während der andre ein nahegelegenes Gebüsch aufsuchen wollte, um -sich daselbst niederzulegen. Der Kapitän schmetterte ihn durch einen -Kolbenschlag tot zu Boden; dann rief er den in der Schaluppe an, sich -zu ergeben. Dieser, einer von den verführten Meuterern, bat seinen -Vorgesetzten flehentlich um Gnade, indem er schwur, künftig Gut und -Leben für den Kapitän einsetzen zu wollen. - -In der Höhle waren sechs Gefangene, von denen einer verwundet war. -Zwei andern konnte man zur Not trauen; die letzten drei aber hielt der -Kapitän so weit für zuverlässig, um sie unserm Trupp als Verstärkung -einverleiben zu können. Auch aus der zweiten Schaluppe der Meuterer -entfernten wir Mast, Segel, Ruder und legten sie ebenfalls am hohen -Strand ins Trockene. Diese Arbeit verursachte natürlich viel Mühe, da -wir nur unser vier waren. Dann zogen wir uns in die Burg zurück. - -Als wir daselbst anlangten, brach bereits die Nacht an. Wir erquickten -uns nach überstandener Mühe und Gefahr durch Reis, Rosinen, -Ziegenfleisch und Rum. Noch saßen wir um die Flamme des Talglichtes -versammelt, als auch Freitag und der Leutnant zurückkamen. Beide hatten -sich ihres Auftrags zu unsrer völligen Zufriedenheit entledigt, hatten -durch Rufen und Schreien die Bootsleute von Hügel zu Hügel gelockt und -endlich dieselben plötzlich sich selbst überlassen. Dann waren sie -nach der Festung geeilt, so daß schwerlich vor zwei oder drei Stunden -ein Zusammentreffen bevorstand. - -Nach dem Mahle schickte ich den Kapitän, den Passagier, Freitag und -jenen begnadigten Meuterer von der Schaluppe, Namens *Robertson*, nach -der Grotte ab, um jene drei Gefangenen, auf deren Treue zu zählen war, -hierher zu bringen, so daß wir dann zusammen die Zahl von neun Mann -ausmachten. In kurzer Zeit kamen sie sämtlich zurück, und nachdem ich -eine Musterung gehalten, besonders aber die Meuterer in strengste -Pflicht genommen hatte, verteilte ich Waffen und Munition, im ganzen -zwölf Feuergewehre, ferner fünf Degen, wovon natürlich zwei auf meine -Person kamen. - -So vorbereitet, warteten wir auf unserm Posten. Es mochte ungefähr eine -Stunde vergangen sein, als wir bemerkten, wie unsre Feinde herannahten. -Nach großer Anstrengung gelangten sie endlich an ihren Landungsplatz. -Doch wie versteinert blieben sie stehen, als sie ihr Boot nicht im -Wasser, sondern auf dem Trockenen und noch dazu der ganzen Ausrüstung -beraubt sahen! Ihr Aberglaube schien ihnen Gespenster und Höllenspuk -vorzumalen, die dieses Werk vollbracht hätten. Kaum konnte ich jetzt -meine Leute in Schranken halten, die vor Begier brannten, auf sie -loszustürzen. Indes bedachte ich, daß in dieser Dunkelheit gar leicht -auch einer der Unsrigen verwundet werden könnte, und so wartete ich auf -einen günstigen Augenblick zum Angriff. - -Der Hochbootsmann, der Verwegenste der rebellischen Schar, bot ein -verächtliches Bild, jammerte wie ein Kind, rang verzweiflungsvoll -die Hände und rannte hin und her. Er rief die verlorenen Kameraden -wiederholt laut beim Namen, aber keine Stimme der Genossen antwortete -ihm durch die finstere Nacht. - -Um sicher zu gehen, rückte ich meinen Hinterhalt näher und gebot -Freitag und dem Kapitän, möglichst geräuschlos an den Feind -heranzukriechen. Es währte auch nicht lange, so kam der Hochbootsmann -mit zwei seiner Spießgesellen in die Nähe der verborgen Lauernden. -Jetzt stand der Kapitän mit Freitag auf; beide drückten zu gleicher -Zeit ab, und der Schändliche lag tot in seinem Blute. Der eine seiner -Genossen ward so getroffen, daß er nach einer Stunde seinen Geist -aufgab; der dritte aber, nur leicht verwundet, entfloh. - -Der Knall der Flinten und das Geschrei der Verwundeten galten -für uns als Zeichen des gemeinschaftlichen Vorrückens. Wie schon -bemerkt, bestand unsre ganze Armee aus neun Mann. Der Wald war so -dicht und die Nacht so dunkel, daß es den Gegnern nicht möglich war, -unsre Streitkräfte abzuschätzen. Um ihre sofortige Unterwerfung -herbeizuführen, forderte ich Robertson auf, jeden der Feinde mit seinem -Namen anzurufen. - -Er rief also zuerst: »Tom Smith!« - -Sogleich antwortete dieser zurück: »Bist du es, Robertson?« - -»Ja, ja, ich bin's. Streckt die Waffen, oder ihr seid alle des Todes!« - -»Wem sollen wir uns ergeben?« fragte Smith. - -»Unser Kapitän ist hier mit 50 Mann«, antwortete Robertson. »Der -Hochbootsmann ist tot, Will Fry ist verwundet, ich selbst bin gefangen; -wenn ihr euch nicht unterwerft, so seid ihr alle verloren.« - -»Wird man uns aber auch Gnade bezeigen?« fragte Tom Smith weiter. »Wenn -man uns das Leben läßt, so wollen wir uns ergeben.« - -»Ich werde sogleich den Kapitän fragen«, gab Robertson zur Antwort. - -Der Kapitän ergriff aber selbst das Wort und rief: »Smith! Was ich -versprochen, halte ich. Streckt ihr sofort die Waffen, so ist euch das -Leben geschenkt, außer Will Atkins!« - -»Um Gotteswillen!« rief dieser flehend, »gebt auch mir Pardon, Kapitän. -Habe ich etwa Schlimmeres verübt als die übrigen?« - -»Du lügst, Atkins«, fuhr ihn der Kapitän an; »bist du es nicht gewesen, -der zuerst Hand an mich legte, der mir die Hände gebunden und mich -wehrlos gemacht hat?« - -»Gnade, Gnade, Kapitän!« wimmerte Atkins. - -»Das wird sich finden. Jetzt noch einmal, ihr alle streckt entweder -sofort das Gewehr, oder -- --!« - -Ohne Widerstand ergaben sich die Meuterer, die nun als Gefangene durch -das Wäldchen auf den freien Platz neben dem äußeren Walle geführt -wurden. Hier redete der Kapitän ihnen ins Gewissen und stellte ihnen -die traurigen Folgen, die sie sich selbst zuzuschreiben hätten, vor. - -»Ihr habt geglaubt«, schloß er seine Ansprache, »mich auf eine öde -Insel auszusetzen, aber es hat Gott gefallen, mich zu retten; denn -hier herrscht ein englischer *Gouverneur*, der mich menschenfreundlich -aufnahm. Ihr habt mich vorhin um Gnade angefleht; meine Gewalt über -euch ist hier zu Ende. Ihr gehört von nun an vor den Richterstuhl des -Gouverneurs.« - -Diese Worte wirkten erschütternd auf die Gefangenen; sie baten ihren -Kapitän, sich für sie bei dem Gouverneur der Insel zu verwenden. - -Der inhaltschwere Titel »Gouverneur« galt meiner eignen Person. Aber -ich hielt mich nebst Freitag zurück und ließ mich nicht sehen, denn -mein Anzug war jener Würde nichts weniger wie angemessen. Doch die -Kriegslist gefiel mir, und ich erklärte mich einverstanden, die Rolle -fortzuspielen. Ich beorderte also den Leutnant an den Kapitän. - -»Herr«, berichtete jener, »Seine Exzellenz der Gouverneur wünscht Sie -zu sprechen.« - -»Melden Sie Seiner Exzellenz«, erwiderte der Kapitän, »daß ich -unverweilt zu seinen Befehlen sein werde.« - -Die Gefangenen mußten diesen Worten nach glauben, daß wirklich ein -Gouverneur mit Truppen in der Nähe stehe. Als der Kapitän aber zu -mir kam, schlug ich ihm vor, der Vorsicht halber unsre Gefangenen zu -teilen; ich forderte ihn auf, Atkins und die beiden widerspenstigen -Gesellen an Händen und Füßen gebunden nach der Höhle zu schicken, die -übrigen ließ ich in dem Raume zwischen den beiden Wällen unterbringen -und glaubte somit, die Mannschaft unschädlich gemacht zu haben. Nunmehr -hielt ich mit dem Kapitän, dem Leutnant und dem Passagier Rat, wie wir -uns des Schiffes bemächtigen könnten; ich sprach die Zuversicht aus, -daß uns die Seeleute bei der Wiedereroberung unterstützen würden. Es -kam darauf an, die Stimmung derselben genau zu erforschen, weshalb ich -den Kapitän und Leutnant nach der Grotte schickte, wohin ihnen Freitag -mit einer brennenden Kerze den Weg zeigte. -- Der Kapitän sprach in -mildem Tone zu seinen Matrosen: »Ich werde versuchen, euch bei dem -Gouverneur der Insel Verzeihung zu erwirken; aber ich rechne bei euch -noch auf etwas andres: Ihr sollt mir das Schiff wiedererobern helfen, -denn davon hängt alles ab. Seid ihr dazu bereit?« - -Einmütig versicherten die Seeleute, ihm in allen Stücken bis zum -letzten Blutstropfen beizustehen. Er solle sie führen, wohin er wolle, -und wenn es gegen die Hölle und den Teufel wäre. - -»Ich rechne auf euch«, beendete der Kapitän das Gespräch. - -Er kam zu mir zurück und teilte mir die Gesinnungen der Seeleute mit. -Da ich aber glaubte, daß unsre eigne Sicherheit keine allzugroße -Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitän mit der Antwort -zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Expedition nach -dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte Atkins mit den beiden -Verwundeten als Geiseln zurückbleiben und ohne weiteres aufgeknüpft -werden, wenn die andern der Untreue sich schuldig machen würden. Die -Begünstigten mußten feierlich geloben, dem Gouverneur unverbrüchlichen -Gehorsam zu leisten. - -Die Streitkräfte, welche uns für die Eroberung des Schiffes zur -Verfügung standen, waren nun folgende. Erstens: der *Kapitän*, der -*Leutnant* und der *Passagier*. Zweitens: *fünf Freigelassene* von -der ersten Schaluppe. Drittens: *Robertson*, *Tom Smith* und *drei -Freigelassene* von der zweiten Schaluppe. Im ganzen also *dreizehn* -Mann. Ich und Freitag durften der Expedition nicht beiwohnen, da wir -unsre Burg und unser sonstiges Eigentum sowie die Gefangenen im Auge -behalten mußten. - -Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen -gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszurüsten. -Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitän, der Passagier -und fünf Mann das eine Boot, während der Leutnant mit ebenfalls -fünf Mann sich in dem andern einschiffte. Gegen Mitternacht segelte -die Mannschaft ab; ich aber harrte am Strande und lauschte über das -weite Meer, um zu vernehmen, welche Entscheidung der nächtliche Kampf -herbeiführen würde. - -Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben -Kanonenschüsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen -Ausführung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude machen, -da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste vor mir sah; -ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrünstig für seine -Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag nach Hause, und bald -senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre müden Augen. Gegen Morgen -wurden wir durch einen Kanonenschuß geweckt, und wenige Augenblicke -darauf hörte ich mich laut rufen: »Gouverneur, Gouverneur!« Rasch -bestieg ich, ein Fernglas in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitän -bereits anwesend fand. Er schloß mich stürmisch in die Arme und sprach: -»Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches Schiff; -es gehört Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!« - -Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum eine -halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen. - -Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein tüchtiges Schiff -war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, wohin mein Herz -begehrte. Ich umarmte den braven Kapitän und begrüßte ihn als meinen -vom Himmel gesandten Befreier, der mich aus jahrelanger Verbannung -erlösen sollte. - -Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im Innern der Burg -erzählte mir der Kapitän den Hergang. - -»Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe näherte«, begann derselbe -seinen Bericht, »befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft -anzurufen und zu sagen, er brächte ihre Kameraden zurück, die sie erst -nach langem Suchen aufgefunden hätten. - -»Mit solchen Reden wußte er sie so lange zu beschäftigen, bis die -Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser tapferer -Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge. -Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann -niedergestreckt und auch der Zimmermann unschädlich gemacht worden, -gelang es uns sehr bald, mit den übrigen drei uns zu Meistern des -Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem die gesamte Mannschaft des -zweiten Bootes nachgeklettert war, säuberten wir das Vorderdeck, -drangen von da in die Springluke, die nach der Küche führte, und nahmen -hier den Koch und noch zwei andre Meuterer gefangen. - -[Illustration: Kampf mit den Meuterern.] - -»Hierauf ließ ich die Luken schließen, damit die Mannschaft zwischen -den Decken den übrigen nicht zu Hilfe kommen könnte. Alsdann befahl -ich dem Leutnant, mit drei Mann die Kajütte zu sprengen, in welcher -sich der von den Empörern zum Kapitän Gewählte befand. Durch den Lärm -aufgeschreckt, war dieser aus dem Bette gesprungen und hatte sich nebst -zwei Matrosen bewaffnet. Sobald die Thür geöffnet wurde, schossen -die Männer von drinnen heraus, so daß einer von uns getötet, zwei -verwundet, dem Leutnant aber der linke Arm verletzt wurde, was ihn -jedoch nicht abhielt, auf den Rebellenkapitän loszustürzen und ihm eine -Kugel durch den Kopf zu jagen. Als diesen die beiden Matrosen fallen -sahen, schwand ihnen der Mut und sie ergaben sich. Noch waren acht -Mann übrig, deren wir Herr werden mußten. Wir riefen ihnen zu, sich zu -ergeben, sonst wären sie alle des Todes. Sie sahen auch das Vergebliche -eines Widerstandes ein; wir öffneten nun eine Luke und ließen sie aufs -Deck heraufsteigen. So war ich wieder rechtmäßiger Kommandeur des -Schiffes geworden.« - -Nach beendeter Erzählung befahl der Kapitän, die für den Gouverneur -bestimmten Gegenstände herbeizuschaffen. Zuerst war da ein -Flaschenfutter mit mehreren Flaschen feiner Weine und Liköre, sodann -vortrefflicher Tabak nebst etlichen Pfeifen, zwei große Stücke -Rindfleisch sowie sechs Stücke Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen -und etwa 50 _kg_ Zwieback; ferner eine Kiste Zucker sowie eine -mit Mehl, ein Sack voll Zitronen und eine Menge andrer nützlicher -Verbrauchsgegenstände; weiterhin sechs Hemden, sechs Halsbinden, zwei -Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, sechs Paar Strümpfe, ein Hut und ein -vollständiger Anzug, der erst einen Tag getragen sein konnte. Mit allen -diesen Gegenständen beschenkte mich der Kapitän und setzte den Wunsch -hinzu, ich möchte mich sofort umkleiden, damit ich vor die Leute als -Gouverneur treten und die nötigen Befehle selbst erteilen könnte, was -sicherlich eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen würde. Gewiß wird -man mir aber glauben, wenn ich bemerke, daß ich mich in meinem neuen, -ungewohnten Staatskleide anfänglich nicht zurecht finden konnte und -mich auch recht unbehaglich fühlte. - - - - -[Illustration] - -Vierzehntes Kapitel. - -Robinsons Abreise von seiner Insel. - - - Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel - und deren Bevölkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in - der Heimat. -- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen - Besitzungen. -- Der brave Portugiese. -- Günstige Vermögenslage. -- - Landreise durch Spanien und Frankreich. -- Wölfe in den Pyrenäen. -- - Freitag und der Bär. -- Stillleben in London. - -Während des Frühstücks beratschlagten wir darüber, was mit den -Gefangenen vorzunehmen wäre. Atkins und seine zwei Spießgesellen waren -unverbesserliche Bösewichte, vor denen man auf der Hut sein mußte. -Hätte man sie mitnehmen wollen, so durfte es nur in Fesseln geschehen, -um sie auf der ersten englischen Kolonie dem Arme der strafenden -Gerechtigkeit zu überliefern. Der menschenfreundliche Kapitän wollte -indes Milde üben, womit auch ich mich einverstanden erklärte; wir kamen -deshalb überein, die drei Personen auf der Insel zurückzulassen. Aber -sie sollten selbst diese Maßregel als eine Gnade ansehen und darum -bitten. - -Nachdem ich mich angekleidet hatte, erteilte ich Freitag den Befehl, -die Gefangenen von der Grotte nach dem Burgwäldchen zu bringen; ich -selbst begab mich nach einiger Zeit dahin, ließ die Kerle, gefesselt -wie sie waren, mir vorführen und hielt nun folgende kurze Ansprache: - -»Die ganze Nichtswürdigkeit eures Gebarens ist mir durchaus bekannt. -Ihr habt euch gegen euren braven Kapitän empört, um euren schändlichen -Lüsten nach Seeräuberei zu frönen. Aber es ist gekommen, wie es kommen -mußte; wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Das Schiff -ist nach meinen Anordnungen seinem rechtmäßigen Befehlshaber wieder -übergeben worden, und ich habe Befehl erteilt, daß euer Rebellenkapitän -an die große Raa aufgeknüpft wird. Könnt ihr übrigen etwas zu eurer -Entschuldigung oder Rechtfertigung vorbringen, so thut es beizeiten, -sonst lasse ich euch samt und sonders neben Atkins aufhängen!« - -Einer von ihnen antwortete im Namen der übrigen, sie hätten nichts -weiter zu sagen, als daß der Kapitän ihnen, als sie gefangen genommen -worden wären, versprochen hätte, sie beim Leben zu lassen, und sie -bäten daher Se. Exzellenz den Gouverneur demütig um Gnade. - -»Da ich«, entgegnete ich hierauf, »die Erlaubnis habe, mit dem ersten -Schiffe nach England zurückzufahren und meine Abreise eben bevorsteht, -so wüßte ich keine andre Gnade walten zu lassen als die, euch hier auf -dieser Insel zurückzulassen; denn führet ihr mit uns nach England, so -erwartete euch dort von Rechts wegen der Strang.« - -Die Leute willigten dankbar ein, und um sie bis zu meiner Abreise -immer in Furcht zu erhalten, ließ ich den erschossenen Meutererkapitän -an der großen Raa aufknüpfen. Der eigentliche Kapitän jedoch, der -inzwischen zu uns getreten war und die Verkündigung meines gnädigen -Entscheids vernommen hatte, that, als ob er in diese milden Maßregeln -durchaus nicht einwilligen könne, worauf ich, mich scheinbar in meiner -Gouverneurswürde gekränkt fühlend, ihn mit den Worten zurückwies: »Herr -Kapitän, Sie wissen recht wohl, daß die Gefangenen nicht die *Ihrigen*, -sondern die *meinigen* sind.« - -Nachdem alle noch einmal mich ihrer Dankbarkeit versichert hatten, -unterrichtete ich sie von allen Dingen, deren Kenntnis ihnen jetzt -von Nutzen sein konnte: von Säen, Pflanzen und Ernten, von der -Beschaffenheit des Bodens, von der Töpfer- und Korbflechterarbeit, -vom Brotbacken, von meinem Lusthause, von der Grotte, von meinen -Ziegenparks und von meiner Milch- und Käsewirtschaft. Auch durfte ich -nicht unerwähnt lassen, daß 17 Spanier und Portugiesen in den nächsten -Tagen landen würden, für welche ich einen Brief in Bereitschaft halten -wolle, der dem Don Caballos zu übergeben sei. Endlich überließ ich -ihnen noch Gewehre, Pulver und Schrot sowie die meisten Vorräte, so daß -sie gegen jeden Mangel hinreichend geschützt waren. Nachdem ich sie -in solcher Weise genügend ausgerüstet hatte, ließ ich die Gefangenen -wieder abtreten. - -Nun hielt ich mit dem Kapitän über die nahe *Abreise* Rat, obschon es -mir in den letzten Stunden doch recht schwer aufs Herz fiel, meine -Insel zu verlassen, an die sich so manche Erinnerungen des Schmerzes -und der Freude knüpften. Noch einmal gedachte ich lebhaft der -vergangenen Zeiten und derjenigen Ereignisse, die meinen Sinn geläutert -und mich zu einem gottesfürchtigen, tüchtigen Menschen umgewandelt -hatten! - -Es war nach dem Schiffskalender am 19. *Dezember* 1686, als ich des -Abends gegen 8 Uhr an Bord stieg, nachdem ich 27 Jahre, 2 Monate und 19 -Tage auf der Insel verlebt hatte; an demselben Jahrestage war ich mit -Xury aus Saleh der Gefangenschaft der Mauren entflohen. - -Gegen Morgen, etwa um 5 Uhr, ereignete sich noch ein eigentümlicher -Vorfall. Zwei der Verbannten kamen an das Schiff geschwommen und baten, -sie an Bord aufzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie in England -auf der Stelle gehangen werden sollten. Als man sie fragte, was sie -bewogen habe, die Insel zu verlassen, gaben sie zur Antwort: sie -könnten nicht mit jenen Bösewichten zusammenleben, ohne in beständiger -Furcht zu sein, von ihnen aufs grausamste mißhandelt oder gar getötet -zu werden. Der Kapitän bedeutete sie, daß er ohne meine Einwilligung -nichts versprechen könne; aber auf ihre wiederholte Beteuerung, -redliche und brave Menschen werden zu wollen, nahm ich sie wieder auf, -konnte ihnen indes eine tüchtige Tracht Prügel nicht ersparen, weil sie -in eigenmächtiger Weise gehandelt hatten. - -Diese Vorfälle sowie die Absendung einer Schaluppe, welche allerhand -Kisten und Koffer für die Gefangenen enthielt, hatten unsre Abfahrt so -weit verzögert, daß die Sonne bereits hoch über dem Horizont stand, als -wir die Anker lichteten. Beim Scheiden von meiner Insel hatte ich zum -Andenken meine große Mütze von Ziegenfell, meinen Sonnenschirm, meinen -Lieblingspapagei sowie meinen Hund mit mir genommen; aber auch das -Geld, welches ich auf unserm und dem spanischen Schiffe gefunden, nicht -vergessen. Es war, da es lange Jahre unberührt in einem Winkel des -Kellers gelegen hatte, so schwarz und unkenntlich geworden, daß es erst -wieder blank gerieben werden mußte, um als gangbare Münze in Umlauf -gesetzt zu werden. Freitag, der seinen Vater nicht wiedergesehen hatte, -schaute unverwandt vom Verdeck aus nach der Insel zurück, und Thränen -standen in seinen Augen. Auch ich wurde von tiefer Wehmut ergriffen, -als die letzten Bergesgipfel in die blauen Wogen der See hinabtauchten. - -Unsre Reise ging so schnell und glücklich von statten, daß wir am -11. Juni 1687 an Englands Küste landeten. Nicht durch Worte lassen -sich die Gefühle schildern, mit denen ich nach 35jähriger Abwesenheit -zum erstenmal wieder die heimatlichen Fluren begrüßte. Wie fremd kam -ich mir in dieser Welt, unter diesen Menschen vor; war es mir doch, -als hätte ich niemals dieses Inselland gekannt! Noch seltsamer und -staunenswerter aber fand Freitag die Wunder meiner Heimat: in den -Häfen den mastenreichen Wald der Schiffe, die langen Straßen mit den -hohen steinernen Häusern, das unübersehbare Gewühl und das geschäftige -Treiben der Bewohner. - -Ohne Verzug eilten wir der Weltstadt London zu. Dort erkundigte ich -mich zuerst nach der Witwe, der ich mein kleines Vermögen anvertraut -hatte. Sie war noch am Leben, aber zum zweitenmal Witwe geworden, -hatte manches Ungemach erlebt und befand sich in den drückendsten -Vermögensumständen. Das Geständnis, die anvertraute Summe mir nicht -zurückerstatten zu können, war für sie so niederschlagend, daß mich die -arme brave Frau in tiefster Seele dauerte. Ich suchte sie über diesen -Punkt zu beruhigen und sagte ihr, daß wir quitt seien, da ich ihr die -einst bewiesene Güte bis jetzt nicht habe vergelten können. - -Ein paar Tage darauf begab ich mich nach York. Mein Vater und meine -Mutter waren längst gestorben, und von meiner ganzen Familie fand ich -niemand mehr am Leben, als zwei Schwestern und zwei erwachsene Söhne -meines zweiten Bruders, der erst vor wenig Jahren heimgegangen war und -einiges Vermögen hinterlassen hatte. Da man natürlich annahm, ich sei -längst gestorben, so war ich von dem Erbteil ausgeschlossen worden, -und meine Geschwister befanden sich nicht in der Lage, den auf mich -entfallenden Anteil mir auszuzahlen. So mußte ich mich denn lediglich -auf das beschränken, was ich von meiner Insel mitgebracht hatte. In -York war nun nichts weiter für mich zu finden: ich kehrte deshalb nach -London zurück, wo ich mit dem Kapitän zusammentraf. Der brave Mann -hatte seinen Reedern einen so vorteilhaften Bericht über mich und meine -Mitwirkung für die Wiedereroberung seines Schiffes erstattet, daß sie -nicht nur ihren lebhaftesten Dank gegen mich aussprachen, sondern -mich auch baten, ein Geschenk von 200 Pfd. Sterling anzunehmen. Diese -Summe setzte mich in den Stand, selbst nach *Lissabon* abzureisen, um -dort Erkundigungen über meine Pflanzung und meinen Geschäftsgenossen -in Brasilien einzuziehen, der mich ohne Zweifel schon seit drei -Jahrzehnten für tot halten mußte. - -In dieser Absicht schiffte ich mich nach Lissabon ein, woselbst ich in -Begleitung meines unzertrennlichen Gefährten Freitag gegen Ende des -September ankam. Zuerst fragte ich nach dem portugiesischen Kapitän, -der mich so liebevoll aufgenommen und mir mit seinem wohlmeinenden -Rate so treu zur Seite gestanden hatte. Er war jetzt hochbetagt und -ging nicht mehr zur See; er hatte an seinen Sohn die Führung des -Schiffes sowie seiner Handelsgeschäfte nach Brasilien abgetreten. -Wir erkannten einander kaum wieder, aber schon nach einer kurzen -Auseinandersetzung begrüßten wir uns herzlich als alte Freunde. Ich -mußte ihm meine wunderbaren Schicksale erzählen, und als ich damit -zu Ende war, erkundigte ich mich nach dem Stande meiner brasilischen -Pflanzung und nach meinem Mitpflanzer. Der Greis berichtete mir, -er habe seit neun Jahren Brasilien nicht besucht; damals sei mein -Handelsgesellschafter noch am Leben gewesen, die beiden von mir -ernannten Faktoren wären aber gestorben. Indessen glaubte er, daß man -über das Gedeihen meiner Pflanzung günstige Berichte erhalten werde, -denn nach der allgemeinen Annahme, daß ich in einem Schiffbruche -untergegangen sei, hätten meine beiden Faktoren meine Rechte auf die -Pflanzung dem Staatsprokurator übergeben; es sei bestimmt worden, daß, -im Fall ich nicht wiederkehre, um mein Eigentum in Anspruch zu nehmen, -ein Drittel dem königlichen Schatze und zwei Drittel dem Kloster des -heiligen Augustin zufallen sollten, um zur Unterstützung der Armen -und zur Bekehrung der Indianer zur katholischen Religion verwendet -zu werden. Käme ich aber selbst oder ein von mir Bevollmächtigter, -um die Rückgabe meines Vermögens zu verlangen, so würde es mir nicht -vorenthalten werden, mit Ausnahme dessen, was zu mildthätigen Zwecken -verwendet worden wäre. - -Weiterhin wurde mir versichert, daß der Intendant der königlichen -Einkünfte und der Schatzmeister des Klosters jährlich eine Rechnung von -dem Ertrage empfangen und davon die mir rechtlich zukommende Hälfte -regelmäßig bezogen hätten. - -Als ich den Greis fragte, ob mir die Geltendmachung meiner Ansprüche -auf die Pflanzung etwas nützen würde, erwiderte er: - -»Ja, sicherlich wird es sich der Mühe lohnen. Ihr Gesellschafter ist -ein reicher Mann geworden, und wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, -so beläuft sich das auf den König gefallene Drittel jährlich über 200 -Moedore (= 4800 Mark). Auch wird es keine Schwierigkeiten verursachen, -den Besitz Ihrer Pflanzung wieder anzutreten, da Ihr Gesellschafter -noch am Leben, also Zeuge Ihres Eigentumsrechtes ist, und Ihr Name -überdies noch immer in den Verzeichnissen der Pflanzer eingetragen -steht. Auch die Erben Ihrer Faktoren sind brave und redliche Leute, -und ich zweifle nicht, daß sie Ihnen bei Ihrem Vorhaben förderlich zur -Seite stehen werden. Außerdem aber müssen sie, wenn ich nicht ganz -irre, auch eine bedeutende Geldsumme für Sie in Händen haben, die aus -den Einkünften der Pflanzung herrührt, welche ihre Eltern zu jener Zeit -bezogen, ehe sie vor ungefähr zwölf Jahren dem König und dem Kloster -dieselben überlassen mußten.« - -Ich vermochte nicht, meinen Unwillen darüber zu unterdrücken, daß -meine Faktoren so eigenmächtig über mein Vermögen verfügt hatten, -da ihnen doch wohl bewußt war, daß ich *ihn* -- den Kapitän -- zum -Universalerben in meinem Testament eingesetzt hatte. - -Der alte Mann erwiderte, daß er meinen letzten Willen nicht habe -vollziehen können, weil er keine Beweise für meinen Tod oder eine ewige -Verschollenheit gehabt hätte. »Aber«, fügte er hinzu, »ich habe Ihnen -noch etwas zu sagen, was Ihnen vielleicht minder unangenehm sein wird. -Auf die allgemein geglaubte Nachricht von Ihrem Tode erboten sich Ihr -Gesellschafter und Ihre Faktoren, mich durch die Einkünfte der ersten -sechs Jahre abzufinden, worauf ich auch eingegangen bin. Dieselben -waren aber nicht bedeutend, weil damals auf die Pflanzung selbst noch -große Summen verwendet wurden. Indessen werde ich Ihnen hierüber noch -genaue Rechnung vorlegen.« - -Nach einigen Tagen empfing ich von dem alten Kapitän wirklich die -Rechnung, und es stellte sich heraus, daß er mir 470 Moedore schuldete, -die er in Tabak, Zucker, Rum und andern Produkten empfangen hatte, -außer 15 Doppelrollen Tabak und 60 Kisten Zucker, die in einem -Schiffbruch verloren gegangen waren. Hierauf holte er eine lederne -Börse, nahm daraus 160 Moedore und händigte mir dieselben mit der -Bemerkung ein, daß ihn viele Unglücksfälle betroffen hätten, wodurch -er sich jetzt außer stande sähe, mir die ganze Rechnung auszuzahlen. -Für den Rest bot er mir einen Vertrag an wegen der Hälfte des Anteils, -den er und sein Sohn an der Fracht eines Schiffes hätten, welches von -diesem geführt und in kurzem ankommen würde. - -Die Rechtschaffenheit des braven Greises rührte mich bis zu Thränen, -besonders als ich an die vielen Wohlthaten dachte, die er mir einst -erwiesen hatte. »Jetzt aber, teurer Kapitän«, drang ich in ihn, »sagen -Sie mir unumwunden, ob Sie die Entbehrung dieser Summe irgendwie in -Verlegenheit setzt?« - -»Ich leugne nicht, mein lieber Freund«, entgegnete der Greis, »daß -es mir einigermaßen unbequem fällt, aber es ist *Ihr* Geld, und Sie -bedürfen desselben vielleicht noch nötiger als ich.« - -Der Mann flößte mir immer mehr Achtung und Teilnahme ein. Ich nahm 100 -Moedore und stellte ihm darüber eine Quittung aus, dann gab ich ihm -60 Moedore und seine Papiere mit der Bemerkung zurück, daß ich von -einem solchen Ehrenmanne, wie er sei, keine weitere Sicherheit nötig -hätte. Der alte Kapitän freute sich über meine Erkenntlichkeit und gab -mir dann in betreff meiner brasilischen Reise manche beherzigenswerte -Winke, die meiner allezeit raschen Wanderlust Zügel und Zaum anlegten. - -In nächster Zeit gingen zwei Schiffe nach Brasilien ab, und mit diesen -wurden meine beglaubigten Papiere und Dokumente an den Ort ihrer -Bestimmung befördert. Noch waren nicht sieben ganze Monate verflossen, -als von den Erben meiner Faktoren ein Päckchen einlief mit den -folgenden Papieren: - - 1. Eine Rechnung vom Ertrage meiner Pflanzung während der ersten - sechs Jahre, nach abgeschlossener Rechnung mit dem Kapitän, laut - welcher mir zu gute kamen, - Moedore 1174 - - 2. Eine Rechnung vom Ertrage derjenigen Jahre, welche der - obrigkeitlichen Verwaltung meiner Einkünfte vorhergingen - Moedore 3241 - - 3. Eine Rechnung vom Prior des Klosters, welches über vierzehn Jahre - zwei Drittel meiner Einkünfte bezogen hatte, noch vorhanden - Moedore 872 - ------------ - Moedore 5287 - -Was der Prior für mildthätige Zwecke verausgabt hatte, konnte ich nicht -zurückverlangen, und über das Drittel, welches der Prokurator für des -Königs Säckel bezogen hatte, erhielt ich weder Rechnung noch Geld. - -In jenem Päckchen lagen außerdem noch Briefe von meinem ehemaligen -Gesellschafter und seiner Familie, welche sämtlich die aufrichtigsten -Glückwünsche enthielten, ferner ein umständlicher Bericht über den -gegenwärtigen blühenden Zustand der Plantage und eine Einladung, selbst -den Besitz meiner Ländereien anzutreten. Außerdem war dem Briefe noch -beigefügt ein Geschenk von sechs Kistchen eingemachter Früchte, von -100 Stückchen ungemünzten Goldes, etwas kleiner als die Moedore, und -sechs prächtigen Leopardenfellen, die mich auf den Schluß brachten, daß -meine Nachfolger Schiffe nach Afrika ausgerüstet hatten und mehr vom -Schicksale begünstigt waren als ich bei meiner Fahrt nach Guinea. - -Aber das war noch nicht alles, denn fast gleichzeitig erhielt ich von -den Erben meiner Faktoren eine zweite Sendung, die mir als Zahlung der -schuldigen 4415 Moedore, 1200 Zuckerkisten, 800 Tabaksrollen und den -Rest in Gold zuführte. - -Das war zu viel auf einmal! Fast erlag ich dem Drucke, welchen das -Übermaß der Freude auf mich kurz vorher noch so armseligen Sterblichen -ausübte. Jetzt war ich mit einem Schlage ein reicher Mann, der über -Besitzungen in zwei Weltteilen zu verfügen hatte. Da durfte ich denn -meinen alten wackeren Kapitän nicht vergessen. Sofort zahlte ich -ihm seine 100 Moedore zurück, quittierte über den Empfang der noch -rückständigen 370 und setzte ihm eine jährliche Rente von 100 und nach -seinem Ableben seinem Sohne eine solche von 50 Moedoren aus. Außerdem -betraute ich ihn mit der Vollmacht, meine Einkünfte in Brasilien zu -beziehen und mir zu übermitteln. - -Mit dem nächsten nach Brasilien gehenden Schiffe sandte ich ein -Antwortschreiben zurück, in welchem ich meinen Dank aussprach für die -wohlgemeinten Glückwünsche und zugleich die Absicht mitteilte, bald -nach Brasilien überzusiedeln und dort vielleicht meine Tage in Ruhe -zu beschließen. Als Gegengeschenk fügte ich feine englische Tücher, -seidene Stoffe aus Italien, Spitzen aus Brabant und andres dergleichen -bei. Dem Prior aber gab ich meine Entschließung kund, 500 Moedore -seinem Kloster und die übrigen 372 den Armen zu vermachen. - -So waren meine südamerikanischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht. -Wenn ich dasselbe nur auch schon von den europäischen hätte sagen -können; denn hier stieß ich auf gar mannigfache Verlegenheiten. -Zuvörderst mußte ich darauf bedacht sein, meine Kapitalien sicheren -Händen zu übergeben, und es blieb mir nichts andres übrig, als selbst -nach England zurückzukehren. - -Mein alter Freund, der Seemann, riet mir, über Madrid und Paris nach -Calais zu reisen und von da nach Dover überzusetzen. Damit ich aber -auch Reisegesellschaft hätte, so machte er mich mit dem Sohne eines -englischen, in Lissabon ansässigen Kaufmanns bekannt, der mich zu -begleiten wünschte. Außerdem schlossen sich noch zwei andre Kaufleute -aus England sowie zwei Portugiesen an, so daß wir im ganzen sechs -Herren nebst fünf Dienern waren, aber wohlberitten und bewaffnet. Meine -Reisegefährten beliebten, mir den Titel »Kapitän« zu geben, einmal, -weil ich der Älteste von ihnen war, dann auch, weil ich *zwei* Diener -hatte. - -Wir verweilten einige Zeit in *Madrid*, um den Hof und die übrigen -Merkwürdigkeiten der spanischen Residenz zu besehen, und gegen -Mitte Oktober rückten wir weiter, um bei der schon vorgeschrittenen -Jahreszeit die Pyrenäen möglichst bald im Rücken zu haben. In Pamplona -berichteten uns die Leute, daß auf dem Nordabhange des Gebirges bereits -Massen von Schnee lägen, die ein Durchkommen schlechterdings unmöglich -machten. Die Kälte war in der That empfindlich, zumal wenn man, wie -ich, viele Jahre lang unter der tropischen Sonne gelebt und erst seit -zehn Tagen den blauen Himmel des heißen Kastilien verlassen hatte. Dem -armen Freitag spielte die Kälte noch weit mehr mit -- der Sohn Amerikas -sah hier zum erstenmal die Natur in ihrem rauhen Winterkleide! - -Ich machte meinen Reisegefährten den Vorschlag, nach Fuentarabia -aufzubrechen, uns daselbst einzuschiffen und nach Bordeaux zu fahren. -Während wir uns noch darüber berieten, trafen vier Franzosen in unserm -Gasthof ein, deren Reise sowohl auf französischer wie auf spanischer -Seite Aufschub erfahren und welche die Reise über das Gebirge unter -Leitung eines kundigen Führers gemacht hatten. Wir ließen den Mann auf -der Stelle holen, und er versprach, uns auf den nämlichen Wegen nach -Frankreich hinüber zu geleiten. Vom Schnee sei nichts zu befürchten, -sagte er, aber vor den Wölfen, die wegen der großen Kälte zu ganzen -Trupps ausgehungert umherschwärmten, könne man nicht genug auf der Hut -sein. Wir entgegneten ihm, daß wir hinlänglich mit Waffen versehen -seien, um solch einen Trupp nach Gebühr zu empfangen. Wegen des -Führergeldes wurden wir mit dem Manne schnell handelseinig, und so -brachen wir, nachdem sich uns noch zwölf Reisende mit ihrer Bedienung -angeschlossen, am 15. November 1687 von Pamplona auf. - -Wir waren nicht wenig verwundert, als uns der Führer wohl an zehn -Stunden weit auf der Straße nach Madrid rückwärts führte, wo wir uns -in einem angenehm warmen Klima und in schöner, schneeloser Landschaft -befanden. Dann aber wandte er sich links gegen den Gebirgszug und -führte uns, an tausend schauerlich gähnenden Abgründen vorbei, bis auf -die Höhe des Gebirges, von wo uns die grünen, lachenden Gefilde von -Languedoc und der Gascogne entgegenblinkten. Bis dorthin war freilich -noch mehr als *ein* mühevoller Schritt zu machen, wenngleich man das -Schlimmste überstanden zu haben glaubte. - -Eines Nachmittags wurde aber der Führer, als er uns vorausritt, von -zwei Wölfen und einem Bären angegriffen. Der bestürzte Mann verlor so -sehr alle Besinnung, daß er, statt sein Pistol abzufeuern, nur aus -Leibeskräften schrie. Schnell gebot ich Freitag, hinzureiten, und er -zerschmetterte durch einen sicheren Pistolenschuß den Kopf des einen -Wolfes. Der andre, welcher sich heißhungrig auf das Pferd gestürzt -hatte, entfloh, von dem Knalle erschreckt, ins Gehölz; Freund Petz aber -ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern blieb ruhig stehen. Der -arme Führer hatte zwei empfindliche Wunden, eine in den rechten Arm, -die andre in den Schenkel erhalten; aber das Pferd war unverletzt -geblieben, da die Zähne des Wolfes nur die Riemen des Zaums gepackt -hatten. - -Man kann sich wohl denken, daß wir auf den Knall der Pistole, der wie -dumpf grollender Donner sich durch die Gebirgsthäler fortpflanzte, -unsern Pferden die Sporen in die Weichen drückten, um mit möglichster -Schnelligkeit auf den Platz des Abenteuers zu gelangen. Während wir den -Führer durch einen Schluck Branntwein zu stärken suchten und an seine -Wunden Verbände anlegten, gewahrten einige zu ihrem nicht geringen -Entsetzen, wie der Bär, ein Bursche von respektabler Größe, Miene -machte, sich zu nähern, statt sich zu entfernen. - -Schon wollten etliche Herren auf ihn anlegen, da bat mich Freitag: - -»O Herr, erlaube mir, daß ich dem Tiere die Hand reiche, es wird euch -allen viel zu lachen geben!« - -»Sei kein Thor, Freitag«, sagte ich zu ihm; »der Bursche dort läßt -nicht mit sich spaßen. Er wird dich mit Haut und Haar verschlingen.« - -»Was? Er mich essen?« triumphierte Freitag. »Dafür werde ich mich -sehr bedanken -- ich werde *ihn* essen; gebt acht, es wird viel Spaß -absetzen.« - -Die Reisegesellschaft gab seiner Laune nach und wartete der Dinge, die -da kommen sollten. Freitag zog im Nu seine Stiefel und Strümpfe aus, -zog statt deren ein Paar Schuhe an, übergab sein Pferd einem Bedienten, -nahm ein Gewehr und eilte gerade auf den Bären los. - -»Höre, höre, guter Freund«, wandte sich Freitag an Meister Petz, -»ich möchte mit dir ein bißchen plaudern.« Aber der Bär schien keine -besondere Neigung zu haben, sich in ein Gespräch einzulassen. Da die -freundliche Ansprache unerwidert blieb, versuchte Freitag auf andre -Art, dem Vierbeinigen Aufmerksamkeit einzuflößen. Er hob einen großen -Stein auf und warf ihn dem Tiere an den Kopf. Doch ob er den Bären -oder eine alte Mauer getroffen hätte, war ganz gleich: sein Gegenüber -verharrte in bewundernswürdigem Gleichmut. Dieser kecke Übermut -Freitags machte einige der Reisenden besorgt, und schon schickten sie -sich an, auf das Fell des Bären eine nachdrückliche Ladung zu geben. -Aber Freitag, der die Eigenart des Tieres studiert zu haben schien, -winkte abwehrend gegen die Schußfertigen. Dann wandte er sich seitwärts -und schwang sich auf den Stamm einer Eiche, an deren Fuße er sein -Gewehr anlehnte. Der Bär, immer wütender geworden, folgte knurrend -hinterdrein. - -Ich konnte bis jetzt in der ganzen Posse noch nichts »zum Lachen« -finden, im Gegenteil, mir war ganz unheimlich zu Mute, als ich meinen -Getreuen sich bis an das äußerste Ende des Astes zurückziehen und den -Bären ihm auf dem Fuße folgen sah. - -»Jetzt, meine Herren«, rief Freitag in heiterer Stimmung, »jetzt werden -Sie sehen: der Tanz beginnt!« - -Bei diesen Worten sprang er und schüttelte den Ast so kräftig, daß -diese schaukelnde Bewegung dem Bären unbehaglich wurde und er sich -bedachtsam zurückzog. Freitag aber ließ ihn nicht so leichten Kaufes -frei, sondern rief ihm zu: »Was kommst du nicht näher, Freund? Immer -komm her!« Und wirklich that das Tier einige Schritte vorwärts. Jetzt -neues kräftiges Schütteln und Schaukeln -- neuer Rückzug; kurz, das -Spiel dauerte eine Zeitlang in dieser Weise fort, und wir mußten über -die drolligen Gebärden des Bären herzlich lachen. - -Doch Abend und Dunkelheit brachen herein, und ich rief Freitag zu, dem -Possenspiel ein Ende zu machen; denn wir alle wußten nicht, wie der -Scherz ausgehen würde. - -Freitag zog sich sogleich an das äußerste Ende des Astes zurück, hielt -sich mit größter Geschicklichkeit mit beiden Händen daran fest und -sprang dann leichten Fußes auf den Boden. - -Hierauf ergriff er sein Gewehr und blieb bewegungslos stehen. Als der -Bär seinen Feind unten sah, ward es ihm auf dem Baume zu einsam, und er -wollte gleichfalls herabsteigen. Doch that er es mit einer merkwürdigen -Vorsicht, sah sich bei jedem Schritte um und kletterte endlich langsam -und bedächtig am Stamme herunter. Kaum aber berührte er mit seinen -Tatzen den Boden, so legte ihm Freitag seine Flinte ans Ohr und -streckte ihn tot nieder. Dann drehte sich der Schelm lachend uns zu, um -in unsern Mienen den wohlverdienten Beifall zu lesen, und sagte nicht -ohne einen Zug selbstgefälligen Stolzes: - -»So töten wir daheim, in Amerika, die Bären!« - -»Aber wie ist denn das möglich, Freitag«, warf ich ihm ein, »ihr habt -ja keine Flinten?« - -»Nein, meine Brüder haben keine Flinten, aber ihre langen Pfeile -treffen ebenso sicher.« - -Gern hätte Freitag dem erlegten Gegner das Fell abgezogen, aber -wir durften uns bei der zunehmenden Dunkelheit nicht unnützerweise -länger verweilen, zumal in unsre Ohren ein entsetzliches Geheul der -herumlungernden Wölfe drang. Schon im ersten Gehölze lief etwa ein -halbes Dutzend dieser Tiere über den Weg, welche aber gar keine Notiz -von uns zu nehmen schienen. Als wir gegen die Ebene zuschritten, -erblickten wir ein ganzes Rudel, welche an den Knochen eines Pferdes -nagten; bald schon vernahmen wir aus dem nahen Gehölze fürchterliches -Geheul und sahen gleich darauf eine große Schar einem seines Reiters -ledig gewordenen Pferde nachrennen. - -Dies erforderte rasches Handeln. Wir trennten uns in zwei geschlossene -Trupps und feuerten abwechselnd; gleich bei den ersten Schüssen -stürzten vier der Bestien, mehrere andre wurden verwundet und -röteten den Boden mit ihrem Blute. Wir selbst stimmten nun ein -ohrenzerreißendes Geheul an, und zwar so wirkungsvoll, daß es sogar den -Wölfen zu arg wurde und diese sich zurückzogen. Mittlerweile luden wir -rasch unsre Gewehre und setzten unsern Weg weiter fort. - -[Illustration: Robinson von Wölfen überfallen.] - -Unser Führer befand sich am folgenden Morgen so schwach, daß er uns -nicht weiter begleiten konnte; wir bezahlten ihn anständig, mieteten -einen Ersatzmann und zogen nach *Toulouse*, wo wir weder Schnee noch -Wölfe, sondern eine liebliche warme Sonne und fruchtbare blühende -Gefilde trafen. Als die Leute dort unser bestandenes Reiseabenteuer -vernahmen, fanden sie es unbegreiflich, wie unser Führer so kühn sein -konnte, uns in dieser Jahreszeit über das Gebirge zu führen, noch -dazu mit so vielen Pferden, welche die Gier der Wölfe aufs höchste -stacheln. Alle stimmten darin überein, daß wir nur wie durch ein Wunder -dem Tode entgangen seien. Denn bereits sei ein Reisender vor uns den -Heißhungrigen zum Opfer gefallen -- wohl der Besitzer jenes leeren, von -den Wölfen verfolgten Pferdes. - -Von Toulouse ging die Reise ohne Aufschub weiter nach *Paris*, von -da nach *Calais*, wo wir nach *Dover* übersetzten. Nach kurzer Rast -ließ ich mich noch an demselben Tage mit Freitag für den Postwagen -einschreiben und langte den Tag darauf in London an. - -Mein erster Besuch galt der guten alten Witwe, welche die Erzählung von -dem glücklichen Wechsel meines Schicksals unter Freudenthränen anhörte. -Ich setzte ihr eine lebenslängliche Rente von jährlich 100 Pfund -Sterling aus und quittierte über die Summe, die sie mir noch schuldete. -Dann bat ich sie, meinem Hauswesen vorzustehen, worein sie gern -willigte, und nach wenigen Tagen bezogen wir eine geräumige, behagliche -Wohnung. Mein Vermögen war bar in meinen Händen, denn die Wechsel, -die ich mitbrachte, wurden ohne Schwierigkeit eingelöst. Auch meine -Schwestern vergaß ich nicht: ich sandte einer jeden 100 Pfund Sterling -und fügte das Versprechen hinzu, ihnen diese Summe lebenslänglich als -eine jährliche Pension zu sichern. Meine beiden Neffen nahm ich zu mir, -und da der älteste etwas eignes Vermögen besaß, so erzog ich ihn wie -einen Mann von Stande und sorgte, daß er diesen Rang behaupten konnte. -Der zweite hatte Neigung zur Seefahrt; ich billigte natürlich diese -Neigung und übergab ihn deshalb der Obhut eines angesehenen, tüchtigen -Schiffskapitäns, der ihn auf weiten Reisen, besonders nach Westindien, -zu einem wohlunterrichteten, taktfesten Seemann ausbildete. - -Während der ersten Zeit meines Aufenthalts in London dachte ich oft -an meine brasilische Pflanzung und an das Versprechen, dieselbe zu -besuchen. Allein die Gesellschaft, die ich dort vorgefunden haben -würde, und die ganze Lebensart überhaupt behagten mir so wenig mehr, -daß ich mich lieber entschloß, die Pflanzung zu verkaufen. Ich schrieb -deshalb an meinen alten Freund in Lissabon und bat ihn um seinen -Beistand in dieser Angelegenheit. Seine Antwort lautete dahin, er -halte es für das vorteilhafteste, den Erben meiner ehemaligen Faktoren -den Kaufantrag zu machen. Die Unterhandlungen folgten rasch, und -nach dreiviertel Jahren gingen in Lissabon die Anweisungen auf 33000 -Moedore (825000 Mark) ein. Dem Kapitän gab ich den Auftrag, das Kapital -der ihm zugesicherten Rente für sich selber zu behalten und mir den -Rest des Geldes zu übersenden, was auch in sehr kurzer Zeit in guten -Wechseln geschah. Nachdem ich auch diese beträchtliche Summe sicher -angelegt hatte, konnte ich sorgenfrei in London leben. Um nicht allein -in der Welt dazustehen, verheiratete ich mich mit einer Dame, deren -Liebenswürdigkeit und wirtschaftlicher Sinn mir das häusliche Leben so -angenehm machten, daß ich mich in meinen vier Pfählen recht behaglich -fühlte. - -Im Hafen einer sicheren und Ruhe verheißenden Existenz war ich nun -nach mancherlei Stürmen mit dem 56. Jahre meines Lebens eingelaufen. -Es schließt hiermit der erste Hauptabschnitt einer abenteuerlichen -Laufbahn, welche die gütige Vorsehung mit einer seltenen -Mannigfaltigkeit menschlicher Schicksale ausgestattet hatte, eine -Laufbahn, die zwar thöricht begonnen, doch bei weitem befriedigender -verlaufen sollte, als ich irgend hoffen durfte. Daß ich nach einigen -Jahren nochmals aus der gewonnenen Ruhe und aus dem friedlichen Behagen -heraustreten und einen weiteren Teil der Welt durchwandern sollte, -hätte ich damals selbst nicht geglaubt. - - - - -[Illustration: Mitten im Eise.] - -Fünfzehntes Kapitel. - -Aufenthalt in England und neue Reise. - - - Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer. - -- Der Büffeljäger. -- Ankunft in der Kolonie. - -Mein Glück schien nach einem 35jährigen Kampfe gegen die Wechselfälle -des Lebens fest begründet, und ich würde sorglos in beschaulicher -Zurückgezogenheit haben leben können, wenn ich nicht immer und immer -wieder an meine Insel und die zurückgelassene Kolonie hätte denken -müssen. Verglich ich mein früheres rastloses Wirken mit meiner jetzigen -Unthätigkeit, dann ergriff mich Unmut, und die Welt, in der ich thatlos -dahinlebte, wurde mir zu enge. Mich zog wieder eine heftige Sehnsucht -hinaus über den weiten Ozean, nach fernen Ländern. - -Um diesen Anwandlungen neuer Reiselust zu widerstehen, kaufte ich -mir in Bedfordshire ein Landgut, dessen schöner Meierhof so weit von -der See ablag, daß mich der Blick auf dieselbe oder der Umgang mit -Seeleuten nicht aufregen konnte. Ich richtete mich behaglich ein, -kaufte Geräte und Vieh zur Ackerwirtschaft, pflanzte, jätete, riß ein -und baute wieder auf, um meinen Gedanken eine andre Richtung zu geben. -Aber wie mein eigner Schatten verfolgte mich die Sehnsucht nach der -Ferne. Einige Jahre hielt ich es aus, als mir aber meine Frau durch den -Tod entrissen wurde, fand ich keinen Gefallen mehr an dem bisherigen -Stillleben. Zwei Kinder, die mir geschenkt waren, hatte ich guten -Händen anvertraut. Die landwirtschaftlichen Beschäftigungen langweilten -mich mehr und mehr, und ich beschloß, mein Gut zu verkaufen und nach -London zu ziehen. Anfangs behagte mir die Veränderung, die Zerstreuung -in der Hauptstadt, aber bald fand ich den Lärm derselben und noch mehr -das Nichtsthun unerträglich und ich sann auf Veränderung. - -Als ich einstmals in tiefes Nachsinnen über Zukunftspläne versunken auf -dem Lehnstuhle saß, besuchte mich mein Neffe, der als Schiffskapitän -Südamerika kennen gelernt hatte und nun dorthin über Neufundland -zurückkehren wollte. Er lud mich ein, ihn zu begleiten, ich sagte zu -und -- machte mich dann reisefertig. - -Nachdem ich zuvor mein Vermögen sicher angelegt, die Wahrnehmung -meiner Angelegenheiten und die Aufsicht über die Erziehung meiner -Kinder meiner Haushälterin, der treu bewährten alten Witwe, anvertraut -hatte, begab ich mich am 8. Januar des Jahres 1694 mit meinem Freitag -an Bord der kleinen Fregatte, die in den Dünen vor Anker lag. Noch an -demselben Abend gingen wir unter Segel. Die Ladung, die ich mit mir -führte, war wertvoller und mannigfacher als je eine der früheren. Sie -enthielt ein zerlegtes Fahrzeug, allerlei Tuchsorten, leinene und andre -Stoffe; ferner Hüte, Schuhe, Strümpfe, Bettzeug, Töpfe, Kessel, Nägel, -Werkzeuge; endlich zahlreiche Flinten, Pistolen und zwei metallene -Kanonen; hierzu Pulver, Kugeln und Schrot in allen Sorten, weiterhin -andre Waffen, wie Säbel, Degen und Lanzen. Hierdurch glaubte ich für -den Verteidigungszustand der Inselfestung hinreichend gesorgt zu haben. - -Ein frischer Wind führte uns aus dem Hafen, und bald befanden wir -uns auf offener See; ringsum nur Himmel und Wasser. Nach etwa acht -Tagen erhob sich ein mächtiger Südsturm und trieb uns tief in das -nebelbedeckte Meer von Neufundland. Anfangs gefiel mir dieser Wechsel, -aber bald wurde die Sache doch unangenehm. Ein eisiger Wind blies über -das Schiff und drang tief in die Glieder. Die Wellen, welche Schaum -spritzend an die Schiffswände schlugen und uns durchnäßten, gefroren, -und so wurden unsre Kleider mit einer Eisrinde bedeckt, die Segel steif -und unlenksam, das Takelwerk starr wie Stangen. Dabei herrschte wegen -des dicken Nebels stete Dämmerung um uns, so daß der Steuermann den -Schiffsschnabel kaum noch sehen konnte und wir in Gefahr gerieten, an -einen schwimmenden Eisberg oder eine Eisscholle anzurennen. In der -That huschten von Zeit zu Zeit graue Schatten wie Gespenster an uns -vorbei, auf welche die Matrosen mit sorglichen Blicken schauten, da -sie in ihnen Eisberge erkannten. Endlich verwandelte sich die feuchte -Luft in Eiskristalle, es begann ein Schneewehen, welches bald zu wildem -Schneegestöber wurde. Doch dauerte es nicht an, der Horizont hellte -sich etwas auf, so daß wir etwa einen halben Kanonenschuß weit sehen -konnten. - -Da rief der wachthabende Matrose: »Schiff in Sicht!« Wir eilten aufs -Verdeck und sahen wirklich ein Schiff gerade auf uns zukommen, denn -es war windstiller geworden und das kalte Polarwasser strömte uns -entgegen. Wir riefen dem Fahrzeuge zu, rechts auszuweichen. Aber -niemand ließ sich auf dem fremden Schiffe sehen und hören, dessen -ganzes Aussehen einer Ruine glich. Der Hauptmast war in der Mitte -abgebrochen, an den Raaen hingen hier und da Segelfetzen, wie etwa an -der Stange einer alten Regimentsfahne, die oft ins Kartätschenfeuer -gekommen ist. Die andern Masten fehlten, die Schiffsplanken schienen -gewaltsam in die Höhe gedrückt, am Steuer hing ein großer Eisklumpen, -auf dem Verdeck lag tiefer Schnee, und doch glaubten wir am Mast -eine menschliche Gestalt zu entdecken, die nach uns herüber sah. Wir -riefen, schossen eine Kanone ab; alles umsonst. Nichts regte sich auf -dem Geisterschiffe, das auf uns zukam, als wollte es uns in den Grund -bohren. Den Matrosen ward unheimlich zu Mute; aber meinen Neffen und -mich reizte die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem Selbstsegler -für eine Bewandtnis habe. Das Boot wurde langsam niedergelassen und -dann nach dem rätselhaften Schiffe gerudert. - -Wir langten bald an, stiegen die Treppe hinauf und betraten das Deck -nicht ohne einiges Herzklopfen. Dichter Schnee starrte auf dem Deck, -doch nirgends stieß man auf menschliche Spuren. Unordentlich lagen -Taue, Ketten und andre Gerätschaften durcheinander, aber allesamt mit -Schnee und Eiskrusten überzogen. Zögernd schritten wir nach der Treppe, -um in die Kajütte hinabzusteigen. Als wir am Mast vorübergingen, -prallte mein Neffe entsetzt zurück. Wir fanden angelehnt an den Mast -einen Matrosen, mit abgezehrtem Gesicht und verzerrten Zügen zur Hälfte -aus der Schneedecke hervorragend. Beim Hinabsteigen ins Zwischendeck -wurde uns in dem lautlosen Schiffe noch unheimlicher, denn es trug die -Spuren wilder Zerstörung; es fehlten Balken, Planken, Thüren und was -sonst zu einem gut ausgerüsteten Schiffe gehört. Dagegen entdeckten wir -Leichen in verschiedenen Stellungen, alle gehüllt in zerfetzte Kleider, -abgemagert und mumienartig eingetrocknet. - -Wir wagten kein Wort zu sprechen in diesem schwimmenden Leichenhause. -Jetzt befanden wir uns vor der Kajütte. Mein Neffe öffnete die Thür, -blieb jedoch wie festgebannt stehen. Ich sah ihm über die Schulter -und entsetzte mich auch. Denn am Tische saß ein Mensch in Kleidern -aus Renntierhaut und ein Bärenfell unter den Füßen. Eine Pelzmütze -bedeckte seinen Kopf, in der Hand hielt er eine Feder und hatte eine -Stellung, als wenn er im Schreiben begriffen sei und darüber nachdenke, -wie er fortfahren solle. Schüchtern traten wir näher und stellten uns -dem Schreiber gegenüber. So etwas Grauenerregendes wie dieses Antlitz -hatte ich noch nie gesehen. Das Gesicht war abgezehrt, gelb und die -Haut straff über die Knochen gespannt. Graue Augen starrten in mattem -Glanze nach einem Bilde an der Wand, welches eine Frauensperson mit -einem Kinde auf dem Arme darstellte. Vor dem Toten lag das Schiffsbuch. -Wir warfen einen Blick hinein und lasen die Worte: »Seit gestern ganz -allein; aber es geht auch mit mir zu Ende. Wäre es doch überstanden! -Ich fühle, daß die letzte Stunde -- -- o Karoline, o lieber Eduard, leb --- --.« - -[Illustration: Das brennende Totenschiff.] - -Wir durchsuchten das Schiff, fanden es aber ausgestorben und wie -ausgeplündert, daher nahmen wir nur das Schiffsbuch mit, um uns über -das Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung zu unterrichten. »Weißt -du was«, sagte ich zu meinem Neffen, »die Toten wollen begraben sein! -Aber nicht im Meere, sondern auf einem Scheiterhaufen, wozu wir ihr -Schiff benutzen.« Mein Neffe dachte nach, nickte beistimmend, und -in wenig Minuten knisterte die helle Flamme im Schiffe. Rasch und -innerlich froh, das unheimliche Fahrzeug wieder verlassen zu können, -eilten wir zu unsrer Brigg zurück und sahen von dort aus das brennende -Totenschiff, wie es die Matrosen nannten, davonsegeln, sich weiter und -weiter entfernen, bis es am Horizonte endlich wie ein Punkt verschwand. -Das Ganze würde uns wie ein Traum vorgekommen sein, hätte uns nicht -das Schiffsbuch davon überzeugt, daß wir den Abschluß einer wahren -Begebenheit erlebt hätten. Neugierig blätterten wir das Schiffsbuch -durch und erfuhren, daß das Totenschiff eigentlich ein Walfischfahrer -war, mit Namen »Hemskerk«, welchen Delfter Reeder in das Grönländische -Meer auf die Jagd ausgesandt hatten. Die Unternehmung hatte, den -Aufzeichnungen zufolge, anfänglich den gewünschten Erfolg gehabt, dann -aber zeigten sich die Wale nur noch selten, und man beschloß daher, -weiter nach Norden vorzudringen, um neue Jagdgründe zu entdecken. -Man kreuzte hin und her; darüber verstrichen zehn bis zwölf Tage, es -trat ein zeitiger Winter ein; die Walfischfahrer mußten umkehren und -befanden sich bald mitten zwischen Eisschollen und Eisbergen. Tag und -Nacht dröhnte, krachte und knallte es von zusammenstoßenden, berstenden -Schollen, und schwankend taumelte das Schiff. Endlich tauchte eine -große, mächtige Scholle unter, verschwand unter dem Schiffe, hob sich -aber mitsamt demselben, welches nun auf die Seite sank und in dieser -Stellung verblieb. - -Die Seefahrer waren zwischen Eis- und Gletschermassen eingesperrt und -mußten sich zu einer Überwinterung einrichten. Bald trat Mangel ein; -es ging bereits mit dem Öl und Brennmaterial sehr knapp her. Da es an -frischem Fleische fehlte, brachen Krankheiten aus, die Leute wurden -zaghaft, lungerten traurig und verdrossen umher und erfroren lieber, -als daß sie sich dem langsameren Hungertode aussetzten. - -Mit jeder Woche wurde die Zahl der Gestorbenen größer, und die -Überlebenden waren so matt, daß sie sich kaum von der Stelle bewegen -konnten. Was nur genießbar erschien, wurde zu essen versucht: die -Haut der Pelze, das Leder der Stiefelschäfte, sogar Sägespäne. Nur -drei Mann überlebten den Winter und das Frühjahr. Der Sommer schien -endlich Erlösung zu bringen, denn das Eis teilte sich und das Schiff -gewann wieder das freie Meer; aber in welchem Zustande! Die Masten -waren vom Sturm und beim halben Umstürzen zerbrochen, das Steuerruder -unbrauchbar, die Überlebenden ohne alle Kräfte. Was half da die -erlangte Freiheit! Jeder trug den Tod bereits in sich und sah ihn -voraus. - -»So sitze ich denn«, schloß der Bericht, »ganz allein in dem -ausgestorbenen und ausgeleerten Schiffe, nehme meine letzte Kraft -zusammen, um der Welt und den Meinigen in Gedanken für immer lebewohl -zu sagen und dann zu sterben. Mir flirrt es schon vor den Augen, der -Kopf ist mir wie ausgeblasen und leer; so lebt denn wohl, lebt wohl, -herzinnig geliebtes Weib und Kind!« -- -- - -Lange saßen wir schweigend uns gegenüber, nachdem wir den Bericht -gelesen; es überlief uns eiskalt, wenn wir uns in die Lage des -Schreibers versetzt dachten. Lebhaft malte sich unsre Einbildung die -Szenen aus, welche der Kapitän und seine Untergebenen durchlebt haben -mußten, als sie in dem Totenschiff einsam dahinzogen durch das dunkle -Meer und die schneeerfüllte Luft! - -»So etwas kann nur ein Seemann erleben!« sagte mein Neffe, warf einen -sinnenden Blick durch das Kajüttenfenster aufs rauschende Meer, wandte -sich dann schnell, um die Schiffsmannschaft bei ihrer Arbeit zu -beaufsichtigen und sich durch diese Thätigkeit von trüben Gedanken zu -befreien. Mich selbst beunruhigte das Totenschiff noch einige Tage, -endlich aber brachten die Pflichten des Tages wieder ruhige Stimmung. -Wir landeten glücklich in Neufundland, brachten schnell unsre -Geschäfte zum Abschluß und ließen uns dann von der Strömung an der -Küste Amerikas entlang treiben bis in die Gegend des Antillenmeeres. - -Als wir eines Tages langsam in geringer Entfernung von der flachen -Küste dahinstrichen, bemerkten wir in der Ferne eine Art Indianerboot -und darin aufrecht stehend einen Mann, der uns zuwinkte. Wir mäßigten -den Lauf unsres Schiffes und setzten ein Fahrzeug aus, welches bald -mit einem seltsam aussehenden Manne zurückkehrte. Derselbe zeigte -europäische Gesichtsbildung, trug am Leibe auch Reste europäischer -Kleidung, dagegen ein indianisches Lederwams; seine Füße waren voll -Wunden, zerfetzt und entstellt, und an den Fuß- und Handgelenken -hatte er Lederringe, die zum Teil tief in das Fleisch schnitten. Der -Fremdling sah elend und herabgekommen aus und behauptete, er sei den -Rothäuten entflohen, die ihn als Sklaven benutzt hätten und schon am -nächsten Festtage ihrem Kriegsgotte opfern wollten. In der letzten -Stunde bot sich ihm Gelegenheit zur Flucht; von seinen Peinigern -verfolgt, gelangte er an einen breiten Fluß, welcher sein Fortkommen -hemmte. Hinter sich Indianer, vor sich den Strom mit steilem Ufer -- -da galt kein Besinnen, so oder so finde ich den Tod! dachte Wilm, der -Fremdling, und sprang ins Wasser. Zwar sank er unter, tauchte jedoch -wieder auf und hielt sich schwimmend auf der Oberfläche; wiewohl -fortwährend von Pfeilen und Lanzen bedroht, blieb er unversehrt, gewann -das jenseitige Ufer, fand dort eine Kanoe, schwang sich hinein und -ruderte aus Leibeskräften, um seinen Verfolgern zu entgehen, die am -Ufer dahinrannten, schreiend und lärmend, und ihm Steine und Geschosse -nachsandten. - -Er ruderte so lange, bis ihm die Kräfte ausgingen, dann legte er sich -platt in das Kanoe nieder, ließ sich von den Wellen forttreiben und -schlief vor Müdigkeit ein. Wie lange dieser totenähnliche Schlummer -gewährt, wußte er nicht. Beim Erwachen bemerkte er, daß er auf einem -großen, breiten Strome dahintreibe; er wollte sich nun dem Ufer -nähern, um sich nach Nahrung umzusehen, aber kaum war er eine kurze -Strecke weit gerudert, so entglitt plötzlich das Ruder seiner Hand, -und er befand sich jetzt hilflos auf einem Fahrzeuge, welches er -nicht mehr zu lenken vermochte. Was thun? Nach dem Ufer schwimmen? -Das lag weit entfernt. Also mußte sich Wilm dem Schicksale und -den Wellen überlassen, die ihn ziemlich schnell davontrugen. Zwar -peinigten ihn Hunger und Durst immer heftiger, aber nirgends zeigte -sich ein Rettungsweg. Endlich sah der zum Tode Erschöpfte das offene -Meer vor sich, in welches ihn der Strom führte. Unser Abenteurer gab -sich bereits verloren, denn nun fehlte ihm zum Durstlöschen auch -das Süßwasser, welches ihn erhalten hatte, so matt und fad es auch -schmeckte. Noch am zweiten Tage trieb er an der Meeresküste dahin, bis -ihn die Strömung unserm Schiffe nahe brachte. - -Der Erzähler sah erbarmenswert genug aus, sehr abgemagert, Wunden -an Händen, Füßen und Schultern. Man reichte ihm zunächst die nötige -Nahrung, damit er sich wieder erhole; später, am Abend, forderte -man den Fremdling auf, die Gesellschaft mit seiner Herkunft bekannt -zu machen. Aus seiner Erzählung erfuhren wir, daß er von Geburt -ein Schotte und schon in früher Jugend dem Triebe nach Reisen und -Abenteuern folgte. Er kam als Matrose auf einem Schiffe nach Amerika, -wo er als Jäger nach den indianischen Waldgründen zog und mancherlei -Gefahren, die er uns sehr spannend erzählte, zu bestehen hatte. -Zuletzt geriet er in die Gefangenschaft der Indianer und merkte an -den Äußerungen der Wilden, daß sie ihn am nächsten Frühlingsfeste dem -großen Geiste opfern wollten. Da galt es denn ernstlich, an baldiges -Entrinnen zu denken. Not macht erfinderisch, und so fand sich auch -ein Mittel zur Flucht. Wilm scheuerte an scharfer Baumrinde die ihn -fesselnden Riemen dünn, blies sich auf, wenn er angebunden wurde, -so daß er sich, wenn er Leib und Brust einzog, etwas drehen und -wenden konnte. Jede Nacht fanden Übungen in solchen Bewegungen statt, -und als die Riemen sich dünn genug erwiesen, entwand er sich der -Schlinge, die ihn an den Baum fesselte, und zerbiß die Riemen mit den -Zähnen. Indianer aber haben ein leises Gehör, man hatte seine Tritte -vernommen, im Nu war das Lager hinter ihm her. Zwar hatte er einen -Vorsprung, aber die wunden Füße hinderten ihn am Laufen. Sicher wäre -er in die Hände seiner Feinde gefallen, wenn er nicht das Ufer eines -Flusses erreicht und sich durch einen Sprung in denselben gerettet -hätte. - -Die Zuhörer Wilms waren seiner Erzählung aufmerksam gefolgt, und alle -betrachteten ihn als einen achtungswerten Schicksalsgenossen, ja es -deuchte allen am besten, wenn der Schotte sie nach der Kolonie begleite. - -Seit der Auffindung Freitags war mir ein gleich leidsamer Geselle nicht -in den Weg gekommen. Ich machte daher Wilm den Antrag, sich mir auf -meinen weiteren Fahrten beizugesellen. Er besann sich auch nicht lange -und sagte zu. - -So verging in verschiedenartigem Wechsel ein Tag nach dem andern. Kein -widriger Wind hinderte uns, und wir erreichten deshalb eher noch, als -wir es gedacht, die Insel Trinidad, in deren Nähe meine Kolonie lag. -Doch konnte ich meine Insel anfangs nicht wiedererkennen, weil sich -unser Schiff an der Nordseite befand und ich sie von dieser Seite aus -noch nie gesehen hatte. - - - - -[Illustration: Kampf und Streit zwischen den Kolonisten.] - -Sechzehntes Kapitel. - -Die Schicksale der Kolonie. - - - Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht über - die Wirren während der Abwesenheit des Gründers. -- Neue Ordnung. -- - Weitere Reisepläne. - -Endlich erkannte ich die Insel, und wir steuerten flott auf sie zu. -Die Bewohner hatten uns gleichfalls bemerkt und eilten voll Erwartung -ans Ufer. Kaum waren wir unter starkem Zulaufe gelandet, so erkannte -Freitag auch schon auf den ersten Blick unter den Versammelten seinen -Vater und schoß wie ein Pfeil durch die verdutzten Inselbewohner auf -ihn zu. Er fiel dem alten Manne mit ausgebreiteten Armen um den Hals, -streichelte ihm die Wangen, setzte ihn auf einen Baumstamm, kniete -vor ihm nieder und blickte ihm fest ins Gesicht, während die hellen -Freudenthränen über seine Wangen flossen. Dann ergriff er die Hände -des Greises und küßte sie; wieder erhob er sich, setzte sich von -neuem nieder und schaute in das Antlitz seines Vaters mit der ganzen -Zärtlichkeit eines kindlich liebenden Sohnes. Aber auch ich wurde -mit lauter Freude begrüßt und von meinem Stellvertreter Caballos in -meine ehemalige Behausung geführt, welche man mittlerweile mit einer -wohlangelegten Befestigung versehen hatte. - -Don Caballos erzählte mir, als wir behaglich bei einer Flasche Wein -saßen, die vielfachen Störungen und Streitigkeiten, welche während -meiner Abwesenheit vorgekommen waren. - -[Illustration: Die Kolonisten bei der Bodenbestellung.] - -»Anfänglich herrschte zwischen uns und den Engländern«, so berichtete -er, »das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, als ob die -Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die Engländer -aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften sie -auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergnügen Papageien, wendeten -Schildkröten um, und wenn sie des Abends nach Hause zurückkamen, ließen -sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich munden. Nur -um des lieben Friedens willen hatten wir sie gewähren lassen. Aber -nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu thun, hielten uns die Engländer -von unsern eignen Geschäften ab. Die ersten Zwistigkeiten waren -geringfügiger Art, bald jedoch führten sie einen offenen Krieg herbei. -Die zwei Engländer, welche kurz vor Ihrer Abreise in das Innere der -Insel entwichen waren, kamen später in die Burg, um die Vorräte mit -verzehren zu helfen. Allein sehr bald wurden sie von den drei rohen -Insassen vertrieben. Nach unsrer Ankunft beklagten sie sich beide über -die erlittene Behandlung, worauf wir versuchten, sie zu versöhnen, -was aber nicht gelang, da jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in -der Burg beharrlich verweigerten. Den armen Zurückgestoßenen blieb -nichts übrig, als sich von uns zu trennen und die nördliche Gegend der -Insel zu ihrem Wohnplatze zu wählen. Hier erbauten sie zwei Hütten, -die eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen -Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und etliche Ziegen. Zwar -konnten sie nur ein kleines Stück Land bebauen, doch fiel die Ernte -günstig für sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten Wege -bescheidenen Fortschritts. Jene drei böswilligen Burschen indessen -ließen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie in ihrem -neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, daß ihnen der -Besitz der Insel von dem Gouverneur übertragen sei und niemand sich -ohne ihre Einwilligung niederlassen dürfe, Pacht für ihr Land. Da sie -sich nun dieser Aufforderung nicht fügten und darüber spotteten, -vergaß sich der eine ihrer Gegner so sehr, daß er die Hütte in Brand -steckte. Zwar gelang es, das Feuer alsbald zu löschen, doch kam es zu -einem heftigen Streit, wobei der Brandstifter schwer verwundet wurde. -Da diese Burschen sahen, daß sie es mit entschlossenen Leuten zu thun -hatten, so begannen sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten -Kameraden mitnehmen zu dürfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute -jene rührigen Engländer im Walde, welche sich bitter über die ihnen -zugefügten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten, -thaten sie den Engländern Vorhalt ob ihres Benehmens, worauf der eine, -Atkins, barsch antwortete: »Jawohl, wir wollen euch beweisen, daß ihr -Spanier auch unsre Sklaven werden müßt!« - -»Die Feindseligkeiten zwischen den Engländern unter sich dauerten noch -fort, und so kam es, daß eines Morgens die beiden Kolonisten im Norden -aufgebrochen waren und vor unsrer Burg erschienen. Die drei Strolche -hatten unterdessen auf Rache gesonnen, waren auch aufgebrochen, jedoch -in der Absicht, die zwei Kolonisten im Schlafe zu überraschen, ihre -Hütten einzuäschern und dieselben zu ermorden. Zum Glück erreichten -jene ihren Zweck nicht ganz und begnügten sich damit, die Hütten -niederzureißen und den gesamten Viehstand zu töten. Frohlockend über -den gelungenen Streich kehrten sie dann nach der Burg zurück. - -»Die beiden Kolonisten eilten mit trüben Ahnungen ihren Hütten zu und -sahen das Werk ihrer fleißigen Hände als einen wüsten Trümmerhaufen vor -sich. Sie werden begreifen, welch wehmütiges Gefühl sie da beschlich -und wie die Thränen des Unwillens in ihre Augen traten. Hierauf -schritten sie der Festung zu, um uns zu erzählen, was vorgefallen. - -»Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen und -prahlten gegen die Spanier mit dem verübten Bubenstück. Ja ihr Übermut -ging so weit, daß einer der schlimmen Gesellen einem Spanier den Hut -vom Kopfe warf und ihm sagte: »Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid -künftig höflicher, und wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt, -so wird es euch gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten!« Empört -schlug der Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre -Engländer wollte seinen Freund rächen und feuerte sein Pistol auf den -Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer ergriff -sein Gewehr und würde unfehlbar den Engländer niedergestreckt haben, -wären die übrigen Spanier nicht dazwischengetreten und hätten die drei -entwaffnet. - -»Da diese sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie, man -möchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverständlich konnten -die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen ihren -Beistand zu, wenn sie in Nöten wären, was aber jene nicht annehmen -wollten. Als aber die beiden Engländer hinzugekommen waren und -strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten um Milde. -Infolgedessen wurden die Ruhestörer aufgefordert, das Zertrümmerte -wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies führten sie auch aus, -gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. So verstrichen drei -Monate ohne Unterbrechung, und da wir glaubten, die drei seien endlich -zur Einsicht gekommen, so gaben wir ihnen die Waffen zurück, damit -sie durch Erlegung von Wild uns nützlich sein könnten. War nun dieser -Streit endlich beigelegt, so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und -zwar von den Kariben --« - -»Von den Kariben?« unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters. -»O, so erzählen Sie doch, welche Bewandtnis es mit diesen gehabt.« - -»Eines Abends«, so fuhr Caballos fort, »war eine ganze Flottille, 28 -Barken stark, an der Nordküste, zwei Stunden von unsern äußersten -Pflanzungen entfernt, in die östliche Bucht eingelaufen. Die Bemannung -der fremden Pirogen mochte sich wohl auf 250 Köpfe belaufen und war -mit Bogen, Pfeilen, großen Wurfspießen und hölzernen Schwertern -ausgerüstet. Solch eine feindliche Macht versetzte natürlich die -Kolonisten in Furcht und Schrecken. In aller Eile wurden die -neuerbauten Hütten abgebrochen und alles Vieh wie die Werkzeuge -und Gerätschaften nach der Höhle geschafft. Die Streitmacht der -Kolonisten war gegenüber der großen Zahl der Wilden nur sehr gering; -denn sie bestand im ganzen aus nur dreißig Mann. Die Europäer -behielten die Feuergewehre für sich, und jeder nahm auch noch eine -Axt an sich. Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins -zu meinem Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an -seinem Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es -ihm niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem -Gebüsch aufgestellt, auch den übrigen ihren Stand am Saume des Waldes -unter dem Schutze des Gesträuches angewiesen. Die Wilden rückten in -einem übel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen gegen die kleine -Streitmacht heran, während größere Scharen in dichten Massen folgten. -Atkins ließ den Trupp vorüberziehen, dann befahl er dreien seiner -Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren Kugeln geladen hatten, auf -den zusammengedrängten Haufen zu feuern. Die Zahl der Getöteten und -Verwundeten mußte erheblich gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung -überkamen die Indianer. Diesen Umstand benutzte Atkins und ließ eine -zweite Salve folgen, die eine ähnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich -indes der Überrest der Kannibalen etwas erholt, stürmten sie ihrerseits -auf die Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwährenden Salven -vorsichtig zurück, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug -unheildrohend durch das Laubwerk des Gebüsches, und wie Löwen stürzten -bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Männer des Trupps: -ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden getötet, Atkins selbst -leicht verwundet. Zum Glücke rückte das Hauptkorps der Europäer in drei -Zügen zu je sechs und acht Mann näher, zunächst ein mörderisches Feuer -eröffnend, so daß viele der Wilden verwundet niederstürzten, die Masse -derselben aber ratlos durcheinander wogte. - -»Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, drang auch -der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel hervor, und die -sämtlichen Europäer fielen nun über die Feinde mit den Handwaffen -her. Im ersten Augenblicke wie gelähmt, ließen sie sich leicht -niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf und setzten sich -mannhaft von neuem zur Wehr. Wütend schlugen sie mit ihren Keulen und -Schwertern drein, schossen einen Hagel von Pfeilen auf uns ab und -verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, darunter Freitags Vater. Doch -die Kolonisten hieben erbarmungslos mit ihren Äxten, Piken, Schwertern -und Gewehrkolben auf die Feinde los, so daß binnen kurzer Zeit 180 -Indianer, teils getötet, teils schwer oder leichter verwundet, die -Walstatt bedeckten. Die Feinde sahen nach solchem Verluste, daß hier -jeder weitere Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht -das Ufer zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europäer -waren zu sehr ermüdet, als daß sie die Flüchtigen hätten verfolgen -können. Doch das Maß des Unglücks war für die Besiegten noch nicht -voll; ein fürchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht zu toben -begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, so -daß sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott gemacht werden -konnten. Den größten Teil fanden sie bereits an den Felsen zerschellt -vor. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch -etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in einem Kreise, das Kinn auf die -Kniee gestützt, starr aufs Meer hinausschauend -- ein Bild unsäglichen -Jammers! - -»Nach der Flucht der Feinde konnte man sich von den Strapazen etwas -ausruhen und sich durch Speise und Trank stärken. Doch nur kurze -Zeit gestattete man sich diese Erholungspause. Alle waren ohnehin -begierig, zu erfahren, was aus den Feinden geworden. Daher brachen -alle noch Streitbaren gegen die Küste auf, wobei der Weg über den -Kampfplatz führte. Dort lagen in grauenvollem Gemisch Verwundete -und Tote durcheinander, und auf allen Seiten ächzte und stöhnte es -in schauerlichen Tönen. In betreff der am Leben gebliebenen Feinde, -welche sich in die Wälder geflüchtet hatten, war guter Rat teuer. -Nach mannigfachem Hin- und Herreden einigte man sich zuletzt in der -Maßregel, womöglich die feindlichen Kanoes zu verbrennen, um den -Indianern die Rückfahrt und die Anstiftung eines neuen Rachezuges gegen -die Kolonie abzuschneiden. Es gelang, die Wilden wurden dann unter -täglichen Kämpfen in die Felsengebirge der südwestlichen Gegenden -unsres Eilandes gedrängt. Hierauf zogen die Krieger es vor, Frieden -mit den abgeschnittenen Feinden zu schließen, und schickten deshalb -Freitags Vater als Abgesandten an dieselben ab. Dieser brachte wirklich -eine Verständigung zustande, zumal die armen Leute, von Hunger und -Elend gebeugt, bereits auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen waren. Sie -erhielten Nahrungsmittel (Brot, Reiskuchen und Ziegenfleisch) und -wurden dann unter der Bedingung unverbrüchlichen Gehorsams als Freunde -aufgenommen. Auf dem südöstlichen Teile der Insel, in einem von hohen -Felsen umgürteten Thale, wies man ihnen Wohnsitze an und half ihnen -Hütten erbauen. Dann unterrichtete man sie auch in der Kunst, allerlei -Werkzeuge zu verfertigen, das Feld zu bearbeiten, Brot zu bereiten, -Körbe zu flechten, Töpfe zu formen, Ziegen zu melken, und beschenkte -sie mit Äxten, Beilen, Messern und sonstigen Gerätschaften sowie mit -einigen Ziegen und Böcken. - -»Nach und nach wußte das Völkchen sich immer bequemer einzurichten und -lebte ruhig und harmlos in seinem Winkel, glücklicher vielleicht als in -der alten Heimat! - -»Seit der Errichtung dieser neuen Ansiedelung erfreut sich die Kolonie« --- mit diesen Worten schloß Don Caballos seinen Bericht -- »nun schon -zwei Jahre hindurch eines ungestörten Friedens bis zu Ihrer Ankunft, -Herr Gouverneur. Zwar landeten noch von Zeit zu Zeit Indianertrupps an -unserm Eilande, um ihre entsetzlichen Triumphmahlzeiten zu halten, aber -sie schienen kein Verlangen weiter zu verspüren, das Innere der Insel -kennen zu lernen und uns mit ihrem schlimmen Besuche zu beehren.« - -Aus der Erzählung von Don Caballos ersieht man, welch schwere Zeiten -und bedrohliche Wirren während meiner Abwesenheit über mein liebes -Eiland hingegangen waren. Die Kolonie befand sich jedoch gegenwärtig in -erwünschtem Gedeihen und Fortschreiten, und der Einfluß europäischer -Gesittung hatte sich bei den Indianern in wohlthätiger Weise geltend -gemacht. - -Sie hatten bereits geflochtene Tische, Stühle, Ruhebetten und noch -manches andre Hausgerät sauber herzustellen gelernt. Auch die Weiber -des wilden Volksstammes wußten sich zu fügen und zeigten sich -arbeitsam. Sie zeigten sich auch gutmütig gegen die Kinder und nahmen -willig die Unterweisungen in den Lehren des Christentums auf, wobei die -Frauen der Kolonisten einen besonderen Eifer kundgaben. - -[Illustration: Unterweisung der Indianerinnen durch die Frauen der -Kolonisten.] - -Nicht selten hatte ich während meines kurzen Besuches Gelegenheit, -zu bemerken, wie von Zeit zu Zeit eine Kolonistin recht erbauliche -Mitteilungen an die eine oder andre der Indianerfrauen richtete und in -den letzteren ganz andächtige Zuhörerinnen fand. - -Nachdem ich jetzt einen Überblick über den Stand der Kolonie gegeben -habe, wie ich sie bei meiner Ankunft vorfand, will ich nun auch -berichten, was ich für die Ansiedler that und in welchen Verhältnissen -ich sie verließ. Es lag nicht in meiner Absicht, daß jemand der Insel -den Rücken zuwende, vielmehr wünschte ich die Bevölkerung anwachsen -zu sehen, und aus diesem Grunde hatte ich ja eine Menge brauchbarer -Werkzeuge und Geräte mitgebracht, an denen es bisher gemangelt -hatte. Der jetzige friedliche Verkehr der Kolonisten untereinander -befriedigte mich in hohem Maße, und ich ermahnte sie, auch für die -Folgezeit in Eintracht nebeneinander zu leben. Zur Bestärkung in -diesen guten Vorsätzen veranstaltete ich ein glänzendes Friedens- und -Freundschaftsfest, bei welchem unser Schiffskoch viel Ehre einlegte. - -Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; jeder der -Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, eine Schaufel, -eine große Axt und eine Säge. Nägel, Klammern, Hämmer, Bolzen, Messer -und ähnliche Dinge wurden in Menge verteilt. Meine Vorräte an Waffen -und Munition waren so reichlich, daß jeder doppelt und dreifach -bewaffnet werden konnte und daß man jetzt selbst einen Angriff von 1000 -Wilden nicht mehr zu fürchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete -ich verschiedene Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und -machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmäßigen -Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das Land in -verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroßes Stück an. Mir -selbst behielt ich die Oberherrschaft über die Insel vor und bestätigte -Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den Wilden im Südosten wurde -Freitags Vater entsendet. Er sollte ihnen eröffnen, daß von nun an auch -für sie eine neue Ordnung der Dinge eintreten würde, und daß sie sich -entscheiden sollten, ob sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten -um einen bestimmten Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige wählten die -Unabhängigkeit; die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen. - -So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte mich -wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln -und Madagaskar und die Länder des Indischen Meeres besuchen, sodann -womöglich durch China und Sibirien den Heimweg nehmen. Auch Wilm -stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise nach diesem Plane -auszuführen -- ihn trieb es gleichfalls hinaus ins Weite. Also hieß es: -die Segel gesetzt -- auf! hinaus wieder ins weite Meer! - - - - -[Illustration: Freitags Tod.] - -Siebzehntes Kapitel. - -Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt. - - - Abschied von der Kolonie. -- Kämpfe zur See. -- Freitags Tod. -- - Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das - »Venedig des Eismeeres«. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. -- - Der verlassene Matrose. -- Ein »Robinson« auf einer schwimmenden - Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammenstoß - mit den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rückkehr nach - England. -- Endliche Ruhe. - -Die letzten Verhaltungsmaßregeln waren angeordnet, und als ich Abschied -nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie ihren Vater und -Wohlthäter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald das Schiff das offene -Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel mit fünf Kanonenschüssen -lebewohl und richteten unsern Lauf nach der Allerheiligenbai, die -wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs hatten wir aber noch -ein verhängnisvolles Abenteuer zu bestehen, das mir einen großen, -unersetzlichen Verlust brachte. Am dritten Abend nach unsrer Abfahrt -bemerkten wir bei voller Windstille, wie sich an einer fernen Küste -dunkle Punkte lebhaft hin und her bewegten. Der Hochbootsmann stieg -mit dem Fernrohr auf den Fockmast und berichtete, es sei eine ganze -Flotte Wilder, und er schätzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als -hundert. Wir mußten uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefaßt -machen, zu welchem ich die Schiffsmannschaft nach Kräften ermutigte. -Ich ließ die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender -Mannschaft besetzen. Die inzwischen näher kommende Flottille der Wilden -bestand aus etwa 130 Kähnen, jeder durchschnittlich mit einem Dutzend -Bewaffneter bemannt. Fünf oder sechs dieser Kanoes kamen uns fast bis -auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine Umzingelung besorgten, -gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, daß sich die Wilden entfernen -möchten. Diese verstanden es recht wohl, schossen aber zahlreiche -Pfeile auf uns ab und verwundeten einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt -ich immer noch meine Leute vom Feuern zurück und ließ einige Planken -in die Schaluppe hinabgleiten; aus diesen bildete der Zimmermann eine -Art Wall, hinter welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden -geschützt war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel -uns in den Rücken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte, -mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl, -die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, um die -Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten mit einem -Hagel von Pfeilen und ach! -- Freitag, völlig ungeschützt dastehend -- --- stürzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. -- -- Noch ein Blick aus -seinen liebevoll ergebenen Augen, als ich vor ihn trat, und -- -- *er -verschied*. - -Der herbe Schmerz über den Verlust meines alten, treuen Gefährten -verdrängte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem Zorn ließ ich -fünf Kanonen mit Kartätschen und vier mit Kugeln laden und in den -dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. Das war eine Salve, wie die -Wilden in ihrem Leben keine ähnliche empfangen hatten: eine Menge -Barken wurden teils zertrümmert, teils in den Grund gebohrt; alles, was -noch ein Ruder in den Händen fühlte, arbeitete aus Leibeskräften, um -diesem mörderischen Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft -unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in großer Zahl -unter Trümmern und Balken tote, verwundete und verletzte Indianer -umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. Der Verlust meines -treuen Freitag ließ sich nicht überwinden; tiefe Schwermut bemächtigte -sich seitdem meines Gemüts; kaum daß Wilm mich etwas aufzuheitern -vermochte. - -Am Abend jenes verhängnisvollen Trauertages setzte der Wind um, eine -frische Brise kräuselte den Spiegel des Meeres, über welchem vorher die -Windstille mit ihren bleiernen Flügeln gehangen hatte -- und weiter -ging die Fahrt nach Brasilien ohne Hindernisse und Gefahren. - -Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden ankerten -wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin umschifft -hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen ehemaligen -Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene Geschenke -austauschte. Derselbe gewährte mir auch seine Hilfe bei Ausrüstung -einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine Zufuhr an Leuten -und Gebrauchsgegenständen zukommen lassen wollte. Den nützlichen -Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, ließ ich drei -Milchkühe und fünf Kälber hinzufügen sowie einige zwanzig Schweine -und drei Pferde. Auch bewog ich, gemäß eines den Spaniern gegebenen -Versprechens, noch drei Portugiesinnen, sich nach der Insel zu begeben. -Das Boot, hinlänglich bemannt, ging nun unter Segel und kam auch -glücklich auf meinem Eilande an, von der Einwohnerschaft mit Jubel -begrüßt. Durch die neuen Ankömmlinge wuchs die Kolonie bis auf die -stattliche Anzahl von ziemlich 70 Köpfen an, die Kinder nicht mit -eingerechnet. - -Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschäftsgenossen, der -den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausführlichere Berichte -über den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und die -Regentschaft über die Insel führte, befand sich die Verwaltung in -guten Händen. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die Wilden -geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten Jahren der -Leitung der Kolonie mit allen Kräften unterzogen hatte, gestorben war, -brachen unter der Bevölkerung heftige, ja sogar blutige Zwistigkeiten -aus, und die Herrschaft ging von einer Hand in die andre über. Müde -der unaufhörlichen Streitigkeiten, zog es eine Anzahl der Kolonisten -vor, nach Brasilien auszuwandern, und dieses Beispiel verlockte -bald auch andre, die Insel zu verlassen. Nun brach eine traurige -Zeit für die Zurückgebliebenen an; denn, wieder zu einem kleinen -Häuflein zusammengeschmolzen und den beständigen Angriffen der Wilden -ausgesetzt, welche genaue Kenntnis von der Abnahme der Bevölkerung der -Insel erlangt hatten, setzten sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf -meinen Beistand. Sie hatten in der That mir nach London geschrieben und -mich um Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre -vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin -zurückkehren, weil es doch zu spät gewesen wäre, ihnen erfolgreich -beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein -entsetzliches Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen -schwer heimgesucht wurden, hatten schließlich die völlige Verödung -der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem fürchterlichen -Verhängnisse. -- - -Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte beendet hatte, nahmen wir -durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge der -guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant einzunehmen -gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter fortzusetzen. Schon -sahen wir in der Ferne den dunkelblauen Streifen des Löwenberges aus -dem Meere aufragen und hofften nun in der Tafelbai zu ankern. Da -stiegen plötzlich schwarze Wolken auf, verhüllten die hohen Gebirge und -überdeckten schnell den ganzen Himmel. Bald hörten wir das schrille -Toben und Sausen des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der -hochgehenden Wogen einstimmte. - -Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte Finsternis lagerte -über dem Meere, der Orkan heulte und tobte in allen Tonarten, die -Wellen türmten sich empor, die Masten krachten, schnarrend zerrissen -einige Segel, da wir nicht im stande waren, sie zu reffen, und unser -Schiff schoß wie ein Pfeil durch das tobende Meer in der Richtung -nach Südosten. Wir vermochten nichts gegen die Übermacht des Sturmes -auszurichten, mußten uns derselben vielmehr willenlos überlassen. Nach -einigen Tagen fanden wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine -neue Welt versetzt. Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorüber, -die oft Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten -phantastisch gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht -finden können. Immer zahlreicher drängten die Schollen, immer dichter -zogen die Eisberge gruppenweise vorüber, weshalb die Matrosen sie -Eiskarawanen nannten. Die Eisblöcke oben auf den Eisbergen glichen oft -Häusern, Dörfern, verfallenen Kirchen oder Schloßruinen, und einmal -glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt zu sein. Eine Menge von -Eiskolossen hatte sich so geordnet, daß sie wie Häuser nebeneinander -standen und förmliche Straßen bildeten. Wir nannten diese Stelle -das »Venedig des Eismeeres«. Man sah breite Wasserstraßen mit engen -Nebengassen; Seehunde, Pinguine und andre Seevögel schwammen lustig -an diesen Eispalästen entlang, aus deren zerbröckelten Wänden man -sich mit Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen -zusammenstellen konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da -silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das -Wasser der Straßenkanäle still, als ob es schliefe, und es war dabei so -schauerlich öde in der Eisstadt, daß es uns unheimlich wurde, wie unter -Ruinen. - -Die Schiffsmannschaft drängte zur Umkehr, obschon der Wind wieder -heftig vom Kap herwehte. Ich ließ also wenden. Aber wer beschreibt -unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgürtel -eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge -zusammengetrieben, diese waren aneinander gefroren und bildeten nun ein -Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen wir -offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare Eiswand. -Was war zu thun? Wir saßen in einem kleinen Wasserbecken gefangen, -rings umschlossen von Eis -- und wie lange wird unser Becken eisfrei -bleiben? - -Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte ich mich, -in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man sich in -solchen Fällen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mürbe, das junge -zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man sich einen -Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des Schiffes gegen das -Eis anläuft, oder indem man mit Säge und Beil einen Kanal durch das Eis -schlägt. - -Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher einen -Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrümmern und die -Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern mußten das Schiff etwas -zurückleiten, dann es gegen das Eis anrennen lassen, um den Verband des -Eises zu lockern und die entstandenen Sprünge zu erweitern. Die Arbeit -war sehr mühselig, aber erfolgreich; gegen Mittag hatten wir unser -Fahrzeug fast um eine ganze Schiffslänge in den Eisgürtel eingezwängt, -der nach allen Seiten hin Risse und Sprünge zeigte, wodurch die Arbeit -immer leichter vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und -arbeiteten um so eifriger. Da sprang der Wind plötzlich um und wehte -sehr heftig von Süden her, daß die Wellen an den Eisgürtel brandend -anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten -hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden die -Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurückgerufen, welches gerade -eine Rückwärtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen. -Mit Mühe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener Taue aufs Schiff -zurückzuschaffen; denn bereits erweiterten sich die Spalten und es -rannten die Eisschollen so heftig aneinander, daß sich das Boot mit den -Leuten nicht dazwischen wagen durfte. - -Wir zählten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. Wir riefen -nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch er hinter einer -Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile aber war zu unserm -Schrecken unser Schiff immer weiter ins offene Becken zurückgewichen, -und so hatte es sich mehr und mehr von unserm armen Gefährten entfernt. -Da stand denn dieser händeringend auf schwankender Eisscholle, mir -noch nahe genug, um sein Wehgeschrei zu hören! Doch war ich nicht im -stande, ihn zu retten! Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor- -und rückwärts, stürzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter -trieben uns die Wasserkanäle auseinander -- ach, wir konnten ihm nicht -helfen, denn längst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr -erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang eines -braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas Weiteres -unternehmen zu können; aber mir stand die Gefährdung des Lebens *aller* -vor Augen -- dies entschied. Wir segelten in die breiten Kanäle des -zerborstenen Eisgürtels hinein, winkten dem Unglücklichen lebewohl -und ließen ihn auf einer treibenden Scholle im Sturm und bei hohem -Wellengange zurück. - -Diese aufregende Szene gehört mit zu dem Entsetzlichsten, was ich -jemals erlebt habe. Indes darf sich der Leser mit mir darüber freuen, -daß der brave Andreas doch noch auf wunderbare Weise gerettet -wurde. Ich fand ihn wohlbehalten in Kanton wieder, wo er mit einem -holländischen Schiffe angekommen war; hier erzählte er mir alsdann -seine unerwartete Rettung. - -Als er uns davonfahren sah, ergriff ihn Verzweiflung. Er warf sich -nieder auf das Eis und schrie aus tiefstem Herzensgrunde. Endlich -raffte er sich auf, um sich ins Meer zu stürzen, da er der Meinung war, -ein schneller Tod sei dem langsameren Untergange vorzuziehen. Sowie er -aber an den Eisrand trat, erwachte die Hoffnung von neuem. Zum Sterben -ist noch immer Zeit, sagte er sich und sann auf Mittel zur Rettung. - -Da Wind und Strömung die Eismassen nach Norden trieben, so suchte -er auf diese Seite zu gelangen und wählte sich eine große Scholle -dauerhaften Eises zum Fahrzeuge. In der Mitte und hinter Eishügeln grub -er sich eine Vertiefung, die sein Lager bilden sollte. Alles Weitere -überließ er dem Schicksale. Er trieb ein, zwei, drei Tage, ohne etwas -andres als Schollen zu sehen. Hunger und Durst peinigten ihn, und er -suchte Eis zu verschlucken, um den Durst zu löschen; schließlich -aber kam er auf den praktischen Gedanken, geschmolzenes Schnee- und -Eiswasser in kleinen Gruben zu sammeln und diese als Zisternen zu -benutzen. Die Nachtkälte fiel ihm zwar sehr lästig, aber er suchte sie -durch Auf- und Abgehen zu überwinden. Da erhielt er auch Gesellschaft. -Eine Robbenfamilie, bestehend aus drei Mitgliedern, legte sich zum -Schlaf nieder und blieb, da sie wohl noch nie einen Menschen gesehen -hatte, arglos in seiner Nähe. Er konnte sie mit dem Beile erschlagen. -Die Häute kamen ihm sehr zu statten. Das Fleisch mußte er freilich roh -essen, doch klopfte er es zuvor mit dem Beilstiele mürbe und war am -Ende froh, überhaupt Nahrung zu erhalten. Sogar der Thran mundete ihm. -Die Scholle wurde inzwischen bedenklich kleiner, je weiter sie nach -Norden vorrückte, blieb aber doch noch groß genug, ihn zu tragen. Nach -mehreren Tagen näherte sie sich einer Inselklippe, wo sie strandete -und ihren Bewohner ans Land warf, den etliche Tage darauf ein Schoner -gewahrte und mit nach Kanton nahm. - -Nun komme ich wieder auf meine eigene Fahrt zurück. Wir arbeiteten uns -im Zickzack glücklich durch die Kanäle des Eisgürtels hindurch und -erreichten das offene Meer. Der starke Wind trieb uns nach Norden bis -an die Küste von Madagaskar. - -Obschon wir zuerst uns ganz freundlich von den Madegassen begrüßt -sahen, so gerieten doch unsre Leute beim Austausch von Messern und -andern Kleinigkeiten gegen frisches Fleisch bald in Händel mit ihnen, -wobei einer der Matrosen das Leben einbüßte. Um diesen zu rächen, -drangen unsre Leute in einige umliegende Dörfer, verbrannten sie und -erschlugen mehrere Eingeborene. -- Da eilte ich den Unbesonnenen nach, -um zu retten, was noch gerettet werden konnte; ich beschützte Männer -und Frauen, welchen fortan niemand mehr ein Leid anthun durfte. - -Aus jenen Tagen blieb mir namentlich eine Szene unvergeßlich. Die -Matrosen hatten in der Morgenfrühe ein Dorf angezündet, über dessen -Rohrdächer das Feuer prasselnd dahinzüngelte, so daß die Einwohner -gezwungen waren, ihre Verstecke zu verlassen. Hierbei liefen viele -den Angreifern geradezu in die Hände, und es begann ein entsetzliches -Niedermetzeln. - -Als ich in der Dämmerung die roten Feuersäulen am tiefdunklen Himmel -aufsteigen sah, ergriff mich eine beängstigende Vorahnung dessen, was -vorgefallen sein möchte. Von einigen bewaffneten Matrosen begleitet, -eilte ich in einem Boote ans Ufer und dem Dorfe zu, woher der Lärm -erscholl. Je näher wir kamen, um so deutlicher hörten wir das -Jammern und Heulen der Unglücklichen. Kaum hat jemals ein Gefecht so -erschütternden Eindruck auf mich gemacht als diese Blutthat. Gierig -wüteten die Flammen, aber noch grimmiger hausten, wie Würgengel, die -mörderischen Matrosen. Dieser Anblick verwirrte meine Sinne: ich -stand da, regungslos, starr vor Entsetzen. Da flohen drei Weiber -unter lautem Wehgeschrei eilends an uns vorüber, hinterdrein 12 bis -15 Madegassen, verfolgt von unsern Leuten, die dareinfeuerten, so -daß einer der Flüchtlinge tot niederstürzte und mehrere verwundet -hinsanken. Die Fliehenden glaubten in uns neue Verfolger zu finden und -stießen ein herzzerreißendes Geschrei der Verzweiflung aus. Es kostete -mir viel Mühe, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß wir ihnen kein Leid -zufügen, sondern sie schützen wollten. Zögernd näherten sie sich uns, -warfen sich vor mir nieder, hingen sich an meine Arme und baten mit -Blicken um Rettung. Ich nahm mich ihrer an, wies mit ernsten Worten -ihre Verfolger zurück, welche nicht begreifen konnten, wie ich dazu -käme, sie an dem Rachewerke zu hindern, zumal sie meinten, Heiden zu -töten sei kein Verbrechen. Murrend umstanden mich die Matrosen, aber -zuletzt gehorchten sie doch. Die Flüchtlinge waren gerettet; die Blicke -des Dankes, mit denen sie mich ansahen, werden mir ewig unvergeßlich -bleiben. - -[Illustration: Robinson beschützt die verfolgten Frauen der Madegassen.] - -Ich befahl meinen Leuten, auf das Schiff zurückzukehren, und segelte -dann eilends davon; aber kaum besser als in Madagaskar erging es uns -an der Küste im Persischen Meerbusen, wohin wir uns wandten. Arabische -Seeräuber griffen uns an, und nur mit Mühe gelang es uns zu entrinnen. -Ich konnte mich nicht enthalten, *diesen* Überfall als eine Strafe -zu bezeichnen, welche Gott für das grausame Blutbad von Madagaskar -über uns verhängt habe; allein ich fand nur geringes Gehör bei der -Schiffsmannschaft, und die schon gereizte Stimmung wurde nicht besser. -Da nahm ich mir vor, sobald sich zu einer passenden Landung Möglichkeit -böte, die Mannschaft zu entlassen und neue Leute anzuwerben, vielleicht -auch ein neues Schiff für mein altes einzutauschen. In diesem -Entschlusse wurde ich noch mehr bestärkt, als mir der Superkargo im -Vertrauen mitteilte, daß der Ausbruch einer Meuterei zu befürchten sei, -wenn ich es nicht vorzöge, bis zur Landung lieber gute Miene zum bösen -Spiel zu machen. Dies geschah denn auch, und wir kamen ohne weiteren -Zwischenfall nach Surate. Hier glückte es mir, Korallen gegen Perlen -und Edelsteine einzutauschen. Dann segelten wir nach Borneo, mußten -uns aber unterwegs wiederholt mit Seeräubern herumschlagen, denen -wir weitere nicht unansehnliche Vorräte an Perlen und Gold abnahmen. -Etliche Zeit darauf landeten wir in einer kleinen Bucht Siams. - -Das Schiff zeigte sich in der That stark mitgenommen. Da ich nun in -China und vielleicht selbst in Japan Waren einzuhandeln gedachte, so -suchte ich das Fahrzeug zu verkaufen und ein andres dafür zu erwerben. -Doch ging dies nicht so rasch. Endlich meldete sich ein Portugiese, -erzählte mir ein langes und breites von seinem Schnellsegler und bot -mir einen Austausch unsrer Schiffe an. Ich besah das seinige, fand -es geräumig und die Summe gering, die ich noch herauszahlen sollte; -ich schloß daher den Handel ab. Zwar fielen mir der billige Preis und -die Eile, welche der Portugiese zeigte, etwas auf. Da jedoch seine -Papiere in Ordnung waren, so brachte ich den Handel zum Abschluß. Bald -waren die Schiffe umgeladen, und noch an demselben Abend segelte der -Portugiese ab, der auch einen Teil meiner Mannschaft erworben hatte, -weil er direkt nach Portugal und England zu reisen versprach. Ich -mußte also Matrosen werben, doch konnte das in einem belebten Hafen -leicht ausgeführt werden. Hierbei sollte ich nun erfahren, warum der -schlaue Portugiese beim Tauschen der Schiffe so große Eile hatte. Sein -Schiff hieß nämlich das »Gespensterschiff« und war in ganz Südasien in -Verruf, weil Geister in demselben umgehen sollten, weshalb kein Matrose -so leicht auf demselben Dienste nahm. Infolge der unzureichenden -Bemannung hatten auch schon Seeräuber, welche das Fahrzeug überfielen, -leichtes Spiel gehabt. Sie plünderten es aus, nachdem sie die Matrosen -niedergemetzelt hatten, und überließen dann das Schiff den Wellen. -Öde und verlassen fand es ein englisches Kriegsschiff, welches sich -seiner bemächtigte, es in einen Hafen brachte und dort verkaufte. -Indessen wurde bald ruchbar, daß die Geister der Ermordeten in der -Mitternachtsstunde ächzend auf dem Schiffe umgehen sollten, was die -Matrosen mit Grauen erfüllte, weshalb jeder das Schiff mied. So -erzählten sich die Matrosen. - -Zwar glaubte ich nicht an diesen Gespensterspuk, aber die Sache deuchte -mich doch recht widrig, denn es schien ganz so, als sollte mein Schiff -unbemannt bleiben. Endlich meldete sich ein großer, kräftiger Mann als -Steuermann und versicherte, daß er den unheimlichen Ruf des Schiffes -kenne, sich aber vor Gespenstern nicht fürchte, und daß es ihm auch -gelingen würde, noch mehrere unverzagte Kameraden anzuwerben. Mir fiel -ein Stein vom Herzen, und ich gab ihm Vollmacht und Geld, damit er -sein Versprechen schnell ausführen könnte. Nach etwa acht Tagen war -alles in Ordnung gebracht, und wir stachen in See, um nach Nanking zu -segeln. Alle waren neugierig, wie es mit dem Gespensterbesuche kommen -werde. Nicht ohne Bangen erwarteten die Matrosen die erste Mitternacht, -denn bei den meisten war der Mund tapferer als das Herz, und so recht -geheuer kam ihnen die Sache doch nicht vor, je mehr Spukgeschichten -sie sich erzählten. Die erste Nacht verging ruhig, auch die zweite und -dritte. Kein Gespenst ließ sich sehen, und man fing bereits an, sich -über die Sache lustig zu machen. Anders erging es am vierten Tage; denn -am Morgen erzählte die Deckwache, sie habe das Gespenst gesehen, wie es -die Falltreppe heraufgestiegen, unhörbar über das Deck geschwebt und an -der andern Treppe wieder lautlos verschwunden sei. - -Dieser Vorfall beunruhigte alle, denn der Erzähler galt für einen -beherzten Matrosen. Nun erschien das Gespenst bald diesem, bald jenem; -heute stöhnte es, morgen klirrte es mit scharfen Messern, bald erschien -es in weißer, bald in schwarzer Tracht. Keiner wagte es anzureden oder -gar anzuhalten, denn an einem Geiste wollte sich niemand vergreifen, -da man von dem Wahn befangen war, daß schon der Blick eines Gespenstes -tödlich wirkte. Zuletzt gestand auch der Steuermann, daß ihm das -Gespenst erschienen sei, so daß an dessen Dasein nicht zu zweifeln -war. Die Sache wurde mit jedem Tage bedenklicher; denn wo die Matrosen -standen und saßen, erzählten sie sich Geistergeschichten, von denen -eine phantastischer war als die andre. - -Vergeblich suchte ich die Matrosen zu überzeugen, daß es keine -Gespenster gäbe; man entgegnete mir stets, daß sich niemand das -abstreiten lasse, was er mit eignen Augen gesehen habe. Schließlich -erschien auch mir selbst das Gespenst. - -Eines Nachts öffnete sich leise die Thür, ein grauer Schatten schwebte -herein und durch das Zimmer, um auf der andern Seite schnell wieder -zu verschwinden. Nun hatte ich also das Gespenst selbst gesehen und -konnte dessen Dasein nicht mehr bestreiten. Ich wollte und mußte -der Sache auf die Spur kommen, versah mich also für den nächsten -Abend mit einer Pistole und einem Dolchmesser, um zu versuchen, ob -das Gespenst auch unverwundbar sei. Mit Unruhe erwartete ich die -Mitternacht; das aufgehende Mondviertel warf einen blassen Schein -durch das Kajüttenfenster auf einige Stellen der Kajütte, deren Thür -ich geöffnet hatte. Siehe, da hob sich draußen die Falltreppe, ein -grauer Schatten stieg empor, trat in die Kajütte und schritt gerade -auf mein Bett zu. Da wurde mir doch etwas bange zu Mute, es flimmerte -mir vor den Augen, ich vergaß Pistole und Dolch, fühlte den Hauch des -Gespenstes, welches sich über mich beugte, und die Sinne begannen mir -zu schwinden. In diesem Augenblicke ergriff mich ein verzweifelter -Mut: ich faßte nach der Kehle des Gespenstes, und siehe da, ich hatte -etwas Festes in der Hand, und zwar einen Geist, der Fleisch und Knochen -hatte. Das Gespenst wollte sich losreißen. Ich aber sprang aus dem -Bett, ergriff die Pistole und befahl dem erschreckten Gespenst, sich -nicht von der Stelle zu rühren. Dann rief ich die Wache herbei, welche -nicht wenig erstaunt war, als sie den Geist vor mir knieen sah und um -sein Leben bitten hörte. Sogleich wurde ein Verhör angestellt, und es -ergab sich, daß das Gespenst ein verurteilter Verbrecher war, welcher -sich bei Nacht in das Schiff geflüchtet hatte, um der Verfolgung und -Strafe zu entgehen. Am Tage hielt er sich zwischen Kisten und Balken -des untersten Schiffsraumes verborgen, des Nachts aber suchte er die -notwendigen Nahrungsmittel zusammenzubringen. Um auf seinen Rundgängen -nicht angehalten zu werden, spielte er die Rolle des Gespenstes. -Solchergestalt hoffte er den nächsten Hafen zu erreichen und dann -zu entschlüpfen. Wir mußten allesamt herzlich lachen, als sich die -furchtbaren Gespenstergeschichten in Diebstähle von Brotrinden und -Fleischresten verwandelten. Obschon der Kerl den Tod verdient hatte, so -versprach ich doch, seiner zu schonen, schon weil das Gespenst aus Not -nun selbst die Matrosen von dem Wahne des Gespensterglaubens geheilt -hatte. - -Mittlerweile hatten wir uns der Küste von Kochinchina genähert und -warfen dort gegenüber der Mündung des Flusses die Anker aus, zumal -unser Schiff, das etwas leck geworden war, einer Ausbesserung bedurfte. -Wir fanden das Land von rohen Menschen bewohnt, die Raub und Diebstahl -ganz handwerksmäßig betrieben und es ganz ungescheut versuchten, unser -Schiff zu bestehlen. Doch wir hielten stand, und nach einem sehr -heftigen Handgemenge zogen die Kochinchinesen ab, wonach wir durch -weitere Besuche von ihnen nicht mehr belästigt wurden. - -Nachdem das Schiff wieder segelfertig gemacht war, nahmen wir unsern -Kurs gegen Nordost, dann direkt nach Nord, vorüber an einer schönen -Insel (Formosa?), in der Absicht, über Kanton nach Nanking zu segeln. -Hier kamen wir nach zwei Wochen glücklich an und besahen uns diesen -wichtigen Hafenplatz nach allen Richtungen. Dann unternahmen wir, -allerdings mehr aus Neugierde, als um Geschäfte zu machen, kleinere wie -größere Reisen ins Innere des Landes. - -Von Nanking aus, wo wir uns mit den nötigen Reisebedürfnissen -versahen, schlugen wir die Richtung nach der nördlichen Hauptstadt -des himmlischen Reiches ein. Diese Reise, welche wir teils zu Lande, -teils zu Wasser zurücklegten, dauerte 25 Tage. Wir fanden überall -das Land stark bevölkert und wohl angebaut, die Straßen und Wege in -gutem Zustande. Endlich kamen wir in Peking an, ohne daß uns etwas -Absonderliches widerfahren wäre. Leider konnten wir uns in der Stadt -nicht lange umsehen, denn wir erfuhren, daß die russische Karawane, an -welche ich mich mit dem Präriejäger anschließen wollte, schon binnen -zwei Tagen aufbrechen werde. Bald hatten wir die fast endlose Stadt mit -ihrer dreifachen turmreichen Umfassungsmauer und ihren unabsehbaren -Straßen im Rücken. - -Nachdem wir China durchwandert, dann auch in Sibirien einen -Winteraufenthalt genommen hatten, regte sich in mir das Verlangen, -England baldigst wiederzusehen; ich benutzte also die erste -Gelegenheit, mich nach London einzuschiffen, wo ich am 10. Januar 1705 -nach mehrjähriger Abwesenheit wohlbehalten eintraf. - -Doch sollte es vorher nicht ohne ein kleines Abenteuer abgehen. Es -war in Hamburg. Damals befand sich ganz Europa in Krieg wegen der -spanischen Thronfolge. Die Russen, Dänen und Sachsen kämpften mit den -Schweden, und England, Holland, Österreich und Italien mit Frankreich. -Man brauchte viel Soldaten, warb daher junge Mannschaft oder raubte -sie, wenn sie nicht freiwillig kommen wollten, mit Gewalt. Wir waren -bereits auf dem Schiffe, konnten aber widriger Winde halber den Hafen -nicht verlassen. Da sahen wir einen jungen Mann in ein Boot steigen, -nach unserm Schiff rudern und auf dasselbe steigen. Vor dem Kapitän -angekommen, bat er dringend um dessen Schutz. Er sagte, er sei ein -Student aus Sachsen, habe eine Ferienreise machen wollen, sei aber von -Werbern überfallen und fortgeschleppt worden, um in ein schwedisches -Regiment gesteckt zu werden. Er habe durchaus keine Lust zum -Kriegsdienste, sei entflohen und werde von der hamburgischen Polizei -verfolgt. Nur in England glaube er auf Schutz rechnen zu dürfen und -bitte daher, ihn mitzunehmen. Einige Fragen überzeugten den Kapitän -von der Wahrheit der Aussage. Es schmeichelte unserm Stolze, daß ein -englisches Schiff Zufluchtsstätte für unschuldig Verfolgte werden -könne. Wir wehrten seinen Verfolgern daher den Zutritt zum Schiffe, -und während des langen Unterhandelns drehte sich der Wind; alsbald -fuhren wir ab und nahmen unsern Schützling mit nach England, von wo er -später wohlbehalten über Holland heimgekehrt sein soll. - -Meine Geschäftsfreunde, welche ich aufsuchte, gaben mir befriedigende -Auskunft über mein zurückgelassenes Vermögen. Während mein letzter -Geschäftsgenosse, Herr Wilson, noch in rüstigem Mannesalter nach -Bengalen zurückkehrte, um dort durch Handelsgeschäfte sein Vermögen -zu mehren, legte ich endlich, jetzt ein 72jähriger Greis, meinen -Wanderstab nieder, um bei meinen beiden Kindern, die mir Gott gesund -erhalten hatte, den Rest meiner Tage in Ruhe und Frieden zu beschließen -und mich auf jene letzte Reise vorzubereiten, deren Ziel der Himmel ist. - - -Ende. - - - - - Der junge Handwerker und Künstler. - - - [Illustration] - - Anleitung - - zur - - Herstellung nützlicher Gegenstände - - aus Papier, Pappe, Holz, Gips, Metall u. s. w. - - sowie zum Photographieren. - - Von - - Carl Freyer. - - Mit 580 Text-Abbildungen und 5 Tafeln. - - *Geheftet* 4 M. - *Gebunden* 5 M. - -»Der junge Handwerker und Künstler« ist bestimmt, in umfassendster -Weise das heutzutage allerorten zu Tage tretende Bestreben zu -unterstützen, die in der Jugend schlummernde Neigung zur *Ausübung -von Handfertigkeiten* zu heben und die Bethätigung solcher -Geschicklichkeiten auf die Herstellung nützlicher Dinge überzuleiten. -Der Inhalt ist ein außerordentlich reichhaltiger, insbesondere ist auch -der heute in weitesten Kreisen verbreiteten und beliebten Kunst des -*Photographierens* ein besonderer Abschnitt gewidmet. - - - Beschäftigungsbuch für die reifere Jugend. - - Anleitung zum Experimentieren, - - Anlegen von Sammlungen, sowie zur Pflege der Haustiere und des - Hausgartens. - - Zugleich 5. Auflage von »*Der gelehrte Spielkamerad*«. - - Von - - Gebunden 5 M. Wagner-Freyer. Gebunden 5 M. - - Mit 300 in den Text gedruckten Abbildungen. - -Das »Beschäftigungsbuch« ist der *geistigen Thätigkeit* der Jugend -gewidmet und soll unter Anwendung ungefährlicher Hilfsmittel zum -*Experimentieren*, zur Anlage von Sammlungen u. dergl. anregen. -- Die -spielende Beschäftigung ist die praktische Verwertung des Unterrichts, -sie verhilft demselben, indem sie die erforderliche Abwechselung -bietet, zu dem erstrebten dauernden Nutzen. - -Die zahlreich beigegebenen Abbildungen sind so gewählt, daß sie das -Verständnis des Textes trefflich fördern. - -[Illustration: Der Blitzschlag ins Schiff.] - - - Verlag von *Otto Spamer* in Leipzig. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare -Abenteuer und Erlebnisse, by Daniel Defoe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN *** - -***** This file should be named 60344-8.txt or 60344-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/4/60344/ - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse - -Author: Daniel Defoe - -Illustrator: F. H. Nicholson - -Release Date: November 1, 2019 [EBook #60344] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_ii" id="Page_ii">[Pg ii]</a></span></p> - - -<div class="figcenter"> -<img src="images/a0020_frontispiz.jpg" width="415" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson und seine Familie.</p></div> -</div> - -<div class="title"> -<h1> -Robinson Crusoe's<br /> -<span class="small">Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse</span></h1> - -<p>Fürs Deutsche bearbeitet nach dem Original<br /> -des<br /> -<span class="bold large">Daniel de Foe</span></p> - -<p>Zwanzigste Auflage</p> - -<p class="small">Mit 41 Text-Abbildungen<br /> -nebst <span class="gesperrt">vier</span> Farbendruckbildern nach Zeichnungen von <span class="gesperrt">F. H. Nicholson</span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/a0030_signet.jpg" width="300" height="237" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="large">Leipzig</p> - -<p><span class="gesperrt">Verlag von Otto Spamer</span></p> - -<p>1904</p> -</div> - - - -<div class="chapter"> -<h2 class="gesperrt">Inhalt</h2> -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - -<tr> - <td colspan="3" class="tdr">Seite</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Erstes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_1">1</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinsons Herkunft. – Hang zum Seeleben. – Unterredung mit seinem Vater. – - Besuch in Hull. – Er geht zur See. – Sturm. – Des Schiffes Untergang auf der - Reede zu Yarmouth. – Robinsons Unschlüssigkeit. – Reise nach London.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Zweites Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinsons Gefangenschaft und Flucht</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_16">16</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinsons Gefangenschaft in Saleh. – Flucht mit Xury. – Ankunft in Brasilien.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Drittes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinson als brasilischer Pflanzer</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_24">24</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. – Eine neue Reise. – Schiffbruch.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Viertes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Rettung nach dem Schiffbruch</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_31">31</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinson schwimmt an das Wrack. – Erbauung eines Flosses. – Glückliche Landung mit der Fracht. – Tägliche Fahrten nach dem Wrack. – Errichtung seiner Wohnung. – Erbeutung von Ziegen. – Robinsons Kalender. – Tagebuch.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Fünftes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinsons Tagebuch</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_45">45</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Neujahr. – Sicherung der Hütte. – Wilde Tauben. – Beleuchtung. – Getreideähren. -– Erdbeben. – Ein Schleifstein. – Ein Fäßchen Pulver. – Zertrümmerung -des Wracks. – Fischjagd. – Schildkröten. – Krankheit. – Nächtlicher Traum. – -Fieber. – Reuige Betrachtungen. – Wiederherstellung durch Tabak. – Bibelfund. – -Pflanzen und Früchte im Innern der Insel. – Bau eines Landhauses. – Die Katze -und ihre Jungen. – Jahrestag der Landung. – Ernteerfolge. </td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Sechstes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinson als Handwerker und Ackersmann</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_57">57</a></td> - </tr> -<tr> -<td colspan="3" class="td2">Robinson säet Getreide. – Korbflechterei. – Töpferarbeiten. – Weitere Entdeckungsreisen -auf der Insel. – Tierreicher Küstenstrich. – Robinson bringt einen Papagei sowie -eine Ziege nach Hause. – Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. – Tageseinteilung. -– Verheerung des Getreidefeldes. – Exekution an den Kornplünderern. – Kleine Ernte. </td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Siebentes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinson als Bäcker und Schiffbauer</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_67">67</a></td> - </tr> -<tr> -<td colspan="3" class="td2">Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. – Ernte. – Brotbacken. – -Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. – Robinson baut ein Boot: -vereitelte Hoffnungen. – Rückblicke auf das dreijährige Inselleben. – Trauriger -Zustand der Kleidung. – Robinson wird Schneider. </td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Achtes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinsons unglückliche Bootfahrt</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_77">77</a></td> - </tr> -<tr> -<td colspan="3" class="td2">Gefährliche Seereise. – In die See hinausgetrieben. – Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. -– Die beiden Strömungen und glückliche Landung. – Des Papageis Ruf. -– Robinsons »Familie«. – Ziegenfang und Ziegenpark. – Schneiderkünste. – -Neue Beobachtungen. – Rückblicke. </td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Neuntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinson entdeckt Spuren von Menschen</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_84">84</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Neuer Ausflug auf Entdeckungen. – Menschliche Spuren. – Robinsons Bangen. -– Untersuchung der Fußspuren. – Allerlei seltsame Gedanken.</td> - </tr> -<tr> - <td><span class="pagenum"><a name="Page_vi" id="Page_vi">[Pg vi]</a></span></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Zehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Stillleben mit Unterbrechungen</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_99">99</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinsons Menagerie. – Viehzucht und Bierbrauerei. – Neuer Besuch von -Wilden. – Das Wrack. – Ein neuer Freund. – Reiseträume.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Elftes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Zusammenstoß mit den Kannibalen</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_112">112</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Landung der Wilden. – Die beiden Schlachtopfer. – Der Flüchtling und sein -Beschützer. – Reste des Kannibalenschmauses. – Freitags Dankbarkeit. – Seine -Ausstattung. – Erste Sprechstudien. – Freitag als Koch und Bäckerlehrling. – -Nachrichten über die Nachbarländer. – Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Zwölftes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Eine Zeit großer Ereignisse</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_131">131</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Bau eines neuen größeren Bootes. – Probefahrten. – Neuer Kannibalenbesuch. – -Der Kampf mit den Wilden. – Der Spanier und Freitags Vater. – Verpflegung der -Befreiten. – Bestattung der Gefallenen. – Geschichte des Spaniers. – Zukunftspläne.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Dreizehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Durch Kampf zum Sieg</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_151">151</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Abreise von Caballos und Freitags Vater. – Ankunft weißer Männer. – Ein englisches -Schiff. – Vergebliche Furcht vor Seeräubern. – Die Gefangenen. – Befreiung -derselben. – Bestrafung der Meuterer. – Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen -und gefangen. – Wiedergewinnung des Schiffes. – Der englische Gouverneur.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Vierzehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Robinsons Abreise von seiner Insel</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_169">169</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Robinson als Gouverneur und Richter. – Abschied von der Insel und deren Bevölkerung. -– Ankunft in England. – Alles fremd in der Heimat. – Reise nach -Lissabon. – Stand der brasilischen Besitzungen. – Der brave Portugiese. – Günstige -Vermögenslage. – Landreise durch Spanien und Frankreich. – Wölfe in den -Pyrenäen. – Freitag und der Bär. – Stillleben in London.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Fünfzehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Aufenthalt in England und neue Reise</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_185">185</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Neue Reiselust. – Abfahrt. – Das Totenschiff. – Im Antillenmeer. – Der -Büffeljäger. – Ankunft in der Kolonie.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Sechzehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Die Schicksale der Kolonie</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_195">195</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Ankunft auf der Insel. – Freitag und sein Vater. – Bericht über die Wirren -während der Abwesenheit des Gründers. – Neue Ordnung. – Weitere Reisepläne.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc">Siebzehntes Kapitel.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="2"><b>Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt</b></td> - <td class="tdr"><a href="#Page_207">207</a></td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="td2">Abschied von der Kolonie. – Kämpfe zur See. – Freitags Tod. – Brasilien. – -Sturm am Kaplande. – Verschlagen ins Eismeer. – Das »Venedig des Eismeeres«. -– Gefangen im Eise. – Durchbruch. – Der verlassene Matrose. – Ein »Robinson« -auf einer schwimmenden Eisscholle. – Irrfahrten. – Das Gespensterschiff. – Zusammenstoß -mit den Kochinchinesen. – In China und Sibirien. – Rückkehr nach -England. – Endliche Ruhe.</td> - </tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdc large bold">Buntbilder:</td> - </tr> -<tr> - <td>Robinson und seine Familie</td> - <td colspan="2" class="tdr">Titelbild</td> - </tr> -<tr> - <td>Robinson und seine Ziege</td> - <td>Seite</td> - <td class="tdr"><a href="#abb1">46</a></td> - </tr> -<tr> - <td>Robinson und Freitag</td> - <td>"</td> - <td class="tdr"><a href="#abb2">114</a></td> - </tr> -<tr> - <td>Unter den Wölfen</td> - <td>"</td> - <td class="tdr"><a href="#abb3">180</a></td> - </tr> -</table> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[Pg 1]</a></span></p> - - - -<div class="title p4"> -<p class="bold">Daniel de Foe.</p> - -<p class="large"><b>Robinson Crusoe.</b></p> -</div> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0030_illu.jpg" width="600" height="447" alt="" /> -</div> - -<h2>Erstes Kapitel.<br /> - -Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzählt.</h2> -</div> - - -<div class="summary"> - -<p>Robinsons Herkunft. – Hang zum Seeleben. – Unterredung mit seinem Vater. – Besuch in -Hull. – Er geht zur See. – Sturm. – Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. – -Robinsons Unschlüssigkeit. – Reise nach London.</p></div> - -<p>Im Jahre 1632 erblickte ich in der Stadt York das Licht -der Welt. Mein Vater, aus der Familie Creutznaer in Bremen -stammend, hatte sich als Kaufmann in Hull, in England, niedergelassen. -Hier war ihm das Glück hold, so daß es ihm gelang, -sich ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. Darauf zog er sich -von den Geschäften zurück und siedelte nach York über, um seine -ferneren Lebensjahre in Ruhe zu verbringen. Dort führte er -meine Mutter heim; sie zählte zu einer alten und angesehenen Familie, -Namens Robinson. So kam es, daß ich den Doppelnamen <span class="gesperrt">Robinson<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[Pg 4]</a></span> -Creutznaer</span> empfing; letzterer Name wurde indes durch die Leute -gewöhnlich in <span class="gesperrt">Crusoe</span> umgewandelt, wie man es in England oft -findet. Wir behielten auch in der Folge diesen Namen bei.</p> - -<p>Ich hatte zwei ältere Brüder; der eine diente als Oberstleutnant -in einem englischen Infanterieregiment in Flandern und fand seinen -Tod, als die Engländer unter Cromwell Dünkirchen den Spaniern -abgewannen. Was aus meinem zweiten Bruder geworden ist, habe -ich niemals erfahren, ebensowenig als meine Eltern je darüber Aufschluß -erhielten, wie es mir selbst später ergangen ist.</p> - -<p>Ich war also der dritte Sohn meiner Eltern und hätte eigentlich -daran denken sollen, ihnen einmal eine Stütze zu werden. Ohne -ernstlich die Wahl eines Lebensberufs zu erwägen, hing ich indessen -abenteuerlichen Gedanken und Plänen nach; ich dachte nur an die -Herrlichkeiten fremder Länder und träumte Tag und Nacht von -Palmenwäldern, Goldbergen und den fabelhaften Schönheiten fremder -Zonen. Nichts ging mir über das Leben eines Schiffers, der in -seinem leichten Fahrzeuge sich auf dem blauen Meere wiegen und -alle jene von mir erträumten Wunder mit Augen schauen kann.</p> - -<p>Zwar ließ es mein Vater an guten Lehren und an Schulunterricht -nicht fehlen, zumal er wünschte, daß ich späterhin ein Rechtsgelehrter -werden sollte. Allein der Hang zum Seeleben, den weder -seine ernstlichen Warnungen noch die schmeichelnden Bitten der Mutter -verdrängen konnten, nahm meine Gedanken unwiderstehlich gefangen -und ließ mir alles, was die Heimat bot, gleichgültig erscheinen.</p> - -<p>Eines Morgens rief mich mein Vater in sein Zimmer, das er -infolge der Gicht hüten mußte, und sprach zu mir in warmen und -eindringlichen Worten.</p> - -<p>»Mein Sohn«, begann er ernst und nachdrucksvoll, »du bist -auf dem Wege, mir und deiner Mutter großen Kummer zu bereiten. -Mein Sohn, ich meine es gut mit dir; laß ab von deinen abenteuerlichen -Plänen! Du willst den heimischen Herd, das Vaterland -verlassen; glaubst du, daß du es anderwärts besser findest als -hier, wo dir bei Fleiß und Kenntnissen eine sorgenfreie Zukunft -erblühen wird? Täusche dich nicht! Nur solche, die arm und -hoffnungslos sind, oder die ein ungebändigter Ehrgeiz treibt, mögen<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[Pg 5]</a></span> -durch außergewöhnliche und kühne Unternehmungen Glück und -Ruhm erjagen. Für dich sind alle diese Dinge entweder zu hoch -oder zu niedrig. Gewöhne dich, den Mittelstand, dem wir angehören, -als den glücklichsten Stand anzusehen. Ist er nicht der Wunsch -aller? Gar manche Könige, in Glanz und Prunk aufgewachsen, -hätten gern den goldenen Thron mit dem bescheidenen Handwerk -vertauscht. Selbst der weiseste Herrscher hat einst den Mittelstand -als den glücklichsten gepriesen, indem er Gott bat, ihm weder Reichtum -noch Armut zu geben! Wer hier die Mittelstraße geht, den -stacheln weder Neid noch glühende Wünsche des Ehrgeizes, noch -wohnen in ihm Stolz und Mißgunst.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0050_illu.jpg" width="600" height="465" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson Crusoe wird von seinem Vater ermahnt.</p></div> -</div> - -<p>So ermahnte mich mein Vater eindringlich, nicht mich selbst -ins Elend zu stürzen. Er gab mir seine väterliche Absicht kund, -daß er alles aufbieten würde, um mich auf der Laufbahn, die er -für mich bestimmt habe, so freigebig zu unterstützen, als es mir in -jeder Weise förderlich sein würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[Pg 6]</a></span></p> - -<p>»Beherzige meine Worte!« fuhr er fort. »Dasselbe sagte ich -auch deinen Brüdern, aber sie gingen ihren eignen Weg. Was -war ihr Los? Fern vom Heimatshaus fiel dein ältester Bruder -auf flandrischer Erde, und wo das Gebein deines zweiten Bruders -modert, das weiß Gott allein. Glaube mir, deinem Vater, der nur -auf das Glück deiner Zukunft bedacht ist; folgst du meinen Ermahnungen -nicht, unternimmst du den unüberlegten Schritt, aufs -Geratewohl in die weite Welt hinauszustürmen, so wirst du sicherlich -eines Tages, wenn das Unglück bei dir einkehrt und niemand -der Deinen um dich ist, bitter bereuen, daß du meine Mahnungen -nicht beachtet hast.«</p> - -<p>Tief ergriffen hielt er nach diesen Worten inne, während -Thränen der Wehmut und Rührung seine Wangen netzten.</p> - -<p>In jener Stunde nahm ich mir vor, gehorsam dem Willen -meines Vaters mich zu beugen. Doch schon nach wenigen Tagen -erwachte die alte Sehnsucht aufs neue, und alle guten Vorsätze -waren vergessen. Bei meinem Vater durfte ich nicht hoffen, mit -meinen Bitten durchzudringen; deshalb versuchte ich meine Mutter -günstig zu stimmen. Ihr stellte ich vor, daß mein Trieb, die Welt -zu sehen, unüberwindlich sei, daß ich bereits im achtzehnten Jahre -stehe und nun zu alt sei, um die juristische oder die kaufmännische -Laufbahn zu betreten. Sie möge den Vater zu der Erlaubnis bewegen, -mich wenigstens eine Reise unternehmen zu lassen; gefiele -mir das Seemannsleben nicht, so wolle ich dann mit doppeltem -Eifer das Versäumte nachholen.</p> - -<p>Von diesen wiederholten Herzensoffenbarungen war meine besorgte -Mutter durchaus nicht erbaut; sie sagte mir rundweg, daß -es ganz zwecklos sei, mit dem Vater noch einmal über diesen leidigen -Gegenstand zu sprechen. Trotzdem teilte sie gelegentlich die Unterredung -dem Vater mit, und dieser gab ihr seufzend zur Antwort: -»Der Junge könnte zu Hause ein ganz gutes Leben haben; geht -er aber davon, so wird er der elendeste Mensch auf Erden. Ich -gebe meine Einwilligung nicht!«</p> - -<p>So verging abermals ein Jahr, währenddessen die wiederholten -Ermahnungen meiner Eltern nur tauben Ohren gepredigt<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[Pg 7]</a></span> -wurden. Eines Tages war ich nach Hull gegangen und traf dort -zufällig mit einem alten Schulkameraden zusammen, der im Begriff -stand, auf einem Schiffe seines Vaters nach London abzufahren. -Er überredete mich, ihn zu begleiten, indem er mich nach Seemannsart -mit den Worten lockte: »Die Fahrt soll dich nichts kosten, -mein Junge.«</p> - -<p>Mein Entschluß war gefaßt. Unbekümmert um die Sorgen -der Eltern, bestieg ich das Schiff; es war am 1. September 1651.</p> - -<p>Selten hat die Strafe für den Leichtsinn so schnell begonnen -und so lange gedauert wie bei mir. Kaum waren wir aus dem -Hafen ausgelaufen, als es zu stürmen begann und die See hohl -ging. Ich hatte noch nie eine Seereise mitgemacht, und so ergriff -mich denn die unerbittliche Seekrankheit. Jetzt überfiel mich auch -schon die Reue über meine unbesonnene Handlungsweise; meine -Gedanken kehrten ins Elternhaus zurück, wo gewiß Vater und -Mutter unter Thränen vergeblich meiner Wiederkehr harrten.</p> - -<p>Der Sturm brauste immer heftiger, das Schiff sank bald in -den Abgrund, bald wurde es hoch emporgeschleudert – mich überkam -namenlose Angst. In diesen qualenvollen Augenblicken gelobte -ich, sofort wieder in das elterliche Haus zurückzukehren, wenn es -nur Gott gefallen würde, mich aus der Gefahr zu erlösen. Als -sich aber am nächsten Tage Sturm und Wellen gelegt hatten, waren -auch alle meine guten Vorsätze dahin. Gegen Abend klärte sich das -Wetter auf; die Sonne ging rein und glänzend unter, um am nächsten -Morgen in gleicher Herrlichkeit wieder aufzugehen. Ihr heller Schein -spiegelte sich auf der weiten Meeresfläche wider; ich konnte mich an -diesem ungewohnten, prachtvollen Schauspiel nicht satt sehen.</p> - -<p>Während der Nacht hatte ich gut geschlafen und mich auch von -meiner Seekrankheit wieder erholt. Mein Blick schweifte über den -glatten Spiegel des Meeres, dessen Wellen gestern noch so unheilvolles -Verderben drohten. Eben stand ich in tiefes Sinnen versunken, -da trat mein Freund, der mich zu dieser Seereise beredet -hatte, an mich heran und sagte lachend:</p> - -<p>»Nun, Robin, wie ist dir die Bewegung von gestern bekommen? -Du hast dich doch wegen des kleinen Windstoßes nicht geängstiget?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[Pg 8]</a></span></p> - -<p>»Was? Windstoß? Ich habe in meinem Leben noch keinen -solchen Sturm ausgestanden.«</p> - -<p>»Das nennst du einen Sturm? Nichts war es. Hat man -nur ein gutes Schiff und ist auf offener See, dann macht uns eine -Mütze voll Wind mehr oder weniger nicht bange. Aber davon -verstehst du noch nichts; du bist nur ein Süßwassermensch, mein -Junge. Komm, wir wollen eine Bowle Punsch machen und alles -vergessen. Sieh, was für prächtiges Wetter wir haben!«</p> - -<p>Der Punsch wurde gebraut und ich mußte tüchtig trinken, als -sei ich schon seit Jahren Matrose. Da ging im Rausche alle Reue -über meinen Ungehorsam unter; ich vergaß alle guten Vorsätze. -Zwar kamen noch Augenblicke, in denen meine Vernunft widersprach, -doch sah ich bald in solcher Regung nur eine Schwäche und bemühte -mich, meine Grillen, wie ich es nannte, dadurch zu vertreiben, daß -ich lustige Gesellschaft aufsuchte und fleißig den Kameraden zutrank. -Nach wenigen Tagen hatte ich mein Gewissen beschwichtigt und die -Erinnerung an alle väterlichen Lehren übertäubt.</p> - -<p>Am sechsten Tage unsrer Fahrt gelangte unser Schiff auf die -Reede von Yarmouth; widrige Winde und Windstille hatten uns -seit jenem Sturme nicht erlaubt, eine größere Strecke zurückzulegen, -und wir sahen uns genötigt, vor Anker zu gehen. Der Wind, anfangs -minder stark, wuchs aber bald bis zum Orkan; alle Hände -mußten zugreifen, um die Stengen und Raaen zu streichen. Die -Wellen schlugen über unser Schiff, und ein paarmal glaubten wir, -unser Ankertau sei zerrissen. Auf Anordnung des Oberbootsmannes -wurde nun der Taganker ausgeworfen, so daß wir sicherer vor zwei -Ankern liegen konnten.</p> - -<p>Der Sturm raste fort; Angst und Entsetzen lagerten sich auf -den Gesichtern der Matrosen. Der Kapitän ließ alle Vorsichtsmaßregeln -anwenden, sein Schiff zu erhalten; doch schien er schon -selbst die Hoffnung aufzugeben, denn als er an meiner Schlafstelle -vorüberkam, hörte ich ihn in die Worte ausbrechen: »Der Herr -sei uns gnädig! Wir sind alle verloren!« – Da bemächtigte sich -meiner eine solche Todesangst, daß ich für den ersten Augenblick -wie gelähmt in der Kajütte liegen blieb. Ich vermag es nicht zu<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[Pg 9]</a></span> -schildern, was ich fühlte! Dann aber sprang ich aus der Kajütte -auf das Verdeck und schaute umher. Welch entsetzliches Schauspiel -bot sich meinen Blicken! Die Wellen gingen bergehoch und brachen -sich an unsern Schiffswänden nach je drei oder vier Minuten; -wohin ich auch sehen mochte, erblickte ich nichts als Angst und -Not. Zwei schwerbeladene Fahrzeuge, die sich in unsrer Nähe befanden, -hatten ihre Masten am Fuße gekappt – – eine halbe -Stunde von uns entfernt sahen wir ein Schiff untergehen. Zwei -andre, von ihren Ankern losgerissen, wurden in die See hinausgeworfen. -Die leichteren Fahrzeuge hatten weniger zu leiden; dennoch -trieben zwei oder drei, nur mit dem großen Blindsegel versehen, -bei uns vor dem Winde vorbei.</p> - -<p>Gegen Abend baten der Hochbootsmann und der Steuermann -den Kapitän um seine Einwilligung, den Vordermast zu kappen. -Er mußte es schon zugeben, da der Hochbootsmann versicherte, das -Schiff sei sonst unrettbar verloren. Als nun der Vordermast gefallen -war, stand der große Mast ohne Stütze und erschütterte das -Schiff so sehr, daß man sich genötigt sah, auch diesen umzuhauen.</p> - -<p>Der Zustand, in welchem ich mich damals bei meiner Unerfahrenheit -mit den Gefahren des Seelebens befand, ist unbeschreiblich. -Deutlich erinnere ich mich, daß mich während dieser qualvollen -Stunden mehr die Reue marterte, von meinen guten Vorsätzen abgegangen -zu sein, als mich die Furcht vor dem Tode schreckte. -Der Gedanke, daß dieses Unglück eine Strafe Gottes für meinen -Ungehorsam sei, stürzte mich in tiefe Betrübnis. Aber das Maß -unsrer Leiden war noch nicht voll.</p> - -<p>Der Sturm tobte mit solcher Wut, daß selbst die Matrosen -gestanden, nie einen ähnlichen erlebt zu haben. Obschon unser -Fahrzeug tüchtig war, schwankte es doch heftig hin und her, so daß -die Matrosen jeden Augenblick ausriefen: »Wir kentern!« d. h. wir -schlagen um. Ja, was bei Seeleuten nur selten vorkommt, der -Kapitän, der Hochbootsmann und mehrere andre sanken betend auf -die Kniee und starrten hoffnungslos dem Untergange entgegen.</p> - -<p>Um Mitternacht rief plötzlich einer der Matrosen: »Ein Leck -im Schiff!« Ein andrer schrie: »Das Wasser steht schon vier Fuß<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[Pg 10]</a></span> -hoch im Raum!« Alles mußte jetzt an die Pumpen. Ich war wie -gelähmt und sank auf mein Lager zurück. Die Matrosen weckten -mich unsanft aus meiner Erstarrung auf und meinten, wenn ich -auch vorher zu nichts genutzt hätte, so könnte ich doch jetzt an den -Pumpen mit helfen gleich den andern.</p> - -<p>Mechanisch folgte ich dieser Aufforderung; ich erhob mich und -arbeitete tüchtig. Während dieser Zeit erblickte der Kapitän einige -leichte Fahrzeuge, die, weil sie wegen des Sturmes vor Anker nicht -aushalten konnten, das Tau hatten schlüpfen lassen; sie sahen sich -gezwungen, das offene Meer zu gewinnen, und wendeten alle Mittel -an, um einen Zusammenstoß mit uns zu vermeiden. Der Kapitän -ließ durch einen Kanonenschuß ein Notsignal geben. Da ich nicht -wußte, was das zu bedeuten habe, und glaubte, das Schiff ginge -krachend in Trümmer, fiel ich vor Schrecken besinnungslos nieder. -Niemand achtete jetzt meines Zustandes.</p> - -<p>Jeder war nur für sein eignes Leben besorgt; ja ein Matrose, -der mich für tot hielt, schob mich mit dem Fuße seitwärts und trat -an meine Stelle. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich wieder zu mir -selbst kam.</p> - -<p>Trotz der angestrengtesten Arbeit stieg das Wasser im Schiffe -immer höher. Es war gewiß, daß wir sanken. Obgleich der Sturm -ein wenig nachgelassen hatte, konnten wir doch kaum hoffen, einen -rettenden Hafen zu erreichen. Fort und fort erdröhnten die Notschüsse; -ein leichtes Fahrzeug in einiger Entfernung wagte es, uns -ein Boot zu Hilfe zu senden. Nur durch einen glücklichen Zufall -kam das Boot in unsre Nähe; aber es war uns lange nicht möglich, -an Bord zu kommen, da es nicht anlegen konnte. Die Leute im -Boote ruderten unter Lebensgefahr mit allen Kräften. Als sie endlich -nahe genug gekommen waren, konnten wir ihnen ein Tau zuwerfen.</p> - -<p>Sie fingen es auf und legten an Bord. Im Nu waren wir -alle im Boote; doch mußten wir es aufgeben, jenes Schiff zu erreichen, -das uns so menschenfreundliche Hilfe gesendet hatte. Daher beschloß -man, das Boot treiben zu lassen, indem man vorsichtig nach der -Küste zu steuerte. Der Kapitän versprach, es zu ersetzen, wenn es -durch Stranden zertrümmert werden sollte. So, teils rudernd, teils<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[Pg 11]</a></span> -mit dem Winde treibend, steuerten wir dem Lande zu, gegen das -Vorgebirge von Winterton-Neß.</p> - -<p>Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als wir -es <em>sinken</em> sahen. Meine Augen umflorten sich, als die Matrosen auf -das untergehende Schiff hinzeigten. Schon von dem Augenblicke an, -wo ich in das Rettungsboot mehr geworfen worden als gestiegen war, -legten sich auch Furcht und Gewissensangst wie Blei auf mein Herz.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0110_illu.jpg" width="600" height="445" alt="" /> -<div class="caption"><p>Des Schiffes Untergang.