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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Unsere Nachbarn - Neue Skizzen - -Author: Ada Christen - -Release Date: September 1, 2019 [EBook #60208] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by Österreichische -Nationalbibliothek - Austrian National Library.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1884 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, - wenn diese im Text mehrmals auftreten. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden in ihrer Umschreibung - (Ae, Oe, Ue) dargestellt. - - Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Unsere Nachbarn. - - - - - Unsere Nachbarn. - - [Illustration] - - Neue Skizzen - - von - - Ada Christen. - - [Illustration] - - =Dresden= und =Leipzig=. - - Verlag von Heinrich Minden. - - 1884. - - - - - Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt. - - - - - Der Liese - - mit herzlichem Gruß - - die Ada. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Die Liese I. 1 - - „ „ II. 19 - - Der einsame Spatz 41 - - Nur ein Wort 65 - - Im neuen Hause 89 - - Mama muß tanzen 131 - - Nachbar Krippelmacher 167 - - Als er heimkehrte 185 - - - - -Die Liese. - -I. - - -„Ja, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich -weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt -ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze -Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder -sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben -Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon -weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt. -Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’ -sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen. -Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!... -Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt. -Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es -zu vergönnen.“ - -„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“ -fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen -nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so -schlicht und unklar darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum -sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte, -immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend -scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen -eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch -haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal -durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte -ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist -dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei -dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es -war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen -Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine -von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung -oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen -derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte -durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten -und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen -Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre -langsame, grübelnde Art, über ihr bohrendes Denken, ihr geistiges -Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich -den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst. - -Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und -wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge -sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und -anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus -der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so -wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete -Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig -durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das -Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine -Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt -am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die -Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war. -Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl -noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber -sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht und auch -in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt. - -Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber -die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr -zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam, -und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere -Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch -bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein -auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus -ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein -„Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“ - -So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche -bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“. - -„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt -freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als -Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“ - -„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich -sage Ihnen,“ flüsterte die Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten -die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und -die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre -hinausgeschoben. - -Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an, -und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem -armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“ - -„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber -seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die -gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt. - -Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau -Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der -geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren -Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein -tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr -bescheidenes Hab und Gut -- ihre eigenen Söhne waren draußen in der -Welt wohlhabende Leute geworden -- dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie -wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem, -legte Groschen zu Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten -Flecke sitzen. - -So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht -geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr -angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie -viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte, -selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst -unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts -zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände -erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und -Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre, -aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne -sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und -Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann, -dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht -wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung. - -Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und -einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch -eine weit schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und -graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht, -rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten, -als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu -erkennen vermag. - -Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur -zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder -saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu -weinen und zu lachen. - -Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges -Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen -wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab -alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank, -nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort -Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr -inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht -sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist -gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube -sie hat dieses rührende Stück eigentlich noch nie vollständig gesehen, -und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum -jemals sehen. - -Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um -fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen, -ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend -einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch -die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm -ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die -Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und -die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen -im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und -knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt -beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum, -schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu -laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der -ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich -von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten -Plätzen. - -Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit -saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da -sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir -das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden. - -Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine -andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen -Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen -füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach -sind lauter alte Bekannte droben angekommen... - -Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame -Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen, -Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter -waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche -noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich -die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von -vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden -gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir -vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die -Liese hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden, -sichtbar zu machen... - -Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten -die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde -große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für -sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens -gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr -vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person, -welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was -passirt ist.“ - -„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“ -fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert. -Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen -Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst -einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals -ausmachten. - -„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich -den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid -und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch -die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht, mir lieb geblieben sind und -bleiben werden mein lebelang. - -„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich -merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie -drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher -an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste -allgemeine Rede wieder aufnehmend: - -„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden -und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt, -die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen -Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben, -dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie -hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter, -„manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins -gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich -gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“ - -„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre -Worte nur im Allgemeinen. - -„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischlerbub’, weißt, dem sein -sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler -von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer -gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen -zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten -Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel -Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle -durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen -gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus, -das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber -anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark -geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade -hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’ -werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’ -der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt -sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’ -mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine -besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab, -auf und ab, auf und ab! Da kann ich an Alles denken, was ich gehört -und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“... - -Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem -Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten -die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch -lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte -leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß -auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von -früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie -immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes -aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als -hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie -sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm, -streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als -sonst: - -„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag -kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm -ist... und Du magst sie nimmer sehen...“ - -Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange schon lebendiger, ein -leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt -zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das -langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte -sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort: - -„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht -gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über... -Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist -es gerade so Recht...“ - -Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die -Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch -nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten -Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief -ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als -wir Abschied nahmen... - -Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde -die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu -Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der -Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in welchem zuerst -ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene, -welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie -beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer -Nachbarn, „denen etwas passirt ist“. - - - - -Die Liese. - -II. - - -Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen, -aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen -herausgehorcht. - -Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie -nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was -sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer -geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich -die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen -eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von -allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig -über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr -durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte -sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie -wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr -Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im -Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und gehört -hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels. -„Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade -vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht -schlimm.“ - -Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile -wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend: - -„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie -kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und -weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott! -Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn -sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war -auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein -seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie -zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als -ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu -helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten -auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau -zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was -ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’ -und Unruh.“ - -Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem -Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber, -daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner -Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur -alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre -wußte sie nichts von ihm. - -Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte -ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie -fragte ich nie nach ihm. - -Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir -von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über -den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine -Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er -mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch -so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du -nicht verstehen...“ - -Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte ein; als ich -später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und -wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen, -als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will -ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem -ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die -zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten -habe... - - * - * * - -„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“ - -„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““ - -„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“ - -„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““ - -„Dummer Kerl!“ - -Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein -langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein -bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm -fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben -sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die -Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und -erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die -Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“ - -Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei -kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei -braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß -wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod -versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß -sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe, -davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich -überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch -das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des -Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über -alle anderen Köpfe und sagte: - -„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“ - -Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel -um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen -Treppen hinab. - -Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, -- es stand gegenüber der -Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, -- lag eine -bleiche Frau auf einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der -scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und -wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über -der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer -jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ... - -„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt -auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken -davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen -Kameraden finden.“ - -Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber -zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das -Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit: - -„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, -jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das -Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen -- da hätten Sie ein bisserl -mehr Zerstreutheit -- thäten Ihnen weniger kränken -- na ja! so ein -neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine -anderen Gedanken. -- Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten -Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so -ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er -der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. -- Ich weiß das -recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein -kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“ - -Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß -ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu -große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern -ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend -irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, -dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller -Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt -der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus -dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, -freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen -und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick -aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings -an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber -an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die -stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr -Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel -niederflossen. - -Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte -durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu, -endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch -diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin -sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am -Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die -Schulter nach dem Bette und flüsterte: - -„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es -freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, -- -aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe -Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn -- aber ich hab’ schon -wieder Muth -- jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend. - -Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach -der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah, -schob er die flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem -Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein -grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte. - -„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich -gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau -Huber schrieb, daß +schon+ jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach -der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten -Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken -zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne. - -„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige -Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte -rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann -ein Schauer durch ihren ganzen Leib. - -„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer -Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich -niederschaute. - -„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im -Dachboden sind’s eingesperrt, da haben Sie den Schlüssel, auf meinem -Boden sind alle beisammen.“ - -Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben -pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken. -Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen -gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er -seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden -könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für -das er keinen Namen hatte: - -„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein -armes Weib!“... - -Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder -auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in -seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten -wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam, -sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen -Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich: - -„Mama ist krank, kommst Du darum?“ - -„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder -gesund wird.“ - -Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen -Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu -sehen waren. - -„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen, -und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer -so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen -können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine -von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war -ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden -ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an -die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er -drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die -Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht -zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur -ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie -halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige -war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch -was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s, -wir wissen uns alle zwei noch nicht recht ineinander zu schicken... -Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur -brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu, -„denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte -er wieder bei sich weiter: - -„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet, -wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“ - -Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen -Gedanken hinein. - -„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm, -grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth -herglänzen gesehen!“ - -Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der -Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht -allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er -naserümpfend. - -„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“ -zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher -empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken -des Herrn Brauner. - -Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und -mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus -in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und -sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern -Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus -durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb -gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen: - - „Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“ - „Den jeder Christ beten muß,“ - „Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“ - „Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“ - -Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die -Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf -den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien -gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte -nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben -sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe -hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der -Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte -tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen -Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche -am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten -angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen -hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben -irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht -zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam -es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich -knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet -hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen -Stuben und dabei an die kranke Frau. - -Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe -war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm -hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren -geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste -unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben -dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie -aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht -blickte. - -„Nicht einschlafen! -- Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? -- Er ist -schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn -herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht -- oder -- oder -soll -- soll der Herr Doktor hereinkommen und -- und zuerst sagen, -ob schon wer mit Ihnen reden darf? -- Er wartet schon seit einer -halben Stund’ -- der Herr Doktor -- da draußen im Nebenzimmer --“ Frau -Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger -knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum -ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. -- Soll’ns glauben! --- Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem -eine gewisse Beruhigung giebt.“ - -Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so -daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie -immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause -- eine ängstliche -Pause -- und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, -damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter..., -und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr -hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig -hinaus. - -Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das -junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen -Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab -bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte -war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie -angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. -Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, -der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade -ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare -und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des -Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte -ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, -wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem -schönen, feuchtkalten Leibe der Frau. - -„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der -seinen hielt und scheinbar auf seine Taschenuhr sah, er zählte leise -und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte. - -„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem... -Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der -Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam -hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich -ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte -nur noch: - -„Carl...“ - -„Fanny!“ stöhnte der Doktor. - -Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl -gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach: - -„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“ - -„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den -übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt -in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht. - -Keine Antwort... - -„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende -Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist -hinübergewandelt in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger -Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt... - -Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem -Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand. - -„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit -freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam. - -Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten, -wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich -hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe -Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln: - -„Ein Mädchen.“ - -„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt, -hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch -schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage -getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend -auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die -Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele... - - * - * * - -Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde. - -„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber -noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte -ihrer Ziehtochter erzählte. - - - - -Der einsame Spatz. - - -Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof -der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in -einer geräumigen, hellen Kammer. - -Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das -wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt -oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach, -seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar -hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen, -die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch -grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie -selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von -dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen -Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil -es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte -es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten. - -Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn -Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele -anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu -seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die -Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte -höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte, -wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine -halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen -Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an -hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre. -Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein -junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt. - -Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht -verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte -es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der -Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die -Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden. -Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch -nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder -gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem -Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner -halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen, -zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm -ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu -zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter -voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte, -liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er -ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er -ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß -nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und -krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu -lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche -und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte: - -„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht, -kriegt von mir Schopfbeutler.“ - -Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil -sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten. - -„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr -lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen -Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte: - -„Ah, bah! Menschenfeind! -- Wer die Kinder und die Viecher gern hat, -ist kein Menschenfeind.“ - -„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte -die Liese den andern Kindern begreiflich. - -Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie -einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht, -frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes -Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“ -schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“ - -„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“ - -„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an -sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste -erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte. - -Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag -Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er -hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen -Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als -nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den -Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft. - -Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von -den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten -nachsichtig: - -„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein -Frauenzimmer angethan hat. Na ja! -- Es giebt genug Nichtsnutzige. Es -kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“ - -Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von -ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers -an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als -die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines -Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen -Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen, -die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem -Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der -sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber -ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten. - -Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des -abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der -einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als -er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen -Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte. - -„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der -Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil -was in sein Büchel mit dem Bleistift? -- Warum zeigt er’s nicht her? -Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“ - -„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch -ein heimlicher Künstler?“ - -„War’s! -- mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen, -ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die -Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’! --- Und was bin ich g’worden? -- Laternenanzünder! Braucht dazu der -Mensch eine schöne Stimm’?“ - -„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine -runde Frau und rang verzweifelt die Hände. - -Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann -tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine -„Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt, -als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was -der „einsame Spatz“ inwendig ist.“ - -Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte -wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers -aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse -Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen -wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle -Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder -der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen -zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben -Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen -läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen -Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen... - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige -Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht -stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da -ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht, -die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit -empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die -Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig, -wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des -Lebens schickt. - -Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die -vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen -Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden -durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt, -und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und -Menschenstimmen weit weg... - -Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die -Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er -seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach -niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie -Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte -sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf -an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen -weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann -mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je -weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller -wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch -die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat -schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie -kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf -diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen -Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches -Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte -vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger -Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb -der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In -den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal -purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen, -und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen -Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der -gewisse Tag war... - -Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete -er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum -Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil -bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten -Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben -der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall -nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere -festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit -seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte. - -Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut -störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der -kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand -aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen -Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer -zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit -festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft... -Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber, -und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem -der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“ -schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch -am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller -aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die -Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und -schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier -Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig -nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden -Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte, -entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in -ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem -Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen -Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand -hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund -noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er -eigentlich lachte, und rannte davon. - -„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch -immer so hoch hinauf, als es anging. - -„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“ - -„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das -Köpfchen gezogen war, hervor. - -Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem -sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog -dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt, -was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war. - -„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als -er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf, -daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie -verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie -lustig mit. - -Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf -irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und -Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest -zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche -daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase -vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der -Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit -auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung -hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war -eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform -befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr, -zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den -bescheidensten Resten eines Kinderhemdes. - -Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen -Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes. - -„Haa-a -- had -- die -- Dedel -- Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte -sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf -das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein -Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte -ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte. - -„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit -gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener -Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte: - -„Bist Du ganz allein da?“ - -„Ja!“ - -„Wo ist Deine Mutter?“ - -„Bei -- bei -- Vada!“ - -„Wo ist Dein Vater?“ - -„Widhaus!“ - -„Im Wirthshaus?“ - -Das Kind nickte. „Ja!“ - -„Und was thust Du allein da?“ - -„Waden.“ - -Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug: -„Warten?“ - -Das Kind nickte wieder. - -„Ja? Auf wen?“ - -„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos. -Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft. - -„Auf welche Henne, Kind?“ - -„Die Henn’ din -- die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun -sein.“ - -Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die -Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der -Mann nichts verstand als die gelallten Worte: - - „Waze Henn’ und weiße Henn’, - Ode Ei dud binnen Menn’.“ - -Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem -Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern -wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht: - -„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“ - -„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem -auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein -wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute. - -„Ich heiß’ -- ich heiß’ --“ sang sie halblaut und schläferig lallend, -wispernd sagte sie dann: „Veonida!“ - -Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über -seine erbleichten Lippen. - -„Veronika... Veronika... Veronika!“ - -Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für -ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen -zu, sein Schwesterlein, das so hieß... - -Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen. -Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich -doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er -ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden, -damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und -malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder -auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen -Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für -seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen -wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag -und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine -Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel -liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen -Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen -ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines -zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm -nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen, -liebereichen Mädchen........ - -Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und -nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf, -die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf -das dunkle Gesicht des Kindes.... - -Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte -ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und -gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So -saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der -Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten... - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“ - -Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen -hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich -zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock -geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte. -Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie -rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze -und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen -und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte. -Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau -ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu, -den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit -auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber -schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts. - -Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen -Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb -anklagend und halb entschuldigend: - -„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem -Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen. -Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er -hat so seine gewissen Tag’!“ - -Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von -einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt, -seine Füße zu beobachten. - -„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na -ja! Der arme Wurm da, ganz allein! -- Hat’s alleweil geschlafen? -- Ich -dank Ihnen tausend und tausend Mal! -- Mitrennen mit mir hat’s nicht -können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen -- die ist gar -schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich -belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber. - -„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges -Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare -glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein -kluges, hübsches Kind.“ - -„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“ -setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf -die perpendikelhafte Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch -immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die -Seite und sagte: - -„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“ - -Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll: - -„Schlaft.