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-The Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Unsere Nachbarn
- Neue Skizzen
-
-Author: Ada Christen
-
-Release Date: September 1, 2019 [EBook #60208]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by Österreichische
-Nationalbibliothek - Austrian National Library.)
-
-
-
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1884 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
- unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht,
- wenn diese im Text mehrmals auftreten.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden in ihrer Umschreibung
- (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gedruckt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Unsere Nachbarn.
-
-
-
-
- Unsere Nachbarn.
-
- [Illustration]
-
- Neue Skizzen
-
- von
-
- Ada Christen.
-
- [Illustration]
-
- =Dresden= und =Leipzig=.
-
- Verlag von Heinrich Minden.
-
- 1884.
-
-
-
-
- Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
-
-
-
-
- Der Liese
-
- mit herzlichem Gruß
-
- die Ada.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Die Liese I. 1
-
- „ „ II. 19
-
- Der einsame Spatz 41
-
- Nur ein Wort 65
-
- Im neuen Hause 89
-
- Mama muß tanzen 131
-
- Nachbar Krippelmacher 167
-
- Als er heimkehrte 185
-
-
-
-
-Die Liese.
-
-I.
-
-
-„Ja, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich
-weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt
-ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze
-Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder
-sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben
-Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon
-weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt.
-Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’
-sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen.
-Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!...
-Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt.
-Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es
-zu vergönnen.“
-
-„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“
-fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen
-nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so
-schlicht und unklar darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum
-sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte,
-immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend
-scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen
-eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch
-haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal
-durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte
-ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist
-dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei
-dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es
-war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen
-Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine
-von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung
-oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen
-derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte
-durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten
-und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen
-Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre
-langsame, grübelnde Art, über ihr bohrendes Denken, ihr geistiges
-Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich
-den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.
-
-Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und
-wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge
-sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und
-anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus
-der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so
-wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete
-Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig
-durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das
-Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine
-Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt
-am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die
-Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war.
-Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl
-noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber
-sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht und auch
-in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.
-
-Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber
-die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr
-zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam,
-und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere
-Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch
-bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein
-auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus
-ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein
-„Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“
-
-So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche
-bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.
-
-„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt
-freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als
-Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“
-
-„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich
-sage Ihnen,“ flüsterte die Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten
-die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und
-die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre
-hinausgeschoben.
-
-Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an,
-und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem
-armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“
-
-„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber
-seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die
-gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.
-
-Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau
-Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der
-geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren
-Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein
-tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr
-bescheidenes Hab und Gut -- ihre eigenen Söhne waren draußen in der
-Welt wohlhabende Leute geworden -- dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie
-wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem,
-legte Groschen zu Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten
-Flecke sitzen.
-
-So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht
-geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr
-angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie
-viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte,
-selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst
-unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts
-zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände
-erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und
-Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre,
-aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne
-sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und
-Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann,
-dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht
-wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.
-
-Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und
-einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch
-eine weit schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und
-graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht,
-rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten,
-als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu
-erkennen vermag.
-
-Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur
-zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder
-saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu
-weinen und zu lachen.
-
-Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges
-Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen
-wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab
-alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank,
-nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort
-Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr
-inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht
-sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist
-gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube
-sie hat dieses rührende Stück eigentlich noch nie vollständig gesehen,
-und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum
-jemals sehen.
-
-Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um
-fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen,
-ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend
-einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch
-die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm
-ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die
-Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und
-die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen
-im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und
-knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt
-beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum,
-schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu
-laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der
-ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich
-von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten
-Plätzen.
-
-Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit
-saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da
-sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir
-das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.
-
-Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine
-andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen
-Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen
-füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach
-sind lauter alte Bekannte droben angekommen...
-
-Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame
-Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen,
-Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter
-waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche
-noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich
-die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von
-vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden
-gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir
-vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die
-Liese hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden,
-sichtbar zu machen...
-
-Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten
-die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde
-große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für
-sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens
-gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr
-vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person,
-welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was
-passirt ist.“
-
-„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“
-fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert.
-Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen
-Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst
-einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals
-ausmachten.
-
-„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich
-den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid
-und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch
-die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht, mir lieb geblieben sind und
-bleiben werden mein lebelang.
-
-„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich
-merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie
-drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher
-an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste
-allgemeine Rede wieder aufnehmend:
-
-„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden
-und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt,
-die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen
-Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben,
-dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie
-hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter,
-„manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins
-gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich
-gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“
-
-„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre
-Worte nur im Allgemeinen.
-
-„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischlerbub’, weißt, dem sein
-sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler
-von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer
-gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen
-zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten
-Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel
-Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle
-durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen
-gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus,
-das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber
-anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark
-geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade
-hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’
-werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’
-der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt
-sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’
-mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine
-besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab,
-auf und ab, auf und ab! Da kann ich an Alles denken, was ich gehört
-und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...
-
-Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem
-Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten
-die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch
-lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte
-leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß
-auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von
-früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie
-immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes
-aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als
-hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie
-sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm,
-streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als
-sonst:
-
-„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag
-kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm
-ist... und Du magst sie nimmer sehen...“
-
-Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange schon lebendiger, ein
-leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt
-zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das
-langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte
-sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:
-
-„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht
-gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über...
-Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist
-es gerade so Recht...“
-
-Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die
-Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch
-nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten
-Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief
-ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als
-wir Abschied nahmen...
-
-Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde
-die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu
-Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der
-Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in welchem zuerst
-ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene,
-welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie
-beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer
-Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.
-
-
-
-
-Die Liese.
-
-II.
-
-
-Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen,
-aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen
-herausgehorcht.
-
-Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie
-nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was
-sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer
-geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich
-die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen
-eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von
-allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig
-über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr
-durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte
-sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie
-wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr
-Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im
-Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und gehört
-hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels.
-„Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade
-vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht
-schlimm.“
-
-Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile
-wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:
-
-„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie
-kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und
-weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott!
-Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn
-sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war
-auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein
-seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie
-zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als
-ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu
-helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten
-auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau
-zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was
-ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’
-und Unruh.“
-
-Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem
-Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber,
-daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner
-Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur
-alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre
-wußte sie nichts von ihm.
-
-Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte
-ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie
-fragte ich nie nach ihm.
-
-Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir
-von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über
-den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine
-Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er
-mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch
-so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du
-nicht verstehen...“
-
-Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte ein; als ich
-später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und
-wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen,
-als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will
-ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem
-ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die
-zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten
-habe...
-
- *
- * *
-
-„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“
-
-„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““
-
-„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“
-
-„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““
-
-„Dummer Kerl!“
-
-Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein
-langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein
-bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm
-fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben
-sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die
-Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und
-erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die
-Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“
-
-Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei
-kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei
-braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß
-wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod
-versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß
-sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe,
-davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich
-überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch
-das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des
-Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über
-alle anderen Köpfe und sagte:
-
-„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“
-
-Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel
-um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen
-Treppen hinab.
-
-Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, -- es stand gegenüber der
-Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, -- lag eine
-bleiche Frau auf einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der
-scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und
-wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über
-der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer
-jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...
-
-„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt
-auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken
-davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen
-Kameraden finden.“
-
-Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber
-zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das
-Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:
-
-„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau,
-jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das
-Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen -- da hätten Sie ein bisserl
-mehr Zerstreutheit -- thäten Ihnen weniger kränken -- na ja! so ein
-neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine
-anderen Gedanken. -- Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten
-Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so
-ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er
-der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. -- Ich weiß das
-recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein
-kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“
-
-Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß
-ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu
-große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern
-ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend
-irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche,
-dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller
-Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt
-der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus
-dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges,
-freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen
-und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick
-aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings
-an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber
-an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die
-stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr
-Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel
-niederflossen.
-
-Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte
-durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu,
-endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch
-diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin
-sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am
-Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die
-Schulter nach dem Bette und flüsterte:
-
-„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es
-freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, --
-aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe
-Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn -- aber ich hab’ schon
-wieder Muth -- jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.
-
-Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach
-der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah,
-schob er die flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem
-Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein
-grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.
-
-„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich
-gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau
-Huber schrieb, daß +schon+ jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach
-der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten
-Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken
-zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.
-
-„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige
-Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte
-rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann
-ein Schauer durch ihren ganzen Leib.
-
-„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer
-Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich
-niederschaute.
-
-„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im
-Dachboden sind’s eingesperrt, da haben Sie den Schlüssel, auf meinem
-Boden sind alle beisammen.“
-
-Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben
-pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken.
-Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen
-gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er
-seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden
-könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für
-das er keinen Namen hatte:
-
-„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein
-armes Weib!“...
-
-Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder
-auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in
-seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten
-wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam,
-sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen
-Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:
-
-„Mama ist krank, kommst Du darum?“
-
-„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder
-gesund wird.“
-
-Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen
-Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu
-sehen waren.
-
-„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen,
-und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer
-so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen
-können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine
-von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war
-ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden
-ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an
-die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er
-drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die
-Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht
-zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur
-ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie
-halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige
-war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch
-was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s,
-wir wissen uns alle zwei noch nicht recht ineinander zu schicken...
-Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur
-brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu,
-„denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte
-er wieder bei sich weiter:
-
-„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet,
-wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“
-
-Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen
-Gedanken hinein.
-
-„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm,
-grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth
-herglänzen gesehen!“
-
-Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der
-Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht
-allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er
-naserümpfend.
-
-„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“
-zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher
-empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken
-des Herrn Brauner.
-
-Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und
-mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus
-in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und
-sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern
-Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus
-durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb
-gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:
-
- „Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“
- „Den jeder Christ beten muß,“
- „Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“
- „Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“
-
-Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die
-Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf
-den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien
-gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte
-nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben
-sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe
-hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der
-Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte
-tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen
-Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche
-am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten
-angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen
-hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben
-irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht
-zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam
-es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich
-knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet
-hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen
-Stuben und dabei an die kranke Frau.
-
-Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe
-war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm
-hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren
-geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste
-unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben
-dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie
-aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht
-blickte.
-
-„Nicht einschlafen! -- Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? -- Er ist
-schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn
-herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht -- oder -- oder
-soll -- soll der Herr Doktor hereinkommen und -- und zuerst sagen,
-ob schon wer mit Ihnen reden darf? -- Er wartet schon seit einer
-halben Stund’ -- der Herr Doktor -- da draußen im Nebenzimmer --“ Frau
-Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger
-knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum
-ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. -- Soll’ns glauben!
--- Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem
-eine gewisse Beruhigung giebt.“
-
-Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so
-daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie
-immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause -- eine ängstliche
-Pause -- und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen,
-damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter...,
-und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr
-hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig
-hinaus.
-
-Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das
-junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen
-Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab
-bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte
-war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie
-angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar.
-Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken,
-der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade
-ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare
-und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des
-Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte
-ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett,
-wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem
-schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.
-
-„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der
-seinen hielt und scheinbar auf seine Taschenuhr sah, er zählte leise
-und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.
-
-„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem...
-Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der
-Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam
-hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich
-ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte
-nur noch:
-
-„Carl...“
-
-„Fanny!“ stöhnte der Doktor.
-
-Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl
-gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:
-
-„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“
-
-„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den
-übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt
-in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.
-
-Keine Antwort...
-
-„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende
-Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist
-hinübergewandelt in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger
-Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...
-
-Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem
-Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.
-
-„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit
-freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.
-
-Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten,
-wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich
-hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe
-Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:
-
-„Ein Mädchen.“
-
-„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt,
-hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch
-schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage
-getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend
-auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die
-Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...
-
- *
- * *
-
-Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.
-
-„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber
-noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte
-ihrer Ziehtochter erzählte.
-
-
-
-
-Der einsame Spatz.
-
-
-Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof
-der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in
-einer geräumigen, hellen Kammer.
-
-Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das
-wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt
-oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach,
-seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar
-hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen,
-die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch
-grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie
-selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von
-dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen
-Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil
-es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte
-es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.
-
-Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn
-Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele
-anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu
-seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die
-Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte
-höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte,
-wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine
-halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen
-Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an
-hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre.
-Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein
-junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.
-
-Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht
-verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte
-es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der
-Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die
-Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden.
-Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch
-nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder
-gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem
-Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner
-halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen,
-zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm
-ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu
-zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter
-voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte,
-liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er
-ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er
-ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß
-nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und
-krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu
-lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche
-und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:
-
-„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht,
-kriegt von mir Schopfbeutler.“
-
-Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil
-sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.
-
-„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr
-lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen
-Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:
-
-„Ah, bah! Menschenfeind! -- Wer die Kinder und die Viecher gern hat,
-ist kein Menschenfeind.“
-
-„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte
-die Liese den andern Kindern begreiflich.
-
-Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie
-einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht,
-frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes
-Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“
-schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“
-
-„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“
-
-„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an
-sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste
-erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.
-
-Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag
-Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er
-hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen
-Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als
-nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den
-Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.
-
-Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von
-den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten
-nachsichtig:
-
-„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein
-Frauenzimmer angethan hat. Na ja! -- Es giebt genug Nichtsnutzige. Es
-kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“
-
-Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von
-ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers
-an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als
-die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines
-Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen
-Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen,
-die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem
-Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der
-sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber
-ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.
-
-Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des
-abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der
-einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als
-er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen
-Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.
-
-„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der
-Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil
-was in sein Büchel mit dem Bleistift? -- Warum zeigt er’s nicht her?
-Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“
-
-„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch
-ein heimlicher Künstler?“
-
-„War’s! -- mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen,
-ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die
-Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’!
--- Und was bin ich g’worden? -- Laternenanzünder! Braucht dazu der
-Mensch eine schöne Stimm’?“
-
-„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine
-runde Frau und rang verzweifelt die Hände.
-
-Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann
-tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine
-„Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt,
-als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was
-der „einsame Spatz“ inwendig ist.“
-
-Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte
-wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers
-aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse
-Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen
-wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle
-Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder
-der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen
-zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben
-Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen
-läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen
-Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige
-Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht
-stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da
-ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht,
-die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit
-empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die
-Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig,
-wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des
-Lebens schickt.
-
-Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die
-vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen
-Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden
-durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt,
-und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und
-Menschenstimmen weit weg...
-
-Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die
-Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er
-seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach
-niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie
-Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte
-sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf
-an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen
-weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann
-mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je
-weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller
-wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch
-die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat
-schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie
-kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf
-diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen
-Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches
-Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte
-vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger
-Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb
-der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In
-den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal
-purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen,
-und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen
-Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der
-gewisse Tag war...
-
-Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete
-er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum
-Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil
-bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten
-Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben
-der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall
-nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere
-festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit
-seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.
-
-Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut
-störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der
-kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand
-aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen
-Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer
-zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit
-festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft...
-Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber,
-und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem
-der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“
-schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch
-am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller
-aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die
-Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und
-schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier
-Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig
-nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden
-Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte,
-entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in
-ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem
-Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen
-Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand
-hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund
-noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er
-eigentlich lachte, und rannte davon.
-
-„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch
-immer so hoch hinauf, als es anging.
-
-„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“
-
-„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das
-Köpfchen gezogen war, hervor.
-
-Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem
-sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog
-dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt,
-was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.
-
-„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als
-er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf,
-daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie
-verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie
-lustig mit.
-
-Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf
-irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und
-Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest
-zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche
-daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase
-vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der
-Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit
-auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung
-hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war
-eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform
-befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr,
-zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den
-bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.
-
-Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen
-Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.
-
-„Haa-a -- had -- die -- Dedel -- Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte
-sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf
-das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein
-Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte
-ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.
-
-„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit
-gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener
-Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:
-
-„Bist Du ganz allein da?“
-
-„Ja!“
-
-„Wo ist Deine Mutter?“
-
-„Bei -- bei -- Vada!“
-
-„Wo ist Dein Vater?“
-
-„Widhaus!“
-
-„Im Wirthshaus?“
-
-Das Kind nickte. „Ja!“
-
-„Und was thust Du allein da?“
-
-„Waden.“
-
-Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug:
-„Warten?“
-
-Das Kind nickte wieder.
-
-„Ja? Auf wen?“
-
-„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos.
-Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.
-
-„Auf welche Henne, Kind?“
-
-„Die Henn’ din -- die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun
-sein.“
-
-Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die
-Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der
-Mann nichts verstand als die gelallten Worte:
-
- „Waze Henn’ und weiße Henn’,
- Ode Ei dud binnen Menn’.“
-
-Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem
-Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern
-wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:
-
-„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“
-
-„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem
-auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein
-wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.
-
-„Ich heiß’ -- ich heiß’ --“ sang sie halblaut und schläferig lallend,
-wispernd sagte sie dann: „Veonida!“
-
-Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über
-seine erbleichten Lippen.
-
-„Veronika... Veronika... Veronika!“
-
-Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für
-ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen
-zu, sein Schwesterlein, das so hieß...
-
-Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen.
-Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich
-doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er
-ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden,
-damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und
-malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder
-auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen
-Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für
-seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen
-wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag
-und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine
-Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel
-liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen
-Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen
-ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines
-zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm
-nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen,
-liebereichen Mädchen........
-
-Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und
-nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf,
-die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf
-das dunkle Gesicht des Kindes....
-
-Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte
-ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und
-gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So
-saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der
-Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“
-
-Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen
-hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich
-zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock
-geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte.
-Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie
-rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze
-und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen
-und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte.
-Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau
-ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu,
-den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit
-auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber
-schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.
-
-Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen
-Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb
-anklagend und halb entschuldigend:
-
-„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem
-Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen.
-Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er
-hat so seine gewissen Tag’!“
-
-Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von
-einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt,
-seine Füße zu beobachten.
-
-„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na
-ja! Der arme Wurm da, ganz allein! -- Hat’s alleweil geschlafen? -- Ich
-dank Ihnen tausend und tausend Mal! -- Mitrennen mit mir hat’s nicht
-können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen -- die ist gar
-schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich
-belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.
-
-„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges
-Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare
-glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein
-kluges, hübsches Kind.“
-
-„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“
-setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf
-die perpendikelhafte Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch
-immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die
-Seite und sagte:
-
-„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“
-
-Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:
-
-„Schlaft.“
-
-„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich
-wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“
-
-„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines
-Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei
-den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s
-Genick küßte.
-
-Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein
-glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“
-
-Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur
-mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe,
-drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte
-den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht anließ. Mit einmal aber
-bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er
-schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine
-Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem
-alten Bekannten:
-
-„Nichts für ungut! -- Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“
--- er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts
-anzufangen ist.“
-
-Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und
-marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die
-Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die
-Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische
-Stimme fragte laut und zärtlich:
-
-„Na, ist die Henn’ kommen, Du -- Du?“
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts...
-Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er
-das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein
-kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in
-die Vergangenheit. Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben
-Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den
-Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube
-hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag
-früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen
-um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.
-
-Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten
-Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und
-malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:
-
-„Aha! unsere Zwei künsteln.“
-
-
-
-
-Nur ein Wort.
-
-
-„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“
-
-So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen
-unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.
-
-„Ei, freilich!“
-
-Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich
-beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der
-Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine
-kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner
-Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum
-ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über
-alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen
-und die ich nimmer los bekam.
-
-So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten
-Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende
-Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer
-und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich
-sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert
-haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden
-Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.
-
-Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder
-sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer
-alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der
-„blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar...
-Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen
-steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh
-am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für
-unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der
-Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die
-Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte
-hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde
-später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der
-Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre
-Ausstattung hergerichtet habe.
-
-„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas
-schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“
-
-„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster --“ sagte der einsame
-Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.
-
-In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war
-etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des
-jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so
-untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken
-und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber
-schwatzten sie doch lauter.
-
-Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die
-Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine
-vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue
-Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von
-dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und
-gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen
-zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein
-übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter
-Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern
-durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich
-Caroline hieß, zum erstenmale genau.
-
-Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die
-Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer
-Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien
-mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen
-Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander
-gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht
-ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter
-Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie
-sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die
-Alten büßen wolle.
-
-„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich
-nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die
-Vorstadt aufweisen konnte.
-
-„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’
-zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.
-
-„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die
-Prinzessin. Soll gescheidt sein!“
-
-So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das
-stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie
-in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden
-Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen
-lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte.
-Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte
-verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich
-schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann,
-mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte
-ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie
-stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als
-müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte
-ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff
-zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge
-denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die
-Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel
-Geld, und zunächst war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster
-tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht
-genug für meine Arbeit fand.
-
-„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder
-so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der
-Schürze über die Augen.
-
-„Ach was! -- die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt -- sagt sie
-selbst -- hat’s auch nicht nöthig -- sie ist reich g’nug dazu --
-sie könnt heirathen wen sie wollt’ -- aber sie will halt nicht“ --
-erwiderte die Tante protzig.
-
-Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor
-sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie
-tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.
-
-„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und
-weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand
-auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.
-
-„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber -- der
-Prinz?“
-
-„Na, was weiter? -- der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“
-
-„So, so! -- Ich hab’ halt g’meint -- die G’schicht mit dem Kloster,
-schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. -- Warum
-denn justament in’s Kloster?“ --
-
-„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes +Wa+rum
-hat ein +Da+rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die
-Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin
-auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:
-
-„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen
-es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte,
-suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“
-
-Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn
-weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte
-darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die
-Rede davon war:
-
-„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter,
-meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt
-zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches
-Weibsbild Bücher? -- Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“
-
-Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich
-weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen
-Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie
-seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was
-das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens
-gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte
-mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem
-traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war
-noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute
-empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum
-bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines
-waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der
-Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber
-fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten
-sich unhörbar... sie sprach leise.