</p></div> -</div> - -<p>Die Schiffsleute ruderten rastlos, um das Land zu erreichen. -Sobald unser Boot sich hoch aus den Wellen emporhob, bemerkten -wir eine Menge Menschen längs der Küste, die alle bereit waren, uns -Hilfe zu leisten, wenn wir nahe genug gekommen sein würden. Allein -unsre Fahrt ging nur sehr langsam von statten. Erst nachdem wir -den Leuchtturm von Winterton umschifft hatten, wo das Ufer sich -westwärts gegen Cromer umbiegt und die Wogen deshalb nicht mehr -so heftig sind, gelangten wir mit unsäglicher Anstrengung glücklich ans<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[Pg 12]</a></span> -Land. Wir gingen dann nach Yarmouth, wo wir Schiffbrüchigen mit -aller Menschenfreundlichkeit behandelt wurden. Die Obrigkeit wies uns -gute Quartiere an, und die Kaufleute und Reeder der Stadt steuerten -eine Summe Geldes zusammen, die jeden von uns in den Stand setzte, -entweder nach London zu gehen oder sich nach Hull zurückzubegeben.</p> - -<p>Hätte ich meinen Menschenverstand zusammengenommen und -wäre nach Hull zurückgekehrt – alle Not würde zu Ende gewesen -sein. Mein Vater hätte, um mich der Worte der Heiligen Schrift -zu bedienen, in der Freude seines Herzens ein gemästetes Kalb -geschlachtet.</p> - -<p>Wie mir später mitgeteilt ward, hatte er erfahren, daß das -Schiff, auf welchem ich mich befand, auf der Reede von Yarmouth -untergegangen sei, und erst lange danach wurde ihm Gewißheit -darüber, daß ich aus dem Schiffbruch gerettet worden. Aber es -schien, als hätte ein schlimmer Geist meinen Sinn verblendet. -Zwar regte sich manchmal die Vernunft in mir und mahnte mich, -die Schritte wieder zum väterlichen Hause zu lenken; dennoch hielt -mich ein Etwas ab, dieser inneren Stimme zu gehorchen. Zu der -Lust an Abenteuern und am Wandern, die mich zu dem ersten -Schritte des Ungehorsams gegen meine Eltern verleitet hatte, gesellte -sich jetzt die Scham; umkehren wollte ich nicht mehr, und so -trieb mich das Schicksal weiterem Unglück entgegen.</p> - -<p>Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitung -gegeben, mein Gewissen zu beruhigen, war jetzt mutloser -als ich. Erst einige Tage nach unsrer Ankunft in Yarmouth kam -ich wieder mit ihm zusammen, da unsre Quartiere weit auseinander -lagen. Jetzt schlug er einen andern Ton an als vorher; -mit trüber Miene fragte er mich, wie es mir gehe. Als sein -Vater dazu kam, teilte er diesem mit, wer ich sei, daß diese Reise -nur ein Versuch für mich gewesen sei, und daß ich weiterreisen -wolle. In dem Kapitän mochten die Erinnerungen an durchlebte -gefahrvolle Tage des Seelebens emporsteigen, er wurde ernst, fast -streng und sagte zu mir: »Junger Mann, Ihr dürft nicht wieder -aufs Meer gehen; die kaum überstandenen Ereignisse müssen Euch die -Überzeugung aufdringen, daß Ihr nicht zum Seemann geboren seid.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[Pg 13]</a></span></p> - -<p>»Wie, mein Herr«, erwiderte ich verwundert, »wollen Sie -denn auch nicht mehr zur See gehen?«</p> - -<p>»Bei mir ist das etwas andres; das ist mein Beruf, meine -Pflicht, Ihr aber habt mit dieser Reise nur einen Versuch machen -wollen, und ich dächte, Ihr hättet einen hinlänglichen Vorgeschmack -dessen bekommen, was Euch bevorsteht. Doch sagt mir, wie kommt -es eigentlich, daß Ihr zur See gehen wollt?«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0130_illu.jpg" width="600" height="345" alt="" /> -<div class="caption"><p>Die Schiffbrüchigen auf dem Boote.</p></div> -</div> - -<p>Ich erzählte dem Kapitän den Verlauf meines bisherigen -Lebens. Als ich geendigt hatte, fuhr er in unmutigem Tone und -tief erregt auf: »Womit habe ich verdient, daß solch ein Unbesonnener -zu mir an Bord kommen mußte? Um keinen Preis möchte ich je -wieder mit Euch meinen Fuß auf dasselbe Schiff setzen!«</p> - -<p>Das Unglück, welches ihn betroffen, hatte den Kapitän ganz -außerordentlich heftig gestimmt. Indessen sprach er später liebevoller -mit mir und stellte ganz eindringlich mir vor, wie thöricht -das Beginnen sei, die Vorsehung tollkühn versuchen zu wollen; ich -thäte sicher besser, zu meinem Vater zurückzukehren.</p> - -<p>»Seid überzeugt, junger Mann«, schloß er seine wohlgemeinten -Ermahnungen, »daß, wenn Ihr nicht zurückkehrt, Eurer überall -nichts als Täuschungen und Elend harren, und daß die ernsten -Worte Eures Vaters in Erfüllung gehen werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[Pg 14]</a></span></p> - -<p>Ich erwiderte nichts, sondern verabschiedete mich von dem -wohlmeinenden Manne. – Ich habe ihn leider nicht wiedergesehen.</p> - -<p>Da ich etwas Geld besaß, begab ich mich zu Lande nach London, -unentschlossen, was ich eigentlich thun sollte. Nach Hause zu gehen -verbot mir, wie gesagt, die Scham; auch fürchtete ich das höhnische -Gerede der Nachbarn. Wie thöricht ist doch die Jugend! Sie schämt -sich oft mehr der Reue als der Sünde und stemmt sich mit Gewalt -gegen die Weisungen des Verstandes. Sowie die Erinnerung an -die ausgestandenen Gefahren schwand, trat auch der Gedanke an die -Heimkehr in den Hintergrund; zuletzt gab ich ihn ganz auf und -entschloß mich kurz, an Bord eines überseeischen Schiffes zu gehen.</p> - -<p>Mein größtes Unglück auf allen meinen Reisen war die Hartnäckigkeit, -mit der ich mich weigerte, als Matrose zu dienen. Zwar -hätte ich dann gleich den andern tüchtig die Hände rühren müssen, -aber ich hätte auch Aussicht gehabt, im Laufe der Zeit zum Steuermann, -Hochbootsmann, Leutnant, ja vielleicht gar zum Kapitän -emporzusteigen. Allein ich hatte ein besonderes Geschick, überall -das Ungünstige zu wählen, und da mein Geld noch ausreichte -und meine Kleider sich in leidlich guter Beschaffenheit befanden, so -begab ich mich als Passagier an Bord, wobei ich freilich nichts zu -thun hatte, aber auch nichts lernen konnte.</p> - -<p>Ich kam also nach London. Dort hatte ich das Glück, in -gute Gesellschaft zu geraten, was bei einem lockeren, leichtsinnigen -Burschen, wie ich war, sicherlich selten genug ist. Meine erste Bekanntschaft -war der Kapitän eines Schiffes, welches von der Küste -von Guinea zurückgekehrt und im Begriff stand, wieder dorthin -abzusegeln. Dieser treffliche Mann fand Wohlgefallen an mir und -schlug mir vor, auf seinem Schiffe die Reise nach Guinea zu unternehmen. -Er meinte, es solle mich nichts kosten, und wenn ich einige -Waren einkaufen wollte, um sie in Afrika mit Vorteil loszuschlagen, -so würde ich dadurch vielleicht einen erklecklichen Gewinn machen.</p> - -<p>Wer war froher als ich? Ich nahm des Kapitäns Anerbieten -ohne Bedenken an. Auf seinen Rat hatte ich für etwa 40 Pfund -Sterling (800 Mark) Glaswaren und andre kleine Gegenstände eingekauft. -Diese Geldmittel hatte ich durch Hilfe einiger Verwandten<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[Pg 15]</a></span> -aufgebracht, mit denen ich in Briefwechsel geblieben, und letztere -hatten auch meinen Eltern mein Schicksal und mein Vorhaben -mitgeteilt, ja dieselben wohl vermocht, etwas zu meinem ersten -Unternehmen beizusteuern.</p> - -<p>Dies war die einzige Reise, von der ich sagen kann, daß sie -glücklich ablief. Allerdings hatte mich das Mißgeschick nicht gänzlich -unberührt gelassen; infolge der allzugroßen Hitze in den -Tropen verfiel ich in ein heftiges Fieber, so daß ich längere Zeit -in Afrika krank daniederlag; aber die Reise war doch nicht erfolglos -für mich gewesen. Dies hatte ich lediglich der Rechtschaffenheit -meines Freundes, des Kapitäns, zu danken, unter dessen Anleitung -ich nicht unbedeutende Kenntnisse in der Mathematik und der Seemannskunde -erlangte. Ich lernte ein Schiffstagebuch führen, nautische -Beobachtungen anstellen, kurz Dinge, die ein Seemann wissen muß. -Er fand ein gleiches Vergnügen daran, mich zu unterrichten, wie -ich, von ihm zu lernen, und so bildete mich die Reise zum Kaufmann -und Seemann. Mein Tauschhandel ging gut; ich brachte über -fünf Pfund Goldstaub zurück, gegen die ich in London 300 Guineen -(6000 Mark) erhielt. Dieser Erfolg erfüllte mich mit hochfliegenden -Gedanken; aber Hochmut kommt stets vor dem Falle, und dieser -Hochmut war die Ursache, daß ich eine dornenvolle Bahn durchwandern -mußte!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0150_deco.jpg" width="300" height="146" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[Pg 16]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0160_illu.jpg" width="600" height="593" alt="" /> -<div class="caption"><p>Da ergriff ich die zweite Flinte und traf den Löwen -so sicher durch den Kopf ... (Zu S. 19.)</p></div> -</div> - - - - -<h2>Zweites Kapitel.<br /> - -Robinsons Gefangenschaft und Flucht.</h2> -</div> - -<div class="summary"> - -<p>Gefangenschaft in Saleh. – Flucht mit Xury.</p></div> - -<p>So war ich also ein Guineakaufmann geworden. Zu meinem -größten Leidwesen starb mein Freund bald nach unsrer Rückkehr, -und ich entschloß mich, auf eigne Faust dieselbe Reise noch einmal -zu unternehmen, und zwar auf demselben Fahrzeuge, welches jetzt -der frühere Oberbootsmann führte. Es ward eine der unglücklichsten -Fahrten.</p> - -<p>Ich nahm für 100 Pfund Sterling (über 2000 Mark) Waren -auf die Reise mit und ließ 200 Pfund in den Händen der Witwe -meines Freundes zurück, die denn auch das Übergebene treulich bewahrte -und mein Vertrauen in ihre Redlichkeit nicht getäuscht hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[Pg 17]</a></span></p> - -<p>Reich an Hoffnungen steuerten wir zwischen den Kanarischen -Inseln und der afrikanischen Küste hin. Da wurden wir plötzlich -eines Morgens, noch in der Dämmerung, von einem maurischen -Seeräuber überrascht, der bald, alle Segel aufhissend, auf uns -Jagd machte.</p> - -<p>Gegen 3 Uhr nachmittags kam er uns nahe und warf auf -unser Deck 60 Mann, die sofort unser Tau- und Takelwerk zusammenhieben. -Es kam zum Kampfe. Nachdem aber von unsern -Leuten drei getötet und acht verwundet waren, mußten wir andern -uns der feindlichen Übermacht ergeben. Wir wurden nach Saleh -gebracht, einem unbedeutenden Hafen an der Küste der Barbareskenstaaten. -Man führte mich jedoch nicht, wie meine übrigen Schicksalsgenossen, -in das Innere des Landes, nach der Residenz des Kaisers, -sondern der Kapitän behielt mich bei sich selbst zurück, weil ich ihm -dienstbar sein sollte. So waren denn alle hochfliegenden Pläne -des jungen »Guineakaufmanns« mit einem Schlage vernichtet. Ich -war jetzt nichts als ein unglücklicher Sklave, und meines Vaters -mahnende Stimme trat oft vor meine Seele; niemand war da, der -mir rettenden Beistand geleistet hätte.</p> - -<p>Indessen stieg die Hoffnung in mir auf, daß mich mein neuer -Herr an seinen Seeunternehmungen werde teilnehmen lassen. Ich -malte mir schon im Geiste meine Errettung durch ein spanisches -oder portugiesisches Kriegsschiff aus. Eine derartige Gelegenheit -sollte indes noch lange auf sich warten lassen. Inzwischen mußte -ich meinen Herrn häufig auf seinen Spazierfahrten begleiten, die -er in einem kleinen Fahrzeuge auf dem Meere unternahm, um -nahe der Küste zu fischen. Einst hatte er zu einer gleichen Fahrt -als Gäste mehrere vornehme Mauren eingeladen und traf hierzu -außerordentliche Vorbereitungen.</p> - -<p>Schon am Tage vorher mußte ich in die Schaluppe mehr -Lebensmittel als gewöhnlich bringen, ebenso drei Flinten mit Pulver, -Kugeln und Schrot für die Jagd auf Seevögel. Als ich am -nächsten Morgen mit dem blankgeputzten Boote auf das Erscheinen -meines Herrn wartete, kam letzterer allein und erklärte, daß seine -Gäste wegen unerwarteter Geschäfte behindert seien; ich möchte nur<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[Pg 18]</a></span> -mit dem Maurenknaben auf den Fischfang fahren, da seine Gäste -des Abends bei ihm speisen würden. Dann ging mein Herr und -ließ mich mit dem Boote und dem Knaben allein.</p> - -<p>Welche günstige Gelegenheit zur endlichen Ausführung meiner -Fluchtpläne! Wir fuhren hinaus, und ich fischte anscheinend eine -Zeitlang, sprach dann aber zum Knaben: »Wir fangen heute nichts, -wir müssen weiter hinausfahren.« Als wir fern genug von der -Küste uns befanden, sagte ich plötzlich zu dem Knaben: »Xury, -wenn du mir treu sein willst, so werde ich dich zu einem großen -Manne machen; schlage dich ins Gesicht und schwöre mir bei -Mohammed und dem Barte deines Vaters Treue, sonst werfe ich -dich in die See.« Der Knabe lächelte mich in voller Unschuld an -und versprach, mit mir zu gehen bis an das Ende der Welt.</p> - -<p>Bei dem frischen Winde ging unsre stille Wasserfahrt so schnell -vor sich, daß wir am nächsten Tage, nachmittags 3 Uhr, als wir -uns dem Lande näherten, längst über das Gebiet des Kaisers von -Marokko hinaus sein mußten, denn wir sahen keine Spur von -Menschen an der Küste.</p> - -<p>Die Furcht, wieder in die Hände der Mauren zu fallen, hielt -mich indes ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. -Vielmehr segelte ich fünf Tage lang ununterbrochen fort und warf -erst dann, als ich mich außer aller Verfolgung glauben durfte, den -Anker nicht weit von der Mündung eines kleinen Flusses, ohne zu -wissen, wo ich mich eigentlich befand. Es kam mir niemand zu -Gesicht, und ich wollte auch niemand sehen; alles, was ich bedurfte, -war frisches Wasser. Wir liefen am Abend in die Bucht ein und -beschlossen, mit einbrechender Nacht zu landen, um die Küstengegend -zu untersuchen.</p> - -<p>Von meiner ersten Reise her wußte ich, daß die Kanarischen -Inseln und die Inseln des Grünen Vorgebirges nicht weit entfernt -sein konnten. Da ich aber die Lage nicht genau kannte, so -hatte ich nur die Hoffnung, vielleicht einem englischen Schiffe zu -begegnen, das uns aufnehmen könnte. Nach meinem Vermuten -lag das Land, welches ich gesehen hatte, zwischen dem Kaisertum -Marokko und Nigritien, dessen weite Einöden nur von wilden<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[Pg 19]</a></span> -Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier aus -südwärts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten -diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von -Tausenden große Jagden abzuhalten. Löwen und Leoparden, Schakale -und Hyänen fanden wir auf der ganzen Strecke, die wir an -der Küste hinfuhren, äußerst zahlreich, und während der Nacht -musizierten diese wilden Bestien in allen Tonarten.</p> - -<p>Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, -an einer kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg höher -und höher, und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwärts -zu treiben, als Xury, der ein schärferes Auge hatte als ich, mir -zuflüsterte: »Herr, wir müssen fort, dort an dem Felsen ist ein -fürchterliches Tier.«</p> - -<p>Ich blickte hin und erkannte in der That einen großen Löwen, -welcher sorglos schlief.</p> - -<p>Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud -ich unser größtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, -hierauf machte ich auch meine zweite Flinte schußfertig und lud die -dritte mit fünf Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schuß genau -nach dem Kopfe des Löwen; aber da er die Tatzen über die Schnauze -hielt, so traf der Schuß eine derselben über dem Gelenke und zerschmetterte -sie. Er fuhr auf, sank aber wieder nieder und erhob -sich von neuem auf drei Pfoten, indem er ein entsetzliches Gebrüll -ausstieß. Da ergriff ich die zweite Flinte und traf ihn so sicher -durch den Kopf, daß er sich in Todeszuckungen wälzte. Jetzt faßte -Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er sprang ins -Wasser und schwamm, während er mit der einen Hand die Flinte -über seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er -in der nächsten Nähe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr -an das Ohr und tötete es vollends.</p> - -<p>Da fiel mir ein, daß uns vielleicht das Fell des Löwen von -Nutzen sein könnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl -Xury recht geschickt damit umzugehen wußte, plagten wir uns -dennoch einen ganzen Tag lang, ehe wir die Haut vollständig abgestreift -hatten; darauf ließen wir sie zwei Tage auf dem Dache<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[Pg 20]</a></span> -der Kajütte ausgebreitet trocknen, und ich bediente mich dann ihrer -zum Lager.</p> - -<p>Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage -südwärts. Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu -Ende gehen mußte, und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. -Meine Absicht ging dahin, den Fluß Senegal oder den -Gambia zu erreichen, d. h. die Höhe des Grünen Vorgebirges, um -vielleicht ein europäisches Fahrzeug zu treffen; denn ich wußte, daß -alle nach der Küste von Guinea, nach Brasilien oder Ostindien bestimmten -Schiffe das Grüne Vorgebirge umsegeln mußten.</p> - -<p>An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den -Strand, um uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land -gehen, aber der kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren -ohne Waffen, nur ein einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte -mich, es sei eine Lanze, welche diese Neger auf weite Entfernungen -mit wunderbarer Sicherheit schleudern können. Ich hielt -mich daher in angemessener Entfernung und suchte nur durch Zeichen -ihnen zu verstehen zu geben, daß wir Lebensmittel wünschten. Sie -winkten mir darauf, mit dem Boote still zu halten, ich legte bei -und näherte mich dem Ufer, während zwei der Männer landeinwärts -liefen und nach einer halben Stunde zwei Stücke getrocknetes Fleisch -nebst etwas Korn zurückbrachten. Gern hätten wir zugegriffen, wir -wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein diese hegten ebenso -große Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel am Strande -nieder, zogen sich dann zurück und warteten, bis wir das Niedergelegte -geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer näherten.</p> - -<p>Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres -nicht zu bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, -durch die wir ihnen einen großen Dienst erweisen konnten. Zwei -furchtbare Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten -von den Bergen gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem -Laufe davon, nur der Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden -Bestien dachten indes nicht daran, die Schwarzen anzufallen, sondern -stürzten in das Wasser, als seien sie nur gekommen, um sich an -einem frischen Bade zu erquicken. Ich lud unsre drei Gewehre, und<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[Pg 21]</a></span> -da eines der Tiere nahe genug gekommen war, schoß ich dasselbe -gerade durch den Kopf, so daß es untersank. Bald aber kam es -wieder in die Höhe, tauchte bald auf, bald unter und schien mit -dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und Knall -des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der -Wildnis zurück.</p> - -<p>Unmöglich läßt sich das Staunen der Neger beschreiben, das -sie bei dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie -aber das Tier tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen -winkte, ans Ufer zu kommen, faßten sie wieder Mut. Ich schlang -dem Tier einen Strick um eine Pfote und warf dessen Ende den -Negern zu, welche dann den Leichnam ans Land zogen. Jetzt erst -bemerkte ich, daß es ein kräftiger, schön gefleckter <em>Leopard</em> war. -Die Neger gaben mir zu verstehen, daß sie nicht übel Lust hätten, -das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich ihnen durch Zeichen -ausdrückte, daß ich ihnen diese Beute zum Geschenk machen wolle, -schienen sie außerordentlich dankbar zu sein und gingen sogleich -daran, dem Tiere die Haut abzuziehen.</p> - -<p>Von dem Fleische, das sie mir anboten, nahm ich nichts an, -sondern verlangte nur das Fell, das sie mir gern überließen. Noch -begehrte ich von ihnen Wasser, indem ich einen Krug mit der Hand -umkehrte, um anzudeuten, daß er leer sei. Sofort riefen sie einige -Weiber herzu, die dann ein großes irdenes Gefäß herbeibrachten. -Sie stellten es an das Ufer, wie früher die Lebensmittel, und ich -schickte Xury ab, um unsre drei Krüge aus diesem Gefäße mit -Wasser zu füllen.</p> - -<p>So war ich denn mit Fleisch, Korn und Trinkwasser versehen, -nahm daher von den freundlichen Negern Abschied und segelte -wiederum in der bisherigen Richtung zehn Tage lang, ohne zu -landen, bis ich endlich vier oder fünf Stunden entfernt das Land -weit in das Meer vorspringen sah. Die See war still; ich umsegelte -diese Landspitze in einer Entfernung von ungefähr zwei -Stunden. Bei dieser Fahrt sah ich ganz deutlich das andere Ufer -des Kaps und vermutete – wie ich erfuhr, mit Recht – daß es -das Grüne Vorgebirge sei und die Kapverdischen Inseln. Ich<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[Pg 22]</a></span> -machte keinen Versuch, nach den letzteren zu steuern, da ich fürchtete, -ein widriger Wind könnte mich in den offenen Ozean treiben.</p> - -<p>In dieser Lage ging ich in die Kajütte und hing meinen Gedanken -nach. Plötzlich rief Xury, der am Steuer saß: »Herr, ein -Schiff mit Segeln!« Er war ganz außer sich vor Schrecken, weil -er glaubte, unser maurischer Herr setzte uns mit einem Fahrzeug -nach. Ich sprang aus der Kajütte und sah sofort, daß das Schiff -ein portugiesisches war. Ich segelte und ruderte, so sehr ich konnte, -um es einzuholen; endlich bemerkte man uns und zog die Segel -ein, um uns herankommen zu lassen.</p> - -<p>Man fragte mich auf portugiesisch, auf spanisch und auf -französisch, wer ich sei, allein ich verstand keine dieser Fragen. -Zuletzt erkundigte sich ein schottischer Matrose, der sich an Bord -befand, auf englisch nach meinen Verhältnissen, und diesem sagte -ich, daß ich ein Engländer und aus der Sklaverei der Mauren in -Saleh entflohen sei. Man ließ mich nun an Bord kommen und -nahm uns beide samt meiner Habe freundlich auf.</p> - -<p>Ich empfand über meine Rettung unaussprechliche Freude und -bot dem Kapitän als Beweis meiner Dankbarkeit mein ganzes Besitztum -an. Allein er erwiderte mir großmütig, daß er nichts annehmen -wolle: »Nein, Senhor Inglese (Herr Engländer), ich bringe -Euch aus reiner Christenliebe nach Brasilien, und die Gegenstände, -die Ihr mir anbietet, werden Euch dort zum Lebensunterhalt und -zur Rückreise dienen.«</p> - -<p>So edelmütig sein Vorschlag war, so pünktlich erfüllte er ihn -auch. Keiner seiner Matrosen durfte etwas von meiner Habe anrühren. -Als er mein Boot in gutem Zustande sah, machte er mir -den Vorschlag, es ihm zu verkaufen. Ich antwortete ihm, er habe -sich so edelmütig gegen mich gezeigt, daß ich es mir zur Ehre schätze, -ihm mein Boot umsonst zu überlassen. Der Kapitän nahm jedoch -das Anerbieten nicht an, sondern bezahlte das Boot und gab mir -80 Stück Dublonen; ebenso bot er 60 Stück für meinen Jungen -Xury. Er wollte sich verpflichten, Xury nach zehn Jahren freizugeben, -wenn er zum Christentum überginge; der Maure willigte -freudig ein, und ich überließ ihn dem Kapitän.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[Pg 23]</a></span></p> - -<p>Nach einer glücklichen Fahrt, die ohne Unfälle von statten ging, -liefen wir in die Allerheiligenbai ein. Der edelmütige Kapitän -ließ mich nichts für die Überfahrt bezahlen; er gab mir 20 Dukaten -für das Fell des Leoparden und 40 für das des Löwen; er lieferte -mir alle meine Sachen aus und kaufte mir alles ab, was ich ihm -ablassen wollte, so z. B. den Flaschenbehälter, zwei meiner Flinten. -Dies brachte mir gegen 220 Stück Dublonen ein; mit diesem -Kapital ging ich in Brasilien ans Land.</p> - -<p>Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitän dem Hause eines -Mannes, der ebenso rechtschaffen war, wie er selbst, und eine -Zuckerpflanzung mit Siedewerk betrieb. Ich blieb einige Zeit bei -ihm und machte mich bald mit dem Verfahren der Zuckerpflanzung -vertraut. Dabei hatte ich Gelegenheit, das bequeme Leben der -Pflanzer sowie ihren schnell emporblühenden Reichtum zu beobachten, -so daß in mir der Wunsch aufstieg, mich ebenfalls als Pflanzer -niederzulassen. Ich dachte nun an Mittel, mein in London gelassenes -Geld hierher kommen zu lassen, kaufte so viel Land, als -meine Mittel erlaubten, und entwarf einen Plan zur Errichtung -meiner Pflanzung.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0230_deco.jpg" width="300" height="137" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[Pg 24]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0240_illu.jpg" width="600" height="404" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson als Pflanzer.</p></div> -</div> - -<h2>Drittes Kapitel.<br /> - -Robinson als brasilischer Pflanzer.</h2> -</div> - -<div class="summary"> - -<p>Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. – Eine neue Reise. – Schiffbruch.</p></div> - -<p>Mein edelgesinnter Kapitän hatte drei Monate auf Ladung gewartet -und stand eben im Begriff, die Rückreise anzutreten, als ich -das Gespräch auf das Kapital brachte, welches ich noch in London -stehen hatte. Er erteilte mir den wohlmeinenden Rat: »Senhor -Inglese, gebt mir Vollmacht und legt mir einen Brief bei an diejenige -Person in London, bei welcher Euer Geld steht. Laßt Eure -Effekten nach Lissabon gehen, die ich als Euer Bevollmächtigter Euch -auf meiner nächsten Reise mitbringen werde. Da aber die menschlichen -Dinge tausend Zufälligkeiten ausgesetzt sind, so möchte ich -Euch raten, mir nur eine Anweisung auf 100 Pfund Sterling, als -die Hälfte Eures Vermögens, auszustellen; denn geht diese verloren, -so bleibt Euch doch noch die andre Hälfte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[Pg 25]</a></span></p> - -<p>Ich nahm diesen Rat an und ließ die Vollmacht für den Portugiesen -ausfertigen. Der Witwe des englischen Kapitäns schilderte -ich meine Abenteuer, meine Sklaverei, mein Entrinnen sowie das -Zusammentreffen mit dem portugiesischen Kapitän und dessen -menschenfreundlichen Beistand. Als der Mann nach Lissabon kam, -fand er Mittel, der Frau meines verstorbenen Freundes meinen -Brief zu übersenden, worauf sie ihm nicht nur das bare Geld, -sondern auch ein Geschenk für seine liebevolle Teilnahme einschickte. -Der Kaufmann in London legte diese 100 Pfund in englischen -Waren an, wie ihm der Kapitän aufgetragen hatte, und sandte sie -nach Lissabon ein. Diese Waren nebst allerhand nützlichen Werkzeugen -überschickte mir der Kapitän; ja sogar einen Diener hatte -er für die fünf Pfund Sterling, die er von der Witwe zum Geschenk -erhalten, für mich angeworben mit der Verpflichtung, mir -sechs Jahre zu dienen. Auch der Erlös aus den englischen Manufakturwaren -übertraf meine Erwartungen, so daß ich mit meinen -Vermögensverhältnissen vollkommen zufrieden sein konnte. Nun -dachte ich daran, noch einen europäischen Diener zu mieten und -einen Neger zu kaufen. Die Ernte im nächsten Jahre fiel glänzend -aus.</p> - -<p>Wäre ich in den Verhältnissen geblieben, in welchen ich mich -jetzt befand, so hätte ich bis an mein Lebensende ein ruhiges und -beschauliches Glück genießen können. Allein in meinem Kopfe -tummelten sich tausend hochfahrende Unternehmungen. Dergleichen -Pläne sind ja oft das Verderben selbst erfahrener Männer, und -ich sollte das auch empfinden.</p> - -<p>Als Pflanzer in Brasilien hatte ich zum Nachbar einen Portugiesen -aus Lissabon von englischer Herkunft, Namens Wells, dessen -Umstände den meinigen ähnlich waren. Zwei Jahre lang hatten -wir alle Hände voll zu thun, um nur unsern Lebensunterhalt zu -verdienen, aber schon im dritten Jahre ernteten wir Tabak, und im -vierten Jahre gedachten wir Zuckerrohr zu bauen. Ich hatte 50 große -Rollen Tabak, von denen jede 100 Pfund wog, auf meinem eignen -Grund und Boden erbaut und sie für die Rückkehr der Flotte von -Lissabon wohl aufbewahrt. Indes fühlten wir recht drückend den<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[Pg 26]</a></span> -Mangel an mithelfenden Armen, und ich wünschte mehr als je -meinen flinken Xury zurück, der mir recht gute Dienste hätte leisten -können.</p> - -<p>Da wir die sämtlichen Arbeiten nicht selbst ausführen konnten, -blieben wir mit vielem im Rückstande. Es währte nicht lange, da -fühlte ich mich in meiner Lebensweise unbehaglich. Natürlich! Ich -hatte mich einer Beschäftigung hingegeben, die meiner Wanderlust -gerade entgegenlief. Jetzt sah ich ein, daß mein Vater recht hatte, -als er mir den Mittelstand als den glücklichsten angepriesen. »Und -dies alles«, sagte ich häufig zu mir selbst, »hättest du leichter in -deinem Vaterlande haben können; manche Leiden hättest du dir erspart, -wenn du daheim geblieben wärst! Jetzt mußt du nun hier -leben, wo kein Freund an deinem Schicksal teilnimmt.«</p> - -<p>Während der vier Jahre meines Aufenthalts in Brasilien hatte -ich die Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer -Kaufleute in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal -über meine Jugendschicksale und besonders über die Reisen an der -Guineaküste unterhielt. Dabei ließ ich nicht unerwähnt, mit welcher -Leichtigkeit man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, -Spiegeln, Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub -ein gutes Geschäft machen könne. Besonders aufmerksame -Zuhörer hatte ich an jenen Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel -sprach, der damals noch ausschließlich von Spanien und -Portugal aus getrieben wurde.</p> - -<p>Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir -einen Vorschlag zu machen; sie teilten mir mit, sie hätten alle drei -gleich mir Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an -geeigneten Arbeitskräften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff -nach Guinea ausrüsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, -sondern um Schwarze aus Afrika zu holen und sie gleichmäßig -unter sich zu verteilen. Es sei nur noch die Frage, ob ich als -Aufseher des Schiffes mitgehen und den Handel an der Guineaküste -leiten wolle. Für die Einwilligung würden sie mich durch einen -gleichen Anteil an den Negern entschädigen sowie durch den Vorteil, -keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu müssen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[Pg 27]</a></span></p> - -<p>Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, -war ich doch so thöricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die -Bedingung, daß meine Pflanzung bis zu meiner Rückkehr gut überwacht -würde und, falls mir ein Unglück widerführe, demjenigen -übergeben werden sollte, den ich als Nachfolger bezeichnete. Zu -meinem Universalerben setzte ich den portugiesischen Kapitän ein, -unter der Bedingung, daß er die Hälfte meines Vermögens nach -England gelangen lassen solle.</p> - -<p>Die Ausrüstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September -1659, demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das -elterliche Haus verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen -wir in See. Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, führte sechs -Kanonen und 14 Mann, den Kapitän samt seinem Schiffsjungen -und mich eingerechnet. Die Ladung des Schiffes bestand nur aus -solchem Tand, der sich am besten zum Handel mit Negern eignet.</p> - -<p>Wir steuerten anfangs längs der Küste von Brasilien nordwärts, -weil wir beabsichtigten, den 12. Grad nördlicher Breite zu -erreichen und dann, wie damals üblich, nach Afrika hinüberzusegeln. -Solange wir an der Küste hinfuhren, wurden wir von dem prächtigsten -Wetter begünstigt; bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land -aus dem Gesicht und steuerten, als wollten wir die Insel Fernando -de Naronha erreichen, Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel -ließen wir aber östlich liegen und passierten nach einer Fahrt von -zwölf Tagen die Linie. Bisher hatten wir uns des schönsten Wetters -zu erfreuen gehabt, jetzt aber brach ein heftiger Wirbelwind los.</p> - -<p>Zwölf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann -ließ der Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, daß wir -uns in der Richtung nach der Küste von Guinea oberhalb des -Amazonenstromes und nicht weit vom Orinoko befanden. Wir -überlegten, was unter diesen Umständen zu thun sei, zumal das -Schiff ein Leck bekommen hatte; endlich entschlossen wir uns, nach -Barbados zu segeln, indem wir uns weit genug auf offener See -hielten, um die Einfahrt in den Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. -In vierzehn Tagen konnten wir bei den Karibischen Inseln -sein und steuerten deshalb nordwestlich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[Pg 28]</a></span></p> - -<p>Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem -14. Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und -trieb uns weit fort, als plötzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: -»Land! Land!« ertönte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile -der Welt wir entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windstoß -unser Fahrzeug auf eine Sandbank trieb.</p> - -<p>Die Wogen stürzten schäumend über das Deck, und jeder -flüchtete in sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu -schützen. Der Wind tobte fortwährend heftig, und das Fahrzeug -konnte in wenig Minuten zertrümmert sein, wenn es nicht plötzlich -umschlug. Am Hinterteil des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder -war zertrümmert und die zerschmetterten Teile tanzten auf -den empörten Wellen. Zwar lag noch die Schaluppe an Bord, -doch schien es uns unmöglich, dieselbe ins Wasser zu setzen. Die -Todesangst zwang uns endlich doch, einen verzweifelten Versuch zu -machen, und den vereinten Anstrengungen gelang es, die Schaluppe -über Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und ließen uns -– im ganzen elf Personen – von Wind und Wogen treiben, -wohin es Gott gefiel.</p> - -<p>Wir sahen wohl ein, daß unser Boot bei der hochgehenden -See nicht lange aushalten würde. Mit allen Kräften ruderten wir -dem Lande zu, aber so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; -denn wir konnten voraussetzen, daß das Boot, wenn es sich -der Küste näherte, von der Macht der Wogen zertrümmert werden -würde. So schien es, als ob wir selbst unsern Untergang beschleunigten.</p> - -<p>Von welcher Beschaffenheit die Küste vor uns war, ob felsig -oder sandig, hoch oder flach – wir wußten es nicht. Der einzige -Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Möglichkeit, in -die Mündung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, -wo wir das Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von -alledem, ja, das Land erschien uns, je näher wir kamen, grauenhafter -als die See, denn es starrten uns fürchterliche Felsenriffe -entgegen. So mochten wir etwa anderthalb Meilen fortgetrieben -sein, als eine berghohe Welle hinter unsrer Schaluppe einherrollte,<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[Pg 29]</a></span> -uns mit sicherem Untergang bedrohend; sie stürzte mit solcher Heftigkeit -auf unser Boot, daß es augenblicklich umschlug. Wir wurden -getrennt und versanken in den Abgrund, Gott um Beistand anflehend.</p> - -<p>Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch -nicht zur Oberfläche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich -die Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurückzog -und mich auf dem Trockenen zurückließ, freilich zum Tode ermattet -und außer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt -hatte. Ich fühlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des -Körpers, daß ich mich aufraffte und, da ich die Küste nahe vor -mir sah, einen Versuch machte, sie zu erreichen, ehe eine andre -Welle mich wieder zurückriß. Meine Widerstandskraft erwies sich -jedoch dem Elemente gegenüber als zu schwach. Ich sah die See -riesengroß, wie einen erbitterten Feind, von neuem gegen mich -heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr zu widerstehen. -Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu behalten -und schwimmend landeinwärts zu kommen. Doch die Wassermenge -begrub mich viele Meter tief, und ich fühlte, wie ich von ihr nach -dem Ufer gerissen wurde.</p> - -<p>Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und -Händen aus dem Wasser emporschoß. Ich faßte neuen Mut, obgleich -ich mich nur zwei Sekunden über Wasser hielt, um Atem zu schöpfen. -Darauf stürzten wieder die Wellen über mich weg, und dann bemerkte -ich, wie sie wieder zurückgingen.</p> - -<p>Die letzte Welle hätte mir gefährlich werden können, denn ich -wurde mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, daß ich -fast das Bewußtsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das -Felsenstück (S. 31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser -zurückgegangen war. Nun kletterte ich die Klippen empor und warf -mich auf das Gras, sicher vor dem Anfluten des Wassers und seinen -Gefahren. Ich blickte zum Himmel und dankte inbrünstig dem -Herrn, der mich so wunderbar vom Tode errettet hatte.</p> - -<p>Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, -in weiter Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[Pg 30]</a></span> -ganz durchnäßt, und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger -und Durst quälten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung -eines Tieres mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur -die Aussicht, entweder Hungers zu sterben oder von wilden Tieren -zerrissen zu werden. Ich hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, -eine Tabakspfeife und etwas Tabak in einem Beutel; das war mein -ganzer Vorrat und – der war naß.</p> - -<p>Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwärts und fand -frisches Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah -ich indes nirgends und begnügte mich daher, nach Seemannsbrauch, -Tabak zu kauen. Die Nacht brach allmählich herein. Schwere, -finstere Wolken jagten am Himmel dahin und ließen die Nacht nur -um so unheimlicher erscheinen. Der Wind schüttelte die Äste der -Bäume, und die Wellen brachen sich tosend an den Klippen. Mich -überkam die Furcht vor reißenden Tieren, denen ich waffenlos preisgegeben -war.</p> - -<p>Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur -Waffe abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen -und darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich -in einen tiefen Schlaf, aus welchem ich erst nach vielen Stunden -wiedererwachte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0300_deco.jpg" width="300" height="122" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[Pg 31]</a></span></p> - - -<div class="chapter"> -<div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0310_illu.jpg" width="600" height="580" alt="" /> -<div class="caption"><p>»Gerettet!«</p></div> -</div> - -<h2>Viertes Kapitel.<br /> - -Rettung nach dem Schiffbruch.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Robinson schwimmt an das Wrack. – Erbauung eines Floßes. – Er landet glücklich mit seiner -Fracht. – Tägliche Fahrten nach dem Wrack. – Errichtung seiner Wohnung. – Erbeutung von -Ziegen. – Robinsons Kalender. – Tagebuch.</p></div> - -<p>Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. -Das Wetter war heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer -war ruhig. Am meisten überraschte mich der Umstand, daß das -Schiff durch die Flut gehoben und fast bis zu dem Punkte getrieben -wurde, an welchem mich tags vorher die Wogen gegen die<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[Pg 32]</a></span> -Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine halbe Stunde vom -Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu halten. Ich -nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu -beschaffenden Bedürfnissen zu versehen.</p> - -<p>Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Höhe -herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine -Stunde entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte -dasselbe zu erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; -ebensowenig vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen.</p> - -<p>Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurückgewichen, -daß ich mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nähern -konnte. Ich legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe -zu. Als ich indes nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das -Schiff hatte sich auf die Seite gelegt und ragte hoch über das -Wasser empor; daher konnte ich nicht an Bord kommen. Zweimal -schwamm ich um das Fahrzeug herum, ohne etwas zu finden, woran -ich mich hätte in die Höhe arbeiten können. Endlich gewahrte ich -ein Tauende, welches am Vorderteil so weit herabhing, daß ich -daran emporklettern konnte. Oben angekommen, sah ich, daß das -leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte. Es lag auf -einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, während das -Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang -galt der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorräte in -unverdorbenem Zustande fand. Ich füllte meine Taschen mit -Schiffszwieback und entdeckte dann in der Kajütte Rum, von dem -ich einen tüchtigen Schluck zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur -an einem Boote, um die mir nötigen Sachen ans Land zu schaffen. -Da beschloß ich, mir selbst ein Floß zu bauen. An Bord fand ich -einige Raaen, zwei oder drei hölzerne Balken und ein paar Bramstengen. -Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sägen, Beile, -Hammer und Nägel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer, -nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, -damit sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der -Seite des Schiffes hinab und verband die Holzstücke zu einer Art -Floß; hierauf nagelte ich einige Bretter darüber und konnte mich -nun schon darauf wagen. Allein für eine größere Ladung wäre -es immerhin noch zu leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der -Zimmermannssäge eine der Bramstengen in drei Stücke und verstärkte -mit diesen mein Floß. Dann dachte ich daran, wie ich es -am vorteilhaftesten befrachten und die Ladung gegen das Wasser -sichern könnte. – Zuvörderst brachte ich auf das Floß alle Bretter, -deren ich habhaft werden konnte; hierauf füllte ich zwei Matrosenkisten -mit Brot, Reis, holländischen Käsen, fünf Stück geräucherten -Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0330_illu.jpg" width="403" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinsons Rückkehr vom Wrack.</p></div> -</div> - -<p>Während ich alle Gegenstände zusammenpackte, begann die Flut -zu steigen; ich bemerkte, daß meine Weste und mein Hemd, die ich -am Ufer zurückgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb -Bedacht, nach Kleidungsstücken zu suchen, deren ich genug fand; -auch dachte ich an Munition und Waffen. In der großen Kajütte -waren zwei gute Jagdflinten sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte -ich einen kleinen Beutel mit Schrot, zwei alte verrostete Degen und -etliche Pulverhörner. Ich erinnerte mich, daß drei Pulverfässer auf -dem Schiffe waren, aber ich wußte nicht, wo unser Geschützmeister -sie hingestellt hatte. Nach vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten -sich trocken und gut erhalten, während das dritte durch das Wasser -verdorben war; die beiden ersteren samt den Waffen trug ich auf -mein Floß. Dann fielen mir noch etliche Ruder in die Hände, die -zur Schaluppe gehört hatten, sowie zwei Sägen, eine Axt, ein -Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte ich -mein Floß in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es -glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwärts, woraus ich schließen -mußte, daß eine Bucht oder die Mündung eines Flusses diese -Strömung herbeiführte. In der That zeigte sich bald vor mir -eine kleine Öffnung, in welche die Flut mächtig eindrang.</p> - -<p>So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Floß, um es in die -Mitte des Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mögliche auf, -indem ich meinen Rücken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher -Zeit mich bemühte, das Floß richtig zu leiten. Fast eine halbe -Stunde mußte ich in dieser anstrengenden Stellung aushalten, bis -endlich die steigende Flut mein Floß hob, worauf ich glücklich in<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[Pg 36]</a></span> -die Bucht einlief. Da aber die Ufer steil emporstiegen, so bemühte -ich mich, mein Floß durch das Ruder wie durch einen Anker festzuhalten, -bis die Flut ihre größte Höhe erreicht haben würde. -Später trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete zwei meiner -zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese Art -lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein -Floß samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb.</p> - -<p>Ich darf hier nicht vergessen, daß wir an Bord einen Hund -und zwei Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Floß mitgenommen, -der Hund aber war selbst ins Meer gesprungen und -folgte mir schwimmend bis ans Ufer. Dieses anhängliche Tier -blieb jahrelang mein treuer Gefährte und leistete mir wesentliche -Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir die Gesellschaft -eines Menschen zu ersetzen.</p> - -<p>Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem -Floß gelandet war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer -Kette andrer Berge, die sich nach Norden hinzog, am höchsten -emporragte. Ich nahm eine Jagdflinte, eine Pistole und ein gefülltes -Pulverhorn, und so bewaffnet erklomm ich die Spitze des -Berges. Von hier aus sah ich erst, daß ich mich auf einer Insel -befand. Nirgends war größeres Land zu sehen, nur in der Ferne -hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu, etwa zwei -Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war -die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden -Tieren konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine große -Menge Vögel, deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht -zur Speise nicht einmal eigneten. Bei meiner Rückkehr schoß ich -einen großen Vogel, der auf einem Baume saß. Es war wohl -der erste Schuß, welcher hier seit Erschaffung der Welt gefallen. -Denn kaum ertönte der Knall, als sich aus allen Teilen des Gehölzes -unzählige Vögel aller Art erhoben und mit wirrem Geschrei -durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich -an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen -war etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungenießbar.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[Pg 37]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0370_illu.jpg" width="485" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson auf der Vogeljagd.</p></div> -</div> - -<p>Ich mußte schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise -zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Floß zurück. -Jetzt schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages -verbrachte. Was in der Nacht aus mir werden sollte, wußte ich -noch nicht, denn auf bloßer Erde zu schlafen schien mir bedenklich.<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[Pg 38]</a></span> -Deshalb verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich -ans Land gebracht hatte, und baute mir für die Nacht eine Art -Hütte.</p> - -<p>Am nächsten Morgen überlegte ich, daß ich aus dem gestrandeten -Schiffe wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir -beschaffen könnte, und ich beschloß, wenn möglich, eine zweite Reise -nach dem Fahrzeuge zu unternehmen, ehe ein nächster Seesturm -das Wrack vollständig zertrümmern würde.</p> - -<p>Zu solchem Zwecke beschloß ich, in gleicher Weise wie das erste -Mal zu verfahren. Ich ließ meine Kleider in der Hütte zurück -und behielt außer dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die -Schuhe an. In diesem Anzuge schwamm ich an das Wrack und -baute dort schneller als das erste Mal ein geeigneteres Floß zur -Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorräten des Zimmermanns -fand ich ein paar Beutel mit Nägeln und Schrauben, einen -großen Bohrer, eine Anzahl Beile und Äxte und einen Schleifstein. -Von den Gerätschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder -drei Hebeeisen, zwei Fäßchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen -und eine Bergflinte, einen kleinen Vorrat Pulver, einen tüchtigen -Beutel mit Schrot und eine große Rolle dünngeschlagenes Blei.</p> - -<p>Außerdem eignete ich mir alle Kleidungsstücke an, die ich nur -finden konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hängematte mit -Bettzeug. Reich beladen brachte ich dann das Floß zu meiner -Freude glücklich ans Land.</p> - -<p>Nun gab es alle Hände voll zu thun, um mittels der Segel -und etlicher Pfähle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa -durch die Witterung Schaden leiden könnte, unter Dach und Fach -zu bringen. Ich stellte leere Fässer, Kisten und Tonnen um das -Zelt und umgab mich mit einem Wall, so daß ich mich vor einem -ersten Angriff oder Überfall von Menschen oder Tieren gesichert -glauben durfte. Auch verschloß ich den Eingang mit Brettern, -breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte zwei Pistolen an -das Kopfende, eine geladene Flinte längs der Seite des Lagers -und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestört -bis zum Morgen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[Pg 39]</a></span></p> - -<p>Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des -Wracks. Diesmal nahm ich alle Taue, Stricke und Schnüre mit, -die noch aufzufinden waren, ebenso ein großes Stück Zeug zum -Ausbessern der beschädigten Segel sowie das Faß mit dem naß -gewordenen Pulver. Natürlich ließ ich auch die Segel nicht zurück, -die mir später trefflich zu statten kamen. Die größte Freude verursachte -es mir jedoch, als ich eine große Tonne mit Brot, drei -Fässer voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit feinem -Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt -ans Land.</p> - -<p>So unternahm ich regelmäßig meine täglichen Ausfahrten und -hatte in zwölf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, -was ich auf meinem kleinen Floß fortbringen konnte. Als ich mich -zum letztenmal auf dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der -Schublade eines kleinen Tisches einige Rasiermesser, über ein Dutzend -Tischmesser, Gabeln und Löffel, sowie europäische und brasilische -Gold- und Silbermünzen im Werte von 40 Pfund Sterling -(800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde eines spöttischen -Lächelns nicht erwehren. »Was soll mir doch«, dachte ich zunächst, -»dieses glänzende Metall nützen? Ein einziges Messer ist mir -nützlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl der -Mühe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag -es bleiben!« Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich -mich eines andern, wickelte das Geld in ein Stück Leinwand und -machte mich dann an die Errichtung des Floßes.</p> - -<p>Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, erhob sich ein -starker Wind vom Lande her, und den Himmel überzogen schwere, -dunkle Wolken. Ich sah wohl ein, daß keine Zeit zu verlieren war, -daher sprang ich ins Wasser und erreichte schwimmend glücklich das -Ufer. Immer heftiger blies der Wind und immer hohler gingen -die Wogen der See; ich aber saß wohlgeborgen in meinem kleinen -Zelte – jetzt noch ein Krösus unter meinen Reichtümern. Die -ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit solcher Heftigkeit getobt, -daß am Morgen von dem gestrandeten Schiffe nichts mehr zu erblicken -war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man dürftige<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[Pg 40]</a></span> -Trümmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunächst -war ich nicht wenig bestürzt; dann aber schlug ich mir das ganze -Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit tröstete, die wertvollste -Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues -Standquartier gerettet zu haben.</p> - -<p>Darüber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, daß meine -Wohnung nur den ersten Anforderungen genüge, denn sie befand -sich in der Nähe der Küste auf feuchtem Boden. Aber was sollte -ich nun zum Aufenthalt wählen? Ein Zelt oder eine Höhle? – -Vielleicht beides! Ich begab mich wiederum auf Entdeckungsreisen -und gelangte an einen Hügel, dessen eine Seite eine hohe senkrechte -Felsenwand bildete. Diese erschien mir geeignet, Schutz vor feindlichen -Menschen und Tieren sowie vor glühenden Sonnenstrahlen -zu gewähren. Außerdem bot sich mir von dieser Stelle auch die -Aussicht auf das weite Meer, so daß ich jedes vorbeisegelnde Schiff -erblicken konnte. Am Fuße der Felswand bemerkte ich eine Vertiefung, -die jedoch keine eigentliche Höhle genannt werden konnte. -Ihr unmittelbar gegenüber wählte ich meine Wohnstätte auf dem -oberen Teile der Fläche. Diese Ebene war ansehnlich breit und -dehnte sich noch einmal so lang wie ein grüner Rasenteppich vor -meinem Zelte aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hügels lag -und den kühlenden Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich -auch vor der glühenden Hitze des tropischen Himmels geschützt.</p> - -<p>Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Höhlung -einen Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In -diesen Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei -Reihen Pfähle so fest in die Erde ein, daß sie wie Säulen standen; -sie ragten anderthalb Meter über den Boden empor und waren -oben zugespitzt. Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem -Schiffe abgeschnitten hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen -auf der Spitze übereinander und stemmte von der Seite andre -Pfähle dagegen, so daß weder Menschen noch Tiere diesen Zaun -zu durchbrechen vermochten.</p> - -<p>Der Eingang bestand nicht in einer Thür, sondern ich mußte -mit Hilfe einer Leiter darüber klettern. In diese Zaunfestung nun<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[Pg 41]</a></span> -brachte ich mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtümer und -errichtete dann ein geräumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem -ich über die untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere -bedeckte ich wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem -Segelwerk des Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu -schlafen, wie in meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich -in derselben Hängematte, in welcher sich früher der Kapitän -gewiegt hatte.</p> - -<p>Meine nächste Arbeit galt nun der Aufgabe, den Felsen weiter -auszuhöhlen, um dort alle jene Lebensmittel und sonstigen Gegenstände -unterzubringen, die ich gegen Nässe schützen mußte. Diese<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[Pg 42]</a></span> -Beschäftigung nahm mich mehrere Tage in Anspruch; doch ehe noch -alles zustande gekommen war, trat ein Ereignis ein, das mich zu -großer Vorsicht mahnte.</p> - -<p>Eines Tages stand ein schreckliches Gewitter am Himmel, und -der Regen ergoß sich in Strömen auf den Erdboden. Da fuhr -plötzlich ein blendender Blitz hernieder und erhellte die Landschaft -auf einige Sekunden mit blaurotem Licht. »Mein Pulver, mein -Pulver!« dachte ich. Mein Herz pochte mit gewaltigen Schlägen; -dann ließ ich alle andern Arbeiten im Stich und beschäftigte mich -damit, meinen Pulvervorrat in kleine Pakete zu teilen und in Kistchen -und Beuteln wohl zu verwahren. So hatte ich 240 Pfund -in etwa hundert verschiedene Päckchen gesondert und jedes derselben -vorsichtig so weit von dem andern entfernt gestellt, daß, wenn sich -auch unglücklicherweise eines derselben entzündete, doch die übrigen -nicht zugleich in die Luft fliegen konnten.</p> - -<p>Bei meinem ersten Morgenspaziergange, welchen ich, mit einer -Flinte bewaffnet, unternahm, um irgend etwas Eßbares zu schießen, -machte ich die erfreuliche Entdeckung, daß die Insel mit zahlreichen -Ziegen bevölkert war; doch zeigten sie sich so scheu und schnellfüßig, -daß ich mich ihnen nicht auf Schußweite nähern konnte. Ich hatte -beobachtet, daß sie stets erschreckt davonliefen, wenn sie vom Berge -herab mich im Thale bemerkten; weideten sie jedoch im Thale und -ich selbst stand auf dem Felsen, so nahmen sie keine Notiz von mir. -Dies brachte mich auf die Vermutung, daß jene Tiere wohl leicht -von oben herab, aber schwer von unten nach oben sehen könnten. -Um zu erfahren, ob meine Vermutung richtig sei, stieg ich auf einen -Berg, während unten die Herde graste. Mit dem ersten Schuß, -den ich abfeuerte, erlegte ich eine Ziege, die ein Junges bei sich -hatte. Als ich mich dem getöteten Tiere näherte, um es aufzuheben, -blieb jenes ganz harmlos stehen, ja es folgte mir freiwillig in mein -Zelt. Ich hoffte, das Junge aufziehen zu können; doch da es -keinerlei Futter annehmen wollte, so sah ich mich genötigt, es zu -schlachten und zu verzehren. Durch diese beiden Tiere war ich auf -etliche Tage hinlänglich mit gutem Fleisch versehen und sparte dadurch -an meinem Vorrat, welchen ich vom Schiffe gerettet hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[Pg 43]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0410_illu.jpg" width="600" height="586" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson erlegt die erste Ziege.</p></div> -</div> - -<p>Einige Zeit nach meiner Landung dachte ich daran, eine <em>Zeitrechnung</em> -aufzustellen, um in der Tag- und Monatsfolge nicht -ganz irre zu werden und ebenso den Sonntag nicht mit den Werktagen -zu verwechseln. Da ich weder Papier, noch Tinte, noch -Federn besaß, verfiel ich auf die Abfassung einer Art Kalender.</p> - -<p>Ich rammte einen viereckigen Pfahl in die Erde und befestigte -an dessen oberen Teil in Gestalt eines Kreuzes eine länglich viereckige -Tafel; nach den Berechnungen, die ich anstellte, war ich am -30. <em>September</em> 1659 an dieser Insel angelangt, die etwa 9° 22' -nördlich vom Äquator gelegen sein mußte: deshalb schnitt ich auf -die Tafel mit großen Buchstaben ein:</p> - -<p class="center">»<span class="antiqua">Hier landete Robinson Crusoe am 30. September 1659.</span>«</p> - -<p>An jedem neuen Tage machte ich an der Kante des Pfahles einen -Messereinschnitt, deren siebenter, länger als die übrigen, den Sonntag -bezeichnete. Der erste Tag eines Monats wurde durch einen -stärkeren größeren Schnitt angemerkt. So ging es eine längere -Zeit fort, während welcher ich emsig an der Vergrößerung meiner -Höhle arbeitete, auch einen Tisch und einen Stuhl fertigte. Dabei -kamen mir noch allerhand Dinge zu statten, die ich nicht einzeln, -sondern in Kästen und Säcken verpackt vom Wrack abgeholt hatte. -So fand ich mehrere Kompasse, mathematische Instrumente, Ferngläser, -Seekarten, deren Nützlichkeit mir in meiner damaligen Lage -nur wenig einleuchtete. Was mich aber in eine freudige Aufregung -versetzte, war der Fund eines vollständigen Schreibzeuges. Nun -fühlte ich mich in meiner Einöde nicht mehr so verlassen wie vorher, -konnte ich doch dem Papiere alle meine Gedanken und Eindrücke -anvertrauen. Also begann ich ein <em>Tagebuch</em> anzulegen und schrieb -meine Lebensgeschichte seit dem 30. September nieder. Leider hatte -ich in meinem Tagebuche gar bald ein Ereignis zu verzeichnen, -das leicht unglücklich für mich hätte ablaufen können. Ich schrieb -darüber die nachstehenden Zeilen nieder:</p> - -<div class="small"> - -<p>Am 10. <em>Dezember</em>. – Ich hatte an der Vergrößerung meiner Höhle -gearbeitet, die Erdarbeiten waren glücklich von statten gegangen, meine Arbeit -schien beinahe vollendet; da stürzte plötzlich unter furchtbarem Gekrach eine gewaltige -Erdmasse von der Decke und von einer Seite nieder. Jedenfalls hatte -<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[Pg 44]</a></span>ich meine Minierarbeit zu weit ausgedehnt und dadurch den Einsturz selbst veranlaßt. -Ein Glück war's, daß ich mich in demselben Augenblicke nicht in der -Höhle befand, sonst wäre ich unzweifelhaft mein eigner Totengräber geworden.</p></div> - -<p>Die Wiederherstellungsarbeiten – die Reinigung des Ganges, die -Unterstützung der Decke – nahmen eine geraume Zeit in Anspruch.</p> - -<div class="small"> - -<p>Am 27. <em>Dezember</em>. – Die Tage des Weihnachtsfestes verliefen sehr -traurig; es regnete unaufhörlich, und so blieb ich in das Innere meiner Hütte -gebannt. Da tauchten die trauten Bilder der Heimat und der fröhlichen Jugendzeit -mit schmerzlicher Sehnsucht in mir auf, und ich überließ mich willenlos -gaukelnden Träumen, die mich hinübertrugen weit übers Meer an Englands -Küste und in das Vaterhaus, in welchem die Eltern gewiß weinend des verschollenen -Sohnes gedachten. Meine Wehmut löste sich in ein inbrünstiges -Gebet auf zu dem, der alles herrlich hinausführt; allmählich zog Trost ein in -mein banges Herz.</p></div> - -<p>Am zweiten Tage nach Weihnachten klärte sich das Wetter, -und eine erfrischende Brise kräuselte die Wogen des Meeres. Ich -streifte in mein Revier hinaus und schoß eine junge Ziege; eine -andre verwundete ich nur, fing sie deshalb und führte sie in meine -Hütte. Dort verband ich ihr den verwundeten Fuß, legte ihr -Schienen an und pflegte sie auf das sorgsamste. Unter meiner -ärztlichen Behandlung gedieh das Tier ganz vortrefflich und wurde -mit der Zeit so zahm, daß es bei meiner Wohnung behaglich graste, -ohne davonzulaufen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0440_deco.jpg" width="300" height="147" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[Pg 45]</a></span></p> - - - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0450_illu.jpg" width="600" height="448" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson im Gebet. -</p></div> -</div> - -<h2>Fünftes Kapitel.<br /> - -Robinsons Tagebuch.</h2> -</div> - -<div class="summary"> - -<p>Neujahr. – Sicherung der Hütte. – Wilde Tauben. – Beleuchtung. – Getreideähren. – Erdbeben. -– Schleifstein. – Ein Fäßchen Pulver. – Zertrümmerung des Wracks. – Fischjagd. – -Schildkröten. – Krankheit. – Nächtlicher Traum. – Fieber. – Reuige Betrachtungen. – Wiederherstellung -durch Tabak. – Bibelfund. – Pflanzen und Früchte im Innern der Insel. – Bau -eines Landhauses. – Die Katze und ihre Jungen. – Jahrestag der Landung. – Ernteerfolge.</p></div> - -<p>Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglückwünschte ich -mich selbst. Es ist freilich ein Neujahr auf einer öden Insel, und -ich verlassen von allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, -Robinson! Mutig in die Zukunft geblickt!</p> - -<p>Ich hing meine Flinte über die Schulter und wanderte nach -dem Innern der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[Pg 46]</a></span> -ist im Januar unter den Tropen ebenfalls heiße Jahreszeit; so -sah ich mich genötigt, wiederholt unter dem Schattendache belaubter -Bäume auszuruhen. Den ganzen Tag wanderte ich umher. Allmählich -nahte der Abend heran, nachdem ich mehrere liebliche Thäler -durchschritten hatte, die sich nach dem Herzen des Eilandes verliefen. -Hier sah ich an verschiedenen Plätzen zahlreiche Herden von Ziegen -weiden; aber so oft ich auch versuchte, mich diesen Tieren zu nähern, -immer wußten sie mit schlauer List zu entrinnen. Deshalb beschloß -ich am andern Tage, meinen Hund mitzunehmen und ihn auf die -Ziegen zu hetzen, um womöglich mehrere lebendig in meine Gewalt -zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu gewöhnen. Ich -hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als ich am -nächsten Tage meinen Phylax auf eine Herde losließ, kehrten sich -die Tiere plötzlich gegen den Hund um, dieser aber verspürte keine -absonderliche Lust, mit den hörnernen Waffen der Langbärte Bekanntschaft -zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und -so ließ ich die Sache einstweilen ruhen.</p> - -<p>Bis gegen die Mitte des Monats April beschäftigten mich die -Arbeiten für eine bessere Umzäunung meiner Burg; während dieser -Zeit hatte mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander -mit meinen Befestigungskünsten einzuhalten. Daß mir -die Herrichtung jedes einzelnen Pfostens große Schwierigkeiten verursachte, -kann man sich wohl denken, zumal die Pfähle weit aus -dem Innern der Insel zu holen waren und die Einrammung meine -Kräfte stark in Anspruch nahm.</p> - -<p>Einst traf ich eine Art <em>wilder Tauben</em>, welche nicht wie die -andern Holztauben ihre Nester auf Bäumen bauen, sondern nach -Art der Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm -einige der Jungen aus und fütterte sie groß; als ihnen jedoch später -mit den wachsenden Flügeln der Mut gewachsen war, flogen sie -davon, ihren alten Heimatssitzen zu.</p> - -<p>Obwohl ich viele Dinge besaß, die mir in meiner Einsamkeit -trefflich zu statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs -schmerzlichste den Mangel an <em>Beleuchtung</em>. Ein guter Gedanke -leitete mich auf das Fett der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. -<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[Pg 47]</a></span>Ich sammelte das Fett in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes -Gefäß und verfertigte mittels eines von Kabelgarn bereiteten -Dochtes mir eine Art Kerzen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0461_illu.jpg" width="412" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p><a name="abb1" id="abb1"></a>Robinson und seine Ziege.</p></div> -</div> - -<p>Während dieser Zeit hatte ich eine freudige Überraschung eigentümlicher -Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich -zehn oder zwölf Ähren Gerste und außer diesen etliche Weizen- -und Reishalme. Wie mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland -und in dieses Klima gekommen sein? Unwillkürlich kam ich auf -den Gedanken, daß die Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen -habe. Endlich erinnerte ich mich, daß ich während der -Regenzeit an dieser Stelle jenes Säckchen ausgeschüttet hatte, in -welchem sich noch einige kümmerliche Reste der durch die Ratten -benagten Gersten-, Weizen- und Reiskörner befanden. Jenes Säckchen -hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.</p> - -<p>Mit dieser natürlichen Erklärung des Wunders regte sich bei -mir erst recht das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich -doch alle Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Körner als ein besonderes -Zeichen seiner Güte anzusehen.</p> - -<p>Die Umhegung meiner Hütte war um Mitte April nun vollendet, -und ich glaubte mich jetzt für hinreichend geschützt halten zu können. -Aber schon am nächsten Tage hätte nicht viel gefehlt, und es wären -fast alle meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler -Mühen, zerstört worden.</p> - -<p>Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschäftigt, -als plötzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der -Decke der Höhle fiel Schutt nieder, die Stützen der Mauern wankten -und stürzten mit fürchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, -unter den Trümmern begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter -an und sprang über die Palissaden hinüber. Kaum hatte ich den -Erdboden erreicht, so sah ich, wie eine ziemliche Strecke von mir -entfernt ein mächtiger Felsblock sich von einem der Berge ablöste -und mit donnerähnlichem Getöse in die wildbrandenden Wogen hinabrollte. -Noch nie hatte ich ein so heftiges Erdbeben erlebt; meiner -Sinne nicht mächtig, war ich unter einem Baume niedergesunken -und unwillkürlich rief ich: »Herr Gott, erbarme dich meiner!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[Pg 48]</a></span></p> - -<p>Zwar faßte ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer -schwerer, der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es -erhob sich ein Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. -Die See kochte, der Schaum kräuselte sich in wildem Tanze auf -ihrer Oberfläche, und die Fluten stürzten brausend an die Ufer. -Nach drei Stunden ließ das Toben nach, und ein heftiger Regen -strömte hernieder. Jetzt erst fiel mir ein, daß Wind und Regen -die Folgen des Erdbebens seien und daß sie das Ende desselben -anzeigen könnten. Durch diesen Gedanken ermutigt, kehrte ich nach -meinem Zelte zurück und flüchtete ganz durchnäßt in die Höhle, -obwohl ich noch immer befürchtete, es möchte die Decke über mir -zusammenbrechen.</p> - -<p>Der Regen währte die ganze Nacht und den größten Teil des -folgenden Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drängte -sich mir der Gedanke auf, daß ich mich durchaus nach einer andern -Wohnung umsehen müßte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung -eines Erdbebens lebendig unter den Trümmern meiner Höhle -begraben! Da ich aber sah, wie alles um mich her sich in schönster -Ordnung befand, wie ich eigentlich sicher und bequem wohnte, und -als ich an die unsägliche Mühe dachte, welche mir die Einrichtung -meines kleinen Festungswerkes verursacht hatte, so konnte ich mich -nur schwer dazu entschließen, meinen jetzigen Aufenthalt zu ändern. -Ich zog es daher vor, einstweilen noch in meiner alten Wohnung -zu bleiben, bis ich eine neue errichtet hätte, und begnügte mich -damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt herauszuschaffen.</p> - -<p>Vor der Ausführung meiner Pläne prüfte ich meine drei -starken Äxte sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das -Fällen und Behauen des harten Palissadenholzes so schartig und -unbrauchbar geworden, daß ich sie in solchem Zustande nicht mehr -benutzen konnte. Da blitzte ein Gedanke in mir auf: ich besaß ja -einen Schleifsein. Aber wie ihn drehen? Nach langem Sinnen -glückte es mir, eine Trittvorrichtung zu vollenden, welche ich mit -dem Fuße in Bewegung setzen konnte, während mir beide Hände -frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste Schleifer, der nur -jemals gefunden werden kann.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[Pg 49]</a></span></p> - -<p>Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, -bei niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte -ich einen Gegenstand, der wie ein Fäßchen aussah und sich als eine -kleine Tonne nebst einigen Trümmern unsres Schiffes erwies, dessen -Lage sich durch den letzten Sturm verändert hatte, denn sein Rumpf -ragte höher aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht -mehr im Sande, sondern stand zwei Meter über der Wasserfläche -empor. Das Kastell, von dem übrigen Teile losgerissen, lag auf -der Seite, und Berge von Sand hatten sich um das Schiff herum -aufgehäuft, so daß ich jetzt zur Zeit der Ebbe trockenen Fußes zu -dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff sehr bald, daß diese Veränderung -durch das Erdbeben veranlaßt war. Die Gewalt desselben -hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrümmert, denn täglich -spülte die Flut abgelöste Stücke ans Land. Ich wälzte die gefundene -Tonne weiter an das Ufer und fand nach Eröffnung derselben, daß -sie Pulver enthielt.