“ - -„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich -wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“ - -„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines -Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei -den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s -Genick küßte. - -Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein -glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“ - -Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur -mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe, -drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte -den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht anließ. Mit einmal aber -bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er -schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine -Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem -alten Bekannten: - -„Nichts für ungut! -- Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“ --- er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts -anzufangen ist.“ - -Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und -marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die -Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die -Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische -Stimme fragte laut und zärtlich: - -„Na, ist die Henn’ kommen, Du -- Du?“ - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts... -Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er -das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein -kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in -die Vergangenheit. Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben -Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den -Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube -hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag -früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen -um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm. - -Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten -Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und -malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten: - -„Aha! unsere Zwei künsteln.“ - - - - -Nur ein Wort. - - -„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“ - -So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen -unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen. - -„Ei, freilich!“ - -Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich -beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der -Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine -kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner -Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum -ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über -alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen -und die ich nimmer los bekam. - -So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten -Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende -Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer -und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich -sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert -haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden -Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah. - -Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder -sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer -alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der -„blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... -Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen -steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh -am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für -unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der -Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die -Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte -hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde -später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der -Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre -Ausstattung hergerichtet habe. - -„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas -schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“ - -„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster --“ sagte der einsame -Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich. - -In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war -etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des -jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so -untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken -und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber -schwatzten sie doch lauter. - -Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die -Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine -vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue -Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von -dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und -gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen -zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein -übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter -Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern -durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich -Caroline hieß, zum erstenmale genau. - -Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die -Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer -Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien -mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen -Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander -gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht -ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter -Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie -sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die -Alten büßen wolle. - -„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich -nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die -Vorstadt aufweisen konnte. - -„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’ -zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund. - -„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die -Prinzessin. Soll gescheidt sein!“ - -So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das -stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie -in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden -Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen -lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte. -Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte -verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich -schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann, -mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte -ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie -stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als -müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte -ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff -zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge -denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die -Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel -Geld, und zunächst war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster -tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht -genug für meine Arbeit fand. - -„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder -so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der -Schürze über die Augen. - -„Ach was! -- die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt -- sagt sie -selbst -- hat’s auch nicht nöthig -- sie ist reich g’nug dazu -- -sie könnt heirathen wen sie wollt’ -- aber sie will halt nicht“ -- -erwiderte die Tante protzig. - -Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor -sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie -tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen. - -„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und -weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand -auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an. - -„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber -- der -Prinz?“ - -„Na, was weiter? -- der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“ - -„So, so! -- Ich hab’ halt g’meint -- die G’schicht mit dem Kloster, -schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. -- Warum -denn justament in’s Kloster?“ -- - -„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes +Wa+rum -hat ein +Da+rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die -Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin -auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals: - -„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen -es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, -suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“ - -Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn -weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte -darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die -Rede davon war: - -„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, -meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt -zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches -Weibsbild Bücher? -- Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“ - -Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich -weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen -Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie -seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was -das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens -gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte -mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem -traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war -noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute -empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum -bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines -waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der -Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber -fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten -sich unhörbar... sie sprach leise. - -Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich -gesucht hat? - -Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen -Worten jemals gehört hatte, zumeist fielen mir diejenigen ein, welche -in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten -und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines, -das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung -hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging: - - „Und willst Du in’s Kloster gehen - Und werden eine Nonn’, - So will ich das Kloster anzünden, - Ja, ja, anzünden, - Daß ich wieder zu Dir komm’.“ - - „Ich hab’ in meinem Herzen - So viel von Lieb’ und Treu’, - Daß ich für Dich will sterben, - Ja, ja, will sterben, - Dann ist die Noth vorbei.“ - -Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein -Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich -die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend -wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden -thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo -die Lina und das Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht -sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das -pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht -hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort -träumen und empfinden sehen. - -„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß -mitten aus meinen Träumen zu ihr hin. - -Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein -wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer. - -„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme -hinüber und winkte ihr mit beiden Händen. - -Sie stand auf und lief zu mir herüber. - -„Was sagen Sie?“ fragte sie leise. - -„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause -wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“ - -„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte -ihre zarten Lippen. - -„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich. - -„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?... -Liebe!... Davon reden Alle.“ - -Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen -wolle. - -„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es -aber gewiß Treue, nicht wahr?“ - -Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen -eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie: - -„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum +denkst+ Du an ein -Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie -klagend. - -„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’ -wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu -Ihnen sagt.“ - -„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“ - -„Nur meine Mutter, aber die ist --“ - -Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach -weiter: - -„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch -die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s -keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich -dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“ - -Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne -Gruß ging sie davon. - -So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach -sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer. - -Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen -oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde, -als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie -das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster. - -„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die -Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude. - -„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“ -fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene. - -„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und -sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige -Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die -andere Hälfte kriegt das Kloster.“ - -Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein -blutjunger Student, der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof -schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links -wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern -und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf -saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz -waren sie, und die Männer sagten scherzend: - -„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen -Augen.“ - -Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm -ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und -übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im -Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die -andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe. -Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde, -da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine -knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender -Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben, -er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit -Rosinen und Mandeln vollstopfte. Er konnte auch viel schöner singen -als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz -vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’, -und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht -finden konnte. - -Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie -fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände, -jetzt sei sie ein wenig krank. - -Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem -kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt, -Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im -Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten -silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt. - -Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und -zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang -er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir -mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das -Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand -und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe in der Luft herum, wenn -er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen, -hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus. - -„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen. - -Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den -Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein -dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz -verborgen hinter einer weißen Haube. - -„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die -Franziska gleichgültig zu ihm. - -„Die -- in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer, -daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns -nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die -Caroline besser sehen konnte. - - „Und willst Du in’s Kloster gehen - Und werden eine Nonn’, - So will ich das Kloster anzünden.“ - -Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild -vor mir sah. - -„Ja, ja, anzünden!“ - -Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidter wäre, wenn er es -thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit -dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben. - -Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns -„dumme Mädels“ und rannte davon. - -Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur -erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen. -Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger -und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht -erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für -die andern Leute. - -Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die -blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten; -durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm -dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer -näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder -schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und -die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu -sehen gab. Auch der Student stand unter ihnen, aber er wandte keinen -Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete. - -„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den -Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand. - -„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt -ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“ - -Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen. - -Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im -Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die -dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern -der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der -Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen. -„Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt -- sei -- Je-e-sus -- Chri-i-stus!“ -sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten, -und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt -zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen -blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge -herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm, der -mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner -Donner herübertönten. - -Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt -war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen -aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen -sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und -verschwanden in der Hausflur. - -Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer -unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander, -daß ich es hörte. - -Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau, -und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der -zweiten und schritt dem Klostergefährte zu. - -Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als -er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und -sagte am ganzen Leibe zitternd: - -„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“ - -Der Mann zuckte mit beiden Achseln. - -Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und -sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen -Hut weit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß -es zurück und rief den Leuten zu: - -„Hat denn kein Mensch +Mitleid+ mit ihr, und sagt ihr, was sie thut!“ - -Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke, -ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid -aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm -ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und -die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das -Fenster: - -„Fahren!“ - -„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte. - -Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel -und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad -geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang. -Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen -übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings -stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von -weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen -Augen, und quer über sein todtenbleiches Gesicht hatte er einen -feuerrothen Streifen. - -Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem -kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den -Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die -Prinzessin davonführten. - -„So will ich das Kloster anzünden!“ - -Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s -Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer, -und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in -der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von -der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen. - -„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später -die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir. -Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die -Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen -sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar -Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“ - -Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilen taucht der sinnende -Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und -schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen: - -„+Mitleid+ hieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“ - - - - -Im neuen Hause. - - -„Bei uns wird ein neues Haus gebaut!“ - -„Was? -- wo!?“ - -„Auf dem Feld’ oben!“ - -„Auf welchem Feld?“ - -„Na, neben der Trockenwiese.“ - -„Wer sagt’s?“ - -„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu -bauen an.“ - -So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten -die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in -einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter -die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem -großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt -lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese, -wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche -flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken, -Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch. - -Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die -Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah -man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu -hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn. - -Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun -frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal -darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen -dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres -hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen -waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches -Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten, -daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde -zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und -Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl -fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten -Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang -verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden -fortgejagt; was half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen, -bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen -kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute -kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von -Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“, -wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen -Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und -bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug -meist wild und gerade und gesund in die Höhe. - -Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde -nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute -kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die -Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle -Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt -und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den -Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im -Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen -wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das -Ende des lustigen Getriebes, das Haus wurde zugeschlossen, es war -fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten -Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume -einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber -sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der -Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr -um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang. - -Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große -Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer, -die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker -Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr -weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang -er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt -die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte -sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der -Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern -ab. - -Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den -Schlüssel ein, schaute sich sein Nachbarhaus, die „blaue Gans“, -und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und -hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon. - -„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte -Frau Weiß verwundert. - -„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn -nachgesehen hatten. - -„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem -alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“ - -„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist -der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden -ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter -Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“ -schloß der alte Dragoner beißend. - -„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der -muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’ -gesetzt, sein reiche Leut’!“ - -„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“ -spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die -überspannte Fabrikantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat -sich in seine Stimm’ verschossen. In +die+ Stimm’, die hat halt -nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“ - -Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue -Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der -Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß -sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut -aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie -ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von -sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus -dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging. - -Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten -die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen -Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten. - -„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild, -das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese, -es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“ -erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause. - -Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding, -das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem -alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch -das Gitter heraus mit der Liese plauderte. - -Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren -Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als -sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich -aufgenommen. - -An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus -herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten. -Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein, -auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den -weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen -Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!... -Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt, -schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte: - -„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da -drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus -wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie Goldfäden -und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und -solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren -wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“ - -Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile -in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese, -die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem -Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der -„blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt -und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens. - -„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend, -„denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne -hatten.“ - -Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt -hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und -weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die -Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach -knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große -Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn -sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber -in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer Ziehmutter und dann der -mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte -sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte -das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem -heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten. - -Warum? - -Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein -Geschenk, das einem Almosen glich. - -Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund -geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu, -während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche -hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden. - -Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag -vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne, -wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte: -„Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann -sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen. - -Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst -Du Dir so viel Mühe und Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme -weniger voll klingt?“ - -„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht -und ging singend davon. - -Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt -er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch -weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend -kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er -bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen -Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei -der Arbeit saßen: - -„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und -seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“ - -Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und -ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt. - -Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden -langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die -halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem -gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei. - -„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann, -Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm -aufblickte. - -Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein -Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann -mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn -vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe -Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine -Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit, -als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang. -Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und -sagte ihr: - -„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches -ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde -Luft und Ruhe, er wird +uns+ nicht stören und wir +ihn+ nicht, ich habe -ihm die Wohnung gegeben.“ - -Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag -und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge -schwerer Kisten und Truhen mit. - -Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an -die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den -Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug -sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke, -die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die -Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der -Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter, -wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte -auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den -Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an -ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab, -das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein -Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und -halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht -aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es -klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie -sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte -gern viel gelernt. - -„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock dem Herrn Gottfried -seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete -Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach -der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine -Wohnung führte. - -„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna -lächelnd. - -„Warum denn?“ - -„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen -Tisch in Ordnung halten?“ - -„Soll halt ein Mädel heirathen!“ - -Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte -der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört. - -Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er -habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem -neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem -glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen -hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb, -so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu. -Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange -machte, sie fürchtete, jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so -dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt -seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden -konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend, -daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel -Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen, -die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen. -Durch die Muße leide aber seine Stimme. - -Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die -Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen -steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief -und schaute lauernd auf seine Frau hinab. - -„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir -hat. -- Gelt Du? -- Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die -Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“ - -Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit -denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur -manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie -ihn früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin -des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr -Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben, -denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried -kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie -sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über -die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging. - -In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau -Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen -hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines -Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite -Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte. - -„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht -und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren -Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den -jungen Mann hinaufführte. - -Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die -Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde -immer jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun- -und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde, -hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön -weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte. - -Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn -die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde -es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien -Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit -begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb -und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine -Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig -die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie -halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den -vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die -„blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan, -was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es -so warm und still war in der Lesestube. - -„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen waren und ob sie noch -leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin, -so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig -„Luftschnappen“ mußte. - -Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme -Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es -wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese -aufgefaßt und als Hochmuth. - -„Willst auch mit hinüber, Christel? -- Die Frau Anna ist heut ganz -allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der -großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß -ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte. - -„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das -Thor. - -Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein -Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee -noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich -keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen -Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute -hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht... Auch -der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein -flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem -Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so -zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da, -und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte -erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling -immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter -den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in -das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken... -Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so -helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr -entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des -Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar -Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um -und trabte wieder in die heiße Waschküche. - -Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten -Augen die Geschichte also zu Ende erzählte: - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr -Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde -durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft -nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber -plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen -wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in -das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild -ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen -Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte -eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es -finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche, -und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht... - -Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der -Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog -mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht -hätte. - -„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz -leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe. - -Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte ihr nur freundlich zu. -Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ -anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr -sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so -gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie -mitleidsvoll ansah. - -Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war -im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen, -als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich -langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir -bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf, -und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte -sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen -hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie -fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte -sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in -einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber -geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes -Feenmärchen. - -Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr -viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß -ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann -kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd -und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in -ihr Bett legen. Das will etwas sagen! -- in ein Bett aus rosenfarbener -Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der -Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und -Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man -glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein -Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber -bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann -hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute -noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen.... - -Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen -Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze -Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur -die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf -und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des -Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf -meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin -an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da -oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet -herzusagen: - - „Heiliger Schutzengel mein - Laß mich Dir befohlen sein, - Beschütze ... beschüt.......“ - -Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe -wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen, -die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu -mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen -Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die -zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme: - -„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“ - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen Schritt oben, immer -auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit -den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und -ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen -mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde -- und es muß das oft -gewesen sein -- war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal -träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf, -wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe, -denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und -gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die -Sonne ins Gesicht schien. - -Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die -Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an -einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im -Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und -bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen. -Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die -rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz -weinerlich um’s Herz wurde: - -„Ja so...“ - -Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren -Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann -band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück. -Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte -mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine -Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen -hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine -große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor -sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte: - -„Neue Kinderbewahranstalt -- Narrenhaus -- lauter Fadaisen -- -einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im -Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie -mich schon zur Thüre hinaus... - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den -Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie -nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu, -wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern die Rede war. Es wurde -jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war -der Herr Gottfried viel kränker. - -„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte -Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon -zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer -nicht allein aushalten.“ - -Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette, -sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken -herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden, -er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien -bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der -anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte -er sich wieder niedersetzen. - -„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras -beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die -gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will -er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese. - -„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie nicht,“ sagte die -Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei. - -„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz -andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er -soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“ - -Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders -„gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für -die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer. - -„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch -ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch -- dem kann nur eine -gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“ - -So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch -die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst -von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher -gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm -herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der -Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte: - -„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie -brauche.“ - -Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets -über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht -begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne, -wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub, -zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm -stehen blieb und nur im Fluge fragte: - -„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“ - -Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des -Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er -damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten -Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief, -sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich -die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals -ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen. - -„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist -umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt, -die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu -schätzen wissen.“ - -„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen. - -„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und -ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank -legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute -er aber den Gottfried von der Seite an. - -„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt. - -„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und -links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine -Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig -werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern -herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“ - -„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er -durch die Finger zog, aufzublicken. - -„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt -mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr, -ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht -leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie -begreifen?“ - -„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette. - -„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die -Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam: - -„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das, -sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“ -er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es -Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr -sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine -Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit -sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit -die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen, -daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf -drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter -geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so -verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt -schicke. Sie verstehen?“ - -„Ja!“ -- stöhnte der todtbleiche Mann. - -„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen -Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“ - -„Und doch wollen Sie reisen?“ - -„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt -eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er -mit einem schlauen Zwinkern. - -„Jetzt verstehe ich wirklich Alles --“ - -„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!... -hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und -schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang -auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben -heißt...“ - -Der Kranke athmete schwer. - -Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht -nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter -nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe -bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich -bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein -Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig... -Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie -davon.