-
-Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich
-gesucht hat?
-
-Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen
-Worten jemals gehört hatte, zumeist fielen mir diejenigen ein, welche
-in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten
-und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines,
-das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung
-hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:
-
- „Und willst Du in’s Kloster gehen
- Und werden eine Nonn’,
- So will ich das Kloster anzünden,
- Ja, ja, anzünden,
- Daß ich wieder zu Dir komm’.“
-
- „Ich hab’ in meinem Herzen
- So viel von Lieb’ und Treu’,
- Daß ich für Dich will sterben,
- Ja, ja, will sterben,
- Dann ist die Noth vorbei.“
-
-Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein
-Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich
-die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend
-wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden
-thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo
-die Lina und das Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht
-sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das
-pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht
-hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort
-träumen und empfinden sehen.
-
-„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß
-mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.
-
-Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein
-wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.
-
-„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme
-hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.
-
-Sie stand auf und lief zu mir herüber.
-
-„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.
-
-„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause
-wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“
-
-„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte
-ihre zarten Lippen.
-
-„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.
-
-„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?...
-Liebe!... Davon reden Alle.“
-
-Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen
-wolle.
-
-„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es
-aber gewiß Treue, nicht wahr?“
-
-Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen
-eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:
-
-„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum +denkst+ Du an ein
-Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie
-klagend.
-
-„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’
-wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu
-Ihnen sagt.“
-
-„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“
-
-„Nur meine Mutter, aber die ist --“
-
-Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach
-weiter:
-
-„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch
-die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s
-keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich
-dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“
-
-Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne
-Gruß ging sie davon.
-
-So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach
-sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.
-
-Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen
-oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde,
-als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie
-das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.
-
-„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die
-Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.
-
-„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“
-fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.
-
-„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und
-sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige
-Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die
-andere Hälfte kriegt das Kloster.“
-
-Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein
-blutjunger Student, der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof
-schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links
-wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern
-und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf
-saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz
-waren sie, und die Männer sagten scherzend:
-
-„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen
-Augen.“
-
-Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm
-ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und
-übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im
-Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die
-andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe.
-Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde,
-da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine
-knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender
-Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben,
-er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit
-Rosinen und Mandeln vollstopfte. Er konnte auch viel schöner singen
-als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz
-vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’,
-und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht
-finden konnte.
-
-Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie
-fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände,
-jetzt sei sie ein wenig krank.
-
-Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem
-kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt,
-Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im
-Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten
-silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt.
-
-Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und
-zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang
-er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir
-mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das
-Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand
-und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe in der Luft herum, wenn
-er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen,
-hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus.
-
-„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen.
-
-Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den
-Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein
-dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz
-verborgen hinter einer weißen Haube.
-
-„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die
-Franziska gleichgültig zu ihm.
-
-„Die -- in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer,
-daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns
-nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die
-Caroline besser sehen konnte.
-
- „Und willst Du in’s Kloster gehen
- Und werden eine Nonn’,
- So will ich das Kloster anzünden.“
-
-Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild
-vor mir sah.
-
-„Ja, ja, anzünden!“
-
-Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidter wäre, wenn er es
-thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit
-dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben.
-
-Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns
-„dumme Mädels“ und rannte davon.
-
-Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur
-erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen.
-Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger
-und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht
-erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für
-die andern Leute.
-
-Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die
-blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten;
-durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm
-dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer
-näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder
-schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und
-die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu
-sehen gab. Auch der Student stand unter ihnen, aber er wandte keinen
-Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete.
-
-„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den
-Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand.
-
-„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt
-ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“
-
-Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen.
-
-Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im
-Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die
-dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern
-der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der
-Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen.
-„Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt -- sei -- Je-e-sus -- Chri-i-stus!“
-sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten,
-und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt
-zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen
-blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge
-herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm, der
-mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner
-Donner herübertönten.
-
-Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt
-war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen
-aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen
-sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und
-verschwanden in der Hausflur.
-
-Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer
-unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander,
-daß ich es hörte.
-
-Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau,
-und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der
-zweiten und schritt dem Klostergefährte zu.
-
-Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als
-er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und
-sagte am ganzen Leibe zitternd:
-
-„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“
-
-Der Mann zuckte mit beiden Achseln.
-
-Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und
-sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen
-Hut weit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß
-es zurück und rief den Leuten zu:
-
-„Hat denn kein Mensch +Mitleid+ mit ihr, und sagt ihr, was sie thut!“
-
-Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke,
-ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid
-aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm
-ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und
-die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das
-Fenster:
-
-„Fahren!“
-
-„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte.
-
-Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel
-und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad
-geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang.
-Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen
-übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings
-stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von
-weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen
-Augen, und quer über sein todtenbleiches Gesicht hatte er einen
-feuerrothen Streifen.
-
-Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem
-kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den
-Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die
-Prinzessin davonführten.
-
-„So will ich das Kloster anzünden!“
-
-Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s
-Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer,
-und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in
-der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von
-der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen.
-
-„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später
-die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir.
-Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die
-Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen
-sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar
-Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“
-
-Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilen taucht der sinnende
-Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und
-schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen:
-
-„+Mitleid+ hieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“
-
-
-
-
-Im neuen Hause.
-
-
-„Bei uns wird ein neues Haus gebaut!“
-
-„Was? -- wo!?“
-
-„Auf dem Feld’ oben!“
-
-„Auf welchem Feld?“
-
-„Na, neben der Trockenwiese.“
-
-„Wer sagt’s?“
-
-„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu
-bauen an.“
-
-So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten
-die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in
-einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter
-die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem
-großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt
-lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese,
-wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche
-flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken,
-Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch.
-
-Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die
-Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah
-man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu
-hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.
-
-Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun
-frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal
-darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen
-dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres
-hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen
-waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches
-Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten,
-daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde
-zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und
-Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl
-fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten
-Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang
-verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden
-fortgejagt; was half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen,
-bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen
-kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute
-kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von
-Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“,
-wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen
-Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und
-bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug
-meist wild und gerade und gesund in die Höhe.
-
-Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde
-nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute
-kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die
-Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle
-Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt
-und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den
-Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im
-Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen
-wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das
-Ende des lustigen Getriebes, das Haus wurde zugeschlossen, es war
-fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten
-Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume
-einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber
-sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der
-Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr
-um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.
-
-Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große
-Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer,
-die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker
-Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr
-weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang
-er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt
-die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte
-sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der
-Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern
-ab.
-
-Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den
-Schlüssel ein, schaute sich sein Nachbarhaus, die „blaue Gans“,
-und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und
-hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.
-
-„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte
-Frau Weiß verwundert.
-
-„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn
-nachgesehen hatten.
-
-„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem
-alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“
-
-„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist
-der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden
-ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter
-Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“
-schloß der alte Dragoner beißend.
-
-„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der
-muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’
-gesetzt, sein reiche Leut’!“
-
-„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“
-spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die
-überspannte Fabrikantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat
-sich in seine Stimm’ verschossen. In +die+ Stimm’, die hat halt
-nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“
-
-Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue
-Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der
-Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß
-sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut
-aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie
-ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von
-sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus
-dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.
-
-Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten
-die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen
-Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.
-
-„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild,
-das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese,
-es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“
-erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.
-
-Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding,
-das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem
-alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch
-das Gitter heraus mit der Liese plauderte.
-
-Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren
-Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als
-sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich
-aufgenommen.
-
-An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus
-herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten.
-Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein,
-auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den
-weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen
-Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!...
-Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt,
-schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:
-
-„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da
-drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus
-wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie Goldfäden
-und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und
-solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren
-wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“
-
-Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile
-in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese,
-die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem
-Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der
-„blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt
-und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.
-
-„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend,
-„denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne
-hatten.“
-
-Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt
-hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und
-weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die
-Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach
-knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große
-Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn
-sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber
-in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer Ziehmutter und dann der
-mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte
-sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte
-das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem
-heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.
-
-Warum?
-
-Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein
-Geschenk, das einem Almosen glich.
-
-Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund
-geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu,
-während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche
-hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.
-
-Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag
-vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne,
-wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte:
-„Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann
-sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.
-
-Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst
-Du Dir so viel Mühe und Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme
-weniger voll klingt?“
-
-„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht
-und ging singend davon.
-
-Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt
-er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch
-weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend
-kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er
-bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen
-Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei
-der Arbeit saßen:
-
-„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und
-seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“
-
-Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und
-ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.
-
-Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden
-langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die
-halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem
-gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.
-
-„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann,
-Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm
-aufblickte.
-
-Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein
-Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann
-mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn
-vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe
-Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine
-Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit,
-als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang.
-Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und
-sagte ihr:
-
-„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches
-ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde
-Luft und Ruhe, er wird +uns+ nicht stören und wir +ihn+ nicht, ich habe
-ihm die Wohnung gegeben.“
-
-Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag
-und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge
-schwerer Kisten und Truhen mit.
-
-Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an
-die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den
-Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug
-sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke,
-die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die
-Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der
-Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter,
-wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte
-auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den
-Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an
-ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab,
-das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein
-Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und
-halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht
-aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es
-klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie
-sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte
-gern viel gelernt.
-
-„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock dem Herrn Gottfried
-seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete
-Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach
-der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine
-Wohnung führte.
-
-„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna
-lächelnd.
-
-„Warum denn?“
-
-„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen
-Tisch in Ordnung halten?“
-
-„Soll halt ein Mädel heirathen!“
-
-Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte
-der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.
-
-Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er
-habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem
-neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem
-glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen
-hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb,
-so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu.
-Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange
-machte, sie fürchtete, jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so
-dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt
-seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden
-konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend,
-daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel
-Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen,
-die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen.
-Durch die Muße leide aber seine Stimme.
-
-Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die
-Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen
-steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief
-und schaute lauernd auf seine Frau hinab.
-
-„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir
-hat. -- Gelt Du? -- Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die
-Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“
-
-Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit
-denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur
-manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie
-ihn früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin
-des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr
-Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben,
-denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried
-kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie
-sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über
-die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.
-
-In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau
-Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen
-hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines
-Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite
-Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.
-
-„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht
-und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren
-Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den
-jungen Mann hinaufführte.
-
-Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die
-Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde
-immer jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun-
-und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde,
-hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön
-weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.
-
-Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn
-die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde
-es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien
-Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit
-begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb
-und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine
-Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig
-die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie
-halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den
-vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die
-„blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan,
-was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es
-so warm und still war in der Lesestube.
-
-„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen waren und ob sie noch
-leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin,
-so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig
-„Luftschnappen“ mußte.
-
-Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme
-Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es
-wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese
-aufgefaßt und als Hochmuth.
-
-„Willst auch mit hinüber, Christel? -- Die Frau Anna ist heut ganz
-allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der
-großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß
-ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.
-
-„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das
-Thor.
-
-Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein
-Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee
-noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich
-keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen
-Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute
-hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht... Auch
-der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein
-flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem
-Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so
-zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da,
-und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte
-erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling
-immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter
-den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in
-das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken...
-Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so
-helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr
-entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des
-Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar
-Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um
-und trabte wieder in die heiße Waschküche.
-
-Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten
-Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr
-Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde
-durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft
-nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber
-plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen
-wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in
-das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild
-ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen
-Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte
-eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es
-finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche,
-und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...
-
-Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der
-Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog
-mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht
-hätte.
-
-„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz
-leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.
-
-Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte ihr nur freundlich zu.
-Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ
-anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr
-sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so
-gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie
-mitleidsvoll ansah.
-
-Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war
-im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen,
-als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich
-langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir
-bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf,
-und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte
-sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen
-hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie
-fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte
-sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in
-einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber
-geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes
-Feenmärchen.
-
-Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr
-viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß
-ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann
-kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd
-und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in
-ihr Bett legen. Das will etwas sagen! -- in ein Bett aus rosenfarbener
-Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der
-Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und
-Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man
-glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein
-Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber
-bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann
-hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute
-noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....
-
-Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen
-Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze
-Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur
-die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf
-und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des
-Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf
-meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin
-an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da
-oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet
-herzusagen:
-
- „Heiliger Schutzengel mein
- Laß mich Dir befohlen sein,
- Beschütze ... beschüt.......“
-
-Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe
-wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen,
-die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu
-mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen
-Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die
-zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:
-
-„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen Schritt oben, immer
-auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit
-den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und
-ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen
-mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde -- und es muß das oft
-gewesen sein -- war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal
-träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf,
-wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe,
-denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und
-gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die
-Sonne ins Gesicht schien.
-
-Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die
-Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an
-einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im
-Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und
-bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen.
-Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die
-rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz
-weinerlich um’s Herz wurde:
-
-„Ja so...“
-
-Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren
-Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann
-band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück.
-Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte
-mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine
-Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen
-hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine
-große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor
-sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:
-
-„Neue Kinderbewahranstalt -- Narrenhaus -- lauter Fadaisen --
-einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im
-Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie
-mich schon zur Thüre hinaus...
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den
-Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie
-nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu,
-wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern die Rede war. Es wurde
-jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war
-der Herr Gottfried viel kränker.
-
-„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte
-Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon
-zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer
-nicht allein aushalten.“
-
-Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette,
-sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken
-herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden,
-er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien
-bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der
-anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte
-er sich wieder niedersetzen.
-
-„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras
-beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die
-gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will
-er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.
-
-„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie nicht,“ sagte die
-Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.
-
-„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz
-andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er
-soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“
-
-Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders
-„gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für
-die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.
-
-„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch
-ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch -- dem kann nur eine
-gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“
-
-So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch
-die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst
-von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher
-gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm
-herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der
-Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:
-
-„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie
-brauche.“
-
-Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets
-über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht
-begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne,
-wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub,
-zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm
-stehen blieb und nur im Fluge fragte:
-
-„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“
-
-Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des
-Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er
-damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten
-Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief,
-sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich
-die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals
-ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.
-
-„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist
-umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt,
-die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu
-schätzen wissen.“
-
-„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.
-
-„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und
-ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank
-legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute
-er aber den Gottfried von der Seite an.
-
-„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.
-
-„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und
-links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine
-Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig
-werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern
-herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“
-
-„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er
-durch die Finger zog, aufzublicken.
-
-„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt
-mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr,
-ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht
-leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie
-begreifen?“
-
-„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.
-
-„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die
-Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:
-
-„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das,
-sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“
-er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es
-Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr
-sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine
-Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit
-sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit
-die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen,
-daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf
-drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter
-geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so
-verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt
-schicke. Sie verstehen?“
-
-„Ja!“ -- stöhnte der todtbleiche Mann.
-
-„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen
-Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“
-
-„Und doch wollen Sie reisen?“
-
-„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt
-eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er
-mit einem schlauen Zwinkern.
-
-„Jetzt verstehe ich wirklich Alles --“
-
-„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!...
-hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und
-schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang
-auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben
-heißt...“
-
-Der Kranke athmete schwer.
-
-Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht
-nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter
-nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe
-bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich
-bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein
-Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig...
-Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie
-davon.“
-
-„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.
-
-„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche
-er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los
-und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“
-
-Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den
-Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich
-immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:
-
-„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“
-
-Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als
-die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen
-Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die
-erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:
-
-„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst.
-Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer
-Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt
-da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen
-müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht
-übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank abwesend
-ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren,
-oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried
-allein... Sie begreifen?“
-
-„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und
-schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.
-
-„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg
-an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen,
-entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen
-müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider.
-Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“
-Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf
-bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem
-Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.
-
-„Jetzt ist mir Alles klar -- das unglückselige Weib --“ stöhnte der
-Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm
-die Brust zerreißen.
-
-Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden
-Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“
-fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Geschichte,
-freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.
-
-In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein
-sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der
-Laternanzünderin zu:
-
-„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein
-bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat
-halt viel Geld gehabt.“
-
-Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß
-auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann
-werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und
-so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem
-vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede
-mit den Worten:
-
-„So mein ich. -- Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist,
-von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was
-sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist,
-das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer --
-alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“
-
-Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die
-in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da
-aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde
-klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener
-legten, die in dem Kreise lebten.
-
-„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten
-sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna
-und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und
-als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache
-Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen
-Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas
-Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu
-klagen.
-
-So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit
-Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.
-
-„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“
-fragte die Spitalwärterin entrüstet.
-
-„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.
-
-„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die
-Neuigkeit rasch weiter.
-
-Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder
-unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich
-ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die
-Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen.
-Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun
-geworden.
-
-Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die
-zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen
-Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde
-die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen
-Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die
-Glasglocke schwirrten.
-
-„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“
-dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.
-
-Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach
-viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der
-Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna
-schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt
-waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende
-Schüssel sammt vier Gläsern.
-
-Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte
-den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer
-feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen
-Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und
-sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:
-
-„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun
-Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand
-gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem
-Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn
-schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“
-
-Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den
-Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen
-Finger.
-
-„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der
-alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um
-den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.
-
-„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht
-allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in
-seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß
-Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne
-Sorge, nicht wahr?“
-
-„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr
-Gesicht in den Händen.
-
-Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der
-Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die
-Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte.
-Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die
-Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und
-stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.
-
-„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische
-gleiten.
-
-Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren
-feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.
-
-„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel
-ausreißen, dann geht es schneller.“
-
-Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.
-
-Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib
-furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese.
-Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über
-die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:
-
-„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch
-ausreißen, die Hex’.“
-
-Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die
-Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht:
-„Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder
-heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der
-Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat
-zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb
-die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam,
-lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch
-fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr,
-daß sie hell auflachte...
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank
-stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper
-vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem
-Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen
-Mädchen giebt.
-
-„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried,
-und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist,
-so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch,
-aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein
-seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den
-Trennungsschmerz abkürzen wollte.
-
-Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und
-nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte
-die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als
-er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte,
-da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht
-hinausweinte und immer wieder rief:
-
-„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“
-
-Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zufrieden in ihrem
-Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr
-Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die
-halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:
-
-„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein
-guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“
-
-
-
-
-Mama muß tanzen.
-
-
-Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und
-die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten
-sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber
-mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab...
-ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen
-Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...
-
-Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen
-langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell
-kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende,
-sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.
-
-„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte
-die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem
-Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche
-mittheilte.
-
-Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal
-eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein
-anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“
-rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei
-Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor
-nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem
-Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.
-
-„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht,
-daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es
-ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden,
-derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte
-der Laternanzünder.
-
-Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den
-Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und
-fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft
-und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der
-einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.
-
-Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese
-durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen,
-die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und
-verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den
-Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.
-
-Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts
-angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen
-und räuspern.
-
-Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte
-es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus
-sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.
-
-Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten
-auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich
-das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem
-Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle,
-welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte
-es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor
-stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte
-ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die
-Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff
-dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den
-Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das
-Haus nie mehr betreten...
-
-Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten
-Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde
-herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene
-Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen
-hat...
-
- *
- * *
-
-Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...
-
-Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern
-gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben,
-daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland.
-Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei
-wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und
-was sie nur gelesen habe.
-
-Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln
-ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede,
-wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem
-Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und
-dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.
-
-In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher,
-wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch
-im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen
-ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und
-fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine
-Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide
-und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen
-kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut
-selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen
-Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen
-liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah
-man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag
-eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und
-fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick.
-Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner
-schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso
-lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer
-Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe
-herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen
-aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des
-kleinen Mädchens.
-
-Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und
-dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort
-stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte
-mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß
-wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd
-aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.
-
-In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen
-Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die
-mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:
-
-„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der
-Pferdbub’ gesagt.“
-
-Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“,
-wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das
-feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald
-die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte
-so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und
-gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde
-rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue
-Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die
-Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer
-ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.
-
-„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme
-Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer
-auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite
-und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter
-schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder,
-wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.
-
-„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig,
-„der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir
-putzen -- Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine
-Hemdärmeln.“
-
-„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit
-ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und
-fuhr erregt fort:
-
-„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt,
-der Sali -- sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! -- daß der
-Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! --
-Draußen im Ausland -- dort, von wo sie hergekommen ist -- da ist ein
-Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da
-hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt,
-verurtheilt und eingesperrt.“
-
-„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine
-Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr
-nächster Verwandter wäre.
-
-„Ja, wie ich Ihnen sag’! -- Und der „Onkel Euschön“, von dem meine
-Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich
-das erst! -- der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel
-weiterleben kann.“
-
-Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau
-Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die
-Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach
-einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des
-Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg
-sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin
-eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten,
-und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem
-guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“
-schloß sie erschöpft.
-
-Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken;
-sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer
-Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde
-immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen
-Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die
-scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls
-seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach
-einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten
-Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch
-mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder
-sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften
-alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu
-Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte
-sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu.
-Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah
-diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben
-unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel
-steifer Haare so im Flug sichtbar.
-
-„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine
-Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze
-Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“
-
-„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen
-wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine
-Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben
-Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.
-
-„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit
-der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder
-verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was
-giebts?“
-
-„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen...
-hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh...
-giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!...
-darf... ich?“
-
-Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das
-kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.
-
-„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’
-kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem
-krummen Bein auf die Diele.
-
-„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die
-Roserl kurz, und weg war sie.
-
-„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, +ein+
-solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“
-
-Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo
-ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die
-Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über
-die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine
-seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der
-Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch
-den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie
-einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme
-übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in
-das Haus.
-
-In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren
-Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind
-beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer
-flatterte ihr entgegen und sagte lachend:
-
-„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel
-mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein,
-ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen
-tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als
-ob sie selber schon tanzen wollte.
-
-Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den
-Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der
-kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere,
-bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln
-aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.
-
-In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer
-Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken
-umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des
-Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz.
-Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:
-
-„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“
-
-„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine
-Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.
-
-Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große
-traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben.
-Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich
-zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die
-feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich
-der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es
-zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann
-sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her,
-bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.
-
-„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut
-bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?...
-Du!?“
-
-„Rosi.“
-
-Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt
-eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler,
-zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen
-Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie
-stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden
-Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.
-
-Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er
-schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie
-zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als
-die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein
-müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur
-Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß.
-Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster
-stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang
-vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner
-großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes.
-Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln
-herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und
-schaute mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel
-und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde
-junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst
-die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das
-fremde Kind heran.
-
-„Du! Dingsda! komm her! -- Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte
-er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre,
-Du Range?“
-
-„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag
-thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und
-schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die
-schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu.
-
-„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und
-winkte dann abwehrend mit der Hand.
-
-„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau.
-
-„Claudine!“
-
-„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine
-Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die
-Kissen und sagte kosend:
-
-„Blanche, ~mon petit ange~, süßes, schönes, einziges Kindchen,
-~chéri~, ich bitte Dich, weine nicht.“
-
-„Nein, Mama.“
-
-„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du
-willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin
-fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde.
-
-Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du
-manchmal zu mir herab, Mama?“
-
-„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte
-sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig
-hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu
-uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“
-
-Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte
-unmerklich.
-
-„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels,
-und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar
-die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er
-zischte:
-
-„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“
-
-„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig.
-
-„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß,
-weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke
-hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles,
-~petite chate~,“ schloß er wieder nachlässig.
-
-Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd
-hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer
-glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann
-wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie
-versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür
-starrte.
-
-„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche.
-
-„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut,
-wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim
-Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene
-Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“
-
-Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um,
-erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins,
-die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern,
-so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen
-die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr
-Blanche nachgesehen.
-
-„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer
-Schleppe wieder hereinstolzirt kam.
-
-„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind.
-
-„Meine...? Uihjeh!...“
-
-Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht
-der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht
-waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort
-wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme
-der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer
-Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser
-herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den
-findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst,
-aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller.
-
-„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut;
-„meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s
-auch, und lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes
-Sonntagskleid...“
-
-„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“
-
-„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend.
-
-„Was ist das?“
-
-„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare,
-schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach
-rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann
-erklärend.
-
-Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und
-lachte.
-
-„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du
-es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie
-mich meine Frau Mutter.“
-
-„Und +wie+ heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in
-die struppigen Haare der Andern und zog sachte.
-
-„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“
-
-„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen, Finette singt mir vor,
-aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest
-flüsterte sie der Roserl in’s Ohr.
-
-Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf
-dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher
-in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften
-die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische
-lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile
-zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später
-drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen...
-
-Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet
-und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein,
-das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da
-raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele
-huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten,
-bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut
-klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von
-der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz.
-Das lispelte eng aneinander gerückt hinüber und herüber in hastigem
-kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen
-mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so
-eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der
-gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“.
-
-„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“
-flüsterte Blanche.
-
-„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch
-zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo,
-und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und
-Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“
-
-„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“
-
-„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand
-endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen
-Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe
-zwischen die beiden Scheiben.
-
-„Was thust Du?“
-
-„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi
-mit ahnungsvoller Wichtigkeit.
-
-„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf an die Decke und gab
-mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder
-und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die
-Fensterscheiben leicht erklirrten.
-
-„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“
-
-„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau,
-ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern
-nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den
-Zwetschkenkrampus! gelt?“
-
-Die Roserl lief davon...
-
-Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und
-lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von
-Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog
-ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen
-und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der
-ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen
-waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der
-schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die
-Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete
-das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit dem Krampus,
-diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer
-wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin
-hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe
-brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte.
-
-„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon.
-
-In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu
-bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß
-hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte
-sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht,
-das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock,
-darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und
-eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die
-Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten
-vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er
-jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den
-sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der
-arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen Beinen,
-der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht
-bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf
-sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels
-schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen
-Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe
-Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne
-Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen
-Ruthenbesen.
-
-Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage
-der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber
-auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth
-angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben,
-daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden
-rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in
-einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite,
-das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der
-Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand
-ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche
-gehörte, der war spiegelblank gescheuert, da brannten auch ein Dutzend
-Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen
-Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der
-„blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den
-Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die
-Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre
-Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten
-halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in
-einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten
-Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich...
-
-Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt.
-Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die
-ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das
-meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und
-hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein
-erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht
-auf den Knieen.
-
-„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt,
-wer solche Stiefeln haben thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen
-Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu.
-
-Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner
-Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den
-meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib.
-
-„Ein Loch? -- Meiner Seel! -- Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser
-Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung
-weiter.
-
-„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’
-ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel.
-
-„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns
-der prügeln will beim Beten!“
-
-So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil
-heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher
-Stimme:
-
-„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte
-sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was
-thust Du könn-en fang-e an?“
-
-„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem
-Waschkessel.
-
-„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz
-und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in
-die Kniebeuge.
-
-Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der
-Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen
-Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde
-gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon,
-früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen
-vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete
-auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb
-an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter
-Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen.
-
-In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie
-den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den
-Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste
-Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten
-Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren
-linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin
-sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der
-sich hinter ihr doppelt empört erhob.
-
-„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die
-Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte
-vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig
-mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge
-zu der einsamen Blanche.
-
-Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht
-hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen
-hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten
-dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer
-hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart
-verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden
-Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus
-Maria!“ murmelte es entsetzt.
-
-„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den
-Arm der Roserl.
-
-„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der
-Blanscherl,“ stotterte sie.
-
-„Du?!“
-
-„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“
-
-„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann
-betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern.
-
-„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“
-
-„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt.
-
-„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr
-den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl.
-
-„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille...
-Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“
-
-Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und
-folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu
-gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte,
-auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in
-ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in
-dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann
-sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte
-hinter sich und flüsterte:
-
-„Wart nur, da kommt schon der +Krampus+ nach... da hast Aepfel
-und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten...
-weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“
-zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen.
-
-Da stand er in der Thüre...
-
-Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er
-dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit
-furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand
-bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur
-wie verzückt auf das schmale Gesichtchen.
-
-Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch
-furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in
-verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das
-Kind kichernd:
-
-„Das ist der Krampus!?“
-
-Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere
-Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von
-Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der
-Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf
-beide Kniee und hielt unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde
-entgegen.
-
-„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“
-
-„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind,
-mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die
-Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen
-hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen
-leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen.
-Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin,
-die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest.
-
-Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke
-schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die
-Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich:
-
-„Hörst Du die Musik, Papa?“
-
-„Ja Süßlieb, was ist das?“
-
-„Mama giebt einen Ball.“
-
-„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig.
-
-„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“
-
-„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“
-
-„Nein Papa! die Roserl war da.“
-
-Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann
-winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und
-flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln:
-„Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor
-mir?“
-
-„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer
-gut, damit Du bald kommen sollst.“
-
-Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre
-Augenlider zärtlich und sagte:
-
-„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen
-mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er
-horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt.
-
-Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester
-Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem
-Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu
-sprechen anhub.
-
-„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“
-setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben
-beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit
-weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du
-mitfahren und immer bei Papa bleiben?“
-
-„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“
-
-„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“
-
-Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes,
-schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie
-ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und
-den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte
-er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen.
-So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher,
-und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete,
-beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand
-an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte:
-
-„Halte Dein Schürzchen auf.“
-
-Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen
-hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte
-flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang
-in den Wagen und fuhr davon.
-
-Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden
-konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im
-Straßenkoth und schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die
-Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und
-rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das
-neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte
-durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in
-die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich
-neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der
-verwunderten Frau:
-
-„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“
-
-
-
-
-Nachbar Krippelmacher.
-
-
-Es steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer
-Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der große eingezäunte
-Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern
-schließt den wüsten Platz ab.
-
-Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu und fremd
-gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wie viel Lust und Leid
-auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wie viel Lachen und
-Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus da oben
-stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten Straßen
-und Gassen, keine kühlen vornehmen Leute in dem stillen Winkel;
-unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig aneinander,
-halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander. Es war ein
-fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für uns Kinder,
-wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten.
-
-Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke „Nachbar Krippelmacher“
-und Thüre an Thüre sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher
-war es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender
-Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die
-Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie ihre
-Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der Vorstadt
-zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller wurde ihre
-Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten vierzehn Tagen vor
-dem Christfeste hantierte schon Alles, was im ganzen Hause und in der
-Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger hatte. Es war aber auch für
-uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das, was wir da machten, war ja
-halb Spiel für uns und halb Erwerb.
-
-Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben wie so ein Kripplein
-entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine große Rolle
-spielt, die Schaufenster aller Spielwaarenhandlungen schmückt, und das
-Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich,
-wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es
-machten?...
-
-Auf ein schuhlanges, flaches Bretchen, das zur Hälfte grün bemalt ist,
-werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen zwei
-sind handhoch, die hinteren doppelt solang. Sind die „Gestelle“ also
-hergerichtet, dann kommen große Kübel voll Leimwasser, in dieses werden
-breite Bogen von dickem grauem Papier getaucht, wieder herausgezogen
-und dann zu unförmlichen Knäueln zusammengedrückt; alle die großen und
-kleinen Hände formen aus diesem feuchten zerknüllten Papier über die
-vier Stäbchen gespannte Felsen, welche sich kühn nach hinten aufbauen
-und ganz unten in der Mitte eine kleine Höhle bilden. Das läßt sich
-nicht gut so hübsch erzählen wie es flinke Finger zurechtmachen, wenn
-jedoch über diese grauen, leimfeuchten Felsen zerstoßener Glimmer
-gesiebt wird und blaugrauer Streusand, dann bedarf es keiner großen
-Einbildungskraft, sich glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine
-steife Bäumlein aus grobem Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes
-Moos, Strohblumen-Knösplein, werden dann auf die Felsen geklebt, in der
-Höhle wird ein winziges Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen
-zierliche Strohhalme und darauf wird das splitternackte Christkindlein
-gebettet. Ochs und Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug
-halten, diese kleinen Thonthierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes
-gestellt, im Vordergrunde aber werden Maria und Josef festgeleimt, die
-Beiden sammt dem Jesuskinde haben große Heiligenscheine aus Rauschgold,
-und da die ganze Rauschgoldarbeit in einem Handgriffe gehen muß,
-wird auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an
-ein Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt.
-Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit dem
-Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den Hirten mit
-seinen Schafen aufmarschiren. Zu allerletzt werden auf einem Felsen die
-heiligen drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt, und wären die
-drei Unglücklichen lebendig, so müßten sie eines elenden Todes sterben,
-denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte, von welcher sie
-immerfort zu dem Stern emporschauen.
-
-Es war also wieder einmal Weihnacht und flimmernd standen auf
-treppenförmigen Brettern die Krippen rund herum in der Stube und
-hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von der
-Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füße schwer waren, weil er
-tagüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die helle warme
-Stube, saß müde da und hörte dem Geplapper der kleinen Arbeiter zu,
-denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den Thonfiguren wurden
-allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt, ja sogar Ochs und Esel
-unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten oft heerdenweise,
-und das Kindlein in der Krippe mußte vor Kälte so unmenschlich laut
-schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen Ohren und Händen
-sich zurechtlegen konnte, daß +er+ schreien würde, wenn er
-splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müßte. Manchmal
-wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt und gebratene Kartoffeln
-rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die zwei kleinen
-Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern wie die Lerchen,
-so daß selbst der Vater mühsam den schweren Husten anhielt, um seine
-Kinder zu hören.
-
-Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer
-Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; Niemand als er wußte
-wie es um ihn stand, denn er saß hustend vom grauen Morgen bis in den
-sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine
-Kinder ihr karges Brod hatten. Seit sein Weib todt war, hatte ihn
-Niemand lachen gesehen; was sie gethan hatte, das fleißige Weib, mußte
-nun er, der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen thun, er wusch und
-kochte nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein,
-die Schultern wurden immer höher und die entsagenden Augen schauten
-immer größer aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen, wenn der
-behäbige Krippenmacher an des Nachbars Thür pochte und mit seiner
-lachenden Stimme hineinrief: „He! Nachbar! gehen wir nicht ein wenig in
-die Felder mit unseren Kindern?“ ließ er das Schifflein ruhen, wandte
-sich auf dem schmalen Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus
-seinem sehnsüchtigen Herzen herauskam:
-
-„Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht’ heut’ schon selber d’ran, ich
-will nur erst meine Kinder zusammenrichten.“
-
-Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervorgeholt, und mit
-frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band
-und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links
-an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege
-durch das wogende Korn. Aber selbst da draußen konnte er schweigend
-dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen
-wie einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen rötheten sich
-dann leicht, das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen
-Fingern in die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf
-strömen. Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Straße
-lange Schatten warfen, wenn Alles voll Abendfriede und Ruhe war da
-draußen... jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute
-zurück und sagte fast wehmüthig:
-
-„Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab’ nur den einzigen Wunsch,
-einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von
-dem großen Pappelbaum dort schlafen, das müßt’ wohlthun, Nachbar
-Krippelmacher!“...
-
-Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der
-Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und
-während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um
-Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer
-wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon
-am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem
-Nachbar Krippelmacher.
-
-„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf
-seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit,
-unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen
-heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“
-
-Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier
-gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner
-kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe,
-strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre
-rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen
-Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in
-der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert
-und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln
-hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:
-
-„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“
-
-„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig.
-
-„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin
-ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher
-beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie
-das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“
-
-„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der
-dicke Mann.
-
-„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach
-sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag
-keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere
-eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt
-war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr
-Krippelmacher?“
-
-„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der
-Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden
-Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien.
-
-„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’,
-Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen
-lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und
-nachher... freilich halt... nachher...“
-
-„Was?“
-
-„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich,
-Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“
-
-Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht,
-daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund
-auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in
-die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an
-Schulter ihm fast in’s Ohr schrie:
-
-„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine
-Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten
-giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die
-schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und damit noch zwei
-Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen
-in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt
-legen Sie sich ruhig schlafen.“
-
-„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich
-hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat
-mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“
-
-Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine
-Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder
-zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu
-Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte
-ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen
-Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam
-auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte,
-und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und
-ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das
-Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen,
-war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie
-schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft
-in den Schlaf.
-
-Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen Flecken auf seinen
-Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem
-Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich
-prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein
-aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des
-gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die
-Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an
-den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an
-das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten
-Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie
-ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der
-Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider
-heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und
-blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes
-zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein
-leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl,
-löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu
-murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige
-Bitte für seine Kinder...
-
-Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles schaute, da wendete ihm
-der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein
-tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.
-
-Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten
-die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln
-sprangen im Backofen herum vor Hitze.
-
-„Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut’ recht übel vorgekommen, Weib,
-meinst nicht?“ fragte der Krippelmacher verdüstert, „ich möcht’ einmal
-hinüber schau’n, vielleicht braucht er etwas.“
-
-„Ja, ja, schau nach, Alter!“ drängte die gutmüthige dicke Frau, und der
-Mann ging und klopfte sachte an die Thüre seines Nachbars.
-
-„Bin munter,“ flüsterte es drinnen mühsam.
-
-Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht den
-Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen.
-
-„Oho, Weber, ganz sauber angethan, wollen doch nicht fortgehen heut’
-noch?“
-
-Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es wisperte
-beschwörend:
-
-„Nicht die Kinder wecken, Nachbar... es wird Ernst... ich wart’ von
-Viertelstund’ zu Viertelstund’ auf den Tod... Nachbar!... Kinder...
-Krippelmacher ... bitt’...“
-
-Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte rathlos
-sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern die
-feuchtkalte des Webers drückte.
-
-„Aber, Nachbar Weber!“
-
-Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt
-fiel das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah
-er, wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn,
-wie die Augen groß und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem
-Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war.
-
-„Krippelmacher?...“
-
-Der flehende, verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr als
-die Hände, die sich glatt aneinander legten und sich mühsam bittend
-emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars.
-
-„Alles, Alles will ich thun für die Kinder, wenn Sie einmal --“ er
-unterbrach sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft
-neben dem Bette nieder.
-
-„Immer... kälter... finste-rer... Nachbar... den Pfar-rer...
-Kinder!!...“
-
-„Nachbar!...“ Der Krippelmacher rannte zu der Thüre und rief mit
-erstickter Stimme: „Kinder, schnell in’s Pfarrhaus, die letzte Oelung
-ist nothwendig: Weib, komm herüber, Lichter! geschwind!“
-
-Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder
-liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in
-der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen
-und großen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und
-zwischen der Thüre, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte
-aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und hielten
-seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen Kinder,
-die nicht wußten, welch’ ein tapferes, liebevolles Herz schwächer und
-schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen hingen an
-den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen oft gesagt
-hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum erstenmale fast drohend,
-befehlend:
-
-„Brav sein!... fleißig arbeiten...“ und mit einmal rannen große
-Tropfen aus den weitgeöffneten Augen und er flüsterte dankbar zu ihm
-aufblickend und bittend: „Dem... Krip-pel-macher... fol-gen.“
-
-Da klingelte es draußen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise
-kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, wieder lauter,
-immer näher und näher... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem
-Ruck vom Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so
-kamen sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die
-Thüre, wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug.
-Jetzt klingelte es schon laut vor dem Hausthore, kam klingelnd über den
-Flur und der Knabe, der das Glöcklein schwang, trat klingelnd in das
-Sterbezimmer... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten, und wo er
-vorüberschritt fielen die Arbeiter erschüttert auf die Kniee und lagen
-da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich empor und saß
-harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem Priester zugewendet
-und seine Hände hatte er mühselig gefaltet... Plötzlich flog ein
-Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne wurden grau.
-
-„Herr... Pfar-rer schnell...“
-
-„Mein Sohn! Wenn Du Deine Seele --“
-
-Der Priester faßte den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte auf
-das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich ergebungsvoll
-und die dürren Lippen lispelten demüthig im Beichttone:
-
-„Mein... Leb-tag... ge-ar-beit... und...“
-
-Kein Laut mehr.
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher blieb
-neben dem todten Weber sitzen die ganze lange Nacht...
-
-Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien
-ja hell und klar in die öde Stube, und als der Todtenwächter im
-Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm, als
-schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich der
-Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt des
-Todten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt...
-
-Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des Webers
-in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann, um sich
-Muth zu machen, recht laut:
-
-„Nein, nein, Du bist und bleibst todt, Du armer Kerl. Gott gieb’ Deiner
-Seel’ die ewige Ruh! aber,“ er nickte dem stillen Nachbar versichernd
-zu, „der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für die
-Zwei.“
-
-Und der „Nachbar Krippelmacher“ hat ehrlich Wort gehalten.
-
-
-
-
-Als er heimkehrte.
-
-
-„Der Lepold ist wieder heimgekommen! -- Du! -- Lenerl! -- Hörst nicht?“
-
-Ein kleines Mädchen, das vor dem Hausthore der „blauen Gans“ stand,
-rief die Worte hinüber auf die Trockenwiese. Die Angerufene, ein etwas
-älteres Kind, lag auf dem Rücken im Grase und schaute zwischen den
-Betttüchern, die über ihrem Kopfe an den Wäschleinen flatterten, hinauf
-in den schönsten blauen Sommerhimmel. Ein großer weißer Pudel saß neben
-dem rothhaarigen Mädchen, schnupperte in die Luft, schnappte nach den
-Fliegen, die im Bereich seiner Schnauze herumsurrten, und wehte mit der
-wolligen Ruthe nach rechts und links.
-
-Als die kleine Hanne sah, daß sich ihre Spielgefährtin nicht regte und
-rührte, trippelte sie über die ungepflasterte Straße hinüber auf die
-Trockenwiese, die zu der „blauen Gans“ gehörte. Das Kind stellte sich
-dicht neben die Freundin und sagte aufgeregt-wichtig:
-
-„Der Weiß Lepold’ ist wieder da -- Du!“
-
-„Na was weiter?“ war die Antwort. „Der Lepold sitzt drüben im Zimmer
-bei seiner Mutter!“ widerholte das Kind beinahe heftig.
-
-„Meintwegen!“ klang es lässig von den vollen dunkelrothen Lippen.
-
-Die Lene dehnte ihre jungen schlanken Glieder faul im Grase, schloß die
-graugrünen Augen halb, blinzelte dann und wann behaglich in die Sonne
-und zwitscherte mit schriller Stimme ein dummes Kinderlied in die Luft.
-
-„Er hat Dich immer so gern gehabt, der Lepold, hat Dir immer was
-mitgebracht, wenn er aus der Arbeit kommen ist,“ sagte die Hanne
-vorwurfsvoll.
-
-„Ja mir... Dir nicht... und Niemand,“ erwiderte der Rothkopf beinahe
-hochmüthig, aber doch in schläfrigem Tone.
-
-„Nein, mir nicht, immer nur Dir, Lenerl...“
-
-„Das ist schon lange her.“ Sie schloß die Augen verdrießlich, plötzlich
-aber schaute sie groß auf und fragte freundlich: „Hat er mir heut’ was
-mitgebracht?“
-
-„Nein. Zwei Jahr war er fort, Du hast gar nicht an ihn denkt, soll er
-alleweil an Dich denken? -- Jetzt ist er da und hat auf der Brust was
-Glänzendes hängen.“
-
-Die Lene blinzelte bei den letzten Worten wieder ein wenig mit den
-Wimpern und verzog den Mund. „Was denn?“
-
-„Weißt, wie in der Schul’ das Ehrenzeichen, weißt? -- Aber so groß.“
-
-Das Kind beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft, der
-schier so groß war wie ein Teller. Die Andere zuckte gleichgiltig mit
-einer Achsel, einem Arm und einem Fuß; es war schroffe Abwehr und
-Mißachtung zugleich in dieser Bewegung.