</p> - -<p>Am 3. Mai ging ich mit einer Säge an das Wrack und -durchschnitt einen Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks -trug. Hierauf räumte ich, so gut es ging, den Sand fort, -sah mich aber genötigt, die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen -begann. Den nächsten Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte -ich keinen Angelhaken, nahm aber ein Stück gekrümmten Eisendraht -an einer langen, aus aufgedrehten Tauen gemachten Schnur; -ich fing auch eine Menge Fische, unter andern einen jungen Delphin. -Später wiederholte ich diese Fischjagden öfters, trocknete meistens die -gefangene Beute und aß sie gedörrt.</p> - -<p>Fast täglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter -los, schlug eiserne Bolzen und andre Stücke von demselben Metall -heraus und fand auch neben mancherlei andern verwendbaren -Dingen eine Rolle Blei, von welcher ich kleine Stücke abschlug, um -diese einzeln in meinen Gewahrsam zu schaffen.</p> - -<p>Während der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so -heftig, daß die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrümmert -wurden. Die Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken -an das Ufer, und der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[Pg 50]</a></span> -hatte, war zu einem solch ansehnlichen Haufen angewachsen, daß ich -davon eine Barke hätte erbauen können, wenn ich nur einen Begriff -von Schiffbaukunst gehabt hätte. Auch ein Faß mit Schweinefleisch -kam ans Land geschwommen; ich hätte dasselbe gern gegessen, -mußte jedoch auf den Genuß verzichten, weil es durch das eingedrungene -Seewasser gänzlich ungenießbar geworden war.</p> - -<p>Als ich eines Morgens im Monat Juni früh am Ufer des -Meeres entlang ging, sah ich eine große <em>Schildkröte</em>, die erste, -welche ich fand. Ich tötete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das -ich kochte, schien mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich -je gegessen. Hatte ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel -auf das Fleisch wilder Ziegen und Vögel beschränken müssen!</p> - -<p>Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere -Prüfung über mich. Ich fühlte starkes Frösteln und brachte die -Nächte zum Teil schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. -Das <em>Fieber</em> mit abwechselndem Frost und Schweiß -hatte mich gepackt, so daß ich leider den ganzen Tag über, ohne -Speise und Trank zu genießen, an mein Lager gefesselt war. Mich -quälte unsäglicher Durst, doch hatte ich nicht Kraft genug, um mir -Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete ich wieder einmal meine -Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so eingenommen, daß -ich nichts weiter ausrief als: »O Gott, sieh gnädig auf meine -Not, erbarme dich meiner!« Endlich schlief ich vor Ermattung -ein. Erst spät in der Nacht erwachte ich und fühlte mich um vieles -besser, nur wurde ich durch heftigen Durst gequält. Da ich indes -keinen Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mußte ich -auf dieses Labsal verzichten und schlief endlich wieder ein.</p> - -<p>Während dieses zweiten Schlafes hatte ich einen fürchterlichen -Traum. Mir war es, als säße ich außerhalb der Umzäunung auf -dem Boden an der Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens -entgegensah. Da stieg aus einer großen grauschwarzen Wolke ein -Riese herunter, den leuchtende, mich brennende Flammen umgaben. -Lange schlängelnde Blitze durchzuckten die Luft, und als seine Füße -den Erdboden berührten, erbebte die Erde in ihren innersten Grundfesten. -Er schwang einen langen Speer, den er in der Hand trug,<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[Pg 51]</a></span> -gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme: »Da so viele -Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb jetzt, Elender, -von meiner Lanze durchbohrt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0510_illu.jpg" width="455" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson, von Reue erfüllt.</p></div> -</div> - -<p>Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und -noch lange Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum überzeugen, -daß alles nur ein Traum gewesen sei.</p> - -<p>Leider hatten die Worte dieser nächtlichen Erscheinung nur -Wahrheit ausgesprochen, denn ich war ein gefühlloser Mensch, der<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[Pg 52]</a></span> -eigentlich gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines -Vaters waren längst während der acht Jahre vergessen, in denen -ich fast nur mit gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte -ich daran gedacht, das Mißgeschick, das mich in so vielfachen Gestalten -traf, als eine gerechte Strafe des Himmels anzusehen. -Solange ich in Afrika als Gefangener lebte, hatte ich mich kaum -ein einziges Mal an Gott um Beistand gewendet, auch dann nicht, -als ich mit Xury den gefahrvollen Fluchtversuch ausführte. Als -ich hierauf von dem portugiesischen Kapitän aufgenommen ward, -regte sich kein Gefühl der Dankbarkeit für eine so wunderbare -Rettung. Ja, als ich später nackt und hilflos auf dieses Eiland -geworfen wurde, fühlte ich nicht einmal Reue über die Verhärtung -meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darüber, daß ich zu -nichts als zum Unglück auf der Erde bestimmt sei.</p> - -<p>Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten -und wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefühle in -mir, die einem Danke für Gottes Güte gleichen mochten; allein sie -endeten nur als Äußerungen der Freude, Gefühle des wechselnden -Augenblicks. Ich dachte nur daran, mich gegen den Hunger zu -schützen, und trug lediglich Sorge für meinen Unterhalt und um -meine Verteidigung.</p> - -<p>Nur vorübergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden -Getreides mein Gemüt dankbar gestimmt; ebenso vorübergehend nur -war ich durch die Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht -gemahnt worden. Erst die Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit -meiner Lage preßten mir Thränen aus und riefen die -Stimme meines Gewissens wach. »Jetzt«, sagte ich mir, »jetzt ist -die Prophezeiung deines Vaters in Erfüllung gegangen; niemand -ist um mich, der mir Trost und Beistand gewähren könnte. O -meine guten Eltern, hätte ich doch eure Ermahnungen beachtet und -der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft -und alle Barmherzigkeit, verlaß mich nicht, denn mein Elend ist groß!«</p> - -<p>So betete ich nach langer Zeit inbrünstig zum erstenmal. -Nachher ließ der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen -Nacht noch lange einen großen Schreck in mir zurückließ.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[Pg 53]</a></span></p> - -<p>Ein Viertelstündchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine -Flasche mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; -auch röstete ich auf Kohlen ein Stück Ziegenfleisch, doch wollte es -mir noch nicht recht munden.</p> - -<p>Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte -aber wegen Ermattung nur eine kleine Strecke zurücklegen. Auf -einem Felsenstück ließ ich mich nieder, von welchem das Auge weit -über den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da -tauchten Gedanken in mir auf: »Wer ist es, der alle diese Dinge, -Meer, Himmel und Erde, geschaffen hat? Und wer erhält und -lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der alles weiß und -sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne den -nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in seine -Fügung, der Herr wird es wohl machen!«</p> - -<p>Diese Betrachtungen flößten mir Trost ein, und ich kehrte -nachdenkend in meine Wohnstätte zurück. Noch vor derselben fiel -mein Blick auf die von der Sonne goldig gebräunten Ähren, welche -jetzt harte Körner trugen. Ich pflückte die Stengel, nahm sorgfältig -die Frucht aus den Rispen und bewahrte sie für die kommende -Säezeit auf.</p> - -<p>Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, -und es überkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschüttelt -zu werden. Da fiel mir ein, daß die Brasilianer fast alle ihre -Krankheiten mit <em>Tabak</em> kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, -wo ich einen ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott -selbst mußte mir diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben -dem Tabak fand ich auch jene drei Bibeln, die mir von England -nach Brasilien geschickt waren. Welch ein kostbarer Fund!</p> - -<p>Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wußte es nicht -und versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein -Stückchen von dem Blatte; dann ließ ich ein andres zwei Stunden -lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode -verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase -darüber, um den beißenden Dampf in vollen Zügen einzuatmen. -Die Pausen, welche zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[Pg 54]</a></span> -ich durch Lesen in der Bibel auszufüllen; allein die Betäubung -durch meine etwas sonderbare Medizin ließ mich nur eine Stelle -erkennen, auf welche meine Augen zuerst gefallen waren: »Rufe -mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich -preisen!« Diese Worte, so ganz auf meine gegenwärtige Lage -passend, machten einen überwältigenden Eindruck auf mich. O wie -sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurück, aber lange, lange -Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.</p> - -<p>Der Genuß des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich -in einen Zustand ungewöhnlicher Betäubung; ich verfiel bald in -einen so tiefen Schlaf, daß ich erst am andern Tage nachmittags -erwachte. Ja, ich mußte sogar glauben, daß ich noch einen ganzen -Tag verschlafen habe, denn es fehlte mir in der Folge ein voller -Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen fühlte ich mich merklich wohler, -und es stellte sich auch wieder ein tüchtiger Hunger ein. Ich bereitete -mir daher eine kräftige Suppe von saftreichem Schildkrötenfleisch und -genas von dieser Zeit an täglich mehr, obgleich ich am 2. Juli noch -einmal zu meiner Arznei, einer Dosis Tabak, greifen mußte.</p> - -<p>So fand ich denn auf seltsame Weise die erwünschte Besserung -– durch ein Mittel, für dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht -immer einstehen möchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert -war, so versäumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr -kleine Ausflüge in mein »Königreich« zu unternehmen. Einmal -stieß ich hierbei auf herrlich grüne Wiesengründe, die ich vorher -noch nicht bemerkt hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit -langen, starken Stengeln, eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach -kam ich in einen waldigen Grund, wo ich mancherlei eßbare Früchte -traf, namentlich saftige Melonen am Boden liegend, und eine Art -wildwachsender Weintrauben, welche in vollster Reife aus Rebenlaub -hervorschauten, das sich von Baum zu Baum üppig weiterrankte. -Diese Trauben sammelte ich, um sie an der Sonne zu -trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem Zustande -genießen, da ich mich erinnerte, daß mehrere englische Sklaven, die -zu viel davon genossen hatten, während meines Aufenthalts in der -Berberei an der Brechruhr gestorben waren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[Pg 55]</a></span></p> - -<p>Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, -daß mich der Abend überraschte, ehe ich es gemerkt hatte. -Auch fühlte ich mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg -zurückkehren zu können. So schlief ich zum erstenmal außerhalb -meiner Wohnung. Wie am Tage meiner Landung auf der Insel, -kletterte ich auch heute auf einen Baum und brachte hier die Nacht -unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich meinen Weg weiter -fort und behielt immer die Richtung nach Norden im Auge, da meine -Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hügelreihen begrenzt war.</p> - -<p>Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde -aus, das von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlängelt -wurde. Eine reizende Gegend in grünem Wiesenschmuck, gleich -einem Teppich von tausend und abertausend bunten Blumensternen -durchwirkt. Palmen streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- -und Limonenbäume luden mich ein, ihre Früchte zu pflücken. Schwer -beladen mit köstlichen Früchten schied ich von dem paradiesischen -Garten, um meiner länger als sonst verlassenen Hütte zuzueilen.</p> - -<p>Als ich in meinem »Hause« ankam, fand ich die Trauben verdorben -und die Beeren zerquetscht, während die Zitronen, deren ich -überhaupt nur wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren.</p> - -<p>Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so -sehr an, daß in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin -zu verlegen; allein die Erwägung, daß ich von meinem Hause -am Strande die offene Aussicht über das Meer hatte und so ein -vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug erspähen könnte, brachte mich -von dem schnell gefaßten Plane ab, und ich beschränkte mich darauf, -eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und reizvollen Thale zu -errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans Werk und umgab -meine zweite Wohnstätte mit einer doppelten Pfahlreihe, die ich -noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstämmen -verstärkte. Diese Arbeiten beschäftigten mich bis Anfang August.</p> - -<p>Unterdessen fand ich meine aufgehängten Weintrauben nun -genug getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon -kündigte sich die in der heißen Zone übliche Regenzeit auf fühlbare -Weise an. Zweihundert Päckchen von Rosinen schaffte ich in<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[Pg 56]</a></span> -meine Vorratskammer, und so konnte ich mir nun die folgenden -Monate hinreichend versüßen.</p> - -<p>Am 14. <em>August</em> erlebte ich die Freude einer Vermehrung -meiner Familie. Meine Katze nämlich, die ich vom Wrack mitgenommen -hatte, war eine Zeitlang verschwunden, ohne daß ich mir -erklären konnte, wohin sie geraten sei. Während ich nun an jenem -Tage über die Landschaft schaute, sah ich meine alte Freundin samt -drei jungen Sprößlingen wohlgemut auf meine Hütte zukommen -und zögerte nicht, die neuen Gäste freundlichst aufzunehmen. Sie -hatte die Jungen in einem Versteck so weit groß gezogen, daß sie -vor den Angriffen des Katers sicher waren, und führte sie mir -jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit, und ich -machte mich wieder darauf gefaßt, wochenlang in meinem wohlgeschützten -Strandhause zubringen zu müssen. Vom 14. bis 29. August -währte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus -Rosinen, Ziegenfleisch und gerösteter Schildkröte. Dabei war ich -täglich beschäftigt mit der Erweiterung meines Kellers.</p> - -<p>Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die -ich in meinen hölzernen Kalender gemacht hatte, daß seit meiner -Landung auf der Insel ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen -Tag mit dankerfülltem Herzen gegen Gott, dessen Güte mich so -wunderbar beschirmt hatte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0560_deco.jpg" width="300" height="136" alt="" /> -</div> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[Pg 57]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0570_illu.jpg" width="477" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson vor seinem Kalender.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Sechstes Kapitel.<br /> - -Robinson als Handwerker und Ackersmann.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Robinson säet Getreide. – Korbflechterei. – Töpferarbeiten. – Weitere Entdeckungsreisen auf -der Insel. – Tierreicher Küstenstrich. – Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach -Hause. – Tröstliche Gedanken über Sonst und Jetzt. – Tageseinteilung. – Verheerung des -Getreidefeldes. – Exekution an den Kornplünderern. – Kleine Ernte.</p></div> - -<p>Mit Anfang November ließ der Regen nach, und es lockte -mich an dem ersten schönen Tage nach dem Innern der Insel zu -meinem Lusthause. Hier fand ich noch alles so unversehrt, wie ich -es wenige Monate vorher verlassen hatte. Die Hecke, welche ich<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[Pg 58]</a></span> -um meine Villa gezogen, war wohl erhalten, nur der »lebendige« -Zaun war mit einem Wäldchen grüner frischer Reiser geschmückt, -die in wilder Unordnung sich ineinander schlangen. Diese verschnitt -ich und suchte in das ganze Gewirr einige Ordnung zu bringen. -In der That versprach die Fenz schon nach wenigen Jahren ein -dichtes und schattiges Laubdach zu bilden. Eine gleiche grüne -Mauer zog ich auch um mein festeres Haus am Strande, und die -Folgezeit lehrte, welchen Vorteil mir diese Pflanzung bei Verteidigung -meiner Stammburg brachte.</p> - -<p>Da mein ohnehin kleiner Vorrat von Tinte durch die tägliche -und umständliche Aufzeichnung der gewöhnlichen Begebenheiten und -Beschäftigungen sehr auf die Neige ging, so mußte ich ernstlich auf -möglichste Beschränkung meiner Schreibseligkeit Bedacht nehmen, -und nur die merkwürdigsten Ereignisse wurden fortan noch aufgezeichnet.</p> - -<p>Schon früher erwähnte ich der mir unerwartet zugekommenen -Getreidehalme. Ich glaubte nun gut zu thun, wenn ich die gewonnenen -Körner nach der Regenzeit säete. Deshalb grub ich ein -Stück Land, so schwer es mir auch wurde, mit einem hölzernen -Spaten um, teilte es in zwei Hälften und übergab die Körner der -ernährenden Mutter Erde; den dritten Teil derselben behielt ich -indes aus Vorsorge zurück, falls ich die Jahreszeit nicht richtig gewählt -haben sollte. Der folgende Monat war ein außerordentlich -trockener und ließ meine Saat kaum zum Aufkeimen kommen; ja, -ich mußte ganz auf eine Ernte verzichten, da sich die Keime vor der -wiederkehrenden Regenzeit nicht bis zur Reife entwickeln konnten. -Ich suchte nun einen feuchteren Boden auf, grub ihn um und -säete den zurückbehaltenen Rest der Körner im Februar, kurz -vor dem Eintritt der nassen Jahreszeit. Die regnerischen Monate -März und April waren meiner Pflanzung, auf die ich meine -letzten Hoffnungen gegründet hatte, so günstig, daß ich etwa ein -Liter von jeder Gattung erntete.</p> - -<p>Die Jahreszeiten wechselten unter dem Himmel meiner Insel -nicht mit so angenehmen Übergängen wie in der Heimat, sondern -sie schieden sich nur in zwei Perioden, in eine trockene und eine<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[Pg 59]</a></span> -nasse: von Mitte Februar bis Mitte April Regen, von Mitte April -bis Mitte August trockene Zeit; von Mitte August bis Mitte -Oktober Regen, von Mitte Oktober bis Mitte Februar Trockenheit.</p> - -<p>Die gezwungene Zurückgezogenheit in den Regenmonaten benutzte -ich zu allerhand nützlichen Beschäftigungen. So versuchte -ich unter anderm auch, einen Korb zu flechten, und wurde in dieser -Arbeit durch Erinnerungen aus frühester Kindheit unterstützt. Wie -hätte ich vorher ahnen können, daß die Besuche bei unserm Nachbar -Korbflechter, in dessen Werkstatt ich ein täglicher Gast gewesen, mir -später nützlich sein würden? Die ersten Zweige, mit denen ich -meine Arbeit beginnen wollte, zeigten sich freilich recht spröde. -Meine Blicke lenkten sich unwillkürlich auf die jungen Stecklinge -um die Hütte; diese versprachen besseres Flechtmaterial. Ich fand -sie wirklich so geschmeidig wie Weidenruten, und es ward meinen -Künstlerhänden nicht schwer, die verschiedensten Körbe zu mannigfachen -Zwecken herzustellen.</p> - -<p>Meine häuslichen Verhältnisse hatten sich immer behaglicher -gestaltet, nur noch ein einziges Gerät vermißte ich schmerzlich: ein -Kochgeschirr. Zwar besaß ich einen Kessel; allein dieser war von -so bedeutender Größe, daß ich darin weder ein kleines Stück Fleisch -kochen, noch weniger mir Fleischbrühe bereiten konnte. Wie ließ -sich diesem Übelstand abhelfen? Ich dachte so: wenn es mir gelänge, -Thonerde zu finden, so könnte wohl die Glut der tropischen -Sonne meine Töpferarbeiten trocknen. Ach! – meine Töpferarbeiten! -Ich will hier nicht erzählen, wie viel ungeschickte Versuche -ich machte, welche ungeheuerlichen Formen sich die Mutter -Erde unter meinen Händen gefallen lassen mußte, wie oft meine -Gefäße in der großen Sonnenhitze zerbröckelten oder beim Fortschaffen -zerbrachen. Erst nach zwei Monaten hatte ich endlich -zwei Erzeugnisse zusammengebracht, die nicht einmal mit den -schlechtesten Schiffskrügen nur annähernd verglichen werden konnten. -Weniger mißlangen meine Versuche im Anfertigen kleinerer Gefäße, -z. B. der Teller, Töpfe, Krüge, kurz aller Gerätschaften, -die sich mit der Hand formen ließen. Dabei kam mir auch die -günstige Witterung zu statten; die Sonne meinte es in diesen<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[Pg 60]</a></span> -Tagen überaus gut, so daß mein Töpfergeschirr in erwünschter -Weise Härte gewann.</p> - -<p>Mittels meiner fortschreitenden Töpferkünste hatte ich mir -Gefäße zum Aufbewahren von allerlei Lebensmitteln beschafft, aber -noch immer fehlten mir solche, welche auch das Feuer auszuhalten -vermochten. Da ich weder einen Begriff von der Einrichtung eines -Ofens, noch von der Glasur hatte, mit der die Töpfer ihre Waren -überziehen, so beschränkte ich mich darauf, drei Krüge dicht nebeneinander -zu stellen; auf diese setzte ich kleinere Geschirre, und um -die so aufgetürmte Pyramide zündete ich dann ein tüchtiges Feuer -an, welches die Sandbestandteile der Thonerde schmelzen sollte. -Die Töpfe nahmen nach Verlauf von fünf bis sechs Stunden eine -hochrote Farbe an. So wurde ich schließlich der glückliche Besitzer -von drei leidlichen Krügen nebst zwei irdenen Töpfen, die sich auch -als feuerfest erwiesen.</p> - -<p>Von meiner Insel blieb noch mancher Teil zu durchstreifen -übrig. Deshalb nahm ich eines Tages meine Flinte samt der -nötigen Munition, ein Beil, zwei Zwiebäcke sowie ein Päckchen -Rosinen mit und machte mich in Begleitung meines Hundes auf -den Weg. Am Ende des Thales angelangt, in welchem meine -Villa lag, sah ich westwärts auf das Meer und, da die Luft äußerst -rein und durchsichtig war, fern am Horizont einen nebligen Streifen, -der von West nach West-Süd-West verlief und eine Ausdehnung -von fünf bis sechs Stunden haben mochte. Zwar wußte ich nicht, -ob ich die Küste einer Insel oder die des amerikanischen Festlandes -erblickte; vielleicht war ich auf dem rechten Wege, als ich vermutete, -daß die spanischen Kolonien nicht allzu entfernt von jenem Küstenstriche -lägen, und daß sich doch wohl ein Schiff in diesen Gewässern -sehen lassen müsse. Möglicherweise konnten aber auch dort jene -wilden, menschenfressenden Völkerschaften hausen, die unter dem -Namen »Kannibalen« weithin gefürchtet sind.</p> - -<p>Unter solcherlei Gedanken schritt ich über Ebenen und Wiesen, -die mit Pflanzen und Blumen prächtig geschmückt und auch mit -Sträuchern besetzt waren. Auf den Bäumen hatten sich Scharen -von Tauben niedergelassen, deren Gegirr von dem schrillen Geschrei<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[Pg 61]</a></span> -buntgefiederter Papageien übertönt ward. Solch einen schmucken -Papagei mußte ich haben, und in der That gelang es mir, einen -jungen Vogel dieser Art zu fangen, indem ich ihn durch einen -Wurf mit meinem Wanderstab so gut traf, daß er betäubt vom -Aste herabfiel. Ich hob ihn auf, er kam allmählich wieder zu sich, -und ich nahm ihn mit mir.</p> - -<p>In den Niederungen sah ich außerdem Tiere, welche ich für -Hasen hielt; wieder andere mochten Füchse sein; aber ich ließ meine -Flinte in Ruhe, denn Ziegen, Tauben und Schildkröten lieferten -so leckeres Fleisch, und ich besaß an Rosinen eine so schmackhafte<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[Pg 62]</a></span> -Zukost, daß selbst der beste Markt von London nichts Besseres geliefert -haben würde.</p> - -<p>Auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel rückte ich täglich -nur zwei bis drei Meilen vor, doch machte ich nach links und rechts -manche Abstecher, bis ich ermüdet an einem solchen Platze anlangte, -welcher mir zum Nachtlager geeignet schien. Zum Bett mußten -entweder die breiten Äste eines Baumes oder der harte Boden der -Erde dienen. Als ich an das Ufer des Meeres kam, sah ich zu -meiner Überraschung, daß die Küste meines Königreichs viel angenehmer -und von Tieren mehr bevölkert war als der entgegengesetzte -Strand. Zahlreiche Schildkröten sonnten sich hier im Sande, -und Seevögel marschierten mit stolzer Würde umher.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0610_illu.jpg" width="600" height="599" alt="" /> -<div class="caption"><p>Schildkröten und Fetttaucher auf der Insel.</p></div> -</div> - -<p>Trotz alledem verspürte ich keine Lust, meine Wohnung in diese -Gegend zu verlegen. Indessen setzte ich meine Reise noch etwa -zwölf Stunden gegen Osten weiter fort. Den äußersten Grenzpunkt -meiner Wanderungen bezeichnete ein eingerammter Pfahl, der mir -später einmal als Erkennungszeichen dienen sollte. Dann wandte -ich mich gegen Westen, um auf einem andern Wege nach Hause -zurückzukehren. Nachdem ich etwa drei Meilen zurückgelegt hatte, -befand ich mich in einem Thalkessel, der rings von hohen, dicht mit -Waldung gekrönten Bergen umsäumt war, so daß ich mich beim -weiteren Fortschreiten, um mich zurecht zu finden, nach dem Stande -der Sonne richten mußte.</p> - -<p>Während der drei Tage, die ich in diesem Thale verweilte, -hing aber der Himmel voll trüber Wolken, und ich wußte oft nicht, -wohin ich mich wenden sollte, ob nach Ost, West, Süd oder Nord. -So sah ich mich denn genötigt, nach meinem Pfahl zurückzukehren -und von da aus den Heimweg anzutreten.</p> - -<p>Unterwegs fing mein Hund eine junge Ziege ein. Eiligst -sprang ich hinzu, um sie seinem scharfen Gebiß zu entreißen, was -mir auch glückte. Bald war dem Tiere ein Halsband übergeworfen, -ein Strick durchgezogen, und weiter ging nun die Wanderung, bis -wir endlich, jedoch erst nach mehreren Tagemärschen, durch die -sengende Sonnenglut aufs äußerste ermattet, in meinem Wohnsitze -ankamen. Ich empfand wirklich eine große Freude, wieder daheim<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[Pg 63]</a></span> -zu sein! Wie sanft schlief ich nach einer Abwesenheit von mehr -als einem Monate zum erstenmal wieder in meiner Hängematte.</p> - -<p>Das nächste, wofür ich Sorge zu tragen hatte, war, meinem -Papagei, welcher sich an mich bereits etwas gewöhnt hatte, einen -Käfig zu bauen, sowie die Ziege, welcher ich einstweilen in meinem -Lusthause ihren Aufenthalt angewiesen, nach Hause zu schaffen, um -das ausgehungerte Tierchen mit frischem Futter zu versorgen.</p> - -<p>Ich fand es angebunden an derselben Stelle, wo ich es verlassen -hatte, und es folgte mir wie ein zahmes Haustier Schritt -für Schritt, indem es fortwährend aus meiner Hand das Futter -fraß, mit dem ich es lockte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte -ich unter inbrünstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. -Zwei Jahre lebte ich nun schon auf dem Eilande als -dessen alleiniger Bewohner, mein eigner König und mein einziger -Unterthan; – zwei Jahre reich an Prüfungen und Erfahrungen! -Und doch hatte sich mir nicht einmal ein Strahl von Hoffnung gezeigt, -diese einsame Insel verlassen zu können. Indessen dankte ich -Gott für die unendliche Güte, mit welcher er mein armseliges Dasein -fristete und meine Einsamkeit mir erträglich erscheinen ließ.</p> - -<p>Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte -auf die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der -Jagd zu erlegen, oder sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, -da begleitete mich der stete Gedanke an mein Unglück und meine -oft trostarme Lage. Ich kam mir vor wie ein Gefangener, der, -eingeschlossen durch die endlosen Riegel und riesigen Schlösser des -Ozeans, in einer Wüstenei, ohne Hoffnung auf Befreiung, ein -erbärmliches Dasein fristet, und aufgelöst in Schmerz und Betrübnis -rang ich die Hände und weinte bitterlich.</p> - -<p>Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschöpft aus der Heiligen -Schrift, dem Buche der Bücher, gaben meinem Geiste eine heilsame -Richtung, und ich gewann meine ganze Seelenstärke wieder, wenn -meine Augen auf die Worte des Trostes fielen. Ich fand<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[Pg 64]</a></span> -Beruhigung in dem Gedanken, daß ich in meinem gegenwärtigen -Zustande der Vereinsamung glücklicher sein könnte, als ich es vielleicht -in irgend einer andern Lebensstellung geworden wäre. Ich dankte -dann Gott dafür, daß er mich auf dieses Eiland geführt hatte. -Dann wieder schien mir jener Gedanke zu weitgehend. »Solltest -du wirklich so zwiespältig im Gemüte sein«, sagte ich zu mir selbst, -»Gott für die Versetzung in eine Lage zu danken, aus welcher erlöst -zu werden ein verzeihlicher und natürlicher Wunsch ist?« Jedenfalls -dankte ich Gott doch innig dafür, daß ich jetzt endlich zur -Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war.</p> - -<p>Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In -meine täglichen Beschäftigungen hatte ich eine gewisse Regelmäßigkeit -gebracht. Zunächst verwandte ich auf die Erfüllung meiner -religiösen Pflichten, insbesondere auf das Lesen in der Bibel täglich -eine bestimmte Zeit; dann jagte ich, wenn das Wetter schön -war, ungefähr drei Stunden des Morgens. Kam ich nach Hause -zurück, so hatte ich die mitgebrachten Lebensmittel wohl aufzubewahren -oder zuzubereiten. Die Hitze während der mittleren Tageszeit gestattete -keinen Ausflug, und ich überließ mich dann gewöhnlich der -Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens und ging des -Abends auf die Jagd.</p> - -<p>Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits -meiner Gersten- und Reisernte entgegensehen. Aber wie groß war -mein Schrecken, als ich bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes -gewahr wurde, daß die Ziegen alle jungen saftigen Halme -abgefressen hatten. Es galt nun, schleunigst weiteren Verwüstungen -vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit einer dichten Umzäunung, -worüber ich nahe an drei Wochen zubrachte. Ferner schoß ich auf -die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und ließ während der -Nacht meinen Hund Wache halten, so daß sich endlich die abgeschreckten -Eindringlinge fern hielten.</p> - -<p>Gleichwie die behaarten Vierfüßler sich zu den kräftig emporsprossenden -Halmen hingezogen fühlten, hatten es die gefiederten -Zweifüßler auf die Körner abgesehen. Als ich eines Tages nach -dem Stande meiner Feldfrüchte sah, wimmelte die ganze Umgebung<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[Pg 65]</a></span> -von zahlreichen verschiedenartigen Vögeln. Ich schoß unter den -dicksten Haufen, und sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten -aus dem Kornfeld eine wahre Wolke von Vögeln, die ich vorher -gar nicht bemerkt hatte.</p> - -<p>Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen -trostloser Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den -Rest meines Getreides der Vernichtung überlassen.</p> - -<p>Während ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte -von neuem lud, saßen die durch meinen ersten Schuß aufgescheuchten -Vögel auf den nächsten Bäumen und schienen nur auf meine Entfernung -zu harren. Als ich mich etwas entfernte, fielen die gefräßigen -Tiere von neuem über die Körner her. Ihre für mich so -verderbliche Eilfertigkeit versetzte mich derart in einen unverständigen -Zorn, daß ich nicht einmal wartete, bis alle herangekommen sein -würden, sondern sogleich unter die ersten schoß, wodurch drei der -kleinen Räuber getötet wurden. Dann vollführte ich an ihnen eine -Art Strafgericht; gleichwie man anderwärts die Diebe aufhängt, -so hing ich auch die Vögel auf, damit sie ihren lüsternen Genossen -als warnendes Beispiel dienten.</p> - -<p>Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr -auf mein Feld, ja sie verließen sogar allesamt jenen Teil der Insel, -auf dem es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem -Säuberungszug hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, -zur Zeit der zweiten Reife, mein Korn einernten zu können. Ich -sammelte die abgemähten Ähren in einen großen Korb und körnte -sie einzeln mit den Händen aus. Das Liter Samen hatte mir nach -oberflächlicher Schätzung zwei Scheffel Reis sowie einen halben -Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschloß, den ganzen Ertrag an -Körnern für die nächste Aussaat aufzubewahren. Inzwischen versuchte -ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir einen -Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein -besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht -gelungen, denn er wurde mir vermöge seiner Schwerfälligkeit oft -recht unbequem; indes empfand ich doch ein Gefühl der Befriedigung -darüber, daß sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[Pg 66]</a></span> -weiter vervollkommnet hatten. Die Getreidekörner wurden auf den -geräumigen Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde -gebracht, wobei ich für den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, -da, wie ich bemerkt hatte, derselbe nur auf nassem Boden eine einträgliche -Ernte versprach.</p> - -<p>Ich umzäunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte -nun hoffen, am Ende des Jahres eine grüne und schattige Hecke zu -haben, welche nur hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte.</p> - -<p>Während der inzwischen eingetretenen Regenzeit hielt ich mich -meist im Innern meiner Hütte auf und beschäftigte mich mit mancherlei -häuslichen Verrichtungen. Empfand ich hin und wieder das Bedürfnis, -mich von meinen anstrengenden Arbeiten zu erholen, dann -unterhielt ich mich mit meinem munteren Hausgenossen, dem Papagei, -und lehrte diesen sprechen; bald konnte das gelehrige Tier seinen -Namen nachplappern und wiederholte mit deutlicher Stimme: »Poll! -Poll!« Das war der erste artikulierte, wie von einer Menschenstimme -kommende Laut, den ich auf dem Eilande in meiner Einsamkeit, fern -von allen menschlichen Wesen, vernahm.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0660_deco.jpg" width="300" height="235" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[Pg 67]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0670_illu.jpg" width="600" height="438" alt="" /> -<div class="caption"><p>Wie Robinson die Halme niedermäht.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Siebentes Kapitel.<br /> - -Robinson als Bäcker und Schiffbauer.</h2></div> - - -<div class="summary"> - -<p>Robinson macht sich einen Mörser und ein Sieb. – Ernte. – Brotbacken. – Vergebliche Anstrengungen -wegen der Schaluppe. – Robinson baut ein Boot; vereitelte Hoffnungen. – Rückblicke -auf das dreijährige Inselleben. – Trauriger Zustand der Kleider. – Robinson wird Schneider.</p></div> - -<p>Von allen bekannten Handwerken war mir bis zu dieser Zeit -meines Lebens keines so wildfremd geblieben, wie das eines Steinmetzen, -und doch mußte ich darauf sinnen, mir einen Mörser oder -ein andres geeignetes Werkzeug zu schaffen, um das Getreide in -Mehl zu verwandeln. Lange Zeit suchte ich vergebens nach einem -Steinblock, der sich mörserartig aushöhlen ließe; dann entschloß ich -mich endlich, einen harten Holzblock aus meinem Forst zu holen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[Pg 68]</a></span></p> - -<p>Mit unsäglicher Anstrengung fällte ich einen dicken Baumstamm, -hieb am unteren Ende ein amboßähnliches Stück ab, rundete -es ringsum mit meiner Axt und höhlte es durch Feuer aus, wie -es die wilden Eingebornen Brasiliens mit ihren kleinen Seefahrzeugen -(Kanoes) thun. Als Stampfe diente mir eine wuchtige -Keule aus demselben harten Holze.</p> - -<p>Aber auch für ein Sieb mußte gesorgt werden, um das durch -Stampfen gewonnene Mehl durchzuschütten und es von der Kleie -zu sichten. Hier war guter Rat teuer, denn ich hatte weder Kanevas -noch Bastgeflechte. Aber unter den Matrosensachen, die ich -vom Wrack gerettet hatte, befanden sich etliche Halstücher von -Kattun und Musselin; aus diesen verfertigte ich drei kleine Siebe, -die ich auch ziemlich brauchbar fand.</p> - -<p>Die Zeit der Ernte nahte heran. Mit meinen Körben schritt -ich hinaus aufs Feld und überschaute den Früchtereichtum des -Bodens. Dann schnitt ich die Ähren, sammelte sie in Garbenbüscheln -in die Körbe und trug die segenschwere Last nach Hause. -Hier ließ ich alles so stehen, wie ich es eingeheimst hatte, bis ich -Zeit und Mittel finden konnte, das Getreide auszukörnen; denn ich -hatte weder eine Tenne noch einen Dreschflegel.</p> - -<p>Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis -in mein Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, -das letztere besser einzurichten. Aus Erfahrung wußte ich jetzt, daß -ich jährlich zweimal säen und ernten könne; die Entscheidung darüber, -was in Zukunft für mich und meinen Hausstand am zweckmäßigsten -sein würde, wollte ich von der Größe meines diesmaligen Verbrauchs -abhängig sein lassen.</p> - -<p>Zunächst nahm ich meine Ähren, rieb sie aus, stampfte die -Körner in meinem Mörser und siebte sie durch die Matrosenhalstücher. -Zum Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, -und die Not macht erfinderisch. Ich baute mir große irdene Gefäße -zusammen, die wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann -härtete ich diese mehr pfannenartigen Gefäße im Feuer. Wollte -ich nun Brot backen, so zündete ich ein tüchtiges Feuer auf meinem<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[Pg 69]</a></span> -Herde an, den ich mit rotgebrannten Steinen eigner Fabrik gepflastert -hatte. Sobald das Holz hierauf zu glühender Kohle ausgebrannt -war, breitete ich dieselbe derart auf dem Boden aus, daß -die Steine gehörig durchhitzt wurden. Dann zog ich die Kohlen -zurück, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr flachen -Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden irdenen -Gefäßen und häufte ringsumher glühende Kohlen und Asche, um -die Hitze noch zu verstärken. So bereitete ich meine Brote ebenso -gut, als wären sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, -ich versuchte mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen -und Reispuddings, die in meinen einförmigen Speisezettel eine angenehme -Abwechselung brachten.</p> - -<p>Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschäftigten -sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Küstenlande, -welches ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als -dunklen Streifen am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, -daß jenes Land zum amerikanischen Festlande gehöre, flogen meine -Wünsche über die weite Meeresfläche und regten mit aller Gewalt -in mir die Sehnsucht an, dorthin zu gelangen.</p> - -<p>Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: »Das -Wasser hat keine Balken.« Ich wünschte mir lebhaft meinen treuen -Xury und das Boot mit den lateinischen Segeln zurück, mit dem -ich eine so weite und gefahrvolle Reise längs der afrikanischen Küste -zurückgelegt hatte; ohne Bedenken hätte ich mich dann von neuem -dem unsicheren Elemente anvertraut.</p> - -<p>Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, -welche weit auf die Küste geworfen worden war. Flugs machte ich -mich auf, um zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befände. -Ich traf sie auch noch an der nämlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen -hatte, aber in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten -und der Stürme hatte sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen -und aufs Trockene gesetzt. Es kam zunächst darauf an, die Schaluppe -wieder umzukehren und flott zu machen. Nach vielen vergeblichen -Mühen und Anstrengungen kam ich auf den Einfall, den Sand<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[Pg 70]</a></span> -unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst herabgleiten zu -lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen und Stützen -zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die Schaluppe -vorwärts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen, deshalb -gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit während drei bis vier Wochen -die ganze Sache auf.</p> - -<p>So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden -doch meine Begierde und mein Mut nur verstärkt, und ich faßte -den Entschluß, selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. -Ich hielt dies nicht nur für möglich, sondern sogar für leicht, zumal -ich über viel mehr Hilfsmittel verfügte als die Neger oder -Indianer. Freilich hätte ich auch überlegen sollen, daß ich Vereinsamter -mit ganz andern Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde -als die Indianer, die einander beistehen. Was half es mir am -Ende, falls ich auch das schönste Kanoe von ganz Amerika zustande -brächte, wenn ich es nicht ins Meer zu schaffen vermöchte?</p> - -<p>Man sollte denken, daß die Erfahrungen, die ich vordem mit -der aufs Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich -der Möglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen -handgreiflichen Wink gegeben hätten: nichts von alledem! Meine -unstäten Gedanken verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, -daß ich die Sache möglichst ungeschickt anfing. Aber stets -beschwichtigte ich alle Befürchtungen mit der thörichten Tröstung: -»Laß nur gut sein, Robinson! Erst das Boot fertig, das übrige -wird sich finden!«</p> - -<p>Kurz, mein Eigensinn siegte über den Verstand. Ich fand -auch einen prächtigen Baum, der mir für meinen Zweck ganz wie -geschaffen schien. Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu -fällen, und vierzehn Tage mußte ich darauf verwenden, Äste und -Krone abzuhauen. Dann kostete es fast einen ganzen Monat Zeit, -dem Stamme jene bauchförmige äußere Gestalt des Bootes zu -geben, damit er auf dem Wasser schwimmen könne, ohne sich zur -Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate, um -das Innere auszuhöhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[Pg 71]</a></span> -des Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und -des Meißels.</p> - -<p>Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine -wahrhafte Freude an meiner Schöpfung, denn ich hatte in der That -noch nie einen so großen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen -Ruderkahn gesehen, groß genug, um mehr als zwanzig -Mann zu fassen, und demzufolge auch mich samt meinen Habseligkeiten -zu tragen. Das Boot hatte unzählige Axt- und Hammerschläge, -manchen Schweißtropfen gekostet, und wäre es mir gelungen, -dasselbe flott zu machen, wer weiß, ob ich nicht die unüberlegteste -Reise gewagt hätte, wie sie nur je ein wagehalsiger Abenteurer -unternehmen konnte.</p> - -<p>Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; -aber das große Hindernis bestand darin, daß das Ufer zum -Meere bergan lief. Ich ließ indes den Mut nicht sinken, sondern -versuchte, die Anhöhe wegzuräumen und das Land nach der Küste -zu abfällig zu machen. Als der Weg so ziemlich geebnet war, befand -ich mich um nichts gefördert, denn das Kanoe rückte äußerst -wenig von der Stelle, so wenig wie vordem die Schaluppe. Hierauf -maß ich die Entfernung ab, welche zwischen meinem Boote und -dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die erforderliche -Breite, um einen genügend breiten und tiefen Kanal bis zum Meere -zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzuführen. Indem -ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte -– denn der Kanal hätte sehr viel Tiefe haben müssen – -und damit die mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine -zwei rüstigen Arme, in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis -meines Voranschlags die Überzeugung, daß recht gut zehn bis zwölf -Jahre vergehen könnten, ehe ich ans Ziel meiner Wünsche kommen konnte.</p> - -<p>Dieses erfüllte mich mit großer Betrübnis; ich sah jetzt, leider -zu spät, ein, wie thöricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man -sich vorher nicht Klarheit darüber verschafft, ob der Größe des -Unternehmens gemäß auch die zur Verfügung stehenden Mittel zur -Ausführung hinreichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[Pg 72]</a></span></p> - -<p>Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein <em>viertes</em> Jahr auf -dem Eiland zurückgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, -wie in früheren Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, -die mir reichen Trost einflößten.</p> - -<p>An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern -entlief, um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeräuber -von Saleh gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. -An dem nämlichen Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der -Reede von Yarmouth gerettet ward, entfloh ich glücklich aus Saleh. -Am 30. September 1659 endlich, an meinem 26. Geburtstage, -wurde ich wunderbar gerettet und auf diese Insel verschlagen.</p> - -<p>Der erste meiner Vorräte, welcher mir nach der Tinte ausging, -war der Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben höchst -haushälterisch umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein -Jahr vor meiner Kornernte gänzlich aufgezehrt, was mich allerdings -etwas in Verlegenheit versetzte.</p> - -<p>Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn -seit längerer Zeit besaß ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden, -die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schützten. -Bei einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche -Kleidungsstücke sowie ein paar große Überröcke. Fast mußte -ich über den Fund dieser letzteren lächeln, denn ich hätte es in -denselben vor Hitze nicht aushalten können, und doch wußte ich auch -hieraus etwas Brauchbares zu schaffen. Da sich nämlich alle meine -Jacken in einem Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, -so lag es sehr nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderkünstler -zu versuchen, und ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange -tragen zu können hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen -Kleidungsstücke, die meinen Oberkörper bedecken sollten, in einer Weise -ausgefallen, die selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, -so legten meine Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein -noch glänzenderes Zeugnis bejammernswürdiger Unbeholfenheit ab.</p> - -<p>Ich muß hier nachträglich erwähnen, daß ich die Häute aller -getöteten vierfüßigen Tiere aufbewahrte und auf Stäben an der<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[Pg 73]</a></span> -Sonne trocknen ließ. Einige derselben waren so hart geworden, daß -sie zu nichts mehr taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife -zusammengedörrt waren, leisteten mir leidlich gute Dienste.</p> - -<p>Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue große -Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar außerhalb -ließ, um mich so besser gegen den Regen zu schützen.</p> - -<p>Noch etwas andres stellte sich mir als unentbehrlich heraus, -nämlich ein <em>Regen-</em> oder <em>Sonnenschirm</em>. Denn da ich meist -im Freien weilen mußte, so quälte mich die Hitze der tropischen -Sonne äußerst empfindlich. Lange Zeit währte es, bis ich etwas -Taugliches zustande brachte. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, -den Schirm so zu verfertigen, daß ich ihn zusammenlegen konnte; -im andern Falle hätte ich ihn stets aufgespannt tragen müssen, -was sicherlich die Bequemlichkeit nicht sehr vermehrt haben würde. -Ich bedeckte dieses tragbare Wetterdach mit Ziegenfellen, deren -Haare ich nach auswärts kehrte; so schützte ich mich, so gut es -gehen wollte, gegen den Regen wie gegen die Sonnenstrahlen. Bedurfte -ich seiner nicht mehr, so klappte ich den Schirm zusammen.</p> - -<p>Vor der Hand hatte ich nun so ziemlich alle Bedürfnisse befriedigt, -die sich in meiner Einsamkeit überhaupt einstellen konnten; -aber nie schweigen die Wünsche des Menschen still. Ich wollte -mit dem gewonnenen Nützlichen auch das Angenehme verbinden, -und was konnte mir da wohl näher liegen als der Besitz – einer -<em>Tabakspfeife</em>? Hatte ich mich doch in der Töpferei hinlänglich -erprobt, daß mir die Fabrikation eines Pfeifenkopfes nur leichtes -Spiel schien; auf künstlerische Verzierung dieses Thonstückes mußte -ich freilich immer noch Verzicht leisten. Ein ausgehöhltes Rohr -herzurichten, machte wenig Kopfzerbrechen, und so konnte ich nun -mit meinem edlen Kraute das Inselreich durchdampfen.</p> - -<p>Ich kann nicht sagen, daß mir in fünf Jahren etwas Ungewöhnliches -begegnet sei, denn ich lebte in derselben Lage, an dem -nämlichen Orte, auf die gleiche Weise wie früher. Ich baute mein -Korn, buk Brot, erntete Trauben ein und sorgte immer für einen -ausreichenden Vorrat hinsichtlich aller nötigen Nahrungsmittel; oft<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[Pg 74]</a></span> -ging ich auf die Jagd, schoß Vögel und Ziegen, fing auch, um eine -sehr schmackhafte Suppe zu haben, dann und wann eine Schildkröte -und angelte Fische. Daß ich auch die ehrsamen Gewerke eines -Zimmermanns, Töpfers, Korbflechters, selbst des Schneiders in -Ehren hielt, habe ich bereits erwähnt.</p> - -<p>Während dieser fünf Jahre richtete ich mein Hauptaugenmerk -darauf, mir eine andre Barke zu bauen, diesmal aber die Sache -klüger anzufangen als vorher. Zwar fand ich auch jetzt nicht näher -am Strande einen für mein Vorhaben tauglichen Baum; denn die -Baumregion begann erst eine ziemliche Strecke vom Ufer. Da -schlenderte ich eines Tages ungefähr eine halbe Stunde landeinwärts, -längs dem Ufer jenes Baches hin, wo ich mit den Flößen -gelandet war. Dort fand ich endlich, etwa zehn Schritt vom Wasser, -was ich suchte. Ich fällte den Baum, handhabte -dann unablässig Beil und Meißel und -hatte schließlich die Freude, meine Piroge -fertig zu sehen. Nun grub ich einen Kanal, -schaffte unter manchem Schweißtropfen mein -Kanoe von der Werft auf das Wasser und -flößte es nach dem Meere hinab in die Bucht.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0740_illu.jpg" width="300" height="180" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinsons Tabakspfeife.</p></div> -</div> - -<p>Obgleich ich nicht weniger als zwei Jahre mit meinen Schiffszimmerarbeiten -zugebracht hatte, so entsprach doch die Größe der -Barke nicht dem Zwecke, welchen ich bei Erbauung der ersteren verfolgte, -nämlich dem, mit derselben das gegenüberliegende Festland -zu erreichen, welches nach meiner Schätzung wohl vierzig englische -Meilen entfernt lag. Dennoch empfand ich eine nicht zu beschreibende -Freude, als ich mein selbsterbautes Fahrzeug so sicher -und leicht auf den Wellen dahingleiten sah, und wenn ich auch -auf den Wunsch verzichten mußte, jenes ferne Küstenland zu erreichen, -so schien mir mein Boot doch hinlänglich fest, um in -demselben eine Rundreise um mein Eiland unternehmen zu können. -Zu diesem Zwecke pflanzte ich einen kleinen Mast auf meinen -Ruderkahn und brachte ein Segel zustande, das ich aus mehreren -Stück Leinwand zusammenschneiderte. Ebenso sorgte ich an beiden<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[Pg 75]</a></span> -Seiten für Kästchen und sonstige Behältnisse, um darin Lebensmittel, -Pulver und Blei aufzubewahren und so gegen den Regen -und den Gischt des Meeres gesichert zu sein. Im Innern des -Bootes machte ich der ganzen Länge nach eine Höhlung, legte -meine Flinte hinein und nagelte zum Schutze gegen die Nässe Leinwand -darüber. Außerdem befestigte ich noch meinen Schirm am -Hinterteile der Barke, zum Schutze gegen die brennenden Sonnenstrahlen, -setzte ein Steuerruder sowie einen Anker in Bereitschaft -und versuchte mich zunächst in kleinen Lustfahrten in der Nähe -meiner Besitzung.</p> - -<p>Nachdem ich die Tauglichkeit meines Bootes durch solche Ausflüge -auf dem Wasser erprobt hatte, konnte ich doch der Begierde, -den ganzen Umfang meines kleinen Königreichs kennen zu lernen, -nicht länger widerstehen. Ich brachte in mein Kanoe eine hinlängliche -Menge Proviant, nämlich zwei Dutzend Brote oder vielmehr -Gerstenkuchen, einen Topf mit Reis, eine Ziegenhälfte und -ein Fläschchen Rum; auch nahm ich Pulver und Blei mit, sowie -zwei Überröcke, die mir in kühlen Nächten teils als Matratzen, teils -als Decke dienen sollten.</p> - -<p>So ausgerüstet begab ich mich am 6. November des sechsten -Jahres meines Insellebens an Bord und stach in See. Indessen -sollte diese Seefahrt eine andre Wendung nehmen, als ich gedacht -hatte. Nachdem ich eine Strecke hinausgefahren und an die östliche -Küste gelangt war, bemerkte ich eine Kette von Felsen, die -meilenweit ins Meer hinausragten und von denen einige Klippen -über, andre unter der Wasserfläche vorschoben. Am Ende des -Riffs breitete sich noch eine Sandbank von einer halben Stunde -in derselben Richtung aus, so daß ich einen großen Umweg zu -machen hatte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte.</p> - -<p>Diese Entdeckung kam mir sehr ungelegen, und da mir die -Fahrt denn doch etwas gefährlich schien, steuerte ich in meine Bucht -zurück und legte meine Barke vor Anker. Hierauf griff ich zur -Flinte, stieg ans Land und erklomm einen Hügel, von wo ich das -ganze Felsenriff überschauen konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[Pg 76]</a></span></p> - -<p>Ich bemerkte eine heftige Strömung, die in der Richtung nach -Osten ganz nahe an der äußersten Spitze der Sandbank hinlief. -Dieser Umstand konnte für mich sehr gefährlich werden; denn wenn -mich der Strom packte und mit sich fortriß, so mußte ich der Insel -vielleicht auf immer lebewohl sagen. Von der Südseite ließ sich -ein ähnlicher Strom in der Richtung nach Ost-Nordost wahrnehmen, -jedoch in einer größeren Entfernung vom Ufer. Dann sah ich -eine ziemlich genau angedeutete Sandbank, die gegen die Küste verlief. -Diesen Beobachtungen zufolge mußte ich meinen Kurs so -nahe an der ersten Sandbank halten, als es ohne Gefahr, zu -stranden, irgend anging.</p> - -<p>Ein steifer Wind aus Ost-Südost sauste gerade dem nordöstlichsten -Strom entgegen und drängte das Wasser in heftiger Brandung -an das Riff und die Spitze der Landzunge. Deshalb konnte ich -mich nicht auf das Meer wagen. Wegen der Brandung war es -doch zu gefährlich, mich nahe am Lande zu halten, und die Strömung -legte mir anderseits die Notwendigkeit auf, mich nicht weit vom -Lande zu entfernen. Aus diesem Grunde blieb ich ruhig in meiner -Bucht zwei Tage vor Anker liegen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0760_illu.jpg" width="300" height="201" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[Pg 77]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0770_illu.jpg" width="600" height="447" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinsons Nachtruhe.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Achtes Kapitel.<br /> - -Robinsons unglückliche Bootfahrt.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Gefährliche Seereise. – In die See hinausgetrieben. – Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. – Die -beiden Strömungen und glückliche Landung. – Des Papageis Ruf. – Robinsons »Familie«. – -Ziegenfang und Ziegenpark. – Schneiderkünste. – Neue Beobachtungen. – Rückblicke.</p></div> - -<p>Am Morgen des dritten Tages legte sich der Wind, das -Meer wurde ruhig, und nun erst begann ich meine Seefahrt. Mein -Schicksal möge unerfahrenen und wagehalsigen Schiffern zur Warnung -dienen! Kaum hatte ich die Spitze der Sandbank erreicht, von dem -Ufer nur um die Länge meiner Barke entfernt, als ein Strom gleich -einer Mühlschleuse mich mit überwältigender Heftigkeit packte. Alle -Mühe, dagegen anzukämpfen, erwies sich als umsonst; immer weiter -trieb mich die Strömung von der Sandbank, die mir zur Linken -lag. Weder Segel noch Ruder konnte ich mit Erfolg gebrauchen. -Wurde ich von der Strömung etwa in die See hinausgeworfen, so<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[Pg 78]</a></span> -schien mein Untergang unvermeidlich, insbesondere wegen des Mangels -an Lebensmitteln. Denn die am ersten Tage in die Barke geschafften -Vorräte nebst einer noch am Meeresufer von mir gefangenen Schildkröte -konnten nicht ausreichen, wenn ich weit hinaus auf den unermeßlichen -Ozean getrieben wurde, vielleicht viele Meilen von der -Küste entfernt.</p> - -<p>Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die -mir nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. »Glückliche -Einöde!« klagte ich, »werde ich dich jemals wiedersehen? Nie -wollte ich dich wieder verlassen!« So erkannte ich, als mir meine -Besitzung schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte -aus allen Kräften und blieb möglichst in derselben Richtung, in -welcher die Strömung die Sandbank treffen konnte. Plötzlich erhob -sich ein leichter Süd-Süd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde -zu einer frischen Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich günstig; -ich sah nach meinem Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine -Segel aus und suchte mich aus der Strömung zu bugsieren. Bald -bemerkte ich, daß der Strom nicht mehr so trübe und heftig war -und sich an Felsenklippen brach, so daß der Hauptstrich dieselben -nordöstlich liegen ließ und selbst nach Süden lief. Der andre -Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strömte nach Nordost. -Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde unterstützt, segelte ich -eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, daß mich die Strömung zu -weit nach Norden und von der Insel ablenken würde. Nun befand -ich mich zwischen zwei großen Flutarmen: dem des Südens, der -mich zuerst mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher -auf der andern Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile -beherrschte. Ich bot daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas -westlich zu halten und mein Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. -Es gelang mir, und etwa gegen 5 Uhr nachmittags kam ich, durch -den Wind begünstigt, auf meiner Insel wieder an.</p> - -<p>Sobald ich unter meinen Füßen wieder Land fühlte, lieh ich -den Gefühlen meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott -Worte und gelobte mir feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer -Meerfahrt zu verzichten und mich nicht mehr auf die offene See<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[Pg 79]</a></span> -zu wagen. Nachdem ich mich erholt und durch eine kleine Mahlzeit -gestärkt hatte, legte ich mich im Schatten der Bäume nieder -und schlief bald ein. Am andern Tage überlegte ich, wie ich die -Rückreise zu meiner Behausung antreten sollte. Ich entschloß mich, -an der Küste hin gegen Westen zu steuern, um ein sicheres Asyl -für mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige Meilen weiter -einen Kanal, der weit in das Land einmündete, immer schmäler -wurde und in einen kleinen Fluß auslief.</p> - -<p>Hier ließ ich mein Fahrzeug zurück und beschloß, den Rückweg -zu Fuß zurückzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepäck nur mein -Gewehr und meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich -gegen Abend auf meinem Landsitze wieder an und fand daselbst -alles noch, wie ich es verlassen hatte. Flugs überstieg ich den -Zaun, legte mich im Schatten nieder und schlief, von der Hitze -und dem weiten Wege ermüdet, auch bald ein. Ich mochte etwa -eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme erweckt -wurde, die mehrmals rief: »Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo -bist du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0790_illu.jpg" width="600" height="345" alt="" /> -<div class="caption"><p>Glückliche Rückkehr nach verunglückter Seefahrt.</p></div> -</div> - -<p>Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die -Worte sprach, die ich ihn mit vieler Mühe gelehrt hatte, wenn der -Kummer über meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wußte -mir nicht zu erklären, wie das Tier hierher gekommen war; das<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[Pg 80]</a></span>selbe -setzte sein Geschwätz und seine Schmeicheleien fort, als wäre -es glücklich, mich wieder zu haben. Natürlich nahm ich den Schwätzer -ohne Verzug mit mir. – Gern hätte ich mir den Besitz des Fahrzeuges -gesichert, aber ich fand kein Mittel, diesen Wunsch zu verwirklichen; -auch fühlte ich geringe Neigung, mich noch einmal den -überstandenen Gefahren auszusetzen.</p> - -<p>In ruhiger Stimmung des Gemütes und ohne besondere Wandlungen -in meinen Verhältnissen verbrachte ich fortan einige weitere -Jahre. Ich hatte mich mit meiner Lage ausgesöhnt, so daß ich -mich auch ohne menschliche Gesellschaft leidlich glücklich fühlte. -Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, -die ich in meiner Lage glaubte besitzen zu müssen. Es -gelangen meine Zimmermannsarbeiten, trotz der mangelhaften Werkzeuge, -immer mehr nach Wunsch; auch die Gerätschaften, die aus -meiner Töpferwerkstatt hervorgingen, zeigten nicht mehr die frühere -Unförmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm unter meinen fleißigen -Händen einen immer höheren Aufschwung.</p> - -<p>Der ernsthafteste Mensch hätte sich eines Lächelns nicht enthalten -können, hätte er mich im Kreise meiner <em>Familie</em> gesehen. -Vor allem würde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person -bewundert haben, mich, den König der Insel, den unumschränkten -Herrn über Leben und Tod aller ihrer Bewohner. Mit königlicher -Würde hielt ich Tafel und speiste in Gegenwart meines gesamten -Hofstaates. Poll, mein Günstling, genoß allein das Vorrecht, -mit mir zu sprechen, und machte davon häufigen Gebrauch, -wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein Hund, -der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie ein -alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen -warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen -auf ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken -auf, die ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpfötchen -waren aber nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht -hatte, denn diese hatte ich längst mit eigner Hand in der -Nähe meiner Wohnung zur Erde bestattet. Die jüngeren Katzen, -die mich jetzt umgaben, waren die Nachkommen der ersteren. Dieses<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[Pg 81]</a></span> -Geschlecht hatte sich in solchem Grade vermehrt, daß es endlich eine -wahre Geißel für mich wurde; die Tiere plünderten und hausten -in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich endlich genötigt, -gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl von ihnen -aus der Welt zu schaffen.</p> - -<p>Während der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver -so sehr auf die Neige gegangen, daß ich ernstlich daran denken -mußte, das für mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich -Ziegen und Vögel schießen? Wie konnte ich mich im Falle eines -Angriffs verteidigen? Bis auf die äußerste Not durfte ich es nicht -ankommen lassen, deshalb ging ich darauf aus, Ziegen zu <em>fangen</em>, -um meinen letzten Vorrat an Pulver zu schonen. Besonders gern -hätte ich eine Mutter mit ihren Jungen gehascht, und es mochten -sich vielleicht auch schon einige gefangen haben, aber die Netzstricke -waren nicht stark genug, und wenn ich eine Beute zu haben glaubte, -fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich versuchte ich es mit <em>Fallgruben</em> -und machte an jenen Plätzen, wo die Ziegen zu weiden -pflegten, tiefe Löcher, legte über diese Gruben ein Flechtwerk von -dünnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum Reis -und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, daß diese die -Körner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll -meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That sämtliches -Getreide abgefressen – aber keine Ziege gefangen. Nach -einigen weiteren mißlungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines -Morgens die Freude, in einer der Gruben einen großen, feisten -Bock, sowie in einer andern drei junge und zwei ältere Ziegen und -einen Bock gefangen zu erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, -war so wild, daß ich mich nicht an ihn herangetraute, und ihn -zu töten konnte nicht in meiner Absicht liegen, da sein zähes Fleisch -für meinen Gaumen durchaus nicht verlockend schien. Ich gab -ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit, und er floh in -weiten Sätzen davon.</p> - -<p>Damals dachte ich freilich noch nicht daran, daß der Hunger -selbst einen Löwen zähmen kann; hätte ich den Bock nur drei bis -vier Tage hungern lassen, ihm dann Wasser und grünes Futter<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[Pg 82]</a></span> -gegeben, so würde er gewiß zahm geworden sein wie ein Lamm. -Meine Zicklein nahm ich eines nach dem andern aus der Grube, -band sie mit Stricken aneinander und trieb sie nach Hause. Anfangs -wollten sie durchaus nicht fressen; als ich sie jedoch ein -paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann saftige Kräuter -vorhielt, ließen sie sich zum Fressen verlocken und wurden in kurzer -Zeit zahm.</p> - -<p>Das war der erste Anfang zu meiner Ziegenherde, und ich -sah schon im Geiste der Zeit entgegen, wo ich, ohne Pulver und -Blei nötig zu haben, fortwährend mit Ziegenfleisch versorgt sein -würde. Freilich drängte sich mir bei dieser frohen Aussicht der -Gedanke an einen leidigen Übelstand auf. Da ich nämlich um -jeden Preis zu verhüten hatte, daß die Tiere mit ihren Brüdern -im Thale und in den Wäldern zusammenträfen, so mußte ich einen -Park von Hecken oder Palissaden errichten, damit weder meine zahmen -Ziegen entfliehen, noch die wilden von außen hereinbrechen konnten.</p> - -<p>Wer in der Errichtung solcher Gehege einige Übung besitzt, würde -sich kaum eines Lächelns haben enthalten können, hätte er gesehen, -wie ich zu meiner ersten Hürdenanlage eine jener großen Wiesen -aussuchte, die man in den Ländern des Westens Savannen nennt.</p> - -<p>Einige klare Bäche schlängelten sich durch den Wiesengrund, an -dessen einem Ende schattige Bäume standen; um aber diese Wiese -mit einem Zaune zu umgeben, bedurfte es einer Reihe Palissaden -von beinahe einer halben Meile Ausdehnung. Hierbei bedachte ich -allerdings nicht, daß in einem so großen Umkreis die Ziegen ebenso -schwer zu fangen sein mußten, als wenn sie frei auf der ganzen -Insel hätten umherlaufen dürfen.</p> - -<p>Schon hatte ich etwa 150 Schritte fertig, als mir dieser Gedanke -nachträglich beikam. Ich beschloß deshalb, nur ungefähr 200 Schritt -einzufriedigen, was für eine Herde, wie ich sie in einiger Zeit -haben konnte, wohl genügen mochte. Nach Vollendung jener Arbeit, -welche drei Monate in Anspruch nahm, waren meine Ziegen schon -so zahm geworden, daß sie mir überallhin folgten und mir aus -der Hand fraßen. Binnen zehn Monaten hatte sich meine Herde -bis auf zwölf Stück junge und alte vergrößert, in zwei Jahren<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[Pg 83]</a></span> -war sie auf 43 gestiegen, obgleich ich mehrere davon zu meinem -Lebensunterhalt geschlachtet hatte.</p> - -<p>Nicht allein Fleisch hatte ich nun im Überfluß, auch Milch -hatte meine Speisekammer mehr wie ausreichend aufzuweisen. Nach -einigen vergeblichen Versuchen lernte ich sogar Butter und Käse -machen, da ich auch Salz gefunden hatte, was durch Verdunstung -von Seewasser in Vertiefungen am Meeresufer sich in Krusten -gebildet hatte.</p> - -<p>Die größte Beeinträchtigung erfuhr meine Würde als Herr -des Insellandes durch die Beschaffenheit meiner Kleidung. Mein -Anzug würde in jedem von Menschen bewohnten Lande die größte -Heiterkeit oder vielleicht auch Furcht erregt haben. Als Kopfbedeckung -trug ich eine hohe aus Ziegenfell gefertigte Mütze mit einem Zipfel, -der bis auf die Schultern fiel, um mich vor der Sonne und vor -Regen zu schützen. Rock und Beinkleider stammten gleichfalls von -Ziegen her, und meine Füße schützte ich durch eine Art Sandalen, -die an der Seite festgehalten wurden. Den Rock hielt ein Gurt -von Leder zusammen, in welchem statt des Degens eine Axt und -eine Säge hingen. Ein andres umgehängtes Band diente dazu, -um meine mit Pulver und Schrot gefüllten Taschen festzuhalten. -In einem Tragkorbe befanden sich meine Lebensmittel, meine Flinte -hing über der Schulter, und außerdem hatte ich noch meinen -Sonnenschirm zu halten, der sich mir als ganz unentbehrlich zeigte. -Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so braun, als -man bei dem heißen Klima vermuten möchte. Das kam natürlich -daher, daß ich meinen Regen- und Sonnenschirm immer bei mir -führte, auch wenn ich mich nur eine kleine Strecke von meiner -Wohnung entfernte.</p> - -<p>Jedenfalls war ich in jeder Beziehung ein Landesherr, der -seinesgleichen suchen konnte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0830_deco.jpg" width="300" height="37" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[Pg 84]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0840_illu.jpg" width="600" height="424" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinsons Ziegenherde.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Neuntes Kapitel.<br /> - -Robinson entdeckt Spuren von Menschen.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Neuer Ausflug auf Entdeckungen. – Menschliche Spuren. – Robinsons Bangen. – Untersuchung -der Fußspuren. – Allerlei seltsame Gedanken.