“ - -„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert. - -„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche -er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los -und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“ - -Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den -Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich -immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er: - -„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“ - -Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als -die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen -Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die -erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd: - -„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst. -Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer -Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt -da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen -müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht -übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank abwesend -ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren, -oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried -allein... Sie begreifen?“ - -„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und -schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen. - -„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg -an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen, -entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen -müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider. -Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“ -Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf -bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem -Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau. - -„Jetzt ist mir Alles klar -- das unglückselige Weib --“ stöhnte der -Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm -die Brust zerreißen. - -Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden -Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“ -fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Geschichte, -freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach. - -In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein -sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der -Laternanzünderin zu: - -„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein -bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat -halt viel Geld gehabt.“ - -Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß -auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann -werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und -so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem -vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede -mit den Worten: - -„So mein ich. -- Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist, -von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was -sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist, -das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer -- -alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“ - -Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die -in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da -aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde -klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener -legten, die in dem Kreise lebten. - -„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten -sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna -und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und -als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache -Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen -Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas -Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu -klagen. - -So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit -Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit. - -„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“ -fragte die Spitalwärterin entrüstet. - -„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth. - -„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die -Neuigkeit rasch weiter. - -Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder -unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich -ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die -Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen. -Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun -geworden. - -Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die -zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen -Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde -die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen -Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die -Glasglocke schwirrten. - -„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“ -dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend. - -Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach -viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der -Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna -schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt -waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende -Schüssel sammt vier Gläsern. - -Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte -den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer -feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen -Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und -sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete: - -„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun -Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand -gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem -Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn -schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“ - -Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den -Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen -Finger. - -„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der -alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um -den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen. - -„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht -allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in -seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß -Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne -Sorge, nicht wahr?“ - -„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr -Gesicht in den Händen. - -Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der -Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die -Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte. -Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die -Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und -stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen. - -„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische -gleiten. - -Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren -feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel. - -„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel -ausreißen, dann geht es schneller.“ - -Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier. - -Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib -furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese. -Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über -die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich: - -„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch -ausreißen, die Hex’.“ - -Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die -Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht: -„Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder -heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der -Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat -zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb -die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam, -lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch -fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr, -daß sie hell auflachte... - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank -stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper -vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem -Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen -Mädchen giebt. - -„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried, -und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist, -so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch, -aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein -seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den -Trennungsschmerz abkürzen wollte. - -Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und -nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte -die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als -er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte, -da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht -hinausweinte und immer wieder rief: - -„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“ - -Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zufrieden in ihrem -Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr -Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die -halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert: - -„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein -guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“ - - - - -Mama muß tanzen. - - -Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und -die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten -sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber -mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab... -ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen -Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte... - -Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen -langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell -kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende, -sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen. - -„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte -die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem -Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche -mittheilte. - -Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal -eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein -anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“ -rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei -Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor -nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem -Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern. - -„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht, -daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es -ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden, -derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte -der Laternanzünder. - -Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den -Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und -fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft -und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der -einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde. - -Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese -durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen, -die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und -verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den -Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war. - -Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts -angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen -und räuspern. - -Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte -es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus -sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort. - -Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten -auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich -das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem -Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle, -welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte -es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor -stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte -ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die -Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff -dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den -Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das -Haus nie mehr betreten... - -Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten -Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde -herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene -Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen -hat... - - * - * * - -Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da... - -Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern -gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben, -daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland. -Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei -wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und -was sie nur gelesen habe. - -Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln -ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede, -wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem -Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und -dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten. - -In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher, -wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch -im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen -ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und -fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine -Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide -und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen -kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut -selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen -Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen -liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah -man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag -eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und -fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick. -Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner -schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso -lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer -Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe -herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen -aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des -kleinen Mädchens. - -Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und -dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort -stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte -mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß -wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd -aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage. - -In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen -Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die -mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte: - -„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der -Pferdbub’ gesagt.“ - -Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“, -wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das -feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald -die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte -so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und -gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde -rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue -Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die -Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer -ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war. - -„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme -Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer -auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite -und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter -schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder, -wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte. - -„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig, -„der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir -putzen -- Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine -Hemdärmeln.“ - -„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit -ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und -fuhr erregt fort: - -„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt, -der Sali -- sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! -- daß der -Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! -- -Draußen im Ausland -- dort, von wo sie hergekommen ist -- da ist ein -Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da -hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt, -verurtheilt und eingesperrt.“ - -„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine -Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr -nächster Verwandter wäre. - -„Ja, wie ich Ihnen sag’! -- Und der „Onkel Euschön“, von dem meine -Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich -das erst! -- der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel -weiterleben kann.“ - -Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau -Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die -Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach -einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des -Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg -sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin -eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten, -und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem -guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“ -schloß sie erschöpft. - -Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken; -sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer -Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde -immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen -Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die -scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls -seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach -einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten -Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch -mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder -sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften -alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu -Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte -sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu. -Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah -diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben -unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel -steifer Haare so im Flug sichtbar. - -„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine -Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze -Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“ - -„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen -wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine -Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben -Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde. - -„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit -der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder -verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was -giebts?“ - -„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen... -hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh... -giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!... -darf... ich?“ - -Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das -kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam. - -„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’ -kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem -krummen Bein auf die Diele. - -„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die -Roserl kurz, und weg war sie. - -„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, +ein+ -solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“ - -Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo -ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die -Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über -die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine -seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der -Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch -den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie -einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme -übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in -das Haus. - -In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren -Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind -beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer -flatterte ihr entgegen und sagte lachend: - -„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel -mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein, -ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen -tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als -ob sie selber schon tanzen wollte. - -Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den -Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der -kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere, -bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln -aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins. - -In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer -Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken -umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des -Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz. -Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise: - -„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“ - -„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine -Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu. - -Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große -traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben. -Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich -zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die -feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich -der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es -zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann -sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her, -bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte. - -„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut -bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?... -Du!?“ - -„Rosi.“ - -Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt -eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler, -zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen -Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie -stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden -Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße. - -Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er -schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie -zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als -die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein -müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur -Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß. -Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster -stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang -vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner -großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes. -Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln -herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und -schaute mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel -und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde -junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst -die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das -fremde Kind heran. - -„Du! Dingsda! komm her! -- Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte -er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre, -Du Range?“ - -„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag -thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und -schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die -schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu. - -„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und -winkte dann abwehrend mit der Hand. - -„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau. - -„Claudine!“ - -„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine -Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die -Kissen und sagte kosend: - -„Blanche, ~mon petit ange~, süßes, schönes, einziges Kindchen, -~chéri~, ich bitte Dich, weine nicht.“ - -„Nein, Mama.“ - -„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du -willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin -fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde. - -Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du -manchmal zu mir herab, Mama?“ - -„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte -sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig -hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu -uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“ - -Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte -unmerklich. - -„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels, -und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar -die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er -zischte: - -„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“ - -„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig. - -„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß, -weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke -hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles, -~petite chate~,“ schloß er wieder nachlässig. - -Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd -hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer -glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann -wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie -versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür -starrte. - -„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche. - -„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut, -wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim -Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene -Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“ - -Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um, -erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins, -die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern, -so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen -die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr -Blanche nachgesehen. - -„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer -Schleppe wieder hereinstolzirt kam. - -„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind. - -„Meine...? Uihjeh!...“ - -Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht -der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht -waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort -wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme -der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer -Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser -herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den -findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst, -aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller. - -„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut; -„meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s -auch, und lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes -Sonntagskleid...“ - -„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“ - -„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend. - -„Was ist das?“ - -„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare, -schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach -rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann -erklärend. - -Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und -lachte. - -„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du -es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie -mich meine Frau Mutter.“ - -„Und +wie+ heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in -die struppigen Haare der Andern und zog sachte. - -„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“ - -„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen, Finette singt mir vor, -aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest -flüsterte sie der Roserl in’s Ohr. - -Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf -dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher -in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften -die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische -lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile -zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später -drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen... - -Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet -und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein, -das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da -raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele -huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten, -bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut -klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von -der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz. -Das lispelte eng aneinander gerückt hinüber und herüber in hastigem -kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen -mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so -eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der -gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“. - -„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“ -flüsterte Blanche. - -„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch -zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo, -und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und -Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“ - -„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“ - -„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand -endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen -Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe -zwischen die beiden Scheiben. - -„Was thust Du?“ - -„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi -mit ahnungsvoller Wichtigkeit. - -„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf an die Decke und gab -mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder -und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die -Fensterscheiben leicht erklirrten. - -„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“ - -„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau, -ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern -nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den -Zwetschkenkrampus! gelt?“ - -Die Roserl lief davon... - -Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und -lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von -Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog -ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen -und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der -ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen -waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der -schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die -Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete -das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit dem Krampus, -diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer -wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin -hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe -brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte. - -„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon. - -In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu -bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß -hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte -sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht, -das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock, -darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und -eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die -Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten -vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er -jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den -sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der -arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen Beinen, -der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht -bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf -sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels -schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen -Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe -Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne -Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen -Ruthenbesen. - -Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage -der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber -auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth -angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben, -daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden -rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in -einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite, -das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der -Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand -ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche -gehörte, der war spiegelblank gescheuert, da brannten auch ein Dutzend -Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen -Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der -„blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den -Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die -Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre -Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten -halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in -einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten -Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich... - -Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt. -Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die -ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das -meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und -hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein -erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht -auf den Knieen. - -„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt, -wer solche Stiefeln haben thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen -Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu. - -Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner -Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den -meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib. - -„Ein Loch? -- Meiner Seel! -- Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser -Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung -weiter. - -„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’ -ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel. - -„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns -der prügeln will beim Beten!“ - -So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil -heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher -Stimme: - -„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte -sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was -thust Du könn-en fang-e an?“ - -„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem -Waschkessel. - -„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz -und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in -die Kniebeuge. - -Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der -Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen -Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde -gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon, -früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen -vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete -auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb -an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter -Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen. - -In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie -den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den -Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste -Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten -Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren -linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin -sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der -sich hinter ihr doppelt empört erhob. - -„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die -Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte -vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig -mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge -zu der einsamen Blanche. - -Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht -hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen -hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten -dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer -hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart -verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden -Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus -Maria!“ murmelte es entsetzt. - -„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den -Arm der Roserl. - -„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der -Blanscherl,“ stotterte sie. - -„Du?!“ - -„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“ - -„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann -betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern. - -„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“ - -„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt. - -„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr -den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl. - -„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille... -Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“ - -Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und -folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu -gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte, -auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in -ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in -dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann -sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte -hinter sich und flüsterte: - -„Wart nur, da kommt schon der +Krampus+ nach... da hast Aepfel -und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten... -weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“ -zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen. - -Da stand er in der Thüre... - -Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er -dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit -furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand -bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur -wie verzückt auf das schmale Gesichtchen. - -Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch -furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in -verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das -Kind kichernd: - -„Das ist der Krampus!?“ - -Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere -Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von -Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der -Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf -beide Kniee und hielt unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde -entgegen. - -„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“ - -„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind, -mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die -Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen -hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen -leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen. -Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin, -die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest. - -Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke -schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die -Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich: - -„Hörst Du die Musik, Papa?“ - -„Ja Süßlieb, was ist das?“ - -„Mama giebt einen Ball.“ - -„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig. - -„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“ - -„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“ - -„Nein Papa! die Roserl war da.“ - -Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann -winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und -flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln: -„Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor -mir?“ - -„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer -gut, damit Du bald kommen sollst.“ - -Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre -Augenlider zärtlich und sagte: - -„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen -mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er -horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt. - -Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester -Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem -Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu -sprechen anhub. - -„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“ -setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben -beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit -weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du -mitfahren und immer bei Papa bleiben?“ - -„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“ - -„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“ - -Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes, -schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie -ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und -den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte -er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen. -So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher, -und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete, -beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand -an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte: - -„Halte Dein Schürzchen auf.“ - -Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen -hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte -flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang -in den Wagen und fuhr davon. - -Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden -konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im -Straßenkoth und schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die -Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und -rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das -neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte -durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in -die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich -neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der -verwunderten Frau: - -„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“ - - - - -Nachbar Krippelmacher. - - -Es steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer -Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der große eingezäunte -Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern -schließt den wüsten Platz ab. - -Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu und fremd -gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wie viel Lust und Leid -auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wie viel Lachen und -Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus da oben -stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten Straßen -und Gassen, keine kühlen vornehmen Leute in dem stillen Winkel; -unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig aneinander, -halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander. Es war ein -fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für uns Kinder, -wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten. - -Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke „Nachbar Krippelmacher“ -und Thüre an Thüre sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher -war es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender -Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die -Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie ihre -Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der Vorstadt -zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller wurde ihre -Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten vierzehn Tagen vor -dem Christfeste hantierte schon Alles, was im ganzen Hause und in der -Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger hatte. Es war aber auch für -uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das, was wir da machten, war ja -halb Spiel für uns und halb Erwerb. - -Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben wie so ein Kripplein -entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine große Rolle -spielt, die Schaufenster aller Spielwaarenhandlungen schmückt, und das -Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich, -wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es -machten?... - -Auf ein schuhlanges, flaches Bretchen, das zur Hälfte grün bemalt ist, -werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen zwei -sind handhoch, die hinteren doppelt solang. Sind die „Gestelle“ also -hergerichtet, dann kommen große Kübel voll Leimwasser, in dieses werden -breite Bogen von dickem grauem Papier getaucht, wieder herausgezogen -und dann zu unförmlichen Knäueln zusammengedrückt; alle die großen und -kleinen Hände formen aus diesem feuchten zerknüllten Papier über die -vier Stäbchen gespannte Felsen, welche sich kühn nach hinten aufbauen -und ganz unten in der Mitte eine kleine Höhle bilden. Das läßt sich -nicht gut so hübsch erzählen wie es flinke Finger zurechtmachen, wenn -jedoch über diese grauen, leimfeuchten Felsen zerstoßener Glimmer -gesiebt wird und blaugrauer Streusand, dann bedarf es keiner großen -Einbildungskraft, sich glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine -steife Bäumlein aus grobem Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes -Moos, Strohblumen-Knösplein, werden dann auf die Felsen geklebt, in der -Höhle wird ein winziges Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen -zierliche Strohhalme und darauf wird das splitternackte Christkindlein -gebettet. Ochs und Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug -halten, diese kleinen Thonthierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes -gestellt, im Vordergrunde aber werden Maria und Josef festgeleimt, die -Beiden sammt dem Jesuskinde haben große Heiligenscheine aus Rauschgold, -und da die ganze Rauschgoldarbeit in einem Handgriffe gehen muß, -wird auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an -ein Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt. -Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit dem -Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den Hirten mit -seinen Schafen aufmarschiren. Zu allerletzt werden auf einem Felsen die -heiligen drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt, und wären die -drei Unglücklichen lebendig, so müßten sie eines elenden Todes sterben, -denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte, von welcher sie -immerfort zu dem Stern emporschauen. - -Es war also wieder einmal Weihnacht und flimmernd standen auf -treppenförmigen Brettern die Krippen rund herum in der Stube und -hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von der -Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füße schwer waren, weil er -tagüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die helle warme -Stube, saß müde da und hörte dem Geplapper der kleinen Arbeiter zu, -denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den Thonfiguren wurden -allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt, ja sogar Ochs und Esel -unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten oft heerdenweise, -und das Kindlein in der Krippe mußte vor Kälte so unmenschlich laut -schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen Ohren und Händen -sich zurechtlegen konnte, daß +er+ schreien würde, wenn er -splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müßte. Manchmal -wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt und gebratene Kartoffeln -rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die zwei kleinen -Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern wie die Lerchen, -so daß selbst der Vater mühsam den schweren Husten anhielt, um seine -Kinder zu hören. - -Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer -Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; Niemand als er wußte -wie es um ihn stand, denn er saß hustend vom grauen Morgen bis in den -sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine -Kinder ihr karges Brod hatten. Seit sein Weib todt war, hatte ihn -Niemand lachen gesehen; was sie gethan hatte, das fleißige Weib, mußte -nun er, der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen thun, er wusch und -kochte nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein, -die Schultern wurden immer höher und die entsagenden Augen schauten -immer größer aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen, wenn der -behäbige Krippenmacher an des Nachbars Thür pochte und mit seiner -lachenden Stimme hineinrief: „He! Nachbar! gehen wir nicht ein wenig in -die Felder mit unseren Kindern?“ ließ er das Schifflein ruhen, wandte -sich auf dem schmalen Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus -seinem sehnsüchtigen Herzen herauskam: - -„Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht’ heut’ schon selber d’ran, ich -will nur erst meine Kinder zusammenrichten.“ - -Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervorgeholt, und mit -frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band -und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links -an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege -durch das wogende Korn. Aber selbst da draußen konnte er schweigend -dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen -wie einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen rötheten sich -dann leicht, das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen -Fingern in die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf -strömen. Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Straße -lange Schatten warfen, wenn Alles voll Abendfriede und Ruhe war da -draußen... jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute -zurück und sagte fast wehmüthig: - -„Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab’ nur den einzigen Wunsch, -einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von -dem großen Pappelbaum dort schlafen, das müßt’ wohlthun, Nachbar -Krippelmacher!“... - -Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der -Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und -während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um -Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer -wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon -am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem -Nachbar Krippelmacher. - -„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf -seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit, -unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen -heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“ - -Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier -gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner -kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe, -strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre -rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen -Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in -der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert -und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln -hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut: - -„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“ - -„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig. - -„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin -ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher -beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie -das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“ - -„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der -dicke Mann. - -„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach -sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag -keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere -eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt -war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr -Krippelmacher?“ - -„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der -Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden -Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien. - -„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’, -Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen -lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und -nachher... freilich halt... nachher...“ - -„Was?