-
-„Und der -- der -- ich weiß nicht -- halt ein großer Herr -- hat ihm
-das selbst angehängt -- weil er --“
-
-„Schau, daß Du weiter kommst, ich will schlafen.“
-
-„Und dann haben sie dem Lepold einen Arm weggeschossen,“ die schwarzen
-Augen der Hanne wurden feucht, „da drinnen ist jetzt gar nichts,“
-erzählte sie unbeirrt und weinerlich. Um ihre Schilderung deutlicher
-zu machen zog sie ihr Händchen in dem Aermel hinauf und ließ den Arm
-bezeichnend hin- und herbaumeln.
-
-Das zündete; zuerst stützte sich die Lene auf den Ellenbogen und
-schaute zweifelnd auf den schlenkernden Arm, dann fragte sie
-aushorchend-langsam:
-
-„Ganz weg...?“
-
-„Meiner Seel’! -- ganz, ganz weg!“ erwiderte ehrlich die Kleine.
-
-„Nur der +eine+ Arm...?“ „Ja -- mit was könnt er denn sonst
-essen?“ meinte verwundert die Hanne.
-
-Der Rothkopf saß jetzt schon aufrecht, raufte ein paar lange Grashalme
-aus, zog sie durch die rothen Lippen und fragte dann bedächtig:
-
-„Und die Füß’?“
-
-„Die hat er auch alle zwei noch ganz.“
-
-Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper,
-schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf
-die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie
-stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein.
-
-„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’,
-wenn Einer kommt.“
-
-Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte
-kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über
-die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte.
-
-Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue
-Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr.
-Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten
-Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich
-draußen oder in irgend einem Haushalt etwas Ungewöhnliches begab.
-Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte
-die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer
-freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der
-alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie
-er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des
-schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck
-herstellte.
-
-Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen
-zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer
-sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da
-gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck,
-aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes
-Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge,
-die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser
-unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und
-bekräftigendes: Ja! -- Ja!
-
-Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog
-ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie
-mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der
-Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer
-Anderen:
-
-„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem
-und mit einem jeden von unseren Buben.“
-
-„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die
-Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau
-Weiß stand.
-
-Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz
-mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln.
-Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in
-ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein
-jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat,
-durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe
-Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein
-langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen
-Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht
-gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die
-alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit
-beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab
-nieder und murmelte stotternd vor sich:
-
-„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“
-
-Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in
-die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam
-zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank
-und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine
-ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.
-
-„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine
-Schramme über das ganze Gesicht hatte.
-
-„Ah! -- he? -- rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte
-der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des
-hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr
-herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger
-hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit
-fieberhafter Lustigkeit:
-
-„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so
-angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick
-von oben bis unten, „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“
-er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand,
-wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich
-gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der
-kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen,
-daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will -- na ja,
-so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher -- zu seinem Vorposten, so
-ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat
-mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm
-dabei...“
-
-„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“
-schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die
-anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu
-drücken brauchten.
-
-Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth
-geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und
-fragte dann gepreßt:
-
-„Lang’ im Spital gelegen?“
-
-„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!“ „Und was
-jetzt anfangen?“
-
-„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter
-gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen.
-
-„Freilich -- richtig! -- jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’
-Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’,
-gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr
-getrunken, mein armer Bub’!“
-
-Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche,
-und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der
-Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten.
-
-„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her,
-Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“
-
-So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich
-widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in
-sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände,
-schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt:
-
-„Es ist wirklich nichts drin.“
-
-Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze
-Zeit ergangen, und plauderte halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die
-Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die
-Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte.
-Was half da alles rathen, der Arm war fort.
-
-„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“
-
-„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte,
-als er durch die Küche ging.
-
-„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in
-den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht
-recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche,
-der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger
-sie anblies...
-
-Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des
-Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an
-seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die
-Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise
-neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog
-der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger
-Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne
-große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher wässeriger
-Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke
-und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die
-Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten,
-erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem
-Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die
-dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit
-der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß
-kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“
-war es so still, als ob ein Feiertag wäre...
-
-Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte
-seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die
-großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit
-einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte
-sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein,
-obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken
-flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten
-Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und
-schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht
-anbrennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch
-in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig
-und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau
-mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten
-von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett
-stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem
-Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein
-grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die
-paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen
-an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den
-er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie
-immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts
-fehlte...
-
-Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm
--- der mit unzähligen Bildern beklebt war -- stand, das Bett fehlte,
-und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem
-Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und
-der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände,
-die von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor
-herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten,
-welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten,
-geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur
-die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold
-vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in
-seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die
-Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des
-Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und
-schlief wieder weiter...
-
-Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war
-ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und
-lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter
-dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der
-öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen
-kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:
-
-„Zock!... Zock!...“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat,
-„na so komm, ich bin’s ja!“
-
-Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf,
-ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob
-es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten.
-Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold
-entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein,
-dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das
-Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen
-den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten
-Zock-Zock! --
-
-Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber
-der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie,
-da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf
-zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche
-Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte
-schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut
-riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...
-
-Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte
-jeden Blick und jede Bewegung des Heimgekehrten verfolgt, jetzt
-bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren
-Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende
-Lene:
-
-„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt
-nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon
-gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“
-
-Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die
-kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht
-beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie
-zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare
-Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild
-tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?...
-wann?... fragte er sich.
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche
-eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen
-ist, kommt jetzt so heim -- jetzt können wir wieder anfangen beim
-Auffüttern!“
-
-Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme. „Der
-Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster
-hineingeschrieen -- da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und --“
-
-„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib,
-hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe
-nach der Stubenthüre.
-
-„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben -- und verreckt wie
-ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite,
-ausgelöscht wie eine Groschenkerzen -- jetzt der Dritte, der Letzte! --
-Himmelherrgott! --“
-
-Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem
-wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste
-in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie
-nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte
-nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll
-schmerzlichem Ingrimm heraus:
-
-„Jetzt fünf Kreuzer -- alle Tag -- he? -- für unsern Buben -- der
-ein ehrliches Handwerk gelernt hat! -- oder einen Leierkasten? --
-Was gefällt Dir besser, Alte?! --“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau
-überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der
-Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte.
-
-Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den
-Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch
-wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne
-wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin
-und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich
-die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf
-den Boden gleiten.
-
-Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem
-Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme
-vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob
-sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und
-wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand,
-und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle.
-
-Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich
-Keiner so schnell gerührt, wenn nicht hinter dem Schlosser das
-vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm
-hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold
-die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus
-seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er:
-
-„Grüß’ Gott, Herr Vater!“
-
-„Grüß’ auch Gott!“
-
-„Da bin ich halt wieder.“
-
-„Ich -- seh’s!“
-
-„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“
-murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge.
-
-„Meinst’?“
-
-Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er
-sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer
-Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber
-sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs
-und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der
-Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil
-er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt
-mehr hätte über diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der
-Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach
-dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte:
-
-„Schaust elend genug darein --“ Er langte nach der Medaille, die an
-der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech
-da gegeben für Deinen verlorenen Arm? -- Wirst +damit+ die Alte
-erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? --“
-
-„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn
-auch das nichts gelten soll?“
-
-„Was bleibt? --“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und
-schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was
-bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen,
-die den Firlefanz erfunden haben -- Dein Armstumpf bleibt, gar nichts
-sonst! --“
-
-„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann
-steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen
-Versuch mehr heimzukehren.
-
-„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem
-zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos
-fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet
-für mich und meine Leut’ -- für Dich auch mit! -- Und jetzt? -- Wenn
-ich fragen thät: „Was bleibt?“ -- He?! -- Du! -- Du -- der mir so
-heimkommt.“
-
-Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die
-Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das
-Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen.
-Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte
-ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt
-ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die
-fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch
-weit weg von seiner guten Stunde war.
-
-Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold
-gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und
-schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden
-Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er
-überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde,
-die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern,
-denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm
-etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem
-Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der
-„blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als
-sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:
-
-„Was willst Du da? -- Bei Zeiten tagdieben lernen?“ -- er nahm die
-Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus.
-„Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ --
-
-Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den
-Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene
-nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die
-Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn
-etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen
-der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm
-tröstend und beruhigend zu...
-
-„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das
-Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es
-vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und
-Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.
-
-Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter an das Fensterkreuz
-und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie
-zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn
-schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten
-Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und
-bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über
-den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu
-menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder
-hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und
-der Leopold dachte:
-
-„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie
-drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...
-
-Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte
-über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:
-
-„Aber stumm bist Du doch nicht worden? -- He?!“
-
-„Glaub’ nicht.“
-
-„Warum redest Du also nicht?“
-
-Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch
-viel zu reden gehabt.“
-
-„Jetzt bin ich fertig.“ --
-
-„Schon?...“ „Ja!“
-
-„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres
-Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln
-weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen,
-der öfter und öfter wiederkehrte.
-
-„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und
-zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’...
-ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’,
-so wär ich der... oder etwa nicht?“
-
-Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und
-spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort.
-
-„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold
-fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem
-alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und
-Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem
-Ernst sagte er:
-
-„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit
-her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen
-worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht
-dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter
-allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“
-
-Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im
-Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese
-genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf
-ihren Platz.
-
-„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’
-halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht
-wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen
-können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s
-gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten
-gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten
-Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“
-
-Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den
-Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut
-ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte
-horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach
-der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich
-an demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! -- Aber -- was
-bleibt? -- Was bleibt?“
-
-Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer
-Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen
-seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch
-mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“
-
-Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der
-Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte,
-und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine
-Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und
-beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt
-mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das
-schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile,
-da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem
-unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der
-Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in
-gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes
-und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...
-
-Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein Weib jählings in
-ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.
-
-„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte
-zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit
-einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte
-die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu
-dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre
-Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf.
-Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde
-beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist
-noch älter als wir, Alte, gelt?“
-
-„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu
-lächeln.
-
-„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte
-die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in
-die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück.
-Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold
-sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber,
-stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und
-fest in die Augen. Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen
-herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in
-verwaschenen Goldbuchstaben „+Aus Achtung+“ zu lesen war... Dann
-beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken
-Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als
-sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.
-
-„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s
-freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen
-Geschicht’ geschrieben hättest.“
-
-Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen
-eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter
-trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las
-jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf,
-schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte
-das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und
-kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur
-Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden
-hätte...
-
-„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die Pfeife umständlich
-gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so
-einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die
-Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg
-er wieder.
-
-Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern
-sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als
-ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem
-zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten,
-dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und
-endlich sagte sie stockend und nachsinnend:
-
-„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter
-Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück,
-das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die
-Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig
-bei uns sitzt... gelt Johann...?“
-
-Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle
-ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide
-schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins,
-denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme gequälte Mutterherz
-fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen
-Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...
-
-Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk,
-der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen,
-bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und
-die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn
-die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich
-zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie
-fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu
-blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar
-gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie
-sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.
-
-Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender
-angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und
-schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen...
-Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen...
-Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er
-sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin,
-wo schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links
-beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es
-flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb
-blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still...
-er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem
-sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah
-er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu
-ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen
-Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...
-
-„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen
-gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.
-
-„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander,
-als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm.
-„Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun
-gehabt?“
-
-Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte
-etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte
-sie:
-
-„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel... vogel... doch...
-erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein...
-Herr... Lep...“
-
-Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und
-streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’...
-ist... er...“
-
-„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem
-Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen
-dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß,
-als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“
-
-Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein
-Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale
-Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den
-Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern
-rann, sagte er mit zagender leiser Stimme:
-
-„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte,
-holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es
-ist ohnmächtig.“
-
-Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der
-Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust geborgen hielt, heraus,
-schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie
-lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“
-
-Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und
-hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß
-und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende.
-
-„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht
-hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle
-Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den
-Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke
-mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein,
-denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm
-her und flüsterte:
-
-„Du Lepold!“
-
-„Was willst, Lenerl?“
-
-„Muß die Hanni sterben?“
-
-„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte.
-
-„Muß sie?“
-
-„Warum frag’st?!“
-
-„Weil’s meine beste Freundin ist.“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und
-schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz
-vor dem Unglück.“
-
-„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein
-neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen
-schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und
-über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße
-Wachskerzen in die Hand -- und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als
-Allererste!“
-
-„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten
-immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so
-angeschaut?
-
-„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen.
-Wann wird sie denn sterben?“
-
-Sterben! -- ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat,
-daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die
-Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm.
-
-„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu
-ihm hinauf.
-
-„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als
-ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu
-ihm empor, ließ den Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht
-langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt...
-und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube
-ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm
-des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend:
-
-„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und
-die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht
-hinein.“
-
-Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden
-Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken
-ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in
-der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“
-
-„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich
-kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber
-zusammenplärren!“
-
-Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte
-theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder
-die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all
-der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem
-hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit
-er Vormittag heimgekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig
-stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe.
-Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe,
-die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und
-empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter,
-anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke
-in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit
-er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm
-gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner
-war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von
-dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese,
-hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“
-
-Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt
-er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß
-die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas,
-die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte
-der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären.
-Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch ein
-Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen,
-wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf.
-Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine
-Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach
-neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus
-der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte
-nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den
-Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen.
-Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die
-ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor
-Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und
-sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang:
-
-„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“
-
-Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten
-in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die
-regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank
-die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden
-wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen
-in den hohen Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf
-ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger
-so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder
-mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold
-ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles,
-was geschehen war, als er heimkehrte.
-
- . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
-
-Die Lene schlief.
-
-[Illustration]
-
-
-Rammingsche Buchdruckerei in Dresden, gr. Kirchgasse 6.
-
-
-
-
-Dresden.
-
-Rammingsche Buchdruckerei
-
-(gr. Kirchgasse 6).
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen
-
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-
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-
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-
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@@ -1,5424 +0,0 @@
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- The Project Gutenberg eBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen.
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-}
-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Unsere Nachbarn
- Neue Skizzen
-
-Author: Ada Christen
-
-Release Date: September 1, 2019 [EBook #60208]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by Österreichische
-Nationalbibliothek - Austrian National Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1884 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und regional gefärbte Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
-unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn
-diese im Text mehrmals auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) wurden in ihrer
-Umschreibung (Ae, Oe, Ue) dargestellt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s2 center padtop3 break-before">Unsere Nachbarn.</p>
-
-<h1>Unsere Nachbarn.</h1>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="zier" name="zier">
- <img class="w5em mtop1 mbot3" src="images/zier.jpg"
- alt="Verzierung" /></a>
-</div>
-
-<p class="s3 center">Neue Skizzen</p>
-
-<p class="center mtop2 mbot2">von</p>
-
-<p class="s2 center">Ada Christen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="signet" name="signet">
- <img class="w5em mtop1 mbot2" src="images/signet.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="center"><b>Dresden</b> und <b>Leipzig</b>.</p>
-
-<p class="center"><span class="mleft0_2">V</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">l</span><span class="mleft0_2">a</span><span class="mleft0_2">g</span>
-<span class="mleft0_2">v</span><span class="mleft0_2">o</span><span class="mleft0_2">n</span>
-<span class="mleft0_2">H</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">r</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">c</span><span class="mleft0_2">h</span>
-<span class="mleft0_2">M</span><span class="mleft0_2">i</span><span class="mleft0_2">n</span><span class="mleft0_2">d</span><span class="mleft0_2">e</span><span class="mleft0_2">n</span>.</p>
-
-<p class="center">1884.</p>
-
-<p class="s3 center padtop5 break-before">Unbefugter Nachdruck wird
-gerichtlich verfolgt.</p>
-
-<p class="s2 center padtop5 break-before"><b class="mright3">Der Liese</b></p>
-
-<p class="s3 center mtop2 mbot2">mit herzlichem Gruß</p>
-
-<p class="s2 center mbot2"><b class="mleft3">die Ada.</b></p>
-
-</div>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="tdr">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Die Liese I.</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Die_Liese_I">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">&ensp; „&nbsp; &ensp;&ensp;„&ensp;&nbsp; II.</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Die_Liese_II">19</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Der einsame Spatz</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Der_einsame_Spatz">41</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Nur ein Wort</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Nur_ein_Wort">65</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Im neuen Hause</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Im_neuen_Hause">89</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Mama muß tanzen</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Mama_muss_tanzen">131</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Nachbar Krippelmacher</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Nachbar_Krippelmacher">167</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <span class="padr5">Als er heimkehrte</span>
- </td>
- <td>
- <div class="tdr"><a href="#Als_er_heimkehrte">185</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Liese_I"><b>Die Liese.</b><br />
-I.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">„J</span>a, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich
-weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt
-ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze
-Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder
-sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben
-Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon
-weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt.
-Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’
-sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen.
-Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!...
-Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt.
-Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es
-zu vergönnen.“</p>
-
-<p>„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“
-fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen
-nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so
-schlicht und unklar<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum
-sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte,
-immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend
-scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen
-eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch
-haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal
-durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte
-ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist
-dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei
-dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es
-war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen
-Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine
-von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung
-oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen
-derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte
-durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten
-und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen
-Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre
-langsame, grübelnde Art, über ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> bohrendes Denken, ihr geistiges
-Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich
-den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.</p>
-
-<p>Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und
-wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge
-sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und
-anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus
-der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so
-wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete
-Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig
-durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das
-Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine
-Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt
-am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die
-Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war.
-Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl
-noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber
-sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> und auch
-in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber
-die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr
-zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam,
-und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere
-Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch
-bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein
-auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus
-ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein
-„Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“</p>
-
-<p>So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche
-bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.</p>
-
-<p>„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt
-freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als
-Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“</p>
-
-<p>„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich
-sage Ihnen,“ flüsterte die<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten
-die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und
-die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre
-hinausgeschoben.</p>
-
-<p>Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an,
-und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem
-armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“</p>
-
-<p>„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber
-seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die
-gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.</p>
-
-<p>Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau
-Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der
-geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren
-Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein
-tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr
-bescheidenes Hab und Gut &mdash; ihre eigenen Söhne waren draußen in der
-Welt wohlhabende Leute geworden &mdash; dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie
-wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem,
-legte Groschen zu<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten
-Flecke sitzen.</p>
-
-<p>So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht
-geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr
-angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie
-viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte,
-selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst
-unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts
-zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände
-erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und
-Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre,
-aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne
-sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und
-Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann,
-dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht
-wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.</p>
-
-<p>Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und
-einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch
-eine weit<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und
-graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht,
-rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten,
-als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu
-erkennen vermag.</p>
-
-<p>Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur
-zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder
-saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu
-weinen und zu lachen.</p>
-
-<p>Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges
-Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen
-wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab
-alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank,
-nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort
-Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr
-inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht
-sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist
-gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube
-sie hat dieses rührende Stück<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> eigentlich noch nie vollständig gesehen,
-und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum
-jemals sehen.</p>
-
-<p>Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um
-fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen,
-ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend
-einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch
-die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm
-ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die
-Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und
-die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen
-im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und
-knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt
-beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum,
-schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu
-laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der
-ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich
-von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten
-Plätzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit
-saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da
-sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir
-das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.</p>
-
-<p>Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine
-andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen
-Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen
-füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach
-sind lauter alte Bekannte droben angekommen...</p>
-
-<p>Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame
-Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen,
-Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter
-waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche
-noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich
-die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von
-vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden
-gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir
-vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die
-Liese<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden,
-sichtbar zu machen...</p>
-
-<p>Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten
-die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde
-große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für
-sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens
-gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr
-vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person,
-welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was
-passirt ist.“</p>
-
-<p>„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“
-fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert.
-Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen
-Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst
-einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals
-ausmachten.</p>
-
-<p>„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich
-den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid
-und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch
-die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> mir lieb geblieben sind und
-bleiben werden mein lebelang.</p>
-
-<p>„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich
-merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie
-drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher
-an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste
-allgemeine Rede wieder aufnehmend:</p>
-
-<p>„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden
-und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt,
-die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen
-Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben,
-dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie
-hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter,
-„manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins
-gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich
-gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“</p>
-
-<p>„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre
-Worte nur im Allgemeinen.</p>
-
-<p>„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischler<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>bub’, weißt, dem sein
-sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler
-von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer
-gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen
-zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten
-Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel
-Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle
-durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen
-gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus,
-das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber
-anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark
-geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade
-hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’
-werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’
-der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt
-sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’
-mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine
-besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab,
-auf und ab, auf und ab! Da<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> kann ich an Alles denken, was ich gehört
-und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...</p>
-
-<p>Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem
-Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten
-die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch
-lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte
-leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß
-auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von
-früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie
-immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes
-aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als
-hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie
-sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm,
-streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als
-sonst:</p>
-
-<p>„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag
-kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm
-ist... und Du magst sie nimmer sehen...“</p>
-
-<p>Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> schon lebendiger, ein
-leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt
-zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das
-langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte
-sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:</p>
-
-<p>„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht
-gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über...
-Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist
-es gerade so Recht...“</p>
-
-<p>Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die
-Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch
-nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten
-Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief
-ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als
-wir Abschied nahmen...</p>
-
-<p>Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde
-die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu
-Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der
-Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> welchem zuerst
-ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene,
-welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie
-beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer
-Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Liese_II"><b>Die Liese.</b><br />
-II.</h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">D</span>ie ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen,
-aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen
-herausgehorcht.</p>
-
-<p>Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie
-nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was
-sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer
-geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich
-die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen
-eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von
-allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig
-über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr
-durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte
-sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie
-wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr
-Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im
-Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> gehört
-hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels.