</p></div> - -<p>Mit allem Notwendigen ausgerüstet, begann ich einen neuen -Ausflug, auf den ich fünf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. -Mein erster Weg führte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker -ausgeworfen hatte, um die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu -überblicken. Auch diesmal erstieg ich die Höhe und gewahrte zu -meinem Erstaunen, daß die See glatt war wie ein Spiegel, nirgends -vermochte ich eine Brandung zu entdecken. Diese befremdliche Erscheinung -hatte jedenfalls ihren natürlichen Grund in der abwechselnden -Bewegung der Ebbe und Flut. Da ich mir jedoch darüber noch -nicht ganz klar war, so wollte ich wie ein Naturforscher der Sache -auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb gegen Abend, als es bereits -dämmerte und die Ebbe eintrat, hinauf auf den Hügel und -sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestüme Strömung. Zugleich<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[Pg 85]</a></span> -bemerkte ich aber, daß dieselbe eine halbe Stunde von der Küste -entfernt schien, während sie früher dicht an der Sandbank hinlief. -Auf diese Beobachtungen gestützt, sagte ich mir, daß ich die Insel ohne -Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen könnte, wenn -ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes -hatten die überstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck -in mir zurückgelassen, daß ich für jetzt auf das Wagnis einer -neuen Seefahrt verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, -wenn auch höchst mühselig auszuführender Plan in den Sinn.</p> - -<p>Sollte es nicht möglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, -um auf jeder Küste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen?</p> - -<p>Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunächst war -es am Fuße des Felsens und in der Nähe des Ufers mein Zelt oder -meine Burg samt Einzäunung und Höhle hinter dem Zelte. Letztere -hatte ich allmählich vergrößert und neue Gemächer geschaffen, worin -ich meine Vorräte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen -großen Körben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren -die Pfähle der zweiten Umhegung, die, wie ich erwähnte, Zweige getrieben -hatten, bereits zu stattlichen Bäumen angewachsen und ihre -Äste so ineinander verschlungen, daß man selbst in ziemlicher Nähe -hinter diesem grünen Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt -hätte. Etwas weiter in das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, -auf deren Bebauung ich stets den größten Fleiß verwandte, -so daß ich jährlich durch reichliche Ernten belohnt wurde.</p> - -<p>Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nähe meines -Landhauses angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs -die grüne Hecke stattlich empor und gewährte erquickenden Schatten. -In der Mitte spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die -Ziegenfelle, welche ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, -während eine wollene Decke und ein großer Mantel mir während der -kühlen Nächte zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich -mein »Schloß« auf einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, -mehrere Tage in aller Bequemlichkeit zubringen.</p> - -<p>Ganz in der Nähe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwähnt, -die Einzäunungen für meinen Viehstand angebracht. Die<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[Pg 86]</a></span> -beständige Sorge, daß mir die Ziegen einmal ausbrechen möchten, -ließ mir keine Ruhe, bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht -hatte, daß man kaum eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar -während der Regenzeit die Ruten und Stäbe ausschlugen, bot dieses -Gehege den Vorteil einer undurchdringlichen Mauer.</p> - -<p>In demselben Thale befanden sich auch die Weinstöcke, welche -mir beträchtliche Vorräte für den Winter lieferten, und da die wertvollen -Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so -versäumte ich nie, zur gehörigen Zeit die Trauben zu trocknen.</p> - -<p>Eines Tages überkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug -nach der Ost- und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im -Vorbeigehen auch nach meiner Barke sehen.</p> - -<p>Zunächst begab ich mich an jenen Hügel, von welchem aus ich -meine Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe -ab, um bei niedrigem Wasserstande über die Mündung des Baches -zu gelangen, der am Fuße des Hügels hinfloß. Anfangs hielt ich -mich längs des Ufers desselben, dann aber bog ich nordwärts ab -und kam so gegen Abend an einen Fluß, der bei weitem bedeutender -war als alle übrigen, welche ich bisher aufgefunden -hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand mich bald an -der Küste, die sich hier sehr wild und öde, teils hügelig, teils -felsig und nur mit Gestrüpp bewachsen zeigte.</p> - -<p>Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug -auffand; ich machte es mir darin so bequem als möglich und war, -von dem Ereignis des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen -Schlaf versunken.</p> - -<p>Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer -erweckt, als ich wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem -ich einige Meilen zurückgelegt hatte, wurde mir eine Überraschung -zu teil, die mich in die peinlichste und für die Folge auch schädlichste -Aufregung versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur -eines – <em>Menschenfußes</em>.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0870_illu.jpg" width="483" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Ein Menschenfuß!</p></div> -</div> - -<p>Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit -einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster -Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[Pg 87]</a></span> -früher erwähnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen -sollten. Wie vom Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fußabdrucks -stehen; ich lauschte, ich blickte umher, sah und hörte aber -nicht das Geringste. Ich bestieg in der Nähe einen kleinen Hügel, -von welchem aus ich einen größeren Raum überblicken konnte; dann<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[Pg 88]</a></span> -ging ich wieder an das Ufer des Meeres hinab und durchlief die -Küste von einer Seite zur andern, um zu sehen, ob noch andre -Fußtritte im Sande abgedrückt wären, aber ich konnte nichts entdecken. -Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte Spur noch einmal, um mich -zu vergewissern, ob mich vielleicht meine Sinne getäuscht hätten. Allein -Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile eines Menschenfußes waren nur -zu deutlich abgedrückt. Woher mochte diese Spur kommen?</p> - -<p>Es schien fast unmöglich, dieses Geheimnis zu enträtseln. Entsetzen -durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu -bezweifelnde Nähe von Kannibalenhorden dachte, und in äußerster -Verwirrung schlug ich den Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem -Strauche, vor jedem Baume und fürchtete bei dem Rascheln eines -Blattes einen Wilden auf mich losstürzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit -traf ich endlich wieder in meiner Burg ein, ohne -daß ich mich nachträglich besinnen konnte, ob ich auf der Leiter oder -durch die Felsenthür hereingekommen war. Kein Fuchs sucht hastiger -seinen Bau auf, als ich nach meinem Zufluchtsorte eilte.</p> - -<p>Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrücken. -Meine erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die -furchtbarsten Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, daß -jene Spur von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrühre. Konnte -denn irgend ein menschliches Geschöpf ohne Fahrzeug meine Insel -erreichen? Wo aber war irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam -es, daß ich nur eine einzige Fußspur entdeckte, da doch der Boden -ringsum ganz dieselbe sandige und lockere Fläche zeigte?</p> - -<p>Die Fußspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten -aber nicht die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen -hatte, durch irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden -sein? Vielleicht fühlten sie, da sie gerade an dem ödesten Teile der -Insel landeten, kein sonderliches Behagen, hier Hütten zu bauen; sie -konnten dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus -geschlossen haben, daß die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, -wenn sie nun in größerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen -nahmen und nach ihrer barbarischen Weise schlachteten und -verzehrten? Oder, wenn auch das nicht, so konnten sie doch meine<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[Pg 89]</a></span> -Ziegen wegführen, meine Felder zerstören und mich meiner Vorräte -berauben.</p> - -<p>Solche und ähnliche Gedanken marterten meinen Geist drei -Tage und drei Nächte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt -weit von meiner Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen -meine Vorräte an Wasser, Milch und Gerstenkuchen völlig zu Ende, -und ebenso notwendig, als diese zu ersetzen waren, mußte ich meine -Ziegen melken, weil sonst zu befürchten stand, daß ihnen die Milch -vergehen möchte. Da half kein Zaudern mehr, und so schwer es -mir auch ankam, wieder landeinwärts zu gehen, so mußte ich mich -doch der Notwendigkeit fügen. Nachdem ich einige Schritte gegangen -war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing an, mich über meine -Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an Ort und Stelle -angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon längst erwartet -zu haben schienen.</p> - -<p>Einige Tage verlebte ich hier, ohne daß ich etwas Besonderes -bemerkt hätte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte -meine Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber -meine frühere Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. »Die Fußspur! -die Fußspur!« Ich mußte Gewißheit darüber haben, ob ich den -Abdruck meines eignen oder eines fremden Fußes gesehen habe. Zu -meiner Beruhigung entschloß ich mich endlich, noch einmal an Ort -und Stelle eine genaue Besichtigung vorzunehmen. Als ich aber -den Ort des Schreckens erreichte, überzeugte ich mich zunächst, -daß ich bei meiner Landung mit dem Boote unmöglich diese Gegend -berührt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon entfernt. -Nachdem ich vollends die rätselhafte Spur mit meinem Fuße gemessen -hatte, ergab sich's deutlich, daß sie viel länger und breiter -war. Nun stellte es sich für mich als klar und unumstößlich heraus: -das Merkmal rührte von einem fremden und sicherlich wilden -Menschen her.</p> - -<p>Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich meiner von neuem Angst -und Bangen, eisiger Frost schüttelte mich wie einen Fieberkranken; -ich wußte nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die -unsinnigsten Gedanken ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[Pg 90]</a></span></p> - -<p>Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzäunungen niederreißen -und all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, -daß es der unbekannte Feind finden und verlockt werden möchte, -öfter hierher zurückzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, -mein Zelt und das schützende Wäldchen vernichten, um jede Spur -einer menschlichen Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner -Gedanken hielt mich die ganze Nacht munter, und erst gegen Morgen -schlief ich bis zum Tode ermattet ein. Als ich erwachte, dachte ich -weniger befangen über meine Lage nach. Endlich kam ich zu dem -Schluß, daß die anmutige und fruchtbare, nur in mäßiger Entfernung -vom Festland gelegene Insel nicht so ganz verlassen sein -könne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und daß sie wenigstens -mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen mit -ihren Kanoes hier landeten, besucht würde. Zwar hatte ich seit -den <em>fünfzehn Jahren</em> meines Aufenthalts auf dieser Insel noch -keinen einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel -daher rühren, daß diejenigen, welche aus irgend einem Grunde -hierher kamen, keine Veranlassung fanden, länger zu verweilen. -Die einzige Gefahr für mich war eine zufällige Landung herumstreifender -Menschen vom Festlande. Da es aber wahrscheinlich -war, daß diese nicht leicht aus eignem Antriebe die Insel besuchen -würden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe schnell zu verlassen, -und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der Küste aufhalten, -aus Furcht, die günstige Strömung und die Tageshelle zur Rückfahrt -entbehren zu müssen. Sonach hatte ich also für den Fall, -daß die Anwesenheit von Wilden außer allem Zweifel stand, nichts -weiter zu thun, als mich in meine Festung zurückzuziehen und mich -hinter den Wällen still zu verhalten.</p> - -<p>Trotz solcher beruhigenden Erwägungen steigerten Zweifel meine -Unruhe und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Güte -Gottes war dahin; Trübsal und Verwirrung umschatteten meinen -Geist so sehr, daß er sich nicht aufzurichten vermochte in einem -Gebet zu dem, der da spricht: »Rufe mich an in der Not, und ich -will dich erretten.« Hätte ich nur auf diese Stimme gehört und -den Herrn in meiner Not angerufen, so wären sicherlich fester Mut<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[Pg 91]</a></span> -und größere Beharrlichkeit in meine Seele eingezogen; Zaghaftigkeit -und Furcht, die alle meine Sinne gefangen hielten, würden dann -niedergekämpft worden sein.</p> - -<p>Jetzt bereute ich es, daß ich mir einen Ausgang aus meiner -Höhle gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. -Ich nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der -Mauer eine zweite Palissadierung im Halbkreise aufzuführen, gerade -da, wo ich vor zwölf Jahren eine doppelte Reihe von Bäumen -angepflanzt hatte. Diese standen ohnehin schon dicht genug, daß -es nicht mehr viel bedurfte, um die Zwischenräume zwischen ihnen -auszufüllen, so daß nach wenigen Jahren ein undurchdringliches -Gehege emporwuchs. So schützte mich eine doppelte Mauer, und -die äußere ließ sich noch durch Bohlen, alte Taue, Schutt und -Erdreich verstärken. Diesen Wall führte ich nicht nur über den -Ausgang, sondern auch über die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu -laufen, daß es mir an Wasser mangle.</p> - -<p>Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen -Abhang der kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke -mit mehr als 2000 Schößlingen von jenem weidenähnlichen Holze, -ließ aber überall zwischen denselben und meinem Baumwall einen -beträchtlichen freien Raum, damit ich den Feind herankommen sehen, -er aber hinter den jungen Bäumen kein Versteck finden konnte. -Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehölz um meine Festung -so dicht, daß es in der That undurchdringlich schien und kein -Mensch hinter diesem Gebüsch eine menschliche Wohnung vermuten -konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen -hatte, so gelangte ich über den äußeren Wall nicht anders als mit -Hilfe zweier Leitern.</p> - -<p>Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, -auf dem ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern -weggenommen, so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich -der größten Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung -brachte ich sieben Schießlöcher an, nicht größer als nötig, um den -Arm durchzustecken; außerdem verstärkte ich diesen Wall bis auf -drei Meter, indem ich dagegen Erde aufschüttete, die ich aus der<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[Pg 92]</a></span> -Höhle schaffte und mit den Füßen feststampfte. In jene sieben -Öffnungen brachte ich sieben mir noch übrig gebliebene Musketen, -richtete Gestelle für sie auf, auf denen sie so ruhten, wie Kanonen -auf ihren Lafetten, und ich war somit im stande, alle meine Gewehre -binnen einer Minute abzuschießen.</p> - -<p>Auf diese Weise hatte ich alle Maßregeln ergriffen, welche die -Klugheit eingeben konnte, und ich fand später, daß sie mir von -Nutzen waren. Während dieser Arbeit versäumte ich jedoch meine -übrigen Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde -besorgt.</p> - -<p>Verschiedene kleine Rasenplätze, mit hohen, dichten Wäldern -umzäunt, boten einen geeigneten Park für meine Herden, und dies -erschien mir um so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzäunung -nachzuhelfen brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese -Hecken vollendet und trieb nun zehn junge Ziegen und zwei Böcke -dorthin.</p> - -<p>Für die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorräte -war jetzt gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz -ausfindig zu machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen -ließe. Bei diesen Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher -geschehen war, gegen die westliche Spitze der Insel vor, und als -ich meine Augen auf die See hinausrichtete, kam es mir vor, als -schaukle ein Boot auf den Wellen.</p> - -<p>Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin -noch nicht betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich -mich hier umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklärung -über jene Fußspur, und zwar in einer Art, die meine vormalige -Furcht völlig rechtfertigte. Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschädeln, -Arm- und Fußknochen und andern menschlichen Körperteilen -bedeckt. Besonders fiel mir ein Kreis in die Augen, den die -Kannibalen in die Erde gegraben hatten, um wahrscheinlich innerhalb -desselben bei einem großen Feuer ihre abscheulichen Festmahlzeiten -abzuhalten.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0930_illu.jpg" width="452" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Die Reste der Kannibalenmahlzeit.</p></div> -</div> - -<p>Dieser Anblick erschütterte mich so, daß ich im Augenblick an -die eigne Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefühl empörte<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[Pg 93]</a></span> -sich gegen eine solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser -Platz war mir fortan ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell -mich meine Beine trugen, nach meiner Wohnung zurück. Als ich -eine halbe Meile gelaufen, blieb ich plötzlich stillstehen, um meine -Gedanken zu sammeln. Mit thränenden Augen blickte ich zum -Himmel empor und dankte Gott aus der innersten Tiefe meines -Herzens, daß er mich unter Menschen geboren werden ließ, wo -solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch -der Vorsehung, daß sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden -ließ, wo jene Kannibalen nur höchst selten, ja vielleicht niemals<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[Pg 94]</a></span> -landeten, und daß trotz meiner öfteren Hin- und Herzüge in und -um das Land meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt -worden war. Beherrscht von dieser trostreichen Stimmung, setzte -ich meinen Gang fort und kam endlich in meiner Burg wieder an, -weit mehr beruhigt über meine Sicherheit als zuvor.</p> - -<p>Dieses Gefühl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die -Unruhe nahm wieder überhand, und ich verhielt mich fast zwei -Jahre lang in meinen Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, -kaum daß ich mich zu meinen drei Pflanzungen, meinem Lusthause -und meiner Weide im Walde hinwagte, welche letztere ich nur besuchte, -um Ziegen zu fangen. In beständiger Besorgnis, daß die -Wilden meinen Aufenthalt auswittern möchten, suchte ich alles zu -vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten konnte.</p> - -<p>Vor allen Dingen unterließ ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschießen, -weil ich befürchtete, von den Wilden gehört zu werden. -Aber ein ander Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem -Versteck aufstieg! Wie leicht konnte er mich den Falkenaugen der -Kannibalen verraten! Wenn ich daher Brot zu backen oder irdene -Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich Holzkohlen an. Ich hatte -nämlich als Knabe in der Heimat gesehen, wie man Holz unter -Torferde anzündete und durch Glühen in Kohlen verwandelte. -Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch das -Aufsteigen des Rauches.</p> - -<p>Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach -meinem Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte -ich nicht daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets -unternahm ich meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei -oder drei Pistolen sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein -eignes Bandelier gemacht hatte. Man wird mir wohl glauben, daß -ich in diesem Aufzuge im stande war, einigermaßen Furcht einzuflößen. -Auf der Rückseite des bekannten Hügels fand ich einen -Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten, von ihnen unbemerkt -beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch heranschleichen, in -einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen Treiben zuschauen -konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[Pg 95]</a></span> -vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten; die -umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen -Rachedurst.</p> - -<p>Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren -Kugeln, die Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit -drei bis vier kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge -ausgerüstet hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, -der ungefähr eine Meile von meiner Burg entfernt war, um zu -beobachten, ob sich nicht ein Boot auf der See zeige, das nach -meiner Insel zusteuere. Drei bis vier Monate lang hielt ich hier -Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer hinaus, ohne auch -nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken. – Nach so -vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich mein -Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in -mir die Oberhand.</p> - -<p>Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter -über diese Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten -ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine -ihrer Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern -Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt -haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint -es ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges -Tier schlachten.</p> - -<p>Allerdings geben sich die Wilden einem blutdürstigen Götzendienste -hin, welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei -zu vergleichen mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko -und in Peru verübt hatten, wo sie ganze Völkerschaften vertilgten? -Als ich daran dachte, was mir mein Vater aus jenen grausamen -Zeiten erzählt hatte, wurde ich milder gegen die unglücklichen -Kannibalen gestimmt, und ich fand es selbst von meiner Seite unmenschlich, -sie in feindseliger Absicht anzugreifen, solange sie mich -nur selbst in Ruhe ließen.</p> - -<p>Außerdem hätte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches -Handeln meinen eignen Untergang herbeigeführt. Denn gesetzt, es -wäre eine Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestürmt, war ich<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[Pg 96]</a></span> -denn wirklich so sicher, sie alle zu töten? Ja, wenn nur ein einziger -mir entkam, um seinen Kriegsgefährten in der Heimat Kunde zu -bringen, so landeten bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den -Tod ihrer gefallenen Freunde zu rächen. Aus alledem zog ich den -Schluß, daß die Klugheit und die Menschlichkeit mir in gleicher -Weise verböten, mich in die Angelegenheiten jener halbtierischen -Menschen überhaupt zu mischen.</p> - -<p>Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich -zu überzeugen, daß meine grausamen Entwürfe gegen die Wilden, -die mir noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten -durchaus zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den -Knieen dafür zu danken, daß er mich nicht eine That begehen ließ, -die ich nunmehr für einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu -Gott, mich vor diesen Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, -nur dann Hand an sie zu legen, wenn meine Selbstverteidigung -dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen beharrte ich fast ein -ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen Nachbarn -ungehalten, daß ich während dieser Zeit nicht einmal den Hügel -bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten -oder ob sie kürzlich auf der Insel gewesen wären.</p> - -<p><em>Achtzehn</em> Jahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und -noch hatte ich nicht mehr als einen einzigen Fußabdruck im Sande -und die Reste einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher -wohl annehmen, daß die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr -selten stattfanden und daß ich auch in der Folgezeit unentdeckt -bleiben würde. Mein kleines Boot schaffte ich auf die östliche -Spitze der Insel in eine durch Felsen geschützte Bucht, wohin die -Fremden wegen der widrigen Strömung nicht gelangen konnten. -Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu Ende gegangen, und -ich mußte darauf bedacht sein, denselben wieder zu erneuern. Deshalb -wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine Ziegenherden untergebracht -waren und wo ich in einer Höhle am Fuße eines Berges -einen passenden Platz für meine Kohlenbrennerei gewählt hatte. -Während ich in der Nähe eines Felsens Äste abhieb, gewahrte ich -hinter einem dichten Gebüsch eine dunkle Höhlung in der Berg<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[Pg 97]</a></span>wand, -die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich -mir durch das Gestrüpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde -zu befriedigen, da funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei -große mächtige Augen an. Hierdurch vollständig in Verwirrung -gesetzt, rang ich längere Zeit nach Fassung; endlich fing ich an, -mich über meine Furcht zu schämen. Als ich wieder vor der Felswand -stand, nannte ich mich einen Feigling, indem ich mir sagte, -daß ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein auf einem öden -Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um nicht vor -jedem außergewöhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu erzittern. -Ich faßte also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und -trat in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte -gethan, als ich erschrocken zurückfuhr, so daß auf meiner Stirn -Schweiß stand. – Meine Haare sträubten sich empor, denn aus -dem Innern der Höhle klang es wie das Seufzen eines leidenden -Menschen, dann folgten ein Stöhnen und tiefes Seufzen.</p> - -<p>Ich sammelte alle meine Kräfte und ermutigte mich durch den -Gedanken, daß Gott allgegenwärtig sei und mich überall beschützen -könne. Noch einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Höhle -zurück, und nun erst gewahrte ich, daß es nichts weiter war, als -ein großer, alter <em>Ziegenbock</em>, der hier im Sterben lag. Vergebens -bemühte ich mich, ihn aufzurütteln, er sank immer wieder -in seine vorige Lage zurück. Ich ließ ihn also liegen und sah mir -die Höhle etwas genauer an. Sie war ziemlich groß und hoch -und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern von der Natur -selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine Öffnung, die -noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, daß man nur -auf Händen und Füßen hineinkriechen konnte. Für heute begnügte -ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine -Kohlen, melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurück.</p> - -<p>Am andern Tage kam ich mit sechs großen Lichtern an demselben -Orte an. Ich muß hier erwähnen, daß ich schon seit mehreren -Jahren ganz leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten -ich teils alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel -einer Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich während<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[Pg 98]</a></span> -meiner Abwesenheit bis an die Öffnung der Höhle geschleppt, wo -er auch liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und -begrub es sogleich. Dann zündete ich zwei Lichter an und trat in -die Höhle. Als ich an die enge Öffnung im Hintergrunde kam, -duckte ich mich nieder und kroch ungefähr drei Meter weit auf den -Händen fort; da erweiterte sich die Öffnung, und meine Augen -wurden durch ein prachtvolles Schauspiel gefesselt. Ich befand mich -nämlich in einer herrlichen Wölbung, an deren Wänden sich der -Strahl der Lichter in tausendfachem Schimmer brach. Waren es -Diamanten oder vielleicht Goldkörner, die sich an die Felsenwände -kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht entscheiden. Der Boden war -trocken und eben, mit äußerst feinem Kies bedeckt, und nirgends eine -Spur von Feuchtigkeit, schädlichen Ausdünstungen oder widerwärtigen -Tieren. Als einzigen Übelstand fand ich die Beschwerlichkeit des -Eingangs und die dichte Finsternis. Dennoch freute ich mich über -meine Entdeckung, da die Grotte eine sichere Zufluchtsstätte zu -bieten versprach; ich beschloß also gleich, diejenigen Gegenstände, -die mir am wertvollsten schienen, ohne Zögern hierher zu schaffen.</p> - -<p>Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen -beiden Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser -Gelegenheit öffnete ich auch mein letztes Pulverfäßchen, das ich aus -der See aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, daß das Meerwasser -ein Stück eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten -Schale zusammengebacken, der Rest aber vollständig gut erhalten -war. Alles das schaffte ich in die Grotte und behielt für meinen -gewöhnlichen Bedarf nur wenig zurück. Auch das Blei, welches -ich noch besaß, um daraus Kugeln zu gießen, barg ich nebst andern -wertvollen Dingen an diesem von der Natur so geschützten Orte. -Ich gewann nun die Überzeugung, daß, wenn mich die Kannibalen -auf der Insel auszuspähen versuchten, sie mich hier kaum finden -würden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen sicher zu sein. -Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der Vorzeit, welche -in Höhlen und Felsenklüften lebten, in denen sie unnahbare -Zufluchtsstätten fanden.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p0980_deco.jpg" width="300" height="49" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[Pg 99]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p0990_illu.jpg" width="600" height="448" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Zehntes Kapitel.<br /> - -Stillleben mit Unterbrechungen.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Robinsons Menagerie. – Viehzucht und Bierbrauerei. – Neuer Besuch von Wilden. – Das -Wrack. – Ein neuer Freund. – Reiseträume.</p></div> - -<p>Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, -und ich hatte mich während dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgesöhnt. -Nur selten überkam mich ab und zu die Furcht, durch -die Überfälle der Wilden beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen -hatte ich mir alle möglichen Bequemlichkeiten verschafft, ja -selbst an Vergnügungen fehlte es nicht. Zwar war mir schon nach -dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem Phylax ein treuer -Gefährte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei Lieblingskatzen -diesen Verlust. Außerdem sprangen noch einige zahme Ziegen und -ein Böckchen um mich her, die mir überall folgten und ihr Futter<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[Pg 100]</a></span> -aus meiner Hand nahmen. Den größten Zeitvertreib gewährte -mir mein alter Freund <em>Poll</em>, der im Laufe der Zeit so vielerlei -und deutlich sprechen lernte, daß er mich fast die Sehnsucht nach -dem Umgang mit Menschen vergessen ließ; ich besaß nebenbei aber -auch noch zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls -lustig ein lautes »Robin, Robin!« »Crusoe, Crusoe!« ertönte. -Überdies hatte ich sogar mehrere Land- und Seevögel zahm gemacht, -ihnen die Flügel gestutzt und in dem Zaungehege meines Schlosses -ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie sich bald vermehrten und durch -ihr reges Treiben Leben um meine Burg verbreiteten.</p> - -<p>Neue Pläne beschäftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene -Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm -auf den Einfall, mir den Lebensgenuß durch die Beschaffung des -edlen Gerstensaftes zu erhöhen. Wochen und Monate brachte ich -mit zahllosen Versuchen zu, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Indessen -glaubte ich doch, daß ich bei meiner Beharrlichkeit noch einen -trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben würde, wenn nicht -die beständige Sorge vor den Wilden mich zu andern Beschäftigungen -angetrieben hätte.</p> - -<p>So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht -auf eine gedeihliche Ernte hatte mich häufiger als je auf -meine Felder und Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem -in eine nicht geringe Aufregung versetzt. Als ich nämlich, noch in -der Morgendämmerung, ausrückte, sah ich zu meinem großen Erstaunen -den Widerschein eines Feuers am Ufer, aber nicht etwa -in der meiner Wohnung entgegengesetzten Seite, sondern gerade vor -meinem Bezirk, und zwar höchstens eine halbe Stunde entfernt. -In großer Bestürzung zog ich zuerst mich in ein Wäldchen zurück, -das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich geradeswegs -nach meiner Burg zurück, zog die Leiter an mich heran und traf -Anstalten zu meiner Verteidigung.</p> - -<p>Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen, -lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten -liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln -und Eisenstücken. Darüber vergaß ich aber nicht, mich dem Schutze<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[Pg 101]</a></span> -Gottes zu empfehlen und ihn zu bitten, er möge mich vor den -gefährlichen Unholden bewahren.</p> - -<p>In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte -ich die peinliche Ungewißheit nicht länger ertragen. So lehnte ich -wieder meine Leiter an, stieg auf den neben meinem Schloß befindlichen -Felsen und spähte nun mit dem Fernglase nach der -Richtung hin, wo ich das Feuer bemerkt hatte. Hier sah ich gegen -zehn ganz unbekleidete Wilde um einen Herd herum kauern, auf -dem sie ein loderndes Feuer unterhielten, um eine ihrer entsetzlichen -Menschenmahlzeiten abzuhalten. Plötzlich erhoben sie sich und -führten unter allerlei Gebärden einen Tanz auf. Die Kannibalen -hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die Zeit der -Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten -wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich -einen Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick -in mir hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die -Flut zu steigen begann und nach Westen strömte, sah ich, wie sich -die Wilden sämtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, -daß die Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen -könnten, gab mir eine große Beruhigung. Solange die -Flutzeit dauerte, konnte ich also mit aller Sicherheit umherstreifen.</p> - -<p>Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, -steckte ein paar Pistolen zu mir, hängte ein großes Jagdmesser um -und begab mich eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr -blutiges Fest gehalten hatten. Da sah ich denn gräßliche Spuren -ihrer Grausamkeit: Blut, Knochen und einige Stücke Fleisch von -den menschlichen Opfern. Dann begab ich mich auf jenen Hügel, -wo ich das erste Mal ähnliche Überreste gefunden hatte, und bemerkte -von hier aus, daß noch drei andre Kanoes mit Wilden dagewesen -waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch gesättigt -hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer Heimat -zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschloß. -den ersten, der sich mir auf Schußweite nahen würde, durch eine -Kugel niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefühlen -gegen die Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vor<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[Pg 102]</a></span>teilhaftesten -überraschen könnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen -Besuche, in zwei Haufen trennten.</p> - -<p>Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne daß sich der Besuch -der Wilden wiederholt hätte; wenigstens konnte ich keine Spur -davon entdecken. Zudem durfte ich auch sicher sein, daß sie in der -Regenzeit sich nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch -befand ich mich während dieser ganzen Zeit in großer Unruhe. -Bange Träume von Verfolgung und Blutvergießen marterten mein -Hirn, so daß ich selbst im Wachen zwischen Beängstigung und -Rachedurst schwebte.</p> - -<p>Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als -Inselkönig, als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen -Blitzen und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den -größten Teil der Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über -meine gegenwärtige Lage beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen -Abend meine Trösterin, die Bibel, zur Hand genommen, um aus -diesem ewig quellenden Born neue Zuversicht zu schöpfen, da schreckte -mich plötzlich ein <em>dumpfer Knall</em>, wie von einer Kanone, aus -meiner Andacht auf.</p> - -<p>Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle -in meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz -und stieg auf meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, -als ich den Gipfel erreichte und nach der tobenden See schaute, -verkündigte von dort her ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen -Knall auch nach mehreren Sekunden mein Ohr erreichte. Er kam -von jener östlichen Strömung her, in die ich früher selbst einmal -mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete sofort, daß der -dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe herrühre, welches -einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch Signale von -seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl ich den -in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so konnten -sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes Holz, -als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen, -schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der -Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[Pg 103]</a></span> -wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, -denn das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse -ab. Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten -und unterhielt den Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; -von Zeit zu Zeit drang der dumpfe, unheimliche Knall der -Notsignale durch Sturm und Nacht an mein Ohr, bis endlich alles -verstummte.</p> - -<p>Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte -ausgerast. Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte -in ziemlicher Entfernung von der Insel einen nur undeutlich -erkennbaren Gegenstand; aber nach meiner Überzeugung mußte -es ein Schiff oder Wrack sein. Da ich nun auch den Tag über, -wie man sich leicht denken kann, mit gespanntester Aufmerksamkeit -nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber sich nicht von der Stelle -rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl ein gestrandetes Schiff -vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm ich mein Gewehr -samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der Küste -und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen -hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem -Himmel Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, -genau an derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug -ein gleiches Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche -durch die bewirkte Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten -Lage bei Umsegelung der Insel herbeiführten.</p> - -<p>So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache -zum Verderben des andern.</p> - -<p>Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen. -Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht -ein einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher -Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten -sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem -widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne -Zweifel hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen -und mußten demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war -es auch, daß sie in ihre Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome,<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[Pg 104]</a></span> -der mich vormals in Gefahr gebracht hatte, gepackt und weit hinaus -in die hohe See geworfen worden waren, wo sie sicherlich dem Verderben -verfielen. Kaum vermag ich die Worte zu finden, um das -Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim Anblick der Schiffstrümmer -bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn sich doch nur -einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten, Gefährten, -mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort -richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der -Insel trat meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so -heftig zu Tage, überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung -nie so bitterlich.</p> - -<p>Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine -Bootfahrt nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein -Menschenleben zu retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner -Hilfe zu spät käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche -Dinge auf dem Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack -zu segeln, ward so heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl -des Himmels hielt und nicht länger anstand, an die Ausführung -des Unternehmens zu gehen.</p> - -<p>Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, -einen Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen -sowie einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, -schöpfte das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und -machte ihn flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und -kehrte nach Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. -Diesmal nahm ich einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten -Topf frischen Wassers, etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine -Flasche Ziegenmilch und einen Käse samt meinem unentbehrlichen -Sonnenschirm. Im Schweiße meines Angesichts brachte ich dieses -Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott um Schutz anflehte, stieß -ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der Küste hin, bis ich die -Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der Insel vor mir sah. -Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu wagen. Ein -Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der Insel -sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an die<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[Pg 105]</a></span> -Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke, -ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen -werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte -mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang -und mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich -auf einen kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen -ging ich mit mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei.</p> - -<p>Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der -Flut, ein Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern -mußte. Hierauf dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der -Strömungen mich mit derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit -welcher mich die andre von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf -einen Hügel, von wo aus ich das Meer nach beiden Seiten genau -beobachten konnte. Hier fand ich denn, daß die Strömung der Flut -in der Nähe des Landes nach Norden ging, und daß ich, um meiner -Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu thun hatte, als mich einfach -nach dieser Seite zu halten. Nun gewann ich meinen früheren -Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von neuem mein Boot -und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome und der -Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um -die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost -treiben und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an.</p> - -<p>Das Schiff, seiner Bauart nach ein <em>spanisches</em>, bot einen -bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. -Das Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht -der Wogen zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem -Fuße abgebrochen; der Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben -zu sein.</p> - -<p>Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein -<em>Hund</em>, der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. -Ich rief ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner -Barke zu, in welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb -verschmachtet vor Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen -und fütterte es mit Brot, welches der Hund mit der Gier eines -Wolfes verschlang, der 14 Tage lang im Schnee gehungert hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[Pg 106]</a></span></p> - -<p>Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke -fielen, waren zwei in der Vorderkajütte ertrunkene Menschen, die -einander im Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst ließ sich -nichts von Tier oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der -größte Teil der Fracht schien durch das Seewasser stark gelitten zu -haben. Im Mittelraume sah ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen -mit Wein oder Branntwein; allein sie waren zu groß, als daß ich -sie hätte von den Stelle bewegen können; ebenso fand ich einige -Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen gehörten. Daher brachte -ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu durchsuchen.</p> - -<p>Wäre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrümmert gewesen, -so hätte sich gewiß reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit -nach kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la -Plata, südlich von Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach -Havana.</p> - -<p>In der Nähe der Koffer fand ich auch ein kleines Fäßchen mit -Likör, ungefähr 20 Liter enthaltend; in der Kajütte lagen mehrere -Gewehre und ein großes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend -Schießwaffen besaß, so ließ ich jene liegen und nahm nur das Horn -mit, in welchem sich etwa vier Pfund Pulver befanden. Was mir -aber am nützlichsten werden konnte, das waren eine Feuerschaufel, -eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel, eine kupferne Schokoladenkanne -und ein Rost. Mit dieser Ladung und von dem Hunde begleitet, -trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden Flut -begünstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das -Ufer meiner Insel.</p> - -<p>Ich fühlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, -daß ich nicht mehr nach meiner Burg zurückkehren mochte, vielmehr -legte ich mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, -in meiner Barke schlafen, vor einem plötzlichen Überfall sicher, da -ich ja einen Wächter in dem Hunde zur Seite hatte.</p> - -<p>Neu gestärkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem -Imbiß, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft -teilte, schaffte ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes -Stück. Der Branntwein in dem Fäßchen erwies sich als eine Art<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[Pg 107]</a></span> -Rum, und in den Koffern entdeckte ich mancherlei, was mir sehr -willkommen war, z. B. ein Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, -in welchem sich mehrere, drei Liter haltige, mit silbernen Stöpseln -versehene Flaschen feiner Branntweine befanden; sodann zwei Töpfe -mit eingemachten Früchten, die so fest verschlossen waren, daß das -Seewasser nicht einzudringen vermocht hatte; ferner etliche gute -Hemden, anderthalb Dutzend weißleinene Taschentücher und mehrere -farbige Halstücher. Auf dem Boden des Koffers fand ich zuguterletzt -noch drei große Beutel mit Silbermünzen, im ganzen 1100 Stück; -in dem einen waren 6 Dublonen in Gold und etliche kleine Goldbarren. -Gern hätte ich das ganze Gold, das ich nicht viel höher -als Kieselsteine schätzte, für drei oder vier Paar englische Schuhe -und Strümpfe dahingegeben, die ich seit so vielen Jahren schmerzlich -entbehren mußte. In dem andern Koffer befanden sich Kleidungsstücke -sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen außerordentliche Feinheit<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[Pg 108]</a></span> -darauf hinwies, daß er nur zur Vogeljagd bestimmt sein konnte. -Der Koffer, welchen ich zuletzt öffnete, enthielt noch eine Geldsumme -in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der Fund -von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer großen -Flasche voll Tinte.</p> - -<p>Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach -nach meiner Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich -selbst kehrte darin nach der Burg zurück, wo ich alles in derselben -Ordnung vorfand, wie ich es kürzlich verlassen.</p> - -<p>Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen -und Katzen, als sie meinen vierbeinigen Gefährten erblickten, der -sie laut bellend anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der -Parteien, und sämtliche tierische Genossen lebten dann in ungestörtem -»Burgfrieden« einträchtig bei einander.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1070_illu.jpg" width="600" height="443" alt="" /> -<div class="caption"><p>Traurige Überraschung</p></div> -</div> - -<p>Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die -Nähe des Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem großen Schmerze -den Leichnam eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gespült -hatten. Er trug nur eine Matrosenjacke, an den Knieen -zerrissene Beinkleider, sowie ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. -Nichts verriet, welcher Nation er angehörte. In seinen Taschen -fand ich zwei kleine Münzen und eine Pfeife, über welche letztere -ich hoch erfreut war, und die in meinen Augen hundertmal mehr -Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen verunglückten -Schiffsmannschaft, soviel ich auch umherspähte, entdeckte ich nicht -das Geringste.</p> - -<p>Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben -wieder die frühere Eintönigkeit ein, nur daß ich bei allen Verrichtungen, -die ich vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer -auf alles acht gab, was sich außerhalb meiner Burg etwa -ereignete. Wenn ich mein Landhaus besuchte, so wagte ich nicht, -mich dahin zu begeben, ohne mich bis an die Zähne zu bewaffnen. -Traf es sich aber, daß mich der Weg nach dem östlichen Teile der -Insel führte, so konnte ich schon mit größerer Sicherheit, wenn -auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks besichtigen. -Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an, eine zweite<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[Pg 109]</a></span> -Reise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen; allein -mein Verstand sagte mir, daß es nichts enthielte, was die Beschwerlichkeiten -und Gefahren vergüten könnte.</p> - -<p>Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem -Wrack Menschen, Gefährten in meiner Einöde zu finden, ließ noch -ganz andre Pläne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche -grenzten. Mich packte wieder die alte Wanderlust, meine -»Ursünde«, wie ich sie nannte, und ich wollte wenigstens einmal -den beiden meiner Insel zunächst gelegenen Eilanden mit meinem -Boote einen Besuch abstatten. Von da aus konnte ich dann auch -einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika unternehmen. -Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich einst mit -dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; hätte ich sie -in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfügung gehabt, -ich würde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glück dem trügerischen -Element anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von -Menschen zu gelangen. Gern hätte ich auch wissen mögen, welchen -Teil des Erdballs jene Fremdlinge bewohnten, die mich für immer -aus meiner sorglosen Ruhe aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land -von meiner Insel entfernt sei, und ich fragte mich selbst, warum -ich nicht ebenso gut an <em>ihrer</em> Küste landen könnte, als sie an der -meinigen.</p> - -<p>Es war in der Regenzeit, im März des 24. Jahres meiner -Anwesenheit auf der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in -meiner Hängematte zubrachte, obgleich ich mich körperlich gerade -nicht unwohl fühlte. Es ging nochmals die ganze Geschichte meines -vergangenen Lebens wie in einem Zauberbilde an meinem geistigen -Auge vorüber. Freudige Betrachtungen wechselten mit traurigen in -rascher Folge. Ich rief mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines -einsamen Aufenthalts zurück und verglich die frühere ruhige Lage -mit der beängstigenden Existenz, die ich seit dem Augenblicke führte, -als ich in dem Sande die verhängnisvolle Spur eines Fußes fand. -Ich zweifelte durchaus nicht, daß die Wilden schon vorher meiner -Insel wiederholte Besuche abgestattet hatten; aber da mir dieselben -unbekannt blieben, so hatte ich sorglos dahingelebt. Wie gütig<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[Pg 110]</a></span> -nimmt sich doch immer unser Herrgott unser an, indem er unser -Urteil und unsre Voraussicht in so enge Grenzen schließt. Ruhig -und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren hindurch, deren Anblick -uns allen Genuß an der Gegenwart rauben würde. Wie oft -wanderte ich vormals im Gefühle der größten Sicherheit in meinem -Königreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem -Hügel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die -Hände der Kannibalen gefallen war.</p> - -<p>Tief gerührt dankte ich dem Allmächtigen für die Bewahrung -vor so vielen augenfälligen und unbekannten Gefahren.</p> - -<p>Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und -mein Puls hämmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen -sank ich vor Ermattung in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich -im Traume meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang an die Küste -auf der Ostseite der Insel und sah zwei Kanoes, aus denen elf -Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie verzehren wollten. -Plötzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und suchte eine -Zufluchtsstätte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich -ging ihm entgegen und forderte ihn auf, näher zu mir zu kommen. -Der arme Gefangene stürzte vor mir auf die Kniee nieder, um -meinen Beistand gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es -mir vor, als zeigte ich ihm meine Leiter, hälfe ihm über die Mauer -und führte ihn in meine Wohnung, wo er mein Diener wurde. -»Mit diesem neuen Gefährten«, sagte ich mir selbst, »werde ich -endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen können. Nichts hindert -mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn er wird mir als -Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun oder unterlassen -soll.«</p> - -<p>Ich hatte so lebendig geträumt, und alle Einzelheiten des im -Schlafe Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorübergeschwebt, -daß ich mich nach dem Erwachen noch längere Zeit der Täuschung -überließ, ich könnte das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so -außerordentlich ergriff – und ich jauchzte vor Freuden laut auf.</p> - -<p>Indes Träume – sind Schäume, sagte das Sprichwort, ich -rieb mir die Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich aus<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[Pg 111]</a></span> -meiner Umgebung die Gewißheit gewann, daß meine Rettungspläne -nichts als Hirngespinste waren, bemächtigte sich meiner eine große -Niedergeschlagenheit.</p> - -<p>Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womöglich -einen Wilden, den die Kannibalen nach meiner Insel führten, um -ihn abzuschlachten, aus ihren mörderischen Händen zu befreien; auf -keine andre Art schien mir eine Rettung für meine eigne Person -denkbar zu sein. Aber ein solches mit den größten Schwierigkeiten -und Gefahren verknüpftes Unternehmen – wie leicht konnte es -fehlschlagen! Auf der andern Seite kamen mir wieder Zweifel -gegen die Angemessenheit meiner Pläne bei, ich scheute vor dem -Gedanken an Blutvergießen zurück. Kurz, Gründe und Gegengründe -stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach Befreiung, -und ich beschloß, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen -Wilden in meine Hände zu bekommen. Nun kam es darauf an, -wie zu meinem Ziele zu gelangen sei?</p> - -<p>Das nächste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu -lauern, wenn sie an dieser Küste landeten, und das übrige meinem -Glücke anheimzustellen. Ich ging von nun an täglich auf Kundschaft -aus, besonders nach dem westlichen und südwestlichen Teile -meines Eilandes; aber wie sehr ich auch ringsumher spähte, nirgends -wollte sich ein mit wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So -verlief eine geraume Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmännlicher -Entmutigung hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen -die Kannibalen zur hellen Flamme an, so daß sich täglich in mir -immer mehr die Begierde regte, im Kampfe mit meinen Feinden -mich zu messen, und es verging kaum eine Nacht, in welcher ich -mich im Traume nicht im Streite mit meinen grimmen Feinden -befunden hätte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1110_deco.jpg" width="300" height="44" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[Pg 112]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1120_illu.jpg" width="599" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson auf seiner Warte.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Elftes Kapitel.<br /> - -Zusammenstoß mit den Kannibalen.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Landung der Wilden. – Die beiden Schlachtopfer. – Der Flüchtling und sein Beschützer. – Reste -des Kannibalenschmauses. – Freitags Dankbarkeit. – Seine Ausstattung. – Erste Sprechstudien. – -Freitag als Koch und Bäckerlehrling. – Nachrichten über die Nachbarländer. – Die Kariben und -ihre religiösen Anschauungen.</p></div> - -<p>Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre -verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dämmerzeit -fünf Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung -nach meiner Wohnung an der Küste gelandet waren. Eine solche -Zahl machte mich stutzig, ich wußte, daß sich gewöhnlich fünf bis -sechs Mann in einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb -ein verzweifeltes Wagestück, allein vielleicht ihrer dreißig angreifen -zu sollen. Mit Besorgnissen erfüllt, zog ich mich daher hinter meine -Festungswälle zurück. Hier traf ich die nötigen Anstalten, jedem -feindlichen Besuch gebührend zu begegnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[Pg 113]</a></span></p> - -<p>Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gäste -gewartet, wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselkönigreich -vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fuße der Leiter -nieder; gleich nachher war ich selbst mit zwei Sätzen auf dem Gipfel -des Hügels. Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, -die unter den seltsamsten Gebärden um ein Feuer tanzten. Darauf -sah ich, wie man zwei Unglückliche aus den Kanoes herbeischleppte, -um sie zu schlachten. Der eine von ihnen stürzte sogleich zu Boden, -wahrscheinlich durch eine Keule getötet; in wilder Hast fielen zwei -oder drei von den Kannibalen über ihn her und schnitten ihn in -Stücke, während das andre Opfer ein gleiches Schicksal erwartete. -Plötzlich erwachte in dem Unglücklichen die Lust zum Leben; er ergriff -die Flucht und rannte mit unglaublicher Schnelligkeit am Ufer -hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den Tod erschrocken, -als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal ein Trupp ihm -alsbald nachsetzte. Ich rührte mich nicht und schöpfte erst dann -frischen Mut, als ich bemerkte, daß nur noch drei Männer dem -Flüchtling folgten, der unterdessen einen beträchtlichen Vorsprung -gewonnen hatte.</p> - -<p>Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich -öfter schon erwähnt habe. Wollte der Flüchtling seinen Verfolgern -entrinnen, so mußte er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der -That warf er sich ohne Zaudern in die Flut und gewann das -andre Ufer. Er erkletterte behende das Gestade und setzte seine -Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die drei Verfolger an das -Wasser kamen, kehrte einer bedächtlich um und begab sich zu seinen -schmausenden Gefährten zurück; die beiden andern dagegen schwammen -dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so viel Zeit dazu.</p> - -<p>Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich -erfüllen konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu für -berufen, dem Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von -meiner Warte herab, nahm die beiden Gewehre, die ich am Fuße -der Leiter gelassen, und eilte dem Meere zu, indem ich einen kürzeren -Weg einschlug. Bald befand ich mich denn auch zwischen dem Entflohenen -und den Verfolgern. Jenen rief ich laut an, allein der<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[Pg 114]</a></span> -Arme erschrak fast noch mehr über mich, als er sich vor seinen -Feinden fürchtete. Ich machte ihm deshalb mit der Hand ein -Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen die -Verfolger, stürzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn mit -einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefährte des Erschlagenen -blieb entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach -Bogen und Pfeil, um auf mich zu schießen. Ich kam ihm indes -flugs zuvor und streckte ihn durch einen Flintenschuß nieder.</p> - -<p>Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen -so bestürzt, daß er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlüssig, was -zu thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir -zu nähern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir -heranzukommen. Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that -auch einige Schritte vorwärts, hierauf stand er wieder etwas still, -kam dann etwas näher, hielt hernach aber von neuem inne. Ich -fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken und ihm durch freundliche Gebärden -seine Todesangst zu benehmen. Dies bewog ihn, sich allmählich -zu nähern, aber wiederholt kniete er nieder, um mir seine Unterwürfigkeit -auszudrücken. Endlich kam er zu mir heran, legte sich -nieder, küßte die Erde, ergriff meinen rechten Fuß und setzte ihn -auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu verstehen -geben, daß er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich -richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mögliche, um -ihm Mut einzuflößen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1141_illu.jpg" width="415" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p><a name="abb2" id="abb2"></a>Robinson findet Freitag.</p></div> -</div> - -<p>Währenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben -glaubte, wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich -machte meinen Schützling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf -an seinen Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren -nicht mehr gehörte liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem -Munde eines Menschen. Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen -zu überlassen, der Verwundete stand bereits im Begriff, -sich wiederzuerheben. Deshalb legte ich auf ihn an, um ihn -niederzuschießen, allein mein Schützling gab mir durch Zeichen zu -verstehen, daß ich ihm den Säbel, der an meiner Seite hing, überlassen -möge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit Blitzesschnelle -<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[Pg 115]</a></span>stürzte er mit derselben auf seinen Feind los und hieb ihm mit -einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels dieses -Meisterstücks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu wollen, -denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand -mir unverständliche Bewegungen ausführend, und legte Kopf und -Degen mir zu Füßen.</p> - -<p>Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte -Bewegungen versetzte, war der Umstand, daß ich den einen seiner -Verfolger aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er ließ mich -seine Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis -bitten zu wollen, sich überzeugen zu dürfen, ob sein Feind -wirklich tot sei, was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem -Leichnam stand, betrachtete er ihn mit großer Verwunderung, wendete -ihn dann bald auf die eine, bald auf die andre Seite und untersuchte -die Wunde, aus der nur wenig Blut floß, denn die Kugel war -tief in die Brust eingedrungen und das Blut hatte sich nach innen -ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein Wilder mit Bogen -und Pfeilen des Getöteten wieder zurück, und da ich jetzt heimgehen -wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er aber, als echter -Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete mir durch -Zeichen an, wir möchten die Toten in den Sand eingraben, damit -deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte -ich vollständig überein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren -die beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt.</p> - -<p>Noch wußte ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. -Meinem Traume gemäß hätte ich ihn nach meiner Burg führen -müssen, doch besser schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von -meiner Hauptwohnung entferntesten Teile der Insel, zu gehen. -Dort gab ich ihm Brot, Rosinen und frisches Wasser, was ihm -trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm eine Schütte Reisstroh -zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke. Bald war er -ruhig eingeschlafen.</p> - -<p>Es war ein schöngebauter, kräftiger, schlanker Bursche von -etwa 25 Jahren. Seine regelmäßigen Züge waren einnehmend, sie -hatten im Grunde wenig Wildes und trugen den Ausdruck männ<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[Pg 116]</a></span>lichen -Stolzes. Wenn er lächelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut -aus denselben, wie sie meist den Wilden nicht eigen ist; seine -langen Haare waren nicht wollig oder kraus, sondern hingen schlicht -auf den Nacken nieder; seine Haut war dunkelbraun, von einer -olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht war rund und voll, die -Stirn frei, der Mund nicht übel geformt, seine Zähne weiß wie -Elfenbein.</p> - -<p>Während der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem -nahen Gehege, um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit -beschäftigt, als mein Indianer, der höchstens eine halbe Stunde geruht -hatte, eilends auf mich zukam, sich wiederum demütig vor mich -hinlegte, meinen Fuß auf seinen Kopf setzte und mir durch alle -möglichen Zeichen seine Dankbarkeit ausdrückte.</p> - -<p>Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, -daß ich mit ihm zufrieden sei; – nachher machte ich ihm verständlich, -daß er den Namen Freitag führen solle, weil ich nach meinem -Kalender glaubte, daß ich ihm an einem <em>Freitag</em> das Leben gerettet -hätte. Dann bedeutete ich ihn, mich <em>Herr</em> zu nennen, da er -meinen Weisungen Folge zu leisten hätte; in gleicher Weise lehrte -ich ihn den Unterschied zwischen <em>Ja</em> und <em>Nein</em> sowie die Aussprache -dieser Worte. Hiermit endigte die erste Lektion im sprachlichen -Unterricht. Dann gab ich ihm Brot und Milch in einem irdenen -Gefäße, ich selbst aber brockte mir ein Stück Gerstenkuchen in die -Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu folgen.</p> - -<p>Ich blieb mit ihm den übrigen Teil des Tages und die -folgende Nacht in der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden -war, nahm ich ihn mit in meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, -denn er lief herum, wie ihn Gott erschaffen hatte. Als wir -an der Stätte vorbeikamen, wo die getöteten Wilden eingescharrt -waren, zeigte er mir genau die Stelle und machte ein Zeichen, als -denke er daran, die Toten auszugraben, um sie zu verzehren. Er -erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen Abscheu ausdrückte.</p> - -<p>Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefährten zu mir -heran, um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[Pg 117]</a></span> -ich mich vergewissern, ob die Wilden fort wären; deutlich ließ sich -durch das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. -Von ihnen selbst aber und ihren Kähnen war nicht die geringste -Spur mehr zu entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne -sich um die zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern. Ich mußte -mir Gewißheit verschaffen, gab meinem Freitag einen Säbel in die -Hand, hing ihm Bogen und Pfeile um und gab ihm überdies eine -Flinte für mich zu tragen. Ich selbst ergriff zwei Gewehre, und -so bewaffnet marschierten wir nach dem Lagerplatz der Wilden.</p> - -<p>Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem -grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern. -Der Boden war ringsum mit Blut gefärbt, Menschenknochen lagen -zerstreut umher. Drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei -oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stücke Fleisch waren -die Überbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten -zu verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt -hatten; eine große Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten -Stamme habe stattgefunden. Ich ließ Freitag die Schädel, die -Knochen, die Fleischstücke auf einen Haufen tragen und zündete ein -großes Feuer an, um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte -sich in Freitag die alte Kannibalennatur; er trug nicht übel Lust, -seinem Appetite nach Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber -ich verbot ihm dergleichen Gelüste auf das entschiedenste, so daß er -nicht wagte, sein Verlangen zu befriedigen.