“ - -„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich, -Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“ - -Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht, -daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund -auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in -die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an -Schulter ihm fast in’s Ohr schrie: - -„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine -Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten -giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die -schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und damit noch zwei -Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen -in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt -legen Sie sich ruhig schlafen.“ - -„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich -hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat -mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“ - -Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine -Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder -zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu -Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte -ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen -Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam -auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte, -und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und -ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das -Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen, -war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie -schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft -in den Schlaf. - -Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen Flecken auf seinen -Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem -Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich -prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein -aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des -gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die -Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an -den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an -das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten -Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie -ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der -Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider -heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und -blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes -zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein -leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl, -löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu -murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige -Bitte für seine Kinder... - -Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles schaute, da wendete ihm -der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein -tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre. - -Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten -die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln -sprangen im Backofen herum vor Hitze. - -„Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut’ recht übel vorgekommen, Weib, -meinst nicht?“ fragte der Krippelmacher verdüstert, „ich möcht’ einmal -hinüber schau’n, vielleicht braucht er etwas.“ - -„Ja, ja, schau nach, Alter!“ drängte die gutmüthige dicke Frau, und der -Mann ging und klopfte sachte an die Thüre seines Nachbars. - -„Bin munter,“ flüsterte es drinnen mühsam. - -Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht den -Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen. - -„Oho, Weber, ganz sauber angethan, wollen doch nicht fortgehen heut’ -noch?“ - -Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es wisperte -beschwörend: - -„Nicht die Kinder wecken, Nachbar... es wird Ernst... ich wart’ von -Viertelstund’ zu Viertelstund’ auf den Tod... Nachbar!... Kinder... -Krippelmacher ... bitt’...“ - -Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte rathlos -sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern die -feuchtkalte des Webers drückte. - -„Aber, Nachbar Weber!“ - -Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt -fiel das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah -er, wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn, -wie die Augen groß und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem -Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war. - -„Krippelmacher?...“ - -Der flehende, verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr als -die Hände, die sich glatt aneinander legten und sich mühsam bittend -emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars. - -„Alles, Alles will ich thun für die Kinder, wenn Sie einmal --“ er -unterbrach sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft -neben dem Bette nieder. - -„Immer... kälter... finste-rer... Nachbar... den Pfar-rer... -Kinder!!...“ - -„Nachbar!...“ Der Krippelmacher rannte zu der Thüre und rief mit -erstickter Stimme: „Kinder, schnell in’s Pfarrhaus, die letzte Oelung -ist nothwendig: Weib, komm herüber, Lichter! geschwind!“ - -Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder -liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in -der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen -und großen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und -zwischen der Thüre, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte -aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und hielten -seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen Kinder, -die nicht wußten, welch’ ein tapferes, liebevolles Herz schwächer und -schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen hingen an -den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen oft gesagt -hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum erstenmale fast drohend, -befehlend: - -„Brav sein!... fleißig arbeiten...“ und mit einmal rannen große -Tropfen aus den weitgeöffneten Augen und er flüsterte dankbar zu ihm -aufblickend und bittend: „Dem... Krip-pel-macher... fol-gen.“ - -Da klingelte es draußen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise -kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, wieder lauter, -immer näher und näher... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem -Ruck vom Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so -kamen sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die -Thüre, wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug. -Jetzt klingelte es schon laut vor dem Hausthore, kam klingelnd über den -Flur und der Knabe, der das Glöcklein schwang, trat klingelnd in das -Sterbezimmer... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten, und wo er -vorüberschritt fielen die Arbeiter erschüttert auf die Kniee und lagen -da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich empor und saß -harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem Priester zugewendet -und seine Hände hatte er mühselig gefaltet... Plötzlich flog ein -Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne wurden grau. - -„Herr... Pfar-rer schnell...“ - -„Mein Sohn! Wenn Du Deine Seele --“ - -Der Priester faßte den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte auf -das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich ergebungsvoll -und die dürren Lippen lispelten demüthig im Beichttone: - -„Mein... Leb-tag... ge-ar-beit... und...“ - -Kein Laut mehr. - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher blieb -neben dem todten Weber sitzen die ganze lange Nacht... - -Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien -ja hell und klar in die öde Stube, und als der Todtenwächter im -Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm, als -schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich der -Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt des -Todten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt... - -Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des Webers -in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann, um sich -Muth zu machen, recht laut: - -„Nein, nein, Du bist und bleibst todt, Du armer Kerl. Gott gieb’ Deiner -Seel’ die ewige Ruh! aber,“ er nickte dem stillen Nachbar versichernd -zu, „der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für die -Zwei.“ - -Und der „Nachbar Krippelmacher“ hat ehrlich Wort gehalten. - - - - -Als er heimkehrte. - - -„Der Lepold ist wieder heimgekommen! -- Du! -- Lenerl! -- Hörst nicht?“ - -Ein kleines Mädchen, das vor dem Hausthore der „blauen Gans“ stand, -rief die Worte hinüber auf die Trockenwiese. Die Angerufene, ein etwas -älteres Kind, lag auf dem Rücken im Grase und schaute zwischen den -Betttüchern, die über ihrem Kopfe an den Wäschleinen flatterten, hinauf -in den schönsten blauen Sommerhimmel. Ein großer weißer Pudel saß neben -dem rothhaarigen Mädchen, schnupperte in die Luft, schnappte nach den -Fliegen, die im Bereich seiner Schnauze herumsurrten, und wehte mit der -wolligen Ruthe nach rechts und links. - -Als die kleine Hanne sah, daß sich ihre Spielgefährtin nicht regte und -rührte, trippelte sie über die ungepflasterte Straße hinüber auf die -Trockenwiese, die zu der „blauen Gans“ gehörte. Das Kind stellte sich -dicht neben die Freundin und sagte aufgeregt-wichtig: - -„Der Weiß Lepold’ ist wieder da -- Du!“ - -„Na was weiter?“ war die Antwort. „Der Lepold sitzt drüben im Zimmer -bei seiner Mutter!“ widerholte das Kind beinahe heftig. - -„Meintwegen!“ klang es lässig von den vollen dunkelrothen Lippen. - -Die Lene dehnte ihre jungen schlanken Glieder faul im Grase, schloß die -graugrünen Augen halb, blinzelte dann und wann behaglich in die Sonne -und zwitscherte mit schriller Stimme ein dummes Kinderlied in die Luft. - -„Er hat Dich immer so gern gehabt, der Lepold, hat Dir immer was -mitgebracht, wenn er aus der Arbeit kommen ist,“ sagte die Hanne -vorwurfsvoll. - -„Ja mir... Dir nicht... und Niemand,“ erwiderte der Rothkopf beinahe -hochmüthig, aber doch in schläfrigem Tone. - -„Nein, mir nicht, immer nur Dir, Lenerl...“ - -„Das ist schon lange her.“ Sie schloß die Augen verdrießlich, plötzlich -aber schaute sie groß auf und fragte freundlich: „Hat er mir heut’ was -mitgebracht?“ - -„Nein. Zwei Jahr war er fort, Du hast gar nicht an ihn denkt, soll er -alleweil an Dich denken? -- Jetzt ist er da und hat auf der Brust was -Glänzendes hängen.“ - -Die Lene blinzelte bei den letzten Worten wieder ein wenig mit den -Wimpern und verzog den Mund. „Was denn?“ - -„Weißt, wie in der Schul’ das Ehrenzeichen, weißt? -- Aber so groß.“ - -Das Kind beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft, der -schier so groß war wie ein Teller. Die Andere zuckte gleichgiltig mit -einer Achsel, einem Arm und einem Fuß; es war schroffe Abwehr und -Mißachtung zugleich in dieser Bewegung. - -„Und der -- der -- ich weiß nicht -- halt ein großer Herr -- hat ihm -das selbst angehängt -- weil er --“ - -„Schau, daß Du weiter kommst, ich will schlafen.“ - -„Und dann haben sie dem Lepold einen Arm weggeschossen,“ die schwarzen -Augen der Hanne wurden feucht, „da drinnen ist jetzt gar nichts,“ -erzählte sie unbeirrt und weinerlich. Um ihre Schilderung deutlicher -zu machen zog sie ihr Händchen in dem Aermel hinauf und ließ den Arm -bezeichnend hin- und herbaumeln. - -Das zündete; zuerst stützte sich die Lene auf den Ellenbogen und -schaute zweifelnd auf den schlenkernden Arm, dann fragte sie -aushorchend-langsam: - -„Ganz weg...?“ - -„Meiner Seel’! -- ganz, ganz weg!“ erwiderte ehrlich die Kleine. - -„Nur der +eine+ Arm...?“ „Ja -- mit was könnt er denn sonst -essen?“ meinte verwundert die Hanne. - -Der Rothkopf saß jetzt schon aufrecht, raufte ein paar lange Grashalme -aus, zog sie durch die rothen Lippen und fragte dann bedächtig: - -„Und die Füß’?“ - -„Die hat er auch alle zwei noch ganz.“ - -Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper, -schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf -die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie -stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein. - -„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’, -wenn Einer kommt.“ - -Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte -kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über -die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte. - -Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue -Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr. -Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten -Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich -draußen oder in irgend einem Haushalt etwas Ungewöhnliches begab. -Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte -die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer -freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der -alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie -er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des -schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck -herstellte. - -Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen -zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer -sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da -gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck, -aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes -Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge, -die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser -unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und -bekräftigendes: Ja! -- Ja! - -Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog -ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie -mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der -Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer -Anderen: - -„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem -und mit einem jeden von unseren Buben.“ - -„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die -Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau -Weiß stand. - -Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz -mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln. -Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in -ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein -jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat, -durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe -Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein -langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen -Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht -gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die -alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit -beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab -nieder und murmelte stotternd vor sich: - -„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“ - -Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in -die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam -zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank -und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine -ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach. - -„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine -Schramme über das ganze Gesicht hatte. - -„Ah! -- he? -- rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte -der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des -hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr -herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger -hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit -fieberhafter Lustigkeit: - -„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so -angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick -von oben bis unten, „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“ -er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand, -wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich -gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der -kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen, -daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will -- na ja, -so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher -- zu seinem Vorposten, so -ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat -mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm -dabei...“ - -„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“ -schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die -anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu -drücken brauchten. - -Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth -geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und -fragte dann gepreßt: - -„Lang’ im Spital gelegen?“ - -„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!“ „Und was -jetzt anfangen?“ - -„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter -gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen. - -„Freilich -- richtig! -- jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’ -Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’, -gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr -getrunken, mein armer Bub’!“ - -Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche, -und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der -Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten. - -„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her, -Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“ - -So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich -widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in -sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände, -schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt: - -„Es ist wirklich nichts drin.“ - -Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze -Zeit ergangen, und plauderte halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die -Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die -Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte. -Was half da alles rathen, der Arm war fort. - -„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“ - -„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte, -als er durch die Küche ging. - -„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in -den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht -recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche, -der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger -sie anblies... - -Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des -Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an -seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die -Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise -neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog -der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger -Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne -große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher wässeriger -Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke -und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die -Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten, -erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem -Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die -dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit -der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß -kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“ -war es so still, als ob ein Feiertag wäre... - -Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte -seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die -großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit -einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte -sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein, -obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken -flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten -Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und -schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht -anbrennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch -in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig -und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau -mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten -von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett -stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem -Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein -grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die -paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen -an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den -er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie -immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts -fehlte... - -Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm --- der mit unzähligen Bildern beklebt war -- stand, das Bett fehlte, -und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem -Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und -der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände, -die von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor -herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten, -welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten, -geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur -die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten. - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold -vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in -seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die -Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des -Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und -schlief wieder weiter... - -Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war -ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und -lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter -dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der -öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen -kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm: - -„Zock!... Zock!...“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat, -„na so komm, ich bin’s ja!“ - -Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf, -ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob -es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten. -Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold -entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein, -dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das -Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen -den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten -Zock-Zock! -- - -Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber -der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie, -da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf -zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche -Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte -schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut -riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los... - -Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte -jeden Blick und jede Bewegung des Heimgekehrten verfolgt, jetzt -bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren -Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende -Lene: - -„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt -nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon -gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“ - -Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die -kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht -beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie -zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare -Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild -tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?... -wann?... fragte er sich. - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche -eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen -ist, kommt jetzt so heim -- jetzt können wir wieder anfangen beim -Auffüttern!“ - -Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme. „Der -Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster -hineingeschrieen -- da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und --“ - -„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib, -hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe -nach der Stubenthüre. - -„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben -- und verreckt wie -ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite, -ausgelöscht wie eine Groschenkerzen -- jetzt der Dritte, der Letzte! -- -Himmelherrgott! --“ - -Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem -wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste -in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie -nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte -nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll -schmerzlichem Ingrimm heraus: - -„Jetzt fünf Kreuzer -- alle Tag -- he? -- für unsern Buben -- der -ein ehrliches Handwerk gelernt hat! -- oder einen Leierkasten? -- -Was gefällt Dir besser, Alte?! --“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau -überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der -Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte. - -Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den -Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch -wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne -wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin -und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich -die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf -den Boden gleiten. - -Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem -Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme -vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob -sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und -wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand, -und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle. - -Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich -Keiner so schnell gerührt, wenn nicht hinter dem Schlosser das -vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm -hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold -die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus -seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er: - -„Grüß’ Gott, Herr Vater!“ - -„Grüß’ auch Gott!“ - -„Da bin ich halt wieder.“ - -„Ich -- seh’s!“ - -„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“ -murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge. - -„Meinst’?“ - -Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er -sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer -Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber -sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs -und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der -Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil -er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt -mehr hätte über diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der -Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach -dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte: - -„Schaust elend genug darein --“ Er langte nach der Medaille, die an -der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech -da gegeben für Deinen verlorenen Arm? -- Wirst +damit+ die Alte -erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? --“ - -„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn -auch das nichts gelten soll?“ - -„Was bleibt? --“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und -schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was -bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen, -die den Firlefanz erfunden haben -- Dein Armstumpf bleibt, gar nichts -sonst! --“ - -„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann -steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen -Versuch mehr heimzukehren. - -„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem -zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos -fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet -für mich und meine Leut’ -- für Dich auch mit! -- Und jetzt? -- Wenn -ich fragen thät: „Was bleibt?“ -- He?! -- Du! -- Du -- der mir so -heimkommt.“ - -Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die -Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das -Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen. -Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte -ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt -ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die -fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch -weit weg von seiner guten Stunde war. - -Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold -gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und -schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden -Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er -überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde, -die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern, -denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm -etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem -Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der -„blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als -sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los: - -„Was willst Du da? -- Bei Zeiten tagdieben lernen?“ -- er nahm die -Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus. -„Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ -- - -Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den -Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene -nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die -Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn -etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen -der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm -tröstend und beruhigend zu... - -„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das -Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es -vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und -Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft. - -Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter an das Fensterkreuz -und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie -zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn -schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten -Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und -bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über -den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu -menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder -hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und -der Leopold dachte: - -„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie -drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“... - -Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte -über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er: - -„Aber stumm bist Du doch nicht worden? -- He?!“ - -„Glaub’ nicht.“ - -„Warum redest Du also nicht?“ - -Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch -viel zu reden gehabt.“ - -„Jetzt bin ich fertig.“ -- - -„Schon?...“ „Ja!“ - -„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres -Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln -weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen, -der öfter und öfter wiederkehrte. - -„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und -zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’... -ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’, -so wär ich der... oder etwa nicht?“ - -Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und -spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort. - -„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold -fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem -alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und -Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem -Ernst sagte er: - -„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit -her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen -worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht -dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter -allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“ - -Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im -Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese -genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf -ihren Platz. - -„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’ -halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht -wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen -können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s -gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten -gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten -Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“ - -Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den -Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut -ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte -horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach -der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich -an demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! -- Aber -- was -bleibt? -- Was bleibt?“ - -Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer -Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen -seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch -mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“ - -Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der -Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte, -und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine -Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und -beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt -mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das -schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile, -da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem -unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der -Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in -gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes -und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel... - -Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein Weib jählings in -ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte. - -„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte -zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit -einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte -die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu -dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre -Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf. -Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde -beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist -noch älter als wir, Alte, gelt?“ - -„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu -lächeln. - -„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte -die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in -die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück. -Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold -sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber, -stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und -fest in die Augen. Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen -herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in -verwaschenen Goldbuchstaben „+Aus Achtung+“ zu lesen war... Dann -beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken -Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als -sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten. - -„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s -freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen -Geschicht’ geschrieben hättest.“ - -Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen -eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter -trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las -jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf, -schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte -das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und -kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur -Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden -hätte... - -„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die Pfeife umständlich -gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so -einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die -Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg -er wieder. - -Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern -sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als -ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem -zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten, -dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und -endlich sagte sie stockend und nachsinnend: - -„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter -Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück, -das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die -Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig -bei uns sitzt... gelt Johann...?“ - -Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle -ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide -schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins, -denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme gequälte Mutterherz -fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen -Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte... - -Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk, -der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen, -bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und -die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn -die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich -zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie -fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu -blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar -gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie -sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen. - -Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender -angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und -schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen... -Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen... -Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er -sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin, -wo schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links -beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es -flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb -blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still... -er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem -sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah -er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu -ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen -Gliedern da am Boden zwischen den Leuten... - -„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen -gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau. - -„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander, -als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm. -„Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun -gehabt?“ - -Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte -etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte -sie: - -„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel... vogel... doch... -erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein... -Herr... Lep...“ - -Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und -streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’... -ist... er...“ - -„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem -Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen -dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß, -als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“ - -Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein -Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale -Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den -Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern -rann, sagte er mit zagender leiser Stimme: - -„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte, -holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es -ist ohnmächtig.“ - -Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der -Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust geborgen hielt, heraus, -schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie -lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“ - -Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und -hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß -und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende. - -„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht -hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle -Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den -Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke -mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein, -denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm -her und flüsterte: - -„Du Lepold!“ - -„Was willst, Lenerl?“ - -„Muß die Hanni sterben?“ - -„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte. - -„Muß sie?“ - -„Warum frag’st?!“ - -„Weil’s meine beste Freundin ist.“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und -schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz -vor dem Unglück.“ - -„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein -neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen -schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und -über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße -Wachskerzen in die Hand -- und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als -Allererste!“ - -„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten -immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so -angeschaut? - -„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen. -Wann wird sie denn sterben?“ - -Sterben! -- ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat, -daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die -Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm. - -„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu -ihm hinauf. - -„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als -ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu -ihm empor, ließ den Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht -langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt... -und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube -ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm -des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend: - -„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und -die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht -hinein.“ - -Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden -Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken -ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in -der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“ - -„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich -kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber -zusammenplärren!“ - -Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte -theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder -die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all -der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem -hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit -er Vormittag heimgekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig -stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe. -Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe, -die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und -empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter, -anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke -in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit -er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm -gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner -war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von -dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese, -hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“ - -Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt -er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß -die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas, -die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte -der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären. -Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch ein -Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen, -wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf. -Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine -Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach -neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus -der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte -nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den -Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen. -Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die -ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor -Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und -sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang: - -„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“ - -Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten -in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die -regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank -die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden -wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen -in den hohen Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf -ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger -so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder -mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold -ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles, -was geschehen war, als er heimkehrte. - - . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . - -Die Lene schlief. - -[Illustration] - - -Rammingsche Buchdruckerei in Dresden, gr. Kirchgasse 6. - - - - -Dresden. - -Rammingsche Buchdruckerei - -(gr. Kirchgasse 6). - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN *** - -***** This file should be named 60208-0.txt or 60208-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/2/0/60208/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by Österreichische -Nationalbibliothek - Austrian National Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Unsere Nachbarn - Neue Skizzen - -Author: Ada Christen - -Release Date: September 1, 2019 [EBook #60208] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by Österreichische -Nationalbibliothek - Austrian National Library.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1884 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche -und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original -unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn -diese im Text mehrmals auftreten.</p> - -<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden in ihrer -Umschreibung (Ae, Oe, Ue) dargestellt.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s2 center padtop3 break-before">Unsere Nachbarn.</p> - -<h1>Unsere Nachbarn.</h1> - -<div class="figcenter"> - <a id="zier" name="zier"> - <img class="w5em mtop1 mbot3" src="images/zier.jpg" - alt="Verzierung" /></a> -</div> - -<p class="s3 center">Neue Skizzen</p> - -<p class="center mtop2 mbot2">von</p> - -<p class="s2 center">Ada Christen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="signet" name="signet"> - <img class="w5em mtop1 mbot2" src="images/signet.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="center"><b>Dresden</b> und <b>Leipzig</b>.</p> - -<p class="center"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span> -<span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span> -<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span> -<span class="mleft0_2">M</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span>.</p> - -<p class="center">1884.</p> - -<p class="s3 center padtop5 break-before">Unbefugter Nachdruck wird -gerichtlich verfolgt.</p> - -<p class="s2 center padtop5 break-before"><b class="mright3">Der Liese</b></p> - -<p class="s3 center mtop2 mbot2">mit herzlichem Gruß</p> - -<p class="s2 center mbot2"><b class="mleft3">die Ada.</b></p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5"> - - </td> - <td class="s5"> - <div class="tdr">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Die Liese I.</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Die_Liese_I">1</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">  „   „  II.</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Die_Liese_II">19</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Der einsame Spatz</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Der_einsame_Spatz">41</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Nur ein Wort</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Nur_ein_Wort">65</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Im neuen Hause</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Im_neuen_Hause">89</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Mama muß tanzen</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Mama_muss_tanzen">131</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Nachbar Krippelmacher</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Nachbar_Krippelmacher">167</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td> - <span class="padr5">Als er heimkehrte</span> - </td> - <td> - <div class="tdr"><a href="#Als_er_heimkehrte">185</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Liese_I"><b>Die Liese.</b><br /> -I.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<p><span class="initial">„J</span>a, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich -weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt -ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze -Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder -sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben -Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon -weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt. -Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’ -sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen. -Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!... -Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt. -Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es -zu vergönnen.“</p> - -<p>„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“ -fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen -nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so -schlicht und unklar<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum -sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte, -immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend -scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen -eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch -haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal -durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte -ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist -dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei -dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es -war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen -Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine -von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung -oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen -derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte -durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten -und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen -Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre -langsame, grübelnde Art, über ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> bohrendes Denken, ihr geistiges -Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich -den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.</p> - -<p>Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und -wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge -sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und -anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus -der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so -wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete -Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig -durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das -Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine -Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt -am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die -Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war. -Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl -noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber -sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> und auch -in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.