-„Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade
-vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht
-schlimm.“</p>
-
-<p>Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile
-wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:</p>
-
-<p>„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie
-kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und
-weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott!
-Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn
-sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war
-auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein
-seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie
-zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als
-ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu
-helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten
-auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau
-zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’
-und Unruh.“</p>
-
-<p>Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem
-Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber,
-daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner
-Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur
-alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre
-wußte sie nichts von ihm.</p>
-
-<p>Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte
-ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie
-fragte ich nie nach ihm.</p>
-
-<p>Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir
-von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über
-den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine
-Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er
-mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch
-so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du
-nicht verstehen...“</p>
-
-<p>Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> ein; als ich
-später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und
-wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen,
-als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will
-ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem
-ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die
-zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten
-habe...</p>
-
-<p class="center">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“</p>
-
-<p>„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““</p>
-
-<p>„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“</p>
-
-<p>„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““</p>
-
-<p>„Dummer Kerl!“</p>
-
-<p>Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein
-langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein
-bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm
-fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben
-sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die
-Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und
-erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glocken<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>stube! Die
-Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“</p>
-
-<p>Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei
-kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei
-braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß
-wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod
-versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß
-sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe,
-davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich
-überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch
-das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des
-Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über
-alle anderen Köpfe und sagte:</p>
-
-<p>„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“</p>
-
-<p>Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel
-um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen
-Treppen hinab.</p>
-
-<p>Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, &mdash; es stand gegenüber der
-Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, &mdash; lag eine
-bleiche Frau auf<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der
-scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und
-wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über
-der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer
-jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten&nbsp;...</p>
-
-<p>„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt
-auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken
-davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen
-Kameraden finden.“</p>
-
-<p>Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber
-zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das
-Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:</p>
-
-<p>„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau,
-jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das
-Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen &mdash; da hätten Sie ein bisserl
-mehr Zerstreutheit &mdash; thäten Ihnen weniger kränken &mdash; na ja! so ein
-neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine
-anderen Gedanken. &mdash; Und wenn man den allergröbsten und<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> grauslichsten
-Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so
-ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er
-der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. &mdash; Ich weiß das
-recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein
-kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“</p>
-
-<p>Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß
-ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu
-große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern
-ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend
-irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche,
-dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller
-Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt
-der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus
-dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges,
-freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen
-und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick
-aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings
-an. Als ob sie die Kranke schützen<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> wollte, so rasch eilte Frau Huber
-an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die
-stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr
-Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel
-niederflossen.</p>
-
-<p>Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte
-durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu,
-endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch
-diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin
-sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am
-Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die
-Schulter nach dem Bette und flüsterte:</p>
-
-<p>„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es
-freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, &mdash;
-aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe
-Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn &mdash; aber ich hab’ schon
-wieder Muth &mdash; jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.</p>
-
-<p>Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach
-der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah,
-schob er die<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem
-Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein
-grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.</p>
-
-<p>„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich
-gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau
-Huber schrieb, daß <em class="gesperrt">schon</em> jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach
-der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten
-Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken
-zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.</p>
-
-<p>„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige
-Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte
-rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann
-ein Schauer durch ihren ganzen Leib.</p>
-
-<p>„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer
-Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich
-niederschaute.</p>
-
-<p>„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im
-Dachboden sind’s eingesperrt, da<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> haben Sie den Schlüssel, auf meinem
-Boden sind alle beisammen.“</p>
-
-<p>Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben
-pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken.
-Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen
-gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er
-seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden
-könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für
-das er keinen Namen hatte:</p>
-
-<p>„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein
-armes Weib!“...</p>
-
-<p>Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder
-auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in
-seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten
-wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam,
-sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen
-Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:</p>
-
-<p>„Mama ist krank, kommst Du darum?“</p>
-
-<p>„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder
-gesund wird.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen
-Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu
-sehen waren.</p>
-
-<p>„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen,
-und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer
-so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen
-können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine
-von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war
-ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden
-ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an
-die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er
-drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die
-Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht
-zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur
-ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie
-halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige
-war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch
-was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s,
-wir wissen uns alle zwei noch<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> nicht recht ineinander zu schicken...
-Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur
-brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu,
-„denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte
-er wieder bei sich weiter:</p>
-
-<p>„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet,
-wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“</p>
-
-<p>Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen
-Gedanken hinein.</p>
-
-<p>„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm,
-grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth
-herglänzen gesehen!“</p>
-
-<p>Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der
-Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht
-allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er
-naserümpfend.</p>
-
-<p>„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“
-zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher
-empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken
-des Herrn Brauner.</p>
-
-<p>Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper an<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>statt der Glocken und
-mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus
-in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und
-sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern
-Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus
-durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb
-gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:</p>
-
-<div class="ratschen">
-
-<p>„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“</p>
-
-<p>„Den jeder Christ beten muß,“</p>
-
-<p>„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“</p>
-
-<p>„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“</p>
-
-</div>
-
-<p>Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die
-Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf
-den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien
-gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte
-nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben
-sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe
-hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der
-Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken...<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> schwebte
-tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen
-Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche
-am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten
-angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen
-hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben
-irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht
-zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam
-es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich
-knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet
-hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen
-Stuben und dabei an die kranke Frau.</p>
-
-<p>Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe
-war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm
-hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren
-geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste
-unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben
-dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schütz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ling, während sie
-aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht
-blickte.</p>
-
-<p>„Nicht einschlafen! &mdash; Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? &mdash; Er ist
-schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn
-herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht &mdash; oder &mdash; oder
-soll &mdash; soll der Herr Doktor hereinkommen und &mdash; und zuerst sagen,
-ob schon wer mit Ihnen reden darf? &mdash; Er wartet schon seit einer
-halben Stund’ &mdash; der Herr Doktor &mdash; da draußen im Nebenzimmer &mdash;“ Frau
-Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger
-knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum
-ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. &mdash; Soll’ns glauben!
-&mdash; Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem
-eine gewisse Beruhigung giebt.“</p>
-
-<p>Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so
-daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie
-immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause &mdash; eine ängstliche
-Pause &mdash; und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen,
-damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter...,<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr
-hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig
-hinaus.</p>
-
-<p>Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das
-junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen
-Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab
-bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte
-war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie
-angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar.
-Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken,
-der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade
-ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare
-und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des
-Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte
-ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett,
-wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem
-schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.</p>
-
-<p>„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der
-seinen hielt und scheinbar auf seine<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> Taschenuhr sah, er zählte leise
-und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.</p>
-
-<p>„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem...
-Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der
-Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam
-hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich
-ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte
-nur noch:</p>
-
-<p>„Carl...“</p>
-
-<p>„Fanny!“ stöhnte der Doktor.</p>
-
-<p>Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl
-gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:</p>
-
-<p>„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“</p>
-
-<p>„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den
-übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt
-in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.</p>
-
-<p>Keine Antwort...</p>
-
-<p>„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende
-Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist
-hinübergewandelt<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger
-Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...</p>
-
-<p>Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem
-Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.</p>
-
-<p>„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit
-freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.</p>
-
-<p>Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten,
-wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich
-hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe
-Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:</p>
-
-<p>„Ein Mädchen.“</p>
-
-<p>„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt,
-hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch
-schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage
-getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend
-auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die
-Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...</p>
-
-<p class="center">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p>Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.</p>
-
-<p>„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber
-noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte
-ihrer Ziehtochter erzählte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_einsame_Spatz"><b>Der einsame Spatz.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">J</span>eden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof
-der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in
-einer geräumigen, hellen Kammer.</p>
-
-<p>Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das
-wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt
-oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach,
-seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar
-hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen,
-die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch
-grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie
-selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von
-dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen
-Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil
-es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte
-es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p>Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn
-Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele
-anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu
-seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die
-Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte
-höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte,
-wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine
-halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen
-Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an
-hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre.
-Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein
-junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.</p>
-
-<p>Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht
-verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte
-es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der
-Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die
-Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden.
-Mit dem Nachwuchs der „blauen<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Gans“ redete er noch am meisten, jedoch
-nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder
-gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem
-Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner
-halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen,
-zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm
-ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu
-zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter
-voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte,
-liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er
-ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er
-ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß
-nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und
-krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu
-lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche
-und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:</p>
-
-<p>„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht,
-kriegt von mir Schopfbeutler.“</p>
-
-<p>Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> hatten ihn so getauft, weil
-sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.</p>
-
-<p>„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr
-lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen
-Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:</p>
-
-<p>„Ah, bah! Menschenfeind! &mdash; Wer die Kinder und die Viecher gern hat,
-ist kein Menschenfeind.“</p>
-
-<p>„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte
-die Liese den andern Kindern begreiflich.</p>
-
-<p>Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie
-einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht,
-frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes
-Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“
-schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“</p>
-
-<p>„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“</p>
-
-<p>„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an
-sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste
-erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p>Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag
-Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er
-hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen
-Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als
-nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den
-Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.</p>
-
-<p>Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von
-den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten
-nachsichtig:</p>
-
-<p>„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein
-Frauenzimmer angethan hat. Na ja! &mdash; Es giebt genug Nichtsnutzige. Es
-kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“</p>
-
-<p>Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von
-ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers
-an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als
-die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines
-Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen
-Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Wasch<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>frauen,
-die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem
-Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der
-sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber
-ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.</p>
-
-<p>Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des
-abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der
-einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als
-er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen
-Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.</p>
-
-<p>„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der
-Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil
-was in sein Büchel mit dem Bleistift? &mdash; Warum zeigt er’s nicht her?
-Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“</p>
-
-<p>„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch
-ein heimlicher Künstler?“</p>
-
-<p>„War’s! &mdash; mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen,
-ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die
-Pferder<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’!
-&mdash; Und was bin ich g’worden? &mdash; Laternenanzünder! Braucht dazu der
-Mensch eine schöne Stimm’?“</p>
-
-<p>„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine
-runde Frau und rang verzweifelt die Hände.</p>
-
-<p>Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann
-tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine
-„Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt,
-als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was
-der „einsame Spatz“ inwendig ist.“</p>
-
-<p>Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte
-wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers
-aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse
-Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen
-wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle
-Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder
-der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen
-zu, was sie<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben
-Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen
-läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen
-Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige
-Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht
-stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da
-ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht,
-die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit
-empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die
-Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig,
-wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des
-Lebens schickt.</p>
-
-<p>Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die
-vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen
-Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden
-durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Stunde schlägt,
-und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und
-Menschenstimmen weit weg...</p>
-
-<p>Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die
-Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er
-seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach
-niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie
-Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte
-sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf
-an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen
-weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann
-mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je
-weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller
-wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch
-die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat
-schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie
-kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf
-diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen
-Flügeln, der viel zu früh<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> erwacht war, flatterte wie ein bewegliches
-Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte
-vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger
-Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb
-der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In
-den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal
-purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen,
-und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen
-Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der
-gewisse Tag war...</p>
-
-<p>Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete
-er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum
-Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil
-bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten
-Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben
-der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall
-nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere
-festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit
-seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut
-störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der
-kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand
-aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen
-Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer
-zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit
-festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft...
-Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber,
-und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem
-der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“
-schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch
-am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller
-aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die
-Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und
-schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier
-Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig
-nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden
-Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte,
-entdeckte er, daß er<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in
-ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem
-Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen
-Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand
-hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund
-noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er
-eigentlich lachte, und rannte davon.</p>
-
-<p>„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch
-immer so hoch hinauf, als es anging.</p>
-
-<p>„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“</p>
-
-<p>„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das
-Köpfchen gezogen war, hervor.</p>
-
-<p>Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem
-sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog
-dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt,
-was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.</p>
-
-<p>„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als
-er dieses kunstreiche Ungethüm<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> in der Nähe sah, lachte er so hell auf,
-daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie
-verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie
-lustig mit.</p>
-
-<p>Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf
-irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und
-Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest
-zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche
-daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase
-vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der
-Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit
-auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung
-hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war
-eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform
-befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr,
-zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den
-bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.</p>
-
-<p>Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen
-Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p>„Haa-a &mdash; had &mdash; die &mdash; Dedel &mdash; Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte
-sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf
-das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein
-Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte
-ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.</p>
-
-<p>„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit
-gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener
-Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:</p>
-
-<p>„Bist Du ganz allein da?“</p>
-
-<p>„Ja!“</p>
-
-<p>„Wo ist Deine Mutter?“</p>
-
-<p>„Bei &mdash; bei &mdash; Vada!“</p>
-
-<p>„Wo ist Dein Vater?“</p>
-
-<p>„Widhaus!“</p>
-
-<p>„Im Wirthshaus?“</p>
-
-<p>Das Kind nickte. „Ja!“</p>
-
-<p>„Und was thust Du allein da?“</p>
-
-<p>„Waden.“</p>
-
-<p>Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug:
-„Warten?“</p>
-
-<p>Das Kind nickte wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>„Ja? Auf wen?“</p>
-
-<p>„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos.
-Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.</p>
-
-<p>„Auf welche Henne, Kind?“</p>
-
-<p>„Die Henn’ din &mdash; die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun
-sein.“</p>
-
-<p>Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die
-Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der
-Mann nichts verstand als die gelallten Worte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Waze Henn’ und weiße Henn’,</div>
- <div class="verse">Ode Ei dud binnen Menn’.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem
-Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern
-wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:</p>
-
-<p>„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“</p>
-
-<p>„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem
-auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein
-wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p>„Ich heiß’ &mdash; ich heiß’ &mdash;“ sang sie halblaut und schläferig lallend,
-wispernd sagte sie dann: „Veonida!“</p>
-
-<p>Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über
-seine erbleichten Lippen.</p>
-
-<p>„Veronika... Veronika... Veronika!“</p>
-
-<p>Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für
-ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen
-zu, sein Schwesterlein, das so hieß...</p>
-
-<p>Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen.
-Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich
-doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er
-ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden,
-damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und
-malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder
-auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen
-Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für
-seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen
-wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag
-und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> kleine
-Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel
-liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen
-Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen
-ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines
-zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm
-nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen,
-liebereichen Mädchen........</p>
-
-<p>Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und
-nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf,
-die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf
-das dunkle Gesicht des Kindes....</p>
-
-<p>Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte
-ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und
-gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So
-saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der
-Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p>Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen
-hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich
-zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock
-geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte.
-Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie
-rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze
-und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen
-und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte.
-Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau
-ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu,
-den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit
-auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber
-schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.</p>
-
-<p>Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen
-Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb
-anklagend und halb entschuldigend:</p>
-
-<p>„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem
-Wirthshaus holen müssen,<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen.
-Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er
-hat so seine gewissen Tag’!“</p>
-
-<p>Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von
-einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt,
-seine Füße zu beobachten.</p>
-
-<p>„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na
-ja! Der arme Wurm da, ganz allein! &mdash; Hat’s alleweil geschlafen? &mdash; Ich
-dank Ihnen tausend und tausend Mal! &mdash; Mitrennen mit mir hat’s nicht
-können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen &mdash; die ist gar
-schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich
-belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.</p>
-
-<p>„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges
-Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare
-glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein
-kluges, hübsches Kind.“</p>
-
-<p>„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“
-setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf
-die perpendikelhafte<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch
-immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die
-Seite und sagte:</p>
-
-<p>„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“</p>
-
-<p>Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:</p>
-
-<p>„Schlaft.“</p>
-
-<p>„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich
-wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“</p>
-
-<p>„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines
-Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei
-den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s
-Genick küßte.</p>
-
-<p>Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein
-glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“</p>
-
-<p>Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur
-mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe,
-drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte
-den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> anließ. Mit einmal aber
-bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er
-schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine
-Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem
-alten Bekannten:</p>
-
-<p>„Nichts für ungut! &mdash; Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“
-&mdash; er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts
-anzufangen ist.“</p>
-
-<p>Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und
-marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die
-Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die
-Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische
-Stimme fragte laut und zärtlich:</p>
-
-<p>„Na, ist die Henn’ kommen, Du &mdash; Du?“...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts...
-Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er
-das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein
-kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in
-die Vergangenheit.<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben
-Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den
-Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube
-hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag
-früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen
-um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.</p>
-
-<p>Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten
-Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und
-malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:</p>
-
-<p>„Aha! unsere Zwei künsteln.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Nur_ein_Wort"><b>Nur ein Wort.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">„E</span>rinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“</p>
-
-<p>So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen
-unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.</p>
-
-<p>„Ei, freilich!“</p>
-
-<p>Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich
-beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der
-Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine
-kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner
-Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum
-ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über
-alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen
-und die ich nimmer los bekam.</p>
-
-<p>So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten
-Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende
-Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer
-und im Traume, und schaut mich an mit zu<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>dringlich sanften Augen. Ich
-sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert
-haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden
-Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.</p>
-
-<p>Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder
-sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer
-alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der
-„blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar...
-Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen
-steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh
-am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für
-unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der
-Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die
-Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte
-hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde
-später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der
-Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre
-Ausstattung hergerichtet habe.</p>
-
-<p>„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neu<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>gierig in ihrer etwas
-schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“</p>
-
-<p>„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster &mdash;“ sagte der einsame
-Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.</p>
-
-<p>In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war
-etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des
-jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so
-untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken
-und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber
-schwatzten sie doch lauter.</p>
-
-<p>Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die
-Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine
-vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue
-Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von
-dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und
-gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen
-zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein
-übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter
-Umzäunung sich die<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern
-durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich
-Caroline hieß, zum erstenmale genau.</p>
-
-<p>Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die
-Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer
-Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien
-mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen
-Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander
-gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht
-ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter
-Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie
-sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die
-Alten büßen wolle.</p>
-
-<p>„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich
-nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die
-Vorstadt aufweisen konnte.</p>
-
-<p>„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’
-zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<p>„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die
-Prinzessin. Soll gescheidt sein!“</p>
-
-<p>So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das
-stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie
-in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden
-Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen
-lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte.
-Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte
-verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich
-schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann,
-mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte
-ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie
-stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als
-müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte
-ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff
-zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge
-denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die
-Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel
-Geld, und zunächst<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster
-tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht
-genug für meine Arbeit fand.</p>
-
-<p>„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder
-so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der
-Schürze über die Augen.</p>
-
-<p>„Ach was! &mdash; die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt &mdash; sagt sie
-selbst &mdash; hat’s auch nicht nöthig &mdash; sie ist reich g’nug dazu &mdash;
-sie könnt heirathen wen sie wollt’ &mdash; aber sie will halt nicht“ &mdash;
-erwiderte die Tante protzig.</p>
-
-<p>Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor
-sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie
-tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.</p>
-
-<p>„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und
-weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand
-auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.</p>
-
-<p>„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber &mdash; der
-Prinz?“</p>
-
-<p>„Na, was weiter? &mdash; der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p>„So, so! &mdash; Ich hab’ halt g’meint &mdash; die G’schicht mit dem Kloster,
-schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. &mdash; Warum
-denn justament in’s Kloster?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes
-<em class="gesperrt">Wa</em>rum hat ein <em class="gesperrt">Da</em>rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen,
-denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie
-von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:</p>
-
-<p>„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen
-es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte,
-suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“</p>
-
-<p>Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn
-weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte
-darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die
-Rede davon war:</p>
-
-<p>„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter,
-meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt
-zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches
-Weibsbild Bücher? &mdash; Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p>Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich
-weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen
-Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie
-seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was
-das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens
-gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte
-mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem
-traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war
-noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute
-empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum
-bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines
-waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der
-Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber
-fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten
-sich unhörbar... sie sprach leise.</p>
-
-<p>Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich
-gesucht hat?</p>
-
-<p>Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen
-Worten jemals gehört hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> zumeist fielen mir diejenigen ein, welche
-in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten
-und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines,
-das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung
-hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Und willst Du in’s Kloster gehen</div>
- <div class="verse">Und werden eine Nonn’,</div>
- <div class="verse">So will ich das Kloster anzünden,</div>
- <div class="verse">Ja, ja, anzünden,</div>
- <div class="verse">Daß ich wieder zu Dir komm’.“</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„Ich hab’ in meinem Herzen</div>
- <div class="verse">So viel von Lieb’ und Treu’,</div>
- <div class="verse">Daß ich für Dich will sterben,</div>
- <div class="verse">Ja, ja, will sterben,</div>
- <div class="verse">Dann ist die Noth vorbei.“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein
-Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich
-die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend
-wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden
-thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo
-die Lina und das<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht
-sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das
-pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht
-hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort
-träumen und empfinden sehen.</p>
-
-<p>„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß
-mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.</p>
-
-<p>Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein
-wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.</p>
-
-<p>„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme
-hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.</p>
-
-<p>Sie stand auf und lief zu mir herüber.</p>
-
-<p>„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.</p>
-
-<p>„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause
-wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“</p>
-
-<p>„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte
-ihre zarten Lippen.</p>
-
-<p>„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.</p>
-
-<p>„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?...
-Liebe!... Davon reden Alle.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen
-wolle.</p>
-
-<p>„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es
-aber gewiß Treue, nicht wahr?“</p>
-
-<p>Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen
-eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:</p>
-
-<p>„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum <em class="gesperrt">denkst</em> Du an ein
-Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie
-klagend.</p>
-
-<p>„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’
-wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu
-Ihnen sagt.“</p>
-
-<p>„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“</p>
-
-<p>„Nur meine Mutter, aber die ist &mdash;“</p>
-
-<p>Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach
-weiter:</p>
-
-<p>„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch
-die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s
-keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich
-dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne
-Gruß ging sie davon.</p>
-
-<p>So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach
-sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.</p>
-
-<p>Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen
-oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde,
-als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie
-das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.</p>
-
-<p>„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die
-Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.</p>
-
-<p>„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“
-fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.</p>
-
-<p>„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und
-sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige
-Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die
-andere Hälfte kriegt das Kloster.“</p>
-
-<p>Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein
-blutjunger Student,<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof
-schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links
-wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern
-und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf
-saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz
-waren sie, und die Männer sagten scherzend:</p>
-
-<p>„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen
-Augen.“</p>
-
-<p>Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm
-ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und
-übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im
-Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die
-andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe.
-Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde,
-da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine
-knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender
-Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben,
-er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit
-Rosinen und Mandeln vollstopfte.<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Er konnte auch viel schöner singen
-als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz
-vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’,
-und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht
-finden konnte.</p>
-
-<p>Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie
-fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände,
-jetzt sei sie ein wenig krank.</p>
-
-<p>Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem
-kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt,
-Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im
-Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten
-silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt.</p>
-
-<p>Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und
-zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang
-er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir
-mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das
-Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand
-und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe in<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> der Luft herum, wenn
-er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen,
-hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus.</p>
-
-<p>„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen.</p>
-
-<p>Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den
-Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein
-dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz
-verborgen hinter einer weißen Haube.</p>
-
-<p>„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die
-Franziska gleichgültig zu ihm.</p>
-
-<p>„Die &mdash; in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer,
-daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns
-nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die
-Caroline besser sehen konnte.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Und willst Du in’s Kloster gehen</div>
- <div class="verse">Und werden eine Nonn’,</div>
- <div class="verse">So will ich das Kloster anzünden.“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild
-vor mir sah.</p>
-
-<p>„Ja, ja, anzünden!“</p>
-
-<p>Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidter<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> wäre, wenn er es
-thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit
-dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben.</p>
-
-<p>Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns
-„dumme Mädels“ und rannte davon.</p>
-
-<p>Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur
-erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen.
-Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger
-und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht
-erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für
-die andern Leute.</p>
-
-<p>Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die
-blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten;
-durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm
-dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer
-näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder
-schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und
-die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu
-sehen gab. Auch der Student stand<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> unter ihnen, aber er wandte keinen
-Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete.</p>
-
-<p>„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den
-Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand.</p>
-
-<p>„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt
-ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“</p>
-
-<p>Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen.</p>
-
-<p>Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im
-Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die
-dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern
-der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der
-Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen.
-„Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt &mdash; sei &mdash; Je-e-sus &mdash; Chri-i-stus!“
-sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten,
-und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt
-zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen
-blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge
-herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm,<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> der
-mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner
-Donner herübertönten.</p>
-
-<p>Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt
-war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen
-aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen
-sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und
-verschwanden in der Hausflur.</p>
-
-<p>Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer
-unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander,
-daß ich es hörte.</p>
-
-<p>Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau,
-und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der
-zweiten und schritt dem Klostergefährte zu.</p>
-
-<p>Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als
-er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und
-sagte am ganzen Leibe zitternd:</p>
-
-<p>„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“</p>
-
-<p>Der Mann zuckte mit beiden Achseln.</p>
-
-<p>Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und
-sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen
-Hut<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> weit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß
-es zurück und rief den Leuten zu:</p>
-
-<p>„Hat denn kein Mensch <em class="gesperrt">Mitleid</em> mit ihr, und sagt ihr, was sie
-thut!“</p>
-
-<p>Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke,
-ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid
-aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm
-ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und
-die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das
-Fenster:</p>
-
-<p>„Fahren!“</p>
-
-<p>„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte.</p>
-
-<p>Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel
-und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad
-geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang.
-Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen
-übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings
-stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von
-weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen
-Augen, und quer über sein<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> todtenbleiches Gesicht hatte er einen
-feuerrothen Streifen.</p>
-
-<p>Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem
-kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den
-Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die
-Prinzessin davonführten.</p>
-
-<p>„So will ich das Kloster anzünden!“</p>
-
-<p>Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s
-Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer,
-und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in
-der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von
-der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen.</p>
-
-<p>„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später
-die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir.
-Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die
-Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen
-sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar
-Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“</p>
-
-<p>Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilen<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> taucht der sinnende
-Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und
-schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen:</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt">Mitleid</em> hieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Im_neuen_Hause"><b>Im neuen Hause.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">„B</span>ei uns wird ein neues Haus gebaut!“</p>
-
-<p>„Was? &mdash; wo!?“</p>
-
-<p>„Auf dem Feld’ oben!“</p>
-
-<p>„Auf welchem Feld?“</p>
-
-<p>„Na, neben der Trockenwiese.“</p>
-
-<p>„Wer sagt’s?“</p>
-
-<p>„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu
-bauen an.“</p>
-
-<p>So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten
-die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in
-einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter
-die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem
-großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt
-lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese,
-wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche
-flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken,
-Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p>Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die
-Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah
-man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu
-hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.</p>
-
-<p>Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun
-frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal
-darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen
-dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres
-hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen
-waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches
-Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten,
-daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde
-zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und
-Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl
-fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten
-Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang
-verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden
-fortgejagt; was<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen,
-bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen
-kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute
-kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von
-Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“,
-wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen
-Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und
-bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug
-meist wild und gerade und gesund in die Höhe.</p>
-
-<p>Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde
-nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute
-kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die
-Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle
-Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt
-und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den
-Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im
-Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen
-wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das
-Ende des lustigen Getriebes,<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> das Haus wurde zugeschlossen, es war
-fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten
-Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume
-einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber
-sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der
-Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr
-um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.</p>
-
-<p>Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große
-Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer,
-die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker
-Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr
-weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang
-er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt
-die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte
-sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der
-Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern
-ab.</p>
-
-<p>Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den
-Schlüssel ein, schaute sich sein Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>barhaus, die „blaue Gans“,
-und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und
-hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.</p>
-
-<p>„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte
-Frau Weiß verwundert.</p>
-
-<p>„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn
-nachgesehen hatten.</p>
-
-<p>„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem
-alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“</p>
-
-<p>„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist
-der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden
-ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter
-Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“
-schloß der alte Dragoner beißend.</p>
-
-<p>„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der
-muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’
-gesetzt, sein reiche Leut’!“</p>
-
-<p>„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“
-spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die
-überspannte Fabri<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>kantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat
-sich in seine Stimm’ verschossen. In <em class="gesperrt">die</em> Stimm’, die hat halt
-nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“</p>
-
-<p>Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue
-Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der
-Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß
-sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut
-aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie
-ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von
-sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus
-dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.</p>
-
-<p>Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten
-die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen
-Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.</p>
-
-<p>„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild,
-das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese,
-es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“
-erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding,
-das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem
-alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch
-das Gitter heraus mit der Liese plauderte.</p>
-
-<p>Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren
-Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als
-sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich
-aufgenommen.</p>
-
-<p>An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus
-herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten.
-Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein,
-auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den
-weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen
-Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!...
-Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt,
-schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:</p>
-
-<p>„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da
-drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus
-wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> Goldfäden
-und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und
-solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren
-wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“</p>
-
-<p>Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile
-in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese,
-die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem
-Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der
-„blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt
-und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.</p>
-
-<p>„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend,
-„denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne
-hatten.“</p>
-
-<p>Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt
-hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und
-weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die
-Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach
-knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große
-Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn
-sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber
-in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Ziehmutter und dann der
-mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte
-sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte
-das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem
-heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.</p>
-
-<p>Warum?</p>
-
-<p>Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein
-Geschenk, das einem Almosen glich.</p>
-
-<p>Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund
-geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu,
-während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche
-hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.</p>
-
-<p>Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag
-vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne,
-wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte:
-„Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann
-sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.</p>
-
-<p>Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst
-Du Dir so viel Mühe und<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme
-weniger voll klingt?“</p>
-
-<p>„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht
-und ging singend davon.</p>
-
-<p>Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt
-er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch
-weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend
-kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er
-bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen
-Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei
-der Arbeit saßen:</p>
-
-<p>„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und
-seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“</p>
-
-<p>Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und
-ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.</p>
-
-<p>Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden
-langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die
-halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem
-gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p>„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann,
-Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm
-aufblickte.</p>
-
-<p>Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein
-Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann
-mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn
-vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe
-Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine
-Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit,
-als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang.
-Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und
-sagte ihr:</p>
-
-<p>„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches
-ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde
-Luft und Ruhe, er wird <em class="gesperrt">uns</em> nicht stören und wir <em class="gesperrt">ihn</em>
-nicht, ich habe ihm die Wohnung gegeben.“</p>
-
-<p>Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag
-und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge
-schwerer Kisten und Truhen mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p>Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an
-die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den
-Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug
-sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke,
-die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die
-Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der
-Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter,
-wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte
-auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den
-Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an
-ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab,
-das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein
-Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und
-halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht
-aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es
-klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie
-sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte
-gern viel gelernt.</p>
-
-<p>„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> dem Herrn Gottfried
-seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete
-Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach
-der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine
-Wohnung führte.</p>
-
-<p>„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna
-lächelnd.</p>
-
-<p>„Warum denn?“</p>
-
-<p>„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen
-Tisch in Ordnung halten?“</p>
-
-<p>„Soll halt ein Mädel heirathen!“</p>
-
-<p>Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte
-der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.</p>
-
-<p>Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er
-habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem
-neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem
-glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen
-hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb,
-so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu.
-Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange
-machte, sie fürchtete,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so
-dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt
-seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden
-konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend,
-daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel
-Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen,
-die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen.
-Durch die Muße leide aber seine Stimme.</p>
-
-<p>Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die
-Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen
-steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief
-und schaute lauernd auf seine Frau hinab.</p>
-
-<p>„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir
-hat. &mdash; Gelt Du? &mdash; Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die
-Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“</p>
-
-<p>Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit
-denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur
-manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie
-ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin
-des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr
-Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben,
-denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried
-kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie
-sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über
-die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau
-Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen
-hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines
-Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite
-Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.</p>
-
-<p>„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht
-und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren
-Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den
-jungen Mann hinaufführte.</p>
-
-<p>Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die
-Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde
-immer<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun-
-und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde,
-hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön
-weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.</p>
-
-<p>Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn
-die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde
-es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien
-Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit
-begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb
-und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine
-Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig
-die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie
-halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den
-vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die
-„blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan,
-was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es
-so warm und still war in der Lesestube.</p>
-
-<p>„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> waren und ob sie noch
-leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin,
-so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig
-„Luftschnappen“ mußte.</p>
-
-<p>Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme
-Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es
-wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese
-aufgefaßt und als Hochmuth.</p>
-
-<p>„Willst auch mit hinüber, Christel? &mdash; Die Frau Anna ist heut ganz
-allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der
-großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß
-ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.</p>
-
-<p>„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das
-Thor.</p>
-
-<p>Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein
-Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee
-noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich
-keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen
-Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute
-hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht...<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> Auch
-der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein
-flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem
-Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so
-zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da,
-und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte
-erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling
-immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter
-den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in
-das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken...
-Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so
-helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr
-entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des
-Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar
-Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um
-und trabte wieder in die heiße Waschküche.</p>
-
-<p>Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten
-Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr
-Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde
-durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft
-nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber
-plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen
-wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in
-das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild
-ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen
-Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte
-eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es
-finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche,
-und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...</p>
-
-<p>Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der
-Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog
-mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht
-hätte.</p>
-
-<p>„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz
-leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.</p>
-
-<p>Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> ihr nur freundlich zu.
-Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ
-anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr
-sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so
-gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie
-mitleidsvoll ansah.</p>
-
-<p>Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war
-im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen,
-als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich
-langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir
-bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf,
-und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte
-sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen
-hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie
-fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte
-sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in
-einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber
-geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes
-Feenmärchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr
-viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß
-ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann
-kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd
-und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in
-ihr Bett legen. Das will etwas sagen! &mdash; in ein Bett aus rosenfarbener
-Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der
-Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und
-Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man
-glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein
-Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber
-bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann
-hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute
-noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....</p>
-
-<p>Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen
-Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze
-Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur
-die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stock<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>werk geht es immer auf
-und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des
-Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf
-meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin
-an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da
-oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet
-herzusagen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">„Heiliger Schutzengel mein</div>
- <div class="verse">Laß mich Dir befohlen sein,</div>
- <div class="verse">Beschütze ... beschüt.......“</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe
-wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen,
-die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu
-mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen
-Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die
-zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:</p>
-
-<p>„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Schritt oben, immer
-auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit
-den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und
-ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen
-mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde &mdash; und es muß das oft
-gewesen sein &mdash; war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal
-träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf,
-wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe,
-denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und
-gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die
-Sonne ins Gesicht schien.</p>
-
-<p>Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die
-Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an
-einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im
-Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und
-bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen.
-Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die
-rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz
-weinerlich um’s Herz wurde:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>„Ja so...“</p>
-
-<p>Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren
-Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann
-band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück.
-Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte
-mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine
-Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen
-hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine
-große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor
-sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:</p>
-
-<p>„Neue Kinderbewahranstalt &mdash; Narrenhaus &mdash; lauter Fadaisen &mdash;
-einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im
-Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie
-mich schon zur Thüre hinaus...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den
-Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie
-nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu,
-wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> die Rede war. Es wurde
-jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war
-der Herr Gottfried viel kränker.</p>
-
-<p>„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte
-Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon
-zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer
-nicht allein aushalten.“</p>
-
-<p>Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette,
-sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken
-herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden,
-er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien
-bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der
-anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte
-er sich wieder niedersetzen.</p>
-
-<p>„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras
-beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die
-gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will
-er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.</p>
-
-<p>„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> nicht,“ sagte die
-Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.</p>
-
-<p>„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz
-andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er
-soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“</p>
-
-<p>Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders
-„gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für
-die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.</p>
-
-<p>„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch
-ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch &mdash; dem kann nur eine
-gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“</p>
-
-<p>So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch
-die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst
-von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher
-gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm
-herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der
-Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:</p>
-
-<p>„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie
-brauche.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<p>Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets
-über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht
-begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne,
-wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub,
-zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm
-stehen blieb und nur im Fluge fragte:</p>
-
-<p>„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“</p>
-
-<p>Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des
-Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er
-damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten
-Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief,
-sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich
-die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals
-ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.</p>
-
-<p>„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist
-umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt,
-die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu
-schätzen wissen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p>„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.</p>
-
-<p>„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und
-ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank
-legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute
-er aber den Gottfried von der Seite an.</p>
-
-<p>„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.</p>
-
-<p>„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und
-links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine
-Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig
-werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern
-herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“</p>
-
-<p>„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er
-durch die Finger zog, aufzublicken.</p>
-
-<p>„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt
-mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr,
-ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht
-leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie
-begreifen?“</p>
-
-<p>„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die
-Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:</p>
-
-<p>„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das,
-sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“
-er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es
-Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr
-sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine
-Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit
-sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit
-die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen,
-daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf
-drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter
-geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so
-verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt
-schicke. Sie verstehen?“</p>
-
-<p>„Ja!“ &mdash; stöhnte der todtbleiche Mann.</p>
-
-<p>„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen
-Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<p>„Und doch wollen Sie reisen?“</p>
-
-<p>„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt
-eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er
-mit einem schlauen Zwinkern.</p>
-
-<p>„Jetzt verstehe ich wirklich Alles &mdash;“</p>
-
-<p>„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!...
-hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und
-schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang
-auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben
-heißt...“</p>
-
-<p>Der Kranke athmete schwer.</p>
-
-<p>Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht
-nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter
-nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe
-bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich
-bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein
-Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig...
-Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie
-davon.“</p>
-
-<p>„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche
-er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los
-und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“</p>
-
-<p>Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den
-Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich
-immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:</p>
-
-<p>„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“</p>
-
-<p>Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als
-die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen
-Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die
-erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:</p>
-
-<p>„Das ist aber mein Ernst, junger Freund, mein ernstester Ernst.
-Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer
-Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt
-da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen
-müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht
-übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank ab<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>wesend
-ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren,
-oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried
-allein... Sie begreifen?“</p>
-
-<p>„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und
-schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.</p>
-
-<p>„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg
-an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen,
-entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen
-müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider.
-Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“
-Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf
-bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem
-Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.</p>
-
-<p>„Jetzt ist mir Alles klar &mdash; das unglückselige Weib &mdash;“ stöhnte der
-Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm
-die Brust zerreißen.</p>
-
-<p>Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden
-Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“
-fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>schichte,
-freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.</p>
-
-<p>In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein
-sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der
-Laternanzünderin zu:</p>
-
-<p>„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein
-bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat
-halt viel Geld gehabt.“</p>
-
-<p>Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß
-auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann
-werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und
-so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem
-vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede
-mit den Worten:</p>
-
-<p>„So mein ich. &mdash; Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist,
-von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was
-sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist,
-das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer &mdash;
-alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span></p>
-
-<p>Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die
-in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da
-aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde
-klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener
-legten, die in dem Kreise lebten.</p>
-
-<p>„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten
-sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna
-und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und
-als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache
-Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen
-Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas
-Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu
-klagen.</p>
-
-<p>So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit
-Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.</p>
-
-<p>„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“
-fragte die Spitalwärterin entrüstet.</p>
-
-<p>„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die
-Neuigkeit rasch weiter.</p>
-
-<p>Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder
-unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich
-ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die
-Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen.
-Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun
-geworden.</p>
-
-<p>Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die
-zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen
-Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde
-die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen
-Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die
-Glasglocke schwirrten.</p>
-
-<p>„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“
-dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.</p>
-
-<p>Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach
-viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der
-Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt
-waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende
-Schüssel sammt vier Gläsern.</p>
-
-<p>Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte
-den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer
-feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen
-Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und
-sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:</p>
-
-<p>„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun
-Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand
-gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem
-Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn
-schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“</p>
-
-<p>Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den
-Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen
-Finger.</p>
-
-<p>„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der
-alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um
-den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span></p>
-
-<p>„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht
-allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in
-seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß
-Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne
-Sorge, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr
-Gesicht in den Händen.</p>
-
-<p>Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der
-Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die
-Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte.
-Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die
-Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und
-stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.</p>
-
-<p>„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische
-gleiten.</p>
-
-<p>Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren
-feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.</p>
-
-<p>„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel
-ausreißen, dann geht es schneller.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<p>Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.</p>
-
-<p>Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib
-furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese.
-Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über
-die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:</p>
-
-<p>„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch
-ausreißen, die Hex’.“</p>
-
-<p>Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die
-Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht:
-„Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder
-heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der
-Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat
-zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb
-die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam,
-lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch
-fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr,
-daß sie hell auflachte...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p>Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank
-stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper
-vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem
-Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen
-Mädchen giebt.</p>
-
-<p>„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried,
-und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist,
-so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch,
-aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein
-seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den
-Trennungsschmerz abkürzen wollte.</p>
-
-<p>Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und
-nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte
-die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als
-er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte,
-da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht
-hinausweinte und immer wieder rief:</p>
-
-<p>„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“</p>
-
-<p>Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zu<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>frieden in ihrem
-Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr
-Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die
-halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:</p>
-
-<p>„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein
-guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Mama_muss_tanzen"><b>Mama muß tanzen.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">N</span>ur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und
-die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten
-sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber
-mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab...
-ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen
-Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...</p>
-
-<p>Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen
-langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell
-kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende,
-sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.</p>
-
-<p>„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte
-die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem
-Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche
-mittheilte.</p>
-
-<p>Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Gottfried das letztemal
-eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein
-anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“
-rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei
-Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor
-nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem
-Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.</p>
-
-<p>„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht,
-daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es
-ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden,
-derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte
-der Laternanzünder.</p>
-
-<p>Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den
-Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und
-fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft
-und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der
-einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.</p>
-
-<p>Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese
-durfte nicht mehr zu ihr, einige<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>mal hatte sie das alte Stubenmädchen,
-die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und
-verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den
-Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.</p>
-
-<p>Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts
-angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen
-und räuspern.</p>
-
-<p>Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte
-es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus
-sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.</p>
-
-<p>Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten
-auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich
-das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem
-Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle,
-welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte
-es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor
-stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte
-ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> mal. Die
-Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff
-dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den
-Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das
-Haus nie mehr betreten...</p>
-
-<p>Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten
-Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde
-herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene
-Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen
-hat...</p>
-
-<p class="center">*<br />
-*<span class="mleft7">*</span></p>
-
-<p>Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...</p>
-
-<p>Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern
-gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben,
-daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland.
-Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei
-wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und
-was sie nur gelesen habe.</p>
-
-<p>Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln
-ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede,
-wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Be<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>wohner sich in dem
-Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und
-dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.</p>
-
-<p>In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher,
-wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch
-im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen
-ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und
-fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine
-Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide
-und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen
-kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut
-selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen
-Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen
-liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah
-man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag
-eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und
-fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick.
-Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner
-schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer
-Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe
-herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen
-aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des
-kleinen Mädchens.</p>
-
-<p>Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und
-dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort
-stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte
-mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß
-wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd
-aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.</p>
-
-<p>In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen
-Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die
-mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:</p>
-
-<p>„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der
-Pferdbub’ gesagt.“</p>
-
-<p>Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“,
-wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das
-feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> bald
-die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte
-so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und
-gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde
-rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue
-Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die
-Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer
-ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.</p>
-
-<p>„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme
-Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer
-auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite
-und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter
-schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder,
-wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.</p>
-
-<p>„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig,
-„der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir
-putzen &mdash; Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine
-Hemdärmeln.“</p>
-
-<p>„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit
-ihrem Sessel, die krumme<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> Frau holte tief Athem, lachte boshaft und
-fuhr erregt fort:</p>
-
-<p>„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt,
-der Sali &mdash; sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! &mdash; daß der
-Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! &mdash;
-Draußen im Ausland &mdash; dort, von wo sie hergekommen ist &mdash; da ist ein
-Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da
-hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt,
-verurtheilt und eingesperrt.“</p>
-
-<p>„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine
-Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr
-nächster Verwandter wäre.</p>
-
-<p>„Ja, wie ich Ihnen sag’! &mdash; Und der „Onkel Euschön“, von dem meine
-Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich
-das erst! &mdash; der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel
-weiterleben kann.“</p>
-
-<p>Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau
-Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die
-Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach
-einer Viertelstunde, als schon kein<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> guter Ziegel auf dem Dache des
-Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg
-sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin
-eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten,
-und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem
-guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“
-schloß sie erschöpft.</p>
-
-<p>Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken;
-sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer
-Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde
-immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen
-Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die
-scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls
-seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach
-einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten
-Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch
-mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder
-sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften
-alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu
-Dutzenden und fing auch<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte
-sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu.
-Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah
-diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben
-unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel
-steifer Haare so im Flug sichtbar.</p>
-
-<p>„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine
-Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze
-Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“</p>
-
-<p>„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen
-wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine
-Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben
-Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.</p>
-
-<p>„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit
-der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder
-verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was
-giebts?“</p>
-
-<p>„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen...
-hat... die... Mam... mor...<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh...
-giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!...
-darf... ich?“</p>
-
-<p>Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das
-kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.</p>
-
-<p>„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’
-kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem
-krummen Bein auf die Diele.</p>
-
-<p>„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die
-Roserl kurz, und weg war sie.</p>
-
-<p>„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, <em class="gesperrt">ein</em>
-solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“</p>
-
-<p>Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo
-ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die
-Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über
-die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine
-seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der
-Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch
-den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie
-einen steifen Knix gegen die<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme
-übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in
-das Haus.</p>
-
-<p>In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren
-Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind
-beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer
-flatterte ihr entgegen und sagte lachend:</p>
-
-<p>„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel
-mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein,
-ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen
-tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als
-ob sie selber schon tanzen wollte.</p>
-
-<p>Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den
-Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der
-kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere,
-bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln
-aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.</p>
-
-<p>In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer
-Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken
-umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>
-Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz.
-Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:</p>
-
-<p>„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“</p>
-
-<p>„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine
-Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.</p>
-
-<p>Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große
-traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben.
-Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich
-zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die
-feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich
-der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es
-zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann
-sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her,
-bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.</p>
-
-<p>„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut
-bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?...
-Du!?“</p>
-
-<p>„Rosi.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-
-<p>Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt
-eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler,
-zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen
-Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie
-stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden
-Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.</p>
-
-<p>Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er
-schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie
-zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als
-die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein
-müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur
-Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß.
-Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster
-stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang
-vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner
-großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes.
-Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln
-herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und
-schaute<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel
-und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde
-junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst
-die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das
-fremde Kind heran.</p>
-
-<p>„Du! Dingsda! komm her! &mdash; Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte
-er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre,
-Du Range?“</p>
-
-<p>„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag
-thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und
-schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die
-schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu.</p>
-
-<p>„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und
-winkte dann abwehrend mit der Hand.</p>
-
-<p>„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau.</p>
-
-<p>„Claudine!“</p>
-
-<p>„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine
-Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die
-Kissen und sagte kosend:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span></p>
-
-<p>„Blanche, <span class="antiqua">mon petit ange</span>, süßes, schönes, einziges Kindchen,
-<span class="antiqua">chéri</span>, ich bitte Dich, weine nicht.“</p>
-
-<p>„Nein, Mama.“</p>
-
-<p>„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du
-willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin
-fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde.</p>
-
-<p>Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du
-manchmal zu mir herab, Mama?“</p>
-
-<p>„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte
-sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig
-hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu
-uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“</p>
-
-<p>Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte
-unmerklich.</p>
-
-<p>„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels,
-und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar
-die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er
-zischte:</p>
-
-<p>„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“</p>
-
-<p>„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-<p>„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß,
-weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke
-hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles,
-<span class="antiqua">petite chate</span>,“ schloß er wieder nachlässig.</p>
-
-<p>Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd
-hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer
-glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann
-wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie
-versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür
-starrte.</p>
-
-<p>„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche.</p>
-
-<p>„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut,
-wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim
-Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene
-Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“</p>
-
-<p>Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um,
-erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins,
-die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern,<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen
-die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr
-Blanche nachgesehen.</p>
-
-<p>„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer
-Schleppe wieder hereinstolzirt kam.</p>
-
-<p>„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind.</p>
-
-<p>„Meine...? Uihjeh!...“</p>
-
-<p>Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht
-der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht
-waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort
-wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme
-der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer
-Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser
-herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den
-findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst,
-aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller.</p>
-
-<p>„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut;
-„meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s
-auch, und<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes
-Sonntagskleid...“</p>
-
-<p>„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“</p>
-
-<p>„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend.</p>
-
-<p>„Was ist das?“</p>
-
-<p>„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare,
-schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach
-rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann
-erklärend.</p>
-
-<p>Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und
-lachte.</p>
-
-<p>„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du
-es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie
-mich meine Frau Mutter.“</p>
-
-<p>„Und <em class="gesperrt">wie</em> heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in
-die struppigen Haare der Andern und zog sachte.</p>
-
-<p>„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“</p>
-
-<p>„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> Finette singt mir vor,
-aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest
-flüsterte sie der Roserl in’s Ohr.</p>
-
-<p>Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf
-dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher
-in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften
-die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische
-lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile
-zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später
-drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen...</p>
-
-<p>Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet
-und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein,
-das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da
-raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele
-huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten,
-bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut
-klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von
-der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz.
-Das lispelte eng aneinander<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> gerückt hinüber und herüber in hastigem
-kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen
-mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so
-eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der
-gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“.</p>
-
-<p>„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“
-flüsterte Blanche.</p>
-
-<p>„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch
-zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo,
-und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und
-Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“</p>
-
-<p>„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“</p>
-
-<p>„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand
-endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen
-Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe
-zwischen die beiden Scheiben.</p>
-
-<p>„Was thust Du?“</p>
-
-<p>„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi
-mit ahnungsvoller Wichtigkeit.</p>
-
-<p>„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> an die Decke und gab
-mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder
-und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die
-Fensterscheiben leicht erklirrten.</p>
-
-<p>„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“</p>
-
-<p>„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau,
-ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern
-nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den
-Zwetschkenkrampus! gelt?“</p>
-
-<p>Die Roserl lief davon...</p>
-
-<p>Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und
-lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von
-Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog
-ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen
-und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der
-ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen
-waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der
-schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die
-Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete
-das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> dem Krampus,
-diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer
-wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin
-hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe
-brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte.</p>
-
-<p>„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon.</p>
-
-<p>In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu
-bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß
-hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte
-sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht,
-das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock,
-darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und
-eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die
-Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten
-vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er
-jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den
-sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der
-arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Beinen,
-der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht
-bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf
-sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels
-schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen
-Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe
-Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne
-Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen
-Ruthenbesen.</p>
-
-<p>Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage
-der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber
-auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth
-angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben,
-daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden
-rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in
-einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite,
-das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der
-Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand
-ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche
-gehörte, der war spiegelblank<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> gescheuert, da brannten auch ein Dutzend
-Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen
-Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der
-„blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den
-Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die
-Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre
-Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten
-halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in
-einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten
-Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich...</p>
-
-<p>Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt.
-Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die
-ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das
-meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und
-hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein
-erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht
-auf den Knieen.</p>
-
-<p>„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt,
-wer solche Stiefeln haben<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen
-Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu.</p>
-
-<p>Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner
-Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den
-meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib.</p>
-
-<p>„Ein Loch? &mdash; Meiner Seel! &mdash; Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser
-Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung
-weiter.</p>
-
-<p>„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’
-ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel.</p>
-
-<p>„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns
-der prügeln will beim Beten!“</p>
-
-<p>So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil
-heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher
-Stimme:</p>
-
-<p>„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte
-sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was
-thust Du könn-en fang-e an?“</p>
-
-<p>„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem
-Waschkessel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span></p>
-
-<p>„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz
-und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in
-die Kniebeuge.</p>
-
-<p>Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der
-Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen
-Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde
-gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon,
-früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen
-vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete
-auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb
-an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter
-Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen.</p>
-
-<p>In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie
-den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den
-Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste
-Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten
-Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren
-linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der
-sich hinter ihr doppelt empört erhob.</p>
-
-<p>„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die
-Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte
-vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig
-mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge
-zu der einsamen Blanche.</p>
-
-<p>Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht
-hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen
-hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten
-dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer
-hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart
-verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden
-Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus
-Maria!“ murmelte es entsetzt.</p>
-
-<p>„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den
-Arm der Roserl.</p>
-
-<p>„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der
-Blanscherl,“ stotterte sie.</p>
-
-<p>„Du?!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-<p>„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“</p>
-
-<p>„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann
-betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern.</p>
-
-<p>„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“</p>
-
-<p>„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt.</p>
-
-<p>„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr
-den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl.</p>
-
-<p>„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille...
-Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“</p>
-
-<p>Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und
-folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu
-gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte,
-auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in
-ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in
-dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann
-sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte
-hinter sich und flüsterte:</p>
-
-<p>„Wart nur, da kommt schon der <em class="gesperrt">Krampus</em> nach...<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> da hast Aepfel
-und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten...
-weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“
-zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen.</p>
-
-<p>Da stand er in der Thüre...</p>
-
-<p>Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er
-dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit
-furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand
-bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur
-wie verzückt auf das schmale Gesichtchen.</p>
-
-<p>Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch
-furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in
-verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das
-Kind kichernd:</p>
-
-<p>„Das ist der Krampus!?“</p>
-
-<p>Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere
-Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von
-Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der
-Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf
-beide Kniee und hielt<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde
-entgegen.</p>
-
-<p>„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“</p>
-
-<p>„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind,
-mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die
-Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen
-hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen
-leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen.
-Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin,
-die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest.</p>
-
-<p>Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke
-schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die
-Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich:</p>
-
-<p>„Hörst Du die Musik, Papa?“</p>
-
-<p>„Ja Süßlieb, was ist das?“</p>
-
-<p>„Mama giebt einen Ball.“</p>
-
-<p>„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig.</p>
-
-<p>„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“</p>
-
-<p>„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“</p>
-
-<p>„Nein Papa! die Roserl war da.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann
-winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und
-flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln:
-„Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor
-mir?“</p>
-
-<p>„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer
-gut, damit Du bald kommen sollst.“</p>
-
-<p>Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre
-Augenlider zärtlich und sagte:</p>
-
-<p>„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen
-mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er
-horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt.</p>
-
-<p>Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester
-Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem
-Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu
-sprechen anhub.</p>
-
-<p>„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“
-setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben
-beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit
-weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du
-mitfahren und immer bei Papa bleiben?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“</p>
-
-<p>„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“</p>
-
-<p>Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes,
-schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie
-ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und
-den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte
-er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen.
-So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher,
-und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete,
-beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand
-an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte:</p>
-
-<p>„Halte Dein Schürzchen auf.“</p>
-
-<p>Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen
-hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte
-flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang
-in den Wagen und fuhr davon.</p>
-
-<p>Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden
-konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im
-Straßenkoth und<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die
-Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und
-rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das
-neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte
-durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in
-die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich
-neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der
-verwunderten Frau:</p>
-
-<p>„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Nachbar_Krippelmacher"><b>Nachbar
-Krippelmacher.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">E</span>s steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer
-Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der große eingezäunte
-Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern
-schließt den wüsten Platz ab.</p>
-
-<p>Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu und fremd
-gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wie viel Lust und Leid
-auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wie viel Lachen und
-Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus da oben
-stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten Straßen
-und Gassen, keine kühlen vornehmen Leute in dem stillen Winkel;
-unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig aneinander,
-halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander. Es war ein
-fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für uns Kinder,
-wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten.</p>
-
-<p>Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke „Nachbar Krippelmacher“
-und Thüre an Thüre sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher
-war<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender
-Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die
-Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie ihre
-Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der Vorstadt
-zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller wurde ihre
-Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten vierzehn Tagen vor
-dem Christfeste hantierte schon Alles, was im ganzen Hause und in der
-Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger hatte. Es war aber auch für
-uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das, was wir da machten, war ja
-halb Spiel für uns und halb Erwerb.</p>
-
-<p>Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben wie so ein Kripplein
-entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine große Rolle
-spielt, die Schaufenster aller Spielwaarenhandlungen schmückt, und das
-Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich,
-wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es
-machten?...</p>
-
-<p>Auf ein schuhlanges, flaches Bretchen, das zur Hälfte grün bemalt ist,
-werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen zwei
-sind handhoch, die hinteren doppelt solang. Sind die „Gestelle<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>“ also
-hergerichtet, dann kommen große Kübel voll Leimwasser, in dieses werden
-breite Bogen von dickem grauem Papier getaucht, wieder herausgezogen
-und dann zu unförmlichen Knäueln zusammengedrückt; alle die großen und
-kleinen Hände formen aus diesem feuchten zerknüllten Papier über die
-vier Stäbchen gespannte Felsen, welche sich kühn nach hinten aufbauen
-und ganz unten in der Mitte eine kleine Höhle bilden. Das läßt sich
-nicht gut so hübsch erzählen wie es flinke Finger zurechtmachen, wenn
-jedoch über diese grauen, leimfeuchten Felsen zerstoßener Glimmer
-gesiebt wird und blaugrauer Streusand, dann bedarf es keiner großen
-Einbildungskraft, sich glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine
-steife Bäumlein aus grobem Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes
-Moos, Strohblumen-Knösplein, werden dann auf die Felsen geklebt, in der
-Höhle wird ein winziges Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen
-zierliche Strohhalme und darauf wird das splitternackte Christkindlein
-gebettet. Ochs und Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug
-halten, diese kleinen Thonthierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes
-gestellt, im Vordergrunde aber werden Maria und Josef festgeleimt, die
-Beiden sammt dem Jesuskinde haben große Heiligenscheine aus Rauschgold,
-und da die ganze Rausch<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>goldarbeit in einem Handgriffe gehen muß,
-wird auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an
-ein Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt.
-Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit dem
-Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den Hirten mit
-seinen Schafen aufmarschiren. Zu allerletzt werden auf einem Felsen die
-heiligen drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt, und wären die
-drei Unglücklichen lebendig, so müßten sie eines elenden Todes sterben,
-denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte, von welcher sie
-immerfort zu dem Stern emporschauen.</p>
-
-<p>Es war also wieder einmal Weihnacht und flimmernd standen auf
-treppenförmigen Brettern die Krippen rund herum in der Stube und
-hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von der
-Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füße schwer waren, weil er
-tagüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die helle warme
-Stube, saß müde da und hörte dem Geplapper der kleinen Arbeiter zu,
-denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den Thonfiguren wurden
-allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt, ja sogar Ochs und Esel
-unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten oft heerdenweise,
-und das Kindlein in<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> der Krippe mußte vor Kälte so unmenschlich laut
-schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen Ohren und Händen
-sich zurechtlegen konnte, daß <em class="gesperrt">er</em> schreien würde, wenn er
-splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müßte. Manchmal
-wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt und gebratene Kartoffeln
-rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die zwei kleinen
-Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern wie die Lerchen,
-so daß selbst der Vater mühsam den schweren Husten anhielt, um seine
-Kinder zu hören.</p>
-
-<p>Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer
-Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; Niemand als er wußte
-wie es um ihn stand, denn er saß hustend vom grauen Morgen bis in den
-sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine
-Kinder ihr karges Brod hatten. Seit sein Weib todt war, hatte ihn
-Niemand lachen gesehen; was sie gethan hatte, das fleißige Weib, mußte
-nun er, der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen thun, er wusch und
-kochte nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein,
-die Schultern wurden immer höher und die entsagenden Augen schauten
-immer größer aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen, wenn der
-behäbige Krippenmacher an des<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> Nachbars Thür pochte und mit seiner
-lachenden Stimme hineinrief: „He! Nachbar! gehen wir nicht ein wenig in
-die Felder mit unseren Kindern?“ ließ er das Schifflein ruhen, wandte
-sich auf dem schmalen Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus
-seinem sehnsüchtigen Herzen herauskam:</p>
-
-<p>„Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht’ heut’ schon selber d’ran, ich
-will nur erst meine Kinder zusammenrichten.“</p>
-
-<p>Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervorgeholt, und mit
-frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band
-und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links
-an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege
-durch das wogende Korn. Aber selbst da draußen konnte er schweigend
-dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen
-wie einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen rötheten sich
-dann leicht, das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen
-Fingern in die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf
-strömen. Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Straße
-lange Schatten warfen, wenn Alles voll Abendfriede und Ruhe war da
-draußen...<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute
-zurück und sagte fast wehmüthig:</p>
-
-<p>„Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab’ nur den einzigen Wunsch,
-einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von
-dem großen Pappelbaum dort schlafen, das müßt’ wohlthun, Nachbar
-Krippelmacher!“...</p>
-
-<p>Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der
-Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und
-während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um
-Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer
-wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon
-am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem
-Nachbar Krippelmacher.</p>
-
-<p>„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf
-seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit,
-unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen
-heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“</p>
-
-<p>Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier
-gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner
-kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe,<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre
-rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen
-Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in
-der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert
-und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln
-hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:</p>
-
-<p>„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“</p>
-
-<p>„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig.</p>
-
-<p>„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin
-ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher
-beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie
-das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“</p>
-
-<p>„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der
-dicke Mann.</p>
-
-<p>„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach
-sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag
-keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere
-eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt
-war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr
-Krippelmacher?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der
-Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden
-Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien.</p>
-
-<p>„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’,
-Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen
-lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und
-nachher... freilich halt... nachher...“</p>
-
-<p>„Was?“</p>
-
-<p>„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich,
-Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“</p>
-
-<p>Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht,
-daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund
-auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in
-die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an
-Schulter ihm fast in’s Ohr schrie:</p>
-
-<p>„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine
-Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten
-giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die
-schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> damit noch zwei
-Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen
-in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt
-legen Sie sich ruhig schlafen.“</p>
-
-<p>„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich
-hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat
-mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“</p>
-
-<p>Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine
-Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder
-zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu
-Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte
-ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen
-Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam
-auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte,
-und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und
-ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das
-Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen,
-war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie
-schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft
-in den Schlaf.</p>
-
-<p>Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Flecken auf seinen
-Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem
-Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich
-prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein
-aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des
-gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die
-Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an
-den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an
-das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten
-Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie
-ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der
-Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider
-heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und
-blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes
-zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein
-leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl,
-löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu
-murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige
-Bitte für seine Kinder...</p>
-
-<p>Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> schaute, da wendete ihm
-der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein
-tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.</p>
-
-<p>Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten
-die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln
-sprangen im Backofen herum vor Hitze.</p>
-
-<p>„Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut’ recht übel vorgekommen, Weib,
-meinst nicht?“ fragte der Krippelmacher verdüstert, „ich möcht’ einmal
-hinüber schau’n, vielleicht braucht er etwas.“</p>
-
-<p>„Ja, ja, schau nach, Alter!“ drängte die gutmüthige dicke Frau, und der
-Mann ging und klopfte sachte an die Thüre seines Nachbars.</p>
-
-<p>„Bin munter,“ flüsterte es drinnen mühsam.</p>
-
-<p>Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht den
-Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen.</p>
-
-<p>„Oho, Weber, ganz sauber angethan, wollen doch nicht fortgehen heut’
-noch?“</p>
-
-<p>Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es wisperte
-beschwörend:</p>
-
-<p>„Nicht die Kinder wecken, Nachbar... es wird Ernst... ich wart’ von
-Viertelstund’ zu Viertelstund<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>’ auf den Tod... Nachbar!... Kinder...
-Krippelmacher ... bitt’...“</p>
-
-<p>Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte rathlos
-sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern die
-feuchtkalte des Webers drückte.</p>
-
-<p>„Aber, Nachbar Weber!“</p>
-
-<p>Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt
-fiel das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah
-er, wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn,
-wie die Augen groß und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem
-Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war.</p>
-
-<p>„Krippelmacher?...“</p>
-
-<p>Der flehende, verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr als
-die Hände, die sich glatt aneinander legten und sich mühsam bittend
-emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars.</p>
-
-<p>„Alles, Alles will ich thun für die Kinder, wenn Sie einmal &mdash;“ er
-unterbrach sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft
-neben dem Bette nieder.</p>
-
-<p>„Immer... kälter... finste-rer... Nachbar... den Pfar-rer...
-Kinder!!...“</p>
-
-<p>„Nachbar!...“ Der Krippelmacher rannte zu der<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Thüre und rief mit
-erstickter Stimme: „Kinder, schnell in’s Pfarrhaus, die letzte Oelung
-ist nothwendig: Weib, komm herüber, Lichter! geschwind!“</p>
-
-<p>Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder
-liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in
-der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen
-und großen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und
-zwischen der Thüre, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte
-aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und hielten
-seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen Kinder,
-die nicht wußten, welch’ ein tapferes, liebevolles Herz schwächer und
-schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen hingen an
-den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen oft gesagt
-hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum erstenmale fast drohend,
-befehlend:</p>
-
-<p>„Brav sein!... fleißig arbeiten...“ und mit einmal rannen große
-Tropfen aus den weitgeöffneten Augen und er flüsterte dankbar zu ihm
-aufblickend und bittend: „Dem... Krip-pel-macher... fol-gen.“</p>
-
-<p>Da klingelte es draußen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise
-kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, wieder lauter,
-immer näher und<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> näher... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem
-Ruck vom Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so
-kamen sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die
-Thüre, wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug.