</p> - -<p>Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den -Rücken gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; -hier wollte ich vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. -Zuerst gab ich ihm ein paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich -eine Weste von Ziegenfell nach dem bequemsten Schnitt, denn ich -war ein leidlich gewandter Schneider geworden. Auch für eine -Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und eine bequeme, gar -nicht übel aussehende Mütze von Hasenfell vollendete die Ausrüstung -Freitags. Für den ersten Augenblick schien er entzückt darüber zu -sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fühlte er sich gar<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[Pg 118]</a></span> -bald in seinem Kostüm unbehaglich. Die Beinkleider schienen ihm -zur Last zu sein, und die Wamsärmel drückten ihm Schultern und -Arm. Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, -etwas nachgeholfen, gewöhnte er sich bald an seine Tracht und legte -sie zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an.</p> - -<p>Ich sann nun darüber nach, wo ich meinen guten Freitag -unterbringen könnte, ohne daß ich von ihm etwas zu fürchten hätte; -es schien mir das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken -ein Zelt aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur -Höhle hatte, so brachte ich daselbst eine hölzerne Thür an und setzte -diese in die Öffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch -meine Leiter mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung -von langen Stangen, welche mein Zelt bedeckte und sich an die -Felsenwand anlehnte. Über jene Stangen waren als Latten kleine -Stäbe gelegt und auf letztere eine Schicht Reisstroh gebreitet, so -daß es einem Rohrdach glich. Die Öffnung, durch welche man aus -und ein gelangen konnte, hatte ich mit einer Art von Fallthür geschlossen -und dadurch mich gegen Freitag vollkommen gesichert. -Hätte <em>er</em> ja in feindlicher Absicht durchbrechen wollen, so wäre ich -durch das Zuwerfen der Thür aufmerksam gemacht worden; aber -ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner Nähe.</p> - -<p>Doch alle diese Vorsichtsmaßregeln waren, wie ich mich immer -mehr überzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum -eine treuere und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser -Freitag war. Nie legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; -stets fand ich in ihm nur die aufrichtigste Ergebung in meinen -Willen. Er war mir herzlich zugethan und liebte mich wie einen -Vater, so daß ich wohl sagen kann, er hätte gern und freudig sein -Leben für mich hingegeben. Bald konnte ich von seiner Anhänglichkeit -so überzeugt sein, daß ich alle getroffenen Maßregeln wieder -einstellte. Seine Heiterkeit und seine Unverdrossenheit bei jedweder -Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in so hohem Grade für -ihn ein, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als mich mit ihm -über allerlei Dinge unterhalten zu können. Mit Eifer setzte ich<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[Pg 119]</a></span> -daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine Freude -an seiner Lernbegierde. Hauptsächlich suchte ich bei ihm dahin zu -wirken, daß er die unnatürliche Begierde, Menschenfleisch zu essen, -unterdrücke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres -Fleisch an. Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine -Ziege mit ihren beiden Jungen in geringer Entfernung von mir -liegen sah, faßte ich ihn beim Arme und sprach zu ihm: »Halte dich -still und rege dich nicht!« In demselben Augenblick schoß ich eines -der Zicklein nieder.</p> - -<p>Der arme Bursche war so erschrocken, daß er vor Furcht selber -zusammenstürzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschießen wollen, -denn er riß sein Wams auf, um zu fühlen, ob er verwundet sei. -Dann fiel er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverständliche -Worte und schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. -Ich aber nahm ihn bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete -auf das Zicklein, das ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu -holen. Während er meinem Befehle nachkam und das tote Tier -mit Staunen betrachtete, lud ich von neuem mein Gewehr. Er -war noch nicht klar darüber, wie das Tier getötet sein konnte.</p> - -<p>Um ihm diesen Vorgang erklärlich zu machen, zeigte ich mit -dem Finger auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich -in schußgerechter Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf -gab ich ihm zu verstehen, daß ich auch diesen Vogel durch -mein Gewehr töten könne, hieß ihn seine Augen scharf nach dem -Tiere richten, drückte los und schoß den Papagei vom Baume -herunter.</p> - -<p>Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste -und zeigte eine wahre abgöttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. -Da er nämlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte -er, die Waffe enthielte eine unerschöpfliche Zauberkraft des Schreckens, -des Todes und der Vernichtung, fähig, Menschen und Tiere aus -jeder beliebigen Entfernung zu töten. Er sprach mit dem Gewehr, -als ob er verstanden werden könne, bat dasselbe, daß es ihn doch -ja nicht töten möge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten,<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[Pg 120]</a></span> -während er wie Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, -bevor er es wagte, die Flinte anzurühren.</p> - -<p>Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot -ich ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach längerem Ausbleiben -– denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine -Strecke weit fortgeflattert – brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen -wir auch das Zicklein und kehrten nach Hause zurück; dort -zerlegte ich das Tier und kochte einen Teil noch denselben Abend.</p> - -<p>Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige -Fleisch. Auffallend erschien es ihm hierbei, daß ich meine Speisen -mit Salz würzte, und er gab mir zu verstehen, daß dies seinem -Geschmack ganz zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, -legte er ein Stück Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht -mit unnachahmlicher Grimasse, spuckte den salzigen Schleim -wieder aus und spülte darauf den Mund mit frischem Wasser aus. -Ich meinerseits suchte ihn mit seinen eignen Gründen zu schlagen, -indem ich ein Stück Fleisch ohne Salz zu mir nahm und mich -in ähnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art von Beweisführung, -die ihm jedoch nicht stichhaltig schien.</p> - -<p>Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen -Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich -ein Mittel an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich -steckte nämlich zwei Stäbe in gewisser Entfernung voneinander -neben einem tüchtigen Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte -ich quer über die beiden ersten, hing an denselben mein Fleisch -am Ende einer Schnur und ließ es drehen. Freitag drückte über -dieses sinnreiche Verfahren seine Verwunderung aus. Als er aber -erst den Braten gekostet hatte, gab er durch wohlgefälliges Schnalzen -und Zähnefletschen kund, welch ein Leckerbissen das Genossene für ihn -gewesen sei; ja er war davon so entzückt, daß er mir hoch und teuer -versicherte, nie mehr in seinem Leben Menschenfleisch essen zu wollen.</p> - -<p>Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukörnen und sie -auf die schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt -anstellte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[Pg 121]</a></span></p> - -<p>Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt -und wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, -daß ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost -allein überlassen konnte.</p> - -<p>Da ich jetzt außer mir noch einen Menschen mit kräftiger Eßlust -zu versorgen hatte, mußte ich eine größere Menge Korn säen, -um reicheren Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich -ein umfangreicheres Stück Ackerland aus und zäunte es auf ähnliche -Weise ein wie die früheren. Bei der Arbeit unterstützte mich -Freitag aufs eifrigste, zumal er schon wußte, dies alles geschähe, -um für mich und ihn das nötige Brot backen zu können.</p> - -<p>Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande -bisher zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen -wenigen Monaten sich recht geläufig englisch ausdrücken und wußte -die Namen fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller -Orte, wo ich ihn hinschicken konnte.</p> - -<p>So genoß ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich -wieder das Vergnügen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; -aber außer diesem langentbehrten Genusse fand ich auch -täglich mehr Freude an meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt -und seine Anhänglichkeit machten ihn mir immer teurer, und er -wiederum liebte mich, wie er vielleicht niemand zuvor geliebt haben -mochte. Einstmals versuchte ich zu ergründen, wie groß sein Verlangen -sei, sein Heimatland wiederzusehen, und da er so viel Englisch -verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben zu können, -so sagte ich zu ihm:</p> - -<p>»Hat der Stamm, dem du angehörst, bei seinen Kriegszügen -öfters den Sieg davon getragen?«</p> - -<p>»O ja!« sprach Freitag lächelnd, »wir kämpften immer -als beste.«</p> - -<p>»Ihr kämpftet am besten, waret den andern also überlegen! -Wie kommt es aber dann, daß sie dich zum Gefangenen gemacht -haben?«</p> - -<p>»Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[Pg 122]</a></span></p> - -<p>»Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wärest du jetzt kein -Gefangener.«</p> - -<p>»An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher -als die Brüder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei -Brüder und mich gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem -andern Platze, wo ich nicht war, besiegt; mein Stamm hat ihnen -dafür eins, zwei, ein zehnmal zehn und noch einmal zehnmal zehn -genommen.«</p> - -<p>»Aber warum haben deine Gefährten nichts für deine Befreiung -gethan?«</p> - -<p>»Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften -uns in ihre Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.«</p> - -<p>»Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt -er sie auch fort und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf -der Insel waren?«</p> - -<p>»Ja, Herr, mein Stamm ißt auch Menschen, ißt alle Gefangenen -auf.«</p> - -<p>»Wohin aber bringt ihr sie?«</p> - -<p>»An einen andern Platz, als sie denken.«</p> - -<p>»Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?«</p> - -<p>»Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.«</p> - -<p>»Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?«</p> - -<p>»Ja, Herr, von dort!« Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen -Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag.</p> - -<p>»Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der Überfahrt?«</p> - -<p>»O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in -den Strom fallen, der weit ins Meer hinausläuft; auch weht ein -guter Wind des Morgens und wieder ein andrer des Abends.«</p> - -<p>Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; -später indes überzeugte ich mich selbst, daß in der That zwei verschiedene -Windströmungen in diesen Gewässern herrschten, die wahrscheinlich -von der heftigen Flut und Rückflut des gewaltigen <em>Orinoko</em>stromes -herrührten, an dessen Mündung meine Insel lag. Das<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[Pg 123]</a></span> -Land, das ich im Westen und Nordwesten erblickte, war die große -Insel <em>Trinidad</em>.</p> - -<p>Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf -sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Küstenstriche und -die benachbarten Völkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit -bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus -ihm betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die -Bezeichnung »<em>Karibs</em>«, woraus ich schloß, daß es die <em>Kariben</em> -seien, die den Landstrich von der Mündung des Orinoko bis nach -<em>Guayana</em> und <em>St. Martha</em> bewohnen.</p> - -<p>Er erzählte mir ferner: weit jenseit des Mondes – d. h. westwärts, -wo der Mond unterging – gäbe es auch so weiße und -bärtige Männer, wie ich sei (dabei deutete er auf meinen langen -Bart), und diese Männer hätten viele Leute getötet. Es war -daraus leicht zu erraten, daß er die <em>Spanier</em> meinte. Die Grausamkeit -derselben war ja in ganz Amerika bekannt und hatte sich -durch Erzählung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt.</p> - -<p>Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene -Insel zu erreichen und zu den weißen Männern zu gelangen, antwortete -er mir: »Ja, ja, du kannst hingehen in zwei maß Kanoes.«</p> - -<p>Ich verstand nicht, was er mit »zwei maß Kanoes« sagen -wollte, bis sich herausstellte, daß er einen Kahn meinte, zweimal -so groß wie der meinige.</p> - -<p>Da Freitag immer größere Fortschritte im Erlernen der englischen -Sprache machte, so versäumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren -der christlichen Religion einzuführen. Es entwickelte sich -dabei folgendes Gespräch:</p> - -<p>»Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die -Berge und die Wälder gemacht?«</p> - -<p>»Ein erhabener Greis, Namens <em>Benamucki</em>. Er wohnt auf -dem höchsten Berge und ist viel älter als das Meer und das Land, -als Mond und Sterne.«</p> - -<p>»Wenn also«, fragte ich weiter, »Benamucki alle Dinge erschaffen -hat, beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[Pg 124]</a></span></p> - -<p>Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der -größten Herzenseinfalt: »Alle Wesen sagen zu ihm: O!«</p> - -<p>»Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach -ihrem Tode in eine andre Welt über?«</p> - -<p>»Ja, sie gehen alle zu Benamucki.«</p> - -<p>»Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?«</p> - -<p>»Gewiß, o Herr!«</p> - -<p>»Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?«</p> - -<p>»Nein, junge Leute dürfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte -Männer, die <em>Uwukaki</em>, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge -herabsteigen, so verkünden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.«</p> - -<p>Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, -die sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses -hüllten und die unwissende Menge in Aberglauben erhielten. -Ich suchte meinem Schüler einen Begriff von dem wahren Gott, -dem Allvater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, beizubringen; -ich sprach von seiner Allmacht: alles liege in seiner Hand, er könne -geben und nehmen nach seinem weisen Willen.</p> - -<p>Freitag hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit -besonderer Freude vernahm er die Lehre von der Erlösung durch -unsern Heiland Jesus Christus sowie von der Wirkung unsrer -Gebete, die wir an Gott im Himmel richten.</p> - -<p>Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: »Gut! -Wenn Gott über der Sonne und den Sternen thront und dort -Gebete hört, so muß er ja wohl viel größer sein als Benamucki, -der nur dann die Gebete der Uwukaki hört, wenn sie selbst zu ihm -hinaufsteigen!«</p> - -<p>»Du hast recht, Freitag! Gott ist groß und mächtig wie kein -andres Wesen.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1250_illu.jpg" width="480" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson als Lehrer.</p></div> -</div> - -<p>Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer -Religion und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung -durch unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung -der sündigen Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir -jetzt leichter vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[Pg 125]</a></span> -hatte. Meine Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; -ich hielt es nicht mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel -verschlagen worden zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche -Freude, wenn ich daran dachte, ein armes Wesen, wie -Freitag, zur Glückseligkeit wahrer Gotteserkenntnis geleitet zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[Pg 126]</a></span></p> - -<p>Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander -verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben -durch den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren -Vertrauen auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. -Während ich meinem Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand -es mich lehrte, mußte ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen -in das Studium der Heiligen Schrift, und die hunderterlei -Fragen Freitags gaben mir häufig Veranlassung zum fruchtbringenden -Nachdenken über unsre verschiedenen Heilslehren.</p> - -<p>Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund -auch mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft -genug Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz -des Wilden einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von -den Ländern Europas und dessen Völkern, schilderte ihm mein -Vaterland mit seinen gewaltigen Städten, in denen eine betriebsame -Bevölkerung sich geschäftig regt. Ebenso führte ich ihn in -die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und Blei ein und brachte -ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei. Zuletzt überließ -ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber er eine ungemeine -Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel, an -welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem -Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete -ich ihn mit einem kleinen Beile.</p> - -<p>Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm -auch die Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen -war. Bei ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich -still. Ich fragte ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich -zur Antwort:</p> - -<p>»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem -Volke.«</p> - -<p>Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, -was er meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das -meinige in seiner Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben -worden sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[Pg 127]</a></span></p> - -<p>Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches -Schiff gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe -an das Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag -weiter hinzusetzte: »Wir haben die weißen bärtigen Männer vom -Ertrinken gerettet« – da ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste -gespannt, und ich fragte ihn: »Wieviel weiße Männer haben sich -in jenem Boote befunden?«</p> - -<p>»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern -zählend.</p> - -<p>»Und was ist aus ihnen geworden?«</p> - -<p>»Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brüdern.«</p> - -<p>»Weißt du auch, wie lange dies her ist?«</p> - -<p>»Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre -verstrichen.«</p> - -<p>Jetzt erinnerte ich mich auch, daß diese Zeitangabe genau mit -der Strandung jenes Fahrzeugs übereinstimmte, dessen Trümmer -an meiner Insel festsaßen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft -des Schiffes in eine Schaluppe geflüchtet und war, dem Sturme -und den Wellen preisgegeben, an die Küste der Wilden getrieben -worden.</p> - -<p>»Du sagtest mir vorhin, Freitag, daß die weißen Menschen -bei deinem Volke lebten. Wie kommt es denn, daß deine Landsleute -sie nicht aufgefressen haben?«</p> - -<p>»Sie haben Brüderschaft mit uns gemacht«, erwiderte Freitag; -»und wir essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen -sind. Sie befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brüder liefern -ihnen, was sie zum Unterhalt gebrauchen.«</p> - -<p>Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung -vergangen, als ich einstmals mit meinem Gefährten auf einen Berg -der südöstlichen Hügelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein -Wölkchen zeigte sich an dem tiefblauen Firmament; die Luft war -durchsichtig, und von der See her wehte uns eine frische Brise -entgegen. Freitag sah auf das weite Meer hinaus und blickte nach -einer Weile unverwandt auf einen Punkt hin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[Pg 128]</a></span></p> - -<p>Plötzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen -und zu jubeln und rief mich zu sich heran:</p> - -<p>»Robin, Robin, komm schnell hierher!«</p> - -<p>»Was gibt's, Freitag?«</p> - -<p>»O meine Freude! Ich bin glücklich, selig! Ich sehe mein -Heimatvolk! Dort kommt mein Volk.«</p> - -<p>Das, was meinen guten Freitag in so überschwengliche Aufregung -versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefühle hervor. -Was lag näher als die Vermutung, daß in den unverhohlenen Ausbrüchen -der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen -aussprach? Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn -gegen meinen Freund und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte -mich unfreundlich, ja verschlossen; aber hierdurch that ich dem -armen Burschen das größte Unrecht, denn er kam mir stets mit -einem Vertrauen, mit einer Hingebung entgegen, daß ich endlich -alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit fallen ließ.</p> - -<p>Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei -nebeligem Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen.</p> - -<p>»Du würdest dich wohl sehr glücklich preisen, Freitag, wenn -du wieder in deine Heimat kommen und deine Brüder sehen könntest?«</p> - -<p>»O ja, Robin, ich würde sein viel froh, zu sehen mein Volk.«</p> - -<p>»Und möchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brüder, -Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?«</p> - -<p>»O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch -essen; er wird sagen seinen Brüdern, sich untereinander zu lieben, -nicht mehr zu Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern -Tieren zu essen und Brot von Korn und Gerste zu backen.«</p> - -<p>»Aber fürchtest du nicht, Freitag, daß sie dich umbringen -würden, wenn du so zu ihnen sprächest?«</p> - -<p>»O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht töten; sie wollen -gern lernen.«</p> - -<p>»So möchtest du also wieder zu den Deinen zurückkehren?«</p> - -<p>»Ja, das schon! Aber wie könnte ich so weit bis dort zu -jenem Lande schwimmen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[Pg 129]</a></span></p> - -<p>»Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.«</p> - -<p>»Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich würde ich die -Insel nie verlassen.«</p> - -<p>»Ich, Freitag? Nur zu bald würden deine Brüder über mich -herfallen, mich töten, in Stücke zerlegen und über dem Feuer -schmoren lassen.«</p> - -<p>»Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde -ihnen sagen, daß du mir das Leben gerettet hast, daß du mich -liebst wie einen Bruder, und dann werden sie dich auch lieben -und dir Gutes thun.«</p> - -<p>»Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen -zurückkehren?«</p> - -<p>»O Herr, du bist gewiß recht böse auf mich, daß du mich -fortschicken willst!«</p> - -<p>»Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte -ich dir eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine -Heimat entließe.«</p> - -<p>Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn.</p> - -<p>»Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?«</p> - -<p>»O, dort gibt's genug für dich zu thun; wie du mich unterrichtet -und gebessert hast, so wirst du auch meine Brüder sanft erziehen.«</p> - -<p>»Mein guter Freitag! Du weißt selbst nicht, was du sprichst. -Zu einem solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.«</p> - -<p>»O, du kommst doch mit, Robin?«</p> - -<p>»Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben -und wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.«</p> - -<p>Die treue Seele war tief gerührt, Thränen standen ihm in -den Augen. Dann griff er an seinen Gürtel, holte das Beil hervor -und überreichte es mir.</p> - -<p>»Was soll ich damit, Freitag?«</p> - -<p>»Mich totmachen, Herr!«</p> - -<p>»Aber was fällt dir ein?«</p> - -<p>»Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als daß du ihn fortjagst; -er kann nicht ohne dich leben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[Pg 130]</a></span></p> - -<p>Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel -über Freitags Anhänglichkeit aus meinem Herzen, und in mir -selbst regte sich von neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise -zu unternehmen und nach dem großen Festlande zu steuern, auf -welchem nach Freitags Bericht die weißen bärtigen Gesichter – -Portugiesen oder Spanier – zu treffen sein mußten. Eines Tages -führte ich Freitag zu jenem Boote an der Bai, das ich seit mehreren -Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern im Wasser versenkt -hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten sollte. Wir -schöpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann selbst -hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine -Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach -einer Weile sagte ich zu ihm: »Nun, Freitag, wie wäre es, wenn -wir jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten?« Er -schien über meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel -zu klein, um darin eine so weite Reise zurückzulegen. Hierauf -sagte ich ihm, daß ich wohl noch ein größeres Fahrzeug hätte, und -daß wir es am nächsten Tage aufsuchen wollten. Ich führte ihn -denn auch, wie versprochen, zu dem Orte, wo die Barke lag, die -ich nicht hatte ins Wasser bringen können; da ich mich indes länger -als 20 Jahre nicht weiter um sie gekümmert hatte, seit ich sie -gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und gesprungen, -daß sie sich in einer ganz kläglichen Verfassung befand. Freitag -aber sagte, daß ein Fahrzeug von dieser Größe, da man genug Eß- -und Trinkvorräte darin unterbringen könne, ganz tauglich zu einer -Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plänen entgegen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1300_deco.jpg" width="300" height="158" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[Pg 131]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1310_illu.jpg" width="600" height="427" alt="" /> -<div class="caption"><p>Zusammenstoß mit den Kannibalen.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Zwölftes Kapitel.<br /> - -Eine Zeit großer Ereignisse.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Bau eines neuen größeren Bootes. – Probefahrten. – Neuer Kannibalenbesuch. – Der Kampf -mit den Wilden. – Der Spanier und Freitags Vater. – Verpflegung der Befreiten. – Bestattung -der Gefallenen. – Geschichte des Spaniers. – Zukunftspläne.</p></div> - -<p>Da ich unaufhörlich an die siebzehn weißen Männer dachte, -welche nach Freitags Behauptung bei seinen Landsleuten wohnen -sollten, so wuchs in mir das Verlangen, dieselben aufzusuchen. Ich -machte mich daher unverzüglich ans Werk, um mit Freitags Hilfe -ein neues Boot zu bauen. Alsbald hatte Freitag, der in der -Wahl des Holzes besser Bescheid wußte als ich, einen Baum gefunden, -wie wir ihn bedurften. Er wollte sich nun anschicken, das -Innere des Stammes, nach Art seiner Landsleute, mittels Feuers -auszuhöhlen. Aber ich lehrte ihn, wie man denselben Zweck durch -Handwerkszeug erreichen könne, und er zeigte sich auch bald als -ein brauchbarer Schiffszimmermann. Nach Verlauf eines Monats -war endlich ein Fahrzeug von gefälliger Form zustande gebracht;<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[Pg 132]</a></span> -denn wir hatten auch die Außenseiten sorgfältig mit den Äxten -bearbeitet. Noch lag ein schweres Stück Arbeit vor uns; denn um -die Barke mit Walzen und Hebebäumen bis an das Meer zu -schaffen, gebrauchten wir zwei Wochen. Als sie dann endlich flott -geworden, betrachtete ich sie mit einem Gefühle von Genugthuung, -denn ihre Größe hätte hingereicht, 20 Mann an Bord aufzunehmen. -Auch Freitag empfand lebhafte Freude, und er lenkte das Fahrzeug -trotz dessen Größe mit ungemeiner Geschicklichkeit.</p> - -<p>»Nun, Freitag, was meinst du wohl, können wir uns mit -dieser Barke bis an die Küste deiner Heimat wagen?«</p> - -<p>»O gewiß!« entgegnete Freitag; »wir werden darin sehr gut -fahren, selbst wenn großer Wind weht.«</p> - -<p>Aber ich hatte noch einen andern Plan gefaßt. So wie es -war, genügte mir unser Boot noch nicht; ich wollte es auch noch -mit einem Mast, einem Segel und einem Steuer versehen. Ein -Mast war nicht schwer zu erlangen; ich fand einen jungen, schlanken -Baum ganz in der Nähe, wie zu meinem Vorhaben geschaffen. -Während Freitag denselben fällte und den Stamm nach meiner -Anleitung behieb, übernahm ich selbst die Herstellung der Segel. -Unter meinem Vorrat alter Segelstücke fanden sich noch einige -ziemlich gut erhaltene Stücke, und ich nähte ein dreieckiges oder -lateinisches Segel daraus zusammen. Auch brachte ich für den -Fall, daß der Wind umsetzte, ein kleines Focksegel und ein Besansegel -an; besonders aber ließ ich es mir angelegen sein, ein Steuerruder -an dem hinteren Teile der Barke herzurichten.</p> - -<p>Als unsre Takelage beendigt war, bestiegen wir das Boot und -segelten in der Bai umher. Freitag war zwar ein guter Ruderer, -aber er hatte noch keinen Begriff von der Handhabung eines Steuers -und dem Gebrauche eines Segels. Er schaute mir daher voll Bewunderung -zu, wie ich das Fahrzeug nach meinem Willen vor- -und rückwärts lenkte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1330_illu.jpg" width="395" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Freitag erhält Unterricht im Schiffbau.</p></div> -</div> - -<p>Ich hatte jetzt das 27. Jahr meiner »Verbannung« auf meiner -Insel angetreten. Nie unterließ ich es, den Jahrestag meines -Schiffbruchs und meiner Ankunft auf der Insel in inbrünstigen -Gebeten zu Gott zu begehen. Seine Güte hatte mich bisher so -wunderbar behütet, und nun erfüllte mich die beglückende Hoffnung, -wieder in die Gesellschaft der Menschen zurückzukehren. Auch während -der letzten Zeit setzte ich meine Tagesarbeiten fort. Ich grub, -pflanzte, ergänzte meine Einzäunungen, sammelte Korn, Reis, -Baumfrüchte und Trauben ein; ich besorgte meine Ziegenherden, -buk Brot und Kuchen, verfertigte Kleider, Körbe und Töpfe. – -Unterdessen war die Regenzeit herangenaht, und ich mußte Bedacht -darauf nehmen, unser Boot sicher unterzubringen. Ich schaffte es -daher so weit auf den Strand, als die steigende Flut es erlaubte, -und gebot Freitag, daneben ein Becken zu graben, tief genug, um -das Boot beständig flott zu erhalten. Als die Flut dann zurückwich, -führten wir einen starken Damm auf, der das Becken verschloß -und dem Eindringen des Meeres vorbeugte. Um aber unser -Fahrzeug gegen den Regen zu schützen, bedeckten wir es mit einem -Dach und erwarteten so den Monat November oder Dezember, um -die ersehnte Fahrt anzutreten.</p> - -<p>Mit Beginn der schönen Jahreszeit beeilten wir uns, die -nötigen Zurüstungen zur Reise zu treffen. Denn ich gedachte, vielleicht -schon in acht bis zwölf Tagen das Wasserbecken zu öffnen -und das Boot auslaufen zu lassen. Eines Morgens hatte ich Freitag -nach dem Meere hinabgeschickt, um eine Schildkröte zu fangen, -weil wir sowohl das Fleisch als auch die Eier dieses Tieres sehr -wohl zu schätzen wußten. Aber schon nach wenigen Minuten kam -er eiligst wieder zurück und übersprang den ersten Festungszaun.</p> - -<p>»O Herr, Herr, o Jammer!«</p> - -<p>»Was gibt's denn, was hast du?«</p> - -<p>»Dort unten, dort unten! Eins, zwei, drei Kähne!« Freitag -war so erschrocken, daß er am ganzen Körper zitterte; er hatte -sich eingebildet, daß die Wilden nichts Geringeres beabsichtigten, -als ihn einzufangen, in Stücke zu zerhauen und aufzuessen. Ich -suchte ihn zu beruhigen, so gut ich konnte, und ihm begreiflich zu -machen, daß ich ja ganz in der nämlichen Gefahr schwebe wie er.</p> - -<p>»Freitag«, sagte ich, »wir müssen mit ihnen um unser Leben -kämpfen; bist du bereit dazu?«</p> - -<p>– »Jawohl, ich schieße auf sie; aber ihre Zahl ist groß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[Pg 135]</a></span></p> - -<p>»Was thut das, Freitag? Unsre Gewehre werden einen Teil -von ihnen niederstrecken, und das Feuer und der Knall wird die -andern in die Flucht schlagen. Wenn ich dich aber mit meinem -Leben verteidige, willst du mir auch treulich zur Seite stehen und -alles thun, was ich dir sage?«</p> - -<p>»Ja, Herr, ich will sterben, wenn du mir zu sterben befiehlst.«</p> - -<p>Hierauf holte ich eine Flasche Rum, um Freitag in seiner -mutigen Stimmung zu erhalten; dann gebot ich ihm, die beiden -gewöhnlichen Jagdgewehre herbeizubringen, und ich selbst lud sie -mit tüchtigen Posten.</p> - -<p>Hiernach stieg ich mit meinem Fernrohr auf die Warte, um -zu sehen, was an der Küste vorging. Da entdeckte ich nun, daß -21 Wilde in drei Kanoes gelandet waren, und zwar an der Südostküste, -was mich um so mehr wunder nahm, als ich noch nie an -dieser Stelle das geringste Anzeichen einer Landung der Kannibalen -bemerkt hatte. Der Ort, wo sie ausgestiegen waren, schien -sehr flach, der Strand niedrig; etwa 100 Schritte davon begann -der Saum eines dichten Gebüsches, welches sich ziemlich weit bis -in die Felsengruppen der inneren Insel hineinzog. Es deuchte -mich, als ob sie drei Gefangene bei sich hätten und auch diesmal -aus keinem andern Grunde an meine Insel gekommen wären, als -wieder eines ihrer Siegesfestmahle abzuhalten.</p> - -<p>Zunächst lud ich nun vier Musketen mit sieben Kugeln, sowie -meine beiden Pistolen mit zwei Kugeln. Den Degen steckte ich in -den Gürtel und befahl Freitag, sein Beil, ein Pistol, zwei Musketen -und eine Flinte nebst Vorrat von Pulver und Blei zu ergreifen; -ich selbst aber nahm das andre Pistol und die übrigen Schießgewehre. -Außerdem steckten wir einige Brotkuchen und getrocknete -Rosinen zu uns, sowie ein Fläschchen Rum zur Stärkung unsrer -Lebensgeister. So gerüstet rückten wir aus. Auf einem Umweg -von ungefähr einer Viertelmeile bogen wir nach dem Rande des -Gehölzes ein, um hier, ungesehen von den Wilden, bis an die Bucht -zu gelangen und sie in Schußlinie vor uns zu haben.</p> - -<p>Unter Beobachtung größter Vorsicht gelangten wir an das -Ende des Gehölzes und somit in die Nähe der Feinde, von denen<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[Pg 136]</a></span> -mich nur noch eine einzige Baumgruppe trennte. Ich befahl Freitag, -auf einen Baum zu steigen, um zu sehen, was die Wilden vornähmen. -Er kletterte sehr bald wieder herab und berichtete, er -habe die Feinde ganz deutlich gesehen; sie säßen rings um ein -Feuer und verzehrten das Fleisch eines ihrer Gefangenen; ein andrer -liege dicht daneben an Händen und Füßen gebunden und werde -wahrscheinlich demnächst an die Reihe des Verspeisens kommen. -»Aber«, fügte Freitag bedeutungsvoll hinzu, »es ist keiner von -unserm Stamme, sondern einer von den weißen bärtigen Männern, -die sich in unserm Vaterlande angesiedelt haben.« Dieser Bericht -versetzte mich in Zorn und Wut. Ich stieg nun mit meinem Fernglas -ebenfalls auf einen Baum und erkannte deutlich an Gesicht -und Bekleidung in dem gebundenen Manne einen Europäer.</p> - -<p>Ein kleines Gebüsch zog sich von der Waldspitze noch ungefähr -100 Schritte nach links gegen den Strand hin, und ich konnte, -durch dasselbe gedeckt, den Wilden mich noch mehr nähern. Am -Ende des Buschwerks gelangte ich auf einen kleinen Sandhügel -oder eine Düne, von wo aus ich die jetzt nur noch in einer Entfernung -von 80 Schritt lagernden Wilden aufs genaueste beobachten -konnte. Es war kein Augenblick mehr zu verlieren, denn eben bemerkte -ich, wie sich zwei der Kannibalen anschickten, des Europäers -Hände und Füße von den Fesseln zu befreien, um ihn dann am -Feuer zu schlachten. Ich sah mich nach Freitag um.</p> - -<p>»Jetzt«, sagte ich zu ihm, »thue, wie ich dir sagen werde.«</p> - -<p>»Ja, Herr! Befiehl!«</p> - -<p>»So ahme genau das nach, was du <em>mich</em> thun siehst, und -fehle nicht!«</p> - -<p>Mit diesen Worten legte ich eines der Jagdgewehre und eine -der Musketen auf den Boden. Freitag that dasselbe. Dann zielte -ich auf die beiden mit ihrem Schlachtopfer beschäftigten Wilden und -gebot Freitag, unter den übrigen Haufen zu feuern.</p> - -<p>»Bist du fertig, Freitag?« – Freitag nickte zustimmend.</p> - -<p>»Nun – dann Feuer!«</p> - -<p>Zwei donnerähnliche Schüsse hallten hinaus auf Land und -Meer. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[Pg 137]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1370_illu.jpg" width="600" height="599" alt="" /> -<div class="caption"><p>Befreiung eines Gefangenen.</p></div> -</div> - -<p>Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir -ausgerichtet hatten. Durch meinen Schuß war der eine getötet, der -andre verwundet worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt -und drei verwundet. Der Schrecken aber, der durch den Knall -unsrer Gewehre unter die Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. -Die Verwundeten jammerten und wälzten sich am Boden, die -andern sprangen entsetzt auf und suchten zu entfliehen. In der -gräßlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin und her; denn sie -wußten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben drohte. -Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich weiter -thun würde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[Pg 138]</a></span> -den Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. »Hahn -gespannt. Angelegt. Feuer!« Wiederum rollte der Donner unsrer -Gewehre über die Häupter der Wilden hinweg. Diesmal stürzten, -da unsre Flinten nur mit grobem Schrot geladen waren, bloß zwei -Männer zu Boden, aber es waren ihrer so viele verwundet, daß -die meisten, mit Blut bedeckt und vor Schmerz heulend, wie im -Wahnsinn durcheinander liefen. Bald stürzten noch drei von ihnen -zu Boden, obgleich sie nicht tot waren.</p> - -<p>»Jetzt, Freitag, mir nach!« sagte ich, nachdem ich die letzte, -Freitag aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem -Geschrei stürzten wir aus dem Gebüsche, gerade auf die Wilden -los. Der eine von den beiden, welche den Gefangenen losbinden -wollten, lag tot, während der andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen -war, wohin ihm noch vier seiner Gefährten folgten.</p> - -<p>Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flüchtlinge zu feuern; er -verstand mich sehr gut, lief ungefähr 40 Schritte weit, um die -Flüchtigen aufs Korn zu nehmen, und schoß los. Er hatte seine -Sache gut gemacht; denn sofort stürzten alle fünf nieder, so daß -ich schon glaubte, er hätte sie sämtlich getötet; indessen sprangen -zwei von ihnen wieder auf, die andern blieben regungslos liegen, -entweder schwer verwundet oder getötet.</p> - -<p>Während dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und -schnitt mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Händen -und Füßen gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte -auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer -Sprache: »<span class="antiqua">Christianus</span>«, war aber so entkräftet, daß er weder stehen, -noch ein weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein -Rumfläschchen, aus dem er einen kräftigen Schluck nahm, der ihn -sichtbar stärkte. Außerdem gab ich ihm auch ein Stück Brot, und -er aß es mit der größten Hast. Währenddem fragte ich noch, aus -welchem Lande er stamme, und erhielt zur Antwort: »<em>Spanien</em>«. -Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab er mir durch allerlei -Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei für die Rettung aus -der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm auf Spanisch, -so gut es eben gehen wollte: »Sennor, später wollen wir uns<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[Pg 139]</a></span> -weiter aussprechen, jetzt müssen wir kämpfen. Wenn Ihr noch irgend -Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun -Gott befohlen!«</p> - -<p>Kaum fühlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er -neu beseelt von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger -hieb er auf seine Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei -derselben zu Boden. Die Wilden waren durch die Wirkung unsrer -Feuerwaffen und den ungestümen Überfall so überrascht, daß die -meisten von ihnen wie gelähmt niederstürzten und ebensowenig zu -fliehen als unserm Angriffe zu widerstehen vermochten.</p> - -<p>Ich hielt mein Gewehr schußfertig, ohne jedoch abzuschießen, -um nicht ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen -und Pistole gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot -ihm, die abgeschossenen Gewehre, die wir zurückgelassen hatten, herbeizuholen, -was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden -sogleich unsre Gewehre; ich übergab Freitag eine Muskete und sagte -ihm, er solle weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedürfe. -Unterdessen fand ein fürchterlicher Kampf zwischen dem -Spanier und einem Wilden statt, der mit einem eisenharten hölzernen -Schwerte auf ihn einhieb. Allein jener, ebenso kühn und tapfer, -widerstand trotz seiner Schwäche lange Zeit den Angriffen des -Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am Kopfe beigebracht. -Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte -jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun -den Degen zu entwinden. Der Spanier ließ die Waffe fahren, -riß die Pistole aus dem Gürtel und jagte seinem Feinde eine Kugel -durch die Brust, die ihn sofort tötete.</p> - -<p>Freitag blieb seinerseits auch nicht unthätig: er verfolgte die -Flüchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen, -die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen, -den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, -und ich überließ ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte -damit zwei Wilde und verwundete sie beide; da er sie aber -nicht einzuholen vermochte, so entkamen sie nach dem Walde. Hier -aber trafen sie auf Freitag, der sogleich den einen von ihnen nieder<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[Pg 140]</a></span>streckte; -der andre, wiewohl verwundet, lief nach dem Strande, warf -sich ins Meer und schwamm dem Kanoe nach, in welchem sich -ein Toter und ein Verwundeter befanden, während drei noch Lebende -das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17 Wilde teils getötet, -teils so schwer verwundet worden, daß sie an ihren Wunden sterben -mußten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer derselben -aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert.</p> - -<p>Die in dem Kanoe Flüchtenden ruderten mit aller Anstrengung, -um aus dem Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich -Freitag noch zwei- oder dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch -keiner getroffen zu sein. Freitag zeigte sich so kampfbegierig, daß -er eins ihrer Boote nehmen wollte, um die Wilden zu verfolgen, -und in der That schien mir dieser Gedanke beachtenswert. Denn -gelang es auch nur einem zu entrinnen, der die Nachricht von der -Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich mich sicherlich -auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefaßt machen, die uns -durch ihre Überzahl erdrückt hätten. Ich eilte also mit Freitag -nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie -erstaunte ich, als ich hier noch einen an Händen und Füßen gefesselten -Wilden erblickte, der vor Angst halb tot war!</p> - -<p>Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen -Menschen emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, -sondern stöhnte nur auf eine ganz erbärmliche Weise, weil er wahrscheinlich -glaubte, er solle nun getötet werden. Ich gab Freitag -mein Rumfläschchen, um den Armen durch einen Schluck zu stärken, -und trug ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkündigen. -Der Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den -Armen so, daß er sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. -Als ihm aber Freitag aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie -umgewandelt. Er umarmte den Geretteten, küßte ihn und drückte ihn -stürmisch an die Brust; dann lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, -tanzte, sang, gebärdete sich wie ein Unsinniger, weinte und rang die -Hände. Lange währte es, ehe auch nur ein einziges vernünftiges -Wort aus ihm herauszubringen war: endlich, als er wieder ein wenig -zu sich selbst kam, sagte er zu mir, der Gerettete sei sein <em>Vater</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[Pg 141]</a></span></p> - -<p>Es läßt sich nicht mit Worten das Entzücken des guten Freitag -beim Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung -schildern; zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; -dann setzte er sich an die Seite seines Vaters und öffnete sein -Kleid, um den Kopf desselben an seine Brust zu drücken und ihn -zu erwärmen; dann nahm er wieder seine Arme, seine Beine, welche -durch das harte Zuschnüren der Bande steif und geschwollen waren, -und rieb sie mit seinen Händen. Ich gab ihm nun etwas Rum, -um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu waschen, was -demselben augenscheinlich sehr wohl that.</p> - -<p>Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es -nicht über mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. -Erst als ich glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen -Genüge gethan, rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem -Gesicht auf mich los.</p> - -<p>»Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? -Er wird wohl tüchtigen Hunger haben.«</p> - -<p>»Nein, ach nein, Herr!« erwiderte fast weinend der arme -Bursche; »o, ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!«</p> - -<p>»Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stück Kuchen, das -ich gerade noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch -Rosinen und einen Schluck Rum, damit stärke deinen Vater!«</p> - -<p>Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte -das Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze -aus dem Kahne und lief wie ein gehetztes Wild davon, so daß er -im Nu aus unsern Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief -ihm nach – er hörte nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen -war, sah ich ihn wiederkommen, aber nicht so eilig, als er -davongelaufen war, weil er etwas in den Händen trug. Er hatte -nämlich in dieser kurzen Zeit den Weg nach der Burg zurückgelegt, um -noch mehr Brot und einen Krug frischen Wassers hierher zu bringen. -Sein Vater, der bald vor Durst verschmachtete, wurde durch den -kühlen Trunk mehr erquickt, als all mein Rum vermocht hätte.</p> - -<p>Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch -etwas Wasser übrig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf,<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[Pg 142]</a></span> -dieses sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr -bedurfte und auf einem Rasenhügel im Schatten eines Baumes -ausruhte.</p> - -<p>Als Freitag zurückgekommen, schlug er die Augen zu mir -empor und blickte mich mit dem Ausdrucke größter Dankbarkeit an. -Gern hätte sich der Spanier erhoben und wäre zu uns gekommen, -allein er war so erschöpft und seine Glieder durch die harten Bande -so angeschwollen, daß er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. -Ich befahl daher Freitag, ihm Hände und Füße mit Rum -einzureiben. Dabei drehte letzterer alle Augenblicke den Kopf herum, -um nach seinem Vater zu sehen. Als er ihn einmal nicht in seiner -vorigen Stellung sah, ließ er ohne weiteres vom Einreiben ab, -sprang auf und schoß wie ein Pfeil nach dem Boote, in welchem -sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen müden Gliedern Ruhe -zu gönnen. Erst als er völlig zufrieden gestellt sein durfte, kehrte -Freitag eiligst zurück und vollendete die ihm aufgetragene Hilfeleistung.</p> - -<p>Alles dies hatte uns von der Verfolgung der Wilden abgezogen, -und ihre Barke selbst war uns bereits aus dem Gesicht, -als wir wieder an sie dachten. Die Verhinderung unsrer anfänglichen -Absicht war jedoch ein großes Glück für uns. Denn zwei -Stunden später erhob sich ein heftiger Wind, der den übrigen Teil -des Tages und die ganze Nacht hindurch anhielt. Wie übel hätte -es uns in unsrer leichten Barke ergehen können!</p> - -<p>Dem Spanier machte ich den Vorschlag, sich auf Freitag zu -stützen und bis zu einem der Kähne sich weiter zu helfen, um ihn -dann nach unsrer Wohnung zu schaffen, wo ich besser für seine -Pflege und Bequemlichkeit sorgen könnte. Allein er fühlte sich so -schwach, daß er nicht mehr stehen konnte. Ohne weitere Umstände -nahm daher Freitag mit kräftiger Hand den Fremden auf seinen -Rücken, trug ihn nach dem Kahne, setzte ihn an der Seite seines -Vaters nieder, stieß das Boot vom Ufer und ruderte dasselbe, ungeachtet -des sich erhebenden Windes, die Küste entlang, schneller als -ich gehen konnte. Darauf eilte er zurück. Als er an mir vorbei -lief, fragte ich ihn: »Wo rennst du so hurtig hin?« – »Andern<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[Pg 143]</a></span> -Kahn holen!« lautete lakonisch seine Antwort, und schnell wie der -Wind war er davon. Als ich bei der Bucht anlangte, war auch -Freitag fast gleichzeitig mit dem nachgeholten Boote daselbst eingetroffen.</p> - -<p>Soweit war alles gut gegangen. Da aber weder Freitags -Vater noch der Spanier zu gehen im stande war, so befanden -wir uns in nicht geringer Verlegenheit, wie wir dieselben bis zur -Burg und besonders über die Wallmauer bringen sollten. Wir -hatten indes keine Zeit, noch lange zu überlegen. Das geeignetste -Transportmittel schien mir unter den vorliegenden Umständen eine -Tragbahre zu sein. Sofort machte ich mich denn auch, indem ich -die beiden unsrer Obhut anvertrauten Männer am Ufer ruhig -niedersitzen ließ, mit Freitag ans Werk, und nach einem Stündchen -hatten wir mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre hergerichtet, -wie sie unsern Zwecken notdürftig entsprechen konnte.</p> - -<p>So trugen wir denn den Spanier und Freitags Vater und -gelangten bis an die äußere Umfassungsmauer unsrer Burg. Hier -aber entstand wiederum die Frage: Wie werden wir die beiden -Entkräfteten über den Wall hinwegbringen? Es blieb denn nichts -andres übrig, als zwischen der ersten Umhegung und dem von mir -angepflanzten Gebüsch ein Zelt zu errichten. Freitag ging mit -seiner gewohnten Geschicklichkeit ans Werk, und nach zwei Stunden -hatten wir eine leidlich hübsche Hütte zustande gebracht, bedeckt mit -alten Segeln und Baumzweigen. Im inneren Raume derselben -stellten wir einen Tisch hin nebst einer Bank und ein paar roh -gezimmerten Stühlen, sodann zwei Lagerstätten von gutem Reisstroh -nebst je zwei wollenen Decken: eine, um darauf zu liegen, die -andre, um sich damit zuzudecken.</p> - -<p>Sobald alles unter Dach und Fach gebracht war, erschien es -wohl natürlich, daß ich nun auch an mich und Freitag dachte. Ich -befahl letzterem, eine junge Ziege zu schlachten und sie in Stücke -zu zerschneiden. Mit einigen derselben, die ich Freitag kochen ließ, -bereitete ich eine kräftige Suppe und ein vortreffliches Fleischgericht. -Dann wartete ich in dem neu aufgeschlagenen Zelte auf und hieß -meine Gäste guten Mutes sein und tapfer zulangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[Pg 144]</a></span></p> - -<p>Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke -herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange -der verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. -Nächstdem gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater über die Wilden -auszufragen, und ob er glaube, daß sie einen Rachezug gegen uns -unternehmen würden. Freitags Vater meinte, die Flüchtlinge hätten -in ihrem leichten Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer -Abfahrt erhob, um so weniger widerstehen können, als er sie bereits -auf dem ersten Viertel ihres Seewegs überrascht hätte. Wenn aber -das Fahrzeug auch nicht umgeschlagen wäre und seine Insassen in -den Wellen begraben hätte, so würden diese doch nach Süden zu -unvermeidlich an Küsten geschleudert worden sein, wo sie als Kriegsgefangene -dem Tode preisgegeben wären. Sollten sie dennoch in -ihre Heimat kommen, so würden sie ihren Landsleuten eher ab- -als zureden, diese Insel jemals wieder zu betreten. Er habe nämlich -vernommen, wie sie sich gleich nach unsern ersten Gewehrsalven -ängstlich und zitternd einander zuriefen: die beiden Wesen (nämlich -<em>ich</em> und <em>Freitag</em>) seien keine Menschen, sondern böse Geister, die -vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wären, um sie zu vernichten; -denn Menschen, wie sie immer auch seien, könnten nicht -Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die -Ferne schicken. Gewiß käme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes -Land vor, dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, -was sich in ihre Nähe wagte.</p> - -<p>Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb -ich auf der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten -wir es getrost mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen.</p> - -<p>Nachdem wir uns noch über mancherlei unterhalten hatten, -überließ ich Freitags Vater und den Spanier der benötigten Ruhe, -denn sie waren immer noch matt und schwach. Auch wir beiden -andern zogen uns nach dem Wohnhause zurück und suchten gleichfalls -unser Lager auf. Trotz meiner Müdigkeit wollte mich der -Schlaf nicht überkommen; die jüngsten Ereignisse tauchten wieder -so lebhaft in meiner Seele auf, daß ich den ganzen Kampf gleichsam -von neuem durchlebte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[Pg 145]</a></span></p> - -<p>Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache -gestiegen, und ich war naturgemäß der unumschränkte Monarch -über diese Insulaner. So klein aber die Zahl auch war, eine -große Verschiedenheit zeigte die Bevölkerung hinsichtlich der Abstammung -und der Religion. Freitags Vater war Karibe, Heide -und Menschenfresser, der Sohn Spaniens war Katholik, und ich -nebst Freitag huldigten der Lehre des Protestantismus. Aber diese -Verschiedenheit sollte kein Stein des Anstoßes werden, kein Gewissenszwang -beirrte in meinem Staate die Gemüter.</p> - -<p>Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich -Freitag, die getöteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft -zu verpesten drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte -Freitag auch die eklen Überreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, -damit sie nicht unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich -meines Befehls mit gewohnter Bereitwilligkeit.</p> - -<p>Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und -ihre Umgebungen und gingen nach der Höhle und den Ziegenparks. -Ich wollte nämlich sowohl mich selbst von dem Stande -der Dinge unterrichten, als auch meine neuen Gefährten mit -meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt machen. Freitag hatte -als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn sein Vater war -über die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz erstaunt, -und ich ließ ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie -möglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht -wenig überrascht von den zweckmäßigen Einrichtungen, die ich im -Laufe so vieler Jahre getroffen und allmählich mehr und mehr -verbessert hatte.</p> - -<p>Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren -Schmerzen an Händen und Füßen befreit fühlten, boten sie mir -bereitwillig ihre Kräfte zur Verrichtung der ländlichen und vielen -andern Arbeiten an. Freitag ließ ich meist in Gesellschaft seines -Vaters arbeiten, während sich der Spanier in meiner nächsten -Nähe zu halten pflegte. Da fehlte es denn nicht an hunderterlei -Fragen und Mitteilungen, an Plänen und Aussichten für die Zukunft, -an Erörterungen hinsichtlich der Mittel, nach dem Festland<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[Pg 146]</a></span> -hinüberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater versichert hatte, um -seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden würde.</p> - -<p>Der Spanier unterrichtete mich zuvörderst von seinem und -seiner Genossen Schicksal. »Ich heiße«, erzählte er, »<em>Don Juan -Caballos</em> und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren -auf einem Fahrzeuge abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach -der Havanna gehen und dort Pelzwaren und Silber gegen europäische -Waren umtauschen sollte. Es erhob sich ein heftiger Sturm, -und in der Nacht darauf wurden wir so heftig gegen ein Felsenriff -geschmettert, daß wir, im ganzen elf Spanier und fünf Portugiesen, -uns beeilen mußten, in die Schaluppe zu kommen. Sturm -und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst, Angst -und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Küste verschlagen und -schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet -zu werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir -glaubten: sie nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und ließen uns -in Frieden unter sich leben. Da wir uns indes an ihre schlechten -Lebensmittel und namentlich an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch -bestehend, nicht gewöhnen konnten, so nagten wir fast beständig -am Hungertuche. Zwar besaßen wir einige Feuergewehre -und Säbel; aber wir hatten bereits in den ersten Tagen nach -unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht und -waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden -angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus -diesem Lande sich in uns allen bis zum glühendsten Wunsche -steigerte? Dies, Freund Robinson, ist die Lage meiner Genossen -unter den Kannibalen.«</p> - -<p>»Das ist in der That traurig, Don Juan«, erwiderte ich dem -Spanier. »Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: würden wohl -Eure Gefährten einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?«</p> - -<p>»O sicherlich mit dem innigsten Dankgefühl, Sennor; denn in -ihrer jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst -jemals befreien zu können!«</p> - -<p>»Mein Vorschlag wäre demnach folgender: sie sämtlich nach -unsrer Insel herüberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[Pg 147]</a></span> -ein Fahrzeug zu bauen, das groß genug sein würde, um uns alle -samt den nötigen Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien -oder nach einer spanischen Kolonie zu bringen. Freilich würde ich -es aber bitter zu bereuen haben, das Werkzeug ihrer Rettung geworden -zu sein, wenn sie gegen mich, als einen <em>Engländer</em>, die -obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen und britischen Nation -geltend machen würden.«</p> - -<p>»O Sennor«, entgegnete der Spanier, »meine Genossen haben -den Kelch der bittersten Leiden zu lange gekostet, als daß sie nicht -schon den bloßen Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht -zuzufügen, dem sie für die Rettung aus Not und Verbannung -verpflichtet wären.«</p> - -<p>»Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine -gewöhnliche Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten -dieselben ihre Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen -durch empfangene Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem -eignen persönlichen Vorteil, dem sie alle übrigen Rücksichten nachsetzen.«</p> - -<p>»Wohl, Sennor, <em>aufzwingen</em> läßt sich Vertrauen nicht. Aber -wenn Ihr gestattet, so laßt mich mit Freitags Vater wieder zurückfahren, -meine Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, -mit ihnen einen Vertrag abschließen, den sie mit einem heiligen<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[Pg 148]</a></span> -Eide beschwören sollen. Diesen Vertrag werde ich unterzeichnet -hierher zurückbringen. Ich selbst aber will mich, ehe ich abreise, -durch einen Eid verbindlich machen, Euch treu und gehorsam zu -bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen eben dazu anzuhalten; -Euch selbst will ich für den Fall, daß letztere sich widerspenstig -oder untreu bezeigen sollten, auf das kräftigste beistehen und Eure -Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.«</p> - -<p>Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der -Spanier und Portugiesen wagen zu dürfen und ordnete an, daß -Caballos mit dem alten Wilden abgesandt werden solle. Als aber -bereits alles zur Abreise vorbereitet war, erhob der Spanier selbst -eine Schwierigkeit, in welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit -bekundeten, so daß ich gern seinen Rat annahm und die Befreiung -seiner Gefährten noch um sechs Monate hinaus verschob.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1470_illu.jpg" width="600" height="333" alt="" /> -<div class="caption"><p>Zurüstung des Bootes zur Abfahrt.</p></div> -</div> - -<p>Er musterte nämlich meine Vorräte an Reis und Gerste und -begriff sofort, daß dieselben allerdings für mich und Freitag mehr -als hinreichend waren, daß jedoch jetzt, wo wir unser vier von -diesem Haushalt zehren mußten, die weiseste Sparsamkeit von nöten -sein würde. Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch -noch die 16 Europäer auf unser Kornmagazin angewiesen waren? -Dabei riet mir der Spanier, ich möchte ihn sowie die beiden Indianer -so viel Land beackern und besäen lassen, als dies ohne zu -erhebliche Verringerung der Vorräte geschehen könne, und dann die -nächste Ernte abwarten. Würde diese ungünstig ausfallen, so könnte -leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und Zwistigkeiten herbeiführen; -seine Gefährten könnten dann wohl meinen, nur aus einem Unglück -in das andre gefallen zu sein.</p> - -<p>»Wißt Ihr doch selbst, Sennor«, fügte er hinzu, »wie auch -die Kinder Israel anfänglich über ihre Errettung aus Ägyptenland -frohlockten, dann aber, als es ihnen in der Wüste an Brot gebrach, -sich gegen ihren Führer auflehnten.«</p> - -<p>Der Rat des Spaniers schien mir so wohl überdacht und beachtenswert, -daß ich ihm ohne Zögern folgte. Wir machten uns -daher alle vier, so gut es mit unsern hölzernen Werkzeugen gehen -wollte, an die Arbeit, gruben ein ziemlich großes Stück Land um,<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[Pg 149]</a></span> -und bereits nach Verlauf eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, -hatten wir so viel Ackerland zubereitet, daß wir 22 Scheffel Gerste -und 16 Krüge Reis säen konnten; es blieb aber für uns bis zur -nächsten Erntezeit noch genug Gerste zu unsrer täglichen Nahrung übrig. -Da wir jetzt zahlreich genug waren, um die Wilden nicht -mehr fürchten zu müssen, so gingen wir frei und unbesorgt auf der -ganzen Insel umher, um alles Notwendige zu unsrer Befreiung, die -unsre Gemüter ausschließlich beschäftigte, instandzusetzen. Als die -Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflücken und zu trocknen, -ließ ich eine solche Menge derselben aufhängen, daß wir 60 bis -80 Fässer hätten füllen können, wenn wir in Alicante gewesen -wären, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Früchte und -das Brot bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Außerdem aber -flochten wir fleißig Körbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorräte -unentbehrlich waren.</p> - -<p>Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer -Ziegen zu vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit -dem Spanier auf die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem -wir die alten Ziegen schossen, die Jungen aber einfingen, brachten -wir an 20 junge Ziegen zusammen, die ich dann mit den übrigen -aufzog.</p> - -<p>Auch bezeichnete ich mehrere Bäume, die ich zur Erbauung -eines größeren Fahrzeuges geeignet hielt, und ließ sie durch Freitag -und seinen Vater fällen, während ich dem Spanier die Überwachung -und Leitung dieser Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit -welcher Geduld und Ausdauer ich große Bäume zu Booten verarbeitet -hatte, und wies sie gleichfalls dazu an. Sie schnitten ein -Dutzend guter Bretter von 60 <span class="antiqua">cm</span> Breite, 5-11 <span class="antiqua">m</span> Länge und -5-10 <span class="antiqua">cm</span> Dicke – eine Arbeit, die manchen schweren Schweißtropfen -kostete.</p> - -<p>Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir -arbeiteten mit Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu -ergiebig, denn ich hatte früher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach -sie doch unsern Erwartungen. Wir erhielten über 220 Scheffel -Gerste und in demselben Verhältnisse Reis. Das bildete einen<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[Pg 150]</a></span> -Vorrat, der uns alle, mit Einschluß der Gefährten des Spaniers, -bis zur nächsten Ernte nicht nur hinlänglich ernährt, sondern auch -noch bequem zur Verproviantierung eines Fahrzeuges gereicht hätte, -um zu dem von Europäern bewohnten Festlande von Amerika -zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorräte untergebracht hatten, -fand ich es für angemessen, das Feld noch einmal zu bearbeiten -und zu besäen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel an -Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten mußten.</p> - -<p>Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot -in Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln -sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. -Um mich aber für jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich -dem Spanier am Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer -Sprache abgefaßten schriftlichen Befehl auf, der folgendermaßen -lautete:</p> - -<p>»Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von -Freitags Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium -schwört, mich, <em>Robinson Crusoe</em>, als seinen obersten Befehlshaber -anzuerkennen, mir treu und gehorsam zur Seite zu stehen, -mir wissentlich nie Schaden oder Böses zuzufügen, mich gegen -jeden Angriff, woher er auch komme, zu verteidigen und sich meinen -Befehlen und meiner Leitung, wohin ich ihn auch führen würde, -niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig zu versprechen, mein -Wohl nach seinen Kräften zu fördern. – Alles dies soll von sämtlichen -Leuten beschworen und durch eigenhändige Unterschrift anerkannt -werden.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1500_deco.jpg" width="300" height="170" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[Pg 151]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1510_illu.jpg" width="600" height="477" alt="" /> -<div class="caption"><p>Sehnsuchtsvolle Umschau.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Dreizehntes Kapitel.<br /> - -Durch Kampf zum Sieg.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Abreise von Caballos und Freitags Vater. – Ankunft weißer Männer. – Ein englisches Schiff. – -Vergebliche Furcht vor Seeräubern. – Die Gefangenen. – Die Befreiung derselben. – Bestrafung -der Meuterer. – Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen. – Wiedergewinnung -des Schiffes. – Der englische Gouverneur.</p></div> - -<p>Es mochte wohl nach meiner ungefähren Schätzung, denn ich -hatte die genaue Fortführung meines Pfahlkalenders vernachlässigt, -im Monat Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit -Freitags Vater nach dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag -war bei dem Abschiede von seinem Vater so betrübt, daß er Thränen -vergoß. Auch ich selbst sah mit Rührung der kleinen Barke nach; -und doch empfand ich eine innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, -daß dies nach 27 <em>Jahren</em> die erste Veranstaltung war, die ich zu -meiner Errettung aus meinem einsamen Insellande ins Werk ge<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[Pg 152]</a></span>setzt -hatte und welche vielleicht einen günstigen Erfolg haben konnte. -Alle meine Gedanken beschäftigten sich jetzt mit der nahen Abreise -in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen, aber auch manche Zweifel -stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum, überreich an Erfahrungen, -lag zwischen meinen Jünglingsjahren und der Gegenwart! Welche -Veränderungen mochten unterdes in England vor sich gegangen -sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden, -die mich gewiß längst als einen Toten beweinten?</p> - -<p>Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben -oder acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich -geraten, recht sparsam und haushälterisch damit umzugehen. Außerdem -waren sie mit so viel Brot und Rosinen ausgerüstet worden, daß -sie nicht nur für sich, sondern auch für die zu Befreienden wohl -auf acht Tage ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwähnung -gethan, unterzeichnen zu lassen, gab ich dem Spanier ein Fläschchen -mit Tinte und einigen Federn mit und verabredete das Signal, -durch welches sie ihre Rückkehr schon von fern kundgeben sollten.</p> - -<p>Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten -Wilden verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag -der Rückkehr meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines -Morgens Freitag mit dem lauten, freudenvollen Rufe: »<em>Herr, sie -sind wiedergekommen</em>, sie sind da!«</p> - -<p>Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider über, und ohne -ein Gewehr mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie -groß war meine Bestürzung, als ich aus dem Buschwäldchen trat, -das meine Burg umgab, und, nach der See hinauslugend, eine -Schaluppe erblickte, welche mit einem lateinischen Segel versehen -war und mit frischem Winde gegen die Küste zusteuerte! Das war -nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden her, sondern von -Südost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt war, schnell -zurück und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wäldchen im Versteck -zu halten, denn ich wußte nicht, ob die Leute, die da kamen, -Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in -unsre Burg zurück, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr -meine Warte, um die Ankömmlinge zu beobachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[Pg 153]</a></span></p> - -<p>Kaum hatte ich den Hügel erklommen, als ich in einer Entfernung -von dritthalb Stunden gegen Südsüdost ein Schiff vor -Anker liegen sah und ganz deutlich erkannte, daß Schiff und -Schaluppe <em>englische</em> waren.