</p> - -<p>Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber -die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr -zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam, -und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere -Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch -bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein -auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus -ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein -„Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“</p> - -<p>So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche -bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.</p> - -<p>„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt -freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als -Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“</p> - -<p>„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich -sage Ihnen,“ flüsterte die<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten -die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und -die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre -hinausgeschoben.</p> - -<p>Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an, -und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem -armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“</p> - -<p>„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber -seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die -gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.</p> - -<p>Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau -Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der -geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren -Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein -tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr -bescheidenes Hab und Gut — ihre eigenen Söhne waren draußen in der -Welt wohlhabende Leute geworden — dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie -wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem, -legte Groschen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten -Flecke sitzen.</p> - -<p>So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht -geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr -angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie -viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte, -selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst -unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts -zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände -erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und -Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre, -aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne -sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und -Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann, -dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht -wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.</p> - -<p>Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und -einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch -eine weit<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und -graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht, -rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten, -als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu -erkennen vermag.</p> - -<p>Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur -zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder -saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu -weinen und zu lachen.</p> - -<p>Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges -Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen -wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab -alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank, -nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort -Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr -inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht -sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist -gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube -sie hat dieses rührende Stück<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> eigentlich noch nie vollständig gesehen, -und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum -jemals sehen.</p> - -<p>Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um -fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen, -ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend -einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch -die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm -ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die -Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und -die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen -im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und -knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt -beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum, -schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu -laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der -ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich -von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten -Plätzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit -saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da -sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir -das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.</p> - -<p>Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine -andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen -Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen -füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach -sind lauter alte Bekannte droben angekommen...</p> - -<p>Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame -Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen, -Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter -waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche -noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich -die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von -vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden -gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir -vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die -Liese<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden, -sichtbar zu machen...</p> - -<p>Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten -die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde -große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für -sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens -gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr -vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person, -welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was -passirt ist.“</p> - -<p>„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“ -fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert. -Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen -Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst -einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals -ausmachten.</p> - -<p>„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich -den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid -und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch -die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> mir lieb geblieben sind und -bleiben werden mein lebelang.</p> - -<p>„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich -merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie -drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher -an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste -allgemeine Rede wieder aufnehmend:</p> - -<p>„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden -und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt, -die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen -Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben, -dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie -hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter, -„manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins -gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich -gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“</p> - -<p>„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre -Worte nur im Allgemeinen.</p> - -<p>„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischler<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>bub’, weißt, dem sein -sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler -von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer -gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen -zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten -Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel -Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle -durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen -gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus, -das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber -anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark -geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade -hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’ -werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’ -der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt -sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’ -mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine -besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab, -auf und ab, auf und ab! Da<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> kann ich an Alles denken, was ich gehört -und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...</p> - -<p>Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem -Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten -die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch -lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte -leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß -auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von -früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie -immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes -aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als -hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie -sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm, -streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als -sonst:</p> - -<p>„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag -kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm -ist... und Du magst sie nimmer sehen...“</p> - -<p>Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> schon lebendiger, ein -leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt -zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das -langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte -sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:</p> - -<p>„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht -gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über... -Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist -es gerade so Recht...“</p> - -<p>Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die -Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch -nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten -Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief -ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als -wir Abschied nahmen...</p> - -<p>Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde -die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu -Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der -Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> welchem zuerst -ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene, -welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie -beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer -Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Liese_II"><b>Die Liese.</b><br /> -II.</h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p><span class="initial">D</span>ie ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen, -aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen -herausgehorcht.</p> - -<p>Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie -nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was -sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer -geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich -die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen -eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von -allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig -über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr -durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte -sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie -wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr -Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im -Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> gehört -hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels. -„Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade -vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht -schlimm.“</p> - -<p>Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile -wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:</p> - -<p>„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie -kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und -weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott! -Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn -sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war -auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein -seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie -zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als -ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu -helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten -auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau -zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’ -und Unruh.“</p> - -<p>Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem -Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber, -daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner -Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur -alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre -wußte sie nichts von ihm.</p> - -<p>Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte -ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie -fragte ich nie nach ihm.</p> - -<p>Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir -von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über -den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine -Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er -mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch -so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du -nicht verstehen...“</p> - -<p>Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> ein; als ich -später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und -wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen, -als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will -ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem -ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die -zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten -habe...</p> - -<p class="center">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“</p> - -<p>„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““</p> - -<p>„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“</p> - -<p>„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““</p> - -<p>„Dummer Kerl!“</p> - -<p>Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein -langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein -bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm -fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben -sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die -Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und -erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glocken<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>stube! Die -Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“</p> - -<p>Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei -kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei -braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß -wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod -versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß -sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe, -davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich -überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch -das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des -Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über -alle anderen Köpfe und sagte:</p> - -<p>„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“</p> - -<p>Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel -um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen -Treppen hinab.</p> - -<p>Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, — es stand gegenüber der -Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, — lag eine -bleiche Frau auf<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der -scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und -wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über -der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer -jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...</p> - -<p>„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt -auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken -davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen -Kameraden finden.“</p> - -<p>Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber -zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das -Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:</p> - -<p>„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, -jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das -Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen — da hätten Sie ein bisserl -mehr Zerstreutheit — thäten Ihnen weniger kränken — na ja! so ein -neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine -anderen Gedanken. — Und wenn man den allergröbsten und<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> grauslichsten -Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so -ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er -der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. — Ich weiß das -recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein -kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“</p> - -<p>Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß -ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu -große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern -ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend -irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, -dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller -Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt -der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus -dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, -freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen -und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick -aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings -an. Als ob sie die Kranke schützen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> wollte, so rasch eilte Frau Huber -an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die -stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr -Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel -niederflossen.</p> - -<p>Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte -durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu, -endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch -diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin -sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am -Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die -Schulter nach dem Bette und flüsterte:</p> - -<p>„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es -freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, — -aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe -Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn — aber ich hab’ schon -wieder Muth — jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.</p> - -<p>Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach -der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah, -schob er die<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem -Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein -grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.</p> - -<p>„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich -gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau -Huber schrieb, daß <em class="gesperrt">schon</em> jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach -der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten -Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken -zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.</p> - -<p>„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige -Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte -rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann -ein Schauer durch ihren ganzen Leib.</p> - -<p>„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer -Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich -niederschaute.</p> - -<p>„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im -Dachboden sind’s eingesperrt, da<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> haben Sie den Schlüssel, auf meinem -Boden sind alle beisammen.“</p> - -<p>Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben -pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken. -Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen -gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er -seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden -könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für -das er keinen Namen hatte:</p> - -<p>„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein -armes Weib!“...</p> - -<p>Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder -auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in -seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten -wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam, -sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen -Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:</p> - -<p>„Mama ist krank, kommst Du darum?“</p> - -<p>„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder -gesund wird.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen -Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu -sehen waren.</p> - -<p>„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen, -und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer -so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen -können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine -von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war -ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden -ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an -die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er -drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die -Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht -zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur -ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie -halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige -war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch -was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s, -wir wissen uns alle zwei noch<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> nicht recht ineinander zu schicken... -Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur -brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu, -„denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte -er wieder bei sich weiter:</p> - -<p>„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet, -wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“</p> - -<p>Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen -Gedanken hinein.</p> - -<p>„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm, -grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth -herglänzen gesehen!“</p> - -<p>Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der -Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht -allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er -naserümpfend.</p> - -<p>„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“ -zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher -empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken -des Herrn Brauner.</p> - -<p>Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper an<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>statt der Glocken und -mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus -in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und -sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern -Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus -durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb -gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:</p> - -<div class="ratschen"> - -<p>„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“</p> - -<p>„Den jeder Christ beten muß,“</p> - -<p>„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“</p> - -<p>„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“</p> - -</div> - -<p>Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die -Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf -den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien -gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte -nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben -sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe -hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der -Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken...<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> schwebte -tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen -Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche -am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten -angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen -hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben -irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht -zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam -es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich -knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet -hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen -Stuben und dabei an die kranke Frau.</p> - -<p>Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe -war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm -hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren -geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste -unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben -dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schütz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ling, während sie -aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht -blickte.</p> - -<p>„Nicht einschlafen! — Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? — Er ist -schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn -herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht — oder — oder -soll — soll der Herr Doktor hereinkommen und — und zuerst sagen, -ob schon wer mit Ihnen reden darf? — Er wartet schon seit einer -halben Stund’ — der Herr Doktor — da draußen im Nebenzimmer —“ Frau -Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger -knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum -ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. — Soll’ns glauben! -— Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem -eine gewisse Beruhigung giebt.“</p> - -<p>Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so -daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie -immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause — eine ängstliche -Pause — und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, -damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter...,<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> -und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr -hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig -hinaus.</p> - -<p>Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das -junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen -Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab -bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte -war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie -angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. -Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, -der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade -ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare -und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des -Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte -ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, -wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem -schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.</p> - -<p>„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der -seinen hielt und scheinbar auf seine<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> Taschenuhr sah, er zählte leise -und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.</p> - -<p>„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem... -Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der -Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam -hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich -ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte -nur noch:</p> - -<p>„Carl...“</p> - -<p>„Fanny!“ stöhnte der Doktor.</p> - -<p>Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl -gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:</p> - -<p>„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“</p> - -<p>„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den -übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt -in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.</p> - -<p>Keine Antwort...</p> - -<p>„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende -Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist -hinübergewandelt<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger -Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...</p> - -<p>Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem -Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.</p> - -<p>„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit -freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.</p> - -<p>Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten, -wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich -hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe -Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:</p> - -<p>„Ein Mädchen.“</p> - -<p>„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt, -hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch -schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage -getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend -auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die -Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...</p> - -<p class="center">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<p>Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.</p> - -<p>„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber -noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte -ihrer Ziehtochter erzählte.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Der_einsame_Spatz"><b>Der einsame Spatz.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p> - -<p><span class="initial">J</span>eden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof -der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in -einer geräumigen, hellen Kammer.</p> - -<p>Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das -wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt -oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach, -seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar -hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen, -die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch -grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie -selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von -dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen -Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil -es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte -es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p> - -<p>Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn -Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele -anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu -seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die -Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte -höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte, -wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine -halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen -Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an -hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre. -Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein -junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.</p> - -<p>Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht -verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte -es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der -Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die -Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden. -Mit dem Nachwuchs der „blauen<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Gans“ redete er noch am meisten, jedoch -nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder -gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem -Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner -halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen, -zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm -ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu -zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter -voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte, -liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er -ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er -ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß -nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und -krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu -lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche -und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:</p> - -<p>„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht, -kriegt von mir Schopfbeutler.“</p> - -<p>Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> hatten ihn so getauft, weil -sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.</p> - -<p>„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr -lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen -Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:</p> - -<p>„Ah, bah! Menschenfeind! — Wer die Kinder und die Viecher gern hat, -ist kein Menschenfeind.“</p> - -<p>„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte -die Liese den andern Kindern begreiflich.</p> - -<p>Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie -einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht, -frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes -Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“ -schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“</p> - -<p>„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“</p> - -<p>„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an -sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste -erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag -Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er -hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen -Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als -nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den -Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.</p> - -<p>Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von -den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten -nachsichtig:</p> - -<p>„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein -Frauenzimmer angethan hat. Na ja! — Es giebt genug Nichtsnutzige. Es -kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“</p> - -<p>Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von -ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers -an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als -die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines -Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen -Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Wasch<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>frauen, -die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem -Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der -sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber -ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.</p> - -<p>Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des -abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der -einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als -er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen -Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.</p> - -<p>„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der -Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil -was in sein Büchel mit dem Bleistift? — Warum zeigt er’s nicht her? -Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“</p> - -<p>„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch -ein heimlicher Künstler?“</p> - -<p>„War’s! — mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen, -ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die -Pferder<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’! -— Und was bin ich g’worden? — Laternenanzünder! Braucht dazu der -Mensch eine schöne Stimm’?“</p> - -<p>„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine -runde Frau und rang verzweifelt die Hände.</p> - -<p>Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann -tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine -„Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt, -als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was -der „einsame Spatz“ inwendig ist.“</p> - -<p>Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte -wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers -aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse -Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen -wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle -Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder -der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen -zu, was sie<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben -Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen -läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen -Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige -Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht -stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da -ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht, -die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit -empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die -Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig, -wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des -Lebens schickt.</p> - -<p>Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die -vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen -Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden -durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Stunde schlägt, -und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und -Menschenstimmen weit weg...</p> - -<p>Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die -Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er -seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach -niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie -Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte -sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf -an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen -weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann -mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je -weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller -wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch -die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat -schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie -kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf -diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen -Flügeln, der viel zu früh<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> erwacht war, flatterte wie ein bewegliches -Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte -vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger -Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb -der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In -den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal -purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen, -und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen -Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der -gewisse Tag war...</p> - -<p>Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete -er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum -Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil -bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten -Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben -der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall -nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere -festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit -seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p> - -<p>Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut -störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der -kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand -aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen -Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer -zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit -festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft... -Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber, -und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem -der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“ -schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch -am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller -aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die -Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und -schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier -Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig -nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden -Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte, -entdeckte er, daß er<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in -ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem -Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen -Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand -hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund -noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er -eigentlich lachte, und rannte davon.</p> - -<p>„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch -immer so hoch hinauf, als es anging.</p> - -<p>„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“</p> - -<p>„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das -Köpfchen gezogen war, hervor.</p> - -<p>Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem -sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog -dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt, -was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.</p> - -<p>„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als -er dieses kunstreiche Ungethüm<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> in der Nähe sah, lachte er so hell auf, -daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie -verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie -lustig mit.</p> - -<p>Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf -irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und -Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest -zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche -daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase -vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der -Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit -auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung -hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war -eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform -befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr, -zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den -bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.</p> - -<p>Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen -Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p>„Haa-a — had — die — Dedel — Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte -sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf -das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein -Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte -ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.</p> - -<p>„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit -gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener -Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:</p> - -<p>„Bist Du ganz allein da?“</p> - -<p>„Ja!“</p> - -<p>„Wo ist Deine Mutter?“</p> - -<p>„Bei — bei — Vada!“</p> - -<p>„Wo ist Dein Vater?“</p> - -<p>„Widhaus!“</p> - -<p>„Im Wirthshaus?“</p> - -<p>Das Kind nickte. „Ja!“</p> - -<p>„Und was thust Du allein da?“</p> - -<p>„Waden.“</p> - -<p>Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug: -„Warten?“</p> - -<p>Das Kind nickte wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>„Ja? Auf wen?“</p> - -<p>„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos. -Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.</p> - -<p>„Auf welche Henne, Kind?“</p> - -<p>„Die Henn’ din — die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun -sein.“</p> - -<p>Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die -Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der -Mann nichts verstand als die gelallten Worte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Waze Henn’ und weiße Henn’,</div> - <div class="verse">Ode Ei dud binnen Menn’.“</div> - </div> -</div> - -<p>Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem -Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern -wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:</p> - -<p>„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“</p> - -<p>„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem -auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein -wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p> - -<p>„Ich heiß’ — ich heiß’ —“ sang sie halblaut und schläferig lallend, -wispernd sagte sie dann: „Veonida!“</p> - -<p>Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über -seine erbleichten Lippen.</p> - -<p>„Veronika... Veronika... Veronika!“</p> - -<p>Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für -ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen -zu, sein Schwesterlein, das so hieß...</p> - -<p>Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen. -Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich -doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er -ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden, -damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und -malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder -auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen -Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für -seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen -wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag -und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> kleine -Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel -liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen -Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen -ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines -zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm -nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen, -liebereichen Mädchen........</p> - -<p>Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und -nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf, -die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf -das dunkle Gesicht des Kindes....</p> - -<p>Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte -ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und -gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So -saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der -Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p> - -<p>Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen -hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich -zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock -geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte. -Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie -rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze -und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen -und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte. -Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau -ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu, -den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit -auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber -schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.</p> - -<p>Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen -Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb -anklagend und halb entschuldigend:</p> - -<p>„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem -Wirthshaus holen müssen,<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen. -Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er -hat so seine gewissen Tag’!“</p> - -<p>Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von -einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt, -seine Füße zu beobachten.</p> - -<p>„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na -ja! Der arme Wurm da, ganz allein! — Hat’s alleweil geschlafen? — Ich -dank Ihnen tausend und tausend Mal! — Mitrennen mit mir hat’s nicht -können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen — die ist gar -schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich -belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.</p> - -<p>„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges -Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare -glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein -kluges, hübsches Kind.“</p> - -<p>„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“ -setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf -die perpendikelhafte<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch -immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die -Seite und sagte:</p> - -<p>„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“</p> - -<p>Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:</p> - -<p>„Schlaft.“</p> - -<p>„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich -wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“</p> - -<p>„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines -Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei -den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s -Genick küßte.</p> - -<p>Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein -glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“</p> - -<p>Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur -mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe, -drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte -den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> anließ. Mit einmal aber -bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er -schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine -Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem -alten Bekannten:</p> - -<p>„Nichts für ungut! — Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“ -— er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts -anzufangen ist.“</p> - -<p>Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und -marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die -Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die -Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische -Stimme fragte laut und zärtlich:</p> - -<p>„Na, ist die Henn’ kommen, Du — Du?“...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts... -Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er -das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein -kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in -die Vergangenheit.<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben -Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den -Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube -hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag -früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen -um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.