-Jetzt klingelte es schon laut vor dem Hausthore, kam klingelnd über den
-Flur und der Knabe, der das Glöcklein schwang, trat klingelnd in das
-Sterbezimmer... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten, und wo er
-vorüberschritt fielen die Arbeiter erschüttert auf die Kniee und lagen
-da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich empor und saß
-harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem Priester zugewendet
-und seine Hände hatte er mühselig gefaltet... Plötzlich flog ein
-Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne wurden grau.</p>
-
-<p>„Herr... Pfar-rer schnell...“</p>
-
-<p>„Mein Sohn! Wenn Du Deine Seele &mdash;“</p>
-
-<p>Der Priester faßte den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte auf
-das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich ergebungsvoll
-und die dürren Lippen lispelten demüthig im Beichttone:</p>
-
-<p>„Mein... Leb-tag... ge-ar-beit... und...“</p>
-
-<p>Kein Laut mehr.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<p>Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher blieb
-neben dem todten Weber sitzen die ganze lange Nacht...</p>
-
-<p>Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien
-ja hell und klar in die öde Stube, und als der Todtenwächter im
-Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm, als
-schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich der
-Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt des
-Todten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt...</p>
-
-<p>Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des Webers
-in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann, um sich
-Muth zu machen, recht laut:</p>
-
-<p>„Nein, nein, Du bist und bleibst todt, Du armer Kerl. Gott gieb’ Deiner
-Seel’ die ewige Ruh! aber,“ er nickte dem stillen Nachbar versichernd
-zu, „der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für die
-Zwei.“</p>
-
-<p>Und der „Nachbar Krippelmacher“ hat ehrlich Wort gehalten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Als_er_heimkehrte"><b>Als er heimkehrte.</b></h2>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<p><span class="initial">„D</span>er Lepold ist wieder heimgekommen! &mdash; Du! &mdash; Lenerl! &mdash; Hörst nicht?“</p>
-
-<p>Ein kleines Mädchen, das vor dem Hausthore der „blauen Gans“ stand,
-rief die Worte hinüber auf die Trockenwiese. Die Angerufene, ein etwas
-älteres Kind, lag auf dem Rücken im Grase und schaute zwischen den
-Betttüchern, die über ihrem Kopfe an den Wäschleinen flatterten, hinauf
-in den schönsten blauen Sommerhimmel. Ein großer weißer Pudel saß neben
-dem rothhaarigen Mädchen, schnupperte in die Luft, schnappte nach den
-Fliegen, die im Bereich seiner Schnauze herumsurrten, und wehte mit der
-wolligen Ruthe nach rechts und links.</p>
-
-<p>Als die kleine Hanne sah, daß sich ihre Spielgefährtin nicht regte und
-rührte, trippelte sie über die ungepflasterte Straße hinüber auf die
-Trockenwiese, die zu der „blauen Gans“ gehörte. Das Kind stellte sich
-dicht neben die Freundin und sagte aufgeregt-wichtig:</p>
-
-<p>„Der Weiß Lepold’ ist wieder da &mdash; Du!“</p>
-
-<p>„Na was weiter?“ war die Antwort.<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> „Der Lepold sitzt drüben im Zimmer
-bei seiner Mutter!“ widerholte das Kind beinahe heftig.</p>
-
-<p>„Meintwegen!“ klang es lässig von den vollen dunkelrothen Lippen.</p>
-
-<p>Die Lene dehnte ihre jungen schlanken Glieder faul im Grase, schloß die
-graugrünen Augen halb, blinzelte dann und wann behaglich in die Sonne
-und zwitscherte mit schriller Stimme ein dummes Kinderlied in die Luft.</p>
-
-<p>„Er hat Dich immer so gern gehabt, der Lepold, hat Dir immer was
-mitgebracht, wenn er aus der Arbeit kommen ist,“ sagte die Hanne
-vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>„Ja mir... Dir nicht... und Niemand,“ erwiderte der Rothkopf beinahe
-hochmüthig, aber doch in schläfrigem Tone.</p>
-
-<p>„Nein, mir nicht, immer nur Dir, Lenerl...“</p>
-
-<p>„Das ist schon lange her.“ Sie schloß die Augen verdrießlich, plötzlich
-aber schaute sie groß auf und fragte freundlich: „Hat er mir heut’ was
-mitgebracht?“</p>
-
-<p>„Nein. Zwei Jahr war er fort, Du hast gar nicht an ihn denkt, soll er
-alleweil an Dich denken? &mdash; Jetzt ist er da und hat auf der Brust was
-Glänzendes hängen.“</p>
-
-<p>Die Lene blinzelte bei den letzten Worten wieder ein wenig mit den
-Wimpern und verzog den Mund.<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> „Was denn?“</p>
-
-<p>„Weißt, wie in der Schul’ das Ehrenzeichen, weißt? &mdash; Aber so groß.“</p>
-
-<p>Das Kind beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft, der
-schier so groß war wie ein Teller. Die Andere zuckte gleichgiltig mit
-einer Achsel, einem Arm und einem Fuß; es war schroffe Abwehr und
-Mißachtung zugleich in dieser Bewegung.</p>
-
-<p>„Und der &mdash; der &mdash; ich weiß nicht &mdash; halt ein großer Herr &mdash; hat ihm
-das selbst angehängt &mdash; weil er &mdash;“</p>
-
-<p>„Schau, daß Du weiter kommst, ich will schlafen.“</p>
-
-<p>„Und dann haben sie dem Lepold einen Arm weggeschossen,“ die schwarzen
-Augen der Hanne wurden feucht, „da drinnen ist jetzt gar nichts,“
-erzählte sie unbeirrt und weinerlich. Um ihre Schilderung deutlicher
-zu machen zog sie ihr Händchen in dem Aermel hinauf und ließ den Arm
-bezeichnend hin- und herbaumeln.</p>
-
-<p>Das zündete; zuerst stützte sich die Lene auf den Ellenbogen und
-schaute zweifelnd auf den schlenkernden Arm, dann fragte sie
-aushorchend-langsam:</p>
-
-<p>„Ganz weg...?“</p>
-
-<p>„Meiner Seel’! &mdash; ganz, ganz weg!“ erwiderte ehrlich die Kleine.</p>
-
-<p>„Nur der <em class="gesperrt">eine</em> Arm...?<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>“ „Ja &mdash; mit was könnt er denn sonst
-essen?“ meinte verwundert die Hanne.</p>
-
-<p>Der Rothkopf saß jetzt schon aufrecht, raufte ein paar lange Grashalme
-aus, zog sie durch die rothen Lippen und fragte dann bedächtig:</p>
-
-<p>„Und die Füß’?“</p>
-
-<p>„Die hat er auch alle zwei noch ganz.“</p>
-
-<p>Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper,
-schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf
-die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie
-stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein.</p>
-
-<p>„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’,
-wenn Einer kommt.“</p>
-
-<p>Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte
-kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über
-die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte.</p>
-
-<p>Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue
-Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr.
-Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten
-Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich
-draußen oder in irgend einem<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> Haushalt etwas Ungewöhnliches begab.
-Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte
-die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer
-freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der
-alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie
-er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des
-schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck
-herstellte.</p>
-
-<p>Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen
-zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer
-sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da
-gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck,
-aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes
-Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge,
-die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser
-unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und
-bekräftigendes: Ja! &mdash; Ja!</p>
-
-<p>Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog
-ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie
-mit den Fingern durch<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der
-Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer
-Anderen:</p>
-
-<p>„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem
-und mit einem jeden von unseren Buben.“</p>
-
-<p>„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die
-Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau
-Weiß stand.</p>
-
-<p>Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz
-mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln.
-Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in
-ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein
-jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat,
-durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe
-Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein
-langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen
-Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht
-gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die
-alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab
-nieder und murmelte stotternd vor sich:</p>
-
-<p>„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“</p>
-
-<p>Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in
-die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam
-zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank
-und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine
-ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.</p>
-
-<p>„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine
-Schramme über das ganze Gesicht hatte.</p>
-
-<p>„Ah! &mdash; he? &mdash; rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte
-der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des
-hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr
-herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger
-hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit
-fieberhafter Lustigkeit:</p>
-
-<p>„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so
-angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick
-von oben bis unten,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“
-er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand,
-wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich
-gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der
-kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen,
-daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will &mdash; na ja,
-so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher &mdash; zu seinem Vorposten, so
-ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat
-mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm
-dabei...“</p>
-
-<p>„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“
-schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die
-anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu
-drücken brauchten.</p>
-
-<p>Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth
-geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und
-fragte dann gepreßt:</p>
-
-<p>„Lang’ im Spital gelegen?“</p>
-
-<p>„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>“ „Und was
-jetzt anfangen?“</p>
-
-<p>„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter
-gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen.</p>
-
-<p>„Freilich &mdash; richtig! &mdash; jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’
-Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’,
-gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr
-getrunken, mein armer Bub’!“</p>
-
-<p>Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche,
-und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der
-Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten.</p>
-
-<p>„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her,
-Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“</p>
-
-<p>So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich
-widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in
-sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände,
-schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt:</p>
-
-<p>„Es ist wirklich nichts drin.“</p>
-
-<p>Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze
-Zeit ergangen, und plauderte<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die
-Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die
-Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte.
-Was half da alles rathen, der Arm war fort.</p>
-
-<p>„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“</p>
-
-<p>„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte,
-als er durch die Küche ging.</p>
-
-<p>„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in
-den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht
-recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche,
-der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger
-sie anblies...</p>
-
-<p>Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des
-Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an
-seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die
-Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise
-neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog
-der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger
-Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne
-große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> wässeriger
-Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke
-und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die
-Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten,
-erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem
-Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die
-dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit
-der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß
-kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“
-war es so still, als ob ein Feiertag wäre...</p>
-
-<p>Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte
-seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die
-großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit
-einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte
-sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein,
-obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken
-flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten
-Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und
-schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht
-an<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>brennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch
-in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig
-und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau
-mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten
-von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett
-stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem
-Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein
-grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die
-paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen
-an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den
-er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie
-immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts
-fehlte...</p>
-
-<p>Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm
-&mdash; der mit unzähligen Bildern beklebt war &mdash; stand, das Bett fehlte,
-und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem
-Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und
-der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände,
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor
-herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten,
-welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten,
-geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur
-die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold
-vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in
-seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die
-Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des
-Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und
-schlief wieder weiter...</p>
-
-<p>Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war
-ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und
-lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter
-dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der
-öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen
-kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:</p>
-
-<p>„Zock!... Zock!...<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat,
-„na so komm, ich bin’s ja!“</p>
-
-<p>Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf,
-ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob
-es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten.
-Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold
-entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein,
-dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das
-Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen
-den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten
-Zock-Zock!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber
-der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie,
-da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf
-zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche
-Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte
-schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut
-riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...</p>
-
-<p>Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte
-jeden Blick und jede Bewegung<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> des Heimgekehrten verfolgt, jetzt
-bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren
-Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende
-Lene:</p>
-
-<p>„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt
-nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon
-gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“</p>
-
-<p>Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die
-kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht
-beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie
-zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare
-Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild
-tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?...
-wann?... fragte er sich.</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche
-eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen
-ist, kommt jetzt so heim &mdash; jetzt können wir wieder anfangen beim
-Auffüttern!“</p>
-
-<p>Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme.<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> „Der
-Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster
-hineingeschrieen &mdash; da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und &mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib,
-hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe
-nach der Stubenthüre.</p>
-
-<p>„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben &mdash; und verreckt wie
-ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite,
-ausgelöscht wie eine Groschenkerzen &mdash; jetzt der Dritte, der Letzte! &mdash;
-Himmelherrgott! &mdash;“</p>
-
-<p>Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem
-wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste
-in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie
-nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte
-nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll
-schmerzlichem Ingrimm heraus:</p>
-
-<p>„Jetzt fünf Kreuzer &mdash; alle Tag &mdash; he? &mdash; für unsern Buben &mdash; der
-ein ehrliches Handwerk gelernt hat! &mdash; oder einen Leierkasten? &mdash;
-Was gefällt Dir besser, Alte?! &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau
-überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der
-Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte.</p>
-
-<p>Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den
-Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch
-wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne
-wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin
-und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich
-die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf
-den Boden gleiten.</p>
-
-<p>Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem
-Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme
-vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob
-sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und
-wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand,
-und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle.</p>
-
-<p>Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich
-Keiner so schnell gerührt,<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> wenn nicht hinter dem Schlosser das
-vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm
-hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold
-die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus
-seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er:</p>
-
-<p>„Grüß’ Gott, Herr Vater!“</p>
-
-<p>„Grüß’ auch Gott!“</p>
-
-<p>„Da bin ich halt wieder.“</p>
-
-<p>„Ich &mdash; seh’s!“</p>
-
-<p>„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“
-murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge.</p>
-
-<p>„Meinst’?“</p>
-
-<p>Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er
-sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer
-Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber
-sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs
-und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der
-Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil
-er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt
-mehr hätte über<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der
-Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach
-dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte:</p>
-
-<p>„Schaust elend genug darein &mdash;“ Er langte nach der Medaille, die an
-der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech
-da gegeben für Deinen verlorenen Arm? &mdash; Wirst <em class="gesperrt">damit</em> die Alte
-erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? &mdash;“</p>
-
-<p>„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn
-auch das nichts gelten soll?“</p>
-
-<p>„Was bleibt? &mdash;“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und
-schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was
-bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen,
-die den Firlefanz erfunden haben &mdash; Dein Armstumpf bleibt, gar nichts
-sonst! &mdash;“</p>
-
-<p>„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann
-steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen
-Versuch mehr heimzukehren.</p>
-
-<p>„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem
-zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos
-fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet
-für mich<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> und meine Leut’ &mdash; für Dich auch mit! &mdash; Und jetzt? &mdash; Wenn
-ich fragen thät: „Was bleibt?“ &mdash; He?! &mdash; Du! &mdash; Du &mdash; der mir so
-heimkommt.“</p>
-
-<p>Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die
-Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das
-Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen.
-Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte
-ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt
-ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die
-fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch
-weit weg von seiner guten Stunde war.</p>
-
-<p>Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold
-gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und
-schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden
-Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er
-überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde,
-die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern,
-denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm
-etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der
-„blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als
-sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:</p>
-
-<p>„Was willst Du da? &mdash; Bei Zeiten tagdieben lernen?“ &mdash; er nahm die
-Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus.
-„Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den
-Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene
-nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die
-Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn
-etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen
-der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm
-tröstend und beruhigend zu...</p>
-
-<p>„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das
-Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es
-vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und
-Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.</p>
-
-<p>Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> an das Fensterkreuz
-und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie
-zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn
-schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten
-Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und
-bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über
-den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu
-menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder
-hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und
-der Leopold dachte:</p>
-
-<p>„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie
-drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...</p>
-
-<p>Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte
-über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:</p>
-
-<p>„Aber stumm bist Du doch nicht worden? &mdash; He?!“</p>
-
-<p>„Glaub’ nicht.“</p>
-
-<p>„Warum redest Du also nicht?“</p>
-
-<p>Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch
-viel zu reden gehabt.“</p>
-
-<p>„Jetzt bin ich fertig.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Schon?...<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>“ „Ja!“</p>
-
-<p>„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres
-Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln
-weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen,
-der öfter und öfter wiederkehrte.</p>
-
-<p>„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und
-zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’...
-ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’,
-so wär ich der... oder etwa nicht?“</p>
-
-<p>Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und
-spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort.</p>
-
-<p>„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold
-fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem
-alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und
-Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem
-Ernst sagte er:</p>
-
-<p>„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit
-her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen
-worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>
-dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter
-allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“</p>
-
-<p>Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im
-Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese
-genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf
-ihren Platz.</p>
-
-<p>„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’
-halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht
-wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen
-können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s
-gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten
-gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten
-Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“</p>
-
-<p>Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den
-Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut
-ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte
-horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach
-der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich
-an<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! &mdash; Aber &mdash; was
-bleibt? &mdash; Was bleibt?“</p>
-
-<p>Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer
-Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen
-seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch
-mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“</p>
-
-<p>Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der
-Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte,
-und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine
-Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und
-beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt
-mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das
-schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile,
-da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem
-unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der
-Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in
-gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes
-und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...</p>
-
-<p>Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> Weib jählings in
-ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.</p>
-
-<p>„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte
-zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit
-einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte
-die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu
-dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre
-Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf.
-Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde
-beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist
-noch älter als wir, Alte, gelt?“</p>
-
-<p>„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu
-lächeln.</p>
-
-<p>„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte
-die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in
-die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück.
-Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold
-sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber,
-stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und
-fest in die Augen.<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen
-herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in
-verwaschenen Goldbuchstaben „<em class="gesperrt">Aus Achtung</em>“ zu lesen war... Dann
-beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken
-Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als
-sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.</p>
-
-<p>„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s
-freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen
-Geschicht’ geschrieben hättest.“</p>
-
-<p>Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen
-eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter
-trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las
-jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf,
-schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte
-das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und
-kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur
-Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden
-hätte...</p>
-
-<p>„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> Pfeife umständlich
-gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so
-einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die
-Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg
-er wieder.</p>
-
-<p>Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern
-sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als
-ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem
-zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten,
-dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und
-endlich sagte sie stockend und nachsinnend:</p>
-
-<p>„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter
-Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück,
-das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die
-Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig
-bei uns sitzt... gelt Johann...?“</p>
-
-<p>Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle
-ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide
-schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins,
-denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme ge<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>quälte Mutterherz
-fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen
-Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...</p>
-
-<p>Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk,
-der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen,
-bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und
-die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn
-die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich
-zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie
-fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu
-blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar
-gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie
-sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.</p>
-
-<p>Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender
-angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und
-schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen...
-Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen...
-Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er
-sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin,
-wo<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links
-beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es
-flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb
-blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still...
-er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem
-sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah
-er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu
-ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen
-Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...</p>
-
-<p>„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen
-gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.</p>
-
-<p>„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander,
-als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm.
-„Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun
-gehabt?“</p>
-
-<p>Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte
-etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte
-sie:</p>
-
-<p>„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel...<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> vogel... doch...
-erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein...
-Herr... Lep...“</p>
-
-<p>Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und
-streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’...
-ist... er...“</p>
-
-<p>„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem
-Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen
-dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß,
-als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“</p>
-
-<p>Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein
-Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale
-Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den
-Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern
-rann, sagte er mit zagender leiser Stimme:</p>
-
-<p>„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte,
-holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es
-ist ohnmächtig.“</p>
-
-<p>Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der
-Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> geborgen hielt, heraus,
-schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie
-lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“</p>
-
-<p>Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und
-hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß
-und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende.</p>
-
-<p>„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht
-hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle
-Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den
-Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke
-mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein,
-denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm
-her und flüsterte:</p>
-
-<p>„Du Lepold!“</p>
-
-<p>„Was willst, Lenerl?“</p>
-
-<p>„Muß die Hanni sterben?“</p>
-
-<p>„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte.</p>
-
-<p>„Muß sie?“</p>
-
-<p>„Warum frag’st?!“</p>
-
-<p>„Weil’s meine beste Freundin ist.<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und
-schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz
-vor dem Unglück.“</p>
-
-<p>„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein
-neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen
-schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und
-über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße
-Wachskerzen in die Hand &mdash; und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als
-Allererste!“</p>
-
-<p>„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten
-immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so
-angeschaut?</p>
-
-<p>„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen.
-Wann wird sie denn sterben?“</p>
-
-<p>Sterben! &mdash; ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat,
-daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die
-Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm.</p>
-
-<p>„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu
-ihm hinauf.</p>
-
-<p>„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als
-ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu
-ihm empor, ließ den<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht
-langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt...
-und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube
-ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm
-des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend:</p>
-
-<p>„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und
-die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht
-hinein.“</p>
-
-<p>Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden
-Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken
-ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in
-der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“</p>
-
-<p>„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich
-kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber
-zusammenplärren!“</p>
-
-<p>Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte
-theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder
-die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all
-der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem
-hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit
-er Vormittag heim<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>gekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig
-stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe.
-Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe,
-die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und
-empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter,
-anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke
-in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit
-er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm
-gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner
-war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von
-dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese,
-hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“</p>
-
-<p>Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt
-er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß
-die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas,
-die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte
-der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären.
-Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> ein
-Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen,
-wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf.
-Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine
-Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach
-neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus
-der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte
-nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den
-Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen.
-Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die
-ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor
-Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und
-sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang:</p>
-
-<p>„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“</p>
-
-<p>Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten
-in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die
-regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank
-die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden
-wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen
-in den hohen<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf
-ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger
-so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder
-mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold
-ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles,
-was geschehen war, als er heimkehrte...</p>
-
-<p class="s4 center mtop1 mbot1">.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.&ensp;.</p>
-
-<p>Die Lene schlief.</p>
-
-<div class="figcenter no-break-before">
- <a id="ende" name="ende">
- <img class="w8em mtop3 mbot2" src="images/ende.jpg"
- alt="Verzierung Ende" /></a>
-</div>
-
-<p class="s5 center padtop3">Rammingsche Buchdruckerei in Dresden,
-gr. Kirchgasse 6.</p>
-
-<div class="chapter padtop3">
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s5 center"><b>Dresden.</b></p>
-
-<p class="s5 center">Rammingsche Buchdruckerei</p>
-
-<p class="s6 center">(gr. Kirchgasse 6).</p>
-
-<hr class="r10" />
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Unsere Nachbarn, by Ada Christen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSERE NACHBARN ***
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