</p> - -<p>Unmöglich kann ich die Gefühle schildern, die sich meiner bemächtigten. -Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden -Landsleute, Engländer, Freunde zu begrüßen, dann aber verdrängten -Zweifel und Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte -wohl ein <em>englisches</em> Fahrzeug in diesem Winkel der Erde, in -diesen Gewässern suchen, in denen nie ein englischer Kauffahrer -seine Wimpel blähte? Was führte die zweifelhaften Gäste hierher, -da doch die Witterung anhaltend schön war und sie keine »Mütze -voll Wind«, wie einst mich, an dieses Eiland getrieben haben konnte? -Hier war höchste Vorsicht geboten, um nicht in die Gewalt von -Räubern oder <em>Freibeutern</em> zu fallen. Nicht lange stand ich auf -meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer näherte und -dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, -und ich erkannte in den Personen Engländer, acht mit Säbeln bewaffnet, -drei aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen -in verzweifelter Lage zu sein, denn sie streckten die Hände flehend -empor. Dieses Schauspiel setzte mich in große Verwirrung, und -Freitag, der mir nachkam, raunte mir zu: »Sieh, Herr, diese englischen -Männer essen Gefangene, ebenso wie meine Landsleute.«</p> - -<p>»Wie, Freitag«, entgegnete ich, »glaubst du wirklich, daß sie -so unmenschlich wären, ihre Gefangenen zu essen?«</p> - -<p>»Ja, ja, Herr; o ich weiß, auch die Engländer essen ihre -weißen Brüder.«</p> - -<p>»Nicht doch, Freitag«, suchte ich ihn zu belehren; »wohl möglich, -daß sie ihre Feinde dort töten werden, aber essen! – niemals! -niemals!«</p> - -<p>»Ist aber doch kein großer Unterschied, Herr!«</p> - -<p>Ich überlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien -vermöchte, zumal ich in den Händen ihrer Peiniger Feuerwaffen -nicht bemerkte. Die Engländer selbst gingen am Ufer auf und ab, -ohne sich weiter um ihre Gefangenen zu kümmern. Obgleich nun<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[Pg 154]</a></span> -diese hätten frei umherlaufen können, so waren sie doch zu sehr -eingeschüchtert und setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage -erinnerte mich lebhaft an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die -Gewalt des Sturmes an diesen Strand geschleudert wurde, unter -Aufbietung der letzten Kräfte die Felsen erkletterte und jeden Augenblick -den Tod erwartete. Wie ich damals auf die Stunde der Befreiung -kaum hoffen konnte, so saßen auch jetzt diese drei armen -Unglücklichen an ödem Strande und ahnten nicht, wie nahe ihnen -die Errettung bevorstünde.</p> - -<p>Als die fremden Gäste an der Insel angelangt waren, hatte -die Flut gerade ihre äußerste Höhe erreicht. Während sich nun -die Seeleute auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, -und die Schaluppe lag gänzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte -alsbald zu der Überzeugung, daß wenigstens zehn Stunden vergehen -müßten, ehe die Schaluppe wieder flott werden könne. Deshalb -stieg ich von meinem Beobachtungsposten herunter und ging -in meine trefflich verschanzte Burg. Da ich jedoch wußte, daß ich -es jetzt mit einem viel gewandteren Feinde zu thun haben würde, -als die Wilden waren, so lud ich mit Freitag sowohl die Kanonen -als auch unsre übrigen Feuerwaffen.</p> - -<p>Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze -hatte eine erdrückende Höhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute -mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurückgezogen, -um sich im Schatten der Bäume dem Schlafe zu überlassen. Nur -die drei Gefangenen saßen noch in dem Schatten eines Baumes, -ohne jedoch der Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von -meinem Schlößchen lagernd, befanden sie sich gewissermaßen unter -meinen Augen, dagegen gänzlich aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen -Verfolger.</p> - -<p>Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen -zu wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm -zwei Flinten, ein Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete -Freitag mit drei Musketen, einem Seitengewehr und einem Pistol.</p> - -<p>Mein Aussehen flößte Furcht ein; man denke nur an meinen -Anzug aus Ziegenfellen, die hohe Mütze und den langen Bart!<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[Pg 155]</a></span> -Auch Freitag sah phantastisch und fürchterlich genug aus. In -solchem Aufzuge nun und wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis -zu den Fremden heran. Ohne von denselben bemerkt zu werden, -rief ich ihnen auf spanisch zu: »Wer sind Sie, meine Herren?«</p> - -<p>Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick -unsrer abenteuerlichen Erscheinung noch mehr überrascht zu sein; ja -sie zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: »Fürchten -Sie nichts von mir, Ihr Retter ist näher, als Sie glauben.«</p> - -<p>Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte -sehr ernst: »So muß er uns geradeswegs vom Himmel gesandt -sein, denn von Menschen erwarten wir keine Hilfe mehr.«</p> - -<p>»Ich sah Ihre Not«, sagte ich. »Sie schienen Ihre rohen Begleiter -anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend -seinen Säbel schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlösen kann!«</p> - -<p>Der unglückliche Mann war außer sich vor Überraschung. -»Sind Sie ein Mensch oder ein Bote des Himmels?« rief er.</p> - -<p>»Ich bin ein Engländer, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir -sind zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen -und Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rückhalt, was für ein -Ungemach Sie betroffen und was wir für Sie thun können.«</p> - -<p>»Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich -gegen mich empörte und meinen Tod beschloß. Man kam überein, -mich nebst zwei Männern, meinem Leutnant und einem Passagier -an dieses Land auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale -preiszugeben.«</p> - -<p>»Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?«</p> - -<p>»Dort in jenen Wald«, antwortete der Kapitän.</p> - -<p>»Sind Ihre Feinde mit Schießgewehren versehen?«</p> - -<p>»Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.«</p> - -<p>»Gut, Kapitän, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wäldchen.«</p> - -<p>Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die -Männer, die sich sämtlich dem Schlafe überlassen hatten.</p> - -<p>»Jetzt wäre es leicht, sie zu töten«, begann ich wieder, »ohne -daß ein einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber -zu Gefangenen machen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[Pg 156]</a></span></p> - -<p>»Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen -Fall Gnade verdienen. Könnte man sich dieser beiden Menschen -bemächtigen, so würden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht -zurückkehren.«</p> - -<p>»Hören Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um -Sie zu retten, würden Sie dann wohl in einige Bedingungen -willigen?«</p> - -<p>»Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft -werden können, sollen ganz zu Ihrer Verfügung stehen.«</p> - -<p>»Nun gut!« fuhr ich fort, »ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen. -<em>Erstens</em>: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten -Sie sich zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche -ich Ihnen anvertraue, haben Sie mir stets auf mein Verlangen -zurückzugeben und zu geloben, weder mir noch den Meinigen zu -schaden, vielmehr nur mein Bestes zu fördern. <em>Zweitens</em>: Kommen -Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen Sie mich und -meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze, unentgeltlich -nach England.«</p> - -<p>»Sir«, erwiderte darauf sofort der Kapitän, »diese Bedingungen -sind so natürlich, daß ich freudig auf dieselben eingehe.«</p> - -<p>»Und wir«, fielen des Kapitäns beide Gefährten ein, »wir -geloben, Ihnen zu folgen, wohin es auch sein mag!«</p> - -<p>»Brav gesprochen, ihr Männer!« erwiderte ich und drückte -ihnen die Hände. »Wohlan, ans Werk! Hier sind drei Musketen -nebst Pulver und Blei. Das beste wäre, auf die Meuterer zu -feuern, während sie noch schlafen. Bleiben einige von der Weckungssalve -verschont und bitten um Pardon, so können wir sie begnadigen.«</p> - -<p>Währenddessen sahen wir zwei der Männer aus dem nahen -Gebüsch treten.</p> - -<p>»Sind das die Rädelsführer?« fragte ich den Kapitän.</p> - -<p>»Nein, Sir!«</p> - -<p>»Gut, so lassen wir sie laufen, da sie die Vorsehung rettet. -Nun aber vorwärts!«</p> - -<p>Angefeuert durch meine Worte, nahm der Kapitän sein Gewehr -auf, seine Gefährten thaten desgleichen, und vorwärts ging der<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[Pg 157]</a></span> -Marsch. Durch das entstandene Geräusch wachte ein dritter von den -Seeleuten auf. Er stieß, als er die Anrückenden sah, ein Geschrei -aus, um die Schläfer zu wecken. Letztere sprangen erschrocken auf, -aber in demselben Augenblicke feuerten der Leutnant und der Passagier -so glücklich, daß einer der Rädelsführer auf der Stelle tot blieb, der -andre verwundet wurde. Der Kapitän, der sich des Schießens -weislich enthalten hatte, stürzte auf ihn los und streckte ihn durch -einen kräftigen Kolbenschlag vollends zu Boden. Ein andrer war -leicht verwundet, die übrigen drei baten, als sie mich und Freitag -heranrücken sahen, flehentlich um Gnade. Während sie noch auf -ihren Knieen lagen, kamen auch jene beiden, die zuerst erwacht -waren, angelockt durch die gefallenen Schüsse, herbeigeeilt. Als sie -jedoch merkten, wie sehr sich die Verhältnisse verwandelt hatten und -wie ihre bisherigen Gefangenen, mit Flinten bewaffnet, Herren des -Feldes waren, so versuchten sie keinen unnützen Widerstand, sondern -unterwarfen sich gleich ihren Gefährten. Somit hatten wir einen -vollständigen Sieg errungen.</p> - -<p>Der Kapitän wandte sich nun mit folgenden ernsten Worten -an die Besiegten: »Ihr wißt, daß ihr als Empörer und Meuterer -den Tod verdient habt. Ich will jedoch Gnade für Recht ergehen -lassen und euch das Leben schenken, aber nur unter der Bedingung, -daß ihr euern Verrat bereut und schwört, mir beizustehen, um mein -Schiff zurückzuerobern!«</p> - -<p>Hiergegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, verpflichtete ihn -aber dazu, die Gefangenen, solange sie auf der Insel sein würden, -an Händen und Füßen gebunden in Sicherheit zu halten. Ich ließ -ihnen daher sogleich an den Händen Fesseln anlegen und gab dem -Leutnant und Freitag den Auftrag, die Gefangenen nach der Grotte -zu bringen und ihnen die Füße zu binden.</p> - -<p>Es befanden sich noch 26 Seeleute an Bord des Schiffes. -Alle hatten wegen ihrer Auflehnung gegen ihr Oberhaupt das -Leben verwirkt. Der Kapitän sprach sich dahin aus, daß es sehr -schwierig sein würde, ihnen wirksam beizukommen, denn sie würden -sich wohl aufs äußerste zur Wehre setzen. Wir mußten daher auf -eine List sinnen, um sie an einer Landung zu verhindern. Zu<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[Pg 158]</a></span> -rechter Zeit fiel mir noch ein, daß die auf dem Schiffe zurückgebliebenen -Leute, wenn ihre Kameraden mit der Schaluppe nicht -zurückkämen, diese unfehlbar mit dem zweiten Boote suchen würden -und uns dann viel zu schaffen machen könnten.</p> - -<p>Zuerst mußte die eine Schaluppe, die sich bereits in unsern -Händen befand, unbrauchbar gemacht werden, damit sie nicht fortgeführt -werden könne. Unverweilt begaben wir uns an diese Arbeit, -nahmen Ruder, Mast, Segel, Steuerruder, ferner die Flinte, ein -Pulverhorn, eine Flasche Branntwein, eine zweite mit Rum, Zwieback -und ein großes Stück Zucker heraus. Nachdem wir alles an -den Strand gebracht, bohrten wir ein großes Loch in den Boden -der Barke, um ihre Wegführung unmöglich zu machen. Nun kamen -auch der Leutnant und Freitag zurück, und unsern vereinten Anstrengungen -gelang es bald, die Schaluppe so hoch auf den Strand -zu ziehen, daß selbst die höchste Flut sie nicht erreichen oder wegspülen -konnte.</p> - -<p>Für jetzt ließ sich nichts weiter thun. Wir brachen deshalb -nach meiner Burg auf. Nur wenige Schritte waren wir fortgegangen, -als ein Kanonenschuß vom Schiffe her über die Wellenfläche -erscholl, jedenfalls in der Absicht, die Schaluppe zurückzurufen. -Aber diese lag in guter Ruhe und rührte sich nicht. Da der erste -Signalschuß wirkungslos blieb, so feuerte die Mannschaft des Schiffes -von Zeit zu Zeit mehrere Schüsse hintereinander ab, natürlich ohne -jeden Erfolg.</p> - -<p>Wir beschleunigten unsre Schritte, um möglichst rasch die -Burg zu erreichen. Der Kapitän sowie seine beiden Gefährten -bewunderten meine Befestigungswerke und die Kunst, wie ich sie -so geschickt vor jedem Späherauge verborgen hatte. Freilich -war aber auch das Wäldchen vor mehr als 20 Jahren gepflanzt -und schnell zu solchem Dickicht verwachsen, daß man -schlechterdings nicht durchkommen konnte, außer auf dem engen, -sich durchschlängelnden Pfade, der nur von mir und Freitag begangen -wurde.</p> - -<p>»Nun, Kapitän«, fragte ich, »wie gefällt Ihnen mein Schloß? -Gewährt diese Mauer nicht ein ganz prächtiges Versteck?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[Pg 159]</a></span></p> - -<p>»Vortrefflich, Sir! Hinter dieser lebendigen Mauer sind wir -besser geschützt, als wenn wir unser zwanzig wären.«</p> - -<p>»Das ist aber noch nicht alles, Kapitän«, fuhr ich rasch fort; -»ich besitze auch noch eine Sommerresidenz, in welcher ich einen -Teil der schönen Jahreszeit zubringe. Die sollten Sie sehen, Herr; -dort liegt das Paradies der Insel! Auch diese werde ich Ihnen -ehestens zeigen können. Jetzt aber ist es notwendig, daß Sie mir -samt Ihren Genossen auf meine Warte folgen, um von dort aus -das Schiff zu beobachten. Du, Freitag, bringe die Ferngläser und -einige Erquickungen hinauf!«</p> - -<p>Oben angelangt, bemerkten wir, wie die Schiffsmannschaft des -heftig vom Winde geschüttelten Fahrzeugs, nachdem alle ihre Schüsse -ohne die erwartete Wirkung geblieben waren, eine bunte Flagge -aufgehißt und, weil auch dieses Mittel nicht verfing, das andre -Boot ausgesetzt hatte, welches sofort der Küste zusteuerte. Das -Meer befand sich in starkem Wogengang, und die Leute in der -Schaluppe hatten kräftig zuzugreifen, um vorwärts zu kommen. -Das Boot mochte etwa mit zehn Männern, einschließlich des -Schiffsjungen, bemannt und diese sämtlich mit Schießgewehren versehen -sein.</p> - -<p>»Leider«, sagte der Kapitän, »befinden sich unter diesen Leuten -nur drei ehrliche Burschen, welche durch Furcht zur Empörung -gezwungen worden sind. Die andern aber, hauptsächlich der -Hochbootsmann, welcher die Schaluppe kommandiert, sind so abgefeimte -Schurken, daß wir uns des Ärgsten von ihnen versehen -dürfen.«</p> - -<p>»Oho, Leute wie wir, Kapitän«, entgegnete ich, »brauchen sich -nicht zu fürchten. Ich habe auf dieser Insel schon schlimmere Zeiten -überstanden; darum fassen Sie Mut und Vertrauen, mein Herr!«</p> - -<p>»Ich will es!«</p> - -<p>»Nun gut! Zunächst scheint es doch zweckmäßig gewesen zu -sein, die übrigen in der Höhle fern zu halten. Nur eins beunruhigt -mich etwas, daß nämlich drei brave Burschen unter den -Ankommenden sind, die wir schonen und uns zu eigen machen -möchten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[Pg 160]</a></span></p> - -<p>Jetzt näherte sich die Schaluppe dem Ufer und steuerte demselben -entlang bis zu jener Stelle, wo das zuerst angekommene -Boot angelegt hatte. Hier stieg die Rotte ans Land und zog ihre -Schaluppe hoch auf den Strand hinauf. Zuerst sahen sie nach -ihrem Boote. Wer aber malt ihre Bestürzung, als sie dasselbe -fest, wie die Arche Noahs, auf dem Trockenen sitzen, stark durchbohrt -und von der ganzen Ausrüstung entblößt sahen! Dann erhoben -sie einen dreimaligen lauten Ruf; aber keine Antwort tönte -ihnen zurück. Da dieses Signal, wie die früheren, vergeblich blieb, -stellten sie sich in einen Kreis und schossen ihre Gewehre auf einmal -los, so daß es durch die Felsenthäler wie dröhnender Donner -rollte. Atemlos lauschten sie auf eine Antwort. Doch kein menschliches -Wesen ließ seinen Ruf ertönen; nur das Echo der Berge -gab den Klang der Feuerwaffen wieder.</p> - -<p>Da schien es den Fremden nicht mehr geheuer zu sein: schnell -setzten sie ihr Boot ins Wasser und stießen vom Strande ab. Bald -aber wendeten sie sich wieder rechtsum und steuerten geraden Laufes -von neuem auf die Insel los, um ihre vermißten Kameraden aufzusuchen. -Wirklich stiegen sieben aus, und es blieben drei Mann -zur Bewachung des Bootes zurück. Das lag freilich nicht in unsrer -Berechnung; denn was half es uns, jene sieben Männer zu überwältigen, -wenn unterdes die Zurückgebliebenen dem Schiffe wieder -zusteuern und mit demselben sich auf und davon machen konnten?</p> - -<p>Die sieben Gelandeten schritten, sich dicht beisammen haltend, -am Saume des dichten Buschwäldchens vor meiner Festung hin -und stiegen auf einen jener westlichen Hügel, von denen sich eine -weite Fernsicht über die Ebenen nach Nordost darbot. Oben auf -dem Gipfel begannen sie laut zu rufen. Augenscheinlich mochten -sie sich nicht weiter landeinwärts wagen, denn sie setzten sich im -Schatten eines Baumes nieder, um Rat zu halten. Plötzlich -brachen sie wieder auf und schlugen den Rückweg nach der Schaluppe -ein. Dieser Augenblick forderte zu schneller Entscheidung -auf; hier konnte nur eine List helfen.</p> - -<p>Ich trug dem Leutnant und Freitag auf, linker Hand nach -derselben Hügelreihe, von welcher die Mannschaft hergekommen,<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[Pg 161]</a></span> -vorsichtig vorzugehen, dann auf einen Hügel zu steigen und aus -allen Leibeskräften so lange zu schreien, bis die Matrosen ihnen -antworten würden. Wenn dies geschehe, so sollten sie dieselben -unter wiederholtem Rufen langsam von Hügel zu Hügel in das Gehölz -des Innern locken, ohne sich jedoch von ihnen einholen zu lassen.</p> - -<p>Die Meuterer wollten eben wieder in See stechen, als der -Leutnant den ersten Ruf erschallen ließ. Sofort machten jene -Halt und schritten der Richtung zu, aus welcher der Ton erscholl. -Unsre Leute wiederholten ihr Geschrei, und unter fortgesetzten Lockrufen -ging es immer tiefer landeinwärts.</p> - -<p>Jetzt schien der günstige Augenblick gekommen zu sein, um die -Schaluppe zu überfallen. Nur ein Mann befand sich in derselben; -von den beiden andern Wächtern war der eine ausgestiegen und -dem Haufen nachgerannt, während der andre ein nahegelegenes Gebüsch -aufsuchen wollte, um sich daselbst niederzulegen. Der Kapitän -schmetterte ihn durch einen Kolbenschlag tot zu Boden; dann rief -er den in der Schaluppe an, sich zu ergeben. Dieser, einer von -den verführten Meuterern, bat seinen Vorgesetzten flehentlich um -Gnade, indem er schwur, künftig Gut und Leben für den Kapitän -einsetzen zu wollen.</p> - -<p>In der Höhle waren sechs Gefangene, von denen einer verwundet -war. Zwei andern konnte man zur Not trauen; die letzten -drei aber hielt der Kapitän so weit für zuverlässig, um sie unserm -Trupp als Verstärkung einverleiben zu können. Auch aus der -zweiten Schaluppe der Meuterer entfernten wir Mast, Segel, Ruder -und legten sie ebenfalls am hohen Strand ins Trockene. Diese -Arbeit verursachte natürlich viel Mühe, da wir nur unser vier -waren. Dann zogen wir uns in die Burg zurück.</p> - -<p>Als wir daselbst anlangten, brach bereits die Nacht an. Wir -erquickten uns nach überstandener Mühe und Gefahr durch Reis, -Rosinen, Ziegenfleisch und Rum. Noch saßen wir um die Flamme -des Talglichtes versammelt, als auch Freitag und der Leutnant -zurückkamen. Beide hatten sich ihres Auftrags zu unsrer völligen -Zufriedenheit entledigt, hatten durch Rufen und Schreien die Bootsleute -von Hügel zu Hügel gelockt und endlich dieselben plötzlich<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[Pg 162]</a></span> -sich selbst überlassen. Dann waren sie nach der Festung geeilt, so daß -schwerlich vor zwei oder drei Stunden ein Zusammentreffen bevorstand.</p> - -<p>Nach dem Mahle schickte ich den Kapitän, den Passagier, Freitag -und jenen begnadigten Meuterer von der Schaluppe, Namens -<em>Robertson</em>, nach der Grotte ab, um jene drei Gefangenen, auf -deren Treue zu zählen war, hierher zu bringen, so daß wir dann -zusammen die Zahl von neun Mann ausmachten. In kurzer Zeit -kamen sie sämtlich zurück, und nachdem ich eine Musterung gehalten, -besonders aber die Meuterer in strengste Pflicht genommen -hatte, verteilte ich Waffen und Munition, im ganzen zwölf Feuergewehre, -ferner fünf Degen, wovon natürlich zwei auf meine -Person kamen.</p> - -<p>So vorbereitet, warteten wir auf unserm Posten. Es mochte -ungefähr eine Stunde vergangen sein, als wir bemerkten, wie unsre -Feinde herannahten. Nach großer Anstrengung gelangten sie endlich -an ihren Landungsplatz. Doch wie versteinert blieben sie stehen, -als sie ihr Boot nicht im Wasser, sondern auf dem Trockenen und -noch dazu der ganzen Ausrüstung beraubt sahen! Ihr Aberglaube -schien ihnen Gespenster und Höllenspuk vorzumalen, die dieses -Werk vollbracht hätten. Kaum konnte ich jetzt meine Leute in -Schranken halten, die vor Begier brannten, auf sie loszustürzen. -Indes bedachte ich, daß in dieser Dunkelheit gar leicht auch einer -der Unsrigen verwundet werden könnte, und so wartete ich auf -einen günstigen Augenblick zum Angriff.</p> - -<p>Der Hochbootsmann, der Verwegenste der rebellischen Schar, -bot ein verächtliches Bild, jammerte wie ein Kind, rang verzweiflungsvoll -die Hände und rannte hin und her. Er rief die verlorenen -Kameraden wiederholt laut beim Namen, aber keine Stimme -der Genossen antwortete ihm durch die finstere Nacht.</p> - -<p>Um sicher zu gehen, rückte ich meinen Hinterhalt näher und -gebot Freitag und dem Kapitän, möglichst geräuschlos an den Feind -heranzukriechen. Es währte auch nicht lange, so kam der Hochbootsmann -mit zwei seiner Spießgesellen in die Nähe der verborgen -Lauernden. Jetzt stand der Kapitän mit Freitag auf; beide -drückten zu gleicher Zeit ab, und der Schändliche lag tot in seinem<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[Pg 163]</a></span> -Blute. Der eine seiner Genossen ward so getroffen, daß er nach -einer Stunde seinen Geist aufgab; der dritte aber, nur leicht verwundet, -entfloh.</p> - -<p>Der Knall der Flinten und das Geschrei der Verwundeten -galten für uns als Zeichen des gemeinschaftlichen Vorrückens. Wie -schon bemerkt, bestand unsre ganze Armee aus neun Mann. Der -Wald war so dicht und die Nacht so dunkel, daß es den Gegnern -nicht möglich war, unsre Streitkräfte abzuschätzen. Um ihre sofortige -Unterwerfung herbeizuführen, forderte ich Robertson auf, -jeden der Feinde mit seinem Namen anzurufen.</p> - -<p>Er rief also zuerst: »Tom Smith!«</p> - -<p>Sogleich antwortete dieser zurück: »Bist du es, Robertson?«</p> - -<p>»Ja, ja, ich bin's. Streckt die Waffen, oder ihr seid alle -des Todes!«</p> - -<p>»Wem sollen wir uns ergeben?« fragte Smith.</p> - -<p>»Unser Kapitän ist hier mit 50 Mann«, antwortete Robertson. -»Der Hochbootsmann ist tot, Will Fry ist verwundet, ich selbst bin -gefangen; wenn ihr euch nicht unterwerft, so seid ihr alle verloren.«</p> - -<p>»Wird man uns aber auch Gnade bezeigen?« fragte Tom Smith -weiter. »Wenn man uns das Leben läßt, so wollen wir uns ergeben.«</p> - -<p>»Ich werde sogleich den Kapitän fragen«, gab Robertson zur -Antwort.</p> - -<p>Der Kapitän ergriff aber selbst das Wort und rief: »Smith! -Was ich versprochen, halte ich. Streckt ihr sofort die Waffen, so -ist euch das Leben geschenkt, außer Will Atkins!«</p> - -<p>»Um Gotteswillen!« rief dieser flehend, »gebt auch mir Pardon, -Kapitän. Habe ich etwa Schlimmeres verübt als die übrigen?«</p> - -<p>»Du lügst, Atkins«, fuhr ihn der Kapitän an; »bist du es -nicht gewesen, der zuerst Hand an mich legte, der mir die Hände -gebunden und mich wehrlos gemacht hat?«</p> - -<p>»Gnade, Gnade, Kapitän!« wimmerte Atkins.</p> - -<p>»Das wird sich finden. Jetzt noch einmal, ihr alle streckt -entweder sofort das Gewehr, oder – –!«</p> - -<p>Ohne Widerstand ergaben sich die Meuterer, die nun als -Gefangene durch das Wäldchen auf den freien Platz neben dem<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[Pg 164]</a></span> -äußeren Walle geführt wurden. Hier redete der Kapitän ihnen -ins Gewissen und stellte ihnen die traurigen Folgen, die sie sich -selbst zuzuschreiben hätten, vor.</p> - -<p>»Ihr habt geglaubt«, schloß er seine Ansprache, »mich auf -eine öde Insel auszusetzen, aber es hat Gott gefallen, mich zu -retten; denn hier herrscht ein englischer <em>Gouverneur</em>, der mich -menschenfreundlich aufnahm. Ihr habt mich vorhin um Gnade -angefleht; meine Gewalt über euch ist hier zu Ende. Ihr gehört -von nun an vor den Richterstuhl des Gouverneurs.«</p> - -<p>Diese Worte wirkten erschütternd auf die Gefangenen; sie -baten ihren Kapitän, sich für sie bei dem Gouverneur der Insel -zu verwenden.</p> - -<p>Der inhaltschwere Titel »Gouverneur« galt meiner eignen -Person. Aber ich hielt mich nebst Freitag zurück und ließ mich -nicht sehen, denn mein Anzug war jener Würde nichts weniger -wie angemessen. Doch die Kriegslist gefiel mir, und ich erklärte -mich einverstanden, die Rolle fortzuspielen. Ich beorderte also -den Leutnant an den Kapitän.</p> - -<p>»Herr«, berichtete jener, »Seine Exzellenz der Gouverneur -wünscht Sie zu sprechen.«</p> - -<p>»Melden Sie Seiner Exzellenz«, erwiderte der Kapitän, »daß -ich unverweilt zu seinen Befehlen sein werde.«</p> - -<p>Die Gefangenen mußten diesen Worten nach glauben, daß -wirklich ein Gouverneur mit Truppen in der Nähe stehe. Als -der Kapitän aber zu mir kam, schlug ich ihm vor, der Vorsicht -halber unsre Gefangenen zu teilen; ich forderte ihn auf, Atkins -und die beiden widerspenstigen Gesellen an Händen und Füßen -gebunden nach der Höhle zu schicken, die übrigen ließ ich in dem -Raume zwischen den beiden Wällen unterbringen und glaubte somit, -die Mannschaft unschädlich gemacht zu haben. Nunmehr hielt ich -mit dem Kapitän, dem Leutnant und dem Passagier Rat, wie wir -uns des Schiffes bemächtigen könnten; ich sprach die Zuversicht -aus, daß uns die Seeleute bei der Wiedereroberung unterstützen -würden. Es kam darauf an, die Stimmung derselben genau zu -erforschen, weshalb ich den Kapitän und Leutnant nach der Grotte<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[Pg 165]</a></span> -schickte, wohin ihnen Freitag mit einer brennenden Kerze den Weg -zeigte. – Der Kapitän sprach in mildem Tone zu seinen Matrosen: -»Ich werde versuchen, euch bei dem Gouverneur der Insel Verzeihung -zu erwirken; aber ich rechne bei euch noch auf etwas andres: -Ihr sollt mir das Schiff wiedererobern helfen, denn davon hängt -alles ab. Seid ihr dazu bereit?«</p> - -<p>Einmütig versicherten die Seeleute, ihm in allen Stücken bis -zum letzten Blutstropfen beizustehen. Er solle sie führen, wohin -er wolle, und wenn es gegen die Hölle und den Teufel wäre.</p> - -<p>»Ich rechne auf euch«, beendete der Kapitän das Gespräch.</p> - -<p>Er kam zu mir zurück und teilte mir die Gesinnungen der -Seeleute mit. Da ich aber glaubte, daß unsre eigne Sicherheit -keine allzugroße Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitän -mit der Antwort zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten -zur Expedition nach dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte -Atkins mit den beiden Verwundeten als Geiseln zurückbleiben und -ohne weiteres aufgeknüpft werden, wenn die andern der Untreue -sich schuldig machen würden. Die Begünstigten mußten feierlich -geloben, dem Gouverneur unverbrüchlichen Gehorsam zu leisten.</p> - -<p>Die Streitkräfte, welche uns für die Eroberung des Schiffes -zur Verfügung standen, waren nun folgende. Erstens: der <em>Kapitän</em>, -der <em>Leutnant</em> und der <em>Passagier</em>. Zweitens: <em>fünf Freigelassene</em> -von der ersten Schaluppe. Drittens: <em>Robertson</em>, <em>Tom -Smith</em> und <em>drei Freigelassene</em> von der zweiten Schaluppe. Im -ganzen also <em>dreizehn</em> Mann. Ich und Freitag durften der Expedition -nicht beiwohnen, da wir unsre Burg und unser sonstiges -Eigentum sowie die Gefangenen im Auge behalten mußten.</p> - -<p>Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen -gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszurüsten. -Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitän, -der Passagier und fünf Mann das eine Boot, während der Leutnant -mit ebenfalls fünf Mann sich in dem andern einschiffte. -Gegen Mitternacht segelte die Mannschaft ab; ich aber harrte am -Strande und lauschte über das weite Meer, um zu vernehmen, -welche Entscheidung der nächtliche Kampf herbeiführen würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[Pg 166]</a></span></p> - -<p>Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben -Kanonenschüsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen -Ausführung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude -machen, da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste -vor mir sah; ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrünstig -für seine Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag -nach Hause, und bald senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre -müden Augen. Gegen Morgen wurden wir durch einen Kanonenschuß -geweckt, und wenige Augenblicke darauf hörte ich mich laut -rufen: »Gouverneur, Gouverneur!« Rasch bestieg ich, ein Fernglas -in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitän bereits anwesend -fand. Er schloß mich stürmisch in die Arme und sprach: -»Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches -Schiff; es gehört Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!«</p> - -<p>Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum -eine halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen.</p> - -<p>Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein -tüchtiges Schiff war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, -wohin mein Herz begehrte. Ich umarmte den braven Kapitän und -begrüßte ihn als meinen vom Himmel gesandten Befreier, der mich -aus jahrelanger Verbannung erlösen sollte.</p> - -<p>Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im -Innern der Burg erzählte mir der Kapitän den Hergang.</p> - -<p>»Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe näherte«, begann -derselbe seinen Bericht, »befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft -anzurufen und zu sagen, er brächte ihre Kameraden -zurück, die sie erst nach langem Suchen aufgefunden hätten.</p> - -<p>»Mit solchen Reden wußte er sie so lange zu beschäftigen, bis -die Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser -tapferer Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge. -Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann -niedergestreckt und auch der Zimmermann unschädlich -gemacht worden, gelang es uns sehr bald, mit den übrigen drei -uns zu Meistern des Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem -die gesamte Mannschaft des zweiten Bootes nachgeklettert war,<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[Pg 167]</a></span> -säuberten wir das Vorderdeck, drangen von da in die Springluke, -die nach der Küche führte, und nahmen hier den Koch und noch -zwei andre Meuterer gefangen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1670_illu.jpg" width="443" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Kampf mit den Meuterern.</p></div> -</div> - -<p>»Hierauf ließ ich die Luken schließen, damit die Mannschaft -zwischen den Decken den übrigen nicht zu Hilfe kommen könnte.<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[Pg 168]</a></span> -Alsdann befahl ich dem Leutnant, mit drei Mann die Kajütte zu -sprengen, in welcher sich der von den Empörern zum Kapitän Gewählte -befand. Durch den Lärm aufgeschreckt, war dieser aus dem -Bette gesprungen und hatte sich nebst zwei Matrosen bewaffnet. -Sobald die Thür geöffnet wurde, schossen die Männer von drinnen -heraus, so daß einer von uns getötet, zwei verwundet, dem Leutnant -aber der linke Arm verletzt wurde, was ihn jedoch nicht abhielt, -auf den Rebellenkapitän loszustürzen und ihm eine Kugel durch -den Kopf zu jagen. Als diesen die beiden Matrosen fallen sahen, -schwand ihnen der Mut und sie ergaben sich. Noch waren acht -Mann übrig, deren wir Herr werden mußten. Wir riefen ihnen -zu, sich zu ergeben, sonst wären sie alle des Todes. Sie sahen -auch das Vergebliche eines Widerstandes ein; wir öffneten nun eine -Luke und ließen sie aufs Deck heraufsteigen. So war ich wieder -rechtmäßiger Kommandeur des Schiffes geworden.«</p> - -<p>Nach beendeter Erzählung befahl der Kapitän, die für den -Gouverneur bestimmten Gegenstände herbeizuschaffen. Zuerst war -da ein Flaschenfutter mit mehreren Flaschen feiner Weine und -Liköre, sodann vortrefflicher Tabak nebst etlichen Pfeifen, zwei -große Stücke Rindfleisch sowie sechs Stücke Schweinefleisch, ein Sack -voll Erbsen und etwa 50 <span class="antiqua">kg</span> Zwieback; ferner eine Kiste Zucker -sowie eine mit Mehl, ein Sack voll Zitronen und eine Menge -andrer nützlicher Verbrauchsgegenstände; weiterhin sechs Hemden, -sechs Halsbinden, zwei Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, sechs -Paar Strümpfe, ein Hut und ein vollständiger Anzug, der erst -einen Tag getragen sein konnte. Mit allen diesen Gegenständen -beschenkte mich der Kapitän und setzte den Wunsch hinzu, ich -möchte mich sofort umkleiden, damit ich vor die Leute als Gouverneur -treten und die nötigen Befehle selbst erteilen könnte, was -sicherlich eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen würde. Gewiß -wird man mir aber glauben, wenn ich bemerke, daß ich mich in -meinem neuen, ungewohnten Staatskleide anfänglich nicht zurecht -finden konnte und mich auch recht unbehaglich fühlte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1680_deco.jpg" width="300" height="49" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[Pg 169]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1690_illu.jpg" width="599" height="600" alt="" /> -</div> - - - - -<h2>Vierzehntes Kapitel.<br /> - -Robinsons Abreise von seiner Insel.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Robinson als Gouverneur und Richter. – Abschied von der Insel und deren Bevölkerung. – Ankunft -in England. – Alles fremd in der Heimat. – Reise nach Lissabon. – Stand der brasilischen -Besitzungen. – Der brave Portugiese. – Günstige Vermögenslage. – Landreise durch -Spanien und Frankreich. – Wölfe in den Pyrenäen. – Freitag und der Bär. – Stillleben in London.</p></div> - -<p>Während des Frühstücks beratschlagten wir darüber, was mit -den Gefangenen vorzunehmen wäre. Atkins und seine zwei Spießgesellen -waren unverbesserliche Bösewichte, vor denen man auf der -Hut sein mußte. Hätte man sie mitnehmen wollen, so durfte es -nur in Fesseln geschehen, um sie auf der ersten englischen Kolonie<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[Pg 170]</a></span> -dem Arme der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern. Der menschenfreundliche -Kapitän wollte indes Milde üben, womit auch ich mich -einverstanden erklärte; wir kamen deshalb überein, die drei Personen -auf der Insel zurückzulassen. Aber sie sollten selbst diese Maßregel -als eine Gnade ansehen und darum bitten.</p> - -<p>Nachdem ich mich angekleidet hatte, erteilte ich Freitag den -Befehl, die Gefangenen von der Grotte nach dem Burgwäldchen zu -bringen; ich selbst begab mich nach einiger Zeit dahin, ließ die -Kerle, gefesselt wie sie waren, mir vorführen und hielt nun folgende -kurze Ansprache:</p> - -<p>»Die ganze Nichtswürdigkeit eures Gebarens ist mir durchaus -bekannt. Ihr habt euch gegen euren braven Kapitän empört, um -euren schändlichen Lüsten nach Seeräuberei zu frönen. Aber es -ist gekommen, wie es kommen mußte; wer andern eine Grube gräbt, -fällt selbst hinein. Das Schiff ist nach meinen Anordnungen -seinem rechtmäßigen Befehlshaber wieder übergeben worden, und -ich habe Befehl erteilt, daß euer Rebellenkapitän an die große Raa -aufgeknüpft wird. Könnt ihr übrigen etwas zu eurer Entschuldigung -oder Rechtfertigung vorbringen, so thut es beizeiten, sonst lasse ich -euch samt und sonders neben Atkins aufhängen!«</p> - -<p>Einer von ihnen antwortete im Namen der übrigen, sie hätten -nichts weiter zu sagen, als daß der Kapitän ihnen, als sie gefangen -genommen worden wären, versprochen hätte, sie beim Leben zu -lassen, und sie bäten daher Se. Exzellenz den Gouverneur demütig -um Gnade.</p> - -<p>»Da ich«, entgegnete ich hierauf, »die Erlaubnis habe, mit -dem ersten Schiffe nach England zurückzufahren und meine Abreise -eben bevorsteht, so wüßte ich keine andre Gnade walten zu lassen -als die, euch hier auf dieser Insel zurückzulassen; denn führet ihr -mit uns nach England, so erwartete euch dort von Rechts wegen -der Strang.«</p> - -<p>Die Leute willigten dankbar ein, und um sie bis zu meiner -Abreise immer in Furcht zu erhalten, ließ ich den erschossenen -Meutererkapitän an der großen Raa aufknüpfen. Der eigentliche -Kapitän jedoch, der inzwischen zu uns getreten war und die Ver<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[Pg 171]</a></span>kündigung -meines gnädigen Entscheids vernommen hatte, that, als -ob er in diese milden Maßregeln durchaus nicht einwilligen könne, -worauf ich, mich scheinbar in meiner Gouverneurswürde gekränkt -fühlend, ihn mit den Worten zurückwies: »Herr Kapitän, Sie wissen -recht wohl, daß die Gefangenen nicht die <em>Ihrigen</em>, sondern die -<em>meinigen</em> sind.«</p> - -<p>Nachdem alle noch einmal mich ihrer Dankbarkeit versichert -hatten, unterrichtete ich sie von allen Dingen, deren Kenntnis ihnen -jetzt von Nutzen sein konnte: von Säen, Pflanzen und Ernten, von -der Beschaffenheit des Bodens, von der Töpfer- und Korbflechterarbeit, -vom Brotbacken, von meinem Lusthause, von der Grotte, -von meinen Ziegenparks und von meiner Milch- und Käsewirtschaft. -Auch durfte ich nicht unerwähnt lassen, daß 17 Spanier und Portugiesen -in den nächsten Tagen landen würden, für welche ich einen -Brief in Bereitschaft halten wolle, der dem Don Caballos zu übergeben -sei. Endlich überließ ich ihnen noch Gewehre, Pulver und -Schrot sowie die meisten Vorräte, so daß sie gegen jeden Mangel -hinreichend geschützt waren. Nachdem ich sie in solcher Weise genügend -ausgerüstet hatte, ließ ich die Gefangenen wieder abtreten.</p> - -<p>Nun hielt ich mit dem Kapitän über die nahe <em>Abreise</em> Rat, -obschon es mir in den letzten Stunden doch recht schwer aufs Herz -fiel, meine Insel zu verlassen, an die sich so manche Erinnerungen -des Schmerzes und der Freude knüpften. Noch einmal gedachte ich -lebhaft der vergangenen Zeiten und derjenigen Ereignisse, die meinen -Sinn geläutert und mich zu einem gottesfürchtigen, tüchtigen Menschen -umgewandelt hatten!</p> - -<p>Es war nach dem Schiffskalender am 19. <em>Dezember</em> 1686, -als ich des Abends gegen 8 Uhr an Bord stieg, nachdem ich 27 Jahre, -2 Monate und 19 Tage auf der Insel verlebt hatte; an demselben -Jahrestage war ich mit Xury aus Saleh der Gefangenschaft der -Mauren entflohen.</p> - -<p>Gegen Morgen, etwa um 5 Uhr, ereignete sich noch ein eigentümlicher -Vorfall. Zwei der Verbannten kamen an das Schiff geschwommen -und baten, sie an Bord aufzunehmen, selbst auf die -Gefahr hin, daß sie in England auf der Stelle gehangen werden<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[Pg 172]</a></span> -sollten. Als man sie fragte, was sie bewogen habe, die Insel zu -verlassen, gaben sie zur Antwort: sie könnten nicht mit jenen Bösewichten -zusammenleben, ohne in beständiger Furcht zu sein, von -ihnen aufs grausamste mißhandelt oder gar getötet zu werden. -Der Kapitän bedeutete sie, daß er ohne meine Einwilligung nichts -versprechen könne; aber auf ihre wiederholte Beteuerung, redliche -und brave Menschen werden zu wollen, nahm ich sie wieder auf, -konnte ihnen indes eine tüchtige Tracht Prügel nicht ersparen, weil -sie in eigenmächtiger Weise gehandelt hatten.</p> - -<p>Diese Vorfälle sowie die Absendung einer Schaluppe, welche -allerhand Kisten und Koffer für die Gefangenen enthielt, hatten -unsre Abfahrt so weit verzögert, daß die Sonne bereits hoch über -dem Horizont stand, als wir die Anker lichteten. Beim Scheiden -von meiner Insel hatte ich zum Andenken meine große Mütze von -Ziegenfell, meinen Sonnenschirm, meinen Lieblingspapagei sowie -meinen Hund mit mir genommen; aber auch das Geld, welches ich -auf unserm und dem spanischen Schiffe gefunden, nicht vergessen. -Es war, da es lange Jahre unberührt in einem Winkel des Kellers -gelegen hatte, so schwarz und unkenntlich geworden, daß es erst -wieder blank gerieben werden mußte, um als gangbare Münze in -Umlauf gesetzt zu werden. Freitag, der seinen Vater nicht wiedergesehen -hatte, schaute unverwandt vom Verdeck aus nach der Insel -zurück, und Thränen standen in seinen Augen. Auch ich wurde -von tiefer Wehmut ergriffen, als die letzten Bergesgipfel in die -blauen Wogen der See hinabtauchten.</p> - -<p>Unsre Reise ging so schnell und glücklich von statten, daß wir -am 11. Juni 1687 an Englands Küste landeten. Nicht durch Worte -lassen sich die Gefühle schildern, mit denen ich nach 35jähriger Abwesenheit -zum erstenmal wieder die heimatlichen Fluren begrüßte. -Wie fremd kam ich mir in dieser Welt, unter diesen Menschen vor; -war es mir doch, als hätte ich niemals dieses Inselland gekannt! -Noch seltsamer und staunenswerter aber fand Freitag die Wunder -meiner Heimat: in den Häfen den mastenreichen Wald der Schiffe, -die langen Straßen mit den hohen steinernen Häusern, das unübersehbare -Gewühl und das geschäftige Treiben der Bewohner.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[Pg 173]</a></span></p> - -<p>Ohne Verzug eilten wir der Weltstadt London zu. Dort -erkundigte ich mich zuerst nach der Witwe, der ich mein kleines -Vermögen anvertraut hatte. Sie war noch am Leben, aber zum -zweitenmal Witwe geworden, hatte manches Ungemach erlebt und -befand sich in den drückendsten Vermögensumständen. Das Geständnis, -die anvertraute Summe mir nicht zurückerstatten zu -können, war für sie so niederschlagend, daß mich die arme brave -Frau in tiefster Seele dauerte. Ich suchte sie über diesen Punkt -zu beruhigen und sagte ihr, daß wir quitt seien, da ich ihr die -einst bewiesene Güte bis jetzt nicht habe vergelten können.</p> - -<p>Ein paar Tage darauf begab ich mich nach York. Mein -Vater und meine Mutter waren längst gestorben, und von meiner -ganzen Familie fand ich niemand mehr am Leben, als zwei -Schwestern und zwei erwachsene Söhne meines zweiten Bruders, -der erst vor wenig Jahren heimgegangen war und einiges Vermögen -hinterlassen hatte. Da man natürlich annahm, ich sei -längst gestorben, so war ich von dem Erbteil ausgeschlossen worden, -und meine Geschwister befanden sich nicht in der Lage, den auf -mich entfallenden Anteil mir auszuzahlen. So mußte ich mich -denn lediglich auf das beschränken, was ich von meiner Insel mitgebracht -hatte. In York war nun nichts weiter für mich zu finden: -ich kehrte deshalb nach London zurück, wo ich mit dem Kapitän -zusammentraf. Der brave Mann hatte seinen Reedern einen so -vorteilhaften Bericht über mich und meine Mitwirkung für die -Wiedereroberung seines Schiffes erstattet, daß sie nicht nur ihren -lebhaftesten Dank gegen mich aussprachen, sondern mich auch baten, -ein Geschenk von 200 Pfd. Sterling anzunehmen. Diese Summe -setzte mich in den Stand, selbst nach <em>Lissabon</em> abzureisen, um -dort Erkundigungen über meine Pflanzung und meinen Geschäftsgenossen -in Brasilien einzuziehen, der mich ohne Zweifel schon seit -drei Jahrzehnten für tot halten mußte.</p> - -<p>In dieser Absicht schiffte ich mich nach Lissabon ein, woselbst -ich in Begleitung meines unzertrennlichen Gefährten Freitag gegen -Ende des September ankam. Zuerst fragte ich nach dem portugiesischen -Kapitän, der mich so liebevoll aufgenommen und mir<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[Pg 174]</a></span> -mit seinem wohlmeinenden Rate so treu zur Seite gestanden hatte. -Er war jetzt hochbetagt und ging nicht mehr zur See; er hatte an -seinen Sohn die Führung des Schiffes sowie seiner Handelsgeschäfte -nach Brasilien abgetreten. Wir erkannten einander kaum -wieder, aber schon nach einer kurzen Auseinandersetzung begrüßten -wir uns herzlich als alte Freunde. Ich mußte ihm meine wunderbaren -Schicksale erzählen, und als ich damit zu Ende war, erkundigte -ich mich nach dem Stande meiner brasilischen Pflanzung -und nach meinem Mitpflanzer. Der Greis berichtete mir, er habe -seit neun Jahren Brasilien nicht besucht; damals sei mein Handelsgesellschafter -noch am Leben gewesen, die beiden von mir ernannten -Faktoren wären aber gestorben. Indessen glaubte er, daß man -über das Gedeihen meiner Pflanzung günstige Berichte erhalten -werde, denn nach der allgemeinen Annahme, daß ich in einem -Schiffbruche untergegangen sei, hätten meine beiden Faktoren meine -Rechte auf die Pflanzung dem Staatsprokurator übergeben; es -sei bestimmt worden, daß, im Fall ich nicht wiederkehre, um mein -Eigentum in Anspruch zu nehmen, ein Drittel dem königlichen -Schatze und zwei Drittel dem Kloster des heiligen Augustin zufallen -sollten, um zur Unterstützung der Armen und zur Bekehrung -der Indianer zur katholischen Religion verwendet zu werden. Käme -ich aber selbst oder ein von mir Bevollmächtigter, um die Rückgabe -meines Vermögens zu verlangen, so würde es mir nicht vorenthalten -werden, mit Ausnahme dessen, was zu mildthätigen -Zwecken verwendet worden wäre.</p> - -<p>Weiterhin wurde mir versichert, daß der Intendant der königlichen -Einkünfte und der Schatzmeister des Klosters jährlich eine -Rechnung von dem Ertrage empfangen und davon die mir rechtlich -zukommende Hälfte regelmäßig bezogen hätten.</p> - -<p>Als ich den Greis fragte, ob mir die Geltendmachung meiner -Ansprüche auf die Pflanzung etwas nützen würde, erwiderte er:</p> - -<p>»Ja, sicherlich wird es sich der Mühe lohnen. Ihr Gesellschafter -ist ein reicher Mann geworden, und wenn mich mein Gedächtnis -nicht täuscht, so beläuft sich das auf den König gefallene -Drittel jährlich über 200 Moedore (= 4800 Mark). Auch wird<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[Pg 175]</a></span> -es keine Schwierigkeiten verursachen, den Besitz Ihrer Pflanzung -wieder anzutreten, da Ihr Gesellschafter noch am Leben, also Zeuge -Ihres Eigentumsrechtes ist, und Ihr Name überdies noch immer -in den Verzeichnissen der Pflanzer eingetragen steht. Auch die -Erben Ihrer Faktoren sind brave und redliche Leute, und ich zweifle -nicht, daß sie Ihnen bei Ihrem Vorhaben förderlich zur Seite -stehen werden. Außerdem aber müssen sie, wenn ich nicht ganz -irre, auch eine bedeutende Geldsumme für Sie in Händen haben, -die aus den Einkünften der Pflanzung herrührt, welche ihre Eltern -zu jener Zeit bezogen, ehe sie vor ungefähr zwölf Jahren dem -König und dem Kloster dieselben überlassen mußten.«</p> - -<p>Ich vermochte nicht, meinen Unwillen darüber zu unterdrücken, -daß meine Faktoren so eigenmächtig über mein Vermögen verfügt -hatten, da ihnen doch wohl bewußt war, daß ich <em>ihn</em> – den Kapitän -– zum Universalerben in meinem Testament eingesetzt hatte.</p> - -<p>Der alte Mann erwiderte, daß er meinen letzten Willen nicht -habe vollziehen können, weil er keine Beweise für meinen Tod oder -eine ewige Verschollenheit gehabt hätte. »Aber«, fügte er hinzu, -»ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, was Ihnen vielleicht minder -unangenehm sein wird. Auf die allgemein geglaubte Nachricht von -Ihrem Tode erboten sich Ihr Gesellschafter und Ihre Faktoren, -mich durch die Einkünfte der ersten sechs Jahre abzufinden, worauf -ich auch eingegangen bin. Dieselben waren aber nicht bedeutend, -weil damals auf die Pflanzung selbst noch große Summen verwendet -wurden. Indessen werde ich Ihnen hierüber noch genaue -Rechnung vorlegen.«</p> - -<p>Nach einigen Tagen empfing ich von dem alten Kapitän wirklich -die Rechnung, und es stellte sich heraus, daß er mir 470 Moedore -schuldete, die er in Tabak, Zucker, Rum und andern Produkten -empfangen hatte, außer 15 Doppelrollen Tabak und 60 Kisten -Zucker, die in einem Schiffbruch verloren gegangen waren. Hierauf -holte er eine lederne Börse, nahm daraus 160 Moedore und -händigte mir dieselben mit der Bemerkung ein, daß ihn viele Unglücksfälle -betroffen hätten, wodurch er sich jetzt außer stande sähe, -mir die ganze Rechnung auszuzahlen. Für den Rest bot er mir<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[Pg 176]</a></span> -einen Vertrag an wegen der Hälfte des Anteils, den er und sein -Sohn an der Fracht eines Schiffes hätten, welches von diesem geführt -und in kurzem ankommen würde.</p> - -<p>Die Rechtschaffenheit des braven Greises rührte mich bis zu -Thränen, besonders als ich an die vielen Wohlthaten dachte, die -er mir einst erwiesen hatte. »Jetzt aber, teurer Kapitän«, drang -ich in ihn, »sagen Sie mir unumwunden, ob Sie die Entbehrung -dieser Summe irgendwie in Verlegenheit setzt?«</p> - -<p>»Ich leugne nicht, mein lieber Freund«, entgegnete der Greis, -»daß es mir einigermaßen unbequem fällt, aber es ist <em>Ihr</em> Geld, -und Sie bedürfen desselben vielleicht noch nötiger als ich.«</p> - -<p>Der Mann flößte mir immer mehr Achtung und Teilnahme -ein. Ich nahm 100 Moedore und stellte ihm darüber eine Quittung -aus, dann gab ich ihm 60 Moedore und seine Papiere mit der -Bemerkung zurück, daß ich von einem solchen Ehrenmanne, wie er -sei, keine weitere Sicherheit nötig hätte. Der alte Kapitän freute -sich über meine Erkenntlichkeit und gab mir dann in betreff meiner -brasilischen Reise manche beherzigenswerte Winke, die meiner allezeit -raschen Wanderlust Zügel und Zaum anlegten.</p> - -<p>In nächster Zeit gingen zwei Schiffe nach Brasilien ab, und -mit diesen wurden meine beglaubigten Papiere und Dokumente an -den Ort ihrer Bestimmung befördert. Noch waren nicht sieben ganze -Monate verflossen, als von den Erben meiner Faktoren ein Päckchen -einlief mit den folgenden Papieren:</p> - -<table summary="Abrechnung"> -<tr> - <td>1. </td> - <td>Eine Rechnung vom Ertrage meiner Pflanzung während -der ersten sechs Jahre, nach abgeschlossener Rechnung -mit dem Kapitän, laut welcher mir zu gute kamen,</td> - <td>Moedore</td> - <td>1174 </td> -</tr> -<tr> - <td>2. </td> - <td> Eine Rechnung vom Ertrage derjenigen Jahre, welche -der obrigkeitlichen Verwaltung meiner Einkünfte vorhergingen </td> - <td class="tdr">Moedore </td> - <td class="tdr">3241 </td> -</tr> -<tr> - <td>3. </td> - <td>Eine Rechnung vom Prior des Klosters, welches über -vierzehn Jahre zwei Drittel meiner Einkünfte bezogen -hatte, noch vorhanden </td> - <td class="tdr bb">Moedore </td> - <td class="tdr bb"> 872</td> -</tr> -<tr> - <td colspan="3" class="tdr">Moedore </td> - <td class="tdr"> 5287</td> -</tr> -</table> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[Pg 177]</a></span></p> - -<p>Was der Prior für mildthätige Zwecke verausgabt hatte, konnte -ich nicht zurückverlangen, und über das Drittel, welches der Prokurator -für des Königs Säckel bezogen hatte, erhielt ich weder Rechnung -noch Geld.</p> - -<p>In jenem Päckchen lagen außerdem noch Briefe von meinem -ehemaligen Gesellschafter und seiner Familie, welche sämtlich die -aufrichtigsten Glückwünsche enthielten, ferner ein umständlicher Bericht -über den gegenwärtigen blühenden Zustand der Plantage und eine -Einladung, selbst den Besitz meiner Ländereien anzutreten. Außerdem -war dem Briefe noch beigefügt ein Geschenk von sechs Kistchen -eingemachter Früchte, von 100 Stückchen ungemünzten Goldes, etwas -kleiner als die Moedore, und sechs prächtigen Leopardenfellen, die -mich auf den Schluß brachten, daß meine Nachfolger Schiffe nach -Afrika ausgerüstet hatten und mehr vom Schicksale begünstigt waren -als ich bei meiner Fahrt nach Guinea.</p> - -<p>Aber das war noch nicht alles, denn fast gleichzeitig erhielt -ich von den Erben meiner Faktoren eine zweite Sendung, die mir -als Zahlung der schuldigen 4415 Moedore, 1200 Zuckerkisten, -800 Tabaksrollen und den Rest in Gold zuführte.</p> - -<p>Das war zu viel auf einmal! Fast erlag ich dem Drucke, -welchen das Übermaß der Freude auf mich kurz vorher noch so -armseligen Sterblichen ausübte. Jetzt war ich mit einem Schlage -ein reicher Mann, der über Besitzungen in zwei Weltteilen zu verfügen -hatte. Da durfte ich denn meinen alten wackeren Kapitän -nicht vergessen. Sofort zahlte ich ihm seine 100 Moedore zurück, -quittierte über den Empfang der noch rückständigen 370 und setzte -ihm eine jährliche Rente von 100 und nach seinem Ableben seinem -Sohne eine solche von 50 Moedoren aus. Außerdem betraute ich -ihn mit der Vollmacht, meine Einkünfte in Brasilien zu beziehen -und mir zu übermitteln.</p> - -<p>Mit dem nächsten nach Brasilien gehenden Schiffe sandte ich -ein Antwortschreiben zurück, in welchem ich meinen Dank aussprach -für die wohlgemeinten Glückwünsche und zugleich die Absicht mitteilte, -bald nach Brasilien überzusiedeln und dort vielleicht meine -Tage in Ruhe zu beschließen. Als Gegengeschenk fügte ich feine<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[Pg 178]</a></span> -englische Tücher, seidene Stoffe aus Italien, Spitzen aus Brabant -und andres dergleichen bei. Dem Prior aber gab ich meine Entschließung -kund, 500 Moedore seinem Kloster und die übrigen 372 -den Armen zu vermachen.</p> - -<p>So waren meine südamerikanischen Angelegenheiten in Ordnung -gebracht. Wenn ich dasselbe nur auch schon von den europäischen -hätte sagen können; denn hier stieß ich auf gar mannigfache Verlegenheiten. -Zuvörderst mußte ich darauf bedacht sein, meine Kapitalien -sicheren Händen zu übergeben, und es blieb mir nichts andres -übrig, als selbst nach England zurückzukehren.</p> - -<p>Mein alter Freund, der Seemann, riet mir, über Madrid und -Paris nach Calais zu reisen und von da nach Dover überzusetzen. -Damit ich aber auch Reisegesellschaft hätte, so machte er mich mit -dem Sohne eines englischen, in Lissabon ansässigen Kaufmanns -bekannt, der mich zu begleiten wünschte. Außerdem schlossen sich -noch zwei andre Kaufleute aus England sowie zwei Portugiesen -an, so daß wir im ganzen sechs Herren nebst fünf Dienern waren, -aber wohlberitten und bewaffnet. Meine Reisegefährten beliebten, -mir den Titel »Kapitän« zu geben, einmal, weil ich der Älteste -von ihnen war, dann auch, weil ich <em>zwei</em> Diener hatte.</p> - -<p>Wir verweilten einige Zeit in <em>Madrid</em>, um den Hof und die -übrigen Merkwürdigkeiten der spanischen Residenz zu besehen, und -gegen Mitte Oktober rückten wir weiter, um bei der schon vorgeschrittenen -Jahreszeit die Pyrenäen möglichst bald im Rücken zu -haben. In Pamplona berichteten uns die Leute, daß auf dem -Nordabhange des Gebirges bereits Massen von Schnee lägen, die -ein Durchkommen schlechterdings unmöglich machten. Die Kälte -war in der That empfindlich, zumal wenn man, wie ich, viele Jahre -lang unter der tropischen Sonne gelebt und erst seit zehn Tagen -den blauen Himmel des heißen Kastilien verlassen hatte. Dem -armen Freitag spielte die Kälte noch weit mehr mit – der Sohn -Amerikas sah hier zum erstenmal die Natur in ihrem rauhen -Winterkleide!</p> - -<p>Ich machte meinen Reisegefährten den Vorschlag, nach Fuentarabia -aufzubrechen, uns daselbst einzuschiffen und nach Bordeaux<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[Pg 179]</a></span> -zu fahren. Während wir uns noch darüber berieten, trafen vier -Franzosen in unserm Gasthof ein, deren Reise sowohl auf französischer -wie auf spanischer Seite Aufschub erfahren und welche die -Reise über das Gebirge unter Leitung eines kundigen Führers -gemacht hatten. Wir ließen den Mann auf der Stelle holen, und -er versprach, uns auf den nämlichen Wegen nach Frankreich hinüber -zu geleiten. Vom Schnee sei nichts zu befürchten, sagte er, -aber vor den Wölfen, die wegen der großen Kälte zu ganzen -Trupps ausgehungert umherschwärmten, könne man nicht genug -auf der Hut sein. Wir entgegneten ihm, daß wir hinlänglich mit -Waffen versehen seien, um solch einen Trupp nach Gebühr zu -empfangen. Wegen des Führergeldes wurden wir mit dem Manne -schnell handelseinig, und so brachen wir, nachdem sich uns noch zwölf -Reisende mit ihrer Bedienung angeschlossen, am 15. November 1687 -von Pamplona auf.</p> - -<p>Wir waren nicht wenig verwundert, als uns der Führer -wohl an zehn Stunden weit auf der Straße nach Madrid rückwärts -führte, wo wir uns in einem angenehm warmen Klima -und in schöner, schneeloser Landschaft befanden. Dann aber wandte -er sich links gegen den Gebirgszug und führte uns, an tausend -schauerlich gähnenden Abgründen vorbei, bis auf die Höhe des -Gebirges, von wo uns die grünen, lachenden Gefilde von Languedoc -und der Gascogne entgegenblinkten. Bis dorthin war freilich -noch mehr als <em>ein</em> mühevoller Schritt zu machen, wenngleich man -das Schlimmste überstanden zu haben glaubte.</p> - -<p>Eines Nachmittags wurde aber der Führer, als er uns vorausritt, -von zwei Wölfen und einem Bären angegriffen. Der -bestürzte Mann verlor so sehr alle Besinnung, daß er, statt sein -Pistol abzufeuern, nur aus Leibeskräften schrie. Schnell gebot ich -Freitag, hinzureiten, und er zerschmetterte durch einen sicheren -Pistolenschuß den Kopf des einen Wolfes. Der andre, welcher -sich heißhungrig auf das Pferd gestürzt hatte, entfloh, von dem -Knalle erschreckt, ins Gehölz; Freund Petz aber ließ sich dadurch -nicht irre machen, sondern blieb ruhig stehen. Der arme Führer -hatte zwei empfindliche Wunden, eine in den rechten Arm, die<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[Pg 180]</a></span> -andre in den Schenkel erhalten; aber das Pferd war unverletzt -geblieben, da die Zähne des Wolfes nur die Riemen des Zaums -gepackt hatten.</p> - -<p>Man kann sich wohl denken, daß wir auf den Knall der -Pistole, der wie dumpf grollender Donner sich durch die Gebirgsthäler -fortpflanzte, unsern Pferden die Sporen in die Weichen -drückten, um mit möglichster Schnelligkeit auf den Platz des Abenteuers -zu gelangen. Während wir den Führer durch einen Schluck -Branntwein zu stärken suchten und an seine Wunden Verbände -anlegten, gewahrten einige zu ihrem nicht geringen Entsetzen, wie -der Bär, ein Bursche von respektabler Größe, Miene machte, sich -zu nähern, statt sich zu entfernen.</p> - -<p>Schon wollten etliche Herren auf ihn anlegen, da bat mich -Freitag:</p> - -<p>»O Herr, erlaube mir, daß ich dem Tiere die Hand reiche, -es wird euch allen viel zu lachen geben!«</p> - -<p>»Sei kein Thor, Freitag«, sagte ich zu ihm; »der Bursche -dort läßt nicht mit sich spaßen. Er wird dich mit Haut und Haar -verschlingen.«</p> - -<p>»Was? Er mich essen?« triumphierte Freitag. »Dafür werde -ich mich sehr bedanken – ich werde <em>ihn</em> essen; gebt acht, es wird -viel Spaß absetzen.«</p> - -<p>Die Reisegesellschaft gab seiner Laune nach und wartete der -Dinge, die da kommen sollten. Freitag zog im Nu seine Stiefel -und Strümpfe aus, zog statt deren ein Paar Schuhe an, übergab -sein Pferd einem Bedienten, nahm ein Gewehr und eilte gerade -auf den Bären los.</p> - -<p>»Höre, höre, guter Freund«, wandte sich Freitag an Meister -Petz, »ich möchte mit dir ein bißchen plaudern.« Aber der Bär -schien keine besondere Neigung zu haben, sich in ein Gespräch einzulassen. -Da die freundliche Ansprache unerwidert blieb, versuchte -Freitag auf andre Art, dem Vierbeinigen Aufmerksamkeit einzuflößen. -Er hob einen großen Stein auf und warf ihn dem Tiere an den -Kopf. Doch ob er den Bären oder eine alte Mauer getroffen -hätte, war ganz gleich: sein Gegenüber verharrte in bewunderns<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[Pg 181]</a></span>würdigem -Gleichmut. Dieser kecke Übermut Freitags machte einige -der Reisenden besorgt, und schon schickten sie sich an, auf das Fell -des Bären eine nachdrückliche Ladung zu geben. Aber Freitag, der -die Eigenart des Tieres studiert zu haben schien, winkte abwehrend -gegen die Schußfertigen. Dann wandte er sich seitwärts und schwang -sich auf den Stamm einer Eiche, an deren Fuße er sein Gewehr -anlehnte. Der Bär, immer wütender geworden, folgte knurrend -hinterdrein.</p> - -<p>Ich konnte bis jetzt in der ganzen Posse noch nichts »zum -Lachen« finden, im Gegenteil, mir war ganz unheimlich zu Mute, -als ich meinen Getreuen sich bis an das äußerste Ende des Astes -zurückziehen und den Bären ihm auf dem Fuße folgen sah.</p> - -<p>»Jetzt, meine Herren«, rief Freitag in heiterer Stimmung, -»jetzt werden Sie sehen: der Tanz beginnt!«</p> - -<p>Bei diesen Worten sprang er und schüttelte den Ast so kräftig, -daß diese schaukelnde Bewegung dem Bären unbehaglich wurde und -er sich bedachtsam zurückzog. Freitag aber ließ ihn nicht so leichten -Kaufes frei, sondern rief ihm zu: »Was kommst du nicht näher, -Freund? Immer komm her!« Und wirklich that das Tier einige -Schritte vorwärts. Jetzt neues kräftiges Schütteln und Schaukeln – -neuer Rückzug; kurz, das Spiel dauerte eine Zeitlang in dieser -Weise fort, und wir mußten über die drolligen Gebärden des Bären -herzlich lachen.</p> - -<p>Doch Abend und Dunkelheit brachen herein, und ich rief Freitag -zu, dem Possenspiel ein Ende zu machen; denn wir alle wußten -nicht, wie der Scherz ausgehen würde.</p> - -<p>Freitag zog sich sogleich an das äußerste Ende des Astes -zurück, hielt sich mit größter Geschicklichkeit mit beiden Händen daran -fest und sprang dann leichten Fußes auf den Boden.</p> - -<p>Hierauf ergriff er sein Gewehr und blieb bewegungslos stehen. -Als der Bär seinen Feind unten sah, ward es ihm auf dem Baume -zu einsam, und er wollte gleichfalls herabsteigen. Doch that er es -mit einer merkwürdigen Vorsicht, sah sich bei jedem Schritte um -und kletterte endlich langsam und bedächtig am Stamme herunter. -Kaum aber berührte er mit seinen Tatzen den Boden, so legte ihm<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[Pg 182]</a></span> -Freitag seine Flinte ans Ohr und streckte ihn tot nieder. Dann -drehte sich der Schelm lachend uns zu, um in unsern Mienen den -wohlverdienten Beifall zu lesen, und sagte nicht ohne einen Zug -selbstgefälligen Stolzes:</p> - -<p>»So töten wir daheim, in Amerika, die Bären!«</p> - -<p>»Aber wie ist denn das möglich, Freitag«, warf ich ihm ein, -»ihr habt ja keine Flinten?«</p> - -<p>»Nein, meine Brüder haben keine Flinten, aber ihre langen -Pfeile treffen ebenso sicher.«</p> - -<p>Gern hätte Freitag dem erlegten Gegner das Fell abgezogen, -aber wir durften uns bei der zunehmenden Dunkelheit nicht unnützerweise -länger verweilen, zumal in unsre Ohren ein entsetzliches -Geheul der herumlungernden Wölfe drang. Schon im ersten Gehölze -lief etwa ein halbes Dutzend dieser Tiere über den Weg, -welche aber gar keine Notiz von uns zu nehmen schienen. Als -wir gegen die Ebene zuschritten, erblickten wir ein ganzes Rudel, -welche an den Knochen eines Pferdes nagten; bald schon vernahmen -wir aus dem nahen Gehölze fürchterliches Geheul und sahen gleich -darauf eine große Schar einem seines Reiters ledig gewordenen -Pferde nachrennen.</p> - -<p>Dies erforderte rasches Handeln. Wir trennten uns in zwei -geschlossene Trupps und feuerten abwechselnd; gleich bei den ersten -Schüssen stürzten vier der Bestien, mehrere andre wurden verwundet -und röteten den Boden mit ihrem Blute. Wir selbst stimmten -nun ein ohrenzerreißendes Geheul an, und zwar so wirkungsvoll, -daß es sogar den Wölfen zu arg wurde und diese sich zurückzogen. -Mittlerweile luden wir rasch unsre Gewehre und setzten unsern -Weg weiter fort.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1821_illu.jpg" width="414" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p><a name="abb3" id="abb3"></a>Robinson von Wölfen überfallen.</p></div> -</div> - -<p>Unser Führer befand sich am folgenden Morgen so schwach, -daß er uns nicht weiter begleiten konnte; wir bezahlten ihn anständig, -mieteten einen Ersatzmann und zogen nach <em>Toulouse</em>, wo -wir weder Schnee noch Wölfe, sondern eine liebliche warme Sonne -und fruchtbare blühende Gefilde trafen. Als die Leute dort unser -bestandenes Reiseabenteuer vernahmen, fanden sie es unbegreiflich, -wie unser Führer so kühn sein konnte, uns in dieser Jahreszeit -<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[Pg 183]</a></span>über das Gebirge zu führen, noch dazu mit so vielen Pferden, welche -die Gier der Wölfe aufs höchste stacheln. Alle stimmten darin -überein, daß wir nur wie durch ein Wunder dem Tode entgangen -seien. Denn bereits sei ein Reisender vor uns den Heißhungrigen -zum Opfer gefallen – wohl der Besitzer jenes leeren, von den -Wölfen verfolgten Pferdes.</p> - -<p>Von Toulouse ging die Reise ohne Aufschub weiter nach <em>Paris</em>, -von da nach <em>Calais</em>, wo wir nach <em>Dover</em> übersetzten. Nach kurzer -Rast ließ ich mich noch an demselben Tage mit Freitag für den -Postwagen einschreiben und langte den Tag darauf in London an.</p> - -<p>Mein erster Besuch galt der guten alten Witwe, welche die -Erzählung von dem glücklichen Wechsel meines Schicksals unter -Freudenthränen anhörte. Ich setzte ihr eine lebenslängliche Rente -von jährlich 100 Pfund Sterling aus und quittierte über die -Summe, die sie mir noch schuldete. Dann bat ich sie, meinem -Hauswesen vorzustehen, worein sie gern willigte, und nach wenigen -Tagen bezogen wir eine geräumige, behagliche Wohnung. Mein -Vermögen war bar in meinen Händen, denn die Wechsel, die ich -mitbrachte, wurden ohne Schwierigkeit eingelöst. Auch meine -Schwestern vergaß ich nicht: ich sandte einer jeden 100 Pfund Sterling -und fügte das Versprechen hinzu, ihnen diese Summe lebenslänglich -als eine jährliche Pension zu sichern. Meine beiden Neffen -nahm ich zu mir, und da der älteste etwas eignes Vermögen -besaß, so erzog ich ihn wie einen Mann von Stande und sorgte, -daß er diesen Rang behaupten konnte. Der zweite hatte Neigung -zur Seefahrt; ich billigte natürlich diese Neigung und übergab ihn -deshalb der Obhut eines angesehenen, tüchtigen Schiffskapitäns, -der ihn auf weiten Reisen, besonders nach Westindien, zu einem -wohlunterrichteten, taktfesten Seemann ausbildete.</p> - -<p>Während der ersten Zeit meines Aufenthalts in London dachte -ich oft an meine brasilische Pflanzung und an das Versprechen, -dieselbe zu besuchen. Allein die Gesellschaft, die ich dort vorgefunden -haben würde, und die ganze Lebensart überhaupt behagten mir so -wenig mehr, daß ich mich lieber entschloß, die Pflanzung zu verkaufen. -Ich schrieb deshalb an meinen alten Freund in Lissabon<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[Pg 184]</a></span> -und bat ihn um seinen Beistand in dieser Angelegenheit. Seine -Antwort lautete dahin, er halte es für das vorteilhafteste, den -Erben meiner ehemaligen Faktoren den Kaufantrag zu machen. Die -Unterhandlungen folgten rasch, und nach dreiviertel Jahren gingen -in Lissabon die Anweisungen auf 33000 Moedore (825000 Mark) -ein. Dem Kapitän gab ich den Auftrag, das Kapital der ihm zugesicherten -Rente für sich selber zu behalten und mir den Rest des -Geldes zu übersenden, was auch in sehr kurzer Zeit in guten -Wechseln geschah. Nachdem ich auch diese beträchtliche Summe -sicher angelegt hatte, konnte ich sorgenfrei in London leben. Um -nicht allein in der Welt dazustehen, verheiratete ich mich mit einer -Dame, deren Liebenswürdigkeit und wirtschaftlicher Sinn mir das -häusliche Leben so angenehm machten, daß ich mich in meinen vier -Pfählen recht behaglich fühlte.</p> - -<p>Im Hafen einer sicheren und Ruhe verheißenden Existenz war -ich nun nach mancherlei Stürmen mit dem 56. Jahre meines -Lebens eingelaufen. Es schließt hiermit der erste Hauptabschnitt -einer abenteuerlichen Laufbahn, welche die gütige Vorsehung mit -einer seltenen Mannigfaltigkeit menschlicher Schicksale ausgestattet -hatte, eine Laufbahn, die zwar thöricht begonnen, doch bei weitem -befriedigender verlaufen sollte, als ich irgend hoffen durfte. Daß -ich nach einigen Jahren nochmals aus der gewonnenen Ruhe und -aus dem friedlichen Behagen heraustreten und einen weiteren Teil -der Welt durchwandern sollte, hätte ich damals selbst nicht geglaubt.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1840_deco.jpg" width="300" height="122" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[Pg 185]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1850_illu.jpg" width="600" height="543" alt="" /> -<div class="caption"><p>Mitten im Eise.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Fünfzehntes Kapitel.<br /> - -Aufenthalt in England und neue Reise.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Neue Reiselust. – Abfahrt. – Das Totenschiff. – Im Antillenmeer. – Der Büffeljäger. – -Ankunft in der Kolonie.</p></div> - -<p>Mein Glück schien nach einem 35jährigen Kampfe gegen die -Wechselfälle des Lebens fest begründet, und ich würde sorglos in -beschaulicher Zurückgezogenheit haben leben können, wenn ich nicht -immer und immer wieder an meine Insel und die zurückgelassene<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[Pg 186]</a></span> -Kolonie hätte denken müssen. Verglich ich mein früheres rastloses -Wirken mit meiner jetzigen Unthätigkeit, dann ergriff mich Unmut, -und die Welt, in der ich thatlos dahinlebte, wurde mir zu enge. -Mich zog wieder eine heftige Sehnsucht hinaus über den weiten -Ozean, nach fernen Ländern.</p> - -<p>Um diesen Anwandlungen neuer Reiselust zu widerstehen, kaufte -ich mir in Bedfordshire ein Landgut, dessen schöner Meierhof so -weit von der See ablag, daß mich der Blick auf dieselbe oder der -Umgang mit Seeleuten nicht aufregen konnte. Ich richtete mich -behaglich ein, kaufte Geräte und Vieh zur Ackerwirtschaft, pflanzte, -jätete, riß ein und baute wieder auf, um meinen Gedanken eine -andre Richtung zu geben. Aber wie mein eigner Schatten verfolgte -mich die Sehnsucht nach der Ferne. Einige Jahre hielt ich es aus, -als mir aber meine Frau durch den Tod entrissen wurde, fand ich -keinen Gefallen mehr an dem bisherigen Stillleben. Zwei Kinder, -die mir geschenkt waren, hatte ich guten Händen anvertraut. Die -landwirtschaftlichen Beschäftigungen langweilten mich mehr und -mehr, und ich beschloß, mein Gut zu verkaufen und nach London -zu ziehen. Anfangs behagte mir die Veränderung, die Zerstreuung -in der Hauptstadt, aber bald fand ich den Lärm derselben -und noch mehr das Nichtsthun unerträglich und ich sann -auf Veränderung.