</p> - -<p>Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten -Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und -malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:</p> - -<p>„Aha! unsere Zwei künsteln.“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Nur_ein_Wort"><b>Nur ein Wort.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p> - -<p><span class="initial">„E</span>rinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“</p> - -<p>So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen -unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.</p> - -<p>„Ei, freilich!“</p> - -<p>Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich -beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der -Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine -kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner -Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum -ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über -alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen -und die ich nimmer los bekam.</p> - -<p>So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten -Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende -Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer -und im Traume, und schaut mich an mit zu<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>dringlich sanften Augen. Ich -sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert -haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden -Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.</p> - -<p>Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder -sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer -alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der -„blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... -Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen -steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh -am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für -unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der -Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die -Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte -hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde -später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der -Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre -Ausstattung hergerichtet habe.</p> - -<p>„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neu<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>gierig in ihrer etwas -schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“</p> - -<p>„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster —“ sagte der einsame -Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.</p> - -<p>In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war -etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des -jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so -untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken -und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber -schwatzten sie doch lauter.</p> - -<p>Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die -Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine -vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue -Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von -dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und -gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen -zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein -übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter -Umzäunung sich die<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern -durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich -Caroline hieß, zum erstenmale genau.</p> - -<p>Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die -Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer -Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien -mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen -Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander -gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht -ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter -Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie -sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die -Alten büßen wolle.</p> - -<p>„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich -nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die -Vorstadt aufweisen konnte.</p> - -<p>„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’ -zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> - -<p>„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die -Prinzessin. Soll gescheidt sein!“</p> - -<p>So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das -stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie -in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden -Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen -lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte. -Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte -verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich -schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann, -mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte -ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie -stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als -müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte -ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff -zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge -denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die -Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel -Geld, und zunächst<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster -tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht -genug für meine Arbeit fand.</p> - -<p>„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder -so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der -Schürze über die Augen.</p> - -<p>„Ach was! — die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt — sagt sie -selbst — hat’s auch nicht nöthig — sie ist reich g’nug dazu — -sie könnt heirathen wen sie wollt’ — aber sie will halt nicht“ — -erwiderte die Tante protzig.</p> - -<p>Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor -sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie -tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.</p> - -<p>„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und -weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand -auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.</p> - -<p>„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber — der -Prinz?“</p> - -<p>„Na, was weiter? — der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>„So, so! — Ich hab’ halt g’meint — die G’schicht mit dem Kloster, -schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. — Warum -denn justament in’s Kloster?“ —</p> - -<p>„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes -<em class="gesperrt">Wa</em>rum hat ein <em class="gesperrt">Da</em>rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, -denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie -von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:</p> - -<p>„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen -es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, -suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“</p> - -<p>Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn -weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte -darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die -Rede davon war:</p> - -<p>„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, -meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt -zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches -Weibsbild Bücher? — Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> - -<p>Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich -weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen -Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie -seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was -das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens -gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte -mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem -traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war -noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute -empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum -bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines -waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der -Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber -fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten -sich unhörbar... sie sprach leise.</p> - -<p>Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich -gesucht hat?</p> - -<p>Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen -Worten jemals gehört hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> zumeist fielen mir diejenigen ein, welche -in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten -und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines, -das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung -hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Und willst Du in’s Kloster gehen</div> - <div class="verse">Und werden eine Nonn’,</div> - <div class="verse">So will ich das Kloster anzünden,</div> - <div class="verse">Ja, ja, anzünden,</div> - <div class="verse">Daß ich wieder zu Dir komm’.“</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">„Ich hab’ in meinem Herzen</div> - <div class="verse">So viel von Lieb’ und Treu’,</div> - <div class="verse">Daß ich für Dich will sterben,</div> - <div class="verse">Ja, ja, will sterben,</div> - <div class="verse">Dann ist die Noth vorbei.“</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein -Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich -die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend -wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden -thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo -die Lina und das<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht -sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das -pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht -hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort -träumen und empfinden sehen.</p> - -<p>„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß -mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.</p> - -<p>Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein -wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.</p> - -<p>„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme -hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.</p> - -<p>Sie stand auf und lief zu mir herüber.</p> - -<p>„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.</p> - -<p>„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause -wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“</p> - -<p>„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte -ihre zarten Lippen.</p> - -<p>„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.</p> - -<p>„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?... -Liebe!... Davon reden Alle.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen -wolle.</p> - -<p>„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es -aber gewiß Treue, nicht wahr?“</p> - -<p>Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen -eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:</p> - -<p>„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum <em class="gesperrt">denkst</em> Du an ein -Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie -klagend.</p> - -<p>„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’ -wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu -Ihnen sagt.“</p> - -<p>„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“</p> - -<p>„Nur meine Mutter, aber die ist —“</p> - -<p>Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach -weiter:</p> - -<p>„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch -die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s -keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich -dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne -Gruß ging sie davon.</p> - -<p>So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach -sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.</p> - -<p>Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen -oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde, -als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie -das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.</p> - -<p>„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die -Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.</p> - -<p>„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“ -fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.</p> - -<p>„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und -sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige -Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die -andere Hälfte kriegt das Kloster.“</p> - -<p>Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein -blutjunger Student,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof -schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links -wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern -und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf -saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz -waren sie, und die Männer sagten scherzend:</p> - -<p>„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen -Augen.“</p> - -<p>Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm -ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und -übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im -Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die -andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe. -Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde, -da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine -knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender -Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben, -er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit -Rosinen und Mandeln vollstopfte.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Er konnte auch viel schöner singen -als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz -vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’, -und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht -finden konnte.</p> - -<p>Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie -fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände, -jetzt sei sie ein wenig krank.</p> - -<p>Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem -kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt, -Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im -Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten -silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt.</p> - -<p>Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und -zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang -er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir -mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das -Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand -und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe in<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> der Luft herum, wenn -er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen, -hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus.</p> - -<p>„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen.</p> - -<p>Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den -Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein -dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz -verborgen hinter einer weißen Haube.</p> - -<p>„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die -Franziska gleichgültig zu ihm.</p> - -<p>„Die — in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer, -daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns -nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die -Caroline besser sehen konnte.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Und willst Du in’s Kloster gehen</div> - <div class="verse">Und werden eine Nonn’,</div> - <div class="verse">So will ich das Kloster anzünden.“</div> - </div> -</div> - -<p>Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild -vor mir sah.</p> - -<p>„Ja, ja, anzünden!“</p> - -<p>Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidter<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> wäre, wenn er es -thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit -dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben.</p> - -<p>Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns -„dumme Mädels“ und rannte davon.</p> - -<p>Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur -erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen. -Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger -und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht -erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für -die andern Leute.</p> - -<p>Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die -blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten; -durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm -dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer -näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder -schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und -die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu -sehen gab. Auch der Student stand<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> unter ihnen, aber er wandte keinen -Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete.</p> - -<p>„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den -Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand.</p> - -<p>„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt -ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“</p> - -<p>Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen.</p> - -<p>Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im -Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die -dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern -der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der -Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen. -„Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt — sei — Je-e-sus — Chri-i-stus!“ -sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten, -und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt -zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen -blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge -herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm,<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> der -mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner -Donner herübertönten.</p> - -<p>Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt -war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen -aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen -sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und -verschwanden in der Hausflur.</p> - -<p>Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer -unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander, -daß ich es hörte.</p> - -<p>Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau, -und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der -zweiten und schritt dem Klostergefährte zu.</p> - -<p>Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als -er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und -sagte am ganzen Leibe zitternd:</p> - -<p>„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“</p> - -<p>Der Mann zuckte mit beiden Achseln.</p> - -<p>Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und -sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen -Hut<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> weit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß -es zurück und rief den Leuten zu:</p> - -<p>„Hat denn kein Mensch <em class="gesperrt">Mitleid</em> mit ihr, und sagt ihr, was sie -thut!“</p> - -<p>Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke, -ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid -aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm -ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und -die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das -Fenster:</p> - -<p>„Fahren!“</p> - -<p>„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte.</p> - -<p>Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel -und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad -geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang. -Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen -übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings -stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von -weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen -Augen, und quer über sein<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> todtenbleiches Gesicht hatte er einen -feuerrothen Streifen.</p> - -<p>Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem -kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den -Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die -Prinzessin davonführten.</p> - -<p>„So will ich das Kloster anzünden!“</p> - -<p>Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s -Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer, -und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in -der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von -der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen.</p> - -<p>„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später -die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir. -Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die -Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen -sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar -Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“</p> - -<p>Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilen<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> taucht der sinnende -Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und -schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen:</p> - -<p>„<em class="gesperrt">Mitleid</em> hieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Im_neuen_Hause"><b>Im neuen Hause.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p> - -<p><span class="initial">„B</span>ei uns wird ein neues Haus gebaut!“</p> - -<p>„Was? — wo!?“</p> - -<p>„Auf dem Feld’ oben!“</p> - -<p>„Auf welchem Feld?“</p> - -<p>„Na, neben der Trockenwiese.“</p> - -<p>„Wer sagt’s?“</p> - -<p>„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu -bauen an.“</p> - -<p>So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten -die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in -einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter -die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem -großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt -lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese, -wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche -flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken, -Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> - -<p>Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die -Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah -man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu -hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.</p> - -<p>Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun -frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal -darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen -dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres -hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen -waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches -Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten, -daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde -zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und -Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl -fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten -Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang -verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden -fortgejagt; was<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen, -bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen -kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute -kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von -Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“, -wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen -Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und -bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug -meist wild und gerade und gesund in die Höhe.</p> - -<p>Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde -nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute -kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die -Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle -Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt -und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den -Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im -Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen -wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das -Ende des lustigen Getriebes,<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> das Haus wurde zugeschlossen, es war -fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten -Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume -einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber -sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der -Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr -um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.</p> - -<p>Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große -Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer, -die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker -Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr -weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang -er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt -die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte -sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der -Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern -ab.</p> - -<p>Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den -Schlüssel ein, schaute sich sein Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>barhaus, die „blaue Gans“, -und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und -hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.</p> - -<p>„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte -Frau Weiß verwundert.</p> - -<p>„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn -nachgesehen hatten.</p> - -<p>„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem -alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“</p> - -<p>„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist -der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden -ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter -Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“ -schloß der alte Dragoner beißend.</p> - -<p>„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der -muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’ -gesetzt, sein reiche Leut’!“</p> - -<p>„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“ -spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die -überspannte Fabri<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>kantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat -sich in seine Stimm’ verschossen. In <em class="gesperrt">die</em> Stimm’, die hat halt -nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“</p> - -<p>Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue -Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der -Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß -sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut -aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie -ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von -sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus -dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.</p> - -<p>Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten -die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen -Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.</p> - -<p>„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild, -das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese, -es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“ -erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding, -das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem -alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch -das Gitter heraus mit der Liese plauderte.</p> - -<p>Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren -Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als -sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich -aufgenommen.</p> - -<p>An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus -herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten. -Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein, -auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den -weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen -Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!... -Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt, -schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:</p> - -<p>„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da -drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus -wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> Goldfäden -und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und -solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren -wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“</p> - -<p>Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile -in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese, -die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem -Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der -„blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt -und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.</p> - -<p>„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend, -„denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne -hatten.“</p> - -<p>Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt -hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und -weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die -Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach -knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große -Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn -sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber -in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Ziehmutter und dann der -mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte -sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte -das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem -heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.</p> - -<p>Warum?</p> - -<p>Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein -Geschenk, das einem Almosen glich.</p> - -<p>Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund -geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu, -während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche -hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.</p> - -<p>Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag -vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne, -wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte: -„Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann -sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.</p> - -<p>Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst -Du Dir so viel Mühe und<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme -weniger voll klingt?“</p> - -<p>„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht -und ging singend davon.</p> - -<p>Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt -er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch -weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend -kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er -bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen -Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei -der Arbeit saßen:</p> - -<p>„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und -seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“</p> - -<p>Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und -ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.</p> - -<p>Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden -langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die -halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem -gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - -<p>„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann, -Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm -aufblickte.</p> - -<p>Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein -Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann -mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn -vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe -Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine -Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit, -als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang. -Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und -sagte ihr:</p> - -<p>„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches -ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde -Luft und Ruhe, er wird <em class="gesperrt">uns</em> nicht stören und wir <em class="gesperrt">ihn</em> -nicht, ich habe ihm die Wohnung gegeben.“</p> - -<p>Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag -und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge -schwerer Kisten und Truhen mit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p> - -<p>Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an -die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den -Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug -sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke, -die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die -Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der -Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter, -wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte -auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den -Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an -ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab, -das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein -Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und -halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht -aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es -klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie -sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte -gern viel gelernt.</p> - -<p>„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> dem Herrn Gottfried -seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete -Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach -der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine -Wohnung führte.</p> - -<p>„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna -lächelnd.</p> - -<p>„Warum denn?“</p> - -<p>„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen -Tisch in Ordnung halten?“</p> - -<p>„Soll halt ein Mädel heirathen!“</p> - -<p>Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte -der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.</p> - -<p>Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er -habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem -neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem -glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen -hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb, -so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu. -Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange -machte, sie fürchtete,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so -dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt -seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden -konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend, -daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel -Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen, -die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen. -Durch die Muße leide aber seine Stimme.</p> - -<p>Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die -Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen -steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief -und schaute lauernd auf seine Frau hinab.</p> - -<p>„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir -hat. — Gelt Du? — Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die -Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“</p> - -<p>Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit -denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur -manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie -ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin -des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr -Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben, -denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried -kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie -sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über -die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.</p> - -<p>In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau -Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen -hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines -Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite -Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.</p> - -<p>„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht -und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren -Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den -jungen Mann hinaufführte.</p> - -<p>Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die -Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde -immer<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun- -und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde, -hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön -weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.</p> - -<p>Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn -die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde -es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien -Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit -begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb -und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine -Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig -die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie -halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den -vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die -„blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan, -was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es -so warm und still war in der Lesestube.</p> - -<p>„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> waren und ob sie noch -leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin, -so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig -„Luftschnappen“ mußte.</p> - -<p>Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme -Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es -wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese -aufgefaßt und als Hochmuth.</p> - -<p>„Willst auch mit hinüber, Christel? — Die Frau Anna ist heut ganz -allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der -großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß -ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.</p> - -<p>„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das -Thor.</p> - -<p>Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein -Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee -noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich -keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen -Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute -hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht...<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> Auch -der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein -flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem -Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so -zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da, -und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte -erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling -immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter -den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in -das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken... -Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so -helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr -entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des -Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar -Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um -und trabte wieder in die heiße Waschküche.</p> - -<p>Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten -Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p> - -<p>„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr -Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde -durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft -nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber -plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen -wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in -das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild -ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen -Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte -eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es -finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche, -und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...</p> - -<p>Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der -Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog -mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht -hätte.</p> - -<p>„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz -leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.</p> - -<p>Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> ihr nur freundlich zu. -Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ -anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr -sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so -gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie -mitleidsvoll ansah.</p> - -<p>Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war -im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen, -als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich -langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir -bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf, -und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte -sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen -hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie -fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte -sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in -einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber -geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes -Feenmärchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr -viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß -ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann -kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd -und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in -ihr Bett legen. Das will etwas sagen! — in ein Bett aus rosenfarbener -Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der -Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und -Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man -glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein -Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber -bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann -hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute -noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....</p> - -<p>Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen -Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze -Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur -die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stock<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>werk geht es immer auf -und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des -Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf -meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin -an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da -oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet -herzusagen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">„Heiliger Schutzengel mein</div> - <div class="verse">Laß mich Dir befohlen sein,</div> - <div class="verse">Beschütze ... beschüt.......“</div> - </div> -</div> - -<p>Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe -wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen, -die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu -mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen -Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die -zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:</p> - -<p>„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Schritt oben, immer -auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit -den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und -ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen -mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde — und es muß das oft -gewesen sein — war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal -träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf, -wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe, -denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und -gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die -Sonne ins Gesicht schien.</p> - -<p>Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die -Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an -einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im -Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und -bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen. -Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die -rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz -weinerlich um’s Herz wurde:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>„Ja so...“</p> - -<p>Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren -Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann -band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück. -Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte -mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine -Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen -hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine -große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor -sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:</p> - -<p>„Neue Kinderbewahranstalt — Narrenhaus — lauter Fadaisen — -einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im -Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie -mich schon zur Thüre hinaus...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den -Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie -nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu, -wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> die Rede war. Es wurde -jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war -der Herr Gottfried viel kränker.</p> - -<p>„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte -Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon -zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer -nicht allein aushalten.“</p> - -<p>Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette, -sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken -herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden, -er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien -bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der -anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte -er sich wieder niedersetzen.</p> - -<p>„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras -beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die -gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will -er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.</p> - -<p>„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> nicht,“ sagte die -Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.</p> - -<p>„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz -andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er -soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“</p> - -<p>Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders -„gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für -die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.</p> - -<p>„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch -ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch — dem kann nur eine -gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“</p> - -<p>So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch -die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst -von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher -gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm -herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der -Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:</p> - -<p>„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie -brauche.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p> - -<p>Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets -über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht -begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne, -wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub, -zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm -stehen blieb und nur im Fluge fragte:</p> - -<p>„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“</p> - -<p>Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des -Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er -damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten -Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief, -sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich -die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals -ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.</p> - -<p>„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist -umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt, -die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu -schätzen wissen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> - -<p>„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.</p> - -<p>„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und -ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank -legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute -er aber den Gottfried von der Seite an.</p> - -<p>„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.</p> - -<p>„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und -links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine -Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig -werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern -herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“</p> - -<p>„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er -durch die Finger zog, aufzublicken.</p> - -<p>„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt -mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr, -ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht -leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie -begreifen?“</p> - -<p>„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<p>„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die -Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:</p> - -<p>„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das, -sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“ -er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es -Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr -sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine -Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit -sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit -die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen, -daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf -drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter -geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so -verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt -schicke. Sie verstehen?“</p> - -<p>„Ja!“ — stöhnte der todtbleiche Mann.</p> - -<p>„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen -Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p> - -<p>„Und doch wollen Sie reisen?“</p> - -<p>„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt -eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er -mit einem schlauen Zwinkern.</p> - -<p>„Jetzt verstehe ich wirklich Alles —“</p> - -<p>„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!... -hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und -schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang -auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben -heißt...“</p> - -<p>Der Kranke athmete schwer.</p> - -<p>Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht -nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter -nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe -bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich -bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein -Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig... -Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie -davon.“</p> - -<p>„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p> - -<p>„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche -er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los -und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“</p> - -<p>Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den -Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich -immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:</p> - -<p>„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“</p> - -<p>Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als -die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen -Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die -erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:</p> - -<p>„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst. -Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer -Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt -da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen -müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht -übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank ab<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>wesend -ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren, -oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried -allein... Sie begreifen?“</p> - -<p>„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und -schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.</p> - -<p>„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg -an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen, -entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen -müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider. -Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“ -Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf -bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem -Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.</p> - -<p>„Jetzt ist mir Alles klar — das unglückselige Weib —“ stöhnte der -Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm -die Brust zerreißen.</p> - -<p>Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden -Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“ -fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>schichte, -freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.</p> - -<p>In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein -sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der -Laternanzünderin zu:</p> - -<p>„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein -bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat -halt viel Geld gehabt.“</p> - -<p>Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß -auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann -werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und -so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem -vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede -mit den Worten:</p> - -<p>„So mein ich. — Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist, -von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was -sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist, -das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer — -alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p> - -<p>Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die -in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da -aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde -klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener -legten, die in dem Kreise lebten.</p> - -<p>„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten -sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna -und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und -als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache -Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen -Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas -Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu -klagen.</p> - -<p>So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit -Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.</p> - -<p>„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“ -fragte die Spitalwärterin entrüstet.</p> - -<p>„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die -Neuigkeit rasch weiter.</p> - -<p>Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder -unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich -ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die -Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen. -Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun -geworden.</p> - -<p>Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die -zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen -Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde -die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen -Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die -Glasglocke schwirrten.</p> - -<p>„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“ -dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.</p> - -<p>Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach -viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der -Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> -schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt -waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende -Schüssel sammt vier Gläsern.</p> - -<p>Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte -den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer -feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen -Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und -sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:</p> - -<p>„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun -Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand -gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem -Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn -schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“</p> - -<p>Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den -Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen -Finger.</p> - -<p>„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der -alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um -den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p> - -<p>„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht -allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in -seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß -Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne -Sorge, nicht wahr?“</p> - -<p>„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr -Gesicht in den Händen.</p> - -<p>Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der -Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die -Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte. -Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die -Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und -stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.</p> - -<p>„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische -gleiten.</p> - -<p>Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren -feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.</p> - -<p>„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel -ausreißen, dann geht es schneller.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<p>Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.</p> - -<p>Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib -furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese. -Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über -die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:</p> - -<p>„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch -ausreißen, die Hex’.“</p> - -<p>Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die -Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht: -„Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder -heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der -Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat -zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb -die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam, -lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch -fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr, -daß sie hell auflachte...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p> - -<p>Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank -stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper -vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem -Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen -Mädchen giebt.</p> - -<p>„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried, -und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist, -so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch, -aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein -seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den -Trennungsschmerz abkürzen wollte.</p> - -<p>Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und -nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte -die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als -er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte, -da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht -hinausweinte und immer wieder rief:</p> - -<p>„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“</p> - -<p>Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zu<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>frieden in ihrem -Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr -Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die -halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:</p> - -<p>„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein -guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Mama_muss_tanzen"><b>Mama muß tanzen.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p> - -<p><span class="initial">N</span>ur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und -die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten -sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber -mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab... -ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen -Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...</p> - -<p>Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen -langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell -kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende, -sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.</p> - -<p>„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte -die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem -Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche -mittheilte.</p> - -<p>Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Gottfried das letztemal -eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein -anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“ -rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei -Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor -nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem -Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.</p> - -<p>„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht, -daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es -ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden, -derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte -der Laternanzünder.</p> - -<p>Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den -Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und -fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft -und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der -einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.</p> - -<p>Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese -durfte nicht mehr zu ihr, einige<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>mal hatte sie das alte Stubenmädchen, -die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und -verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den -Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.</p> - -<p>Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts -angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen -und räuspern.</p> - -<p>Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte -es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus -sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.</p> - -<p>Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten -auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich -das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem -Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle, -welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte -es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor -stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte -ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> mal. Die -Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff -dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den -Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das -Haus nie mehr betreten...</p> - -<p>Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten -Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde -herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene -Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen -hat...</p> - -<p class="center">*<br /> -*<span class="mleft7">*</span></p> - -<p>Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...</p> - -<p>Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern -gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben, -daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland. -Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei -wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und -was sie nur gelesen habe.</p> - -<p>Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln -ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede, -wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Be<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>wohner sich in dem -Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und -dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.</p> - -<p>In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher, -wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch -im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen -ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und -fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine -Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide -und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen -kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut -selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen -Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen -liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah -man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag -eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und -fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick. -Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner -schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer -Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe -herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen -aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des -kleinen Mädchens.</p> - -<p>Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und -dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort -stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte -mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß -wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd -aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.</p> - -<p>In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen -Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die -mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:</p> - -<p>„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der -Pferdbub’ gesagt.“</p> - -<p>Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“, -wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das -feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> bald -die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte -so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und -gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde -rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue -Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die -Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer -ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.</p> - -<p>„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme -Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer -auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite -und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter -schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder, -wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.</p> - -<p>„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig, -„der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir -putzen — Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine -Hemdärmeln.“</p> - -<p>„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit -ihrem Sessel, die krumme<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Frau holte tief Athem, lachte boshaft und -fuhr erregt fort:</p> - -<p>„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt, -der Sali — sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! — daß der -Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! — -Draußen im Ausland — dort, von wo sie hergekommen ist — da ist ein -Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da -hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt, -verurtheilt und eingesperrt.“</p> - -<p>„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine -Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr -nächster Verwandter wäre.</p> - -<p>„Ja, wie ich Ihnen sag’! — Und der „Onkel Euschön“, von dem meine -Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich -das erst! — der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel -weiterleben kann.“</p> - -<p>Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau -Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die -Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach -einer Viertelstunde, als schon kein<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> guter Ziegel auf dem Dache des -Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg -sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin -eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten, -und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem -guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“ -schloß sie erschöpft.</p> - -<p>Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken; -sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer -Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde -immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen -Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die -scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls -seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach -einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten -Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch -mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder -sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften -alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu -Dutzenden und fing auch<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte -sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu. -Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah -diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben -unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel -steifer Haare so im Flug sichtbar.</p> - -<p>„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine -Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze -Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“</p> - -<p>„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen -wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine -Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben -Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.</p> - -<p>„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit -der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder -verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was -giebts?“</p> - -<p>„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen... -hat... die... Mam... mor...<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh... -giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!... -darf... ich?“</p> - -<p>Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das -kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.</p> - -<p>„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’ -kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem -krummen Bein auf die Diele.</p> - -<p>„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die -Roserl kurz, und weg war sie.</p> - -<p>„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, <em class="gesperrt">ein</em> -solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“</p> - -<p>Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo -ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die -Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über -die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine -seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der -Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch -den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie -einen steifen Knix gegen die<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme -übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in -das Haus.</p> - -<p>In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren -Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind -beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer -flatterte ihr entgegen und sagte lachend:</p> - -<p>„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel -mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein, -ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen -tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als -ob sie selber schon tanzen wollte.</p> - -<p>Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den -Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der -kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere, -bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln -aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.</p> - -<p>In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer -Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken -umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> -Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz. -Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:</p> - -<p>„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“</p> - -<p>„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine -Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.</p> - -<p>Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große -traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben. -Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich -zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die -feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich -der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es -zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann -sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her, -bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.</p> - -<p>„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut -bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?... -Du!?“</p> - -<p>„Rosi.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> - -<p>Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt -eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler, -zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen -Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie -stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden -Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.</p> - -<p>Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er -schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie -zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als -die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein -müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur -Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß. -Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster -stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang -vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner -großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes. -Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln -herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und -schaute<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel -und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde -junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst -die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das -fremde Kind heran.</p> - -<p>„Du! Dingsda! komm her! — Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte -er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre, -Du Range?“</p> - -<p>„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag -thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und -schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die -schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu.</p> - -<p>„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und -winkte dann abwehrend mit der Hand.</p> - -<p>„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau.</p> - -<p>„Claudine!“</p> - -<p>„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine -Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die -Kissen und sagte kosend:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p> - -<p>„Blanche, <span class="antiqua">mon petit ange</span>, süßes, schönes, einziges Kindchen, -<span class="antiqua">chéri</span>, ich bitte Dich, weine nicht.“</p> - -<p>„Nein, Mama.“</p> - -<p>„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du -willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin -fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde.</p> - -<p>Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du -manchmal zu mir herab, Mama?“</p> - -<p>„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte -sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig -hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu -uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“</p> - -<p>Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte -unmerklich.</p> - -<p>„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels, -und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar -die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er -zischte:</p> - -<p>„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“</p> - -<p>„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p> - -<p>„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß, -weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke -hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles, -<span class="antiqua">petite chate</span>,“ schloß er wieder nachlässig.</p> - -<p>Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd -hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer -glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann -wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie -versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür -starrte.</p> - -<p>„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche.</p> - -<p>„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut, -wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim -Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene -Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“</p> - -<p>Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um, -erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins, -die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern,<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> -so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen -die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr -Blanche nachgesehen.</p> - -<p>„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer -Schleppe wieder hereinstolzirt kam.</p> - -<p>„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind.</p> - -<p>„Meine...? Uihjeh!...“</p> - -<p>Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht -der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht -waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort -wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme -der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer -Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser -herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den -findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst, -aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller.</p> - -<p>„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut; -„meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s -auch, und<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes -Sonntagskleid...“</p> - -<p>„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“</p> - -<p>„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend.</p> - -<p>„Was ist das?“</p> - -<p>„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare, -schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach -rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann -erklärend.</p> - -<p>Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und -lachte.</p> - -<p>„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du -es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie -mich meine Frau Mutter.“</p> - -<p>„Und <em class="gesperrt">wie</em> heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in -die struppigen Haare der Andern und zog sachte.</p> - -<p>„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“</p> - -<p>„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> Finette singt mir vor, -aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest -flüsterte sie der Roserl in’s Ohr.</p> - -<p>Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf -dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher -in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften -die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische -lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile -zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später -drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen...</p> - -<p>Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet -und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein, -das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da -raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele -huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten, -bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut -klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von -der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz. -Das lispelte eng aneinander<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> gerückt hinüber und herüber in hastigem -kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen -mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so -eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der -gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“.</p> - -<p>„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“ -flüsterte Blanche.</p> - -<p>„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch -zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo, -und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und -Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“</p> - -<p>„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“</p> - -<p>„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand -endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen -Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe -zwischen die beiden Scheiben.</p> - -<p>„Was thust Du?“</p> - -<p>„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi -mit ahnungsvoller Wichtigkeit.</p> - -<p>„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> an die Decke und gab -mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder -und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die -Fensterscheiben leicht erklirrten.</p> - -<p>„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“</p> - -<p>„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau, -ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern -nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den -Zwetschkenkrampus! gelt?“</p> - -<p>Die Roserl lief davon...</p> - -<p>Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und -lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von -Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog -ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen -und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der -ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen -waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der -schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die -Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete -das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> dem Krampus, -diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer -wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin -hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe -brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte.</p> - -<p>„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon.</p> - -<p>In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu -bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß -hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte -sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht, -das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock, -darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und -eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die -Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten -vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er -jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den -sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der -arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Beinen, -der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht -bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf -sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels -schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen -Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe -Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne -Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen -Ruthenbesen.</p> - -<p>Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage -der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber -auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth -angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben, -daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden -rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in -einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite, -das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der -Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand -ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche -gehörte, der war spiegelblank<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> gescheuert, da brannten auch ein Dutzend -Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen -Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der -„blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den -Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die -Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre -Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten -halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in -einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten -Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich...</p> - -<p>Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt. -Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die -ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das -meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und -hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein -erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht -auf den Knieen.</p> - -<p>„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt, -wer solche Stiefeln haben<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen -Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu.</p> - -<p>Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner -Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den -meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib.</p> - -<p>„Ein Loch? — Meiner Seel! — Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser -Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung -weiter.</p> - -<p>„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’ -ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel.</p> - -<p>„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns -der prügeln will beim Beten!“</p> - -<p>So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil -heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher -Stimme:</p> - -<p>„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte -sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was -thust Du könn-en fang-e an?“</p> - -<p>„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem -Waschkessel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p> - -<p>„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz -und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in -die Kniebeuge.</p> - -<p>Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der -Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen -Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde -gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon, -früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen -vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete -auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb -an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter -Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen.</p> - -<p>In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie -den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den -Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste -Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten -Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren -linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> -sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der -sich hinter ihr doppelt empört erhob.</p> - -<p>„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die -Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte -vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig -mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge -zu der einsamen Blanche.</p> - -<p>Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht -hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen -hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten -dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer -hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart -verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden -Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus -Maria!“ murmelte es entsetzt.</p> - -<p>„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den -Arm der Roserl.</p> - -<p>„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der -Blanscherl,“ stotterte sie.</p> - -<p>„Du?!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p> - -<p>„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“</p> - -<p>„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann -betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern.</p> - -<p>„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“</p> - -<p>„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt.</p> - -<p>„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr -den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl.</p> - -<p>„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille... -Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“</p> - -<p>Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und -folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu -gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte, -auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in -ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in -dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann -sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte -hinter sich und flüsterte:</p> - -<p>„Wart nur, da kommt schon der <em class="gesperrt">Krampus</em> nach...<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> da hast Aepfel -und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten... -weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“ -zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen.</p> - -<p>Da stand er in der Thüre...</p> - -<p>Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er -dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit -furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand -bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur -wie verzückt auf das schmale Gesichtchen.</p> - -<p>Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch -furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in -verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das -Kind kichernd:</p> - -<p>„Das ist der Krampus!?“</p> - -<p>Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere -Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von -Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der -Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf -beide Kniee und hielt<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde -entgegen.</p> - -<p>„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“</p> - -<p>„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind, -mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die -Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen -hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen -leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen. -Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin, -die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest.</p> - -<p>Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke -schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die -Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich:</p> - -<p>„Hörst Du die Musik, Papa?“</p> - -<p>„Ja Süßlieb, was ist das?“</p> - -<p>„Mama giebt einen Ball.“</p> - -<p>„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig.</p> - -<p>„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“</p> - -<p>„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“</p> - -<p>„Nein Papa! die Roserl war da.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann -winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und -flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln: -„Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor -mir?“</p> - -<p>„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer -gut, damit Du bald kommen sollst.“</p> - -<p>Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre -Augenlider zärtlich und sagte:</p> - -<p>„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen -mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er -horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt.</p> - -<p>Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester -Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem -Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu -sprechen anhub.</p> - -<p>„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“ -setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben -beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit -weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du -mitfahren und immer bei Papa bleiben?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p> - -<p>„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“</p> - -<p>„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“</p> - -<p>Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes, -schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie -ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und -den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte -er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen. -So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher, -und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete, -beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand -an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte:</p> - -<p>„Halte Dein Schürzchen auf.“</p> - -<p>Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen -hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte -flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang -in den Wagen und fuhr davon.</p> - -<p>Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden -konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im -Straßenkoth und<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die -Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und -rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das -neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte -durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in -die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich -neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der -verwunderten Frau:</p> - -<p>„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Nachbar_Krippelmacher"><b>Nachbar -Krippelmacher.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p><span class="initial">E</span>s steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer -Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der große eingezäunte -Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern -schließt den wüsten Platz ab.</p> - -<p>Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu und fremd -gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wie viel Lust und Leid -auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wie viel Lachen und -Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus da oben -stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten Straßen -und Gassen, keine kühlen vornehmen Leute in dem stillen Winkel; -unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig aneinander, -halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander. Es war ein -fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für uns Kinder, -wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten.</p> - -<p>Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke „Nachbar Krippelmacher“ -und Thüre an Thüre sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher -war<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender -Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die -Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie ihre -Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der Vorstadt -zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller wurde ihre -Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten vierzehn Tagen vor -dem Christfeste hantierte schon Alles, was im ganzen Hause und in der -Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger hatte. Es war aber auch für -uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das, was wir da machten, war ja -halb Spiel für uns und halb Erwerb.</p> - -<p>Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben wie so ein Kripplein -entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine große Rolle -spielt, die Schaufenster aller Spielwaarenhandlungen schmückt, und das -Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich, -wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es -machten?...</p> - -<p>Auf ein schuhlanges, flaches Bretchen, das zur Hälfte grün bemalt ist, -werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen zwei -sind handhoch, die hinteren doppelt solang. Sind die „Gestelle<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>“ also -hergerichtet, dann kommen große Kübel voll Leimwasser, in dieses werden -breite Bogen von dickem grauem Papier getaucht, wieder herausgezogen -und dann zu unförmlichen Knäueln zusammengedrückt; alle die großen und -kleinen Hände formen aus diesem feuchten zerknüllten Papier über die -vier Stäbchen gespannte Felsen, welche sich kühn nach hinten aufbauen -und ganz unten in der Mitte eine kleine Höhle bilden. Das läßt sich -nicht gut so hübsch erzählen wie es flinke Finger zurechtmachen, wenn -jedoch über diese grauen, leimfeuchten Felsen zerstoßener Glimmer -gesiebt wird und blaugrauer Streusand, dann bedarf es keiner großen -Einbildungskraft, sich glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine -steife Bäumlein aus grobem Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes -Moos, Strohblumen-Knösplein, werden dann auf die Felsen geklebt, in der -Höhle wird ein winziges Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen -zierliche Strohhalme und darauf wird das splitternackte Christkindlein -gebettet. Ochs und Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug -halten, diese kleinen Thonthierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes -gestellt, im Vordergrunde aber werden Maria und Josef festgeleimt, die -Beiden sammt dem Jesuskinde haben große Heiligenscheine aus Rauschgold, -und da die ganze Rausch<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>goldarbeit in einem Handgriffe gehen muß, -wird auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an -ein Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt. -Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit dem -Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den Hirten mit -seinen Schafen aufmarschiren. Zu allerletzt werden auf einem Felsen die -heiligen drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt, und wären die -drei Unglücklichen lebendig, so müßten sie eines elenden Todes sterben, -denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte, von welcher sie -immerfort zu dem Stern emporschauen.</p> - -<p>Es war also wieder einmal Weihnacht und flimmernd standen auf -treppenförmigen Brettern die Krippen rund herum in der Stube und -hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von der -Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füße schwer waren, weil er -tagüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die helle warme -Stube, saß müde da und hörte dem Geplapper der kleinen Arbeiter zu, -denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den Thonfiguren wurden -allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt, ja sogar Ochs und Esel -unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten oft heerdenweise, -und das Kindlein in<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> der Krippe mußte vor Kälte so unmenschlich laut -schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen Ohren und Händen -sich zurechtlegen konnte, daß <em class="gesperrt">er</em> schreien würde, wenn er -splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müßte. Manchmal -wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt und gebratene Kartoffeln -rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die zwei kleinen -Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern wie die Lerchen, -so daß selbst der Vater mühsam den schweren Husten anhielt, um seine -Kinder zu hören.</p> - -<p>Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer -Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; Niemand als er wußte -wie es um ihn stand, denn er saß hustend vom grauen Morgen bis in den -sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine -Kinder ihr karges Brod hatten. Seit sein Weib todt war, hatte ihn -Niemand lachen gesehen; was sie gethan hatte, das fleißige Weib, mußte -nun er, der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen thun, er wusch und -kochte nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein, -die Schultern wurden immer höher und die entsagenden Augen schauten -immer größer aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen, wenn der -behäbige Krippenmacher an des<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> Nachbars Thür pochte und mit seiner -lachenden Stimme hineinrief: „He! Nachbar! gehen wir nicht ein wenig in -die Felder mit unseren Kindern?