</p> - -<p>Als ich einstmals in tiefes Nachsinnen über Zukunftspläne -versunken auf dem Lehnstuhle saß, besuchte mich mein Neffe, der -als Schiffskapitän Südamerika kennen gelernt hatte und nun dorthin -über Neufundland zurückkehren wollte. Er lud mich ein, ihn -zu begleiten, ich sagte zu und – machte mich dann reisefertig.</p> - -<p>Nachdem ich zuvor mein Vermögen sicher angelegt, die Wahrnehmung -meiner Angelegenheiten und die Aufsicht über die Erziehung -meiner Kinder meiner Haushälterin, der treu bewährten -alten Witwe, anvertraut hatte, begab ich mich am 8. Januar des -Jahres 1694 mit meinem Freitag an Bord der kleinen Fregatte, -die in den Dünen vor Anker lag. Noch an demselben Abend gingen -wir unter Segel. Die Ladung, die ich mit mir führte, war wert<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[Pg 187]</a></span>voller -und mannigfacher als je eine der früheren. Sie enthielt ein -zerlegtes Fahrzeug, allerlei Tuchsorten, leinene und andre Stoffe; -ferner Hüte, Schuhe, Strümpfe, Bettzeug, Töpfe, Kessel, Nägel, -Werkzeuge; endlich zahlreiche Flinten, Pistolen und zwei metallene -Kanonen; hierzu Pulver, Kugeln und Schrot in allen Sorten, -weiterhin andre Waffen, wie Säbel, Degen und Lanzen. Hierdurch -glaubte ich für den Verteidigungszustand der Inselfestung hinreichend -gesorgt zu haben.</p> - -<p>Ein frischer Wind führte uns aus dem Hafen, und bald befanden -wir uns auf offener See; ringsum nur Himmel und Wasser. -Nach etwa acht Tagen erhob sich ein mächtiger Südsturm und trieb -uns tief in das nebelbedeckte Meer von Neufundland. Anfangs -gefiel mir dieser Wechsel, aber bald wurde die Sache doch unangenehm. -Ein eisiger Wind blies über das Schiff und drang tief -in die Glieder. Die Wellen, welche Schaum spritzend an die Schiffswände -schlugen und uns durchnäßten, gefroren, und so wurden -unsre Kleider mit einer Eisrinde bedeckt, die Segel steif und unlenksam, -das Takelwerk starr wie Stangen. Dabei herrschte wegen -des dicken Nebels stete Dämmerung um uns, so daß der Steuermann -den Schiffsschnabel kaum noch sehen konnte und wir in -Gefahr gerieten, an einen schwimmenden Eisberg oder eine Eisscholle -anzurennen. In der That huschten von Zeit zu Zeit graue -Schatten wie Gespenster an uns vorbei, auf welche die Matrosen -mit sorglichen Blicken schauten, da sie in ihnen Eisberge erkannten. -Endlich verwandelte sich die feuchte Luft in Eiskristalle, -es begann ein Schneewehen, welches bald zu wildem Schneegestöber -wurde. Doch dauerte es nicht an, der Horizont hellte sich etwas -auf, so daß wir etwa einen halben Kanonenschuß weit sehen -konnten.</p> - -<p>Da rief der wachthabende Matrose: »Schiff in Sicht!« Wir -eilten aufs Verdeck und sahen wirklich ein Schiff gerade auf uns -zukommen, denn es war windstiller geworden und das kalte Polarwasser -strömte uns entgegen. Wir riefen dem Fahrzeuge zu, rechts -auszuweichen. Aber niemand ließ sich auf dem fremden Schiffe<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[Pg 188]</a></span> -sehen und hören, dessen ganzes Aussehen einer Ruine glich. Der -Hauptmast war in der Mitte abgebrochen, an den Raaen hingen -hier und da Segelfetzen, wie etwa an der Stange einer alten Regimentsfahne, -die oft ins Kartätschenfeuer gekommen ist. Die andern -Masten fehlten, die Schiffsplanken schienen gewaltsam in die Höhe -gedrückt, am Steuer hing ein großer Eisklumpen, auf dem Verdeck -lag tiefer Schnee, und doch glaubten wir am Mast eine menschliche -Gestalt zu entdecken, die nach uns herüber sah. Wir riefen, -schossen eine Kanone ab; alles umsonst. Nichts regte sich auf -dem Geisterschiffe, das auf uns zukam, als wollte es uns in -den Grund bohren. Den Matrosen ward unheimlich zu Mute; -aber meinen Neffen und mich reizte die Neugier, zu erfahren, was -es mit diesem Selbstsegler für eine Bewandtnis habe. Das Boot -wurde langsam niedergelassen und dann nach dem rätselhaften -Schiffe gerudert.</p> - -<p>Wir langten bald an, stiegen die Treppe hinauf und betraten -das Deck nicht ohne einiges Herzklopfen. Dichter Schnee starrte -auf dem Deck, doch nirgends stieß man auf menschliche Spuren. -Unordentlich lagen Taue, Ketten und andre Gerätschaften durcheinander, -aber allesamt mit Schnee und Eiskrusten überzogen. -Zögernd schritten wir nach der Treppe, um in die Kajütte hinabzusteigen. -Als wir am Mast vorübergingen, prallte mein Neffe -entsetzt zurück. Wir fanden angelehnt an den Mast einen Matrosen, -mit abgezehrtem Gesicht und verzerrten Zügen zur Hälfte aus der -Schneedecke hervorragend. Beim Hinabsteigen ins Zwischendeck -wurde uns in dem lautlosen Schiffe noch unheimlicher, denn es -trug die Spuren wilder Zerstörung; es fehlten Balken, Planken, -Thüren und was sonst zu einem gut ausgerüsteten Schiffe gehört. -Dagegen entdeckten wir Leichen in verschiedenen Stellungen, alle -gehüllt in zerfetzte Kleider, abgemagert und mumienartig eingetrocknet.</p> - -<p>Wir wagten kein Wort zu sprechen in diesem schwimmenden -Leichenhause. Jetzt befanden wir uns vor der Kajütte. Mein Neffe -öffnete die Thür, blieb jedoch wie festgebannt stehen. Ich sah ihm<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[Pg 189]</a></span> -über die Schulter und entsetzte mich auch. Denn am Tische saß -ein Mensch in Kleidern aus Renntierhaut und ein Bärenfell unter -den Füßen. Eine Pelzmütze bedeckte seinen Kopf, in der Hand -hielt er eine Feder und hatte eine Stellung, als wenn er im -Schreiben begriffen sei und darüber nachdenke, wie er fortfahren -solle. Schüchtern traten wir näher und stellten uns dem Schreiber -gegenüber. So etwas Grauenerregendes wie dieses Antlitz hatte -ich noch nie gesehen. Das Gesicht war abgezehrt, gelb und die -Haut straff über die Knochen gespannt. Graue Augen starrten in -mattem Glanze nach einem Bilde an der Wand, welches eine -Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arme darstellte. Vor -dem Toten lag das Schiffsbuch. Wir warfen einen Blick hinein -und lasen die Worte: »Seit gestern ganz allein; aber es geht auch -mit mir zu Ende. Wäre es doch überstanden! Ich fühle, daß die -letzte Stunde – – o Karoline, o lieber Eduard, leb – –.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1890_illu.jpg" width="600" height="448" alt="" /> -<div class="caption"><p>Das brennende Totenschiff.</p></div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[Pg 190]</a></span></p> - -<p>Wir durchsuchten das Schiff, fanden es aber ausgestorben und -wie ausgeplündert, daher nahmen wir nur das Schiffsbuch mit, um -uns über das Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung zu -unterrichten. »Weißt du was«, sagte ich zu meinem Neffen, »die -Toten wollen begraben sein! Aber nicht im Meere, sondern auf -einem Scheiterhaufen, wozu wir ihr Schiff benutzen.« Mein Neffe -dachte nach, nickte beistimmend, und in wenigen Minuten knisterte -die helle Flamme im Schiffe. Rasch und innerlich froh, das unheimliche -Fahrzeug wieder verlassen zu können, eilten wir zu unsrer -Brigg zurück und sahen von dort aus das brennende Totenschiff, -wie es die Matrosen nannten, davonsegeln, sich weiter und weiter -entfernen, bis es am Horizonte endlich wie ein Punkt verschwand. -Das Ganze würde uns wie ein Traum vorgekommen sein, hätte -uns nicht das Schiffsbuch davon überzeugt, daß wir den Abschluß -einer wahren Begebenheit erlebt hätten. Neugierig blätterten wir -das Schiffsbuch durch und erfuhren, daß das Totenschiff eigentlich -ein Walfischfahrer war, mit Namen »Hemskerk«, welchen Delfter -Reeder in das Grönländische Meer auf die Jagd ausgesandt hatten. -Die Unternehmung hatte, den Aufzeichnungen zufolge, anfänglich -den gewünschten Erfolg gehabt, dann aber zeigten sich die Wale -nur noch selten, und man beschloß daher, weiter nach Norden vorzudringen, -um neue Jagdgründe zu entdecken. Man kreuzte hin -und her; darüber verstrichen zehn bis zwölf Tage, es trat ein -zeitiger Winter ein; die Walfischfahrer mußten umkehren und befanden -sich bald mitten zwischen Eisschollen und Eisbergen. Tag -und Nacht dröhnte, krachte und knallte es von zusammenstoßenden, -berstenden Schollen, und schwankend taumelte das Schiff. Endlich -tauchte eine große, mächtige Scholle unter, verschwand unter dem -Schiffe, hob sich aber mitsamt demselben, welches nun auf die -Seite sank und in dieser Stellung verblieb.</p> - -<p>Die Seefahrer waren zwischen Eis- und Gletschermassen eingesperrt -und mußten sich zu einer Überwinterung einrichten. Bald -trat Mangel ein; es ging bereits mit dem Öl und Brennmaterial -sehr knapp her. Da es an frischem Fleische fehlte, brachen Krank<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[Pg 191]</a></span>heiten -aus, die Leute wurden zaghaft, lungerten traurig und verdrossen -umher und erfroren lieber, als daß sie sich dem langsameren -Hungertode aussetzten.</p> - -<p>Mit jeder Woche wurde die Zahl der Gestorbenen größer, und -die Überlebenden waren so matt, daß sie sich kaum von der Stelle -bewegen konnten. Was nur genießbar erschien, wurde zu essen -versucht: die Haut der Pelze, das Leder der Stiefelschäfte, sogar -Sägespäne. Nur drei Mann überlebten den Winter und das -Frühjahr. Der Sommer schien endlich Erlösung zu bringen, -denn das Eis teilte sich und das Schiff gewann wieder das -freie Meer; aber in welchem Zustande! Die Masten waren vom -Sturm und beim halben Umstürzen zerbrochen, das Steuerruder -unbrauchbar, die Überlebenden ohne alle Kräfte. Was half da -die erlangte Freiheit! Jeder trug den Tod bereits in sich und -sah ihn voraus.</p> - -<p>»So sitze ich denn«, schloß der Bericht, »ganz allein in dem -ausgestorbenen und ausgeleerten Schiffe, nehme meine letzte Kraft -zusammen, um der Welt und den Meinigen in Gedanken für immer -lebewohl zu sagen und dann zu sterben. Mir flirrt es schon vor -den Augen, der Kopf ist mir wie ausgeblasen und leer; so lebt -denn wohl, lebt wohl, herzinnig geliebtes Weib und Kind!« – –</p> - -<p>Lange saßen wir schweigend uns gegenüber, nachdem wir den -Bericht gelesen; es überlief uns eiskalt, wenn wir uns in die Lage -des Schreibers versetzt dachten. Lebhaft malte sich unsre Einbildung -die Szenen aus, welche der Kapitän und seine Untergebenen -durchlebt haben mußten, als sie in dem Totenschiff einsam dahinzogen -durch das dunkle Meer und die schneeerfüllte Luft!</p> - -<p>»So etwas kann nur ein Seemann erleben!« sagte mein Neffe, -warf einen sinnenden Blick durch das Kajüttenfenster aufs rauschende -Meer, wandte sich dann schnell, um die Schiffsmannschaft bei ihrer -Arbeit zu beaufsichtigen und sich durch diese Thätigkeit von trüben -Gedanken zu befreien. Mich selbst beunruhigte das Totenschiff noch -einige Tage, endlich aber brachten die Pflichten des Tages wieder -ruhige Stimmung. Wir landeten glücklich in Neufundland, brachten<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[Pg 192]</a></span> -schnell unsre Geschäfte zum Abschluß und ließen uns dann von -der Strömung an der Küste Amerikas entlang treiben bis in die -Gegend des Antillenmeeres.</p> - -<p>Als wir eines Tages langsam in geringer Entfernung von -der flachen Küste dahinstrichen, bemerkten wir in der Ferne eine -Art Indianerboot und darin aufrecht stehend einen Mann, der uns -zuwinkte. Wir mäßigten den Lauf unsres Schiffes und setzten ein -Fahrzeug aus, welches bald mit einem seltsam aussehenden Manne -zurückkehrte. Derselbe zeigte europäische Gesichtsbildung, trug am -Leibe auch Reste europäischer Kleidung, dagegen ein indianisches -Lederwams; seine Füße waren voll Wunden, zerfetzt und entstellt, -und an den Fuß- und Handgelenken hatte er Lederringe, die zum -Teil tief in das Fleisch schnitten. Der Fremdling sah elend und -herabgekommen aus und behauptete, er sei den Rothäuten entflohen, -die ihn als Sklaven benutzt hätten und schon am nächsten Festtage -ihrem Kriegsgotte opfern wollten. In der letzten Stunde bot -sich ihm Gelegenheit zur Flucht; von seinen Peinigern verfolgt, gelangte -er an einen breiten Fluß, welcher sein Fortkommen hemmte. -Hinter sich Indianer, vor sich den Strom mit steilem Ufer – da -galt kein Besinnen, so oder so finde ich den Tod! dachte Wilm, -der Fremdling, und sprang ins Wasser. Zwar sank er unter, -tauchte jedoch wieder auf und hielt sich schwimmend auf der Oberfläche; -wiewohl fortwährend von Pfeilen und Lanzen bedroht, blieb -er unversehrt, gewann das jenseitige Ufer, fand dort eine Kanoe, -schwang sich hinein und ruderte aus Leibeskräften, um seinen Verfolgern -zu entgehen, die am Ufer dahinrannten, schreiend und -lärmend, und ihm Steine und Geschosse nachsandten.</p> - -<p>Er ruderte so lange, bis ihm die Kräfte ausgingen, dann -legte er sich platt in das Kanoe nieder, ließ sich von den Wellen -forttreiben und schlief vor Müdigkeit ein. Wie lange dieser totenähnliche -Schlummer gewährt, wußte er nicht. Beim Erwachen bemerkte -er, daß er auf einem großen, breiten Strome dahintreibe; -er wollte sich nun dem Ufer nähern, um sich nach Nahrung umzusehen, -aber kaum war er eine kurze Strecke weit gerudert, so<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[Pg 193]</a></span> -entglitt plötzlich das Ruder seiner Hand, und er befand sich jetzt -hilflos auf einem Fahrzeuge, welches er nicht mehr zu lenken vermochte. -Was thun? Nach dem Ufer schwimmen? Das lag weit -entfernt. Also mußte sich Wilm dem Schicksale und den Wellen -überlassen, die ihn ziemlich schnell davontrugen. Zwar peinigten -ihn Hunger und Durst immer heftiger, aber nirgends zeigte sich -ein Rettungsweg. Endlich sah der zum Tode Erschöpfte das offene -Meer vor sich, in welches ihn der Strom führte. Unser Abenteurer -gab sich bereits verloren, denn nun fehlte ihm zum Durstlöschen -auch das Süßwasser, welches ihn erhalten hatte, so matt -und fad es auch schmeckte. Noch am zweiten Tage trieb er an -der Meeresküste dahin, bis ihn die Strömung unserm Schiffe -nahe brachte.</p> - -<p>Der Erzähler sah erbarmenswert genug aus, sehr abgemagert, -Wunden an Händen, Füßen und Schultern. Man reichte ihm zunächst -die nötige Nahrung, damit er sich wieder erhole; später, am -Abend, forderte man den Fremdling auf, die Gesellschaft mit seiner -Herkunft bekannt zu machen. Aus seiner Erzählung erfuhren wir, -daß er von Geburt ein Schotte und schon in früher Jugend dem -Triebe nach Reisen und Abenteuern folgte. Er kam als Matrose -auf einem Schiffe nach Amerika, wo er als Jäger nach den indianischen -Waldgründen zog und mancherlei Gefahren, die er uns sehr -spannend erzählte, zu bestehen hatte. Zuletzt geriet er in die Gefangenschaft -der Indianer und merkte an den Äußerungen der -Wilden, daß sie ihn am nächsten Frühlingsfeste dem großen Geiste -opfern wollten. Da galt es denn ernstlich, an baldiges Entrinnen -zu denken. Not macht erfinderisch, und so fand sich auch ein Mittel -zur Flucht. Wilm scheuerte an scharfer Baumrinde die ihn fesselnden -Riemen dünn, blies sich auf, wenn er angebunden wurde, so daß -er sich, wenn er Leib und Brust einzog, etwas drehen und wenden -konnte. Jede Nacht fanden Übungen in solchen Bewegungen statt, -und als die Riemen sich dünn genug erwiesen, entwand er sich der -Schlinge, die ihn an den Baum fesselte, und zerbiß die Riemen -mit den Zähnen. Indianer aber haben ein leises Gehör, man<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[Pg 194]</a></span> -hatte seine Tritte vernommen, im Nu war das Lager hinter ihm -her. Zwar hatte er einen Vorsprung, aber die wunden Füße -hinderten ihn am Laufen. Sicher wäre er in die Hände seiner -Feinde gefallen, wenn er nicht das Ufer eines Flusses erreicht und -sich durch einen Sprung in denselben gerettet hätte.</p> - -<p>Die Zuhörer Wilms waren seiner Erzählung aufmerksam gefolgt, -und alle betrachteten ihn als einen achtungswerten Schicksalsgenossen, -ja es deuchte allen am besten, wenn der Schotte sie nach -der Kolonie begleite.</p> - -<p>Seit der Auffindung Freitags war mir ein gleich leidsamer -Geselle nicht in den Weg gekommen. Ich machte daher Wilm den -Antrag, sich mir auf meinen weiteren Fahrten beizugesellen. Er -besann sich auch nicht lange und sagte zu.</p> - -<p>So verging in verschiedenartigem Wechsel ein Tag nach dem -andern. Kein widriger Wind hinderte uns, und wir erreichten -deshalb eher noch, als wir es gedacht, die Insel Trinidad, in deren -Nähe meine Kolonie lag. Doch konnte ich meine Insel anfangs -nicht wiedererkennen, weil sich unser Schiff an der Nordseite befand -und ich sie von dieser Seite aus noch nie gesehen hatte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1940_deco.jpg" width="300" height="232" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[Pg 195]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p1950_illu.jpg" width="600" height="581" alt="" /> -<div class="caption"><p>Kampf und Streit zwischen den Kolonisten.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Sechzehntes Kapitel.<br /> - -Die Schicksale der Kolonie.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Ankunft auf der Insel. – Freitag und sein Vater. – Bericht über die Wirren während der -Abwesenheit des Gründers. – Neue Ordnung. – Weitere Reisepläne.</p></div> - -<p>Endlich erkannte ich die Insel, und wir steuerten flott auf -sie zu. Die Bewohner hatten uns gleichfalls bemerkt und eilten -voll Erwartung ans Ufer. Kaum waren wir unter starkem Zulaufe -gelandet, so erkannte Freitag auch schon auf den ersten Blick -unter den Versammelten seinen Vater und schoß wie ein Pfeil<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[Pg 196]</a></span> -durch die verdutzten Inselbewohner auf ihn zu. Er fiel dem alten -Manne mit ausgebreiteten Armen um den Hals, streichelte ihm die -Wangen, setzte ihn auf einen Baumstamm, kniete vor ihm nieder -und blickte ihm fest ins Gesicht, während die hellen Freudenthränen -über seine Wangen flossen. Dann ergriff er die Hände des Greises -und küßte sie; wieder erhob er sich, setzte sich von neuem nieder -und schaute in das Antlitz seines Vaters mit der ganzen Zärtlichkeit -eines kindlich liebenden Sohnes. Aber auch ich wurde mit -lauter Freude begrüßt und von meinem Stellvertreter Caballos in -meine ehemalige Behausung geführt, welche man mittlerweile mit -einer wohlangelegten Befestigung versehen hatte.</p> - -<p>Don Caballos erzählte mir, als wir behaglich bei einer Flasche -Wein saßen, die vielfachen Störungen und Streitigkeiten, welche -während meiner Abwesenheit vorgekommen waren.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p1970_illu.jpg" width="600" height="528" alt="" /> -<div class="caption"><p>Die Kolonisten bei der Bodenbestellung.</p></div> -</div> - -<p>»Anfänglich herrschte zwischen uns und den Engländern«, so -berichtete er, »das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, -als ob die Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die -Engländer aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften -sie auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergnügen Papageien, -wendeten Schildkröten um, und wenn sie des Abends nach Hause -zurückkamen, ließen sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich -munden. Nur um des lieben Friedens willen hatten wir -sie gewähren lassen. Aber nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu -thun, hielten uns die Engländer von unsern eignen Geschäften ab. -Die ersten Zwistigkeiten waren geringfügiger Art, bald jedoch führten -sie einen offenen Krieg herbei. Die zwei Engländer, welche kurz -vor Ihrer Abreise in das Innere der Insel entwichen waren, kamen -später in die Burg, um die Vorräte mit verzehren zu helfen. Allein -sehr bald wurden sie von den drei rohen Insassen vertrieben. Nach -unsrer Ankunft beklagten sie sich beide über die erlittene Behandlung, -worauf wir versuchten, sie zu versöhnen, was aber nicht gelang, da -jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in der Burg beharrlich -verweigerten. Den armen Zurückgestoßenen blieb nichts übrig, als -sich von uns zu trennen und die nördliche Gegend der Insel zu<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[Pg 197]</a></span> -ihrem Wohnplatze zu wählen. Hier erbauten sie zwei Hütten, die -eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen -Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und etliche Ziegen. -Zwar konnten sie nur ein kleines Stück Land bebauen, doch fiel die -Ernte günstig für sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten -Wege bescheidenen Fortschritts. Jene drei böswilligen Burschen -indessen ließen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie -in ihrem neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, -daß ihnen der Besitz der Insel von dem Gouverneur übertragen sei -und niemand sich ohne ihre Einwilligung niederlassen dürfe, Pacht -für ihr Land. Da sie sich nun dieser Aufforderung nicht fügten<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[Pg 198]</a></span> -und darüber spotteten, vergaß sich der eine ihrer Gegner so sehr, -daß er die Hütte in Brand steckte. Zwar gelang es, das Feuer -alsbald zu löschen, doch kam es zu einem heftigen Streit, wobei der -Brandstifter schwer verwundet wurde. Da diese Burschen sahen, -daß sie es mit entschlossenen Leuten zu thun hatten, so begannen -sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten Kameraden mitnehmen -zu dürfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute jene -rührigen Engländer im Walde, welche sich bitter über die ihnen -zugefügten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten, -thaten sie den Engländern Vorhalt ob ihres Benehmens, -worauf der eine, Atkins, barsch antwortete: »Jawohl, wir wollen -euch beweisen, daß ihr Spanier auch unsre Sklaven werden müßt!«</p> - -<p>»Die Feindseligkeiten zwischen den Engländern unter sich -dauerten noch fort, und so kam es, daß eines Morgens die beiden -Kolonisten im Norden aufgebrochen waren und vor unsrer Burg -erschienen. Die drei Strolche hatten unterdessen auf Rache gesonnen, -waren auch aufgebrochen, jedoch in der Absicht, die zwei Kolonisten -im Schlafe zu überraschen, ihre Hütten einzuäschern und dieselben -zu ermorden. Zum Glück erreichten jene ihren Zweck nicht ganz -und begnügten sich damit, die Hütten niederzureißen und den gesamten -Viehstand zu töten. Frohlockend über den gelungenen Streich -kehrten sie dann nach der Burg zurück.</p> - -<p>»Die beiden Kolonisten eilten mit trüben Ahnungen ihren -Hütten zu und sahen das Werk ihrer fleißigen Hände als einen -wüsten Trümmerhaufen vor sich. Sie werden begreifen, welch wehmütiges -Gefühl sie da beschlich und wie die Thränen des Unwillens -in ihre Augen traten. Hierauf schritten sie der Festung zu, um -uns zu erzählen, was vorgefallen.</p> - -<p>»Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen -und prahlten gegen die Spanier mit dem verübten Bubenstück. -Ja ihr Übermut ging so weit, daß einer der schlimmen -Gesellen einem Spanier den Hut vom Kopfe warf und ihm sagte: -»Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid künftig höflicher, und -wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt, so wird es euch<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[Pg 199]</a></span> -gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten!« Empört schlug der -Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre -Engländer wollte seinen Freund rächen und feuerte sein Pistol auf -den Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer -ergriff sein Gewehr und würde unfehlbar den Engländer niedergestreckt -haben, wären die übrigen Spanier nicht dazwischengetreten -und hätten die drei entwaffnet.</p> - -<p>»Da diese sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie, -man möchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverständlich -konnten die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen -ihren Beistand zu, wenn sie in Nöten wären, was aber jene nicht -annehmen wollten. Als aber die beiden Engländer hinzugekommen -waren und strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten -um Milde. Infolgedessen wurden die Ruhestörer aufgefordert, das -Zertrümmerte wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies führten -sie auch aus, gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. -So verstrichen drei Monate ohne Unterbrechung, und da wir -glaubten, die drei seien endlich zur Einsicht gekommen, so gaben -wir ihnen die Waffen zurück, damit sie durch Erlegung von Wild -uns nützlich sein könnten. War nun dieser Streit endlich beigelegt, -so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und zwar von den -Kariben –«</p> - -<p>»Von den Kariben?« unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters. -»O, so erzählen Sie doch, welche Bewandtnis es mit -diesen gehabt.«</p> - -<p>»Eines Abends«, so fuhr Caballos fort, »war eine ganze -Flottille, 28 Barken stark, an der Nordküste, zwei Stunden von -unsern äußersten Pflanzungen entfernt, in die östliche Bucht eingelaufen. -Die Bemannung der fremden Pirogen mochte sich wohl -auf 250 Köpfe belaufen und war mit Bogen, Pfeilen, großen -Wurfspießen und hölzernen Schwertern ausgerüstet. Solch eine -feindliche Macht versetzte natürlich die Kolonisten in Furcht und -Schrecken. In aller Eile wurden die neuerbauten Hütten abgebrochen -und alles Vieh wie die Werkzeuge und Gerätschaften nach<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[Pg 200]</a></span> -der Höhle geschafft. Die Streitmacht der Kolonisten war gegenüber -der großen Zahl der Wilden nur sehr gering; denn sie bestand im -ganzen aus nur dreißig Mann. Die Europäer behielten die -Feuergewehre für sich, und jeder nahm auch noch eine Axt an sich. -Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins zu meinem -Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an seinem -Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es ihm -niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem -Gebüsch aufgestellt, auch den übrigen ihren Stand am Saume des -Waldes unter dem Schutze des Gesträuches angewiesen. Die Wilden -rückten in einem übel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen -gegen die kleine Streitmacht heran, während größere Scharen in -dichten Massen folgten. Atkins ließ den Trupp vorüberziehen, dann -befahl er dreien seiner Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren -Kugeln geladen hatten, auf den zusammengedrängten Haufen zu -feuern. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten mußte erheblich -gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung überkamen die Indianer. -Diesen Umstand benutzte Atkins und ließ eine zweite Salve folgen, -die eine ähnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich indes der Überrest -der Kannibalen etwas erholt, stürmten sie ihrerseits auf die -Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwährenden Salven vorsichtig -zurück, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug -unheildrohend durch das Laubwerk des Gebüsches, und wie Löwen -stürzten bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Männer -des Trupps: ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden getötet, -Atkins selbst leicht verwundet. Zum Glücke rückte das Hauptkorps -der Europäer in drei Zügen zu je sechs und acht Mann -näher, zunächst ein mörderisches Feuer eröffnend, so daß viele der -Wilden verwundet niederstürzten, die Masse derselben aber ratlos -durcheinander wogte.</p> - -<p>»Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, -drang auch der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel -hervor, und die sämtlichen Europäer fielen nun über die Feinde -mit den Handwaffen her. Im ersten Augenblicke wie gelähmt, ließen -sie sich leicht niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf -und setzten sich mannhaft von neuem zur Wehr. Wütend schlugen -sie mit ihren Keulen und Schwertern drein, schossen einen Hagel -von Pfeilen auf uns ab und verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, -darunter Freitags Vater. Doch die Kolonisten hieben erbarmungslos -mit ihren Äxten, Piken, Schwertern und Gewehrkolben -auf die Feinde los, so daß binnen kurzer Zeit 180 Indianer, teils -getötet, teils schwer oder leichter verwundet, die Walstatt bedeckten. -Die Feinde sahen nach solchem Verluste, daß hier jeder weitere -Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht das Ufer -zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europäer -waren zu sehr ermüdet, als daß sie die Flüchtigen hätten verfolgen -können. Doch das Maß des Unglücks war für die Besiegten noch -nicht voll; ein fürchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht -zu toben begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, -so daß sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott -gemacht werden konnten. Den größten Teil fanden sie bereits an -den Felsen zerschellt vor. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die -Wilden, die sich noch etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in -einem Kreise, das Kinn auf die Kniee gestützt, starr aufs Meer -hinausschauend – ein Bild unsäglichen Jammers!</p> - -<p>»Nach der Flucht der Feinde konnte man sich von den Strapazen -etwas ausruhen und sich durch Speise und Trank stärken. -Doch nur kurze Zeit gestattete man sich diese Erholungspause. Alle -waren ohnehin begierig, zu erfahren, was aus den Feinden geworden. -Daher brachen alle noch Streitbaren gegen die Küste auf, wobei -der Weg über den Kampfplatz führte. Dort lagen in grauenvollem -Gemisch Verwundete und Tote durcheinander, und auf allen -Seiten ächzte und stöhnte es in schauerlichen Tönen. In betreff -der am Leben gebliebenen Feinde, welche sich in die Wälder geflüchtet -hatten, war guter Rat teuer. Nach mannigfachem Hin- -und Herreden einigte man sich zuletzt in der Maßregel, womöglich -die feindlichen Kanoes zu verbrennen, um den Indianern die Rückfahrt -und die Anstiftung eines neuen Rachezuges gegen die Kolonie<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[Pg 204]</a></span> -abzuschneiden. Es gelang, die Wilden wurden dann unter täglichen -Kämpfen in die Felsengebirge der südwestlichen Gegenden unsres -Eilandes gedrängt. Hierauf zogen die Krieger es vor, Frieden mit -den abgeschnittenen Feinden zu schließen, und schickten deshalb -Freitags Vater als Abgesandten an dieselben ab. Dieser brachte -wirklich eine Verständigung zustande, zumal die armen Leute, von -Hunger und Elend gebeugt, bereits auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen -waren. Sie erhielten Nahrungsmittel (Brot, Reiskuchen -und Ziegenfleisch) und wurden dann unter der Bedingung -unverbrüchlichen Gehorsams als Freunde aufgenommen. Auf dem -südöstlichen Teile der Insel, in einem von hohen Felsen umgürteten -Thale, wies man ihnen Wohnsitze an und half ihnen Hütten erbauen. -Dann unterrichtete man sie auch in der Kunst, allerlei -Werkzeuge zu verfertigen, das Feld zu bearbeiten, Brot zu bereiten, -Körbe zu flechten, Töpfe zu formen, Ziegen zu melken, und beschenkte -sie mit Äxten, Beilen, Messern und sonstigen Gerätschaften -sowie mit einigen Ziegen und Böcken.</p> - -<p>»Nach und nach wußte das Völkchen sich immer bequemer einzurichten -und lebte ruhig und harmlos in seinem Winkel, glücklicher -vielleicht als in der alten Heimat!</p> - -<p>»Seit der Errichtung dieser neuen Ansiedelung erfreut sich -die Kolonie« – mit diesen Worten schloß Don Caballos seinen -Bericht – »nun schon zwei Jahre hindurch eines ungestörten -Friedens bis zu Ihrer Ankunft, Herr Gouverneur. Zwar landeten -noch von Zeit zu Zeit Indianertrupps an unserm Eilande, um -ihre entsetzlichen Triumphmahlzeiten zu halten, aber sie schienen kein -Verlangen weiter zu verspüren, das Innere der Insel kennen zu -lernen und uns mit ihrem schlimmen Besuche zu beehren.«</p> - -<p>Aus der Erzählung von Don Caballos ersieht man, welch -schwere Zeiten und bedrohliche Wirren während meiner Abwesenheit -über mein liebes Eiland hingegangen waren. Die Kolonie -befand sich jedoch gegenwärtig in erwünschtem Gedeihen und Fortschreiten, -und der Einfluß europäischer Gesittung hatte sich bei den -Indianern in wohlthätiger Weise geltend gemacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[Pg 205]</a></span></p> - -<p>Sie hatten bereits geflochtene Tische, Stühle, Ruhebetten und -noch manches andre Hausgerät sauber herzustellen gelernt. Auch -die Weiber des wilden Volksstammes wußten sich zu fügen und -zeigten sich arbeitsam. Sie zeigten sich auch gutmütig gegen die -Kinder und nahmen willig die Unterweisungen in den Lehren des -Christentums auf, wobei die Frauen der Kolonisten einen besonderen -Eifer kundgaben.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p2010_illu.jpg" width="404" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Unterweisung der Indianerinnen durch die Frauen der Kolonisten.</p></div> -</div> - -<p>Nicht selten hatte ich während meines kurzen Besuches Gelegenheit, -zu bemerken, wie von Zeit zu Zeit eine Kolonistin recht erbauliche -Mitteilungen an die eine oder andre der Indianerfrauen -richtete und in den letzteren ganz andächtige Zuhörerinnen fand.</p> - -<p>Nachdem ich jetzt einen Überblick über den Stand der Kolonie -gegeben habe, wie ich sie bei meiner Ankunft vorfand, will ich nun -auch berichten, was ich für die Ansiedler that und in welchen Verhältnissen -ich sie verließ. Es lag nicht in meiner Absicht, daß -jemand der Insel den Rücken zuwende, vielmehr wünschte ich die -Bevölkerung anwachsen zu sehen, und aus diesem Grunde hatte ich -ja eine Menge brauchbarer Werkzeuge und Geräte mitgebracht, an -denen es bisher gemangelt hatte. Der jetzige friedliche Verkehr der -Kolonisten untereinander befriedigte mich in hohem Maße, und ich -ermahnte sie, auch für die Folgezeit in Eintracht nebeneinander zu -leben. Zur Bestärkung in diesen guten Vorsätzen veranstaltete ich -ein glänzendes Friedens- und Freundschaftsfest, bei welchem unser -Schiffskoch viel Ehre einlegte.</p> - -<p>Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; -jeder der Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, -eine Schaufel, eine große Axt und eine Säge. Nägel, Klammern, -Hämmer, Bolzen, Messer und ähnliche Dinge wurden in Menge -verteilt. Meine Vorräte an Waffen und Munition waren so reichlich, -daß jeder doppelt und dreifach bewaffnet werden konnte und -daß man jetzt selbst einen Angriff von 1000 Wilden nicht mehr -zu fürchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete ich verschiedene -Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und -machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmäßigen<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[Pg 206]</a></span> -Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das -Land in verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroßes -Stück an. Mir selbst behielt ich die Oberherrschaft über die Insel -vor und bestätigte Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den -Wilden im Südosten wurde Freitags Vater entsendet. Er sollte -ihnen eröffnen, daß von nun an auch für sie eine neue Ordnung -der Dinge eintreten würde, und daß sie sich entscheiden sollten, ob -sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten um einen bestimmten -Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige wählten die Unabhängigkeit; -die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen.</p> - -<p>So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte -mich wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln -und Madagaskar und die Länder des Indischen Meeres besuchen, -sodann womöglich durch China und Sibirien den Heimweg -nehmen. Auch Wilm stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise -nach diesem Plane auszuführen – ihn trieb es gleichfalls -hinaus ins Weite. Also hieß es: die Segel gesetzt – auf! hinaus -wieder ins weite Meer!</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p2060_deco.jpg" width="300" height="146" alt="" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[Pg 207]</a></span></p> - -<div class="chapter"><div class="figcenter p4"> -<img src="images/p2070_illu.jpg" width="597" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Freitags Tod.</p></div> -</div> - - - - -<h2>Siebzehntes Kapitel.<br /> - -Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt.</h2></div> - -<div class="summary"> - -<p>Abschied von der Kolonie. – Kämpfe zur See. – Freitags Tod. – Brasilien. – Sturm am -Kaplande. – Verschlagen ins Eismeer. – Das »Venedig des Eismeeres«. – Gefangen im Eise. -– Durchbruch. – Der verlassene Matrose. – Ein »Robinson« auf einer schwimmenden Eisscholle. -– Irrfahrten. – Das Gespensterschiff. – Zusammenstoß mit den Kochinchinesen. – In China -und Sibirien. – Rückkehr nach England. – Endliche Ruhe.</p></div> - -<p>Die letzten Verhaltungsmaßregeln waren angeordnet, und als -ich Abschied nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie -ihren Vater und Wohlthäter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald -das Schiff das offene Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[Pg 208]</a></span> -mit fünf Kanonenschüssen lebewohl und richteten unsern Lauf nach -der Allerheiligenbai, die wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs -hatten wir aber noch ein verhängnisvolles Abenteuer zu bestehen, -das mir einen großen, unersetzlichen Verlust brachte. Am -dritten Abend nach unsrer Abfahrt bemerkten wir bei voller Windstille, -wie sich an einer fernen Küste dunkle Punkte lebhaft hin und -her bewegten. Der Hochbootsmann stieg mit dem Fernrohr auf den -Fockmast und berichtete, es sei eine ganze Flotte Wilder, und er -schätzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als hundert. Wir mußten -uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefaßt machen, zu -welchem ich die Schiffsmannschaft nach Kräften ermutigte. Ich ließ -die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender Mannschaft -besetzen. Die inzwischen näher kommende Flottille der Wilden -bestand aus etwa 130 Kähnen, jeder durchschnittlich mit einem -Dutzend Bewaffneter bemannt. Fünf oder sechs dieser Kanoes -kamen uns fast bis auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine -Umzingelung besorgten, gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, -daß sich die Wilden entfernen möchten. Diese verstanden es recht -wohl, schossen aber zahlreiche Pfeile auf uns ab und verwundeten -einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt ich immer noch meine Leute -vom Feuern zurück und ließ einige Planken in die Schaluppe hinabgleiten; -aus diesen bildete der Zimmermann eine Art Wall, hinter -welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden geschützt -war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel uns -in den Rücken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte, -mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl, -die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, -um die Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten -mit einem Hagel von Pfeilen und ach! – Freitag, völlig ungeschützt -dastehend – – stürzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. -– – Noch ein Blick aus seinen liebevoll ergebenen Augen, als -ich vor ihn trat, und – – <em>er verschied</em>.</p> - -<p>Der herbe Schmerz über den Verlust meines alten, treuen -Gefährten verdrängte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem -Zorn ließ ich fünf Kanonen mit Kartätschen und vier mit<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[Pg 209]</a></span> -Kugeln laden und in den dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. -Das war eine Salve, wie die Wilden in ihrem Leben keine ähnliche -empfangen hatten: eine Menge Barken wurden teils zertrümmert, -teils in den Grund gebohrt; alles, was noch ein Ruder -in den Händen fühlte, arbeitete aus Leibeskräften, um diesem mörderischen -Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft -unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in großer -Zahl unter Trümmern und Balken tote, verwundete und verletzte -Indianer umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. -Der Verlust meines treuen Freitag ließ sich nicht überwinden; -tiefe Schwermut bemächtigte sich seitdem meines Gemüts; kaum -daß Wilm mich etwas aufzuheitern vermochte.</p> - -<p>Am Abend jenes verhängnisvollen Trauertages setzte der -Wind um, eine frische Brise kräuselte den Spiegel des Meeres, -über welchem vorher die Windstille mit ihren bleiernen Flügeln -gehangen hatte – und weiter ging die Fahrt nach Brasilien ohne -Hindernisse und Gefahren.</p> - -<p>Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden -ankerten wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin -umschifft hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen -ehemaligen Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene -Geschenke austauschte. Derselbe gewährte mir auch seine Hilfe bei -Ausrüstung einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine -Zufuhr an Leuten und Gebrauchsgegenständen zukommen lassen -wollte. Den nützlichen Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, -ließ ich drei Milchkühe und fünf Kälber hinzufügen sowie -einige zwanzig Schweine und drei Pferde. Auch bewog ich, gemäß -eines den Spaniern gegebenen Versprechens, noch drei Portugiesinnen, -sich nach der Insel zu begeben. Das Boot, hinlänglich bemannt, -ging nun unter Segel und kam auch glücklich auf meinem Eilande -an, von der Einwohnerschaft mit Jubel begrüßt. Durch die neuen -Ankömmlinge wuchs die Kolonie bis auf die stattliche Anzahl von -ziemlich 70 Köpfen an, die Kinder nicht mit eingerechnet.</p> - -<p>Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschäftsgenossen, -der den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausführlichere Berichte<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[Pg 210]</a></span> -über den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und -die Regentschaft über die Insel führte, befand sich die Verwaltung -in guten Händen. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die -Wilden geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten -Jahren der Leitung der Kolonie mit allen Kräften unterzogen hatte, -gestorben war, brachen unter der Bevölkerung heftige, ja sogar -blutige Zwistigkeiten aus, und die Herrschaft ging von einer Hand -in die andre über. Müde der unaufhörlichen Streitigkeiten, zog es -eine Anzahl der Kolonisten vor, nach Brasilien auszuwandern, und -dieses Beispiel verlockte bald auch andre, die Insel zu verlassen. -Nun brach eine traurige Zeit für die Zurückgebliebenen an; denn, -wieder zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen und den -beständigen Angriffen der Wilden ausgesetzt, welche genaue Kenntnis -von der Abnahme der Bevölkerung der Insel erlangt hatten, setzten -sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf meinen Beistand. Sie -hatten in der That mir nach London geschrieben und mich um -Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre -vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin -zurückkehren, weil es doch zu spät gewesen wäre, ihnen erfolgreich -beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein entsetzliches -Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen -schwer heimgesucht wurden, hatten schließlich die völlige Verödung -der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem fürchterlichen -Verhängnisse. –</p> - -<p>Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte beendet hatte, nahmen -wir durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge -der guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant -einzunehmen gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter -fortzusetzen. Schon sahen wir in der Ferne den dunkelblauen -Streifen des Löwenberges aus dem Meere aufragen und hofften -nun in der Tafelbai zu ankern. Da stiegen plötzlich schwarze Wolken -auf, verhüllten die hohen Gebirge und überdeckten schnell den -ganzen Himmel. Bald hörten wir das schrille Toben und Sausen -des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der hochgehenden -Wogen einstimmte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[Pg 211]</a></span></p> - -<p>Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte -Finsternis lagerte über dem Meere, der Orkan heulte und tobte -in allen Tonarten, die Wellen türmten sich empor, die Masten -krachten, schnarrend zerrissen einige Segel, da wir nicht im stande -waren, sie zu reffen, und unser Schiff schoß wie ein Pfeil durch -das tobende Meer in der Richtung nach Südosten. Wir vermochten -nichts gegen die Übermacht des Sturmes auszurichten, mußten uns -derselben vielmehr willenlos überlassen. Nach einigen Tagen fanden -wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine neue Welt versetzt. -Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorüber, die oft -Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten phantastisch -gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht -finden können. Immer zahlreicher drängten die Schollen, immer -dichter zogen die Eisberge gruppenweise vorüber, weshalb die -Matrosen sie Eiskarawanen nannten. Die Eisblöcke oben auf den -Eisbergen glichen oft Häusern, Dörfern, verfallenen Kirchen oder -Schloßruinen, und einmal glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt -zu sein. Eine Menge von Eiskolossen hatte sich so geordnet, -daß sie wie Häuser nebeneinander standen und förmliche Straßen -bildeten. Wir nannten diese Stelle das »Venedig des Eismeeres«. -Man sah breite Wasserstraßen mit engen Nebengassen; Seehunde, -Pinguine und andre Seevögel schwammen lustig an diesen Eispalästen -entlang, aus deren zerbröckelten Wänden man sich mit -Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen zusammenstellen -konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da -silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das -Wasser der Straßenkanäle still, als ob es schliefe, und es war dabei -so schauerlich öde in der Eisstadt, daß es uns unheimlich wurde, -wie unter Ruinen.</p> - -<p>Die Schiffsmannschaft drängte zur Umkehr, obschon der Wind -wieder heftig vom Kap herwehte. Ich ließ also wenden. Aber wer -beschreibt unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgürtel -eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge zusammengetrieben, -diese waren aneinander gefroren und bildeten nun -ein Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[Pg 212]</a></span> -wir offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare -Eiswand. Was war zu thun? Wir saßen in einem kleinen Wasserbecken -gefangen, rings umschlossen von Eis – und wie lange wird -unser Becken eisfrei bleiben?</p> - -<p>Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte -ich mich, in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man -sich in solchen Fällen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mürbe, -das junge zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man -sich einen Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des -Schiffes gegen das Eis anläuft, oder indem man mit Säge und -Beil einen Kanal durch das Eis schlägt.</p> - -<p>Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher -einen Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrümmern -und die Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern mußten -das Schiff etwas zurückleiten, dann es gegen das Eis anrennen -lassen, um den Verband des Eises zu lockern und die entstandenen -Sprünge zu erweitern. Die Arbeit war sehr mühselig, aber erfolgreich; -gegen Mittag hatten wir unser Fahrzeug fast um eine ganze -Schiffslänge in den Eisgürtel eingezwängt, der nach allen Seiten -hin Risse und Sprünge zeigte, wodurch die Arbeit immer leichter -vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und arbeiteten -um so eifriger. Da sprang der Wind plötzlich um und wehte sehr -heftig von Süden her, daß die Wellen an den Eisgürtel brandend -anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten -hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden -die Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurückgerufen, welches gerade -eine Rückwärtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen. -Mit Mühe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener -Taue aufs Schiff zurückzuschaffen; denn bereits erweiterten sich -die Spalten und es rannten die Eisschollen so heftig aneinander, -daß sich das Boot mit den Leuten nicht dazwischen wagen durfte.</p> - -<p>Wir zählten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. -Wir riefen nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch -er hinter einer Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile -aber war zu unserm Schrecken unser Schiff immer weiter ins<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[Pg 213]</a></span> -offene Becken zurückgewichen, und so hatte es sich mehr und mehr -von unserm armen Gefährten entfernt. Da stand denn dieser händeringend -auf schwankender Eisscholle, mir noch nahe genug, um sein -Wehgeschrei zu hören! Doch war ich nicht im stande, ihn zu retten! -Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor- und rückwärts, -stürzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter trieben -uns die Wasserkanäle auseinander – ach, wir konnten ihm nicht -helfen, denn längst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr -erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang -eines braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas -Weiteres unternehmen zu können; aber mir stand die Gefährdung -des Lebens <em>aller</em> vor Augen – dies entschied. Wir segelten in -die breiten Kanäle des zerborstenen Eisgürtels hinein, winkten dem -Unglücklichen lebewohl und ließen ihn auf einer treibenden Scholle -im Sturm und bei hohem Wellengange zurück.</p> - -<p>Diese aufregende Szene gehört mit zu dem Entsetzlichsten, was -ich jemals erlebt habe. Indes darf sich der Leser mit mir darüber -freuen, daß der brave Andreas doch noch auf wunderbare Weise -gerettet wurde. Ich fand ihn wohlbehalten in Kanton wieder, wo -er mit einem holländischen Schiffe angekommen war; hier erzählte -er mir alsdann seine unerwartete Rettung.</p> - -<p>Als er uns davonfahren sah, ergriff ihn Verzweiflung. Er -warf sich nieder auf das Eis und schrie aus tiefstem Herzensgrunde. -Endlich raffte er sich auf, um sich ins Meer zu stürzen, da er der -Meinung war, ein schneller Tod sei dem langsameren Untergange -vorzuziehen. Sowie er aber an den Eisrand trat, erwachte die -Hoffnung von neuem. Zum Sterben ist noch immer Zeit, sagte er -sich und sann auf Mittel zur Rettung.</p> - -<p>Da Wind und Strömung die Eismassen nach Norden trieben, -so suchte er auf diese Seite zu gelangen und wählte sich eine große -Scholle dauerhaften Eises zum Fahrzeuge. In der Mitte und hinter -Eishügeln grub er sich eine Vertiefung, die sein Lager bilden sollte. -Alles Weitere überließ er dem Schicksale. Er trieb ein, zwei, drei -Tage, ohne etwas andres als Schollen zu sehen. Hunger und Durst -peinigten ihn, und er suchte Eis zu verschlucken, um den Durst zu<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[Pg 214]</a></span> -löschen; schließlich aber kam er auf den praktischen Gedanken, geschmolzenes -Schnee- und Eiswasser in kleinen Gruben zu sammeln -und diese als Zisternen zu benutzen. Die Nachtkälte fiel ihm zwar -sehr lästig, aber er suchte sie durch Auf- und Abgehen zu überwinden. -Da erhielt er auch Gesellschaft. Eine Robbenfamilie, bestehend -aus drei Mitgliedern, legte sich zum Schlaf nieder und blieb, -da sie wohl noch nie einen Menschen gesehen hatte, arglos in seiner -Nähe. Er konnte sie mit dem Beile erschlagen. Die Häute kamen -ihm sehr zu statten. Das Fleisch mußte er freilich roh essen, doch -klopfte er es zuvor mit dem Beilstiele mürbe und war am Ende -froh, überhaupt Nahrung zu erhalten. Sogar der Thran mundete -ihm. Die Scholle wurde inzwischen bedenklich kleiner, je weiter sie -nach Norden vorrückte, blieb aber doch noch groß genug, ihn zu -tragen. Nach mehreren Tagen näherte sie sich einer Inselklippe, -wo sie strandete und ihren Bewohner ans Land warf, den etliche -Tage darauf ein Schoner gewahrte und mit nach Kanton nahm.</p> - -<p>Nun komme ich wieder auf meine eigene Fahrt zurück. Wir -arbeiteten uns im Zickzack glücklich durch die Kanäle des Eisgürtels -hindurch und erreichten das offene Meer. Der starke Wind trieb -uns nach Norden bis an die Küste von Madagaskar.</p> - -<p>Obschon wir zuerst uns ganz freundlich von den Madegassen -begrüßt sahen, so gerieten doch unsre Leute beim Austausch von -Messern und andern Kleinigkeiten gegen frisches Fleisch bald in -Händel mit ihnen, wobei einer der Matrosen das Leben einbüßte. -Um diesen zu rächen, drangen unsre Leute in einige umliegende -Dörfer, verbrannten sie und erschlugen mehrere Eingeborene. – -Da eilte ich den Unbesonnenen nach, um zu retten, was noch gerettet -werden konnte; ich beschützte Männer und Frauen, welchen -fortan niemand mehr ein Leid anthun durfte.</p> - -<p>Aus jenen Tagen blieb mir namentlich eine Szene unvergeßlich. -Die Matrosen hatten in der Morgenfrühe ein Dorf angezündet, -über dessen Rohrdächer das Feuer prasselnd dahinzüngelte, -so daß die Einwohner gezwungen waren, ihre Verstecke zu verlassen. -Hierbei liefen viele den Angreifern geradezu in die Hände, und es -begann ein entsetzliches Niedermetzeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[Pg 215]</a></span></p> - -<p>Als ich in der Dämmerung die roten Feuersäulen am tiefdunklen -Himmel aufsteigen sah, ergriff mich eine beängstigende -Vorahnung dessen, was vorgefallen sein möchte. Von einigen -bewaffneten Matrosen begleitet, eilte ich in einem Boote ans Ufer -und dem Dorfe zu, woher der Lärm erscholl. Je näher wir kamen, -um so deutlicher hörten wir das Jammern und Heulen der Unglücklichen. -Kaum hat jemals ein Gefecht so erschütternden Eindruck -auf mich gemacht als diese Blutthat. Gierig wüteten die Flammen, -aber noch grimmiger hausten, wie Würgengel, die mörderischen -Matrosen. Dieser Anblick verwirrte meine Sinne: ich stand da, -regungslos, starr vor Entsetzen. Da flohen drei Weiber unter -lautem Wehgeschrei eilends an uns vorüber, hinterdrein 12 bis -15 Madegassen, verfolgt von unsern Leuten, die dareinfeuerten, -so daß einer der Flüchtlinge tot niederstürzte und mehrere verwundet -hinsanken. Die Fliehenden glaubten in uns neue Verfolger -zu finden und stießen ein herzzerreißendes Geschrei der Verzweiflung -aus. Es kostete mir viel Mühe, ihnen durch Zeichen anzudeuten, -daß wir ihnen kein Leid zufügen, sondern sie schützen wollten. -Zögernd näherten sie sich uns, warfen sich vor mir nieder, hingen -sich an meine Arme und baten mit Blicken um Rettung. Ich nahm -mich ihrer an, wies mit ernsten Worten ihre Verfolger zurück, -welche nicht begreifen konnten, wie ich dazu käme, sie an dem Rachewerke -zu hindern, zumal sie meinten, Heiden zu töten sei kein Verbrechen. -Murrend umstanden mich die Matrosen, aber zuletzt gehorchten -sie doch. Die Flüchtlinge waren gerettet; die Blicke des -Dankes, mit denen sie mich ansahen, werden mir ewig unvergeßlich -bleiben.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p2170_illu.jpg" width="402" height="600" alt="" /> -<div class="caption"><p>Robinson beschützt die verfolgten Frauen der Madegassen.</p></div> -</div> - -<p>Ich befahl meinen Leuten, auf das Schiff zurückzukehren, und -segelte dann eilends davon; aber kaum besser als in Madagaskar -erging es uns an der Küste im Persischen Meerbusen, wohin wir -uns wandten. Arabische Seeräuber griffen uns an, und nur mit -Mühe gelang es uns zu entrinnen. Ich konnte mich nicht enthalten, -<em>diesen</em> Überfall als eine Strafe zu bezeichnen, welche Gott -für das grausame Blutbad von Madagaskar über uns verhängt -habe; allein ich fand nur geringes Gehör bei der Schiffsmannschaft,<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[Pg 216]</a></span> -und die schon gereizte Stimmung wurde nicht besser. Da nahm -ich mir vor, sobald sich zu einer passenden Landung Möglichkeit -böte, die Mannschaft zu entlassen und neue Leute anzuwerben, -vielleicht auch ein neues Schiff für mein altes einzutauschen. In -diesem Entschlusse wurde ich noch mehr bestärkt, als mir der -Superkargo im Vertrauen mitteilte, daß der Ausbruch einer -Meuterei zu befürchten sei, wenn ich es nicht vorzöge, bis zur -Landung lieber gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Dies -geschah denn auch, und wir kamen ohne weiteren Zwischenfall nach -Surate. Hier glückte es mir, Korallen gegen Perlen und Edelsteine -einzutauschen. Dann segelten wir nach Borneo, mußten uns -aber unterwegs wiederholt mit Seeräubern herumschlagen, denen -wir weitere nicht unansehnliche Vorräte an Perlen und Gold abnahmen. -Etliche Zeit darauf landeten wir in einer kleinen Bucht -Siams.</p> - -<p>Das Schiff zeigte sich in der That stark mitgenommen. Da ich -nun in China und vielleicht selbst in Japan Waren einzuhandeln -gedachte, so suchte ich das Fahrzeug zu verkaufen und ein andres -dafür zu erwerben. Doch ging dies nicht so rasch. Endlich meldete -sich ein Portugiese, erzählte mir ein langes und breites von seinem -Schnellsegler und bot mir einen Austausch unsrer Schiffe an. Ich -besah das seinige, fand es geräumig und die Summe gering, die -ich noch herauszahlen sollte; ich schloß daher den Handel ab. Zwar -fielen mir der billige Preis und die Eile, welche der Portugiese -zeigte, etwas auf. Da jedoch seine Papiere in Ordnung waren, -so brachte ich den Handel zum Abschluß. Bald waren die Schiffe -umgeladen, und noch an demselben Abend segelte der Portugiese ab, -der auch einen Teil meiner Mannschaft erworben hatte, weil er -direkt nach Portugal und England zu reisen versprach. Ich mußte -also Matrosen werben, doch konnte das in einem belebten Hafen -leicht ausgeführt werden. Hierbei sollte ich nun erfahren, warum -der schlaue Portugiese beim Tauschen der Schiffe so große Eile -hatte. Sein Schiff hieß nämlich das »Gespensterschiff« und war -in ganz Südasien in Verruf, weil Geister in demselben umgehen -sollten, weshalb kein Matrose so leicht auf demselben Dienste nahm. -Infolge der unzureichenden Bemannung hatten auch schon Seeräuber, -welche das Fahrzeug überfielen, leichtes Spiel gehabt. Sie -plünderten es aus, nachdem sie die Matrosen niedergemetzelt hatten, -und überließen dann das Schiff den Wellen. Öde und verlassen -fand es ein englisches Kriegsschiff, welches sich seiner bemächtigte, -es in einen Hafen brachte und dort verkaufte. Indessen wurde bald -ruchbar, daß die Geister der Ermordeten in der Mitternachtsstunde -ächzend auf dem Schiffe umgehen sollten, was die Matrosen mit -Grauen erfüllte, weshalb jeder das Schiff mied. So erzählten sich -die Matrosen.</p> - -<p>Zwar glaubte ich nicht an diesen Gespensterspuk, aber die -Sache deuchte mich doch recht widrig, denn es schien ganz so, als -sollte mein Schiff unbemannt bleiben. Endlich meldete sich ein -großer, kräftiger Mann als Steuermann und versicherte, daß er -den unheimlichen Ruf des Schiffes kenne, sich aber vor Gespenstern -nicht fürchte, und daß es ihm auch gelingen würde, noch mehrere -unverzagte Kameraden anzuwerben. Mir fiel ein Stein vom Herzen, -und ich gab ihm Vollmacht und Geld, damit er sein Versprechen -schnell ausführen könnte. Nach etwa acht Tagen war alles in -Ordnung gebracht, und wir stachen in See, um nach Nanking zu -segeln. Alle waren neugierig, wie es mit dem Gespensterbesuche -kommen werde. Nicht ohne Bangen erwarteten die Matrosen die -erste Mitternacht, denn bei den meisten war der Mund tapferer -als das Herz, und so recht geheuer kam ihnen die Sache doch nicht -vor, je mehr Spukgeschichten sie sich erzählten. Die erste Nacht -verging ruhig, auch die zweite und dritte. Kein Gespenst ließ sich -sehen, und man fing bereits an, sich über die Sache lustig zu -machen. Anders erging es am vierten Tage; denn am Morgen -erzählte die Deckwache, sie habe das Gespenst gesehen, wie es die -Falltreppe heraufgestiegen, unhörbar über das Deck geschwebt und -an der andern Treppe wieder lautlos verschwunden sei.</p> - -<p>Dieser Vorfall beunruhigte alle, denn der Erzähler galt für -einen beherzten Matrosen. Nun erschien das Gespenst bald diesem, -bald jenem; heute stöhnte es, morgen klirrte es mit scharfen Messern, -bald erschien es in weißer, bald in schwarzer Tracht. Keiner wagte<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[Pg 220]</a></span> -es anzureden oder gar anzuhalten, denn an einem Geiste wollte sich -niemand vergreifen, da man von dem Wahn befangen war, daß -schon der Blick eines Gespenstes tödlich wirkte. Zuletzt gestand -auch der Steuermann, daß ihm das Gespenst erschienen sei, so daß -an dessen Dasein nicht zu zweifeln war. Die Sache wurde mit -jedem Tage bedenklicher; denn wo die Matrosen standen und saßen, -erzählten sie sich Geistergeschichten, von denen eine phantastischer -war als die andre.</p> - -<p>Vergeblich suchte ich die Matrosen zu überzeugen, daß es keine -Gespenster gäbe; man entgegnete mir stets, daß sich niemand das -abstreiten lasse, was er mit eignen Augen gesehen habe. Schließlich -erschien auch mir selbst das Gespenst.</p> - -<p>Eines Nachts öffnete sich leise die Thür, ein grauer Schatten -schwebte herein und durch das Zimmer, um auf der andern Seite -schnell wieder zu verschwinden. Nun hatte ich also das Gespenst -selbst gesehen und konnte dessen Dasein nicht mehr bestreiten. Ich -wollte und mußte der Sache auf die Spur kommen, versah mich -also für den nächsten Abend mit einer Pistole und einem Dolchmesser, -um zu versuchen, ob das Gespenst auch unverwundbar sei. -Mit Unruhe erwartete ich die Mitternacht; das aufgehende Mondviertel -warf einen blassen Schein durch das Kajüttenfenster auf -einige Stellen der Kajütte, deren Thür ich geöffnet hatte. Siehe, -da hob sich draußen die Falltreppe, ein grauer Schatten stieg -empor, trat in die Kajütte und schritt gerade auf mein Bett zu. -Da wurde mir doch etwas bange zu Mute, es flimmerte mir vor -den Augen, ich vergaß Pistole und Dolch, fühlte den Hauch des -Gespenstes, welches sich über mich beugte, und die Sinne begannen -mir zu schwinden. In diesem Augenblicke ergriff mich ein verzweifelter -Mut: ich faßte nach der Kehle des Gespenstes, und siehe -da, ich hatte etwas Festes in der Hand, und zwar einen Geist, der -Fleisch und Knochen hatte. Das Gespenst wollte sich losreißen. -Ich aber sprang aus dem Bett, ergriff die Pistole und befahl dem -erschreckten Gespenst, sich nicht von der Stelle zu rühren. Dann -rief ich die Wache herbei, welche nicht wenig erstaunt war, als sie -den Geist vor mir knieen sah und um sein Leben bitten hörte.<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[Pg 221]</a></span> -Sogleich wurde ein Verhör angestellt, und es ergab sich, daß das -Gespenst ein verurteilter Verbrecher war, welcher sich bei Nacht in -das Schiff geflüchtet hatte, um der Verfolgung und Strafe zu -entgehen. Am Tage hielt er sich zwischen Kisten und Balken des -untersten Schiffsraumes verborgen, des Nachts aber suchte er die -notwendigen Nahrungsmittel zusammenzubringen. Um auf seinen -Rundgängen nicht angehalten zu werden, spielte er die Rolle des -Gespenstes. Solchergestalt hoffte er den nächsten Hafen zu erreichen -und dann zu entschlüpfen. Wir mußten allesamt herzlich -lachen, als sich die furchtbaren Gespenstergeschichten in Diebstähle -von Brotrinden und Fleischresten verwandelten. Obschon der Kerl -den Tod verdient hatte, so versprach ich doch, seiner zu schonen, -schon weil das Gespenst aus Not nun selbst die Matrosen von -dem Wahne des Gespensterglaubens geheilt hatte.</p> - -<p>Mittlerweile hatten wir uns der Küste von Kochinchina genähert -und warfen dort gegenüber der Mündung des Flusses die -Anker aus, zumal unser Schiff, das etwas leck geworden war, einer -Ausbesserung bedurfte. Wir fanden das Land von rohen Menschen -bewohnt, die Raub und Diebstahl ganz handwerksmäßig betrieben -und es ganz ungescheut versuchten, unser Schiff zu bestehlen. Doch -wir hielten stand, und nach einem sehr heftigen Handgemenge zogen -die Kochinchinesen ab, wonach wir durch weitere Besuche von ihnen -nicht mehr belästigt wurden.</p> - -<p>Nachdem das Schiff wieder segelfertig gemacht war, nahmen -wir unsern Kurs gegen Nordost, dann direkt nach Nord, vorüber -an einer schönen Insel (Formosa?), in der Absicht, über Kanton -nach Nanking zu segeln. Hier kamen wir nach zwei Wochen glücklich -an und besahen uns diesen wichtigen Hafenplatz nach allen -Richtungen. Dann unternahmen wir, allerdings mehr aus Neugierde, -als um Geschäfte zu machen, kleinere wie größere Reisen -ins Innere des Landes.</p> - -<p>Von Nanking aus, wo wir uns mit den nötigen Reisebedürfnissen -versahen, schlugen wir die Richtung nach der nördlichen -Hauptstadt des himmlischen Reiches ein. Diese Reise, welche wir -teils zu Lande, teils zu Wasser zurücklegten, dauerte 25 Tage.<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[Pg 222]</a></span> -Wir fanden überall das Land stark bevölkert und wohl angebaut, -die Straßen und Wege in gutem Zustande. Endlich kamen wir -in Peking an, ohne daß uns etwas Absonderliches widerfahren -wäre. Leider konnten wir uns in der Stadt nicht lange umsehen, -denn wir erfuhren, daß die russische Karawane, an welche ich mich -mit dem Präriejäger anschließen wollte, schon binnen zwei Tagen -aufbrechen werde. Bald hatten wir die fast endlose Stadt mit -ihrer dreifachen turmreichen Umfassungsmauer und ihren unabsehbaren -Straßen im Rücken.</p> - -<p>Nachdem wir China durchwandert, dann auch in Sibirien -einen Winteraufenthalt genommen hatten, regte sich in mir das -Verlangen, England baldigst wiederzusehen; ich benutzte also die -erste Gelegenheit, mich nach London einzuschiffen, wo ich am -10. Januar 1705 nach mehrjähriger Abwesenheit wohlbehalten -eintraf.</p> - -<p>Doch sollte es vorher nicht ohne ein kleines Abenteuer abgehen. -Es war in Hamburg. Damals befand sich ganz Europa -in Krieg wegen der spanischen Thronfolge. Die Russen, Dänen -und Sachsen kämpften mit den Schweden, und England, Holland, -Österreich und Italien mit Frankreich. Man brauchte viel Soldaten, -warb daher junge Mannschaft oder raubte sie, wenn sie nicht freiwillig -kommen wollten, mit Gewalt. Wir waren bereits auf dem -Schiffe, konnten aber widriger Winde halber den Hafen nicht verlassen. -Da sahen wir einen jungen Mann in ein Boot steigen, -nach unserm Schiff rudern und auf dasselbe steigen. Vor dem -Kapitän angekommen, bat er dringend um dessen Schutz. Er sagte, -er sei ein Student aus Sachsen, habe eine Ferienreise machen -wollen, sei aber von Werbern überfallen und fortgeschleppt worden, -um in ein schwedisches Regiment gesteckt zu werden. Er habe -durchaus keine Lust zum Kriegsdienste, sei entflohen und werde -von der hamburgischen Polizei verfolgt. Nur in England glaube -er auf Schutz rechnen zu dürfen und bitte daher, ihn mitzunehmen. -Einige Fragen überzeugten den Kapitän von der Wahrheit der -Aussage. Es schmeichelte unserm Stolze, daß ein englisches Schiff -Zufluchtsstätte für unschuldig Verfolgte werden könne. Wir wehrten<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[Pg 223]</a></span> -seinen Verfolgern daher den Zutritt zum Schiffe, und während des -langen Unterhandelns drehte sich der Wind; alsbald fuhren wir -ab und nahmen unsern Schützling mit nach England, von wo er -später wohlbehalten über Holland heimgekehrt sein soll.</p> - -<p>Meine Geschäftsfreunde, welche ich aufsuchte, gaben mir befriedigende -Auskunft über mein zurückgelassenes Vermögen. Während -mein letzter Geschäftsgenosse, Herr Wilson, noch in rüstigem Mannesalter -nach Bengalen zurückkehrte, um dort durch Handelsgeschäfte -sein Vermögen zu mehren, legte ich endlich, jetzt ein 72jähriger -Greis, meinen Wanderstab nieder, um bei meinen beiden Kindern, -die mir Gott gesund erhalten hatte, den Rest meiner Tage in Ruhe -und Frieden zu beschließen und mich auf jene letzte Reise vorzubereiten, -deren Ziel der Himmel ist.</p> - - -<p class="p4 center">Ende.</p> - - - -<p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[Pg 224]</a></span></p> - - - -<div class="title2"> -<p class="large p4 bold">Der junge Handwerker und Künstler.</p> - - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p2240_illu1.jpg" width="470" height="600" alt="" /> -</div> - -<p>Anleitung<br /> -zur<br /> -Herstellung nützlicher Gegenstände<br /><br /> - -aus Papier, Pappe, Holz, Gips, -Metall u. s. w.<br /><br /> - -sowie zum Photographieren.</p> - -<p>Von<br /> -Carl Freyer.</p> - -<p>Mit 580 Text-Abbildungen und 5 Tafeln.</p> - -<p> -<em>Geheftet</em> 4 M.<br /> -<em>Gebunden</em> 5 M. -</p> - -<p>»Der junge Handwerker und Künstler« ist -bestimmt, in umfassendster Weise das heutzutage -allerorten zu Tage tretende Bestreben zu unterstützen, -die in der Jugend schlummernde Neigung -zur <em>Ausübung von Handfertigkeiten</em> zu heben und die Bethätigung solcher Geschicklichkeiten -auf die Herstellung nützlicher Dinge überzuleiten. Der Inhalt ist ein außerordentlich reichhaltiger, -insbesondere ist auch der heute in weitesten Kreisen verbreiteten und beliebten Kunst -des <em>Photographierens</em> ein besonderer Abschnitt gewidmet.</p> -</div> - -<div class="title2"> - -<p class="large p4 bold">Beschäftigungsbuch für die reifere Jugend.</p> - -<p>Anleitung zum Experimentieren,<br /> -Anlegen von Sammlungen, sowie zur Pflege der Haustiere und des Hausgartens.</p> - -<p>Zugleich 5. Auflage von »<em>Der gelehrte Spielkamerad</em>«.</p> - -<p>Von</p> - -<p> -Gebunden 5 M. Wagner-Freyer. Gebunden 5 M.<br /> -</p> - -<p>Mit 300 in den Text gedruckten Abbildungen.</p> - -<p>Das »Beschäftigungsbuch« ist der <em>geistigen -Thätigkeit</em> der Jugend gewidmet und -soll unter Anwendung ungefährlicher Hilfsmittel -zum <em>Experimentieren</em>, zur Anlage von -Sammlungen u. dergl. anregen. – Die spielende -Beschäftigung ist die praktische Verwertung des -Unterrichts, sie verhilft demselben, indem sie die -erforderliche Abwechselung bietet, zu dem erstrebten -dauernden Nutzen.</p> - -<p>Die zahlreich beigegebenen Abbildungen -sind so gewählt, daß sie das Verständnis des -Textes trefflich fördern.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/p2240_illu2.jpg" width="600" height="330" alt="" /> -<div class="caption"><p>Der Blitzschlag ins Schiff.</p></div> -</div> -</div> - -<p class="center">Verlag von <em>Otto Spamer</em> in Leipzig.</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare -Abenteuer und Erlebnisse, by Daniel Defoe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN *** - -***** This file should be named 60344-h.htm or 60344-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/3/4/60344/ - -Produced by Peter Becker, Heike Leichsenring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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