“ ließ er das Schifflein ruhen, wandte -sich auf dem schmalen Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus -seinem sehnsüchtigen Herzen herauskam:</p> - -<p>„Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht’ heut’ schon selber d’ran, ich -will nur erst meine Kinder zusammenrichten.“</p> - -<p>Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervorgeholt, und mit -frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band -und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links -an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege -durch das wogende Korn. Aber selbst da draußen konnte er schweigend -dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen -wie einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen rötheten sich -dann leicht, das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen -Fingern in die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf -strömen. Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Straße -lange Schatten warfen, wenn Alles voll Abendfriede und Ruhe war da -draußen...<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute -zurück und sagte fast wehmüthig:</p> - -<p>„Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab’ nur den einzigen Wunsch, -einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von -dem großen Pappelbaum dort schlafen, das müßt’ wohlthun, Nachbar -Krippelmacher!“...</p> - -<p>Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der -Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und -während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um -Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer -wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon -am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem -Nachbar Krippelmacher.</p> - -<p>„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf -seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit, -unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen -heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“</p> - -<p>Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier -gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner -kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe,<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre -rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen -Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in -der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert -und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln -hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:</p> - -<p>„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“</p> - -<p>„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig.</p> - -<p>„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin -ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher -beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie -das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“</p> - -<p>„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der -dicke Mann.</p> - -<p>„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach -sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag -keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere -eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt -war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr -Krippelmacher?“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der -Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden -Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien.</p> - -<p>„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’, -Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen -lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und -nachher... freilich halt... nachher...“</p> - -<p>„Was?“</p> - -<p>„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich, -Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“</p> - -<p>Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht, -daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund -auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in -die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an -Schulter ihm fast in’s Ohr schrie:</p> - -<p>„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine -Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten -giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die -schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> damit noch zwei -Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen -in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt -legen Sie sich ruhig schlafen.“</p> - -<p>„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich -hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat -mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“</p> - -<p>Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine -Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder -zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu -Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte -ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen -Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam -auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte, -und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und -ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das -Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen, -war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie -schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft -in den Schlaf.</p> - -<p>Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Flecken auf seinen -Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem -Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich -prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein -aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des -gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die -Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an -den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an -das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten -Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie -ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der -Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider -heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und -blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes -zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein -leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl, -löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu -murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige -Bitte für seine Kinder...</p> - -<p>Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> schaute, da wendete ihm -der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein -tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.</p> - -<p>Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten -die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln -sprangen im Backofen herum vor Hitze.</p> - -<p>„Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut’ recht übel vorgekommen, Weib, -meinst nicht?“ fragte der Krippelmacher verdüstert, „ich möcht’ einmal -hinüber schau’n, vielleicht braucht er etwas.“</p> - -<p>„Ja, ja, schau nach, Alter!“ drängte die gutmüthige dicke Frau, und der -Mann ging und klopfte sachte an die Thüre seines Nachbars.</p> - -<p>„Bin munter,“ flüsterte es drinnen mühsam.</p> - -<p>Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht den -Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen.</p> - -<p>„Oho, Weber, ganz sauber angethan, wollen doch nicht fortgehen heut’ -noch?“</p> - -<p>Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es wisperte -beschwörend:</p> - -<p>„Nicht die Kinder wecken, Nachbar... es wird Ernst... ich wart’ von -Viertelstund’ zu Viertelstund<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>’ auf den Tod... Nachbar!... Kinder... -Krippelmacher ... bitt’...“</p> - -<p>Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte rathlos -sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern die -feuchtkalte des Webers drückte.</p> - -<p>„Aber, Nachbar Weber!“</p> - -<p>Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt -fiel das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah -er, wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn, -wie die Augen groß und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem -Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war.</p> - -<p>„Krippelmacher?...“</p> - -<p>Der flehende, verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr als -die Hände, die sich glatt aneinander legten und sich mühsam bittend -emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars.</p> - -<p>„Alles, Alles will ich thun für die Kinder, wenn Sie einmal —“ er -unterbrach sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft -neben dem Bette nieder.</p> - -<p>„Immer... kälter... finste-rer... Nachbar... den Pfar-rer... -Kinder!!...“</p> - -<p>„Nachbar!...“ Der Krippelmacher rannte zu der<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Thüre und rief mit -erstickter Stimme: „Kinder, schnell in’s Pfarrhaus, die letzte Oelung -ist nothwendig: Weib, komm herüber, Lichter! geschwind!“</p> - -<p>Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder -liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in -der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen -und großen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und -zwischen der Thüre, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte -aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und hielten -seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen Kinder, -die nicht wußten, welch’ ein tapferes, liebevolles Herz schwächer und -schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen hingen an -den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen oft gesagt -hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum erstenmale fast drohend, -befehlend:</p> - -<p>„Brav sein!... fleißig arbeiten...“ und mit einmal rannen große -Tropfen aus den weitgeöffneten Augen und er flüsterte dankbar zu ihm -aufblickend und bittend: „Dem... Krip-pel-macher... fol-gen.“</p> - -<p>Da klingelte es draußen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise -kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, wieder lauter, -immer näher und<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> näher... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem -Ruck vom Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so -kamen sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die -Thüre, wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug. -Jetzt klingelte es schon laut vor dem Hausthore, kam klingelnd über den -Flur und der Knabe, der das Glöcklein schwang, trat klingelnd in das -Sterbezimmer... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten, und wo er -vorüberschritt fielen die Arbeiter erschüttert auf die Kniee und lagen -da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich empor und saß -harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem Priester zugewendet -und seine Hände hatte er mühselig gefaltet... Plötzlich flog ein -Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne wurden grau.</p> - -<p>„Herr... Pfar-rer schnell...“</p> - -<p>„Mein Sohn! Wenn Du Deine Seele —“</p> - -<p>Der Priester faßte den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte auf -das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich ergebungsvoll -und die dürren Lippen lispelten demüthig im Beichttone:</p> - -<p>„Mein... Leb-tag... ge-ar-beit... und...“</p> - -<p>Kein Laut mehr.</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<p>Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher blieb -neben dem todten Weber sitzen die ganze lange Nacht...</p> - -<p>Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien -ja hell und klar in die öde Stube, und als der Todtenwächter im -Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm, als -schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich der -Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt des -Todten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt...</p> - -<p>Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des Webers -in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann, um sich -Muth zu machen, recht laut:</p> - -<p>„Nein, nein, Du bist und bleibst todt, Du armer Kerl. Gott gieb’ Deiner -Seel’ die ewige Ruh! aber,“ er nickte dem stillen Nachbar versichernd -zu, „der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für die -Zwei.“</p> - -<p>Und der „Nachbar Krippelmacher“ hat ehrlich Wort gehalten.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Als_er_heimkehrte"><b>Als er heimkehrte.</b></h2> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p> - -<p><span class="initial">„D</span>er Lepold ist wieder heimgekommen! — Du! — Lenerl! — Hörst nicht?“</p> - -<p>Ein kleines Mädchen, das vor dem Hausthore der „blauen Gans“ stand, -rief die Worte hinüber auf die Trockenwiese. Die Angerufene, ein etwas -älteres Kind, lag auf dem Rücken im Grase und schaute zwischen den -Betttüchern, die über ihrem Kopfe an den Wäschleinen flatterten, hinauf -in den schönsten blauen Sommerhimmel. Ein großer weißer Pudel saß neben -dem rothhaarigen Mädchen, schnupperte in die Luft, schnappte nach den -Fliegen, die im Bereich seiner Schnauze herumsurrten, und wehte mit der -wolligen Ruthe nach rechts und links.</p> - -<p>Als die kleine Hanne sah, daß sich ihre Spielgefährtin nicht regte und -rührte, trippelte sie über die ungepflasterte Straße hinüber auf die -Trockenwiese, die zu der „blauen Gans“ gehörte. Das Kind stellte sich -dicht neben die Freundin und sagte aufgeregt-wichtig:</p> - -<p>„Der Weiß Lepold’ ist wieder da — Du!“</p> - -<p>„Na was weiter?“ war die Antwort.<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> „Der Lepold sitzt drüben im Zimmer -bei seiner Mutter!“ widerholte das Kind beinahe heftig.</p> - -<p>„Meintwegen!“ klang es lässig von den vollen dunkelrothen Lippen.</p> - -<p>Die Lene dehnte ihre jungen schlanken Glieder faul im Grase, schloß die -graugrünen Augen halb, blinzelte dann und wann behaglich in die Sonne -und zwitscherte mit schriller Stimme ein dummes Kinderlied in die Luft.</p> - -<p>„Er hat Dich immer so gern gehabt, der Lepold, hat Dir immer was -mitgebracht, wenn er aus der Arbeit kommen ist,“ sagte die Hanne -vorwurfsvoll.</p> - -<p>„Ja mir... Dir nicht... und Niemand,“ erwiderte der Rothkopf beinahe -hochmüthig, aber doch in schläfrigem Tone.</p> - -<p>„Nein, mir nicht, immer nur Dir, Lenerl...“</p> - -<p>„Das ist schon lange her.“ Sie schloß die Augen verdrießlich, plötzlich -aber schaute sie groß auf und fragte freundlich: „Hat er mir heut’ was -mitgebracht?“</p> - -<p>„Nein. Zwei Jahr war er fort, Du hast gar nicht an ihn denkt, soll er -alleweil an Dich denken? — Jetzt ist er da und hat auf der Brust was -Glänzendes hängen.“</p> - -<p>Die Lene blinzelte bei den letzten Worten wieder ein wenig mit den -Wimpern und verzog den Mund.<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> „Was denn?“</p> - -<p>„Weißt, wie in der Schul’ das Ehrenzeichen, weißt? — Aber so groß.“</p> - -<p>Das Kind beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft, der -schier so groß war wie ein Teller. Die Andere zuckte gleichgiltig mit -einer Achsel, einem Arm und einem Fuß; es war schroffe Abwehr und -Mißachtung zugleich in dieser Bewegung.</p> - -<p>„Und der — der — ich weiß nicht — halt ein großer Herr — hat ihm -das selbst angehängt — weil er —“</p> - -<p>„Schau, daß Du weiter kommst, ich will schlafen.“</p> - -<p>„Und dann haben sie dem Lepold einen Arm weggeschossen,“ die schwarzen -Augen der Hanne wurden feucht, „da drinnen ist jetzt gar nichts,“ -erzählte sie unbeirrt und weinerlich. Um ihre Schilderung deutlicher -zu machen zog sie ihr Händchen in dem Aermel hinauf und ließ den Arm -bezeichnend hin- und herbaumeln.</p> - -<p>Das zündete; zuerst stützte sich die Lene auf den Ellenbogen und -schaute zweifelnd auf den schlenkernden Arm, dann fragte sie -aushorchend-langsam:</p> - -<p>„Ganz weg...?“</p> - -<p>„Meiner Seel’! — ganz, ganz weg!“ erwiderte ehrlich die Kleine.</p> - -<p>„Nur der <em class="gesperrt">eine</em> Arm...?<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>“ „Ja — mit was könnt er denn sonst -essen?“ meinte verwundert die Hanne.</p> - -<p>Der Rothkopf saß jetzt schon aufrecht, raufte ein paar lange Grashalme -aus, zog sie durch die rothen Lippen und fragte dann bedächtig:</p> - -<p>„Und die Füß’?“</p> - -<p>„Die hat er auch alle zwei noch ganz.“</p> - -<p>Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper, -schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf -die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie -stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein.</p> - -<p>„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’, -wenn Einer kommt.“</p> - -<p>Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte -kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über -die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte.</p> - -<p>Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue -Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr. -Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten -Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich -draußen oder in irgend einem<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> Haushalt etwas Ungewöhnliches begab. -Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte -die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer -freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der -alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie -er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des -schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck -herstellte.</p> - -<p>Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen -zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer -sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da -gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck, -aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes -Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge, -die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser -unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und -bekräftigendes: Ja! — Ja!</p> - -<p>Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog -ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie -mit den Fingern durch<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der -Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer -Anderen:</p> - -<p>„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem -und mit einem jeden von unseren Buben.“</p> - -<p>„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die -Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau -Weiß stand.</p> - -<p>Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz -mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln. -Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in -ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein -jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat, -durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe -Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein -langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen -Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht -gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die -alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> -beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab -nieder und murmelte stotternd vor sich:</p> - -<p>„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“</p> - -<p>Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in -die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam -zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank -und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine -ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.</p> - -<p>„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine -Schramme über das ganze Gesicht hatte.</p> - -<p>„Ah! — he? — rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte -der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des -hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr -herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger -hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit -fieberhafter Lustigkeit:</p> - -<p>„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so -angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick -von oben bis unten,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“ -er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand, -wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich -gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der -kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen, -daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will — na ja, -so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher — zu seinem Vorposten, so -ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat -mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm -dabei...“</p> - -<p>„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“ -schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die -anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu -drücken brauchten.</p> - -<p>Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth -geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und -fragte dann gepreßt:</p> - -<p>„Lang’ im Spital gelegen?“</p> - -<p>„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>“ „Und was -jetzt anfangen?“</p> - -<p>„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter -gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen.</p> - -<p>„Freilich — richtig! — jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’ -Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’, -gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr -getrunken, mein armer Bub’!“</p> - -<p>Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche, -und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der -Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten.</p> - -<p>„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her, -Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“</p> - -<p>So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich -widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in -sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände, -schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt:</p> - -<p>„Es ist wirklich nichts drin.“</p> - -<p>Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze -Zeit ergangen, und plauderte<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die -Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die -Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte. -Was half da alles rathen, der Arm war fort.</p> - -<p>„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“</p> - -<p>„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte, -als er durch die Küche ging.</p> - -<p>„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in -den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht -recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche, -der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger -sie anblies...</p> - -<p>Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des -Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an -seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die -Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise -neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog -der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger -Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne -große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> wässeriger -Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke -und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die -Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten, -erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem -Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die -dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit -der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß -kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“ -war es so still, als ob ein Feiertag wäre...</p> - -<p>Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte -seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die -großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit -einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte -sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein, -obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken -flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten -Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und -schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht -an<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>brennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch -in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig -und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau -mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten -von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett -stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem -Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein -grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die -paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen -an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den -er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie -immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts -fehlte...</p> - -<p>Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm -— der mit unzähligen Bildern beklebt war — stand, das Bett fehlte, -und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem -Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und -der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände, -die<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor -herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten, -welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten, -geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur -die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold -vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in -seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die -Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des -Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und -schlief wieder weiter...</p> - -<p>Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war -ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und -lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter -dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der -öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen -kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:</p> - -<p>„Zock!... Zock!...<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat, -„na so komm, ich bin’s ja!“</p> - -<p>Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf, -ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob -es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten. -Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold -entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein, -dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das -Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen -den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten -Zock-Zock! —</p> - -<p>Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber -der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie, -da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf -zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche -Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte -schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut -riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...</p> - -<p>Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte -jeden Blick und jede Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> des Heimgekehrten verfolgt, jetzt -bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren -Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende -Lene:</p> - -<p>„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt -nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon -gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“</p> - -<p>Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die -kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht -beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie -zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare -Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild -tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?... -wann?... fragte er sich.</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche -eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen -ist, kommt jetzt so heim — jetzt können wir wieder anfangen beim -Auffüttern!“</p> - -<p>Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme.<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> „Der -Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster -hineingeschrieen — da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und —“</p> - -<p>„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib, -hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe -nach der Stubenthüre.</p> - -<p>„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben — und verreckt wie -ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite, -ausgelöscht wie eine Groschenkerzen — jetzt der Dritte, der Letzte! — -Himmelherrgott! —“</p> - -<p>Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem -wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste -in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie -nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte -nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll -schmerzlichem Ingrimm heraus:</p> - -<p>„Jetzt fünf Kreuzer — alle Tag — he? — für unsern Buben — der -ein ehrliches Handwerk gelernt hat! — oder einen Leierkasten? — -Was gefällt Dir besser, Alte?! —<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau -überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der -Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte.</p> - -<p>Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den -Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch -wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne -wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin -und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich -die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf -den Boden gleiten.</p> - -<p>Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem -Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme -vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob -sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und -wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand, -und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle.</p> - -<p>Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich -Keiner so schnell gerührt,<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> wenn nicht hinter dem Schlosser das -vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm -hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold -die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus -seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er:</p> - -<p>„Grüß’ Gott, Herr Vater!“</p> - -<p>„Grüß’ auch Gott!“</p> - -<p>„Da bin ich halt wieder.“</p> - -<p>„Ich — seh’s!“</p> - -<p>„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“ -murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge.</p> - -<p>„Meinst’?“</p> - -<p>Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er -sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer -Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber -sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs -und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der -Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil -er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt -mehr hätte über<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der -Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach -dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte:</p> - -<p>„Schaust elend genug darein —“ Er langte nach der Medaille, die an -der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech -da gegeben für Deinen verlorenen Arm? — Wirst <em class="gesperrt">damit</em> die Alte -erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? —“</p> - -<p>„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn -auch das nichts gelten soll?“</p> - -<p>„Was bleibt? —“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und -schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was -bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen, -die den Firlefanz erfunden haben — Dein Armstumpf bleibt, gar nichts -sonst! —“</p> - -<p>„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann -steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen -Versuch mehr heimzukehren.</p> - -<p>„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem -zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos -fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet -für mich<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> und meine Leut’ — für Dich auch mit! — Und jetzt? — Wenn -ich fragen thät: „Was bleibt?“ — He?! — Du! — Du — der mir so -heimkommt.“</p> - -<p>Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die -Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das -Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen. -Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte -ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt -ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die -fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch -weit weg von seiner guten Stunde war.</p> - -<p>Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold -gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und -schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden -Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er -überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde, -die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern, -denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm -etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> -Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der -„blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als -sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:</p> - -<p>„Was willst Du da? — Bei Zeiten tagdieben lernen?“ — er nahm die -Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus. -„Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ —</p> - -<p>Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den -Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene -nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die -Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn -etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen -der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm -tröstend und beruhigend zu...</p> - -<p>„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das -Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es -vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und -Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.</p> - -<p>Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> an das Fensterkreuz -und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie -zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn -schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten -Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und -bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über -den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu -menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder -hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und -der Leopold dachte:</p> - -<p>„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie -drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...</p> - -<p>Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte -über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:</p> - -<p>„Aber stumm bist Du doch nicht worden? — He?!“</p> - -<p>„Glaub’ nicht.“</p> - -<p>„Warum redest Du also nicht?“</p> - -<p>Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch -viel zu reden gehabt.“</p> - -<p>„Jetzt bin ich fertig.“ —</p> - -<p>„Schon?...<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>“ „Ja!“</p> - -<p>„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres -Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln -weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen, -der öfter und öfter wiederkehrte.</p> - -<p>„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und -zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’... -ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’, -so wär ich der... oder etwa nicht?“</p> - -<p>Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und -spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort.</p> - -<p>„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold -fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem -alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und -Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem -Ernst sagte er:</p> - -<p>„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit -her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen -worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> -dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter -allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“</p> - -<p>Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im -Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese -genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf -ihren Platz.</p> - -<p>„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’ -halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht -wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen -können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s -gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten -gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten -Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“</p> - -<p>Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den -Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut -ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte -horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach -der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich -an<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! — Aber — was -bleibt? — Was bleibt?“</p> - -<p>Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer -Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen -seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch -mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“</p> - -<p>Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der -Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte, -und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine -Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und -beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt -mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das -schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile, -da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem -unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der -Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in -gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes -und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...</p> - -<p>Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> Weib jählings in -ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.</p> - -<p>„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte -zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit -einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte -die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu -dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre -Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf. -Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde -beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist -noch älter als wir, Alte, gelt?“</p> - -<p>„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu -lächeln.</p> - -<p>„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte -die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in -die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück. -Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold -sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber, -stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und -fest in die Augen.<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen -herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in -verwaschenen Goldbuchstaben „<em class="gesperrt">Aus Achtung</em>“ zu lesen war... Dann -beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken -Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als -sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.</p> - -<p>„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s -freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen -Geschicht’ geschrieben hättest.“</p> - -<p>Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen -eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter -trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las -jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf, -schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte -das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und -kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur -Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden -hätte...</p> - -<p>„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> Pfeife umständlich -gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so -einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die -Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg -er wieder.</p> - -<p>Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern -sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als -ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem -zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten, -dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und -endlich sagte sie stockend und nachsinnend:</p> - -<p>„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter -Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück, -das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die -Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig -bei uns sitzt... gelt Johann...?“</p> - -<p>Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle -ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide -schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins, -denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme ge<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>quälte Mutterherz -fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen -Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...</p> - -<p>Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk, -der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen, -bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und -die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn -die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich -zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie -fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu -blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar -gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie -sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.</p> - -<p>Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender -angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und -schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen... -Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen... -Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er -sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin, -wo<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links -beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es -flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb -blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still... -er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem -sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah -er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu -ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen -Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...</p> - -<p>„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen -gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.</p> - -<p>„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander, -als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm. -„Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun -gehabt?“</p> - -<p>Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte -etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte -sie:</p> - -<p>„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel...<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> vogel... doch... -erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein... -Herr... Lep...“</p> - -<p>Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und -streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’... -ist... er...“</p> - -<p>„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem -Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen -dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß, -als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“</p> - -<p>Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein -Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale -Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den -Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern -rann, sagte er mit zagender leiser Stimme:</p> - -<p>„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte, -holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es -ist ohnmächtig.“</p> - -<p>Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der -Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> geborgen hielt, heraus, -schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie -lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“</p> - -<p>Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und -hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß -und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende.</p> - -<p>„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht -hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle -Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den -Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke -mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein, -denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm -her und flüsterte:</p> - -<p>„Du Lepold!“</p> - -<p>„Was willst, Lenerl?“</p> - -<p>„Muß die Hanni sterben?“</p> - -<p>„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte.</p> - -<p>„Muß sie?“</p> - -<p>„Warum frag’st?!“</p> - -<p>„Weil’s meine beste Freundin ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und -schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz -vor dem Unglück.“</p> - -<p>„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein -neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen -schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und -über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße -Wachskerzen in die Hand — und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als -Allererste!“</p> - -<p>„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten -immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so -angeschaut?</p> - -<p>„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen. -Wann wird sie denn sterben?“</p> - -<p>Sterben! — ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat, -daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die -Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm.</p> - -<p>„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu -ihm hinauf.</p> - -<p>„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als -ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu -ihm empor, ließ den<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht -langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt... -und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube -ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm -des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend:</p> - -<p>„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und -die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht -hinein.“</p> - -<p>Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden -Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken -ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in -der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“</p> - -<p>„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich -kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber -zusammenplärren!“</p> - -<p>Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte -theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder -die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all -der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem -hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit -er Vormittag heim<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>gekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig -stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe. -Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe, -die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und -empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter, -anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke -in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit -er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm -gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner -war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von -dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese, -hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“</p> - -<p>Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt -er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß -die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas, -die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte -der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären. -Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> ein -Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen, -wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf. -Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine -Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach -neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus -der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte -nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den -Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen. -Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die -ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor -Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und -sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang:</p> - -<p>„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“</p> - -<p>Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten -in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die -regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank -die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden -wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen -in den hohen<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf -ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger -so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder -mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold -ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles, -was geschehen war, als er heimkehrte...</p> - -<p class="s4 center mtop1 mbot1">. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .</p> - -<p>Die Lene schlief.</p> - -<div class="figcenter no-break-before"> - <a id="ende" name="ende"> - <img class="w8em mtop3 mbot2" src="images/ende.jpg" - alt="Verzierung Ende" /></a> -</div> - -<p class="s5 center padtop3">Rammingsche Buchdruckerei in Dresden, -gr. Kirchgasse 6.</p> - -<div class="chapter padtop3"> - -<hr class="r10" /> - -<p class="s5 center"><b>Dresden.</b></p> - -<p class="s5 center">Rammingsche Buchdruckerei</p> - -<p class="s6 center">(gr. Kirchgasse 6).</p> - -<hr class="r10" /> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN *** - -***** This file should be named 60208-h.htm or 60208-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/2/0/60208/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by Österreichische -Nationalbibliothek - Austrian National Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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